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Die Künstliche Intelligenz scheitert an der Sprache

Von allen Seiten des Internets sieht man gefühlt nur Artikel, die uns davor warnen, wie gefährlich uns künstliche Intelligenz in der Zukunft werden kann. Es geht darum, dass Deep-Learning Techniken letztendlich dazu führen würden, dass Maschinen sich ohne unser Wissen selbst verbessern, bis wir nicht mal mehr verstehen, was genau sie dort lernen. Auch von einem großen Arbeitsplatzverlust, durch das Ersetzen aller möglichen Stellen mit intelligenten Systemen, ist die Rede. Man spricht von „Superintelligenzen“, die in den Augen einiger Autoren die Weltherschafft an sich reißen könnten. Doch sind viele dieser Ansätze realistisch? Sieht so wirklich unsere Zukunft aus? Ein gerade veröffentlichter Artikel der Website MIT Technology Review zeigt ein deutlich „gemildertes“ Bild der künstlichen Intelligenzen von heute. Eines, wo diese noch starke Probleme aufweisen, bei so vergleichsweisen simplen Aufgaben wie dem Interpretieren von Sprache.

Binär-Code ist nicht gleich humanistische Sprache

Die künstlichen Intelligenzen, die heute entwickelt werden, kommunizieren auf einem ganz anderen Level als wir. Wenn sie untereinander kommunizieren, tun sie das durch das Übertragen von Datensätze. Die Daten werden 1:1 von der anderen Maschine gelesen und ausgeführt. Wenn es jedoch darum geht mit dem Benutzer aus Fleisch und Blut zu kommunizieren, stehen die künstlichen Intelligenzen vor ganz anderen Herausforderungen. Das Online-Magazine MIT Technology Review hat nun ein wenig gefiltert, woran es im Moment noch bei den künstlichen Intelligenzen harkt.

Künstliche Intelligenzen wissen nicht, was sie tun

Und das ist wohl das größte Problem. Viele sprach-basierte KIs sind darauf programmiert, aus ihnen zugeführten Texten zu analysieren, welche Wörter wie oft, in welchem Kontext, verwendet werden. Daraus ziehen sie einfach Schlüsse und versuchen dann, die Sprachwiedergabe nachzuahmen. Aber dabei verstehen sie selbst den Sinn hinter ihren eigenen Sätzen nicht und bemerken somit auch offensichtliche Fehler nicht. Was dabei rauskommen kann, sieht man an dem Beispiel, als eine KI versuchte, eigenständig ein Harry Potter-Buch zu schreiben.

Aber es gibt schon Beispiele wo KIs erfolgreich mit Menschen interagieren! Wie zum Beispiel bei Alexa. Das liegt aber hauptsächlich daran, dass sie einzig darauf programmiert ist, aus gesprochenen Sätzen die Eckpfeiler „was, wann, wo und wer“ herauszufiltern. Wenn sie in ihrem System diese Fragen beantworten kann, gibt sie eine Antwort, die Sinn macht. Ihr Vorteil ist also, dass sie Sätze in Bausteine zerlegen und diese separat analysieren kann. Nuancen kann sie jedoch bis heute noch nicht erkennen und kreatives Schreiben ginge erst recht nicht.

Die Nuancen der Semantik

Dann gibt es in der menschlichen Kommunikation aber auch noch die sogenannte Model-theoretische Semantik. Diese ist für das Übermitteln einfacher Informationen von Mensch zu Mensch verantwortlich. Künstliche Intelligenzen, die dieses Wissen wiedergeben sollen, sind basierend auf der Annahme programmiert, dass alles menschliche Wissen einfach in einen Code umgeschrieben und den KIs gefüttert werden kann. Allerdings verhalten sich künstliche Intelligenzen hier wie ein Kleinkind: Man muss ihnen buchstäblich alles eigenhändig beibringen. Der Artikel des MIT Technology Review führt hier einen sehr guten Vergleich an. Wenn man einer KI beibringt: Adler sind Vögel, Vögel können fliegen, also können Adler fliegen, wird das spätestens bei den Pinguinen wieder zu einem Problem. Die sind schließlich auch Vögel, sie können aber nicht fliegen. Unterm Strich: Es gibt zu viele Ausnahmen in der Welt, als dass man einer KI alle Nuancen beibringen könnte.

Und schließlich für die Hobby-Psychologen hier noch ein Extra: Sprache ist auch immer sehr stark abhängig vom jeweiligen Kontext. Selbst wenn wir nur im Englischen bleiben würden, und somit zunächst die Bedeutung verschiedener Wörter/Betonungen in anderen Sprachen außer Acht lassen würden, ist Sprache ein sich ständig veränderndes Feld. Sie wird von jedem Individuum, selbst innerhalb einer Kultur, unterschiedlich verstanden und benutzt. Sprache ist immer auch ein Ergebnis unsere eigenen Erfahrungen, unseres eigenen sozialen Umfelds und letztlich auch unserer individuellen Prägung. Und gerade in der kreativen Literatur wird sie oft aus dem Kontext genommen, abgewandelt und umgeändert, damit etwas Neues und eben Kreatives dabei entsteht.

OpenAI versucht sich am kreativen Schreiben

Bis die Maschinen sich den Menschen soweit annähern, dass sie alle diese Nuancen und Bedeutungen verstehen, sodass von künstlicher Intelligenz geschriebene Manuskripte Sinn ergeben, wird es also wohl noch dauern.

Ursprung für den Artikel von MIT Technology Review war der Durchbruch der Firma OpenAI, die eine KI erschaffen hat, die fast perfekte Texte verfassen kann. Aber eben nur fast. In diesem Test hat ein Mensch die „Rahmenhandlung“ erfunden, Wissenschaftler hätten Einhörner entdeckt. Daraufhin sollte die KI die Geschichte weiterspinnen. Was sie daraus gemacht hat, ist zumindest unterhaltsam.


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Same but different – Weil anders einfach anders ist

Ohlala! So spielerisch schön die französische Sprache klingt, so schmeckt auch ihre einzigartige Küche. So organisiert und strukturiert die deutsche Sprache ist, so sieht auch (meist) der Terminkalender und die Arbeitsweise deutschsprachiger Personen aus. In Sprache formuliert sich Kultur. Kann man zwischen diesen unterschiedlichen Systemen einfach von einem in das andere übersetzen?

Nach zwei Jahren Dubai, das mehr als 200 Nationalitäten beherbergt, kann ich aus eigener Erfahrung sagen: kommunizieren geht, verstehen nicht immer. Wenn ich mit meinem deutschen Englisch mit einem Inder über meine arabische Bestellung spreche, prallen Welten aufeinander. Oft passt ein Begriff aus der Muttersprache perfekt, um den Moment zu umschreiben, nur leider existiert dieser in der anderen nicht (schon mal versucht, dem älteren deutschen Publikum „Skyline“ zu erklären?).

Bevor ich mich auf das Abenteuer Dubai einließ, schrieb ich meine Masterarbeit in Paris über die Unübersetzbarkeit der Sprache. Ein Phänomen, das mich bis heute tagtäglich an meine Grenzen bringt und zugleich meine Faszination für andere Kulturen ausmacht. Auf die Idee hat mich damals das Europäische Wörterbuch der unübersetzbaren Begriffe (Vocabulaire européen des philosophies – Dictionnaire des Intraduisibles) gebracht.

Das Wörterbuch der unübersetzbaren Begriffe

Das Werk von der Philosophin und Philologin Barbara Cassin fordert den reflektierten Umgang mit der Vielheit der Sprache. Es führt unübersetzbare Wörter aus 15 verschiedenen Sprachen auf – wie der Titel bereits verrät, kommen diese aus dem europäischen Raum. Damit umfasst es nur einen kleinen Teil der Weltsprachen, bringt es aber schon auf 532 Seiten. Insgesamt 150 Mitarbeiter aus dem philosophischen und sprachwissenschaftlichen Bereich arbeiteten ungefähr zwölf Jahre an dem philosophischen Wörterbuch der unübersetzbaren Wörter.

Dreh- und Angelpunkt des Werkes ist die Unterschiedlichkeit von Sprache – in ihrer Struktur und in ihren Begriffen. Dabei ist es nicht das Ziel, für die Wörter eine einzige, allgemeingültige Übersetzung zu liefern: „Vielmehr klärt es Unstimmigkeiten, konfrontiert sie miteinander und regt das Nachdenken über sie an“, erklärt Cassins in ihrer Einleitung.

Ein Blick in das Werk lohnt sich; entdeckt man doch ungeahnte Wortschätze, denen man sonst mit Gleichgültigkeit im allgemeinen Sprachgebrauch begegnet wäre. So ist das Wort „Gemüt“ in der deutschen Sprache einzigartig.

„Gemüt“ ist weder Geist, noch Seele

Der Artikel dazu wurde von Denis Thouard verfasst, der ihn zuerst in Bezug zu anderen Sprachen definiert: „Gemüt“ wird dem griechischen thumos (Lebenskraft), dem lateinischen mens/animus (Seele/Geist) und dem englischen mind/mood zugeordnet. Doch besitzt es keinen zufriedenstellenden Äquivalenten in anderen Sprachen und wird in Übersetzungen meist entweder als Seele oder Geist übersetzt, was jedoch nicht seiner Vielschichtigkeit gerecht wird. Denn das Gemüt ist weder Geist, noch Seele. Es wird als internes Prinzip des Menschen verstanden, das den Geist aber auch die Gefühlsregungen animiert und dazwischen changiert.

Der Wörterbuchartikel geht zurück bis 1260 und zeigt, dass „Gemüt“, dass später auch zu gemütlich wurde, eines der ältesten deutschen Begriffe ist. Interessant wird es, wenn Denis Thouard die französische Übersetzung von Immanuel Kant’s berühmter Schrift „Die Kritik der reinen Vernunft“ ins Französische diskutiert. Hier wird es systematisch durch „Geist“ (esprit) übersetzt und verliert damit völlig die emotionale und empfindsame Dimension – Kants Schrift rückt in ein ganz anderes Licht.

Bewusstsein für Andersartigkeit

Dieser kurze Einblick in den Diskurs der Translationswissenschaft zeigt: Nein, so einfach ist es mit der Übersetzung nicht.

Im Alltag in Dubai oder Abu Dhabi wird es wohl nicht zu solchen bedeutungsschweren Missverständnissen kommen. Doch ist das Bewusstsein für die Andersartigkeit schon ein guter Anfang, um nicht nur Verstehen, sondern auch Verständnis für den anderen zu lernen. Das 1:1-Prinzip funktioniert eben nicht in der Übersetzung, aber das macht das Miteinander noch viel spannender. Gemütlich ist eben nicht nur „cosy“ – es ist ein Gefühl, dass Emotion und Geist einschließt – und das wir mit Leib und Seele leben!

Das Wörterbuch ist in französcher Sprache und in englischer Sprache erhältlich bei Amazon (Provisions-Link)


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Emojis: Nutzer sollten mehr Mitspracherecht bei der Erstellung haben

Emoji Maske (Image (adapted) by aaandrea [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Emojis sind derzeit hoch im Kurs. So feierten Netzenthusiasten vor ein paar Tagen war Welt-Emoji-Tag, und passend dazu wird Anfang August ein Kinofilm über Emojis erscheinen. Das Wort des Jahres 2015 war laut Oxford English Dictionary auch ein Emoji, nämlich das Gesicht mit den Freudentränen.

Aber woher kommen Emojis? Sie sind im Unicode-Standard enthalten, dem internationalen Standard für digitale Schriftarten. Der Unicode–Standard bietet ein Zeichen unabhängig von der Plattform oder dem Betriebssystem an. Er stellt geräteunabhängig Symbole auf allen Plattformen dar. Der Begriff Emoji wurde im Laufe der Zeit erweitert und bezieht sich auf ein beliebiges digitales Piktogramm.

Wie wird ein Emoji in den Unicode-Standard aufgenommen? Im ersten Schritt wird eine formale Vorlage angelegt. Hier wird ein Dokument erstellt, das festlegt, auf Grund welcher Auswahlkriterien das Emoji enthalten sein soll. Ein Unicode-Komitee, deren Mitglieder verschiedene große Technologie-Unternehmen vertreten, überprüft diesen Vorschlag anhand der Auswahlkriterien. Ist der Vorschlag einmal geprüft, wird er entweder abgelehnt, an die Autoren mit einer Rückmeldung zurückgegeben oder auf die nächste Stufe gehoben.

Einmal im Jahr wird entschieden, welche Kandidaten für Emojis Teil des nächsten Unicode-Standards werden. Danach hat jedes Unternehmen, das Emojis auf seinen Geräten anzeigt, die Möglichkeit, eine eigene Emoji-Version zu erstellen, das vom Unicode ausgelesen wird. Aus diesem Grund kann ein Emoji auf den verschiedenen Plattformen etwas unterschiedlich aussehen.

