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Netzpiloten @Medientage München

Ihr wollt bei den Medientagen in München dabeisein? Dann macht bis zum 15. Oktober mit bei unserer Verlosung und gewinnt ein Ticket!


Es wird wieder Zeit darüber zu sprechen, was die sich nach wie vor rasant verändernde Mediengesellschaft in den nächsten Jahren prägen wird. Hierfür öffnen die renommierten Medientage München vom 24. bis 26. Oktober ihre Tore. Das dritte Mal sind wir Netzpiloten als neugierige Medienpartner mit dabei, wenn im Kongress und auf der Expo (mit rund 80 Ausstellern) die Zukunft der Medien im Mittelpunkt steht: „Engage! Shaping Media Tech Society“

Auf welche Speaker dürfen sich Kongressbesucher freuen?

Auf dem Kongress werden dem Fachpublikum viele interessante Einblicke geboten in Bereiche wie TV- und Radio, Medienunternehmen, Produktion und Medientechnologie. Hierfür stehen über 400 Experten auf der Bühne, um ihr Wissen in Vorträgen und anregenden Diskussionen weiterzugeben. Wir sind gespannt auf den scheidenden Spiegel Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Auch auf die französische Schriftstellerin, Journalistin und Bloggerin Dr. Ariane Fornia sowie die Leiterin der ZDF-Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie II Heike Hempel, die über ihre Erfahrungen in der Medienwelt sprechen werden. Nicht zuletzt wird durch die Moderation von Klaas Heufer-Umlauf der MEDIENTAGE Gipfel am 24. Oktober sicherlich ein Highlight werden.

Themen der Medientage München

  • Wie die Medien neue Technologien nutzen können
  • Wie die Medien zukünftig ihr Publikum erreichen
  • Wie sich die Medien verändern müssen
  • Welche Auswirkungen diese Vorgänge auf die Gesellschaft haben

Was müsst ihr noch wissen?

Die Medientage München stecken voller Highlights. Nicht nur, dass die große Expo Party am 24. Oktober in guter Erinnerung bleiben wird, sondern auch die Expo Ausstellung und der Kongress an sich werden viel Stoff zum Nachdenken geben. Vernetzung und Austausch werden beim großen Medienmacher-Klassentreffen auch nicht zu kurz kommen. Um diese drei Tage nicht zu verpassen, solltet ihr euch schnell noch die Tickets sichern!

Psst! Bis zum 19. Oktober ist das Expo-Ticket gratis!

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Guilty Pleasure: Wirtschaftswandel-Bücher schmökern!

Ich gehöre zur Generation der Digital-Unternehmer, die um die Jahrtausendwende angefangen haben ihre Firmen zu starten. Mein guilty pleasure ist es von jeher, dass ich Artikel, Dokumentationen und Bücher verschlinge, die den großen Wandel der Arbeitswelt zum Thema haben.

Vermutlich auch deshalb, weil ich ganz unbescheiden hoffe, dass wir als Pioniere der sogenannten New Economy viele Akzente gesetzt hatten, die heute schließlich die Transformationsprozesse großer Firmen mitbestimmen. Wir wollten uns Mitte der 90er Jahre in absolut allem absetzen von der Old Economy. Wir kamen angezogen wie coole Fahrradkuriere in unsere Büros und spazierten in genau demselben Outfit in die holzgetäfelten Notarräume zur Millionen-Unterschrift.

Nichts konnte uns lässig genug sein, alles musste unkonventionell und total unverstellt daherkommen. Hohen EU-Beamten wurden beim Bürobesuch Sitzbälle angeboten. Meetings fanden im Stehen statt, im Treppenhaus, im Cafe, auf der Parkwiese. Sehr schnell ging uns die Selbstinszenierung in Fleisch und Blut über. Die begeisterte Ungläubigkeit der Old-Economy erfüllte uns mit Genugtuung. – Ich bin ganz froh, dass diese naive Zeit vorbei ist ;)

Selbstvergewisserung für die eigene Arbeitsbiographie

Wie gesagt: Wenn mir heute ein Buch in die Hände kommt, wo vorne draufsteht „12 überraschende Lösungen für Menschen, Wirtschaft und Gesellschaft“, bin ich sofort neugierig. Als wollte ich insgeheim nachschauen, ob aus dem gefeierten Work- und Lifestyle unserer Anfangsjahre etwas Sinnvolles geblieben ist.

Stefanie Kuhnhen und Markus von der Lühe, zwei sympathische Media-Macher (sie ist Geschäftsführerin einer Hamburger Kreativagentur und er macht ein Digitalisierungsfestival in München) spielten mir ihren neuesten Meta-Trend-Reader in die Hände. Sie haben in großer Fleißarbeit „Das Ende der unvereinbaren Gegensätze“ nachgewiesen. Ich fand das Buch inhaltlich sehr anregend, als Publikation aber etwas schwerfällig und recht altmodisch ediert. Empfehlen will ich es mit ein paar O-Tönen der beiden Autoren zu ihrem Wurf:

Markus von der Lühe und Stefanie Kuhnhen; Fotografie von Engels Uli Schneider
Hallo Stefanie, hallo Markus! Vorab eine Frage zur Form eures Buches: Was genau habe hier gelesen? – Ihr hantiert mit vielen wissenschaftlichen Erklärmodellen, ihr führt akribische Quellennachweise. Liest sich streckenweise wie eine Doktorarbeit.

Gute Frage! Was wir geschrieben haben, ist ein Ratgeber mit zwölf Handlungsanweisungen. Wir haben bewusst eine Mischung aus Theorie und Praxis gewählt. Denn der Metatrend, den wir beschreiben, basiert auf harten Fakten, Sekundärstudien und bekannten Theorien. Und um in die konkrete Beweisführung zu gehen, haben wir diese bewusst mit lebendigen und persönlichen Stories aus unserer Lebenswelt kombiniert. So hoffen wir, die beiden Pole Lesespaß und Seriosität auf neue Art und Weise zusammen zu führen.

Eure Beobachtung ist, dass große Spannungsfelder sich derzeit auflösen (z.B. Arbeit – Privatleben, Mensch – Technologie). Eure Schlussfolgerung daraus ist, dass wir alle uns ganzheitlicher wahrnehmen und integrativer agieren müssen. Richtig verstanden?

Richtig verstanden. Wir glauben daran, dass die digitale Transformation nicht damit getan ist, sich einfach systematisch zu digitalisieren. Sie wird die Verflechtung von „allem mit allem“ nach sich ziehen. Das heißt, man muss auch sich selbst ganzheitlicher wahrnehmen, um der Ganzheitlichkeit überhaupt Raum geben zu können. Das Leben besteht aus Ying und Yang, aus Entspannung und Dynamik, aus Hartem und Weichem, aus Natur und Technologie. Es gilt, dem allen viel mehr, viel multioptionaler gerecht zu werden. Das geht nur über Wahrnehmung, Werte und sich immer wieder neu fragen, was jetzt Sache ist. Also, was im Moment das Wichtigste ist. Wir plädieren für eine multioptionale, integrierte Denkweise, die unserem Leben in der ganzheitlichen Welt gerechter wird.

Jetzt meine geltungssuchende Frage: Würdet ihr den Startups der Jahrtausendwende zuschreiben, dass sie die Auflösung vieler der von euch beschriebenen Gegensätze eingeleitet haben?

Wir glauben nicht, dass die Startup-Bewegung sie alleine eingeleitet hat. Startups sind vielmehr das Symptom einer komplexer werdenden Welt, bei denen die Veränderungen besonders stark und frühzeitig zum Ausdruck kommen. Das ist auch ein Phänomen der neuen Gesellschaftsordnung, die gerade entsteht: Ursache und Effekt stehen in keinem klaren Zusammenhang mehr. Wir glauben aber, dass Startups ein wichtiger Teilbereich dieser Bewegung sind, die sich durch unsere Gesellschaft wie ein roter Faden zieht.

So gerne ich eurem harmonischen Leitbild folgen würde, kann ich die Auflösung der Gegensätze auf der großen Weltbühne nicht sehen. Die Trumps und Putins und die ganze Weltmacht Chinas stehen mit genau dem gegenteiligen Verhalten in vollem Saft. Macht mir eher bange. Euch nicht?
Image by Springer Verlag

Im Gegenteil: Trump, Brexit, Erdogan, AfD, Putin und die Datenschutzdebatte sind für uns eher Symptome einer sich radikal verändernden Gesellschaft und somit Übergangsphänomene. Wir spüren alle, dass die Welt, so wie wir sie kennen, für immer der Vergangenheit angehören wird. Das ist es, was den Menschen Angst macht.

Für uns sind die aktuell negativen, nationalistischen, despotischen Symptome jedoch auch Hoffnungsboten für eine neue Zeit. Denn wir sehen sie als Zwischenschritt auf dem Weg in das neue Integrierte, mit dem wir die großen Probleme der Zeit dann auch lösen können. Ganz bestimmt ist das eine Betrachtungsweise in einem 50-Jahre-Zeitraum – so, wie es bei Metatrends der Fall ist. Wir wollen bestimmt nicht sagen, dass alles gut und harmonisch ist. Wir wollen uns alle aber dazu aufrufen, uns für diese integrierte Sicht.

Das Buch „Das Ende der unvereinbaren Gegensätze“ ist erschienen im Springer Verlag und z.B. per Amazon zu bestellen (Provisionslink)

 

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Neue Provinz: Über Diversität und Indifferenz auf dem Land

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Vor ungefähr zwei Jahren erschien in der Welt ein Interview mit dem an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrenden Soziologen Prof. Dr. Armin Nassehi zum Thema Rechtspopulismus. Nassehi äußerte darin den sehr interessanten Gedanken, dass „Urbanität ein Lebensstil ist, in dem man Indifferenz einüben kann, in dem man sich damit arrangiert, dass die Gesellschaft nicht aus einem Guss ist.“ In der Konsequenz sieht er darin die gesellschaftliche Aufgabe, auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft Alternativen anzubieten, um nicht die Ränder zu Alternativen aufzuwerten.

Dieses Interview erschien ein paar Monate nachdem die als Sammelbecken für Rechtspopulisten und Rechtsextremisten fungierende Partei Alternative für Deutschland (AfD) beachtliche Erfolge bei Landtagswahlen feiern konnte, unter anderem auch in Sachsen-Anhalt. Ich komme von da, bin Ende der Neunziger Jahre mit dem bisherigen Peak an rechter Gewalt aufgewachsen. Der Rechtsextremismus war damals in den Städten genauso spürbar wie auf dem Land. Vor allem die mir sehr am Herzen liegende Altmark war damals eine Hochburg für Nazi-Kameradschaften. Auch heute gibt es hier noch Probleme.

Was sich aber meiner Meinung nach geändert hat, und diese subjektive Wahrnehmung kann und soll gerne kommentiert werden, ist die gesellschaftliche Vielfalt im ländlichen Raum. Nassehis Lob auf das Urbane, die Konfrontation mit Indifferenzen, sehe ich persönlich gar nicht mehr auf die Großstadt begrenzt. Das Leben auf dem Land ist gar nicht mehr so anders als das Leben in der Stadt. Damit möchte ich nicht die kulturellen und regionalen Eigenheiten in Abrede stellen. Auch sie haben ihre Bedeutung und sind ein wichtiger Teil unseres kulturellen Erbes. Ich meine damit eher den Alltag.

Mir kommt es manchmal so vor, dass wenn ich beispielsweise einmal wieder in Stendal unterwegs bin, dass ich mehr Diversität wahrnehme als beispielsweise im homogenen Friedrichshain, wo ich wohne. Selbstverständlich treffe ich hier Menschen aus allen Enden der Welt, aber sie sind mir doch sehr ähnlich in ihrem Nutzungs- und Konsumverhalten. Wir fahren gerne mit einem Car2go kurz einkaufen, trinken Flat Whites in einem der unzähligen Straßencafés und kommunizieren nebenbei vom Smartphone aus mit Kunden und Kollegen. Künstliche Konstrukte wie Nationalitäten haben keine Auswirkung auf uns.

Gesellschaftliche Indifferenz im ländlichen Raum

Ich treffe in Friedrichshain Menschen aus anderen Ländern, die mir aber sehr ähnlich sind. In Stendal treffe ich Menschen aus anderen Ländern, die ein komplett anderes Leben als ich leben müssen. Sie haben hierzulande Zuflucht gesucht und sind in Landstriche wie die Altmark geschickt wurden. Diese Zuflucht gesucht habenden Menschen sind Elend und Krieg entflohen. Ihre Schicksale gehen einem nahe. Sie erzeugen eine Indifferenz zu den bisher lebenden Menschen. Das erzeugt Herausforderungen, zwingt aber auch sich mit Veränderungen zu arrangieren und für neue Entwicklungen offen zu sein.

Genauso wie auch Rückkehrer*innen, also Menschen, die im ländlichen Raum aufgewachsen sind, diesen verlassen haben und sich dann wieder entschlossen haben zurückzukehren. Sie haben woanders gelebt, andere Erfahrungen gemacht und neue Sachen gelernt, die sie so niemals erlebt hätten, wenn sie geblieben wären. Diese Menschen bringen neue Impulse mit, wollen Sachen anders machen als wie man sie vor Ort stets gemacht hat. Auch dies ist eine Herausforderung für das Etablierte und zwingt, sich mit der Indifferenz der Ansichtsweisen zu beschäftigen, neue Ideen zu tolerieren und auch zu testen.

Doch nicht nur Zugezogene und Zurückgekehrte sind Quellen für Indifferenz, sondern auch die Menschen von vor Ort, die gesellschafliche Veränderungen genauso mittragen und vorantreiben wie Menschen in der Stadt. Auf Instagram bin ich erst diese Woche auf das Profil thegayfarmers gestoßen, auf dem als Landwirte arbeitende Männer und Frauen zu ihrer LGBTQIA-Identität stehen. Die Menschen kommen aus allen Teilen der Welt. Lutz Staacke erklärt in einem Thread auf Twitter, anlässlich des ersten schwulen Landwirts aus Deutschland, der auf Instagram gefeatured wird, wie es zu diesem Instagram-Profil kam:

Das Landleben ist bunt(er)?

Diese Beobachtungen, diese persönlichen Wahrnehmungen meinerseits, lassen mich das Landleben bunter betrachten als ich bisher dachte. Allerdings lebe ich noch nicht im ländlichen Raum. Als weißer, hetereosexueller Mann in seinen dreißiger Jahren bin ich auch vermutlich die letzte Person, die Akzeptanz für Diversität wirklich wahrnehmen kann. Mich begeistert Indifferenz, ich halte sie für wichtig, allerdings kann sie womöglich auch für andere Druck bedeuten. Ich freue mich deshalb über einordnende Argumente, die Ansichten erweiternde Meinungen und auch Kritik, die vielleicht trotz bester Absichten nötig sein könnte.

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Same but different – Weil anders einfach anders ist

Ohlala! So spielerisch schön die französische Sprache klingt, so schmeckt auch ihre einzigartige Küche. So organisiert und strukturiert die deutsche Sprache ist, so sieht auch (meist) der Terminkalender und die Arbeitsweise deutschsprachiger Personen aus. In Sprache formuliert sich Kultur. Kann man zwischen diesen unterschiedlichen Systemen einfach von einem in das andere übersetzen?

Nach zwei Jahren Dubai, das mehr als 200 Nationalitäten beherbergt, kann ich aus eigener Erfahrung sagen: kommunizieren geht, verstehen nicht immer. Wenn ich mit meinem deutschen Englisch mit einem Inder über meine arabische Bestellung spreche, prallen Welten aufeinander. Oft passt ein Begriff aus der Muttersprache perfekt, um den Moment zu umschreiben, nur leider existiert dieser in der anderen nicht (schon mal versucht, dem älteren deutschen Publikum „Skyline“ zu erklären?).

Bevor ich mich auf das Abenteuer Dubai einließ, schrieb ich meine Masterarbeit in Paris über die Unübersetzbarkeit der Sprache. Ein Phänomen, das mich bis heute tagtäglich an meine Grenzen bringt und zugleich meine Faszination für andere Kulturen ausmacht. Auf die Idee hat mich damals das Europäische Wörterbuch der unübersetzbaren Begriffe (Vocabulaire européen des philosophies – Dictionnaire des Intraduisibles) gebracht.

Das Wörterbuch der unübersetzbaren Begriffe

Das Werk von der Philosophin und Philologin Barbara Cassin fordert den reflektierten Umgang mit der Vielheit der Sprache. Es führt unübersetzbare Wörter aus 15 verschiedenen Sprachen auf – wie der Titel bereits verrät, kommen diese aus dem europäischen Raum. Damit umfasst es nur einen kleinen Teil der Weltsprachen, bringt es aber schon auf 532 Seiten. Insgesamt 150 Mitarbeiter aus dem philosophischen und sprachwissenschaftlichen Bereich arbeiteten ungefähr zwölf Jahre an dem philosophischen Wörterbuch der unübersetzbaren Wörter.

Dreh- und Angelpunkt des Werkes ist die Unterschiedlichkeit von Sprache – in ihrer Struktur und in ihren Begriffen. Dabei ist es nicht das Ziel, für die Wörter eine einzige, allgemeingültige Übersetzung zu liefern: „Vielmehr klärt es Unstimmigkeiten, konfrontiert sie miteinander und regt das Nachdenken über sie an“, erklärt Cassins in ihrer Einleitung.

Ein Blick in das Werk lohnt sich; entdeckt man doch ungeahnte Wortschätze, denen man sonst mit Gleichgültigkeit im allgemeinen Sprachgebrauch begegnet wäre. So ist das Wort „Gemüt“ in der deutschen Sprache einzigartig.

„Gemüt“ ist weder Geist, noch Seele

Der Artikel dazu wurde von Denis Thouard verfasst, der ihn zuerst in Bezug zu anderen Sprachen definiert: „Gemüt“ wird dem griechischen thumos (Lebenskraft), dem lateinischen mens/animus (Seele/Geist) und dem englischen mind/mood zugeordnet. Doch besitzt es keinen zufriedenstellenden Äquivalenten in anderen Sprachen und wird in Übersetzungen meist entweder als Seele oder Geist übersetzt, was jedoch nicht seiner Vielschichtigkeit gerecht wird. Denn das Gemüt ist weder Geist, noch Seele. Es wird als internes Prinzip des Menschen verstanden, das den Geist aber auch die Gefühlsregungen animiert und dazwischen changiert.

Der Wörterbuchartikel geht zurück bis 1260 und zeigt, dass „Gemüt“, dass später auch zu gemütlich wurde, eines der ältesten deutschen Begriffe ist. Interessant wird es, wenn Denis Thouard die französische Übersetzung von Immanuel Kant’s berühmter Schrift „Die Kritik der reinen Vernunft“ ins Französische diskutiert. Hier wird es systematisch durch „Geist“ (esprit) übersetzt und verliert damit völlig die emotionale und empfindsame Dimension – Kants Schrift rückt in ein ganz anderes Licht.

Bewusstsein für Andersartigkeit

Dieser kurze Einblick in den Diskurs der Translationswissenschaft zeigt: Nein, so einfach ist es mit der Übersetzung nicht.

Im Alltag in Dubai oder Abu Dhabi wird es wohl nicht zu solchen bedeutungsschweren Missverständnissen kommen. Doch ist das Bewusstsein für die Andersartigkeit schon ein guter Anfang, um nicht nur Verstehen, sondern auch Verständnis für den anderen zu lernen. Das 1:1-Prinzip funktioniert eben nicht in der Übersetzung, aber das macht das Miteinander noch viel spannender. Gemütlich ist eben nicht nur „cosy“ – es ist ein Gefühl, dass Emotion und Geist einschließt – und das wir mit Leib und Seele leben!

Das Wörterbuch ist in französcher Sprache und in englischer Sprache erhältlich bei Amazon (Provisions-Link)


pathdoc / stock.adobe.com

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Phubbing: Die Sucht nach dem Smartphone

Phubbing-adapted-Image-by-Jacob-Ufkes-CC0-public-Domain-via-Unsplash-

Wir waren alle schon Opfer und sicherlich auch schon Täter: „Phubbing“ beschreibt das Phänomen, wenn wir unserem Smartphone mehr Aufmerksamkeit schenken als unserem Gegenüber. Der Begriff ist eine Symbiose aus den Worten „phone“ und „snubbing“, also vor den Kopf stoßen.

Gute alte Smartphone-Sucht

Gut 150 (!) Mal am Tag schauen wir auf unser Smartphone, um unsere Sucht nach sozialen Netzwerken zu stillen. Und auch wenn dieser Umstand das „Phubbing“ weniger überraschend macht –  es wird deutlich, dass etwas gewaltig schief läuft, wenn wir lieber Facebook oder Instagram checken, anstatt uns mit unserem Gegenüber zu unterhalten. Das dachte sich angeblich auch der Student Alex Heigh aus Melbourne. Deswegen rief er 2013 die Kampagne „Stop Phubbing“ sowie die Website stopphubbing.com ins Leben. Hier kann sich wunderbar satirische Statistiken durchlesen oder auch Anti-Phubbing-Plakate downloaden. Sätze wie „Wenn Phubbing eine Plage wäre, würde es sechsmal China dahinraffen“ oder „Während Sie ihren Status updaten, bedienen wir gerne die höfliche Person, die hinter Ihnen sitzt“ sind hier zu finden.

Und jetzt der Haken: Bei der Geschichte des australischen Studenten handelte es sich eigentlich nur um eine Werbekampagne für ein Wörterbuch. Die Werbeagentur McCann Erickson wollte mit der erfunden Initiative zeigen, dass Sprache lebt und immer neue Wörter entstehen. Und man sie somit irgendwo nachschlagen muss. Das Wort hat sich dennoch erfolgreich etabliert und der Nebeneffekt zündet ebenso.

So hat zum Beispiel Durex das Phänomen in seinem #DoNotDisturb-Video aufgegriffen und einen Viralerfolg gelandet. Fiktive Initative hin oder her, auch das Jugendwort des Jahres 2015 „Smombie“ (Symbiose aus „Smartphone“ und „Zombie“) macht die Message deutlich: Finger weg vom Handy und die echten Gespräche genießen!


Image (adapted) „Phubbing“ by Jacob Ufkes (CC0 Public Domain


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Ökonomie gone wrong: Wie Vulgärkapitalisten semantisch und faktisch die Welt dominieren

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Der Erfolg „exponentieller Organisationen“ wie Facebook und Youtube erklärt sich nach Ansicht des Next Act-Konferenzmachers Winfried Felser ebenso wenig mit alten Vorstellungen von Mensch und Ökonomie wie das Problem innerlicher Kündigungen, wie es von Gallup & Co. dokumentiert wird, die eben deutlich machen, dass der Mensch kein Homo Oeconomicus ist, der deterministisch auf Basis von Kontrakten perfekt funktioniert.

Was könnte die Alternative sein? Felser verweist auf eine „Ökonomie als Wissenschaft der leidenschaftlichen Interessen“, die von Bruno Latour und Vincent Antonin Lépinay mit Bezugnahme auf den Kriminologen, Soziologen und Sozialpsychologen Gabriel Tarde beschrieben wird. Vielleicht seien es ja gar nicht der Unterbau und die Produktionsverhältnisse, die die Ökonomie und die Gesellschaft bestimmen, sondern die Ideen, der „Überbau“  – wie es der Suhrkamp-Verlag in der Vorstellung des Buches auf der eigenen Website formuliert.

Leidenschaftliche Ideen jenseits des Homo Oeconomicus

Nichts sei in dieser Ökonomie objektiv, alles ist subjektiv. „Die Ideen und die Leidenschaft für Ideen oder auch der schöpferisch neu entstehende Sinn regieren die Welt. Mit Tarde stellen Bruno Latour und Vincent Antonin Lépinay natürlich Karl Marx, aber auch Feuerbach und die ‚Materialisten‘ und ‚Rationalisten‘ in den Schulen des Ökonomischen von den Füßen auf den Kopf. Dass der Soziologe und Philosoph Latour der Begründer der Akteurs-Netzwerk-Theorie ist, ist ebenso wenig verwunderlich wie sein Engagement für die Erforschung der kreativen Wissenschaft. Beides gehört als Erklärungsansatz und Anwendungsbereich in diesen Kontext einer neuen Logik, die auch Leidenschaften kennt“, so Felser in einem Beitrag für das New Management-Format des Haufe-Verlags.

Der unermüdliche Netzwerker Felser bringt den Deloitte-Vordenker John Hagel ins Spiel, der den narrativen Faktor für die Ökonomie betont: Erzählungen liefern den Kontext und das gemeinsame Ziel, das andere in die Bewegung hineinzieht und sie motiviert und konzentriert hält, während sie mit den unzähligen unerwarteten Hindernissen umgehen, die einer Veränderung im Weg stehen.

Wie passen Macht, Marktwirtschaft und starker Staat zusammen?

Nun gilt das für positive Antriebe, die sich vom mechanistischen Weltbild des Homo Oeconomicus wegbewegen wollen, aber leider auch für die vorherrschende ökonomischen Lehre. Wie passt beispielsweise die liberale Orientierung der Marktwirtschaftler zu den bigotten Zielen von Donald Trump und der CSU? In der Sicherheitspolitik nach innen und außen reden die Vulgär-Rechten dem starken Staat das Wort, ziehen alternative Lebensmodelle in den Schmutz, positionieren sich gegen Abtreibungen und plädieren in der Wirtschaftspolitik für weniger Regulierung, sinkende Steuersätze und einem geringeren Staatsanteil in der Volkswirtschaft.

Laptop, Lederhosen, Überwachungsstaat und das Strenger-Vater-Modell

Also heisst es: Laptop und Lederhose oder Wirtschaftsförderung und Überwachungsstaat. George Lakoff, Professor für kognitive Wissenschaft und Linguistik an der University of California, bringt zwei gegensätzliche Familienmodelle in die Diskussion, um diese politischen Widersprüche aufzulösen: das konservative und in zum Teil reaktionäre Familienmodell mit einer Strenger-Vater-Moral und das progressive Familienmodell mit einer Fürsorgliche-Eltern-Moral. Dahinter verbergen sich unterschiedliche Weltsichten und ein metaphorisches Denken über Staat und Gesellschaft.

Die Strenger-Vater-Moral passt zu den Gesängen der konservativen und national-liberalen Protagonisten wie die Faust aufs Auge. Dahinter steckt eine gehörige Portion Sozialdarwinismus – in moderner Form wird auch vom Digitaldarwinismus gesprochen. Es ist die populäre Vorstellung von einer Gesellschaft, die sich durch Wettbewerb optimiert.

Nur die Stärksten überleben?

Nur die stärksten Menschen setzen sich an die Spitze des Systems. Dabei besagt die Evolutionstheorie etwas völlig anderes: Charles Darwin sprach von „survival of the fittest“ – also dem Überleben der Passenden, derjenigen, die sich am Besten anpassen können. Es geht um ökologische Nischen und nicht um das vulgärkapitalistische Credo von Donald Trump: „Nur der Stärkste gewinnt“.

Die Theorie von Darwin hat aber nicht das Geringste mit Eigenverdienst zu tun. „Es hat zu tun mit ökologischen Nischen und damit, per Zufall am besten in diese Nischen zu passen“, erläutert Lakoff.

Mythos des freien Marktes

Dennoch dominiert der Mythos vom Markt als natürlicher Gewalt – also das, was Adam Smith als Begründer der marktwirtschaftlichen Theorie im 18. Jahrhundert an Stecknadel-Weisheiten in die Welt gesetzt hat. Wenn jeder seinen eigenen Profit anstrebt, dann wird der Profit aller maximiert – also durch die unsichtbare Hand. So eine Art Naturgesetz. Dieser freie Markt ist aber eine Erfindung. Er ist eine Metapher. Alle Märkte sind in Wirklichkeit konstruiert. „Sie sind gemacht von Menschenhand. Und sie können geändert werden. Und Progressive sollten öffentlich darüber sprechen, dass der freie Markt ein Mythos ist, dass er nur frei innerhalb bestimmter Regeln ist, die ihn strukturieren, und dass diese Regeln geändert werden können“, so Lakoff. Wer die Metapher vom freien Markt akzeptiert, begibt sich auf die Leimspur der Rechten: Progressive im Sinne des Modells von Lakoff werden zu Kräften abgekanzelt, die den Markt durch Regulierungen unfrei machen wollen.

