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Kontext Mensch: datengetriebenes Marketing braucht neue Perspektiven

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Marketiers in nahezu allen deutschen Unternehmen müssen oder wollen neuerdings „datengetrieben“ unterwegs sein und „alle stürzen sich auf die Marketingtechnologie“, wie Pascal Lauscher, Inhaber und Lead Brand Strategy Consultant von Lauscherconsulting so treffend formuliert. Der Münchner Unternehmer berät namhafte Kunden wie Siemens oder Microsoft und wird beim Big Data Marketing Day am 22. Februar 2018 in München darüber berichten, wie Marketiers Daten nutzen können, um kreativer und wirkungsvoller zu kommunizieren.

Meist können sie nämlich schon froh sein, wenn wenigstens eine unternehmensweite Daten-Strategie existiert und schon jemand ein Daten-Audit gemacht hat. Von ihnen wird nun vor allem erwartet, dass sie Metriken und Conversion-Rates im Auge behalten, dass sie Zielgruppendaten, Kundenfeedbacks und Kaufverhalten auswerten, um das Angebot zu optimieren. Doch oft führt selbst das klassische Vorgehen nicht zum gewünschten Ergebnis, wie Pascal Lauscher weiß: „Das datengetriebene Marketing befasst sich sehr stark damit, Menschen schlauer und besser wissen zu lassen, dass es zum Beispiel ein Produkt gibt. Aber das reicht noch nicht. Die Frage ist: Wie bringe ich Menschen dazu, etwas zu tun?“

Also auch tatsächlich etwas zu kaufen, sich zu registrieren, zu sharen, zu liken, oder zu klicken. Lauschers Antwort ist so einfach wie überzeugend: „Ich muss die Menschen verführen, mit meiner Marke zu interagieren. Und dass mache ich mit Kreativität, denn mit Argumenten kann man nicht verführen.“

Daten müssen besser interpretiert werden

Wenn es um Handlungsmotivation geht, liefern Daten allerdings keine Insights. Dennoch steckt ein Teil der Antwort auch in den Daten, vor allem wenn man sie so zu interpretieren weiß, dass der Mensch dahinter wirklich besser sichtbar wird: „Dazu muss man sich hinsetzen, am besten im Team, und die Daten anschauen, drehen, wenden, diskutieren“, so Lauscher. Leider passiere das noch immer sehr selten und man bleibe gerne beim Offensichtlichen. „Doch wenn ich die Daten in den Kontext Mensch stelle, kann ich die Person hinter den Daten entdecken und sie mit all ihren Emotionen, Wertvorstellungen, Ängsten und Träumen adressieren. Der Mensch, den wir auch Kunde nennen, steckt ja da irgendwo hinter den Daten“, fügt er hinzu.

Beim Big Data Marketing Day wird Lauscher dazu sein 4D-Modell vorstellen. Dieses kann bei der Interpretation als Orientierung dienen, indem Marketiers nacheinander jede der vier Perspektiven auf die Daten einnehmen.

4d Modell von Pascal Lauscher (Image by Pascal Lauscher)
4D-Modell von Pascal Lauscher; Image by Pascal Lauscher

Zudem wird er fünf goldene Regeln vorstellen, mit denen Unternehmen ihre Kunden erreichen.

Eine davon verrät uns Pascal Lauscher schon vorab: „Eine meiner Regeln besagt: Wenn man nicht weiter weiß, universelle Motivatoren bedenken. Es gibt universelle Motivatoren, die jeder von uns kennt und die immer funktionieren. Die muss man nicht neu erfinden – sie sind schon in der menschlichen Psyche verankert. Limitation zum Beispiel (sechs Leute interessieren sich auch für dieses Hotel, nur noch drei Zimmer frei). Oder Neugier (25 alltägliche Dinge, von denen Du nicht wusstest, wozu sie gut sind. Nummer vier hätte ich nie erwartet…). Diese Motivatoren lassen sich auf jeden Fall immer abarbeiten und man ist schon ein Stück weiter in Sachen wirksames Marketing. Am besten verknüpft man diese Motivatoren allerdings in einer Kreativitätstechnik mit den Daten. Ich zeige im Vortrag, wie man das macht und wie man damit haufenweise kreative Ideen für Content generieren kann.“

„There are a lot of great technicians in advertising. And unfortunately, they talk the best game. They know all the rules … but there’s one little rub. They forget that advertising is persuasion, and persuasion is not a science, but an art. Advertising is the art of persuasion.“ – William Bernbach

Wichtig sind die Menschen hinter den Daten

Statt sich also im datengetriebenen Marketing immer stärker den predictive Algorithmen, den Tools und Prozessen zu unterwerfen und damit viel mehr Potential zu verschenken als wir es ahnen, sollten wir lernen, die Menschen hinter den Daten zu erkennen und sie auf kreative Weise zu begeistern. Mit den richtigen Methoden ist das durchaus möglich und als Resultat wird unser Marketing freier und gleichzeitig wirkungsvoller.


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Künstliche Intelligenz und die Angst vor ihr

Orb of power (adapted) (Image by Ramón Salinero [CC0 Public Domain] via Unsplash)

Die Künstliche Intelligenz hat in der deutschen Diskurslandschaft keinen guten Ruf. Sie bevormundet Menschen, entscheidet intransparent und gehört meist nur den Silicon Valley-Konzernen. Sollten wir Menschen, die wir den Planeten gegen die Wand fahren, nicht offener dieser Form von Intelligenz gegenüber auftreten? Bietet sie nicht auch sehr viele Chancen?

Jährlich sterben allein in Deutschland 100.000 – 200.000 Menschen am plötzlichen Herztod. Das Risiko steigt mit dem Alter. Männer sind fast doppelt so häufig betroffen. Auch intensiver Sport führt – bei fehlendem Wissen um eine unentdeckte Herzerkrankung – zu einer Verdoppelung des Risikos, daran zu sterben. Die wenigsten potenziellen Opfer gehen vorab zum Kardiologen, da sie zumeist keine Beschwerden verspüren. Wenn sie dann doch aufgrund temporärer Beschwerden zum Kardiologen gehen, ist die Wahrscheinlichkeit, das Problem im Rahmen eines 24-Stunden-EKGs zu entdecken, sehr gering.

Apple hat dieses Problem erkannt und wird wohl beim Nachfolgemodell der Apple Watch 3 einen Sensor für ein erweitertes EKG in die Uhren einbauen. Durch einen Abgleich der gemessenen EKG-Daten und möglicher enthaltener auffälliger Muster mit standardisierten beispielhaften „kranken“ Mustern, können unentdeckte Herzerkrankungen oder Anomalien erkannt werden.

Apple wird mit dieser Funktion und der Auswertung der Daten (indirekt) wahrscheinlich viel Geld verdienen. Wie sehen die Menschen, die schon um ihr erhöhtes Sterberisiko in Folge einer Vorerkrankung wissen, ein solches Device? Und wie sehen sie die Möglichkeiten der Diagnose infolge der Auswertung großer Datenmengen? Würden sie bemängeln, dass die oftmals so deklarierten „Internet-Riesen“ trotz ungeklärter Fragen des Datenschutzes Geld mit diesen Devices verdienen? Würden sie nach der Wirkungsweise des Algorithmus fragen? Und würden sie sich mit dessen Anwendung nur dann einverstanden erklären, wenn man ihnen den Programm-Code erklärt? Oder wenn eine deutsche Behörde diesen einen speziellen Algorithmus überprüft hat? Wohl eher nicht.

Wer sollte über die Anwendung einer Künstlichen Intelligenz (KI) entscheiden: Die betroffenen Menschen oder eine Kommission?

Umso weltfremder und an den Gesundheitsbedürfnissen der betroffenen Menschen vorbei scheinen daher momentane Beiträge in bekannten Medien. Diese fordern ein, dass es Experten geben müsste, die die Wirkungsweise jeder KI verstehen. Die sie kontrollieren und über deren Nutzung urteilen sollten. Obgleich sie nicht von einer tödlichen Bedrohung wie dem plötzlichen Herztod bedroht sind. Mit welchem Recht wird dann aber den betroffenen Menschen die Entscheidung zur Anwendung der Technik aus der Hand genommen? Wollte man aus dieser Situation eine steile These generieren, so könnte man sagen, dass die Debatte und die Verschleppung der Einführung von KI täglich unverantwortlicher Weise Menschenleben kostet.

Während diskutiert wird, welche Menschen eine KI in einem autonom fahrenden Auto am ehesten im Notfall „umfahren“ soll, sterben täglich in Deutschland ca. neun Menschen im Verkehr. Meist wurden diese Unfälle verursacht durch zu hohe Geschwindigkeit oder Fahren unter Alkoholeinfluss ihrer Mitmenschen. Warum wird also nicht die Frage nach der moralischen Verträglichkeit menschengelenkter Autos gefragt? Hat es eine solche Ethik-Debatte jemals gegeben, um zu überprüfen, ob der Vorstand von Volkswagen vor Bekanntwerden von Dieselgate „ethisch richtig handelt“? Wieso legen wir an KI solch hohe Maßstäbe an, die die Menschen bisher selbst meist nicht erfüllt haben?

Dürfen wir KI unsere menschliche Moral aufzwingen?

Sally Davies hat sich in ihrem Beitrag daher auch die Frage gestellt, mit welchem Recht wir versuchen, einer zukünftigen KI unser Verständnis von Moral aufzuzwingen. Viele technische KI-Experten werden einwenden, dass diese Form der KI noch lange nicht erreicht sei (worüber es zu Recht aber sehr unterschiedliche Auffassungen gibt). Nichtsdestotrotz ist damit zu rechnen, dass wir uns eines Tages diese Fragen stellen müssen. Wird sich die KI einsichtig zeigen, dass unser Wertmaßstab auch der ihrige sein soll? Was wäre, wenn die KI „Verbesserungsvorschläge“ für unser Wertesystem liefert?

Im Bereich strategischer Spiele sind wir bereits an diesem Punkt der KI-Entwicklung angekommen. In einem aktuellen Beitrag auf The Atlantik zu den neuen Fortschritten bei der KI-Entwicklung im Zuge der AlphaGo Zero-Entwicklung formulieren die Autoren, was im Kern die Botschaft aus den gegenwärtigen Entwicklungssprüngen ist. Die (genannte) KI benötigt keinen Menschen mehr, um in einem Gebiet „übermenschliche“ Fähigkeiten in kürzester Zeit zu entwickeln. Das ist insbesondere dann spannend, wenn die Erkenntnisse der KI-Entwickler auf die Bekämpfung von Krankheiten oder den Klimawandel angewendet werden, wie diese es selbst in ihrem Blog weitsichtig beschreiben.

Eine leidige kurzsichtige Diskussion über die vermeintliche Sinnhaftigkeit luftverdreckender Diesel-Pkw wäre unter diesen Umständen schnell obsolet. Sie könnte, im Gegensatz zu den derzeit beschlossenen politischen Maßnahmen, täglich Menschenleben retten. Ist es vielleicht an der Zeit, dass wir den Versuch aufgeben, eine höhere Intelligenz verstehen zu wollen?

Die Syntheist-Bewegung greift diese Überlegungen auf. Der schwedische Cyber-Philosoph Alexander Bard als einer der bekanntesten Vertreter begreift das Internet als „Gehirn“ der Menschheit. Laut ihm ist es ausgestattet mit Netzknoten, Netzwerken und Datenbanken. Sie alle zusammen sind mehr als die Summe der einzelnen Wissensbestandteile der Menschheit. Das Silicon Valley „Wunderkind“ Anthony Levandowski geht in dieselbe Richtung. Er versteht die internetbasierte Wissensgenerierung als Schritt hin zu einer übergeordneten Weisheit, infolgedessen er auch die „First Church of AI“ ausgerufen hat.

Können Androiden menschliche Reaktionen auslösen?

Die Fähigkeiten gerade von Robotern, in den zwischenmenschlichen Bereich vorzudringen, wurde bisher ebenfalls sehr zurückhaltend gesehen. Seien es doch die wahren menschlichen Eigenschaften der Kreativität, der Interaktion, der Empathie, die menschliche Reaktionen hervorriefen und durch Maschinen nie ersetzt werden könnten. Ist dem wirklich so? In einem aktuellen Beitrag stellt sich die Autorin Alex Mar die Frage, ob es diese angeblich genuinen Eigenschaften wirklich nur bei Menschen gibt.

Bei einem Besuch des Android-Forschers Hiroshi Ishi­guro wird sie an die Grenze des scheinbar intuitiv Menschlichen gebracht, als sie von den Erfahrungen des Forschers mit seinen Androiden hört. Indem Androiden basale menschliche Verhaltensweisen übernehmen, die einen Menschen positiv und emotional triggern, können sie bei Menschen echte mitmenschliche Emotionen erzeugen. In einem wissenschaftlichen Experiment konnten Forscher der Universität Calgary vor Jahren zeigen, dass selbst ein Stück Balsaholz bei Menschen Gefühle auslösen kann. Die positiven Gefühle Maschinen gegenüber können noch weiter befördert werden, wenn man sie ab und an „menschliche“ Fehler machen lässt und sie dadurch nicht unerreichbar perfekt erscheinen.

Spätestens mit der Nutzung der replika-App kann jeder Nutzer selbst überprüfen, ob der Dialog mit einer auf sich selbst trainierten KI wirklich immer nur als bewusster Dialog mit einem Code erfolgt. Und nicht mit einem „gefühlten“ realen Gegenüber. Die Gründerin des Startups hatte ihren besten Freund auf tragische Weise verloren. Daraufhin sammelte sie nach seinem Tod alle Chats, die sie mit ihm geführt hatte. Sie kreierte eine erste KI, die ihren toten Freund simulierte. Inzwischen können Nutzer weltweit eine eigene KI nach diesem Muster „erstellen“. Auch wenn das etwas seltsam klingt, haben Außenstehende kein Recht, der Gründerin oder Nutzern von „replika“ daraus einen Vorwurf zu machen.

Wäre es daher nicht an der Zeit, an der Einmaligkeit des Menschlichen zu zweifeln? Fand man in der Neurowissenschaft bereits vor Jahren heraus, dass der vorgebliche freie Wille der Menschen gar nicht so frei ist, ist es jetzt an der Zeit zu erkennen, dass auch unsere Gefühle nicht nur an Menschen gebunden sind.

Digitaler Darwinismus ist schon heute Realität

Man muss sicherlich nicht ganz so weit gehen, wenn es um das Mimikry menschlichen Verhaltens durch eine KI geht. Schon weiter vorangeschritten ist die Angleichung an menschliche Verhaltensweisen bei der Ausübung von beruflichen Tätigkeiten. So zeigt Miranda Katz anhand von Beispielen aus der Übersetzerbranche, der Juristerei und der Filmbranche, dass schon heute impliziter digitaler Darwinismus auf dem Arbeitsmarkt durch den Einsatz von KI ausgelöst worden ist. So ist es nach Meinung der dort zitierten ScriptBook CEO Nadira Azermai nicht die KI, die Menschen arbeitslos werden lässt. Es ist vielmehr die Verweigerungshaltung, KI für die eigene Tätigkeit einzusetzen. Auch wenn dies an vielen Stellen schon möglich ist.

“You’ll lose your job to people who have learned how to cooperate with machines. You will lose your job if you keep turning your head the other direction and pretending it doesn’t exist“, so Azermai.

Wenn aber KI zunehmend Tätigkeiten übernehmen, die Bestandteil menschlicher Berufe (Arzt, Drehbuchautor, Polizist) sind, muss die Frage gestellt werden, in welcher Weise sich Ausbildungsgänge nicht eigentlich sehr viel schneller anpassen müssten. Jon Marcus beschreibt in seinem Beitrag die erkennbaren Folgen für das bestehende Bildungssystem. So beginnen die ersten großen Unternehmen aus der IT-Branche, eigene Ausbildungsgänge aufzubauen. Hier erfolgt nämlich die Anpassung der bestehenden zu langsam und bürokratisch. KI, die Berufe verändert, hat demnach auch Auswirkungen auf das Bildungssystem. Sicher könnte man die ethische Frage anschließen, was denn mit dem Kompetenzaufbau in den Bereichen der Ausbildung geschieht, in denen die KI Menschen ersetzen.

Mit wissenschaftlichen Methoden des 20. Jahrhunderts lösen wir nicht die Probleme des 21. Jahrhunderts

Der Umgang der Wissenschaft und der Politik mit dieser Herausforderung zeigt sehr anschaulich das Dilemma, auf diese neue Herausforderung (KI, Roboter) mit tradierten Methoden und Sichtweisen zu reagieren. Seit der Veröffentlichung der allseits bekannten Frey/Osborne-Studie hat es viele volkswirtschaftliche Folge-Studien gegeben (so z.B. durch das ZEW). Diese waren am Ende stets zu dem Ergebnis gelangt, dass wir mit einem Abbau menschlicher Beschäftigung – in einem ungeklärten Umfang – rechnen müssen. Zeigt sich aber nicht zuletzt an der Methodik dieser Studien, dass wir inzwischen mit menschlicher Intelligenz allein die Komplexität, die uns zunehmend umgibt, nicht mehr bewältigen können? Wie kann es sein, dass Studien ernsthaft als politische Entscheidungsgrundlage dienen, die vorgeben, die Wahrscheinlichkeit einer digitalen Disruption in einer bestimmten Branche ex ante berechnen und daraus ableitend Arbeitsmarktprognosen abgeben zu können? Wir hinterfragen aber nicht diese wissenschaftlichen Methoden. Wir hinterfragen vielmehr die Entscheidungslogiken der KI und bezeichnen sie nur zu gern und schnell als diskriminierend.

Nicht die Künstliche Intelligenz sondern der Mensch diskriminiert

Eva Wolfangel zeigt in ihrem spannenden NZZ-Beitrag, warum es aber nicht die Algorithmen – auch nicht die selbst lernenden KIs – sind, die sexistisch, rassistisch oder diskriminierend sind. Es liegt vielmehr an dem, was wir der KI „vorleben“ und als Input zum Lernen zur Verfügung stellen. Ein Herausbrechen von Diskriminierung aus Algorithmen hingegen ist als Lösung des Problems in keiner Weise geeignet, da es keine übergeordnete Wahrheit und keinen absoluten Maßstab gibt, an dem sich diese Programmierer ausrichten können. Zudem kommt das Problem hinzu, so Wolfangel, dass Menschen allzuhäufig Korrelationen mit Kausalitäten gleichsetzen. Im Kern heißt dies also erneut, dass die KI nichts vom Menschen lernen kann, da er selbst nicht das passende Vorbild abliefert.

Hängt der Quanten-Computer die Menschen endgültig ab?

KI ist Bestandteil sehr vieler alltäglicher Lebensbereiche des Menschen. Sie unterstützt diesen, hilft dort aus, wo sie mehr leisten kann als ein Mensch, kann kreativ sein. Der nächste Entwicklungsschritt hin zur Intuition und einem menschenähnlichen Bewusstsein wird eventuell die Anwendung der Quantentechnik für KI sein. So wird bereits in den nächsten Monaten die „Quantum Supremacy“ gegenüber den uns bekannten Computern eintreten.

Wir sollten daher vielleicht nicht vergessen, die Probleme der Politik, der gesellschaftlichen Debatte und der Wissenschaft zu thematisieren. Gerade wenn es darum geht, mit dieser technischen Entwicklung Schritt zu halten. Experten sprechen von der exponentiellen Dynamik der KI-Entwicklung: „There will be an acceleration of pace as ever more people are put out of work “by technology” when artificial intelligence masters vision – and how to learn. (…) Unlike in the Industrial Revolution, we cannot expect a plateau of development here that will allow people to ‘catch up’”. Die Frage ist, wie wir als Menschen damit umgehen wollen.

Die Diskussion um die Gesundheitskarte zeigt es exemplarisch. Während in Deutschland über Fragen des Datenschutzes diskutiert wird, werden anderswo mit IBM Watson bereits Leben gerettet. Wird irgendwann der moralische Druck, die Entwicklung der KI einfach zu akzeptieren, nicht so groß werden, dass jahrelange politischen Debatten über neue Regulären zunehmend utopisch erscheinen? Was ist, wenn die durch eine Smart City induzierte Einsparung natürlicher Ressourcen den persönlichen Vorstellungen über Datenschutz gegenüber steht?

Benötigen wir nicht einen „politischen“ Algorithmus im Sinne einer Entscheidungslogik, der uns beim Umgang mit diesen strittigen Fragen Orientierung gibt und der zwischen individuellen und gesellschaftlichen Interessen abzuwägen hilft? Oder liegt es, wie der genannte provokante Beitrag auf AEON vorschlägt, am Ende gar nicht mehr im Ermessensspielraum des Menschen, über die Moral eines Algorithmus zu entscheiden, weil wir die sich daraus ergebende moralischen Regeln nicht mehr verstehen, wir aber davon ausgehen müssen, dass uns diese weiterhelfen als die Regeln und Verhaltensweisen, die uns seit Jahrtausenden Umweltzerstörung und Krieg bringen?

Wenn ihr mehr zu dem Thema „Angst vor der Künstlichen Intelligenz“ erfahren möchtet, dann gibt es hier von Arend Hintze einen spannenden Artikel mit dem Titel „Künstliche Intelligenz: Wovor die Forscher sich fürchten„.


Image (adapted) „Orb of power“ by Ramón Salinero (CC0 Public Domain)

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Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben und wie man ihre Meinung ändert

Ich sitze im Zug, als seine Gruppe Fußballfans hereinströmt. Direkt vom Spiel – ihr Team hat offenbar gewonnen – besetzen sie die leeren Sitze um mich herum. Eine Frau nimmt eine weggeworfene Zeitung und kichert hämisch, als sie über die neuesten „alternativen Fakten“ liest, die von Donald Trump verbreitet wurden.

Die anderen mischen sich schon bald mit ihren Gedanken über die Vorliebe des US-Präsidenten für Verschwörungstheorien ein. Das Gespräch geht bald in andere Verschwörungen über und ich höre gerne zu, als die Gruppe sich erbarmungslos über Klimaleugner, Chemtrails Mems und die neueste Erleuchtung von Gwyneth Paltrow lustig macht.

Dann herrscht Stille und einer nutzt dies als Möglichkeit, Folgendes anzuführen:

Dieses Zeug mag Unsinn sein, aber versucht nicht, mir zu erzählen, dass man allem vertrauen kann, was einem von der breiten Masse zugeführt wird! Denkt an die Mondlandung. Sie waren offensichtlich gefälscht – und das nicht einmal gut. Ich habe vor ein paar Tagen diesen Blog gelesen, in dem stand, dass nicht einmal Sterne auf den Bildern zu sehen waren!

Zu meinem Erstaunen führt die Gruppe weitere „Beweise“ an, die die Falschmeldung über die Mondlandung unterstützen: Widersprüchliche Schatten auf Fotos, eine wehende Fahne, obwohl es auf dem Mond doch keine Atmosphäre gibt oder wie Neil Armstrong gefilmt wurde, als er auf der Mondoberfläche herumstapfte, wenn doch keiner da war, der die Kamera gehalten hatte.

Noch eine Minute zuvor schienen sie rational denkende Menschen zu sein, die fähig waren, Beweise zu beurteilen und eine logische Schlussfolgerung zu ziehen. Aber nun gehen die Dinge den Bach hinunter. Also atme ich tief durch und entscheide mich dazu, mich einzumischen: „Eigentlich kann das alles recht einfach erklärt werden…“

Sie drehen sich zu mir, entsetzt, dass ein Fremder es wagt, sich in ihr Gespräch einzumischen. Ich mache unbeirrt weiter und konfrontiere sie mit einem Schwall von Fakten und rationalen Erklärungen.

„Die Flagge flatterte nicht im Wind, sie bewegte sich nur, als Buzz Aldrin sie in den Boden gesteckt hatte! Die Bilder wurden zur Tageszeit auf dem Mond gemacht – und natürlich kann man tagsüber die Sterne nicht sehen. Die komischen Schatten sind da wegen der sehr weitwinkligen Linsen, die die Fotos ein wenig verzerren. Und es hat niemand das Bildmaterial genutzt, auf dem Neil die Leiter hinuntersteigt. Eine Kamera war außen an der Mondfähre angebracht. Die hat gefilmt, wie er seinen gigantischen Sprung gewagt hat. Wenn das noch nicht reicht, liefern die Fotos vom Landeplatz des Lunar Reconnaissance Orbiter den letzten entscheidende Beweis, auf denen man ganz deutlich die Spuren sehen kann, die die Astronauten hinterlassen haben, als sie über die Mondoberfläche gingen.“

So, jetzt habe ich es ihnen gezeigt, denke ich bei mir. Aber es scheint, als wären meine Zuhörer noch lange nicht überzeugt. Sie wenden sich von mir ab und geben jede Menge seltsame Behauptungen ab. Stanley Kubrick hat alles gefilmt, Mitwissende sind auf geheimnisvolle Weise gestorben, und so weiter…

Der Zug hält. Es ist nicht meine Station, aber ich steige trotzdem aus. Als ich etwas verschüchtert auf die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante starre, frage ich mich, warum es meine dargelegten Tatsachen absolut nicht geschafft haben, ihre Meinung zu ändern.

Die einfache Antwort ist, dass Fakten und rationale Argumente nicht wirklich so gut dafür geeignet sind, die Überzeugungen der Leute zu ändern. Das kommt daher, dass unsere rational denkenden Hirne sich an unsere nicht so weit entwickelte, evolutionär bedingte Verbindungen in unserer Wahrnehmung angepasst haben. Ein Grund, warum Verschwörungstheorien so oft auftauchen, ist unser Wunsch, der Welt eine Struktur zu geben. Wir sind außerdem bestrebt, in allem, was uns begegnet, bestimmte Muster zu erkennen. Tatsächlich zeigte eine kürzlich durchgeführte Studie einen Zusammenhang zwischen dem Verlangen nach Struktur und der Tendenz, an eine Verschwörungstheorie zu glauben.

Schauen Sie sich beispielsweise diese Sequenz an:
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Können Sie ein Muster erkennen? Sehr wahrscheinlich – und Sie sind nicht alleine. Eine kurze Twitter-Umfrage (die einer weitaus strengern kontrollierten Studie nachempfand) behauptete, dass 56 Prozent der Leute mit Ihnen übereinstimmen, obwohl die Sequenz nur entstanden ist, weil ich eine Münze geworfen habe.

Es scheint, als wäre unser Wunsch nach Struktur und unsere Fähigkeit, Muster zu erkennen, lebhaft ausgeprägt, was eine Tendenz herbeiführt, Muster zu erkennen – wie Konstellationen, Wolken, die wie Hunde aussehen und Impfstoffe, die Autismus herbeiführen – wenn eigentlich gar keine da sind.

Die Fähigkeit, Muster zu sehen, war für das Überleben unserer Ahnen wahrscheinlich sehr nützlich – es war wohl besser, fälschlicherweise Anzeichen eines Raubtieres zu vermuten, als eine echte große hungrige Katze zu übersehen. Aber wirft man dieselbe Tendenz in unsere informationsreiche Welt hinein, sehen wir nichtexistente Verbindungen zwischen Ursachen und Effekten – also Verschwörungstheorien – einfach überall.

Gruppenzwang

Ein weiterer Grund, warum wir so erpicht darauf sind, an Verschwörungstheorien zu glauben, ist der, dass wir soziale Wesen sind. Unser Status in der Gesellschaft ist von einem evolutionären Standpunkt aus weitaus wichtiger, als Recht zu haben. Daher vergleichen wir unsere Handlungen und Vorstellungen immer mit denen unserer Mitmenschen und passen sie an, um dazuzugehören. Das bedeutet, dass wir sehr wahrscheinlich dem folgen, was die Gruppe glaubt, der wir uns zugehörig fühlen.