Es mag überraschen, dass ein solch bürokratischer Prozess hinter derart bunten und verspielten Symbolen steckt. Doch hier gibt es auch Probleme. Zunächst wird durch den Unicode vorgegeben, welche Emojis verfügbar sind und wie diese aussehen. Dementsprechend ist auch die Bedeutung vorgegeben, die mit dem Emoji kommuniziert werden soll. Wenn es um Sprache geht, hat jeder die Möglichkeit, ein neues Wort zu schaffen. Dies geschieht, indem Sprachklänge kombiniert werden. Hier kann jeder entscheiden, wie ein Wort geschrieben wird, indem Buchstaben zusammengelegt werden. Ob daraus ein neues Wort wird, hängt davon ab, wie oft das Wort genutzt wird und wie weit es sich verbreitet.

Im digitalen Bereich kann jeder ein Emoticon erschaffen. Es müssen nur Elemente der Interpunktion wie Zahlen und Buchstaben zusammengelegt werden. Emojis dagegen sind Einheiten, die von Nutzern weder manipuliert noch bearbeitet werden können. Auch wenn also Emojis in ihrer Verwendung einer Sprache ähnlich sind, kann man die Kreation eines Emoji nach dem Vorbild des orwellianischen Neusprech vergleichen. Die Erschaffung wird von einigen Wenigen kontrolliert. Zweitens ist es beinahe ironisch, wie Unicode die Emojis für die Freigabe auswählt. Die Emoji- Vorschläge werden anhand einer Reihe von Auswahlkriterien beurteilt. Diese sind wie folgt:

  • Häufigkeit der Nutzung: Je höher die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Emoji verwendet wird, umso wahrscheinlicher ist, dass es freigegeben wird.
  • Mehrere Verwendungen: Je mehr Bedeutungen mit einem Emoji kommuniziert werden können, umso wahrscheinlicher ist, dass es freigegeben wird.
  • Häufig angefragt: Viele Leute fordern derzeit oder haben gefordert, dass das Emoji zur Verfügung steht.

Doch es ist auch wichtig, ein mögliches neues Emoji nach diesen Auswahlkriterien zu testen. Man muss nur sein Umfeld zur Nutzung befragen und auf ihre Meinung achtgeben.

Auf die Nutzer von Emojis hören

Emoji-Nutzer haben ihre Frustration geäußert, dass sie nicht in den Design- und Auswahl-Prozess einbezogen werden. Vor einiger Zeit äußerte man sich bei Apple mit einem gewissen Unmut, als der „Pistolen“-Emoji geändert wurde. Dieser sollte mehr wie eine Wasserpistole aussehen. Ein weiteres Mal gab es einen Aufruhr, als Entwürfe zur Änderung des Pfirsich Emojis bekannt wurden. Er sollte ein bisschen weniger wie ein Hintern aussehen – ein Grund dafür war, dass der Emoji vergleichsweise selten in seiner ursprünglichen Bedeutung genutzt wurde.

Dazu kommt, dass einige Themen nicht mithilfe von Emojis diskutiert werden können – es gibt schlicht und einfach keine passenden Emojis. Dies betrifft vor allem Themen, die für die Nutzer (hauptsächlich Jugendliche und junge Menschen) tabu oder weniger wichtig sindn. Es gab beispielsweise Kampagnen von Firmen wie BodyForm und Plan International, die durchsetzen wollten, dass ein „Menstruations-Emoji“ eingeführt werden soll.

Das Hauptproblem ist jedoch, dass Emojis viele gesellschaftliche Vorurteile widerspiegeln und repräsentieren. Inzwischen wurde zumindest bei den menschlichen Emojis angepasst, dass man zwischen verschiedenen Hauttönen und einem Mann oder einer Frau wählen konnte. Vielleicht wird schon bald jeder Emoji auch in einer Version mit roten Haaren ausgegeben – jedenfalls, wenn die dazugehörige Petition mehr als 21.000 Unterschriften zusammenbekommt, die an Unicode geschickt wurden.

Wie ist es nun also möglich, den Massen ein Mitspracherecht bei der Gestaltung von Emojis zu erteilen? Wie können wir dafür sorgen, dass mehr Menschen und ihre Belange wahrgenommen werden? Wir haben einen Lösungsvorschlag. Eine Plattform, auf der jeder die Möglichkeit hat, einen Emoji vorzuschlagen und zu beschreiben, wie dieser genutzt werden kann und warum dieses Emoji wichtig ist. Der Vorschlag kann dann von anderen Nutzern unterstützt werden.

Wir haben dieses System EmojiDesignOnline genannt und werden dem Unicode-Konsortikum in einem Jahr den Emoji vorschlagen, der die meiste Unterstützung erhalten hat. Also, das nächste Mal, wenn du denkst „Warum gibt es kein Emoji für…?“, dann lass es uns wissen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Emoji Maske“ by aaandrea (CC0 Public Domain)


The Conversation

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FotoOto vs. Aipoly Vision: Zwei Apps helfen Blinden in der Welt der Sehenden

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Die Apps FotoOto und Aipoly Vision unterstützen sehbehinderte Menschen dabei, zu erkennen, was Fotos zeigen und diese zu versenden. Highlight von FotoOto ist, dass sie Farben in Töne verwandeln kann und so Bilder akustisch erlebbar machen soll. Die von Publicis Pixelpark entwickelte App FotoOto ist kostenlos im App Store erhältlich. Eine Alternative dazu ist die App Aipoly Vision, die ihr ebenfalls kostenlos im App Store bekommt. Im Gegensatz zu FotoOto dient Aipoly Vision nicht dazu, um Fotos von seiner Umgebung zu machen und diese zu analysieren. Stattdessen funktioniert sie als Scanner, mit dem man seine Umgebung in Echtzeit untersuchen kann.

Mit den Ohren sehen

Die Apps greifen auf ein bekanntes Prinzip zurück. Unser Gehirn ist dazu in der Lage, akustische Informationen zu interpretieren und sie in visuelle zu verwandeln. Bisher war dafür aber sehr aufwendige Technik nötig. So erzeugte etwa der Wissenschaftler Guillermo Peris für eine Studie (mehr dazu hier beim Deutschlandfunk) mit Infrarot-Lasern und Stereo-Kameras ein komplexes, dreidimensionales Klangbild einer Umgebung, durch sich ein blinder Proband mühelos bewegen konnte. In Zeiten, wo es sprichwörtlich für alles eine App gibt, stellt sich die Frage, ob das nicht auch mit einem simpleren Setup funktioniert.

FotoOto: Nicht für 4-Zoll-Displays optimiert

Als ich FotoOto zum ersten Mal öffne, erwartet mich ein Tutorial zur App. Leider fangen schon hier Schwierigkeiten an. Die Schriftgröße des Textes ist außergewöhnlich groß, so groß nämlich, dass er gar nicht auf den 4 Zoll großen Bildschirm meines iPod touch passt. Hier muss ich scrollen, um alles lesen zu können, was mal mehr, mal weniger klappt.

Im Test hat sich gezeigt, dass die App besser funktioniert, wenn man sie bei eingeschaltetem VoiceOver bedient. Das ist natürlich gewöhnungsbedürftig, dadurch erklären sich aber auch einige nicht beschriftete Schaltflächen. VoiceOver ist eine iOS-interne Bedienungshilfe für Sehbehinderte.

FotoOto verwandelt Bilder in Klänge

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Es fängt gut an: FotoOto erkennt den Kaffeebecher auf meinem Schreibtisch. Screenshot by Niklas Hamburg.

Die Innovation, die FotoOto so besonders macht, ist die Funktion, Bilder in Klänge zu verwandeln. Jede Farbe ist dabei einem speziellen Klang zugeordnet. Die Zuordnung wird im Tutorial vorgestellt und kann auch hinterher – wie auch das ganze Tutorial – erneut aufgerufen werden.

Problematisch ist hierbei, dass die Klänge alle sehr weich und undefiniert sind. Das Bild eines Kissens klingt in etwa wie der Klangteppich, der einem entgegen kommt, wenn man eine CD mit Entspannungsmusik einlegt: Klangschalen, Regenmacher und ruhige Streicher.

Diese Geräuschkulisse in seine Einzelteile zu zerlegen und zu analysieren, welche Farben bzw. Klänge das Bild ausmachen, ist kaum möglich – zumindest für mich als Sehenden. Selbst, wenn ich mir die Zeit nehmen würde, um die ganze Farb-Klang-Zuordnung auswendig zu lernen, erschließt sich mir der praktische Nutzen im Alltag nicht.

Als Information steht einem sehbehinterten Nutzer letztlich nur zur Verfügung, was der Algorithmus auf dem Foto zu erkennen glaubt und welche Farben das Bild enthält, nicht aber, welche Konturen es gibt. Somit taugt der Klangteppich von FotoOto allerhöchstens zur Unterhaltung.

Vieles wird nicht richtig erkannt

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Nicht korrekt übersetzt, aber fast richtig erkannt: die Katze in ihrem Häuschen. Screenshot by Niklas Hamburg

A propos Algorithmus: Leider erkennt die App vieles, das ich im Haushalt so fotografieren könnte, nicht richtig. Überrascht hat mich, dass ein Bild mit komplexem Inhalt, wie eine Katze in einem Katzenhäuschen, fast richtig erkannt wurde. Denn das Bild ist schlecht ausgeleuchtet, was Kameras oft Probleme bereitet. Außerdem es gibt viele weiche Formen und verschiedene Ebenen.

Im Gegensatz dazu wird ein Bild mit geraden Konturen und wenigen Ebenen, wie beipielsweise mein Smartphone, nicht richtig erkannt. Das ist schade, denn möchte ich jemandem ein Bild meines neuen Smartphones zeigen, hat dieser dann nur als Information zur Verfügung, dass das Bild einen Holztisch zeigt und dass die dominierenden Farben Braun und Schwarz sind.

Zwar gibt es noch die Möglichkeit, dem Bild eine Sprachaufnahme hinzuzufügen. Ich kann zum Beispiel erklären, was auf dem Bild zu sehen ist oder einfach die Atmosphäre des fotografierten Ortes einfangen und mit übermitteln. Aber im Test funktionierte das nicht. Außerdem gibt es keine Möglichkeit, die Sprachaufnahme zu beenden, ohne sie gänzlich zu löschen. Des Weiteren konnte der Empfänger, dem ich die Datei im Test geschickt habe, nicht öffnen.

Die Kamerafunktion ist mangelhaft

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Ob hier nicht ein wichtiges Detail vergessen wurde? Screenshot by Niklas Hamburg

Für jemanden, der nicht sehen kann – für den es also reicht, wenn das fotografierte Objekt auf dem Bild zu erkennen ist – mag die Qualität der Kamera ausreichend sein. Jemand, der sehen kann, wird aber mehr als das erwarten. Mir geht es dabei weniger um die Leistung der integrierten Kamera meines iPod touch.

Viel eher stört mich die technische Umsetzung der Integration einer Kamerafunktion in die App. Natürlich ist es praktisch, nicht extra FotoOto verlassen zu müssen, um mit der Apple-eigenen Kamera-App ein Foto zu machen, dann wieder zu FotoOto zurück zu wechseln, dann das Bild aus der Galerie zu importieren, um dann zu erfahren, was sich auf dem Bild befindet.

Leider wurde bei der Integration der Kamerafunktion in die App vieles weggelassen. Der Blitz ist automatisch aktiviert und lässt sich auch nicht ausschalten. Darüber hinaus sind Aufnahmen nur im Hochformat möglich, da die App nicht ins Querformat wechselt, wenn das Gerät gekippt wird. Allerdings funktioniert die Erkennung auch, wenn man das Gerät während der Aufnahme kippt.

Alternative: Aipoly Vision

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Screenshot by Niklas Hamburg

Besser als FotoOto schlägt sich die App Aipoly Vision. Die App kostet nichts, wenn ihr sie herunterladet. Doch um Zugang zu vielen nützliche Features zu erhalten, müsst ihr einen Aufpreis bezahlen.

Die Anwendung setzt auf eine Form der künstlichen Intelligenz. Das Prinzip, dessen sich die Entwickler von Aipoly Vision bedient haben, nennt sich Convolutional Neural Network, kurz CNN. Es bezeichnet eine Art des Machine Learnings, das von biologischen Prozessen inspiriert wurde und vor allem zum Einsatz kommt, wenn Bild- und Audiodaten verarbeitet werden sollen.

