Neue Provinz: Digitalisierung als politisches Ziel

Mitte März wurde ich von einer Fraktion des Landtags von Sachsen-Anhalt zu deren Klausurtagung nach Stendal eingeladen. Wer schon ein oder zwei Neue-Provinz-Kolumnen auf Netzpiloten.de gelesen hat, kennt meine Beziehung und Affinität zu Stendal. Ich bin einfach mit meinem ganzen Herz der Altmark verbunden.

Auf der Klausurtagung sollte ich einen Impuls dazu geben, welche Möglichkeiten der ländliche Raum durch die Digitalisierung haben könnte. In der Vorbereitung für meinen Vortrag las ich noch einmal meinen Kolumnenbeitrag vom April 2018, in dem ich mich bereits einmal mit der Situation in Sachsen-Anhalt beschäftigte.

Dabei wurde mir einmal mehr bewusst, dass die Digitalisierung kein einziges Problem des ländlichen Raums lösen kann. Sie ist kein Allheilmittel, dass die Fehler einer falschen Politik für den ländlichen Raum von heute auf morgen verschwinden lassen wird. Es braucht eine Politik, die die Lebensverhältnisse der Menschen verbessert.

Früher war es nicht besser als heute.

Trotz meiner Kritik an der Politik für den ländlichen Raum, muss man lobend betonen, dass bisher keine einzige Landesregierung von Sachsen-Anhalt den ländlichen Raum je aufgegeben hat. Es wurden Fehler gemacht, aber es war stets das Ziel, überall im Land eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse zu erreichen.

Die bisherigen Gemeindegebietsreformen waren voll guter Intentionen. In der Realität haben sie aber zu einem Abbau der Strukturen und der Möglichkeiten der Menschen geführt. Soziale Teilhabe und Mobilität verlangen den Menschen mehr Ressourcen ab als je zuvor. Eine digitale Infrastruktur wurde versäumt zu schaffen.

Es ist auch viel passiert. Wer sich Fotos von den Dörfern und Städten der Altmark kurz nach 1990 anschaut und dann heute durch die Orte kommt, wird sehen, dass sich vieles auch verbessert hat. Noch geht es nicht allen gut, aber vielen geht es wesentlich besser. Nicht wenige sind weggegangen, bevor es soweit war.

Dies darf man niemanden verübeln. Es lohnt sich, sein Zuhause zu verlassen und in die Welt zu gehen. Ein jeder Mensch soll und muss sein eigenes Leben führen. Falls es einen wieder dahin zurück verschlägt, wo man aufgewachsen ist, kann die Region nur von dem Wissen profitieren, das man selbst gemacht hat und mitbringt.

Politische Sackgassen gibt es bereits genug, neue Wege müssen eingeschlagen werden (Bild: Tobias Kremkau)

Es gibt nicht die eine Digitalisierung.

Damit Menschen zurückkommen, damit andere bleiben, müssen sämtlichen Themenfelder der Politik bearbeitet werden. Sei es Infrastruktur, Verkehr, Gesundheit, Soziales, Bildung, Wirtschaft oder Kultur. Sie alle befinden sich in ihrem eigenen digitalen Wandel. Es gibt nicht die eine Digitalisierung. Alles wird digital(er).

Digitalisierung selbst ist kein Ziel und auch keine Strategie. Sie ist ein Element in den verschiedenen Politikfeldern und kann nicht mehr ignoriert werden. Im Vordergrund müssen die Menschen stehen. Das Digitale ist heutzutage sowieso nicht mehr vom Leben der Menschen getrennt zu betrachten; ob in der Stadt oder auf dem Land.


Image by Katharina-Franziska Kremkau

Tobias Kremkau

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


Artikel per E-Mail verschicken
Schlagwörter: , , , , , , ,