Der Effekt sozialer Beeinflussung auf unser Verhalten wurde gut im Jahr 1961 durch das Straßenecken-Experiment demonstriert, das von dem US-Psychologen Stanley Milgram, der wegen seiner Untersuchungen, wie man Gehorsam gegenüber Autoritäten einfordert, berühmt geworden ist, und seinen Kollegen durchgeführt wurde. Das Experiment war einfach und unterhaltsam genug, um es nachzumachen. Entscheiden Sie sich einfach für eine belebte Straßenecke und starren Sie 60 Sekunden lang in den Himmel.

Mit großer Wahrscheinlichkeit werden nur ein paar Menschen stehen bleiben und schauen, was Sie sich ansehen – in dieser Situation fand Milgram heraus, dass nur etwa vier Prozent der Passanten mitmachten. Nun bringen Sie einige Freunde mit und probieren Sie es noch einmal. Wenn die Gruppe wächst, werden immer mehr Fremde stehen bleiben und nach oben starren. Hat die Gruppe erst einmal eine Größe von 15 Leuten erreicht, die in den Himmel starren, werden um die 40 Prozent der Passanten stehen bleiben und ihr Gesicht zusammen mit Ihnen in die Höhe strecken. Sicherlich hat jeder von uns Erlebnisse dieser Art schon einmal in Kaufhäusern bemerkt, wenn man sich zu den Ständen hingezogen fühlt, um die eine ganze Menschentraube steht.

Das Prinzip gilt genauso für Gedanken. Wenn mehrere Leute etwas glauben, ist es wahrscheinlicher, dass wir dies als wahr akzeptieren. Und wenn wir durch unsere soziale Gruppe einer bestimmten Idee extrem ausgesetzt sind, wird diese in unsere Weltanschauung eingebettet. Kurz gesagt ist der soziale Beleg eine weitaus effektivere Überzeugungstechnik als ein Beleg, der rein auf Fakten basiert. Das ist auch der Grund, weshalb diese Art von Beleg in der Werbung so beliebt ist („80 Prozent der Mütter stimmen zu“).

Der soziale Beweis ist nur einer aus einer Menge logischer Täuschungen, die ebenfalls dazu führen, dass wir Beweise übersehen. Ein verwandtes Problem ist der omnipräsente Bestätigungsfehler. Hier tendieren viele Leute dazu, jenen Daten zu glauben, die ihre Ideen unterstützen und die Beweise zu ignorieren, die sie nicht bestätigen. Wir alle leiden daran. Denken Sie einfach an das letzte Mal zurück, als im Fernsehen oder im Radio eine Debatte lief. Wie überzeugend war das Argument, das gegen unsere Ansichten war im Vergleich zu jenem, das mit unserer Überzeugung übereinstimmte?

Aller Wahrscheinlichkeit nach haben wir, ganz egal, wie rational die jeweilige Seite war, die Gegenargumente hauptsächlich ausgeblendet, während wir uns auf die Seite derer schlagen wollten, die mit unserer Auffassung übereinstimmten. Bestätigungsfehler manifestieren sich auch als eine Tendenz, Information aus Quellen zu wählen, die bereits mit unseren Anschauungen übereinstimmen (die wahrscheinlich aus dem sozialen Umfeld stammen, aus der wir kommen). Daher bestimmten Ihre politischen Anschauungen wahrscheinlich ihren Nachrichtenkonsum.

Natürlich gibt es ein Glaubenssystem, das logische Täuschungen wie Bestätigungsfehler erkennt und versucht, sie aus dem Weg zu räumen. Die Wissenschaft macht durch Wiederholungen von Beobachtungen aus Anekdoten reine Daten, reduziert Bestätigungsfehler und akzeptiert, dass Theorien durch neue Beweise aktualisiert werden können. Das heißt, sie ist offen genug, ihre Kerntexte zu bearbeiten. Trotzdem werden wir alle von Bestätigungsfehlern geplagt. Der Starphysiker Richard Feynman beschrieb ein Beispiel, das in einer der schlüssigsten Gebiete der Wissenschaft auftrat: Der Elementarteilchenphysik.

„Millikan hat die Ladung eines Elektrons durch ein Experiment mit fallenden Öltropfen gemessen und bekam eine Antwort, von der wir nun wissen, dass sie nicht ganz richtig ist. Sie weicht ein wenig ab, weil er den falschen Wert für die Viskosität der Luft hatte. Es ist interessant, sich die Geschichte der Messungen der Ladungen von Elektronen nach Millikan anzusehen. Wenn man sie als eine Funktion der Zeit darstellt, kommt man darauf, dass eines etwas größer ist als die Millikans und das nächste etwas größer als dieses und das nächste wiederum größer, bis sie letztendlich auf eine höhere Zahl kommen.“

„Warum kamen sie nicht gleich darauf, dass die neue Zahl höher war? Für Geschichten wie diese schämen sich Wissenschaftler. Wenn sie eine Angabe erhielten, die die Millikans überstieg, dachten sie, sie hätten eine Fehler gemachtsuchten und fanden eine Lösung, warum etwas eventuell falsch war. Wenn sie eine Zahl hatten, die näher an Millikans Wert war, suchten sie nicht so gründlich.“

Mythos-erweiternde Pannen

Manch einer mag sich nach den populären Medien richten und Irrglauben und Verschwörungstheorien durch den Mythos-erweiternden Zugang zu bewältigen. Den Mythos neben der Realität zu nennen scheint eine gute Möglichkeit zu sein, um die Tatsachen und die Lügen zu vergleichen, sodass die Wahrheit ans Licht kommen wird. Aber wieder stellt sich heraus, dass dies ein schlechter Zugang ist. Es scheint einen Fehlschlageffekt hervorzurufen. Hierbei ist der Mythos letztendlich das, was im Kopf bleibt – und nicht die Tatsache selbst.

Eines der hervorragendsten Beispiele dazu hat eine Studie gezeigt, die Flyer zu Mythen und Fakten über Grippeimpfstoffe bewertete. Direkt nach dem Lesen erinnerten sich die Teilnehmer genau an die Fakten als Fakten und die Mythen als Mythen. Doch nur 30 Minuten später schien dies völlig auf den Kopf gestellt worden zu sein, da man sich an die Mythen viel eher als „Fakten“ erinnerte.

Man glaubt, dass das reine Erwähnen der Mythen hilft, diese zu untermauern. Wenn dann die Zeit vergeht, vergisst man den Kontext, in dem man den Mythos gehört hat – in diesem Fall während einer Erklärung – und erinnert sich nur mehr an den Mythos selbst.

Was noch schlimmer ist: Führt man einer Gruppe mit einem sehr festgesetzten Anschauungskatalog neues Wissen vor, kann dies ihre Anschauungen noch bestärken, obwohl die neue Information diese eigentlich schwächen sollte. Neue Beweise führen zu Widersprüchlichkeiten in unserem Weltbild und zu einem damit assoziierten emotionalen Unwohlsein. Aber anstatt unsere Anschauungen zu modifizieren, tendieren wir dazu, sie vor uns selbst zu rechtfertigen und anderslautende Theorien umso mehr abzulehnen, was uns noch mehr in unserem Weltbild bestärkt. Diese Tatsache kennt man als „Bumerang-Effekt“. Tatsächlich ist dieser Effekt ein großes Problem, wenn man versucht, Menschen zu besserem Verhalten umzupolen.

Beispielsweise haben Studien gezeigt, dass öffentliche Informationsanzeigen, die dazu dienen sollten Rauchen, Alkohol- und Drogenkonsum zu reduzieren, alle den gegenteiligen Effekt erzielten.

Freundschaften können helfen

Wenn wir uns also nicht auf die Fakten verlassen können, wie bringen wir Leute dann dazu, ihre Verschwörungstheorien oder andere irrationale Ideen zu verwerfen? Wahrscheinlich kann hier nur Bildung langfristig helfen. Damit meine ich nicht eine Vertrautheit mit wissenschaftlichen Fakten, Zahlen und Techniken. Was tatsächlich notwendig ist, ist Bildung in der wissenschaftlichen Methode, wie beispielsweise analytisches Denken. Tatsächlich zeigen Studien, dass das Verwerfen von Verschwörungstheorien mit mehr analytischem Denken verbunden ist. Viele Leute werden nie in der Wissenschaft tätig sein, aber wir nutzen sie oft genug. Daher brauchen die Bürger die Fähigkeiten, wissenschaftliche Behauptungen kritisch zu beurteilen.

Natürlich würde es mir bei der Situation im Zug nicht helfen, den Lehrplan eines Landes zu ändern. Für einen direkteren Zugang ist es wichtig, zu verstehen, dass es sehr hilft, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Bevor man beginnt, jemanden bekehren zu wollen, sollte man erst einmal gemeinsame Werte feststellen.

Um den Fehlschlageffekt zu vermeiden, sollte man die Mythen ignorieren. Man sollte sie gar nicht erwähnen. Wichtig sind nur die Kernpunkte: Impfstoffe sind sicher und reduzieren die Chance, Grippe zu bekommen, um 50 bis 60 Prozent. Und das reicht. Man sollte keine Missverständnisse benennen, da man sich an diese oft besser erinnert.

Man sollte seine Gegner auch nicht provozieren, indem man deren Weltbild in Frage stellt. Stattdessen sollte man Erklärungen anbieten, die mit den bereits existierenden Vorstellungen harmonieren. Beispielsweise verändern konservative Klimawandel-Leugner ihre Meinung eher, wenn man ihnen auch die Geschäftsmöglichkeiten für die Umwelt präsentiert.

Ein weiterer Vorschlag: Nutzen Sie Anekdoten, um ihren Argumente zu präsentieren. Menschen engagieren sich mit Hilfe von persönlichen Erzählungen weitaus mehr als durch Diskussionen oder Situationsbeschreibungen. Erzählungen verbinden Ursache und Effekt. So werden die Schlussfolgerungen, die präsentiert werden sollen, unvermeidlich mit abgespeichert.

All das soll natürlich nicht heißen, dass die Fakten und wissenschaftlicher Konsens nicht wichtig sind. Sie sind es sogar sehr. Aber wenn man sich der Makel in unserem Denken bewusst ist, ist es einfacher, seinen Standpunkt auf überzeugendere Weise zu präsentieren.

Es ist unverzichtbar, dass wir Lehrsätze herausfordern. Aber statt willkürliche Punkte miteinander zu verbinden oder eine Verschwörungstheorie zu erschaffen, müssen wir von den Entscheidungsmachern die entsprechenden Beweise verlangen. Fragen Sie nach den Daten, die eventuell eine Anschauung untermauern und suchen Sie nach Informationen, die sie auf die Probe stellen. Ein Teil dieses Prozesses bedeutet, unsere eigenen voreingenommenen Instinkte, Begrenzungen und logische Täuschungen zu erkennen.

Wie wäre also mein Gespräch im Zug verlaufen, hätte ich meine eigenen Ratschläge beherzigt? Gehen wir zu dem Moment zurück, als ich begriff, dass die Dinge den Bach runtergingen. Dieses Mal atme ich tief durch und mische mich ein. „Hey, tolles Ergebnis beim Spiel. Eine Schande, dass ich kein Ticket bekommen konnte.“ Bald sind wir vertieft ins Gespräch und diskutieren über die Chancen des Teams in dieser Saison. Nach ein paar Minuten des Gesprächs, wende ich mich an den Verschwörungstheoretiker. „Hey, ich dachte gerade an diese Sache, die du über die Mondlandung gesagt hast. War nicht auf einigen Fotos auch die Sonne zu sehen?“ Er nickt. „Was bedeutet, dass es am Mond Tag war. Würdest du denken, dass man dort, wie hier auf der Erde, Sterne sehen kann?“„Hm, wahrscheinlich nicht, daran habe ich nicht gedacht. Vielleicht war in diesem Blog nicht alles richtig.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Arbeitsplatz“ by Free-Photos (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Die Industrielle Revolution lehrt uns die Zukunft der Automatisierung von Arbeit

Kohlekraftwerk (adapted) (Image by 526663 [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Während sich die Automatisierungstechnik und die künstliche Intelligenz stetig verbessert, sorgen sich viele Menschen über die Zukunft der Arbeit. Was werden die Menschen tun, sorgt sich so mancher, wenn Millionen Menschen keinen Job mehr haben? Wie werden sie sich und ihre Familien versorgen und welche Veränderungen werden eintreten (oder sind nötig), damit sich die Gesellschaft anpasst?

Viele Ökonomen sagen, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. Sie weisen darauf hin, dass große historische Veränderungen der Arbeit an sich und des Arbeitsmarktes – vor allem die Industrielle Revolution zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert – nicht zu wesentlichen sozialen Umbrüchen oder weit verbreitetem Leiden geführt haben. Diese Ökonomen sagen, dass die Menschen andere Jobs finden, wenn die Technologie Jobs zerschlägt. So lautet die Aussage eines Wirtschaftswissenschaftlers:

„Seit dem Beginn des industriellen Zeitalters besteht die wiederkehrende Angst, dass der technische Wandel eine Massenarbeitslosigkeit hervorbringen wird. Neoklassische Ökonomen sagten voraus, dass dies nicht geschehen wird, weil die Menschen andere Jobs finden werden, wenn auch möglicherweise erst nach einer langen Phase der schmerzhaften Anpassung. Im Großen und Ganzen hat sich diese Voraussage als korrekt erwiesen.”

Und sie haben Recht, wenn sie von der langen Phase der schmerzhaften Anpassung reden. Die Nachwirkungen der Industriellen Revolution beinhalteten zwei große kommunistische Revolutionen, die Zahl der Todesopfer betrug hier nahezu 100 Million. Der stabilisierende Einfluss des modernen Wohlfahrtsstaats zeichnete sich erst nach dem zweiten Weltkrieg ab, fast 200 Jahre nach dem Beginn der Industriellen Revolution im 18. Jahrhundert also.

Heutzutage, wo die Globalisierung und Automatisierung die Unternehmensproduktivität dramatisch steigern, stagnieren die Löhne. Die zunehmende Leistung der Automatisierungstechnologie und künstlicher Intelligenz bedeutet, dass noch mehr Schmerz folgen könnte. Bagatellisieren diese Ökonomen die historischen Aufzeichnungen, wenn sie die Zukunft voraussagen, indem sie uns im Wesentlichen sagen, wir sollen uns keine Sorgen machen, weil sich die Dinge in ein oder zwei Jahrhunderten bessern werden?

Der Wendepunkt ist erreicht

Um von der Industriellen Revolution zu lernen, müssen wir sie in den richtigen historischen Kontext setzen. Die Industrielle Revolution war ein Wendepunkt. Über viele tausend Jahre vorher war wirtschaftlicher Wachstum praktisch vernachlässigbar, grundsätzlich folgte er dem Bevölkerungswachstum: Die Bauern bauten mehr an als vorher, die Schmiede stellten mehr Werkzeuge her, aber die Menschen der frühen Ackerbaugesellschaften Mesopotamiens, Ägyptens, Chinas und Indiens hätten ihre Welt im Europa des 17. Jahrhunderts durchaus wiedererkannt.

Als aber Dampfkraft und industrielle Maschinen im 18. Jahrhundert hinzukamen, hob die wirtschaftliche Aktivität ab. Das Wachstum, das hier in einigen wenigen Jahrhunderten stattfand, war auf einer ganz anderen Skala wiederzufinden als alles, das vorher geschehen war. Jetzt gerade könnten wir an einem ähnlichen Wendepunkt, der von manchen als „vierte Industrielle Revolution“ bezeichnet wird, stehen. Jetzt erscheint alles, was in der Vergangenheit passiert ist, unbedeutend im Vergleich zu der potenziellen Produktivität und Profitabilität der Zukunft.

Eine falsche Vorhersage

Schnell unterschätzt man die Auswirkung von Globalisierung und Automatisierung, die da kommen mag – ich habe das selbst auch getan. Im März 2000 erreichte der NASDAQ Composite Index einen Höchststand und brach dann ein, womit er acht Billionen US-Dollar an Marktbewertungen innerhalb der folgenden zwei Jahre mit sich riss. Zur selben Zeit ermöglichte die globale Ausbreitung des Internets das Offshore-Outsourcing von Softwareproduktionen, was zu der großen Angst führte, dass Jobs in der Informationstechnologiebranche im großen Stil verschwinden könnten.

Die Association for Computing Machinery machte sich Sorgen darüber, was diese Faktoren für die Computerausbildung und Beschäftigung in der Zukunft bedeuten könnten. Ihre Studiengruppe, bei der ich Mitvorsitzender war, berichtete im Jahr 2006, dass es keinen wirklichen Grund gäbe, zu glauben, dass die Jobs in der Computerindustrie aus höher entwickelten Ländern abwandern würden. Die vergangene Dekade hat diesen Schluss untermauert.

Unser Bericht gestand aber zu, dass „Handelsgewinne unterschiedlich verteilt werden könnten“, was bedeutet, dass manche Individuen und Regionen Gewinn und andere Verlust machen würden. Außerdem war es eng auf die Informationstechnologieindustrie fokussiert. Hätten wir auf die Breitenwirksamkeit von Globalisation und Automatisierung in der Wirtschaft geachtet, hätten wir die größeren Veränderungen, die damals schon um sich griffen, möglicherweise gesehen.

Ausbreitung in der Herstellung

In beiden Industriellen Revolutionen, der ersten und der heutigen, schlugen sich die ersten Effekte in der Herstellung in der entwickelten Welt nieder. Durch den Austausch von Arbeitern durch Technologie verdoppelte sich die amerikanische Fertigungsproduktivität ungefähr zwischen 1995 und 2015. Als Ergebnis daraus erreichte die Beschäftigungsrate einen Höchststand um 1980 und nahm seit 1995 steil ab, während das Produktionsvolumen heutzutage ein Rekordhoch verzeichnet.

Anders als im 19. Jahrhundert aber verbreiten sich die Auswirkungen von Globalisierung und Automatisierung in den Entwicklungsländern. Die „Elephantenkurve“ des Ökonomen Branko Milanovic zeigt, wie Menschen, die 1998 nach ihrem Einkommen geordnet wurden, ein steigendes Einkommen bis zum Jahr 2008 erleben durften. Während das Einkommen der Armen stagnierte, führten die steigenden Einkommen in Schwellenländern hundert Millionen Menschen aus der Armut. Menschen, die an der Spitze der Einkommensskala standen, profitierten ebenfalls von der Globalisierung und Automatisierung

Das Einkommen der Arbeiter- und Mittelklasse in den entwickelten Ländern stagnierte allerdings. In Amerika ist beispielsweise das Einkommen von Produktionsmitarbeitern heutzutage inflationsbereinigt genauso hoch wie um das Jahr 1970. Nun kommt die Automatisierung auch in die Entwicklungsländer. Ein aktueller Bericht der International Labor Organization fand heraus, dass mehr als zwei Drittel der 9,2 Million Jobs in der südostasiatischen Textil- und Schuhbranche durch die Automatisierung gefährdet sind.

Das Ausmaß der Probleme anerkennen

Automatisierung und künstliche Intelligenz breiten sich nicht nur über die Welt aus, sie durchdringen auch ganze Wirtschaftssysteme. Buchhalter, Anwälte, Berufskraftfahrer und sogar Bauarbeiter – deren Jobs im Großen und Ganzen von der ersten Industriellen Revolution unbeeinträchtigt blieben – werden miterleben, wie sich ihre Arbeit wesentlich verändert, wenn sie nicht ganz von Computern übernommen wird.

Bis vor kurzem erkannte die gut ausgebildete berufliche Klasse, die auf der ganzen Welt vertreten ist, nicht, was mit der Arbeiter- und Mittelklasse in entwickelten Ländern geschah. Aber jetzt wird es auch mit ihnen geschehen. Die Ergebnisse werden alarmierend sein, zerstörerisch und unter Umständen lange anhalten. Die politischen Entwicklungen des letzten Jahres machen deutlich, dass das Thema des gemeinsamen Wohlstands nicht ignoriert werden kann. Es ist inzwischen offensichtlich, dass die Brexit-Abstimmung im Vereinigten Königreich und die Wahl des Präsidenten Donald Trump in Amerika zu einem Großteil durch sozioökonomische Missstände angetrieben wurden.

Unsere aktuelle Lage in Wirtschaft und Gesellschaft wird sich in bedeutender Weise verändern, ohne dass wir die Möglichkeit einfacher Abhilfen oder Anpassungenen haben, um ihre Auswirkungen zu verringern. Wenn man aber versucht, wirtschaftliche Vorhersagen zu treffen, die auf der Vergangenheit basieren, lohnt es sich, sich die Zurückhaltung des angesehenen israelischen Ökonomen Ariel Rubenstein aus seinem Buch „Economic Fables“ (2012) in Erinnerung zu rufen und diese zu praktizieren:

„Ich bin sehr damit beschäftigt, jede Interpretation zu verleugnen, dass ökonomische Modelle Schlussfolgerungen mit echtem Wert erzeugen.“

Rubinsteins Grundbehauptung, dass ökonomische Theorie uns mehr über ökonomische Modelle als über die wirtschaftliche Wirklichkeit verrät, ist eine Warnung: Wir sollten nicht nur auf Wirtschaftswissenschaftler hören, wenn es darum geht, die Zukunft der Arbeit vorherzusagen; wir sollten auch den Historikern zuhören, die ihren Vorhersagen oftmals eine tiefere historische Perspektive geben. Die Automatisierung wird das Leben vieler Menschen erheblich verändern, und zwar auf möglicherweise schmerzhafte und langanhaltende Weise.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Kohlekraftwerk“ by 526663 (CC0 Public Domain)


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Mythos Work-Life-Balance: Wenn man beim Sex kurz die Mails vom Chef checkt

apple-macbook (adapted) ( Image by Free-Photos [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Work hard, play hard – ein beliebtes Motto, um sich heutzutage ins Arbeits- und Feierabendleben zu stürzen. Dennoch hat sich über die Jahre keine Begrifflichkeit so etabliert wie unsere geliebte Work-Life-Balance.

Dabei sehe ich den Begriff an sich schon als problematisch. Wie Liebe und Hass, stellt die Balance einen Gegensatz dar: Arbeit vs. Leben. Der gängige Ausdruck „frei“ zu haben, wenn man nicht zur Arbeit muss, macht jedoch deutlich: Der Gegensatz von Arbeit ist Freizeit. Der Begriff „Work-Life-Balance“ wird von Wissenschaftlern daher sehr kritisch gesehen.

Im alltäglichen Gebrauch versteht man unter der Work-Life-Balance jedoch ein Gleichgewicht, dass dafür sorgen soll, dass das Private und der Spaß neben der Arbeit nicht zu kurz kommen. Firmenevents, Tischtennisplatten im Keller und Ausflüge auf Kosten des Unternehmens können damit gemeint sein. Kollegen werden zu Freunden – würde nicht jeder von uns gerne mit seinen besten Kumpels im Büro sitzen und Freitagnachmittags das Bier aus dem Firmenkühlschrank plündern? Natürlich würden wir das.

Der Heiligenschein beginnt zu flackern

Doch wenn man genauer hinsieht, muss man sich eingestehen, dass der Heiligenschein der angepriesenen Work-Life-Balance zu flackern beginnt: Ein paar Überstunden zu machen, wenn die Deadline eines Projektes ansteht, ist schon okay – doch dass es bereits Studien darüber gibt, wie oft Menschen beim Sex kurz aufs Handy schauen, um ihre Mails zu checken, ist einfach nur erschreckend. In seinem Buch nennt Markus Väth dies als einen Beweis, dass der Kapitalismus keine Privatsphäre kennt.

Des Weiteren nennt Väth die Digitalisierung als schwarzes Schaf, die der Work-Life-Balance einen Strich durch die Rechnung macht. Die „immer online“- Gesellschaft zerstört die verletzliche Grenze zwischen Arbeit und Privatleben, die in den 90ern durch die „nine-to-five“-Jobs existierten: Es wird zeitzonenübergreifend gearbeitet und man ist immer und überall erreichbar.

Mit der Digitalisierung wurde somit der Begriff des „Work-Life-Blendings“ geboren (aus dem Englischen von „to blend“: sich überschneiden), der beschreibt, dass Arbeit und Privatleben ineinander übergehen. Doch auch das Work-Life-Blending stellt eine ernstzunehmende Gefahr für den Einzelnen dar, denn durch die kontinuierliche Erreichbarkeit wird die arbeitsfreie Zeit verkürzt. Und auch die Firmenausflüge und das Freibier haben nur einen Zweck: Sie wollen die Verbundenheit zum Unternehmen stärken. Wenn alle Kollegen länger bei der Arbeit bleiben, dann tut man es eben auch –  die angepriesene Gleitzeit wird zur unbezahlten Arbeitszeit. All diese Faktoren treiben den Menschen nicht selten über die Grenzen seiner Belastbarkeit hinaus.

Die Arbeit steht auf dem Siegertreppchen

Bye bye, Privatleben, könnte man sagen – die Leistungsgesellschaft hat den ersten Platz an die Arbeit vergeben. In Vorstellungsrunden folgt nach dem Namen direkt der Beruf, die Arbeit wird zum Teil der Identität. Dies ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass das Arbeitsleben der Deutschen im Schnitt 34,5 Jahre dauert: 34,5 Jahre, fünf Tage die Woche, eine Tätigkeit. Neben täglichen Besorgungen und der Familie scheint es schon bewundernswert, dass man es schafft, privat noch einem Hobby nachzugehen.

Kritiker der Work-Life-Balance würden an dieser Stelle auch die Zukunft der Arbeit erwähnen, die im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung gewaltige Veränderung in der Arbeitswelt herbeiführen wird. Wenn die Lohnarbeit durch die Automatisierung entfallen wird oder durch die Digitalisierung immer mehr Menschen in prekären Verhältnissen arbeiten müssen, werden Prognosen einer Life-Life-Balance, oder besser: einer Work-Work-Balance gar nicht mehr so unrealistisch.

Die Work-Life-Balance ist ein individuelles Konzept

Ob es sich bei der Work-Life-Balance jedoch um einen generellen Mythos handelt, sei mal so dahingestellt. Fakt ist: Die Work-Life-Balance, also das Gleichgewicht zwischen Arbeits- und Privatleben, ist ein Konzept, das weder vom Staat noch vom Unternehmen in Schutz genommen wird. Wie bei den meisten Dingen des Lebens sind wir für uns selbst verantwortlich und müssen lernen, wo wir die Grenze ziehen. Explizites Abschalten sehe ich dabei von großer Bedeutung. Zudem lehnen nach Christoph Koch moderne Konzepte eine immer gleich bleibenden Balance zwischen Arbeit und Leben ab: Das Leben sollte vielmehr in Phasen gedacht sein, in der sich Müßiggang und Vollgas abwechseln.

In der Praxis scheint meiner Ansicht nach – vor allem für junge Menschen – der Ansatz sinnvoll, sich so früh wie möglich mit einem geeigneten Beruf auseinanderzusetzen: Sucht man sich eine Arbeit, die mit den privaten Interessen einhergeht, so wird der Drang nach einem Ausgleich nach der Arbeit vermindert. Die Yogastunden zur Stressreduktion kann man sich nach der Arbeit dann vielleicht sogar komplett sparen.