Die Scanner-artige App funktioniert so: Wenn Aipoly Vision etwas erkannt hat, erscheint der Name des erkannten Gegenstanden auf dem Bildschirm und wird außerdem vorgelesen. Das ist etwas unangenehm, wenn ich nicht damit rechne. Erst recht, wenn ich mich in der Öffentlichkeit befinde. Doch dafür kann ich schließlich Kopfhörer benutzen.

Anschließend habe ich die Möglichkeit, verschiedene Filter zu benutzen. Der erste Filter scannt wie oben beschrieben die Umgebung und benennt erkannte Objekte. Der nächste Filter analysiert, welche Farbe der gescannte Gegenstand hat. Die Benennung der Farben ist dabei sehr präzise. Es werden alle nur denkbaren Abstufungen von Farben genannt, mitunter leider nicht korrekt aus dem Englischen übersetzt.

Farberkennung beeinträchtigt das Ergebnis

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Ich sollte vielleicht kein Handmodel werden. Aber das hier nicht mein Fuß zu sehen ist, erkennt man doch, oder? Screenshot by Niklas Hamburg

Mich störte außerdem, dass die Farberkennung sehr instabil verläuft. Schon mikroskopisch kleine Ausschläge verändern die erkannte Farbe. Nun bin ich aber des Sehens mächtig und kann das Gerät einigermaßen stabil halten, wohingegen man dies von einem Sehbehinderten nicht erwarten kann. Die Unsicherheit des Filters resultiert in einer nicht abreißenden Aneinanderreihung von Farbtönen: „Rotguss Holzkohle Blaugrau Beige (sprich „bei-ge“) Saphir cool grey“.

Mitunter werden die Farbtöne auch nicht richtig analysiert, wenn Lichtverhältnisse oder der automatisch ein- und ausgeschaltete Blitz die Farbwahrnehmung der Kamera ungünstig beeinflussen. Der letzte frei verfügbare Filter ordnet ein, in welcher Umgebung man sich in etwa befindet, zum Beispiel Schlafzimmer, Fenster oder Computerarbeitsplatz.

Die anderen Filter sind nur in der kostenpflichtigen Version enthalten. Diese liefert Antworten auf Fragen wie: Was ist da auf meinem Teller? Was blüht da auf meiner Fensterbank? Und was steht auf diesem Zettel? Aipoly Vision kann Gerichte, Tiere, Pflanzen und Blumen sowie Text in sieben Sprachen erkennen. Das Abonnement kostet, im Anschluss an eine kostenlose Probephase, 5,99 Euro im Monat.

Fazit: Das darf noch besser werden

Beide Apps haben Stärken und Schwächen. Die Erkennungsleistung schwankt stark. Bei manchen Motiven ist die eine App, bei manchen die andere besser. Insgesamt haben beide Apps Verbesserungsbedarf. Die Idee, eine App zu entwickeln, mit der Sehbehinderte Bilder erkennen und akustisch erfahren können, finde ich klasse. Leider ist die Umsetzung insbesondere bei FotoOto fehlgeschlagen, sodass die App ihren Zweck nicht erfüllt. Nicht einmal zu Unterhaltungszwecken lohnt es sich, FotoOto auszuprobieren.

Auch, wenn Aipoly Vision mit einem begrenzten Funktionsumfang kommt, gefällt mir die Qualität und der Funktionsumfang hier deutlich besser als bei FotoOto. Die Integration einer Aufnahmefunktion in die App wäre wünschenswert, ist aber nicht erforderlich. Überflüssige Features wie die (nicht funktionierende) Sprachaufnahme und die unverständliche Übersetzung in einen Klangteppich wurden weggelassen und ich habe sie auch nicht vermisst. Sechs Euro im Monat sind für eine App zwar verhältnismäßig viel, wer jedoch wirklich unter einer Sehbehinderung leidet, wird sich freuen, dass es derartige Technologie inzwischen zu erschwinglichen Preisen im App Store gibt.

Vergleich
Die beiden Kontrahenten im direkten Vergleich, links FotoOto, rechts Aipoly Vision. In diesem Fall macht FotoOto das Rennen, auch wenn auf der Maus nicht „II“ steht. Screenshots by Niklas Hamburg

Dieser Artikel erschien zuerst auf Applepiloten.


Teaser Image by Publicis Pixelpark; Screenshots by Niklas Hamburg


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Die künstliche Hilfskraft: Wie ein Roboter jedes unserer Bedürfnisse errät

Banksy NYC, Coney Island, Robot (adapted) (Image by Scott Lynch [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Sie ist da – die Welt, in der Hilfsroboter mit uns leben, uns durch den Tag bringen und sogar unsere Freunde werden. Science-Fiction wird zur wissenschaftlichen Tatsache.Wie der Science-Fiction-Autor William Gibson offenkundig bemerkt hat: „Die Zukunft ist bereits hier – sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt.“ Die Nachfrage nach Hilfs-Robotern boomt, und sowohl die akademische als auch die industrielle Welt und das Militär machen Überstunden, um den Bedarf zu decken, während eine völlig neue Industrie an Fahrt gewinnt. Die Nachfrage wird durch die Existenz dieser langweiligen, schmutzigen und gefährlichen Jobs angekurbelt, die trotzdem gemacht werden müssen. Also durch dieser schlecht bezahlten Jobs, die als unter der Würde eines Menschen angesehen werden, zumindest in der entwickelten Welt. Was gäbe es also besseres als einen lebensechten Roboter, um uns von dieser Schufterei zu befreien?

Gute Gesellschaft

Natürlich müssen Roboter auch eine angenehme Gesellschaft sein, wenn wir sie in unser Leben lassen, unser Zuhause und unseren Arbeitsplatz mit ihnen teilen und sie Dinge für uns tun lassen sollen. Diese Anforderungen gelten für alle Roboter, nicht nur diejenigen, die laufen und sprechen, sondern auch für künstliche Intelligenz, die in größere Systeme oder das Internet integriert sind. Benutzerfreundlichkeit wird durch natürliche Sprache und affektives Berechnen erreicht, die es der KI erlaubt, Sie „kennenzulernen“, indem sie den Zyklus Ihres emotionales Zustands durch eine Ableitung Ihrer Stimmlage oder Körpersprache im Laufe der Zeit erkennt. Die Großen in der Technikwelt, wie etwa Google, Microsoft, Apple und Facebook, stecken großen Aufwand in Softwares, die Sprache verstehen können und als sogenannte Chatbots bekannt sind. Sie werden als die nächste große Sache angesehen. Der Vorstandsvorsitzende von Microsoft, Satya Nadella, sagte auf der Build-Konferenz in San Francisco im März, dass Chatbots, oder „Konversation als eine Plattform“, die nächste große Sache im Programmieren wäre, genauso wichtig wie der Wechsel zu graphischen Benutzeroberflächen, dem Webbrowser und Touchscreens. Das ist ein hoher Anspruch, nachdem viele sagen würden, dass dies wichtige Entwicklungsschritte der Interaktion zwischen Mensch und Computer sind. Chatbots bergen das Potenzial in sich, Computerressourcen für nicht-technische Benutzer leicht erreichbar zu machen. Man kann einen Chatbot nutzen, um einen Termin auszumachen, das Auto zur Inspektion anzumelden, Blumen für den ganz besonderen Jemand zu kaufen, einen Urlaub zu buchen, eine Wohnung zu finden oder besondere Interessen auszuleben. All dies wird möglich werden, wenn man einfach einen natürlich sprechenden digitalen Assistenten danach fragen kann, dies zu erledigen. Unter dem Deckmantel von Microsofts Cortana, Facebooks M, Apples Siri, Amazons Alexa und all denen, die noch kommen, werden sich diese kleinen Chatbots einschmeicheln und die Kontaktstelle zwischen Ihnen und den vielen Arbeiterrobotern sein. Sie werden wie eine Kombination aus Vorstandsassistent und Concierge sein, ein enger Vertrauter, der Ihre Bedürfnisse vorhersieht und die Aktivitäten der Vertreter auf einer niedrigeren Ebene reibungslos koordiniert, während diese ihrer Arbeit in der Cloud nachgehen.

Die Poeten von Silicon Valley

Schriftsteller finden heutzutage einträgliche Beschäftigungen in der Welt der Spitzentechnologie, wie neulich in der Washington Post berichtet wurde. Autoren, die einst Drehbücher und Gedichte geschrieben haben nutzen ihr Talent nun, um liebenswerte Charaktere für Chatbots zu erschaffen und ihnen coole Dinge einzupflanzen, die sie sagen können. Die neue Rasse intelligenter digitaler Assistenten sieht gut aus, klingt gut und werden unterstütz durch die neuste KI. Da der Trend hin zur Integration von Geräten in verschiedenen informationstechnologischen Umgebungen geht und den Menschen somit Zugang zu ihren Cloud-verbundenen Anwendungen und Daten über Plattformen hinweg gibt, ist es angemessen, zu erwarten, dass Ihr digitaler Assistent mit Ihnen geht, wenn Sie von einem Gerät zum nächsten wechseln oder von einem Ort zum anderen gehen. Wenn Sie beispielsweise Ihr Zuhause verlassen und in Ihr selbst fahrendes Auto steigen, das seine Batterien mit der Energie der Solarzellen auf Ihrem Dach selbständig geladen hat, wird derselbe digitale Assistent, mit dem Sie in Ihrem Heimarbeitsplatz interagiert haben, zur Stimme in Ihrem Auto werden, der Sie nun die Richtung ansagen. An einem bestimmten Wochentag wird das Auto Sie, wohlwissend, dass Sie zu dieser Zeit an diesem Tag normalerweise zur Arbeit fahren, in einem angemessen gesprächigen Tonfall fragen, ob dies Ihr Ziel ist, so wie es jeder gute Chauffeur tun würde. In der Folgewoche werden Sie ins Auto springen und es bitten Sie zur Arbeit zu bringen, aber der digitale Assistent wird sie an Ihren Arzttermin in Ihrem Kalender erinnern und sollten Sie nicht stattdessen dorthin fahren? Auf dem Weg zu dem Termin werden Sie einige Emails, die der Assistent verfasst hat, überprüfen und versenden. Sie haben außerdem die Zeit, die Inhalte eines Antrags zu diktieren, mit Hilfe Ihres wissenschaftlichen Mitarbeiters/Fahrers. Die Vorstellung eines intelligenten, natürlich sprechenden Assistenten wird trotzdem wahrscheinlich die vier Stadien der Ideenakzeptanz durchlaufen, wie sie durch den Britischen Genetiker John Burdon Sanderson Haldane beschrieben wurden:

  1. Das ist wertloser Unsinn
  2. Das ist eine interessante, aber abwegige Sichtweise
  3. Das ist wahr, aber ziemlich unwichtig
  4. Ich hab’s doch immer gesagt!

In etwa fünf, vielleicht auch erst in zehn Jahren, wenn wir unsere Skepsis überwunden haben und auf unsere digitalen Assistenten angewiesen sind, werden wir uns wundern, wie wir überhaupt jemals ohne sie zurecht gekommen sind. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Banksy NYC, Coney Island, Robot“ by Scott Lynch (CC BY-SA 2.0)


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5 Lesetipps über Twitter für den 14. Januar

In unseren Lesetipps geht es heute nur um Twitter, wie es das Fernsehen und unsere Sprache beeinflusst, neue Funktionen, virale Fakes und Cyberbullying. Ergänzungen erwünscht.

  • FERNSEHEN CNN: Can your tweets change your favorite TV show?: Die per Twitter den jeweiligen Tatort auseinander nehmende Community nutzt den Microblogging-Dienst wohl eher um Frust über oft schlechtes Fernsehen abzulassen. In unseren global vernetzten Welt kennen wir alle Beispiel, von richtigen guten Fernsehserien, die so viel besser sind, als was das deutsche Fernsehen hinbekommt. Diese Beispiele, oft aus den USA, nutzen Social-Media-Kanäle wie Twitter und Facebook aber auch anders als hierzulande. Auch da wird Frust kommuniziert, oft aber auch eine Community aufgebaut, die einer bestimmten Serie folgt.

  • FUNKTIONEN om.co: What Twitter Can Do To Get Better & Increase Engagement: Noch ist nicht raus, ob Jack Dorsey als Twitter-Chef mehr Schaden anrichten wird als er nützt, aber man muss ihm lassen, dass Stillstand nicht zu seinen Strategien gehört. Und vielleicht mag es an seiner Person liegen, dass sämtlichen Ideen und neuen Funktionen so kontrovers diskutiert werden. Der Kommentar von Om Malik ist dadür ein gutes Beispiel und eine lesenswerte Warnung, vielleicht auch einmal die Perspektive bei seiner Kritik mitzudenken.

