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Neue Provinz: Digitalisierung als politisches Ziel

Mitte März wurde ich von einer Fraktion des Landtags von Sachsen-Anhalt zu deren Klausurtagung nach Stendal eingeladen. Wer schon ein oder zwei Neue-Provinz-Kolumnen auf Netzpiloten.de gelesen hat, kennt meine Beziehung und Affinität zu Stendal. Ich bin einfach mit meinem ganzen Herz der Altmark verbunden.

Auf der Klausurtagung sollte ich einen Impuls dazu geben, welche Möglichkeiten der ländliche Raum durch die Digitalisierung haben könnte. In der Vorbereitung für meinen Vortrag las ich noch einmal meinen Kolumnenbeitrag vom April 2018, in dem ich mich bereits einmal mit der Situation in Sachsen-Anhalt beschäftigte.

Dabei wurde mir einmal mehr bewusst, dass die Digitalisierung kein einziges Problem des ländlichen Raums lösen kann. Sie ist kein Allheilmittel, dass die Fehler einer falschen Politik für den ländlichen Raum von heute auf morgen verschwinden lassen wird. Es braucht eine Politik, die die Lebensverhältnisse der Menschen verbessert.

Früher war es nicht besser als heute.

Trotz meiner Kritik an der Politik für den ländlichen Raum, muss man lobend betonen, dass bisher keine einzige Landesregierung von Sachsen-Anhalt den ländlichen Raum je aufgegeben hat. Es wurden Fehler gemacht, aber es war stets das Ziel, überall im Land eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse zu erreichen.

Die bisherigen Gemeindegebietsreformen waren voll guter Intentionen. In der Realität haben sie aber zu einem Abbau der Strukturen und der Möglichkeiten der Menschen geführt. Soziale Teilhabe und Mobilität verlangen den Menschen mehr Ressourcen ab als je zuvor. Eine digitale Infrastruktur wurde versäumt zu schaffen.

Es ist auch viel passiert. Wer sich Fotos von den Dörfern und Städten der Altmark kurz nach 1990 anschaut und dann heute durch die Orte kommt, wird sehen, dass sich vieles auch verbessert hat. Noch geht es nicht allen gut, aber vielen geht es wesentlich besser. Nicht wenige sind weggegangen, bevor es soweit war.

Dies darf man niemanden verübeln. Es lohnt sich, sein Zuhause zu verlassen und in die Welt zu gehen. Ein jeder Mensch soll und muss sein eigenes Leben führen. Falls es einen wieder dahin zurück verschlägt, wo man aufgewachsen ist, kann die Region nur von dem Wissen profitieren, das man selbst gemacht hat und mitbringt.

Politische Sackgassen gibt es bereits genug, neue Wege müssen eingeschlagen werden (Bild: Tobias Kremkau)

Es gibt nicht die eine Digitalisierung.

Damit Menschen zurückkommen, damit andere bleiben, müssen sämtlichen Themenfelder der Politik bearbeitet werden. Sei es Infrastruktur, Verkehr, Gesundheit, Soziales, Bildung, Wirtschaft oder Kultur. Sie alle befinden sich in ihrem eigenen digitalen Wandel. Es gibt nicht die eine Digitalisierung. Alles wird digital(er).

Digitalisierung selbst ist kein Ziel und auch keine Strategie. Sie ist ein Element in den verschiedenen Politikfeldern und kann nicht mehr ignoriert werden. Im Vordergrund müssen die Menschen stehen. Das Digitale ist heutzutage sowieso nicht mehr vom Leben der Menschen getrennt zu betrachten; ob in der Stadt oder auf dem Land.


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#NeueProvinz: Über den Deutschlandtakt


Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


In zwei Stunden von Bielefeld nach Berlin. Dafür kein Halt mehr in Coburg. Die Sylt-Bahn wird sogar zweigleisig ausgebaut, während Bremerhaven nicht angefahren werden soll. Die kürzlich vorgestellten Pläne des Bundesverkehrsministeriums, auch Deutschlandtakt genannt, könnten Deutschlands Schienenverkehr verändern.

Fernverkehrszüge sollen die Metropolen dieses Landes stündlich miteinander verbinden, manchmal sogar alle 30 Minuten. Viele kleinere Orte an den Strecken könnten ebenfalls angefahren werden. Die Neue Provinz kann nicht ohne Mobilität gedacht werden und braucht vor allem Anschluss an die urbanen Wissenszentren.

Politischer Aktionismus mit Potential

Rückblickend hat man schon lange nicht mehr so ehrgeizige Pläne aus dem Bundesverkehrsministerium gehört. Meistens mit CSU-Ministern besetzt, hatten diese meist anderes zu tun, als sich ihrem eigentlichen Tätigkeitsfeld zu widmen. Bayern first sozusagen, doch der Scheuer Andreas überrascht, auch mit einem anderen Blickwinkel.

So sollen Strecken nach Notwendigkeit gebaut werden und nicht mehr nur ein Ergebnis politischen Einflusses von Abgeordneten aus der Region sein. Klingt gut. Jetzt kommt zuerst der gewünschte Fahrplan als Zielvorgabe und dann wird so gebaut, dass dieser möglich wird. Innovatives kann manchmal so einfach sein. Auch eine Frage des Blickwinkels.

Damit sollen die Ziele der Bundesregierung, die Zahl der Bahnkunden bis 2030 zu verdoppeln und auch mehr Güter von der Straße auf die Schiene verlagern, erreicht werden. Politisch pikant ist, dass der Deutschlandtakt ohne Mitwirkung der Deutschen Bahn erstellt wurde. Und auch ohne die Städte, Gemeinden und Landkreise.

Die können sich durch Workshops an der Erstellung des Deutschlandtakt beteiligen. Dazu gehören auch Neubauprojekte, aber auch kleinere Einzelmaßnahmen. Viel effizienter seien beispielsweise der Umbau von Weichen oder der Bau weiterer Bahnsteigkanten, gibt Enak Ferlemann, Staatssekretär im Verkehrsministerium, zu bedenken.

Als Nutzer von Bahnhöfen wie Magdeburg-Neustadt, Stendal und Erkner, würde ich mir auch mehr Sanierung wünschen. Kurze Umsteigezeiten sind eine tolle Idee, aber auch die würde man gerne angenehm verbringen. Trocken und im Warmen, versorgt mit WLAN und Strom, sowie mit bargeldlosem Bezahlen anbietenden Gastronomien.

Die Neue Provinz muss angeschlossen werden

Die Neue Provinz kann von einem Deutschlandtakt profitieren, aber auch die Städte. Die Pendelzeit in Berlin betrug laut einer Studie der Mobilitäts-App Moovit aus dem Jahr 2016 im Durchschnitt genau 62 Minuten. 78 Prozent der Fahrgäste wechseln mindestens einmal das Verkehrsmittel. In Hamburg sind es 58 Minuten und 72 Prozent.

Nimmt man diese Zahlen und wendet sie auf den Regionalverkehr rund um diese Metropolen an, rücken bisher wenig beachtete Städte in den Fokus von Menschen, die u.a. bezahlbaren Wohnraum suchen. Beispielsweise in Uelzen, Wittenberge oder Stendal. Der Deutschlandtakt darf sich deshalb nicht nur auf den Fernverkehr konzentrieren.

Je nach Blickwinkel leben drei Viertel der Deutschen im ländlichen Raum. Damit ist das klassische Dorf gemeint, aber auch das Mittelzentrum, welches der Hauptbezugspunkt des ländlichen Umlandes ist. Dort hin und von da in die Metropole, muss es sich genauso gut mit der Bahn fahren lassen. Das Umland muss besser angeschlossen werden.

