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Neue Provinz: Digitalisierung als politisches Ziel

Mitte März wurde ich von einer Fraktion des Landtags von Sachsen-Anhalt zu deren Klausurtagung nach Stendal eingeladen. Wer schon ein oder zwei Neue-Provinz-Kolumnen auf Netzpiloten.de gelesen hat, kennt meine Beziehung und Affinität zu Stendal. Ich bin einfach mit meinem ganzen Herz der Altmark verbunden.

Auf der Klausurtagung sollte ich einen Impuls dazu geben, welche Möglichkeiten der ländliche Raum durch die Digitalisierung haben könnte. In der Vorbereitung für meinen Vortrag las ich noch einmal meinen Kolumnenbeitrag vom April 2018, in dem ich mich bereits einmal mit der Situation in Sachsen-Anhalt beschäftigte.

Dabei wurde mir einmal mehr bewusst, dass die Digitalisierung kein einziges Problem des ländlichen Raums lösen kann. Sie ist kein Allheilmittel, dass die Fehler einer falschen Politik für den ländlichen Raum von heute auf morgen verschwinden lassen wird. Es braucht eine Politik, die die Lebensverhältnisse der Menschen verbessert.

Früher war es nicht besser als heute.

Trotz meiner Kritik an der Politik für den ländlichen Raum, muss man lobend betonen, dass bisher keine einzige Landesregierung von Sachsen-Anhalt den ländlichen Raum je aufgegeben hat. Es wurden Fehler gemacht, aber es war stets das Ziel, überall im Land eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse zu erreichen.

Die bisherigen Gemeindegebietsreformen waren voll guter Intentionen. In der Realität haben sie aber zu einem Abbau der Strukturen und der Möglichkeiten der Menschen geführt. Soziale Teilhabe und Mobilität verlangen den Menschen mehr Ressourcen ab als je zuvor. Eine digitale Infrastruktur wurde versäumt zu schaffen.

Es ist auch viel passiert. Wer sich Fotos von den Dörfern und Städten der Altmark kurz nach 1990 anschaut und dann heute durch die Orte kommt, wird sehen, dass sich vieles auch verbessert hat. Noch geht es nicht allen gut, aber vielen geht es wesentlich besser. Nicht wenige sind weggegangen, bevor es soweit war.

Dies darf man niemanden verübeln. Es lohnt sich, sein Zuhause zu verlassen und in die Welt zu gehen. Ein jeder Mensch soll und muss sein eigenes Leben führen. Falls es einen wieder dahin zurück verschlägt, wo man aufgewachsen ist, kann die Region nur von dem Wissen profitieren, das man selbst gemacht hat und mitbringt.

Politische Sackgassen gibt es bereits genug, neue Wege müssen eingeschlagen werden (Bild: Tobias Kremkau)

Es gibt nicht die eine Digitalisierung.

Damit Menschen zurückkommen, damit andere bleiben, müssen sämtlichen Themenfelder der Politik bearbeitet werden. Sei es Infrastruktur, Verkehr, Gesundheit, Soziales, Bildung, Wirtschaft oder Kultur. Sie alle befinden sich in ihrem eigenen digitalen Wandel. Es gibt nicht die eine Digitalisierung. Alles wird digital(er).

Digitalisierung selbst ist kein Ziel und auch keine Strategie. Sie ist ein Element in den verschiedenen Politikfeldern und kann nicht mehr ignoriert werden. Im Vordergrund müssen die Menschen stehen. Das Digitale ist heutzutage sowieso nicht mehr vom Leben der Menschen getrennt zu betrachten; ob in der Stadt oder auf dem Land.


Image by Katharina-Franziska Kremkau

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Neue Provinz: Über Diversität und Indifferenz auf dem Land

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Vor ungefähr zwei Jahren erschien in der Welt ein Interview mit dem an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrenden Soziologen Prof. Dr. Armin Nassehi zum Thema Rechtspopulismus. Nassehi äußerte darin den sehr interessanten Gedanken, dass „Urbanität ein Lebensstil ist, in dem man Indifferenz einüben kann, in dem man sich damit arrangiert, dass die Gesellschaft nicht aus einem Guss ist.“ In der Konsequenz sieht er darin die gesellschaftliche Aufgabe, auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft Alternativen anzubieten, um nicht die Ränder zu Alternativen aufzuwerten.

Dieses Interview erschien ein paar Monate nachdem die als Sammelbecken für Rechtspopulisten und Rechtsextremisten fungierende Partei Alternative für Deutschland (AfD) beachtliche Erfolge bei Landtagswahlen feiern konnte, unter anderem auch in Sachsen-Anhalt. Ich komme von da, bin Ende der Neunziger Jahre mit dem bisherigen Peak an rechter Gewalt aufgewachsen. Der Rechtsextremismus war damals in den Städten genauso spürbar wie auf dem Land. Vor allem die mir sehr am Herzen liegende Altmark war damals eine Hochburg für Nazi-Kameradschaften. Auch heute gibt es hier noch Probleme.

Was sich aber meiner Meinung nach geändert hat, und diese subjektive Wahrnehmung kann und soll gerne kommentiert werden, ist die gesellschaftliche Vielfalt im ländlichen Raum. Nassehis Lob auf das Urbane, die Konfrontation mit Indifferenzen, sehe ich persönlich gar nicht mehr auf die Großstadt begrenzt. Das Leben auf dem Land ist gar nicht mehr so anders als das Leben in der Stadt. Damit möchte ich nicht die kulturellen und regionalen Eigenheiten in Abrede stellen. Auch sie haben ihre Bedeutung und sind ein wichtiger Teil unseres kulturellen Erbes. Ich meine damit eher den Alltag.

Mir kommt es manchmal so vor, dass wenn ich beispielsweise einmal wieder in Stendal unterwegs bin, dass ich mehr Diversität wahrnehme als beispielsweise im homogenen Friedrichshain, wo ich wohne. Selbstverständlich treffe ich hier Menschen aus allen Enden der Welt, aber sie sind mir doch sehr ähnlich in ihrem Nutzungs- und Konsumverhalten. Wir fahren gerne mit einem Car2go kurz einkaufen, trinken Flat Whites in einem der unzähligen Straßencafés und kommunizieren nebenbei vom Smartphone aus mit Kunden und Kollegen. Künstliche Konstrukte wie Nationalitäten haben keine Auswirkung auf uns.

Gesellschaftliche Indifferenz im ländlichen Raum

Ich treffe in Friedrichshain Menschen aus anderen Ländern, die mir aber sehr ähnlich sind. In Stendal treffe ich Menschen aus anderen Ländern, die ein komplett anderes Leben als ich leben müssen. Sie haben hierzulande Zuflucht gesucht und sind in Landstriche wie die Altmark geschickt wurden. Diese Zuflucht gesucht habenden Menschen sind Elend und Krieg entflohen. Ihre Schicksale gehen einem nahe. Sie erzeugen eine Indifferenz zu den bisher lebenden Menschen. Das erzeugt Herausforderungen, zwingt aber auch sich mit Veränderungen zu arrangieren und für neue Entwicklungen offen zu sein.