  • SPRACHE The Huffington Post: Is Twitter Bad For Language? Statistical Analysis Says No: Die englische Sprache mag durch ihre globale Rolle, vor allem im Internet, vielleicht für digitale Kommunikation priviligiert sein, denn sie ist Arbeitssprache des Netzes, seiner ErfinderInnen und der Menschen, die es weiterentwickelt haben. OkCupid-Gründer und Ok-Trends-Blogger Christian Rudder hat die Auswirkungen von Twitter und seinem Zeichenlimit auf die englische Sprache untersucht und ist zu dem Fazit gekommen, dass solche technischen Restriktionen und die kulturelle Popularität von Twitter der englischen Sprache nicht geschadet haben.

  • FAKE BBC News: The Twitter murder that never happened: In Südafrika ging die Suche nach einem Mädchen und dann die Geschichte ihres Todes auf Twitter viral. Verschiedene Medien und auch ein Ministerium berichteten über die emotionale Geschichte oder den thematischen Hintergrund von Gewalt gegen Frauen und Kinder. Doch die Geschichte war ein Fake, auf den sehr viele Menschen reingefallen sind. Eine 18-jährige Südafrikanerin steckte hinter dem Twitter-Account, mit dem sie ihren Frust über das Leben in Südafrika ausdrücken wollte. Was bleibt ist die Grundaussage über die Situation von Frauen in der Gesellschaft, auf die sich scheinbar viele Menschen einigen konnten, und ein paar JournalistInnen, die hoffentlich etwas gelernt haben.

  • CYBERBULLYING WoodTV.com: Twitter polls become outlet for cyberbullies: Dass man auf Twitter auch kleine Umfragen machen kann, wurde in meiner Timeline bisher stets sinnvoll angewendet, meist aber mit einem Augenzwinckern. Ein nettes Feature, mit den man ein paar Scherze machen kann und vielleicht ab und zu sogar was interessantes. In Michigan haben verschiedene SchülerInnen diese Funktion für Cyberbullying genutzt, also mithilfe der Umfrage im Internet MitschülerInnen beleidigt. Daraus lernt man, dass man auch auf Twitter nicht anonym kommuniziert, dass man für seine Kommunikation haftbar ist und das Technologie neutral ist. Es kommt auf uns Menschen an, wie wir sie nutzen und was wir damit mitteilen wollen.

CHIEF-EDITOR’S NOTE: Wenn Ihnen unsere Arbeit etwas wert ist, zeigen Sie es uns bitte auf Flattr oder indem Sie unsere Reichweite auf Twitter, Facebook, Google+, Soundcloud, Slideshare, YouTube und/oder Instagram erhöhen. Vielen Dank. – Tobias Schwarz

Nutze Netzpiloten 1-Klick: Mit nur einem Klick werden dir bequem alle 40 Sekunden die hier besprochenen Seiten „vorgeblättert“ START.

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Wie Witze helfen, die Bedeutung in Sprachen zu entschlüsseln

india laughing (adapted) (Image by anthony kelly [CC BY 2.0] via flickr)

Wieso funktionieren Witze? Die Sprachwissenschaft war sich lange uneins darüber, was in unseren Hirnen jenseits der reinen Verständnisebene passiert. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse.

Was bekommt man, wenn man ein Känguru mit einem Elefanten kreuzt? Sie werden bis zur Pointe warten müssen, aber in Ihrem Kopf dürften bereits Bedeutungsfragmente herumfliegen. Nun, Witze müssen natürlich nicht wirklich witzig sein, aber wenn sie überhaupt funktionieren sollen, dann müssen sie hinter ihren schlichten Wörtern etwas konstruieren.

Sprache ist der Stoff, der uns in unserem täglichen Sozialleben verbindet. Wir verwenden Sprache, um zu tratschen, um uns zu bewerben und um jemanden zu feuern. Wir verwenden sie, um zu verführen und zu streiten, um einen Heiratsantrag zu machen und um sich zu scheiden und ja, auch um merkwürdige Witze zu machen. In Ermangelung von Telepathie lässt die Sprache uns mit unseren Nächsten und Liebsten interagieren und in unserer virtuellen Welt der digitalen Kommunikation auch mit Hunderten von Menschen, die wir sonst vielleicht nie getroffen hätten.

Aber während wir über eine Menge an detailliertem Wissen über die grammatischen Systeme der etwa 7.000 Sprachen dieser Welt verfügen, biss sich die Wissenschaft am geheimnisvollen Elixier der Kommunikation – der Bedeutung – bisher die Zähne aus.

Konzeptionelle Entwicklung

Wie erschaffen Menschen die alltäglichen Bedeutungen, die Dinge bewegen, uns zu Tränen rühren, zu Tode langweilen oder die uns vor Freude ganz schwindlig werden lassen? Die Frage, wie wir Bedeutung erschaffen, ist der heilige Gral vieler Disziplinen der Verhaltens- und Kognitionswissenschaft sowie der Sozialwissenschaften. Außerdem ist diese Frage für diejenigen unter uns, die nach einer Antwort suchen, eines der letzten großen Hindernisse bei der Kartierung des menschlichen Geistes.

Es ist Konsens, dass Bedeutung aus dem Zusammenfluss von Sprache und den Gedanken, die wir in unseren Köpfen umhertragen, entsteht. Aber wie genau? Eine frühe Theorie zur Konstruktion von Bedeutung besagt, dass wir von Geburt an über eine Reihe von Konzepten verfügen. Beim Erlernen unserer Muttersprache fungieren Wörter lediglich als Verweise auf diese Konzepte.

Nun wissen wir aber, unter anderem dank der Forschungen der Entwicklungspsychologin Jean Mandler, dass Konzepte, beginnend im frühen Kindesalter, aus Erfahrungen entstehen. Dabei werden ähnliche Lernmechanismen wie beim Spracherwerb genutzt. Für Kinder in der vorsprachlichen Phase bedeutet Konzeptualisierung Grundlegendes wie die Unterscheidung zwischen belebten und unbelebten Objekten. Diese Konzepte sind die Vorläufer der komplexen und abstrakten Ideen, die in unserem späteren Leben entstehen.

Die Baustelle der Bedeutung

Eine weitere Herausforderung bei der Erforschung der Bedeutungskonstruktion war es, herauszufinden, was Konzepte und Sprache zur Konstruktion von Bedeutung beitragen. Erwägen Sie zum Beispiel die Bedeutung des Wortes “Rot” in den folgenden Sätzen:

Für mich bedeutet Schönheit, sich in seiner eigenen Haut wohlzufühlen. Das, oder ein verdammt guter roter Lippenstift. – (Gwyneth Paltrow)

Der rote Fuchs… ist der größte unter den echten Füchsen und das am häufigsten vorkommende, wildlebende Raubtier. – (Wikipedia-Eintrag)

In jedem Satz bedeutet das Wort “Rot” etwas Anderes: Für die meisten Menschen ist das Rot im Paltrow-Zitat ein richtig starkes Rot, das Rot im zweiten Satz hingegen matt und bräunlich. Das rührt daher, dass die Bedeutung nicht in dem Wort selbst liegt. Sprache gibt uns Anweisungen, verschiedene Teile unseres konzeptuellen Wissens in unserem Kopf zu aktivieren, woraufhin wir den richtigen Rotton von der Farbpalette nehmen.

Bedeutung dirigieren

Der Mensch braucht Konzepte zum Lernen, zum Kategorisieren und für vorsorgende Überlebensplanung. Kommunikation ist nicht der primäre Zweck von Konzepten. Anders als bei anderen Spezies, gab uns die evolutionäre Herausbildung der Sprache ein System, das mit unserem Repertoire an Konzepten interagiert und diese dahingehend umfunktioniert, dass wir im Alltag mit anderen kommunizieren können.

Es ist wie eine Symphonie, aufgeführt von einem Orchester. Das Orchester gibt das “Was” vor, der Dirigent steuert das “Wie” bei, welches die Musik zum Leben erweckt und uns mit seiner klangvollen Pracht bewegt. Konzepte, entstanden aus der Erfahrung der täglichen Interaktion, sind der Inhalt der Bedeutungskonstruktion. Sprache hingegen liefert das Know-how und ermöglicht uns, Gedanken zum Zweck der Kommunikation zu verpacken und zu verschicken.

Dies bringt uns zurück zur entscheidenden Frage, die zu Beginn gestellt wurde, und wirft Licht auf den wohl heikelsten Aspekt der Frage nach der Bedeutungskonstruktion beim Menschen: Die Natur der Vorstellungskraft und der linguistischen Kreativität. Also, was bekommt man, wenn man ein Känguru mit einem Elefanten kreuzt? Die Antwort: Tiefe Löcher in ganz Australien. Wenn Sie aufgehört haben zu lachen, bedenken Sie, was dieses profane Zeugnis menschlicher Kreativität über den Einfluss von Sprache und Konzepten offenbart.

Die Pointe inspiriert uns dazu, unsere Konzepte von Kängurus und Elefanten gezielt zu kombinieren. Ein Elefant ist riesig, während Kängurus herumspringen und in Australien leben. Indem wir diese Aspekte beider Wesen verbinden, erschaffen wir ein Fantasiebild: Ein Organismus in der Größe eines Elefanten, der herumspringt und in Australien lebt. Es wäre unausweichlich, dass eine solche Kreatur tiefe Löcher hinterlässt.

Ob der Witz lustig ist oder nicht; um ihn zu verstehen, müssen wir Sprache so einsetzen, dass nur die relevanten Teile unseres Wissens abgerufen werden. Sprache steuert den Prozess der Bedeutungskonstruktion, indem sie festlegt, auf welche Weise Konzepte verbunden werden sollten. Diese Einsicht ist eine der aufregendsten und revolutionärsten Erkenntnisse der Kognitionswissenschaft des 21. Jahrhunderts. Darüber hinaus bietet diese Einsicht wohl zum ersten Mal einen spannenden Blick darauf, wie menschliche Vorstellungskraft funktioniert und wie Sprache sich mit Konzepten verbindet, um in unseren banalen Akten täglicher Kreativität das außerordentlich vielschichtige Kunststück der Bedeutung entstehen zu lassen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “India Laughing” by Anthony Kelly (CC BY 2.0)


 

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Nach Gutenberg: Journalismus muss Sprachgrenzen überwinden

Frontera Chile-Bolivia, Hito Cajo?n (4480 m) (adapted) (Image by Nico Kaiser [CC BY 2.0] via Flickr)

In einer globalisierten Welt stellen Sprachgrenzen die letzten Barrieren der Kommunikation dar. Besonders im Journalismus sind diese Hürden unsinnig, doch der Wandel fängt hier erst an. Wir wissen in Deutschland viel über die neuesten Innovationen in den USA, wie die Huffington Post, Buzzfeed & Co. den Medienwandel vorantreiben und sind gespannt auf die Pläne des Amazon-Gründer Jeff Bezos mit der Washington Post. Außerhalb des englischen Sprachraums kennen wir uns aber kaum aus, was vor allem an den fehlenden Sprachkenntnissen liegt. Doch auch in Brasilien, Polen und Schweden wird der Medienwandel vorangetrieben. Es wird Zeit über den sprachlichen Tellerrand zu schauen.

In einem unbekannten Land

Gazeta Wyborcza” – auf Deutsch “Wahlzeitung”, ist die größte überregionale polnische Tageszeitung und entstand als Ergebnis der Beratungen des Runden Tisches während der politischen Wende im Frühjahr 1989. Ein Stück polnischer Geschichte, ein Stück der medialen Zukunft in Europa. Wenn die Zeitung nicht nur Medienexperten bekannt wäre, doch die auf Polnisch erscheinende Tageszeitung ist hierzulande relativ unbekannt. Dabei lässt sich von ihr vieles Lernen.

Die Gründe für die Schaffung dieser Zeitung sind zwar schon lange Vergangenheit, doch noch immer ist die Gazeta Wyborcza eines der wenigen Medien in Polen, dem die Bürger vertrauen und das sich eine gewisse moralische Unabhängigkeit bewahrt hat. Die Zeitung traut sich noch eine Position zu und für andere Meinungen eine Plattform zu sein. 2010 hatte sich das Blatt zum Ziel gesetzt, 10.000 Ärzte durch die Berichterstattung darin zu schulen, menschlicher mit den Patienten umzugehen. Motto der Zeitung ist: „Uns ist nicht alles egal“. Solche Artikelserien werden stark bei den Lesern beworben, die pointierte, präzise und auch unterhaltsame Berichterstattung über Missstände kommt gut an und hat zum Teil Züge von Sozial-Kampagne. Für seine Reportagen ist die Zeitung berühmt.

