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  • MOBILITÄT golem: Grüne wollen Elektroautos mit 6.000 Euro fördern: Dass die Grünen sich für das Klima aussprechen ist nichts Neues. Doch jetzt wollen sie umweltbewusste Autofahrer zusätzlich unterstützen und jedes Auto mit emissionsfreiem Antrieb mit 6.000 Euro unterstützen. Diese Begünstigung läuft nach einem Bericht des Spiegels solange, bis eine Millionen solcher Autos auf den Straßen fahren. Doch trotz dieses großzügigen Angebotes scheint der Plan nicht wirklich zu funktionieren. Die Zahlen des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle zeigen nämlich seit Beginn des Programmes, dass nur 2000 Anträge auf einen zukünftigen Kauf gestellt wurden. Doch Özdemir stellt klar, dass er hinter diesem Projekt stehe, denn er machte in einem Interview deutlich, er werde nur mit einer Partei in Koalition gehen, die mit seinen Punkten zum Thema Elektromobilität übereinstimmen.

  • GELDANLAGE heise: Angst vorm Digitalen: Deutsche zögern bei Geldanlage im Netz: Das Digitale ist ein fester Bestandteil in unserer Gesellschaft geworden und wird von der deutschen Bevölkerung fleißig genutzt. Nicht aber wenn es um das Anlegen von Geld geht, denn da traut man dem Netz noch nicht über den Weg. Bankgeschäfte abzuwickeln oder aber bargeldlos Bezahlen, ist in Deutschland noch nicht angekommen. Haben Unternehmen wie Vaamo, Easyfolio, Ginmon oder Liqid, die damit werben eine Alternative zur klassischen Bankberatung zu sein, überhaupt eine Chance? Zurzeit sieht es noch nicht so aus, fest steht jedoch, dass sich die Deutschen als fleißige Sparer erweisen. Das hat sich das Hamburger Fintech Deposit Solutions zu Nutzen gemacht und bietet eine revolutionäre Methode an, mit der ihre Kunden trotzdem weiterhin sicher mit Festzins sparen können.

  • GAMESCOM horizont: Gamescom endet mit Besucherrekord: Nach fünf Tagen ist die Gamescom, die größte Messe für Computer- und Videospiele, jetzt vorbei und kann mit einer Rekord-Summe von über 350.000 Besuchern aus 106 Länder abschließen. Doch auch harte Kritik musste die Branche dieses Mal einstecken, denn die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, warf der Branche vor zu wenig gegen die Suchtgefahr vorzunehmen. Mortler hatte schon letztes Jahr auf dieses Problem aufmerksam gemacht, doch sei ihrer Meinung nach nicht genügend darauf eingegangen worden sein. Dass sie damit nicht übertreibt, zeigt eine Studie der DAK-Gesundheit von 2016, nach der jeder zwölfte männliche Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 25 Jahren von Spielsucht geplagt ist. Ein Thema mit dem sich in der Zukunft neben den Chancen, die die Digitalisierung bringt, auch auseinandergesetzt werden muss. 

  • UBER gruenderszene: Expedia-CEO soll neuer Chef bei Uber werden: Nach endlosen Skandalen gibt es jetzt anscheinend einen neuen Chef für Uber. Der Nachfolger dem Firmengründer Travis Kalanick soll Doro Khosrowshahi sein. Der 48-Jährige ist der erfolgreiche Chef von Expedia, die Reiseseite die bereits 2005 gegründet wurde. Er war zwar nicht die erste Wahl, soll jedoch den Schaden der letzten Monate wieder in Ordnung bringen. Eine offizielle Bestätigung des neuen Chefs soll heute öffentlich gemacht werden.

  • INSTAGRAM t3n: Die 5 größten Fehler deutscher Politiker auf Instagram: Wenn Politiker social media nutzen wollen, funktioniert das nicht immer so perfekt. Die fünf größten Fehler, die dabei auftreten, werden hier zusammengefasst. Ein Fehler ist es, wenn Politiker gar nicht erst versuchen auf Instagram und Co. tätig zu sein, denn somit verpassen sie die Chance ihre Interessen auch den jüngeren Wählern näher zu bringen. Die fehlende Authentizität ist auch so eine Sache. Gestelltes Lächeln, gefakter Handschlag, all das wird den Politkern in ihrer Karriere eingeimpft, auf Instagram bringt ihnen diese Ausbildung jedoch gar nichts. Auch die Anstrengung den richtigen Ton zu treffen nervt viele Jugendliche und schreckt die potenziellen Wähler ab. Es zeigt sich also immer wieder, die Zeiten ändern sich und nicht jedem fällt das so leicht.

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Der coole Kanal: Youtuber als Wahlhelfer

YouTuber (adapted) (Image by StockSnap) (CC0 Public Domain) via Pixabay

Bei der Bundestagswahl 2017 spielt YouTube als Plattform für die Kommunikation mit jüngeren Zielgruppen eine besondere Rolle. Auch Kanzlerin Merkel macht mit.

Bereits bei der Wahl von Frank-Walter Steinmeier zum neuen Bundespräsidenten wurde die gestiegene Bedeutung von Youtubern für die Politik sichtbar. In die Bundesversammlung, die das deutsche Staatsoberhaupt wählt, entsenden die Landesparlamente neben Berufspolitikern gerne auch Prominente, die Mitglied einer Partei sind oder ihr nahe stehen. Nach Kulturschaffenden, Stars aus Film und Fernsehen sowie Sportlern hat sich 2017 eine neue Klientel für die Mitarbeit in diesem Verfassungsorgan qualifiziert. Dafür verantwortlich ist nicht nur die Piratenpartei, in deren Fraktion gleich zwei Youtuber mit politischem Profil vertreten waren: Rayk Anders und Tilo Jung. Auch Julien Bam, einer der populärsten deutschen Youtuber, war auf Betreiben der damaligen Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen zum Mitglied der Bundesversammlung gewählt worden. Wobei Hannelore Kraft (SPD) sich selbst schon an einem Video-Blog über ihre Arbeit als Regierungschefin versucht hat. Ihr Oeuvre ist aber nach der Löschung des Profils bei der Video-Plattform nicht mehr verfügbar.

Die neuen Meinungsmacher

Nachdem die Bundeskanzlerin 2015 unter dem Titel “#NetzFragtMerkel” LeFloid im Kanzleramt eine Audienz für ein halbstündiges Interview gewährt hat, wird es im Wahljahr nun eine Nummer größer. Angela Merkel (CDU) trifft am 16. August im YouTube Space Berlin in einem einstündigen Livestream nacheinander auf vier Fragesteller, die unterschiedliche Facetten repräsentieren. Mirko Drotschmann behandelt als MrWissen2go „Allgemeinwissen zu aktuellen und historischen Themen.

Dazu gehört auch die aktuelle Bundestagswahl, zu der er bereits einige Erklär-Clips produziert hat. Lisa Sophie liefert in ihrem Kanal “ItsColeslaw” eher Persönliches aus der Perspektive einer jungen Frau. AlexiBexi präsentiert ein Potpourri vom Technik-Test bis zur Comedy. Und schließlich Ischtar Isik, die laut Pressemitteilungmit gerade einmal 21 Jahren eine der erfolgreichsten deutschen Social-Media-Expertinnen im Bereich Fashion, Beauty und Lifestyle” ist. Formuliert hat diese Einschätzung das Studio71, das das Event produziert und redaktionell betreut. Das Tochterunternehmen der ProSiebenSat.1 Media SE vermarktet zahlreiche Youtuber international insbesondere im Rahmen kommerzieller Kampagnen des Influencer-Marketings.

Das gesamte Setting der Veranstaltung reflektiert einerseits die Kritik an der eher harmlosen Aufzeichnung von LeFloid und entspricht andererseits in etwa dem, was das Weiße Haus unter Obama etabliert hat. Beim US-Präsident war das Format allerdings klar als Regierungskommunikation im Anschluss an seine jährliche Rede zur Lage der Nation ausgerichtet. Hier wie da fungieren die Youtuber als Katalysatoren und Multiplikatoren, die sich im Vorfeld der Veranstaltung mit der durch die Abonnenten ihrer Kanäle konstituierten Community über relevante Themen austauschen und unter dem Hashtag #DeineWahl auch deren Fragen erheben.

So sollen Zielgruppen erreicht werden, die nicht mehr dort anzutreffen sind, wo sie einst Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) vermutet hat, als er die Parole ausgab: „Zum Regieren brauche ich nur BILD, BamS und Glotze.“

Nun hat allerdings gerade die heiße Phase des Wahlkampfs begonnen, und da würde ein Interview ausschließlich mit der Amtsinhaberin ihr doch Vorteile verschaffen. Sei es durch die exklusive Ansprache des Publikums der Youtuber oder dadurch, dass sie ihr Image damit aufpolieren kann, dass über das Event eben bei “BILD, BamS und Glotze” berichtet wird. Die Verantwortlichen scheinen sich dieser Problematik bewusst zu sein und stellen weitere Events dieser Art mit Politikern anderer Parteien in Aussicht.

TV-Duelle und Wahlabend bei YouTube

Unabhängig davon werden am 17. September rund 15 Youtuber in einem mehrstündigen „Community Live Stream“ mit ihren Fans zum Thema “Wahlen” in Dialog treten. Und auch die TV-Duelle am 4. und 5. September werden bei YouTube im Livestream zu sehen sein. Schließlich produziert Studio71 am Abend der Bundestagswahl für das öffentlich-rechtliche Online-Outlet funk.net unter dem Titel “Wahlgemeinschaft” eine mehrstündige Show: “Mehrere Moderatoren (…) führen durch den Abend und begrüßen prominente Youtuberinnen und Youtuber sowie aufstrebende Nachwuchs-Politikerinnen und -Politiker zum Talk. Das Format soll politische Inhalte für 14- bis 29-Jährige interessant aufbereiten, Informationen zum Wahlausgang vermitteln und natürlich unterhalten. Neben den Talks sind Auftritte von Musikerinnen und Musikern und spannende Live-Showelemente geplant.

Challenge und Comedy als politische Bildung

Auch die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) bedient sich der Influencer und platziert eine zehnteilige ‚YouTube-Reihe zur Sensibilisierung für demokratische Wahl- und Entscheidungsprozesse‘: „Das Angebot ‚#erstewahl2017‚ richtet sich primär an Menschen, die zu ihrer Informations- und Meinungsbildung über gesellschaftliche und politische Zusammenhänge primär Ressourcen der Sozialen Netzwerk-Dienstleister und des Social Web nutzen.”. Dabei wird das Format der “Challenge” genutzt. In der Pilotfolge von Fitness-Vloggerin Sofia Martinez werden verschiedene Optionen vorgestellt. Die Zuschauer können abstimmen, welcher Herausforderung sie sich stellen muss. Es geht also um die Konsequenzen von Abstimmungen. Weitere Beiträge zu diesen und ähnlichen Aspekten des Wählens liefern Alycia Marie, Moritz Garth, Malternativ, Salomé Sylvana und Silvi Carlsson.

Ab dem 11. September 2017 beschäftigt sich dann das Comedy-Duo Space Frogs in ihrer „Space Cabin“ im Auftrag der BpB mit unterschiedlichen Themen der Wahl. “In fünf Folgen, die täglich vom 11.-15. September 2017 auf ihrem YouTube-Kanal ‘Space Radio’ erscheinen, fragen sie etwa: Wie funktioniert die Bundestagswahl überhaupt? Welchen Stellenwert nehmen Bildung oder Digitalisierung in den Programmen der Parteien ein? Und welche Gestaltungsideen haben die Parteien für die Zukunft der Rente oder Europas?

Abseits solcher koordinierten Aktivitäten wird Tilo Jung zur Bundestagswahl wieder mit exponierten Vertretern von Parteien in seinem bekannten “Jung & Naiv”-Format reden. Pointiert setzt er dabei einen Kontrapunkt zum Kanzlerinnen-Interview indem er mit dem Spitzenkandidaten der AfD, Alexander Gauland, gestartet ist. Und dem “Alex” fast zwei Stunden lang “naive” Fragen stellt.


Image (adapted) „YouTube“ by StockSnap (CC0 Public Domain)


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1Password und die Risiken der Cloud

Cloud (adapted) (image by rawpixel [CC0] via pixabay)

Der insbesondere bei Apple-Nutzerinnen und -Nutzern populäre Passwort-Manager 1Password speicherte die abgelegten Passwörter bislang lokal auf dem Gerät. Nun wurde auf eine Cloud-basierte Speicherung umgestellt. In der IT-Sicherheits-Community sorgt das für Kritik: eine Speicherung in der Cloud wird als weniger sicher angesehen, da Nutzerinnen und Nutzer nicht kontrollieren können, was mit ihren Daten geschieht. Auch die unterschiedliche Gesetzeslage in verschiedenen Ländern könnte ein Problem darstellen.

1Password-Nutzer werden zum Umstieg gedrängt

Der Passwort-Manager 1Password ist äußerst beliebt. Insbesondere die Apple-Nutzergemeinde schätzt das Produkt für Mac OS X und iOS. Aber auch auf Windows und Android kommt 1Password zum Einsatz und erfreut sich einiger Beliebtheit. Vor Kurzem trafen die Entwickler vom Unternehmen Agile Bits allerdings eine kontroverse Entscheidung: Sie begannen, die Speicherung der archivierten Passwörter vom lokalen Gerät in die Cloud zu verlagern. Nutzerinnen und Nutzer wurden gedrängt, auf die neue Variante – bei der der Cloud-Speicher im Abo-System bezahlt wird – umzusteigen. Die alte Einzelplatz-Version existiert zwar noch, wird aber nicht mehr beworben und ist schwierig zu bekommen. So sollen Kunden zum Umstieg gedrängt werden.

Gefahr für sensible Daten in der Cloud

In der IT-Sicherheits-Gemeinde sorgt die Entscheidung von Agile Bits für Kritik. Diese beruht vor allem darauf, dass im Falle einer Cloud-Speicherung die Absicherung der Daten nicht mehr in den Händen der Benutzerin oder des Benutzers liegt. Werden die Passwörter auf dem eigenen PC, Laptop oder Smartphone gespeichert, kann die Besitzerin oder der Besitzer selbst für deren Absicherung sorgen. Bei entsprechend sicherheitsbewussten Nutzerinnen und Nutzern könnte dies beispielsweise durch eine Verschlüsselung des Benutzer-Verzeichnisses geschehen. Werden die Daten dagegen in der Cloud abgelegt, müssen sich die Nutzerinnen und Nutzer auf die Verschlüsselung des Anbieters verlassen. Weist diese einen Fehler auf, sind die Daten nur unzureichend geschützt, ohne dass die Nutzerinnen und Nutzer daran etwas ändern können. Durch die zentralisierte und über das Netzwerk aufrufbare Speicherung der Daten werden diese zudem zu einem attraktiven Ziel für Online-Kriminelle. Angreiferinnen und Angreifer können hier mit einem einzigen Coup hunderttausende von Benutzerkonten samt Passwörtern erbeuten – und haben das in der Vergangenheit bei 1Passwords Konkurrenten auch schon getan. So wurde beispielsweise der Dienst Lastpass schon Opfer eines derartigen Angriffs.

Ein weiteres Problem ist die je nach Land unterschiedliche Gesetzeslage. Agile Bits ist ein kanadisches Unternehmen und somit weniger von – oftmals fragwürdigen – behördlichen Zugriffen betroffen als Unternehmen mit Firmensitz in den USA. Dennoch ist es beispielsweise für deutsche Nutzerinnen und Nutzer wahrscheinlich besser, sich auf die vergleichsweise strengen deutschen Datenschutz-Gesetze berufen zu können. Werden die Daten auf einem privaten Gerät gespeichert, ist das der Fall. Bei einer Speicherung in der Cloud ist oftmals entweder der Firmensitz oder der Server-Standort, nicht der Wohnort oder die Staatsangehörigkeit der Nutzerin oder des Nutzers, relevant. So sind die sensiblen Daten womöglich nicht nur technisch, sondern auch juristisch in der Cloud schwächer geschützt.

Im Sinne der Kundinnen und Kunden

Mit seiner Entscheidung, die Datenspeicherung in der Cloud zu forcieren, hat Agile Bits keine Entscheidung im Sinne seiner Kundinnen und Kunden getroffen. Mögliche Vorteile beim Komfort und der Sicherheit der Daten vor versehentlichem Verlust werden mehr als aufgewogen durch mögliche schwere Einbußen bei Privatsphäre und Datensicherheit. Es bleibt zu hoffen, dass das Unternehmen diese Tatsache angesichts der öffentlichen Kritik einsieht und die Wahl seinen Kundinnen und Kunden überlässt.


Image (adapted) „Cloud“ by rawpixel (CC0 Public Domain)


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  • STAATSTROJANER netzpolitik: Staatstrojaner: Kritik des Bundesrates an der weitgehenden Erlaubnis zum staatlichen Hacken: Das erst kürzlich verabschiedete Staatstrojaner-Gesetz steht wieder in harter Kritik. Grund dafür sind zum einen die Beschneidung der Grundrechte, zum anderen die Risiken für die IT-Sicherheit, sollte ein staatliches Hacken legalisiert werden. Denn die Spähsoftware könnte Schwachstellen, die bei einer solchen Installation nötig sind, auch von Kriminellen genutzt werden könnte. Da der Bundesrat an der Gesetzgebung nicht beteiligt war und im Sinne der Verbraucher sprechen konnte, wird jetzt um einen Vermittlungsausschuss gebeten, um das Gesetz erneut zu überprüfen. Ein Hindernis bei dieser erneuten Revision könnte jedoch der Rechtsausschuss sein, da dieser im Vergleich zu dem Verbraucherausschuss keine Notwendigkeit für einen zusätzlichen Ausschuss sieht.

  • DATENLECK golem: Datenleck bei der Deutschen Post: Die Deutsche Post hat bei der Sicherheit eines ihrer betriebenen Portale deutliche Sicherheitslücken. Das Umzugsportal „umziehen.de“ bietet einen Service an, dass man mittels einer Umzugsmitteilung Banken und Versicherungen automatisch informieren kann. Aufgrund eines Fehlers auf Seiten der Deutschen Post waren die Adressdaten von etwa 200.000 Kunden frei im Internet abrufbar.Die Deutsche Post meldete, dass die durch ein Sicherheitsupdate erstellte Kopie aufgrund „menschlichen Versagens nicht gelöscht wurde“. Für den Zugriff auf die Datenbanken war kein Expertenwissen zugänglich, man musste nur den Dateinamen der Datenbank kennen, der standartmäßig für Datenbankdateiendieses Typs identisch ist.

  • ALGORITHMEN t3n: Algorithmen kontrollieren: Heiko Maas möchte Daten in „gut” und „böse” teilen: Justizminister Heiko Maas fordert eine staatliche Agentur, die ein digitales Antidsikriminierungsgesetz und Transparenz für Algorithmen zur Aufgabe haben soll. Nach der Umsetzung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes könnte die staatliche Unterwerfung von Algorithmen weiterreichende Folgen haben. Nun wird kritisiert, dass es keine Diskriminierung durch Algorithmen gebe, nur Menschen tun es. Hate Speach entsteht nur da, wo Menschen auf andere Menschen treffen. Derzeit gibt es laut Algorithm Watch keine belastbare Studie, die belegt, dass Google über das Ranking von Suchergebnissen die öffentliche Meinung aktiv beeinflusst. Mit der Kontrolle von Algorithmen lässt sich da nicht viel tun, allenfalls mit tiefen Einschnitten in die Meinungsfreiheit.

  • MACHT sueddeutsche: Software frisst die Welt: Viele Anteile unseres Lebens warden immer mehr von Software und Geräten beeinflusst. Große Konzerne wie Google, Apple und Facebook sind schon lange nicht mehr nur Internetkonzerne, sondern auch Autobauer für autonome Fahrzeuge und Städteplaner für Smarte Städte und strecken dadurch die Grenzen des Machbaren. Der Staat gibt so einige Entscheidungen aus der Hand, kritisieren manche. Die Spielregeln für das World Wide Web schreibt heute weitestgehend eine kleine Programmiererelite im Silicon Valley. Die Frage ist, ob der demokratische Rechtsstaat diese zunehmende Machtverschiebung hinnehmen kann oder ob er seine Instrumente „updaten“ muss.

  • AUTONOMES FAHREN t3n: Volvo in Australien: Bewegungsmuster von Kängurus überfordern selbstfahrende Autos: Der Skandinavische Autohersteller Volvo testet seine Autonomen Fahrzeuge momentan in Australien. Bis jetzt konnten die Fahrzeuge den so genannten „Elchtest“ problemlos absolvieren, stellten in Australien jedoch ein anderes Problem fest. Das Nationaltier des Kontinents, das Känguru, überfordert den Tiererkennungs-Algorithmus des Autos. Volvos Technik-Manager in Australien: „Wenn die Tiere in der Luft sind, sieht es aus, als seien sie weiter entfernt, wenn sie am Boden aufkommen, erscheinen sie dagegen näher.”

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Ransomware: Neue Epidemie, alte Probleme

Computer Sicherheit Vorhängeschloss (adapted) (Image by TheDigitalWay [CC0 Public Domain], via pixabay)

Eine neue Ransomware-Attacke legte in Europa zahlreiche Rechner lahm. Das Gefährliche an dieser Schadsoftware ist, dass sie auch moderne Windows-Versionen, namentlich Windows 7, 8 und 10, befällt, unter bestimmten Umständen sogar, wenn diese auf dem aktuellen Update-Stand sind. Dadurch wurden zahlreiche kritische Infrastrukturen lahmgelegt. Der Vorfall zeigt, dass viele auf die IT-Sicherheit bezogenen Kritikpunkte der Vergangenheit – von mangelhafter Absicherung kritischer Systeme bis zum verantwortungslosen Umgang von Sicherheitsbehörden mit Schadsoftware – nach wie vor aktuell sind.

Ransomware legt europäische Computer lahm

Der großflächige Angriff erfolgte durch sogenannte „Ransomware“. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie wichtige Daten auf dem Rechner unzugänglich macht und erst gegen Zahlung eines Geldbetrags wieder freigibt.

Nach Ansicht der meisten IT-Sicherheitsfachleute handelt es sich bei der Ransomware um eine neue Variante der bereits zuvor aufgetauchten Ransomware „Petya“. Das Unternehmen Kaspersky Labs allerdings vermutet dagegen, dass es sich um einen komplett neuen Computerschädling handelt. Fest steht, dass der Schädling sich selbständig weiterverbreitet, also nicht von den Angreifern aktiv auf den Zielsystemen aufgespielt oder – beispielsweise per E-Mail-Anhang – manuell weiterverbreitet werden muss. Zur Verbreitung nutzt die Schadsoftware – wie schon der Vorgänger „WannaCry“, der ebenfalls zahlreiche, teils kritische Systeme lahmlegte – den sogenannten „Eternal Blue“-Exploit. Dieser wurde von der NSA – wohl zwecks Infiltration der Systeme Verdächtiger – dokumentiert und von der Hackergruppe „Shadow Brokers“ veröffentlicht.

Die Schadsoftware legte Ende Juni Tausende von Systemen in ganz Europa lahm. Darunter waren auch kritische Infrastrukturen (etwa einige ukrainische Stromversorger) und eine Reihe namhafter Unternehmen.

Einige verzweifelte Betroffene überwiesen tatsächlich Geld an die Erpresser. Schätzungen zufolge wurden insgesamt zwischen 4.000 und 7.000 US-Dollar gezahlt. Allerdings nahm der deutsche Provider Posteo die verwendete E-Mail-Adresse zügig vom Netz, so dass entsprechende Schreiben die IT-Kriminellen nicht mehr erreichten.

Auch gepatchte Systeme betroffen

Gefährlich an der neuen Ransomware ist, dass sie (unter bestimmten Bedingungen) auch Systeme befallen kann, die sich in Bezug auf Updates auf dem aktuellen Stand befinden. Sind bestimmte Windows-Systemdienste aktiv, können auch diese als Einfallstor genutzt werden. Zudem greift die neue Schadsoftware – anders als „WannaCry“ – nicht nur veraltete Windows-Versionen wie XP und ältere Server-Versionen an, sondern kann auch Windows 8 und 10 infizieren.