Genauso wie auch Rückkehrer*innen, also Menschen, die im ländlichen Raum aufgewachsen sind, diesen verlassen haben und sich dann wieder entschlossen haben zurückzukehren. Sie haben woanders gelebt, andere Erfahrungen gemacht und neue Sachen gelernt, die sie so niemals erlebt hätten, wenn sie geblieben wären. Diese Menschen bringen neue Impulse mit, wollen Sachen anders machen als wie man sie vor Ort stets gemacht hat. Auch dies ist eine Herausforderung für das Etablierte und zwingt, sich mit der Indifferenz der Ansichtsweisen zu beschäftigen, neue Ideen zu tolerieren und auch zu testen.

Doch nicht nur Zugezogene und Zurückgekehrte sind Quellen für Indifferenz, sondern auch die Menschen von vor Ort, die gesellschafliche Veränderungen genauso mittragen und vorantreiben wie Menschen in der Stadt. Auf Instagram bin ich erst diese Woche auf das Profil thegayfarmers gestoßen, auf dem als Landwirte arbeitende Männer und Frauen zu ihrer LGBTQIA-Identität stehen. Die Menschen kommen aus allen Teilen der Welt. Lutz Staacke erklärt in einem Thread auf Twitter, anlässlich des ersten schwulen Landwirts aus Deutschland, der auf Instagram gefeatured wird, wie es zu diesem Instagram-Profil kam:

Das Landleben ist bunt(er)?

Diese Beobachtungen, diese persönlichen Wahrnehmungen meinerseits, lassen mich das Landleben bunter betrachten als ich bisher dachte. Allerdings lebe ich noch nicht im ländlichen Raum. Als weißer, hetereosexueller Mann in seinen dreißiger Jahren bin ich auch vermutlich die letzte Person, die Akzeptanz für Diversität wirklich wahrnehmen kann. Mich begeistert Indifferenz, ich halte sie für wichtig, allerdings kann sie womöglich auch für andere Druck bedeuten. Ich freue mich deshalb über einordnende Argumente, die Ansichten erweiternde Meinungen und auch Kritik, die vielleicht trotz bester Absichten nötig sein könnte.

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Neue Provinz: Forschungsprojekt CoWorkLand

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Ich glaube fest daran, dass Coworking Spaces auch auf dem Land funktionieren können. Genau genommen weiß ich es sogar, denn ich habe solche Coworking Spaces schon besucht und inzwischen von noch mehr gehört und gelesen. Vor fast drei Jahren besuchte ich auf einer Reise durch Frankreich die ersten Coworking Spaces im ländlichen Raum. Schon damals berichtete ich über diese Beobachtung auf Netzpiloten, genau wie in der ersten Ausgabe dieser Kolumne über die Entwicklung des ländlichen Raumes hin zu einer Neuen Provinz.

Inzwischen sind auch in Deutschland Coworking Spaces im ländlichen Raum entstanden. Das wohl berühmteste ist vermutlich das „Coconat“ bei Bad Belzig. Doch inzwischen gibt es allein in Brandenburg mit dem „Alte Schule“ in Letschin, dem „Havelprater“ in Briest und „Dein Arbeitszimmer“ in Finsterwalde weitere besuchenswerte Beispiele. Diese Entwicklung ist bundesweit zu beobachten: vom „Alter Heuboden“ in Felde im hohen Norden bis hin zum „Denkerhaus“ am Ammersee in Bayern gibt es schon Coworking Spaces auf dem Land.

Das Geschäftsmodell eines Coworking Spaces halte ich aber, mit der Erfahrung aus dem St. Oberholz, nur für sehr schwer auf dem Land umzusetzen. Die oben genannten Beispiele sind entweder mit einem städtischen Coworking Space und damit einer Community verbunden, an ein anderes Geschäftsmodell angeschlossen, wie zum Beispiel einer Agentur, oder solidarisch als Genossenschaft organisiert, oder durch staatliche Fördergelder unterstützt. Coworking klappt auf dem Land, aber kann das auch ein Coworking Space?

HBS-Forschungsprojekt in Schleswig-Holstein: CoWorkLand

Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein
Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein

Die Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein hat dazu mit „CoWorkLand“ ein sehr spannendes Forschungsprojekt initiiert, das letzte Woche in Gettorf, einer Gemeinde mit rund 6.700 Menschen zwischen Kiel und Eckernförde, startete. Vom 18. Mai bis zum 10. Juni wird die Böll-Stiftung den mobilen CoWorkLand-Space hier aufstellen. Dieser aus detailliert umgebauten Container bestehende Space bietet im Inneren Platz für 6-8 Arbeitsplätze und noch einmal 4 Arbeitsplätze auf der Terrasse. Danach zieht der CoWorkLand-Space weiter.

Bis zum 2. November wird der CoWorkLand-Space an 8 weiteren Standorten zum Einsatz gekommen sein und das Coworking-Konzept an wechselnden Umgebungen getestet haben. Dadurch werden Menschen, nach dem Pendlerhafen Gettorf, auch am Becken des Kreishafen Rendsburg, am Strand Grönwohld, am Strand Brasilien und dem Kieler Waterkant-Festival arbeiten, sowie auch landeinwärts an abgelegeneren Orten wie Schloss Bredeneek, dem Resthof Papenwohld, dem Gut Panker und dem Resthof Großharrie.

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Der Prototyp des CoWorkLand auf dem Waterkant 2017

Dadurch wird Coworking mit verschiedenen Thematiken wie Mobilität, Tourismus und Dritten Orten in einen Zusammenhang gebracht, der weit über die Klischees von im Berliner St. Oberholz am Rosenthaler Platz Kaffee trinkenden Startups hinausgeht. Es zeigt, dass ortsunabhängiges und selbstbestimmtes Arbeiten in Gemeinschaft ein stillbares Bedürfnis ist, das Menschen sowohl in der Stadt als auch auf dem Land teilen. Wie dies wirtschaftlich möglich ist und ob, wird uns das CoWorkLand-Projekt in den nächsten Monaten zeigen.

Wie kann Coworking auf dem Land klappen?

Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein
Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein

Das Forschungsprojekt „CoWorkLand“ der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein kommt zu einer Zeit, in der das Thema Coworking, vor dem Kontext der Entwicklung des ländlichen Raumes, immer öfters diskutiert wird. Beinahe jeden Monat gibt es eine Konferenz oder Tagung dazu in Deutschland. Neben den bereits existierenden Coworking Spaces ist das Projekt hierzulande der erste von der Forschung begleitete Versuch, zu ergründen, wie Coworking Spaces auf dem Land funktionieren könnten. Und vor allem für wen.

