Neue Provinz: Über Diversität und Indifferenz auf dem Land

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Vor ungefähr zwei Jahren erschien in der Welt ein Interview mit dem an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrenden Soziologen Prof. Dr. Armin Nassehi zum Thema Rechtspopulismus. Nassehi äußerte darin den sehr interessanten Gedanken, dass „Urbanität ein Lebensstil ist, in dem man Indifferenz einüben kann, in dem man sich damit arrangiert, dass die Gesellschaft nicht aus einem Guss ist.“ In der Konsequenz sieht er darin die gesellschaftliche Aufgabe, auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft Alternativen anzubieten, um nicht die Ränder zu Alternativen aufzuwerten.

Dieses Interview erschien ein paar Monate nachdem die als Sammelbecken für Rechtspopulisten und Rechtsextremisten fungierende Partei Alternative für Deutschland (AfD) beachtliche Erfolge bei Landtagswahlen feiern konnte, unter anderem auch in Sachsen-Anhalt. Ich komme von da, bin Ende der Neunziger Jahre mit dem bisherigen Peak an rechter Gewalt aufgewachsen. Der Rechtsextremismus war damals in den Städten genauso spürbar wie auf dem Land. Vor allem die mir sehr am Herzen liegende Altmark war damals eine Hochburg für Nazi-Kameradschaften. Auch heute gibt es hier noch Probleme.

Was sich aber meiner Meinung nach geändert hat, und diese subjektive Wahrnehmung kann und soll gerne kommentiert werden, ist die gesellschaftliche Vielfalt im ländlichen Raum. Nassehis Lob auf das Urbane, die Konfrontation mit Indifferenzen, sehe ich persönlich gar nicht mehr auf die Großstadt begrenzt. Das Leben auf dem Land ist gar nicht mehr so anders als das Leben in der Stadt. Damit möchte ich nicht die kulturellen und regionalen Eigenheiten in Abrede stellen. Auch sie haben ihre Bedeutung und sind ein wichtiger Teil unseres kulturellen Erbes. Ich meine damit eher den Alltag.

Mir kommt es manchmal so vor, dass wenn ich beispielsweise einmal wieder in Stendal unterwegs bin, dass ich mehr Diversität wahrnehme als beispielsweise im homogenen Friedrichshain, wo ich wohne. Selbstverständlich treffe ich hier Menschen aus allen Enden der Welt, aber sie sind mir doch sehr ähnlich in ihrem Nutzungs- und Konsumverhalten. Wir fahren gerne mit einem Car2go kurz einkaufen, trinken Flat Whites in einem der unzähligen Straßencafés und kommunizieren nebenbei vom Smartphone aus mit Kunden und Kollegen. Künstliche Konstrukte wie Nationalitäten haben keine Auswirkung auf uns.

Gesellschaftliche Indifferenz im ländlichen Raum

Ich treffe in Friedrichshain Menschen aus anderen Ländern, die mir aber sehr ähnlich sind. In Stendal treffe ich Menschen aus anderen Ländern, die ein komplett anderes Leben als ich leben müssen. Sie haben hierzulande Zuflucht gesucht und sind in Landstriche wie die Altmark geschickt wurden. Diese Zuflucht gesucht habenden Menschen sind Elend und Krieg entflohen. Ihre Schicksale gehen einem nahe. Sie erzeugen eine Indifferenz zu den bisher lebenden Menschen. Das erzeugt Herausforderungen, zwingt aber auch sich mit Veränderungen zu arrangieren und für neue Entwicklungen offen zu sein.

Genauso wie auch Rückkehrer*innen, also Menschen, die im ländlichen Raum aufgewachsen sind, diesen verlassen haben und sich dann wieder entschlossen haben zurückzukehren. Sie haben woanders gelebt, andere Erfahrungen gemacht und neue Sachen gelernt, die sie so niemals erlebt hätten, wenn sie geblieben wären. Diese Menschen bringen neue Impulse mit, wollen Sachen anders machen als wie man sie vor Ort stets gemacht hat. Auch dies ist eine Herausforderung für das Etablierte und zwingt, sich mit der Indifferenz der Ansichtsweisen zu beschäftigen, neue Ideen zu tolerieren und auch zu testen.

Doch nicht nur Zugezogene und Zurückgekehrte sind Quellen für Indifferenz, sondern auch die Menschen von vor Ort, die gesellschafliche Veränderungen genauso mittragen und vorantreiben wie Menschen in der Stadt. Auf Instagram bin ich erst diese Woche auf das Profil thegayfarmers gestoßen, auf dem als Landwirte arbeitende Männer und Frauen zu ihrer LGBTQIA-Identität stehen. Die Menschen kommen aus allen Teilen der Welt. Lutz Staacke erklärt in einem Thread auf Twitter, anlässlich des ersten schwulen Landwirts aus Deutschland, der auf Instagram gefeatured wird, wie es zu diesem Instagram-Profil kam:

Das Landleben ist bunt(er)?

Diese Beobachtungen, diese persönlichen Wahrnehmungen meinerseits, lassen mich das Landleben bunter betrachten als ich bisher dachte. Allerdings lebe ich noch nicht im ländlichen Raum. Als weißer, hetereosexueller Mann in seinen dreißiger Jahren bin ich auch vermutlich die letzte Person, die Akzeptanz für Diversität wirklich wahrnehmen kann. Mich begeistert Indifferenz, ich halte sie für wichtig, allerdings kann sie womöglich auch für andere Druck bedeuten. Ich freue mich deshalb über einordnende Argumente, die Ansichten erweiternde Meinungen und auch Kritik, die vielleicht trotz bester Absichten nötig sein könnte.


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