Backups schützen

Die aktuelle Ransomware-Epidemie nimmt kein Ende, sondern scheint eher schlimmer zu werden. Es ist deshalb von größter Bedeutung, von kritischen Daten regelmäßig Backups anzufertigen und diese vom Computer getrennt sicher aufzubewahren. So sind sie nicht nur vor Ransomware, sondern auch beispielsweise vor einem Diebstahl oder Defekt der Hardware geschützt.

Selbst im Unternehmens-Umfeld werden Backups teilweise gar nicht, unzuverlässig oder zu selten angefertigt. Vielen Privatpersonen ist die Notwendigkeit einer Datensicherung kaum bis gar nicht bewusst. Hier ist dringend Aufklärungsarbeit und die Entwicklung einer sinnvollen Datensicherungsstrategie nötig.

Kritische Infrastrukturen: Nach wie vor schlecht abgesichert

Unter den betroffenen Systemen waren auch sogenannte kritische Infrastrukturen. Wieder einmal wird dadurch deutlich, dass viele dieser Systeme nach wie vor unzureichend abgesichert sind. So sollte beispielsweise in bessere Firewalls investiert werden. Anfällige Windows-Netzwerkdienste sollten nicht aktiviert sein. Und unter Umständen wäre es eine sinnvolle Idee, für derartige Infrastrukturen über die Nutzung eines anderen Betriebssystems als Microsoft Windows – das, aus den verschiedensten Gründen, mit Abstand am häufigsten von Schadsoftware befallen wird – nachzudenken.

Vielfach bestehen hier eklatante Lücken. Das ist ein äußerst bedenklicher Zustand, den auch die vielen Weckrufe der letzten Monate anscheinend noch nicht nachhaltig ändern konnten. Es wird hier allerhöchste Zeit für ein sinnvolles Konzept und dessen entschlossene Umsetzung.

Eternal Blue und die Verantwortung der NSA

Der wohl auffälligste Missstand, den diese erneute Ransomware-Epidemie offen legt, ist zweifellos der verantwortungslose Umgang der NSA mit sogenannten Exploits, also ausnutzbaren Software-Schwachstellen. Berichten zufolge soll die „Eternal Blue“-Sicherheitslücke der NSA fünf Jahre lang bekannt gewesen sein, ohne, dass die Behörde sie Microsoft meldete. Damit nahm die NSA die aktuellen Angriffe samt ihrer verheerenden wirtschaftlichen Folgen und sogar der Gefährdung von Menschenleben (etwa durch den Ausfall der IT in mehreren Krankenhäusern) billigend in Kauf. Das ist ein vollkommen untragbarer Zustand, wie auch der NSA-Whistleblower Edward Snowden betont .

Behörden zur Verantwortung ziehen

In der aktuellen Ransomware-Krise sind vor allem die Behörden in der Pflicht. Sie sollten einerseits Mindeststandards für die Absicherung kritischer Infrastrukturen durchsetzen. Vor allem sollten sie aber endlich beginnen, verantwortungsbewusst mit Software-Sicherheitslücken, die sie im Rahmen ihrer Forschung entdecken, umzugehen – und das kann nur heißen, sie unverzüglich den zuständigen Entwicklern zu melden. An den aktuellen Missständen trägt die NSA eine gehörige Mitschuld. Sie muss sich vorwerfen lassen, massive Gefährdungen für die Allgemeinheit in Kauf genommen zu haben, nur um einen Vorteil für (ohnehin zweifelhafte) Ermittlungsmethoden nicht aus der Hand zu geben. Das ist ein absolutes Armutszeugnis und darf in einer Demokratie nicht vorkommen. Unsere Gesellschaft ist in hohem Maße abhängig von Informationstechnik. Dementsprechend wichtig ist es, dass wir alle mit dieser Technik verantwortungsbewusst umgehen. Dazu gehört auch eine effektive Bekämpfung von Sicherheitslücken. Diese aber kann nicht funktionieren, wenn ausgerechnet staatliche Behörden dabei derart kontraproduktiv agieren. Es wird Zeit, dass sich das gründlich ändert.


Image (adapted) „Computer“ by TheDigitalWay (CC0 Public Domain)


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China: Das Reich der Internetzensur

Zensur (adapted) (Image by stevepb [CC0 Public Domain] via pixabay)

Knapp jeder fünfte Internetnutzer auf der Welt sitzt hinter dem weltweit größten und ausgeklügelten System für Netzzensur. Im Internet-Freiheits-Ranking der Nichtregierungsorganisation Freedom House belegt China dank massiver Anstrengungen, bestimmte Inhalte aus der Wahrnehmung der eigenen Bürger zu streichen, weltweit den letzten Platz. Aufgrund Chinas ökonomischer Stärke und dem ausgeprägten politischen Willen, neueste Technik zur Verhinderung von Protesten zu nutzen, ist das chinesische System zum – wie es beschönigt heißt – „sozialen Management“ durchaus bemerkenswert.

Vor allem seit den Aufständen des Arabischen Frühlings, bei denen Social Media durchaus eine wichtige Rolle spielte, ist die chinesische Führung aufgrund der potenziellen Macht digitaler Kanäle besorgt. Hinzu kommt ein schwach ausgeprägtes Bewusstsein für Menschenrechte im Land, sodass die Zensurhürden für das Regime vor allem technischer Natur sind. Schon die Enthüllungen von Edward Snowden zeigten, dass selbst in liberalen Demokratien eine umfassende Überwachung möglich ist – und der öffentliche Aufschrei und die politischen Konsequenzen sich in Grenzen halten.

The Great Firewall of China

Selbst unternehmerische Riesen wie Google kommen nicht gegen die Macht des chinesischen Regimes an, das bereits wenige Monate nach dem Start des Internet im Land mit dem Blockieren von Websites begonnen hat. Schon 1997 prägte das Magazin Wired einen plakativen Begriff für die chinesischen Zensurmaßnahmen im Netz: „The Great Firewall of China“ – in Anlehnung an die bekannteste Sehenswürdigkeit des Landes. Das heutige System existiert in seiner Form jedoch erst seit Anfang der 2000er und setzt sich auch verschiedenen Komponenten zusammen. Die Blockade von unerwünschten Webseiten ist ein Standbein chinesischer Zensurbemühungen: von den 1.000 meistbesuchten Internetseiten der Welt werden laut der Nonprofit-Organisation Greatfire.org 176 in China blockiert. 15 der 18 global operierenden Nachrichtenseiten sind ebenfalls nicht zugänglich.

Dasselbe Bild ergibt sich bei sozialen Netzwerken. Von den 15 Diensten mit der weltweit größten Nutzerbasis werden sieben blockiert – davon profitiert natürlich vor allem die chinesische Internetindustrie. Fünf dieser acht nicht gesperrten Social Media-Anbieter stammen aus China. Prinzipiell hat man in China als Social Media-Anbieter nur zwei Möglichkeiten: sich aus dem aufgrund seiner Größe attraktiven Markt zurückziehen oder im Sinne des Regimes für das Verschwinden unerwünschter Inhalte sorgen.

Allerdings lässt sich die „Great Firewall“, die auch die Blockade bestimmter Ausdrücke wie „Tiananmen“ bzw. „June 4“ (Keyword Blocking) beinhaltet, durchaus mithilfe von VPN-Diensten oder schlicht der Nutzung anderer Ausdrücke für geächtete Begriffe umgehen. In keinem anderen Land der Welt gibt es so viele VPN-Nutzer wie in China. Zwar werden auch diese regelmäßig blockiert, jedoch lässt die chinesische Regierung auch Freiräume zu. Darüber hinaus gibt es für sämtliche amerikanische Social Media-Dienste chinesische Pendants, auf denen die Bürgerinnen und Bürger weitgehend unbeeinflusst von der Blacklist der Behörden kommunizieren können. Der Einfluss der „Great Firewall“ auf die öffentliche Meinungsäußerung ist laut Forschern entsprechend gering. Hierfür hat das chinesische Regime ein deutlich effektiveres System entwickelt.

Kritik zulassen, Proteste verhindern

Interessanterweise fand die Sperrung großer sozialer Netzwerke oft nach aufsehenerregenden Aufständen statt: YouTube im Nachgang der Proteste in Tibet, Facebook und Twitter nach den Unruhen in Xinjiang. Hinter diesem Vorgehen der chinesischen Regierung steckt ein größerer Zusammenhang: denn letztlich dürfte die größte Angst des kommunistischen Regimes darin liegen, dass sich Menschen im Internet organisieren und es dadurch zu Protesten kommt. Die entsprechende Handlungsmaxime: solche „kollektiven Handlungen“ („collective action“, wie es in der Forschung heißt) sollen um jeden Preis verhindert werden. Hierfür hat der Staat ein aufwändiges System der Nachzensur kreiert, das beinahe mit militärischer Präzision funktioniert. Der Großteil der Nachzensur erfolgt innerhalb von nur 24 Stunden, die das Potenzial zu „kollektiven Handlungen“ haben. Vor allem die Betreiber sozialer Netzwerke sind hier in der Pflicht: beim chinesischen Twitter-Pendant Weibo sind laut Berichten 150 Mitarbeiter in Zwölf-Stunden-Schichten für die Zensur verantwortlich.

In einer bahnbrechenden Studie gelang es Forschern der Harvard University vor einigen Jahren den weitverbreiteten Irrglauben zu widerlegen, dass das Zensieren regimekritischer Stimmen das oberste Ziel sei. Gary King, Jennifer Pan und Margarete Roberts fanden mithilfe einer umfangreichen Vorher-Nachher-Analyse chinesischer Social Media-Posts heraus, dass sich die Zensur positiver und negativer Kommentare zum Regime über alle untersuchten Themen hinweg die Waage hält. Bei heiklen Sachverhalten wird im Schnitt gerade mal jeder vierte Post zensiert, über alle Themen hinweg 13 Prozent. Solche Themen allerdings, die potenziell zum Zusammenschluss von Menschen führen könnten, kommen auf eine 60-prozentige Zensurquote – egal ob Pro oder Contra. Vor allem nach bestimmten Ereignissen wie der Verhaftung des Dissidenten Ai Weiwei schießen die Zensurmaßnahmen entsprechend der höheren öffentlichen Aufmerksamkeit in die Höhe. Die Schlussfolgerung: schlecht auszusehen scheint für das Regime nicht schlimm zu sein, solange man kollektives Handeln unterbinden kann.

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Image by King/ Pan/ Roberts (2013), How Censorship in China Allows Criticism but Silences Collective Expression: S. 337

Gezielte Ablenkung

Einen weiteren Beweis dafür, dass das chinesische Regime die Mechanismen des Internet verstanden hat, ist eine erst kürzlich erschienene Studie, ebenfalls durchgeführt vom Harvard-Dreigespann rund um Gary King. Ein weiteres Standbein der Verhinderung kollektiver Handlungen ist das Prinzip der systematischen Ablenkung. Lange wurde die sogenannte „50c-Party“ verdächtigt, gegen Bezahlung (50 Cent pro Post) positive Kommentare über das Regime zu verfassen – dafür gab es jedoch keine Beweise, weshalb vor allem Gerüchte die Berichterstattung dominierten.

Die Harvard-Forscher analysierten vor kurzem einen umfangreichen Leak aus dem Büro für Internetpropaganda, wobei sich zwei Umstände offenbarten. Erstens, die „50c-Party“ existiert und besteht hauptsächlich aus Regierungsmitarbeitern. Zweitens, das Verfassen der geschätzt 448 Millionen Posts jährlich hat nicht das Ziel, gegen skeptische Stimmen zu argumentieren, sondern für Ablenkung zu sorgen. Das einfache Ziel: die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf andere Themen lenken und bloß nicht die Narrative aus der Hand geben. Hier schließt sich auch wieder der Kreis zur Zensur: solche Kommentare häufen sich ebenfalls nach Ereignissen, die Potenzial für „collective action“ haben.

Zuletzt darf man die Wirkung der Selbstzensur nicht unterschätzen. Social Media-Dienste müssen von ihren Nutzern Realnamen und die persönliche ID verlangen, die dann mit den Datenbanken der Behörden abgeglichen werden. Das Verbreiten von Gerüchten wird beispielsweise drakonisch bestraft, Aktivisten werden für ihre Handlungen verhaftet, Webseiten werden von Hackern angegriffen. Solche Maßnahmen führen natürlich dazu, dass Menschen sich auf Social Media-Kanälen eher zurückhalten.


Image (adapted) „Zensur“ by stevepb (CC0 Public Domain)


 

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Fake News: Das geplante Gesetz ist nicht die Lösung

Das Fake-News-Gesetz soll politische Manipulationen und Propaganda, insbesondere im Umfeld der bevorstehenden Bundestagswahl, sanktionieren und somit hoffentlich unterbinden. Allerdings birgt ein solches Gesetz auch Nachteile und Risiken. Kritiker, unter anderem der IT-Branchenverband Bitkom, befürchten eine gefährliche Verschiebung von Machtverhältnissen und auch ganz praktische Probleme bei der Umsetzung. Die Kritik ist berechtigt. Das durch das Fake-News-Gesetz adressierte Problem ist real, aber das Gesetz ist keine taugliche Lösung.

Fake News: ein reales Problem

„Fake News“ – also unwahre, meist in propagandistischer oder zumindest manipulativer Absicht veröffentlichte Nachrichten – sind derzeit in aller Munde. Der aktuelle Hype ist in gewisser Hinsicht übertrieben, das zugrunde liegende Problem jedoch ist real.

Das Internet erlaubt es allen seinen Nutzerinnen und Nutzern, Informationen und Meinungen zu veröffentlichen, auf Wunsch sogar anonym. Das hat viele Vorteile. Es wirkt demokratisierend, untergräbt alte, häufig schädliche Hierarchien und erschwert Zensur. Allerdings ist der Nachteil, dass sich häufig auch die Fachkompetenz des Urhebers oder der Urheberin einer Meldung schwer prüfen lässt. Auch ob diese Person womöglich Hintergedanken bei der Veröffentlichung hat, ist im Internet noch schwerer nachvollziehbar als in der physischen Welt oder bei traditionellen Medien. Viele Menschen mit eher fragwürdigen Meldungen und Ansichten, vom harmlosen Spinner über Scherzbolde mit geschmacklosem Humor bis hin zu verblendeten Ideologen und staatlichen Akteuren, insbesondere beim Geheimdienst, nutzen dies nach Kräften aus. Lügen, Propaganda und Verschwörungstheorien füllen das Internet. Für Laien ist es häufig schwierig, festzustellen, ob es sich bei einer Nachricht um Fake News handelt, oder nicht.

Ein Gesetz soll helfen

Um dieser Problematik Herr zu werden, wird derzeit ein Gesetz diskutiert, das das absichtliche Verbreiten von Fake News unter Strafe stellen soll. Zudem wären Plattform-Betreiber in der Pflicht, entsprechende Inhalte von ihren Diensten fernzuhalten. Entfernen sie nachweislich falsche Meldungen nicht rechtzeitig, würden empfindliche Bußgelder drohen. Unter anderem gilt Bundesjustizminister Heiko Maas als großer Verfechter eines solchen Gesetzes, nachdem er längere Zeit vergeblich versuchte, insbesondere Facebook auf anderem Wege zur Löschung problematischer Inhalte zu bewegen. Unter anderem im Umfeld der nächsten Bundestagswahl, die im Herbst 2017 stattfinden soll, fürchtet die Regierung Manipulationen durch Fake News.

Das Zensurmonster im Sozialen Netzwerk

Das geplante Gesetz allerdings ist – bei aller Besorgnis über die grundsätzliche Problematik – der falsche Weg, um der Flut an irreführenden Meldungen Herr zu werden. Es verschiebt Machtverhältnisse und Deutungshoheiten wieder gänzlich in Richtung offizieller Stellen oder großer Infrastruktur-Betreiber. Das dient nicht in erster Linie der Wahrheit, sondern eher dem Aufrechterhalten von Machtstrukturen.

Berechtigte Kritik übt unter anderem der IT-Branchenverband Bitkom in seiner aktuellen Presseerklärung zum geplanten Fake-News-Gesetz. Bitkom erklärt, man verstehe zwar die Problematik, dass Menschen mit Hilfe von Fake News manipuliert würden, allerdings dürfe es „nicht Aufgabe der Plattformbetreiber werden, über richtig oder falsch [und] wahr oder unwahr zu entscheiden“. Die von den Befürwortern geforderte Rechtsschutzstelle der Provider, die über Nutzer-Beschwerden entscheiden und die Löschung problematischer Inhalte veranlassen soll, bezeichnet Bitkom als „Zensurmonster“.

Hassbotschaften und Diffamierungen, so Bitkom weiter, seien bereits strafbar. Dafür reiche die aktuelle Rechtslage aus. Auch ihre Löschung von Online-Plattformen sei möglich. Falschmeldungen seien hiervon streng zu unterscheiden.

Bitkom schlägt vor, dass Nutzer, die eine Falschmeldung entdecken, diese stattdessen durch eine eigene Nachricht mit entsprechenden Quellen widerlegen. Das ist ein zweifellos aufwändiger, aber dafür ungleich demokratischerer Weg. Zudem soll es auf einigen Plattformen demnächst die Möglichkeit geben, Fake News zu melden und so dafür zu sorgen, dass sie als weniger vertrauenswürdig gekennzeichnet werden.

Neben den ethischen Bedenken sieht Bitkom bei dem diskutierten Gesetz auch ganz praktische. „Die geplante Rechtsschutzstelle wäre im Übrigen auch bei bestem Bemühen zum Scheitern verurteilt. Selbst Gerichte scheitern regelmäßig an der Aufgabe, zuverlässig und nachvollziehbar über den Wahrheitsgehalt von Aussagen zu entscheiden. Wie soll dies einer von Unternehmen betriebenen Rechtsschutzstelle gelingen, die weder über die forensischen Mittel der Sicherheitsbehörden noch über die notwendigen Auskunftsrechte und sonstigen Möglichkeiten von Behörden verfügt?“, fragt der IT-Branchenverband nicht zu unrecht. Es wäre nicht das erste Mal, dass unsere Regierung eine Maßnahme plant, deren technische und praktische Umsetzung alles andere als durchdacht ist.

Letztendlich, so das Fazit der IT-Experten, „ist es aber jedem Nutzer selbst überlassen, Meldungen auf Basis der verfügbaren Informationen hinsichtlich ihres Wahrheitsgehalts einzuschätzen und zu bewerten“. Sie fordern, dass die Regierung dafür sorgt, den Menschen besseres Handwerkszeug für den kritischen Umgang mit Quellen an die Hand zu geben. „Dazu werden die Plattform-Betreiber ihren Beitrag leisten, aber gefragt sind hier vor allem die Schulen, Volkshochschulen oder Institutionen wie die Bundeszentrale für politische Bildung. Nur so bringen wir diese Kompetenzen in die Fläche.“ Auch Freiwillige könnten womöglich – wie es etwa beim Thema Datenschutz und Verschlüsselung schon geschehen ist und weiterhin geschieht – einen wertvollen Beitrag zur Aufklärung der Bevölkerung leisten.

Diskussion und Aufklärung statt Zensur

Das geplante Fake-News-Gesetz ist gefährlich und fehlgeleitet. Lügen, Propaganda und Manipulation sind ein echtes und ernstzunehmendes Problem im Internet. Sie aber mit einer Zensur-Infrastruktur zu bekämpfen, ist eine für unsere Politiker typische Überreaktion, die mehr schadet als sie nützt.

Der Weg einer flächendeckenden Aufklärung und eines Bemühens um informierte Diskussionen und Dialoge ist zwar zweifellos ein langwierigerer und umständlicherer als einfach ein Gesetz zu erlassen und als Allheilmittel zu deklarieren – er ist aber der einzig gangbare Weg, wenn wir gleichzeitig die Meinungsfreiheit und den offenen Dialog im Internet erhalten wollen. Deswegen sind wir alle in der Pflicht, eine solche Zukunft möglich zu machen und gleichzeitig die fehlgeleiteten Gesetzgebungs-Exzesse der Politiker zu bekämpfen. Fake News sind zweifellos gefährlich – sie aber als Ausrede für Zensur zu instrumentalisieren, ist auf lange Sicht ungleich gefährlicher.


Image „magnifying-glass“ by geralt (CC0 Public Domain)


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Wieso die Kultur untergeht, wenn Günther sein Käsebrot fotografiert

smartphone-image-by-monikap-cc0-public-domain-via-pixabay

Googlen macht blöd, Smartphones machen unsozial und überhaupt, das wird sich nicht durchsetzen, dieses Internet: Als Teil der sogenannten ‚Netzgeneration‘ musste sich unsereins, der immer öfter auch im Netz Arbeit findet, Freunde trifft oder wiederfindet und seinen Alltag organisiert, in den vergangenen 15 Jahren schon so einiges anhören.

Mittlerweile ist in jedem größeren Medium, sei es nun von Print- oder Onlinejournalisten verfasst, eine Replik auf die Unzulänglichkeiten der Netzgeneration zu lesen: Wir unterhalten uns nicht mehr tiefgehend, sondern werfen mit WhatsApp-Emojis um uns, niemand trifft mehr wirkliche Entscheidungen, denn man kann sowieso alles zurückschicken und auch soziale Verpflichtungen wie Dates in Zeiten von Tinder nur unverbindlich eingehen. Been there, done that.

Als die Netzpiloten eine Rezensionsanfrage zu „Günther hat sein Käsebrot fotografiert. 342 Freunden gefällt das. Über den sozialen Niedergang durch Smartphones und die Digitalkultur“ von Andreas Hock, dem ehemaligen Chefredakteur der Nürnberger Abendzeitung, erreichte, war ich durchaus bereit, mich von neuen Ansätzen überraschen zu lassen. Doch leider sollte ich mich irren, denn kein einziger der hier vorgestellten Beobachtungen ist irgendwie neu oder gar innovativ.

Dabei war ich beim Lesen durchaus bereit, im Text nach ein paar wirklich amüsanten Anekdoten von verloren gegangenen Schulfreunden, technischen Problemen und Sackgassen eine mögliche Wendung hin zu den Vorteilen oder wenigstens zu ein paar witzigen Beobachtungen, aus denen der Digital Native von morgen noch etwas lernen kann (und sei es, das Unverständnis der Älteren aus deren Perspektive zu verstehen), mitzumachen. Stattdessen bekomme ich: 170 Seiten voll Gemecker. „Günther“ ist keine humorvolle Betrachtung, sondern ein einziges Lamento darauf, dass früher ja aber nun wirklich mal alles besser war.

Früher, so Hock, hätte man sich noch wirlich verabredet. Er erwähnt mit einer dermaßenen Beharrlichkeit einen Jugendclub namens „Oase“, wo sich die Schulfreunde noch treffen konnten, dass der Leser denken muss, Hock wäre mittlerweile mindestens zum Betreiber dieser Kulturstätte aufgestiegen. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass die „Oase“ so etwa gegen Anfang der Zweitausender zu einem Internetcafé und, dem natürlichen Laufe der Dinge folgend, mittlerweile pleite gegangen ist und Hock bis heute nicht überwunden hat, diesen Treffpunkt der Schulfreund nicht mehr aufsuchen zu können. Außerdem hätten sie sich ohnehin nichts mehr zu sagen, denn, wie er mehrfach betont, machten ja schließlich ALLE Smartphones JEDE Form von Kommunikation zunichte.

Hock geht jedoch nicht nur auf Smartphonebesitzer los (vielleicht war er auch an der Wortfindung des angeblichen Jugendwortes des Jahres 2016, dem berüchtigten „Smombie“, beteiligt?), er hat auch den Grundlegenden Sinn des Internets offenbar nicht verstanden.

Für Hock scheint es nichts weiter zu sein als eine einzige Müllhalde voll Geschwätz, Störung und Werbung, in das jeder unreflektiert sein Wissen kippt. Gerade für ein Community-System wie die Wikipedia könnte das nicht falscher sein. Der dahinterliegende Gedanke der Schwarmintelligenz und der gegenseitigen Kontrolle durch Peer Groups taucht hier mit keinem Wort auf. Stattdessen lobt er, Klischee ahoi, den gedruckten Brockhaus, den zumindest ich auch in meinen Jugendjahren nicht ein einziges Mal angerührt habe – die Bände standen viel zu weit oben im Regal und als Kind durfte ich dort nicht ran. Dass man trotzdem Wissen anhäufen kann, scheint für Hock unvorstellbar. Schade eigentlich.