Die semantischen Tricks von Lindner & Co.

Das sind semantische Tricks, die man in jeder Rede von FDP-Chef Christian Lindner serviert bekommt. Problem: Die Befürworter des progressiven Lebensmodells, die sich um andere Menschen sorgen und nicht gegen andere Menschen behaupten, lassen sich immer wieder auf dieses sprachliche Glatteis leiten. Man unterschätzt, dass Frames, Metaphern und Sprachbilder einen Gutteil unseres Denkens bestimmen.

Informationen, die im Widerspruch zu gedanklichen Frames und zum eigenen Deutungsrahmen stehen, werden ignoriert, betont Lakoff. Als Beispiel verweist er auf die Bezeichnung „Steuererleichterung“. Das so harmlose Wort aus den Think Tank-Stuben der Rechten suggeriert, dass wir alle künstliche Lasten tragen müssen – also Steuern (zu den Rechten zähle ich übrigens auch die so genannten Libertären, die den Staat generell verfluchen).

Wer für „Steuererleichterungen“ eintritt, ist jemand, der für Bürgerinnen und Bürger etwas Gutes vollbringt. Man befreit Menschen von Lasten. Im Umkehrschluss sind Steuerbefürworter politische Kräfte, die anderen schaden wollen. Eine ziemlich perfide und zynische Strategie, die selbst bei der Arbeiterschaft in den ältesten und größten Industrieregionen der USA fruchtet – den Rust Belt-Bundesstaaten.

Vulgärkapitalisten als Trittbrettfahrer

„Dieser Frame blendet die Tatsache aus, dass die wohlhabenden Menschen in unserer Gesellschaft zu einem großen Teil das gemeinsame Vermögen der Gesellschaft nutzen, um ihren Wohlstand zu begründen und zu mehren“, sagt der Wissenschaftler Lakoff. Etwa Immobilien-Spekulanten in Bonn, die auf einen weiteren Anstieg der Bodenpreise setzen und Luxussanierungen in der Südstadt betreiben. Ohne die von der Allgemeinheit finanzierte Infrastruktur wären die Bodenpreis-Steigerungen aber gar nicht möglich. Entsprechend sollten die Grundsteuern für all jene drastisch erhöht werden, die mit der Knappheit von Liegenschaften in Ballungsräumen satte und unappetitliche Renditen einstreichen.

Keine Angst, liebste Reihenhaus-Fraktion, man könnte das am Wert der Immobilien festmachen. Welchen Frame sollten die Progressiven besetzen, um nicht mehr der rechten Strenger-Vater-Moral zu folgen? „Man kann Frames schaffen, in denen Steuern nicht als Abgabe unseres privaten Vermögens an den Staat begriffen werden, sondern als Rückerstattung dessen, was die Gesellschaft uns im Vorwege zur Verfügung gestellt hat“, so Lakoff. Beispielsweise das von Steuergeldern aufgebaute Internet.

Wer versucht, etwas auf Kosten der Gemeinschaft umsonst zu bekommen?

Andreas Zeuch von den Unternehmensdemokraten bringt das Phänomen der externalisierten Kosten ins Gespräch.

 

Wir könnten die Externalisierung von Kosten als einen unlauteren Wettbewerb verstehen und bestrafen. Wenn Unternehmen eigene Kosten sozialisieren und Gewinne privatisieren, wie die Energiekonzerne bei der Handhabung des Atommülls, sollten sie mit dem Wettbewerbsrecht zur Rechenschaft gezogen werden. Will man solche Fakten in der öffentlichen Debatte nach vorne bringen, muss man einen Frame erwecken, in dem diese Fakten bedeutsam sind, empfiehlt Lakoff. Man darf dabei aber nicht die politischen Frames des Gegners übernehmen.

Das Notiz-Amt empfiehlt zur Vertiefung des Themas das Buch von George Lakoff und Elisabeth Wehling „Auf leisen Sohlen ins Gehirn – Politische Sprache und ihre heimliche Macht“, erschienen im Carl-Auer-Verlag.

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Künstliche Intelligenz und die Angst vor ihr

Orb of power (adapted) (Image by Ramón Salinero [CC0 Public Domain] via Unsplash)

Die Künstliche Intelligenz hat in der deutschen Diskurslandschaft keinen guten Ruf. Sie bevormundet Menschen, entscheidet intransparent und gehört meist nur den Silicon Valley-Konzernen. Sollten wir Menschen, die wir den Planeten gegen die Wand fahren, nicht offener dieser Form von Intelligenz gegenüber auftreten? Bietet sie nicht auch sehr viele Chancen?

Jährlich sterben allein in Deutschland 100.000 – 200.000 Menschen am plötzlichen Herztod. Das Risiko steigt mit dem Alter. Männer sind fast doppelt so häufig betroffen. Auch intensiver Sport führt – bei fehlendem Wissen um eine unentdeckte Herzerkrankung – zu einer Verdoppelung des Risikos, daran zu sterben. Die wenigsten potenziellen Opfer gehen vorab zum Kardiologen, da sie zumeist keine Beschwerden verspüren. Wenn sie dann doch aufgrund temporärer Beschwerden zum Kardiologen gehen, ist die Wahrscheinlichkeit, das Problem im Rahmen eines 24-Stunden-EKGs zu entdecken, sehr gering.

Apple hat dieses Problem erkannt und wird wohl beim Nachfolgemodell der Apple Watch 3 einen Sensor für ein erweitertes EKG in die Uhren einbauen. Durch einen Abgleich der gemessenen EKG-Daten und möglicher enthaltener auffälliger Muster mit standardisierten beispielhaften „kranken“ Mustern, können unentdeckte Herzerkrankungen oder Anomalien erkannt werden.

Apple wird mit dieser Funktion und der Auswertung der Daten (indirekt) wahrscheinlich viel Geld verdienen. Wie sehen die Menschen, die schon um ihr erhöhtes Sterberisiko in Folge einer Vorerkrankung wissen, ein solches Device? Und wie sehen sie die Möglichkeiten der Diagnose infolge der Auswertung großer Datenmengen? Würden sie bemängeln, dass die oftmals so deklarierten „Internet-Riesen“ trotz ungeklärter Fragen des Datenschutzes Geld mit diesen Devices verdienen? Würden sie nach der Wirkungsweise des Algorithmus fragen? Und würden sie sich mit dessen Anwendung nur dann einverstanden erklären, wenn man ihnen den Programm-Code erklärt? Oder wenn eine deutsche Behörde diesen einen speziellen Algorithmus überprüft hat? Wohl eher nicht.

Wer sollte über die Anwendung einer Künstlichen Intelligenz (KI) entscheiden: Die betroffenen Menschen oder eine Kommission?

Umso weltfremder und an den Gesundheitsbedürfnissen der betroffenen Menschen vorbei scheinen daher momentane Beiträge in bekannten Medien. Diese fordern ein, dass es Experten geben müsste, die die Wirkungsweise jeder KI verstehen. Die sie kontrollieren und über deren Nutzung urteilen sollten. Obgleich sie nicht von einer tödlichen Bedrohung wie dem plötzlichen Herztod bedroht sind. Mit welchem Recht wird dann aber den betroffenen Menschen die Entscheidung zur Anwendung der Technik aus der Hand genommen? Wollte man aus dieser Situation eine steile These generieren, so könnte man sagen, dass die Debatte und die Verschleppung der Einführung von KI täglich unverantwortlicher Weise Menschenleben kostet.

Während diskutiert wird, welche Menschen eine KI in einem autonom fahrenden Auto am ehesten im Notfall „umfahren“ soll, sterben täglich in Deutschland ca. neun Menschen im Verkehr. Meist wurden diese Unfälle verursacht durch zu hohe Geschwindigkeit oder Fahren unter Alkoholeinfluss ihrer Mitmenschen. Warum wird also nicht die Frage nach der moralischen Verträglichkeit menschengelenkter Autos gefragt? Hat es eine solche Ethik-Debatte jemals gegeben, um zu überprüfen, ob der Vorstand von Volkswagen vor Bekanntwerden von Dieselgate „ethisch richtig handelt“? Wieso legen wir an KI solch hohe Maßstäbe an, die die Menschen bisher selbst meist nicht erfüllt haben?

Dürfen wir KI unsere menschliche Moral aufzwingen?

Sally Davies hat sich in ihrem Beitrag daher auch die Frage gestellt, mit welchem Recht wir versuchen, einer zukünftigen KI unser Verständnis von Moral aufzuzwingen. Viele technische KI-Experten werden einwenden, dass diese Form der KI noch lange nicht erreicht sei (worüber es zu Recht aber sehr unterschiedliche Auffassungen gibt). Nichtsdestotrotz ist damit zu rechnen, dass wir uns eines Tages diese Fragen stellen müssen. Wird sich die KI einsichtig zeigen, dass unser Wertmaßstab auch der ihrige sein soll? Was wäre, wenn die KI „Verbesserungsvorschläge“ für unser Wertesystem liefert?

Im Bereich strategischer Spiele sind wir bereits an diesem Punkt der KI-Entwicklung angekommen. In einem aktuellen Beitrag auf The Atlantik zu den neuen Fortschritten bei der KI-Entwicklung im Zuge der AlphaGo Zero-Entwicklung formulieren die Autoren, was im Kern die Botschaft aus den gegenwärtigen Entwicklungssprüngen ist. Die (genannte) KI benötigt keinen Menschen mehr, um in einem Gebiet „übermenschliche“ Fähigkeiten in kürzester Zeit zu entwickeln. Das ist insbesondere dann spannend, wenn die Erkenntnisse der KI-Entwickler auf die Bekämpfung von Krankheiten oder den Klimawandel angewendet werden, wie diese es selbst in ihrem Blog weitsichtig beschreiben.

Eine leidige kurzsichtige Diskussion über die vermeintliche Sinnhaftigkeit luftverdreckender Diesel-Pkw wäre unter diesen Umständen schnell obsolet. Sie könnte, im Gegensatz zu den derzeit beschlossenen politischen Maßnahmen, täglich Menschenleben retten. Ist es vielleicht an der Zeit, dass wir den Versuch aufgeben, eine höhere Intelligenz verstehen zu wollen?

Die Syntheist-Bewegung greift diese Überlegungen auf. Der schwedische Cyber-Philosoph Alexander Bard als einer der bekanntesten Vertreter begreift das Internet als „Gehirn“ der Menschheit. Laut ihm ist es ausgestattet mit Netzknoten, Netzwerken und Datenbanken. Sie alle zusammen sind mehr als die Summe der einzelnen Wissensbestandteile der Menschheit. Das Silicon Valley „Wunderkind“ Anthony Levandowski geht in dieselbe Richtung. Er versteht die internetbasierte Wissensgenerierung als Schritt hin zu einer übergeordneten Weisheit, infolgedessen er auch die „First Church of AI“ ausgerufen hat.

Können Androiden menschliche Reaktionen auslösen?

Die Fähigkeiten gerade von Robotern, in den zwischenmenschlichen Bereich vorzudringen, wurde bisher ebenfalls sehr zurückhaltend gesehen. Seien es doch die wahren menschlichen Eigenschaften der Kreativität, der Interaktion, der Empathie, die menschliche Reaktionen hervorriefen und durch Maschinen nie ersetzt werden könnten. Ist dem wirklich so? In einem aktuellen Beitrag stellt sich die Autorin Alex Mar die Frage, ob es diese angeblich genuinen Eigenschaften wirklich nur bei Menschen gibt.

Bei einem Besuch des Android-Forschers Hiroshi Ishi­guro wird sie an die Grenze des scheinbar intuitiv Menschlichen gebracht, als sie von den Erfahrungen des Forschers mit seinen Androiden hört. Indem Androiden basale menschliche Verhaltensweisen übernehmen, die einen Menschen positiv und emotional triggern, können sie bei Menschen echte mitmenschliche Emotionen erzeugen. In einem wissenschaftlichen Experiment konnten Forscher der Universität Calgary vor Jahren zeigen, dass selbst ein Stück Balsaholz bei Menschen Gefühle auslösen kann. Die positiven Gefühle Maschinen gegenüber können noch weiter befördert werden, wenn man sie ab und an „menschliche“ Fehler machen lässt und sie dadurch nicht unerreichbar perfekt erscheinen.

Spätestens mit der Nutzung der replika-App kann jeder Nutzer selbst überprüfen, ob der Dialog mit einer auf sich selbst trainierten KI wirklich immer nur als bewusster Dialog mit einem Code erfolgt. Und nicht mit einem „gefühlten“ realen Gegenüber. Die Gründerin des Startups hatte ihren besten Freund auf tragische Weise verloren. Daraufhin sammelte sie nach seinem Tod alle Chats, die sie mit ihm geführt hatte. Sie kreierte eine erste KI, die ihren toten Freund simulierte. Inzwischen können Nutzer weltweit eine eigene KI nach diesem Muster „erstellen“. Auch wenn das etwas seltsam klingt, haben Außenstehende kein Recht, der Gründerin oder Nutzern von „replika“ daraus einen Vorwurf zu machen.

Wäre es daher nicht an der Zeit, an der Einmaligkeit des Menschlichen zu zweifeln? Fand man in der Neurowissenschaft bereits vor Jahren heraus, dass der vorgebliche freie Wille der Menschen gar nicht so frei ist, ist es jetzt an der Zeit zu erkennen, dass auch unsere Gefühle nicht nur an Menschen gebunden sind.

Digitaler Darwinismus ist schon heute Realität

Man muss sicherlich nicht ganz so weit gehen, wenn es um das Mimikry menschlichen Verhaltens durch eine KI geht. Schon weiter vorangeschritten ist die Angleichung an menschliche Verhaltensweisen bei der Ausübung von beruflichen Tätigkeiten. So zeigt Miranda Katz anhand von Beispielen aus der Übersetzerbranche, der Juristerei und der Filmbranche, dass schon heute impliziter digitaler Darwinismus auf dem Arbeitsmarkt durch den Einsatz von KI ausgelöst worden ist. So ist es nach Meinung der dort zitierten ScriptBook CEO Nadira Azermai nicht die KI, die Menschen arbeitslos werden lässt. Es ist vielmehr die Verweigerungshaltung, KI für die eigene Tätigkeit einzusetzen. Auch wenn dies an vielen Stellen schon möglich ist.

“You’ll lose your job to people who have learned how to cooperate with machines. You will lose your job if you keep turning your head the other direction and pretending it doesn’t exist“, so Azermai.

Wenn aber KI zunehmend Tätigkeiten übernehmen, die Bestandteil menschlicher Berufe (Arzt, Drehbuchautor, Polizist) sind, muss die Frage gestellt werden, in welcher Weise sich Ausbildungsgänge nicht eigentlich sehr viel schneller anpassen müssten. Jon Marcus beschreibt in seinem Beitrag die erkennbaren Folgen für das bestehende Bildungssystem. So beginnen die ersten großen Unternehmen aus der IT-Branche, eigene Ausbildungsgänge aufzubauen. Hier erfolgt nämlich die Anpassung der bestehenden zu langsam und bürokratisch. KI, die Berufe verändert, hat demnach auch Auswirkungen auf das Bildungssystem. Sicher könnte man die ethische Frage anschließen, was denn mit dem Kompetenzaufbau in den Bereichen der Ausbildung geschieht, in denen die KI Menschen ersetzen.

Mit wissenschaftlichen Methoden des 20. Jahrhunderts lösen wir nicht die Probleme des 21. Jahrhunderts

Der Umgang der Wissenschaft und der Politik mit dieser Herausforderung zeigt sehr anschaulich das Dilemma, auf diese neue Herausforderung (KI, Roboter) mit tradierten Methoden und Sichtweisen zu reagieren. Seit der Veröffentlichung der allseits bekannten Frey/Osborne-Studie hat es viele volkswirtschaftliche Folge-Studien gegeben (so z.B. durch das ZEW). Diese waren am Ende stets zu dem Ergebnis gelangt, dass wir mit einem Abbau menschlicher Beschäftigung – in einem ungeklärten Umfang – rechnen müssen. Zeigt sich aber nicht zuletzt an der Methodik dieser Studien, dass wir inzwischen mit menschlicher Intelligenz allein die Komplexität, die uns zunehmend umgibt, nicht mehr bewältigen können? Wie kann es sein, dass Studien ernsthaft als politische Entscheidungsgrundlage dienen, die vorgeben, die Wahrscheinlichkeit einer digitalen Disruption in einer bestimmten Branche ex ante berechnen und daraus ableitend Arbeitsmarktprognosen abgeben zu können? Wir hinterfragen aber nicht diese wissenschaftlichen Methoden. Wir hinterfragen vielmehr die Entscheidungslogiken der KI und bezeichnen sie nur zu gern und schnell als diskriminierend.

Nicht die Künstliche Intelligenz sondern der Mensch diskriminiert

Eva Wolfangel zeigt in ihrem spannenden NZZ-Beitrag, warum es aber nicht die Algorithmen – auch nicht die selbst lernenden KIs – sind, die sexistisch, rassistisch oder diskriminierend sind. Es liegt vielmehr an dem, was wir der KI „vorleben“ und als Input zum Lernen zur Verfügung stellen. Ein Herausbrechen von Diskriminierung aus Algorithmen hingegen ist als Lösung des Problems in keiner Weise geeignet, da es keine übergeordnete Wahrheit und keinen absoluten Maßstab gibt, an dem sich diese Programmierer ausrichten können. Zudem kommt das Problem hinzu, so Wolfangel, dass Menschen allzuhäufig Korrelationen mit Kausalitäten gleichsetzen. Im Kern heißt dies also erneut, dass die KI nichts vom Menschen lernen kann, da er selbst nicht das passende Vorbild abliefert.

Hängt der Quanten-Computer die Menschen endgültig ab?

KI ist Bestandteil sehr vieler alltäglicher Lebensbereiche des Menschen. Sie unterstützt diesen, hilft dort aus, wo sie mehr leisten kann als ein Mensch, kann kreativ sein. Der nächste Entwicklungsschritt hin zur Intuition und einem menschenähnlichen Bewusstsein wird eventuell die Anwendung der Quantentechnik für KI sein. So wird bereits in den nächsten Monaten die „Quantum Supremacy“ gegenüber den uns bekannten Computern eintreten.

Wir sollten daher vielleicht nicht vergessen, die Probleme der Politik, der gesellschaftlichen Debatte und der Wissenschaft zu thematisieren. Gerade wenn es darum geht, mit dieser technischen Entwicklung Schritt zu halten. Experten sprechen von der exponentiellen Dynamik der KI-Entwicklung: „There will be an acceleration of pace as ever more people are put out of work “by technology” when artificial intelligence masters vision – and how to learn. (…) Unlike in the Industrial Revolution, we cannot expect a plateau of development here that will allow people to ‘catch up’”. Die Frage ist, wie wir als Menschen damit umgehen wollen.

Die Diskussion um die Gesundheitskarte zeigt es exemplarisch. Während in Deutschland über Fragen des Datenschutzes diskutiert wird, werden anderswo mit IBM Watson bereits Leben gerettet. Wird irgendwann der moralische Druck, die Entwicklung der KI einfach zu akzeptieren, nicht so groß werden, dass jahrelange politischen Debatten über neue Regulären zunehmend utopisch erscheinen? Was ist, wenn die durch eine Smart City induzierte Einsparung natürlicher Ressourcen den persönlichen Vorstellungen über Datenschutz gegenüber steht?

Benötigen wir nicht einen „politischen“ Algorithmus im Sinne einer Entscheidungslogik, der uns beim Umgang mit diesen strittigen Fragen Orientierung gibt und der zwischen individuellen und gesellschaftlichen Interessen abzuwägen hilft? Oder liegt es, wie der genannte provokante Beitrag auf AEON vorschlägt, am Ende gar nicht mehr im Ermessensspielraum des Menschen, über die Moral eines Algorithmus zu entscheiden, weil wir die sich daraus ergebende moralischen Regeln nicht mehr verstehen, wir aber davon ausgehen müssen, dass uns diese weiterhelfen als die Regeln und Verhaltensweisen, die uns seit Jahrtausenden Umweltzerstörung und Krieg bringen?

Wenn ihr mehr zu dem Thema „Angst vor der Künstlichen Intelligenz“ erfahren möchtet, dann gibt es hier von Arend Hintze einen spannenden Artikel mit dem Titel „Künstliche Intelligenz: Wovor die Forscher sich fürchten„.


Image (adapted) „Orb of power“ by Ramón Salinero (CC0 Public Domain)

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Routine-Unternehmer sind Moralzehrer

The Boss (adapted) (Image by Hunters Race [CC0 Public Domain] via Unsplash)

Joseph Schumpeter war ein großer Sozialwissenschaftler und ist es immer noch in dem Sinn, dass seine Persönlichkeit und seine Arbeiten weiter wirken, schreibt Heinz D. Kurz in seinem Opus „Joseph Alois Schumpeter – Ein Sozialökonom zwischen Marx und Walras“. Vor allem über seine Bücher und Aufsätze, die als Referenzwerke und als Quellen von Ideen nicht an Anziehungskraft verloren haben. „Seinen Namen führen mehrere Gesellschaften in ihrer Bezeichnung, darunter die International Joseph A. Schumpeter Society, die Wiener Schumpeter Gesellschaft und die Grazer Schumpeter Gesellschaft.“

Schumpeter: Der VWL-Star in Bonn

Eine Bonner Gesellschaft sucht man vergeblich, obwohl Bonn eine wichtige Station im Wissenschaftsleben von Schumpeter repräsentierte. Er war vor der Bonner Zeit privat insolvent, als Geschäftsmann und Politiker gescheitert. Durch Freunde, Gönner und Weggefährten wie Arthur Spiethoff, der Professor in Bonn war, kommt er wieder auf die Beine. Spiethoff gelingt es, Schumpeter im Oktober 1925 auf den Lehrstuhl für wirtschaftliche Staatswissenschaft zu holen. „Schumpeter wird deutscher Staatsbürger. Spiethoff, Schüler von Schmoller, aber aufgeklärter Historizist, ersucht Schumpeter, alles zu lehren, was dieser wolle, nur nicht Theorie. Schumpeter hält sich anfangs an die Vorgabe. Er hat großen Erfolg bei den Studierenden, die von nah und fern nach Bonn strömen. Wie kaum ein anderer zieht er die Hörer in seinen Bann. Einem seiner Schüler, Erich Schneider, zufolge sei es alleine Schumpeter zu verdanken, dass sich Bonn in wenigen Jahren zu einem ‚Mekka‘ der Volkswirtschaftslehre entwickelt habe“, so Kurz.

Macht und die Kaste der Manager

Schumpeter schöpft in dieser Lebensphase neuen Mut und veröffentlicht binnen kurzer Zeit mehrere einflußreiche Aufsätze. Dazu zählt die 1928 im Economic Journal veröffentlichte Abhandlung „The Instability of Capitalism“. In ihm beschreibt er die dem Kapitalismus seiner Ansicht nach innewohnenden selbstzerstörerischen und diesen letztlich transzendierenden Kräfte, und nimmt damit eine Hauptidee seines knapp anderthalb Jahrzehnte später veröffentlichten Buches Capitalism, Socialism and Democracy (1942) vorweg. „Schumpeter trägt in seinem Aufsatz dem Umstand Rechnung, dass es die von ihm verherrlichte Gestalt des ‚Unternehmers‘ immer seltener gibt. An die Stelle des Wettbewerbs-Kapitalismus sei der in Trusts vermachtete Kapitalismus getreten. Dieser ist gekennzeichnet durch eine Trennung von Eigentum und Kontrolle sowie die wachsende Bedeutung der neu entstehenden Kaste der Manager“, erläutert Kurz.

Niedergang der Mannigfaltigkeit

Die Aufsteiger-und Absteigertypen in einer vertrusteten Gesellschaft seien völlig andere als in einer Konkurrenzgesellschaft und der Unterschied überträgt sich schnell auf Motive, Stimuli und Lebensstile, führt Schumpeter aus. Es wirkt sich negativ für die ökonomische Wohlfahrt aus. Oder in den Worten von Wilhelm Röpke, der zu den Architekten der Sozialen Markwirtschaft gehörte: Es leidet die Mannigfaltigkeit – nachzulesen im Buch „Wilhelm Röpke – Wissenschaftler und Homo politicus zwischen Marburg, Exil und Nachkriegszeit“, erschienen im Metropolis-Verlag. In Märkten, die von ungesunden Machtstrukturen dominiert werden, leiden mittelständische Unternehmen und die Kundschaft.

Wohin das beispielsweise auf dem Entsorgungsmarkt führt, dokumentiert ein Schreiben des Milchindustrieverbandes, das Anfang des Jahres veröffentlicht wurde. Es geht um Verträge, um die Pflichten des Gesetzgebers beim Verpackungsrecycling über Gelbe Tonnen und Säcke zu erfüllen. „Schon jetzt betrifft die Handelslizenzierung rund 50 Prozent des Marktes. Sie stellt keinen Ausnahmetatbestand mehr dar und stellt den Markt für die Verpackungsentsorgung vor umfangreiche wettbewerbliche Probleme, da im Rahmen der Handelslizenzierung nur einige wenige Handelsunternehmen die Verpackungsentsorgung nachfragen und dies auch nur bei einigen wenigen Dualen Systemen. Regelmäßig erfolgt die Handelslizenzierung derzeit zu überhöhten Preisen.“ Klingt nicht spektakulär.

Am Beispiel des Kunststoffverwertung sind das aber enorme Beträge. Da werden 1.296 Euro pro Tonne als Entsorgungspreis verlangt. Ein entsprechender Vertrag wurde dem Notiz-Amt aus der Konsumgüterindustrie zugespielt. Der Marktpreis durch technologische Innovationen liegt aber mittlerweile beim Plastikrecycling unter 600 Euro. Wie kann es sein, dass ein Handelskonzern von seinen Lieferanten mehr als doppelt so viel verlangt? Was passiert mit den rund 700 Euro pro Tonne, die in der Kasse des beauftragten Dualen Systems landen? Der Gesetzgeber fürchtet wohl Kickback-Absprachen zu Gunsten der fünf Handelsgiganten und will das ab 2019 durch das Verpackungsgesetz unterbinden. Siehe auch den NRWision-TV-Beitrag

Das Märchen vom ehrbaren Kaufmann

Das Bild des ehrbaren Kaufmanns ist wohl nur eine Chimäre, genauso wie die Segnungen der unsichtbaren Hand,  führen Professor Lutz Becker und Amit Ray in einem Beitrag für das Fachbuch „CSR und Marketing“ aus. Wenn sich ökonomisch, ökologische und soziale Dysfunktionalitäten ergeben, stellt sich die Frage nach den Regulativen.

Solche Moralzehrer findet man vor allem bei den Routineunternehmen, bei den Platzhirschen, bei den verkrusteten Konzernen sowie bei jenen Protagonisten, die sich über Kartelle organisieren und absichern. Atypisch-verantwortungsvolle Unternehmer findet man vor allem bei neuen Akteuren, die sich von alten Routinen, Absprachen und Ritualen abgrenzen. Es sind Unternehmer, die Anstand und Gemeinwohl als mindestens genauso wichtig erachten, wie Gewinn und Verlust. „Unternehmer, die mit den Regeln des Marktes, die sie unanständig finden, brechen – wie etwa Viva con Agua, eine sich als Social Business verstehende Mineralwassermarke, die sich der Sicherung der Trinkwasserversorgung in den so genannten Entwicklungsländern verschrieben hat“, schreiben Becker und Ray.