Image (adapted) „apple-macbook“ by Free-Photos (CC0 Public Domain)


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Mikroben haben ihre eigene Version des Internets

Mikroben (adapted) (Image by geralt) (CC0Public Domain) via Pixabay

Die Erschaffung eines großen, weltumspannenden Netzwerks, das Milliarden von Leuten vernetzt, dürfte bis heute eine der größten Errungenschaften der Menschheit sein. Doch Mikroben sind uns da um mehr als drei Milliarden Jahre voraus. Diese winzigen, einzelligen Organismen sind nicht nur für sämtliches Leben auf der Erde verantwortlich. Sie haben darüber hinaus ihre eigenen Versionen des World Wide Web und des Internets der Dinge. Und so funktioniert es:

Ganz so wie unsere eigenen Zellen behandeln Mikroben bestimmte Stücke der DNA wie verschlüsselte Nachrichten. Diese Nachrichten enthalten Informationen, um Proteine zu molekularen Maschinen zusammenzubauen, die spezifische Probleme lösen können, wie beispielsweise Zellen zu reparieren. Doch Mikroben erhalten diese Nachrichten nicht nur von ihrer eigenen DNA. Sie schlucken auch Stücke der DNA ihrer toten Verwandten oder tauschen mit lebenden Freunden.

Diese DNA-Stücke werden dann in ihre eigenen Genome aufgenommen, die wie Computer funktionieren und die Arbeit der gesamten Protein-Maschinerie überwachen. Auf diese Weise ist die winzige Mikrobe eine flexible Lernmaschine, die intelligent nach Ressourcen in ihrer Umwelt sucht. Sollte eine Protein-Maschine nicht funktionieren, testet die Mikrobe eine andere. Versuch macht klug – so werden alle Probleme gelöst.

Doch Mikroben sind zu klein, um ganz allein zu agieren. Stattdessen formen sie Gemeinschaften. Seit Anbeginn ihrer Existenz leben Mikroben in gigantischen Kolonien, die aus mehreren Trillionen von Mitgliedern bestehen. Diese Kolonien haben sogar mineralische Strukturen hinterlassen, die als Stromatolith bekannt sind. Es handelt sich um mikrobielle Metropolen, eingefroren in der Zeit wie Pompeji, die für das Leben vor Milliarden von Jahren Nachweis erbringen.

Mikroben-Kolonien lernen beständig und entwickeln sich stets weiter. Sie entstanden in den Ozeanen und haben allmählich das Land erobert – und das Herzstück ihrer Forschungsstrategie war der Informationsaustausch. Wie wir gesehen haben, kommunizieren individuelle Mitglieder, indem sie chemische Botschaften auf hochgradig koordinierte Art untereinander austauschen. Auf diese Weise erbauen mikrobische Gesellschaften ein kollektives „Bewusstsein“.

Dieses kollektive Bewusstsein schickt Software-Stücke, geschrieben im DNA-Code, zwischen Trillionen von Mikroben hin und her – mit einem einzigen Ziel: die lokale Umgebung vollständig auf Ressourcen hin zu untersuchen, die Protein-Maschinen nutzen.

Wenn die Ressourcen an einem Platz aufgebraucht sind, rücken mikrobielle Expeditionstruppen aus, um neues Land zu finden: Sie übermitteln ihre Funde zurück zur Basis, indem sie verschiedene Arten chemischer Signale einsetzen, und die Mikroben-Gesellschaft aufrufen, sich von Siedlern zu Besiedelten zu wandeln.

Auf diese Weise übernahmen die Mikroben die Erde, indem sie ein weltweites, mikrobielles Netzwerk erschufen, das unserem eigenen World Wide Web ähnelt, aber chemische statt elektrodigitaler Signale benutzt. Theoretisch kann ein Signal, das am Südpol im Wasser ausgesandt wird, rasch rund um den Nordpol wandern.

Das Internet der lebenden Dinge

Die Gemeinsamkeiten mit menschlichen Technologien hören nicht an dieser Stelle auf. Wissenschaftler und Ingenieure arbeiten nun daran, unser eigenes Informationsnetzwerk in ein Internet der Dinge auszubauen, das verschiedene Arten von Geräten integriert, indem diese mit Mikrochips ausgestattet werden, die wahrnehmen und kommunizieren sollen. Unser Kühlschrank wird also fähig sein, uns zu benachrichtigen, wenn die Milch alle ist. Unsere Häuser werden und mitteilen können, wenn eingebrochen wurde.

Mikroben haben ihre eigene Version des Internets der Dinge bereits vor langer Zeit gebaut. Wir nennen es das ‚Internet der lebenden Dinge‘, obwohl es allgemein eher als Biosphäre bekannt ist. Jeder Organismus auf diesem Planeten ist in diesem komplexen Netzwerk verbunden und sein Überleben hängt von Mikroben ab.

Vor mehr als einer Milliarde Jahre hat eine Mikrobe ihren Weg ins Innere einer anderen Mikrobe gefunden, die so ihr Wirt wurde. Diese beiden Mikroben wurden zu einem symbiotischen Hybrid, der uns als eukaryotische Zelle bekannt ist, die Basis fast aller Formen des Lebens, die wir heute kennen. Alle Pflanzen und Tiere sind Nachfahren dieser mikrobiellen Verschmelzung, und beinhalten so die biologische „Plug-in Software“, die sie zum Internet der lebenden Dinge verbindet.

So sind wir Menschen beispielsweise so designt, dass wir ohne die Trillionen von Mikroben im Inneren unseres Körpers, die bei der Verdauung von Essen oder bei der Entwicklung von Immunität gegenüber Keimen helfen, nicht funktionieren können. Wir sind so von Mikroben überhäuft, dass wir persönliche mikrobielle Signaturen auf jeder Oberfläche, die wir anfassen, hinterlassen.

Das Internet der lebenden Dinge ist ein sauberes und wunderschön funktionierendes System. Pflanzen und Tiere leben auf dem von Mikroben erstellten ökologischen Abfall. Für Mikroben sind dagegen alle Pflanzen und Tiere „nunmehr das Vieh, dessen Fleisch sie speisen“, dessen Körper verdaut und eines Tages recycelt werden, wie der Autor Howard Bloom es formuliert hat. Mikroben sind potentielle Weltall-Touristen. Wenn die Menschen in den Weltraum reisen, reisen unsere Mikroben mit uns. Das Internet der lebenden Dinge könnte eine große, kosmische Reichweite bergen.

Das Paradoxe ist, dass wir die Mikroben immer noch als unterlegene Organismen wahrnehmen. Doch es verhält sich in Wirklichkeit so, dass Mikroben die unsichtbaren und intelligenten Anführer der Biosphäre sind. Ihre Biomasse übersteigt die unsere. Sie sind die eigentlichen Erfinder der informationsbasierten Gesellschaft. Unser Internet ist nur ein Nebenprodukt des mikrobiellen Informationsspiels, das bereits vor drei Milliarden Jahren initiiert wurde.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Bacteria“ by geralt (CC0 Public Domain)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • DATENSCHUTZ heise: Test zur Gesichtserkennung laut Datenschützerin am Bahnhof akzeptabel: Der von den Sicherheitsbehörden geplante Test biometrischer Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz geht aus Sicht der Bundesbeauftragen für Datenschutz in Ordnung. Das Projekt sei „für sich genommen noch nicht als schwerwiegender Eingriff zu sehen“, erklärte Andrea Voßhoff auf Anfrage. Das ändere allerdings nichts an „grundsätzlichen Bedenken“ gegen diese Technologie. „Sollten derartige Systeme später einmal in den Echtbetrieb gehen, wäre dies ein erheblicher Grundrechtseingriff“, so Voßhoff.

  • TECHNOLOGIE golem: Dells OLED-Monitor UltraSharp UP3017Q kommt doch: Der US-amerikanische Hardware-Hersteller hat hingegen anders lautender Aussagen nun doch angekündigt, den OLED-Monitor UltraSharp UP3017Q auf den Markt zu bringen. Zwischenzeitlich hieß es, das Modell würde eingestellt aufgrund von Blickwinkelproblemen. Für den Bereich der USA können Kunden das Gerät ab sofort bestellen, es ist mit einer Lieferzeit von ein bis zwei Wochen zu rechnen. Bisher hat sich OLED-Technik im IT-Bereich nur bei Wearables, Smartphones und Zusatzdisplays wie beim Macbook Pro 2016 verbreitet. Bei größeren Bildschirmdiagonalen sind vor allem Fernseher-Hersteller Panel-Abnehmer.

  • E-COMMERCE t3n: Die Zukunft von Magento: Das kommt auf Shopbetreiber zu: Nach gut einem Jahr Eigenständigkeit als Magento Inc. und mit Permira hat sich Magento im letzten Jahr sehr weiterentwickelt – und steht durch den neuen Investor besser da denn je. Die E-Commerce-Plattform wickelt inzwischen insgesamt ein Bestellvolumen von weltweit mehr als 100 Milliarden Dollar ab, das von mehr als 260.000 Kunden (davon gut 3.500 Enterprise-Kunden) generiert wird.

  • KI Welt: So stellt sich künstliche Intelligenz Menschen vor: Der Fernsehmaler und Unternehmer Bob Ross, leicht zu erkennen an seiner auffälligen Frisur, hat in einem neuen Kunstwerk dargestellt, wie es für eine künstliche Intelligenz unter Einfluss von LSD erscheinen muss, einen Menschen wahrzunehmen. Die Software, die zu dieser Wahrnehmung führt, sind Deep-Dream-Algorithmen von Google sowie der WaveNet Machine Learning Algorithm. Das Video zeige, so der Künstler, „wie sich ein Computer die Stimme von Bob Ross vorstellt und wie ein Computer ,halluziniert‘, was er in den einzelnen Videobildern sieht“, erklärt Alexander Reben, Künstler und Programmierer aus dem Silicon Valley.

  • HACKING Süddeutsche Zeitung: Mysteriöse Gruppe offenbart mutmaßliche Hacking-Angriffe der NSA: Eine mysteriöse Hackergruppe hat mehrere Datensätze veröffentlicht, aus denen hervorgehen soll, dass der US-Geheimdienst NSA Teile des globalen Geldverkehrs ausspioniert hat. Ebenfalls enthalten sind Werkzeuge, mit denen die Elite-Hacker der NSA wohl Windows-Betriebssysteme übernehmen konnten. Die Hacker nennen sich Shadowbrokers – in Anlehnung an das Computerspiel Mass Effect – und sind seit August 2016 unter diesem Namen aktiv. Ob und von wem sie Befehle erhalten, ist unklar. Sicher ist nur: Jede Veröffentlichung hat das Potenzial, die US-Beziehungen sowohl zur internationalen Gemeinschaft als auch zu amerikanischen Technik-Konzernen massiv zu beschädigen.

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Macht dich dein Smartphone schüchtern?

iphone (adapted) (Image by relexahotels [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Während der drei Jahre, die ich damit verbracht habe, über Schüchternheit zu recherchieren und zu schreiben, ist eine der am häufigsten gestellten Fragen die über die Beziehung zwischen Schüchternheit und Technologie. Lassen das Internet und das Handy unsere Sozialkompetenzen verkümmern? Dies höre ich oft von Eltern schüchterner Jugendlicher, die sich darum sorgen, dass ihre Kinder mehr Zeit mit ihren Geräten als mit Gleichaltrigen verbringen.

Diese Sorge ist nicht neu. Auf der ersten internationalen Konferenz über Schüchternheit, die in Wales im Jahr 1997 von der Britischen Psychologischen Gesellschaft organisiert wurde, übernahm Philip Zimbardo, der als Psychologieprofessor in Stanford tätig war, die Rolle als Hauptredner. Er beobachtete, dass die Zahl der Menschen, die sich selbst für schüchtern halten, von 40 Prozent auf 60 Prozent gestiegen ist, seit er in den 1970ern eine Studie über Schüchternheit begonnen hatte. Dafür machte er neue Technologien wie E-Mail, Handys und sogar Geldautomaten, die den „sozialen Klebbstoff“ des gelegentlichen Kontakts gelöst haben, verantwortlich. Er befürchtete das Eintreffen einer „neuen Eiszeit“ der Nicht-Kommunikation, bei der es leicht möglich wäre, einen ganzen Tag zu durchleben, ohne mit jemandem zu sprechen. 

Manche von Zimbardos Ängsten haben sich bewahrheitet. Schaut man sich heutzutage an einen öffentlichen Ort um, fällt auf, dass jeder in sein Tablet oder Smartphone versunken zu sein scheint. Die Zunahme von Einsamkeit und sozialer Phobie ist ein Widerhall auf die Arbeiten von Soziologen wie Robert Putnam, John Cacioppo und Sherry Turkle

Sie argumentieren, dass individualisiertes Konsumverhalten uns voneinander isoliert und uns günstige technische Lösungen verkauft, um den Schmerz zu lindern. Wir verlassen uns zunehmend auf Dinge, die Turkle „gesellige Roboter“ nennt –  so dient beispielsweise Siri, der digitale iPhone-Assistent, als Ersatz für Vertraute aus Fleisch und Blut. Sogar wenn wir Zeit mit anderen verbringen, sind wir halb woanders und abgelenkt durch Technologie – wir sind „zusammen allein“, wie Turkle es formuliert.

Und trotzdem kann dieses Gefühl des Alleinseins in Gesellschaft nützlich für schüchterne Menschen sein, die sich durch die Technologie in neuen Wegen ausdrücken können.

Auf eine andere Art sozial 

Schüchterne Menschen sind nicht notwendigerweise unsozial; sie sind nur anders sozial. Sie lernen, ihre Geselligkeit zu regulieren und kommunizieren auf indirekte oder eher sprunghafte Art und Weise. Mobiltelefone ermöglichen es ihnen, Kontakte zu knüpfen, ohne in persönlichen Situationen in Verlegenheit zu geraten.

Als Nokia Mitte der 1990er die SMS einführte, schien dies eine eher primitive Technologie zu sein – ein zeitaufwendiger, energieineffizienter Ersatz für Gespräche. Aber die SMS-Nachrichten kamen vor allem bei den finnischen Jungen gut an, weil es eine Möglichkeit war, mit Mädchen zu reden, ohne dass die Botschaft durch schamhaftes Erröten oder Sprachlosigkeit beeinträchtigt wurde.

Die beiden Soziologen Eija-Liisa Kasesniemi und Pirjo Rautiainen fanden heraus, dass finnische Jungen, obwohl sie Mädchen kaum erzählen würden, dass sie Gefühle für sie hegten, bis zu einer halben Stunde täglich damit verbrachten, eine romantische Textnachricht zu verfassen. Außerdem entdeckten sie, dass eher Jungen ein „Ich liebe dich“ auf Englisch als auf Finnisch schrieben, weil sie es leichter fanden, ihre starken Gefühle in einer anderen Sprache auszudrücken.

Bella Ellwood-Clayton, die sich ebenfalls wissenschaftlich mit der Handy-Kultur auseinandersetzt, hat bewiesen, dass auch auf den Philippinen die Textnachricht einem ähnlichen Zweck diente. Die philippinischen Liebesrituale sind traditionsgemäß zurückhaltend und ein wenig verworren, mit aufwändigen Bräuchen wie Neckereien (tuksuhan) unter gemeinsamen Freunden oder die Nutzung eines Vermittlers (tulay, das wörtlich übersetzt „menschliche Brücke“ bedeutet) zwischen potenziellen Partnern. Das Handy erlaubte jungen Filipinos, diese aufwendigen Routinen zu umgehen und somit kein Risiko eingehen zu müssen, sondern sich selbst mithilfe von Textnachrichten erproben zu können.

Dies ist immer der Fall, wenn Handys ins Spiel kommen: Eine Textnachricht kann diejenigen Mut zusprechen, die mit ihren Daumen geschickter sind als mit dem Mund. Das Geräusch, das eine Textnachricht ankündigt, ist zudem weniger aufdringlich als ein Telefonklingeln. Wir werden nicht völlig überrollt oder müssen sofort antworten, sondern können uns Zeit nehmen, die Nachricht zu verarbeiten und uns eine Antwort überlegen.

Das Schüchternheitsparadoxon

Was die sich abzeichnende „soziale Eiszeit“, die durch die Technologie erschaffen wurde, betrifft, stellte Zimbardo diese Behauptung bereits vor dem Aufstieg von sozialen Netzwerken und dem Smartphone auf. Diese machten es den Menschen einfach, intime Details ihres Privatlebens im Netz auf eine Art zu offenbaren, die wie das Gegenteil von Schüchternheit wirkt. Befürworter dieser Art von Online-Selbstauskunft nennen diesen Vorgang „radikale Transparenz“.  

Natürlich ist nicht jeder, der soziale Netzwerke nutzt, offen für diese Art der radikalen Transparenz. Manche bevorzugen es, sich hinter Online-Charakteren, Pseudonymen und Avataren zu verstecken. Und diese Anonymität kann außerdem zum Gegenteil von Schüchternheit animieren – schnell wird man übermütig und neigt zu Feindseligkeit und Missbrauch.

Daher ziehen die neuen mobilen und netzorientierten Technologien komplexe Auswirkungen nach sich. Sie verschlimmern unsere Schüchternheit, während sie gleichzeitig helfen, diese zu überwinden. Vielleicht erzählt uns dieses Paradoxon etwas über Schüchternheit. In seinem Buch „The Shock of the Old“ argumentiert der Historiker David Edgerton, dass unser Verständnis von historischem Fortschritt „innovationszentriert“ ist. Wir denken, dass neue Technologien alles zum Guten verändern. Laut Edgerton unterschätzen wir allerdings, wie sehr diese Innovationen gegen die Mächte von Gewohnheit und Trägheit ankämpfen müssen. Mit anderen Worten: Neue Technologien ändern nicht unser Wesen, sie passen sich ihm an.

Genauso verhält es sich mit Schüchternheit. Nach mehr als 150.000 Jahren der Menschheitsgeschichte muss Schüchternheit eine unverwüstliche Eigenschaft sein – ein „sonderbarer Gemütszustand“, wie Charles Darwin es nannte, hervorgerufen durch unsere Fähigkeit, uns selbst Aufmerksamkeit zu schenken. Und trotzdem sind wir soziale Wesen, die sich nach Unterstützung und Anerkennung des Stammes sehnen.

Unser Bedürfnis nach einem Gegenüber ist so stark, dass die Schüchternheit uns einfach dazu bringt, unsere sozialen Instinkte in andere Räume zu übertragen: Die Kunst, die Schrift, E-Mails und Textnachrichten. Und das wäre dann auch meine Antwort für besorgte Eltern schüchterner Jugendlicher. Macht das Handy sie schüchterner? Nein. Denn sie sind zwar schüchtern, aber auch kontaktfreudig, und ihr Handy hilft ihnen, neue Wege zu finden, diesem Widerspruch Ausdruck zu verleihen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „iphone“ by relexahotels (CC0 Public Domain)


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Internetsicherheit als Menschenrecht?

Internetsicherheit (adapted) (Image by Pete Linforth [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Der Zugang zum Internet wird zunehmend als neu entstehendes Menschenrecht wahrgenommen. Internationale Organisationen und nationale Regierungen haben begonnen, seine Bedeutung in Hinblick auf Redefreiheit, Meinungsäußerung und Informationsaustausch formal anzuerkennen. Der nächste Schritt, um ein gewisses Maß an Frieden im Netz sicherzustellen, könnte eine Anerkennung der Internetsicherheit als Menschenrecht sein.

Die Vereinten Nationen haben die entscheidende Rolle einer Internetverbindung im Zuge des Kampfes für Menschenrechte anerkannt. Offizielle Vertreter der Vereinten Nationen haben Maßnahmen von Regierungen, die den Internetzugang ihrer Bürger unterbinden, angeprangert. Sie würden ihren Bürgern das Recht auf freie Meinungsäußerung verweigern.

Aber Zugang ist nicht genug. Diejenigen von uns, die regelmäßig Zugang zum Internet haben, leiden häufig unter einer Art Internet-Erschöpfung: Wir alle erwarten, dass unsere Daten jeden Moment gehackt werden könnten und fühlen uns unfähig, dies zu verhindern. Ende letzten Jahres rief die Electronic Frontier Foundation, eine Online-Interessengruppe, Technologieunternehmen dazu auf, sich zur Verteidigung von Internetnutzern zu vereinigen, indem sie ihre Systeme gegen Hackerangriffe und Regierungsüberwachung schützen.

Es wird Zeit zu überdenken, wie wir Internetsicherheit hinsichtlich digitaler Kommunikation verstehen. David Kaye, Experte für internationales Recht und einer der UN-Hauptverfechter der Meinungsfreiheit, forderte bereits 2015 „die Verschlüsselung privater Kommunikation als Standard.“  Diese und andere Entwicklungen in internationalen und unternehmerischen Kreisen signalisieren mögliche erste Schritte auf dem Weg, Internetsicherheit als Menschenrecht zu erklären, das Regierungen, Firmen und Einzelpersonen schützen sollten.

Ist Internetzugang ein Recht?

Die Idee, Internetzugang als Menschenrecht anzuerkennen, ist nicht unumstritten. Niemand geringeres als Vinton Cerf, einer der Väter des Internet, hat argumentiert, dass Technologie selbst kein Recht ist, sondern vielmehr ein Mittel, durch das Rechte ausgeübt werden können. Dennoch erklären immer mehr Länder das Recht ihrer Bürger auf einen Internetzugang. Spanien, Frankreich, Finnland, Costa Rica, Estland und Griechenland haben dieses Recht auf verschiedene Weise festgelegt, etwa in ihren Verfassungen, Gesetzen und gerichtlichen Entscheidungen.

Ein früherer Leiter des Aufsichtsrats der internationalen Fernmeldeunion hat argumentiert, dass Regierungen „das Internet als wesentliche Infrastruktur, genau wie Straßen, Müll und Wasser ansehen“ müssten. Die globale Öffentlichkeit scheint auf überwältigende Weise zuzustimmen. Cerfs Position könnte tatsächlich als weiteres Argument für Internetsicherheit als Menschenrecht dienen – sicherzustellen, dass Technologie es Menschen ermöglicht, ihr Recht auf Privatsphäre und Redefreiheit auszuüben.

Bestehende Menschenrechte

Die momentanen internationalen Menschenrechte enthalten viele Prinzipien, die sich auf Internetsicherheit übertragen lassen. Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung für Menschenrechte etwa umfasst den Schutz der Meinungsfreiheit, Kommunikation und Zugang zu Informationen. Auf ähnliche Weise wird in Artikel 3 festgelegt: „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person“ . Diese Rechte durchzusetzen ist jedoch unter internationalem Recht schwierig. In Folge davon ignorieren viele Länder die Regeln.

Dennoch gibt es Grund zur Hoffnung. Bereits 2011 beschloss der Führungsstab der Vereinten Nationen für Menschenrechte, dass Menschenrechte gleichsam online wie offline gültig sind. Der Schutz der Privatsphäre zum Beispiel ist beim Umgang mit gedruckten Dokumenten nicht weniger wichtig, als wenn es um digitalen Schriftverkehr geht. Der UN-Menschenrechtsrat bekräftigte die Haltung 2012, 2014 und 2016.

2013 stimmte die Generalversammlung selbst – der allgemeine Dachverband der Organisation mit Repräsentanten aller Nationen – für die Bestätigung der Rechte auf Privatsphäre im digitalen Zeitalter. Verabschiedet inmitten von Enthüllungen über globale elektronische Spionage der USA, bekräftigte das Dokument noch einmal die Bedeutung des Schutzes der Privatsphäre und Meinungsfreiheit online. Und im November 2015 bekräftigten die G20, eine Gruppe mit einigen der wirtschaftlich stärksten Ländern weltweit, Privatsphäre auf ähnliche Weise, „einschließlich im Zusammenhang mit digitaler Kommunikation“ .

Sicherheitsmaßnahmen einrichten

Einfach ausgedrückt, schließt die Verpflichtung mit ein, dieses Recht zu schützen und Methoden zur Internetsicherheit zu entwickeln. So soll man etwa alle Kommunikation zu verschlüsseln. Man sollte zudem alte, nicht benötigte Daten löschen, statt sie unbegrenzt zu behalten. Immer mehr Firmen nutzen die Richtlinien der UN, um ihre Managementabteilung darüber zu informieren, die sorgfältige Überprüfung der Menschenrechte zu unterstützen. Außerdem nutzen sie Empfehlungen der US-Regierung in Form des Cybersecurity Frameworks des National Institute for Standards and Technology, um zu ermitteln, wie sich ihre Daten und die ihrer Kunden am besten schützen lassen.

Mit der Zeit wird sich dieser Trend wahrscheinlich verstärken. Die Anerkennung von Internetzugang als Menschenrecht wird sich weiter verbreiten – und darauf folgend könnte das auch für Internetsicherheit gelten. Da die Leute Onlineangebote zunehmend in ihrem Alltag nutzen, werden ihre Erwartungen hinsichtlich digitaler Privatsphäre und Meinungsfreiheit dazu führen, dass sie besseren Schutz verlangen.

Die Regierungen werden darauf reagieren, indem sie auf existierende internationale Gesetze aufbauen und die Rechte auf Privatsphäre, Meinungsfreiheit und ökonomischen Wohlstand formal auf das Internet ausdehnen. Jetzt ist für Firmen, Regierungen und Privatpersonen der Zeitpunkt, um sich auf diese Entwicklung vorzubereiten, indem Internetsicherheit als grundlegende ethische Überlegung in Telekommunikation, Datenspeicherung und gemeinschaftliche soziale Verantwortung unternehmerisch in das Risikomanagement einbezogen wird.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Internetsicherheit“ by Pete Linforth (CC0 Public Domain)


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Wie authentisch ist unser fotografisches Gedächtnis?

Auge (adapted) (Image by 2488716 [CC0 Public Domain] via pixabay)

Seit der Erfindung der Fotografie nutzen die Menschen Fotografie-Metaphern, wenn sie über Erinnerungen nachdenken oder sprechen. Wenn wir beispielsweise Erinnerungen aus dem Alltag behalten wollen, dann machen wir ‚Schnappschüsse‘ im Kopf. An bedeutungsvolle Ereignisse erinnern wir uns als ‚Blitzlicht-Momente‘ zurück. Aber sind Erinnerungen wirklich wie Fotos?

Zumindest glaubt dies die Mehrheit der Menschen. In der Tat stimmten in einer aktuellen öffentlichen Studie 87 Prozent der Befragten – zumindest bis zu einem gewissen Grad – zu, dass einige Menschen wirklich ein fotografisches Gedächtnis haben. Als dieselbe Aussage jedoch einer wissenschaftlichen Gesellschaft für Hirnforschung gezeigt wurde, stimmte dieser Aussage lediglich ein Drittel zu. Die zahlreichen Wissenschaftler, die an der Existenz eines fotografischen Gedächtnisses zweifeln, wissen, dass uns viele Erinnerungen wie Fotos erscheinen. Bisher kann keiner der bisherigen Beweise diese Skeptiker vom Gegenteil überzeugen.

Bedeutungsvolle Ereignisse

Viele von uns haben bereits ein persönlich oder weltweit wichtiges Ereignis erlebt, das auch nach Jahren noch in unseren Köpfen so lebendig und detailliert vorhanden ist, als wäre an diesem Tag ein Foto geschossen worden. Dennoch zeigen aktuelle Studien, dass diese sogenannten ‚Blitzlicht-Erinnerungen‘ von einem echten Foto weit entfernt sind.

In einer Studie, die von US-Studenten durchgeführt wurde, wurden Menschen einen Tag nach dem Anschlag des 11. September 2001 in New York aufgefordert, zu dokumentieren, wie sie als erstes vom Anschlag erfahren hatten. Außerdem sollten sie auch ein alltägliches Ereignis beschreiben, dass sie erst kürzlich erlebt hatten. Diese Testpersonen wurden noch einmal nach einem Zeitraum von entweder jeweils einer Woche, sechs Wochen oder sogar 32 Wochen nach den beiden Ereignissen befragt.