Auf weitere Beispiele wie Youtube und Facebook geht er ebenso verärgert ein. Natürlich sind diese Plattformen mittlerweile weitestgehend durchkommerzialisiert, das ist wirklich keine Neuigkeit. Sich darüber aufzuregen, ist natürlich absolut legitim, aus den gleichen Gründen wie Hock nutze ich Facebook schon seit geraumer Zeit nicht mehr privat.

Als er sich jedoch über Twitter-Hacktivismus und Shitstorms als „unnötige Aufregerei“ äußert, bin ich wirklich genervt. Die #aufschrei-Debatte hat (endlich!) auch in den Medien eine Debatte über Feminismus, Gleichberechtigung und soziales Verhalten losgetreten, die Hock keines weiteren Kommentares würdigt – bis auf ein symbolisches Augenrollen a la „Haben die Leute keine anderen Probleme?“, das Totschlagargument für jede sinnvolle Diskussion. Dabei wäre genau dies ein Ansatz gewesen, den er von Beginn an vermisst und dies auch deutlich macht: Dass das Internet die Leute zum Nachdenken bringt und ihr Verhalten in der „echten Welt“ zum Positiven verändert. Leider scheint er das selbst gar nicht zu sehen.

Der Autor, nur zehn Jahre älter als ich, schreibt und empört sich, als hätte er bereits vor geraumer Zeit das Rentenalter erreicht und verstünde „die Jugend von heute“ nicht mehr. Und wahrscheinlich tut er das auch nicht. Bei beinahe jedem zweiten Satz möchte ich während des Lesens zu einer Reaktion ansetzen, ausführen, erklären.

Das Werk scheint völlig aus dem Bauch heraus geschrieben zu sein, nur notdürftig werden ab und zu ein paar Studien eingeworfen. Schon richtig, Zahlen flößen Vertrauen ein – aber unsinnige Studien, bei denen teilweise jegliche Quellenangaben fehlen (es gibt keinen Appendix), bewirken eher das Gegenteil. Auch das Vorwort der Kabarettistin Monika Gruber will nicht wirklich fruchten, da auch sie keinen neuen Ansatz jenseits der Schelte auf die Netzgeneration findet – möge diese auch noch so witzig-ironisch gemeint sein.

Hocks Buch hat immerhin eine Reaktion hervorgebracht: Ich ärgere mich, dass es noch 2016 ein solch grundlegendes Unverständnis für die Materie und den Kulturwandel gibt – und eine Sturheit, die Tatsachen, wie sie sind, anzuerkennen. Doch das ist leider schon alles. Brauchte es dieses Buch? Meiner Meinung nach hätten wir problemlos darauf verzichten können. Eine E-Book-Version hätte es auf jeden Fall auch getan (spart Papier und somit Regenwald!), aber das wäre Hock wahrscheinlich auch zu digital. Möge Günther also weiterhin ein Käsebrot nach dem anderen verschnabulieren, vielleicht gibt es ihm in nächster Zeit die Energie, den Wandel zu verdauen. Wohl bekomm’s.


Image „Smartphone“ by MonikaP (CC0 Public Domain)


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Die Kritik am BND-Gesetz ist mehr als begründet

Surveillance (adapted) (Image by Jonathan McIntosh [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Das neue BND-Gesetz ist in vieler Hinsicht gefährlich und fehlgeleitet. Es legalisiert flächendeckende, vollkommen ungezielte Überwachung und untergräbt das Trennungsgebot zwischen Polizei und Geheimdiensten. Vor allem aber unterminiert es die ohnehin schon defizitäre demokratische Kontrolle der Geheimdienste noch weiter – und das, nachdem die Skandale der letzten Jahre gezeigt haben, wie dringend die Dienste einer strengeren Aufsicht bedürften. Protest und Kritik gibt es reichlich, doch ignoriert die Regierung diese im Bestreben, ihren undemokratischen und gefährlichen Kurs fortzusetzen.

Ein Gesetzesentwurf voller Probleme

Schon im Juni wurde der aktuelle Gesetzesentwurf fertig gestellt. Von Anfang an wurde versucht, ihn als Versuch darzustellen, die parlamentarische Kontrolle des BND zu verbessern und diesen so demokratischer zu machen. Das eigentliche Dokument – schon bald vom Blog Netzpolitik veröffentlicht – gibt dies aber mitnichten her.

Das BND-Gesetz sieht vielmehr eine Menge höchst problematischer Änderungen vor, die den Agenten noch freiere Hand garantieren als es bislang der Fall ist. Möglichkeiten, angelehnt an die der US-amerikanischen NSA, soll die Behörde demnach eingeräumt bekommen.

Die wohl problematischste Klausel in einem Gesetz, das vor dummen und gefährlichen Ideen nur so strotzt: internationale Telekommunikationsnetze (namentlich das Internet) sollen zukünftig kurzerhand dem Ausland und somit dem Zuständigkeitsbereich des BND zugerechnet werden. Somit dürfte der BND in diesen Netzen den Datenverkehr nicht nur mitlesen, sondern auch bis zu sechs Monate lang speichern und gezielt durchsuchen. Ähnliche, bereits seit Jahren andauernde und höchst umstrittene Praktiken am Frankfurter Netzwerk-Knotenpunkt De-Cix würden durch das neue Gesetz legalisiert.

Skandale und Kompetenzüberschreitungen

Die letzten Jahre sollten auch denjenigen, die zuvor noch Vertrauen in unsere Geheimdienste hatten, deutlich gezeigt haben, dass dieses Vertrauen fehl am Platze ist. Spätestens die Snowden-Enthüllungen und der darauf folgenden Ermittlungsarbeit des NSA-Untersuchungsausschusses haben gezeigt, dass der BND häufig seine Kompetenzen überschreitet und dabei auch gegen die Interessen der deutschen Bevölkerung agiert. Auf Geheiß der NSA oder auf eigene Faust wurden zahlreiche unbescholtene Bürger überwacht und die Daten häufig an ausländische Behörden weitergegeben. Fehler und Kompetenzüberschreitungen wurden vertuscht, Kontrollmechanismen, so überhaupt vorhanden, umgangen.

All das zeichnet kaum das Bild einer vertrauenswürdigen Behörde, die mit einem Mehr an Zuständigkeiten – und damit zwangsläufig auch an Macht – verantwortungsbewusst umzugehen wüsste. Vielmehr wird überdeutlich, dass nur eine vermehrte demokratische Kontrolle weiteres Fehlerverhalten effektiv unterbinden könnte. Genau diese Kontrolle aber ist – allen Lippenbekenntnissen zum Trotz – im BND-Gesetz nicht vorgesehen.

Langfristig wäre zweifellos eine Abschaffung der Geheimdienste die beste und demokratischste Lösung. Solange dies aber nicht praktikabel ist, muss zumindest sichergestellt werden, dass diese Behörden nicht einfach nach eigenem Gutdünken handeln können. Ihr Aufgabenbereich muss eng beschränkt und ihr Handeln effektiv kontrolliert werden. Das wird im neuen Gesetzesentwurf fahrlässig versäumt. So laufen wir Gefahr, einen selbstherrlichen, undemokratischen Staat im Staate entstehen zu lassen, der unsere Menschenrechte verletzt und niemandem Rechenschaft schuldig ist.

Kritik und Protest: Wohl begründet, doch zu wenig gehört

Von Anfang an regten sich Proteste gegen den neuen Gesetzesentwurf. Diese nahmen rund um die parlamentarischen Verhandlungen deutlich zu. An der Organisation der Kundgebungen waren so namhafte NGOs wie Digitalcourage, Reporter ohne Grenzen und Amnesty International  beteiligt.

Der politische Prozess allerdings nahm diese teils sehr eloquenten und gut begründeten Proteste kaum zur Kenntnis. Stattdessen wurde – wie es in den letzten Jahren häufiger bei Überwachungsgesetzen geschehen ist – mit undemokratischer Hast versucht, das Gesetz möglichst schnell und ohne große Diskussionen zu verabschieden. Das ist ein Armuszeugnis und keineswegs dazu angetan, die Sorge über das BND-Gesetz zu verkleinern.

Stoppt das BND-Gesetz!

Beim BND-Gesetz handelt es sich zweifellos um eines der gefährlichsten Überwachungsgesetze der letzten Jahre. Die Kritik an diesem Machwerk ist wohl begründet und hätte mehr Beachtung verdient. Es sollte alles getan werden, um zu verhindern, dass der BND nach den Skandalen der letzten Jahre freie Hand bekommt. Die Erfahrung lehrt, dass er mit dieser Freiheit nicht verantwortlich umgehen wird – und das unsere Freiheiten dadurch massiv eingeschränkt werden. Das gilt es zu verhindern.


Image (adapted) „Surveillance“ by Jonathan McIntosh (CC BY-SA 2.0)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • NETFLIX Horizont: Netflix mit überraschend vielen Neu-Kunden und hohem Umsatz: Netflix hat das Vertrauen der Anleger zurückgewonnen: Nach unerwartet gut ausgefallenen Quartalszahlen sprang die Aktie um rund ein Fünftel hoch. Netflix konnte im vergangenen Vierteljahr 3,57 Millionen neue Kunden gewinnen. Den Ausschlag hätten populäre Eigenproduktionen wie die Mystery-Serie „Stranger Things“ gegeben, sagte Netflix-Chef Reed Hastings am Montag. Netflix hatte den Dienst im Januar auf einen Schlag in 130 neue Länder gebracht und deckt damit fast die ganze Welt bis auf China ab. Netflix war trotz der nahezu weltweiten Verfügbarkeit zu Jahresbeginn in den vergangenen Quartalen zunächst schwächer als erwartet gewachsen.

  • SAMSUNG t3n: Samsung Galaxy S8: Das soll das nächste Flaggschiff an Bord haben: Bald kommt das neue Samsung Galaxy S8, nach dem Note-7-Debakel ein äußerst wichtiges Produkt. Auf dem Samsung Galaxy S8, das wohl das nächste High-End-Modell wird, lasten entsprechend hohe Erwartungen. Obwohl es noch etwa ein halbes Jahr dauert, bis das Galaxy S8 vorgestellt wird, kursieren schon viele Gerüchte und Details über das Smartphone-Flaggschiff.Es werden wie in den vergangenen zwei Jahren, abermals zwei Modelle erwartet. Die beiden Geräte sollen die Codenamen Dream und Dream2 tragen. Auch wenn Samsung jetzt aufgrund des Note–7-Fiaskos eine große Lücke zu füllen hat, gehen wir davon aus, dass die neuen Galaxy-S8-Modelle nicht vor Ende Februar das Licht der Welt erblicken werden.

  • TESLA golem: Behörde verlangt Umbenennung des Tesla-Autopiloten: Das Kraftfahrt-Bundesamt will eine Umbenennung des Tesla-Autopiloten erreichen. Nach Ansicht der Behörde ist der Begriff missverständlich für Fahrer des Elektroautos. Der Begriff Autopilot könnte zu der Annahme führen, dass sich der Fahrer um nichts kümmern müsse. Fahrer müssten ständig aufpassen, dass das Auto keine Fehler mache und nötige Korrekturen vornehmen. Tesla weist die Kritik an seinem Assistenzsystem zurück und will mit einer Umfrage klären, ob der Begriff missverstanden werde.

  • ALLIANZ Die Welt: Allianz wird zum Amazon des Gebrauchtwagenhandels: Der Versicherungspolicen-Verkauf reicht der Allianz nicht mehr. Künftig will sie über das Netz Gebrauchtwagen verkaufen und per Spedition liefern. Nach den Vorstellungen der Allianz soll der Gebrauchtwagenkauf der Zukunft nach dem Amazon-Vorbild ablaufen. Von zu Hause sucht der Kunde im Internet ein Fahrzeug seiner Wahl aus und bekommt es dann samt Wunschkennzeichen zugelassen vor die Tür gestellt – plus 14 Tage Umtauschrecht, beispielsweise wenn das Auto doch nicht so fährt wie erhofft. Der Versicherungskonzern bestätigte der Welt auf Anfrage das Vorhaben.

  • APPLE Frankfurter Allgemeine: Baut Apple doch kein eigenes Auto?: Apple macht ein großes Geheimnis um sein „Apple Car“. Doch nun gibt es Hinweise dafür, dass das Projekt in Problemen steckt. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet über Umstrukturierungen in der Entwicklungsabteilung, die für das „Apple Car“ zuständig ist. Von insgesamt 1000 Mitarbeitern seien in den vergangenen Monaten mehrere hundert in andere Abteilungen versetzt worden oder hätten gekündigt. Ob Apple demnächst ein eigenes Auto baut, wird immer fraglicher.

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Facebooks Algorithmen sorgen für mehr redaktionelle Verantwortung

facebook (Image by Simon [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Die kürzliche Kritik an Facebook für das Entfernen eines Posts, das ein ikonisches Bild eines nackten Mädchens während des Vietnamkrieges zeigte, war nicht das erste Mal, dass Facebook mit dem Vorwurf der Zensur beschuldigt wurde. Und zugleich wird es dafür getadelt, hasserfüllte, illegale oder unangebrachtes Material, zuletzt von der deutschen Regierung, nicht schnell genug entfernt zu haben.

Die schwierige Aufgabe, zu entscheiden, ob man etwas veröffentlicht oder zurückzieht, oblag früher menschlichen Redakteuren für Print-Publikationen, Sendern oder Webseiten. Da heute so viele von uns durch die Seiten sozialer Medien, wie beispielsweise Facebook, Zugriff auf Neuigkeiten und Unterhaltung haben, haben sich die Verhältnisse, die kontrollieren, was wir sehen und was nicht, verschoben. Aber Facebooks zunehmender Einsatz von Computer-Algorithmen bedeutet, dass es mehr redaktionelle Verantwortung erhält und nicht weniger – egal, was das Unternehmen uns glauben machen will.

Facebook ist darauf erpicht, eine Titulierung als Herausgeber zu vermeiden. Das würde dazu führen, dass man durch die Medien und durch die Verleumdungsgesetze verunglimpft werden könnte. Der Gründer und CEO Mark Zuckerberg machte dies kürzlich deutlich, als er Berichten zufolge sagte: „Wir sind eine Technikfirma, wir sind keine Medienfirma [Wir bauten] die Werkzeuge, wir produzieren keinen Inhalt.

Die Betreiber der Sozialen Medien argumentieren damit, dass die Algorithmen, die sie benutzen, um festzustellen, was ein Benutzer sieht, nur Empfehlungen liefern, statt Inhalte zu publizieren, zu entfernen oder zu verändern. Aber wie stark die Seite den Inhalt sichtbar macht, hat einen immensen Einfluss darauf, wie weit dieser sich über die Grenzen des Kontos des eigentlichen Beitragenden hinaus verbreitet. Die Art und Weise, wie Algorithem arbeiten, kann einen ähnlichen Effekt haben wie bei einem Herausgeber einer Zeitung, der einen Artikel für die Titelseite auswählt.

Die Torwächter

Ein Bericht des Reuters-Institut für Journalismus hat herausgefunden, dass soziale Medien und Suchmaschinen als editorische Torwächter agieren, die die Natur und die Bandbreite der Nachrichten verändern, zu denen Nutzer Zugriff haben.

Es gibt keine exakten Parallelen für die neuen, hier identifizierten digitalen Mittelsmänner – die meisten sind keine neutralen „Rohre“ wie ISPs, durch die alle Inhalte des Internets fließen (obwohl Twitter dem nahe kommt); ebenso sind sie keine reinen Medienkonzerne, wie zum Beispiel Sender oder Zeitungen, die stark in kreative und redaktionelle Entscheidungen involviert sind. Aber sie spielen dennoch wichtige Rollen dabei, Informationen auszuwählen und zu verbreiten, was auf ein rechtmäßiges öffentliches Interesse an dem, was sie tun, schließen lässt.

Soziale Netzwerke entgegnen, dass die aussortierten und empfohlenen Inhalte nur wie redaktionelle Urteile erscheinen. Weil es durch Computer-Software und nicht durch Menschen erfolgt, ist das Aussortieren rein objektiv. Die Algorithmen wählen die Resultate lediglich auf eine Art und Weise aus, die darauf abzielt, den Nutzern hilfreiche und nützliche Informationen zu liefern.

Es gibt zwei Hauptprobleme bezüglich dieses Arguments. Erstens sind die Algorithmen oftmals noch nicht komplex genug, um gänzlich ohne die Einbeziehung von Menschen arbeiten zu können. Nach der Anschuldigung der politischen Voreingekommenheit hat Facebook sich kürzlich dazu entschieden, die menschlichen Redakteure seiner „neuen“ Nachrichten-Sektion zu feuern und sie gänzlich durch Algorithmen zu ersetzen. Dennoch war diese Software nicht perfekt und die Facebook-Ingenieure kontrollieren nun die automatisch kalkulierten aufkommenden Neuigkeiten, nachdem verschiedene falsche und sexuell eindeutige Posts beworben wurden.

Zweitens ist die Annahme, dass Algorithmen „neutral“ sind und sich auf logische Entscheidungen verlassen, die völlig frei von Vorurteilen sind, äußerst fehlerhaft. Die Software macht „rationale“ Entscheidungen über relative Vorteile verschiedener Posts, welche auf einer Menge an Werten basieren und welche entscheiden, welche Posts beim Nutzer beworben werden sollen.

Diese Werte müssen von einem Entwickler festgelegt werden oder aus seinen Daten ausgewählt werden, und dies gilt auch für die Art der menschlichen Vorurteile, die in das System miteingebaut wurden. Das bedeutet, dass die Verantwortung für redaktionelle Entscheidungen, die durch ein algorithmisches Werkzeug getroffen werden, noch immer auf den Urheber zurückfallen und auch auf die, die für die Festsetzung der Werte verantwortlich sind (in der Regel die Chefs der Firma).

Die Macht, die mit dem redaktionellen Einfluss, den die Sozialen Medien entwickelt haben, einhergeht, bedeutet, dass die Seiten auch eine öffentliche Verantwortung dafür tragen, was sie ihre Nutzer sehen lassen und was nicht. Wie der Reuter-Report sagt, brauchen wir nun Regulatorien, um die Öffentlichkeit vor einem unzulässigen Einfluss oder Manipulation der sozialen Medien zu schützen. Zum Teil bedeutet das Transparenz. Firmen, die sich mit sozialen Medien beschäftigen, sollten die Kritierien, nach denen sie ihre Neuigkeiten für die Bewerbung auswählen, öffentlich machen. Allgemein gesagt bedeutet das, dass Facebook und andere, ähnliche Seiten die redaktionelle Verantwortung, die sie jetzt haben, ernst nehmen müssen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Facebook“ by Simon (CC0 Public Domain)


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Deutschland braucht weiterhin ein starkes Datenschutz-Gesetz

Hammer (Image by succo [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Das deutsche Datenschutz-Gesetz muss aufgrund von EU-Vorschriften neu formuliert werden. Der aktuelle Entwurf lässt jedoch massiv zu wünschen übrig. Unter anderem versäumt er es, die Ermittlungsbehörden und insbesondere die Geheimdienste beim Umgang mit sensiblen Daten angemessen zu reglementieren. Datenschutz-Verstöße durch die Geheimdienste könnten so zukünftig folgenlos bleiben. Dabei haben die letzten Jahre gezeigt, dass diese Behörden eine strenge demokratische Kontrolle brauchen. Auch sonst ist ein tragfähiges Datenschutz-Gesetz von Nöten – nicht zuletzt auch als Wettbewerbs-Vorteil.

Neuregelung des Datenschutz-Gesetzes geplant

Aufgrund neuer Datenschutz-Regelungen auf EU-Ebene müssen alle Mitgliedsstaaten ihre entsprechende Gesetzgebung bis zum Mai 2018 modifizieren und an die neuen, von Europa vorgegebenen Normen anpassen. So soll das Datenschutz-Recht in Europa harmonisiert werden. Allerdings gibt es nach wie vor einigen Spielraum für nationale Sonderregelungen.

Angesichts dieser Situation wird auch in Deutschland gerade fleißig an einem neuen Datenschutz-Gesetz gearbeitet. Das Bundesinnenministerium hat bereits einen entsprechenden Referenten-Entwurf erstellt. Dieser wurde vom Blog Netzpolitik veröffentlicht und analysiert. Auch die Stellungnahmen des Bundesjustizministeriums und der Bundesdatenschutzbeauftragten zum Entwurf wurden von den Bloggern ins Internet gestellt.

Kein wirksamer Schutz

Der von Netzpolitik veröffentlichte Entwurf allerdings ist von einem Gesetz, das den Datenschutz in Deutschland aufrecht erhält und gegen die versuchten Einschränkungen der Hardliner verteidigt, weit entfernt. Nicht umsonst äußert sich auch die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff in ihrer Stellungnahme besorgt über den Entwurf.

So sieht der Entwurf vor, sämtlichen Behörden die Verarbeitung personenbezogener Daten für eine Vielzahl von Verwendungszwecken zu erlauben. Sämtliche Verwendungen, die der „Wahrnehmung einer im öffentlichen Interesse liegenden Aufgabe“ dienen, sollen grundsätzlich erlaubt sein. Zu diesen Aufgaben zählen beispielsweise die Durchsetzung von Berufsstandsregeln bei reglementierten Berufen (von denen es in der EU 149 gibt), die „Gewährleistung der Netz-, Daten-, und Informationssicherheit“ sowie der Schutz des Hausrechts. Eingeschränkt werden diese sehr allgemeinen Zielsetzungen im Entwurf kaum. „Die Vorschrift ist […] insgesamt problematisch, zu undifferenziert und sie wahrt nicht das Prinzip der Verhältnismäßigkeit,“ kommentiert dementsprechend die Bundesdatenschutzbeauftragte.

Geheimdienste außer Kontrolle

Noch problematischer ist, dass die Geheimdienste mit dem neuen Datenschutz-Gesetz der Kontrolle der Bundesdatenschutzbeauftragten noch stärker entzogen werden sollen. Die letzten Jahre haben gezeigt, wie die Geheimdienste ihre Kompetenzen überschreiten, massive Rechtsverstöße begehen und für dieses Fehlverhalten keinerlei Verantwortung übernehmen. Spätestens im Zuge der NSA-Affäre wurde der Beweis angetreten, wie oft die deutschen Geheimdienste sogar gegen das Wohl der eigenen Bevölkerung agieren – von der Missachtung internationaler Standards ganz abgesehen. Hier wäre eine strengere Kontrolle dringend von Nöten. Nach dem erwiesenen Fehlverhalten der letzten Jahre gehören die Geheimdienste an die kurze Leine, benötigen dringend mehr demokratische Kontrolle.

Das Gegenteil ist jedoch im Entwurf vorgesehen. In ihm wird vorgeschlagen, dass die Bundesdatenschutzbeauftragte (beziehungsweise ihre Nachfolger) keinerlei Bußgelder oder Sanktionen mehr gegen die Nachrichtendienste verhängen können, wenn diese gegen Datenschutz-Richtlinien verstoßen. Zudem soll den Geheimdiensten die Analyse öffentlich zugänglicher Daten – aus denen sich durch jahrelange Speicherung, Zusammenführung und Auswertung oftmals detaillierte Bewegungsprofile und Analysen des sozialen Netzes erstellen lassen – beinahe uneingeschränkt möglich sein.

Eine Vielzahl von Mängeln und Problemen

Auch die Möglichkeiten der Bundesdatenschutzbeauftragten, sich mit Kritik und festgestelltem Fehlverhalten ans Parlament zu wenden, wird durch den neuen Entwurf massiv eingeschränkt.

Zu diesen Problemen mit dem neuen Entwurf kommen weitere, auf die einzeln detailliert einzugehen den Rahmen dieses Textes sprengen würde. In der Summe machen sie den neuen Referenten-Entwurf zu einem mangelhaften und zutiefst problematischen Schriftstück. Es wäre besser im Giftschrank aufgehoben als im Parlament als Grundlage einer ernsthaften Diskussion.