Grzegorz Piechota, der Sonderbeauftragte für Neue Medien bei der Gazeta Wyborcza, dessen Büro gleich neben dem von Chefredakteur Adam Michnik ist, erklärte dazu in einem Interview im Deutschlandfunk: “Wir von der Gazeta glauben, dass Zeitungen eine größere Aufgabe haben, als nur Nachrichten zu verbreiten: Wir sind ein Baustein im demokratischen System und tragen Verantwortung für diese Gesellschaft. Wenn wir also der Meinung sind, dass beispielsweise das polnische Gesundheitssystem marode ist, tun wir etwas, um das zu ändern.” Wann haben Sie das letzte Mal von einer deutschen Zeitung gedacht, dass diese Verantwortung für unsere Gesellschaft übernimmt? Wann hat das jemand mal laut gefordert?

Be of the web, not on the web

Um Sprachgrenzen zu überwinden ist Mut gefragt, in Zeiten der globalen Vernetzung durch das Internet aber auch ein Verständnis für die neuen Möglichkeiten. Buzzfeed hat dieses Verständnis schon oft bewiesen. Die von Jonah Peretti gegründete Nachrichtenplattform ist keine Übersetzung der analogen Presse in das Digitale, sie ist durch und durch digital. Deshalb mag die Lösung des Problems mit den Sprachbarrieren im Journalismus beeindrucken und verwundern, aber nicht das Buzzfeed sie gefunden hat. Die Sprachschüler der Duolingo-Lernapp in Stücke zerlegte Artikel als Teil ihrer Aufgaben übersetzen zu lassen ist der ultimativste Schritt die Möglichkeiten des vernetzten Miteinanders im Rahmen neuer Lern- und Arbeitswelten zu nutzen.

Digitales Lernen ermöglicht orts- und zeitunabhängig sich fortzubilden. Bei den Aufgaben in den Duolingo-Übungen stellen die Übersetzungen aber nur ein Nebenprodukt dar, dass bisher kaum genutzt wurde. Die Arbeit der Schüler sinnvoll einzusetzen war das Ziel von Duolingo-Gründer Luis von Ahn, der schon einmal soviel Weitsicht bewies und in ähnlichen digitalen Gefilden wie Peretti denkt. Ahn hat die Captchas erfunden, die etwas verzerrt dargestellten Buchstaben im Anmeldebereich von Websites, mit denen menschliche Nutzer von Bots unterschieden werden. Auch diese Tipparbeit war vergebene Mühe. Bis Ahn für die Identifizierung der Captchas Buchstaben aus eingescannten Büchern nahm. Mit reCaptcha konnten gescannte Bücher schnell digitalisiert werden. Google kaufte das Unternehmen 2009 und digitalisiert damit rund zwei Millionen Bücher im Jahr.

Die Zukunft liegt hinter dem Tellerrand

Das Beispiel der Gazeta Wyborcza ist ein Plädoyer für den mutigen Blick in andere Richtungen. Nicht jede Innovation muss aus dem Silicon Valley kommen und gerade im Journalismus lohnt sich der Blick auf andere Medien in anderen Ländern. Ein so konservativer und einmaliger Zeitungsmarkt wie der deutsche Markt kann davon noch viel lernen. Überhaupt sollten Medien mehr Mut beweisen, neue Sachen auszuprobieren. Dabei muss aber die Ausgangslage ein Verständnis für das Digitale sein. Das etwas wie reCaptcha nicht im Heimatland von Goethe und Schiller erfunden wurde, in dem man heute noch stolz auf seine riesigen Bibliotheken ist, zeugt von der Innovationsfeindlichkeit und digitalen Rückständigkeit in diesem Land. Aber auch der Regionalität unserer Medien. Auch die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung sind im Zeitalter des Internets nicht mehr als deutschsprachige Regionalpresse, die selten über den eigenen Tellerrand schauen. Dabei würde mehr Offenheit für internationale Entwicklungen und eine Beteiligung daran nützlich sein. Für uns und für andere.


Dieser Beitrag ist in der Netzpiloten-Kolumne zum Medienwandel „Nach Gutenberg“ erschienen.


Image (adapted) „Frontera Chile-Bolivia, Hito Cajo?n (4.480 m)“ by Nico Kaiser (CC BY 2.0)


 

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Wie BBC News mehrsprachige Social News zusamenfassen will

BBC News setzt auf mehrsprachige Nachrichten in Instagram und Line (Image: BBC)

Mit mehrsprachigen Nachrichten in den unterschiedlichsten Formaten erreicht die BBC vollkommen neue Zielgruppen. // von Joseph Lichterman

BBC News setzt auf mehrsprachige Nachrichten in Instagram und Line (Image: BBC)

Wir wollen einem Publikum, das normalerweise eine festgesetzte Meinung über die BBC hat, zeigen, dass sie auch mit der neuen Zeit mithalten kann„, begründet Hernando Alvarez die Versuche der BBC, Nachrichten in den unterschiedlichsten Sprachen in den verschiedensten Formaten auf den mannigfaltigsten Medien zu verbreiten. Und das mit Erfolg.

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Wie nutzen Gehörlose das Internet?

Masificación de Internet (adapted) (Image by Ministerio TIC Colombia [CC BY 2.0] via Flickr)

Für gehörlose Menschen stellt der Alltag und damit auch die Nutzung vom Internet oft weit größere Probleme da, als lediglich das Verstehen von Podcasts, Videos oder Filmen. Viele Gehörlose haben ein grundlegend anderes Verständnis von der Welt. Es ist schwer, ohne Sprachkonzept visuelle Symbole und Schrift zu erfassen – je nach Erziehung ist dieses Problem mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Das übersehen hörende Menschen häufig. Das wirkt sich allerdings auch auf die Aufnahme von Webinhalten auf.

Gehörlose leiden oft unter kognitiven Problemen

Ein Mensch gilt als gehörlos, wenn er eine gravierende Hörschädigung hat. Dadurch ist er nicht mehr in der Lage, Sprache über das Gehör wahrzunehmen. In Deutschland leben zirka 80.000 gehörlose Menschen. Innerhalb dieser Gruppe gibt es allerdings noch Abstufungen. „Es gibt nicht die Gehörlosen. Man muss da immer genau hin schauen“, sagt Joachim Welp, Vorsitzender des Zentrums für Gehörlosenkultur in Dortmund. „Das kommt immer auf die Erziehung an.“ Es sei jedenfalls nicht so, dass Gehörlose „einfach nur nichts hören“. Ohne Sprache aufzuwachsen bedeute auch, ohne symbolische Repräsentation aufzuwachsen.

Als Folge sind emotionale, kognitive und soziale Störungen bei Gehörlosen weit verbreitet. Sie sind häufig nicht in der Lage, Zusammenhänge zu verstehen. „Hörende Menschen denken in ihrer Muttersprache – das fehlt den Gehörlosen, die häufig auch negative Sozialisationserfahrungen gemacht haben“, sagt Welp. In Gehörlosenschulen werden die Betroffenen zwar speziell gefördert, trotzdem verlassen 80 Prozent die Schule mit enormen sprachlichen und kognitiven Beeinträchtigungen. Sie sind sprachlich gesehen auf dem Stand von hörenden Dritt- oder Viertklässlern. „Es gibt aber auch Gehörlose, die kaum oder wenige Probleme mit Schriftsprache haben. Entscheidend ist, wie sie als Kinder gefördert wurden“, sagt Welp.

Das Internet bietet neue Kommunikationswege

Der klassische Kommunikationsweg für gehörlose Menschen ist die Gebärdensprache, die über den gleichen inhaltlichen Wert verfügt wie die Lautsprache. Videos und Filme sollten immer mit der Gebärdensprache übersetzt werden. Das findet sich auch so in der Barrierefreiheit-Informationstechnik Verordnung (BITV 2.0) wieder. Das Hören ist die eine Sache, gehörlose Menschen haben allerdings häufig neben dem fehlenden Gehör zusätzlich Probleme, deutsche Schriftsprache in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen, da ihnen dafür das gedankliche Gerüst fehlt. Gesunde Menschen bilden das schon in ihrer frühen Kindheit aus, gehörlose Menschen haben diese Möglichkeiten nicht. Sie haben eine ganz andere Wahrnehmung von der Wirklichkeit. Die kognitiven Probleme, die eine Hörschädigung in der Regel begleiten, erschwert Betroffenen das Lesen von „normalen“ Inhalten im Netz. Daher sollen Texte in möglichst einfacher Weise – in der sogenannten „Einfachen Sprache“ verfasst werden. Das ist für einen großen Teil der Gehörlosen wichtig, um den Inhalt zu verstehen. „Lautsprache muss nicht nur verschriftlicht werden, sondern auch erläutert“, sagt Welp. Das ist nicht immer der Fall. Es gibt auch Betroffene, die gut mit der deutschen Schriftsprache klar kommen.

Das Internet bietet neben Problemen auch neue Chancen für Gehörlose. Die Kommunikation untereinander und mit hörenden Menschen ist durch verschiedene Programme erheblich leichter. So können Gehörlose beispielsweise Videokonferenzen schalten und sich so auf Distanz verständigen. Es gibt auch die Möglichkeit, während eines Gespräches mit einem hörenden Menschen in Gebärdensprache über Video zu dolmetschen. „Das Internet ist eine erhebliche Erleichterung für die gehörlosen Menschen“, sagt Welp. „Früher gab es Schreibtelefone und Faxgeräte zur Verständigung, durch das Internet hat sich das Angebot enorm erweitert. Diese ganze Entwicklung ist ein Segen für die Gehörlosen.“


Image (adapted) „Masificación de Internet“ by Ministerio TIC Colombia (CC BY 2.0)


 

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Emoticons und Symbole verderben nicht unsere Sprache

Texting Emoji (adapted) (Image by Intel Free Press [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Emoticons sind nicht Ausdruck eines Verlusts von Sprache, sondern ihrer Revolution. Bei vielen Stammtischdiskussionen über Sprache und Internet hört man oft, wie jemand sagt, dass “Textsprache die klassische Sprache zerstört”, wie die Technik den Schreibfaulen in die Hände gespielt hat, sowohl in der Rechtschreibung als auch in den Formulierungen. Große Medienunternehmen wie die L.A. Times, die BBC und die Daily Mail haben die neue Art der Kommunikation durch die Technologie betrauert.

Natürlich verändert sich die Sprache, wenn man sie in Nachrichten oder dem Internet benutzt. Es gibt sogar ein komplettes, linguistisches Untersuchungsfeld über dieses Phänomen, die computergestützte Kommunikation (engl. Computer-Mediated Communication, kurz: CMC). Auch wenn im Titel besonders Computer hervorgehoben werden, bezieht sich CMC auf die Interaktion, die durch Technologien wie Computer, Smartphones oder Tablets gestützt wird.

Im Gegensatz zur Idee, dass diese Neuerungen die Sprache korrumpieren, zeigen sie vielmehr eine kreative Umwidmung der Symbole und Zeichen im neuen Technologiezeitalter. Diese Sprachentwicklungen passieren rasch und mit cleverem und kontext-spezifischem Hintergrund. Hierbei wird die Flexibilität der Sprache deutlich, mit der man nonverbale Bedeutungen in nuancierten, bedeutungsvollen Begriffen vermitteln kann.

Wandel ist nicht gleich Verfall

Seit die Menschen sprechen und schreiben, monieren sie sich darüber, dass Sprache “verdorben werde.

In einem TED-Talk hat der Linguist John McWhorter von Menschen berichtet, die sich über die Entwicklung der Sprache im Wandel der Zeiten aufregten. Beispielsweise meckerte ein Gelehrter bereits im Jahr 63 nach Christus darüber, dass seine Schüler im Lateinunterricht eine Art “künstliche Sprache” benutzten. Daraus sollte sich später das Französische entwickeln.

Ein Zitat von Charles Eliot, dem Präsidenten der Universität Harvard aus dem Jahr 1871 beschreibt einen Umstand, der uns heute ebenfalls recht bekannt vorkommt:

Schlechte Rechtschreibung, Fehlerhaftigkeit und plumpe Ausdrucksweise, die einfachsten Regeln der Zeichensetzung werden ignoriert… all das kommt nicht gerade selten vor bei den ansonsten recht gut vorbereiteten jungen Studenten.

Der junge Theodore Roosevelt, der auch in den 1870ern in Harvard studiert hatte, könnte einer dieser jungen Männer gewesen sein, die hier beschrieben werden. In ihrer Biographie über Roosevelt hat die Historikerin Kathleen Dalton beobachtet, dass der zukünftige Präsident sich eines Tages für die Überprüfung der amerikanischen Rechtschreibung einsetzte. Vieles davon ist heute noch in Benutzung, wie zum Beispiel die Endenumwandlung von -re zu -er, beispielsweise im Wort center, oder dass man -our in -or umwandelt, wie bei color.