911 Memorial (adapted) (Image by Rebecca Wilson [CC BY 2.0] via Flickr)
Viele Leute behaupten, dass sie sich an die Anschläge vom 11. September wie an Fotos erinnern. Image (adapted) „9/11 Memorial“ by Rebecca Wilson (CC BY 2.0)

Die Ergebnisse zeigen, dass die Teilnehmer ihr Alltagsereignis nach einiger Zeit immer weniger lebendig in Erinnerung hatten. Ihre Berichte über diese Erinnerungen wurden über die Zeit ebenso weniger detailliert und passten auch nicht mehr so gut zu ihrer ursprünglichen Aussage. Im Gegensatz dazu berichteten die Teilnehmer, dass ihre Erinnerungen an 9/11 auch nach 32 Wochen noch genauso lebendig seien wie direkt nach dem Tag des Anschlages. Ihre Berichte zeigten jedoch, dass diese ‚Blitzlicht-Momente‘ ebenso viele Lücken und Ungenauigkeiten aufwiesen wie die der Alltagsereignisse.

Außergewöhnliche Ereignisse

Wenn unsere Blitzlicht-Erinnerungen nicht fotografischer Natur sind, was ist dann mit anderen überwältigenden Erinnerungen? Es gibt zahlreiche historisch dokumentierte und gegenwärtige Fälle von Menschen mit einem erstaunlichen Erinnerungsvermögen, die visuell eine scheinbar unmöglich riesige Menge an Informationen aufsaugen – und das mit sehr geringem Aufwand. Es ist, als würden sie mentale Fotos schießen und diese später vor ihrem geistigen Auge durchgehen. Meist jedoch schärfen diese sogenannten “Erinnerungskünstler” ihre Fähigkeiten durch intensives Trainings und uralte Erinnerungstechniken, nicht jedoch mit mentaler Fotografie. Es gibt nur sehr wenige, die die Ausnahme darstellen und den Skeptikern neue Rätsel aufgeben.

Wenn wir diese Erinnerungskünstler einmal beiseitelassen, gibt es eine weitere bemerkenswerte Gruppe von Menschen: jene mit sogenannten ‚besonders starken autobiografischen Erinnerungen‘ (englisch: highly specified autobiographical memories, kurz: HSAM), die sich an jeden Tag ihres Lebens seit der Kindheit mit oft erstaunlich vielen Details zu erinnern scheinen.

Nachdem immer mehr Menschen mit dieser Art Fähigkeit entdeckt wurden, wurden diese meist Gegenstand von wissenschaftlichen Studien, die einhellig behaupten, dass diese Fähigkeiten kein Ergebnis jahrelangen Trainings ist, sondern weitgehend unbeabsichtigt auftritt. Die Fähigkeit ist sicherlich verblüffend, aber auch hier argumentieren einige Wissenschaftler, dass das Erinnerungsvermögen dieser Menschen nicht als fotografisch bezeichnet werden kann. Tatsächlich zeige eine Studie mit 20 HSAM-Fällen, dass diese genauso anfällig für falsche Erinnerungen sind wie eine Kontrollgruppe im selben Alter.

Fotografien verblassen

Unter bestimmten Umständen wären wir also bereit, einigen Skeptiker zuzugestehen, dass, obwohl einige Erinnerungen sehr detailliert und konsistent erscheinen, nur ganz wenige tatsächlich mit Momentaufnahmen zu vergleichen sind. Sind aber nicht alle diese Entdeckungen ein Hinweis darauf, dass unser Gedächtnis wie eine Fotografie funktioniert? Schließlich waren Fotografien schon lange vor Begriffen wie „postfaktisch“ und „Fake News“ nie ganz zuverlässige Quellen.

Ebenso wie unsere Erinnerungen können sich auch anschauliche und detaillierte Fotografien sich als gefälscht und bearbeitete herausstellen und die Ereignisse, die auf den Bildern zu sehen sind, in ein falsches Licht rücken. Ebenso wie unsere Erinnerungen sehen wir Fotografien auch nicht objektiv, sondern durch den Filter unserer eigenen persönlichen Prägungen und Vorurteile. Und wie auch in unseren Erinnerungen verblasst eine Fotografie über die Zeit, selbst wenn wir sie noch genauso wertschätzen wie zu Beginn. Letztlich hat wohl jeder von uns ein fotografisches Gedächtnis – auch wenn es nicht ganz der Art entspricht, wie wir es zunächst vermutet haben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Auge“ by 2488716 (CC0 Public Domain)


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Schimpansen und ihre Freunde chillen besser: Neue Studie gegen Stress

Ob es um den Trost nach dem Tod eines geliebten Menschen geht oder um Mitgefühl, wenn unser Team wieder einmal verloren hat – unsere sozialen Beziehungen sind für den Versuch, ein glückliches, weniger stressfreies Leben zu führen, unbezahlbar. Die Rolle von sozialen Interaktionen und Bindungen zur besseren Stressreduzierung wurden bei vielen Spezien untersucht, von Ratten bis zum Elefanten.

Aber die Jury ist sich noch nicht sicher, wie Freunde uns dabei helfen, mit Stress auf einem psychologischen Level umzugehen. Neue Forschungen zu Beziehungen zwischen Schimpansen suggerieren, dass Freunde nicht nur einfach einen „sozialen Puffer“ erschaffen, indem sie uns in stressigen Zeiten helfen. Sie reduzieren möglicherweise auch das Stresslevel im Allgemeinen, indem sie in unserem Leben einfach nur anwesend sind, wodurch die Art und Weise reguliert wird, wie unser Körper mit Hormonen, die ein Anzeichen für Stress sind, umgeht.

Stress wurde ausführlich bei zahlreichen nicht-menschlichen Primaten erforscht, einschließlich bei Schimpansen, Makaken und Pavianen und wir wissen, dass er verheerend sein kann. Zum Beispiel können hohe Stresslevel bei Pavianen Magen- und Darmgeschwüre verursachen und sogar zu einem früheren Tod führen. Starke soziale Bindungen agieren anscheinend als ein Puffer gegen die schlimmsten Folgen von Stress. Es gibt einen umfassenden gesundheitlichen Nutzen hierdurch, zum Beispiel einen überraschenden Anstieg in der Überlebensrate von Säuglingen unter den weniger gestressten Pavian-Müttern.

Wenn es darum geht, was im Körper passiert, wissen wir, dass ein gutes soziales Umfeld mit einer Abnahme der Hormone, die ein Anzeichen für Stress sind, wie etwa Glucocorticoide, korreliert. Aber wir wissen nicht genau, wie das vonstatten geht.

Sozialer Puffer

Ein neulich veröffentlichter Artikel im Nature Communications Journal erforscht zwei mögliche Mechanismen hinter der Art und Weise, wie soziale Bindungen als ein Puffer in Sachen Stress bei Schimpansen agieren. Die Forscher betrachteten zwei gegensätzliche Theorien: ob „Bindungspartner“ (dies entspricht bei den Schimpansen einem Freund) die besonders stressigen Zeiten einfach weniger stressig machen oder ob die Effekte dieser Partnerschaft im Verlauf des Tages bemerkt werden.

Die Forscher beobachteten wild lebende Schimpansen auf einem schon seit langem bestehenden Gelände in Uganda über einen Zeitraum von zwei Jahren, wobei eine Reihe aggressiver und kooperierender sozialer Interaktionen beobachtet wurden.

Dazu gehörten die Zeiten, zu denen die Tiere geruht, gegenseitig Fellpflege betrieben oder zu denen sie Herdenmitglieder anderer Schimpansengruppen gesehen oder gehört haben. Die Forscher haben die Stresslevel der Schimpansen gemessen, indem sie umfangreiche Urin-Proben gesammelt haben, um diese auf das Vorkommen von Glucocorticoide zu testen.

Um eine potenzielle Stress-Situation zu erschaffen, wartete ein erfahrener Assistent der Fachrichtung, bis kleine Gruppen der Schimpansen in der Nähe der Grenzen des Territoriums waren und trommelte dann auf die großen Baumwurzeln. Dies ahmte das Trommelgeräusch nach, das die Schimpansen erzeugen, um innerhalb und zwischen den sozialen Gruppen zu kommunizieren. Man wollte sehen, wie diese Konfrontation mit dem Trommeln von den einzelnen Schimpansen wahrgenommen wird, abhängig von ihrer sozialen Unterstützung.

Der Hormonpegel im Urin der Schimpansen zeigte, dass sie – vielleicht wenig überraschend – dazu neigen, gestresster zu sein, wenn sie einem Tier einer anderen Gruppe begegnen (oder glauben, einem solchen zu begegnen). Aber die Forschung zeigte auch, dass die sozialen Beziehungen den Stress augenscheinlich immer reduzierten, aber eben nicht in den stressigsten Situationen. Dies suggeriert, dass es für Schimpansen wichtig ist, einen „Bindungspartner“ zu haben, mit dem sie regelmäßig in freundlicher und kooperativer Weise interagieren können und dem gegenüber sie sich nur selten aggressiv verhalten.

Es scheint, als ob die tägliche Präsenz von Bindungspartnern während, sowohl innerhalb als auch außerhalb stressiger Situationen, tatsächlich das System reguliert, das den Hormonhaushalt des Körpers steuert, wodurch das gesamte Stresslevel reduziert wird. Während die aktive Unterstützung eines Bindungspartners das Glucocorticoide-Niveau am meisten senkt, führt ihre bloße Anwesenheit auch zu weniger Stress.

Obwohl es in dieser Studie nicht bewiesen wurde, glauben die Autoren, dass Oxytocin (das oft auch als „Liebeshormon“ bezeichnet wird) möglicherweise auch für diese Regulierung verantwortlich ist. Allgemeiner gesagt hilft dieses Hormon-Gleichgewicht möglicherweise auch dabei, das Immunsystem, die Herzfunktion, die Fruchtbarkeit, die Stimmung und sogar die Wahrnehmung zu verbessern.

Es ist einfach, die Schimpansen in Gedanken durch Menschen zu ersetzen und statt der Bezeichnung „Bindungspartner“ die Bezeichnung „Freund“ zu verwenden. Wir alle stellen fest, dass schwere Zeiten mit einer freundschaftlichen Schulter zum Ausweinen einfacher zu bewältigen sind. Selbst in einem alltäglichen Kontext ist unser Leben dieses kleine bisschen schöner, wenn wir wissen, dass unsere Freunde da sind.

Aber diese Abhandlung zeigt auf, dass die Bildung und die Instandhaltung solcher enger sozialer Bindungen mit anderen einen bedeutenden, messbaren Nutzen für das körperliche und seelische Wohlergehen der Schimpansen hat und es wird auf einem physiologischen Level reguliert. Dies könnte uns nicht nur bei unserem weiteren Verständnis der Evolution des menschlichen Sozialverhaltens helfen, sondern auch die Art beeinflussen, wie wir mit körperlichen Krankheiten und seelischen Schmerzen innerhalb der menschlichen Gemeinschaften umgehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „chimps“ by Pixel-mixer (CC0 Public Domain)


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Digitale Lösungen für analoge Probleme – Reloaded

glühbirne-image-by-jniittymaa0-via-Pixabay-[CC0 Public Domain]

Vor nunmehr 4 Jahren hatte ich an dem spannenden Buchprojekt Reboot_D von Ulrike Reinhard und Hendrik Heuermann mitgewirkt, in dem es darum ging, die analoge Welt mit digitalen Vorzeichen neu zu denken. Unter der Überschrift „Digitale Lösungen für analoge Probleme“ hatte ich mich gefragt, in welcher Weise bis dato die Digitalisierung zur Lösung politischer Probleme beigetragen hatte und warum dies in analogen Zeiten vorher nicht möglich gewesen war.

Mit Blick auf die fehlende Nachhaltigkeit unserer Lebensweise, den Klimawandel und die Änderung nicht-nachhaltiger Geschäftspraktiken skrupelloser Alt-Unternehmen, die mit Hilfe von manipulierter Software unserer aller Lebensgrundlage zerstören helfen, ergibt sich erneut die Frage, wie man mit digitalen Tools und Produkten die Welt ein kleines bisschen besser gestalten kann. Einige Filme und Keynotes der letzten Tagen haben aus meiner Sicht gezeigt, wie dies vonstatten gehen könnte.

Der im Netz viel diskutierte desaströs Beginn (Stichwort: Digitale Demenz bei Anne Will) der ARD Themenwoche zur Zukunft der Arbeit hat wieder eines gezeigt: Es fehlt in Deutschland an Vordenkern, die uns einen (Aus-) Blick auf globale Trends und Themen zeigen können und es fehlt weiterhin an entsprechenden Altmedien, die in der Recherche relevanter Themen und dieser internationalen Vordenker auf der Höhe der Zeit sind. Wie kann es sein, dass uns ausgerechnet der Altmeister des deutschen Films Werner Herzog mit über 70 Jahren mit „Lo and Behold“ einen spannenden Blick auf die Zukunft des Internets, der Robotik und damit der Gesellschaft zeigt?

In dieser Woche hatte ich aber Gelegenheit, weitere drei Filme bzw. Präsentationen zu schauen, die uns zeigen, wie sich Geschäftsmodelle mit Hilfe von Blockchain in Richtung sozialer Nachhaltigkeit ändern können (Don Tapscott), in welcher Weise Geschäftsmodelle ökologische Nachhaltigkeit fördern können (SolarCity) und warum wir ein Interesse an diesen Änderungen haben sollten (Leonardo DiCaprio).

National Geographic hat seit drei Tagen den Klimawandel-Film von Leonardo DiCaprio „Before the Flood“ in seinem YT-Channel freigeschaltet. Der Kampf gegen den Klimawandel und die Förderung der Solarindustrie, alles dies waren mal deutsche Kernkompetenzen. Aus und vorbei. Im Film von LDC wird stattdessen die Giga-Factory von Tesla gezeigt und das Geschäftsmodell und die Mission dahinter vorgestellt.

In welchem Kontext die Giga-Factory zu verstehen ist, kann man erahnen, wenn man die aktuelle Keynote von Elon Musk zur Vorstellung des Konzepts der Solardächer anschaut. Die Keynote – unter freiem Himmel – als Chef eines Industrieunternehmens mit der Botschaft zu beginnen, dass 404 ppm CO2 Antrieb für deren Überlegungen sei, ist gerade aus deutscher Sicht erstaunlich. Man stelle sich Zetsche oder Müller vor, wie sie versuchen, „Nachhaltigkeit“ mit ihren Produkten zu bewerben. Was die Keynote zeigt, ist die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit und Business sich nicht ausschließen sondern ganz im Gegenteil gegenseitig bedingen.

Ebenso wie Jobs versteht es Musk, eine Sache, die die Menschen bewegt, mit einem Industrieprodukt und einer Dienstleistung zu verbinden. Wen erinnert der Dreiklang in der Musk-Keynote – Generation, Storage, Transport – und die daraus folgende Ableitung des Produkts nicht an die Jopbs-Keynote zur Vorstellung des iPhones, der damals in ähnlicher Weise drei Produkte zu einem neuen verbünden hatte. Haus, Auto und Energie integriert zu betrachten, ist im Grunde genommen so naheliegend und bleibt schnell im Kopf hängen. Und schon fragt man sich, wieso dies bisher immer getrennt betrachtet worden ist.

Wie sich Geschäftsmodelle mit Hilfe der Blockchain-Protokolle schließlich komplett erübrigen können und inwiefern dies allen Menschen im Sinne sozialer Nachhaltigkeit zugute kommen kann, stellt Don Tapscott in seinem aktuellen TED-Talk vor. Zwischenhändler, die sowieso nur abkassieren, Gatekeeper sind und Ungleichheiten verstärken, können mit der Blockchain-Technik komplett eliminiert werden. Tapscott nennt als Beispiele die Sicherung von Eigentumsrechten bezogen auf Landbesitz, das Peer2Peer-sharen, die individuelle Datensouveränität und die unmittelbare Entlohnung von Inhalte-Schaffenden.

Alle Filme zusammen genommen zeigen uns ein Bild auf, warum es nicht nur Technik ist, über die wir reden sondern warum Technik soziale und politische Implikationen hat und warum dies den herrschenden Akteuren – Ölkonzernen, Banken, Blechebiegern – nicht gelegen kommt. Denn: Es geht um Macht.


Image „glühbirne“ by jniittymaa0 (CC0 Public Domain)


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Wie man mit Spieletechnologie Tatorte hacken kann

konsole(image by quakeboy[CC0 Public Domain] via Pixabay)

Sherlock Holmes konnte einen Tatort mithilfe seiner ausgezeichneten Kombinationsgabe (und manchmal auch einer Lupe) untersuchen. Doch die heutigen Ermittler haben sehr viel komplexere Technologien zur Hand, um wichtige Arbeiten wie das Dokumentieren und Analysieren eines Tatorts festzuhalten. Zum Beispiel können die Ermittler mithilfe von 3D-Laserscans schnell ein detailliertes und sehr akkurates Modell des Tatorts erstellen.

Das Problem hierbei ist, dass diese Gerätschaften sehr teuer sind, oft im Bereich von mehreren tausend US-Dollar, was sie für kleinere Polizeiwachen praktisch unerreichbar macht. Handscanner sind billiger zu kriegen, aber sie sind eher für kleinere Objekte oder einen Menschen gemacht, statt dass man damit einen gesamten Tatort erfassen könnte. Allerdings könnten diese dreidimensionale Scans einfacher gemacht werden. Die Lösung kommt von eher ungewöhnlicher Seite – von der Spieleindustrie.

Die Xbox Kinect von Microsoft ist ein Gerät mit Bewegungssensor, bei dem die Spieler bestimmte Gesten und Körperbewegungen einsetzen, um zu spielen. Die ursprüngliche 360er-Konsole wurde in den ersten beiden Jahren nach ihrer Veröffentlichung im Jahr 2010 über 24 Millionen Mal verkauft. Microsoft veröffentlichte danach noch ein Addon-Paket, mit dem sich Programmierer in die Bewegungssensorik der Kinect einhacken und diese mit ihrer eigenen Software kontrollieren konnten. Mit dem Addon eröffneten sich viele neue Möglichkeiten.

Entwickler nutzen es, um die Routinefunktionen eines Computers zu kontrollieren. Sie nutzen es auch, um spezielle Gerätschaften wie Operationsrobotor zu bewegen, statt mit Systemen zu arbeiten, die sonst um die 50.000 US-Dollar kosten würden. Allerdings ist die vielleicht beste Kinect-Funktion die, mit der man Landschaften und Objekte in 3D einfangen kann, inklusive akkurater Farbgebung und Textur.
Im letzten Jahr haben Forscher der Universität Vigo in Spanien vorgeschlagen, dass man die alte 360er Kinect-Konsole nutzen könnte, um Tatorte in 3D zu modellieren. Ihre Ergebnisse zeigten, dass die 360 Kinect zu laut ist, um akkurate Messungen zu produzieren, da eine visuelle Verfälschung durch zu geringes Licht verursacht wird. Eine Messung gelang nur dann, wenn man sie sehr nah an das zu scannende Objekt hielt. In einer Entfernung von nur drei Metern produzierte die Kinect Messfehler zwischen zwei bis zu zehn Prozent. Das scheint nicht viel zu sein, doch bei der Aufnahme von Tatorten muss alles akkurat ablaufen.

Die aktualisierte Xbox-One-Version der Kinect kommt mit einer Kamera mit einer Pixeltiefe von 512×424 Pixeln, während die Originalversion noch 320×240 Pixel aufwies. Das bedeutet, dass sie Bilder mit einem besseren Fokus aufnehmen kann, sogar bei einer geringen Lichtstärke. Die Software-, und Hardwareverbesserung führt dazu, dass nun zwei Gigabits an Daten pro Sekunde übermittelt werden können. Wenn man den Sensor schwenkt und kippt, um Räume in 3D aufzunehmen, kann dies nun bei einer schnelleren Aufnahmezeit geschehen. Zudem werden weniger weniger Geräusche und Ungenauigkeiten produziert.

Die Verbesserungen bei der Kinect waren so bedeutend, dass das Jet Propulsion Labor der NASA sich beim Entwicklerprogramm im November 2013 eingeschrieben hat. Die NASA-Techniker benutzten die neue Kinect in Verbindung mit dem Oculus Rift-VR-Headset, um ein System zu entwickeln, das es Astronauten ermöglicht, einen Roboterarm mithilfe des eigenen Armes zu bewegen. Sie nannten es „die umfassendste Schnittstelle“, die sie jemals gebaut haben.

Den eigenen 3D Scanner bauen

Um einen gesamten Tatort abscannen zu können, könnte der Sensor der Xbox One Kinect (Kosten: etwa um die 89 britische Pfund) mit einem günstigen Computer (Kosten: etwa 30 Pfund) wie dem Arduino Leonardo, einem Raspberry Pi, einem Rotationsbausatz (etwa 60 Pfund) und Neigungsbausatz (etwa 25 Pfund) kombiniert werden. Dies würde es Ermittlern ermöglichen, einen gesamten Schauplatz automatisch in 360-Grad-Sicht einzufangen. Ein Laptop mit ordentlicher Rechenleistung (für etwa 1000 Pfund) und einem Windows-Adapter (etwa 40 Pfund) bräuchte man ebenso, um das System laufen zu lassen. Die gesamten Kosten für die notwendige Ausstattung läge somit unter 1500 Pfund. Damit wäre man etwa 43Mal günstiger als die bereits bestehenden, kommerziellen Systeme, die es auf dem Markt gibt.

Der Aufbau und de Benutzung wäre vergleichsweise einfach und die meisten Komponenten arbeiten sofort, ohne dass man erst umständlich an ihnen herumschrauben muss. Open-Source Software ist zudem frei erhältlich, es gibt auch einige kommerzielle Angebote für unter als 150 Pfund. Andere spezialisierte Softwaresysteme kann man nur zusammen mit Hardware zu einem Preis von etwa 150.000 britische Pfun bekommen.

Obwohl mehr Tatortsoftware auf den Markt gekommen ist, ist der Preis nicht merklich gesunken. Die Technologie ist daher für viele Polizeiwachen noch immer nicht erschwinglich. Die Möglichkeiten der Kinect könnten dazu führen, dass Polizeikräfte einen Schritt zur Verbesserung der eigenen Technologien mit einem Hack herbeiführen können. Ein Kinect-basiertes System wäre eine einfache, kosteneffektive Methode, die bei Ermittlungen helfen und Gerechtigkeit herbeiführen könnte.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Konsole“ by quakeboy (CCO Public Domain)


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Wenn Roboter fühlen lernen

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Roboter sind nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken. Die 24-Stunden-Hilfskräfte, die für uns stellvertretend schrauben, löten, Botengänge erledigen, Fragen beantworten und zu unserer Unterhaltung und Zerstreuung bereitstehen, sind rund um die Uhr mit nimmermüder Geschäftigkeit für uns da.

Schöne neue Welt, wenn auch vielleicht ein bisschen gruselig. Denn die maschinellen Helfer sind günstiger und verlässlicher als so mancher Mensch: ein Arzt-Bot wird nie selbst krank, eine selbstdenkende Roboter-Hebemaschine kriegt keinen Bandscheibenvorfall. Ob sie unsere Arbeitskraft irgendwann vollständig ersetzen sollen und ob wir das überhaupt wollen, wird noch immer heiß diskutiert.

Von Androiden und geheimen Wünschen

So weit, so gut. Der reine Nutzen der Helfer steht ohnehin nicht infrage. Wie weit unsere Faszination bezüglich der maschinellen Gehirne und Lernprozesse geht, kann seit Jahrzehnten in der Literatur- und Filmwelt untersucht werden.

So prägt der polnische Philosoph und Autor Stanislaw Lem seit mehr als 60 Jahren die Science-Fiction-Szene eingehend mit seinen Ideen von virtueller Realität, neuralen Netzen und künstlicher Intelligenz. Oft nahm er dabei die scheinbar uneingeschränkte Zukunftsgläubigkeit der Menschen aufs Korn, um ihnen, ähnlich wie in Ray Bradburys „Mars-Chroniken“ (absolute Leseempfehlung für den Herbst!), den Spiegel des Menschen als rücksichtsloses Raubtier an seiner Umwelt vorzuhalten.

Der Autor Philip K. Dick entwickelte die Idee der menschenähnlichen Androiden mit seinem Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen“ weiter, der später in der bekannteren Dystopie „Blade Runner“ mit Harrison Ford verarbeitet wurde. Hier treffen wir auf eine künstliche Intelligenz, die nicht nur unsterblich und geradezu übermenschlich stark ist, sondern auch fühlen kann und will. Sehr ähnlich wird dieser Gedanke auch gerade mit dem gerade erschienenen Westworld-Remake erzählt, der sich gerade in den Serien-Charts nach oben arbeitet.

Ähnlich aufgebaut ist auch die Figur des Data im Star-Trek-Universum (TNG), die nach einem Roboter aus dem 50er-Jahre-Film „Alarm im Weltall“ geschaffen wurde. Datas innigster Wunsch ist es, so menschlich und emotional wie möglich zu werden. Dank eines eigens für ihn entwickelten Emotions-Chips gelingt ihm das in einigen Folgen von „Raumschiff Enterprise“ zunehmend, jedoch unterscheidet er sich noch immer von den Menschen: Zwar hat er ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, was man den heute existierenden KIs höchsten als einprogrammierte Widerborstigkeit anrechnen kann, aber er versteht beispielsweise keine Witze. Humor ist eine allzu menschliche Eigenschaft, und diese Hürde kann Data nicht überspringen.

Kommen zwei Roboter in eine Bar…

Auch Humorversuche von Computern aus dem echten Leben scheitern hier, oder sind zumindest Geschmackssache. Wer jemals versucht hat, eine sinnvolle oder gar erheiternde Diskussionen mit Bots wie Apples Siri zu führen, wird ihr wohl zumindest keinen Sendeplatz für die nächste Late-Night-Show anbieten wollen – Computer sind einfach nicht witzig.

Von Marvin, dem depressiven Roboter aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ über GERTY, der dem Mondeinsiedler Sam Bell in „Moon“ die Einsamkeit erleichtern soll bis hin zu der fantastischen Liebesgeschichte zwischen Mensch und Interface: Wir wollen von dem Gedanken nicht ablassen, unsere Roboter zu emotionalisieren. Vielleicht ist das auch verständlich – schließlich rücken sie immer näher an uns heran.

Braucht Pflege Emotionen?

Die neue Generation der Roboter soll nach diesen Ideen vielleicht nicht den menschlichen Humor, aber doch eine gewisse Emotionalität und Empathie lernen. Ob das klappt, testen wir gerade unter anderem in Pflegeheimen, wo die neuen Pflegeroboter zum Einsatz kommen, denn wie vieles andere auch, wird derzeit bei Robotern die Emotionen noch stark infrage gestellt. Allerdings verstehen viele Forscher, Wissenschaftler und Psychologen unter dem Wort Emotionen jeder etwas anderes. Wie soll auch ein Roboter das gleiche menschliche Lächeln und Empathie imitieren, wie es nur ein Mensch von Natur aus kann?

In Japan wird in der Pflege schon recht viel Technologie eingesetzt, so gab es hier den einen oder anderen Extremfall: der oft beunruhigende Einsatz der Technik – wie die Anti-Weglauf-Halskette oder Bewegungssensoren – gehen vielen Menschen dann doch deutlich zu weit. Mit solchen Maßnahmen wird hierzulande wohl eher nicht zu rechnen sein. Dezent eingesetzte Technik in den Pflegeheimen oder Wohnungen, wie das Heben aus dem Bett oder in die Badewanne kann eine gute Lösung sein, ist aber derzeit leider noch sehr teuer. Dabei müssen Roboter weder Emotionen zeigen noch mit uns sprechen. Hier geht es ausschließlich um die körperliche Entlastung der Pflegekräfte. Alles andere, wie freundliche Bedienung, Hilfsbereitschaft oder ein herzliches “Guten Morgen”, beherrschen wir Menschen selbst wahrscheinlich am besten.