Routineunternehmer lieben die Wahrung des Status quo und nutzen Situationen, um Vorteile zu erschleichen. Diese Logik zwingt den Gesetzgeber dauerhaft zum Nachziehen. Ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Handlungsethik auf der Strecke bleibt. Neue Schumpeter-Unternehmer braucht das Land.


Image (adapted) „The Boss“ by Hunters Race (CC0 Public Domain)


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Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben und wie man ihre Meinung ändert

Ich sitze im Zug, als seine Gruppe Fußballfans hereinströmt. Direkt vom Spiel – ihr Team hat offenbar gewonnen – besetzen sie die leeren Sitze um mich herum. Eine Frau nimmt eine weggeworfene Zeitung und kichert hämisch, als sie über die neuesten „alternativen Fakten“ liest, die von Donald Trump verbreitet wurden.

Die anderen mischen sich schon bald mit ihren Gedanken über die Vorliebe des US-Präsidenten für Verschwörungstheorien ein. Das Gespräch geht bald in andere Verschwörungen über und ich höre gerne zu, als die Gruppe sich erbarmungslos über Klimaleugner, Chemtrails Mems und die neueste Erleuchtung von Gwyneth Paltrow lustig macht.

Dann herrscht Stille und einer nutzt dies als Möglichkeit, Folgendes anzuführen:

Dieses Zeug mag Unsinn sein, aber versucht nicht, mir zu erzählen, dass man allem vertrauen kann, was einem von der breiten Masse zugeführt wird! Denkt an die Mondlandung. Sie waren offensichtlich gefälscht – und das nicht einmal gut. Ich habe vor ein paar Tagen diesen Blog gelesen, in dem stand, dass nicht einmal Sterne auf den Bildern zu sehen waren!

Zu meinem Erstaunen führt die Gruppe weitere „Beweise“ an, die die Falschmeldung über die Mondlandung unterstützen: Widersprüchliche Schatten auf Fotos, eine wehende Fahne, obwohl es auf dem Mond doch keine Atmosphäre gibt oder wie Neil Armstrong gefilmt wurde, als er auf der Mondoberfläche herumstapfte, wenn doch keiner da war, der die Kamera gehalten hatte.

Noch eine Minute zuvor schienen sie rational denkende Menschen zu sein, die fähig waren, Beweise zu beurteilen und eine logische Schlussfolgerung zu ziehen. Aber nun gehen die Dinge den Bach hinunter. Also atme ich tief durch und entscheide mich dazu, mich einzumischen: „Eigentlich kann das alles recht einfach erklärt werden…“

Sie drehen sich zu mir, entsetzt, dass ein Fremder es wagt, sich in ihr Gespräch einzumischen. Ich mache unbeirrt weiter und konfrontiere sie mit einem Schwall von Fakten und rationalen Erklärungen.

„Die Flagge flatterte nicht im Wind, sie bewegte sich nur, als Buzz Aldrin sie in den Boden gesteckt hatte! Die Bilder wurden zur Tageszeit auf dem Mond gemacht – und natürlich kann man tagsüber die Sterne nicht sehen. Die komischen Schatten sind da wegen der sehr weitwinkligen Linsen, die die Fotos ein wenig verzerren. Und es hat niemand das Bildmaterial genutzt, auf dem Neil die Leiter hinuntersteigt. Eine Kamera war außen an der Mondfähre angebracht. Die hat gefilmt, wie er seinen gigantischen Sprung gewagt hat. Wenn das noch nicht reicht, liefern die Fotos vom Landeplatz des Lunar Reconnaissance Orbiter den letzten entscheidende Beweis, auf denen man ganz deutlich die Spuren sehen kann, die die Astronauten hinterlassen haben, als sie über die Mondoberfläche gingen.“

So, jetzt habe ich es ihnen gezeigt, denke ich bei mir. Aber es scheint, als wären meine Zuhörer noch lange nicht überzeugt. Sie wenden sich von mir ab und geben jede Menge seltsame Behauptungen ab. Stanley Kubrick hat alles gefilmt, Mitwissende sind auf geheimnisvolle Weise gestorben, und so weiter…

Der Zug hält. Es ist nicht meine Station, aber ich steige trotzdem aus. Als ich etwas verschüchtert auf die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante starre, frage ich mich, warum es meine dargelegten Tatsachen absolut nicht geschafft haben, ihre Meinung zu ändern.

Die einfache Antwort ist, dass Fakten und rationale Argumente nicht wirklich so gut dafür geeignet sind, die Überzeugungen der Leute zu ändern. Das kommt daher, dass unsere rational denkenden Hirne sich an unsere nicht so weit entwickelte, evolutionär bedingte Verbindungen in unserer Wahrnehmung angepasst haben. Ein Grund, warum Verschwörungstheorien so oft auftauchen, ist unser Wunsch, der Welt eine Struktur zu geben. Wir sind außerdem bestrebt, in allem, was uns begegnet, bestimmte Muster zu erkennen. Tatsächlich zeigte eine kürzlich durchgeführte Studie einen Zusammenhang zwischen dem Verlangen nach Struktur und der Tendenz, an eine Verschwörungstheorie zu glauben.

Schauen Sie sich beispielsweise diese Sequenz an:
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Können Sie ein Muster erkennen? Sehr wahrscheinlich – und Sie sind nicht alleine. Eine kurze Twitter-Umfrage (die einer weitaus strengern kontrollierten Studie nachempfand) behauptete, dass 56 Prozent der Leute mit Ihnen übereinstimmen, obwohl die Sequenz nur entstanden ist, weil ich eine Münze geworfen habe.

Es scheint, als wäre unser Wunsch nach Struktur und unsere Fähigkeit, Muster zu erkennen, lebhaft ausgeprägt, was eine Tendenz herbeiführt, Muster zu erkennen – wie Konstellationen, Wolken, die wie Hunde aussehen und Impfstoffe, die Autismus herbeiführen – wenn eigentlich gar keine da sind.

Die Fähigkeit, Muster zu sehen, war für das Überleben unserer Ahnen wahrscheinlich sehr nützlich – es war wohl besser, fälschlicherweise Anzeichen eines Raubtieres zu vermuten, als eine echte große hungrige Katze zu übersehen. Aber wirft man dieselbe Tendenz in unsere informationsreiche Welt hinein, sehen wir nichtexistente Verbindungen zwischen Ursachen und Effekten – also Verschwörungstheorien – einfach überall.

Gruppenzwang

Ein weiterer Grund, warum wir so erpicht darauf sind, an Verschwörungstheorien zu glauben, ist der, dass wir soziale Wesen sind. Unser Status in der Gesellschaft ist von einem evolutionären Standpunkt aus weitaus wichtiger, als Recht zu haben. Daher vergleichen wir unsere Handlungen und Vorstellungen immer mit denen unserer Mitmenschen und passen sie an, um dazuzugehören. Das bedeutet, dass wir sehr wahrscheinlich dem folgen, was die Gruppe glaubt, der wir uns zugehörig fühlen.

Der Effekt sozialer Beeinflussung auf unser Verhalten wurde gut im Jahr 1961 durch das Straßenecken-Experiment demonstriert, das von dem US-Psychologen Stanley Milgram, der wegen seiner Untersuchungen, wie man Gehorsam gegenüber Autoritäten einfordert, berühmt geworden ist, und seinen Kollegen durchgeführt wurde. Das Experiment war einfach und unterhaltsam genug, um es nachzumachen. Entscheiden Sie sich einfach für eine belebte Straßenecke und starren Sie 60 Sekunden lang in den Himmel.

Mit großer Wahrscheinlichkeit werden nur ein paar Menschen stehen bleiben und schauen, was Sie sich ansehen – in dieser Situation fand Milgram heraus, dass nur etwa vier Prozent der Passanten mitmachten. Nun bringen Sie einige Freunde mit und probieren Sie es noch einmal. Wenn die Gruppe wächst, werden immer mehr Fremde stehen bleiben und nach oben starren. Hat die Gruppe erst einmal eine Größe von 15 Leuten erreicht, die in den Himmel starren, werden um die 40 Prozent der Passanten stehen bleiben und ihr Gesicht zusammen mit Ihnen in die Höhe strecken. Sicherlich hat jeder von uns Erlebnisse dieser Art schon einmal in Kaufhäusern bemerkt, wenn man sich zu den Ständen hingezogen fühlt, um die eine ganze Menschentraube steht.

Das Prinzip gilt genauso für Gedanken. Wenn mehrere Leute etwas glauben, ist es wahrscheinlicher, dass wir dies als wahr akzeptieren. Und wenn wir durch unsere soziale Gruppe einer bestimmten Idee extrem ausgesetzt sind, wird diese in unsere Weltanschauung eingebettet. Kurz gesagt ist der soziale Beleg eine weitaus effektivere Überzeugungstechnik als ein Beleg, der rein auf Fakten basiert. Das ist auch der Grund, weshalb diese Art von Beleg in der Werbung so beliebt ist („80 Prozent der Mütter stimmen zu“).

Der soziale Beweis ist nur einer aus einer Menge logischer Täuschungen, die ebenfalls dazu führen, dass wir Beweise übersehen. Ein verwandtes Problem ist der omnipräsente Bestätigungsfehler. Hier tendieren viele Leute dazu, jenen Daten zu glauben, die ihre Ideen unterstützen und die Beweise zu ignorieren, die sie nicht bestätigen. Wir alle leiden daran. Denken Sie einfach an das letzte Mal zurück, als im Fernsehen oder im Radio eine Debatte lief. Wie überzeugend war das Argument, das gegen unsere Ansichten war im Vergleich zu jenem, das mit unserer Überzeugung übereinstimmte?

Aller Wahrscheinlichkeit nach haben wir, ganz egal, wie rational die jeweilige Seite war, die Gegenargumente hauptsächlich ausgeblendet, während wir uns auf die Seite derer schlagen wollten, die mit unserer Auffassung übereinstimmten. Bestätigungsfehler manifestieren sich auch als eine Tendenz, Information aus Quellen zu wählen, die bereits mit unseren Anschauungen übereinstimmen (die wahrscheinlich aus dem sozialen Umfeld stammen, aus der wir kommen). Daher bestimmten Ihre politischen Anschauungen wahrscheinlich ihren Nachrichtenkonsum.

Natürlich gibt es ein Glaubenssystem, das logische Täuschungen wie Bestätigungsfehler erkennt und versucht, sie aus dem Weg zu räumen. Die Wissenschaft macht durch Wiederholungen von Beobachtungen aus Anekdoten reine Daten, reduziert Bestätigungsfehler und akzeptiert, dass Theorien durch neue Beweise aktualisiert werden können. Das heißt, sie ist offen genug, ihre Kerntexte zu bearbeiten. Trotzdem werden wir alle von Bestätigungsfehlern geplagt. Der Starphysiker Richard Feynman beschrieb ein Beispiel, das in einer der schlüssigsten Gebiete der Wissenschaft auftrat: Der Elementarteilchenphysik.

„Millikan hat die Ladung eines Elektrons durch ein Experiment mit fallenden Öltropfen gemessen und bekam eine Antwort, von der wir nun wissen, dass sie nicht ganz richtig ist. Sie weicht ein wenig ab, weil er den falschen Wert für die Viskosität der Luft hatte. Es ist interessant, sich die Geschichte der Messungen der Ladungen von Elektronen nach Millikan anzusehen. Wenn man sie als eine Funktion der Zeit darstellt, kommt man darauf, dass eines etwas größer ist als die Millikans und das nächste etwas größer als dieses und das nächste wiederum größer, bis sie letztendlich auf eine höhere Zahl kommen.“

„Warum kamen sie nicht gleich darauf, dass die neue Zahl höher war? Für Geschichten wie diese schämen sich Wissenschaftler. Wenn sie eine Angabe erhielten, die die Millikans überstieg, dachten sie, sie hätten eine Fehler gemachtsuchten und fanden eine Lösung, warum etwas eventuell falsch war. Wenn sie eine Zahl hatten, die näher an Millikans Wert war, suchten sie nicht so gründlich.“

Mythos-erweiternde Pannen

Manch einer mag sich nach den populären Medien richten und Irrglauben und Verschwörungstheorien durch den Mythos-erweiternden Zugang zu bewältigen. Den Mythos neben der Realität zu nennen scheint eine gute Möglichkeit zu sein, um die Tatsachen und die Lügen zu vergleichen, sodass die Wahrheit ans Licht kommen wird. Aber wieder stellt sich heraus, dass dies ein schlechter Zugang ist. Es scheint einen Fehlschlageffekt hervorzurufen. Hierbei ist der Mythos letztendlich das, was im Kopf bleibt – und nicht die Tatsache selbst.

Eines der hervorragendsten Beispiele dazu hat eine Studie gezeigt, die Flyer zu Mythen und Fakten über Grippeimpfstoffe bewertete. Direkt nach dem Lesen erinnerten sich die Teilnehmer genau an die Fakten als Fakten und die Mythen als Mythen. Doch nur 30 Minuten später schien dies völlig auf den Kopf gestellt worden zu sein, da man sich an die Mythen viel eher als „Fakten“ erinnerte.

Man glaubt, dass das reine Erwähnen der Mythen hilft, diese zu untermauern. Wenn dann die Zeit vergeht, vergisst man den Kontext, in dem man den Mythos gehört hat – in diesem Fall während einer Erklärung – und erinnert sich nur mehr an den Mythos selbst.

Was noch schlimmer ist: Führt man einer Gruppe mit einem sehr festgesetzten Anschauungskatalog neues Wissen vor, kann dies ihre Anschauungen noch bestärken, obwohl die neue Information diese eigentlich schwächen sollte. Neue Beweise führen zu Widersprüchlichkeiten in unserem Weltbild und zu einem damit assoziierten emotionalen Unwohlsein. Aber anstatt unsere Anschauungen zu modifizieren, tendieren wir dazu, sie vor uns selbst zu rechtfertigen und anderslautende Theorien umso mehr abzulehnen, was uns noch mehr in unserem Weltbild bestärkt. Diese Tatsache kennt man als „Bumerang-Effekt“. Tatsächlich ist dieser Effekt ein großes Problem, wenn man versucht, Menschen zu besserem Verhalten umzupolen.

Beispielsweise haben Studien gezeigt, dass öffentliche Informationsanzeigen, die dazu dienen sollten Rauchen, Alkohol- und Drogenkonsum zu reduzieren, alle den gegenteiligen Effekt erzielten.

Freundschaften können helfen

Wenn wir uns also nicht auf die Fakten verlassen können, wie bringen wir Leute dann dazu, ihre Verschwörungstheorien oder andere irrationale Ideen zu verwerfen? Wahrscheinlich kann hier nur Bildung langfristig helfen. Damit meine ich nicht eine Vertrautheit mit wissenschaftlichen Fakten, Zahlen und Techniken. Was tatsächlich notwendig ist, ist Bildung in der wissenschaftlichen Methode, wie beispielsweise analytisches Denken. Tatsächlich zeigen Studien, dass das Verwerfen von Verschwörungstheorien mit mehr analytischem Denken verbunden ist. Viele Leute werden nie in der Wissenschaft tätig sein, aber wir nutzen sie oft genug. Daher brauchen die Bürger die Fähigkeiten, wissenschaftliche Behauptungen kritisch zu beurteilen.

Natürlich würde es mir bei der Situation im Zug nicht helfen, den Lehrplan eines Landes zu ändern. Für einen direkteren Zugang ist es wichtig, zu verstehen, dass es sehr hilft, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Bevor man beginnt, jemanden bekehren zu wollen, sollte man erst einmal gemeinsame Werte feststellen.

Um den Fehlschlageffekt zu vermeiden, sollte man die Mythen ignorieren. Man sollte sie gar nicht erwähnen. Wichtig sind nur die Kernpunkte: Impfstoffe sind sicher und reduzieren die Chance, Grippe zu bekommen, um 50 bis 60 Prozent. Und das reicht. Man sollte keine Missverständnisse benennen, da man sich an diese oft besser erinnert.

Man sollte seine Gegner auch nicht provozieren, indem man deren Weltbild in Frage stellt. Stattdessen sollte man Erklärungen anbieten, die mit den bereits existierenden Vorstellungen harmonieren. Beispielsweise verändern konservative Klimawandel-Leugner ihre Meinung eher, wenn man ihnen auch die Geschäftsmöglichkeiten für die Umwelt präsentiert.

Ein weiterer Vorschlag: Nutzen Sie Anekdoten, um ihren Argumente zu präsentieren. Menschen engagieren sich mit Hilfe von persönlichen Erzählungen weitaus mehr als durch Diskussionen oder Situationsbeschreibungen. Erzählungen verbinden Ursache und Effekt. So werden die Schlussfolgerungen, die präsentiert werden sollen, unvermeidlich mit abgespeichert.

All das soll natürlich nicht heißen, dass die Fakten und wissenschaftlicher Konsens nicht wichtig sind. Sie sind es sogar sehr. Aber wenn man sich der Makel in unserem Denken bewusst ist, ist es einfacher, seinen Standpunkt auf überzeugendere Weise zu präsentieren.

Es ist unverzichtbar, dass wir Lehrsätze herausfordern. Aber statt willkürliche Punkte miteinander zu verbinden oder eine Verschwörungstheorie zu erschaffen, müssen wir von den Entscheidungsmachern die entsprechenden Beweise verlangen. Fragen Sie nach den Daten, die eventuell eine Anschauung untermauern und suchen Sie nach Informationen, die sie auf die Probe stellen. Ein Teil dieses Prozesses bedeutet, unsere eigenen voreingenommenen Instinkte, Begrenzungen und logische Täuschungen zu erkennen.

Wie wäre also mein Gespräch im Zug verlaufen, hätte ich meine eigenen Ratschläge beherzigt? Gehen wir zu dem Moment zurück, als ich begriff, dass die Dinge den Bach runtergingen. Dieses Mal atme ich tief durch und mische mich ein. „Hey, tolles Ergebnis beim Spiel. Eine Schande, dass ich kein Ticket bekommen konnte.“ Bald sind wir vertieft ins Gespräch und diskutieren über die Chancen des Teams in dieser Saison. Nach ein paar Minuten des Gesprächs, wende ich mich an den Verschwörungstheoretiker. „Hey, ich dachte gerade an diese Sache, die du über die Mondlandung gesagt hast. War nicht auf einigen Fotos auch die Sonne zu sehen?“ Er nickt. „Was bedeutet, dass es am Mond Tag war. Würdest du denken, dass man dort, wie hier auf der Erde, Sterne sehen kann?“„Hm, wahrscheinlich nicht, daran habe ich nicht gedacht. Vielleicht war in diesem Blog nicht alles richtig.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Arbeitsplatz“ by Free-Photos (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Sag mir, wo du herkommst, und ich sage dir, wie schlau du bist? – Neue Studie wirft Fragen auf

Students having a test in a classroom (adapted) (Image by luckybusiness via AdobeStock)

Lust auf einen kleinen Test? Lesen Sie den obigen Titel einmal, decken Sie ihn dann ab und schreiben Sie Wort für Wort auf, woran Sie sich erinnern. Haben Sie Schwierigkeiten dabei? Wie gut Sie sich schlagen, könnte abhängig davon sein, in welchem Land Sie leben.

Dies geht aus einer neuen Studie hervor, die in der Psychological Science veröffentlicht wurde, bei der 200.000 Frauen und Männer aus 27 verschiedenen Ländern auf fünf Kontinenten getestett wurden. Es zeigte sich, dass Frauen aus eher konservativen Ländern in Gedächtnis-Tests schlechter abschnitten als Frauen aus Ländern, in denen Geschlechtergerechtigkeit herrscht.

Demographie-Experte Eric Bonsang und seine Kollegen analysierten Daten von über 50-jährigen Testpersonen aus verschiedenen Ländern. Sie nutzten vorhandene Daten zu kognitiver Leistung, um die episodische Gedächtnisleistung zu ermitteln, also deren Erinnerung an autobiographische Ereignisse. Diese beinhalteten die Aufgabe, sich innerhalb von einer Minute an so viele wie möglich der vorgelesenen Wörter zu erinnern – entweder direkt danach oder nach einer kurzen Verzögerung. Das Team ermittelte für jedes Land das Level der Geschlechtergleichheit auf Basis der Menge an Personen, die der folgenden Aussage zustimmten: „Wenn Jobs knapp sind, sollten Männer das größere Recht haben, einen Job auszuüben als Frauen“.

Die Frauen übertrafen die Männer in Bezug auf die Gedächtnisleistung in wie Schweden, Dänemark, den Niederlanden, den USA und anderen europäischen Staaten. In Ghana, China, Südafrika und in einigen weiteren Staaten mit traditionelleren Geschlechterrollen (wie auch Russland, Portugal, Griechenland und Spanien) war das Ergebnis genau andersherum. Frauen aus diesen Ländern schnitten schlechter ab als die Männer – und genau das hatten die Forscher vorausgesagt. Interessanterweise schnitten Männer aus Ländern, in denen Geschlechtergerechtigkeit herrscht, ebenfalls besser ab als Männer aus konservativen Staaten (wenn auch geringfügig).

Die Ergebnisse waren nicht von der Region oder der ökonomischen Entwicklung eines Landes (BIP pro Kopf aus dem Jahr 2010) abhängig. Ein potentiell ausschlaggebender Faktor ist hingegen, dass moderne Staaten (wie viele der oben genannten Länder) über bessere Gesundheitsversorgung verfügen. Ältere Erwachsene mögen schlicht gesünder sein. Doch dies erklärt nicht zwingend die Unterschiede zwischen den sozialen Geschlechtern – die Studie kam immerhin zu dem Schluss, dass dieser Effekt für Frauen stärker war als für Männer.

Die Autoren argumentieren stattdessen, dass die Einstellungen einer Gesellschaft zu Geschlechterrollen bestimmt, welche Verhaltensweisen und Charakteristiken für Frauen und Männer als angemessen angesehen werden. Diese sozialen Erwartungen wiederum beeinflussen die Lebensziele, Berufswahl und Erfahrungen von Frauen (und Männern). Daraus resultierend kann es vorkommen, dass Frauen in Staaten mit eher klassischem Rollenverständnis weniger Zugang zu kognitiv stimulierenden Aktivitäten aus Bildung und Arbeitswelt haben. Teilhabe an Bildung und Arbeit erklärte tatsächlich die Ergebnisse in 30 Prozent der Fälle.

Schädliche Stereotype

Während die Studie einen Beweis dafür liefert, dass auf Stereotypen basierende Einstellungen unsere Fähigkeiten beeinflussen, bedürfte es für einen umfassenden Test dieser Theorie einer Untersuchung der Fertigkeiten, die stereotypisch als feminin angesehen werden – so wie soziale Sensibilität oder Sprachkompetenz.

Würden zum Beispiel Männer aus Staaten mit traditionellem Rollenverständnis in Tests zur sozialen Sensibilität im Vergleich mit den Frauen schlechter abschneiden? Eine Studie, die mit amerikanischen Studenten durchgeführt wurde, hat genau das gezeigt. Und es ist durchaus möglich, dass dieser Effekt in konservativeren Staaten noch viel stärker ausgeprägt ist.

Die Ergebnisse dieser Studie wurden in Form von „Stereotyp-Bedrohung“ erklärt – die Angst, etwas zu tun, womit negative Eigenschaften, die typischerweise mit Mitgliedern einer stigmatisierten Gruppe assoziiert werden, bestätigt oder verstärkt würden. Sagen wir, Sie sind eine Frau und sitzen in einem Mathe-Test. Die allgemeine Auffassung, dass Frauen in Mathe nicht gut sind, spukt in Ihrem Hinterkopf herum, und ihr Ergebnis fällt womöglich schlechter aus, weil Sie Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren. Die Angst nimmt uns unsere kognitiven Ressourcen und führt zu Leistungsschwäche bei Aufgaben, die für die stereotypisierte Gruppe als Herausforderung angenommen werden.

Dieser Effekt ist sehr stark und wurde in einer Reihe von Studien belegt. Erinnerte man sie an negative Stereotype, schnitten beispielsweise Frauen in Mathe-Tests oder Afroamerikaner in Tests zu intellektuellen Fähigkeiten schlechter ab. Tatsächlich könnte die neue Studie also mit der „Stereotyp-Bedrohung“ erklärt werden.

Wir haben uns die neurologische Untermauerung dieses Effekts angesehen. In unserer neuen Studie, die in der Frontiers Aging Neuroscience veröffentlicht wurde, wurde eine Gruppe älterer Teilnehmer gebeten, einen Artikel über im Alter nachlassende Erinnerungsleistung zu lesen (Altersstereotyp). Wir zeigten, dass daraus resultierend ihre Reaktionszeiten in kognitiven Tests verlangsamt waren. Mehr noch, die Gehirnwellen-Aktivitäten der Testpersonen zeigte, dass ihre Gedanken über sich selbst negativer waren. Dies zeigten EEG-Daten, die mit Hilfe von Elektroden Gehirnwellen maßen und aufzeichneten.

Unsere Studie zeigt, dass kurzfristige Konfrontation mit negativen Stereotypen einen beeinträchtigenden Effekt auf kognitive Funktionen hat. Ähnliche Prozesse mögen bei Frauen, die in Staaten mit konservativem Rollenverständnis ständig negativen Geschlechter- und Altersstereotypen ausgesetzt sind, gewirkt haben – was wiederum ihr schlechtes Abschneiden im Gedächtnistest erklären kann.

Was macht einen Staat sexistisch?

Ein weiterer Faktor, den zukünftige Studien in Betracht ziehen sollten, ist das erweiterte politische System eines Staates – nicht nur die Geschlechter-Einstellungen als solche. Eine Studie nimmt an, dass Modernisierung fortschreitend zu Demokratisierung und Liberalisierung führt – auch in Bezug auf Geschlechterrollen. Das gesellschaftliche Erbe, ob politisch oder religiös, beeinflusst die Werte einer Gesellschaft.

Tatsächlich zeigen unsere Studien zu kulturübergreifenden Einstellungen zu Frauen und Männern, dass diese in langjährigen Demokratien wie Großbritannien liberaler sind als in Staaten, die noch auf dem Wege zu einer Demokratie sind (wie Polen oder Südafrika). Wir haben außerdem herausgefunden, dass Einstellungen zu Geschlechtern auch von dem vorherrschenden politischen System beeinflusst werden: Diese waren in Südafrika nach der Apartheid konservativer ausgeprägt, während sie im post-kommunistischen Polen weniger konservativ waren. So hat also die Geschichte institutionalisierter Ungleichheit (Apartheid) gegen die aufgezwungene Emanzipierung (Kommunismus) einen langanhaltenden Einfluss auf den nationalen Level an Sexismus.

Vielleicht ist es also kein Zufall, dass die Staaten mit einer besonders lange bestehenden Demokratie auch diejenigen mit der größten Geschlechtergleichheit sind. Wie meine Forschung nahelegt, sind sowohl Demokratisierung als auch die Verminderung der „Stereotyp-Bedrohung“ – insbesondere durch die Massenmedien wie zum Beispiel durch Werbung mit nicht-traditionellen Geschlechterrollen – wichtige Faktoren. Dies sollte unser Fokus sein, um bei einer Menge von Fähigkeiten eine größere Gleichheit von Männern und Frauen rund um den Globus zu erreichen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Students having a test in a classroom“ by luckybusiness/AdobeStock.com


The Conversation

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Mythos Work-Life-Balance: Wenn man beim Sex kurz die Mails vom Chef checkt

apple-macbook (adapted) ( Image by Free-Photos [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Work hard, play hard – ein beliebtes Motto, um sich heutzutage ins Arbeits- und Feierabendleben zu stürzen. Dennoch hat sich über die Jahre keine Begrifflichkeit so etabliert wie unsere geliebte Work-Life-Balance.