Das Emoticon: Mehr als nur ein Gesicht

Heute kann man rasch mit Hilfe vieler Medien miteinander kommunizieren. Es gibt wohl kaum ein besseres Indiz für unsere Kommunikation, das diese Veränderung besser darstellt, als das allgegenwärtige Emoticon.

Das Smiley :) ist ein Doppelpunkt gefolgt von einer geschlossenen Klammer und eine bildliche Darstellung eines lächelnden Gesichts, das auf der Seite steht. Auch wenn ein Smiley also wie ein Lächeln, ein Stirnrunzeln oder alle möglichen anderen Arten von Gesichtsausdrücken aussieht, soll es trotzdem kein Gesicht darstellen, wie viele Internetnutzer oft fälschlicherweise annehmen. Es ist lediglich dazu da, ein Gefühl zu übermitteln. (“Ich bin fröhlich” oder “War nur ein Scherz!”).

Diese Bedeutung war bereits offensichtlich, als das erste Emoticon erfunden wurde. Dieses geht auf Scott Fahlmann an der Carnegie Mellon University zurück. In einer Email aus dem Jahr 1982 schlug Fahlmann :-) als “Markierung vor, um auf Witzchen oder Sarkasmus in schriftlicher Kommunikation hinzuweisen. In seiner ersten legendären Email benutzte er auch zum ersten Mal den Smiley mit dem Stirnrunzeln :-(.

Worte, die diese Gefühle darstellen, werden von Linguisten Diskurspartikel genannt, also kleine Sprachstücke, die die dahinterliegende Information übermitteln. Der Volkskundler Lee-Ellen Marvin nannte diese “die Parasprache des Internets, mit dem Augenzwinkern, das die Verspieltheit einer Aussage gegenüber der Ernsthaftigkeit, die es behandelt, betont”.

In einer Studie über Instant-Messages hat der Wissenschaftler Shao-Kang Lo Emoticons als “quasi-nonverbale Hinweise” bezeichnet, also etwas, dass zunächst wie ein Wort aussieht, aber die Funktion eines nonverbales Hinweises einer Handbewegung oder einem Nicken erfüllt.

Und tatsächlich kann die Vielfältigkeit, mit der man die Emoticons zusammenstellt, etwas über die eigene Persönlichkeit aussagen, genau wie die Lieblingsbrause etwas darüber aussagt, woher man stammt. Beispielsweise stellte Tyler Schnoebelen, Linguist und Computerwissenschaftler, in seiner Studie aus dem Jahr 2012 fest, dass die Nutzer, die eine ‚Nase‘ in den Smiley integrieren, eher zu den älteren Nutzern gehören. Die jüngeren verzichten eher auf die Nutzung der ‚Nase‘.

Die Untersuchung der Emoticons an sich hat nun schon vielfach stattgefunden, jedoch wurden noch keine anderweitigen Symbole untersucht. Diese werden anders als Emoticons benutzt und können der Nachricht eine weitere Bedeutung verleihen.

Emoticons Puck 1881 with Text (Image Unknown typesetter-author of Puck [Public domain], via Wikimedia Commons)
Symbole als Vorläufer der modernen Emoticons wurden von Typographen des 19. Jahrhunderts genutzt. (Image „Emoticons Puck 1881 with Text“ by unknown typesetter/author of Puck [CC0 Public domain], via Wikimedia Commons)

Flüssige Konversation und klare Bedeutung

Haben Sie je gesehen, wie jemand einen Schreibfehler mit einem Sternchen oder Asterisk korrigiert hat? (*asterisk)

Der Asterisk steht für eine Art Korrektur in der Sprache. Sprachliche Korrekturen, oder wie wir uns während eines Gesprächs selbst verbessern, wird bereits seit Jahrzehnten in linguistischen Kreisen analysiert. Bei Sätzen wie “Entschuldigung, ich meinte…” oder “ähm, ich wollte sagen…” kann es seltsam sein, denn diese unterbrechen die Dynamik des Gesprächs.

Diese Art des Sprechens hat sich nun auch online fortgesetzt, hier aber wird die seltsame Wirkung auf ein einziges Symbol reduziert. Anstatt zu sagen “Huch, ich habe mich wohl in meinem Satz eben vertippt”, kann man dieses umständliche Vorgehen verhindern, indem man ein Sternchen vor das Wort stellt. (Beispielsweise: Strenchn –> *Sternchen)

Das ist aber nicht der einzige Nutzen der Sternchen. Benutzt man sie auf beiden Seiten eines Wortes, wird es dadurch betont. [Link: http://www.davidcrystal.com/?id=4420]. Heutzutage wurde diese Schreibweise von Großschreibung und Buchstabenwiederholungen eingeholt, um Intensität und Betonung zu signalisieren, wie die Linguistin Deborah Tannen und die Kommunikationswissenschaftlerin Erica Darics festgestellt haben. Tannen zeigt dies an einem Textbeispiel, dass viele Stile zugleich nutzt, um einen entschuldigenden und aufrichtigen Tonfall zu signalisieren:

JACKIE ES TUT MIR SEHR SEHR LEID! Ich dachte du bist im Taxi hinter uns uns dann habe ich gesehen, dass das gar nicht stimmt!!!! Ich fühle mich soooooo mies! Ruf dir ein neues Taxi und ich bezahle es für diiiiiiich!

Satzzeichen wie Bindestriche und Punkte suggerieren eine Veränderung in Stimmung und Tempo. Ein Beispiel hier sind die verbreiteten Auslassungspunkte. Traditionell wurden sie verwendet, um fehlenden oder ausgelassenen Text in Zitaten zu markieren. Heute kann man daraus auch herauslesen, ob jemand zögerlich oder abgelenkt ist, wie bei diesem Beispiel aus dem berühmten Spiel World of Warcraft:Also… wir leben ja immerhin in der gleichen Stadt, wollen wir uns mal… irgendwann treffen?) Dieser Gebrauch der Auslassungspunkte fügt dem Inhalt eine neue Bedeutung hinzu. Zudem kann es innrhalb der Konversation bezeichnen, dass nun der Gegenpart am Zug ist.

Sogar in die Interfaces wurde dies mittlerwiele eingebaut. Beim Instant-Messaging und Chatprogrammen wie Skype werden die drei Punkte angezeigt, wenn jemand gerade tippt.

Ein einzelnes Symbol ergibt eine komplexe Nachricht

Ein einzelnes Symbol kann zudem eine eigene vollständige Nachricht sein. In ihrem Artikel im Sammelband “Discourse 2.0: Language and New Media beschreibt Susan Hering, wie ein einzelnes Fragezeichen eine ganze Nachricht darstellen kann, die den Nutzer beschreibt, als wäre er verwirrt oder weiß nicht, was er antworten soll.

Mit anderen Worten, das Fragezeichen übernimmt die Funktion einer Klarstellung mit einem einzigen Tastendruck. Ebenso kann ein Ausrufezeichen als Nachricht Überraschung und Aufregung darstellen. Man kann diese Symbole zudem wiederholen, um die Aufgeregtheit zu steigern. Schauen Sie sich diese Unterhaltung an, in der Sprecher B ausschließlich Symbole benutzt, um seine Reaktion auf die Aussagen von Sprecher A auszuführen:

  • A: Ich habe tolle Neuigkeiten.

  • B: ?

  • A: Ich habe heute eine Gehaltserhöhung bekommen.

  • B: !

  • A: Und dazu wurde ich auch noch befördert.

  • B: !!!

Man kann natürlich nicht nur diese beiden Symbole benutzen, um Aussagen zu tätigen. In meiner Untersuchung über World-of-Warcraft-Spieler aus dem Jahr 2012 fand ich heraus, dass innerhalb dieser Spielegemeinschaft (aber auch innerhalb anderer) das Zirkumflex (^) als Zeichen für Zustimmung benutzt wird. Ein Pfeil (< –) zeigte an, dass sich jemand für eine Aufgabe meldete, ebenso, wie man in der Schule die Hand hob.

  • A: Ich bin total urlaubsreif.

  • B: ^

  • A: Wer will mir mir nach Florida fahren?

  • B: < —

Diese Beispiele stellen alles andere als verkrüppelte Sprache dar, sondern machen deutlich, wie Menschen komplexe Gefühlszustände stromlinienförmig kommunizieren. Das passt gut zu unserer modernen, schnellebigen Welt.

Der Artikel ist zuerst auf theconversation.com erschienen und unter CC BY-ND 4.0 lizensiert. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Image (adapted) „Texting Emoji“ by Intel Free Press (CC BY-SA 2.0)


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Ein Experiment: The New York Times auf Spanisch

Se Habla Espanol (Bild by Jairo Zelaya [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Auf der Suche nach internationalem Wachstum setzt die Zeitung „The New York Times“ verstärkt auf Übersetzungen, vor allem ins Spanische. Egal, in welcher Sprache man es liest, A.O. Scott hatte eindeutig ein paar Probleme mit Fifty Shades of Grey („Mr. Dornan wirkt so ausdruckslos wie ein Modell, das bedeutet, wie eine Figur aus Balsaholz oder Lego.„). Die Rezension des Filmkritikers der New York Times gibt es jetzt auch auch Spanisch – einer von einer handvoll Artikeln, die die Zeitung an den meisten Tagen übersetzt („Dornan tiene la insípida afectación de un modelo, con lo que quiero decir una figura hecha de madera balsa o de legos.„).

Innerhalb der letzten Wochen hat die New York Times diese Berichte in einer neuen Sparte namens „América“ veröffentlicht, wo sie bisher jedoch eher unbeachtet geblieben sind. Die Beiträge sind eine vielseitige Mischung aus technikorientierten Artikeln über Unternehmen, die sich in virtuelle Realitäten begeben, oder Reiseberichte und Kolumnen, wie die von Paul Krugman. Die dazugehörigen Feeds auf Twitter und Facebook teilen auch Inhalte der New York Times auf Spanisch.

Das Ganze ist Teil eines Übersetzungsexperiments, sagt Lydia Polgreen, stellvertretende Redakteurin der New York Times für Internationales:

Polgreen wollte keine weiteren Aussagen über das Projekt machen, man wäre noch in der Frühphase. Sie gab einen Ausblick auf das Projekt des Nieman Lab’s Prediction for Journalism 2015 Package, an dem sie mitgewirkt hat und das im Dezember 2015 erscheinen soll:

Ich werde das kommende Jahr wie folgt verbringen: Als Leiterin eines unternehmerischen Teams, das herauszufinden versucht, wie man das Publikumsinteresse an der New York Times auch außerhalb der USA steigern kann. Dazu müssen wir herausfinden, was die Leute wollen und wann sie es wollen. Ich kann nicht jedes einzelne Wort der New York Times in jede einzelne Sprache übersetzen. Das hat aber auch sein Gutes, denn die Zukunft der Nachrichten wird zwangsläufig auch beinhalten, den Leuten nicht nur das zu geben, von dem wir denken, dass sie es wissen sollten, sondern was sie eventuell gern wüssten – auch wenn sie davon bisher noch nichts geahnt haben.

Die New York Times hat in den vergangenen Jahren einen erheblichen Aufwand betrieben, um ein weltweites, multisprachliches Unternehmen zu werden. Gelegentlich wurden bereits Geschichten und Leitartikel ins Spanische übersetzt, wenn der Gegenstand des Artikels von besonderem Interesse für die Menschen in Lateinamerika sein könnte (ebenso bei anderen Spachen, zuletzt ins Malaysische).

Das Spanischprojekt unterscheidet sich jedoch von den vorherigen Übersetzungen, denn die hier übersetzen Artikel fokussieren sich nicht ausschließlich auf die Belange der spanischsprachigen oder lateinamerikanischen Welt. Die neuesten Themen behandelten die Ukraine, China und die Serie „Better Call Saul„.

Im Jahr 2012 hat der Herausgeber Arthur Sulzenberger das globale Wachstum als eines der vier Schlüsselpositionen für weitere Investitionen benannt. Im Folgejahr wurde der International Herald Tribune als Handelsmarke der New York Times veröffentlicht. Im vergangenen Monat hat Dan Baquet, der Executive Director der Zeitung, ein Memo an die Mitarbeiter herausgegeben, in dem die ungefähren Ziele für 2015 enthalten waren. Die ausländischen Leser haben nun Vorrang für die Zeitung:

Die Times konnte zunächst einen neuen Markt als die eine nationale Druckschrift erschließen. Nun sehen wir, dass es zwingende Möglichkeiten gibt, unser internationales Publikum zu vergrößern. Wir versuchen noch zu entscheiden, auf welchen Bereich wir zuerst eingehen sollen und wie man das am Besten angeht.