Datenschutz: Wichtig für die digitale Zukunft

Der Entwurf muss dringend nachgebessert werden, denn Deutschland braucht auch in Zukunft ein starkes Datenschutz-Gesetz. Vor allem natürlich, um in der digitalen Informationsgesellschaft individuelle Rechte zu schützen, aber auch ein demokratisches, kreatives Miteinander zu ermöglichen. Datenschutz ist ein Menschenrecht und seine Umsetzung ist durch die neuen Technologien, ebenso wie die derzeit aktuelle Rhetorik einer Sicherheit um jeden Preis, schwieriger geworden. Somit ist der Staat in der Pflicht, die Privatsphäre der Bürger durch tragfähige Gesetze (und wirksame Maßnahmen zu deren Durchsetzung) zu schützen. Anderenfalls drohen nicht nur eine Vielzahl falscher Verdächtigungen durch eine Flut an nur scheinbar eindeutigen Daten sowie der Missbrauch der gesammelten Daten durch Kriminelle ebenso wie durch skrupellose Insider, sondern auch Angst, Konformismus und Selbstzensur. Unsere freie, demokratische Gesellschaft ist bedroht.

Neben seiner gesellschaftlichen Bedeutung ist Datenschutz aber auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Snowden-Leaks haben viele Menschen für die Probleme einer ausufernden Überwachung sensibilisiert. Dementsprechend begegnen diese Menschen denjenigen, die die extreme Überwachung mit tragen, mit Misstrauen. So führte die NSA-Affäre in der Folge neben großer Gewinneinbrüche auch – zumindest für viele US-amerikanische Technologie-Unternehmen – zu einem massiven Vertrauensverlust.

In dieser Situation wäre ein starkes, Rechtssicherheit versprechendes Datenschutz-Gesetz ein gutes Argument für den Kauf deutscher Technologien und IT-Dienstleistungen. Kunden könnten sicher sein, dass ihre sensiblen Daten bei deutschen Anbietern in guten Händen sind. So könnte Deutschland, das in Sachen IT in vieler Hinsicht hinterher hinkt, wieder zu einem starken Standort in der modernen Wirtschaft werden.

Aus all diesen Gründen muss der aktuelle, in keiner Hinsicht zufrieden stellende Entwurf dringend auf den Müllhaufen dummer politischer Ideen geworfen und eine neue Version, die den Namen Datenschutz-Gesetz auch verdient, erarbeitet werden. Deutschland braucht ein starkes Datenschutz-Gesetz – im Namen unserer Freiheit, aber auch, damit sich um Datenschutz bemühte Unternehmen als ernsthafte Alternative zu unfreien US-Firmen anbieten können. Unsere digitale Zukunft wird es unseren Politikern danken, wenn sie diese Chance (ausnahmsweise) nicht wieder verspielen.


Image „Hammer“ by succo (CC0 Public Domain)


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WikiLeaks: Transparenz um jeden Preis?

Occupy Wall Street WikiLeaks Truck (Image by pameladrew212 [CC BY 2.0] via Wikimedia Commons)

Wieder einmal steht WikiLeaks wegen der fahrlässigen Veröffentlichung persönlicher Daten in der Kritik. Es wird Zeit, dass sich die Mitarbeiter der Plattform dieser Kritik stellen. Sie ist nämlich keineswegs ein bösartiger Sabotage-Versuch politischer Gegner, sondern größtenteils berechtigt. WikiLeaks muss erkennen, dass Transparenz im Informations-Zeitalter ein wichtiger, aber kein absoluter Wert ist, und der Verantwortung gerecht werden, auch andere Werte und Rechte zu schützen. Die Plattform will investigativen Journalismus betreiben – doch dazu gehört mehr als wahlloses Veröffentlichen.

AP-Report dokumentiert weitere Datenschutz-Vorfälle

Vor kurzem stand WikiLeaks schon einmal wegen laxen Umgangs mit dem Datenschutz in der Kritik. Damals wurden die Aktivisten von der Journalistin Zeynep Tufekci beschuldigt, auf Twitter ein Datenpaket verlinkt zu haben, das die persönlichen Daten zahlreicher Privatpersonen – mehrheitlich türkischer Frauen, die als Wählerinnen registriert sind – enthält.

Nun steht WikiLeaks erneut wegen Missachtung von Datenschutz und Persönlichkeitsrechten in der Kritik. Und in diesem Fall geht es nicht nur um das bloße Verlinken problematischer Daten, sondern es sind die WikiLeaks-Dokumente selbst, die Anstoß erregen.

Ein umfassender Bericht der Nachrichtenagentur AP dokumentiert, dass eine Reihe der in den letzten Jahren veröffentlichten WikiLeaks-Dokumente sensible Daten Unbeteiligter enthalten. Unter den Betroffenen sind äußerst verwundbare Personen, darunter in repressiven Staaten lebende Menschen und eine ganze Reihe von Menschen, die in medizinischer oder psychiatrischer Behandlung sind und deren Krankenakten durch WikiLeaks veröffentlicht wurden. Viele Betroffene (und andere mittelbar Beteiligte, etwa die Ärzte der Betroffenen) äußern sich schockiert und empört über den Vorfall und betonen, dass ihre Fälle nichts mit Politik (oder den von WikiLeaks als Gegner definierten Tatbeständen „Krieg, Spionage und Korruption“) zu tun haben.

Transparenz muss der Allgemeinheit dienen

Diese Vorwürfe sind gravierend. WikiLeaks sieht sich in der Rolle eines Kämpfers gegen die Mächtigen, eines Verteidigers derjenigen, deren Rechte von der einflussreichen Elite verletzt werden. Leaks, die sensible Informationen unbeteiligter „kleiner Leute“ gegenüber der ganzen Welt – und damit auch gegenüber gefährlichen und destruktiven Parteien, von Online-Betrügern bis hin zu Regimes, die Menschen ohne große Skrupel einsperren, foltern und ermorden – offen legen, pervertieren diese Ideale. Die Belange der besagten „kleinen Leute“ werden mit Füßen getreten.

Nur, wer der Ansicht ist, dass das Ideal der Transparenz alle Mittel rechtfertigt, kann ein solches Verhalten gut heißen. Das aber wäre ein gefährlicher Trugschluss. Transparenz ist erstrebenswert, weil sie herrschende Machtverhältnisse untergräbt. Sie ermöglicht es der Allgemeinheit, das Handeln der Mächtigen zu kontrollieren und (im Idealfall) einen Machtmissbrauch zu verhindern oder zumindest zu sanktionieren. Werden dagegen private, sensible Daten von Privatpersonen gegenüber den Mächtigen aufgedeckt, zementiert das nur die herrschenden Machtverhältnisse und macht deren Missbrauch nicht schwerer, sondern im Gegenteil noch einfacher. Nicht umsonst ist auch Datenschutz unabdingbar für den Versuch einer besseren, weniger hierarchischen Gesellschaft – und schon heute ein bedeutendes Menschenrecht.

Geltungsdrang oder Sendungsbewusstsein?

Wie diese ernsten Versäumnisse bei WikiLeaks zustande kamen, darüber kann nur gemutmaßt werden. Es hat den Anschein, als sei den Aktivisten ihr eigener Ruhm zu Kopf gestiegen, als hätten sie, angetrieben von der öffentlichen Anerkennung, unbedingt den nächsten spektakulären Leak gesucht – obwohl klar gewesen sein muss, dass das Redigieren der Dokumente in der Eile nur flüchtig geschehen konnte.

Daneben könnte auch die unbedingte Überzeugung von WikiLeaks-Leitwolf Julian Assange von seiner „Mission“, von der alles umfassenden Bedeutung der von ihm ermöglichten Leaks, eine Rolle spielen. Assange hat mehrfach angedeutet, dass er den Schutz Unbeteiligter für weniger wichtig hält als das schnelle und umfassende Veröffentlichen geheimer Dokumente. Einige seiner Aussagen zu diesem Thema überschritten dabei die Grenze zwischen gedankenlos und zynisch oder kamen zumindest sehr dicht an diese heran. Assange hat große Visionen, die zweifellos erstrebenswerte Ziele und Werte umfassen. Leider verliert er über diese Visionen oftmals die Belange einzelner Menschen aus den Augen.

Änderungen einfordern

Es wird Zeit, dass WikiLeaks seine Probleme – wie auch immer sich diese im Einzelnen gestalten – in den Griff bekommt und endlich wie eine verantwortungsbewusste investigative Publikation handelt. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre, sich der (berechtigten) Kritik zu stellen und die eigenen Fehler anzuerkennen. Doch davon zeigt sich bislang keine Spur. Im äußerst aktiven WikiLeaks-Twitter-Feed findet sich keinerlei Stellungnahme zum Bericht der AP – dafür informative Links, Propaganda gegen Assanges aktuelle Lieblings-Feindin Hillary Clinton und die üblichen Spendenaufrufe. Das ist ein mehr als schwacher Auftritt.

Wenn WikiLeaks seine Rolle als moralische Autorität behalten will, müssen die Verantwortlichen endlich handeln, ihre Fehler eingestehen, analysieren und Wiederholungen verhindern. Wenn Assange diese Schritte nicht selbst vollziehen kann, muss er sich entsprechende Unterstützung dabei suchen. Das einzufordern, ist nun Sache auch und gerade der WikiLeaks-Unterstützer. Derart berechtigte Kritik ist nicht illoyal, im Gegenteil. Sie ist ein notwendiger Hinweis darauf, dass sich WikiLeaks von seinen eigenen Idealen entfernt und seiner Vorbildfunktion nicht gerecht wird. Neben dem vermeidbaren Leid für unschuldige Menschen werden so auch dem politischen Gegner Argumente geliefert, die dieser verwenden kann, um WikiLeaks – und in der Folge womöglich die ganze Bewegung – in den Schmutz zu ziehen. Das gilt es zu vermeiden. Auch, wer Staatsgeheimnisse offen legen will, muss private Geheimnisse schützen. Nur dann stehen die Transparenz und auch ihre Verfechter im Dienst einer guten Sache.


Image „Occupy Wall Street Wikileaks Truck“ by pameladrew212 (CC BY SA 2.0)


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Digitale Kurzatmigkeit oder analoge Kurzsichtigkeit – Eine Replik

Geschäftspartner (Image by Unsplash (CC_Public Domain) via Pixabay)

Geht es darum, Rücksicht auch auf die letzten Digitalverweigerer zu nehmen und zu versuchen, sie vom Nutzen digitaler Tools zu überzeugen oder sollten wir den Blick im eigenen Interesse nicht besser in die Zukunft richten?

Das vom Sportverein organisierte Grillwochenende samt anschließendem Frühstück hatten sich alle Teilnehmer nett vorgestellt. Der Sommer nahte und die Unterkunft war reserviert worden. Fehlte nur noch die Organisation des Essens und der Getränke. Leider kam der Kassenwart dann auf die Idee, diese Organisation mit Hilfe eines Schwarzen Bretts im Vereinsheim durchzuführen. Er schrieb mit einem offenen Verteiler an 45 Menschen und fragte, wer etwas beisteuern und dies auf dem Zettel am Brett vermerken könne. Ich versuchte noch, mit einem schnellen Hinweis auf ein ad hoc erstelltes Online-Dokument den erwarteten Mail-Sturm zu verhindern. Es misslang trotz wiederholten Angebots der Hilfe bei Verwendung des digitalen Tools. In den folgenden drei Tagen gingen jeweils Antworten von der Art “Ich bringe ein Marmeladenglas mit” in die Mailboxen dieser 45 Menschen ein. Das Chaos war ausgebrochen, der Stress machte sich breit, nur weil ein Mensch zu Beginn seinen Unwillen zum Ausdruck gebracht hatte, diese Organisation digital durchzuführen.

Diese Situation beschreibt eine gerade stattgefundene wahre Begebenheit und kann sicher von vielen Leserinnen nachvollzogen werden. Und diese Erfahrung ist es, die mich recht kritisch auf einen aktuellen Post von @derPeder reagieren lässt, in dem er vor allem (aber nicht nur) Onlinern entgegen hält, sie würden die Menschen auf dem Weg ins digitale Neuland nicht an die Hand nehmen. Leider geht er in seinem Appell nicht darauf ein, welche Mehrarbeit die digitale Totalverweigerung inzwischen bei Mitmenschen im Alltag verursachen kann. Zur besseren Differenzierung sind im Folgenden stets „dezidierte Offliner“ gemeint, d.h. Menschen, die sich bewusst gegen die Nutzung digitaler Tools entscheiden.

Diese Diskussion kommt uns bekannt vor; sie wurde bereits vor Jahren unter der teilweise auch zweckentfremdeten Begrifflichkeit des „Digitalen Maoismus“ geführt und mündet aktuell um die Debatte des Soziologen Harald Welzer, der in seinem Buch über die angebliche „Smarte Diktatur“ referiert (wie immer in solchen Kontexten frage ich mich, wie diese dezidiert offline lebenden Menschen ihre Kompetenz zur Beurteilung digitaler Logiken erlangt haben).

Digitale kämpfen nicht mehr gegen dezidierte Offliner; sie lassen sie in ihrer Irrelevanz zurück

@derPeder schreibt, den Digitalen würde die Luft ausgehen, weil sie gegen Offliner kämpfen würden, dass man sich über Menschen, die gerade mit dem Bloggen anfangen, lustig machen würde, dass sich die Digitalen in ihre Filter-Bubble zurückziehen würden und dass das Wissensmanagement in Institutionen in Folge der Digitalisierung auf der Strecke bleiben würde. Dies ist ein bunter Strauß von Kritik, der aber natürlich eine nähere Betrachtung verdient. Er endet mit dem Hinweis: “Was aber sicherlich nicht hilft, ist der derzeit häufig zu erlebende Kampf der digitalen Vordenker gegen die Offliner”.

Dem kann man nun entgegen halten,

  • dass diese Kritik von einem Debattenstand ausgeht, den wir so gar nicht mehr aktuell vorfinden. Die Zeiten, in denen Onliner gegen dezidierte Offliner „kämpfen“, sind längst vorbei. Die relevante Netzdebatte findet dort statt, wo sie hingehört: nämlich ins Netz und nicht in den Blätterwald dieser Republik. Es hat sich längst eine digitale Kultur herausgebildet, die mit den Ritualen der offline lebenden wirtschaftlichen und politischen Entscheider kaum noch etwas zu tun hat. Oder könntet ihr euch vorstellen, dass Zetsche und Merkel auf Twitter über ein neues E-Klassemodell twittern?

  • dass, wenn Menschen mit dem Bloggen beginnen und sich im ersten Text gleich sehr kritisch mit der digitalen Kultur auseinandersetzen, man sich nicht wundern muss, wenn einem Kritik aus dem Wald, in dem man gerade so hineingerufen hat, auch wieder entgegen schallt. Dies ist keine Eigenart des Digitalen, sondern soziales Grundprinzip von Gruppen gegenüber neuen unbekannten Mitgliedern dieser Gruppe.

  • dass die Diskussion um die Filter-Bubble hierzulande bereits im Jahre 2011 intensiv von @mspro angesprochen worden ist. In Offline-Runden des letzten Jahrtausends nannte man diese übrigens nicht “Filter-Bubble” sondern “Kamingespräche”. Der Unterschied zu heute: Man kann sich, wenn man offen ist, jede Filter-Bubble einmal selbst ansehen. Das war bei den Kamingesprächen nicht möglich.

  • dass der Terminus „Wissensmanagement“ ein Ansatz aus der Welt der alten Arbeit ist und die Vorstellung beinhaltet, man könnte Wissen von oben nach unten steuern und verwalten.

So unterschiedlich kann die Wahrnehmung der Debatte um das Verhältnis von Off- und Onlinern sein. Gäbe es diesen Kampf der Digitalen gegen die Offliner, so hätte es wohl nicht ein neues Cluetrain Manifest geben müssen.

Digitalisierung: Flucht nach vorn statt Warten auf die Letzten

Nun beschreibt die obige Vereinssituation sicher nicht eine existenziell bedrohliche Situation. Sollten wir die Debatte um den Widerstand so vieler Menschen in dieser Republik, sich der digitalen Welt gegenüber offen zu zeigen, auf sich beruhen lassen? Ich glaube, dass wir im Interesse der Menschen, unserer Gesellschaft und des Überlebens der hiesigen Unternehmen auf dem Weltmarkt uns ganz im Gegenteil diesem Problem offen stellen müssen.

AlphaGo hat gezeigt, dass wir in einem Stadium der Entwicklung von entscheidungsfähigen Techniken angelangt sind, in dem wir diese Entscheidungen gar nicht mehr nachvollziehen können. Wäre es deshalb nicht an der Zeit, die hinter Algorithmen stehenden Entscheidungslogiken einer kritischen Prüfung zu hinterziehen?
Wie wollen wir die technischen – jedoch politisch relevanten – Experimente der Betreiber von Facebook denn überhaupt kritisieren, wenn wir von vornherein deutlich machen, dass wir mit “diesem Facebook” nichts zu tun haben wollen. Wie wollen wir die digitale Durchdringung unseres Alltags sachlich fundiert kritisieren, wenn wir wie im Fall von Harald Welzer digital gar nicht unterwegs sind? Wie wollen wir Überwachungsmechanismen wie die des persönlichen Risk Scores überhaupt verstehen und verhindern, wenn wir immer wieder von vorn anfangen müssen zu erklären, was ein “Score” im Netz überhaupt sein kann? Wollen wir die Beurteilung juristischer Streitfälle, die existenzbedrohend sein können, durch Algorithmen dadurch verhindern, dass wir die Anwendung solcher digitaler im traditionellen Sinne grenzenloser Tools auf dem Staatsgebiet der Bundesrepublik verbieten?

Diese Verweigerungshaltung von bisher relevanten Akteuren in Wirtschaft und Politik gegenüber der digitalen Welt hat bereits volkswirtschaftlichen Schaden angerichtet (Stichwort z.B. Störerhaftung). In der politischen Sphäre hat sich Deutschland bis vor kurzem geweigert, der Open Government Partnership beizutreten. Die Verweigerungshaltung auf betrieblicher Ebene hat zu krisenhaften Zuständen in der deutschen Autoindustrie geführt, die plötzlich als altbacken im Vergleich zu Tesla und Co. erscheinen. Wenn hochbezahlte Manager und Vorstände immer noch nicht – und das trotz des Vorliegens etlicher Studien – begriffen haben, dass die Digitalisierung ein Thema für sie sein könnte, sind sie fehl am Platze

Und schließlich: Können wir es uns wirklich noch erlauben, auch auf die letzten digitalen Verweigerer zu warten, die den Geruch eines Buches immer noch höher einschätzen als die Frage, wie ihre Kinder in der digitalen Zukunft eines globalisierten und hoch technisierten Arbeitsmarktes überleben können?

Wir spüren den kalten Atem des Algorithmus im Nacken

Eine kürzlich vorgestellte Delphi-Studie (alle Inhalte CC) zur Zukunft der Arbeit hat die dramatischen Umwälzungen, denen wir uns im Bereich Arbeit und Bildung in den nächsten Jahren dringend und offensiv stellen müssen, beschrieben:

  • “Tech unemployment will accelerate when AI masters vision and how to learn

  • Everything that can be automated will be

  • We will see the rise of human tech symbiosis

  • There will be no plateau in which human labor will have a chance to catch up.

  • We are currently developing a second intelligent species which humans simply cannot compete with. Has far more capability and less cost than humans.

  • The current leaps in automation and AI will not „plateau“. That is the key dynamic we absolutely must address. Never in the history of mankind has the technology itself been so free of man to improve itself”

Halten wir uns angesichts dieser Perspektive nochmals vor Augen, was der Text von @derPeder einfordert; er fordert die menschliche “Abwärtskompatibilität” im Miteinander. Es ist nie gesagt worden, dass eine Unterstützung von Menschen, die das Digitale bei der Arbeit oder im Privatleben verstärkt nutzen wollen, denen aber anfangs die entsprechende Kompetenz fehlt, durch Onliner ausbleibt; ich habe nirgendwo mehr Hilfsbereitschaft erlebt als in nerdigen oder netzaffinen Communites! Geht einfach auf die Nerds oder die von euch als nerdig wahrgenommenen Menschen, Kollegen oder Freunde zu und fragt sie. Denn die vom Delphi aufgeworfenen Szenarien zeigen schließlich den drängenden Handlungsbedarf der Anpassung an veränderten Arbeitsweisen.

Es muss jedoch auch die Bereitschaft zur Offenheit, zum Eingestehen des eigenen Beginner-Status im digitalen Bereich und zum Anpassen an veränderte Arbeitsweisen vorhanden sein. Diese Offenheit erlebe ich aber gerade bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidern in den seltensten Fällen. Steht diesen dezidierten Offlinern vielleicht am Ende eher die eigene Eitelkeit und weniger der digitale Enthusiast im Weg? Das sollten wir herausfinden.


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Der geleakte Innovationsbericht des Spiegels als Schlüsseldokument?

Der Spiegel (adapted) (Image by BineWagner [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Der Innovationsbericht einer altehrwürdigen Nachrichtenorganisation wurde geleakt! Nein, wir befinden uns nicht wieder im Mai 2014, als der Innovationsbericht der New York Times erstmals zu BuzzFeed durchgesickert ist. (Unsere Analyse davon bleibt mit Abstand der meistgelesene Artikel des Nieman Lab) Dieses Mal ist es der deutsche Medienriese Der Spiegel, ein wöchentlich erscheinendes Nachrichtenmagazin mit weitestgehend separater Onlinepräsenz auf Spiegel Online. Wie der deutsche Radiosender SWR als erster berichtete, basierte der 61-seitige geleakte Entwurf auf einer Mitarbeiterbefragung und auf Interviews mit ehemaligen Spiegel-Redakteuren, Branchenexperten sowie Managementberatern. Nach dem, was man bisher weiß, ist er schmerzhaft ehrlich und selbstreflektierend und beinhaltet Lektionen (und auch Warnungen), die weit über Hamburg hinausgehen.

Die Art und Weise, wie über diesen Bericht gesprochen wird, erinnert an viele Reaktionen auf den Bericht der Times, es wird mit Worten wie “Krise” und “Revolution” um sich geworfen. Der Bericht nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Schwachpunkte des Unternehmens geht. Ein Auszug aus dem Bericht, nach dem deutschen Verlag Kress zitiert:

  • Wir überhöhen unsere Wichtigkeit.

  • Wir können Schwächen nicht eingestehen und erst recht nicht zeigen.

  • Wir überraschen zu wenig.

  • Wir probieren zu wenig wirklich Neues.

  • Wir setzen falsche Prioritäten.

Dieser Bericht wurde als Teil einer größeren Initiative in Auftrag gegeben, die darauf abzielt, den Spiegel-Verlag umfassend zu reorganisieren. Dies besagt eine gemeinsame E-Mail-Stellungnahme von Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, von Spiegel Online-Chefredakteur Florian Harms sowie Thomas Hass, dem  Vertriebs- und Marketingvorstand des Spiegel-Verlags. (Anmerkung: Spiegel Online und die Printversion Der Spiegel sind separate Einheiten mit eigenen Redakteuren und Autoren. Eine Überschneidung findet hier nur begrenzt statt.)

So heisst es in der Stellungnahme:

Mit der SPIEGEL-Agenda 2018 haben wir Mitte letzten Jahres einen Transformationsprozess gestartet, der unser Haus stark verändern wird. Wir haben mit einer umfassenden Restrukturierung des SPIEGEL-Verlags begonnen und gleichzeitig zahlreiche Wachstumsprojekte in Gang gesetzt. Unter anderem haben wir ein Team aus Redaktion, Verlag und Dokumentation mit einer kritischen Bestandsaufnahme des gesamten Unternehmens beauftragt, entstanden ist der Entwurf eines Innovationsreports.

Wir begrüßen den Einsatz und die Arbeit der beteiligten Kolleginnen und Kollegen, weil es unser gemeinsames Ziel ist, den SPIEGEL als modernes, multimediales Haus in die Zukunft zu führen. Die Projektgruppe kann frei und natürlich ohne jede Zensur arbeiten, weil nur auf diese Weise echte Innovation möglich wird. Naturgemäß stimmen wir nicht mit allen Kritikpunkten überein, aber Offenheit und Kritikfähigkeit gehören zwingend zum von uns gewünschten Prozess der Veränderung. Wir freuen uns auf den Abschlussbericht, den wir, sobald er uns vorliegt, mit dem gesamten Haus diskutieren werden.