Am 15. Juni wird es im Rahmen eines lokalen Startup-Festivals ein Rural Coworking Barcamp am Ammersee geben, zu dem u.a. praxiserfahrene Expert*innen wie Matthias Zeitler vom bulgarischen „Coworking Bansko“, Annika Sass vom „schreibtisch in prüm“ in der Eifel und Doris Schuppe vom „Rayaworx“ auf Mallorca zu Gast sein werden. Dies ist eine sehr gute Gelegenheit, sich dieses bisher kaum erforschte Thema im persönlichen Gespräch mit den Coworking-Pionieren in ländlichen Räumen einmal zu nähern.

Momentan ist viel in Bewegung. Die Politik fragt sich, wie können Orte im Rahmen der nationalen Entwicklungspolitik gefördert werden, Kommunen suchen neue Lösungen für leerstehende Gebäude und gegen die Landflucht der Jugend, während Unternehmen sich durch den Wandel der Arbeitswelt mit neuen Organisationsformen und Incentives für begehrte Talente auseinandersetzen. Zeitgleich passiert schon viel auf dem Land. Manchmal muss man sich nur aus der Stadt auf den Weg machen, beispielsweise in die Altmark.

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Neue Provinz: Der Verlust des Dorfes

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Im Herbst 2008 nahm ich an einer Versammlung im Bürgerhaus des schönen Heidedorfs Lindhorst teil. Mein dort lebender Schwiegervater nahm mich mit, denn mich interessierte dieser demokratische Prozess sehr. Die Menschen aus Lindhorst diskutierten, ob sie im Vorfeld der für 2010 geplanten Gemeindegebietsreform von Sachsen-Anhalt, die 1950 verloren gegangene Unabhängigkeit Lindhorsts in der geplanten Verbandsgemeinde Elbe-Heide fordern sollte, so dass Lindhorst die achte Mitgliedsgemeinde geworden wäre. Oder ob Lindhorst weiterhin ein Ortsteil der Gemeinde Colbitz bleiben würde, welches Mitglied in der Verbandsgemeinde ist, und Lindhorst somit weiterhin ein Teil des Nachbarortes Colbitz bleiben würde.

Es wurde lebhaft diskutiert, am Ende war man sich aber einig, dass Lindhorst es verdient hätte, ein eigenständiger Nachbar von Colbitz zu sein. In der Anfang Januar durchgeführten Bürgerbefragung in der Gemeinde Colbitz, stimmten 666 Menschen für die Ausgliederung der Ortschaft Lindhorst aus der Gemeinde Colbitz. Der Colbitzer Gemeinderat ignorierte den Wunsch, weshalb es zu einem Bürgerbegehren kam. Dieses scheiterte aber an den übermäßig vielen Nein-Stimmen im Ortsteil Colbitz. Das Dorf Lindhorst hörte damit auch organisatorisch auf zu existieren und wurde zu Colbitz.

Das Verschwinden von Dörfern ist ein politisches Ziel

Lindhorst hatte schon 60 Jahre zuvor seine rechtliche Selbständigkeit verloren, nun war es als eine Einheit komplett verschwunden. In den alten Bundesländern ging es vielen Dörfern ähnlich. Zwischen 1960 und 1990 sind rund 16.000 Dörfer in der Bundesrepublik eingemeindet wurden. In den neuen Bundesländern setzte sich dies als gesamtdeutsche Strategie zur Schaffung leistungsfähiger Strukturen in Gemeinden fort. Zwischen 1992 und 2013 verringerte sich die Anzahl der ostdeutschen Gemeinden um 60 Prozent, in Sachsen-Anhalt sogar um 84 Prozent. Die Stadt-Land-Frage wurde hier dadurch sehr skurril aufgelöst, denn eine Trennung zwischen Stadt und Land ist in den 2010 geschaffenen Gemeinden so nicht mehr möglich.

Ort für die Menschen: Das Bürgerhaus in Lindhorst, März 2018
Ort für die Menschen: Das Bürgerhaus in Lindhorst, März 2018

Die Zentralisierung von Verwaltung wird gestärkt, was vor allem Kosten einsparen soll. Ansonsten bleiben den Menschen nur Nachteile durch diese Entwicklung. Annett Steinführer führt in ihrem Beitrag zum Verschwinden von Dörfern aus, dass „die Funktionsverluste und Handlungsspielräume der eingemeindeten Dörfer, [den] Einwohnerinnen und Einwohnern nun für einfachste Formen gesellschaftlicher Teilhabe (wie Nahversorgung oder Behördengänge) eine erhöhte Alltagsmobilität und damit finanzielle und soziale Ressourcen abverlangt“. Die geographische Dorfforschung geht beim Verschwinden von Dörfern bis heute von einer Verschlechterung der lokalen Demokratie und politischer Teilhabemöglichkeiten aus.

Zum Schmunzeln ist, dass durch diese Entwicklung sechs der 20 flächengrößten Gemeinden Deutschlands in Sachsen-Anhalt liegen. Magdeburg und Halle (Saale) zählen aber nicht dazu. Die altmärkische Hansestadt Gardelegen zählt mit ihren 48 Ortsteilen, die sich auf über 632 km² erstrecken, als drittgrößte Stadt Deutschlands – noch vor Köln und München. Und das mit gerade einmal 23.000 Einwohnern. Was es aber bedeutet, in so einer Verbandsgemeinde zu leben, wie weit die Wege zu einer kaum digitalisierten Verwaltung ist, merkt man dann auf den verschwundenen Dörfern der Hansestadt Gardelegen. Es gibt vermutlich viele Enden der Welt. Hier draußen in der Altmark lernt man bei einem Besuch aber gleich mehrere kennen.

Die Menschen sind noch da

Dörfer sterben also sehr selten und historisch gesehen ist das auch nicht ungewöhnlich. Das interdisziplinär ausgerichtete Fachgebiet der Wüstungsforschung beschäftigt sich damit. Jedoch verschwinden Dörfer immer öfters aus politischem Kalkül und das mit weitreichenden Folgen für die Menschen vor Ort. Die sind noch da. Nun sind sie aber weiter entfernt von den politischen Prozessen oder der Kaufhalle, der nächsten Postfiliale und ihrer Bank. Geht auch alles online, mag ein in der Theorie berechtigter Einwand sein. Die Politik hat es aber in den vergangenen Jahrzehnten verschlafen, die Infrastruktur für digitale Teilhabe zu legen und die Verwaltung digital umzubauen, so dass sie den Menschen digital zugänglich ist.

Ehemaliges Postgebäude im Bördedorf Cröchern – heute nur noch ein Briefkasten, Februar 2018
Ehemaliges Postgebäude im Bördedorf Cröchern im Februar 2018 – inzwischen ist es abgerissen.