Die Notiz hat jedoch eher gemischte Reaktionen hervorgerufen, als es darum ging, die Reichweite zu vergrößern. Im Jahr 2012 wurde eine chinesische Version der New York Times herausgebracht, zudem gab es auch Personal, das in China ansässig war. Es dauerte nicht lange, bis die Seite von der chinesischen Regierung blockiert wurde. Im Abschluss wurden Artikel über den Reichtum und die Macht der vorherigen Premierminister veröffentlicht (Das letzte Ventil der New York Times innerhalb Chinas waren die Accounts auf Sina Weibo, die aber im Februar abgeschaltet wurden). Es gab Pläne, eine ähnliche Seite für portugiesische Leser in Brasilien aufzubauen, doch diese haben sich mitterweile zerschlagen.

Die New York Times war auch eine der ersten Medienunternehmen, die ihre Aufmerksameit in Richtung Indien gerichtet hat. So kam es zur Initiierung von India Ink im Jahr 2011. Das Blog ist im vergangenen Jahr deaktiviert worden, denn die Bearbeitung der Thematik Indiens floss von nun an in die umfassendere weltweite Berichterstattung der New York Times.

Zuerst erschienen auf niemanlab.org. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Teaser & Image by Jairo Zelaya (CC0 Public Domain)


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5 Lesetipps für den 5. Januar

In unseren Lesetipps geht es heute um das Streaming von Musik, die Sprache der Zukunft, Journalismus im Jahr 2015, die digitale Arbeitswelt und Geschichte. Ergänzungen erwünscht.

  • STREAMING Süddeutsche Zeitung: Spotify & Co. wird zum Massengeschäft: Über die Feiertage lockte der Streaming-Dienst Spotify hierzulande neue Kunden mit drei Monaten Mitgliedschaft für nur 99 Cent. Wie erfolgreich das Angebot war, weiß ich nicht, aber es ist eine bekannte Entwicklung des letzten Jahres, dass die Zahl der Musik-Downloads rückläufig ist, während die Zahl der Streaming-Abrufe wächst. Den meisten Nutzern geht es heute immer weniger um den Besitz einer Privatkopie, sondern viel mehr um den Zugang zu Musik – möglichst preiswert und von all ihren Geräten. Doch weil man damit weniger Geld verdient, wehren sich die ersten Musiker dagegen, wie z.B. Taylor Swift. Mal sehen, was das Jahr 2015 noch bringt.

  • SPRACHE The Wall Street Journal: What the World Will Speak in 2115: Das „The Saturday Essay“ des Sprachwissenschaftlers John H. Dr. McWhorter im Wall Street Journal hat mich an diesem Wochenende am meisten begeistert. Es ist ein spannender Text über die Entwicklung von Sprachen im Zeitalter der Globalisierung und die Thesen von McWhorter widersprechen wohl so jeder Aussage der hierzulande sehr konservativ geprägten Debatten zu diesem Thema. Zwar werden Sprachen verloren gehen und die restlichen Sprachen sich simplifizieren, aber das ist eine ganz normale Entwicklung und muss nichts schlechtes sein. Bisher wurde das biblische Sprachgewirr Bables als Fluch gesehen, der es zum einen nicht wirklich ist und dessen Zeit aber wohl langsam vorbei ist.

  • JOURNALISMUS Neue Digitale Medienwelt: Die sechs guten Vorsätze für Medien 2015: Ich habe gestern auf meinem Blog über vier Lektion des Medienwandel im Jahr 2014 geschrieben, den ich bei den Netzpiloten beobachtet habe. Diese Lektionen sind auch Arbeitsaufträge für uns, die ich gerne um diese sechs guten Vorsätze für Medien ergänzen möchte, die Stefan Westphal in seinem Blog über die neue digitale Medienwelt veröffentlicht hat. Denn das neue Jahr bietet viele Chancen, die Medienbranche und den Journalismus positiv weiterzuentwickeln, woran wir Netzpiloten uns gerne beteiligen.

  • ARBEITSWELT Golem: „Ganze Berufsfelder sind von der Digitalisierung bedroht“: Die Gewerkschaft Verdi will dasThema der Arbeitswelt im digitalen Zeitalter zu einem Schwerpunkt dieses Jahres machen, wie der Vorsitzende Frank Bsirske im Interview mit der dpa ankündigte. Mit einer Automatisierungsdividende, die in nicht bedrohte Branchen investiert werden müssen, um durch Automatisierung verloren gegangene Arbeitsplätze zu ersetzen, hat Bsirske schon eine diskussionswürdige Idee präsentiert. Ich bin gespannt, ob es nur um Reaktionen auf negativ gesehene Folgen gehen wird, wie z.B. ein Recht auf binäre Nichterreichbarkeit, oder ob die globale Vernetzung, Crowdsourcing, Coworking, etc. auch als zu gestaltende Chance gesehen werden. Dafür bräuchte es auch einen starken Wortführer, den die ihren zukünftigen Platz suchenden Gewerkschaften bisher nicht abgaben.

  • GESCHICHTE Blog von Achim Landwehr: Lepanto oder der fortgesetzte Missbrauch der Vergangenheit: In der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung durfte gestern der AfD-Politiker Konrad Adam einen sehr geschichtsvergessenen Text über die Schlacht von Lepanto auf Seite 2 der Zeitung veröffentlichen. Zuerst ärgerte ich mich über die politisch eindimendionale Nacherzählung der Geschehnisse, denn Adam reduzierte die Schlacht auf einen Glaubenskampf zwischen Christentum und Islam. Doch nicht nur mir, der ein Semester lang venezianische Geschichte in Venedig studierte, missfiel das, sondern auch dem Düsseldorfer Historiker Achim Landwehr, der auf seinem Blog eine lesenswerte Antwort gab und mir dabei auch wieder einmal zeigte, was das Schöne am Blogging ist.

Die morgendlichen Lesetipps und weitere Linktipps am Tag können auch bequem via WhatsApp abonniert werden. Jeden Tag informiert dann Netzpiloten-Projektleiter Tobias Schwarz persönlich über die lesenswertesten Artikel des Tages. Um diesen Service zu abonnieren, schicke eine WhatsApp-Nachricht mit dem Inhalt arrival an die Nummer +4917622931261 (die Nummer bitte nicht verändern). Um die Nachrichten abzubestellen, einfach departure an die gleiche Nummer senden. Wir werden, neben dem Link zu unseren morgendlichen Lesetipps, nicht mehr als fünf weitere Lesetipps am Tag versenden.

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5 Lesetipps für den 23. Oktober

In unseren Lesetipps geht es heute um Interaktion auf YouTube, den IT-Gipfel, Crowdfunding, Sprache im Digitalen und die Pressefreiheit im Bundestag. Ergänzungen erwünscht.

  • YOUTUBE Broadmark: Wo die Interaktionshölle YouTube Deutschland hinführt: Auf Broadmark.de schreibt der Blogger Jan Karres über die Folgen der Fokussierung von YouTube auf Interaktion. Diese ist für die YouTuber wichtig, denn sie wirkt sich auf das Ranking von YouTube als Suchmaschine aus und hat so Auswirkungen auf die Reichweite. Doch die Kommentare können immer mehr zum Problem für die YouTube werden, denn auf Quantität statt Qualität zu setzen, erfordert ein umfassendes Community Management. Karres erklärt in dem Beitrag, wie er das händelt.

  • IT-GIPFEL Heise Online: Ein Gipfel von Gestern: Auf Heise.de findet sich die wohl zur Zeit realistischste Einschätzung des IT-Gipfels der Bundesregierung: „Doch der IT-Gipfel ist kein Ort für Diskussionen oder gar Entscheidungen, sondern eine Verkündungsveranstaltung. Wie ein viel zu lang geratenes Pressestatement, bei dem die wichtigsten Akteure keine Fragen und Infragestellungen zulassen, wird dort die Weisheit verkündet – oder zumindest das, was die hohen Damen und Herren dafür halten.“ Was die Bundesregierung und Wirtschaft bei ihrem „IT-Gipfel“ am Dienstag in Hamburg geboten haben, war alles andere als eine Spitzenvorstellung, meint Falk Steiner.

  • CROWDFUNDING Zeit Online: Die Crowd, die nicht misstraut: Manches scheint zu schön, um wahr zu sein. Diese Weisheit setzt sich in letzter Zeit verstärkt auf Crowdfunding-Plattformen durch, denn unter dem Begriff Scampaign gibt es immer mehr Geld einsammelnde Projekte, die nicht im Ansatz halten, was sie versprechen. Auf Sueddeutsche.de erklärt Eike Kühl die logische Konsequenz von erfolgreichen Crowdfunding-Kampagnen, die es geschafft haben, viel Geld einzusammeln: Betrugsversuche und Hochstapler. Kein neues Phänomen des Internets, denn Investitionsgelder ergaunernde, vermeintliche Erfinder gab es auch schon immer. Jetzt eben auch im Internet.

  • SPRACHE Vocer: “Facebook und all der Scheißdreck”: In einem Gastbeitrag auf Vocer wirft „Next Level Publishing“-Gründer Jan Klage einen Blick auf die Digitalisierung unserer Sprache. Im zweiten Teil der Vocer-Artikelserie geht es darum, was “Facebook und all der Scheißdreck” (Günter Grass) mit unserem Wortschatz anstellen. Soviel sei schon hier verraten, sie wächst um neue Begriffe aus neuen Bereichen, ein natürlicher Prozess, den „Verarmungspessimisten“ gerne übersehen.

  • PRESSEFREIHEIT Telemedicus: Zur rechtlichen Zulässigkeit satirischer Berichterstattung aus dem Bundestag: Noch ist das Problem mit der Akkreditierung von durch die Verwaltung des Bundestags nicht genehmer Presse nicht gelöst (Was sich diesen Herbst aber noch ändern wird. Stay tuned!), weshalb es nach Bloggern wie mich im Frühjahr nun die ZDF-Sendung „Heute Show“ getroffen hat. Jonas Kahl kommentiert auf Telemedicus erneut das Vorgehen der Bundestagsverwaltung und zeigt auf, wie gefährlich eindimensional für ein Organ unserer Demokratie, im dem dem Volk gewidmeten Haus ein Grundrecht wie die Pressefreiheit ausgelegt wird.

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Digitalisierung der Sprache: Thesaurus-Tage und Nasensmileys

Word Nerd (adapted) (Image by Ryan Hyde [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Um das Potential der Digitalisierung voll auszuschöpfen, müssen wir lernen, Sprachblasen zu überwinden und Wortbarrieren abzubauen. Lässt das Internet unsere Sprache verkümmern oder erweitert der permanente Stilwechsel unsere Wortgewandtheit? Skeptiker beschreien die linguistische Verflachung, Optimisten die Entstehung einer Weltsprache. Doch trotz globaler Verständigung dank Emojis tendieren wir dazu, Sprachbarrieren zwischen verschiedenen Gruppen zu schaffen. Um diese überwinden zu können, müssen wir uns mit unserer Art zu sprechen und zu schreiben auseinandersetzen.

Sprachverfall oder Kompetenzboost?

Am Samstag war der Tag der deutschen Sprache. „Wie passend„, dachte ich, als ich durch Zufall über diese Information stolperte. Das Thema Sprache hat mich die letzten Wochen ziemlich auf Trab gehalten. Es fing damit an, dass meine Freundin und ich im Urlaub beschlossen, dass es nicht angehen kann, dass wir zur Beschreibung der wilden Landschaft der Bretagne und der herzschlagbeschleunigende Weite des Atlantiks nur Worte finden konnten wie cool und geil. Wir schalteten also in den Thesaurus-Modus. Sobald jemand von uns (oder in unserer Umgebung) cool oder geil sagte, fingen wir an, Ersatz-Wörter zu suchen. Erschreckenderweise war das oft gar nicht so einfach und es stellte sich die Frage: Ist unser Wortschatz geschrumpft? Und wenn ja, woran liegt das bitte?

Am Internet!“ Die Antwort kommt ganz natürlich – und das in meinem angeblich so online-affinen Kopf. Was ist da los? Haben Panik-Aussagen wie „Twitter und SMS schaden der Sprache“ doch Anklang gefunden in meinem Gehör? Eigentlich habe ich mich gegen diese Angstmacherei immer gewehrt. Aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, scheint es mir tatsächlich möglich. Groß- und Kleinschreibung habe ich in SMS oder Threema-Nachrichten längst aufgegeben. Die Autokorrektur macht da eh, was sie will. In privaten E-Mails oder Foren-Beiträgen spare ich mir Großschreibung selbst auf der Laptop-Tastatur. Und ganz ehrlich: Natürlich schreibe ich in geschriebenen Dialogen meistens keine ausgefeilten Sätze und genauso oft gibt es als Antwort nur ein: jo, passt, läuft, cool oder super.