Dabei sehe ich den Begriff an sich schon als problematisch. Wie Liebe und Hass, stellt die Balance einen Gegensatz dar: Arbeit vs. Leben. Der gängige Ausdruck „frei“ zu haben, wenn man nicht zur Arbeit muss, macht jedoch deutlich: Der Gegensatz von Arbeit ist Freizeit. Der Begriff „Work-Life-Balance“ wird von Wissenschaftlern daher sehr kritisch gesehen.

Im alltäglichen Gebrauch versteht man unter der Work-Life-Balance jedoch ein Gleichgewicht, dass dafür sorgen soll, dass das Private und der Spaß neben der Arbeit nicht zu kurz kommen. Firmenevents, Tischtennisplatten im Keller und Ausflüge auf Kosten des Unternehmens können damit gemeint sein. Kollegen werden zu Freunden – würde nicht jeder von uns gerne mit seinen besten Kumpels im Büro sitzen und Freitagnachmittags das Bier aus dem Firmenkühlschrank plündern? Natürlich würden wir das.

Der Heiligenschein beginnt zu flackern

Doch wenn man genauer hinsieht, muss man sich eingestehen, dass der Heiligenschein der angepriesenen Work-Life-Balance zu flackern beginnt: Ein paar Überstunden zu machen, wenn die Deadline eines Projektes ansteht, ist schon okay – doch dass es bereits Studien darüber gibt, wie oft Menschen beim Sex kurz aufs Handy schauen, um ihre Mails zu checken, ist einfach nur erschreckend. In seinem Buch nennt Markus Väth dies als einen Beweis, dass der Kapitalismus keine Privatsphäre kennt.

Des Weiteren nennt Väth die Digitalisierung als schwarzes Schaf, die der Work-Life-Balance einen Strich durch die Rechnung macht. Die „immer online“- Gesellschaft zerstört die verletzliche Grenze zwischen Arbeit und Privatleben, die in den 90ern durch die „nine-to-five“-Jobs existierten: Es wird zeitzonenübergreifend gearbeitet und man ist immer und überall erreichbar.

Mit der Digitalisierung wurde somit der Begriff des „Work-Life-Blendings“ geboren (aus dem Englischen von „to blend“: sich überschneiden), der beschreibt, dass Arbeit und Privatleben ineinander übergehen. Doch auch das Work-Life-Blending stellt eine ernstzunehmende Gefahr für den Einzelnen dar, denn durch die kontinuierliche Erreichbarkeit wird die arbeitsfreie Zeit verkürzt. Und auch die Firmenausflüge und das Freibier haben nur einen Zweck: Sie wollen die Verbundenheit zum Unternehmen stärken. Wenn alle Kollegen länger bei der Arbeit bleiben, dann tut man es eben auch –  die angepriesene Gleitzeit wird zur unbezahlten Arbeitszeit. All diese Faktoren treiben den Menschen nicht selten über die Grenzen seiner Belastbarkeit hinaus.

Die Arbeit steht auf dem Siegertreppchen

Bye bye, Privatleben, könnte man sagen – die Leistungsgesellschaft hat den ersten Platz an die Arbeit vergeben. In Vorstellungsrunden folgt nach dem Namen direkt der Beruf, die Arbeit wird zum Teil der Identität. Dies ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass das Arbeitsleben der Deutschen im Schnitt 34,5 Jahre dauert: 34,5 Jahre, fünf Tage die Woche, eine Tätigkeit. Neben täglichen Besorgungen und der Familie scheint es schon bewundernswert, dass man es schafft, privat noch einem Hobby nachzugehen.

Kritiker der Work-Life-Balance würden an dieser Stelle auch die Zukunft der Arbeit erwähnen, die im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung gewaltige Veränderung in der Arbeitswelt herbeiführen wird. Wenn die Lohnarbeit durch die Automatisierung entfallen wird oder durch die Digitalisierung immer mehr Menschen in prekären Verhältnissen arbeiten müssen, werden Prognosen einer Life-Life-Balance, oder besser: einer Work-Work-Balance gar nicht mehr so unrealistisch.

Die Work-Life-Balance ist ein individuelles Konzept

Ob es sich bei der Work-Life-Balance jedoch um einen generellen Mythos handelt, sei mal so dahingestellt. Fakt ist: Die Work-Life-Balance, also das Gleichgewicht zwischen Arbeits- und Privatleben, ist ein Konzept, das weder vom Staat noch vom Unternehmen in Schutz genommen wird. Wie bei den meisten Dingen des Lebens sind wir für uns selbst verantwortlich und müssen lernen, wo wir die Grenze ziehen. Explizites Abschalten sehe ich dabei von großer Bedeutung. Zudem lehnen nach Christoph Koch moderne Konzepte eine immer gleich bleibenden Balance zwischen Arbeit und Leben ab: Das Leben sollte vielmehr in Phasen gedacht sein, in der sich Müßiggang und Vollgas abwechseln.

In der Praxis scheint meiner Ansicht nach – vor allem für junge Menschen – der Ansatz sinnvoll, sich so früh wie möglich mit einem geeigneten Beruf auseinanderzusetzen: Sucht man sich eine Arbeit, die mit den privaten Interessen einhergeht, so wird der Drang nach einem Ausgleich nach der Arbeit vermindert. Die Yogastunden zur Stressreduktion kann man sich nach der Arbeit dann vielleicht sogar komplett sparen.


Image (adapted) „apple-macbook“ by Free-Photos (CC0 Public Domain)


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Die Netzpiloten sind Partner des Digital Transformation Summit

Partnergrafik_DTS-2017

In Berlin findet am 26. und 27. September der Digital Transformation Summit statt. Im Zentrum stehen dabei die Durchbrüche, vor denen Unternehmen stehen, die unsere Welt revolutionieren werden und die Digitalisierung der Wirtschaft, die viele Marktteilnehmer zur Neuausrichtung ihrer Geschäftsmodelle zwingt. Beim Wandel in das digitale Zeitalter können dem deutschen Unternehmertum die Disruption, Innovation und die Etablierung einer digitalen Führungskultur helfen, um nur einige Schlagwörter zu nennen.

Der Digital Transformation Summit, ins Leben gerufen durch die WirtschaftsWoche, begleitet Unternehmer auf dem spannenden Digitalisierungsweg mit inspirierenden Praxisbeispielen und Best Cases, die die digitale Transformation beispielhaft vorangetrieben haben, ergänzt durch frische Energie der „jungen Wilden“.

Abwechslungsreiches Programm

Auf dem zweitägigen Programm stehe Vorträge, Panel-Talks, Fishbowl-Talks, Workshops und ein Digital
Playground. Die Redaktion der Wirtschaftswoche ist vor Ort und moderiert die Veranstaltung, außerdem könnt ihr das Geschehen live in Social Media verfolgen. Vor Ort sein werden Vorstände, Geschäftsführer und Inhaber bekannter Großunternehmen, marktführender Mittelständler und inspirierender Startups sowie Spitzenpolitiker und Experten aus Wissenschaft und Gesellschaft, die für den Blick über den Tellerrand sorgen.

Spannende Speaker und interessante Themen

Zu den Speakern, auf die ihr euch beim Digital Transformation Summit freuen könnt, gehören:

Die Location ist das zentral gelegene Microsoft Atrium in Berlin-Mitte. Hier kommt ihr zur Anmeldung.

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Künstliche Intelligenz: Wovor die Forscher sich fürchten

Roboter (adapted) (image by Ramdlon CC0] via pixabay)

Als KI-Forscher begegne ich oft dem Umstand, dass viele Menschen Angst haben, was KI für die Zukunft bedeuten könnte. Angesichts der Geschichte und der Unterhaltungsindustrie ist es wohl wenig überraschend, dass wir Angst vor einer kybernetischen Machtübernahme haben, die uns zwingt, eingesperrt zu leben wie in der „Matrix“ – als eine Art menschliche Batterie.

Und doch ist es schwer für mich, von den evolutionären Computermodellen aufzusehen, die ich nutze, um die KI zu entwickeln. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die unschuldigen, animierten Kreaturen auf meinem Bildschirm die Ungeheuer der Zukunft werden könnten. Könnte ich „der Zerstörer der Welten“ werden, wie Oppenheimer klagte, nachdem er die Konstruktion der ersten Atombombe leitete?

Ich würde den Ruhm mitnehmen, denke ich, aber vielleicht liegen die Kritiker tatsächlich richtig. Vielleicht sollte ich aufhören, mich um die folgende Frage zu drücken: Habe ich, als KI-Experte Angst vor künstlicher Intelligenz?

Angst vor dem Unvorhergesehenen

Der Supercomputer HAL 9000, der von dem Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke erdacht und von dem Filmregisseur Stanley Kubrick in „2001: Odyssee im Weltraum“ zum Leben erweckt wurde, ist ein gutes Beispiel für ein System, das wegen unbeabsichtigter Auswirkungen fehlschlägt. Bei vielen komplexen Systemen – der RMS Titanic, dem Space Shuttle der NASA und dem Kernkraftwerk in Tschernobyl, verbinden Ingenieure viele verschiedene Komponenten miteinander. Die Konstrukteure haben wohl gewusst, wie jedes Element einzeln gearbeitet hat, aber sie wussten nicht genug darüber, wie sie alle zusammen arbeiteten.

Das führte zu Systemen, die niemals vollständig verstanden werden konnten und daher auf unvorhersehbare Weise versagten. Bei jeder Katastrophe – ein Schiff versenken, zwei Shuttles zur Explosion bringen und radioaktive Kontaminationen in ganz Europa und Asien freisetzen – wirkte eine Reihe von relativ kleinen Fehlern zusammen, um eine Katastrophe zu verursachen.

Ich sehe die Gefahr, dass wir in der KI-Forschung in die gleiche Falle laufen könnten. Wir betrachten die neuesten Forschungsergebnisse aus der Kognitionswissenschaft, übersetzen das in einen Algorithmus und fügen diesen zu einem bestehenden System hinzu. Wir versuchen, KI zu konstruieren, ohne Intelligenz oder Kognition vorher zu verstehen.

Systeme wie Watson von IBM und Alpha von Google statten künstliche neuronale Netze mit enormer Rechenleistung aus und machen Unmögliches möglich. Doch wenn diese Maschinen Fehler machen, verlieren sie bei „Jeopardy!“ oder scheitern daran, einen Go-Meister zu besiegen. Das wird nicht die Welt verändern – in der Tat ist das Schlimmste, was dabei passieren könnte, dass man etwas Geld beim Wetten verliert, wenn man auf den Computer gesetzt hat.

Aber da KI-Konstruktionen noch komplexer und Computer-Prozessoren noch schneller werden, werden sich ihre Fähigkeiten weiter verbessern. Wir werden ihnen mehr Verantwortung übergeben, auch wenn das Risiko von unbeabsichtigten Konsequenzen dabei steigt. Wir wissen, dass irren menschlich ist, somit ist es wohl unmöglich für uns, ein wirklich sicheres System zu entwickeln.

Angst vor Missbrauch

Ich bin nicht sehr besorgt über unbeabsichtigte Konsequenzen bei den künstlichen Intelligenzformen, die ich entwickle, indem ich einen Ansatz namens Neuro-Evolution nutze. Ich generiere virtuelle Umgebungen und entwickle digitale Lebewesen und deren Gehirne, um immer komplexere Aufgaben zu lösen. Die Leistungen der Geschöpfe werden dann ausgewertet. Diejenigen, die die beste Leistung bringen, werden ausgewählt, um sich zu reproduzieren und die nächste Generation zu erschaffen. Über viele Generationen entwickeln diese Maschinen-Kreaturen kognitive Fähigkeiten.

Im Moment machen wir nur winzige Schritte, um Maschinen zu entwickeln, die einfache Navigationsaufgaben erledigen können, einfache Entscheidungen treffen oder sich an ein paar Bits erinnern. Aber bald werden wir Maschinen entwickeln, die komplexere Aufgaben ausführen können und eine viel bessere allgemeine Intelligenz haben werden. Letztlich hoffen wir, Intelligenzen von menschlichem Niveau zu erschaffen.

Auf dem Weg dorthin finden und beseitigen wir Fehler und Probleme durch den Prozess der Evolution. Mit jeder Generation werden die Maschinen besser in der Handhabung der Fehler, die in früheren Generationen aufgetreten sind. Das erhöht die Chancen, dass wir ungewollte Auswirkungen in der Simulation finden werden, die dann eliminiert werden können, bevor sie jemals in der realen Welt eingesetzt werden.

Eine andere Möglichkeit, die in entfernterer Zukunft auftreten wird, besteht darin, evolutionäre Prinzipien zu nutzen, um die Ethik der künstlichen Intelligenzsysteme zu beeinflussen. Es ist wahrscheinlich, dass menschliche Ethik und Moral, wie Vertrauenswürdigkeit und Altruismus, ein Ergebnis unserer Evolution sind – und ein Faktor unseres Fortbestehens. Wir könnten unsere virtuellen Umgebungen so aufbauen, dass sie evolutionäre Vorteile für Maschinen bieten, die Güte, Ehrlichkeit und Empathie zeigen. Dies könnte ein Weg sein, um sicherzustellen, dass wir mehr gehorsame Diener oder vertrauenswürdige Begleiter und weniger rücksichtslose Killer-Roboter entwickeln.

Obgleich die Neuro-Evolution die Wahrscheinlichkeit von unbeabsichtigten Auswirkungen verringern könnte, verhindert sie keinen Missbrauch. Aber das ist eine moralische Frage, keine wissenschaftliche Frage. Als Wissenschaftler muss ich meiner Verpflichtung zur Wahrheit folgen und berichten, was ich bei meinen Experimenten herausfinde, ob ich die Ergebnisse nun mag oder nicht. Mein Fokus liegt nicht darauf, zu bestimmen, ob ich etwas mag oder akzeptiere; es kommt nur darauf an, dass ich es aufdecken kann.

Angst vor falschen sozialen Prioritäten

Ein Wissenschaftler zu sein, entbindet mich allerdings nicht von meiner Menschlichkeit. Ich muss mich auf irgendeiner Ebene wieder mit meinen Hoffnungen und Ängsten auseinandersetzen. Als moralisches und politisches Wesen muss ich die möglichen Implikationen meiner Arbeit und ihre möglichen Auswirkungen auf die Gesellschaft berücksichtigen.

Als Forscher und als Gesellschaft haben wir noch keine klare Vorstellung davon, was die KI tun oder werden soll. Zum Teil natürlich, weil wir noch nicht wissen, wozu sie fähig ist. Aber wir müssen entscheiden, worin die gewünschte Auswirkung fortgeschrittener KI besteht. Ein großer Bereich, dem die Menschen ihre Aufmerksamkeit widmen, ist die Erwerbstätigkeit. Roboter können bereits harte Arbeit wie Autoteile schweißen selbständig durchführen. Eines Tages könnten sie auch kognitive Aufgaben übernehmen, die wir einst für eindeutig menschlich hielten. Selbstfahrende Autos könnten Taxifahrer ersetzen; autonome Flugzeuge könnten Piloten ersetzen.

Anstatt medizinische Hilfe in einer Notaufnahme von potenziell übermüdeten Ärzten zu bekommen, könnten die Patienten eine Untersuchung und Diagnose von einem Expertensystem mit sofortigem Zugriff auf alle medizinischen Kenntnisse erhalten, die jemals gesammelt wurden – und die Operation von einem unermüdlichen Roboter mit einer vollkommen ruhigen „Hand“ durchführen lassen. Rechtsberatung könnte aus einer allwissenden juristischen Datenbank kommen; Anlageberatung könnte aus einem Markt-Vorhersage-System kommen.

Vielleicht werden eines Tages alle menschlich besetzten Arbeitsplätze von Maschinen übernommen. Sogar mein eigener Job könnte von einer großen Anzahl von Maschinen, die unermüdlich erforschen, wie man noch intelligentere Maschinen herstellt, schneller erledigt werden.

In unserer heutigen Gesellschaft verdrängt die Automatisierung Menschen aus ihren Arbeitsplätzen und macht die Leute reicher, die die Maschinen besitzen – und alle anderen ärmer. Das ist kein wissenschaftliches Problem; es ist ein politisches und sozioökonomisches Problem, das wir als Gesellschaft lösen müssen. Meine Forschung wird das nicht ändern, obwohl mein politisches Selbst – zusammen mit dem Rest der Menschheit – möglicherweise in der Lage sein wird, Umstände zu schaffen, in denen die KI einen vorteilhaften Effekt für die Masse haben wird, anstatt die Diskrepanz zwischen dem einen Prozent und dem Rest von uns zu erhöhen.

Angst vor dem Albtraum-Szenario

Es gibt eine letzte Angst, verkörpert von HAL 9000, dem Terminator und einer unüberschaubaren Anzahl von anderen fiktiven Superintelligenzen: Wenn die KI sich weiter verbessert, bis sie die menschliche Intelligenz übertrifft, wird dann ein superintelligentes System (oder mehrere davon) zu der Erkenntnis gelangen, dass Menschen nicht mehr gebraucht werden? Wie werden wir unsere Existenz im Angesicht einer Superintelligenz rechtfertigen, die Dinge tun kann, die Menschen niemals tun könnten? Können wir vermeiden, dass wir von den Maschinen, die wir selbst erschaffen haben, ausgelöscht werden?

Die zentrale Frage in diesem Szenario ist: Warum sollte eine Superintelligenz uns erhalten? Ich würde so argumentieren, dass ich ein guter Mensch bin, der vielleicht sogar dazu beigetragen hat, die Superintelligenz zu erschaffen. Ich würde das Mitgefühl und die Empathie ansprechen, um die Superintelligenz zu veranlassen, mich, eine mitfühlende und einfühlsame Person, am Leben zu halten. Ich würde auch argumentieren, dass die Vielfalt einen Wert an sich hat, und dass das Universum so absurd groß ist, dass die Existenz der Menschheit in ihm wahrscheinlich überhaupt keine Rolle spielt.

Aber ich spreche nicht für die ganze Menschheit, und ich finde es schwer, für uns alle ein überzeugendes Argument zu liefern. Wenn ich einen scharfen Blick auf uns alle zusammen werfe, sehe ich viel Falsches: Wir hassen uns gegenseitig. Wir führen Krieg gegeneinander. Wir gewähren keinen gleichberechtigten Zugang zu Essen, Wissen oder medizinischer Hilfe. Wir verschmutzen den Planeten. Es gibt viele gute Dinge in der Welt, aber all das Böse schwächt die Argumente für unsere Existenzberechtigung.

Glücklicherweise müssen wir unsere Existenz noch nicht rechtfertigen. Wir haben noch etwas Zeit – etwa 50 bis 250 Jahre, je nachdem wie schnell sich die KI entwickelt. Als Spezies können wir zusammen kommen und eine gute Antwort darauf finden, warum eine Superintelligenz uns nicht auslöschen sollte. Aber das wird schwierig werden: Zu sagen, dass wir Vielfalt begrüßen, und danach zu handeln, sind zwei verschiedene Dinge – genau so, wie zu sagen, dass wir den Planeten retten wollen, und es dann erfolgreich umzusetzen.

Wir alle – jeder für sich und wir als Gesellschaft, müssen uns auf dieses Albtraum-Szenario vorbereiten, indem wir die Zeit nutzen, die wir noch haben, um zu zeigen, warum unsere Kreationen uns weiterhin leben lassen sollten. Oder wir könnten uns entschließen, daran zu glauben, dass das nie passieren wird, und aufhören, uns Sorgen zu machen. Aber unabhängig von den physischen Bedrohungen, die Superintelligenzen darstellen können, stellen sie auch eine politische und ökonomische Gefahr dar. Wenn wir keinen Weg finden, unseren Reichtum besser zu verteilen, werden wir den Kapitalismus weiter anheizen, indem wir KI-Arbeitskräfte beschäftigen, die nur den wenigen Menschen dienen, die alle Produktionsmittel besitzen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Roboter“ by Ramdlon (CC0 Public Domain)


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Bitcoin & Co: Alternative Währungen sind die Zukunft

Bitcoin (adapted) (image by MichaelWuensch [CC0] via pixabay

Als ich 2012 zu unterrichten begann, beschloss ich, meinen Kurs mit einer Analyse darüber zu beginnen, wie Geld die Ordnung der Gesellschaft beeinflusst. Was meine Schüler besonders faszinierend fanden, war die damals aufkommende Welt der Krypto-Währung, die ich schon ausführlich als wesentlichen Bestandteil in der Zukunft von Währung beschrieben habe.

Einige Kollegen kritisierten meine Herangehensweise. Sie beschuldigten mich, meine Studenten indirekt dazu zu ermutigen, in eine, wie sie es sahen, düstere, vom Verbrechen heimgesuchte, finanzielle Unterwelt zu investieren. Aber ich enthüllte lediglich jungen Köpfen ein sich schnell entwickelndes, komplexes Phänomen, das in meinen Augen einen großen Einfluss auf die Machtverteilung in der Weltwirtschaft haben würde.

Hinter den meisten Krypto-Währungen verbirgt sich eine einfache Technologie, die als “Blockchain” bekannt ist. Es handelt sich um ein System, das es peer-to-peer-Finanzkonten über mehrere Quellen ermöglicht, alle Transaktionen, die innerhalb eines Netzwerkes auftreten, aufzuzeichnen. Das führt zu einer transparenten Open-Access-Registry von Geldströmen, die die Vermittlung durch Finanzbehörden überflüssig macht. Dies fordert die allgemeine Annahme heraus, dass ein Geldsystem nur durch zentrale Planung funktionieren kann.

Wie ich in meinen Buch „Wellbeing Exonomy: Success in a World Without Growth“ erkläre, machen Geldsysteme einen beispiellosen Wandel von einer zentralen Behörde zu einem dezentralisierten Netzwerk durch. In der Regel wird Geld von Staaten und Banken verwaltet. Dabei befinden sich die Nutzer auf der Empfängerseite finanzieller politischer Entscheidungen. Im Gegensatz dazu sind die meisten alternativen Währungen peer-to-peer. Das bedeutet, sie werden von den Nutzern selbst verwaltet und benötigen niemanden, der hier Mittler ist. Einige davon haben dank der Technik eine internationale Reichweite, während andere sich ausschließlich an einem bestimmten Ort befinden.

Schauen wir uns einmal BitCoin an, die bekannteste peer-to-peer-Währung der Welt. Sie verfügt über ein Börsenkapital von über 40 Milliarden US-Dollar. Eine Person, die im Jahr 2009 das Äquivalent von einem US-Dollar in BitCoin gekauft hat, würde jetzt ungefähr 25 Millionen US-Dollar besitzen. Ein BitCoin ist aktuell genauso viel Wert wie zwei Unzen Gold. Andere mögliche Währungen, die in Zukunft enorm an Wert gewinnen werden, sind Ethereum, Litecoin und Ripple.

Die Welt im Sturm erobern

Viele dieser Währungen sind ziemlich unbeständig. Ihre Höhen und Tiefen erreichen über zehn Prozent des Wertes auf einer wöchentlichen Basis. Aber der längerfristige Trend ist beeindruckend. Viele Länder können sich dafür begeistern. Im April diesen Jahres akzeptierte Japan die Währung BitCoin als legale Bezahlmöglichkeit im Einzelhandelsmarkt. Nachdem man noch im vergangenen Jahr vor digitalen Währungen zurückschreckte, machte die russische Regierung eine 180-Grad-Wende. Präsident Wladimir Putin traf sich mit den Entwicklern von Enthereum und versprach, Krypto-Währungen bereits im Jahr 2018 anzuerkennen.

Nach anfänglichem Zögern ließ die People’s Bank of China Abhebungen in BitCoin im Juni 2017 wieder zu, was die Währung in neue Höhen katapultierte. In den USA werden Krypto-Währungen immer mehr sowohl als Zahlungsmethode als auch als Wertanlage akzeptiert.

Die Regierung von Australien hat ebenfalls beschlossen, neue innovative digitale Währungsunternehmen zu fördern, indem man Händler und Investoren von Steuern ausgenimmt. Es ist klar, dass Kryptowährungen in naher Zukunft als Zahlungsmethode für viele Transaktionen deutlich öfter genutzt werden – vom Online-Shopping bis hin zum Supermarkt um die Ecke.

Entwicklungsländer sind auf der Überholspur

Immer mehr aufstrebende Wirtschaftsysteme öffnen sich den Krypto-Währungen. In Venezuela ist BitCoin bereits zur Parallelwährung geworden. Sie bietet Millionen von Bürgern die Möglichkeit, Transaktionen durchzuführen und Unterhalt zu verdienen. In einem Land, wo die offizielle Währung fast nichts wert ist, können die Bürger ihr Essen und andere grundlegende Notwendigkeiten bezahlen. Es erlaubt ihnen zudem, Waren aus dem Ausland zu kaufen und dabei die noch strengeren Finanzkontrollbestimmungen zu überwinden.

Im Osten Afrikas haben heimische Erfinder Krypto-Währungssysteme vorgestellt, um grenzübergreifende Transaktionen zu unterstützen, wie beispielsweise Initiativen wie BitPesa unterstützen.

In Südafrika sind Krypto-Währungen besonders beliebt. In Nigeria setzen einheimische Händler und Aktivisten darauf, dass dieses neue Geld eine Möglichkeit schafft, die Wirtschaft zu demokratisieren. Dieser Wunsch wird dadurch verstärkt, dass Nigeria bisher mit konventionellem Geld gescheitert ist.

Laut meinem Kollegen Verengai Mabika, Gründer von BitFinance in Simbabwe, hat der Zusammenbruch des offiziellen Finanzsystems seines Landes die Währung Bitcoin zu einer attraktiven Alternative gemacht. Das ist besonders bei Online-Zahlungen der Fall, die von Banken eingeschränkt sind. Ebenso gilt dies für Überweisungen, die das Rückgrat der Wirtschaft darstellen.

Eine wachsende Anzahl der Bevölkerung in Simbabwe benutzen Krypto-Währungen auch als eine Art Sparschwein (37 Prozent aller Bitfinance-Kunden nutzen den Service für diesen Zweck), erzählt mit Verengai. Das geschieht vor allem nach dem massiven Verlust der eigenen Ersparnisse während der Hyperinflation im Jahr 2008, die zum Kollaps von Banken im ganzen Land geführt hat.

Dezentralisierung und lokale wirtschaftliche Entwicklung

Die Dezentralisierung des Geldes befindet sich tatsächlich im Zentrum dieses neuen Trends und kann sich möglicherweise auch auf andere Bereiche auswirken. Die Vertragsplattform Ethereum ist als intelligentes System designt und stellt ein Handelssystem dar, das komplett auf peer-to-peer-Besitzrechten basiert. FairCoin wurde für Genossenschaften, Sozialwirtschaften und Fair-Trade-Netzwerken weltweit entwickelt.

Krypto-Währungen sind nur die Spitze eines Eisberges. Laut neuesten Schätzungen gibt es über 6.000 komplementäre Währungen weltweit, 50mal so viel wie bei konventionellen Geldsystemen. Die meisten davon sind nutzerkontrolliert und zinsfrei. Man kann kein Geld verdienen, indem man einfach mit ihnen handelt. Geld anhäufen macht in dieser Welt keinen Sinn. Das ist so, weil der Wert nicht in der Anhäufung, sondern im Austausch liegt.

Der Anwendungsbereich ist oft auf gewisse Gebiete oder Transaktionstypen begrenzt, beispielsweise für Körperpflege, nachhaltige Mobilität und lokalen Handel. Das schafft einen Anreiz, einheimische ökonomische Entwicklung und Möglichkeiten des Geldwechsel, die von Nutzer-Communities bewertet sind, zu unterstützen.

Regiogeld, ein Netzwerk einheimischer Währungen, die ich untersucht habe, als ich in Deutschland geforscht habe, hat sich bereits im ganzen Land verbreitet. Es gilt als das größte System lokaler Währungen, die kleine Unternehmen unterstützt und Gemeinschaften stärkt.