Der Bericht zeigt auf, wie eine starre Organisationsstruktur jegliche ernsthafte Veränderung hemmt:

Der Grund: jeder Einheit kämpft für sich, “Verantwortung wird nicht gemeinsam wahrgenommen”; “jede Einheit hat eigene Maßstäbe und optimiert den eigenen Erfolg teilweise ohne Rücksicht auf die anderen.”

Der Innovationsbericht deutet an, dass die Organisation nicht das gesamte Ausmaß des Wandels im Print- und Digitalmarkt begriffen hat und dass die Mitarbeiter im Digitalbereich noch immer Bürger zweiter Klasse sind. Er bestätigt auch eine gewisse Verwirrung innerhalb der Marke: Das Verlagshaus hat 37 verschiedene Logos für alle seine diversen Publikationen.

Im Dezember kündigte der Spiegel-Verlag an, fast 150 Stellen abbauen zu wollen, einschließlich Reportern und Dokumentationsjournalisten des Printmagazins, um die jährlichen Kosten des Verlags um 16 Mio. Euro zu senken.

Als ich letzten Herbst die Büroräume des Unternehmens besuchte, waren mehrere Redaktionsmitglieder begeistert über das neue Digitalprojekt Bento, das auf ein jüngeres Publikum abzielt – Bento war ein großes Geschäft, nicht nur weil es ein neues, auf Millennials gerichtetes Digitalprodukt war, sondern weil es etwas Neues aus der Spiegel-Familie war. Ole Reißmann, einer der Hauptredakteure von Bento, sagte mir damals:

Mit dem Spiegel hatten wir ein Produkt für unsere älteren Leser, die das Printmagazin abonnieren; wir hatten die Website [Spiegel Online], die in ganz Europa sehr erfolgreich ist; wir hatten ein Prinzmagazin für jüngere Leser. Was jedoch die Nutzer zwischen 18 und 30 Jahren angeht, hatten wir für sie kein spezielles Produkt…

Wir hätten planen können, Posts auf Facebook zu veröffentlichen, was eine komplett neue Denkweise für den Spiegel bedeutet hätte. Wir erwägen aktuell Native Advertising, das für die Spiegel-Marke ebenfalls neu ist. Aber wir wollten die Kernleserschaft nicht unerwartet mit Inhalten für jüngere Leser vor den Kopf stoßen. Also starteten wir ein ganz neues Produkt, das auf junge Leute abzielt, bei dem wir neue Dinge ausprobieren können, frei nach dem Motto “move fast, and break stuff.”

Der geleakte Bericht empfiehlt bestimmte Restrukturierungen, welche die Verlegung des Hamburger Unternehmenssitzes beinhalten. Man solle sich wegbewegen von seinen fünf Jahre alten, am Kanal gelegenen Türmen, deren Grundriss einer Verbesserung der Zusammenarbeit wenig entgegen kommt. So besagt ein Auszug von Kress:

Aber nicht wenige “Spiegel”-Mitarbeiter haben etwas zu verlieren. Im Kapitel “Personal” stecke enormer Sprengstoff, nicht nur weil “Führungsebenen reduziert” werden sollen, so der SWR-Bericht. Ein neuer Stil soll einkehren: “Die Führungskräfte auf allen Ebenen praktizieren eine partizipative Führungskultur. Sie verstehen ihren Job als permanentes Lernen, als ständige Anpassung im Sinne des adaptiven Wandels. Als Change Manager unterstützen sie (…) auch eine Kultur des Scheiterns, Ausprobierens und Lernens.”

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “Der Spiegel” by BineWagner (CC BY-SA 2.0)


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5 Lesetipps für den 6. Januar

In den Lesetipps geht es um Sprachsteuerung per Smartwatch, Twitter und seine Kurzbeiträge, Facebook, einen fragwürdigen Wahlkampfspot und um Elektroautos. Ergänzungen erwünscht.

  • SPRACHSTEUERUNG Golem.de: Sprachsteuerung per Smartwatch: Volvo lässt Fahrer mit ihrem Auto sprechen: Mit seinem eigenen Auto sprechen? In Zukunft möchte Volvo genau das! Über das “Fitness-Wearable Microsoft Band 2” sollen Autobesitzer künftig per Spracheingabe mit ihrem Auto kommunizieren können. Mit diesen Sprachbefehlen sind Navigationsziele ganz einfach einzugeben. Selbst die Türen lassen sich mit der Volvo-On-Call-App öffnen. Mit diesen und vielen anderen Möglichkeiten, ist diese App zwar nicht die erste, mit der man Autos über eine Smartwatch bedienen kann, aber die erste, mit der man Sprachbefehle an sein Auto sendet. Schon im Frühjahr soll die Sprachfunktion bei den Volvo-Modellen, ab dem Baujahr 2012, möglich sein.

  • TWITTER SPIEGEL ONLINE: Twitter: 140 Zeichen Grenze soll offenbar 10.000 Zeichen weichen: 140 Zeichen reichen nicht. Twitter ist dabei, die 140-Zeichen-Grenze von Tweets aufzuheben und diese auf 10.000 Zeichen zu erhöhen. Jack Dorsey begründete, dass die derzeitigen Tweets bereits umgangen werden, indem viele Nutzer Screenshots von längeren Texten posten. Das Verhalten der Nutzer beobachte er schon seit längerem. Wie es heißt, würde sich an der Darstellung der Nachrichten nichts ändern, da sie dennoch in Kurzform angezeigt und sich erst bei einem Klick auf die Meldung komplett öffnen würden.

  • FACEBOOK t3n: Ohne Google: Facebook arbeitet an Notfallplan für Android-App: Facebook hat anscheinend für alles eine Lösung. So auch für den eventuellen Rauswurf der Facebook App aus dem Google Play Store. Zwar ist davon bislang noch nicht die Rede, jedoch ist nicht zu vergessen, dass Google und Facebook Kontrahenten sind und sich jeder um sich selbst kümmert. Für diesen Fall versucht Facebook jetzt verschiedene Wege zu finden, um die App weiterhin bereitstellen zu können, sollte der Fall eines Rauswurfs eintreten. Neben vielen Ideen besteht unter anderem die Option, dass das soziale Netzwerk mit Smartphone-Herstellern kooperiert, damit diese die Anwendung auf den Geräten schon vorinstallieren können.

  • WAHLKAMPFSPOT FOCUS Online: Donald Trump: Wahlkampfspot verwechselt Mexiko mit Marokko: Bei der US-Präsidentschaftskandidatur steht Donald Trump derzeit an der Spitze. Mit seinen provozierenden Äußerungen erlangt er stets die Aufmerksamkeit der Wähler. So auch in einem Fernsehspot, wofür er eine Menge Kritik einstecken musste. Denn in diesem Spot wetterte Trump gegen Einwanderer aus Mexiko und zeigte stattdessen Bilder von Menschen aus Marokko. Das Wahlkampfteam von Trump jedoch wehrte sich gegen die Kritik der Wähler und erklärte, dass man die Bilder “bewusst” ausgewählt habe.

  • ELEKTROAUTOS heise online: Umfrage: Großes Interesse an Elektroautos in Deutschland: Wie eine Bitkom-Studie ergab, interessieren sich rund 69 Prozent der Deutschen für Elektroautos – allerdings gibt es ein paar Bedingungen, die erfüllt werden müssen. Die Akkuleistung sollte, laut den Befragten, genauso lange anhalten wie eine normale Tankfüllung. Auch der Preis spielt eine große Rolle und ebenso der Komfort, auf den viele Autofahrer nicht verzichten möchten. Der Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder schließt aus diesen Ergebnissen jedoch, dass die Verbraucher durchaus offen für E-Autos sind.

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Das Coworking-Ranking von twago ist Unsinn. Grober Unsinn!

Coworking (Image by geralt [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Welches ist das beste Coworking Space Deutschlands? Ein Ranking des Freelancer-Marktplatzes twago will darüber Auskunft geben, doch die Erhebung ist genauso nicht repräsentativ wie irreführend.

Ein vergleichendes Ranking von Coworking Spaces ist nicht per se falsch, denn das gesellschaftspolitische Gestaltungsprinzip der Gegenwart ist nun einmal der Wettbewerb; Coworking Spaces könnten aus solchen Vergleichen lernen. Das Ranking von twago ist aber keine verlässliche Entscheidungshilfe, denn wesentliche Faktoren, die die Qualität eines Coworking Spaces ausdrücken, wurden nicht abgefragt. Von erheblichen methodischen Schwäche zu reden, auch aufgrund der ungeklärten Selektivität der Befragten, wäre schon eine Übertreibung.


tl;dr: Das Coworking-Ranking von twago ist irreführender Unsinn. twago missbraucht den Begriff Coworking für billige PR, um seinen Freelancer-Report zu bewerben.


twago missbraucht den Begriff Coworking

Auf dem Online-Marktplatz twago können Freelancer ihre Dienste anbieten, der diese wiederum an Auftraggeber vermittelt. Nach eigenen Angaben haben Kunden von twago somit Zugriff auf fast 255.000 Experten aus über 190 Ländern, unter anderem Deutschland. Viele Freelancer arbeiten in Coworking Spaces, ist dieser sogenannte vierte Raum der Arbeit doch meistens die beste Verbindung der Vorteile des ersten Raums der Arbeit, dem Zuhause, mit denen des dritten Raums der Arbeit, dem Café (mit WLAN und Steckdose). Zur Vervollständigung sei gesagt, dass in diesem Bild von Arbeitsplätzen der Industriearbeitsplatz in einer Fabrik oder einem Büro den zweiten Raum der Arbeit darstellt.

Es ist anzunehmen, dass viele Freelancer, die ihre Dienste bei twago anbieten, auch in einem Coworking Space arbeiten, also eine Meinung zu diesem Raum der Arbeit haben. Sie nach den besten Coworking Spaces Deutschlands zu fragen, scheint naheliegend. Dass das Thema Coworking für twago relevant ist, arbeiten doch wahrscheinlich hier die meisten der Nutzer, ist auch nachvollziehbar. Thomas Jajeh, Gründer und Geschäftsführer von twago, lässt sich in der Pressemitteilung zum Start der Umfrage auch mit einer Aussage zitieren, die ein Verständnis für Coworking andeutet:

Coworking Spaces werden in Zukunft in unseren Großstädten noch wesentlich stärker zu Innovationskraft und Wirtschaftswachstum beitragen. Sie bieten kreativen Raum, Austausch, Zugang zu Netzwerken und eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Nicht umsonst suchen sowohl stark wachsende Startups als auch Großkonzerne die Nähe zu Coworking Spaces.

Trotzdem ist meiner Meinung nach alles an dieser Umfrage, dem Ranking und der Berichterstattung darüber Unsinn. Und das ist in einer entscheidenden Phase für der Coworking-Bewegung eher schädigend als nützlich. Schon jetzt wird der Begriff als Buzzword vom Marketing missbräuchlich genutzt. Nicht alles, was sich in Anzeigen oder an Klingelschildern Coworking nennt, ist auch wirklich Coworking. Oft handelt es sich nur um Arbeitsplätze vermietende Anbieter von Bürofläche. Mit Coworking, der Zusammenarbeit und Vernetzung innerhalb einer Community, hat das nichts zu tun.

Genauso wenig wie twagos Umfrage und Ranking, denn eigentlich geht es dem Unternehmen nur um die Erwähnung des eigenen Freelancer-Reports, der, vollkommen losgelöst vom Thema, ebenfalls in der Pressemitteilung erwähnt wurde, und der mit twagos eigentlichem Geschäftsmodell Outsourcing wesentlich mehr zu tun hat als Coworking:

twago veröffentlicht neben den besten Coworking Spaces Deutschlands quartalsweise den twago Freelancer-Report. Bei der Untersuchung werden regelmäßig die in den Ausschreibungen geforderten IT- und Web-Fähigkeiten analysiert, ebenso wie die mit bestimmten Content-Management- und Shop-Systemen verbundenen Programmier-Skills. Ein weiterer Fokus liegt auf der Untersuchung der deutschen und europäischen Städte, in denen Freelancer ansässig sind.

Erhebliche methodische Schwächen

Von einer Suche kann man auch nicht wirklich sprechen, denn die Umfrage ist methodisch unhaltbar. In den Artikeln von Jürgen Stüber auf Morgenpost.de oder Lea Weitekamp auf t3n.de liest man leider keine kritische Bewertung dazu. Weitekamp erwähnt die Art der Erhebung nur in einem Nebensatz, Stüber übernimmt die Formulierung beinahe unverändert aus der Pressemitteilung:

Die Abstimmung lief von Mitte November bis Mitte Dezember auf twago.de. Tausende Befragte gaben gültige Stimmen ab. Jeder Coworking Space konnte mit 0 bis 5 Punkten bewertet werden, wobei die Befragten alle Coworking Spaces bewerten konnten, die sie kennen.

Laut Angaben der twago betreuenden PR-Agentur bedeutet “tausende Befragte” ein mittlerer vierstelliger Bereich an gültigen Stimmen, aber genaue Angaben konnte man auf telefonische Nachfrage unserer Redaktion auch nicht machen. Von der Quantität der Stimmen scheint das in Ordnung zu sein, aber die Qualität der Aussagen ist an sich überhaupt nicht vorhanden. Wenn die Person, die sich diese Umfrage ausgedacht hat, oder die darüber schreibenden Journalisten auch nur mal einen Tag in einem Coworking Space verbracht hätten, wäre das allen klar gewesen. Es wurden einige Spaces angeschrieben, aber längst nicht alle, und twago verbreitete die Befragung auch nur über eigene Kanäle, die in der Quantität zumindest überschaubar sind.

Man kann ein Coworking Space nicht mit 0 bis 5 Punkten bewerten. Dass alle in der Pressemitteilung gelisteten Coworking Spaces zwischen 3,65 und 4,3 Punkten liegen, zeigt, wie schwer es ist, einen Unterschied mit dieser Art der Bewertung zu schaffen. Ich bin diesen Sommer mit meiner Freundin zwei Monate durch Coworking Spaces in ganz Europa gereist. In unseren Auswertungen fanden wir kein Coworking Space schlecht, auch wenn keines wie das andere war. Eine verlässliche Bewertung ist deshalb nicht möglich, besonders nicht zwischen 0 und 5 Punkten.

Man kann fragen, ob der Kaffee in einem Coworking Space gut oder sogar umsonst ist, wie die Lautstärke im Space ist, welche Tätigkeiten die anderen Coworker ausüben, ob es gemeinsame Abende gibt oder nach welchen Regeln die Community zusammengesetzt wird, vielleicht auch ob es Kindergärten, Supermärkte und Banken im Umfeld gibt. All das und noch mehr macht ein Coworking Space aus. Am Ende ist es eine persönliche Entscheidung, in welchem Space man sich wohl fühlt. Mit einer Zahl kann man diese komplexe Entscheidung nicht ausdrücken. Viele Coworking Spaces bieten deshalb Probetage an, damit man sich einen persönlichen Eindruck machen kann.

Irreführendes Ranking

Deshalb sagt das Ranking auch überhaupt nichts über die Qualität eines Coworking Space aus. Die meisten der aufgelisteten Coworking Spaces kenne ich persönlich und sie sind wirklich toll. Trotzdem wäre nicht jedes ein für mich geeigneter Arbeitsplatz. Das Ranking ist aufgrund unbekannter Rücklaufquoten, der nicht bekannten Fallzahlen und der fehlenden Repräsentativität eher Ausdruck unkontrollierter Willkürlichkeit zum Zwecke der PR, als eine verlässliche Entscheidungshilfe.

Wenn man wirklich Interesse an einem Coworking Space hat, sollte man sich auf die Suche machen und dabei Sorgfalt walten lassen. Für die meisten Menschen sollte der Weg zur Arbeit nicht länger als 20 Minuten sein. Das macht die Suche nach einem Coworking Space in Deutschland schon kompliziert, denn mit Ausnahme von Berlin ist die Dichte an Coworking Spaces noch nicht sehr hoch. Auch gibt es noch keine verlässliche Datenbank an Coworking Spaces. Die von twago aufgelisteten Coworking Spaces für meinen Wohnbezirk Friedrichshain kenne ich beispielsweise alle nicht. Dafür ist kein einziges Coworking Space aufgelistet, das ich kenne. Während man in München, Leipzig, Köln oder Hamburg noch einen Überblick über die Coworking-Szene haben kann, ist dies in Berlin nahezu unmöglich.

Winston Churchill wird fälschlicherweise die Aussage zugeschrieben, “Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.”, auch wenn dies aller Wahrscheinlichkeit nach eine Erfindung von Joseph Goebbels oder aus seinem Propagandaministerium war, um Churchill als Lügner hinzustellen. Trotzdem ist darin ein Funken Wahrheit enthalten, den man sich bei der Suche nach einem Coworking Space zu Herzen nehmen sollte. Trauen Sie keinen Rankings, Statistiken, Datenbanken etc., sondern machen Sie sich selber vor Ort einen Eindruck. Ein Coworking Space kann ein Arbeitsplatz sein, an dem man sich genauso wohlfühlt wie in seinem eigenen Zuhause oder einem schicken Café. Und da niemand von uns willkürlich Lokale oder seine Wohnung aussucht, bedarf es bei der Suche nach einem Coworking Space der gleichen Gründlichkeit.

Tobias Schwarz ist nicht nur Leiter von Netzpiloten.de, sondern arbeitet seit Jahren von verschiedenen Berliner Coworking Spaces aus. Er ist Mitgründer der German Coworking Federation, deren Gründungsvorstand er angehört, und besucht seit anderthalb Jahren Coworking Spaces in ganz Europa.


Image “Coworking” by geralt (CC0 Public Domain)


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5 Lesetipps für den 17. Dezember

In unseren Lesetipps geht es heute um die Whatsapp Blockade, Hasskommentare im Netz, den Suchbegriff des Jahres, Facebook und die Klarnamenregel und um automatische Werbung. Ergänzungen erwünscht.

  • WHATSAPP heise online: WhatsApp: Brasilianische Justiz ordnet Blockade an: Durch ein Strafverfahren, bei dem Whatsapp nicht kooperieren wollte, wird der Nachrichtendienst in Brasilien vorerst nicht verfügbar sein. Alle Telefongesellschaften wurden jetzt von einem Gericht in São Bernardo do Campo dazu aufgefordert, den Anbieter für 48 Stunden zu sperren. Die Umsetzung dieser Blockade ist jedoch fragwürdig, da schon im Februar eine von einem Richter veranlasste landesweite Sperre von einer Berufungsinstanz zurückgewiesen wurde. Sollte dies doch Umgesetzt werden, dürfte das die Nutzer in Brasilien ziemlich verärgern, denn sie gelten als die weltweit meisten Nutzer des Dienstes Whatsapp.

  • HASSKOMMENTARE ejo-online: Hass im Netz – Die Macht der Onlinekommentare: Dass sich die Anzahl an Hasskommentaren in den sozialen Netzwerken schnell vermehrt und verbreitet, steht außer Frage. Doch wie wirken sich diese Art der Kommentare auf die Emotionen und die Einstellung der Leser aus? Charlotta Nardi hat sich damit in ihrer Bachelorarbeit beschäftigt. Publizierte Meinungen zeichnen sich häufig dadurch aus, dass sie oft unsachlich und vor allem beleidigend sind. Die Folgen sind für die Beteiligten oft negativ. Doch nicht nur das. Auch für den offenen Meinungsaustausch im Netz, ist dieser schädliche Umgangston – oder auch das “inzivile” Verhalten – sehr schädlich.

  • GOOGLE FOCUS Online: Google-Suchbegriff des Jahres: “Sonnenfinsternis” am häufigsten gegoogelt: Gerade in diesem bewegten Jahr hätte vermutlich keiner damit gerechnet, dass ausgerechnet ein Naturereignis das am meisten gegooglte Wort des Jahres 2015 ist: Sonnenfinsternis. Kurz danach wurde nach den Worten Paris, Pegida und Flugzeugabsturz gesucht. Außerdem befinden sich in den “Top 10” Griechenland und Charlie Hebdo. Vermehrt ist in diesem Jahr auch der Trend aufgefallen, in dem nach Antworten zur Orientierung im Alltag gesucht wurde. Etwa nach dem Sinn des Lebens oder warum der Himmel blau ist.

  • KLARNAMENREGEL Golem.de: Soziales Netz: Facebook überarbeitet Klarnamenregeln – ein bisschen: Auf Facebook herrscht die Regel, dass jeder angemeldete Nutzer sich mit seinem echten Namen anmelden muss – die sogenannte Klarnamenregel. Einige Nutzer sind davon jedoch nicht begeistert und äußern Kritik. Allerdings versucht das soziale Netzwerk jetzt einen Schritt auf diejenigen zu zugehen, die sich mit einem Pseudonym anmelden möchten, um sich selber zu schützen, etwa vor Stalker oder wenn sie akute Probleme mit ihrem Namen haben. Diese Nutzer haben jetzt die Möglichkeit Facebook den Grund des Pseudonyms mitzuteilen. So kann die Plattform am besten entscheiden, oder es sich um einen Ausnahmefall handelt oder nicht. Bislang sind die Änderungen aber allerdings nur in den USA verfügbar.

  • WERBUNG DIE WELT: BGH rügt Werbung in automatischen Antwortmails von Firmen: In Zukunft dürfen Unternehmen nicht mehr so einfach unerwünschte E-Mails und automatische Antworten an Kunden verschicken, ehe die nicht ihr Einverständnis dazu geäußert haben. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden. Ein Mann hatte gegen die Stuttgarter Sparkassen Versicherung geklagt und Recht bekommen. Er hatte in der ihm zugesandten automatischen Werbung eine unzumutbare Belästigung gesehen und fühlte sich einer unpersönlichen Maschinerie ausgeliefert.

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5 Lesetipps für den 11. November

In unseren Lesetipps geht es heute um einen geschmacklosen Tweet über Helmut Schmidt, Facebook und eine drohende Strafe, zwei Pilotprojekte, Google About me und eine Bombendrohung bei Microsoft. Ergänzungen erwünscht.

  • HELMUT SCHMIDT DIE WELT: Empörung über Steinbachs (CDU) Helmut-Schmidt-Tweet zu Migranten: Die CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach sorgte für einen großen Aufreger, denn kurz nach dem Tod von Altkanzler Helmut Schmidt veröffentlichte sie einen Tweet, der alles andere als gut ankam. “Altkanzler Helmut Schmidt ist tot. Wir haben in unserer Fraktionssitzung seiner in Respekt gedacht”, schreibt sie unter ein Foto von Schmidt, welches sie ebenfalls ins Netz gestellt hat, und folgendem Text beinhaltet: “Wir können nicht mehr Ausländer verdauen, das gibt Mord und Totschlag”. Angeblich die Worte von Schmidt auf einer DGB-Veranstaltung 1981. Von vielen Seiten erntete die 72-Jährige dafür viel Kritik, unter anderem bezeichnete man sie als anstandslos. Sie ist sich jedoch keiner Schuld bewusst und zieht auch nicht in Erwägung, diese Nachricht wieder zu löschen.

  • FACEBOOK SPIEGEL ONLINE: Facebook droht Strafe: Cookie speichert Daten von Nicht-Mitgliedern: Ein umstrittener Identitäts-Cookie namens Datr, sorgt derzeit für große Aufregung. Ein belgisches Gericht hatte Facebook untersagt, weiterhin Daten von Facebook-Nicht-Mitgliedern zu sammeln. Das soziale Netzwerk speichert eine kleine Datei im Browser der Nutzer und sammelt so Informationen über ihr Verhalten auf Seiten mit dem Like-Button. Allerdings weist Facebook diese Kritik zurück, denn angeblich sei der Cookie dafür da, um falsche Profile herauszufiltern und somit Cyberattacken zu verhindern. Die Frage ist nur, wer in diesem Fall richtig liegt.

