Was ist Spaced Repetition Learning?

In unseren Tipps fürs Selbststudium nannten wir bereits das Spaced Repetition Learning als besonders gute Methode zum Lernen. Die Methode zielt darauf ab, Wissen dauerhaft und nicht nur für kurze Zeit einzuprägen. Wir erklären euch, wie Spaced Repetition funktioniert, wie uns Apps dabei helfen und auf welche Fallstricke wir bei der Methode beachten sollten.

Wie funktioniert ein Spaced Repetition System?

Kennt ihr noch Karteikarten zum Büffeln von Vokabeln für die Schule? Im Kern ist Spaced Repetition genau das: Lernen mit Karteikarten – nur deutlich besser.

Beim Spaced Repetition System wird jede Karteikarte in immer größer werdenden Abständen wiederholt. So wird das Wissen zuerst etwa einige Minuten nach dem Lernen erneut abgefragt, dann einige Stunden oder Tage. Erst wenn der Inhalt der Karte nach einer Pause von mehreren Monaten noch sitzt, gilt es als im Langzeitgedächtnis verankert und muss nicht mehr wiederholt werden. Schlägt dagegen eine Wiederholung fehl, wird die Karte erst einmal wieder in kürzeren Abständen wiederholt.

Ihre wahre Kraft entfaltet diese Methode vor allem auf lange Sicht. Sicherlich kennt ihr das: Kurz vor einer Prüfung prügelt man sich nochmal das komplette Wissen in den Kopf – beim Lernen für die Folgeprüfung merkt man dann, dass von der letzten Prüfung wenig im Kopf geblieben ist. Man muss also auch den Stoff der letzten Prüfung erneut wiederholen. Spaced Repetition sorgt dafür, dass ihr euer Wissen auch dauerhaft behaltet.

Spaced Repetition Apps

Bevor ihr euch Sorgen um den Aufwand macht: Es gibt mittlerweile zahlreiche Apps, die euch beim Spaced Repetition Learning helfen. Wir müssen allenfalls die Karten selbst im Programm anlegen. Die Software kümmert sich anschließend darum, welche Karte wann zu wiederholen ist und wir können uns komplett auf das eigentliche Lernen konzentrieren. 

Eine der beliebtesten und umfangreichsten Apps ist Anki. Zumindest die Desktop-App ist kostenlos und lässt sich für fast alle möglichen Themenbereiche verwenden. Es gibt aber noch weitere, teils auf bestimmte Themen zugeschnittene Spaced Repetition Apps.

Für welche Inhalte eignet sich Spaced Repetition?

Karteikarten nutzen wir vor allem zum Lernen von Vokabeln. Da das Spaced Repetition System im Kern Karteikarten sind, eignet es sich besonders gut für solche Inhalte. Allein der immer gleiche Aufbau und die einfache Abfragbarkeit von Vokabeln lassen sich auch einfach von Apps automatisieren.

Generell lässt sich aber jedes Wissen abfragen, dessen Antwort ein Fakt, eine Definition oder eine Formel ist. So ist Spaced Repetition Learning mitunter auch unter Medizinstudenten sehr beliebt.

Warum wachsende Zeitabstände zwischen den Wiederholungen?

Wenn ihr beispielsweise eine Vokabel 8 Mal am selben Tag lernt, hatte euer Gehirn noch keine Zeit, dieses Wissen als wichtig einzustufen. Ihr habt nur einen Tag gelernt und benötigt das Wort danach womöglich längere Zeit nicht. Die Chance, die Vokabel zu vergessen ist sehr hoch.

Der deutsche Psychologe Herrmann Ebbinghaus beschrieb vor über 100 Jahren in seiner Vergessenskurve, wie schnell das Gehirn Informationen wieder vergisst.  Nach 20 Minuten sind bereits 40 Prozent des Gelernten vergessen, nach einer Stunde bereits mehr als die Hälfte. Nach einem Monat blieb in seinen Tests nur 15 Prozent des Gelernten erhalten.

Eine Darstellung der Vergessenskurve, die verdeutlich, dass man Wissen mit jeder Wiederholung länger behält.
Die Vergessenskurve nach Ebbinghausen zeigt, wie schnell wir Informationen wieder vergessen. Durch Wiederholungen flacht die Kurve allerdings stark ab. Image by Icez via Wikipedia (gemeinfrei)

Spaced Repetition versucht die Wiederholungen möglichst weit an die Grenze zu setzen, wo euer Gehirn das Wissen wieder als belanglos aussortiert. Frischt ihr das Wissen dort auf, merkt das Gehirn „Oh, das Wissen wird noch immer benötigt“ und behält es erst einmal. Die Vergessenskurve flacht mit jeder Wiederholung ab und das Wissen hält länger. Im Gegensatz zu den 8 Wiederholungen an einem Tag, ist es mit Spaced Repetition fast unmöglich, dass Wissen nach der 8. Wiederholung noch zu vergessen.