Eine Neue Provinz zeichnet sich dadurch aus, dass die gesellschaftliche Teilhabe wieder besser möglich ist. Zum einen durch digitale Dienstleistungen, die auf dem Glasfaser-Netz vor Ort aufgebaut werden, zum anderen auch durch intelligentere und vor allem barrierefrei zugängliche Mobilitätslösungen im ländlichen Raum. Raum ist da, Geld oft zweitrangig, aber schnelles Internet und Zugang, auch im Sinne von Mobilität, die Schwachstellen des ländlichen Raums. Dies ist auch eine Folge der Zentralisierung von Verwaltung und dem damit langsamen Verschwinden der Dörfer und ihren gewachsenen Strukturen. Wenn die Politik dem ländlichen Raum helfen möchte, eine Neue Provinz zu schaffen, dann sollte sie hier ansetzen.


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Neue Provinz: Der ländliche Raum braucht Glasfaser statt Kupfer

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Das Wort „möglichst“ steht im angestrebten Koalitionsvertrag zwischen den Unionsparteien und den Sozialdemokraten genau 22 Mal drin. Bereits bei der zweiten Verwendung des Adverbs geht es indirekt um den ländlichen Raum. Genau genommen geht es um den Breitbandausbau. Die beiden ehemals als Volksparteien bezeichneten Koalitionspartner CDU/CSU und SPD wollen gemeinsam die Gigabit-Netze in alle Regionen bringen… auf einmal, denkt man sich insgeheim. Dafür planen sie zehn bis zwölf Milliarden Euro, um flächendeckende Glasfaser-Netze möglichst direkt bis zum Haus zu ermöglichen.

Da war es. Ist es Ihnen aufgefallen? „Möglichst“. Die Glasfaser-Netze sollen „möglichst direkt bis zum Haus“ kommen, steht in dem von den Parteien noch zu beschließendem Vertragswerk. Doch bei diesem Thema zeigt sich auch der ganze Ärger des Wortes „möglichst“. Das Wort bedeutet leider nichts anderes als „wie sich ermöglichen lässt“ oder „wenn möglich“, also auch „wenn es sich ermöglichen lässt“. Zumindest laut Duden. Dort werden unter anderem auch zwei Synonyme für „möglichst“ angeboten: „besser“ und „klugerweise“. Beide Worte hätte ich lieber im Koalitionsvertrag gelesen als besagtes „möglichst“.

Dann würden die Politiker*innen der alten und auch neuen Großen Koalition vereinbaren, dass „flächendeckende Glasfaser-Netze klugerweise direkt bis zum Haus“ gebaut werden. Das klingt doch schon ganz anders. Allerdings wohl auch nur in den Ohren von uns leidgeplagten Bürgern – in der Stadt und auf dem Land. Denn in den Ohren der Deutschen Telekom klingt das alles andere als gut. Es würde nämlich verhindern, dass sie aus dem jetzigen Mangel der Infrastruktur auch noch ein gutes Geschäft machen könnten. Dann wären sie womöglich noch genötigt, selber Glasfaser-Netze bis zum Haus zu bauen.

Nur Marktversagen, wenn die Deutsche Telekom es will

Genau diese sind aber nötig, um den ländlichen Raum attraktiv für die Menschen und auch Unternehmen zu machen. Seit zwei Jahren verfolge ich den Kampf um bessere Glasfaser-Netze in der Region. In der Altmark will man nicht mehr auf die Politik warten. Bereits vor über fünf Jahren gründete sich der Zweckverband Breitband Altmark, ein Zusammenschluss von 20 Gemeinden aus den zwei Landkreisen der Altmark, die gemeinsam das schaffen wollten, was die Deutsche Telekom der Region im Norden von Sachsen-Anhalt verwehrt(e): Glasfaser-Netze. 2016 begann der Ausbau der 4.700 Quadratkilometern großen Region.

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Unser Autor Tobias Kremkau in der Altmark, die viel Platz, aber wenig Netz hat.

Dies rief die Deutsche Telekom auf den Plan. Nach Jahren des Nichtstuns wollte das Unternehmen doch ausbauen – mit Vectoring-Technik. Diese ermögliche Anschlussgeschwindigkeiten von bis zu 100 MBit/s, der Zweckverband setzt auf Glasfaser-Netze mit 300 MBit/s und auch 500 MBit/s Geschwindigkeit. „Das Problem ist, dass das private Unternehmen auch noch wunderbar mit Kupferkabeln verdient“, erklärt Andreas Brohm, Bürgermeister von Tangerhütte. Als er laufende Bauarbeiten der Telekom stoppen lässt, eskalierte die Situation. Der Streit ist nun deutschlandweit ein Thema.

Brohm sieht in Glasfaser einen Standortvorteil, den die Region dringend braucht. Bernd Beckert, Innovationsforscher am Frauenhofer-Institut, stimmt ihm im Gespräch mit den Netzpiloten zu: „Aus Innovationssicht ist Vectoring suboptimal, eine Brückentechnologie.“ Für ihn haben Initiativen wie der Zweckverband deshalb Pioniercharakter. Sie könnten langfristig dafür sorgen, dass Deutschland beim Glasfaser-Ausbau im internationalen Ländervergleich aufschließt. „Der Schritt speist sich aus dem Versorgungsgedanken, dass Breitband genauso wichtig ist wie Wasser und Strom,“ erklärt Beckert nachvollziehbar.

Schnelles Internet ist Grundlage von einfach allem

Doch privatwirtschaftliche Investitionen von Telekom & Co. fehlen nicht nur in der Altmark. Im baden-württembergisch Karlsdorf können sie Ähnliches berichten: Die Telekom ignorierte Anfragen nach Netzausbau, woraufhin die Gemeinde selber tätig wurde und Glasfaser-Kabel verlegte. Erst danach baute auch die Telekom aus, die Straße wurde ein weiteres Mal aufgerissen und ein Telekom-Kabel verlegt. Nun droht der Gemeinde der Verlust der Investition von 500.000 Euro, wenn sich Anwohner*innen für das Angebot der Telekom entscheiden. Das gleiche passiert auch im Nachbarort Forst. Das Satiremagazin extra3 berichtete darüber:

Im brandenburgischen Finsterwalde wollte man ähnlich wie in der Altmark nicht mehr auf die Versprechen der Politik warten. Bereits vor vier Jahren stiegen die Stadtwerke Finsterwalde ins Glasfaser-Geschäft ein und versorgen inzwischen die halbe Stadt mit Glasfaser-Kabeln. Statt auf staatliche Förderprogramme setzen sie auf Unternehmen aus der Region. So können sie teilweise die 20-fache Geschwindigkeit der privaten Konkurrenz anbieten und sparen mehr als ein Drittel der Ausbaukosten, indem sie sich an sowieso geplante Straßenbauprojekten wie die Erneuerung der Straßenbeleuchtung dranhängen.