  • PROJEKTE heise online: Mobilfunk im Auto soll Unfälle verhindern: Das Autofahren soll sicherer werden und das anhand von untereinander kommunizierenden Autos. Auf der Überholspur sollen die Fahrer in Zukunft gewarnt werden, wenn ein Auto von zwei LKWs verdeckt wird und plötzlich nach links ausscheren möchte, aber auch der Ausscherende wird gewarnt, dass ein anderes Auto sich auf der selben Spur aufhält. Außerdem gibt es die Idee Bremsvorgänge auch an weiter hinten fahrende Fahrzeuge zu senden, um auch hier mehr Sicherheit zu gewähren. Diese zwei Pilotprojekte wurden am Montag auf der A9 in Bayern vorgestellt.

  • GOOGLE GWB: Google About me: Neuer Anlauf für ein zentrales Nutzerprofil dürfte das Google Profil ablösen: “Google+” weg und “Google About me” her? Google+ konnte sich unter den angebotenen sozialen Plattformen nicht großartig durchsetzen und wird daher nicht mehr lange existieren. Mit Google About me soll ein neuer Anlauf gestartet werden, nur handelt es sich hier allerdings bloß um eine neue Bezeichnung für Google+ und die Inhalte und Funktionen bleiben ebenfalls gleich. Die Darstellung des neuen Profils ist bislang noch nicht sehr übersichtlich, daher wird es noch ein bisschen dauern, bis Google+ abgeschaltet und durch die neue Seite Google About me ausgetauscht wird. Man darf gespannt sein, ob es nicht doch noch ein paar Überraschungen bereit halten wird.

  • MICROSOFT Abendzeitung München: Zentrale in Unterschleißheim: Entwarnung nach Bombendrohung bei Microsoft – München: In der Microsoft-Zentrale in Unterschleißheim hatte es am Dienstag eine Bombendrohung gegeben. Gegen Mittag gab es einen ernstzunehmenden Drohanruf, woraufhin ca. 1.800 Mitarbeiter das Gebäude verlassen mussten. Nachdem die Polizei mit Sprengstoffhunden das Gebäude nach möglichen Gefahren durchsuchte, konnte diese allerdings wieder Entwarnung geben. Angeblich handelte es sich bei dieser Bombendrohung lediglich um einen ärgerlichen Scherzanruf.

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Webseitenbetreiber ohne Netz und doppelten Boden

Justitia (adapted) (Image by Markus Daams [CC BY 2.0] via flickr)

Betreiber von Internetportalen als auch Foren können einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) zufolge für beleidigende Kommentare ihrer Nutzer zur vollen Verantwortung gezogen werden. Der EGMR wies am 10. Oktober erstmals in einem solchen Fall die Klage eines großen News-Portals aus Estland zurück. Laut dem Straßburger Urteil ist die Wahrung der Persönlichkeitsrechte im Vergleich zur Meinungsfreiheit vorrangig zu behandeln. Auch der Fall eines Forums aus Wurzbach am Rande des thüringischen Frankenwaldes wird wohl den Weg bis hinauf in die höchste deutsche Instanz nehmen. Die Chancen des verklagten Administrators stehen dabei eher schlecht.

Es war einmal. So fangen seit Menschengedenken alle guten Geschichten an. Es begab sich also eines schönen Tages, dass sich die leitenden Mitarbeiter einer Hamburger Kanzlei an den Ausführungen eines Anti-Abmahnforums aus Thüringen störten. Bereits Anfang April bemängelte man per E-Mail, dass ein Bereich des Forums sogar den Namen der Kanzlei trägt. Nachdem es zu keiner Einigung kam, erfolgte eine Abmahnung gegen den Betreiber des Forums, Steffen Heintsch. Pikanterweise vertrat sich die Rechtsanwaltskanzlei in diesem Streitfall anfangs selbst und legte den Gegenstandswert auf 25.000 Euro fest. 1.049,00 Euro wurden laut Kostennote fällig. Weil sich der Betroffene wehrte, wurde per Eilverfahren vor dem Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung (EV) gegen Herrn Heintsch erwirkt. Eine weitere sollte noch folgen.

Webseitenbetreiber sind haftbar, selbst wenn sie nichts getan haben

Jeder Blogger weiß, dass man laut Telemediengesetz (TMG) für die Inhalte seiner Website geradestehen muss. Genau deswegen sieht die Impressumspflicht laut TMG vor, dass es überall im deutschen Web eine ladungsfähige Adresse des Betreibers geben muss. Der EGMR bestätigte am 10. Oktober in einem Urteil, dass die Betreiber von Webseiten auch in vollem Umfang für die Beleidigungen ihrer Nutzer haftbar gemacht werden können. Im vorliegenden Fall muss die Betreibergesellschaft des estländischen Portals eine Geldstrafe wegen anonym ausgesprochener Drohungen und Beleidigungen zahlen. Noch kann gegen das Straßburger Urteil des EGMR Einspruch erhoben werden. Erst nach Ablauf der Frist ist es rechtskräftig.

Leider wurde in Straßburg ein Fall verhandelt, der sich tagtäglich überall im Web wiederholt. Manche Menschen neigen offenbar dazu, sich hinter ihrem Pseudonym regelrecht zu verstecken. Auf der Straße würden sie so wohl niemals mit ihren Mitmenschen umgehen. Kaum sitzen sie am PC und ihre Identität ist geschützt, verlieren sie ihre guten Manieren und ihren Anstand. Leider denken viel zu wenig Nutzer darüber nach, dass bei ihren anonymen Postings ein Dritter seinen Kopf für ihre Beleidigungen hinhalten muss. Werden Aussagen wegen der Verletzung des Persönlichkeitsrechts von einem Moderator gelöscht, ist schnell von Zensur die Rede. Im Internet gelten aber die gleichen Regeln wie im echten Leben. Dort werden nicht nur, wie vor dem EGMR verhandelt, die Betreiber von Fährschiffen diffamiert, sondern wirklich jedermann. So auch Firmen und deren Rechtsanwaltskanzleien, die Abmahnungen wegen Urheberrechtsverletzungen verschicken.

Die Angst um den guten Ruf

Obwohl die Hamburger Kanzlei Schulenberg & Schenk Rechtsanwälte GbR (S & S) in der Vergangenheit nachweislich für mindestens 22 verschiedene Auftraggeber der Erotikbranche Abmahnungen verschickte, wollte man im Forum der Abmahnwahn-Dreipage nicht als Abmahnkanzlei bezeichnet werden. Zumindest der Vorwurf der Rufschädigung musste vor dem Berliner Landgericht nicht verhandelt werden. Im Gegensatz zur kostenpflichtigen Abmahnung verzichtete der Kläger vor Gericht auf diesen Punkt.

Ferner wurde Betreiber Steffen Heintsch vorgeworfen, man habe auf den eigenen Seiten eine Rechtsberatung durchgeführt. Ein anonymer Nutzer hatte sich erkundigt, ob eine Abmahnung von S & S schon verjährt sei, oder er die Mahnung eines Inkassobüros noch begleichen müsse. Das ging den Anwälten von der Außenalster dann doch zu weit. Allgemeine Informationen zu juristischen Zusammenhängen seien durchaus okay. Aber die Fragen eines Nutzers in Bezug auf einen konkreten Fall hätte man dort nicht beantworten dürfen. Das Problem: Mit Antworten auf juristische Fragestellungen muss man hierzulande sehr vorsichtig sein. Eine Rechtsberatung dürfen in Deutschland nur Juristen durchführen. Dafür braucht es eine Erlaubnis nach dem Rechtsdienstleistungsgesetz, die Heintsch & Co. selbstredend nicht erteilt wurde.

Doch S & S hatte noch mehr Patronen im Gürtel. Dem Watchdog der Abmahner aus der thüringischen Kleinstadt wurde in der Einstweiligen Verfügung vorgeworfen, er habe gegen das Wettbewerbsrecht verstoßen. Als Betreiber des Forums sei er in direkte Konkurrenz zu diversen Rechtsanwaltskanzleien getreten. Diesen Punkt lehnte das LG Berlin in seinem Urteil vom 30.8.2013 aber ab. Eine geschäftliche Handlung liege nicht vor, weil mit dem kostenlosen Forum keinerlei Umsätze erzielt wurden. Zwar wird dort für mehrere Anwälte geworben, diese gaben aber im Vorfeld zu Protokoll, dass ihre Werbung ohne jegliche Gegenleistung erfolgte. Wer sein Wissen verschenkt, kann zumindest nicht gegen das Wettbewerbsrecht verstoßen.

Der vermeintliche Verstoß des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) hatte zudem einige kundige Beobachter erstaunt. Wenn sich ein Jurist, der regelmäßig gegen Bezahlung Filesharer vertritt, an der kostenlosen Konkurrenz aus dem Web stört, so würde das wohl kaum jemanden verwundern. Jeder kann aber mithilfe der Suchmaschinen in wenigen Sekunden herausfinden, dass S & S in vielen Fällen die Gegenseite vertreten hat. Von daher ist fraglich, ob sich ein Betroffener ausgerechnet eine Kanzlei aussuchen würde, die häufig im Auftrag der abmahnenden Rechteinhaber tätig war. Offenbar ist man vor Gericht zu einem ganz ähnlichen Ergebnis gekommen, weswegen dieser Vorwurf vom LG abgelehnt wurde. Die einstweilige Verfügung wegen der unerlaubten Rechtsberatung bleibt aber bestehen.

Ende aus, Mickey Mouse?

Noch lange nicht. Obwohl eigentlich kein Grund zur Eile vorlag, wurde eine weitere Einstweilige Verfügung (97 O 75/13 ) vor dem Landgericht Berlin erwirkt. Erneut ging es dabei um den Verstoß gegen das UWG und die Rolle des Forums als Mitwettbewerber. Auch störte man sich an der Berichterstattung von Steffen Heintsch. Dieser hatte das Urteil der Berliner Richter in seinem Blog öffentlich als „Schmarrn“ bezeichnet. Dies ist nach Auffassung des Klägers eine „unzulässige Herabsetzung“ der Kanzlei, obwohl die Handlungen von S & S nicht Gegenstand des Blogbeitrages waren, sondern die Berliner Landesrichter.

Gegen den Ausgang der ersten EV (Az 103 O 60/13 ) will Steffen Heintsch notfalls bis zur höchsten Instanz gehen. Er will ein für allemal klären, ob man sich in Deutschland nach gültigem Recht den Mund verbieten lassen darf. Auch bezweifelt Heintsch in beiden Fällen, dass tatsächlich eine Eilbedürftigkeit vorlag. Eine einstweilige Verfügung wird vor Gericht nur in besonders dringenden Fällen eingereicht.

Die Lösung wäre so naheliegend, oder etwa nicht?

Rechtlich gesehen kommt es auf das Gleiche heraus, ob die Betreibergesellschaft eines großen estländischen Nachrichtenportals oder eine Privatperson aus Thüringen belangt wird. Die Urteile in Straßburg und Berlin sollen vielmehr eines klarstellen: Wer anonyme Meinungsäußerungen Dritter auf seiner Internet-Plattform ermöglicht, muss dafür geradestehen. Die naheliegende Lösung wäre es also, die Server dorthin zu verlegen, wo derartige Gesetze erst gar nicht existieren. Doch genau das will Steffen Heintsch nicht. Wenn überhaupt, will er das Forum ganz offiziell unter seinem Namen auf deutschem Boden betreiben. Von einem Versteckspiel hält er nichts.

Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen?

Die Berichte einiger Filesharing-Anwälte lassen das Verfahren nun in einem ganz neuen Licht erstrahlen: Die Rechtsanwälte Stepahn R. Schulenberg LL.M. Eur und Andre Schenk LL.M. Eur. firmieren nämlich jetzt auch unter dem Namen Kanzlei c-Law GbR (©-Law GbR). Die kürzlich aufgetauchten Abmahnungen der c-Law GbR sind mit den früheren Schreiben der Kanzlei S & S identisch. In Hamburg hat offenbar eine strikte Trennung zwischen den Pornoabmahnungen und den sonstigen Tätigkeiten stattgefunden. Die c-Law GbR konzentriert sich seit ihrer Gründung offenbar voll und ganz auf die Verteidigung von Werken, wie „Voll in den Arsch – Teil 2“, „Meli schluckt zum 1. Mal“ und vergleichbare Filmwerke. S & S verfolgt andere Rechtsverletzungen, bei denen keine negative Berichterstattung zu erwarten ist. Fachanwalt Jan Gerth bezeichnet den Vorgang als Anwaltsoutsourcing: „Das Spiel mit der Namensänderung oder besser Namensanpassung ist nicht neu. Schon der Rechtsanwalt Peter Nümann hatte in der Mitte des Jahres das Abmahngeschäft von der Kanzlei Nümann & Lang aus Karlsruhe auf die Kanzlei Copyright Defense Rechtsanwälte, kurz CODE Rechtsanwälte GbR verlagert. Davor hatten schon die Rechtsanwälte Frederick Bockslaff und Jacob Scheffen zwei Kanzleinamen etabliert. Einen für das einträgliche aber wenig angesehene Abmahngeschäft: Nimrod Rechtsanwälte Bockslaff & Scheffen Rechtsanwälte GbR und einmal die seriöse Verismo Legal Rechtsanwälte Bockslaff Scheffen GbR.

Diverse Anwälte dürften sich gefreut haben, als das Moderatoren-Team von gulli.com im Januar 2013 den Abmahn-Laberthread schloss. Auch der zweite große Treffpunkt für Abgemahnte wurde nach dem Eingang mehrerer Schreiben von netzwelt.de abrupt entfernt. Hier reichte die Schließung offenbar nicht aus, alle Inhalte dieses Bereichs wurden einfach ohne Vorwarnung gelöscht. Diverse Links zu Anleitungen im Umgang mit den kostenpflichtigen Schreiben führen jetzt ins Nirwana. Ein netzwelt-User mutmaßt, die vielen hilfreichen Informationen könnten für einen bestimmten Personenkreis „ein Dorn im Auge sein“.

Seit der Löschung gibt es mit Ausnahme der Anwälte nur noch einen großen Anbieter, der vollumfänglich und unzensiert über derartige Neuerungen berichtet: die Abmahnwahn-Dreipage. Und auch das möglicherweise nur noch so lange, bis die Verfahren vor höchster Instanz zu einem Ende gekommen sind. Ein lukratives Vergleichsangebot wurden von Steffen Heintsch, der als eher stur und unbelehrbar gilt, bis dato abgelehnt. Er will sich nicht einigen. Er will endlich wissen, was Recht und Unrecht ist.

Dumm ist nur, dass ihn kein Netz vor einem Sturz in den finanziellen Abgrund retten würde. Gut laufende Kanzleien haben sich im Laufe der Jahre eine finanzielle „Kriegskasse“ erarbeitet, die sie für Grundsatzentscheidungen in Anspruch nehmen können. Dieses Glück hatte der Forenbetreiber aus Wurzbach nicht. Im schlimmsten Fall kommen auf ihn Kosten von 8.000 Euro und mehr zu. Heintsch kommentiert: „Ich werde jedenfalls diesen Rechtsstreit mit meinem Rechtsanwalt, bis zum bitteren Ende ausfechten. Und wenn ich sprichwörtlich Wasser trinke und trocken Brot esse bzw. Privatinsolvenz beantragen muss! Das mache ich für mich, für den Kampf gegen die Auswüchse des Abmahnwahn und für alle Engagierten und Hilfesuchenden. Sicherlich muss ich nicht erwähnen das hierzu keine Spenden ins Leben gerufen, noch irgendwelche Spendengelder angenommen werden. @anschi hat schon Recht, es ist meine Dummheit als Forenbetreiber und mein ureigenes Problem!


Image (adapted) „Justitia“ by Markus Daams (CC BY 2.0)


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Journalismus ist nicht schön. Schade, Blendle.

Beauty is forever (image by J Dub [CC BY 2.0] via flickr)

Anfang des Jahres ging ich an einer Buchhandlung in Berlin-Mitte vorbei und entdeckte ein mir unbekanntes Buch von Jerome D. Salinger?—?“Die jungen Leute”. Es ist eine zweiundvierzigseitige Sammlung von drei bisher nicht auf Deutsch veröffentlichten Kurzgeschichten. Preis 14,99 Euro. Die Geschichten sind unterhaltsam, zeigen einen frühen Salinger, noch nicht den von “Franny and Zooey”, trotzdem musste ich kurz über den Preis und sein Verhältnis zur Ware nachdenken.

Fast 15 Euro für nur 42 Seiten, die sich viel zu schnell durchlesen ließen, erschienen mir kurz wie kein gutes Angebot. Für die Ausgabe von “Der stille Don” aus dem Jahr 1967 zahlte ich vor ein paar Jahren keine 20 Euro und dabei handelt es sich um mehr als 1.800 Seiten russische Literatur. Scholochow ist wirklich nichts für kurz angebundene Gemüter, aber damals war ich auch noch nicht so oft online wie heute. Ich brauchte trotzdem rund zwei Jahre für sein Werk.

Warum schreibe ich über Literatur, wenn der Titel des Beitrags wie ein Rant über den neuen Liebling der deutschen Presseverlage klingt? Ich glaube, dass Blendle auf das falsche Pferd setzt?—?Literatur statt Journalismus wäre wohl die klügere Wahl gewesen. Denn langfristig hat der deutschsprachige Journalismus nicht die gleiche Qualität wie ein Essay oder eine Kurzgeschichte, für die ich, im Gegensatz zu Informationen, offensichtlich immer noch sehr viel Geld ausgeben würde.

Was Verlage bei Blendle anbieten ist das Geld nicht wert. Es sind nur Informationen. Ich habe in den letzten fünf Jahren bei höchstens fünf Artikeln gedacht (davon waren noch nicht einmal alle auf Deutsch), dass ich diese noch einmal lesen möchte, und vielleicht noch einmal, sie mir sogar ausdrucken könnte und wohl behütet aufheben würde. Journalismus ist selten schön und leider gehörte Qualität zu den ersten Opfern der vielen Einsparungen in Redaktionen. In Schönheit wird der Journalismus sicherlich nicht sterben (er wird sowieso überhaupt nicht sterben).

Um aber einen Artikel anbieten zu können, denn man ähnlich wie ein Lied besitzen und konsumieren möchte, wodurch auch Blendle dem eigentlich sehr unpassenden Vergleich als “iTunes für Journalismus” etwas gerechter werden würde, müssten die Verlage Content neu gestalten. Am besten von Autoren und nicht meldungsverliebten Journalisten verfassen lassen. Das kostet aber Geld und ich sehe es nicht kommen, dass Verlage diesen Schwenk machen. Sie werden bei Blendle einfach das alles abladen, was sie sowieso an Inhalten haben.

Es mag Geschmackssache sein, wann ein Artikel als sein Geld wert betrachtet wird. Die bisherigen Beiträge der Verlage sind es meiner Meinung nach nicht. Wer das anders sieht, möge bitte einen gekauften Artikel noch einmal in einem Monat, in drei und in sechs Monaten lesen und für sich bewerten, ob dieser Beitrag immer noch sein Geld wert war, ob man diesen Artikel immer noch aufheben muss oder ob das nur Journalismus war und jetzt weg kann.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Medium.com und steht unter CC BY-ND 4.0.


Teaser & Image “Beauty Is Forever” by J Dub (CC BY 2.0)


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Französische Datenschutz-Behörde rügt 13 Dating-Websites

an evening playing 'smartphone' pub quiz with the exeter twitterati! (adapted) (Image by Phil Campbell [CC BY 2.0] via Flickr)

Die Commission nationale de l’informatique et des libertés (CNIL), die nationale Datenschutzbehörde von Frankreich, hat einen Bericht veröffentlicht, indem 13 französische Dating-Websites aufgelistet sind, die aufgrund ihrer kritikwürdigen Verwendung von Nutzerdaten eine Verwarnung erhielten. Doch der missbräuchliche Umgang mit Nutzerdaten ist ein größeres Problem als der Bericht es vermuten lässt.

Im Rahmen der Veröffentlichung erklärte die CNIL, dass insgesamt acht Unternehmen, die in Frankreich 13 Dating-Websites betreiben, untersucht wurden und die CNIL festgestellt habe, dass diese Unternehmen mehrere Gesetze im Bezug auf den Datenschutz gebrochen haben.

Unter den beanstandeten Vergehen befanden sich:

  1. Nutzer wurden nicht explizit über die Speicherung von sensiblen Daten benachrichtigt, welche ihre Vorlieben innerhalb des Schlafzimmers, religiöse Einstellungen und politische Meinungen enthielten.

  2. Profile wurden nicht gelöscht oder für längere Zeit stillgelegt, obwohl Nutzer explizit darauf bestanden haben.

  3. Nutzer wurden nicht ausführlich über ihre Rechte, in Bezug auf die Nutzerdaten, aufgeklärt.

Neben größeren Dating-Websites wie „Meetic“ , „Adopte un Mec“ und „Attractive World“ , wurden auch weniger bekannte Websites wie „Rencontre Obese“ (Dating für Übergewichtige), „Gauche Rencontre“ (sozialistisches Dating) und einige andere erwischt.

Wenn die acht Unternehmen, die die Dating-Websites betreiben, die Kritikpunkt der CNIL schnellstens beheben und den Anforderungen de Datenschutzbehörde nachkommen, die CNIL keine rechtlichen Maßnahmen ergreifen wird.

Offene Frage zu den Themen Vertrauen und Privatsphäre

Der Bericht der CNIL stellt aber nur die jüngsten Enthüllung im Fall von missbräuchlich verwendeten Nutzerdaten auf mobilen Apps dar. Anfang August wurde bekannt, dass die Fahrten vermittelnde App Uber, seine die Positionen von Taxis anzeigende Karte gar nicht in Echtzeit abspielt. Ein Uber-Sprecher bezeichnete diese eher als Bildschirmschoner, als eine Echtzeit-Karte.

Vorfälle wie diese, werfen Fragen über Nutzerrechte auf, insbesondere im Bereich Vertrauen und Privatsphäre. Wenn eine App mich glauben lässt, dass etwas in Echtzeit passiert, ist es dann in Ordnung, wenn sich herausstellt, dass es gar nicht stimmt?

Ist das nicht genauso schlimm, wie falsche Werbung?

Täuschung von Nutzern und ihren Entscheidungen

Wenn ich meinen Account von einer Dating-Seite lösche und meine Informationen von deren Server nicht entfernt werden, oder gar schlimmer, die App benutzt meinen Account weiterhin, um es so aussehen zu lassen, als würde ich mich dennoch auf dem Portal befinden, ist dann noch in Ordnung?

Ist das die Art und Weise der Handhabung, wie wir sie uns in 15 Jahren wünschen? In der analogen Wirklichkeit kann man darauf bestehen, den Preis zu bezahlen, mit dem geworben wird, auch wenn er niedriger ist als gewollt.

Wenn eine App für eine bestimmte Funktion wirbt und es sich herausstellt, dass diese falsch ist, sollte diese App dann nicht auch zur Rechenschaft gezogen werden?

Apps verraten uns, wann unsere Freunde sich das letzte Mal eingeloggt haben, sie lassen uns wissen, was sie auf der Plattform machen und liefern uns immer mehr detaillierte Informationen. Diese Infos werden als wertvoll wahrgenommen und beeinflusst Entscheidungen von Kunden, ob sie ein Produkt nun nutzen sollen oder nicht. Welche Konsequenzen tragen wir, wenn diese Funktionen und inhaltlichen Aspekte uns zum Handeln aufrufen und uns so in deren Service locken und diese Dienste sich dann als gefälscht entpuppen?

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Rudebaguette.com.


Image (adapted) „an evening playing ’smartphone‘ pub quiz with the exeter twitterati!“ by Phil Campbell (CC BY 2.0)


 

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Die New York Times beschreibt nicht das größte Problem bei Amazon

Amazon Lager, Werne (adapted) (Image by Dirk Vorderstraße [CC BY 2.0] via Flickr)

Am Wochenende veröffentlichte die New York Times einen langen Artikel über die Arbeitsbedingungen bei Amazon. In diesem intensiven Bericht schilderten mehrere ehemalige höhere Angestellte, die knallharten Arbeitsbedingungen. Der Handelsriese geriet umgehend massiv in die Kritik und viele Kunden kündigten bereits einen Boykott an. Doch der Artikel selber sollte kein Grund für einen Boykott sein, denn er schildert nur die Arbeitsbedingungen höherer Angestellter bei einem der Top-Unternehmen unserer globalisierten Wirtschaft. Dass die Arbeitsbedingungen für die Arbeiter in den Logistikzentren deutlich schlimmer aussehen, verschweigt der Artikel, dabei ist das ein viel größeres Problem und ein besserer Boykottgrund.