Spaced Repetition System & Active Recall

Beim Spaced Repetition Learning nutzen wir meist ebenfalls „Active Recall“. Active Recall ist die bewusste Auseinandersetzung mit dem Lernstoff. Liest man lediglich Texte und markiert allenfalls relevante Stellen, setzt man sich nicht intensiv genug damit auseinander. Das Wissen ist schließlich bereits schon genau so niedergeschrieben.

Markieren ist trotzdem nicht schlecht. Zu diesen relevanten Begriffen könnt ihr euch nämlich Fragen stellen. Das hat gleich mehrere Vorteile: Ihr könnt euch gezielt die Informationen des Textes abfragen, formuliert das Wissen in eigenen Worten und merkt, wenn der Text euch eine Fragestellung noch nicht ausreichend erklärt hat.

Da Spaced Repetition Learning vor allem mit Fragen arbeitet, müsst ihr zum Erstellen eurer Karten genau diesen Active Recall betreiben. Schon das Erstellen der Karten selbst ist oft schon der erste Lernschritt. Spaced Repetition und Active Recall erklärt euch auch dieses Video sehr anschaulich:

Wie Du schneller und effektiver lernst | Anki und Remnote | Spaced Repetition und Active Recall

Muss ich Spaced Repetition täglich nutzen?

Die Wiederholungsintervalle bei Spaced Repetition Systemen sind sehr bewusst gewählt. Damit vor allem die ersten Wiederholungen gut funktionieren und sich nicht zu viele Karten ansammeln, solltet ihr euch schon täglich Die Zeit nehmen. Für Lernmuffel kann das ein Vorteil sein (Der Autor weiß, wovon er spricht), da sie so zu mehr Regelmäßigkeit „gezwungen“ sind. Sobald es eine feste Gewohnheit geworden ist, fällt es einem dann auch deutlich leichter.

Das heißt nicht, dass ihr euch nicht auch einen Tag „lernfrei“ nehmen dürft. Ein einzelner Tag ist kein Problem, solange die Ausnahme nicht zur Regel wird. Lasst ihr euch ständig Ausreden einfallen, um nicht lernen zu müssen, fliegt euch das Spaced Repetition System bald schon um die Ohren.

Für einen Urlaub empfehle ich euch, bereits 1-2 Wochen davor keine neuen Karten anzufangen, sondern nur Wiederholungen abzuarbeiten. So stauen sich weniger Wiederholungen an und vor allem keine Wiederholungen in den kleinen Anfangs-Abständen. Doch selbst dann entsteht ein größerer Stapel Wiederholungen, wenn ihr nicht doch abends hier und da ein paar Karten durcharbeitet.

Der einzige Nachteil an Spaced Repetition ist, dass es euch für manchmal nötige Pausen durch Krankheit oder Erholung im Urlaub am Ende bestraft. Im Selbststudium kann leider niemand für euch die Vertretung übernehmen.

[kofi]

Nicht zu viele neue Karten

Beim Spaced Repetition Learning lauft ihr nicht nur Gefahr zu wenig zu lernen, sondern vor allem, dass ihr zu viel lernt. Vor allem die erste Zeit, in der man besonders motiviert ist, kann euch selbst in ein Lerntempo zwingen, dass ihr nicht dauerhaft aufrecht erhalten könnt.

Macht euch bewusst, wie das Spaced Repetition System funktioniert. Neben neuen Karten erhaltet ihr auch immer wieder Wiederholungen ältere Karten dazu. In der Anfangsphase sind das nur Karten aus der ersten, zweiten, dritten oder vierten Wiederholung. Kommen dazu irgendwann täglich Karten aus der fünften bis achten Wiederholung dazu, erhöht sich das Pensum schlagartig.

Nur weil ihr eine besonders motivierte Phase habt, in der ihr haufenweise neue Karten beginnt, heißt es nicht, dass ihr deren nächste Wiederholung in einem Monat noch stemmen könnt. Zieht also am besten eine Grenze und nutzt für besonders lernwillige Phasen alternative Lernmittel zu eurem Spaced Repetition Programm.

Wo diese Grenze liegt, müsst ihr leider selbst erst rausfinden. Es gibt unterschiedlich anspruchsvolle Themen, nicht jeder hat die gleiche Zeit fürs Lernen und nicht jeder lernt gleich schnell. Tastet euch aber lieber vorsichtig heran, bevor euch das Pensum erdrückt.

Über den Tag verteilt lernen

Bei der ersten Wiederholung ist ein Tag Pause meist zu viel. Darum bietet es sich an, mehrfach am Tag mit Spaced Repetition zu lernen. Feste Zeiten helfen euch dabei übrigens, das Lernen zur täglichen Routine zu machen.