In naher Zukunft werden wir eine Vielzahl an Währungen mit unterschiedlichen Eigenschaften und Zielen haben. Diese Entwicklungen wird die Wirtschaftssysteme in den verschiedenen Ländern gegenüber Krisen stärker machen und eine gerechtere und nachhaltigere Entwicklung fördern, denn die Nutzer werden mitbedacht und die lokalen Strukturen gestärkt.

Wie meine Untersuchungen zeigen, könnte eine Verquickung von regionalen, nationalen und einheimischen Währungen auch die beste Lösung nicht nur für Afrika, sondern auch für die Europäische Union sein, die sich noch immer mit dem instabilen und schwerfälligen Euro herumschlägt. Was auf anderen Kontinenten klappt, könnte auch hier funktionieren. Gilt das auch für jeden anderen Vorgang einer regionalen Integration von Afrika zu anderen Kontinenten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Bitcoin“ by MichaelWuensch (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Wie man der Desorganisation der Gesellschaft entgegenwirken kann – Neubelebung der Agora

Bundestag (Image by LoboStudioHamburg) (CC0 Public Domain) via Pixabay

Die vornehmste Aufgabe der Libertären besteht nach Ansicht des Vulgärkapitalisten und Trump-Freundes Peter Thiel darin, einen „Ausstieg aus der Politik in allen Formen zu finden“.

„Was nach hehrem Ideal klingt, ist bei Lichte betrachtet nichts anderes als ein Freibrief für Steuerflucht und Verantwortungslosigkeit. Auch der konstruierte Antagonismus zwischen Politik und Technologie, der suggeriert, im Internet herrsche die große Freiheit, trägt zur Verkennung der Lage bei. Die Kommunikationsströme im Netz sind vermachtet, und die großen Player Google, Amazon, Facebook und Apple bestellen das Feld, sie schränken genau jene Wahlfreiheit ein, die Thiel beschwört. Er redet letztlich der Demontage der Demokratie das Wort, die Trump auf seine Weise bearbeitet: Für Gewaltenteilung hat er nichts übrig, die Presse betrachtet er als Feind, er spricht per Twitter zu seiner Gefolgschaft. In Peter Thiel hat er offenbar einen Geistesverwandten gefunden“, resümiert die FAZ.

Die Politik sollte da nicht zur Tagesordnung übergehen.

„Sie muss die Banker und Manager mit der politischen Macht konfrontieren, muss sie als scheinbar Allmächtige entzaubern. Sie muss sie entlarven als jämmerliche Söldner“, fordert der Schweizer Publizist Frank A. Meyer.

Aber wird das reichen? Professor Reinhard Pfriem hat das im Utopie-Podcast #KönigvonDeutschland verneint.

Veränderungen über Basisbewegungen

Die Ökonomie sei ein Ausdruck kultureller Verhältnisse, auch was in ihr für wichtig gehalten und wertgeschätzt wird:

„Die gleichen kulturellen Strömungen wirken auch auf die Konstellationen der politischen Kräfte ein. Gerade in einem repräsentativen Parteiensystem. Es war die Vorstellung schon immer naiv, daran zu glauben, dass auf dem Weg des Politischen die Akteure zu Maßnahmen gezwungen werden, die sie selbst nicht machen wollen. Das funktioniert nicht. Wenn man sich das Parteiensystem anschaut sowie das Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger.“

Man sei vielleicht gattungsgeschichtlich überfordert, die Gratwanderung zwischen Einheit und gemeinsamen Vorgehen sowie Konflikt- und Streitkultur zu bewältigen. Pfriem ist sehr angetan von den theoretischen Arbeiten der belgischen Wissenschaftlerin Chantal Mouffe. „Sie hat den Begriff der Agonistik geprägt – Sprechen ist Kämpfen im Sinne des Spielens. Damit meint Mouffe, dass es möglich sein muss, in der Gesellschaft Streitkultur zu pflegen und sich vom politischen Einheitsbrei zu verabschieden. Konflikte sollten Konflikte zwischen Kontrahenten bleiben und nicht Gegenstand von feindlichen Auseinandersetzungen sein. Das scheint extrem schwierig zu sein.“

Staatliche Regelungen bewirken nach Ansicht von Pfriem nur dann positive Veränderungen, wenn es sozial- und gesellschaftspolitischen Druck gibt. Ohne Basisbewegungen hätte es in den 70er und 80er Jahren keinen Fortschritt in der Umweltpolitik gegeben, die letztlich zum Atomausstieg und zur Einführung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes geführt haben. Auf anderen Feldern funktioniere das nicht. „Denken Sie an die Mobilität, wo der Lobbyismus von Alexander Dobrindt sich ausleben kann und es in dem Autofahrerland Deutschland nach wie vor nicht möglich ist, auch nur Geschwindigkeitsbegrenzungen durchzusetzen.“

Wie sich Eliten abschotten

Liegt es an der Atomisierung oder Entsolidarisierung der Gesellschaft? Pfriem bejaht das.

Der Netzwerkforscher Manuel Castells hat das gut analysiert: Die alten und neuen Eliten (etwa Vulgärkapitalisten wie Thiel – er zählt gar zu den Protagonisten, die sich mit den alten Eliten koppeln) verbinden sich zur Absicherung ihrer Herrschaft bei gleichzeitiger Desorganisation der Gesellschaft.

Je stärker das Internet die Vernetzung vorantreibt und jeder nicht nur Empfänger von Botschaften ist, sondern auch Sender, desto stärker versuchen sich die alten Eliten abzusetzen, damit es nicht zu einem übermäßigen Vordringen von „gewöhnlichen“ Leuten in die innere Welt der Cliquen und Klüngel kommt. Der Zugang zu den Netzwerken der Herrschenden bleibt versperrt. Nachzulesen im Standardwerk von Castells „Das Informationszeitalter I – Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“.

Quartiersräte als Bindeglied

Die Zersplitterung der Gesellschaft und der Separatismus elitärer Gruppen ist auch nach Meinung von Pfriem ein großes Problem.

„Es gibt ein grundlegendes Defizit an der Möglichkeit politischer Artikulation“, mahnt der Ökonom Reinhard Pfriem und plädiert für die Entwicklung von institutionellen Formen, die tatsächlich wieder radikale Demokratie ermöglicht: „Es gibt in Berlin in einigen sozialen Brennpunkten der Stadt so genannte Quartiersräte, wo die heterogenen und zukunftsorientiert tätigen Akteure zusammengebracht und mit der darüber liegenden Ebene verkoppelt werden.“

Also ein Bindeglied zu den kommunalen und landespolitischen Instanzen. In der Hauptstadt sind es die Bezirksverordneten-Versammlungen und das Abgeordnetenhaus. Die gegenwärtige Form von repräsentativer Parlamentsdemokratie schwebe schon institutionell über dem, was Menschen wirklich bewegt. Pfriem bringt den Begriff der Agora ins Spiel, also den Ort öffentlichen Verständigung und Kommunikation in der griechischen Antike. Das gilt nach seiner Auffassung auch für die Wissenschaft, die sich transparent zu zeigen und zu rechtfertigen hat sowie ihre von der Gesellschaft alimentierte Funktion unter Beweis stellen muss. Das Notiz-Amt sieht hier eine Nahtstelle zu den Diskussionen dem Future Hub-Diskurs mit der Bundeszentrale für politische Bildung und mit den Vorschlägen von D2030-Beiratsmitglied Professor Dirk Helbing für eine vernetzte Demokratie – analog und digital.


Image (adapted) „Bundestag“ by LoboStudioHamburg (CC0 Public Domain)


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Judge KI? Warum es gefährlich ist, Künstliche Intelligenz für die Urteilsfindung zu nutzen

Richter (adapted) (image by Daniel_B_Photos (CCO) via pixabay

Künstliche Intelligenz hilft uns, unsere Zukunft zu bestimmen – seien es unsere Sehgewohnheiten bei Netflix, unsere Kreditwürdigkeit oder wie gut wir zu einem potenziellen Arbeitgeber passen. Doch wir sind uns sicherlich einig, dass es – zumindest noch – einen Schritt zu weit geht, wenn die KI unsere Schuld oder Unschuld feststellen soll.

Besorgniserregend ist, dass dies längst der Fall sein kann. Als John Roberts, das Oberhaupt des obersten Gerichtshofs in den USA, kürzlich an einer Veranstaltung teilnahm, wurde er gefragt, ob er einen Tag kommen sähe, „an dem smarte Maschinen, angetrieben von künstlicher Intelligenz, im Gerichtssaal bei der Erbringung von Indizien helfen oder, sogar noch brisanter, Gerichtsurteile selbst fällen würden“. Er antwortete: „Dieser Tag wird kommen und es ist eine enorme Belastung in Bezug auf die Vorgehensweise der Justiz“.

Roberts bezog sich vermutlich auf den aktuellen Fall von Eric Loomis, der zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurde und das zumindest zum Teil auf die Empfehlung einer proprietären Software eines Privatunternehmens hin. Loomis, der eine kriminelle Vergangenheit hat und wegen Flucht vor der Polizei in einem gestohlenen Wagen verurteilt wurde, behauptet nun, dass sein Recht auf einen fairen Prozess verletzt wurde, da weder er noch seine Vertreter in der Lage waren, den Algorithmus hinter der Empfehlung zu prüfen oder in Frage zu stellen.

Der Bericht wurde von einem Softwareprodukt mit dem Namen Compas erstellt, welches von der Nortpointe Inc an Gerichte vertrieben und verkauft wird. Das Programm ist eine Verkörperung eines neuen Trends innerhalb der KI Forschung: Es wurde entworfen, um Richtern dabei zu helfen, „bessere“ – oder zumindest besser fundierte – Entscheidungen im Gerichtssaal zu treffen.

Obwohl die spezifischeren Details zu Loomis‘ Bericht versiegelt bleiben, ist es wahrscheinlich, dass das Dokument eine Reihe von Tabellen und Diagrammen enthält, die Loomis‘ Leben, sein Verhalten und die Wahrscheinlichkeit der Rückfälligkeit quantifizieren. Vermutlich enthält es auch Informationen wie Alter, Herkunft, Geschlecht, Surfgewohnheiten und möglicherweise sogar die Maße seines Schädels. Der Punkt ist, dass wir es nicht wissen.

Was wir wissen ist, dass der Kläger in diesem Fall dem Richter erzählte, dass Loomis vor dem Prozess „ein hohes Risiko zur Gewaltausübung, ein enormes Rückfallrisiko“ zeigte. Das ist Standard, wenn es um Verurteilungen geht. Der Richter stimmte zu und teilte Loomis mit, dass er „durch die Compas-Einschätzung als ein Individuum identifiziert wurde, das ein großes Risiko für die Gesellschaft darstellt“.

Das oberste Gericht von Wisconsin sprach Loomis schuldig und fügte hinzu, dass der Compas-Bericht wertvolle Informationen für die Entscheidung eingebracht hat, schränkte dies allerdings sofort durch die Aussage, dass er ohne den Bericht die gleiche Strafe erhalten hätte, ein. Aber wie können wir das sicher wissen? Welche Art von Wahrnehmungsverzerrungen sind beteiligt, wenn ein allmächtiges, “smartes” System wie Compas vorschlägt, was ein Richter tun sollte?

Unbekannte Nutzung

Um eins klarzustellen, an dem, was das Gericht von Wisconsin gemacht hat, ist nichts ‚illegal‘ – es ist unter diesen Umständen nur eine schlechte Idee. Andere Gerichte können genau das Gleiche tun.

Beunruhigend ist, dass wir tatsächlich nicht wissen, in welchem Ausmaß KI und andere Algorithmen für Verurteilungen genutzt werden. Meine eigenen Nachforschungen zeigen, dass mehrere Gerichtsbezirke Systeme wie Compas in geschlossenen Verhandlungen “ausprobieren”, aber sie die Details der Partnerschaft oder wann und wo die Systeme genutzt werden, nicht veröffentlichen können. Wir wissen auch, dass es eine Zahl von KI-Startups gibt, die darum konkurrieren, ähnliche Systeme zu bauen.

Allerdings beginnt und endet die Benutzung von KI beim Gericht nicht bei der Verurteilung, sie beginnt bei den Ermittlungen. Ein System namens VALCRI wurde bereits entwickelt, um die arbeitsintensiven Aufgaben eines Kriminalanalysten innerhalb von Sekunden zu erledigen – das beinhaltet die Durchsuchung von Unmengen von Daten wie Texten, Laborberichten und Polizeidokumenten, um die Dinge hervorzuheben, die weitere Ermittlungen gewährleisten.

Die Polizei der britischen West Midlands wird VALCRI in den nächsten drei Jahren mit anonymisierten Daten austesten. Der Umfang beträgt 6,5 Millionen Dokumente. Eine ähnliche Testphase hat die Polizei im belgischen Abisher als problematisch eingestuft.

Vorteile für Wenige?

Die Gerichte haben aus der Technil bereits viele Vorteile gezogen – von Fotokopien über DNA-Fingerabrücke bis hin zu hochentwickelten Überwachungstechniken. Doch das bedeutet nicht, dass die Technologie an sich eine Verbesserung darstellt.

Obwohl die Nutzung von KI in Ermittlungen und Verurteilungen potenziell dabei helfen könnte, Zeit und Geld zu sparen, beinhaltet dies auch einige schwerwiegende Probleme. Ein Bericht über Compas von ProPublica stellte klar, dass es im Broward County in Florida für dunkelhäutige Angeklagte „viel wahrscheinlicher als für weiße Angeklagte war, fälschlicherweise mit einer zu hohen Rückfallwahrscheinlichkeit eingestuft zu werden”.

Die aktuelle Arbeit von Joanna Bryson, einer Professorin für Computerwissenschaft an der Universiät Bath, hebt hervor, dass sogar die “hochentwickeltsten” KIs die ethnischen und geschlechtsbezogenen Vorurteile derjenigen, die sie entworfen haben, erben können.

Worin liegt darüber hinaus der Sinn, die Entscheidungsfindung in Angelegenheiten, die besonders menschlich sind, (zumindest teilweise) auf einen Algorithmus abzuwälzen? Warum machen wir uns die Mühe, eine Jury aus Unseresgleichen auszusuchen? Der richterliche Standard war niemals perfekt, sondern eher das Beste, was unsere Fähigkeiten uns Menschen erlaubt. Wir alle machen Fehler, doch im Laufe der Zeit und mit Übung werden wir besser darin, diese nicht wieder zu begehen – und dabei entwickeln wir das System fortwährend weiter.

Was Compas und ähnliche Systeme vertreten, ist das ‚Black Boxing‘ des Rechtssystems. Diesem muss sich konsequent widersetzt werden. Rechtssysteme hängen von Informationskontinuität, Transparenz und Kritikfähigkeit ab. Was wir nicht als Gesellschaft wollen, ist ein Rechtssystem, das in eine Abwärtsspirale für KI-Startups führt, um die Produkte so schnell, günstig und exklusiv wie möglich abzuliefern. Während einige Beobachter für KI-Themen dies bereits seit Jahren haben kommen sehen, ist es jetzt hier – und es ist eine schreckliche Idee.

Eine nachprüfbare Open-Source-Version von Compas wäre ein Fortschritt. Trotzdem müssen wir sicher gehen, dass wir zuerst die Standards im Rechtssystem steigern, bevor wir damit beginnen, Verantwortlichkeiten auf Algorithmen abzuwälzen. KIs sollten nicht nur ein Grund sein, nicht zu ermitteln.

Während viel Geld mit KI gemacht werden kann, gibt es auch eine Menge echter Chancen. Sie kann vieles zum Besseren verändern, wenn wir es richtig machen und sicherstellen, dass die Vorzüge jedem zu Gute kommen und nicht nur die Macht an der Spitze der Pyramide zementieren.

Ich habe zu diesem Zeitpunkt keine perfekte Lösung für all diese Probleme. Aber ich weiß, dass wir in Bezug auf die Rolle der KI in der Rechtsprechung fragen müssen, in welchem Zusammenhang, zu welchem Zweck und mit welcher Aufsichtsführung sie eingesetzt wird. Bis diese Fragen mit Sicherheit beantwortet werden können, ist äußerste Skepsis gefragt. Oder zumindest der Kontakt zu ein paar sehr guten Anwälten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Richter“ by Daniel_B_Photos (CCO Public Domain)


The Conversation

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Verwirrspiel um geleaktes NSA-Dokument

bedrohlich (adapted) (image by Momonator [CC0 ] via pixabay)

Nach Angaben der NSA wurde die NSA-Whistleblowerin Reality Leigh Winner durch ein per Drucker in ein Dokument eingefügtes Wasserzeichen enttarnt. Noch sind die Behauptungen unbewiesen, doch die Diskussion zeigt, was technisch möglich ist und welchen Herausforderungen sich investigative Journalistinnen und Journalisten im 21. Jahrhundert gegenüber sehen. Sie zeigt aber auch, dass Whistleblowerinnen und Whistleblower endlich durch wirksame Gesetze geschützt werden müssen.

Whistleblowerin enttarnt?

Die Website „The Intercept“ steht für investigativen Journalismus. Am 5. Juni veröffentlichte die Website einen Bericht basierend auf einem streng geheimen NSA-Dokument. Nach Angaben der Redaktion wurde dieses Dokument anonym eingereicht. Soweit die bekannten Fakten.

Kurz darauf behauptete die NSA, mit Hilfe des Dokuments die verantwortliche Whistleblowerin, Reality Leigh Winner, enttarnt zu haben. Winner, eine 25-jährige junge Frau aus dem US-Bundesstaat Georgia, arbeitet für eine Firma, die mit der NSA zusammenarbeitet. Die NSA behauptet, Winner habe das Dokument auf einem ihr zuzuordnenden Drucker – einem Gerät der Marke Xerox – ausgedruckt. Dabei sei ohne das Wissen der Whistleblowerin ein Wasserzeichen eingefügt worden. Als The Intercept der NSA das Dokument vorlegte, um dessen Echtheit bestätigen zu lassen, habe die Behörde mit Hilfe des FBI so die Verantwortliche identifizieren können. Einige Quellen berichten sogar, Winner habe bereits gestanden.

Vorsicht ist geboten

The Intercept mahnt in einer Stellungnahme zur Vorsicht. Die zum Fall vorgelegten Dokumente, unter anderem ein Durchsuchungsbefehl, in dem die Vorwürfe gegen Winner erläutert werden, enthielten „unbewiesene Behauptungen und Spekulationen, die dazu angetan sind, der Regierung in die Karten zu spielen, und deswegen skeptisch betrachtet werden sollten“. Winner sehe sich Vorwürfen gegenüber, die noch nicht bewiesen seien. Ebenso wenig sei bislang bewiesen, dass die Behauptungen des FBI, wie es zur Festnahme Winners gekommen sei, der Wahrheit entsprächen.

The Intercept begegne der Angelegenheit „mit größter Ernsthaftigkeit“, sei aber aktuell noch nicht bereit, sie weitergehend zu kommentieren, heißt es abschließend in der Stellungnahme.

Quellenschutz: Im 21. Jahrhundert eine schwierige Aufgabe

Wie von The Intercept betont, sind bislang noch nicht alle Fakten bekannt. Dennoch zeigt der Fall auf, wie schwierig es mittlerweile tatsächlich ist, Informationen anonym weiterzugeben. Eine ganze Reihe von technischen Details, die vielfach kaum bekannt sind, können zur Enttarnung führen.

Für investigative Journalistinnen und Journalisten bedeutet dies eine große Herausforderung. Einerseits ist es ihre Aufgabe, relevante Informationen, auch aus Insider-Hand, zu veröffentlichen und wenn möglich mit Original-Dokumenten zu untermauern. Andererseits ist der Quellenschutz unter diesen Umständen eine wahre Herkules-Aufgabe. Sollte tatsächlich sogar The Intercept, eine Website, die sich seit einigen Jahren mit großem Einsatz und Know-How dem investigativen Journalismus widmet, hierbei ein derart folgenschwerer Fehler unterlaufen sein, wäre dies durchaus besorgniserregend.

Wir brauchen endlich wirksamen Whistleblower-Schutz!

Andererseits zeigt die Diskussion um Reality Leigh Winner auch, dass Whistleblowerinnen und Whistleblower endlich eines wirksamen gesetzlichen Schutzes bedürfen. Aktuell sind sie auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, ihre Anonymität zu wahren oder sich – wie Edward Snowden – rechtzeitig ins Exil zu flüchten. Anderenfalls drohen ihnen für einen Akt, der dem Wohle der Allgemeinheit dient und kriminelle oder zumindest unethische Verhaltensweisen der Mächtigen und Einflussreichen aufdeckt, empfindliche Strafen. Dieser Zustand ist unwürdig für das 21. Jahrhundert.

Whistleblowerinnen und Whistleblower sollten endlich als die Heldinnen und Helden anerkannt werden, die sie sind, Kämpferinnen und Kämpfer für eine moderne, freie, informierte Gesellschaft. Stattdessen sieht es jedoch so aus, als würden die USA ihr Vorgehen gegen diese Menschen noch verschärfen und eventuell sogar den investigativen Journalismus selbst kriminalisieren. Dagegen muss energisch vorgegangen werden. Das zumindest ruft uns der aktuell noch so undurchsichtige Fall Reality Leigh Winner noch einmal ins Gedächtnis.


Image (adapted)„bedrohlich“ by Momonator (CC0 Public Domain)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

Follow me

  • GESELLSCHAFT zeit: Japans smarte Utopie: Während die Politik hierzulande über die Industrie 4.0 und ihre Folgen diskutiert, ist Japan schon einen Schritt weiter: Auf der Cebit in Hannover präsentierte das Partnerland seine Pläne für eine „Gesellschaft 5.0“. „Wir stehen am Anfang des fünften Zeitalters der Menschheitsgeschichte. Nach Industrie 4.0 kommt Society 5.0, in der sich alles untereinander vernetzt“, sagte Premierminister Shinzo Abe in seiner Rede. Das Konzept blieb da noch etwas konturlos. In einer Anzeige der Financial Times, in der die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt dafür warb, wurde die Vision etwas schärfer. Gesellschaft 5.0 bedeutet die fünfte Entwicklungsstufe der Menschheitsgeschichte, nach dem Jäger und Sammler, Agrar-, Industrie- und Informationszeitalter komme nun das Zeitalter der Vernetzung. „In dieser ultrasmarten Gesellschaft“, heißt es in der Zeitungsanzeige, „wird Japan weiter die Netzwerk- und Internet-der-Dinge-Kapazitäten von fortgeschrittenen Innovationen in der Herstellung bis in jeden Winkel der Gesellschaft ausbauen und dramatisch die Lebensqualität verbessern und das Wirtschaftswachstum ankurbeln.“ Sensoren, Roboter, Big Data und Cloud Computing würden in die Gesellschaft „integriert“, um Menschen zu helfen, „unüberwindbare“ Probleme zu lösen.

  • DATENSCHUTZ breitband: Internet-User in den USA als neue Geldquelle: In den USA gibt Trump die User-Daten zum Verkauf frei. So versteht er den Markt. Reichtum durch Daten. Tatsächlich ist es aber viel schlimmer als das klingt, denn es geht um die Daten, die die Internet Service Provider über ihre Nutzer sammeln können. Nicht einmal Google oder Facebook, allseits als Datenkraken verschrien, haben so viel Einsicht in das tägliche Internetverhalten der Menschen. Jeder Webseiten-Besuch, jede App, jegliche Nutzungszeiten, Downloadstatistiken werden über den Provider erfasst und können verkauft, vermarktet werden. Zusätzlich haben vor allem die Provider sehr genau Daten zu den Nutzern selbst!

  • MICROSOFT golem: Kritik an Microsoft-Monopol in der Verwaltung: Der ehemalige Abteilungsleiter für Informationstechnik und Cybersicherheit im Innenministerium, Martin Schallbruch, hat die IT-Beschaffung der Verwaltungen kritisiert, weil diese fast ausschließlich auf proprietäre Software von Microsoft setzen: „Viele staatliche Verwaltungen sind so abhängig von diesem einen Anbieter, dass sie nicht mehr die Wahl haben, welche Software sie nutzen wollen. Damit laufen die Staaten Europas Gefahr, die Kontrolle über ihre eigene IT-Infrastruktur zu verlieren“, sagte er dem Tagesspiegel.

  • GOOGLE horizont: Uber bestreitet Ideen-Klau bei Google: Uber hat vor Gericht den Vorwurf zurückgewiesen, seine selbstfahrenden Testwagen seien mit gestohlener Technologie der Google-Roboterautos unterwegs. Die Google-Schwesterfirma Waymo will als ersten Schritt eine einstweilige Verfügung gegen Uber erreichen, die das Roboterwagen-Programm des Fahrdienst-Vermittlers lähmen könnte. Sechs Wochen nach der explosiven Waymo-Klage legte Uber nun erstmals ausführliche Argumente zur Verteidigung vor.

  • E-MOBILITÄTheise: Passagierflüge mit Elektroflugzeugen sollen in zehn Jahren beginnen: Zwei Start-ups aus den USA sowie etablierte Hersteller arbeiten intensiv an Flugzeugen, die statt mit Kerosin mit Strom fliegen sollen. Zunum Aero, hinter dem Boeing und die Airline JetBlue stehen, will Anfang der 2020er Jahre mit elektrischen Flügen von US-Regionalflughäfen beginnen, Wright Electric aus dem Inkubator Y Combinator verfolgt ähnliche Pläne, und auch Siemens und Boeing selbst zeigen Interesse an dem Thema. Das berichtet Technology Review online in „Start-ups wollen elektrisch fliegen“.

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Afrikanische Regierungen und die sozialen Medien: Warum ist das Verhältnis so unstet?

Afrika (adapted) (Image by WikiImages [CC0 Public Domain] via pixabay)

Viele kenianische Social-Media-Nutzer sind beunruhigt, dass die Regierung die Nutzung des Internets während der Parlamentswahlen stilllegen könnte. Der Regierungssprecher von Kenia hat versucht, die Wähler zu beruhigen, dass dies nicht der Fall sein wird. Trotzdem sind die Ängste, dass die Freiheit des Internets bedroht ist, nicht unbegründet.

Die Liste der afrikanischen Länder, die den Zugang zu den sozialen Medien während Wahlen und anderen politisch heiklen Phasen unterbunden haben, wächst stetig. Im vergangenen Jahr war dies in Kamerun, Tschad, der demokratischen Republik Kongo, Gabun, Gambia, der Republik Kongo und Uganda der Fall. Länder wie Äthiopien, Madagaskar und Tansania haben außerdem die Gesetze der Internetkriminalität so verschärft, dass die Meinungsfreiheit bedroht ist.

Anderswo sind die Nutzer sozialer Medien, Journalisten eingeschlossen, unter den geltenden Gesetzen für online geteilte Inhalte verfolgt worden. Solche Aktionen werden oft damit begründet, dass sie Frieden und Sicherheit sichern sollen, da die sozialen Medien eine potenzielle Plattform für die Verbreitung von Hassreden und Aufrufen zur Gewalt darstellen.

Dies ist besonders dann problematisch, wenn politische Kandidaten auf ethnische und religiöse Unterschiede aufmerksam machen, um Unterstützung zu bekommen. Die Rolle, die aufwieglerische Textnachrichten bei den gewalttätigen Ausschreitungen während der Wahlen von 2007 in Kenia spielten, wird immer wieder als Beispiel dafür genommen, welche potentielle Gefahr unkontrollierte Massenkommunikation bietet.

Im Südsudan wird der anhaltende Konflikt durch im Internet verbreitete Gerüchte und Hassreden weiter angefacht. Manche geben sogar einem „falschen“ Facebook-Beitrag die Schuld für 150 Todesopfer. In Teilen von Afrika sind die sozialen Medien für Terroristen eine Möglichkeit, um mit ihren Anhängern zu kommunizieren und neue Mitglieder anzuwerben. Deshalb behaupten die Regierungen, dass die sozialen Medien gefährlich sind und nicht immer für bare Münze genommen werden sollten. Neue Formen der Kommunikation erschüttern die politische Lage in Afrika genauso wie anderswo. Das führt zu beunruhigenden Unsicherheiten bei Regimen, die ihre Macht behalten wollen.