Dies würde mithelfen, die wenigen klimapolitischen Ziel der Bundesregierung zu erreichen, aber auch die Menschen finanziell zu entlasten und eine Grundlage für moderne Konzepte von Arbeit darstellen. Es braucht heutzutage keinen Zugang zu Produktionsmitteln mehr, sondern zu Internet und Raum, um seiner Arbeit nachgehen zu können.

Ein Perspektivwechsel ist gefragt

Letzte Woche unterhielt ich mich mit einem australischen Barista, der in Berlin lebt und zurzeit im BLOK O in Frankfurt (Oder) arbeitet. Ich fragte ihn, wie ihm die Pendelei bekommt. Er sagte, dass er es genießt. Er ist es aus Australien gewohnt, längere Distanzen pendeln und er nutzt nun die Zeit, um Deutsch zu lernen oder auch einmal zu entspannen.

Ich weiß, dass dieser Blick auf Entfernungen und Distanzen in Deutschland noch kaum verbreitet ist. Doch schon heute gibt es Menschen, die teilweise über eine Stunde zur Arbeit pendeln (und das eigentlich nicht immer müssten). Wir sollten mehr darüber nachdenken, wo wir leben und wie wir arbeiten wollen. Zum Beispiel in einer Neuen Provinz.

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Neue Provinz: Notizen vom Berlin Coworking Festival

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Berlin, Rosenthaler Platz. Wo Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ (Provisions Link) begann und das urbane Leben der Spreemetropole ein literarisches Denkmal bekam, drehte sich an einem Montagabend im September alles um Brandenburg. Genau genommen um Coworking Spaces in Brandenburg. Diesem eintönigen Stück von der Welt, welches sich wie eine Halsmanschette um Berlin legt und das Treiben der Großstadt festhält, vielleicht sogar auch Einhalt gebietet.

Brandenburg. Wald, Felder und die A9. Hier hat sich, im Windschatten von WeWork, Mindspace und dem betahaus, eine vitale Coworking-Szene entwickelt, die anlässlich des diesjährigen Berlin Coworking Festival nach Berlin-Mitte kam, um sich dem interessierten Publikum zu zeigen und zu erklären. Wieso in Brandenburg? Sind denn wirklich schon alle alten Fabrikgebäude unserer Hauptstadt umgenutzt, dass man wirklich aufs Land muss?

Coworking Spaces in Brandenburg

Die Gründe dafür sind verschieden. Während es für den Potsdamer Gründer Matthias Noack keine wirkliche Alternative gab, als in seiner Heimatstadt etwas wie das Coworking Space MietWerk aufzubauen, verschlug es Janosch Dietrich mit seiner Familie nach Klein Glien. Im dritten Anlauf hatten sie endlich einen Ort für ihre Idee von Urlaub und Arbeiten in der Natur gefunden. „Community and concentrated work in nature“ ist ihr Motto, kurz Coconat.

Als verrückte Pioniere könnte man beide abtun. Doch der Wahnsinn hat System, ist vielleicht sogar genial. Man kann heutzutage arbeiten wo man möchte, erklärt Janosch. Sein Coworking Space ist deshalb für die Menschen in Brandenburg und für die, die einmal dort hinwollen. Noacks zwei Coworking Spaces sind für Potsdamer*innen, die nicht isoliert von Zuhause arbeiten wollen. Stadtflucht und der Drang nach Gemeinschaft, zwei starke Motivationen.

Während vereinzelt Menschen wieder auf dem Land leben wollen, durch die Digitalisierung und der neuen Arbeitswelt ihre Berufe oft mitbringen, verlassen andere weiterhin den ländlichen Raum, wie Unternehmen und Banken. Zur letztgenannten Gruppe zählt die Sparda-Bank Berlin nicht, wie Antonia Polkehn erklärt. Ihr Arbeitgeber startet Anfang Oktober in Frankfurt (Oder) ein neues Filialkonzept – und das in einem Coworking Space.

In Berlin St. Oberholz diskutieren Janosch Dietrich, Matthias Noack, Antonia Polkehn und Torsten Kohn über Coworking in Brandenburg

Das BLOK O ist eine Kooperation der Sparda-Bank Berlin eG und des St. Oberholz. Der erste Coworking Space an der Oder und ein Zeichen, dass Unternehmen sich auch bewusst für strukturschwache Regionen entscheiden können, wenn sie etwas bewirken wollen. Torsten Kohn von der Wirtschaftsfördergesellschaft des Landkreises Märkisch-Oderland hofft auf Nachahmer, die dann in sein Coworking Space in die Alte Schule nach Letschin kommen.

Leben und arbeiten im ländlichen Raum

Wie wir arbeiten, sagt viel darüber aus, wie wir leben. Die Neue Provinz, sei es in Brandenburg, der Altmark oder in der Eifel, ist mehr als nur Coworking Spaces. Dies wurde bei der letzten Session des Berlin Coworking Festival, an einem Freitagnachmittag und wieder im St. Oberholz, von den geladenen Podiumsgästen sehr deutlich gemacht. Coworking ist ein Trend-Thema, der Kommunalpolitiker*innen wuschig macht, es braucht aber mehr (dafür).

Vor allem schnelles Internet, wie Ulrich Bähr aus der Praxis zu berichten weiß. Die letzten Monate tourte er mit dem aus zwei Containern auf Rädern bestehenden CoWorkLand durch Schleswig-Holstein (die Netzpiloten berichteten). Zugang zu schnellem Internet ist für die Menschen eine Grundlage, um zu arbeiten. Und um zu leben, verdeutlichte Silvia Hennig , die Gründerin von Neuland 21, ergänzend. Landleben braucht den (digitalen) Anschluss.

Anschluss auch an die Wissensquellen, die die Stadt mit ihren Institutionen und Communities immer noch darstellt. Fehlt dieser, sei es digital oder auch analog in Form einer Zuganbindung, wird es schwer, die Menschen vom Leben und Arbeiten auf dem Land zu überzeugen, schilderte Philipp Hentschel. Der Coworking-erfahrene Gründer und Blogger stellt Kreativorte in Brandenburg vor und kennt die Nöte von Initiativen auf dem Land selbst.

Netzpiloten-Kolumnist Tobias Kremkau moderiert die Diskussion zu Coworking im ländlichen Raum.

Schlechte Internetleitungen und Ärger mit dem Nahverkehr? Gemeint ist zwar Brandenburg, klingt aber auch verdächtig nach Berlin. Vielleicht gibt es in Wirklichkeit gar keine Lücke zwischen Stadt und Land, wie Mareike Meyn von der Andreas Hermes Akademie vermutet, sondern nur unterschiedliche Begriffe für die gleichen Probleme – egal wo in Deutschland. Und für die gleichen Lösungen, denn Coworking sagt man in der Stadt wie auf dem Land. ;-)


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Neue Provinz: Das Mysterium Landleben

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Laut dem Berliner Geburtsort-Atlas des rbb sind 1.736.514 Berliner*innen auch in Berlin geboren. Das macht 46,8 Prozent an der Gesamtbevölkerung aus. Diese Menschen sind in Berlin aufgewachsen, der größten Stadt Deutschlands und wohl einziger Inbegriff einer urbanen Metropole in diesem Staate. Eine von ihnen ist Katja Dittrich, besser bekannt als die „Torten der Wahrheit“-Grafikerin der „Die Zeit“ namens Katja Berlin, die auch wöchentlich für die Hauptstadtzeitung „Berliner Zeitung“ über ihre eigene Heimatstadt, dieses Berlin, schreibt.