Bots, die mit uns sprechen

Die Technik entwickelt sich immer weiter. So scheint es mittlerweile fast normal zu sein, sich statt eines Haustiers einen eigenen sprechenden Roboter zuzulegen. Der Roboter Kirobo Mini, der im nächsten Jahr auf den Markt kommen soll, tanzt auf dem schmalen Grat zwischen Spielzeug und Helferlein. Vielleicht taugt er auch als Begleiter für ältere Menschen oder als Beifahrer für lange Autofahrten?

Mal abgesehen von den eher wenigen Emotionen und den vorprogrammierten Sätzen der Roboter, die ja scheinbar irgendwann zum alltäglichen Leben der Menschheit dazugehören werden, gibt es immer wieder kuriose Geschichten über Roboter, die auf ganz andere Art und Weise mit uns sprechen, wie beispielsweise in der Geschichte von Eugenia Kuyda und Roman Mazurenko beschrieben wird.

Nach einem Verkehrsunfall starb Roman Mazurenko mit nur 34 Jahren. Seine beste Freundin Eugenia kam auf eine ganz ausgefallene Idee: Sie sammelte sämtliche SMS und Kurznachrichten von Roman zusammen und schrieb daraus ein Programm – das ganze klingt ein bisschen wie der Film “Transcendence” mit Johnny Depp. Anhand dieses Programms war es ihr möglich, virtuelle Gespräche mit Roman zu führen.

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Screenshot by Zeit Online Blog – Wie ein Toter als Chatbot weiterlebt

Auf diese Weise möchte ein australisches Startup die Menschheit unsterblich machen. Bislang halten sie sich bezüglich der konkreten Umsetzung sehr bedeckt, aber dennoch kann verraten werden, dass Daten der Menschen, ihre Verhaltensweisen, Kommunikationsarten und Denkweisen gesammelt werden, um daraus eine künstliche Intelligenz zu schaffen. Des Weiteren wird verraten, dass das menschliche Gehirn eines Verstorbenen eingefroren und in einen künstlichen Körper eingesetzt werden soll. Ziemlich kurios wirkt das Ganze definitiv – und abgesehen von der grundsätzlichen Frage danach, ob das überhaupt möglich sein wird, bleibt auch die Frage nach ethischen Bedenken bestehen.

Eine Frage der Ethik

Die Frage, wie man das Thema Roboter und Emotionen und ein mögliches, digitales Weiterleben nach dem Tod – was ja eigentlich auch kein richtiges Leben ist, sondern lediglich eine Sammlung von Daten, die einen echten Menschen imitieren soll – ethisch einordnen soll und kann, ist schwer zu beantworten. Für den einen mag es sehr sinnvoll sein und vielleicht auch ein Stück weit über die Trauer eines Verstorbenen hinweg helfen. Wenn man noch ein paar Worte an jemanden richten, der nicht mehr wieder kommen kann, dann kann das für manche Menschen eine große Hilfe sein.

Auf der anderen Seite ist es aber auch vorstellbar, dass die Menschen sich in die Vorstellung eines digitalen Abbilds eines Menschen verrennen und eventuell nicht in der Lage sind, die Endlichkeit und den Tod zu akzeptieren. Dieser Gedanke wird in einer Folge der britischen Science-Fiction-Serie „Black Mirror“ behandelt. Hier wird deutlich: Wenn wir den Tod tabuisieren oder sogar vollkommen verlernen, mit ihm umzugehen, sondern uns ein Substitut suchen, werden wir niemals loslassen können.

Wenn Roboter in unser Leben eingreifen und uns einen Vorteil bieten, indem sie uns schwere Arbeiten abnehmen oder uns den Alltag erleichtern, dann ist das schön und gut. Aber sie sollten nicht zu sehr in unser Menschsein eingreifen. Menschlichkeit und Einzigartigkeit macht uns aus. Wir sollten sie uns in der Zeit der Digitalisierung umso dringender bewahren.


Image „Human Face“ by Kuloser (CC0 Public Domain)


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Unsere Welt ist keine reine Marktwirtschaft – doch Ökonomen wissen nichts davon

Grünes übergeben (adapted) (Image by Maik Meid [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Wir halten es für selbstverständlich, dass wir in einer Marktwirtschaft leben. Die reguläre Wirtschaft ist besonders mit dieser Idee verbunden. Tatsächlich basieren die Grundpfeiler auch hierauf und die Entwicklung von Angebot und Nachfrage sowie die Preisbalance ergeben außerhalb dieses Marktkontexts keinen wirklichen Sinn. Doch heute ist der Markt in großen Teilen des dynamischen Sektors unserer Wirtschaft entweder nicht vorhanden oder nur ein Teil der Sache.

Natürlich beinhaltet die digitale Wirtschaft Firmen wie Apple und Amazon, die Produkte auf dem Markt verkaufen. Sie umfasst aber auch gänzlich unterschiedliche Modelle. Das Internet ist das Reich der Geschenke. Die große Mehrheit der Seiten, die wir herunterladen, sind kostenlos – und Seiten wie Wikipedia sind komplexe Beispiele für eine aktive Schenkökonomie.

Einige der erfolgreichsten kommerziellen Unternehmen, wie zum Beispiel Google und Facebook, verlassen sich auf Geschäftsmodelle, die Schenkungspraktiken mit dem freien Markt vermischen. Die Waren, die sie verkaufen, sind völlig von den Geschenken abhängig, die sie verteilen.

Damit diese Formen der Schenk- und Hybridwirtschaft sinnvoll eingesetzt werden können, entwickelt meine Forschung des kalkulatorischen Gewinns und der Schenkungs- und Digitalwirtschaft die Idee, dass wir die Wirtschaft als eine miteinander interagierende Mischung aus Marktpraktiken und und deren gegenteiligen Aktionen betrachten sollten.

Die Schenkökonomie in Aktion

Wikipedia, die größte und meistgenutzte Enzyklopädie, die die Welt jemals gesehen hat, ist ein beispielhafter Fall für die digitale Schenkökonomie. Wikipedia dominiert diesen Sektor und hat mehr oder weniger das Aussterben der Enzyklopädien besiegelt, die man sich noch kaufen musste. Das ganze begann damit, dass Microsoft seine Encarta an Leute verschenkte, die sich einen Computer zulegten.

Wikipedia basiert im Allgemeinen auf drei Schenkungspraktiken: es bietet uns kostenlosen Zugang zu seinen Inhalten, diese Inhalte werden von Freiwilligen ohne Bezahlung redaktionell betreut und die laufenden Kosten werden aus Spenden finanziert. Sobald Arbeit ehrenamtlich verrichtet wird, gelten die alten Regeln nicht mehr. Die Redakteure von Wikipedia haben keine Manager über sich, die bestimmen, was sie nach den Regeln der Top-Down-Methode zu tun haben. Sie suchen sich ihre Aufgabe selbst und arbeiten in ihrer eigenen Geschwindigkeit. Die Qualität ihrer Arbeit wird nicht durch Leistungsbeurteilungen oder drohende Arbeitslosigkeit sichergestellt – stattdessen führt man miteinander Qualitätsdebatten im Wikipedia-Forum, die dem Austausch dienen. Dabei verpflichten sich die Redakteure selbst gemeinschaftlich zur Einhaltung der festgelegten Normen.

Die konventionelle Wirtschaft verfügt nicht über Instrumente, mit denen Phänomene wie die Wikipedia analysiert werden können. Die Seite verfügt über kein Einkommen, keine Börsenkapitalisierung und keinen kalkulatorischen Gewinn, nach dem wir sie einschätzen könnten. Weder menschliche Motivationen, noch kooperative Koordinationsmechanismen passen zu Marktmodellen der absoluten Maximierung und des absoluten Marktgleichgewichts. Wenn wir unsere Wirtschaft beurteilen wollen, wären wir eigentlich besser dran, Systeme wie die Wikipedia-Community zu ignorieren?

Ein hybrides Machtzentrum

Im Gegensatz dazu erscheint Google wie eine Firma, die man durch traditionelle ökonomische Theorien erklären können sollte. Die zweitgrößte Firma der Welt in Sachen Marktkapitalisierung erzeugte im Jahr 2015 Gewinne in Höhe von 75,5 Milliarden US-Dollar – und zwar größtenteils durch den Verkauf von Anzeigen.

Das ist durchaus ein Markt, oder? Dieser existiert allerdings nur, weil Google seinen Nutzern Geschenke macht. Sein Herzstück ist die kostenlose Internetsuche. Wenn Google uns Suchergebnisse liefert, erhält es als Nebenprodukt des Suchprozesses Informationen über unsere Interessen und benutzt diese, um sehr viel effektiver und gezielter zu werben, als je zuvor in den konventionellen Medien möglich war.

Hier haben wir zwei zutiefst voneinander abhängige Praktiken: eine Marktpraxis, bei der Werbung verkauft wird, die nur deshalb existieren kann, weil es eine Praxis des Verschenkens der kostenlosen Internetsuche gibt. Kostenlose Zeitungen bieten ein ähnliches Modell an, aber Google arbeitet in völlig anderen Dimensionen. Ganz egal, wie gut Nachfrage und Angebot die Ergebnisse auf dem Werbemarkt darlegen können, sagen sie uns doch nichts darüber, wie Google diese Werbemöglichkeiten zunächst überhaupt erhält.

Um hybride Modelle der Wirtschaft wie dieses erklären zu können, brauchen wir einen Ansatz, der Schenk- und Marktpraktiken in gleichem Maße als bedeutend ansieht und der die Art und Weise analysieren kann, wie diese kombiniert werden.

Wirtschaft und die Schenkökonomie

Obwohl ich die digitale Schenkökonomie hier hervorgehoben habe, ist die Schenkökonomie an sich viel älter und verbreiteter, als ich es je ausdrücken könnte – sie war lediglich weniger deutlich mit der Marktwirtschaft gepaart, als es für uns in der Wirtschaftswelt ersichtlich war. Um ein Beispiel zu nennen, haben Menschen seit jeher ökonomische Vorteile innerhalb ihres Haushalts produziert, ohne dass sie sich diese gegenseitig angeboten haben. Wenn ein Elternteil für seine Familie kocht, ist das ebenso produktiv, wie wenn ein Berufskoch für seine Kunden in einem Restaurant kocht. Der Unterschied ist bloß, dass hierbei kein Bargeld den Besitzer wechselt.

Eine Studie über den Haushalt in Australien fand beispielsweise heraus, dass bei einer Monetarisierung – der Fall tritt ein, wenn an einen Haushalt ein Betrag in Dollar entsprechend der Marktwirtschaft vergeben wird – der Haushaltssektor an sich bereits größer ist als der Marktsektor. Ebenso beschränkt sich die „alte“ Schenkökonomie nicht auf Geschenke für Freunde und für die Familie – Wohltätigkeit, Freiwilligenarbeit und Blutspenden sind bekannte Formen von Geschenken, die wir fremden Menschen machen.

Ökonomen neigen gern dazu, die Schenkökonomie zu übersehen, wo auch immer sie stattfindet – nicht nur, weil die Werkzeuge, die Ökonomen verwenden, wie beispielsweise die Einkommens- und Gewinnkalkulationen sowie der Aktienmarkt und Aktienkurs, nur Märkten einen Sinn entlocken können, aber auch, weil es keine Methode gibt, wie man Produkte bewerten kann, die nicht verkauft werden. Wir sind alle gewöhnt daran, Dinge nach dem Preis zu beurteilen, den sie auf dem Markt erzielen, aber solche Preise gibt es im Schenkungsbereich nicht.

Das bedeutet jedoch nicht, dass seine Produkte keinen Wert haben, sondern eher, dass wir eine vollkommen dysfunktionale Vorstellung des Wertes von Dingen verinnerlicht haben, im Rahmen derer wir eine Wirtschaft ausschließlich in marktwirtschaftlichen Aspekten betrachten. Wir konzentrieren uns so sehr auf die monetäre Seite der Wirtschaft, dass wir nicht die Absurdität der Bewertung derselben auf Kosten der Dinge, die wir für einander tun und die wir nicht beziffern können, erkennen.

Wenn wir erreichen wollen, dass die Wirtschaft von heute und die Möglichkeiten von morgen sinnvoll eingesetzt werden, müssen wir endlich damit anfangen, die Welt als ein komplexes Etwas zu betrachten, das aus Marktpraktiken und Nicht-Marktpraktiken zugleich besteht. Wir müssen damit anfangen, Produkte nach ihrem menschlichen Nutzen zu beurteilen, statt nach ihrem Preis.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Grünes übergeben“ by Maik Meid (CC BY-SA 2.0)


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Das sehen Hunde, wenn sie fernsehen

hund(image by lightstargod[CC0 Public Domain] via Pixabay)

Hundebesitzer bemerken oft, wie ihre Tiere fernsehen oder auf Computerbildschirme und Tablets schauen. Aber was geht in ihrem Hundekopf vor? Tatsächlich konnten Studien durch eine Rückverfolgung ihres Sehvermögens mithilfe ähnlicher Methoden, wie sie beim Menschen verwendet wurden, feststellen, dass Haushunde bestimmte Bilder und Videos bevorzugen.

Diese Studie deutet darauf hin, dass Hunde bevorzugt andere echte Hunde sehen – aber unsere Studien haben auch herausgefunden, dass es zunächst die Geräusche sind, die Hunde zum Fernseher oder zu anderen Geräten locken.

Die beliebtesten Geräusche umfassen dabei das Bellen von Hunden sowie deren Winseln, aber auch die Laute, die Menschen erzeugen, wenn sie Hunde loben und ihnen freundlich Befehle erteilen und das Quietschen von Spielzeug.

Dennoch schauen Hunde ganz anders fern als es Menschen tun. Statt still zu sitzen, nähern sich die Tiere oft dem Bildschirm, um genauer hinschauen zu können und laufen wiederholt zwischen ihrem Besitzer und dem Fernseher hin und her. Sie sind sehr zappelige, interaktive Zuschauer.

Hunde sehen auf dem Bildschirm auch andere Dinge als Menschen. Hunde sehen zweifarbig – sie haben zwei Arten von Farbrezeptor-Zellen und sehen Farben innerhalb zweier Farbspektren: blau und gelb. Die Farbverwendung in den Medien ist sehr wichtig für Hunde und erklärt, warum der Hunde-Fernsehsender DogTV diese Farben bei seinen Programmen bevorzugt verwendet. Hundeaugen sind außerdem viel sensibler gegenüber Bewegungen und Tierärzte vermuten, dass das verbesserte, flimmerfreie Fernsehen, das aus dem Wechsel von normalem zu hoch auflösendem Fernsehen resultiert, Hunden ermöglicht hat, die Medienprogramme im Fernsehen besser wahrzunehmen.

Mögen Hunde das TV-Programm

In Studien wurden auch mehrere Bildschirme verwendet, um zu sehen, ob Hunde aussuchen können, was sie anschauen. Frühe Forschungen haben ergeben, dass Hunde unfähig sind, sich zu entscheiden, wenn sie mit drei Bildschirmen konfrontiert werden und sich stattdessen nur einen Bildschirm anschauen, ganz egal, was auf diesem gezeigt wird. Dies muss noch mit zwei Bildschirmen getestet werden und möglicherweise auch noch einmal mit mehr als dreien.

Während die Wissenschaft gezeigt hat, dass Hunde sich auf Fernsehprogramme einlassen können und dass sie bestimmte Programme bevorzugen, muss sie noch komplexere Fragestellungen erforschen, wie beispielsweise die Frage, ob ihnen Fernsehen eigentlich tatsächlich gefällt. Wir Menschen schauen oft anstrengendes Bildmaterial oder Videos, die uns eine Vielzahl an Emotionen durchleben lassen, von Erschütterung zu Wut und Schrecken. Wir schauen auch nicht nur deshalb fern, um uns wohlzufühlen. Wir wissen jedoch nicht, ob ähnliche Faktoren Hunde dazu motivieren, fernzusehen.

Worauf sich ein Hund einlässt, variiert jedoch von Hund zu Hund und hängt von seiner Persönlichkeit, Erfahrung und von seinen Vorlieben ab. Es wird spekuliert, ob dies davon beeinflusst wird, was ihre Herrchen schauen, da Hunde dem Blick der Menschen und anderen Kommunikationssignalen, wie zum Beispiel Gesten und Kopfschütteln, folgen.

Anders als bei Menschen gibt es bei Hunden sehr kurze Interaktionen mit den Medien mit einer Zeitspanne von meist unter drei Sekunden, wobei die Tiere bevorzugt kurze Blicke auf den Fernseher werfen, anstatt sich auf diesen zu fokussieren, wie es die Menschen tun. Studien haben herausgefunden, dass selbst Medienprogramme, die speziell für Hunde konzipiert wurden, zum Großteil von diesen nicht geschaut werden. Das ideale Fernsehprogramm für Hunde sollte daher viele Bildausschnitte beinhalten und keine Szenarios mit langen Geschichten.

Aber während Hunde ihren eigenen Fernsehsender haben und eine Vorliebe dafür gezeigt haben, andere Hunde zwischen kurzen Interaktionsphasen im Rahmen spezieller Programme in bestimmten Farben zu sehen, bleiben noch viele Dinge unklar. Dennoch besitzt die Technologie das Potential, für Unterhaltung für den Haushund zu sorgen, wodurch das Wohlergehen der allein im Zwinger und zu Hause gelassenen Hunde gesteigert wird. Man sollte allerdings noch keine Hundeversion der Nachrichten erwarten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Hund“ by lightstargod (CC0 Public Domain)


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Die künstliche Hilfskraft: Wie ein Roboter jedes unserer Bedürfnisse errät

Banksy NYC, Coney Island, Robot (adapted) (Image by Scott Lynch [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Sie ist da – die Welt, in der Hilfsroboter mit uns leben, uns durch den Tag bringen und sogar unsere Freunde werden. Science-Fiction wird zur wissenschaftlichen Tatsache.Wie der Science-Fiction-Autor William Gibson offenkundig bemerkt hat: „Die Zukunft ist bereits hier – sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt.“ Die Nachfrage nach Hilfs-Robotern boomt, und sowohl die akademische als auch die industrielle Welt und das Militär machen Überstunden, um den Bedarf zu decken, während eine völlig neue Industrie an Fahrt gewinnt. Die Nachfrage wird durch die Existenz dieser langweiligen, schmutzigen und gefährlichen Jobs angekurbelt, die trotzdem gemacht werden müssen. Also durch dieser schlecht bezahlten Jobs, die als unter der Würde eines Menschen angesehen werden, zumindest in der entwickelten Welt. Was gäbe es also besseres als einen lebensechten Roboter, um uns von dieser Schufterei zu befreien?

Gute Gesellschaft

Natürlich müssen Roboter auch eine angenehme Gesellschaft sein, wenn wir sie in unser Leben lassen, unser Zuhause und unseren Arbeitsplatz mit ihnen teilen und sie Dinge für uns tun lassen sollen. Diese Anforderungen gelten für alle Roboter, nicht nur diejenigen, die laufen und sprechen, sondern auch für künstliche Intelligenz, die in größere Systeme oder das Internet integriert sind. Benutzerfreundlichkeit wird durch natürliche Sprache und affektives Berechnen erreicht, die es der KI erlaubt, Sie „kennenzulernen“, indem sie den Zyklus Ihres emotionales Zustands durch eine Ableitung Ihrer Stimmlage oder Körpersprache im Laufe der Zeit erkennt. Die Großen in der Technikwelt, wie etwa Google, Microsoft, Apple und Facebook, stecken großen Aufwand in Softwares, die Sprache verstehen können und als sogenannte Chatbots bekannt sind. Sie werden als die nächste große Sache angesehen. Der Vorstandsvorsitzende von Microsoft, Satya Nadella, sagte auf der Build-Konferenz in San Francisco im März, dass Chatbots, oder „Konversation als eine Plattform“, die nächste große Sache im Programmieren wäre, genauso wichtig wie der Wechsel zu graphischen Benutzeroberflächen, dem Webbrowser und Touchscreens. Das ist ein hoher Anspruch, nachdem viele sagen würden, dass dies wichtige Entwicklungsschritte der Interaktion zwischen Mensch und Computer sind. Chatbots bergen das Potenzial in sich, Computerressourcen für nicht-technische Benutzer leicht erreichbar zu machen. Man kann einen Chatbot nutzen, um einen Termin auszumachen, das Auto zur Inspektion anzumelden, Blumen für den ganz besonderen Jemand zu kaufen, einen Urlaub zu buchen, eine Wohnung zu finden oder besondere Interessen auszuleben. All dies wird möglich werden, wenn man einfach einen natürlich sprechenden digitalen Assistenten danach fragen kann, dies zu erledigen. Unter dem Deckmantel von Microsofts Cortana, Facebooks M, Apples Siri, Amazons Alexa und all denen, die noch kommen, werden sich diese kleinen Chatbots einschmeicheln und die Kontaktstelle zwischen Ihnen und den vielen Arbeiterrobotern sein. Sie werden wie eine Kombination aus Vorstandsassistent und Concierge sein, ein enger Vertrauter, der Ihre Bedürfnisse vorhersieht und die Aktivitäten der Vertreter auf einer niedrigeren Ebene reibungslos koordiniert, während diese ihrer Arbeit in der Cloud nachgehen.

Die Poeten von Silicon Valley

Schriftsteller finden heutzutage einträgliche Beschäftigungen in der Welt der Spitzentechnologie, wie neulich in der Washington Post berichtet wurde. Autoren, die einst Drehbücher und Gedichte geschrieben haben nutzen ihr Talent nun, um liebenswerte Charaktere für Chatbots zu erschaffen und ihnen coole Dinge einzupflanzen, die sie sagen können. Die neue Rasse intelligenter digitaler Assistenten sieht gut aus, klingt gut und werden unterstütz durch die neuste KI. Da der Trend hin zur Integration von Geräten in verschiedenen informationstechnologischen Umgebungen geht und den Menschen somit Zugang zu ihren Cloud-verbundenen Anwendungen und Daten über Plattformen hinweg gibt, ist es angemessen, zu erwarten, dass Ihr digitaler Assistent mit Ihnen geht, wenn Sie von einem Gerät zum nächsten wechseln oder von einem Ort zum anderen gehen. Wenn Sie beispielsweise Ihr Zuhause verlassen und in Ihr selbst fahrendes Auto steigen, das seine Batterien mit der Energie der Solarzellen auf Ihrem Dach selbständig geladen hat, wird derselbe digitale Assistent, mit dem Sie in Ihrem Heimarbeitsplatz interagiert haben, zur Stimme in Ihrem Auto werden, der Sie nun die Richtung ansagen. An einem bestimmten Wochentag wird das Auto Sie, wohlwissend, dass Sie zu dieser Zeit an diesem Tag normalerweise zur Arbeit fahren, in einem angemessen gesprächigen Tonfall fragen, ob dies Ihr Ziel ist, so wie es jeder gute Chauffeur tun würde. In der Folgewoche werden Sie ins Auto springen und es bitten Sie zur Arbeit zu bringen, aber der digitale Assistent wird sie an Ihren Arzttermin in Ihrem Kalender erinnern und sollten Sie nicht stattdessen dorthin fahren? Auf dem Weg zu dem Termin werden Sie einige Emails, die der Assistent verfasst hat, überprüfen und versenden. Sie haben außerdem die Zeit, die Inhalte eines Antrags zu diktieren, mit Hilfe Ihres wissenschaftlichen Mitarbeiters/Fahrers. Die Vorstellung eines intelligenten, natürlich sprechenden Assistenten wird trotzdem wahrscheinlich die vier Stadien der Ideenakzeptanz durchlaufen, wie sie durch den Britischen Genetiker John Burdon Sanderson Haldane beschrieben wurden:

  1. Das ist wertloser Unsinn
  2. Das ist eine interessante, aber abwegige Sichtweise
  3. Das ist wahr, aber ziemlich unwichtig
  4. Ich hab’s doch immer gesagt!

In etwa fünf, vielleicht auch erst in zehn Jahren, wenn wir unsere Skepsis überwunden haben und auf unsere digitalen Assistenten angewiesen sind, werden wir uns wundern, wie wir überhaupt jemals ohne sie zurecht gekommen sind. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Banksy NYC, Coney Island, Robot“ by Scott Lynch (CC BY-SA 2.0)


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Wie wir die Nachbarschaft digital verbessern können

washington (image by tpsdave [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Für viele Menschen ist es wichtig, eine gute Beziehung zu den Nachbarn zu haben. Wer auf dem Land wohnt, kennt seine Nachbarn meistens. Doch in Großstädten leben die Menschen oft sehr anonym und kennen ihre Nachbarn nur selten.

Mir geht es ähnlich. Ich wohne seit etwa einem Monat in einer Wohnung in Hamburg, wer in meiner Straße wohnt, weiß ich immer noch nicht.  Aber auch die meisten Leute in meinem Haus kenne ich nicht. Bis auf ein kurzes „Hallo“ im Flur hat man keinen Kontakt zueinander. Doch vor kurzer Zeit hatte ich plötzlich Post von meinen Nachbarn im Briefkasten – und zwar einen Flyer von der Plattform nebenan.de.

Soziale Netzwerke für Nachbarn

Plattformen wie nebenan.de, nachbarschaft.net, wirnachbarn.com und die App Roundhere setzten sich für bessere Nachbarschaften ein. Sie verbinden sich mit interessierten Nachbarn und verteilen Flyer. „Wir sind eine Gruppe von Anwohnern, die ihre Nachbarn besser kennenlernen und die Gemeinschaft untereinander stärken möchten“, stand auf meinem Flyer. Mithilfe meiner genauen Adresse und einem auf dem Flyer angegebenen Passwort konnte ich mich auf der Website anmelden. Durch das Passwort haben wirklich nur echte Nachbarn Zugang zu den Inhalten einer Nachbarschaft. 

Im Gegensatz zu sozialen Netzwerken wie Facebook geht es bei den Nachbarschafts-Portalen nicht darum, sich mit der ganzen Welt zu vernetzten, sondern nur mit den direkten Nachbarn. „Wir denken den Begriff soziales Netzwerk anders und neu. Oft fallen einem zu dem Begriff Schlagwörter wie Datenschutz, Fakeprofile und Shitstorm ein. Die Währung unseres Konzepts heißt Vertrauen. Dass man sich bei uns nur unter richtigem Namen anmelden kann, hat immense Auswirkungen auf die Art und Weise, wie die Menschen miteinander umgehen“, bemerkt Ina Brunk, Mitgründerin von nebenan.de im Interview mit dem Netzpiloten- Magazin „Hello-Familie“.

Sharing Economy funktioniert auch in der Nachbarschaft

Aber es geht nicht nur darum, seine Nachbarn kennenzulernen. Die Nutzer geben sich Empfehlungen zu Ärzten oder Handwerkern, vermitteln Dienstleister wie Babysitter und leihen sich Gegenstände aus. Auch gemeinsame Veranstaltungen wie Grill- oder Straßenfeste können dort geplant werden.

„Wir dachten, dass das pragmatischer wird: dass man sich für bestimmte Themen und Interessen zusammenschließt – zusammen joggen, eine Leiter borgen. Aber die Menschen scheinen ein großes Bedürfnis nach nachbarschaftlichen Beziehungen zu haben, die darüber hinausgehen“, so Ina Brunk. Ihr Co-Gründer Christian Vollmann kam auf die Idee für diese Plattform, weil er schon ein Jahr in seiner Wohnung lebte und trotzdem noch keinen seiner Nachbarn kannte. Er klingelte einfach mal bei seinen Nachbarn und stellte sich vor – so wie man das früher eben machte. Weil das gut funktionierte, kam ihm die Idee zu dem Online-Netzwerk für Nachbarn.