New York Times vs. Amazon

In dem Artikel beschuldigt die Times das Unternehmen Amazon, ein wenig bekanntes Experiment durchzuführen, um herauszufinden, wie weit es bei höheren Angestellten gehen kann, bevor die Grenzen des Akzeptablen erreicht sind. Um diesen Punkt zu untermauern, führten die Autoren Jodi Kantor und David Streitfeld Interviews mit über 100 derzeitigen und ehemaligen Amazon-Angestellten. Die öffentliche Meinung kippte schnell gegen das Unternehmen. Kein Wunder, denn die geschilderten Fälle zeichnen ein Bild von Arbeitsbedingungen, das die meisten nicht mit ihrem guten Gewissen in Einklang bringen können.

Eine Mitarbeiterin erhielt nach ihrer Rückkehr von einer Behandlung von Schilddrüsenkrebs eine schlechte Leistungsbewertung, da die Kollegen ihre Abwesenheit kompensiert haben. Eine weitere Mitarbeiterin hatte eine Fehlgeburt von Zwillingen und musste einen Tag nach der Operation auf eine Geschäftsreise, denn die Arbeit müsse schließlich erledigt werden, wie ihr ein Vorgesetzter mitteilte. Dies sind nur zwei Beispiele, die verdeutlichen, was für ein Arbeitsumfeld bei Amazon herrscht. Oder geherrscht hat?!

Es dauerte nur einen Tag, bis aus der Firma heraus zurückgeschossen wurde. Der derzeitige Amazon-Mitarbeiter Nick Ciubotariu schrieb in einem langen Beitrag auf LinkedIn, dass er in den 18 Monaten, in denen er bei Amazon ist, keinen Mitarbeiter an seinem Schreibtisch hat weinen sehen, wie im Times-Artikel beschrieben wurde und dass er nie ein einzelnes Wochenende gearbeitet hat, wenn er es nicht wollte. Auch Amazon CEO Jeff Bezos meldete sich mit einer Memo an seine Mitarbeiter zu Wort und erklärte, dass er glaubt, jeder, der in einer Firma arbeitet, die wirklich so ist, wie sie der Artikel beschreibt, verrückt wäre zu bleiben.

Doch eigentlich widersprechen sich beide Seiten nicht. Bezos leugnet nicht, dass es diese genannten Beispiele gegeben hat. Auch dass das Arbeitsklima sehr rau und darwinistisch war, leugnet weder der CEO, noch sonst jemand. Doch das hat sich nun alles geändert, wenn man dem Firmenchef Glauben schenkt. Dennoch bleibt die Frage, wie groß diese Veränderungen denn im Vergleich zu heute sind und wie weit sie bereits kaskadiert sind, von Bezos unbeantwortet.

Amazon verfolgt lediglich eine Strategie

Doch all das ist gar nicht so entscheidend, denn auch wenn der Artikel ein schockierendes Firmenbild aufzeigt, kann man dem Unternehmen daraus nur bedingt einen Vorwurf machen. Letztendlich befindet sich Amazon in einem harten Konkurrenzkampf und versucht daher die leistungsfähigsten Mitarbeiter zu gewinnen und zu behalten – weniger leistungsstarke Mitarbeiter kann man dagegen nicht gebrauchen. Diese Strategie ist in großen Erfolgsunternehmen kein Einzelfall, sondern Normalität.

Bei Amazon regt sich aber alle Welt auf, während andere große Unternehmen gar nicht erst hinterfragt werden. Das soll nicht die Praktiken von Amazon rechtfertigen, ganz im Gegenteil. Allerdings hat Amazon eine intensive Arbeitsplatzkultur geschaffen, in der die Mitarbeiter die Chance haben, die Welt zu ändern und dabei mehr als nur wohlhabend zu werden, wenn sie über die nötigen hohen Anforderungen verfügen und bereit sind, ihr Privatleben weit hinter den Job zu stellen.

Und die Wahrheit ist doch, dass diese höheren Mitarbeiter, um die es in dem Artikel geht, die Wahl haben. Sie können jederzeit kündigen und sich ohne größere Probleme einen entspannteren Arbeitsplatz suchen – eine Anstellung bei Amazon macht sich zudem sehr gut im Lebenslauf. Ganz anders sieht diese Situation allerdings für Mitarbeiter in anderen Bereichen des Unternehmens aus, nämlich in den Logistikzentren.

Der eigentliche Skandal sind die Logistikzentren

Die Arbeitsbedingungen in den Logistikzentren stehen regelmäßig in der Kritik und das nicht etwa nur in den USA, wo die Mitarbeiter unter massivem Zeitdruck stehen und im wahrsten Sinne bis zum Umfallen arbeiten. Auch in Großbritannien haben Journalisten bereits die hochgradig gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen in Amazons Warenlagern aufgedeckt und auch Deutschland stellt hier keine Ausnahme dar. Immer wieder ist von massiven Überstunden, geringer Bezahlung, Ausnutzung von Leiharbeitern und sogar rechtsradikalen Sicherheitskräften die Rede.

Diese Arbeiter haben aber, im Gegensatz zu denen im Times-Artikel genannten höheren Mitarbeitern, eben keine Optionen. Sie können nicht einfach kündigen und sich einen besseren Job suchen, da die Alternativen ähnliche Arbeitsbedingungen oder Arbeitslosigkeit heißen. Natürlich sind die Umstände für die höheren Mitarbeiter hart, aber letztendlich haben sie sich diese ausgewählt. Damit will ich die Bedingungen nicht herabspielen – sie sind schrecklich, keine Frage – doch ergibt sich für mich erst in Kombination mit den Arbeitsbedingungen in den Logistikzentren ein wirklich erschreckendes Bild eines Unternehmens, das immer weiter in unseren Alltag vordrängt.


Image (adapted) „Amazon Lager, Werne“ by Dirk Vorderstraße (CC BY 2.0)


 

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Dörner kritisiert: Merkel trennt nicht zwischen Partei und Staat

Katja Dörner MdB (adapted) (Image by Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen [CC BY 2.0] via Flickr)

Mitte Juli interviewte Vlogger Florian Mundt, besser bekannt als LeFloid, die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das Thema “Das Gute Leben“ war vorgegeben, die Fragen sammelte Mundt unter dem Hashtag #NetzFragtMerkel auf Twitter. Das Interview löste viel Kritik an der naiven Herangehensweise von Mundt aus, aber auch weil Merkel das kritiklose Gespräch nutzte, um Parteipositionen der CDU zu platzieren. Die Grünen-Politikerin Katja Dörner wollte wissen, wie das die Bundesregierung sieht.

In einer schriftlichen Anfrage an die Bundesregierung fragte Katja Dörner, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, in wieweit diese ihre Einschätzung teilt, “dass die Trennung von Partei- und Staatstätigkeit nicht gewahrt“ wurde. Dies ist eine relevante Frage, denn im Gegensatz zur Regierungspolitik, fehlt Parteiprogrammen die Legitimation durch eine Wahl der gesamten Bevölkerung. Was die CDU in ihren Parteiprogrammen schreibt, kann deshalb und ist nicht gleich die Position der Bundesregierung sein.

Tilman Seeger, stellvertretender Chef des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, antwortete Dörner darauhin in einem Netzpiloten.de vorliegenden Brief: “Die Bundesregierung teilt weder diese Einschätzung noch die Darstellung des Sachverhalts. Die Bundeskanzlerin gibt dem Interviewer erkennbar ein Beispiel für vielfach verfügbare Informationen zum transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP.

Schaut man sich das Interview an, erkennt man keine Beispiele für vielfach verfügbare Quellen. Auf die Frage von Mundt, warum das Freihandelsabkommen “so unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt“ und “warum darüber nicht viel mehr informiert“ wird, antwortete Bundeskanzlerin Angela Merkel im Wortlaut: “Also ich kann Ihnen gleich drei Broschüren der CDU schicken, wo wir über das Freihandelsabkommen informieren.“ Mehr dazu nicht.

Etwas später im Interview wiederholt sie beschwichtigend, dass das Freihandelsabkommen “nicht so im Verborgenen verhandelt wird“, denn “die Verhandlungsseiten stehen im Internet von der Europäischen Kommission“, als eine akzeptable Informationspolitik seitens der Bundesregierung kann dies aber nicht gewertet werden. So bleibt einzig und allein der Verweis auf die Parteiprogramme der CDU.

Katja Dörner bleibt deshalb bei ihrer grundsätzlichen Kritik an Merkels Aussagen. Auf Nachfrage sagte sie gegenüber unserer Redaktion:

Nicht nur, dass Bundeskanzlerin Merkel die Auswirkungen von TTIP verharmlost, sie macht auch noch Werbung zu CDU-Broschüren. Ganz klar eine Vermischung der Kanzlerschaft mit dem CDU-Parteivorsitz. Das darf Angela Merkel nicht passieren! Ihr sollte klar sein, wann sie als Regierungs- und wann als Parteichefin agiert.


Image (adapted) „Katja Dörner MdB“ by Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen (CC BY 2.0)


 

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Traue niemanden im Journalismus, der Marken nicht misstraut

[2005] Crossroads of the World (adapted) (Image by Diego Torres Silvestre [CC BY 2.0] via Flickr)

Journalismus hat ein gewaltiges Problem und das heißt Markenliebe. Wer frühen Zugang zu neuen Produkten haben will, muss nett sein – für Kritik ist da oft leider kein Platz. Damit eine Marke möglichst beliebt wird, muss sie viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommen. Wer wäre dafür besser geeignet als Journalisten, die diese Produkte erhalten, sie zu lieben beginnen und entsprechend positive Texte über sie verfassen? Dass die Industrie oftmals die Journalisten bauchpinselt, um positive Meinungen zu erhalten, führt zu einem gewaltigen Problem. Leser können den Meinungen der Autoren nur noch schwer vertrauen, solange diese sich nur an den Anpreisungen der Unternehmen orientieren. Kritische Meinungen sind unbequem für die Marken, doch essenziell für die Leser.

Die Kumpelmaschinen

Es ist immer das Gleiche. Ich nutze seit 2009 begeistert Android-Smartphones. Auch viele andere Google-Dienste sind bei mir im Dauereinsatz. Ja, ich finde das Meiste, was Google macht, ziemlich toll – oder zumindest spannend. Das bedeutet aber nicht, dass ich blind alles bejuble, was aus Mountain View kommt. Für viele Freunde und Bekannte bin ich aber trotzdem ein Google-Fanboy.

Auf der anderen Seite gibt es immer wieder Momente, in denen ich Apple für bestimmte Dinge, wie etwa den kommenden Dienst “Apple News”, kritisiere. Bei vielen Freunden und Bekannten hat dies zur Folge, dass ich Apple und all seine Produkte angeblich hasse – was nicht stimmt. Ich hasse keine Marken, ich liebe sie aber auch nicht.

Ich versuche als journalistisch arbeitender Blogger so gut wie möglich dem Treiben der Industrie kritisch gegenüber zu stehen und da bieten einige Unternehmen einfach etwas mehr Angriffsfläche als andere. Aber das Problem ist dabei generell, dass es als Journalist gar nicht so leicht ist, den Unternehmen, über die man schreibt und mit denen man in Kontakt steht, stets kritisch gegenüber zu stehen.

Dafür gibt es verschiedene Gründe, einer davon ist Markenliebe. Marken versuchen auf Facebook, Twitter und allen nur erdenklichen anderen Kanälen, unsere Freunde zu sein. Also nicht nur von Journalisten, sondern möglichst von allen Nutzern. Sie wollen natürlich, dass wir das Gefühl haben, eine persönliche Beziehung zu einer Marke zu haben, dass wir sie lieben und ihr treu sind und sie gegenüber Kritikern verteidigen. Das ist natürlich gut für das Geschäft und stärkt die Marke, wenn viele Menschen sie allerorts empfehlen und verteidigen.

Und diese Strategie geht auf. Wir verknüpfen oftmals den Erfolg und die Produkte einer Marke mit unserer Persönlichkeit und unserem Selbstwertgefühl und lassen den Unternehmen so vieles durchgehen, denn schließlich sind sie ja unsere Freunde. Das ist ein generelles Problem, doch es ist um ein größeres Problem im Journalismus, besonders im Tech-Journalismus. Denn hier hat dieses Verhalten einen gewaltigen Vorteil: Gunst.

Sei nett oder du bist raus

Es gibt eine direkte Korrelation zwischen den Exklusivzugängen zu Produkten für Journalisten und dem Singen des richtigen Liedes für Unternehmen und PR-Firmen. Diese Korrelation ist allerdings nicht so direkt wie viele Kommentatoren vermuten – die Unternehmen bezahlen die Presse nicht direkt, um positive Berichte zu verfassen. Die Bezahlung funktioniert deutlich subtiler.

Für werbefinanzierte Websites ist Traffic Geld und der erste Blick auf ein neues Smartphone und die Erwähnung der tollen neuen Features bedeutet genau das, Traffic. Der exklusive Zugang zu neuen Produkten ist also finanziell wertvoll und um diesen Zugang zu erhalten, muss man eben auf der Seite von Apple, Google, Microsoft oder Samsung sein. Als Leser sollte man also sehr skeptisch gegenüber langen Artikeln sein, die wenige Minuten nach einer Produktvorstellung bereits das neue Smartphone, Notebook oder Tablet in aller Genauigkeit beleuchten, denn diese Artikel sind ein Produkt dieser Zugangskultur.

Natürlich sind die Autoren auch immer wieder kritisch gegenüber den neuen Produkten oder zumindest gegenüber einigen Details, doch auch wenn die Autoren es vielleicht anders sehen, sind die Ergebnisse immer Kompromisse. Harte Kritik wird keinem Journalisten jemals frühen Zugang zu einem neuen Produkt gewähren.

Wo Schatten ist, gibt es auch Licht

Es gibt zum Glück auch löbliche Ausnahmen. Etwa Sascha Pallenberg, der in seinen routinemäßigen Rants vor nichts und niemandem haltmacht. Oder Richard Gutjahr, der sich nach langer Zeit aus der Apple-Mühle ausgeklinkt hat, und sich dem Zirkus, den das Unternehmen regelmäßig veranstaltet, versagt. Oder der ehemaliger Netzpiloten-Autor und jetzige Leiter von Basic Thinking, Tobias Gillen, der ebenfalls versucht, sich dem PR-Wahnsinn zu entziehen, um dem Leser eine unabhängigere und kritischere Berichterstattung zu bieten und nicht nur auf den schnellen Traffic zu schielen.

Das alles bedeutet auch gar nicht, dass Tech-Journalisten, bzw. Journalisten per se Marken hassen sollen, doch lassen viele zumindest eine kritische Grundhaltung vermissen. Zu oft werden mittelprächtige Produkte hochgejubelt, nur weil der Hersteller zur Produktpräsentation ein teures Buffet aufgefahren hat und obendrein noch jeder Anwesende eines dieser Produkte gratis erhält. Ich will mich selber gar nicht als Ausnahme darstellen – es ist auch schon vorgekommen, dass ich mich in der Vergangenheit auf tollen Events habe bezirzen lassen. Es ist wirklich schwierig, in solchen Situationen einen kritischen Blick zu bewahren und nicht bloß all die tollen Dinge zu glauben, die einem die super netten PR-Cheerleader herunterbeten.

Doch genau das sollte die Grundhaltung sein – eine kritische Sichtweise ist ein Dienst an den Lesern. Selbstverständlich kann man bestimmte Vorlieben haben, aber diese sollten eben auch als solche wahrgenommen werden. Zudem sollte man sich öfter mal fragen, warum man ein bestimmtes Produkt oder bestimmte Marken liebt und andere nicht, beziehungsweise warum bestimmte Journalisten dies tun.


Image (adapted) „[2005] Crossroads of the World“ by Diego Torres Silvestre (CC BY 2.0)


 

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Heiko Maas: Nichts als Ausreden im Interview zur VDS

CAT7 Networking (adapted) (Imagy by Jonathan Briggs [CC BY 2.0] via Flickr)

 In einem Interview in der Zeitung “taz” erklärt Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD), wieso er – der früher stets als Gegner der Vorratsdatenspeicherung (VDS) auftrat – diese mittlerweile befürwortet und sich für eine Neuregelung einsetzt. Dabei bringt Maas jedoch vor allem Ausreden vor, stellt halbherzige Zugeständnisse an die Rechtsstaatlichkeit als große Errungenschaft dar und erklärt sich letztendlich für machtlos gegen die Angstrhetorik der Sicherheitspolitiker und die dadurch ausgelöste Stimmung in der Bevölkerung. Überzeugend ist das alles nicht.

Kosmetisch geändert und nach wie vor gefährlich

Während des ganzen Interviews betont Maas, der zwischen ihm und Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) ausgehandelte Kompromiss, habe mit der alten deutschen Regelung zur Vorratsdatenspeicherung nicht mehr viel zu tun, sei ungleich sicherer und rechtsstaatlicher, und daher könne von einem Umfallen seinerseits keine Rede sein.

Mit solcher Rhetorik mag der Minister sein Gewissen beruhigen und womöglich auch einige naive Mitglieder der Öffentlichkeit überzeugen. Kritischer Analyse indes halten seine Argumente nicht stand. Zunächst einmal ist natürlich festzuhalten, dass auch eine entschärfte Version der Vorratsdatenspeicherung die Bevölkerung unter Generalverdacht stellt und schon aus diesem Grund kritisch anzusehen ist – gespeichert wird bei jedem, unabhängig vom konkreten Verdacht, einfach nur weil jeder Mensch theoretisch zum Straftäter oder auch nur zu dessen Kontaktperson werden könnte. Zudem sind die nun eingebauten Maßnahmen zwar – womöglich, knapp – genug, um den Anforderungen der Richter gerecht zu werden. Effektiv Missbrauch verhindern können sie indes nicht. Das gilt auch und gerade für den von Maas so betonten Schutz von Berufsgeheimnisträgern. Werden Daten einmal erhoben, können sie missbraucht werden, sei es in illegaler Weise oder durch Aufweichung der zugrunde liegenden Gesetze und Vorschriften. Daran ändern auch de Maizières so betonte Schutzmaßnahmen nichts, ebenso wenig wie an den “Chilling Effects”, den beängstigenden und lähmenden Auswirkungen von Überwachung auf die Gesellschaft.

Noch dazu ist die Wirksamkeit der Vorratsdatenspeicherung zweifelhaft, wie (nicht nur) die bekannte Studie des Max-Planck-Instituts “Schutzlücken durch Wegfall der Vorratsdatenspeicherung” belegt. Mit all den Grundrechtseingriffen und zusätzlichen Risiken, erkauft man sich also wahrscheinlich noch nicht einmal einen besseren Schutz vor Terrorismus und anderen Formen schwerer Kriminalität.

Heiko Maas und die Politik der irrationalen Angst

In Bezug auf die mangelnde Wirksamkeit allerdings, hat Maas ein interessantes Argument vorzubringen: derartige Entscheidungen müssten “nicht immer rational sein”, so der Minister. Konkret wurde er von taz-Reporter Christian Rath gefragt, ob der Anschlag auf das Pariser Satiremagazin “Charlie Hebdo” im Januar – der in vieler Hinsicht auch die Netzpolitik in Europa maßgeblich beeinflusste – bei der Entscheidung, die Vorratsdatenspeicherung auch in Deutschland wieder einzuführen, eine Rolle spielte. Maas gibt dies offen zu, indem er erklärt:

Der Anschlag auf Charlie Hebdo war ein Einschnitt, weil jeder wusste: Das hätte theoretisch auch bei uns passieren können. Ich habe gemerkt – nicht nur in der Politik, auch in der Bevölkerung –, dass im Lichte eines solchen Ereignisses Sicherheitsargumente plötzlich an Schlagkraft gewinnen. Das muss nicht immer rational sein – aber es ist so.

Der Minister bekennt sich also offen zu dem, was der bekannte Sicherheitsexperte Bruce Schneier in seinen Büchern und Artikeln gern als “Sicherheitstheater” bezeichnet: Der Staat tut etwas, das die Sicherheit in Wirklichkeit kaum oder gar nicht erhöht, dabei erhebliche Eingriffe in individuelle Freiheiten mit sich bringt, dafür aber den Anschein erweckt, dass etwas getan wird und man die Menschen vor dem Bösen in der Welt beschützt.

Was Maas allerdings nicht zugibt: die Politik und auch seine Partei sind an der Reaktion der Menschen alles andere als unschuldig. Sie haben den Menschen immer wieder eingeredet, dass sie Kriminalität (und insbesondere Terroranschläge) zu fürchten haben, haben, statt diese Ängste mit rationalen Argumenten in geordnete Bahnen zu lenken, die irrationale Furcht bestärkt, um leichter ihre eigene Agenda der Überwachung und Kontrolle durchsetzen zu können. Wir ernten derzeit nur, was die Mächtigen lange Zeit – mindestens seit 2001 – gesäht haben.

Aktivisten: Lasst euch nicht täuschen!

Ist Maas also, wie es das Interview fragt, ein skeptischer Befürworter der Vorratsdatenspeicherung oder ein konstruktiver Kritiker? Aus der Perspektive derjenigen, die sich schon lange und mit Herzblut gegen die Überwachung einsetzen, ist der Minister nur eines: ein Feigling und Opportunist, der sich der Parteilinie gebeugt hat und das nun schön reden will (es sei denn, er hätte direkt von Anfang an gelogen und die Vorratsdatenspeicherung niemals ernsthaft abgelehnt, was sicher keine besser Alternative wäre). Maas Argumente, so vernünftig sie auf den ersten Blick wirken mögen, überzeugen nämlich noch nicht einmal ansatzweise. Also, Aktivisten: Weder war Maas jemals wirklich einer von uns – dazu gehört nämlich, für seine Überzeugungen auch gegen Widerstände einzutreten – noch gibt es irgendeinen Grund, sich seiner Argumentation anzuschließen und den neuen Kompromiss zu feiern. Eine Vorratsdatenspeicherung, auch die neue Variante, wollen und brauchen wir in Deutschland nicht.


Image (adapted) „CAT7 Networking“ by Jonathan Briggs (CC BY 2.0)


 

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Quo Vadis, Reddit?

reddit sticker - 3 (adapted) (Image by Eva Blue [CC BY 2.0] via Flickr)

Nach acht Monaten und viel Kritik ist Ellen Pao als CEO von Reddit zurückgetreten. Dabei sind in der Krise der letzen Wochen vor allem die Nutzer und der Vorstand zu kritisieren. Reddit bezeichnet sich selber als die Titelseite des Internets, doch was hinter den Kulissen in den letzten Wochen abgegangen ist, kann ohne Probleme als massive Krise bezeichnet werden. Der bisherige Gipfel war der Rauswurf der Interims-Geschäftsführerin Ellen Pao nach einer Revolte der Nutzer des Message Boards. Das Verhalten vieler Nutzer gegenüber Pao bezeichnete Reddit-Verwaltungsratschef Sam Altman als widerlich und auch wenn der Weggang Paos angeblich in gegenseitigen Einvernehmen geschah, bleibt doch ein sehr bitterer Beigeschmack.

Anatomie einer Krise

Nach nur acht Monaten ist Ellen Pao als CEO bei Reddit wieder zurückgetreten. Doch wie konnte es so weit kommen? In der Kritik stand Pao bei Reddit-Nutzern schon länger. Ihr Vorhaben, gegen Belästigung und Beleidigung auf Reddit vorzugehen und in dem Zuge einige besonders schlimme Subreddits zu schließen, stieß bereits auf Kritik, da viele Nutzer der Meinung waren, dass dies der Grundidee von Reddit, der Freiheit alles sagen zu dürfen, widerspricht. Diese Kritik kam allerdings überwiegend von Reddit-Nutzern, die diese Freiheit oftmals für genau diese Zwecke missbraucht haben – von anderen Seiten, besonders außerhalb des Message Boards, wurde dieser Schritt Paos durchaus begrüßt. Aber auch generell waren viele Redditors der Meinung, dass Pao bei ihren Entscheidungen eher aus Unternehmenssicht handelte und nicht die Community und deren Bedürfnisse im Blick hat.