Letzten Monat schrieb sie einen Appell für das Bleiben statt den obligatorischen Umzug aufs Dorf und wie man doch auch Landleben in Berlin erleben kann. Ob dies die bessere Antwort auf Charlotte Roches Großstadtflucht-Text vom Frühjahr diesen Jahres ist oder eine amüsant zu lesende Auseinandersetzung mit den durchaus ernsthaften Problemen des Alltags in Berlin, sei erst einmal dahingestellt. Trotzdem zeigt ihre Kolumne ein paar anekdotenhafte Kategorien auf, in denen das Landleben aus Sicht der Städter*innen definiert wird.

Kein Internet, Ärztemangel und nur Bargeld

Auf dem Land gibt es kein Internet, oder so schlecht wie in der Berliner U-Bahn. Aus eigenen Erfahrungen kann ich dieses Vorurteil bestätigen, muss es aber auch der Stadt zuschreiben. Das Problem ist hier eine bundesweit mangelnde Infrastruktur als Ausdruck eines Politikversagens. Da unterscheidet sich Hohenwulsch leider nicht von Friedrichshain. Scheinbar setzte Helmut Kohl aus politischen Gründen auf Kabelfernsehen statt Glasfaser, was rückblickend so höhnisch wie Marie-Antoinettes Kuchen-statt-Brot-Empfehlung wirkt.

Katja Berlins nächster Punkte ist die Schwierigkeit, einen Arzttermin zu bekommen. Dies ist in Berlin genauso schwer wie in München oder auf dem Land. Mein Eindruck mag mich täuschen, aber über die Vorteile von Telemedizin auf dem Land, dies erforschende Projekte und erste Ansätze, lese ich viel mehr als über Innovationen auf diesem Gebiet in der Stadt. Erfolge braucht es schnell, denn bundesweit findet ein gefährlicher Strukturabbau statt, bspw. in Hersbruck oder in Genthin, der die medizinische Grundversorgung gefährdet.

Der letzte Punkt stellt die sowohl auf dem Land als auch in der Stadt geltende Vorliebe der Deutschen für Bargeld statt bargeldlosen Bezahlens. Mein „Lieblingsthema“ hier in Berlin, aber auch anderswo. Als ich einmal in Magdeburg bargeldlos in ein Taxi stieg und fragte, ob ich auch mit Karte bezahlen kann, erntete ich einen ungläubigen Gesichtsausdruck und die Frage, warum man denn das machen wolle? Es ging selbstverständlich nicht, aber es gab bei diesem Taxi-Fahrer nicht einmal den Hauch des Verständnisses dafür. Ich war baff.

olly/stock.adobe.com
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Heimat 2.0 ist immer irgendwie woanders

Unter diesen Gesichtspunkten hat Katja Berlin natürlich Recht, wenn sie schreibt, dass man in Berlin lebend die gleichen Erfahrungen wie auf dem Land machen kann. Es gibt noch mehr Anekdoten, auch Sie werden eine haben, die die Nachteile des Lebens im ländlichen Raum oder eben in Berlin aufzeigen. Jedoch darf man eines dabei nicht vergessen. Das Problem sind hier nicht die Bedingungen auf dem Land oder in der Stadt oder der Graben dazwischen, sondern es ist Deutschland. Anderswo wäre Katja Berlins Text nichts als Retro-Fiktion.

Dank der Initiative hinter dem Coworking Space Ludgate Hub gibt es im westirischen Skibbereen Irlands erste ländliche 1-Gig-Gesellschaft. Das ist eine 200-mal schnellere Internetverbindung als sich die deutsche Bundesregierung für dieses Jahr als Ziel für alle deutschen Haushalte vorgenommen hat und wohl auch bis 2025 nicht erreichen wird. Wie Telemedizin im ländlichen Raum geht, zeigt das Duncan Regional Hospital im dünn besiedelten Oklahoma (Bevölkerungsdichte: 25 Menschen pro Quadratkilometer).

Zu den Vor- und auch Nachteilen des bargeldlosen Bezahlens in Schweden kann man momentan viel nachlesen, von mir deshalb nur die Anekdote eines Bekannten, der an dem Limonaden-Stand zweier Kinder in einem schwedischen Dorf nur mit Smartphone für das selbstgemachte Erfrischungsgetränk bezahlen konnte. Die Kinder lehnten Bargeld ab, sie konnten sich das aufgrund der vorhandenen Infrastruktur und des gängigen Bezahlens mit Smartphone erlauben. Vielleicht wussten sie es auch nicht besser. Anders als in Deutschland.


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Neue Provinz: Über Diversität und Indifferenz auf dem Land

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Vor ungefähr zwei Jahren erschien in der Welt ein Interview mit dem an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrenden Soziologen Prof. Dr. Armin Nassehi zum Thema Rechtspopulismus. Nassehi äußerte darin den sehr interessanten Gedanken, dass „Urbanität ein Lebensstil ist, in dem man Indifferenz einüben kann, in dem man sich damit arrangiert, dass die Gesellschaft nicht aus einem Guss ist.“ In der Konsequenz sieht er darin die gesellschaftliche Aufgabe, auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft Alternativen anzubieten, um nicht die Ränder zu Alternativen aufzuwerten.

Dieses Interview erschien ein paar Monate nachdem die als Sammelbecken für Rechtspopulisten und Rechtsextremisten fungierende Partei Alternative für Deutschland (AfD) beachtliche Erfolge bei Landtagswahlen feiern konnte, unter anderem auch in Sachsen-Anhalt. Ich komme von da, bin Ende der Neunziger Jahre mit dem bisherigen Peak an rechter Gewalt aufgewachsen. Der Rechtsextremismus war damals in den Städten genauso spürbar wie auf dem Land. Vor allem die mir sehr am Herzen liegende Altmark war damals eine Hochburg für Nazi-Kameradschaften. Auch heute gibt es hier noch Probleme.

Was sich aber meiner Meinung nach geändert hat, und diese subjektive Wahrnehmung kann und soll gerne kommentiert werden, ist die gesellschaftliche Vielfalt im ländlichen Raum. Nassehis Lob auf das Urbane, die Konfrontation mit Indifferenzen, sehe ich persönlich gar nicht mehr auf die Großstadt begrenzt. Das Leben auf dem Land ist gar nicht mehr so anders als das Leben in der Stadt. Damit möchte ich nicht die kulturellen und regionalen Eigenheiten in Abrede stellen. Auch sie haben ihre Bedeutung und sind ein wichtiger Teil unseres kulturellen Erbes. Ich meine damit eher den Alltag.

Mir kommt es manchmal so vor, dass wenn ich beispielsweise einmal wieder in Stendal unterwegs bin, dass ich mehr Diversität wahrnehme als beispielsweise im homogenen Friedrichshain, wo ich wohne. Selbstverständlich treffe ich hier Menschen aus allen Enden der Welt, aber sie sind mir doch sehr ähnlich in ihrem Nutzungs- und Konsumverhalten. Wir fahren gerne mit einem Car2go kurz einkaufen, trinken Flat Whites in einem der unzähligen Straßencafés und kommunizieren nebenbei vom Smartphone aus mit Kunden und Kollegen. Künstliche Konstrukte wie Nationalitäten haben keine Auswirkung auf uns.

Gesellschaftliche Indifferenz im ländlichen Raum

Ich treffe in Friedrichshain Menschen aus anderen Ländern, die mir aber sehr ähnlich sind. In Stendal treffe ich Menschen aus anderen Ländern, die ein komplett anderes Leben als ich leben müssen. Sie haben hierzulande Zuflucht gesucht und sind in Landstriche wie die Altmark geschickt wurden. Diese Zuflucht gesucht habenden Menschen sind Elend und Krieg entflohen. Ihre Schicksale gehen einem nahe. Sie erzeugen eine Indifferenz zu den bisher lebenden Menschen. Das erzeugt Herausforderungen, zwingt aber auch sich mit Veränderungen zu arrangieren und für neue Entwicklungen offen zu sein.

