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Neue Provinz: Über Diversität und Indifferenz auf dem Land

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Vor ungefähr zwei Jahren erschien in der Welt ein Interview mit dem an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrenden Soziologen Prof. Dr. Armin Nassehi zum Thema Rechtspopulismus. Nassehi äußerte darin den sehr interessanten Gedanken, dass „Urbanität ein Lebensstil ist, in dem man Indifferenz einüben kann, in dem man sich damit arrangiert, dass die Gesellschaft nicht aus einem Guss ist.“ In der Konsequenz sieht er darin die gesellschaftliche Aufgabe, auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft Alternativen anzubieten, um nicht die Ränder zu Alternativen aufzuwerten.

Dieses Interview erschien ein paar Monate nachdem die als Sammelbecken für Rechtspopulisten und Rechtsextremisten fungierende Partei Alternative für Deutschland (AfD) beachtliche Erfolge bei Landtagswahlen feiern konnte, unter anderem auch in Sachsen-Anhalt. Ich komme von da, bin Ende der Neunziger Jahre mit dem bisherigen Peak an rechter Gewalt aufgewachsen. Der Rechtsextremismus war damals in den Städten genauso spürbar wie auf dem Land. Vor allem die mir sehr am Herzen liegende Altmark war damals eine Hochburg für Nazi-Kameradschaften. Auch heute gibt es hier noch Probleme.

Was sich aber meiner Meinung nach geändert hat, und diese subjektive Wahrnehmung kann und soll gerne kommentiert werden, ist die gesellschaftliche Vielfalt im ländlichen Raum. Nassehis Lob auf das Urbane, die Konfrontation mit Indifferenzen, sehe ich persönlich gar nicht mehr auf die Großstadt begrenzt. Das Leben auf dem Land ist gar nicht mehr so anders als das Leben in der Stadt. Damit möchte ich nicht die kulturellen und regionalen Eigenheiten in Abrede stellen. Auch sie haben ihre Bedeutung und sind ein wichtiger Teil unseres kulturellen Erbes. Ich meine damit eher den Alltag.

Mir kommt es manchmal so vor, dass wenn ich beispielsweise einmal wieder in Stendal unterwegs bin, dass ich mehr Diversität wahrnehme als beispielsweise im homogenen Friedrichshain, wo ich wohne. Selbstverständlich treffe ich hier Menschen aus allen Enden der Welt, aber sie sind mir doch sehr ähnlich in ihrem Nutzungs- und Konsumverhalten. Wir fahren gerne mit einem Car2go kurz einkaufen, trinken Flat Whites in einem der unzähligen Straßencafés und kommunizieren nebenbei vom Smartphone aus mit Kunden und Kollegen. Künstliche Konstrukte wie Nationalitäten haben keine Auswirkung auf uns.

Gesellschaftliche Indifferenz im ländlichen Raum

Ich treffe in Friedrichshain Menschen aus anderen Ländern, die mir aber sehr ähnlich sind. In Stendal treffe ich Menschen aus anderen Ländern, die ein komplett anderes Leben als ich leben müssen. Sie haben hierzulande Zuflucht gesucht und sind in Landstriche wie die Altmark geschickt wurden. Diese Zuflucht gesucht habenden Menschen sind Elend und Krieg entflohen. Ihre Schicksale gehen einem nahe. Sie erzeugen eine Indifferenz zu den bisher lebenden Menschen. Das erzeugt Herausforderungen, zwingt aber auch sich mit Veränderungen zu arrangieren und für neue Entwicklungen offen zu sein.

Genauso wie auch Rückkehrer*innen, also Menschen, die im ländlichen Raum aufgewachsen sind, diesen verlassen haben und sich dann wieder entschlossen haben zurückzukehren. Sie haben woanders gelebt, andere Erfahrungen gemacht und neue Sachen gelernt, die sie so niemals erlebt hätten, wenn sie geblieben wären. Diese Menschen bringen neue Impulse mit, wollen Sachen anders machen als wie man sie vor Ort stets gemacht hat. Auch dies ist eine Herausforderung für das Etablierte und zwingt, sich mit der Indifferenz der Ansichtsweisen zu beschäftigen, neue Ideen zu tolerieren und auch zu testen.