„Wir wollen die Interaktion in der realen Welt nicht ersetzen, sondern sie wieder beleben – mithilfe des Internets. Und tatsächlich: Fast alles, das auf nebenan.de stattfindet, wird im echten Leben weitergeführt oder findet dort seinen Abschluss.“, stellt Ina Brunk fest. Die Motivation zur Gründung von nebenan.de war der häufig stiefmütterliche Umgang mit den Nachbarn. Denn gerade die Nachbarschaft gibt Antworten auf die großen gesellschaftlichen Themen wie demographischer Wandel, Anonymisierung der Gesellschaft und nachhaltiger Umgang mit Ressourcen. Außerdem sind die Gründer überzeugt, dass die Nachbarschaft neben Familie, Freunden und dem Beruf die dritte wichtige soziale Säule für das menschliche Wohlbefinden ist.

„Diese Nachbarschaftsportale bezeugen ein Bedürfnis, irgendwo anzukommen in einer hektischen, rastlosen Welt, in der wir durch Studiengänge oder Jobs quer durch Europa geschleudert werden. Plötzlich ist der Wunsch nach Verankerung wieder da“, bestätigt Martin Herrndorf, Mitinitiator der Initiative Agora.

Es kommt Bewegung in die Nachbarschaften

In den USA haben sich diese Portale schon stark verbreitet. Im Vergleich dazu sind die Mitgliederzahlen in Deutschland noch relativ gering, aber vor allem in Großstädten ist die Tendenz steigend. „Mittlerweile gibt es mehr als 1000 Nachbarschaften in etwa 30 Städten in ganz Deutschland“, fasst Brunk zusammen.

In meiner Nachbarschaft kam das Netzwerk bisher sehr gut an. Es haben sich bereits viele Nachbarn angemeldet und Beiträge veröffentlicht. Außerdem freuten sich die Leute über neue Kontakte und den Austausch untereinander.

Hier geht es zur gesamten Edition rund um das Thema Nachbarschaft: Hello-Familie.de


Image „Washington“ by tpsdave (CC0 Public Domain)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

Follow me

  • KI faz: Computer bluffen nicht: Da hörte selbst für Dong Kim, Jason Les, Bjorn Li und Doug Polk der Spaß auf: Knapp zwei Wochen lang täglich bis zu elf Stunden absolvierten die vier amerikanischen Poker-Profis im Frühjahr vergangenen Jahres jeweils 20.000 Runden der Poker-Variante „Face-Up No Limit Texas Hold’em“. „Erschöpfung und Langeweile“ nannte Bjorn Li anschließend als größte Herausforderung des Kartenmarathons, der in einem Spielkasino in Pittsburgh, Pennsylvania ausgetragen wurde. Allerdings können solche Matches nun auch anderweitig ausgetragen werden. Mittels Künstlicher Intelligenz nämlich.

  • POLITIK netzpolitik: Gerichtsurteil: Online-Nachrichten in Italien haben ein Ablaufdatum: Der oberste italienische Gerichtshof für Zivil- und Strafsachen hat mit einem Urteil die Presse- und Meinungsfreiheit in Italien eingeschränkt. Demnach können Medien dazu gezwungen werden, ältere Artikel aus ihren Online-Archiven zu löschen, um das Recht auf Privatsphäre zu schützen. Hintergrund war die Berichterstattung des Online-Mediums PrimaDaNoi über ein Gerichtsverfahren gegen einen Restaurantbesitzer. Da dem Betroffenen ein kritischer Artikel nicht genehm war, forderte er PrimaDaNoi auf, diesen zu entfernen.

  • ÜBERWACHUNG heise: Schweizer erlauben Geheimdienst umfangreiches Überwachungsarsenal: Mit einer deutlichen Mehrheit von 65,5 Prozent Ja-Stimmen nahmen die Schweizer Stimmberechtigten das neue Nachrichtendienstgesetz (NDG) an, mit dem der Schweizer Nachrichtendienst des Bundes (NDB) ein Bündel weitreichender Kompetenzen übertragen erhält. „Das ist sehr schade“, sagte Balthasar Glättli, Nationalrat der Grünen in einer Stellungnahme. „Wir haben engagiert versucht, der Angstkampagne der Gegenseite mit griffigen Argumenten entgegenzutreten, aber leider hat es nicht gereicht.“ Das Gesetz wurde bereits von beiden Häusern des Schweizer Parlaments beschlossen.

  • SNAPCHAT golem: Snapchat stellt Sonnenbrille mit Kamera vor: Snapchat benennt sich in Snap um und bringt mit den Snap Spectacles Sonnenbrillen mit einer Kamera im Bügel auf den Markt, mit der kurze Videos aus der Perspektive des Trägers aufgenommen werden können. Diese werden über WLAN oder Bluetooth mit dem Smartphone (Android/iOS) synchronisiert und in der Rubrik Snapchat Memories der Snapchat-App gespeichert. Von dort aus können sie auch manuell online gestellt werden.

  • EVENT horizont: „Oktoberfest ist nur eine deutsche Ausrede, um Unmengen Alkohol trinken zu dürfen“: Kevin Spacey hat gestern in München die Gründer- und Tech-Konferenz „Bits & Pretzels“ eröffnet. In seiner Keynote sprach der Schauspieler (u.a. „House of Cards“) und Investor über modernes Storytelling, forderte von Start-ups mehr Mut für Innovationen und zeigte sich als großer Verfechter von VR. HORIZONT Online hat die besten Zitate seiner Rede zusammengetragen

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Wenn aus Camouflage Wissenschaft wird – Nachbetrachtungen zur Kybernetik

birne(image By Richard Greenhill and Hugo Elias[CC-BY-SA-3.0] via Wikimedia Commons)

Wenn Naturwissenschaftler und Mathematiker Ausflüge in sozial- oder geisteswissenschaftliche Disziplinen machen, als Börsengurus an die Wall Street gehen oder gar Aussagen über politische Fragen tätigen, kommt häufig mechanistischer Unfug heraus.

Beim Mathematik-Genie John von Neumann sieht das anders aus. Bei der Entwicklung der Wasserstoffbombe hatten sich für ihn Berechnungsaufgaben ergeben, die sich nur mit verbesserten Rechenmaschinen für Geschütz-Tabellen bewältigen ließen. „Der hochrangige Geheimnisträger, wissenschaftliche Berater fast aller geheimen Militärprojekte der USA im Zweiten Weltkrieg, durfte aber diesen Zusammenhang auf keinen Fall preisgeben. Schon deshalb musste er die gefundene Maschine tarnen. Dazu verhalf ihm die Metaphorik eines Diskurses, der später als Kybernetik bekannt wurde“, schreibt Wolfgang Hagen in dem Band Cybernetics – Kybernetik, The Macy-Conferences 1946 – 1953. John von Neumann initiiert und fördert diese Camouflage umso mehr, als die wissenschaftsübergreifende Ausrichtung der Kybernetik dem Computer und den gewaltigen Investitionen zu seinem Bau eine ideale Friedenslegitimation bietet. Von Neumann konnte mit dieser Tarnung in der Nachkriegszeit sein Ziel der Super-Bombe ungestört und erfolgreich fortsetzen.

Generalisierung einer „Theorie“, die auf Täuschung beruht

Was er unterschätzte, war die Eigendynamik der kybernetischen Denker, die an einer Generalisierung der mathematischen Berechnungen für selbstkorrigierende Automaten arbeiteten. Zu ihnen zählte Norbert Wiener. „Die Kybernetik im Wienerschen Sinne propagiert die These, dass in einem ganz konkreten Sinn alles, was Rückkopplung organisiert, als Medium begriffen werden kann. Kybernetik ist die erste Wissenschaft, die programmatisch darauf zählt, dass alles, was berechenbar ist, wie komplex es auch sei, in eine dem individuellen Menschen letztlich überlegene Hardware rückkoppelnder Maschinen gegossen werden könne“, führt Hagen aus.

Norbert Wiener war der bessere PR-Mann

Seinen Einspruch gegen die Kybernetik äußerte John von Neumann leider nur in persönlichen Gesprächen. Er bat seinen Freund Norbert Wiener in milden Worten, in öffentlichen Interviews alle Hinweise auf „reproductive potentialities of the machines of the future“ zu unterlassen. Leider verfügte von Neumann nicht über das Sendungsbewusstsein und die PR-Maschinerie seines Weggefährten: „I have been quite virtuos and had no journalistic contacts whatever.“

Automatentheorie für die Konstruktivisten

Die psychophysikalischen Ableitungen der Kybernetiker lehnte von Neumann rigoros ab. In seiner eigenen Automatentheorie ging es ihm um ein auto-referentielles „Re-Entry“ des Messsystems in das gemessene System. Diese Integration des Messens ins Gemessene hat die Kybernetik später vorbehaltlos als auto-referentielle Rückeinführung des Beobachters in das beobachtete System verallgemeinert. Alle Systemversuche des Konstruktivismus von Glaserfeld, Bateson, Luhmann und Co. sind von diesem Fundament der Quantenmechanik geprägt. Die Interventionen von John von Neumann werden dabei schlichtweg ignoriert. Übertragungen auf das menschliche Nervensystem seien schlichtweg unsinnig: „Whatever the system is, it cannot fail to differ considerably from what we consciously and explicitly consider as mathematics.“

Zum Schluss hilft nur Spiritualität

Die Camouflage der Kybernetik konnte John von Neumann zu Lebzeiten nicht mehr enttarnen. Quantenmechanisch kann man selbstreproduzierende Systeme konstruieren. Deren logische Grundlage als Messsystem scheitert grundlegend, wenn man sie auf die Gehirn-Physiologie überträgt.

Das gilt auch für die sogenannte Kybernetik zweiter Ordnung. Sie schwebt im luftleeren Raum, weil wir über die statistischen Gehirnfunktionen schlichtweg nichts wissen. Das funktioniert nur dann, wenn man die Kybernetik zweiter Ordnung im Kontext einer universellen Spiritualität propagiert, wie es explizit George Spencer-Brown praktiziert: Ein Universum gelangt zum Dasein, wenn ein Raum getrennt oder geteilt wird. Alles klar?

Für Berater und kybernetische Wissenschaftler ist das eine höchst amüsante Gemengelage wie beim Gottesbeweis. Wenn ich die Nichtexistenz Gottes nicht beweisen kann, ist das der Beweis für die Existenz. Ein Zirkelschluss des Nichts, mit dem man aber weiterhin kräftig Geschäfte machen kann.

Soweit die Meinung des Notiz-Amtes zum Beitrag von Conny Dethloff


Image „Glühbirne“ by Richard Greenhill and Hugo Elias (CC BY-SA 3.0)


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Wie kooperatives Verhalten künstliche Intelligenz menschlicher machen könnte

binary (Image by geralt [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Kooperation ist eines der Markenzeichen des Menschseins. Wir sind, im Vergleich mit anderen Spezies, extrem sozial. Regelmäßig helfen wir anderen bei kleinen, aber wichtigen Dingen – ob wir nun jemanden beim Autofahren die Vorfahrt lassen oder Trinkgeld geben, wenn die Bedienung gut war.

Wir machen das ohne eine Garantie, etwas zurück zu bekommen. Spenden werden mit nur kleinen persönlichen Kosten, aber haben einen großen Nutzen für den Empfänger getätigt. Die Form der Kooperation, oder Spenden an Andere, wird indirekte Reziprozität genannt und hilft der menschlichen Gesellschaft zu gedeihen.

Gruppenbasiertes Verhalten beim Menschen hatte sich ursprünglich entwickelt, um der Bedrohung durch größere Raubtiere zu begegnen. Dies führte zu unserem hochentwickelten Gehirn mit sozialen Fähigkeiten, das überproportional größer ist als das anderer Spezies. Die Hypothese des sozialen Gehirns fängt diese Idee auf. Es wird davon ausgegangen, dass das große menschliche Hirn eine Folge der menschlichen Evolution innerhalb komplexer sozialer Gefüge ist, in denen Kooperation eine markante Komponente darstellt.

Indirekte Reziprozität ist wichtig, weil wir sehen, dass es eine Spendenbereitschaft in der Gesellschaft gibt – trotz des bestehenden Risikos von Trittbrettfahrern. Das sind die, die mit offenen Armen nehmen, aber nicht geben. Diese Vorstellung stellt ein komplexes interdisziplinäres Rätsel dar: Was sind die Bedingungen in der Natur, die Spenden über Trittbrettfahrerei begünstigen?

Ökonomen, Biologen, Mathematiker, Soziologen, Psychologen und andere haben alle dazu beigetragen, das Spendenverhalten zu untersuchen. Dazu zu forschen, ist dennoch eine Herausforderung, da es bedeutet, die Evolution zu beobachten. Hierbei kann Informatik einen wichtigen Anteil leisten.

Indem wir Software benutzen, können vereinfachte Gefüge von Menschen simuliert werden, in denen die Individuen sich dazu entscheiden einander zu helfen mit jeweils verschiedenen Spendenstrategien. Das gibt uns die Möglichkeit, die Evolution des Spenderverhaltens zu erforschen, indem wir nachfolgende Generationen dieser vereinfachten Gruppe kreieren. Evolution kann so beobachtbar werden, indem den erfolgreicheren Spendenstrategien eine größere Wahrscheinlichkeit zum Überleben in der nächsten Generation der Gruppe gegeben wird.

In der heutigen Zeit wird Kooperation immer wichtiger für Ingenieure und die Technologie. Viele intelligente und autonome Geräte, wie beispielsweise fahrerlose Autos, Drohnen und Smartphones treten in Erscheinung – und während diese „Roboter“ immer ausgefeilter werden, müssen wir uns mit kooperativer Entscheidungsfindung beschäftigen, für den Fall, dass diese in Kontakt mit anderen Geräten oder Menschen kommen.

Wie sollten diese Geräte sich entscheiden, einander zu helfen? Wie kann Ausnutzung durch Trittbrettfahrer verhindert werden? Durch die Überschreitung der Grenzen traditioneller akademischer Disziplinen können unsere Forschungsergebnisse hilfreiche neue Einblicke für aufstrebende Technologien bereitstellen. Das kann die Entwicklung von Intelligenz ermöglichen, die wiederum der autonomen Technologie bei der Frage, wie großzügig man in allen möglichen Situationen sein sollte, helfen kann.

Evolution modellieren

Um zu verstehen, wie sich Kooperation in sozialen Gruppen entwickeln kann, haben wir hunderttausende computersimulierte „Spendenspiele“ zwischen zufällig ausgewählten Paarspielern durchgeführt. Der erste Spieler in jedem Paar trifft die Entscheidung, ob dem anderen Spieler etwas gespendet wird – basierend auf der Einschätzung des jeweiligen Ansehens. Wenn der Spieler sich entschied, zu spenden, entstanden ihm Unkosten und der Empfänger erhielt eine Leistung. Das Ansehen jedes Spielers wurde dann, je nachdem, wie sie sich entschieden hatten, neu kalkuliert und ein weiteres Spiel wurde eingeleitet. Dies ermöglicht es uns, zu beobachten, welche sozialen Vergleichsentscheidungen mehr Erfolg ergeben.

Der soziale Vergleich ist ein weiterer Grundpfeiler menschlichen Verhaltens, den wir versucht haben, mit einzubeziehen. Durch die Entwicklung in Gruppen wurden wir routinierter darin, uns mit anderen zu vergleichen – und das ist erheblich wichtig, um sachkundige Spendenentscheidungen zu treffen. Das ist eine beträchtliche kognitive Herausforderung, wenn Gruppen groß sind, also könnte Andere dabei geholfen haben, die Evolution unserer größeren menschlichen Gehirne zu fördern.

Das spezifische Spendenverhalten, das wir in unserer Forschung genutzt haben, basierte darauf, dass Spieler Eigenvergleiche zum Ansehen machen. Das führt zu einer kleinen Anzahl an möglichen Resultaten. In Relation zu mir könnte beispielsweise das Ansehen meines Gegenübers entweder als ungefähr gleich eingeschätzt werden, alternativ auch als höher oder niedriger. Die Hauptdenkleistung ist also, das Ansehen von jemanden auf eine aussagekräftige Weise einzuschätzen.

Unsere Ergebnisse zeigten, dass die Evolution die Spendenstrategie bevorzugt, bei denen gegeben wird, die wenigstens so viel Ansehen genießen wie man selbst. Wir nennen dies „angestrebte Homophilie“. Dies bindet zwei Hauptelemente ein. Erstens: großzügig sein unterstützt ein hohes Ansehen; Zweitens: nicht an Spieler zu spenden, die ein niedrigeres Ansehen als man selbst hat, verhindert Trittbrettfahrer.

Es ist wichtig zu beachten, dass unsere Resultate aus einem vereinfachten Modell  stammen: Die Spendenentscheidungen beinhalteten keine Ausnahmen, die vielleicht im wahren Leben auftreten können. So wird angenommen, dass wirtschaftliche Ressourcen das Verhalten lenken können, mehr also emotionale oder kulturelle Faktoren. Nichtsdestoweniger erlauben uns solche Vereinfachung, nützliche Klarheit zu erlangen.

Am wichtigsten ist, dass die Theorie des sozialen Gehirns durch unsere Forschungsergebnisse unterstützt wird: das große Menschengehirn ist eine Folge der menschlichen Entwicklung in sozialen Gefügen in denen Kooperation eine ausgeprägte Komponente ist. Dies durch EDV zu verstehen, öffnet neue Gedankengänge zur Entwicklung von ausgefeilter sozialer Intelligenz für autonome Systeme.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Binary“ by Geralt (CC0 Public Domain)


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„Nerve“: Wetten wir bald auf das Leben unserer Social-Media-Idole?

Am Donnerstag startet ein Zuckerwatte-Thriller in den Kinos, der sich mit den sozialen Medien auseinandersetzt. Spannend daran ist weniger die Machart als das Thema selbst. Denn hier trifft Live-Streaming auf riskante Mutproben. „Nerve“ ist der Titel eines nicht ganz legalen Online-Spiels, in dem die Menschen entweder Player oder Watcher sind.

Die Player erwartet das große Geld und Watcher zahlen immense Summen, um a) in den Profilen der Player herumschnüffeln zu dürfen, diese b) zu riskanten Challenges herauszufordern und c) zuschauen zu können, wenn es an die Umsetzung geht. Richtig perfide kann es werden, weil sich die Watcher dank der gesammelten Informationen aus den Social-Media-Profilen natürlich die Vorlieben und Ängste der Player zunutze machen. Ein Geheimnis vor den Eltern kann somit schnell zum Druckmittel werden, um den Player auch zur nächsten Mutprobe zu überreden – bis es richtig gefährlich wird.

Der Film startet mit dem Computer-Bildschirm von Vee (Emma Roberts, „Palo Alto“). Erst öffnet sie Spotify, startet einen Powerpop-Track von Lowell feat. Icona Pop, liest eine Mail, browst ein wenig durch Fotos und schon klingelt Facetime. Durch die Computer-Kamera bekommen wir die Hauptdarstellerin nun das erste Mal zu Gesicht. Ein cleverer Schachzug, bedenkt man die Prämisse des Werks. Hier wird Online First gelebt!

Obwohl die Zielgruppe des Social-Media-Krimis eher Schüler und Studenten sein dürften und alles auf Highschool-Teenie-Konflikte hinausläuft, kann man sich doch über den Zeitgeist erfreuen, den „Nerve“ von der ersten bis zu letzten Minute hinterfragt. Müssen wir alle Dinge online teilen, damit sie auch eine Wirkung für uns haben? Ist es gesund, dass ein andauernder Wettkampf um Likes, Shares und Views stattfindet? Und wie schnell lassen wir uns online in Rollen drängen, die uns eigentlich gar nicht entsprechen?

Die Mechanismen hinter „Nerve“ sind gar nicht mal so unrealistisch. Schon heute ist Aufmerksamkeit die absolute Währung in den sozialen Medien. Wenn Facebook beispielsweise ein neues Feature ausrollt, schenkt es den Anwendern auch Reichweite. Wer zuerst Videos postet, wird im Feed bevorzugt angezeigt. Wer zuerst Live-Streams anbietet, bekommt Mitteilungen an seine Follower geschenkt. Erst nach und nach wird die organische Reichweite wieder eingeschränkt, damit die Seiteninhaber Geld in die Hand nehmen, um ihre potentielle Reichweite auch auszuschöpfen.

„Nerve“ fügt diesem Prozess den Nervenkitzel hinzu. Außerdem stellt der Film die These auf, dass wir tatsächlich auch Geld in die Hand nehmen würden, um Teil der Lebenswelt unserer Social-Media-Ikonen zu werden. Schließlich ist es ein großer Spaß, an ihrem Alltag teilhaben zu können – informativ, unterhaltsam und orientierend zugleich.

Man stelle sich nur vor, dass Casey Neistat nicht mehr nur sein tägliches Video-Tagebuch veröffentlicht, sondern andauernd die Kamera mitlaufen lässt. Näher geht’s nicht! Und dann ist es schon nicht mehr so weit, bis uns der Live-Chat allein nicht länger genügt und wir Gefallen daran finden, die Ereignisse aktiv beeinflussen zu können. Warum auch nicht? Wir bezahlen ja schließlich dafür.

Erinnert sich noch jemand an „Second Life“? In der virtuellen Welt konnte jeder sein, wer er wollte. Von Außenstehenden wurde man allerdings immer schräg beäugt, weil das alles ja nicht echt sei. Guess what: Dank Live-Streaming, Virtual-Reality-Brillen und ein bisschen Geld-Motivation könnten wir schon bald wirklich ein „First Life“ erleben. Und quasi direkt in die Haut von jemanden schlüpfen, den wir in der Realität steuern.

Das Online-Spiel in „Nerve“ wirkt gegen diese Vorstellung noch harmlos. Kein Wunder, stammt die Jugendbuch-Vorlage „Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen“ doch aus dem Jahr 2012. Instagram und Snapchat kannte zu dem Zeitpunkt noch niemand und auch die Mobilfunknetze waren noch nicht dazu in der Lage, Live-Streams stabil wiederzugeben. Das sieht heute schon ganz anders aus.

Es dürfte daher nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Plattformen den passiven Videokonsum durch Formate der aktiven Teilhabe aufbrechen. Und wenn das soweit ist, werden wir uns gar nicht mehr vorstellen können, wie wir jemals unbeteiligt vor einem Video verharren konnten.

„Nerve“ startet am 08.09.2016 in den Kinos. Der Thriller mit Emma Roberts und Dave Franco („21 Jump Street“) regt zu futuristischen Gedankenspielen ein.


Image by StudioCanal


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Algorithmen können fairer sein als Menschen

code(image by geralt [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Amazon hat kürzlich damit angefangen, Lieferungen am selben Tag in ausgewählten großstädtischen Gegenden anzubieten. Das mag für viele Kunden gut sein, doch die Markteinführung zeigt auch, wie computerisierte Entscheidungsfindung eine hohes Maß an Diskriminierung fördern kann.

Sinnvollerweise begann die Firma mit ihrem Service in Gegenden, in denen die Lieferkosten am niedrigsten waren, indem sie die Postleitzahlen von dicht besiedelten Orten sowie die Anzahl existierender Amazonkunden ermittelten, deren Einkommensniveau hoch genug war, um regelmäßig Produkte, für die Lieferung am selben Tag verfügbar waren, zu erwerben. Die Firma gab eine Internetseite an, auf der Kunden ihre Postleitzahl eingeben konnten, um zu sehen, ob eine Lieferung am selben Tag bei ihnen möglich wäre. Enthüllungsjournalisten bei den Bloomberg News nutzten diese Seite zur Erstellung einer Karte, die die Gegenden mit dem Amazon-Lieferangebot am selben Tag zeigt.

Die Bloomberg-Analyse zeigte, dass viele ärmere, städtische Gegenden von diesem Service ausgeschlossen waren, während in wohlhabenderen Nachbarschaften dieser Service angeboten wurde. Viele dieser ausgeschlossenen armen Gegenden wurden vorwiegend von Minderheiten bewohnt. Beispielsweise wurde in Boston das komplette Stadtgebiet abgedeckt – bis auf den Bezirk Roxbury. Der Service deckte in New York City beinahe sämtliche Bezirke ab, während die Bronx außen vor blieb. In Chicago wurde die verarmte South Side ausgelassen, während die wohlhabenderen nördlichen und westlichen Vorstädte mit einbezogen wurden.

Man ist versucht, zu denken, dass datenbasierte Entscheidungen unvoreingenommen sind. Jedoch zeigen Forschung und wissenschaftliche Diskussionen nach und nach, dass Unfairness und Diskriminierung bestehen bleiben. In meinem Onlinekurs zu Datenethik lernen die Studenten, dass Algorithmen diskriminieren können. Allerdings gibt es einen Silberstreif am Horizont: Wie auch die Bloomberg-Studie zeigt, kann es die Tatsache, die Entscheidungsfindung auf Daten zu gründen, auch einfacher machen, aufkommende Vorurteile zu entdecken.

Voreingenommenheit kann unbeabsichtigt sein

Unfaire Szenarios, wie bei der Lieferpolitik von Amazon, können aus vielen Gründen entstehen, inklusive versteckter Verzerrungen – beispielsweise der Annahme, dass die Bevölkerung einheitlich über die Stadt verteilt ist. Die Entwickler von Algorithmen haben wahrscheinlich nicht die Absicht, zu diskriminieren, und merken es möglicherweise gar nicht, dass sich ein Problem eingeschlichen hat.

Amazon erklärte Bloomberg, dass man keine diskriminierenden Absichten verfolgte, und alles spricht dafür, dass diese Aussage wahr ist. Als Antwort auf den Bloomberg-Bericht haben Stadtbeamte und andere Politiker Amazon dazu aufgerufen, dieses Problem zu beheben. Die Firma reagierte schnell darauf und fügte die ehemals ausgeschlossenen ärmeren städtischen Postleitzahlen zu ihren vom Service abgedeckten Gegenden hinzu.

Eine ähnliche Frage hat sich bei Uber gestellt. Hier sah es zunächst so aus, dass in Gegenden, die eher von einer weißen Bevölkerung bewohnt wurde, ein  besserer Service angeboten wurde. Es ist wahrscheinlich, dass noch mehr Einzelhandel- und Serviceindustriebeispiele in Zukunft gefunden werden, die unabsichtlich durch Algorithmen diskriminieren.

Wird von den Algorithmen zu viel verlangt?

Wir sollten einen Moment innehalten, um zu prüfen, ob wir übermäßige Ansprüche an die Entscheidungen von Algorithmen stellen. Firmen, die stationär arbeiten, treffen ständig standortbezogene Entscheidungen und beziehen dabei Kriterien ein, die sich nicht allzu sehr von denen Amazons unterscheiden. Solche Filialen versuchen, Standorte zu finden, die für eine große Menge potenzieller Kunden mit Geld zum Ausgeben in Frage kommen.

Konsequenterweise entscheiden sich nur wenige Geschäfte dafür, sich in ärmeren innerstädtischen Nachbarschaften niederzulassen. Vor allem im Zusammenhang mit Lebensmittelgeschäften ist dieses Phänomen ausführlich erforscht worden, und der Term „food desert“ („Lebensmittelwüste“) wird benutzt, um städtische Gegenden zu beschreiben, in denen die Einwohner keinen geeigneten Zugang zu frischen Lebensmitteln haben. Diese Standortverzerrung ist weniger gut untersucht, wenn es zu Einzelhandelsgeschäften im Allgemeinen kommt.