Genauso wie auch Rückkehrer*innen, also Menschen, die im ländlichen Raum aufgewachsen sind, diesen verlassen haben und sich dann wieder entschlossen haben zurückzukehren. Sie haben woanders gelebt, andere Erfahrungen gemacht und neue Sachen gelernt, die sie so niemals erlebt hätten, wenn sie geblieben wären. Diese Menschen bringen neue Impulse mit, wollen Sachen anders machen als wie man sie vor Ort stets gemacht hat. Auch dies ist eine Herausforderung für das Etablierte und zwingt, sich mit der Indifferenz der Ansichtsweisen zu beschäftigen, neue Ideen zu tolerieren und auch zu testen.

Doch nicht nur Zugezogene und Zurückgekehrte sind Quellen für Indifferenz, sondern auch die Menschen von vor Ort, die gesellschafliche Veränderungen genauso mittragen und vorantreiben wie Menschen in der Stadt. Auf Instagram bin ich erst diese Woche auf das Profil thegayfarmers gestoßen, auf dem als Landwirte arbeitende Männer und Frauen zu ihrer LGBTQIA-Identität stehen. Die Menschen kommen aus allen Teilen der Welt. Lutz Staacke erklärt in einem Thread auf Twitter, anlässlich des ersten schwulen Landwirts aus Deutschland, der auf Instagram gefeatured wird, wie es zu diesem Instagram-Profil kam:

Das Landleben ist bunt(er)?

Diese Beobachtungen, diese persönlichen Wahrnehmungen meinerseits, lassen mich das Landleben bunter betrachten als ich bisher dachte. Allerdings lebe ich noch nicht im ländlichen Raum. Als weißer, hetereosexueller Mann in seinen dreißiger Jahren bin ich auch vermutlich die letzte Person, die Akzeptanz für Diversität wirklich wahrnehmen kann. Mich begeistert Indifferenz, ich halte sie für wichtig, allerdings kann sie womöglich auch für andere Druck bedeuten. Ich freue mich deshalb über einordnende Argumente, die Ansichten erweiternde Meinungen und auch Kritik, die vielleicht trotz bester Absichten nötig sein könnte.

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Neue Provinz: Forschungsprojekt CoWorkLand

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Ich glaube fest daran, dass Coworking Spaces auch auf dem Land funktionieren können. Genau genommen weiß ich es sogar, denn ich habe solche Coworking Spaces schon besucht und inzwischen von noch mehr gehört und gelesen. Vor fast drei Jahren besuchte ich auf einer Reise durch Frankreich die ersten Coworking Spaces im ländlichen Raum. Schon damals berichtete ich über diese Beobachtung auf Netzpiloten, genau wie in der ersten Ausgabe dieser Kolumne über die Entwicklung des ländlichen Raumes hin zu einer Neuen Provinz.

Inzwischen sind auch in Deutschland Coworking Spaces im ländlichen Raum entstanden. Das wohl berühmteste ist vermutlich das „Coconat“ bei Bad Belzig. Doch inzwischen gibt es allein in Brandenburg mit dem „Alte Schule“ in Letschin, dem „Havelprater“ in Briest und „Dein Arbeitszimmer“ in Finsterwalde weitere besuchenswerte Beispiele. Diese Entwicklung ist bundesweit zu beobachten: vom „Alter Heuboden“ in Felde im hohen Norden bis hin zum „Denkerhaus“ am Ammersee in Bayern gibt es schon Coworking Spaces auf dem Land.

Das Geschäftsmodell eines Coworking Spaces halte ich aber, mit der Erfahrung aus dem St. Oberholz, nur für sehr schwer auf dem Land umzusetzen. Die oben genannten Beispiele sind entweder mit einem städtischen Coworking Space und damit einer Community verbunden, an ein anderes Geschäftsmodell angeschlossen, wie zum Beispiel einer Agentur, oder solidarisch als Genossenschaft organisiert, oder durch staatliche Fördergelder unterstützt. Coworking klappt auf dem Land, aber kann das auch ein Coworking Space?

HBS-Forschungsprojekt in Schleswig-Holstein: CoWorkLand

Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein
Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein

Die Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein hat dazu mit „CoWorkLand“ ein sehr spannendes Forschungsprojekt initiiert, das letzte Woche in Gettorf, einer Gemeinde mit rund 6.700 Menschen zwischen Kiel und Eckernförde, startete. Vom 18. Mai bis zum 10. Juni wird die Böll-Stiftung den mobilen CoWorkLand-Space hier aufstellen. Dieser aus detailliert umgebauten Container bestehende Space bietet im Inneren Platz für 6-8 Arbeitsplätze und noch einmal 4 Arbeitsplätze auf der Terrasse. Danach zieht der CoWorkLand-Space weiter.

Bis zum 2. November wird der CoWorkLand-Space an 8 weiteren Standorten zum Einsatz gekommen sein und das Coworking-Konzept an wechselnden Umgebungen getestet haben. Dadurch werden Menschen, nach dem Pendlerhafen Gettorf, auch am Becken des Kreishafen Rendsburg, am Strand Grönwohld, am Strand Brasilien und dem Kieler Waterkant-Festival arbeiten, sowie auch landeinwärts an abgelegeneren Orten wie Schloss Bredeneek, dem Resthof Papenwohld, dem Gut Panker und dem Resthof Großharrie.

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Der Prototyp des CoWorkLand auf dem Waterkant 2017

Dadurch wird Coworking mit verschiedenen Thematiken wie Mobilität, Tourismus und Dritten Orten in einen Zusammenhang gebracht, der weit über die Klischees von im Berliner St. Oberholz am Rosenthaler Platz Kaffee trinkenden Startups hinausgeht. Es zeigt, dass ortsunabhängiges und selbstbestimmtes Arbeiten in Gemeinschaft ein stillbares Bedürfnis ist, das Menschen sowohl in der Stadt als auch auf dem Land teilen. Wie dies wirtschaftlich möglich ist und ob, wird uns das CoWorkLand-Projekt in den nächsten Monaten zeigen.

Wie kann Coworking auf dem Land klappen?

Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein
Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein

Das Forschungsprojekt „CoWorkLand“ der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein kommt zu einer Zeit, in der das Thema Coworking, vor dem Kontext der Entwicklung des ländlichen Raumes, immer öfters diskutiert wird. Beinahe jeden Monat gibt es eine Konferenz oder Tagung dazu in Deutschland. Neben den bereits existierenden Coworking Spaces ist das Projekt hierzulande der erste von der Forschung begleitete Versuch, zu ergründen, wie Coworking Spaces auf dem Land funktionieren könnten. Und vor allem für wen.

Am 15. Juni wird es im Rahmen eines lokalen Startup-Festivals ein Rural Coworking Barcamp am Ammersee geben, zu dem u.a. praxiserfahrene Expert*innen wie Matthias Zeitler vom bulgarischen „Coworking Bansko“, Annika Sass vom „schreibtisch in prüm“ in der Eifel und Doris Schuppe vom „Rayaworx“ auf Mallorca zu Gast sein werden. Dies ist eine sehr gute Gelegenheit, sich dieses bisher kaum erforschte Thema im persönlichen Gespräch mit den Coworking-Pionieren in ländlichen Räumen einmal zu nähern.

Momentan ist viel in Bewegung. Die Politik fragt sich, wie können Orte im Rahmen der nationalen Entwicklungspolitik gefördert werden, Kommunen suchen neue Lösungen für leerstehende Gebäude und gegen die Landflucht der Jugend, während Unternehmen sich durch den Wandel der Arbeitswelt mit neuen Organisationsformen und Incentives für begehrte Talente auseinandersetzen. Zeitgleich passiert schon viel auf dem Land. Manchmal muss man sich nur aus der Stadt auf den Weg machen, beispielsweise in die Altmark.