Klugerweise warten Kommunen nicht mehr auf die Landes- oder Bundespolitik, die in einer einmaligen Art und Weise den Wandel bisher verschlafen haben. Egal ob in der Stadt oder auf dem Land, die Menschen brauchen Glasfaser-Netze für einen schnellen Zugang zum Internet. Dies ist sowohl Grundlage der neuen Arbeitswelt, die aufgrund der Digitalisierung ortsunabhängig und damit genauso in ländlichen Regionen entstehen, als auch der privaten Gestaltung seines eigenen Lebens und der Teilhabe an unserer auch online stattfindenden Gesellschaft. Ohne schnelles Internet kann es keine neue Provinz geben.



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Breitband in der Altmark: Start-ups in die Pampa locken

Cable (Image by Hans [CC0 Public Domain], via Pixabay

Deutschland gehört bei Glasfaseranschlüssen zu den Schlusslichtern in Europa. Laut EU-Statistik liegt die Bundesrepublik auf dem fünften Platz von hinten (Stand: 2015). Das zu ändern, nehmen mittlerweile so einige Kommunen selbst in die Hand. So zum Beispiel in der Altmark im dünn besiedelten Norden von Sachsen-Anhalt. Andreas Brohm, Bürgermeister der Stadt Tangerhütte, unterstützt diese Initiative. „Wir bauen die Autobahn, die dann jeder nutzen kann. Es geht hier um Daseinsvorsorge.“

Wir – das ist ein eigens dafür gegründeter Zweckverband, dessen Aufgabe darin besteht, das Verlegen der Glasfaserleitungen zu planen, zu finanzieren und zu koordinieren. Brohm sagt dazu: „Die bestehenden Technologien sind alle am ländlichen Raum vorbeigegangen. Die Frustration ist hoch.“ Das zeige schon das Beispiel, wenn es allein um Unternehmer gehe, die sich fragen müssten, zu welcher Tages- oder Nachtzeit ein Emailversand größerer Datenmengen am besten funktioniert. Tatsächlich hantieren viele mit einer Funklösung und versuchen, per LTE-Router das Nötigste abzudecken. An kollaboratives Arbeiten, Streaming oder Smart Services ist dabei gar nicht zu denken.

Für Brohm ist Glasfaser-Internet auch ein Puzzlestein in seiner politischen Strategie, um die Landflucht zu stoppen – und noch ambitionierter sagt er: „Als ländliche Region will ich doch das Berliner Startup in die Pampa locken. Dafür brauche ich grenzenloses Internet.“ Die „Pampa“ ist in diesem Fall rund zwei Stunden Autofahrt von der Hauptstadt entfernt.

Insgesamt 20 (Groß-)Gemeinden aus zwei Landkreisen tragen den gemeinsam gegründeten „Zweckverband Breitband Altmark“. Seit fünf Jahren werden die entsprechenden Pläne geschrieben, der Markt erkundet, Einwohner für die Glasfaser umworben. Mit der aufgesetzten Breitbandstrategie des Bundes sind nun die benötigten Fördermittel geflossen, um das 140-Millionen-Euro-Vorhaben auch in die Tat umzusetzen.

Kommunen suchen nach Mitteln und Wegen

Bernd Beckert, Innovationsforscher am Frauenhofer-Institut, sagt: „Das hat Pioniercharakter.“ Denn oft seien es gerade die Kommunen, die bei der Glasfaser vorangingen. „Der Schritt speist sich aus dem Versorgungsgedanken, dass Breitband genauso wichtig ist wie Wasser und Strom.“ Der sogenannte Digitalisierungsindikator 2017 des Frauenhofer-Instituts weist für den ländlichen Raum bei Geschwindigkeiten von 30 Mbit pro Sekunde eine Verfügbarkeit von gerade 36,4 Prozent der Haushalte aus.

Wo jahrelang privatwirtschaftliche Investitionen der Telekommunikationsunternehmen wegen fehlender Rentabilität ausblieben, springen nun teils Bürgermeister und kommunale Unternehmen in die Bresche, wollen für leistungsfähige Anschlüsse bei den Einwohnern sorgen – und setzen dabei vermehrt auf Glasfaser. Laut Beckert gehen die Kommunen dabei in ganz unterschiedlichen Modellen vor, zum Beispiel durch kommunale Unternehmen als Träger, wie es etwa Stadtwerke sein können. In der Altmark nun ist es ein aus der Taufe gehobener Zweckverband, der die Infrastruktur schaffen soll.

Konkurrenz zum „Vectoring“

Das altmärkische Vorhaben geht mit einem finanziellen Risiko einher. Den Löwenanteil von 80 Millionen Euro muss der Verband trotz Förderung selbst aufbringen. Dafür müssen am Ende die Erlöse stimmen. Das Projekt wird gemeinsam mit der DNS:Net als Betreiber gestartet.

Andreas Kluge ist Geschäftsführer des Zweckverbandes Breitband und zeigt sich optimistisch, dass die Refinanzierung gelingt. Die Finanzplanung sei solide. Kluge sagt, die Leute seien pro Zweckbverband eingestellt. 2018 nun soll gebuddelt und verlegt werden. Tatsächlich war der Verband zuletzt nicht davor gefeit, dass im Zuge der Planungen doch private Player auf den Markt drängen. „Wir dürfen Anbieter nicht blockieren.“ Kluge hofft, dass die konkrete Technologie bei den Nutzern langfristig das überzeugendere Argument sein wird.

Ein Konkurrent wie die Telekom setzt vielfach eher auf so genanntes „Vectoring“, was zwar Glasfaser einsetzt, sich auf der so genannten „letzten Meile“ vom Verteilerkasten zur Wohnung jedoch nicht vom bisher verwendeten Kupfer löst. Beckert vom Frauenhofer Institut sagt: „Aus Innovationssicht ist Vectoring suboptimal, eine Brückentechnologie.“ Glasfaser eröffnet Geschwindigkeiten in den Gigabit-Bereich und lässt Kupfer damit weit hinter sich zurück.

