Wie smarte Medikamente den Arbeitsplatz wettbewerbsfähiger machen

Wir leben in einer zunehmend auf Wettbewerb beruhenden Welt, in der wir immer mehr versuchen, einen Vorteil gegenüber unseren Rivalen zu erlangen, manchmal sogar gegenüber unseren eigenen Kollegen. In manchen Fällen kann dies Leute zu extremen, ethisch nicht vertretbaren und sogar rechtswidrigen Methoden drängen – etwas, das wir vor Kurzem beim Doping-Skandal gesehen haben, der die Welt der Athleten getroffen hat.

In einer kürzlich erschienenen Abhandlung haben wir herausgefunden, dass Menschen zunehmend leistungssteigernde Medikamente für gewöhnliche Aufgaben verwenden, die vom Ablegen von Prüfungen, zum Halten von Präsentationen und der Führung wichtiger Verhandlungen reichen. Diese „kognitiven Verstärker” – wie zum Beispiel Antidepressiva, BetaBlocker (zur Behandlung von Herzkrankheiten und Angstzuständen) oder “smarte Medikamente” – können Energie und Stimmung steigern und uns so dabei helfen, mit weniger Schlaf besser zu performen. Aber ist es für gesunde Personen sicher, solche Medikamente zu nehmen? Und ist es richtig?

Smarte Medikamente schließen Modafinil (üblicherweise zur Behandlung von Schlafstörungen verwendet) und Methylphenidat, auch bekannt als Ritalin (zur Behandlung von ADHS eingesetzt), mit ein. Diese Medikamente machen uns aufmerksamer, fokussierter und wacher – es ist verständlich, warum sie so beliebt sind. In der heutigen Wissensökonomie brauchen wir dynamische und flexible Gehirne, um am Arbeitsplatz herauszustechen. Anspruchsvolle Jobs fordern von uns, dass wir anpassungsfähig und in der Lage sind, Entscheidungen unter Zeitdruck oder unter hohem Risiko zu treffen. Wir müssen aufmerksam sein, ein gutes Gedächtnis sowie großartige Planungs- und Problemlösungskompetenzen haben, aber auch die Fähigkeit, die Standpunkte anderer zu lesen und zu verstehen. Die Bewahrung von Motivation und Ausdauer auch in schwierigen Situationen und unter Stress ist ebenfalls entscheidend.

Wir beginnen gerade erst zu verstehen, wie weit verbreitet die Nutzung smarter Medikamente ist. In einer Onlineumfrage aus dem Jahr 2008, durchgeführt vom Journal Nature, bei der 1.400 Personen in 60 Ländern befragt wurden, hat einer von fünf Befragten angegeben, kognitionsverstärkende Medikamente zu nehmen, um die Fokussierung, Konzentration oder das Gedächtnis zu stimulieren. Diese Studie hat speziell die Nutzung von Beta Blockern, Ritalin und Modafinil betrachtet.

Mittlerweile hat eine im Jahr 2015 durchgeführte Umfrage unter 5.000 Mitarbeitern einer deutschen Krankenversicherung geschätzt, dass rund 6,7 Prozent Medikamente verwenden, um ihre Performance zu steigern oder Angstgefühle zu bewältigen, ein Anstieg von 4,7 Prozent im Jahre 2009. Dennoch könnte der wahre Anteil viel höher sein, da manche Leute eine solche Nutzung nur ungern wahrheitsgemäß angeben. Studien haben zudem geschätzt, dass etwa 10 bis 15 Prozent der Studenten weltweit kognitive Verstärker, unter anderem Ritalin und Modafinil, nutzen.

Vielversprechende Effekte

Universitätsstudenten und Akademiker geben üblicherweise an, dass sie kognitive Verstärker aus drei Hauptgründen nutzen: Um einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen; um die Effekte eines Jet Lags oder unzureichenden Schlafes zu bewältigen, um wach und munter zu bleiben und Höchstleistungen zu erbringen und um die arbeitsbezogene Motivation zu steigern. Wir wissen, dass, wenn die Aufgaben langweilig sind, es schwierig ist, in den Arbeitsflow reinzukommen – und es ist viel leichter, Dinge aufzuschieben und stattdessen auf unseren Lieblingswebseiten zu surfen.

