Wird Twitter durch „Moments“ menschlicher?

Twitters Nutzerwachstum hat sich in den letzten drei Jahren verlangsamt – kann das neue Feature namens Moments das vielleicht ändern? Anfang diesen Monats startete Twitter ein neues Feature namens Moments, das eine kuratierte und ständig aktualisierte Sammlung von Tweets anbietet, die das Unternehmen als “das Beste, was gerade bei Twitter passiert” beschreibt. Unter den Überschriften “Heute”, “Nachrichten”, “Sport”, “Unterhaltung” und “Fun” präsentiert Moments eine Reihe von Tweets mit Texten, Videos und Fotos, deren Inhalte von den letzten Entwicklungen im US-amerikanischen Wahlkampf bis hin zu niedlichen Tierbildern reichen.

Die Aufmerksamkeit, die Moments gewonnen hat, ist groß, sowohl weil es Twitters Bestreben das schleppende Nutzerwachstum anzukurbeln zeigt, als auch weil es auf menschliche Kuratoren angewiesen ist. Dieses Vertrauen in Menschen lässt wichtige Fragen nach dem Wert der Leute in technologie-getriebenen Informationsservices und den Grenzen der modernen Spitzensoftware aufkommen.

Warum ist Moments gerade jetzt für Twitter wichtig?

Der wichtigste Antrieb hinter der Entwicklung von Moments ist Twitters stagnierendes Nutzerwachstum.

Twitter, das seit 2006 auf dem Markt ist, kämpft darum, sich auf dem amerikanischen Markt vollständig durchzusetzen. Laut Daten des Pew Research Center nutzen lediglich 20 Prozent der Erwachsenen in den USA Twitter, im Vergleich dazu sind es 62 Prozent der Erwachsenen bei Facebook, 26 Prozent die Pinterest nutzen, 24 Prozent sind Nutzer von Instagram und 22 Prozent nutzen LinkedIn.

 

Hinzu kommt, dass sich Twitters Nutzerwachstum in den letzten drei Jahren verlangsamt hat; waren es im ersten Quartal 2012 noch 18 Prozent, sind es im zweiten Quartal diesen Jahres nur noch 3 Prozent.

Der vor kurzem wieder eingesetzte CEO von Twitter, Jack Dorsey, nennt als Ursache des verlangsamten Wachstums die verwirrende Plattform, deren Navigation schwierig ist. Moments soll nun beide Probleme lösen.

 

Zuallererst soll Moments die Schlüsselfunktion von Twitter hervorheben. Daten des GlobalWebIndex Social Report weisen darauf hin, dass Twitter vor allem als Nachrichtenservice genutzt wird. Wie die Grafik zeigt, berichten 41 Prozent der Nutzer, dass sie in den letzten 30 Tagen einen Nachrichtenbeitrag auf Twitter gelesen haben und 35 Prozent geben an, sich eingeloggt zu haben, um zu sehen, was aktuell passiert (ohne etwas zu tweeten) oder um Trends zu verfolgen.

Moments vereinfacht diese passive Leseart in dem es einen schnellen Überblick über die Nachrichten des Tages bietet. Es betont den größten Reiz von Twitter: Zugang zu interessanten, aktuellen Informationen. Für neue Nutzer kann Moments als Einstieg dienen, um zu zeigen, wie die Plattform funktioniert. Zweitens macht es Moments einfacher, auf der Seite zu navigieren. Anstelle der unorganisierten, zeitlich umgekehrten Zeitachse, mit der erfahrene Nutzer der Plattform vertraut sind, bietet Moments eine stabile und strukturierte Sammlung von Inhalten. Für neue Nutzer, die Twitter noch verwirrend finden, bietet Moments Übersichtlichkeit und erleichterte Bedienung. Falls Dorseys Diagnose korrekt ist, könnte Moments Twitter zu größerem Nutzerwachstum verhelfen. Allerdings sind sich nicht alle Beobachter einig, dass die Verwirrung der Nutzer der Hauptschuldige am stagnierenden Wachstum ist. Der Mitarbeiter der Harvard Business Review Umair Haque schlägt eine alternative Theorie vor, nach der Twitters Wachstum sich auf Grund des ausfallenden und verunglimpfenden Tons, der häufig auf der Plattform angeschlagen wird, verlangsamt hat. Daher bleibt es abzuwarten, ob sich Moments als die richtige Behandlung für das Gebrechen einer nur wenig wachsenden Nutzerbasis erweist.

Wie funktioniert Moments?