Initiativen wie in der Altmark könnten langfristig dafür sorgen, dass Deutschland beim Glasfaser-Ausbau im Ländervergleich aufschließt. Beckert ist auch Autor einer Studie der Bertelsmann-Stiftung über „Ausbaustrategien für Breitbandnetze in Europa“. Darin wird Deutschland im EU-Vergleich eine Glasfaser-Verfügbarkeit von bislang 6,6 Prozent bescheinigt. Der Weg ist noch steinig. Steht die Infrastruktur eines Anbieters oder einer Kommune, sagt Beckert, komme die nächste Herausforderung erst noch: nämlich das Angebot für die Nutzer auch auf lange Sicht attraktiv zu gestalten. Das Potential, das von Kommunen als Impulsgeber jedoch ausgehe, sei bemerkenswert. „Der Glasfaserausbau hat dadurch in Deutschland eine Dynamik bekommen – auch wenn das immer noch zu wenig ist, wenn man andere Länder betrachtet.“

„Viele lernen von uns“

Laut der Bertelsmann-Studie sind über ein entsprechendes Bundesprogramm allein bis Anfang 2017 viele hundert Projekte gefördert worden. Weiter heißt es dazu in der Studie: „Die meisten Förderungen betrafen Beratungsleistungen für die Kommunen, die detaillierte Businesspläne für einen möglichen Ausbau vorlegen müssen.“ Im Landkreis Emmendingen in Baden-Württemberg, im Landkreis Cham in Bayern oder in der Gemeinde Grevensmühlen in Mecklenburg-Vorpommern kam Glasfaser mit finanziellen Zuschüssen unter die Erde. Auch in Brandenburg gibt es Projekte, die voll auf Glasfaser setzen, und zwar ähnlich wie in der Altmark in Kooperation mit der DNS:Net als Betreiber. So zum Beispiel im Trebbiner Ortsteil Stangenhagen. „Im Zuge der Straßensanierung konnten dort 95 Prozent der Einwohner überzeugt werden, dass Glasfaser bis ins Haus eine sinnvolle Option ist“, heißt es dazu auf Anfrage bei der DNS.

Nun soll der Ausbau in der Altmark bald vorangehen. Geschäftsführer Andreas Kluge sagt, inzwischen kämen im Wochentakt Anrufe aus anderen Landkreisen in Deutschland. „Viele lernen von uns.“


Image (adapted) Kabel by Hans (CC0 Public Domain)


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Digitale Bildung: Sachsen-Anhalt will mit Microsoft kooperieren

Computer (Image by dantetg [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Das Land Sachsen-Anhalt plant eine Partnerschaft mit Microsoft für den Aufbau einer zentralen Cloud-Plattform. Kritiker warnen vor den Risiken. Mit einem Konzept unter dem Titel „Lernen, Lehren, Managen 2.0 – Auf dem Weg zur Schule 2020“ möchte Sachsen-Anhalt seine Bildungslandschaft fit für die digitale Zukunft machen – parallel zu Investitionen in IT-Mindeststandards. Es soll darum gehen, ein integriertes Managementsystem zu schaffen, in dem Wissens-, Informationsbestände und eine Infrastruktur harmonisiert und modular ausgestaltet werden. Helfen soll eine umfangreiche Kooperation mit Microsoft, Vertragsabschlüsse sind greifbar nah. Seit Bekanntwerden regt sich dagegen Unmut. Jetzt gibt es eine Onlinepetition.

Sie kommt von Alexander Dahl, 33 Jahre und Mitglied im Netz39, einem Verein für Bastler, Hacker und Digitalinteressierte in Magdeburg. Dahl ist Programmierer, kein Prinzipienreiter. Dahl: “Microsoft kann eine gute Lösung für ein konkretes Problem sein.“ Schulen werden jedoch, so befürchtet er, mit einer “allumfassenden Partnerschaft“, wie angedacht, künftig keine andere Wahl gelassen, als auf die Microsoft-Produktfamilie zu setzen. Mit seinen Bedenken ist er nicht allein – neben der Grundskepsis bei allen Kritikern in puncto Datenschutz, die sich aus den NSA-Enthüllungen speist.


Was ist geplant?

  • Alle rund 220.000 Schüler und 18.000 Lehrer in Sachsen-Anhalt sollen das Paket „Office 365“ für mehrere Desktop- und Mobilgeräte zum gemeinsamen Arbeiten in einer Cloud erhalten und dafür zentral registriert werden.

  • Laut Präambel der bisher geschlossenen Absichtserklärung in einem „Letter of Intent“ ist für beide Seiten das Ziel, „eine integrierte und nahtlose Nutzererfahrung bereitzustellen, die erstklassige Kommunikations- und Kollaborationsdienste in einer tragfähigen, soliden und verwalteten Umgebung“ biete.

  • Strategische Beratung und der Aufbau einer IT-Academy für Lehrerfortbildung sind ebenfalls vorgesehen.


Lehrergewerkschaft sieht keinen Mehrwert

Die Lehrergewerkschaft GEW Sachsen-Anhalt kritisiert, engagierte Lehrer würden längst moderne Cloud-Lösungen und Lernplattformen nutzen. Software fehle nicht, sondern Personal und Technik. GEW-Landesvorsitzender Thomas Lippmann: “Bei diesem Vertrag gibt es nur einen Nutznießer – und das ist Microsoft selbst.“ Bildungsexperten, wie Prof. Michael Kerres von der Universität Duisburg-Essen, betonen unterdessen die Vorteile, denn Office-Lizenzen seien gewöhnlich ohnehin nötig. Die zentrale Vergabe könne “ein kluger Weg“ sein, weil es den Schulen die bilaterale Aushandlung erspare.

Sind bestehende Initiativen und Modelle in Gefahr?

Über ein Modell nach dem Motto“Lizenzen für alle“ gehen die Pläne indes weit hinaus. Wenn es erst einmal eine zentral geschaffene (Cloud-)Plattform von Microsoft gibt, könnten viele Schulen einfach nur froh sein, sich mit IT-Fragen nicht weiter befassen zu müssen und sich anpassen, befürchtet Jan Wagner, netzpolitischer Sprecher der Linken im Landtag, die eine Aufkündigung der Pläne fordert. Für Medienkompetenz sei aber eine Vielfalt an IT-Technologie wichtig. Oberster Datenschützer im Land, Harald von Bose, mahnt zur Vorsicht, entwickelte Ansätze nicht kaputt zu machen. Die befassten Ministerien kündigen an, die Plattform offen für andere Anwendungen zu gestalten, Open-Source-Lösungen “bedarfsweise“ zu fördern und keine Konkurrenz zu entwickelten Komponenten am landeseigenen Lehrerbildungsinstitut LISA zu schaffen.

Jöran Muuß-Merholz, Pädagoge und Digitalexperte von der “Transferstelle Open Educational Ressources“, glaubt an die gute Absicht der Politik, hält aber die Bedenken für berechtigt. Denn die Praxis könne ganz anders aussehen. Die Krux an den Plänen sei, dass Micorosoft Software, Infrastruktur, Weiterbildung und überdies Programme zu frühkindlicher Bildung in Personalunion als Hersteller liefere und federführend als Dienstleister mitaufbaue. Eine vergleichbar weitgehende Kooperation gebe es bundesweit bisher nicht.