In meinem eigenen Labor haben wir die Effekte von Modafinil und Methylphenidat (Ritalin) untersucht. Wir haben Verbesserungen einer Vielzahl von kognitiven Funktionen festgestellt, unter anderem anhaltende Aufmerksamkeit und Konzentration, Gedächtnis, Planung und Problemlösung. Außerdem hat Modafinil die aufgabenbezogene Freude oder Motivation gesteigert.

Aber es geht nicht nur um die Verbesserung der Leistung bei „alltäglichen Aufgaben”. Für manche Mitglieder unserer Gesellschaft, wie zum Beispiel Ärzte oder Mitglieder des Militärs oder der Flugsicherung, könnten sich die Gehirnleistung steigernde Medikamente als lebensrettend erweisen. In der Tat haben wir herausgefunden, dass an Schlafentzug leidende Ärzte in Situationen, die eine effiziente Informationsverarbeitung, flexibles Denken und eine Entscheidungsfindung unter Zeitdruck erfordern, von Modafinit profitieren könnten.

In diesen Studien mit Modafinil sind die Nebenwirkungen relativ gering. Aber während all dies recht positiv klingt, handelt es sich um frühe Studien mit einer begrenzten Anzahl an Teilnehmern. In Anbetracht der steigenden Nutzung solcher Medikamente benötigen wir dringend langfristige Studien über ihre Sicherheit und Wirksamkeit bei der Nutzung durch gesunde Leute.

Spiele und Gehirnstimulation

Natürlich sind Medikamente nicht der einzige Weg, um unsere kognitiven Fähigkeiten zu steigern. Es gibt eine zunehmende Ausbreitung von Gehirntraining-Spielen, von denen viele Behauptungen aufstellen, die schwierig zu belegen sind. Basierend auf wissenschaftlichen Daten haben ich und meine Kollegen bereits im vergangenen Jahr gezeigt, wie ein Spiel dazu verwendet werden kann, das Gedächtnis von schizophrenen Patienten zu verbessern. Zusammen mit einem Spielentwickler haben wir das „Wizard Memory Game“ geschaffen, das als App auf Tablets und Smartphones läuft.

Nicht-invasive Geräte zur Gehirnstimulation werden nun auch von gesunden Leuten genutzt, zum Beispiel die “transkranielle Gleichstromstimulation”, bei der Elektroden verwendet werden, die auf der Kopfhaut platziert werden und leichten elektrischen Strom aussenden. Dies könnte in der Lage sein, den Lernprozess zu beschleunigen – wir sehen sogar Videospieler, die diese Technologie verwenden, um einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen.

Falls nichts davon ansprechend klingt, gibt es eine Low-Tech-Lösung, um die “Intelligenz” künstlich zu steigern: Bewegung. Diese stimuliert die Produktion von neuen Gehirnzellen und verbessert die Wahrnehmung, Stimmung und die physische Gesundheit – und somit das allgemeine Wohlbefinden.

Obwohl es Gründe dafür gibt, dass wir im Allgemeinen Verbesserungen der Gesundheit des Gehirns und des geistigen Wohlbefindens fördern sollten, ist die Nutzung von kognitiven Verstärkern, die nur auf rechtswidrige Weise erworben oder in Anspruch genommen werden können, zum Beispiel Ritalin, gefährlich und kontrovers. Manche Studenten fühlen sich gezwungen, solche leistungssteigernden Medikamente einzunehmen, weil sie sehen, dass andere Studenten diese nutzen und sie selbst nicht zurückfallen wollen.

Als Antwort an besorgte Studenten hat die Duke Universität im Jahre 2011 ihren Ehrenkodex erweitert und erklärt, dass “die unerlaubte Nutzung von verschreibungspflichtigen Medikamenten zur Steigerung der akademischen Leistung” eine Form des Betrugs sei. Solange diese leistungssteigernden Medikamente nicht für die Nutzung durch gesunde Personen zugelassen sind, ist es am besten, andere Mittel zu verwenden, um die kognitive Leistungsfähigkeit zu steigern. Vielleicht ist es an der Zeit zu überlegen, wie wir am besten das geistige Wohlbefinden für eine aufstrebendere Gesellschaft fördern können.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Capsule“ by stevepb (CC0_Public Domain)


Prof. Barbara Sahakian

ist Professorin für klinische Neuropsychologie an der Universität Cambridge. Der Schwerpunkt ihrer Untersuchungen liegt bei der Früherkennung, Differentialdiagnose und beim Nachweis der Konzeptstudien kognitiv steigernder Drogen.


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