Vollkommen vermessen: Das Projekt Tango von Google

Mit dem Projekt „Tango“ will Google zukünftig mittels Smartphone in Echtzeit und 3-D jede Umgebung erfassen. Nicht jeder freut sich auf so viel Durchsicht. // von Thomas Vorreyer

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Wo Satelliten und Kamera-Fahrzeuge nicht hinkommen, sollen nun die Nutzer selbst Google hinführen. Unter dem Projektnamen „Tango“ entwickelt der Konzern eine Technologie, die Smartphones ihrer Umgebung erfassen lässt und somit auch dreidimensionale Abbilder aller Räume erstellt – in Echtzeit. So ist die Lebenswelt dann irgendwann auch bis zum letzten Quadratmillimeter vollkommen vermessen. Die Musikerin Holly Herndon hat jedoch bereits eine Vorahnung, dass diese Zukunft nicht unbedingt so rosig sein wird, wie es jetzt heißt.


Warum ist das wichtig? Die Technologie-Unternehmen entwickeln eine Zukunft, die sie sehr optimistisch zeichnen. Oft fehlt es an fundierter Kritik, doch die Kunst könnte diese Rolle ausfüllen und Gegenentwürfe entwickeln.

  • Mit hochauflösender Kamera, Tiefen- und Bewegungssensor sowie leistungsstarken Prozessoren soll das „Tango”-Smartphone seine Umwelt scannen.
  • Google kann so bald auch das komplett erfassen, was seinen Diensten bislang verborgen blieb.
  • Die (kommerziellen) Nutzungsmöglichkeiten sind dabei ebenso groß wie jene zur umfassenden Kontrolle.

Google zeigt mit Projekt Tango, dass die Zukunft großartig ist!

Das Video, das vor einer Woche mit dem Titel „Say hello to Project Tango!“ bei YouTube veröffentlicht wurde, ist ein Werk des Optimismus. „Die Zukunft ist großartig!„, sagt etwa Johnny Chung Lee. Der Programmierer und Forscher ist Leiter des Projekts innerhalb von Googles Advanced Technology and Projects Group. Zuvor hatte er diverse Tracking-Applikationen auf Basis der Wii Remote-Technologie entwickelt und an Microsofts Bewegungssteuerung Kinect mitgearbeitet. Schon diese Arbeiten setzten sich mit der Erfassung des Menschen in seinem privaten Umfeld auseinander.

Jetzt hat er Lee die stationären – und somit in ihrer Reichweite und ihren Möglichkeiten eingeschränkten – Konsolen hinter sich gelassen und konzentriert sich mit zahlreichen Mitstreitern stattdessen auf jenes Gerät, das fast jeder permanent mit sich herumträgt und dem dank mittlerweile je einer Kamera auf beiden Seiten auch (fast) nichts mehr entgeht. Bei „Tango“ kommen zudem noch ein Tiefen- und ein Bewegungssensor hinzu, wobei Letzterer natürlich keine Smartphone-Neuheit ist.

Mittels entsprechender Software und leistungsstarker Prozessoren will man diese technischen Anlagen noch besser verzahnen – und somit permanent die Umgebung in allen Dimensionen einfangen und unmittelbar digital reproduzieren. So sollen u.a. eine bessere Navigation in geschlossenen Räumen oder Warnsysteme für sehbehinderte Nutzer ebenso ermöglicht werden, wie das optische Ausprobieren von neuen Einrichtungsgegenständen jeglicher Größe in den eigenen vier Wänden. Oder man geht auf virtuellen Spaziergang durch andere gescannte Räume mit seinem Smartphone.

Die Kunst formuliert Bedenken – schon vor dem Projekt Tango

Gleichzeitig machen die Nutzer sich noch gläserner als zuvor, ihre Stimmungen lassen sich noch leichter analysieren, ihre Position und die ihrer Mitmenschen ist jederzeit und nun auch wirklich überall exakt bestimmbar. Die Technik bietet somit neben einem kommerziell mehr als interessanten neuen Datenschatz auch neue Kontrollmöglichkeiten.

Die passenden Bilder zu diesen Bedenken finden sich im Musikvideo „Chorus“ von Holly Herndon. Die technikaffine Musikerin und Komponistin promoviert derzeit in Stanford am Center for Computer Research in Music and Acoustics, ihr Laptop ist ihr Instrument. Mit selbst geschriebenen digitalen Instrumenten wandelt Herndon persönliche Daten wie ihr E-Mail-Postfach in Töne um oder zerhäckselt ihre Atemgeräusche in tausend Teile. Das Ergebnis lässt das Rhizom der Bits letztendlich bis in den Club wurzeln.

Holly Herndon – Chorus [Official Video] from RVNG Intl. on Vimeo.

Für „Chorus“ hat Herndon mit dem Künstler und Programmierer Akihiko Taniguchi zusammengearbeitet. Auch hier wurden private Räume, genauer: heimische Arbeitsplätze diverser Menschen abfotografiert und digital remodelliert. Die Fotos dafür stammen zum Teil aus den Webcams, die uns Bildschirmrand unseres Laptops oder Rechners entgegenblicken. Taniguchi hat ein Skript geschrieben, das solche zweidimensionalen Abbilder in dreidimensionale Modelle zurückberechnen kann, auf die dann wiederum die Texturen des Fotos aufgezogen werden.

Die derart entstandenen Reproduktionen zahlreicher Schreibtische kommen – trotz des geringeren Aufwands – ihren Originalen bereits sehr, sehr nahe. Lediglich in den Feinheiten wirken sie seltsam verklebt, als wäre die Welt doch nur als Plastik und leicht geschmolzen. Dieses geisterhafte Antlitz wird der sicherlich perfekten „Tango“-Welt wohl fehlen, als Erinnerung, ob man die Aufforderung zu diesem Tanz allerdings tatsächlich annehmen sollte, taugt sie aber gerade deshalb besonders gut.

Thomas Vorreyer

schreibt als freier Journalist vor allem über Kultur und Gesellschaft im Angesicht der Digitalisierung.


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