Doch nicht nur Zugezogene und Zurückgekehrte sind Quellen für Indifferenz, sondern auch die Menschen von vor Ort, die gesellschafliche Veränderungen genauso mittragen und vorantreiben wie Menschen in der Stadt. Auf Instagram bin ich erst diese Woche auf das Profil thegayfarmers gestoßen, auf dem als Landwirte arbeitende Männer und Frauen zu ihrer LGBTQIA-Identität stehen. Die Menschen kommen aus allen Teilen der Welt. Lutz Staacke erklärt in einem Thread auf Twitter, anlässlich des ersten schwulen Landwirts aus Deutschland, der auf Instagram gefeatured wird, wie es zu diesem Instagram-Profil kam:

Das Landleben ist bunt(er)?

Diese Beobachtungen, diese persönlichen Wahrnehmungen meinerseits, lassen mich das Landleben bunter betrachten als ich bisher dachte. Allerdings lebe ich noch nicht im ländlichen Raum. Als weißer, hetereosexueller Mann in seinen dreißiger Jahren bin ich auch vermutlich die letzte Person, die Akzeptanz für Diversität wirklich wahrnehmen kann. Mich begeistert Indifferenz, ich halte sie für wichtig, allerdings kann sie womöglich auch für andere Druck bedeuten. Ich freue mich deshalb über einordnende Argumente, die Ansichten erweiternde Meinungen und auch Kritik, die vielleicht trotz bester Absichten nötig sein könnte.

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Neue Provinz: Der Verlust des Dorfes

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Im Herbst 2008 nahm ich an einer Versammlung im Bürgerhaus des schönen Heidedorfs Lindhorst teil. Mein dort lebender Schwiegervater nahm mich mit, denn mich interessierte dieser demokratische Prozess sehr. Die Menschen aus Lindhorst diskutierten, ob sie im Vorfeld der für 2010 geplanten Gemeindegebietsreform von Sachsen-Anhalt, die 1950 verloren gegangene Unabhängigkeit Lindhorsts in der geplanten Verbandsgemeinde Elbe-Heide fordern sollte, so dass Lindhorst die achte Mitgliedsgemeinde geworden wäre. Oder ob Lindhorst weiterhin ein Ortsteil der Gemeinde Colbitz bleiben würde, welches Mitglied in der Verbandsgemeinde ist, und Lindhorst somit weiterhin ein Teil des Nachbarortes Colbitz bleiben würde.

Es wurde lebhaft diskutiert, am Ende war man sich aber einig, dass Lindhorst es verdient hätte, ein eigenständiger Nachbar von Colbitz zu sein. In der Anfang Januar durchgeführten Bürgerbefragung in der Gemeinde Colbitz, stimmten 666 Menschen für die Ausgliederung der Ortschaft Lindhorst aus der Gemeinde Colbitz. Der Colbitzer Gemeinderat ignorierte den Wunsch, weshalb es zu einem Bürgerbegehren kam. Dieses scheiterte aber an den übermäßig vielen Nein-Stimmen im Ortsteil Colbitz. Das Dorf Lindhorst hörte damit auch organisatorisch auf zu existieren und wurde zu Colbitz.

Das Verschwinden von Dörfern ist ein politisches Ziel

Lindhorst hatte schon 60 Jahre zuvor seine rechtliche Selbständigkeit verloren, nun war es als eine Einheit komplett verschwunden. In den alten Bundesländern ging es vielen Dörfern ähnlich. Zwischen 1960 und 1990 sind rund 16.000 Dörfer in der Bundesrepublik eingemeindet wurden. In den neuen Bundesländern setzte sich dies als gesamtdeutsche Strategie zur Schaffung leistungsfähiger Strukturen in Gemeinden fort. Zwischen 1992 und 2013 verringerte sich die Anzahl der ostdeutschen Gemeinden um 60 Prozent, in Sachsen-Anhalt sogar um 84 Prozent. Die Stadt-Land-Frage wurde hier dadurch sehr skurril aufgelöst, denn eine Trennung zwischen Stadt und Land ist in den 2010 geschaffenen Gemeinden so nicht mehr möglich.