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Neue Provinz: Der Verlust des Dorfes

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Im Herbst 2008 nahm ich an einer Versammlung im Bürgerhaus des schönen Heidedorfs Lindhorst teil. Mein dort lebender Schwiegervater nahm mich mit, denn mich interessierte dieser demokratische Prozess sehr. Die Menschen aus Lindhorst diskutierten, ob sie im Vorfeld der für 2010 geplanten Gemeindegebietsreform von Sachsen-Anhalt, die 1950 verloren gegangene Unabhängigkeit Lindhorsts in der geplanten Verbandsgemeinde Elbe-Heide fordern sollte, so dass Lindhorst die achte Mitgliedsgemeinde geworden wäre. Oder ob Lindhorst weiterhin ein Ortsteil der Gemeinde Colbitz bleiben würde, welches Mitglied in der Verbandsgemeinde ist, und Lindhorst somit weiterhin ein Teil des Nachbarortes Colbitz bleiben würde.

Es wurde lebhaft diskutiert, am Ende war man sich aber einig, dass Lindhorst es verdient hätte, ein eigenständiger Nachbar von Colbitz zu sein. In der Anfang Januar durchgeführten Bürgerbefragung in der Gemeinde Colbitz, stimmten 666 Menschen für die Ausgliederung der Ortschaft Lindhorst aus der Gemeinde Colbitz. Der Colbitzer Gemeinderat ignorierte den Wunsch, weshalb es zu einem Bürgerbegehren kam. Dieses scheiterte aber an den übermäßig vielen Nein-Stimmen im Ortsteil Colbitz. Das Dorf Lindhorst hörte damit auch organisatorisch auf zu existieren und wurde zu Colbitz.

Das Verschwinden von Dörfern ist ein politisches Ziel

Lindhorst hatte schon 60 Jahre zuvor seine rechtliche Selbständigkeit verloren, nun war es als eine Einheit komplett verschwunden. In den alten Bundesländern ging es vielen Dörfern ähnlich. Zwischen 1960 und 1990 sind rund 16.000 Dörfer in der Bundesrepublik eingemeindet wurden. In den neuen Bundesländern setzte sich dies als gesamtdeutsche Strategie zur Schaffung leistungsfähiger Strukturen in Gemeinden fort. Zwischen 1992 und 2013 verringerte sich die Anzahl der ostdeutschen Gemeinden um 60 Prozent, in Sachsen-Anhalt sogar um 84 Prozent. Die Stadt-Land-Frage wurde hier dadurch sehr skurril aufgelöst, denn eine Trennung zwischen Stadt und Land ist in den 2010 geschaffenen Gemeinden so nicht mehr möglich.

Ort für die Menschen: Das Bürgerhaus in Lindhorst, März 2018
Ort für die Menschen: Das Bürgerhaus in Lindhorst, März 2018

Die Zentralisierung von Verwaltung wird gestärkt, was vor allem Kosten einsparen soll. Ansonsten bleiben den Menschen nur Nachteile durch diese Entwicklung. Annett Steinführer führt in ihrem Beitrag zum Verschwinden von Dörfern aus, dass „die Funktionsverluste und Handlungsspielräume der eingemeindeten Dörfer, [den] Einwohnerinnen und Einwohnern nun für einfachste Formen gesellschaftlicher Teilhabe (wie Nahversorgung oder Behördengänge) eine erhöhte Alltagsmobilität und damit finanzielle und soziale Ressourcen abverlangt“. Die geographische Dorfforschung geht beim Verschwinden von Dörfern bis heute von einer Verschlechterung der lokalen Demokratie und politischer Teilhabemöglichkeiten aus.

Zum Schmunzeln ist, dass durch diese Entwicklung sechs der 20 flächengrößten Gemeinden Deutschlands in Sachsen-Anhalt liegen. Magdeburg und Halle (Saale) zählen aber nicht dazu. Die altmärkische Hansestadt Gardelegen zählt mit ihren 48 Ortsteilen, die sich auf über 632 km² erstrecken, als drittgrößte Stadt Deutschlands – noch vor Köln und München. Und das mit gerade einmal 23.000 Einwohnern. Was es aber bedeutet, in so einer Verbandsgemeinde zu leben, wie weit die Wege zu einer kaum digitalisierten Verwaltung ist, merkt man dann auf den verschwundenen Dörfern der Hansestadt Gardelegen. Es gibt vermutlich viele Enden der Welt. Hier draußen in der Altmark lernt man bei einem Besuch aber gleich mehrere kennen.

Die Menschen sind noch da

Dörfer sterben also sehr selten und historisch gesehen ist das auch nicht ungewöhnlich. Das interdisziplinär ausgerichtete Fachgebiet der Wüstungsforschung beschäftigt sich damit. Jedoch verschwinden Dörfer immer öfters aus politischem Kalkül und das mit weitreichenden Folgen für die Menschen vor Ort. Die sind noch da. Nun sind sie aber weiter entfernt von den politischen Prozessen oder der Kaufhalle, der nächsten Postfiliale und ihrer Bank. Geht auch alles online, mag ein in der Theorie berechtigter Einwand sein. Die Politik hat es aber in den vergangenen Jahrzehnten verschlafen, die Infrastruktur für digitale Teilhabe zu legen und die Verwaltung digital umzubauen, so dass sie den Menschen digital zugänglich ist.

Ehemaliges Postgebäude im Bördedorf Cröchern – heute nur noch ein Briefkasten, Februar 2018
Ehemaliges Postgebäude im Bördedorf Cröchern im Februar 2018 – inzwischen ist es abgerissen.

Eine Neue Provinz zeichnet sich dadurch aus, dass die gesellschaftliche Teilhabe wieder besser möglich ist. Zum einen durch digitale Dienstleistungen, die auf dem Glasfaser-Netz vor Ort aufgebaut werden, zum anderen auch durch intelligentere und vor allem barrierefrei zugängliche Mobilitätslösungen im ländlichen Raum. Raum ist da, Geld oft zweitrangig, aber schnelles Internet und Zugang, auch im Sinne von Mobilität, die Schwachstellen des ländlichen Raums. Dies ist auch eine Folge der Zentralisierung von Verwaltung und dem damit langsamen Verschwinden der Dörfer und ihren gewachsenen Strukturen. Wenn die Politik dem ländlichen Raum helfen möchte, eine Neue Provinz zu schaffen, dann sollte sie hier ansetzen.


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Neue Provinz: Hinter dem Tellerrand liegt die Welt

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Vor drei Jahren saß ich das erste Mal mit dem Bürgermeister der Einheitsgemeinde Tangerhütte, Andreas Brohm, spätabends in einer Gaststätte. Zusammen sprachen wir über die Altmark und das Potenzial im ländlichen Raum. Andreas war noch nicht lange Kommunalpolitiker, er lebte auch noch in Berlin und pendelte rund 75 Minuten zu seinem neuen Arbeitsplatz. Früher arbeitete er als Manager von Musicals und tourte durch ganz Europa. Er war ein Rückkehrer geworden, inzwischen wohnt er auch mit seiner Familie wieder in Tangerhütte, aber einer mit einem anderen Mindset. Vor allem ist er als viel bereister Mensch jemand, der ein anderes Verständnis für Raum hat.

In unserem Gespräch sprach er von den wunderschönen und leerstehenden Fabrikhallen in Tangerhütte und wie praktisch diese für Leute aus der Theater- und Musicalszene wären. Hier, etwas über eine Stunde vor Berlin, gibt es noch Raum, um sich auszuleben oder einfach nur große Bühnenbilder einzulagern. Dabei beschrieb er die Nähe mit einem interessanten Bild: Wenn er einem Musical-Manager aus New York City erzählen würde, dass er die Logistik seines in Berlin aufgeführten Musicals in Tangerhütte lagern könnte, würde dieser wahrscheinlich erst einmal auf der Landkarte nach Tangerhütte suchen müssen, um dann festzustellen, dass es ja nur einen Daumen breit links von Berlin liegt. Perfekt also.