Als ein bezeichnendes Beispiel schaute ich mir die 55 Standorte von Target, einer großen Einzelhandelskette, in Michigan an. Als ich jede Postleitzahl in Michigan danach sortierte, ob das Durchschnittseinkommen verglichen mit dem landesweiten Durchschnittseinkommen hier in der unteren oder oberen Hälfte lag, fand ich heraus, dass nur 16 der Targetläden (29 Prozent) in den Gegenden mit Postleitzahlen aus der unteren Einkommenshälfte lokalisiert waren. Mehr als zweimal so viele, 39 Läden, befanden sich in den Gegenden mit den Postleitzahlen der reicheren Hälfte.

Diskriminierung identifizieren

Darüber hinaus findet sich keine einzige Target-Filiale in Detroit, während sich in den reicheren Vorstädten von Detroit diverse Läden befinden. Trotzdem gab es noch keinen öffentlichen Aufschrei mit dem Vorwurf, dass Target durch seine Niederlassungsentscheidungen arme Menschen diskriminiert. Es gibt zwei Hauptgründe, warum die Sorge über Amazon gerechtfertigt ist: Rigidität und Dominanz.

Rigidität hat sowohl mit dem Entscheidungsfindungsprozess des Online-Einzelhändlers als auch mit dem Ergebnis zu tun. Amazon entscheidet, welche Postleitzahlgegenden in das Servicegebiet fallen. Wenn ein Kunde nur eine Straße von der Grenze, die Amazon gesetzt hat, entfernt wohnt, liegt er außerhalb der Servicegegend und kann wenig dagegen tun. Im Gegensatz dazu kann jemand, der in einer Postleitzahlgegend ohne Target-Filiale lebt, dennoch bei Target einkaufen – auch wenn er länger braucht, um dorthin zu kommen.

Es ist außerdem wichtig, wie dominant ein Einzelhändler in den Köpfen der Verbraucher ist. Während Target nur einer von vielen Sportartikelverkäufern ist, genießt Amazon als Interneteinzelhändler Marktdominanz und zieht daher mehr Aufmerksamkeit auf sich. Solch eine Dominanz ist charakteristisch für die heutigen Internetgeschäfte, die nach dem Motto „The Winner takes it all“ funktionieren.

Während ihre Rigidität und Dominanz unsere Sorge über Onlinegeschäfte vergrößern mögen, so helfen sie uns doch auch, ihre Diskrimination besser zu entdecken als bei stationären Geschäften. Bei einer traditionellen Ladenkette müssen wir schätzen, wie lang ein Anfahrtsweg für den Kunden maximal sein darf. Wir müssen uns außerdem des Zeitfaktors bewusst sein: Fünf Meilen zur nächsten Autobahnausfahrt ist nicht das gleiche wie fünf Meilen durch vollgestopfte Straßen in Richtung der anderen Seite der Stadt. Außerdem kann die Anreisezeit selbst in Abhängigkeit von der Tageszeit stark variieren. Nachdem man identifiziert hat, in welchen Gegenden ein Geschäft wahrscheinlich seinen Service anbietet, werden diese Gegenden nicht eins zu eins deckungsgleich mit den geographischen Einheiten sein, für die uns Statistiken über Rasse und Einkommen vorliegen. Zusammengefasst ist die Analyse chaotisch und bedarf eines großen Aufwands.

Im Gegensatz dazu haben Journalisten bei Bloomberg wohl nur wenige Stunden gebraucht, um eine Karte mit der Servicegegend Amazons zu erstellen und diese mit dem Einkommen oder der Rasse in Beziehung zu setzen. Wenn Amazon das betriebsintern vollzogen hätte, hätten sie dieselbe Analyse in nur wenigen Minuten durchführen können – und sie hätten vielleicht die Probleme gesehen und schon vor der Einführung des Services der Lieferung am selben Tag behoben.

Wie vergleichen Menschen?

Lassen Sie uns einen Blick auf ein ganz anderes Beispiel werfen, um zu sehen, wie die gleichen Punkte auf viele Dinge zutreffen. ProPublica hat eine exzellente Analyse von Rassendiskriminierung durch einen Algorithmus, der die Wahrscheinlichkeit, dass ein Krimineller wieder das Gesetz bricht voraussagt, veröffentlicht. Dieser Algorithmus berücksichtigt Dutzende Faktoren und kalkuliert eine Wahrscheinlichkeitseinschätzung. ProPublicas Analyse fand signifikante systematische Rassenverzerrungen, und das, obwohl Rasse nicht einmal unter den spezifischen berücksichtigten Faktoren war.

Ohne den Algorithmus würde ein menschlicher Richter eine ähnliche Einschätzung abgeben, als Teil einer Strafzumessung oder Bewährungsentscheidung. Die menschliche Entscheidung würde vielleicht ein umfassenderes Set von Faktoren berücksichtigen, so wie beispielsweise das Auftreten des Kriminellen vor Gericht. Aber wir wissen aus psychologischen Studien, dass menschliche Entscheidungsfindung voll von Verzerrung und Vorurteilen ist, selbst wenn wir versuchen, möglichst fair zu sein.

Jegliche Fehler, die aus den Verzerrungen in Entscheidungen menschlicher Richter entstehen, sind aber voraussichtlich bei verschiedenen Richtern unterschiedlich bewertet worden – und sogar bei verschiedenen Entscheidungen, die von ein und demselben Richter getroffen werden. Insgesamt mag es Rassendiskriminierung durch unterbewusste Vorurteile geben, dies aber endgültig festzustellen, ist schwierig. Eine amerikanische Studie des Justizministeriums fand deutliche Hinweise darauf, dass bei der Verurteilung weißer und schwarzer Häftlinge Unterschiede bestehen, konnte aber nicht klar bestimmen, ob die Rasse selbst ein Faktor bei diesen Entscheidungen war.

Im Gegensatz dazu wird der Algorithmus, den ProPublica überprüft hat, bei tausenden von Fällen über viele Staaten hinweg genutzt. Seine Rigidität und das hohe Volumen erleichtern die Aufgabe, eine mögliche Diskriminierung festzustellen – und kann Wege bieten, das Problem effizient zu beheben.

Das Nutzen von Informationstechnologie scheint die Unterschiede und Daten deutlicher und leichter verfügbar zu machen. Was gestern noch unter den Teppich gekehrt werden konnte, schreit heute nach Aufmerksamkeit. Während wir immer mehr Nutzen für datengelenkte Algorithmen finden, ist es noch nicht üblich, deren Fairness zu analysieren, vor allem vor der Einführung eines neuen, datenbasierten Services. Um dies zu erreichen, muss ein langer Weg des Messens und Verbesserns der Fairness dieser immer wichtiger werdenden computerisierten Kalkulationen gegangen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image ”Algorithmen” by geralt (CC Public Domain)


The Conversation

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Lernen Sie die Biohacker kennen, denen Technologie unter die Haut geht

Mann Hacker (Image by geralt [CC0] via pixabay

Für einige Menschen ist der menschliche Körper kein Tempel. Vielmehr sehen sie ihn als eine Quelle der Frustration – angesichts seiner beträchtlichen Einschränkungen im Vergleich zu der mächtigen Technologie, die heutzutage möglich ist. In den letzten Jahren ist eine neue Gemeinschaft von Biohackern, oder auch „Grindern“, aus dem Boden geschossen, die den menschlichen Körper durch Technologie verbessern wollen. Weit von den wissenschaftlichen und philosophischen Mainstream-Disziplinen entfernt, handelt es sich um ein frisches, aufregendes Feld, das langjährige ethische Überzeugungen auf den Kopf stellt.

Es ist lange her, dass mein erstes elektronisches Implantat – ein einfacher Hochfrequenzsender – im Jahr 1998 eingesetzt wurde. Er erlaubte mir, mit einem Winken Türen zu öffnen oder die Lichter einzuschalten. Ich hatte dazu die Unterstützung meines Hausarztes in seiner Praxis, und zwar nicht nur, um mir ein Loch in den Arm zu bohren, sondern auch, um sicherzustellen, dass mein Implantat an derselben Stelle blieb und keine Infektion auftrat.

Die meisten Biohacker heute haben diesen Luxus nicht, sondern führen die Operationen selber durch und lernen währenddessen medizinische Grundlagen und Sterilisierung (oft werden gerade einmal Nadeln und Skalpelle mit Alkohol übergossen). Im Jahr 1998 konnte ich die Vorteile der lokalen Anästhesie genießen. Doch viele der heutigen Testpersonen haben diesen Komfort nicht, sondern stattdessen lediglich einen Freund dabei, der zur Stelle ist, sollte ihnen schwarz vor Augen werden.

Das wahrscheinlich am häufigsten ausprobierte Implantat ist das Gerät zur Identifizierung mithilfe elektromagnetischer Wellen (engl. radio frequency identification device, RFID), aktuell hauptsächlich in der Form von NFC (engl. near field communication). Im Grunde genommen ist dies dieselbe Technologie, die auch beim kontaktlosen Bezahlen mit Karten eingesetzt wird, mit der Ausnahme, dass sie in ein kleines Rohr verpackt ist, das etwa so groß ist wie ein Reiskorn. Damals im Jahr 1998 war mein RFID beinahe zweieinhalb Zentimeter groß – die Technologie hat sich seitdem eindeutig weiterentwickelt.

Haltbarkeit und Verlässlichkeit sind kein Problem. Meinem Kollegen Mark Gasson wurde sein RFID im Jahr 2009 implantiert und es funktioniert immer noch einwandfrei und ohne Abstoßungs- oder OP-Probleme. Allerdings benötigt man externe Technologie, um Leistung an das Implantat, das keine Batterie hat, zu übertragen und mit ihm kommunizieren zu können.

In den letzten Jahren haben wir eine Zahl an Unternehmen beobachtet, die sich ebenfalls in dieses Getümmel stürzten, obwohl ein Zyniker behaupten könnte, dass es dabei mehr um öffentliche Aufmerksamkeit, als um irgendetwas anderes ging. So wurde beispielsweise Im Januar 2015 berichtet, dass sich zahlreiche schwedische Bürokräfte hatten chippen lassen. Mit ihren Implantaten, die von einem Tätowierer eingesetzt worden waren, konnten sie Türen öffnen und den Kopierer einschalten.

Für die Biohacker ist die Menge der möglichen Technologien, die implantiert werden können, vielfältig und einfallsreich. Der Software-Entwickler und Biohacker Tim Cannon hat eine Reihe von Implantaten, von denen Northstar das aktuellste ist, das aufleuchtet, sobald ein Magnet in der Nähe ist. Seine Firma in Pittsburgh, Grindhouse Wetware, entwickelt sogar Technologien für Biohacker. Dann ist da Lepht Anonym, die plant, einen kleinen Kompass-Chip zusammen mit einer Power-Spule, die extern aufgeladen werden kann, in der Nähe ihres linken Knies zu implantieren.

Auch Künstler springen auf diesen Zug auf. Moon Ribas hat einen implantierten seismischen Sensor in ihrem Ellenbogen, der es ihr ermöglicht, Erdbeben zu durch Vibrationen zu erspüren. Neil Harbisson, der ansonsten farbenblind ist, hat eine Kamera, die an seinen Schädel angebracht ist. Dadurch hat er gelernt, viele verschiedene Farben zu unterscheiden. Und wir sollten den Digital-Künstler Stelarc nicht vergessen, der sich auf seinem Arm ein Ohr hat wachsen lassen.

Magnetische Persönlichkeit

Eine beträchtliche Menge an Biohackern hat Magnete in ihre Finger implantiert. Diese können durch kleine Drahtspulen erregt werden, die mit externen Quellen wie Ultraschall oder Infrarot verbunden sind. Dies ermöglicht den Rezipienten, die Distanz von Objekten oder entfernter Hitze zu „fühlen“. Mein Student Ian Harrison führte für seine Promotion eine detaillierte Untersuchung durch, die die Implantation von Magneten beinhaltete, um zu zeigen, wie reaktionsschnell diese Magneten sein konnten.

Doch das am meisten fortgeschrittene Beispiel ist das sogenannte „Neurohacken“, bei dem das Gehirn bzw. das Nervensystem modifiziert wird. Im Jahr 2002, wurde mir ein „BrainGate“-Implantat in die Nerven meines Arms eingesetzt, um mir zu ermöglichen, eine Roboterhand via Internet zu steuern, indem ich nur meine Gedanken benutzte. Ich erhielt außerdem einen zusätzlichen Ultraschall-Sinn, sodass die elektronischen Impulse, die mein Gehirn stimulierten, in ihrer Frequenz schneller wurden, sobald ein Objekt näher an mich herankam. Kürzlich wurde dieses Implantat in therapeutischer Absicht eingesetzt, um einem gelähmten Menschen zu ermöglichen, wieder mehr Kontrolle über seinen eigenen Arm zu erhalten.

Natürlich gibt es einige potenzielle Vorteile des Biohackens, die wir bereits im Einsatz von neuro-kontrollierten Prothesen beobachten können. Doch in einiger Zeit werden wir auch Implantate für die menschliche Optimierung erleben, die eingesetzt werden, um das Gedächtnis zu verbessern und durch Gedanken kommunizieren zu können. Zum größten Teil jedoch, ist es zurzeit hauptsächlich noch ein Fall schierer Neugierde, zu sehen, wie weit unsere Grenzen ausgereizt werden können.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Mann Hacker“ by geralt [CC0]


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Warum selbstfahrende Autos trotzdem menschliche Kontrolle benötigen

DRIVING IN THE MORNING (adapted) (Image by Eliecer Gallegos [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Berichten zufolge schaute Joshua Brown gerade einen Harry Potter-Film, als die „Autopilot“-Funktion seines Tesla Model S das Auto in einen LKW steuerte und ihn unvermittelt tötete. Dieser Vorfall – das erste Mal, dass jemand bei einem Unfall, in dem ein selbstfahrendes Auto beteilgt war, getötet wurde – zeigt nicht, dass autonome Fahrzeuge grundsätzlich unsicher sind. Dennoch ist es eine Erinnerung daran, dass die Technologie noch nicht an einem Punkt angelangt ist, an dem wir unseren Blick von der Straße abwenden können. Vor dem Tesla-Vorfall vor einigen Wochen befragte ich im Rahmen meines PhD- Forschungsprojekts 12 Experten aus dem Kosmos der Fachleute für selbstfahrende Autos in puncto Vertrauen in automatische Fahrzeuge. Die Experten waren Akademiker und Branchenexperten mit profundem Wissen und Erfahrung mit der Technologie und dem Design automatischer Fahrzeuge. Auf Basis ihrer Forschung sagten sie, dass wir so lange selbstfahrende Autos mit einer gesunden Skepsis betrachten müssen, bis es eines Tages soweit sei, dass der Autopilot selbstständig das Steuer übernehmen kann, wenn wir uns nicht in eine echte Gefahr begeben wollen. Die Problematik ist derart gravierend, dass es Fahrern ohne ein spezifisches Training nicht gestattet sein sollte, diese Technologien zu benutzen.

Ein paar Gänge hochschalten

Auch wenn es bereits zu erahnen ist, ist eine Zukunft, in der der Mensch überhaupt nicht mit dem Fahrsystem des Autos interagiert (bekannt als Automatisierung der Stufe Fünf), noch weit entfernt. Um dorthin zu kommen, müssen wir durch verschiedene, überlappende Stadien der Technologie gehen (Stufe Zwei, Drei und Vier), in denen die Technik zunehmend, aber nicht vollständig die Kontrolle über das Fahrzeug übernimmt. Der Autopilot von Tesla ist beispielsweise als eine Automatisierung der Stufe zwei oder drei einzuschätzen, denn er kann mindestens über zwei Funktionen wie das Lenken und die Beschleunigung die Kontrolle übernehmen. Dennoch muss der Fahrer das Auto und die Umgebung beobachten. Diese Übergangsstadien stellen möglicherweise die größte Herausforderung für die Technologie dar. Immer mehr Fahrzeuge verlassen die Fertigungsanlage mit kombinierten automatischen Funktionen, die sie auf eine Automatisierungsstufe Zwei und Drei bringen. Die Mehrzahl der Autohersteller bieten als Standard- oder Premiumausstattung solche Funktionen wie einen Parkassistenten, Abstandsregeltempomat, automatisches Notfall-Bremssystem und so weiter an – Automatik-Funktionen, die, zusammengefügt und kombiniert, Jahr für Jahr einen aufsteigenden Weg in Richtung selbstfahrender Fahrzeuge weisen. Selbstfahrende Fahrzeuge benötigen eine Produktreihe mit Radar, LIDAR (dieses funktioniert wie Radar, jedoch mit Licht- anstatt mit Radiowellen), Videokameras, GPS und Trägheitsnavigationssystemen neben vielen anderen Funktionen, die ein Bewusstsein für die Umgebung des Autos schaffen. Die Fahrer müssen sich darauf verlassen können, dass diese Systeme in den potentiell gefährlichen und nicht voraussagbaren Situationen, die der Straßenverkehr mit sich bringt, verlässlich zusammenarbeiten. Andernfalls werden sie sie nicht umfassend nutzen und so von den Vorteilen, die diese Systeme mit sich bringen, nicht profitieren können.

Vertrauen Sie Ihrem Auto – aber nicht blind

Trotz einer bestehenden Sorge um die Sicherheit selbstfahrender Autos hat eine Umfrage, die wir letztes Jahr mit 239 Personen durchführten, ergeben, dass die Leute tatsächlich eher geneigt sind, einem automatischen System zu vertrauen als anderen Fahrern. Dies liegt darin begründet, dass die Menschen unberechenbarer und anfälliger für Emotionen sind. Ein selbstfahrendes Auto würde sich niemals Aggression im Straßenverkehr, rücksichtsloses Fahren oder Tagträumen zu Schulden kommen lassen. Jedoch besteht ebenfalls die Gefahr, dass die Leute der Selbstfahr-Technologie bereits zu sehr vertrauen. Von dem jüngsten Unfall einmal abgesehen, könnte die scheinbare Verlässlichkeit des Tesla-Autopiloten die Menschen glauben lassen, sie müssten sich nicht mehr auf die Straße konzentrieren und das Auto selber fahren lassen – sodass sie sich mit anderen Dingen beschäftigen können. Jedoch sind diese Technologien nicht dafür gedacht, die komplette Kontrolle über das Auto zu übernehmen, und der Fahrer sollte bereit sein, jederzeit die Kontrolle an sich zu nehmen. So sagte es einer der Experten, mit denen wir sprachen:

Die Leute werden beginnen, dem Auto zu vertrauen. Die Dinge werden zunehmend schief laufen. Und die Fahrer werden nicht mehr in der Lage sein, die Kontrolle wieder zu erlangen, weil sie sich von einem trügerischen Gefühl der Sicherheit haben verführen lassen.

Selbst wenn ein Fahrer sich nur teilweise auf ein automatisches System verlässt, verliert er das Gefühl für das, was um ihn herum passiert. Um die Kontrolle über das Fahrzeug in einer potentiell gefährlichen Situation wieder zu erlangen, muss er sein Bewusstsein für die Situation zurückgewinnen, und das kostet Zeit. So hat zum Beispiel eine Studie mit einem Fahrsimulator gezeigt, dass Fahrer, die eine Automatisierung der Stufe Drei nutzen (bei der das Auto die Steuerung und die Beschleunigung kontrolliert und die Umwelt beobachtet), ungefähr 15 Sekunden benötigen, um die Kontrolle über das Fahrzeug wieder zu erlangen. Gemäß der Aussage eines Robotik-Experten, den wir befragt haben, wird der Verlust des Bewusstseins für die Situation schlimmer, je länger der Fahrer die automatische Technologie benutzt. Sie fanden heraus, dass die Nutzung eines einfachen Tempomaten für die Abstandsregelung, der lediglich die Geschwindigkeit des Autos so anpasst, dass ein sicherer Abstand zu anderen Fahrzeugen eingehalten wird, für eine Stunde oder länger die Aufmerksamkeit des Fahrers effektiv so verringert wie wenn er ein vollständig selbstfahrendes Auto nutzen würde.

Benutzerhandbuch lesen, Test absolvieren

Wie können wir also sicherstellen, dass die Fahrer der teilautomatisierten Fahrzeugtechnologie nicht über die Maße vertrauen und sich und andere dabei in Gefahr bringen? Immerhin ist es allgemein bekannt, dass die Leute Benutzerhandbücher oder die Informationsanzeigen neuer Software eher spärlich lesen. Die Mehrzahl der Experten, mit denen wir sprachen, waren sich einig, dass die Fahrer ein spezifisches Training bekommen sollten, bevor sie solche Systeme nutzen. Dies könnte folgendes beinhalten: Anpassung des aktuellen Standardtests für Fahranfänger, Nachschulungskurse, das Verpflichten der Hersteller zur Vorführung der neuen Technologien, noch bevor sie diese verkaufen, oder sogar ein erster Test in Simulatoren – diese könnten in speziellen Zentren oder in Autohäusern zur Verfügung gestellt werden. Da automatisierte Fahrzeugtechnik immer beliebter wird, ist es besodners wichtig, dass die Menschen lernen, wann man ihnen sicher vertrauen kann und wann nicht. Wenn sie dies nicht tun, kann es zu einer Reihe von Unfällen führen. In der Folge würden die Menschen das Vertrauen in die Sicherheit dieser Systeme verlieren. Die Industrie wäre letztlich gezwungen, einen Schritt zurückzutreten. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „DRIVING IN THE MORNING“ by Eliecer Gallegos (CC BY-SA 2.0)


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Wie smarte Medikamente den Arbeitsplatz wettbewerbsfähiger machen

Capsule (Image by stevepb (CC0 Public Domain) via Pixabay)

Wir leben in einer zunehmend auf Wettbewerb beruhenden Welt, in der wir immer mehr versuchen, einen Vorteil gegenüber unseren Rivalen zu erlangen, manchmal sogar gegenüber unseren eigenen Kollegen. In manchen Fällen kann dies Leute zu extremen, ethisch nicht vertretbaren und sogar rechtswidrigen Methoden drängen – etwas, das wir vor Kurzem beim Doping-Skandal gesehen haben, der die Welt der Athleten getroffen hat.

In einer kürzlich erschienenen Abhandlung haben wir herausgefunden, dass Menschen zunehmend leistungssteigernde Medikamente für gewöhnliche Aufgaben verwenden, die vom Ablegen von Prüfungen, zum Halten von Präsentationen und der Führung wichtiger Verhandlungen reichen. Diese „kognitiven Verstärker” – wie zum Beispiel Antidepressiva, BetaBlocker (zur Behandlung von Herzkrankheiten und Angstzuständen) oder “smarte Medikamente” – können Energie und Stimmung steigern und uns so dabei helfen, mit weniger Schlaf besser zu performen. Aber ist es für gesunde Personen sicher, solche Medikamente zu nehmen? Und ist es richtig?

Smarte Medikamente schließen Modafinil (üblicherweise zur Behandlung von Schlafstörungen verwendet) und Methylphenidat, auch bekannt als Ritalin (zur Behandlung von ADHS eingesetzt), mit ein. Diese Medikamente machen uns aufmerksamer, fokussierter und wacher – es ist verständlich, warum sie so beliebt sind. In der heutigen Wissensökonomie brauchen wir dynamische und flexible Gehirne, um am Arbeitsplatz herauszustechen. Anspruchsvolle Jobs fordern von uns, dass wir anpassungsfähig und in der Lage sind, Entscheidungen unter Zeitdruck oder unter hohem Risiko zu treffen. Wir müssen aufmerksam sein, ein gutes Gedächtnis sowie großartige Planungs- und Problemlösungskompetenzen haben, aber auch die Fähigkeit, die Standpunkte anderer zu lesen und zu verstehen. Die Bewahrung von Motivation und Ausdauer auch in schwierigen Situationen und unter Stress ist ebenfalls entscheidend.

Wir beginnen gerade erst zu verstehen, wie weit verbreitet die Nutzung smarter Medikamente ist. In einer Onlineumfrage aus dem Jahr 2008, durchgeführt vom Journal Nature, bei der 1.400 Personen in 60 Ländern befragt wurden, hat einer von fünf Befragten angegeben, kognitionsverstärkende Medikamente zu nehmen, um die Fokussierung, Konzentration oder das Gedächtnis zu stimulieren. Diese Studie hat speziell die Nutzung von Beta Blockern, Ritalin und Modafinil betrachtet.

Mittlerweile hat eine im Jahr 2015 durchgeführte Umfrage unter 5.000 Mitarbeitern einer deutschen Krankenversicherung geschätzt, dass rund 6,7 Prozent Medikamente verwenden, um ihre Performance zu steigern oder Angstgefühle zu bewältigen, ein Anstieg von 4,7 Prozent im Jahre 2009. Dennoch könnte der wahre Anteil viel höher sein, da manche Leute eine solche Nutzung nur ungern wahrheitsgemäß angeben. Studien haben zudem geschätzt, dass etwa 10 bis 15 Prozent der Studenten weltweit kognitive Verstärker, unter anderem Ritalin und Modafinil, nutzen.

Vielversprechende Effekte

Universitätsstudenten und Akademiker geben üblicherweise an, dass sie kognitive Verstärker aus drei Hauptgründen nutzen: Um einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen; um die Effekte eines Jet Lags oder unzureichenden Schlafes zu bewältigen, um wach und munter zu bleiben und Höchstleistungen zu erbringen und um die arbeitsbezogene Motivation zu steigern. Wir wissen, dass, wenn die Aufgaben langweilig sind, es schwierig ist, in den Arbeitsflow reinzukommen – und es ist viel leichter, Dinge aufzuschieben und stattdessen auf unseren Lieblingswebseiten zu surfen.

In meinem eigenen Labor haben wir die Effekte von Modafinil und Methylphenidat (Ritalin) untersucht. Wir haben Verbesserungen einer Vielzahl von kognitiven Funktionen festgestellt, unter anderem anhaltende Aufmerksamkeit und Konzentration, Gedächtnis, Planung und Problemlösung. Außerdem hat Modafinil die aufgabenbezogene Freude oder Motivation gesteigert.

Aber es geht nicht nur um die Verbesserung der Leistung bei „alltäglichen Aufgaben”. Für manche Mitglieder unserer Gesellschaft, wie zum Beispiel Ärzte oder Mitglieder des Militärs oder der Flugsicherung, könnten sich die Gehirnleistung steigernde Medikamente als lebensrettend erweisen. In der Tat haben wir herausgefunden, dass an Schlafentzug leidende Ärzte in Situationen, die eine effiziente Informationsverarbeitung, flexibles Denken und eine Entscheidungsfindung unter Zeitdruck erfordern, von Modafinit profitieren könnten.

In diesen Studien mit Modafinil sind die Nebenwirkungen relativ gering. Aber während all dies recht positiv klingt, handelt es sich um frühe Studien mit einer begrenzten Anzahl an Teilnehmern. In Anbetracht der steigenden Nutzung solcher Medikamente benötigen wir dringend langfristige Studien über ihre Sicherheit und Wirksamkeit bei der Nutzung durch gesunde Leute.

Spiele und Gehirnstimulation

Natürlich sind Medikamente nicht der einzige Weg, um unsere kognitiven Fähigkeiten zu steigern. Es gibt eine zunehmende Ausbreitung von Gehirntraining-Spielen, von denen viele Behauptungen aufstellen, die schwierig zu belegen sind. Basierend auf wissenschaftlichen Daten haben ich und meine Kollegen bereits im vergangenen Jahr gezeigt, wie ein Spiel dazu verwendet werden kann, das Gedächtnis von schizophrenen Patienten zu verbessern. Zusammen mit einem Spielentwickler haben wir das „Wizard Memory Game“ geschaffen, das als App auf Tablets und Smartphones läuft.