Eskaliert ist die Situation allerdings erst, als Reddit-Communication-Director Victoria Taylor entlassen wurde. Taylor war vor allem für die AMAs (Ask Me Anything) verantwortlich. AMAs sind ein Forum, in dem Prominente – von Schauspielern bis hin zu Barack Obama – dee Community Rede und Antwort standen. Die Rubrik erfreute sich überaus großer Beliebtheit, auch weit über die Reddit-Grenzen hinaus. Der Rauswurf Taylors hat bei Reddit-Nutzern vor allem deswegen Unmut hervorgerufen, weil es so plötzlich und unerwartet geschah und weil weder von Taylor noch von Reddit eine Erklärung für den Sachverhalt geliefert wurde. Die Moderatoren, die freiwillig und unentgeltlich Subreddits leiten, waren schockiert, da sie mit Taylor eine der wichtigsten Ansprechpersonen bei Reddit verloren hatten. Da sie ohnehin schon hart am Limit operierten und ohne Taylor keine Hilfe mehr hatten und durch die mangelnde Kommunikation der Reddit-Führung auch nicht wussten, wie es weitergehen wird, haben sie aus Protest viele beliebte Subreddits auf Privat gesetzt. Ein Großteil von Reddit war plötzlich nicht mehr da.

Durch die Schließung vieler beliebter Subreddits und den Mangel einer Erklärung für den Weggang Taylors wuchs der Druck auf Ellen Pao gewaltig. Viele aufgebrachte Nutzer machten ihrem Ärger in einigen noch verbliebenen Subreddits Luft und beschimpften und verunglimpften Pao mit oftmals sexistischen Beleidigungen. Andere kehrten dem Message Board den Rücken und gingen zum Schweizer Reddit-Klon Voat, der die Redefreiheit der Nutzer betont und ein ehemaliger Reddit-Mitarbeiter hatte sogar den Plan geäußert, ein besseres Reddit mit Bitcoin-Technologie zu bauen. Eine Woche nachdem die Moderatoren mit der Schließung der Subreddits protestiert hatten, kam dann am Freitag, den 10. Juli, die Nachricht, dass Pao als CEO zurückgetreten ist.

Freundschaftliche Trennung?

Auch wenn Pao erklärte, dass die Trennung freundschaftlich von Statten gegangen ist, gibt es doch einige Zweifel daran. Auf die Frage nach den Gründen für den Rücktritt, sagte Pao, dass die Reddit-Führung und sie unterschiedliche Ansichten zum Wachstumspotenzial der Seite hatten. “Sie hatten eine viel aggressivere Sicht als ich”, erklärte sie gegenüber Re/code. Auch Steve Huffman, Reddit-Mitbegründer und der allererste CEO, der nun die Führung von Pao wieder übernimmt, äußerte sich ganz ähnlich. “Ich denke Reddit könnte eine zehnmal so große Community sein und ich habe eine ziemlich klare Vision, wie dies zu erreichen ist.” Der Vorstand hatte also ganz offensichtlich eine andere Vorstellung als Pao, wohin es mit Reddit gehen soll und vor allem wie schnell, was sicherlich nicht nur auf freundschaftlicher Basis besprochen wurde.

Paos Vorgänger, Yishan Wong, meldete sich am Wochenende mit einem Beitrag auf Reddit zu Wort, in dem er sich über den Weggang von Pao äußerte und die Vermutungen unterstrich. Vor allem äußerte er harte Kritik am Reddit-Mitbegründer und Executive Chairman Alexis Ohanian, den er beschuldigte, Victoria Taylor gefeuert zu haben. Ohanian hatte wohl eine andere Vorstellung von den AMAs und wollte die Kontrolle über diese beliebte Rubrik gewinnen, da ihm Taylors Rolle nicht gefiel. Wong kritisiert die miserable Unternehmensführung und stellt die Theorie auf, dass Ellen Pao nur ein Sündenbock war, denn als die Kritik und der Hass gegen Pao hochkochten, hätte Ohanian offen erklären müssen, dass er Taylor gefeuert hatte – stattdessen hat er sich zurück gelehnt und zugesehen, wie der Druck auf die Interims-CEO wuchs.

Quo Vadis, Reddit?

Doch auch ohne diese Anschuldigungen von Wong sieht das Verhalten des Vorstandes nach außen nicht gut aus. Öffentliche Schützenhilfe für Pao gab es zu keiner Zeit, was schon verwundert, wenn es doch um die eigene Website geht, die zum Großteil lahmliegt und deren CEO von den Nutzern auf ganz hässliche Art persönlich beschimpft wird. Pao selber schrieb in ihrer Abschiedserklärung: “Ich möchte nur alle daran erinnern, dass ich auch ein menschliches Wesen bin. Ich habe eine Familie und ich habe Gefühle. Jeder, der auf Reddit angegriffen wird, ist auch eine Person, wie du und ich.” Weiter schrieb sie über das Verhalten der Reddit-Nutzer: “Es untergräbt die Authentizität von Reddit und erschüttert unseren Glauben an die Menschheit.

Einzig Verwaltungsratschef Sam Altman äußerte sich zu dem Thema, wenn auch erst nach dem Rücktritt Paos. In einer Erklärung schrieb er:Es war widerlich zu sehen, was einige Redditors über Ellen geschrieben haben. Die Reduktion des Mitgefühls, die passiert wenn wir hinter einem Computerbildschirm sitzen, ist nicht gut für die Welt. Menschen sind immer noch Menschen, auch wenn sich das Internet zwischen ihnen befindet.” Noch wichtiger aber ist seine Warnung an die Reddit-Nutzer, dass wenn es der Community nicht gelingt, eine Balance aus Authentizität und Mitgefühl zu finden, kann Reddit zwar eine großartige Website, aber nie eine großartige Community sein. Und genau das ist die schwierige Situation, in der sich Reddit nun befindet. Der alte neue CEO Huffman will die Seite aggressiv wachsen lassen, aber es scheint nicht so, als hätte er seinen Plan gut durchdacht. Wenn man sich die derzeit teilweise haarsträubenden Reaktionen und zutiefst beleidigenden Umgangsformen innerhalb der Community ansieht, die sich allesamt auf die Redefreiheit berufen, mag man sich nicht ausmalen, wie dies aussieht, wenn die Seite tatsächlich auf zehnfache Größe angewachsen ist. Die Freiheit alles sagen zu dürfen ist eine Sache, aber sie wird auf Reddit (genauso wie in weiten Teilen des Internets) oft damit verwechselt, jeden persönlich beleidigen zu dürfen. Ohne Mitgefühl seitens der Nutzer und Schutzmaßnahmen seitens Reddit mag die Seite zwar groß werden, läuft aber Gefahr ein zweites 4chan zu werden.


Image (adapted) „reddit sticker – 3“ by Eva Blue (CC BY 2.0)


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Digitale Bildung: Sachsen-Anhalt will mit Microsoft kooperieren

Computer (Image by dantetg [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Das Land Sachsen-Anhalt plant eine Partnerschaft mit Microsoft für den Aufbau einer zentralen Cloud-Plattform. Kritiker warnen vor den Risiken. Mit einem Konzept unter dem Titel „Lernen, Lehren, Managen 2.0 – Auf dem Weg zur Schule 2020“ möchte Sachsen-Anhalt seine Bildungslandschaft fit für die digitale Zukunft machen – parallel zu Investitionen in IT-Mindeststandards. Es soll darum gehen, ein integriertes Managementsystem zu schaffen, in dem Wissens-, Informationsbestände und eine Infrastruktur harmonisiert und modular ausgestaltet werden. Helfen soll eine umfangreiche Kooperation mit Microsoft, Vertragsabschlüsse sind greifbar nah. Seit Bekanntwerden regt sich dagegen Unmut. Jetzt gibt es eine Onlinepetition.

Sie kommt von Alexander Dahl, 33 Jahre und Mitglied im Netz39, einem Verein für Bastler, Hacker und Digitalinteressierte in Magdeburg. Dahl ist Programmierer, kein Prinzipienreiter. Dahl: “Microsoft kann eine gute Lösung für ein konkretes Problem sein.“ Schulen werden jedoch, so befürchtet er, mit einer “allumfassenden Partnerschaft“, wie angedacht, künftig keine andere Wahl gelassen, als auf die Microsoft-Produktfamilie zu setzen. Mit seinen Bedenken ist er nicht allein – neben der Grundskepsis bei allen Kritikern in puncto Datenschutz, die sich aus den NSA-Enthüllungen speist.


Was ist geplant?

  • Alle rund 220.000 Schüler und 18.000 Lehrer in Sachsen-Anhalt sollen das Paket „Office 365“ für mehrere Desktop- und Mobilgeräte zum gemeinsamen Arbeiten in einer Cloud erhalten und dafür zentral registriert werden.

  • Laut Präambel der bisher geschlossenen Absichtserklärung in einem „Letter of Intent“ ist für beide Seiten das Ziel, „eine integrierte und nahtlose Nutzererfahrung bereitzustellen, die erstklassige Kommunikations- und Kollaborationsdienste in einer tragfähigen, soliden und verwalteten Umgebung“ biete.

  • Strategische Beratung und der Aufbau einer IT-Academy für Lehrerfortbildung sind ebenfalls vorgesehen.


Lehrergewerkschaft sieht keinen Mehrwert

Die Lehrergewerkschaft GEW Sachsen-Anhalt kritisiert, engagierte Lehrer würden längst moderne Cloud-Lösungen und Lernplattformen nutzen. Software fehle nicht, sondern Personal und Technik. GEW-Landesvorsitzender Thomas Lippmann: “Bei diesem Vertrag gibt es nur einen Nutznießer – und das ist Microsoft selbst.“ Bildungsexperten, wie Prof. Michael Kerres von der Universität Duisburg-Essen, betonen unterdessen die Vorteile, denn Office-Lizenzen seien gewöhnlich ohnehin nötig. Die zentrale Vergabe könne “ein kluger Weg“ sein, weil es den Schulen die bilaterale Aushandlung erspare.

Sind bestehende Initiativen und Modelle in Gefahr?

Über ein Modell nach dem Motto“Lizenzen für alle“ gehen die Pläne indes weit hinaus. Wenn es erst einmal eine zentral geschaffene (Cloud-)Plattform von Microsoft gibt, könnten viele Schulen einfach nur froh sein, sich mit IT-Fragen nicht weiter befassen zu müssen und sich anpassen, befürchtet Jan Wagner, netzpolitischer Sprecher der Linken im Landtag, die eine Aufkündigung der Pläne fordert. Für Medienkompetenz sei aber eine Vielfalt an IT-Technologie wichtig. Oberster Datenschützer im Land, Harald von Bose, mahnt zur Vorsicht, entwickelte Ansätze nicht kaputt zu machen. Die befassten Ministerien kündigen an, die Plattform offen für andere Anwendungen zu gestalten, Open-Source-Lösungen “bedarfsweise“ zu fördern und keine Konkurrenz zu entwickelten Komponenten am landeseigenen Lehrerbildungsinstitut LISA zu schaffen.

Jöran Muuß-Merholz, Pädagoge und Digitalexperte von der “Transferstelle Open Educational Ressources“, glaubt an die gute Absicht der Politik, hält aber die Bedenken für berechtigt. Denn die Praxis könne ganz anders aussehen. Die Krux an den Plänen sei, dass Micorosoft Software, Infrastruktur, Weiterbildung und überdies Programme zu frühkindlicher Bildung in Personalunion als Hersteller liefere und federführend als Dienstleister mitaufbaue. Eine vergleichbar weitgehende Kooperation gebe es bundesweit bisher nicht.

Das ist ein relativ bedrohliches Szenario. Microsoft sitzt am Anfang und am Ende dieser Kette.“ Und zwar bei allem, was in naher Zukunft noch wichtiger werde, wenn sich Digitalisierung und Cloud-Computing erst richtig an Schulen durchsetze, so Muuß-Merholz. Gegenüber anderen Diensten im Land würde das immer einen Startvorteil bringen – auch wenn technisch gesehen alles anwendbar bliebe. Muuß-Merholz: “Das ist Teil einer größeren Strategie, die Microsoft gerade im Bildungsbereich ausrollt.“ Zu dem Pilotcharakter wollte sich Microsoft mit Verweis auf die laufenden Verhandlungen auf Nachfrage nicht äußern.

Kritik: Infrastruktur lässt sich von Bildungsinhalten nicht trennen

Unterdessen besteht auch unter Bedenkenträgern Konsens, dass es eine zentrale Infrastruktur zweifellos brauche. Kritisiert wird: Nicht so. Auch, weil das Finanzministerium die umstrittene – allerdings unverbindliche – Absichtserklärung zunächst vorbei an Kultusminister, Schulträgern und einer seit Jahren bestehenden Arbeitsgemeinschaft Medienkompetenz geschlossen hatte. Der Landesdatenschutzbeautragte wurde ebenfalls erst auf sein Drängen im Nachhinein an den Tisch geholt. Das Finanzministerium begründet das mit der Hoheit über Infrastruktur und beruft sich auf eigene Umfragen, wonach Microsoft-Nutzung an der Mehrheit der Schulen ohnehin “unübersehbare Realität“ sei, während Datenschutz und Bildungsinhalte erst im nächsten Schritt diskussionswürdig seien.

Alexander Dahl will mit einer Online-Petition eine Debatte über die künftige digitale Bildungslandschaft in Sachsen-Anhalt befördern. (Bild: M. Ganske-Zapf)
Alexander Dahl will mit einer Online-Petition eine Debatte über die künftige digitale Bildungslandschaft in Sachsen-Anhalt befördern. (Bild: M. Ganske-Zapf)

Für Netzaktivist Alexander Dahl greift das in puncto digitaler Medienkompetenz zu kurz. Bildung und Infrastruktur gehören für ihn zusammen. Ein einheitliches Konzept müsse stärker über pädagogische Ziele und mit Blick auf Folgekosten gedacht werden, unter Einbindung verschiedener Dienstleister. Das brauche politischen Willen, um es Schritt für Schritt aufzubauen. Er sagt: “Darüber will ich einen Diskurs anregen.


Teaser & Image „Computer“ by dantetg (CC0 Public Domain)

 

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Warum afrikanische Anführer ihre Kommunikation verbessern müssen

50th anniversary African Union Summit in Addis Ababa, Ethiopia (Image by State Department [Public Domain], via Wikimedia Commons)

Das oft klischeehafte Bild afrikanischer Politik beruht auch auf der Unfähigkeit der politischen Spitzen, richtig mit den Medien und der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Hin und wieder passiert einem der afrikanischen Anführer ein Ausrutscher und sie sagen oder tun etwas Unangebrachtes. Ob das nun absichtlich passiert oder nicht, diese Pannen tragen unbeabsichtigt zu der negativen und stereotypischen Wahrnehmung bei, die Afrika von inneren und äußeren Kritikern einzusammeln scheint.

Negative Presse, die durch diese Art der Fehlgriffe hervorgerufen wird, richtet sich nicht gezielt gegen afrikanische Anführer und Manager, aber wenn die negative Auffassung von Afrika als Kontinent der Mittelmäßigkeit, der Schwermut und des Verderbens sich verbreitet, und dieser Eindruck verändert werden soll, müssen afrikanische Anführer lernen, effektiver zu kommunizieren. Das schließt auch mit ein, dass sie darüber nachdenken, wie sie sich in der Öffentlichkeit verhalten sollten.

Der scheidende nigerianische Präsident Goodluck Jonathan musste dies auf die harte Tour lernen, als er auf einer Hochzeit fotografiert wurde, nachdem zwei Tage zuvor Boko Haram 2000 Menschen in Bakra niedergemetzelt hatten. Sein burundischer Gegenspieler Pierre Nkurunziza wurde in der vergangenen Woche scharf kritisiert, weil er lieber Fussball mit seinen Freunden spielte, während das Land in Brand stand.

Mit negativer Wahrnehmung umgehen

Der Prozess, mit negativen Wahrnehmungen umzugehen, sollte damit anfangen, dass die Anführer lernen, wie sie sicher gehen können, dass ihre Aussagen nicht verloren oder ignoriert wurde, nur weil sie die Kommunikation nicht sonderlich gut beherrschen. Anstatt Journalisten einzusperren oder die Medien in ihrer Arbeit zu behindern, sollten die afrikanischen Anführer die Medienfirmen als wichtige Verbündete anerkennen.

Viele westliche Anführer haben diese Lektion bereits gelernt. Sie bedienen sich einer Bandbreite an Methoden, wie beispielsweise Öffentlichkeitsarbeit, Informationskampagnen, sanfter Machtstrukturen und „öffentlicher Diplomatie“. Das beeinflusst, wie sie zu Hause gesehen werden und gewährleistet zugleich, dass die Berichte in der weltweiten Medienlandschaft dominant bleiben.

Am Schwierigsten wird es für Anführer in Krisensituationen mit den Medien zurecht zu kommen. Auch wenn es in nicht krisenreichen Zeiten ebenso herausfordernd ist, wird die Fähigkeit eines Anführers, mit Reportern umzugehen und zu kommunizieren, normalerweise dann auf die größte Probe gestellt, wenn ein unvorhergesehenes Ereignis eintritt.

Effektive Kommunikation beinhaltet üblicherweise, dass man auf die Quelle, die Nachricht, den Kanal und den Empfänger achtet. Der Fokus liegt hier auf der Rolle des Anführers als Kommunikationsquelle in einer Krisensituation.

Der Schlüssel, um sicherzustellen, dass ein Führer mit seinem oder ihrem unversehrten Ansehen hervorgeht, nachdem er während einer Krise mit den Medien interagiert hat, ist die Qualität der verbalen und nonverbalen Kommunikation. Der erfolgreiche Krisenkommunikator ist transparent, erreichbar, vertrauenswürdig und zuverlässig und besitzt die Fähigkeit, Informationen effektiv zu vermitteln.

Regeln für eine effektive Kommunikation

Das braucht jeder effektive Krisenkommunikator in seinem Arsenal:

Transparenz: Offenheit und Verantwortung lautet die Parole. Eine vollständige Offenlegung der Informationen sollte die Norm sein. Die Anführer sollten offen sein und die Geschehnisse in ihrer Vollständigkeit mitteilen, um die Reporter davon abzuhalten, sich weitere Quellen zu beschaffen. Sie sollten die Fakten und alle Fragen beantwortet bekommen, aber man sollte nicht den Eindruck bekommen, dass sie etwas verschweigen. Wenn sie nicht alle Fakten kennen, sollten sie schlichtweg mitteilen, dass sie noch nicht alle Details kennen, aber sich der Materie annehmen und auf sie zu einem späteren Zeitpunkt zurückkommen würden.

Vertrauen und Glaubwürdigkeit: Es existiert eine Vielzahl an Berichten über Korruption auf dem Kontinent, daher taucht die Fragen nach Vertrauen und Glaubwürdigkeit hier öfter auf. Glaubwürdigkeit entwickelt sich erst durch einen konsistenten, langzeitigen und ehrlichen Umgang mit den Medien.

Bündnispartner: Afrikanische Anführer sehen die Medien oft als Gegner. Das muss aber nicht so sein. Um genau zu sein, sind gute Beziehungen zwischen Medien und anderen Akteuren wichtig, um die Zusammenarbeit aufrechtzuerhalten und Lösungen zu finden.

Manche Menschen glauben, wenn man die Medien lang genug vermeidet, werden sie von selbst verschwinden. Nichts könnte falscher sein. Tatsächlich ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Partnerschaft mit Journalisten, zunehmend erreichbar zu sein. Die Medien bereiten ein Ereignis für viele verschiedene Zuschauer auf, daher brauchen sie immer wieder eine direkte Resonanz.

Eine Geschichte gut erzählen: Eine Führungskraft sollte das Publikum fesseln, indem sie leidenschaftlich und wahrheitsgemäß ist. Sie sollte keinen Reporter beschimpfen, der unangenehme Fragen stellt, und Journalisten nicht anweisen, nur über bestimmte Dinge zu sprechen. Wenn eine unerwartete Frage auftaucht, muss sie nicht sofort beantwortet werden. Es sollte sich die Zeit genommen werden, Gedanken zu ordnen, bevor geantwortet wird. Stille ist okay, denn sie zeigt, dass die Person nachdenkt und sorgfältig und mit Vorsicht antworten möchte. Trotzdem sollten „Ääähs“ vermieden werden.

Oberhäupter, die diese Tipps beherzigen, werden ihre Begegnungen mit Journalisten im Privaten und in der Öffentlichkeit nicht mehr als Bedrohung wahrnehmen. Die Interaktion wird beiderseitig von Nutzen sein, sowohl für die Anführer, die ihre Agendas bewerben müssen, als auch für die Medien, die die Bürger informieren wollen.

Der Artikel ist zuerst auf theconversation.com erschienen und unter CC BY-ND 4.0 lizensiert. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Teaser & Images „50th anniversary African Union Summit in Addis Ababa, Ethiopia“ (adapted) by State Department (Public Domain)


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5 Lesetipps für den 5. Mai

In unseren Lesetipps geht es um das soziale Netzwerk 8, Hart aber Fair, Probleme der Hebammen, Startups und um die Entrepreneur’s Organisation. Ergänzungen erwünscht.

  • TV Frankfurter Allgemeine: TV-Kritik „Hart aber fair“: Der könik krif zum telefon: In der gestrigen Ausgabe von Hart aber Fair ging es um ein Thema, welches viele Deutsche beschäftigt und welches viel Diskussionsbedarf bietet: das deutsche Bildungssystem. Gäste waren unter anderem Mirko Drotschmann, Florian Langenscheidt oder Josef Kraus. In einer Kritik zur Sendung beschreibt Sandra Kegel die Diskussion und kritisiert dabei, dass sie nach einem guten Start eher ins Belanglose abgedriftet sei.

  • SOCIAL NETWORK t3n: Social Network „8“: Videos und Fotos für eine Handvoll Dollar posten: Das soziale Netzwerk 8 möchte Nutzer für Inhalte bezahlen. Es ist nicht das erste Netzwerk, dass so versucht, Benutzer zu generieren, doch zurzeit wahrscheinlich das lukrativste für die Nutzer. 80 Prozent der Umsätze von 8 sollen an die Nutzer gehen, bisher mehr als bei jedem anderen Netzwerk. Mit dem Netzwerk soll eine Alternative zu Youtube geschaffen werden, der Fokus liegt auf Videos und Fotos.

  • HEBAMMEN Kleinerdrei: Elend ohne Ende – Warum wir keine Lösung für die Geburtshilfe finden: In einem Gastbeitrag auf Kleinerdrei.org berichtet Hester Hansen über die momentanen Probleme der Hebammen und der Geburtenhilfe. Zurzeit schließen immer mehr Kreissäle, auf Sylt zum Beispiel sind Geburten garnicht mehr möglich. Schwangere Frauen sollen entweder auf dem Festland gebären. Auch heute, am internationalen Tag der Hebammen, sollen viele Aktionen das große Problem in den Fokus der Öffentlichkeit rücken.

  • STARTUP t3n: „Shut up and take my Wohnung“ – Dieses Startup zahlt dir deine Miete: Das Startup Flatbook möchte Verreisenden ihre Miete bezahlen. Klingt zu schön um wahr zu sein? Ist es eigentlich auch, doch das Unternehmen möchte es trotzdem möglich machen. Flatbook zahlt Mietern 100 US-Dollar und bittet dafür um die Erlaubnis, die gesamte Wohnung auszuräumen, neu zu möblieren und dann zu vermieten. So sollen sowohl die Mieten für die Zeit der Abwesenheit bezahlt als auch für besonders günstige Wohnungen gesorgt werden.

  • EO Gründerszene: Wenn Gründer ihr Sushi von nackten Frauenkörpern naschen…Nach einer großen Feier in LA, welche von der Entrepreneur’s Organisation ausgerichtet wurde, gibt es Online viel Kritik an dem Gründernetzwerk. Der Grund hierfür ist ein Foto von der Feier, auf welchem eine nackte Frau zu sehen ist, auf deren Körper Sushi serviert wird. Viele Gründerinnen sind empört über dieses Foto, da es ein überaus frauenfeindliches Bild auf das Gründernetzwerk EO wirft.

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