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Das „Daumens links von Berlin“-Prinzip muss verinnerlicht werden.

 

Vor anderthalb Jahren traf ich Sten Tamkivi, einen der Gründer von Teleport, im Büro des besonders sicheren Messengers Wire in Berlin. Wie viele Esten bei Wire arbeitete auch Sten früher bei Skype. Diese Herkunft ist ein Geheimnis hinter der Ausrichtung und auch dem Erfolg von Startups wie Skype und Teleport. „Wenn du etwas in einem so kleinen Land wie Estland gründest, dann denkst du von Beginn an die ganze Welt mit. Es gibt keinen estnischen Markt für den es sich als Unternehmen lohnt, Produkte zu entwickeln“, erklärte mir Tamkivi im Gespräch auf der Dachterrasse überm Hackeschen Markt. Noch so ein Blick vom Kleinen aufs Große. Geprägt von den unendlichen Ausmaßen des virtuellen Raums.

Tamkivis acht Jahre bei Skype prägten auch seinen Blick auf Arbeit. Skype ermöglicht Menschen, von unterwegs mit anderen zusammenzuarbeiten. Die Firma selbst nutzt es auch. „Skype startete in 2003 und ich kam 2005 dazu – um 2006 rum hatten wir bereits 200 Leute an zehn verschiedenen Standorten. Jede Woche musste ich mich fragen, ob wir diese Person dort vor Ort einstellen, ob wir sie bitten sollten nach woanders umzuziehen oder ob wir dort ein Büro eröffnen sollten“, schilderte Tamkivi. Im großen Deutschland lamentieren Unternehmen über einen angeblichen Fachkräftemangel. Währenddessen richtete ein Startup aus dem kleinen Estland seine Prozesse auf eine weltweit agierende Belegschaft aus.

„Kultur isst Strategie zum Frühstück“

Beide Begegnungen zitiere ich oft in meinen Vorträgen über das Potenzial von Coworking im ländlichen Raum. Das Thema wird seit rund zwei Jahren viel diskutiert, ich werde dafür zu vielen Konferenzen eingeladen. In erster Linie um zu erklären, was Coworking ist und ob ein Coworking Space im ländlichen Raum funktionieren kann. In den meisten Fällen tut es das nicht. Nachdem ich aber das Geschäftsmodell eines Coworking Space erklärt habe und darauf hinweise, dass niemand kommen wird, um ein St. Oberholz in Hohenwulsch zu starten, erkläre ich, dass Coworking selbst aber kein Geschäftsmodell ist, sondern eine Kultur, wie man Arbeit und Räume organisieren kann. Und die gilt es vor Ort zu entwickeln.

Dazu braucht es aber andere Blickwinkel. So wie die von Andreas Brohm und Sten Tamkivi. Nur Andersdenker*innen reichen aber auch nicht aus. Kultur isst Strategie zum Frühstück, lautet ein Ausspruch von Petter Stordalen, Gründer und Geschäftsführer der skandinavischen Hotelkette Nordic Choice. Und dieser weist auf einen gängigen Irrtum hin: Nicht Menschen machen Kultur. Es ist genau andersrum. Die Kultur formt die Menschen. Regionen an sich brauchen eine Kultur, die es ihnen ermöglicht, andere Blickwinkel einzunehmen. Eine Kultur, an denen sich die Verwaltung und andere Akteure orientieren können, die inspiriert. So wie es beispielsweise die belgische Stadt Gent seit ein paar Jahren erfolgreich praktiziert.

Neuer Blickwinkel auf die Neue Provinz

Das von Tamkivi gegründete Startup Teleport sammelt über 80 Standortdaten von Orten auf der ganzen Welt. Ortsunabhängig arbeitende Menschen, eher verstörend gerne als Digitale Nomaden bezeichnet, nutzen diese und ähnliche Dienstleistungen. Damit können sie sich nach ihren Vorstellungen eine Rangliste von für sie passenden Orte suchen. Man kann beispielsweise einstellen, wie viel Prozent seines Gehalts man für Miete, Essen, Kultur oder den öffentlichen Personennahverkehr ausgeben möchte. Außerdem auch welche Leistungen es vor Ort geben soll, wie gut das Internet sein soll oder wie sicher oder unternehmerfreundlich der Ort sein soll, wenn man dort hinziehen sollte. Die Welt wird so zu einem Dorf.

Tobias Kremkau - Image com
Es braucht neue Blickwinkel auf die Provinz.

Zugegeben, es ist ein Gedankenexperiment. Mehr noch nicht. Aber lassen Sie sich bitte einmal darauf ein. Wenn Arbeit heute ortsunabhängig und dezentral organisiert ist, was sie ist, und uns der Neoliberalismus neben vielen gesellschaftlichen Nachteilen zumindest preiswertes Reisen ermöglicht, ist die Frage, die wir uns stellen sollten: Von wo möchte ich arbeiten? Unsere Vorstellungen von Arbeit sagen auch viel darüber aus, wie wir unser Leben gestalten und was uns wichtig ist. Wenn nun in einer Rangliste wie der von Teleport, für Sie selbst als Ergebnis rauskommt, dass Sie eher nach Werben an der Elbe oder Bali ziehen sollten, würden Sie es tun? Nein? Nun gut, andere Menschen machen das aber schon heutzutage.

Vor allem Gründer*innen und Freelancer, die in der digitalen Kreativwirtschaft arbeiten, handeln bereits heute derartig konsequent. Zum Teil müssen sie es, da sie auf andere Standortfaktoren angewiesen sind als Festangestellte. Wenn jetzt ein altmärkisches Nest wie das durchaus malerische Werben bei Teleport eine Top-Platzierung landet, da die Kommune vielleicht Glasfaser-Internet besitzt, einen guten Verkehrsanschluss an Hamburg und Berlin, preiswerte Mieten, sowieso viel Platz und eine Willkommenskultur für Zugezogene oder eine effiziente Wirtschaftsförderung für Entrepreneure hat, dann könnten Menschen sich auf den Weg an die Elbe machen. Wenn Werben denn sichtbar für diese Menschen ist.

Erst Stendal, dann London… oder so

Kommunen müssen verstehen, dass sie im globalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit stehen. Und, dass diese Zielgruppe interessant für sie ist. Allein zu erkennen, dass das Menschen sind, die ihre Arbeit mitbringen, also Einkommen, aus dem sie dann vor Ort ihre Steuern zahlen, scheint viele Kommunen noch zu überfordern. Statt mithilfe der Coworking-Kultur Räume für ortsunabhängige Arbeit und interdisziplinären Austausch der Anwohner*innen zu entwickeln, werden große Unternehmen durch Steuererleichterungen zum kurzfristigen Ansiedeln geködert. Diese bringen oft wenig gut bezahlte Jobs mit, aber in den meisten Fällen sowieso keinerlei Perspektive für eine zukunftsfähige Arbeitswelt.

Orte in der Peripherie von Metropolen, durch schnelle Züge mit hoher Taktung und Internet gut an diese angeschlossen, selbst das Zentrum des sie umschließenden ländlichen Raums, müssen den Blickwinkel des „Daumens links von Berlin“-Prinzips verinnerlichen. Sie müssen u.a. die Struktur für eine moderne Arbeitswelt legen und sich weltweit auffindbar machen. Was wie eine Ansiedlungspolitik für Flat Whites schlürfende Expats klingt, hilft auch den Menschen vor Ort. Diese brauchen die gleichen Bedingungen, aber auch Impulse von außen. Jemand aus São Paulo oder Shenzhen, mit einer die Welt verändernden Idee, muss Stendal für sich wichtiger als London bewerten. Oder Prüm in der Eifel. Oder Finsterwalde.