Das ist ein relativ bedrohliches Szenario. Microsoft sitzt am Anfang und am Ende dieser Kette.“ Und zwar bei allem, was in naher Zukunft noch wichtiger werde, wenn sich Digitalisierung und Cloud-Computing erst richtig an Schulen durchsetze, so Muuß-Merholz. Gegenüber anderen Diensten im Land würde das immer einen Startvorteil bringen – auch wenn technisch gesehen alles anwendbar bliebe. Muuß-Merholz: “Das ist Teil einer größeren Strategie, die Microsoft gerade im Bildungsbereich ausrollt.“ Zu dem Pilotcharakter wollte sich Microsoft mit Verweis auf die laufenden Verhandlungen auf Nachfrage nicht äußern.

Kritik: Infrastruktur lässt sich von Bildungsinhalten nicht trennen

Unterdessen besteht auch unter Bedenkenträgern Konsens, dass es eine zentrale Infrastruktur zweifellos brauche. Kritisiert wird: Nicht so. Auch, weil das Finanzministerium die umstrittene – allerdings unverbindliche – Absichtserklärung zunächst vorbei an Kultusminister, Schulträgern und einer seit Jahren bestehenden Arbeitsgemeinschaft Medienkompetenz geschlossen hatte. Der Landesdatenschutzbeautragte wurde ebenfalls erst auf sein Drängen im Nachhinein an den Tisch geholt. Das Finanzministerium begründet das mit der Hoheit über Infrastruktur und beruft sich auf eigene Umfragen, wonach Microsoft-Nutzung an der Mehrheit der Schulen ohnehin “unübersehbare Realität“ sei, während Datenschutz und Bildungsinhalte erst im nächsten Schritt diskussionswürdig seien.

Alexander Dahl will mit einer Online-Petition eine Debatte über die künftige digitale Bildungslandschaft in Sachsen-Anhalt befördern. (Bild: M. Ganske-Zapf)
Alexander Dahl will mit einer Online-Petition eine Debatte über die künftige digitale Bildungslandschaft in Sachsen-Anhalt befördern. (Bild: M. Ganske-Zapf)

Für Netzaktivist Alexander Dahl greift das in puncto digitaler Medienkompetenz zu kurz. Bildung und Infrastruktur gehören für ihn zusammen. Ein einheitliches Konzept müsse stärker über pädagogische Ziele und mit Blick auf Folgekosten gedacht werden, unter Einbindung verschiedener Dienstleister. Das brauche politischen Willen, um es Schritt für Schritt aufzubauen. Er sagt: “Darüber will ich einen Diskurs anregen.


Teaser & Image „Computer“ by dantetg (CC0 Public Domain)

 

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Lernen, Lehren und Managen 2.0 – auf dem Weg zur Schule 2020

Schule der Zukunft (Bild by evanst10000 [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Das Bundesland Sachsen-Anhalt möchte mit seinem Bildungskonzept „Lernen, Lehren und Managen 2.0“ die Basis für die Schaffung eines integrierten Wissens-, Informations- und IKT-Management im schulischen Bereich des Landes legen. Auf der CeBIT stellte Frank Bonse vom Finanzministerium des Landes Sachsen-Anhalt das Konzept vor und erklärte es im Interview.

Tobias Schwarz: Hier auf der Cebit stehe ich im Zentrum vom Stand des IT-Planungsrates mit Herrn Frank Bonse, Referatsleiter für E-Government, Projekte und Dienste im Finanzministerium von Sachsen-Anhalt. Zur Einleitung: Was ist der IT-Planungsrat?

Frank Bonse: Der IT-Planungsrat ist ein Gremium, das seinen Ursprung im Grundgesetz hat und dort verankert ist. Es geht darum, dass die 16 Bundesländer und der Bund versuchen bzw. aufgefordert sind, gemeinsame Lösungen zu generieren, um Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) in der Verwaltung wirksam einsetzen zu können, also sichere Infrastruktur.

Die 16 Bundesländer haben alle Stände um uns herum und Sachsen-Anhalt ist natürlich auch mit einem eigenen Stand vertreten und zwar mit dem Titel „Sachsen-Anhalt auf dem Weg zur Schule 2020„. Was für ein Projekt ist das?

Das ist ein ganz spannendes Projekt, das wir uns da ausgesucht haben, um es hier auf der CeBIT zu präsentieren. Es geht darum, dass wir Bildung modernisieren und innovativ gestalten wollen. Das Thema Medienkompetenz ist ja an so einem Ort wie der CeBIT in besonderem Maße präsent. Technologien begleiten uns in unterschiedlichster Art und Weise und unser Anspruch und unser Ansatz ist, den Bildungsbereich Schule damit zu konfrontieren und Lösungen zu schaffen.

Bildung mit und an Computern findet in der Schule ja schon statt. Wir versuchen die verschiedenen Lösungen, die wir im Land haben, sei es aus der Landessicht oder aus der Sicht der kommunalen Schulträger, zusammenzuführen. Wenn sie den Titel der Broschüre anschauen – „Lernen, Lehren, Managen 2.0“ –, dann beschreibt es im Grunde genommen die unterschiedlichen Facetten, die wir hier zusammenbringen. „Lernen“ betrifft Schüler – wie können sie lernen, welche Methoden können sie lernen, wie wird ihnen Unterrichtsstoff beigebracht? „Lehren“ betrifft die Lehrer, die aufgefordert sind, Bildung in geeigneter Art und Weise zu vermitteln. Und „Verwalten“, also „Managen“, das heißt, Schule findet ja nicht im rechtsfreien Raum statt, es gibt Regularien, wie Schule stattfindet. Letztendlich gibt es Noten am Ende eines Schuljahres und die entscheiden im Zweifelsfall über Wohl und Wehe der Zukunft eines Menschen. Also auch diesen Bereich der Schulverwaltung wollen wir betrachten und zusammenführen.

Wir haben den Ansatz, eine gemeinsame Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, dass Internet als Medium unseres Landeskommunikationsnetz zu betrachten. Wir sehen, dass das Thema der unterschiedlichen Arbeitsplatzausstattung eines ist, das betrachtet werden muss – Stichwort „Bring your own Device“ (BYOD). Der PC-Arbeitsraum in der Schule, der dann einmal in der Woche für zwei Stunden aufgesucht wird, ist sicherlich nicht mehr das aktuelle, zeitgemäße Instrumentarium, sondern wie können wir das, was vorhanden ist, benutzen, damit Bildung innovativ vorangetrieben wird. Also Konzepte, ein sicherer Umgang, im Zweifelsfall mit dem Gerät, das der Schüler mitbringt, das er tagsüber in der Schule benutzt, mit dem er sich im Schulnetz anmeldet und auf Lehrinhalte zugreift. Lernarbeitsgruppen, die durch den Lehrer generiert und begleitet werden, die der Schüler nutzen kann, aber auch am Nachmittag zum Beispiel das Thema mit seinen Freunden, Mitschülern und Mitschülerinnen weiter bearbeitet. Die Lehrer und die Eltern werden eingebunden, also die Akteure, die das Thema Bildung betrifft, sollen hier zusammengeführt werden.