Alternative Informationsquellen

Soziale Medien bieten neue Möglichkeiten, um Informationen in kurzer Zeit mit einer großen Anzahl an Menschen zu teilen. In der Vergangenheit wurde ein Witz über einen Politiker vielleicht mit ein paar Freunden geteilt – heute kann er Tausende erreichen. Blogs und Plattformen wie WhatsApp sind zu Hauptinformationsquellen für viele Internetnutzer geworden. Manchmal informieren sie schon darüber, was in den ‚traditionellen‘ Medien berichtet wird.

SAber abgesehen davon können auch Zuwiderhandlungen von Regierungen bei Wahlverfahren oder Verstöße gegen die Menschenrechte online bloßgestellt werden. Soziale Medien spielten eine wichtige Rolle bei der Stärkung der Zivilgesellschaft und helfen Oppositionsbewegungen, sich in einigen der autoritärsten Länder Afrikas zu organisieren.

Außerdem bietet das Internet auch lokalen politischen Belangen ein globales Publikum. Dies war beispielsweise während der jüngsten Proteste in Äthiopien der Fall, als Gegner des Regimes in der Diaspora sich mithilfe der sozialen Medien beteiligen konnten. Allerdings bietet die eine vermehrte Online-Kommunikation auch neue Möglichkeiten für staatliche Überwachung und Zensur. Abschalten des Internets und eine Verfolgung von ‚Internetkriminalität‘ gegen Kritiker des politischen Systems sind Handwerkszeug, um politische Freiheiten einzuschränken. In Ländern wie Tansania wurden Beschränkungen der Auseinandersetzungen im Internet durch Offline–Maßnahmen begleitet. Dazu gehören ein Verbot von politischen Kundgebungen und Strafverfolgung von Oppositionsmitgliedern des Parlaments für Volksverhetzung.

Dem Staat standhalten

Angesichts der Regierungszensur haben die Bürger versucht, sich den Beschränkungen ihrer Internetfreiheit zu widersetzen. Zum Beispiel haben im Jahr 2016 viele Ugander virtuelle private Netzwerke (VPNs) miteinander verbunden, um dadurch die Versuche, die sozialen Medien zu blockieren, zu unterbinden. Mobile Netzwerkbetreiber müssen sich zur Frage, was sie in Zukunft machen können, um gegen die Regierungen standzuhalten, positionieren. Herausfordernde restriktive Rechtsvorschriften können sich vor Gericht jedoch auch als erfolgreich erweisen. So wurde zum Beispiel in Kenia eine gesetzliche Bestimmung über die ‚unsachgemäße‘ Nutzung eines Telekommunikationsgeräts für verfassungswidrig erklärt.
Dagegen wurde jedoch im benachbarten Tansania der Versuch, das Gesetz der Internetkriminialität in Frage zu stellen, abgetan.

Dies sind aber keineswegs nur Belange, die afrikanische Länder betreffen. Zwischen Juni 2015 und Juli 2016 gab es in 19 Ländern 81 kurzfristige Störungen des Internetanschlusses, unter anderem in Indien, der Türkei und Vietnam. Weltweit hat das Wachstum der sozialen Medien die Debatte darüber angeregt, wo die Grenze zwischen dem Schutz der Redefreiheit und der Stimme des Hasses und des Extremismus zu ziehen ist. Die Präsidentschaftskampagne des vergangenen Jahres in den Vereinigten Staaten hat zusätzlich Bedenken über die Rolle der sozialen Medien bei der Verbreitung von sogenannten Fake News mit wichtigen politischen Folgen ausgelöst.

Diese Debatten sind in Teilen von Afrika sehr dringend. Im Jahr 2017 finden Wahlen in einer Reihe von Ländern statt, bei denen es noch in der jüngsten Geschichte zu Gewalt bei Wahlen kam. Hier wurden in der Vergangenheit ethnische und regionale Unterschiede von politischen Kandidaten zu Wahlzwecken manipuliert. Es besteht daher die Notwendigkeit, zu prüfen, wie man sicherstellen kann, dass soziale Medien nicht dazu verwendet werden, zu Gewalt anzuregen oder gefährliche Gerüchte zu verbreiten. Ebenfalls bleibt aber auch die Frage, wie Regierungen daran gehindert werden können, die Möglichkeiten der sozialen Medien zur Beschränkung der Menschrechte zu nutzen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Afrika“ by WikiImages (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Fabian Westerheide über Künstliche Intelligenz

Neural (adapted) (Image by geralt [CC0 Public Domain] via pixabay)

Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelreihe im Vorfeld der Digitalkonferenz EXPLAINED von Microsoft Deutschland. Die Konferenz findet am 23. März 2017 in Berlin statt.


Künstliche Intelligenz (KI) und die Frage, was den Menschen und die Maschine zusammenbringt, treibt den Unternehmer, Venture Capitalist, Autor und Redner Fabian Westerheide um. Nachdem er in verschiedene Unternehmen investierte, ist er seit 2014 Geschäftsführer von Asgard – human VC for AI und leitet die KI-Konferenz Rise of AI. Außerdem ist er Koordinator für Künstliche Intelligenz beim Bundesverband Deutscher Startups. Ich habe mich mit ihm im Vorfeld zur Digitalkonferenz EXPLAINED von Microsoft Deutschland, bei der er als Speaker auftreten wird, zum Interview getroffen.

Was fasziniert Sie an Künstlicher Intelligenz?

Das war ein Prozess. Ich komme vom Land und habe schon immer an Computern herumgebastelt und mich für die Auswirkungen zwischen Mensch und Maschine interessiert. Dann bin ich Unternehmer geworden und habe in insgesamt 35 Firmen investiert, von denen die meisten aus dem Softwarebereich stammen. Irgendwann wusste ich, dass das Thema Künstliche Intelligenz, was mich durch Science-Fiction-Literatur schon seit den Achtzigern beschäftigt hat, endlich greifbar wurde. Mich fasziniert vor allem, dass es so ein komplexes Thema ist und wirtschaftliche, gesellschaftliche, militärische und politische Konsequenzen hat. Es betrifft sowohl Unternehmen als auch den einzelnen Menschen, es betrifft letztlich die ganze Menschheit. Das ist ein Thema, bei dem ich meine ganze Begeisterung für Politik und Gesellschaft einfließen lassen kann. Und ich fühle mich sehr wohl damit, weil es um mehr als Geldverdienen geht. Künstliche Intelligenz kann wirklich die Menschheit verändern – in die eine oder in die andere Richtung.

Was ist der nächste Entwicklungsschritt für die Künstliche Intelligenz?

Die Maschine muss noch besser lernen zu lernen. Das bedeutet, dass sie mit wenige Daten zurecht kommt und mit weniger Transferwissen arbeiten kann. Zum Beispiel kann man derzeit eine KI, die ein bestimmtes Auto fährt, nicht einfach in ein anderes selbstfahrendes Auto verpflanzen. Man kann sie auch nicht benutzen, um mit ihr mit Aktien zu handeln oder ein Flugzeug zu fliegen. Sie ist eigentlich ziemlich idiotisch angelegt und genau auf ihre Hardware programmiert. Innerhalb dieser Grenzen kann sie aber jederzeit weiterlernen. Wir müssen also den Schritt schaffen, dass die Software Hardware-unabhängig wird und Vorwissen aufbauen kann. Vor ein paar Wochen hat Google Deep Mind ein sehr interessantes Paper veröffentlicht, wo sie mit einer KI ein Spiel gespielt haben. Dieselbe KI wurde verwendet, um ein neues Spiel zu lernen. Die KI wurde also deutlich besser, weil sie über das Wissen verfügt, wie man so ein Spiel spielt. Sie konnte es auf ein anderes Spiel übertragen und dadurch besser werden als eine KI, die nur auf dieses eine Spiel hin programmiert wurde.

Ist das der Schritt zwischen einem gut funktionierenden Algorithmus und einem denkenden Wesen? Ich gebe zu, ich scheue mich etwas, diesen Prozess schon als Denken zu bezeichnen. Ich würde eher sagen, es ist eher ein Weiterverarbeiten. Oder fängt das Denken hier schon an?

Das ist schwierig zu sagen, hier fängt eigentlich eher die nächste Diskussion an: Denkt der Mensch wirklich, oder sind wir nicht viel eher hormon- und instinktgetrieben? Wie viel davon ist durch unser Unterbewusstsein bestimmt? Die meisten Menschen treffen Entscheidungen im Bruchteil einer Sekunde. Wir nennen das Bauchgefühl oder Instinkt. Eigentlich ist es aber eine Erfahrungskurve. Wir brechen unsere Erfahrungen herunter und denken nicht darüber nach, sondern handeln. So ist es bei der Maschine auch. Sie können noch nicht auf 20 Jahre Berufserfahrung zurückgreifen oder auf eine jahrelange Erziehung. Wir als Menschen hingegen haben ungeheuer viel Input verarbeitet und sind biologisch dafür ausgelegt, alles abzuspeichern. Seit es im Jahr 2012 den großen Durchbruch mit den neuronalen Netzen gegeben hat, haben die Maschinen auch ein Kurzzeitgedächtnis. Was noch fehlt ist ein Langzeitgedächtnis und das Abstraktionslevel. Und genau das passiert gerade: Wir bauen Schritt für Schritt ein kollektives Gedächtnis auf, eine Art Schwarmintelligenz. Wir müssen also noch nicht einmal eine menschenähnliche KI haben, um zu erreichen, dass sie denkt, sondern wir brauchen eine KI, die untereinander kommuniziert und kollektiv Wissen verarbeitet. Wenn ein Auto beispielsweise einen fatalen Fehler macht, wie es bei dem Tesla-Unfall mit dem LKW geschehen ist, dann passiert ihm das ein einziges Mal. Seit diesem Vorfall können alle hunderttausende Teslas da draußen LKWs erkennnen. Das ist eine Intelligenzleistung, die mehr schafft als ein einzelner Mensch.

Image by Fabian Westerheide
Image by Fabian Westerheide

Wir müssen die KI also nicht nur schulen, sondern auch erziehen?

Genau das. Der Hirnforscher Danko Nikolic sagt, wir brauchen einen KI-Kindergarten, eine Art DNA für künstliche Intelligenz. Ich finde diese These sehr interessant. Wir müssen es schaffen, diese Lernalgorithmen einer KI beizubringen. Sie muss lernen zu lernen, damit sie weiß, wie man selbst Wissen generiert. Das können wir Menschen besonders gut. Die KI kann das noch nicht, also wird der Durchbruch im Lernalgorithmus die nächste Stufe sein. Dann muss man sie trainieren, ausbilden und erziehen, wie man Kinder erzieht. Wenn das passiert, wird das, was wir jetzt haben, schneller und auch deutlich interessanter. Eine KI hat noch keine Eigenmotivation, ich weiß aber, dass Teams bereits daran arbeiten.

Welche Jobs sind bisher immer noch nicht vollständig durch Maschinen ersetzbar? Wo geht hier die Entwicklung hin?

Momentan sind es zwei: Menschen und Komplexität. Wir sind Menschen und wollen deshalb natürlich weiterhin menschliche Interaktion. Ich behaupte, dass ‚Made by Humans‘ irgendwann bei Produkten ein Qualitätsmerkmal sein wird, für das die Leute mehr bezahlen werden. Bei der Interaktion kann es zu einer Mischung kommen: In der Pflege werden wir Pflegeroboter haben, die uns beispielsweise dabei helfen, den schweren alten Mann zu wenden, aber die menschliche Komponente muss erhalten bleiben. Eine KI nimmt dich nicht in den Arm, sie kann aber konkrete Ergebnisse liefern. Das dauert wohl aber noch gut 10 bis 15 Jahre. Eine KI kann erkennen, wie Prozesse am besten durchzuführen sind, aber bei emotionaler Intelligenz muss sie eben passen. Wir brauchen keinen menschlichen Maler, aber einen menschlichen Innenarchitekten. Je einfacher der Job ist, desto eher können wir ihn durch die Maschinen erledigen lassen. Sie hat aber noch immer ein Problem mit der Motorik, das haben wir noch nicht gelöst. Softwaretechnisch hingegen ist sie uns natürlich haushoch überlegen, jeder Taschenrechner kann besser rechnen als du und ich.

Wir müssen der KI auch Kontext beibringen, damit sie uns wirklich helfen kann.

Bei Service-KIs funktioniert das sogar schon. Die KI kann erkennen, ob der Kunde gut oder schlecht gelaunt ist, ob er etwas umtauschen will und ob sie ihm noch mehr Angebote machen soll oder nicht. Das würde ich schon als Kontext bezeichnen. Jeder, der schon einmal Kundensupport gemacht hat, wird das kennen – man muss Zweideutigkeit erkennen und das kriegen schon wir Menschen manchmal nicht ordentlich hin. Wie wollen wir da erwarten, dass die KI es besser macht? Der erste Schritt ist also: Sie muss lernen, es zumindest schon einmal besser zu machen als der Schlechteste von uns.

Wenn man manche Artikel liest, werden die Maschinen oft sehr dystopisch als unser Untergang beschrieben, sowohl gesellschaftlich als auch arbeitstechnisch. Wie gehen Sie mit dieser Angst der Menschen um?

Ich erlebe es ab und zu, dass die Menschen bei einem gewissen Level fast schon technologiefeindlich sind und regelrecht Angst vor der KI haben. Aber ich finde, dass Probleme wie die globale Erwärmung, der Terrorismus oder auch nur zu viel Zucker im Blut viel gefährlicher für die Menschheit sind. Wir sollten wirklich versuchen, etwas unaufgeregter an das Thema KI heranzugehen. Ja, die Digitalisierung frisst eine Menge Jobs. Aber das ist doch super! Niemand muss mehr langweilige Jobs machen, wir haben viel mehr freie Zeit. Wir können die KI benutzen, um in unserer Tätigkeit noch produktiver zu sein. Wir können so sogar mehr Jobs nach Europa holen, weil es günstiger und effektiver ist, die Handgriffe an eine KI outzusourcen als an irgendwelche ausgebeuteten Clickworker in Indien. Das Ganze bringt einen enormen strukturellen Wandel mit sich, weil wir uns von der Industriegesellschaft zur Servicegesellschaft und auch zu einer Wissensgesellschaft wandeln.

Die Großkonzerne von heute haben bereits begriffen, dass sie sich entwickeln müssen, sie tun sich damit aber noch etwas schwer. Das sind reine Industrieunternehmen, die aus einer ganz anderen Hierarchie und einer anderen kulturellen Epoche kommen. Künstliche Intelligenz ist hier nur die Spitze des Eisberges, denn unsere Industrie ist nicht für digitale Umbrüche gerüstet. Wir sind an dieser Stelle in kultureller Hinsicht noch komplett falsch aufgestellt.

Wie steht es um die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz in Deutschland?

Das deutsche Problem daran ist, dass wir mal wieder den Trend verschlafen. Es gibt kaum KI-Unternehmen hierzulande – wir sind eher auf den abgeschlagenen Plätzen zu finden. Im Moment sind die US-amerikanischen KI-Unternehmen besser finanziert und es gibt viel mehr Firmen als hier, obwohl der Markt nicht so groß ist wie unserer. Es geht auch nicht darum, noch etwas zu entwickeln, dass uns unser Essen schneller liefert, sondern darum, dass uns eine strategische Entwicklung entgeht. Wir brauchen endlich mehr Forschung, mehr Kapital und mehr Unternehmen in Deutschland und Europa, um eine strategisches, wirtschaftliches und politisches Gegengewicht herstellen zu können. Nur dann können wir auf Augenhöhe miteinaner verhandeln.


Image (adpated) „Neural“ by geralt (CC0 Public Domain)


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Warum wir Künstliche Intelligenz demokratisieren sollten… ja müssen!

Brain (adapted) (Image by PeteLinforth [CC0 Public Domain] via pixabay)

Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelreihe im Vorfeld der Digitalkonferenz EXPLAINED von Microsoft Deutschland. Die Konferenz findet am 23. März 2017 in Berlin statt.


Unser Bild von Künstlicher Intelligenz ist wahrscheinlich zu sehr von Science-Fiction geprägt. Es wirkt beinahe so, als ob das Thema Künstliche Intelligenz noch in den Kinderschuhen steckt. Mit einem chattende Bots oder unsere spielerische Auslotung der Fähigkeiten von Apples Siri oder Microsofts Cortana lassen das zwar vermuten, in Wahrheit werden aber bereits jetzt die Weichen für die Zukunft gestellt. Es gibt dabei nur ein Problem: bisher werden diese Weichen beinahe nur von einigen wenigen Technologie-Unternehmen gestellt.

Wir als Gesellschaft sind an den Entscheidungen nicht beteiligt und die von uns mit öffentlichen Mitteln geförderte Forschung ist im Vergleich nicht konkurrenzfähig. Das von der Europäischen Union und verschiedenen Bundesministerien geförderte Deutsche Forschungszentrum fu?r Künstliche Intelligenz (DFKI) gilt als eines der weltweit führenden und größten Forschungseinrichtungen zum Thema Künstliche Intelligenz. Rund 42,5 Millionen Euro standen dem DFKI dafür im Jahr 2015 zur Verfügung.

Die Summe ist ein Bruchteil von dem, was Unternehmen wie Google, Microsoft, IBM, Intel, Apple, Baidu und Salesforce in den letzten Jahren für Akquisen und Forschung ausgegeben haben. Seit 2011 wurden rund 140 Firmen für Künstliche Intelligenz von ihnen aufgekauft, davon allein 40 im Jahr 2016. Und Google hat in den letzten Jahren bereits mehr als 4 Milliarden US-Dollar in strategische Projekte für Maschinelles Lernen und vernetzte Geräte investiert. Die Lücke zwischen öffentlichem und unternehmerischem Wissen ist schon jetzt riesig.

Doch wer die Grundlagen in diesem Bereich setzt, wird auch die Zukunft nach seinen Vorstellungen gestalten können. Maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz werden wesentlich für die wirtschaftliche Wertschöpfung in unserer Gesellschaft werden. Dieses Potential nur in die Hände weniger Unternehmen zu geben, so sympathisch ihr Engagement heutzutage erscheint, ist gefährlich. Es könnte dazu führen, dass nach Gewinn strebende Firmen Entscheidungen zum eigenen Wohl und nicht dem unserer Gesellschaft treffen.

Demokratisierung von Künstlicher Intelligenz zum Wohle aller

Die Möglichkeiten von Maschinellem Lernen und Künstlicher Intelligenz allen Menschen zur Verfügung stellen, welche Innovationen dadurch entdeckt werden können, wenn nicht nur Unternehmen darüber nachdenken, sondern alle forschenden und nach Veränderungen sowie Weiterentwicklungen strebende Menschen, ist kaum zu erahnen. Künstliche Intelligenz als vielleicht das wichtigste Produktionsmittel der Zukunft muss zum Wohle aller Menschen – und das weltweit – demokratisch gestaltet werden und zugänglich sein.

Diese Verteilung von Macht ist unserem politischen Demokratiesystem zu eigen, wir kennen die Vorteile von Dezentralität aber auch vom Internet. Dass sich heutzutage Menschen für ein offenes und freies Internet einsetzen, liegt daran, dass diese Ideen zwischen der akademischen Nutzung des Internets bis Ende der 1970er Jahre und der kommerziellen Nutzung ab 1990 entwickelten. Diese wilden Jahre des Internets prägten unser Verständnis davon. Künstliche Intelligenz scheint von Beginn an nur kommerziell zu sein.

Die Demokratisierung von Künstlicher Intelligenz ist aber keine weitere politische Forderung, voller die Realität ignorierender Ideale, sondern auch im Interesse der Unternehmen und deshalb der Hebel unserer Gesellschaft, um eine Veränderung zu erzielen. Denn damit eine Künstliche Intelligenz entstehen kann, braucht es Unmengen an Daten für Maschinelles Lernen von biologischer Intelligenz, also uns Menschen. Damit etwas wie beispielsweise Microsofts Cortana sich entwickeln kann, muss es von uns sehr viel noch lernen.

Vermutlich werden wir Künstliche Intelligenz als eine weitere technische Annehmlichkeit empfinden. Wollen wir aber, dass die Programme alles über uns wissen, nur damit sie bessere Vorhersagen treffen können? Und wenn ja, wollen wir das auch, wenn ein gewinnstrebendes Unternehmen dahintersteht – und auch dann noch, wenn wir als Gesellschaft keinen wirklichen Vorteil außer ein paar mehr Online-Dienste haben? Unsere Informationen sind wichtig für die Entwicklung Künstlicher Intelligenzen. Wir als Gesellschaft sollten davon profitieren.

Was meinen Sie, Peter Jaeger?

Dies alles kann man am 23. März 2017 auf der nächsten EXPLAINED-Digitalkonferenz von Microsoft Berlin mit Peter Jaeger besprechen. Das Mitglied der Geschäftsleitung von Microsoft Deutschland spricht dort über das Thema Demokratisierung von Künstlicher Intelligenz. Ich bin schon auf seine Antworten gespannt. Mit Cortana entwickelt Microsoft ein Anwendungsbeispiel, wie wir wohl in wenigen Jahren schon Künstliche Intelligenz im Alltag benutzen. An Cortana können wir erkunden, wer von Künstlicher Intelligenz profitiert.


Image (adapted) „Brain“ by PeteLinforth (CC0 Public Domain)


 

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Macht dich dein Smartphone schüchtern?

iphone (adapted) (Image by relexahotels [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Während der drei Jahre, die ich damit verbracht habe, über Schüchternheit zu recherchieren und zu schreiben, ist eine der am häufigsten gestellten Fragen die über die Beziehung zwischen Schüchternheit und Technologie. Lassen das Internet und das Handy unsere Sozialkompetenzen verkümmern? Dies höre ich oft von Eltern schüchterner Jugendlicher, die sich darum sorgen, dass ihre Kinder mehr Zeit mit ihren Geräten als mit Gleichaltrigen verbringen.

Diese Sorge ist nicht neu. Auf der ersten internationalen Konferenz über Schüchternheit, die in Wales im Jahr 1997 von der Britischen Psychologischen Gesellschaft organisiert wurde, übernahm Philip Zimbardo, der als Psychologieprofessor in Stanford tätig war, die Rolle als Hauptredner. Er beobachtete, dass die Zahl der Menschen, die sich selbst für schüchtern halten, von 40 Prozent auf 60 Prozent gestiegen ist, seit er in den 1970ern eine Studie über Schüchternheit begonnen hatte. Dafür machte er neue Technologien wie E-Mail, Handys und sogar Geldautomaten, die den „sozialen Klebbstoff“ des gelegentlichen Kontakts gelöst haben, verantwortlich. Er befürchtete das Eintreffen einer „neuen Eiszeit“ der Nicht-Kommunikation, bei der es leicht möglich wäre, einen ganzen Tag zu durchleben, ohne mit jemandem zu sprechen. 

Manche von Zimbardos Ängsten haben sich bewahrheitet. Schaut man sich heutzutage an einen öffentlichen Ort um, fällt auf, dass jeder in sein Tablet oder Smartphone versunken zu sein scheint. Die Zunahme von Einsamkeit und sozialer Phobie ist ein Widerhall auf die Arbeiten von Soziologen wie Robert Putnam, John Cacioppo und Sherry Turkle

Sie argumentieren, dass individualisiertes Konsumverhalten uns voneinander isoliert und uns günstige technische Lösungen verkauft, um den Schmerz zu lindern. Wir verlassen uns zunehmend auf Dinge, die Turkle „gesellige Roboter“ nennt –  so dient beispielsweise Siri, der digitale iPhone-Assistent, als Ersatz für Vertraute aus Fleisch und Blut. Sogar wenn wir Zeit mit anderen verbringen, sind wir halb woanders und abgelenkt durch Technologie – wir sind „zusammen allein“, wie Turkle es formuliert.

Und trotzdem kann dieses Gefühl des Alleinseins in Gesellschaft nützlich für schüchterne Menschen sein, die sich durch die Technologie in neuen Wegen ausdrücken können.

Auf eine andere Art sozial 

Schüchterne Menschen sind nicht notwendigerweise unsozial; sie sind nur anders sozial. Sie lernen, ihre Geselligkeit zu regulieren und kommunizieren auf indirekte oder eher sprunghafte Art und Weise. Mobiltelefone ermöglichen es ihnen, Kontakte zu knüpfen, ohne in persönlichen Situationen in Verlegenheit zu geraten.

Als Nokia Mitte der 1990er die SMS einführte, schien dies eine eher primitive Technologie zu sein – ein zeitaufwendiger, energieineffizienter Ersatz für Gespräche. Aber die SMS-Nachrichten kamen vor allem bei den finnischen Jungen gut an, weil es eine Möglichkeit war, mit Mädchen zu reden, ohne dass die Botschaft durch schamhaftes Erröten oder Sprachlosigkeit beeinträchtigt wurde.

Die beiden Soziologen Eija-Liisa Kasesniemi und Pirjo Rautiainen fanden heraus, dass finnische Jungen, obwohl sie Mädchen kaum erzählen würden, dass sie Gefühle für sie hegten, bis zu einer halben Stunde täglich damit verbrachten, eine romantische Textnachricht zu verfassen. Außerdem entdeckten sie, dass eher Jungen ein „Ich liebe dich“ auf Englisch als auf Finnisch schrieben, weil sie es leichter fanden, ihre starken Gefühle in einer anderen Sprache auszudrücken.

Bella Ellwood-Clayton, die sich ebenfalls wissenschaftlich mit der Handy-Kultur auseinandersetzt, hat bewiesen, dass auch auf den Philippinen die Textnachricht einem ähnlichen Zweck diente. Die philippinischen Liebesrituale sind traditionsgemäß zurückhaltend und ein wenig verworren, mit aufwändigen Bräuchen wie Neckereien (tuksuhan) unter gemeinsamen Freunden oder die Nutzung eines Vermittlers (tulay, das wörtlich übersetzt „menschliche Brücke“ bedeutet) zwischen potenziellen Partnern. Das Handy erlaubte jungen Filipinos, diese aufwendigen Routinen zu umgehen und somit kein Risiko eingehen zu müssen, sondern sich selbst mithilfe von Textnachrichten erproben zu können.

Dies ist immer der Fall, wenn Handys ins Spiel kommen: Eine Textnachricht kann diejenigen Mut zusprechen, die mit ihren Daumen geschickter sind als mit dem Mund. Das Geräusch, das eine Textnachricht ankündigt, ist zudem weniger aufdringlich als ein Telefonklingeln. Wir werden nicht völlig überrollt oder müssen sofort antworten, sondern können uns Zeit nehmen, die Nachricht zu verarbeiten und uns eine Antwort überlegen.

Das Schüchternheitsparadoxon

Was die sich abzeichnende „soziale Eiszeit“, die durch die Technologie erschaffen wurde, betrifft, stellte Zimbardo diese Behauptung bereits vor dem Aufstieg von sozialen Netzwerken und dem Smartphone auf. Diese machten es den Menschen einfach, intime Details ihres Privatlebens im Netz auf eine Art zu offenbaren, die wie das Gegenteil von Schüchternheit wirkt. Befürworter dieser Art von Online-Selbstauskunft nennen diesen Vorgang „radikale Transparenz“.  

Natürlich ist nicht jeder, der soziale Netzwerke nutzt, offen für diese Art der radikalen Transparenz. Manche bevorzugen es, sich hinter Online-Charakteren, Pseudonymen und Avataren zu verstecken. Und diese Anonymität kann außerdem zum Gegenteil von Schüchternheit animieren – schnell wird man übermütig und neigt zu Feindseligkeit und Missbrauch.