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Neue Provinz: Der ländliche Raum braucht Glasfaser statt Kupfer

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Das Wort „möglichst“ steht im angestrebten Koalitionsvertrag zwischen den Unionsparteien und den Sozialdemokraten genau 22 Mal drin. Bereits bei der zweiten Verwendung des Adverbs geht es indirekt um den ländlichen Raum. Genau genommen geht es um den Breitbandausbau. Die beiden ehemals als Volksparteien bezeichneten Koalitionspartner CDU/CSU und SPD wollen gemeinsam die Gigabit-Netze in alle Regionen bringen… auf einmal, denkt man sich insgeheim. Dafür planen sie zehn bis zwölf Milliarden Euro, um flächendeckende Glasfaser-Netze möglichst direkt bis zum Haus zu ermöglichen.

Da war es. Ist es Ihnen aufgefallen? „Möglichst“. Die Glasfaser-Netze sollen „möglichst direkt bis zum Haus“ kommen, steht in dem von den Parteien noch zu beschließendem Vertragswerk. Doch bei diesem Thema zeigt sich auch der ganze Ärger des Wortes „möglichst“. Das Wort bedeutet leider nichts anderes als „wie sich ermöglichen lässt“ oder „wenn möglich“, also auch „wenn es sich ermöglichen lässt“. Zumindest laut Duden. Dort werden unter anderem auch zwei Synonyme für „möglichst“ angeboten: „besser“ und „klugerweise“. Beide Worte hätte ich lieber im Koalitionsvertrag gelesen als besagtes „möglichst“.

Dann würden die Politiker*innen der alten und auch neuen Großen Koalition vereinbaren, dass „flächendeckende Glasfaser-Netze klugerweise direkt bis zum Haus“ gebaut werden. Das klingt doch schon ganz anders. Allerdings wohl auch nur in den Ohren von uns leidgeplagten Bürgern – in der Stadt und auf dem Land. Denn in den Ohren der Deutschen Telekom klingt das alles andere als gut. Es würde nämlich verhindern, dass sie aus dem jetzigen Mangel der Infrastruktur auch noch ein gutes Geschäft machen könnten. Dann wären sie womöglich noch genötigt, selber Glasfaser-Netze bis zum Haus zu bauen.

Nur Marktversagen, wenn die Deutsche Telekom es will

Genau diese sind aber nötig, um den ländlichen Raum attraktiv für die Menschen und auch Unternehmen zu machen. Seit zwei Jahren verfolge ich den Kampf um bessere Glasfaser-Netze in der Region. In der Altmark will man nicht mehr auf die Politik warten. Bereits vor über fünf Jahren gründete sich der Zweckverband Breitband Altmark, ein Zusammenschluss von 20 Gemeinden aus den zwei Landkreisen der Altmark, die gemeinsam das schaffen wollten, was die Deutsche Telekom der Region im Norden von Sachsen-Anhalt verwehrt(e): Glasfaser-Netze. 2016 begann der Ausbau der 4.700 Quadratkilometern großen Region.

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Unser Autor Tobias Kremkau in der Altmark, die viel Platz, aber wenig Netz hat.

Dies rief die Deutsche Telekom auf den Plan. Nach Jahren des Nichtstuns wollte das Unternehmen doch ausbauen – mit Vectoring-Technik. Diese ermögliche Anschlussgeschwindigkeiten von bis zu 100 MBit/s, der Zweckverband setzt auf Glasfaser-Netze mit 300 MBit/s und auch 500 MBit/s Geschwindigkeit. „Das Problem ist, dass das private Unternehmen auch noch wunderbar mit Kupferkabeln verdient“, erklärt Andreas Brohm, Bürgermeister von Tangerhütte. Als er laufende Bauarbeiten der Telekom stoppen lässt, eskalierte die Situation. Der Streit ist nun deutschlandweit ein Thema.

Brohm sieht in Glasfaser einen Standortvorteil, den die Region dringend braucht. Bernd Beckert, Innovationsforscher am Frauenhofer-Institut, stimmt ihm im Gespräch mit den Netzpiloten zu: „Aus Innovationssicht ist Vectoring suboptimal, eine Brückentechnologie.“ Für ihn haben Initiativen wie der Zweckverband deshalb Pioniercharakter. Sie könnten langfristig dafür sorgen, dass Deutschland beim Glasfaser-Ausbau im internationalen Ländervergleich aufschließt. „Der Schritt speist sich aus dem Versorgungsgedanken, dass Breitband genauso wichtig ist wie Wasser und Strom,“ erklärt Beckert nachvollziehbar.

Schnelles Internet ist Grundlage von einfach allem

Doch privatwirtschaftliche Investitionen von Telekom & Co. fehlen nicht nur in der Altmark. Im baden-württembergisch Karlsdorf können sie Ähnliches berichten: Die Telekom ignorierte Anfragen nach Netzausbau, woraufhin die Gemeinde selber tätig wurde und Glasfaser-Kabel verlegte. Erst danach baute auch die Telekom aus, die Straße wurde ein weiteres Mal aufgerissen und ein Telekom-Kabel verlegt. Nun droht der Gemeinde der Verlust der Investition von 500.000 Euro, wenn sich Anwohner*innen für das Angebot der Telekom entscheiden. Das gleiche passiert auch im Nachbarort Forst. Das Satiremagazin extra3 berichtete darüber:

Im brandenburgischen Finsterwalde wollte man ähnlich wie in der Altmark nicht mehr auf die Versprechen der Politik warten. Bereits vor vier Jahren stiegen die Stadtwerke Finsterwalde ins Glasfaser-Geschäft ein und versorgen inzwischen die halbe Stadt mit Glasfaser-Kabeln. Statt auf staatliche Förderprogramme setzen sie auf Unternehmen aus der Region. So können sie teilweise die 20-fache Geschwindigkeit der privaten Konkurrenz anbieten und sparen mehr als ein Drittel der Ausbaukosten, indem sie sich an sowieso geplante Straßenbauprojekten wie die Erneuerung der Straßenbeleuchtung dranhängen.

Klugerweise warten Kommunen nicht mehr auf die Landes- oder Bundespolitik, die in einer einmaligen Art und Weise den Wandel bisher verschlafen haben. Egal ob in der Stadt oder auf dem Land, die Menschen brauchen Glasfaser-Netze für einen schnellen Zugang zum Internet. Dies ist sowohl Grundlage der neuen Arbeitswelt, die aufgrund der Digitalisierung ortsunabhängig und damit genauso in ländlichen Regionen entstehen, als auch der privaten Gestaltung seines eigenen Lebens und der Teilhabe an unserer auch online stattfindenden Gesellschaft. Ohne schnelles Internet kann es keine neue Provinz geben.



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Neue Provinz: Coworking in der Peripherie

Tobias Kremkau

Vor über zwei Jahren trat ich die Stelle als Coworking Manager des St. Oberholz in Berlin an. An diesem urbanen Hotspot hat man viel mit der Zukunft der Arbeit zu tun. Dies liegt wahrscheinlich zum einen in der Natur eines Coworking Space, aber unsere Nachbarn rund um den Rosenthaler Platz sind unter anderem das Jobsharing-Startup Tandemploy, das Stahlindustrie-Startup kloeckner.i und die TA Zukunftsfabrik des Dokumentenmanagement-Experten TA Triumph-Adler. Ich befinde mich also in sehr guter Gesellschaft, wenn es um Fragen der Zukunft der Arbeit geht.