Das betrachten wir letztendlich als einen Infrastrukturansatz, der im Zweifelsfall bis zu den Inhalten hingeht. Das ist aber auch ein Projekt, das wir gemeinsam mit dem Kultusministerium machen, was auch den Kreis zum IT-Planungsrat schließt. Infrastruktur ist unser Ansatz aus dem Finanzministerium, das Kultusministerium hat sich schwerpunktmäßig um die Bildungsinhalte zu kümmern und wir arbeiten auch an der Stelle zusammen, um dieses Programm für Sachsen-Anhalt nach vorne zu treiben.

Wir hören aber nicht an den Grenzen des Landes Sachsen-Anhalt auf, wir schauen natürlich auch, was andere Bundesländer um uns herum an Lösungsansätzen haben und ich nutze auch bewusst hier die CeBIT, um in Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen zu treten und zu fragen, was gibt es dort, wo gibt es Ansätze, wo wir vielleicht auch lernen, oder verstehen, dass wir eigentlich mit unterschiedlichen Worten aneinander vorbei reden. Das ist ein Problem, das ich aus der Vergangenheit kenne. Dass wir also eine gemeinsame Zielstellung haben, von der wir noch gar nicht erkannt haben, dass sie existiert, und dass es Wege gibt, dort aufeinander zuzugehen und dann unsere Ressourcen gemeinsam einzusetzen und zu optimieren.

Sie haben die Broschüre angesprochen, die ich hier in der Hand habe, die nennt sich „Lernen, Lehren, Managen 2.0 – Auf dem Weg zur Schule 2020“. Das ist ein Konzept, das die Basis für die Schaffung eines zentrierten Wissens-, Informations- und IKT-Managements im schulischen Bereich aufstellen soll. Welche Signalwirkung wird dieses Konzept auf die anderen Bundesländer haben, wenn es Erfolg hätte?

Signalwirkung insofern, als dass wir zu erkennen geben, dass wir mit anderen zusammenarbeiten wollen, dass wir eine einheitliche Sicht auf das Thema Bildung für unser Land sehen, obwohl verschiedene Beteiligte, also die Kommunen, das Land usw., dort miteinander agieren müssen und dass wir natürlich auch versuchen, über diese Grenzen hinaus, künftige Lösungsansätze modular auszugestalten und zusammen Lösungen zu schaffen. Wir haben ja an der Stelle den Förderalismus. Es gilt die Lösung zu harmonisieren und zu konsulitieren und letztendlich Standards zu generieren und zu schaffen.

Sehe ich mir das Konzept sprachlich an, lese ich: Jede Schule soll über ein Medienbildungskonzept verfügen, die Schulen sollen mit digitalen Medien und moderner Informations- und Kommunikationstechnik ausgestattet werden. Sie sind vom Finanzministerium und sie arbeiten mit dem Kultusministerium zusammen. Habe ich zuletzt etwas über Bildung und Finanzen in Sachsen-Anhalt gehört, ging es eigentlich mehr darum, dass der Bildungshaushalt zusammengestrichen wurde. Wie finanziert das Land das?

Wir setzen zielorientiert, im Rahmen unseres Förderprogramms „STARK III“ Mittel ein, die dazu beitragen, eine energetische und infrastrukturelle Sanierung der Schulen zu ermöglichen, insbesondere im Bereich IKT zu modernisieren und die kommunale Ebene dafür zu unterstützen. Die Schulträger sind die Landkreise und die kreisfreien Städte, ihnen überwiegend Unterstützung zu geben, damit sie Fördermittel einsetzen können. Diese kommen teilweise von der Europäischen Union, teilweise aus dem Landeshaushalt.

Und wenn sie das Wort „soll“ betont haben, dann reflektiert das natürlich auf den Ist-Zustand. Wir haben momentan noch nicht überall bzw. an zu wenigen Stellen, diese besseren oder idealen Zustände, und unser Ansatz ist dazu beizutragen, dass es sich hier verbessert, dass wir eine innovative Bildungslandschaft haben, in der diese guten Lösungsansätze, die vorhanden sind, einer breiteren Schülerschaft oder Lehrerschaft zugänglich gemacht werden. Dass versuchen wir mit diesem Konzept zu vermitteln.

Ein wichtiger Punkt sind auch die Lehrer. Ich bin selber Landeskind und hatte das Glück 1996 auf ein nagelneues Magdeburger Gymnasium mit der neusten Technik zu gehen, aber wir haben sie kaum angewendet. Wie wird dieser Punkt jetzt angegangen? Denn einfach nur neue Computer zu kaufen oder dass die Schüler ihre eigenen Geräte mitbringen, reicht ja nicht aus.

Sie haben natürlich völlig Recht. Medienkompetenz gilt es Schülern zu vermitteln, aber die Vermittelnden, die Lehrer, müssen natürlich auch darüber verfügen. Es gibt natürlich begleitende Aktivitäten, was das Thema in der Lehrerschaft angeht. Wie kann ich eigentlich Technologie sinnvoll und als Unterstützung, nicht als Selbstzweck, für die Themen im Unterricht einsetzen. Natürlich ist es im Sportunterricht zum Beispiel schwerer, Technik einzusetzen, als vielleicht in den klassischen MINT-Fächern.

Man muss natürlich auch sehen, wie weit wir von den Ansätzen unseres Konzepts, zum Beispiel im Land Lehrer zu motivieren oder anleiten können oder dahinzubringen verstärkt diese Möglichkeiten zu nutzen, auch zu kollaborieren, zusammenzuarbeiten, Lösungen gemeinsam zu schaffen, auch über die Schulgrenzen hinweg, kommen. Da gibt es auch viele gute Ansätze, die einerseits vermittelt werden müssen, aber auch da hören wir nicht an den Landesgrenzen auf, sondern auch da muss man den Blick über den Grenzen haben und zusammenarbeiten.

Eine Verständnisfrage: Wenn sie jetzt ein neues Konzept für die schulische Ausbildung organisieren, das nächstes Jahr in der Uni gelehrt wird, erst in vier Jahren dann die ersten Lehrer von der Uni kommen und an die Schulen gehen, wie geht die Politik und die Verwaltung mit dieser enormen Zeitspanne um oder rechne ich da vollkommen falsch? Lässt sich das schon viel eher umsetzen?

Ich denke so schwarz-weiß darf man das nicht darstellen, sondern es ist ja ein permanenter Veränderungsprozess. Es finden Fortbildungen statt und im Rahmen dieser Fortbildungsaktivitäten wird selbstverständlich diese Medienkompetenz angereichert und es werden Maßnahmen ergriffen, entsprechend darauf vorzubereiten.

Vielen Dank für das Interview.


Teaser & Image by evanst10000 (CC0 Public Domain)


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