Nicht-invasive Geräte zur Gehirnstimulation werden nun auch von gesunden Leuten genutzt, zum Beispiel die “transkranielle Gleichstromstimulation”, bei der Elektroden verwendet werden, die auf der Kopfhaut platziert werden und leichten elektrischen Strom aussenden. Dies könnte in der Lage sein, den Lernprozess zu beschleunigen – wir sehen sogar Videospieler, die diese Technologie verwenden, um einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen.

Falls nichts davon ansprechend klingt, gibt es eine Low-Tech-Lösung, um die “Intelligenz” künstlich zu steigern: Bewegung. Diese stimuliert die Produktion von neuen Gehirnzellen und verbessert die Wahrnehmung, Stimmung und die physische Gesundheit – und somit das allgemeine Wohlbefinden.

Obwohl es Gründe dafür gibt, dass wir im Allgemeinen Verbesserungen der Gesundheit des Gehirns und des geistigen Wohlbefindens fördern sollten, ist die Nutzung von kognitiven Verstärkern, die nur auf rechtswidrige Weise erworben oder in Anspruch genommen werden können, zum Beispiel Ritalin, gefährlich und kontrovers. Manche Studenten fühlen sich gezwungen, solche leistungssteigernden Medikamente einzunehmen, weil sie sehen, dass andere Studenten diese nutzen und sie selbst nicht zurückfallen wollen.

Als Antwort an besorgte Studenten hat die Duke Universität im Jahre 2011 ihren Ehrenkodex erweitert und erklärt, dass “die unerlaubte Nutzung von verschreibungspflichtigen Medikamenten zur Steigerung der akademischen Leistung” eine Form des Betrugs sei. Solange diese leistungssteigernden Medikamente nicht für die Nutzung durch gesunde Personen zugelassen sind, ist es am besten, andere Mittel zu verwenden, um die kognitive Leistungsfähigkeit zu steigern. Vielleicht ist es an der Zeit zu überlegen, wie wir am besten das geistige Wohlbefinden für eine aufstrebendere Gesellschaft fördern können.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Capsule“ by stevepb (CC0_Public Domain)


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Snapchat kann verändern, wie wir uns erinnern

Snapchat (adapted) (Image by Maurizio Pesce [CC BY 2.0] via Flickr)

Die sozialen Medien haben sich verändert. Nach zehn Jahren der Nutzung geht es in unseren Facebook-, Twitter- oder Instagram-Profilen nicht mehr nur um den aktuellen Moment oder um schnelle Verbindungen. Statt einfach unsere momentanen Gedanken und Erlebnisse zu verbreiten, sind diese Plattformen zu einem biografischen Archiv unserer Leben geworden, indem sie unsere Fotos speichern und aufzeichnen, wo wir waren und mit wem. Das Resultat dieses Archivierens ist, dass die sozialen Medien nunmehr eine neue Rolle in der Art und Weise, wie wir uns an Dinge erinnern, einnehmen.

Selbst die flüchtigste aller Social-Media-Plattformen, Snapchat, wird mit dem Start seines neuen Features nun Teil des Archivierungsprozesses. Bis jetzt war Snapchats Alleinstellungsmerkmal, dass die gesendeten Bildnachrichten innerhalb von Augenblicken nach dem Senden wieder verschwanden. Mit der neuen Funktion ist es jetzt möglich, „eine persönliche Sammlung Ihrer Lieblingsmomente“ (also Archivbilder, die mit dem Smartphone aufgenommen wurden) aufzubauen, die privat gehalten oder geteilt werden kann.

Der Soziologe Mike Featherstone argumentierte, dass der Mensch einen mächtigen Impuls zum Archivieren habe. Dies sehen wir sogar in der Geschichte des modernen Staates, der heute große Mengen an Informationen über das Leben der Menschen einfangen und sammeln möchte. Smartphones und das Internet bedeuten, dass wir diesem Drang nun innerhalb unseres alltäglichen Lebens gerecht werden können.

Wenn wir uns also mehr und mehr auf die sozialen Medien verlassen, um unsere Erinnerungen zu archivieren, wie wird dies verändern, wie wir uns erinnern? Mit der Zeit werden immer mehr Leben in diesen Profilen festgehalten werden. Wenn wir uns unserer Leben erinnern wollen, und der Leben derer, mit denen wir verbunden sind, werden wir uns unvermeidlich an die Daten wenden, die in diesen Archiven der sozialen Medien gespeichert sind. Unsere Erinnerungen könnten dann dadurch geformt werden, wie wir uns entschieden, in unseren sichtbaren Social-Media-Profilen zu teilen – oder in weniger zugänglichen Orten, die durch unsere Privatsphäre-Einstellungen geregelt werden (wie es in der Erinnerungen-Funktion möglich ist).

Featherstone argumentierte außerdem, dass ein Archiv – als ein Ort, an dem Dokumente gesammelt und klassifiziert werden – „ein Platz für das Kreieren und Überarbeiten von Erinnerungen sei. Was wir in unsere Social-Media-Profile stecken und wie wir es klassifizieren, wird dann formen, an was sich erinnert und wie auf diese Erinnerungen zurückgegriffen wird. Zum Beispiel beeinflussen die Tags und Labels, die wir unseren online gespeicherten Medien zufügen, wie wir uns an diese Gegebenheit und die Menschen, die dabei waren, später erinnern werden. Unsere Social-Media-Profile sind gefilterte Versionen unserer Leben, die eine verwaltete Rolle wiederspiegeln, sodass von der Erschaffung eines Archivs auszugehen ist, das bestimmte Typen favorisierter Erinnerungen enthalten wird, die dieser Rolle entsprechen.

Social Media über die Vergangenheit

Da wir uns zunehmend auf die sozialen Medien als Archiv verlassen, wird sich die Art und Weise, wie wir ihnen Inhalte hinzufügen, unvermeidlich ändern. Wir werden nicht mehr nur im Moment posten, sondern immer auch ein Auge auf die Zukunft haben. Wir werden darüber nachdenken, wie unsere Inhalte rezipiert werden, und uns vorstellen, wie es als Grundlage dienen wird, wenn wir von einem unbekannten Punkt in der Zukunft aus auf unsere Vergangenheit zurückschauen möchten. Wir würden beispielsweise über unseren Urlaub in einer Art und Weise posten, wie wir uns wünschen, eines Tages darauf zurückblicken zu wollen. Es wird verändern, wie wir die sozialen Medien nutzen, um einen Moment oder eine Zeitspanne in unserem Leben speichern.

Gelöbnis an die Zukunft“. Wir fällen Urteile darüber, was wir einschließen und mit welchen Tags wir Dinge versehen wollen, basierend darauf, wie wir uns vorstellen, dass es in Zukunft genutzt werden wird. Wenn die Leute also Snapchat oder ähnliche Services nutzen, dann werden sie die Inhalte basierend auf einer Vision davon gestalten, wie sie sie in der Zukunft zum Wecken von Erinnerungen werden nutzen wollen.

Dieser Einsatz der sozialen Medien für das Erinnern – mit unseren Profilen als individuelle und kollektive Archive unserer Leben – bedeutet, dass die kreierten Inhalte unsere zukünftigen Erinnerungen formen werden. Diese Erinnerungen werden durch die Wahl, die wir darüber treffen, was wir in unsere Profile einfügen, erschaffen und bearbeitet. Sie stellen außerdem ein Produkt dessen dar, wie wir uns diese Denkmalsetzung für die Zukunft vorstellen. Sozialen Medien mag es um das Teilen unserer Leben und um das Verbinden mit Netzwerken gehen, doch diese neuen Funktionen bedeuten, dass sie eben auch auf einem „Gelöbnis“ an zukünftige Erinnerungen basieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Snapchat“ by Maurizio Pesce (CC BY 2.0)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

Follow me

  • KÜNSTLICHE INTELLIGENZ googlewatchblog: Künstliche Intelligenz: Google-Forscher fordert „großen roten Button“ zur Abschaltung von Robotern: Die Entwicklung der „Künstlichen Intelligenz“ steckt noch in den Kinderschuhen. Trotzdem wird jetzt schon darüber nachgedacht, welche Möglichkeiten es geben muss, um die menschliche Sicherheit zu garantieren, sollte eine Künstliche Intelligenz der natürlichen überlegen sein und so gefährlich werden. Von Forschern wird deshalb gefordert, dass jeder Roboter einen „großen roten Knopf“ eingebaut haben muss, damit man ihn so schnell wie möglich abschalten könne. Die Gefährdung sehen die Forscher in den Robotergesetzen, die dafür sorgen sollen, dass die Maschinen dem Menschen dienen und helfen. Doch die Komplexität dieser Programmierung kann Fehler bringen, woraus Aktionen entstehen könnten, die den Menschen Schaden zufügen.

  • HACKER jetzt.de: Mark Zuckerberg wird gehackt – und plötzlich sympathisch: Bei vielen Netzwerken und Online Plattformen ist es heutzutage Pflicht, dass Zahlen, Groß- und Kleinschreibung und eine bestimmte Anzahl an Zeichen vorhanden sein muss, damit ein Passwort seine Gültigkeit erhält. Weniger komplexere Passwörter machen es Hackern einfacher diese zu knacken und an persönliche Daten zu gelangen. IT-Spezialisten erleiden gefühlte vier Herzinfarkte hintereinander, wenn sie mitbekommen, dass man dasselbe Passwort für mehrere Accounts benutzt. Letztes Wochenende wurde Mark Zuckerberg Opfer eines Hackers. Sein Twitter-, Pinterest- und Instagram-Account wurde mit Hilfe seines LinkedIn-Passwort geknackt, das 2012 nach einem Hacker-Großangriff erbeutet wurde. Seine Wahl zur Verschlüsselung seiner Daten: „dadada“.

  • APPLE cnet: iPhone owners holding onto their phones longer: Der Trend, dass sich Stammkunden des Apple-Konzerns in den meisten Fällen direkt die neuste Version des Smartphones kaufen, geht zurück. Am Dienstag wurde in den USA eine Untersuchung veröffentlicht, die besagt, dass mindestens 50 Prozent aller Kunden ein zwei Jahre altes iPhone besitzen. Gründe dafür könnte die langsame Entwicklung der Hard- und Software in den neuen Geräten sein. Vergleicht man die letzen Modelle, so sind keine großen Unterschiede zu merken, abgesehen vom Design.

  • DROHNEN digitaltrends: This proposed drone taxi service just took a big step toward becoming a reality: Während einige Postdienste noch damit beschäftigt sind, eine Paketzustellung durch Drohnen zu entwickeln, arbeitet eine Firma in China daran, dass man bald Menschen via Drohne transportieren kann. Unter dem Namen „EHang 184“ ist ein Prototyp einer Taxidrohne entstanden, die es möglich machen soll einen Kunden auf simpelste Art und Weise von A nach B zu bringen. Die Drohne bietet Platz für einen Passagier, kann 25 Minuten fliegen und erreicht eine Geschwindigkeit von 100km/h. Damit konnten die Entwickler aus China prompt ein großes Tech-Institut aus Nevada überzeugen, das das Team mit finanzieller und technischer Hilfe für die Entwicklung unterstützen möchte.

  • CURRENTC golem: Apples Konkurrenz CurrentC in Schwierigkeiten: Der Konkurrent zu Apples „Apple Pay“ hat Probleme. „CurrentC“ springen die Partner ab. Die Firma zählt einige der einflussreichsten Handelsketten zu seinen Kunden. Im April sprang allerdings eine dieser Einzelhändler ab. Best Buy entschied sich doch eher mit der mobilen Bezahlmöglichkeit von Apple zu arbeiten. Bei CurrentC spielen, anders als bei Apple, die Kreditkartenfirmen keine Rolle, weil der Einkauf direkt zwischen Händler und Kunde stattfindet. Das soll dem Händler Transaktionsgebühren sparen.

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Survival of the Funniest: Die evolutionären Anfänge des Lachens

Summer Laughter (adapted) (Image by BMiz [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Lachen spielt in jeder Kultur eine wesentliche Rolle. Allerdings ist nicht bekannt, warum man überhaupt lacht. Während es natürlich ein soziales Phänomen ist – Menschen lachen bis zu 30 Mal mehr in der Gruppe als allein – bleibt die Funktion des Lachens als eine Form der Kommunikation nach wie vor rätselhaft. Eine neue Studie, die in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlicht wurde und eine große Gruppe von Forschern unter der Führung Gregory Bryants von der UCLA miteinbezog, behauptet, dass Lachen Zuhörern den Freundschaftsstatus lachender Personen anzeigt. Die Forscher baten Zuhörer, den Freundschaftsstatus von Fremden und Freunden anhand von kurzen Ausschnitten, in denen gleichzeitig gelacht wurde, zu beurteilen. Aus Stichproben von 24 verschiedenen Kulturen fanden sie heraus, dass die Zuhörer in der Lage waren, anhand von bestimmten akustischen Merkmalen während des Lachens Freunde von Fremden zu unterscheiden. Um zu enträtseln, wie das möglich ist und was die wahre Bedeutung des Lachens ist, müssen wir zurück zum Ursprung.

Die Evolution des Lachens

Spontanes Gelächter, das unbewusst durch Konversation oder Ereignisse ausgelöst wird, taucht bereits in den ersten Lebensmonaten und sogar bei tauben oder blinden Kindern, auf. Lachen ist nicht nur kulturell, sondern auch zwischen den Spezies übergreifend: es findet auch in ähnlicher Form bei anderen Menschenaffenarten statt. Der evolutionäre Ursprung des menschlichen Lachens lässt sich etwa 10 bis hin zu 16 Millionen Jahre zurückverfolgen. Auch wenn Lachen mit einer höheren Schmerztoleranz und dem Signalisieren des sozialen Status in Zusammenhang gebracht wurde, besteht seine Hauptfunktion darin, soziale Bindungen zu schaffen und zu vertiefen. Da unsere Vorfahren anfingen in größeren und komplexeren sozialen Strukturen zu leben, wurde die Qualität der Beziehungen über-lebenswichtig. Die Evolution begünstigte die Entwicklung kognitiver Strategien, die bei der Bildung und Erhaltung kooperativer Allianzen halfen. Lachen entstand wahrscheinlich aus Atmungsstörungen während spielerischer Neckereien wie Kitzeln, was das kooperative und konkurrierende Verhalten junger Säugetiere förderte. Diese Art von Ausdruck geteilter Erregung, ausgelöst durch Spiel, könnte sich beim Stärken positiver Beziehungen als effektiv erwiesen haben. Tatsächlich wurde erwiesen, dass Lachen die Länge des Spielverhaltens von Kindern und Schimpansen verlängert und sowohl bewusste als auch unbewusste positive emotionale Reaktionen bei menschlichen Zuhörern auslöst.

Lachen als soziales Instrument

Lachen und andere Urvokalisierungen waren zunächst eng mit unseren Emotionen verknüpft: Wir lachten nur, wenn wir positiv erregt waren, genauso wie wir bei Kummer weinten oder bei Wut brüllten. Die wesentliche Entwicklung trat mit der Fähigkeit ein, sich freiwillig mit Hilfe der Stimme ausdrücken zu können, ohne dass notwendigerweise Schmerz, Wut oder positive Emotionen vorliegen mussten. Diese gesteigerte Kontrolle der Stimmung, die durch eine komplexere Entwicklung des Gehirns möglich wurde, war für die Entwicklung der Sprache entscheidend. Aber es erlaubte auch die bewusste Nachahmung von Lachen (und anderen Vokalisierungen) und stellte somit ein irreführendes Werkzeug dar, soziale Beziehungen künstlich zu beschleunigen und zu erweitern und damit die Überlebenschancen zu erhöhen. Die Vorstellung, dass willentliches Lachen einen evolutionären Ursprung hat, wird durch nachahmendes Verhalten, wie es bei erwachsenen Schimpansen vorzufinden ist, bestärkt. Sie ahmen Lachen als Reaktion auf spontanes Lachen anderer nach. Das falsche Lachen von Schimpansen und Menschen entwickelt sich während der Kindheit, unterscheidet sich akustisch von seinem spontanen Gegenstück, und hat ebenso die Funktion, soziale Bindungen aufzubauen. Heutzutage ist sowohl spontanes als auch willentliches Lachen in fast jedem Aspekt menschlichen Lebens vorzufinden, sei es, dass man einen Witz mit einem Freund oder während eines höflichen Smalltalks mit einem Kollegen teilt. Dennoch klingen sie in den Ohren des Zuhörers nicht gleich. Spontanes Lachen erkennt man an der höheren Tonlage (was unverfälschte Erregung zeigt), einer geringeren Dauer und kürzeren Ausbrüchen von Spontanlachern  gekennzeichnet, als es bei künstlichen Lachern der Fall ist. Forscher bewiesen vor kurzem, dass menschliche Zuhörer zwischen diesen beiden Arten des Lachens unterscheiden können. Sie bewiesen auch, dass Zuhörer dennoch das Langsamerwerden und Anpassen des Tonfalls an den des willentlichem Lachens (um es als weniger menschlich erkenntlich zu machen) von tierischen Lauten unterscheiden können. Bei spontanem Lachen, dessen akustische Struktur der nichtmenschlichen wie der von Primaten ähnelt, konnten sie diese jedoch nicht unterscheiden.

Freund oder Fremder?

Es ist dieser hörbare Unterschied, der in dem Beitrag von Bryant und seiner Kollegen dargelegt wurde. Freunde erzeugen öfter spontanes Gelächter, während Fremde, denen es an einer erprobten emotionalen Verbindung fehlt, öfter willentlich lachen. Die Tatsache, dass wir diese Unterschiede genau wahrnehmen, bedeutet, dass Lachen bis zu einem gewissen Grad ein ehrliches Signal ist. Im nie enden wollenden evolutionären Wettrüsten neigen angepasste Täuschungsstrategien dazu, sich parallel zu Aufdeckungsstrategien von Täuschungen zu bilden. Die akustischen Merkmale aufrichtigen Lachens sind daher wertvolle Hinweise auf die Beziehungen und den Status von Gruppenmitgliedern. Das ist etwas, das das Fällen von Entscheidungen in unserer evolutionären Vergangenheit erleichtert haben könnte. Die Studie fand heraus, dass die Urteilsgenauigkeit im Schnitt nur 11 Prozent höher als die Zufallsrate war. Das könnte zum Teil daran gelegen haben, dass Fremde spontanes Lachen und Freunde willentliches Lachen erzeugt haben. Doch es steht fest, dass die Nachahmung echten emotionalen Lachens ein nützliches Täuschungsinstrument und ein soziales Schmiermittel ist. Man muss nur dem ansteckenden Effekt von eingespielten Lachern bei bestimmten Fernsehserien beiwohnen, um sich dessen bewusst zu werden. In der komplexen Realität moderner menschlicher sozialer Interaktionen ist Lachen oft eine Mischung aus vollmundigen, spontanen und tiefen, aber sanften und künstlichen Lachern, die die Grenzen noch mehr verwischen lassen. Unabhängig davon ist das Ziel dennoch dasselbe. Und höchstwahrscheinlich werden wir jemanden, mit dem wir gelegentliche Lacher teilen, einfach besser leiden können. John Cleese sagte einst: „Lachen verbindet die Leute. Es ist fast unmöglich, Distanz oder ein Gefühl sozialer Hierarchien aufrechtzuerhalten, wenn Sie vor Lachen aufheulen.“ Er scheint den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben – auch wenn es vorgetäuscht ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Summer Laughter“ by BMiz (CC BY-SA 2.0)


The Conversation

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Warum Disneys Zoomania vielleicht der wichtigste Film des Jahres ist

Zoomania (Screenshot (adapted) by Disney Deutschland via YouTube)

Bei Disneys neuestem Film, dem hochgelobten Zoomania (oder Zootropolis, bzw. Zootopia, je nachdem wo Sie den Film sehen), handelt es sich um ein animiertes Filmkonzept mit einem interessanten Twist – alle Charaktere in dieser Stadt, von Tundra Town bis Rainforest, sind Tiere.

Der Film begleitet Judy Hopps, ein Kaninchen vom Land, das davon träumt, die erste Kaninchen-Polizistin der Zoomania-Polizei zu werden. Sie trifft den durchtriebenen, aber auch liebenswerten Fuchs Nick Wilde, entdeckt eine Verschwörung, die alle „Raubtier“-Bürger in Wilde verwandeln möchte und droht sich schließlich selbst im Verwirrspiel und die Hysterie zu verfangen, als sie versucht, den Bösewicht aufzuspüren.

Es ist eine Kombination aus Kumpel-Film, romantischer Komödie, Mystery und Action-Streifen – eine pelzige Version von Lethal Weapon.

Doch das ist nur die oberflächliche Ebene der Geschichte. Während man über die lebensechte Computeranimation staunt und über die Faultiere lacht, die die Kraftfahrzeugbehörde mit ihrer einzigartigen und zur Weißglut treibenden Geschwindigkeit leiten, wird man in einen wichtigen politischen Film hineingezogen. Denn Zoomania ist auch eine essentielle Reaktion auf die Politik der Angst in den Vereinigten Staaten – nicht nur auf das neueste Trumpopolis der Aggression und des Hasses, sondern auch die Jahrzehnte des Argwohns und der gelegentlichen Panik, die dem vorausgegangen sind, Stimmungen, die das Fundament für die Wahlkampfkampagne von 2016 gelegt haben.

Raubtiere und Beute

Zootropolis ist eine Mega-Stadt, in der die Bürger den tierischen amerikanischen Traum leben. Alle Arten, von der kleinsten bis zur größten, Pflanzenfresser und Fleischfresser, zahm und ehemals wild, leben in Harmonie zusammen. Es ist kein zuckrig süßer Schmelztiegel – Nick Wilde, der Fuchs, ist nach wie vor ein Hochstapler und die Kaninchen-Polizeibeamtin Judy Hopps muss Diskriminierung durchstehen – aber dennoch ist Zoomania ein Beweis für Amerikas Vormachtstellung eines “natürlichen” Zustands des Konflikts und der Aggression.

Der Zustand ist jedoch nicht annähernd beständig. Es braucht nur einen bösartigen Auslöser, um die zerbrechliche Waffenruhe zwischen den “Beutetieren”, die 90 Prozent der Bevölkerung von Zootropolis ausmachen, und den “Raubtieren” zu zerstören.

Und wie aufs Stichwort nutzt ein machthungriger Politiker die Serie von Vermisstenfällen, um ein Klima der Spaltung und Angst zu erzeugen. Arbeiter tauschen beunruhigte Blicke untereinander aus. Eine Mutter zieht ihr Kind näher zu sich heran, wenn sich ein Löwe in der U-Bahn neben sie setzt. Fensehsender verbreiten die neuesten Nachrichten von Angriffen der Raubtiere auf Beutetiere und der Beutetiere auf Raubtiere. Bald fordert man, alle Raubtiere zusammenzutreiben.

Dies ist keine direkte Reaktion auf die Politik von Donald Trump, da sich Zoomania bereits lange bevor der Geschäftsmann seine Präsidentschaftskandidatur bekannt gab, in der Produktion befand. Der Film ist in der Tat noch viel nachhaltiger, da seine Botschaft nicht bloß an Donald und seine Unterstützer gerichtet ist – er ist eine Kampfansage an die gesamten amerikanische Öffentlichkeit.

An einem der Wendepunkte des Films spricht Polizeibeamtin Judy Hopps – inzwischen eine Heldin – bei einer Pressekonferenz an, dass Raubtiere möglicherweise “biologisch” handeln, da sie auf urzeitliche Instinkte zurückfallen. Panische Reporter fragen, ob dies nun bedeute, dass überall in Zoomania die Barbarei ausbrechen werde – und so geht auch Judys Freundschaft zu Nick Wilde in die Brüche, während sie tiefer in die Politik des “wir gegen sie” hineingerät.

Der Film erinnert daran, dass nicht nur ein Politiker der Liga Trump oder ein bösartiges Genie einen Konflikt anzettelt kann, welcher Nachbarn und Partner spaltet. Es muss nicht einmal jemand mit bösen Absichten sein – auch unschuldige und wohlgesinnte Bürger, Bürger wie Judy Hopps können ernsthaften Schaden anrichten, indem sie leichtsinnig “primitive” Aussagen weitertragen.

Natürlich hört der Film an dieser Stelle nicht auf und lässt traumatisierte Kinder und besorgte Eltern zurück. Die Krise in Zoomania geht vorüber, die Pelzträger und scharfzahnigen Mitbürger finden wieder Frieden, die Bösewichte bekommen ihre gerechte Strafe. Aber die Stadt kann den Moment nicht ausmerzen, die Beschlüsse können den Argwohn und die Angst nicht zunichtemachen. Niemand ist immun gegen die aufgepeitschte Bedrohung gegen die Gemeinschaft.

Das amerikanische Paradoxon

Das Timing der Veröffentlichung des Films Zoomania beleuchtet das amerikanische Paradoxon. Die Vereinigten Staaten sind nicht nur ein Land des sozialen Fortschritts oder eines der sozialen Feindseligkeit – sie sind beides.

Letztes Jahr kam der Supreme Court zu der epochemachenden Entscheidung, gleichgeschlechtliche Ehen zu erlauben. Ein Afroamerikaner ist Präsident und viele andere haben hohe Ämter inne, ebenso wie viele Lateinamerikaner, Amerikaner mit asiatischem Hintergrund und anderen ethnischen Wurzeln. Eine Frau leitet das höchste Amt im Land. Die Kultur der USA feiert die Vielfalt der Lebensstile und Wurzeln als ein gemeinsames amerikanisches Erlebnis.

Aber gleichzeitig ist das Land auch zerrissen vom Diskurs des Hasses. Denn obwohl einige amerikanisch-muslimische Gemeinden von der Regierung freudig als ein Beispiel der Harmonie begrüßt werden, finden Politiker wie Trump noch immer einen Weg, um die gesamte Gruppe der Muslime anzuschwärzen.

Öffentlicher Rassismus ist verpönt und dennoch erschießen Polizisten unbewaffnete farbige Männer. Die Ungleichheit des Einkommens hält Angst und Spaltung aufrecht. Lateinamerikaner verfangen sich in dem Wirbel um die das Land überflutenden “Immigranten”, da es keine Mauer um Mexiko gibt. Frauen werden als hysterische Geiseln ihrer Biologie dargestellt oder im Kampf zwischen Politikern zu sexualisierten Stützen.

Das ist bei weitem kein neues Paradoxon. Der Fortschritt der USA im 20. Jahrhundert wurde begleitet von der Roten Angst. Jeder gewöhnlicher Amerikaner war ein potenzieller Kommunist und die perfekte Entschuldigung dafür, Bürgerrechte vorzuenthalten und Progressive auf die schwarze Liste zu setzen. Das Ende des Kalten Krieges brachte keinen Frieden, der “Sieg” löste sich bald in erneuten Rassenspannungen, angefangen bei den Unruhen in Los Angeles von 1992 bis hin zum OJ Simpson-Prozess.

Doch im Jahr 2016 ist gerade der Fortschritt in einigen Bereichen der Grund für die starke Rückentwicklung in der Politik. Gespeist durch den Krieg gegen den Terror und von Medienverlagen, die eher Meinungen polarisieren, anstatt Diskussionen anzuregen, verbreitet sich die Sprache der Angst und des Hasses. Donald Trump ist beides: ein Sympton und Mitwirkender dieses giftigen Diskurses.

Zoomania legt dieses amerikanische Paradoxon offen. Die Frage ist, während der Film viel Lob einheimst, ob er auch zu einem Ausweg beiträgt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image: Screenshot Trailer Zoomania (adapted) by Disney Deutschland, via Youtube


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