Wer Öffentliche Verkehrsmittel nutzt, kann den Weg zur und von der Arbeit produktiv nutzen – Gegebenenfalls helfen Ohropax oder Kopfhörer, Störgeräusche auszublenden. Ihr könnt natürlich auch Zuhause eine kleine Session vor oder nach der Arbeit einlegen.

Eine Lernsession vor dem Schlafen ist ebenfalls sinnvoll, da ihr euer Lernen besser über den Tag streut. Außerdem hat Lernen vor dem Schlafen auch den Vorteil, dass ihr das Wissen mit in die Nacht nehmt. Beim Schlafen ist das Gehirn nämlich weiterhin aktiv und das zuvor gelernte noch besonders präsent. Achtet aber darauf, ob das Lernen euch beim Einschlafen stört. Die vielen neuen Informationen können es nämlich auch schwerer machen, zur Ruhe zu kommen.

Spaced Repetition nicht als einziges Werkzeug

Spaced Repetition Learning ist eine großartige Lernmethode – aber sie sollte nicht die einzige sein. Sie hilft nämlich vor allem beim theoretischen Wissen. Wir lernen zwar Vokabeln, Formeln, Begriffe und die Antworten auf bestimmte Fragestellungen zu einem Thema, aber nicht das Wissen wirklich zu nutzen. Eine Sprache möchte beispielsweise gesprochen werden. Nur durch das aktive Sprechen und das Nutzen von Vokabeln und Grammatik für immer neue Sätze, lernen wir einen natürlichen Umgang mit der Sprache. Auch Formeln müsst ihr anwenden. Nur so lernt ihr, wann und wie ihr sie in der Praxis anwendet – und wofür ihr die Ergebnisse überhaupt benötigt.

Nutzt also auch andere Lernmittel wie Bücher und Videos. Entwickelt Aufgaben, für die ihr bestimmte Formeln benötigt und spielt diese durch. Programmiert kleine Anwendungen, wenn ihr Coding lernt. Nutzt euer angeeignetes Wissen über Geschichte um Parallelen und Unterschiede in ähnlichen Ereignissen zu entdecken.

Auch ein eigener Blog ist eine wunderbare Möglichkeit, euer Wissen in Blogposts nochmal ganz eigen zu formulieren. Wir machen das gewissermaßen nicht anders. Für einen Artikel setzen wir uns auch oft mit Themen auseinander, in denen wir zuvor keine Experten waren. Das Ziel, ein Thema verständlich für den Leser aufzubereiten, lässt uns das Gelernte viel besser verinnerlichen, weil wir uns aktiv damit auseinander setzen.

Gerade bei einer Sprache kommt irgendwann außerdem der Punkt, wo ihr Medien wie Bücher, Filme oder Spiele in eurer Zielsprache konsumiert. Das ist dann viel effektiver, weil ihr langsam einen natürlichen Umgang mit der Sprache erlangt. Ab einem bestimmten Wortschatz versteht ihr zumindest rund 95% der Texte. Ihr könnt euch vieles aus dem Kontext erschließen und schlagt Wörter, die ihr noch nicht kennt einfach mal schnell nach. Jedes mal eine Karte anzulegen, wäre weniger effizient, als euch in der Zeit einfach weiter mit der Sprache zu umgeben.

Zusammenfassung: Optimiertes Lernen – wenn man diszipliniert ist

Das Spaced Repetition Learning ist ein zweischneidiges Schwert.

Auf der einen Seite verbessert es die Lernqualität. Ihr lernt nicht mehr für eine Prüfung, sondern vor allem, um euch das Wissen dauerhaft einzuprägen. Spaced Repetition Apps nehmen uns dabei die komplette Planung der Wiederholungen ab, damit wir uns ganz auf das Lernen konzentrieren können. Oft hilft uns aber auch das Erstellen der Karteikarten selbst bereits beim Verinnerlichen.

Auf der anderen Seite ist das Spaced Repetition System auch der Pakt mit dem Teufel. Wir erlangen die Macht des besseren Lernens auf Kosten unserer Freiheit. Die Methode funktioniert nur, wenn man sich an den Zeitplan der Wiederholungen hält. Lernpausen im Urlaub sind zwar möglich, hinterlassen aber große Stapel, die es danach abzuarbeiten gilt.

Trotzdem ist die Methode vor allem für Lernmuffel geeignet – wenn sie sich darauf einlassen. Gerade wer sonst Probleme mit selbstorganisiertem Lernen hat, bekommt durch Apps eine Regelmäßigkeit und Struktur ins Lernen. Auch ein Hauch von Gamification ist dabei, da man sich unter anderem durch Erfolgsquoten der Abfragen zu besseren Leistungen motivieren kann. 

Ein Preiswertes Laptop für Spaced Repetition Learning ist das ThinkPad T440p von Lenovo (Provisionslink)


Image by Halfpoint via Adobe Stock

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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