Der vielleicht interessanteste Aspekt von Moments ist die Technologie dahinter, besonders da nicht wirklich Technologie in Gebrauch genommen wird. Die Moments Inhalte werden nicht von einem Algorithmus ausgewählt, sondern ausschließlich von Menschen bei Twitter. Dabei erhalten sie Hilfe von Nachrichtenorganisationen wie The New York Times und der Washington Post. Mit anderen Worten: Twitter sucht nicht nach software-basierten Lösungen für das Problem des Nutzerwachstums, sondern hat sich für menschliche Arbeit entschieden. Für Twitter bedeutet dies Inhalte mit höherer Qualität und ein geringeres Risiko von peinlichen Fehlern (welche das Unternehmen in früheren, auf Algorithmen basierenden, Versuchen der Zusammenstellung von Inhalten erlebt hat). Für Nachrichtenorganisation stellt eine Beteiligung an Features wie Moments eine Möglichkeit dar, wie sie Besucher auf ihre Website bringen, während sie noch damit ringen sich an den Einfluss, den soziale Medien auf das Nachrichtengeschäft haben, zu gewöhnen. Twitters Entscheidung menschliche Kuratoren anzustellen, kommt zu einer Zeit, in der die Bedrohung der menschlichen Mitarbeiter durch hochentwickelte Roboter und Software in allen Industrien von der Gastronomie bis hin zum Journalismus ein häufiges Thema ist. Doch während die Bedenken darüber wachsen, ersetzen immer mehr Technologieunternehmen Algorithmen und Software durch Menschen. Beispiele sind auch außerhalb Twitters, von Menschen kuratiertem, Moments zu finden. Die Firma YouTube, eine Tochterfirma von Alphabet (ehemals Google), kündigte vor kurzem an, sie werde mit den Menschen der Nachrichtenagentur Storyful zusammenarbeiten, um einen Video News Feed zu kuratieren. Auch Apple investiert, sowohl für die Nachrichten App als auch für den Musikservice, in menschliche Experten als Kuratoren. Diese Beispiele bilden einen starken Kontrast zu den Algorithmen, die häufig Feeds befüllen. Facebooks Nachrichten Feed nutzt beispielsweise einen Algorithmus, der in Betracht zieht, wem man folgt, was einem gefällt und mit welchen Freunden man am häufigsten interagiert, um zu bestimmen, welche Inhalte angezeigt werden. Eine Art, diese Ankündigungen zu lesen ist, dass sie die Rückkehr des menschlichen Wesens einläuten, dass sie die Erkenntnis repräsentieren, dass das menschliche Urteilsvermögen einen Wert hat, der nicht von einer reinen Software reproduziert werden kann. Eine realistischere Interpretation könnte jedoch sein, dass die Entscheidungen der Technologieunternehmen eher der Erkenntnis geschuldet sind, dass die gegenwärtige Software Generation ihre Grenzen hat. In einem Interview mit Note to Self betont Yoshua Bengio, Professor für Informatik an der University of Montreal, wie unterentwickelt das heutige maschinelle Lernen und die künstlichen Intelligenzen sind. Diese Systeme mit menschlichen Kleinkindern vergleichend erklärte Bengio: “Sie sind noch jünger als Babys, sie sind Proto-Babys, nicht annähernd so klug wie Babys.”

Dieses Proto-Säuglingsalter des maschinellen Lernens wurde bei einem Vorfall Anfang des Jahres deutlich, als Googles Bilderkennungssoftware fälschlicherweise ein afro-amerikanisches Paar als Gorillas markierte. Google entschuldigte sich für den Fehler und unternahm sofort Schritte, um weitere Probleme dieser Art zu vermeiden, aber das innewohnende Problem bleibt: Die gegenwärtige Software ist einfach zu dumm, um Entscheidungen zu treffen, die menschliche Erwachsene intuitiv entscheiden würden. Und für Unternehmen, wie Apple, Alphabet und Twitter steht zu viel auf dem Spiel, als dass sie ihr gesamtes Geschäft auf Software setzen würden, die sich noch im Proto-Säuglingsalter befindet.

Daher ist es wahrscheinlich ein Fehler zu verkünden, dass wir in ein neues Zeitalter der Menschen bei Apple, Twitter und ähnlichen Unternehmen vorstoßen. Stattdessen bedeuten diese Entwicklungen lediglich eine Pause im Vormarsch der Mechanisierung. Sobald die Algorithmen erwachsen sind, ist es denkbar, dass die menschlichen Kuratoren den Weg der menschlichen Autobauer gehen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “Twitter Bird Logo Sketch, New” by Shawn Campbell (CC BY 2.0)


 

Felicity Duncan

ist Dozentin am Cabrini College für digitale Kommunikation und Social Media. Sie arbeitete zehn Jahre lang als Journalistin, bevor sie in der Wissenschaft tätig wurde. Ihren Master hat sie an der Universität von Missouri-Columbia gemacht, und einen Master und Doktor an der University of Pennsylvania.


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