Daher ziehen die neuen mobilen und netzorientierten Technologien komplexe Auswirkungen nach sich. Sie verschlimmern unsere Schüchternheit, während sie gleichzeitig helfen, diese zu überwinden. Vielleicht erzählt uns dieses Paradoxon etwas über Schüchternheit. In seinem Buch „The Shock of the Old“ argumentiert der Historiker David Edgerton, dass unser Verständnis von historischem Fortschritt „innovationszentriert“ ist. Wir denken, dass neue Technologien alles zum Guten verändern. Laut Edgerton unterschätzen wir allerdings, wie sehr diese Innovationen gegen die Mächte von Gewohnheit und Trägheit ankämpfen müssen. Mit anderen Worten: Neue Technologien ändern nicht unser Wesen, sie passen sich ihm an.

Genauso verhält es sich mit Schüchternheit. Nach mehr als 150.000 Jahren der Menschheitsgeschichte muss Schüchternheit eine unverwüstliche Eigenschaft sein – ein „sonderbarer Gemütszustand“, wie Charles Darwin es nannte, hervorgerufen durch unsere Fähigkeit, uns selbst Aufmerksamkeit zu schenken. Und trotzdem sind wir soziale Wesen, die sich nach Unterstützung und Anerkennung des Stammes sehnen.

Unser Bedürfnis nach einem Gegenüber ist so stark, dass die Schüchternheit uns einfach dazu bringt, unsere sozialen Instinkte in andere Räume zu übertragen: Die Kunst, die Schrift, E-Mails und Textnachrichten. Und das wäre dann auch meine Antwort für besorgte Eltern schüchterner Jugendlicher. Macht das Handy sie schüchterner? Nein. Denn sie sind zwar schüchtern, aber auch kontaktfreudig, und ihr Handy hilft ihnen, neue Wege zu finden, diesem Widerspruch Ausdruck zu verleihen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „iphone“ by relexahotels (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Narrative Simulationen von digitaler Rebellion – Wie Erzählungen die Ökonomie umformen

calculator (adapted) (Image by stevepb [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Professor Robert Shiller von der Yale-Universität wundert sich, warum sich die Ökonomen-Zunft nicht stärker mit dem Faktor der Narration beschäftigt, um wirtschaftliche Schwankungen zu erklären. Also Erzählungen, die sich wie ein Virus verbreiten, neudeutsch viral werden oder sich als Mem entpuppen und das Denken und Handeln der Menschen beeinflussen. Die Kollegen des Wirtschaftsnobelpreisträgers Shiller haben vielleicht Besseres zu tun. Die meisten. Sie arbeiten lieber mit Gleichungen, rechnen mit allgemeinen Gleichgewichtsmodellen, fabulieren von Angebots- und Nachfrageströmen und laufen der Illusion hinterher, mit Preisen und der Entwicklung der Geldmenge das wirtschaftliche Geschehen zu erläutern.

Ursache- und Wirkung-Irrtümer in der Ökonomik

Dabei sind sie häufig nicht in der Lage, in ihren Formeln Wirkungen und Ursachen zu unterscheiden. Es passiert sogar, dass sie den ceteris paribus-Variablen kausale Wirkungen zuschreiben. Oder die Wirkungen gehen ihren Ursachen voraus. „Die Werte der Variablen können nur anhand dessen ermittelt werden, was sie eigentlich erklären sollen“, so Tobias Schmidt zum Phänomen der Zirkelschluss-Ökonomie, die man nicht widerlegen kann und somit wissenschaftstheoretisch eher der Theologie zuschreiben sollte.

Die Schwächen der Theorie werden dennoch weggebügelt, etwa von einem FAZ-Leser aus Mörfelden-Walldorf: „So wichtig und zum Teil sogar amüsant solche ‚Narrative’ im Einzelfall auch sein mögen, so können sie doch eine systematische theoretische Durchdringung von wirtschaftlichen Großkrisen mit Hilfe mathematischer Modelle nicht ersetzen.“ (Erinnert Euch an das Ursache-Wirkung-Verwirrspiel der ceteris paribus-VWL-Theologen, Anm. d. Autors).

„Von daher erscheint es mir wichtiger, die praktische Anwendung solcher Modelle etwa durch einen Ausbau der ökonometrischen Forschung zu verbessern, als nach lustigen oder auch weniger lustigen Anekdoten und Erzählungen zu suchen.

Auch gegen noch mehr und bessere praktische Beispiele in der Volkswirtschaftslehre, wie es der langjährige Doyen der Wirtschaftswissenschaften, Paul Samuelson, in so vorbildlicher Weise vorgeführt hat, sowie eine verstärkte Zusammenarbeit mit angrenzenden Disziplinen wie der Geschichte, der Politologie, der Soziologie oder der Psychologie wäre meines Erachtens nichts einzuwenden. Aber Narrativ-Ökonomie? Nein, danke!“

Schumpeter war in Bonn weiter

Was der Doktor dort zu Papier gebracht hat, würde einem wohl auf fast jeder VWL- oder BWL-Fachtagung entgegen geschleudert werden. Wer die Gottheiten der Mainstream-Ökonomik antastet, erntet „Nein, danke“-Repliken. Dabei waren Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland schon einmal weiter, etwa Joseph Schumpeter, der in seiner Lehrtätigkeit an der Bonner Universität der mentalen Verfassung der Gesellschaft nachging. Die So­zio­lo­gie taucht nicht zu­fäl­lig so häu­fig in seinen Vor­le­sun­gen auf. 

Wirtschaftsordnung und mentale Verfassung der Gesellschaft

Als er 1927 sei­nen ers­ten Auf­ent­halt als Gast­pro­fes­sor an der Har­vard Uni­ver­si­tät an­trat, hat­ten sich die dor­ti­gen So­zio­lo­gen noch nicht vom wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tut ab­ge­spal­ten, um eine selb­stän­dige „Gruppe für So­zi­al­be­zie­hun­gen“ zu bil­den. Das er­wies sich für Schumpe­ter als glück­li­cher Um­stand, denn seine ei­gene Be­trach­tungs­weise der Ökonomie ori­en­tierte sich im­mer stär­ker an der So­zio­lo­gie. Er war be­strebt, un­an­ge­mes­sene Ver­ein­fa­chun­gen zu ver­mei­den. Seine Hin­wen­dung zu ei­ner in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Sicht­weise des öko­no­mi­schen Ge­sche­hens brachte er be­reits 1926 in ei­nem Auf­satz un­ter dem Ti­tel „Gus­tav von Schmol­ler und die Pro­bleme von heute“ zum Aus­druck. Darin wür­digt er Schmol­ler da­für, das Feld der Na­tio­nal­öko­no­mie über die Gren­zen der rei­nen Theo­rie aus­ge­wei­tet zu ha­ben.

Schmol­ler habe ge­mein­sam mit Max We­ber ei­ner neuen Art von his­to­risch fun­dier­ter Wirt­schafts­so­zio­lo­gie oder So­zi­al­öko­no­mie den Weg ge­wie­sen. Das war sei­nen ei­ge­nen For­schun­gen ge­schul­det und sei­nen Er­fah­run­gen in Po­li­tik so­wie Ge­schäfts­le­ben. Belege für diese These finden in dem Aufsatz von 1928 „Die Ten­den­zen un­se­rer so­zia­len Struk­tur“.

Hier un­ter­sucht Schum­pe­ter die Dis­kre­panz zwi­schen der Wirt­schafts­ord­nung Deutsch­lands und der So­zi­al­struk­tur. Die Wirtschaftsorga­ni­sa­tion war ka­pi­ta­lis­tisch, die deut­sche Ge­sell­schaft war aber in ih­ren Ge­bräu­chen und Ge­wohn­hei­ten nach wie vor in länd­li­chen, ja so­gar feu­da­len Denk­wei­sen ge­fan­gen – heute in­dus­trie­ka­pi­ta­lis­tisch. Die öffentliche Meinung hinkte der wirtschaftlichen Realität hinterher, mit fatalen Folgen für den Arbeitsmarkt.

Hipster-Scheiß mit Ausbeutungsabsichten

Virus, Frame oder Mem – hier geht es nicht um lustige Geschichten oder Anekdoten, es geht um die Orientierung der Menschen, die zu massiven Veränderungen der Volkswirtschaften führen können. Etwa die Story vom anarchischen Sillicon Valley, die in Wahrheit nur ein lauwarmer Hipster-Scheiß zur Rechtfertigung von unentgeltlich geleisteter Arbeit ist. Nach Ansicht des Wirtschaftswissenschaftlers Philip Mirowski sei das eine der wirksamsten Erzählungen zur Simulation von Rebellion. Man erzeugt eine blumige Fata Morgana, um den Menschen das Gefühl eines vollständigen Ausstiegs aus dem Marktsystem zu geben, um dieses Gefühl dann für Marktprozesse in Dienst zu nehmen.

Das Aufbegehren gegen das kapitalistische Establishment mit einer frechen Hacker-Kultur ist ein gigantisches Täuschungsmanöver. Dieses eigentümliche Hybrid aus freiwilliger unbezahlter Arbeit, hierarchischer Kontrolle und Kennzahlen-Orientierung in den Silicon Valley-Konzernen sowie kapitalistischer Aneignung sei in der gegenwärtigen Ära der Netzökonomie so vorherrschend geworden, dass manche darin eine neuartige Wirtschaftsordnung sehen. Der freiwillige Verzicht auf die Vergütung wertvoller Leistungen sorgt für satte Renditen bei den kalifornischen Technologie-Champions. Man bekommt als Gegenleistung das vage Versprechen, „Reichweite“ zu ernten und Netzwerke knüpfen zu können. „Für weniger als einen Hungerlohn erfüllen überqualifizierte Bittsteller die niedrigsten Aufgaben“, moniert Mirowski.  

Illusion von Freiheit und Selbstbestimmung

Das färbt auch auf die traditionelle Wirtschaft ab. Man baut auf die Freelancer-Ökonomie und lässt die Freiberufler im Geist der Selbstbestimmung und Freiheit mit mickrigen Honoraren vor die Wand laufen. Hauptsache, alle haben ein gutes Gefühl im Duz-Modus.

Das Notiz-Amt sieht die Notwendigkeit, diesen Teil der Geschichte neu zu erzählen. Etwa über den Haudrauf-Unternehmer Oliver Samwer, der sogar sterben würde, um zu gewinnen. Think big hat er seinen Leuten als Losung aufgegeben. Execution now, lautet einer seiner Lieblingsbefehle. Da hilft nur weglaufen und den Mittelfinger zeigen: „Mir widerfuhr die traurige Ehre, dass ich nur drei Tage Personalchef von Groupon war und mit den Samwer-Brüdern zusammen gearbeitet habe, bis ich mich mit einem dieser Typen so anlegte, dass ich in der Mittagspause gegangen bin“, erläutert Heiko Fischer von Resourceful Humans.

Jungunternehmer-Pornohefte feiern Vulgärkapitalisten

Den Führungsstil solcher Karrieristen müsse man aufbrechen. Nicht nur das. Man muss ihnen in der Öffentlichkeit die Leviten lesen und sie entlarven. Etwa die Geschichten im Jungunternehmer-Pornoheft Business Punk, in dem die neue Unanständigkeit gefeiert und Arschlöcher wie Uber-Gründer Travis Kalanick abgejubelt werden. Es ist ja auch abgefahren, wenn jemand Gesetze für sinnlos hält, Steuerhinterziehung predigt und staatliche Regeln mit exterritorialen Insel-Pseudostaaten aushebeln will.

Öffentliche Kontrolle, anstrengende und zeitraubende Gesetzgebungsverfahren stören die Business Punker. Als Ergebnis bekommen wir repressive Toleranz, wie es Herbert Marcuse formulierte. Repräsentiert von Vulgär-Kapitalisten wie Donald Trump. Antidemokratische Systemzersetzung im Geiste egozentrischer Machtspiele á la Peter Thiel.

Auch das ist Teil der narrativen Ökonomie, die man endlich öffentlich und ohne Schongang debattieren sollte.


Image (adapted) „calculator“ by stevepb (CC0 Public Domain)


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Wie ein Startup Minihäuser auf den Dächern Berlins bauen will

CABIN-SPACEY nachts

25 Quadratmeter mit Aussicht – mehr braucht man nicht zum Leben. Das finden zumindest die beiden Architekten Simon Becker und Andreas Rauch. Zusammen sind sie die Gründer des Berliner Startups Cabin Spacey. Sie haben sich dem Bauen auf kleinstem Raum verschrieben und wollen damit eins der großen Probleme in Städten lösen: die Wohnungsknappheit.

Berliner Dächer haben enormes Baupotential

Dabei gäbe es gerade in Berlin sehr viel nutzbare Fläche“, sagt Becker im Gespräch mit den Netzpiloten. Er hat dabei vor allem die vielen flachen Dächer der Stadt im Auge, die im Moment komplett leer stehen, theoretisch aber viel Wohnraum bieten. „Da gibt es wirklich großes Potential, das kann man schon mit bloßem Auge auf Google Maps erkennen. Der Berliner Senat schätzt sogar, dass man auf den Dächern 50.000 neue Wohnungen bauen könnte.

Und je kleiner diese sind, desto effizienter kann der Platz genutzt werden. Effizienz ist wirklich das Zauberwort bei Cabin Spacey. Denn wer ein komplettes Haus auf 8,50 m x 3 m entwirft, muss den Raum optimal nutzen. Tatsächlich zeigen die Entwürfe von Cabin Spacey ein vollständig eingerichtetes Haus: Küche, Bad, Wohnzimmer, Schlafraum – sogar mit Hochbett und Dachluke. Den Bewohnern soll es schließlich an nichts fehlen. Sie sollen hier sowohl im Sommer tolle Sonnenuntergänge bestaunen als auch im Winter gemütlich im Warmen sitzen können.

CABIN-SPACEY nachts
Image by Cabin Spacey

Kleines Haus, großer Komfort

Dazu besteht Cabin Spacey im Wesentlichen aus zwei Teilen, erklärt Becker. Da gibt es zunächst die Hülle, also den äußeren Raum. Dieser ist aus Holz und bildet die Struktur von Cabin Spacey. Diese Hülle kann theoretisch auch beliebig erweitert oder vergrößert werden. In diese Hülle wird dann der zweite Teil gesetzt, ein Wohnwürfel. Damit sind alle Teile der Inneneinrichtung gemeint, von Küche über Sofa bis Bett. Apropos Bett: Cabin Spacey ist zwar mit vier Schlafplätzen ausgestattet, aber Becker gibt zu, dass das Haus ohne Erweiterung für vier Personen zu klein wäre: „Eine Person kann darin ganz bequem leben und zwei auch noch – wenn sie sich sehr gerne haben.“

Modell3
Hülle und Modul: Ein wohldurchdachtes Konzept. Image by Cabin Spacey

Zum Bau werden nachhaltige Materialien verwendet und auch für die Strom- und Wasserversorgung ist natürlich gesorgt, erklärt Becker: „Die Häuser stehen ja auf bereits bestehenden Strukturen. Das heißt, wir können sie ohne Probleme an die existierende Infrastruktur wie Strom, Wasser und Abwasserleitungen anschließen.“ Auch Solarzellen werden die Häuser haben. So wollen Simon Becker und Andreas Rauch größten Komfort auf kleinstem Raum ermöglichen.

größer-schneller-weiter zieht nicht mehr

Cabin Spacey sind nicht die ersten, die sich mit dieser Art der Mikroarchitektur befassen. Der Trend, der bei Bastlern und Freiheitsliebenden in den USA als Tiny House oder Small House Movement begann, wird immer beliebter. Gerade in Amerika boomt die Tiny-House-Bewegung. Prominente ziehen von Riesenvillen in Kleinsthäuser und einige Städte haben spezielle Genehmigungen für den Bau von Minihäusern erteilt. Auch in Europa tüfteln mittlerweile immer mehr Architekten an innovativen Modellen wie autarken Wohnwagen oder futuristischen Ökokapseln.

Unsere Gesellschaft scheint an einen Punkt gekommen zu sein, an dem das Motto „größer-schneller-weiter“ nicht mehr überzeugt. Lebensraum wird knapper, Ressourcen auch und wir haben gemerkt, dass es uns nicht glücklicher macht, mehr zu besitzen oder mehr zu konsumieren. So besinnen sich viele wieder auf das Wesentliche. ‚Was brauche ich wirklich zum Leben?‘ ist dabei die alles entscheidende Frage. Ist es der schnelle Sportwagen und die riesige Villa? Für immer mehr Menschen scheint das nicht mehr befriedigend zu sein. Sie sehnen sich nach Erlebnissen statt nach Dingen, nach Begegnungen statt nach Besitz. Minimalisten und digitale Nomaden haben diese Grundgedanken zum Lebensstil erhoben. Die Tiny-House-Bewegung erschafft nun den idealen Lebensraum für diese Generation.

CABIN SPACEY Interior
So sieht das Haus von Innen aus. Image by Cabin Spacey

Das größte Problem der Minihäuser: die Genehmigungen

Auch wenn Simon Becker den Begriff „Tiny House“ nicht mag, weil es zu sehr nach niedlich und zu wenig nach hochwertiger Architektur klingt, stehen er und sein Team im regen Austausch mit anderen Mikrorarchitekten. Denn die Ideen der anderen inspirieren ihn und die Minimalhaus-Bewegung ist noch so jung, dass noch sehr viel erforscht werden muss. Becker interessiert dabei vor allem der urbane Raum.

simon becker und andreas rauch
Simon Becker und Andreas Rauch von Cabin Spacey, Image by Cabin Spacey

Denn auch wenn viele Mikroarchitekten mit autarken Konzepten, weit weg von jeglicher Zivilisation experimentieren, fasziniert Simon Becker das Leben in den Städten. Denn hier leben nun mal akutell die meisten Menschen und genau hier müssen neue Lösungen gefunden werden. Nicht nur, um neuen Wohnraum zu schaffen, sondern auch, um diesen nachhaltig zu gestalten. 

Seit April 2016 bastelt das Startup deshalb fieberhaft an dieser Idee und hofft, dass die erste Cabin Spacey im April dieses Jahres ein Berliner Dach zieren wird. Sie arbeiten bereits mit einer Berliner Wohnbaugesellschaft zusammen und feilen derzeit noch an dem größten Problem der Minihäuser – den Genehmigungen. Denn selbst bei Kleinsthäusern auf den Dächern Berlins müssen gewisse Baugesetzte eingehalten werden. Brandschutz, Blitzschutz, Sicherheitsgeländer – all das muss genehmigt werden, damit die luftigen Kabinen überhaupt gebaut werden können. Denn Interessenten gibt es schon. Der Kaufpreis liegt aktuell zwischen 50.000 und 100.000 Euro, je nach Ausführung.

Es soll aber auch die Möglichkeit geben, das Wohnen in den Minimalhäusern erstmal zu testen. Darauf freut sich Simon Becker jetzt schon: „Ich kann es kaum erwarten, selbst in unsere Cabin Spacey zu ziehen.“ Allerdings steht er mit diesem Wunsch nicht alleine da. Auch sein Partner, Andreas Rauch, hat natürlich auch schon ein Auge auf den Prototyp geworfen. Wer wird also als erstes in Cabin Spacey einziehen können? Simon Becker lacht: „Ich glaube, das müssen wir dann tatsächlich beim Armdrücken oder beim Knobeln entscheiden!


Images by Cabin Spacey


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Warum es sich lohnt, großzügig zu sein

EXPO_2015_Mangiare_tutti (adapted) (Image by Marco [CC BY 2.0] via Flickr)

Wonach suchen wir, wenn wir nach einem Partner suchen? Sicherlich hängt das davon ab, wofür der Partner da sein soll – von einem Geschäftspartner würden wir uns wahrscheinlich wünschen, dass er innovativ ist. Bei einem Mitstreiter in einem Chor wäre es wünschenswert, dass er musikalisch ist und von einem Partner in Liebesdingen, dass er beispielsweise attraktiv und lustig ist. Aber wie lassen sich solche Qualitäten und Fähigkeiten mit anderen, angesehenen Eigenschaften vergleichen, wie zum Beispiel mit Gerechtigkeit und Großzügigkeit?

Wir Menschen sind ungewöhnlich sozial – wir kooperieren, meist aus Gewohnheit, in den meisten Fällen mit Leuten, mit denen wir nicht einmal verwandt sind, und das bis zu einem Grad, der den eines jeden anderen Lebewesens weit überschreitet. Dennoch gibt es einen bedeutenden Nachtteil, wenn man anderen hilft: das Risiko, von einem Betrüger hereingelegt zu werden – jemandem, der die Vorteile der Kooperation für sich herauspickt, ohne zur Gemeinschaft beizutragen. Das Verständnis, wie Menschen wechselseitig produktive Beziehungen formen und gleichzeitig soziale Parasiten vermeiden, ist der Schlüssel, um die Evolution des absoluten Sozialgedankens beim Menschen verstehen zu können.

Das Ansehen ist beispielsweise ein Zeichen unseres früheren Verhaltens, das Beobachter dazu nutzen können, um daraus zu schlussfolgern, wie wir uns möglicherweise in der Zukunft verhalten werden – und das ist der ganze Kern der Angelegenheit. Ein Hauptgrund dafür, warum Einzelpersonen sich um ihr Ansehen sorgen und warum sie darin investieren, ist, dass wir uns einen oder mehrere Partner für soziale und romantische Interaktionen auf Grundlage dieser Information bewerten und aussuchen können wollen.

Aus der Sichtweise der Evolution sollten wir diesen Hinweis nutzen, um den besten Partner für unsere Interaktionen auszuwählen. Aber was bedeutet das überhaupt? Der „beste“ Partner könnte einer sein, der am ehesten dazu befähigt ist, uns Dinge zu geben, wie etwa Geschäftspartner mit einem großen Vermögen, Wissen und Kontakte. Der „beste“ Partner könnte vielleicht auch jemand sein, der geringfügig weniger Leistung erbringt und der in höherem Maße dazu bereit ist, die Qualitäten zu teilen, die er hat – in anderen Worten, jemand, der besonders großzügig ist.

In vielen Fällen korrelieren die Befähigung, teilen zu können und die Bereitschaft, dies auch tatsächlich zu tun  – es ist recht einfach, großzügig zu sein, wenn man über reichlich Ressourcen verfügt. Aber was ist, wenn dies nicht unbedingt der Fall ist? Bevorzugen wir den Partner mit den „höchsten Qualitäten“, selbst wenn dieser ein bisschen geizig ist, oder ziehen wir Individuen mit einer „geringeren Qualität“ vor, die aber gerechter sind?

Das Diktatoren-Spiel

Um dies herauszufinden, rekrutierten wir 788 Teilnehmer von einer Crowdsourcing-Seite, um an einer Online-Version eines klassischen anthropologischen Experiments in veränderter Form teilzunehmen: dem Diktator-Spiel. Es ist eine simple ökonomische Frage, die dazu verwendet wird, um soziale Tendenzen abzuschätzen. Individuen interagieren paarweise als „Diktatoren“ und als „Empfänger“. Die Diktatoren erhalten etwas Geld und es wird ihnen gesagt, dass sie davon abgeben können, so viel (oder so wenig) sie möchten. Die Empfänger haben keine Kontrolle über die Verteilung und müssen jedes Angebot annehmen, das ihnen der Diktator macht.

Unser Diktatoren-Spiel wurde etwas verändert, damit wir festzustellen konnten, wie Menschen Möglichkeiten gegen Gönnertum austauschen, wenn es um die Wahl eines Partners geht. Zunächst gaben wir reichen Diktatoren fünfmal so viel Geld, um dieses mit den Empfängern zu teilen, als es bei ihren ärmeren Gegenbeispielen der Fall war. Das bedeutete, dass die Reicheren einen höheren Gesamtlohn anbieten konnten – selbst wenn sie relativ geizig waren.

Wir veränderten auch die Wohlstands-Stabilität. In einem stabilen Umfeld blieben die Reichen reich und die Armen arm, während der momentane Wohlstand in einem instabilen Umfeld nichts über den Wohlstand im nächsten Spiel aussagte.

Schließlich konnten die Empfänger Diktatoren auf der Basis des Gerechtigkeitssinns oder Geizes aus dem vorigen Spiel auswählen oder diese vermeiden. Die Empfänger beobachteten die Entscheidungen, die zwei verschiedene Diktatoren im ersten Spiel trafen – und entschieden sich dann, welches dieser Individuen sie als ihren eigenen Partner für das zweite Spiel auswählen wollten. Wir waren besonders interessiert daran, wie die Empfänger der Frage nach Wohlstand gegenüber Gerechtigkeit bei einem Partner einordneten oder gar vorzogen, wenn sich diese Eigenschaften direkt gegenüberstanden.

Die Ergebnisse, die im Royal Society Open Science veröffentlicht wurden, waren verblüffend. Wie vermutet, wählten die Empfänger, wann immer Wohlstand und Gerechtigkeit sich gegenüberstanden (zum Beispiel, wenn zwischen reichen und gerechten und armen und gerechten Partnern gewählt werden muss), üblicherweise den reichen Partner – und diese Präferenz wurde insbesondere in einem stabilen Umfeld ausgesprochen.

Als es um die Wahl zwischen reichen und geizigen und armen und gerechten Partnern ging, bevorzugte die Mehrheit dennoch den ärmeren Partner – selbst in einem stabilen Umfeld, in dem die Armen dazu tendieren, arm zu bleiben (dies war bei 57 Prozent der Fall). Dies geschah trotz des Umstandes, dass sie mit einer Reduktion des Lohnes von fast 25 Prozent rechneten. Wie erwartet, zeigten die Empfänger eine noch stärkere Präferenz für arme und gerechte gegenüber reichen und geizigen Diktatoren in einem instabilen Umfeld, denn hier wurde mit über 85 Prozent der ärmere Partner ausgewählt.

Großzügigkeit in der echten Welt

Die Entscheidungsregeln, nach denen wir Partner auswählen, mögen in wirtschaftlicher Hinsicht vielleicht nicht rational sein, aber in ökologischer Hinsicht sind sie wahrscheinlich rational, insofern, dass sie auf irgendeine Art die Tauglichkeit des Umfelds erhöhen, in dem sie ausgewählt wurden.

Aber gibt es Beweise, dass Menschen tatsächlich so in der realen Welt handeln? Einige Hinweise auf die früheren Gesellschaften zur Zeit der Jäger und Sammler haben gezeigt, dass Großzügigkeit tatsächlich wichtiger ist als das Jagdvermögen, wenn es darum geht, die Popularität der Jäger in ihren sozialen Netzwerken zu bestimmen. Die besten Jäger erlegen vielleicht mehr Fleisch, aber es sind diejenigen, die das, was sie erbeuten, teilen, die als Jagdpartner bevorzugt werden. Unsere Studie stützt diese Erkenntnis: Es mag eine  wertvolle Fähigkeit sein, wenn man geben kann, aber geben zu wollen ist viel wichtiger.

Könnte das nun also auch für romantische Beziehungen gelten? Es ist schwierig, ein vergleichbares Experiment mit den Dingen, die wir bei einem Partner suchen, durchzuführen – wie etwa Intelligenz, Humor und gutes Aussehen – da diese tendenziell sehr viel stabilere Eigenschaften sind als beispielsweise Wohlstand. Jedoch entschied sich in diesem Experiment die Mehrheit der Leute für arme und gerechte Partner statt für reiche und geizige, selbst wenn der Wohlstand unveränderlich war. Also gibt es möglicherweise ein ähnliches Muster, wenn es um die Partnersuche geht, bei der Großzügigkeit und Gerechtigkeit über Aussehen und Intelligenz triumphieren könnten. Zukünftige Untersuchungen könnten die relative Wichtigkeit dieser Eigenschaften in Bezug auf die Partnersuche noch weitergehend erforschen.