Ort für die Menschen: Das Bürgerhaus in Lindhorst, März 2018
Ort für die Menschen: Das Bürgerhaus in Lindhorst, März 2018

Die Zentralisierung von Verwaltung wird gestärkt, was vor allem Kosten einsparen soll. Ansonsten bleiben den Menschen nur Nachteile durch diese Entwicklung. Annett Steinführer führt in ihrem Beitrag zum Verschwinden von Dörfern aus, dass „die Funktionsverluste und Handlungsspielräume der eingemeindeten Dörfer, [den] Einwohnerinnen und Einwohnern nun für einfachste Formen gesellschaftlicher Teilhabe (wie Nahversorgung oder Behördengänge) eine erhöhte Alltagsmobilität und damit finanzielle und soziale Ressourcen abverlangt“. Die geographische Dorfforschung geht beim Verschwinden von Dörfern bis heute von einer Verschlechterung der lokalen Demokratie und politischer Teilhabemöglichkeiten aus.

Zum Schmunzeln ist, dass durch diese Entwicklung sechs der 20 flächengrößten Gemeinden Deutschlands in Sachsen-Anhalt liegen. Magdeburg und Halle (Saale) zählen aber nicht dazu. Die altmärkische Hansestadt Gardelegen zählt mit ihren 48 Ortsteilen, die sich auf über 632 km² erstrecken, als drittgrößte Stadt Deutschlands – noch vor Köln und München. Und das mit gerade einmal 23.000 Einwohnern. Was es aber bedeutet, in so einer Verbandsgemeinde zu leben, wie weit die Wege zu einer kaum digitalisierten Verwaltung ist, merkt man dann auf den verschwundenen Dörfern der Hansestadt Gardelegen. Es gibt vermutlich viele Enden der Welt. Hier draußen in der Altmark lernt man bei einem Besuch aber gleich mehrere kennen.

Die Menschen sind noch da

Dörfer sterben also sehr selten und historisch gesehen ist das auch nicht ungewöhnlich. Das interdisziplinär ausgerichtete Fachgebiet der Wüstungsforschung beschäftigt sich damit. Jedoch verschwinden Dörfer immer öfters aus politischem Kalkül und das mit weitreichenden Folgen für die Menschen vor Ort. Die sind noch da. Nun sind sie aber weiter entfernt von den politischen Prozessen oder der Kaufhalle, der nächsten Postfiliale und ihrer Bank. Geht auch alles online, mag ein in der Theorie berechtigter Einwand sein. Die Politik hat es aber in den vergangenen Jahrzehnten verschlafen, die Infrastruktur für digitale Teilhabe zu legen und die Verwaltung digital umzubauen, so dass sie den Menschen digital zugänglich ist.

Ehemaliges Postgebäude im Bördedorf Cröchern – heute nur noch ein Briefkasten, Februar 2018
Ehemaliges Postgebäude im Bördedorf Cröchern im Februar 2018 – inzwischen ist es abgerissen.

Eine Neue Provinz zeichnet sich dadurch aus, dass die gesellschaftliche Teilhabe wieder besser möglich ist. Zum einen durch digitale Dienstleistungen, die auf dem Glasfaser-Netz vor Ort aufgebaut werden, zum anderen auch durch intelligentere und vor allem barrierefrei zugängliche Mobilitätslösungen im ländlichen Raum. Raum ist da, Geld oft zweitrangig, aber schnelles Internet und Zugang, auch im Sinne von Mobilität, die Schwachstellen des ländlichen Raums. Dies ist auch eine Folge der Zentralisierung von Verwaltung und dem damit langsamen Verschwinden der Dörfer und ihren gewachsenen Strukturen. Wenn die Politik dem ländlichen Raum helfen möchte, eine Neue Provinz zu schaffen, dann sollte sie hier ansetzen.


Images by Tobias Kremkau

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