Doch ein Teilaspekt der Zukunft der Arbeit ist seitdem sehr präsent in meinem Arbeitsalltag und dieser mag auf den ersten Blick so gar nicht zur Torstraße passen: der ländliche Raum. Dass das Thema in den letzten Monaten auch verstärkt in den Feuilletons dieses Landes diskutiert wurde, überraschte mich kaum. Durch das Thema Coworking merke ich bereits seit 2015, dass dieses Thema bewegt. Dieser Entwicklung, die älter und weitreichender ist, möchte ich mit dieser neuen Netzpiloten-Kolumne Rechnung tragen und mich mehr mit dem ländlichen Raum beschäftigen.

Mit der Begrifflichkeit der Neuen Provinz versuche ich die Bedeutung dieser Veränderungen, die wir im ländlichen Raum heutzutage sehen können, zu würdigen und sie in eine Reihe mit den Ideen der Neuen Arbeit und der Neuen Räume zu stellen. Provinz galt bisher als ein doch sehr abwertender Begriff für eine Gegend, die im Vergleich zur Großstadt wenig zu bieten hat. Genau dies scheint mit in der Neuen Provinz, durch Digitalisierung und einen Sinneswandel bei den lokalen Akteuren, inzwischen überwunden zu sein bzw. überwunden werden zu können.


Das Thema Coworking lenkte meinen Blick auf den ländlichen Raum, es soll deshalb auch den Auftakt für diese Kolumne darstellen. Im Sommer 2015 reiste ich mit meiner Frau für zwei Monate durch Europa, wir besuchten Coworking Spaces zwischen Barcelona und Stockholm. Die Coworking-Szenen anderer Länder sind mit der in Deutschland kaum zu vergleichen. In schwachen oder stagnierenden Wirtschaften blüht Coworking auf. In Frankreich stießen wir dann auch auf Coworking Spaces im ländlichen Raum, meist Ableger von Spaces aus der Stadt.

Das Pariser Coworking Space La Mutinerie eröffnete 2015 im beschaulichen Saint-Victor-de-Buthon, rund zwei Stunden vor Paris, einen weiteren Standort. Hier wird Coworking mit Coliving verbunden. Eine Folge war, dass sechs Coworking-Mitglieder aus Paris aufs Land zogen, wie mir Mitgründer Eric Van den Broek erklärte. Für diese Menschen war der Zugang zu einer Gruppe gleichgesinnter Menschen entscheidend. Erst als dies durch das Coworking Space gegeben war, zogen sie aufs Land, wo man preiswerter mit seiner Familie leben kann.

Das Lyoner Coworking Space La Cordée ist stets mit den Wünschen seiner Community gewachsen. Als die Member ein Space in Paris wollten, da sie dort öfters geschäftlich zu tun hatten, kamen die beiden Gründer Julie Pouliquen und Michael Schwartz diesem Wunsch nach und eröffneten einen Ableger in Nähe des Gare du Lyon. Inzwischen gibt es La Cordée Coworking Spaces in ganz Frankreich und so auch in dem französischen Alpendorf Morez. Dieses hatte sich um La Cordée bemüht, das wiederum einen Ort in den Alpen für die eigene Community suchte.

Und wie steht es um Deutschland?

Das La Mutinerie Village und das La Cordée Morez sind nur zwei Beispiele aus Frankreich, die hervorragend aufzeigen, worauf es ankommt – Anschluss an eine urbane Community – und welche Effekte ein Coworking Space auf dem Land haben kann – Zuzug von ortsunabhängig arbeitenden Menschen. In Deutschland gibt es inzwischen auch Beispiele wie die aus Frankreich, wenn auch weniger und vergleichsweise noch nicht so weit entwickelt. Und mit einem Unterschied: hierzulande ist das Mittelzentrum der bessere Standort als das Dorf selbst.

Das Coworking 0711 aus Stuttgart hat im vergangenen Jahr, rund 30 km südwestlich der Landeshauptstadt im beschaulichen Herrenberg, einen Coworking Space für pendelnde Coworker aus der Region eröffnet. Auf Initiative der lokalen Politik gibt es ähnliche Projekte unter anderem in Prüm in der Eifel und im brandenburgischen Finsterwalde. Sie alle haben die Menschen vor Ort im Fokus, die für ihre Arbeit in die nächstgelegene Großstadt pendeln (was schlecht für die Umwelt und die eigene Gesundheit ist), obwohl ihre Arbeit teilweise auch ortsunabhängig möglich wäre.

Deshalb ist ein guter Verkehrsanschluss an eine Großstadt, sowohl mit dem Zug als auch mit dem Auto, ein entscheidender Faktor. Ein Coworking Space sollte nicht auf einem Dorf sein, dort wird es sehr wahrscheinlich auch nicht funktionieren, sondern in einem Mittelzentrum liegen und von da in den ländlichen Raum wirken. Doch noch ist Coworking Space ein schwieriges Geschäftsmodell in Deutschland, weshalb es neue Akteure braucht, die Coworking in die Peripherie tragen und dort betreiben. Ein Akteur könnten beispielsweise Banken sein.

Next: Coworking in Frankfurt (Oder)

In den vergangenen Monaten habe ich in beratender Tätigkeit für die Sparda-Bank Berlin eG an einem Projekt mitgearbeitet, das zum Ziel hat, noch diesen Sommer das erste Coworking Space in Frankfurt (Oder) zu eröffnen. Unter dem Namen Blok O entsteht im ehemaligen Kinderkaufhaus auf der Magistrale ein Ort, der Coworking Space und Bankfiliale zukünftig miteinander verbinden soll (Blok O geht auf die Bezeichnung des Objekts in den historischen Bauplänen der Magistrale zurück). Dies wird die Stadt und auch diesen Teil von Brandenburg beeinflussen.

Drei Punkte sind an Blok O besonders spannend: Erstens, eine Bank gründet ein Coworking Space, in dem es zugleich ein Member wie alle anderen sein wird und nicht der Vermieter. Zweitens, eine multikulturelle Stadt wie Frankfurt (Oder) bekommt mit dem Coworking Space einen mehrsprachigen Ort des Miteinanders, den viele Einwohner*innen eher dem polnischen Słubice zugetraut hätten als der linken Oderseite. Und Drittens, in einer Pendler*innenstadt wie Frankfurt (Oder) gibt es nun einen Ort für kollaboratives und ortsunabhängiges Arbeiten.

Coworking BLOKO Ansgar Oberholz und Martin Laubisch
Coworking-Pionier Ansgar Oberholz und Sparda-Bank Berlin-Vorstand Martin Laubisch präsentieren Blok O in Frankfurt (Oder). Bild: Sparda-Bank Berlin eG

Ich bin gespannt zu sehen, wie genossenschaftliches Coworking in der Neuen Provinz, zu der damit Frankfurt (Oder) samt Umland gezählt werden kann, funktionieren und vor allem wirken kann. Das St. Oberholz wird ein Mitbetreiber des Blok O werden, ich werde also auch viel vor Ort sein können. Das Projekt könnte der konzeptionelle Beweis werden, wie und vor allem von wem Coworking betrieben werden muss, damit diese Idee der Organisation von Arbeit bisher strukturschwachen Gegenden Anschluss an die Zukunft der Arbeit geben kann.

#Landrebellen auf der Grünen Woche

Diese Woche fand auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin das Zukunftsforum Ländliche Entwicklung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft statt. Auf dem Panel „Die neuen Landrebellen: Nach der digitalen Revolution ist vor dem Kulturwandel“ diskutierte ich mit anderen Akteuren die Möglichkeiten der Digitalisierung für den ländlichen Raum. Besonders interessant waren aber die Menschen, die mir nach der Veranstaltung von ihren Plänen und Überlegungen zu Coworking im ländlichen Raum erzählten. 2018 wird ein spannendes Jahr.

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