Andere Qualitäten, wie etwa Wohlstand oder der soziale Status, sind eher veränderbar und stellen deshalb eine bessere Analogie dar, wenn es um die Partnersuche geht. Der Status beispielsweise verändert sich möglicherweise in den verschiedenen Lebensstadien – so mag man auf der weiterführenden Schule vielleicht einen hohen Status gehabt haben, aber nicht auf der Universität. Wir würden sicherlich vorhersagen, dass die Menschen in solch wechselhaften Zeiten wie auf der Universität Faktoren wie Gerechtigkeit mehr wertschätzen als den sozialen Status. Sie würden vermutlich ebenso den sozialen Statur mehr wertschätzen, wenn diese Erfolge durch die Zeit und die Situation hindurch stabil wären.

Wenn Sie sich also beim nächsten Mal unter Menschen befinden und darauf erpicht sind, einen guten Eindruck zu machen, sind Züge wie Gerechtigkeit und Großzügigkeit schon ein guter Anfang. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich dies auszahlen könnte.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „EXPO 2015. Mangiare tutti“ by Marco (CC BY 2.0)


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Warum wir Hologramme noch nicht abgeschrieben haben

Sie konnten dreidimensionale Bilder erzeugen und waren der Renner in jedem Haushalt: die sogenannten Stereoskope waren zur viktorianischen Zeit ein echter Hit. Dann kamen Schreibmaschinen und Faxgeräte, die für alle Handgriffe im Büro essentiell wichtig waren, ihnen folgten Fotodrucker und der Videoverleih. Mittlerweile sind sie alle von der Bildfläche verschwunden.

Wenn innovative Techniken wie diese ihrem Ende zu gehen, haben wir verschiedene Möglichkeiten, uns an sie zu erinnern. Einmal durch die Wiederentdeckung – die Hipster-Subkultur hat die Retro-Techniken wie Radioröhren oder Vinyl-Platten wieder populär gemacht. Wir können die veraltete Technologie in eine Geschichte des Fortschritts integrieren, so wie wir zum Beispiel über die ziegelartigen Mobiltelefone von vor 30 Jahren lachen, wenn wir sie mit den schnittigen Smartphones von heute.

Diese Geschichten vereinfachen die Entwicklung vielleicht etwas zu sehr, aber sie haben auch ihre berechtigte Funktion: durch sie können sich die Firmen selbst mithilfe kontinuierlicher Verbesserungen anpassen und die geplante Obsoleszenz rechtfertigen. Selbst technische und naturwissenschaftliche Museen tendieren dazu, Fortschritte zu chronologisch darzustellen, statt Sackgassen oder unerreichte Hoffnungen zu dokumentieren.

Aber manche Technologien sind weitaus problematischer: die an sie gestellten Erwartungen wurden nicht erfüllt oder haben sich unendlich verzögert. Das elektrische Dreirad (Modell C5) von Sir Clive Sinclair war ein gutes Beispiel dafür. Unsichtbar im Verkehr, dem Wetter ausgesetzt und von Geh- und Fahrradwegen ausgeschlossen, stellte es niemanden wirklich zufrieden. Es wurde nicht als Retro-Technologie wiederbelebt und passt nur schlecht in die erfolgreiche Geschichte der Weiterentwicklung der Transportmittel. Die Gefahr, dass es irgendwann völlig in  Vergessenheit gerät, ist durchaus gegeben.

Wenn wir über ein einzelnes Produkt wie das C5 sprechen, ist das die eine Sache. Aber in manchen Fällen sprechen wir über ein ganzes Genre einer Innovation, wie eben das Hologramm.

Das Hologramm wurde vor 70 Jahren von dem ungarischen Ingenieur Dennis Gaborsome erschaffen. Die Medien der frühen 1960er Jahre berichteten beinahe pausenlos darüber. Im Jahr 1971 erhielt Gabor für seine Erfindung den Nobelpreis für Physik. Hologramm-Ausstellungen zogen in den 1980ern ein Publikum von zehntausenden Menschen an. Bis heute sind sie Millionen Menschen ein Begriff, aber meist eher durch Science-Fiction, Computerspiele oder durch die sozialen Medien. Keine dieser Darstellungen kommt den echten Holgrammen auch nur entfernt nahe.

Als ich meine Forschungen auf diesem Gebiet begann, war mein Rohmaterial eher typisches Futter für Historiker: unveröffentlichte Dokumente und Interviews. Ich musste diese aus alten Kisten in den Häusern, Garagen und Erinnerungen von Ingenieuren, Künstlern und Unternehmern, die schon lange im Ruhestand waren, aufstöbern. Die Firmen, Universitäten und Forschungslabore, die einst diese Aufnahmen aufbewahrt hatten, hatten oft jeden Überblick darüber verloren. Es war nicht besonders schwierig, den Gründen hierfür auf die Spur zu kommen.

Die Zukunft, die nie kam

Die Holografie wurde durch Gabor als eine Verbesserung für Elektronen-Mikroskope erschaffen, aber nach einem Jahrzehnt fanden ihre britischen Entwickler sie unpraktisch und lästig. Zur selben Zeit entwickelten amerikanische und sowjetische Forscher im Stillen eine Anwendung für den Kalten Krieg: der Plan war, die zu langsamen Computer damit zu füttern. Leider kam er in der Öffentlichkeit nicht gut an.

Stattdessen machten die Ingenieure der 1960er Jahre die Technologie als „linsenfreie 3D-Fotografie“ bekannt. Man sagte voraus, dass sie die traditionelle Fotografie ersetzen würde und dass holografische Fernsehgeräte und Heimfilme unmittelbar bevorstünden. Firmen und Labore, die von der Regierung finanziert wurden, packten mit an, erpicht darauf, das reiche Potential dieser Thematik zu entdecken, wodurch 1000 Promotionsschriften, 7000 Patente und 20.000 Forschungsaufsätze entstanden. Jedoch war gegen Ende des Jahrzehnts keine dieser Ideen fertig entwickelt.

Von den 1970ern an begannen Künstler und Handwerker damit, Hologramme als Kunstform und eine Art Attraktion aufzugreifen, wodurch es zu einer Welle von öffentlichen Ausstellungen und zu einer richtiggehenden Hologramm-Manufaktur kam. Unternehmer kamen in Scharen, angelockt durch die Erwartungen garantierten Fortschritts und Profits. Stephen Benton, Physiker der Polaroid Corporation und später am MIT, war überzeugt: „Ein zufriedenstellendes und effektives dreidimensionales Bild“, sagte er, „ist keine technologische Spekulation, es ist eine historische Unvermeidbarkeit“.

Ein Jahrzehnt später hatte sich noch nicht viel Neues entwickelt, obwohl unerwartete, neue Nischen mit Potential aufgekommen waren. Man versuchte, die Hologramme für die Illustrierung von Magazinen und Plakatwänden populär zu machen. Schließlich gab es doch noch einen kommerziellen Erfolg: mit holografischen Sicherheitsmarken auf Kreditkarten und Geldscheinen.

Dennoch ist dies letztendlich eine Geschichte der gescheiterten Bemühungen. Die Holografie hat nicht die Fotografie ersetzt. Hologramme dominieren weder die Werbung noch die Unterhaltungsbranche zuhause. Es gibt keine Möglichkeit, ein holografisches Bild zu erzeugen, das sich wie das Bild der Prinzessin Leia verhält, die bei Star Wars von R2-D2 in den Raum hinein projiziert wird oder wie den holografischen Doktor bei Star Trek. Unsere kulturellen Erwartungen sind heute allerdings derart hoch, dass man bei solchen Beispielen heutzutage immer ein „jedenfalls noch nicht“ anfügen muss.

Bewahrende Enttäuschung

Die Holografie steckt trotzdem voller Innovationen, bei der sich Kunst, Wissenschaft, Populärkultur und kultureller Optimismus vermischen. Sie wurde gleichermaßen von ihrem Publikum als auch von ihren Erfindern geformt. Dennoch passt sie nicht zu den Geschichten des Fortschritts, die wir tendenziell erzählen. Man könnte dasselbe vom 3D-Kino oder von den gesundheitlichen Nutzen der Radioaktivität sagen.

Wenn eine Technologie nicht den Erwartungen entspricht, sind sie für Museen nicht sonderlich interessant. Die Sammlungen in den Universitäten und anderen Institutionen haben für so etwas keinen Platz. Wenn die Leute, die die gescheiterte Technik in ihren Garagen aufbewahren, einmal sterben werden, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Technik auf der Müllhalde endet. Der aus Mali stammende Schriftsteller Amadou Hampâté Bâ meinte dazu: „Wenn ein alter Mensch  stirbt, brennt eine ganze Bibliothek“. Dennoch ist es wichtig, dass wir diese Bemühungen im Gedächtnis behalten.

Technologien wie das Hologramm wurden durch eine außergewöhnliche Bandbreite sozialer Gruppen erschaffen und konsumiert, von Wissenschaftlern bis zu Protestkulturforschern. Die meisten von ihnen glaubten an diese Technologie. Manche von ihnen konnten mit ihr frustrierende oder verborgene, aber innovative Erfahrungen teilen.

Es bleibt an uns Historikern, diese Geschichten der nicht sonderlich erfolgreichen Forschungsfelder zusammenzuhalten. Verständlicherweise reicht das nicht aus. Wenn wir unsere Bestrebungen mit Hologrammen oder 3D-Kinos oder der Strahlentherapie im Gedächtnis behalten, helfen wir zukünftigen Generationen vielleicht dabei, zu verstehen, wie Technik unsere Gesellschaft zusammenhält. Aus diesem essentiellen Grund müssen wir verinnerlichen, wie wichtig es ist, Dinge zu bewahren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “wallpaper” by DirtyOpi (CC0 Public Domain)


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Schimpansen und ihre Freunde chillen besser: Neue Studie gegen Stress

Ob es um den Trost nach dem Tod eines geliebten Menschen geht oder um Mitgefühl, wenn unser Team wieder einmal verloren hat – unsere sozialen Beziehungen sind für den Versuch, ein glückliches, weniger stressfreies Leben zu führen, unbezahlbar. Die Rolle von sozialen Interaktionen und Bindungen zur besseren Stressreduzierung wurden bei vielen Spezien untersucht, von Ratten bis zum Elefanten.

Aber die Jury ist sich noch nicht sicher, wie Freunde uns dabei helfen, mit Stress auf einem psychologischen Level umzugehen. Neue Forschungen zu Beziehungen zwischen Schimpansen suggerieren, dass Freunde nicht nur einfach einen „sozialen Puffer“ erschaffen, indem sie uns in stressigen Zeiten helfen. Sie reduzieren möglicherweise auch das Stresslevel im Allgemeinen, indem sie in unserem Leben einfach nur anwesend sind, wodurch die Art und Weise reguliert wird, wie unser Körper mit Hormonen, die ein Anzeichen für Stress sind, umgeht.

Stress wurde ausführlich bei zahlreichen nicht-menschlichen Primaten erforscht, einschließlich bei Schimpansen, Makaken und Pavianen und wir wissen, dass er verheerend sein kann. Zum Beispiel können hohe Stresslevel bei Pavianen Magen- und Darmgeschwüre verursachen und sogar zu einem früheren Tod führen. Starke soziale Bindungen agieren anscheinend als ein Puffer gegen die schlimmsten Folgen von Stress. Es gibt einen umfassenden gesundheitlichen Nutzen hierdurch, zum Beispiel einen überraschenden Anstieg in der Überlebensrate von Säuglingen unter den weniger gestressten Pavian-Müttern.

Wenn es darum geht, was im Körper passiert, wissen wir, dass ein gutes soziales Umfeld mit einer Abnahme der Hormone, die ein Anzeichen für Stress sind, wie etwa Glucocorticoide, korreliert. Aber wir wissen nicht genau, wie das vonstatten geht.

Sozialer Puffer

Ein neulich veröffentlichter Artikel im Nature Communications Journal erforscht zwei mögliche Mechanismen hinter der Art und Weise, wie soziale Bindungen als ein Puffer in Sachen Stress bei Schimpansen agieren. Die Forscher betrachteten zwei gegensätzliche Theorien: ob „Bindungspartner“ (dies entspricht bei den Schimpansen einem Freund) die besonders stressigen Zeiten einfach weniger stressig machen oder ob die Effekte dieser Partnerschaft im Verlauf des Tages bemerkt werden.

Die Forscher beobachteten wild lebende Schimpansen auf einem schon seit langem bestehenden Gelände in Uganda über einen Zeitraum von zwei Jahren, wobei eine Reihe aggressiver und kooperierender sozialer Interaktionen beobachtet wurden.

Dazu gehörten die Zeiten, zu denen die Tiere geruht, gegenseitig Fellpflege betrieben oder zu denen sie Herdenmitglieder anderer Schimpansengruppen gesehen oder gehört haben. Die Forscher haben die Stresslevel der Schimpansen gemessen, indem sie umfangreiche Urin-Proben gesammelt haben, um diese auf das Vorkommen von Glucocorticoide zu testen.

Um eine potenzielle Stress-Situation zu erschaffen, wartete ein erfahrener Assistent der Fachrichtung, bis kleine Gruppen der Schimpansen in der Nähe der Grenzen des Territoriums waren und trommelte dann auf die großen Baumwurzeln. Dies ahmte das Trommelgeräusch nach, das die Schimpansen erzeugen, um innerhalb und zwischen den sozialen Gruppen zu kommunizieren. Man wollte sehen, wie diese Konfrontation mit dem Trommeln von den einzelnen Schimpansen wahrgenommen wird, abhängig von ihrer sozialen Unterstützung.

Der Hormonpegel im Urin der Schimpansen zeigte, dass sie – vielleicht wenig überraschend – dazu neigen, gestresster zu sein, wenn sie einem Tier einer anderen Gruppe begegnen (oder glauben, einem solchen zu begegnen). Aber die Forschung zeigte auch, dass die sozialen Beziehungen den Stress augenscheinlich immer reduzierten, aber eben nicht in den stressigsten Situationen. Dies suggeriert, dass es für Schimpansen wichtig ist, einen „Bindungspartner“ zu haben, mit dem sie regelmäßig in freundlicher und kooperativer Weise interagieren können und dem gegenüber sie sich nur selten aggressiv verhalten.

Es scheint, als ob die tägliche Präsenz von Bindungspartnern während, sowohl innerhalb als auch außerhalb stressiger Situationen, tatsächlich das System reguliert, das den Hormonhaushalt des Körpers steuert, wodurch das gesamte Stresslevel reduziert wird. Während die aktive Unterstützung eines Bindungspartners das Glucocorticoide-Niveau am meisten senkt, führt ihre bloße Anwesenheit auch zu weniger Stress.

Obwohl es in dieser Studie nicht bewiesen wurde, glauben die Autoren, dass Oxytocin (das oft auch als „Liebeshormon“ bezeichnet wird) möglicherweise auch für diese Regulierung verantwortlich ist. Allgemeiner gesagt hilft dieses Hormon-Gleichgewicht möglicherweise auch dabei, das Immunsystem, die Herzfunktion, die Fruchtbarkeit, die Stimmung und sogar die Wahrnehmung zu verbessern.

Es ist einfach, die Schimpansen in Gedanken durch Menschen zu ersetzen und statt der Bezeichnung „Bindungspartner“ die Bezeichnung „Freund“ zu verwenden. Wir alle stellen fest, dass schwere Zeiten mit einer freundschaftlichen Schulter zum Ausweinen einfacher zu bewältigen sind. Selbst in einem alltäglichen Kontext ist unser Leben dieses kleine bisschen schöner, wenn wir wissen, dass unsere Freunde da sind.

Aber diese Abhandlung zeigt auf, dass die Bildung und die Instandhaltung solcher enger sozialer Bindungen mit anderen einen bedeutenden, messbaren Nutzen für das körperliche und seelische Wohlergehen der Schimpansen hat und es wird auf einem physiologischen Level reguliert. Dies könnte uns nicht nur bei unserem weiteren Verständnis der Evolution des menschlichen Sozialverhaltens helfen, sondern auch die Art beeinflussen, wie wir mit körperlichen Krankheiten und seelischen Schmerzen innerhalb der menschlichen Gemeinschaften umgehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „chimps“ by Pixel-mixer (CC0 Public Domain)


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Die vermessene Ökonomie – Es könnte auch alles ganz anders sein

Es ist wohl ein Mythos, dass Unternehmen den Wettbewerb befürworten oder gar fördern. Sie hassen den Wettbewerb, sie tun alles, um ihn auszuhebeln. Sie wollen den maximalen Erfolg, aber nicht den maximalen Wettbewerb. Um wirklich uneingeschränkt effizient am Markt agieren zu können, müssen wir uns in egozentrische und amoralische Rechenmaschinen verwandeln, schreibt Colin Crouch in seinem Buch „Die bezifferte Welt“: „Wenn wir uns selbst als Rechenmaschinen begreifen, sind wir bei der Ausrichtung unseres Handelns moralischen Kriterien gegenüber immun.“

Alles soll berechenbar sein

Es dominiert der Primat der Zahlungsfähigkeit, der jegliche inhaltlichen Aspekte auslöscht. Bürger, Kunde, Objekt. Ein zentraler Anspruch der neoliberalen Ideologie und der neoklassischen Märchenerzählung ist, dass sie das Individuum in den Mittelpunkt rücke und daher humaner sei. Die Wirtschaftstheorie fischt lediglich ein bestimmtes Merkmal heraus und verabsolutiert es: unsere Fähigkeit zur pseudo-rationalen Berechnung unseres Vorteils und der Wege, auf denen wir ihn maximieren können. „Außerdem verlangt sie, dass sich dieser Vorteil in Form eines Geldbetrags ausdrücken lassen muss, da sie Geld zum einzigen Maßstab der Bemessung des Werts von Waren und Gütern einerseits und zum einzig verlässlichen Motivator unseres Handelns andererseits erklärt. Damit der Markt funktioniert, müssen alle Dinge, nach denen Menschen ein Bedürfnis haben, miteinander verglichen werden können. Andernfalls ist eine rationale Entscheidung der Frage, wo unser größter Vorteil liegt, nicht möglich. Infolgedessen werden alle Dinge, die sich entweder nicht in einen Geldwert umrechnen lassen oder durch diese Umrechnung irreparabel Schaden nähmen, als unbedeutend verworfen“, so Crouch.

Auch der Ökonomismus ist ein Werturteil

Alles andere blendet man aus, weil es ja zu verzerrenden Werturteilen führen könnte. Eine Erfahrungswissenschaft dürfe keine verbindlichen Normen oder Ideale ermitteln, um daraus für die Praxis Rezepte ableiten zu können. Im Gefolge des Werturteilstreits hat sich die Mehrheit der Ökonomen der Ansicht angeschlossen, die Wirtschaftswissenschaften hätten nicht über die Ziele des Wirtschaftens zu befinden, sondern dienten allein einer Aufklärung über den intelligentesten Gebrauch knapper Mittel, erläutert Professor Claus Dierksmeier vom Weltethos-Institut im ichsagmal.com-Interview.

Aber schon diese Reduktion ist ein Werturteil. Etwa die Anwendung des Ökonomismus auf alle Lebensbereiche, von Schule bis Medizin. Wir werden ausschließlich als Kunden betrachtet, als Objekt der Begierden. Man merkt es an der Unternehmenskommunikation, die darauf ausgelegt ist, uns mit weltweit führenden Wortblähungen zu verscheißern. Wir werden mit wohlklingenden Versprechungen umworben, also mit Angeberei und haltlosen Behauptungen. Und das führt zu einer fatalen Schieflage: „In einer Gesellschaft, in der alle öffentlichen Räume von Botschaften überflutet werden, die im Konsumieren die Antwort auf alle Lebensfragen versprechen, hat es ein an Wahrhaftigkeit ausgerichteter Diskurs um das gute Leben schwer. Dies untergräbt die kulturellen Voraussetzungen moralischer und politischer Autonomie“, kritisiert Dierksmeier in seinem Opus „Qualitative Freiheit“.

Scheinheilige Abstinenz in der Ökonomik

In der Ökonomik regiert eine scheinheilige Abstinenz bei Werturteilen. Etwa bei der „Konsumentensouveränität“, die einfach die Egozentrik von Einzelentscheidungen aggregiert und sie in der Summe als Wohl der Allgemeinheit ausspuckt. Wie von Geisterhand. Eine mathematische Schimäre, die politischen Reformen im Weg steht – zum Nachteil des Gemeinwohls und zum Vorteil für privilegierte Machteliten. Wir beschränken uns auf eine abstrakt-quantitative wirtschaftliche Freiheit eines Konsumentenstaates auf Kosten von qualitativen Freiheiten einer realen Bürgergesellschaft. Dierksmeier plädiert für einen qualitativen Liberalismus in Konfrontation mit oligarchischen und plutokratischen Strukturen. Pseudo-Liberale, die sich unter dem Deckmantel wirtschaftlicher Freiheiten ausbreiten, demontieren die Freiheit- und Bürgerrechte. Wer anderen vorschreibt, Freiheit sei allein quantitativ zu verstehen, also als Maximierung von Erträgen, Nutzen, Profiten und Einkommen, der verstößt selber gegen jene von Liberalen hochgehaltene Freiheit zur bürgerlichen Selbstbestimmung, betont Dierksmeier.

Die Kollateralschäden der Deregulierung

Man braucht sich nur die Kollateralschäden der Deregulierung anschauen, um die  Werturteilsfreiheit, die in VWL-Lehrbüchern fast religiös gepredigt wird, werten zu können. Etwa beim Investment-Banking, beim Buchhaltungsrecht oder im Sicherheitssektor. Stichworte wie WorldCom-Pleite, Lehman-Untergang, Savings and Loans-Debakel, Enron-Arthur-Andersen-Skandal mögen da ausreichen. Wir könnten jetzt noch VW, Deutsche Bank, Thyssen, RWE und Co. hinzufügen. Es gibt kein Naturgesetz und keinen Automatismus in der Ökonomik, um für Wohlfahrt zu sorgen. Es sind qualitative Bedingungen, die auch ganz anders gestaltet werden können, meint der Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch in der Philosophie-Sendung von Richard David Precht.

Was kann man ändern jenseits der Erbsenzählerei, die sich in Algorithmen, ceteris paribus-Formeln und sonstigen von Menschen gemachten mathematischen Rechenexempeln verstecken.

Auch in Algorithmen verstecken sich Werturteile

Der Mensch ist viel mehr als die Summe von Daten, die die Wirklichkeit gewichten und somit manipulieren. Es gibt in der Ökonomik keine störungsfreie Laborsituation. „Die Wirklichkeit wird durch qualitative Entscheidungen bestimmt“, sagt Lesch. Mit den Methoden der Himmelsphysik, wo im luftleeren Raum alles funktioniert, kommen wir in der Gesellschaft nicht weiter. Jeder ist gefordert, seine Entscheidungen zu begründen und sich nicht hinter Formeln, Kennzahlen, Rankings, aufgeblähten Umsätzen und Renditen zu verstecken. „Es muss grundsätzlich eine Änderung der Ökonomik herbei geführt werden, die nicht mehr von mechanistischen Paradigmen geprägt ist“, fordert Dierksmeier.

Auch Formelkonstrukteure müssen sich einem normativen Diskurs stellen

Es geht immer um Wertentscheidungen. Auch jeder ökonomische Formelkonstrukteur ist gefordert, seine Weltsicht zu erklären. Wer sich verweigert, Ziele für ein gutes Leben darzulegen, ist nicht in der Lage, einen wissenschaftlichen Diskurs zu pflegen. Das Notiz-Amt sieht die Notwendigkeit für eine Radikalkur an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten. BWL- und VWL-Studiengänge sollten wie Kunstakademien gestaltet werden.

Das hat der bildende Künstler Jürgen Stäudtner im Abschlussgespräch der diesjährigen Next Economy Open trefflich bemerkt.


Image “economic” by falovelykids (CC0 Public Domain)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • DIGITALISIERUNG politik-digital: Digitale Grundrechte für alle – Veröffentlichung einer EU-Digitalcharta: Die digitale Politik hat akute Probleme und diese sollen heute in mehreren deutschen Tageszeitungen angesprochen werden. 27 Initiatoren aus der digitalen deutschen Gesellschafft haben es sich zur Aufgabe gemacht, mittels einer Digitalcharta auf Probleme in der EU-Netzpolitik hinzuweisen. Zentrale Themen sind Datensicherheit und informationelle Selbstbestimmung des Einzelnen, aber auch Richtlinien künstlicher Intelligenz sowie der Umgang mit Hassreden im Internet. Die Digitalcharta kann hier abgerufen werden.

  • DATENSCHUTZ sueddeutsche: Hunderttausende Kontonummern von Mitfahrgelegenheit.de-Kunden gestohlen: Auf unseren Smartphones tragen wir eine Vielzahl sensible Daten mit uns herum, Datenschutz ist hier essentiell. Die Mitfahr-App Mitfahrgelegenheit.de gibt es zwar seit etwa Anfang des Jahres nicht mehr, aber ehemalige Nutzer hatten jetzt trotzdem ein böses Erwachen. Rund 15 % der Nutzer von Mitfahrgelegenheit.de und Mitfahrzentrale.de wurden jetzt Opfer eines Datendiebstahls. In Umlauf gekommen sind dadurch mehrere Hunderausend Kontonummern, sowie E-Mail-Adressen oder Handynummern. Das Unternehmen hinter der App hat für Betroffene eine kostenlose Hotline eingerichtet.

  • NETFLIX heise: Netflix führt Download-Funktion für Offline-Wiedergabe ein: Netflix ist der wohl beliebteste Anbieter für Online-Streaming-Dienste, nur blöd, dass es noch nicht ansatzweise für jeden Nutzer möglich ist, einwandfrei mobil zu streamen. Daher soll die neue Download-Funktion der App Abhilfe verschaffen. Ausgewählte Serien und Filme können auf iOs- und Android-Geräte heruntergeladen und dann ohne Internetverbindung angesehen werden. Für die Funktion wird die aktuelle Version der App, sowie einiges an Speicherplatz benötigt. Eine Liste der zum Download verfügbaren Titel ist in der App vorhanden.

  • STUDIVZ t3n: Ach, das gibt’s noch? StudiVZ wird mal wieder verkauft: Was gab’s nochmal vor Facebook? Wir wissen, dass es schwer ist, sich an eine Zeit vor dem Social-Media-Übervater zu erinnern, aber da war ja noch StudiVZ! Das 2005 gegründete Netzwerk konnte zu Spitzenzeiten rund 16 Millionen Nutzer auf sich vereinen, was nach einer ersten Übernahme 2007 bereits 85 Millionen Euro einbrachte. Mit dem radikalen Aufstieg Facebooks ging das Netzwerk 2012 wieder in den Verkauf. Fast forward zu heute: Im Januar soll StudiVZ für nunmehr nur noch 10 Millionen verkauft werden. Lohnen soll sich der Kauf nach eigener Aussage des Käufers MEG trotzdem, denn StudiVZ und Schwester-Netzwerk MeinVZ können heute noch 10 Millionen registrierte Nutzer verbuchen.

  • TRUMP welt: Wer Donald Trump nicht mag, braucht diese App: Die, richtig gelesen, sogenannte “Anti-Trump-Organisation” hat jetzt eine App entwickelt, die zu einem Trump-Boykott des designierten Präsidenten aufruft. Rund 250 Firmen, Marken, Produkte oder Organisationen, die in irgendeiner Form mit dem Trump-Kosmos zu tun haben sind in der App aufgelistet. Laut eigener Aussage der Entwickler soll die App den Unternehmer an seiner sensibelsten Stelle treffen: dem Portemonnaie. Ein erster Blick auf die Liste last diese auch als rigoros erscheinen, selbst Unternehmen oder Vereine sind aufgelistet, die selbst gar keine Trump-Produkte führen, sondern sich „nur“ als Fan ausgesprochen haben. Anti-Trump-Einstellung schön und gut, unproblematisch ist eine solche Liste für den “kleinen Mann” im Einzelhandel einer der aufgeführten Unternehmen aber nicht.

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