Nun stell sich die Frage: Ist das schlimm? Sprache verändert sich nun einmal. Anne Curzan ruft mit Hilfe der fabelhaften Wort-Neukreation adorkable dazu auf, nicht aus purer Sturheit am liebgewonnenen Alten festzuhalten. Genauso wenig pessimistisch sehen das andere Sprach-Experten.

Die meisten von uns wechseln ständig zwischen verschiedenen Sprachstilen hin und her: „Morgens im Büro korrektes Hochdeutsch, nachmittags auf Twitter kurzsilbige Pointen, abends im Chat schluderiger Redeschwall.“ Deswegen sei unsere Schriftkompetenz sogar gestiegen. Tatsächlich wird von einigen Seiten schon das Zeitalter einer globalen Sprache ausgerufen – den Emojis sei Dank. Der erste Klassiker ist schon übersetzt: emojidick.com.

Die Nasenfrage bleibt bestehen

Also: Keine Panik? Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Einmal sind Emojis keineswegs eindeutig. (Ich empfehle zur Weiterbildung auch 2 Broke Girls, Season 2, Episode 7). Für mich persönlich bieten einfache Text-Smileys schon genug Fallstricke. Ich habe neulich erst rausgefunden, dass ich wohl die einzige bin, die ^^ als amüsiert oder vielversprechend hochgezogene Augenbrauen verwendet. (Ja, ich wusste schon immer, dass das falsch ist, aber ich dachte bisher, dass wir das alle gleichermaßen kreativ uminterpretiert hätten.) Dazu kommt noch, dass wir zunehmend das Vertrauen in das reine geschriebene Wort verlieren. Selbst in meinen beruflichen E-Mails wimmelt es von :-) und ;). Nicht, dass nachher die E-Mail-Empfängerin meinen Witz als bare Münze nimmt. Was sagt es überhaupt über mich, dass ich ständig zwischen Nasen- und Nicht-Nasen-Smileys wechsele? Bin ich auf der Schwelle zwischen der :-) und der XD Altersgruppe? Und wenn schon ich mich ermahnen muss, XD-Nutzerinnen nicht als unzurechnungsfähig einzustufen, was ist wohl die umgekehrte Reaktion *wunder*?

Es scheint also durchaus angebracht, über Sprache und ihre Gestaltung im Internetzeitalter nachzudenken – nicht nur aus schöngeistigen und persönlichen Gründen. Netzpiloten-Kolumnist Nico Lumma hat die Wichtigkeit überlegter Formulierung bezogen auf den „sperrigen Begriff“ Netzpolitik schon angedeutet. Schrecken wir einen Großteil unserer Mitmenschen durch das bloße Wort ab? Hyperland führt die Debatte weiter: Es leuchtet ein, dass es schwierig wird, über Google und Facebook sachlich zu diskutieren, wenn wir beide durch die Dauerverwendung des Begriffs Datenkrake nur noch als „glitischige Ungetüme“ wahrnehmen. Und dass Worte wie Internetausdrucker und Netzversteher einen Graben in unserer Gesellschaft betonen, den wir lieber überwinden statt vertiefen sollten, trifft bei mir eh auf offene Ohren.

Innovationskiller Sprachblase

Wie ungemein wichtig Sprache bei der gemeinsamen Arbeit an der (digitalen) Weiterentwicklung unserer Gesellschaft ist, merke ich immer wieder, wenn ich mal aus meiner persönlichen Sprachblase herausschreite. Genauso abschreckend, wie auf mich am Anfang meiner Laufbahn die Ausdrücke vertikaler Mehrkanalansatz und medienbruchfreie Veraktung gewirkt haben, so unnötig erscheinen vielen die ständigen Anglizismen und Akronyme, mit denen ich permanent um mich schmeiße. Hat die EIdG egtl auch über die UX von Open-Gov-Projekten gesprochen? Btw, forscht überhaupt jmd zu OS bei so Cloud-Geschichten? Oft genug bringt mir das skeptische Blicke ein. Wie tragisch wäre es, wenn diese andere Sprache dazu führen würde, dass wir gar nicht mehr versuchen, einander zu verstehen? Wir können schlecht predigen, dass wir unsere gesellschaftlichen Denkprozesse für Innovationsimpulse von allen Seiten öffnen müssen, um dann unüberwindliche sprachliche Zugangshürden zu pflegen.

Was tun? Ich persönlich werde für mein eigenes Wohlbefinden dauerhaft im Thesaurus-Modus bleiben und weiterhin zwischen Nasensmileys und Emojis oszillieren. In meinen Vorträgen und Gesprächen werde ich mir noch mehr Mühe geben, meine Ideen möglichst blasenübergreifend zu erklären. Nicht falsch verstehen: Ich will geil, rofl und medienbruchfreie Veraktung nicht aus meinen Wortschatz verbannen. Ich will sie immer dann einsetzen, wenn sie die tatsächliche Idealbesetzung sind und nicht, weil mir nichts Besseres einfällt. Und ich will sie im Zweifelsfall umschreiben und ersetzen können. Mitstreiter jederzeit willkommen!


Image (adapted) „Word Nerd“ by Ryan Hyde (CC BY-SA 2.0)


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5 Lesetipps für den 27. März

In unseren Lesetipps geht es heute um das Verbindunsgarrangement zwischen Netflix und Comcast, Algorithmen, Sprachen im Digitalen, die Geschichte hinter Oculus und Sexismus im Internet. Ergänzungen erwünscht.

  • VERBINDUNGSARRANGEMENT HIIG: Ein sozialwissenschaftlicher Blick auf den Verbindungs-Deal zwischen Netflix und Comcast: Auf dem Blog des Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft setzt sich Uta Meier-Hahn mit dem Verbindungsarrangement von Netflix und Comcast auseinander und geht der Theorie nach, dass der Aufruhr über diese Entscheidung in der Verunsicherung darüber liegt, dass wir nicht für uns als konsumierende Gesellschaft geklärt haben, ob es legitim ist, dass sich Netzakteure von Internetzugangsanbietern über Netzbetreiber bis zu Distributions-Netzwerken miteinander verbinden können.
  • ALGORITHMEN Pacific Standard: From the NSA to OKCupid, 5 Algorithms That Rule Your World: Auf der Website des Pacific Standard stellt Kyle Chayka fünf Algorithmen vor, die seiner Meinung nach die Welt kontrollieren. Es ist vielleicht in diesen Tagen nicht verwunderlich, dass Algorithmen der NSA zur Überwachung des Internets und Algorithmen zur Verschlüsselung noch vor dem Algorithmus der Suchmaschine Google oder Algorithmen für den Hochfrequenzhandel kommen, aber wieso der Algorithmus der Partnervermittlungswebsite OKCupid in den Top 5 ist, muss erklärt werden, was Chayka auch macht.
  • SPRACHEN The Guardian: Europe’s smaller languages fight to survive: Die Globalisierung und Digitalisierung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stellt eine zunehmende Bedrohung für kleinere Sprachen dar, denn neben der englischen Sprache ist das Internet vor allem voll russischer, spanischer und chinesischer Inhalte. Doch im Digitalen liegt vielleicht auch die Rettung dieser Sprachen, wie Rihards Kalni?š vom baltischen Startup Talde erklärt.
  • OCULUS Time.com: The Inside Story of How Facebook Got Oculus VR: Facebook kauft Oculus für zwei Milliarden US-Dollar, ein Unternehmen, dass eine Brille für 3D-Gaming entwickelt hat. Spannend ist, was Facebook damit vor hat, aber bis das klar erkennbar ist, ist die Geschichte hinter dem Firmengründer Palmer Luckey genauso lesenswert. Auf Time.com stellt Lev Grossman die Geschichte des 21-jährigen vor, der bisher nur ein in seinen Fähigkeiten sehr limitiertes Gerät gebaut hat, dass aber Potenzial für mehr besitzt. Mark Zuckerberg hat das erkannt.
  • SEXISMUS PandoDaily: Belgium just banned sexism from the internet: In Belgien verbietet ein neues Gesetz Sexismus im Internet. Was zwar wie eine schwierige Aufgabe klingt, aber durchaus als positiv bewertet werden kann, hat aber natürlich eine dunkle Schattenseite, wie immer bei nationalen Regularien für das globale Internet. Das Gesetz gilt nämlich quasi weltweit, denn nicht die Gesetzgebung des Ursprungsland eines vermeintlich sexistischen Inhalts ist damit entscheidend, sondern das belgische Gesetz. Glaubt jemand in Belgien, einen Fall von Sexismus gefunden zu haben, kann er oder sie die Person, Nachrichtenseite oder das Unternehmen verklagen – in Belgien. Egal ob es es sich um einen kolumbianischen Blog, ein deutsches Unternehmen oder einer chinesischen Fotografin handelt.

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5 Lesetipps für den 1. November

In unseren Lesetipps geht es heute um das Nutzerverhalten in sozialen Netzwerken, die fragwürdigen Dementis der NSA, Yahoos Ziele in Deutschland, was das Silicon Valley eigentlich tun sollte und Gedanken über die Sprache. Ergänzungen erwünscht.

  • SOZIALE NETZWERKE W&V: Bitkom-Studie: Facebook schlägt sie alle: Die Mehrheit der Nutzer von sozialen Netzwerken schützt aktiv ihre Privatsphäre. Das belegt eine Studie des Branchenverbands Bitkom, für die über 1.000 Internet-Nutzer befragt wurden. Demnach geben in allen untersuchten Altersgruppen mehr als die Hälfte der Befragten an, sich mit den Privatsphäre-Einstellungen des genutzten Social Networks auseinandergesetzt und diese gegebenenfalls geändert zu haben.
  • ÜBERWACHUNG Zeit Online: Die Dementis der NSA, die keine sind: Die NSA weist Vorwürfe zurück, die so niemand erhoben hat, sie definieren zentrale Begriffe anders, als es die Allgemeinheit tut, oder verengen selbst die Fragestellung. Mit Spitzfindigkeiten versuchen sich die Verantwortlichen aus der Affäre zu ziehen. Auf Zeit Online schreibt Patrick Beuth über die PR-Rhetorik und nennt fünf Beispiele für die Dementis, die keine sind.
  • YAHOO Hyperland: Yahoo versucht auch in Deutschland den Neustart: Wenn von globalen Netz-Firmen die Rede ist, fallen in Deutschland stets vier Namen: Google, Amazon, Facebook, Apple – Yahoo gehört meist nicht dazu. Im Mutterland des kommerziellen Webs aber gibt es eine überraschende Entwicklung: Zum dritten Mal in Folge landete Yahoo bei den absoluten Nutzerzahlen vor dem omnipräsenten Google – nun soll Deutschland folgen, wie der ehemalige Netzpilot Stefan Mey im Hyperland-Blog erklärt.
  • SILICON VALLEY PandoDaily: Liberty needs a lobbyist, and that lobbyist has to be Silicon Valley: Es ist unklar, inwiefern die großen IT-Unternehmen des Silicon Valley an der Überwachung des Internets beteiligt sind, ob freiwillig, gezwungen oder was sie überhaupt wussten. Hamish McKenzie fragt, ob sich die Unternehmen wirklich daran beteiligen sollten. Denn es geht nicht um Überwachung, sondern Freiheit. Anstatt überwachte Sicherheit, braucht es Freiheit und gerade das Silicon Valley könnte dazu beitragen.
  • SPRACHE Paroli: Für alle Zeit verklungene, erste Worte: Für viele Experten war die Entstehung der Sprache ein langwieriger Prozess, der niemals endet. Andere wiederum schreiben sie einer höheren Macht zu; denn nur der Schöpfer selbst könne die Menschheit zu mündigen Lebewesen machen. Ein Diskurs für die Ewigkeit und lesenswerter Beitrag von Jan Michael Marchart auf Paroli.

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Netzpolitik oder Digitalisierungspolitik: Worum geht es hier eigentlich?

Aus Netz- wird Digitalisierungspolitik und aus Vorratsdatenspeicherung Mindestspeicherfrist: Versucht die CDU das Feld der Netzpolitik nach eigenen Vorstellungen neu zu definieren, um Deutungshoheit zu erlangen? // von Nicolas Morgenroth

Netzpolitik ist das Thema, mit dem die Piraten sich als Partei zu profilieren schienen. Netzpolitik ist der Begriff, der für Wirbel in der etablierten Welt der politischen Fachressorts sorgte und auch den Rahmen für eine neue Bürgerrechtsbewegung bot. Im Wahlkampf wurde es jedoch auffällig ruhig um ihn. Die Lücke, welche die Nicht-Beachtung netzpolitischer Themen von Seiten der Regierung hinterließ, konnten oder wollten die Oppositionsparteien offenbar nicht füllen. Zur Vorbereitung auf die Koalitionsverhandlungen erstellte jedoch ein Arbeitskreis der CDU ein Positionspapier zur „Digitalisierungspolitik“. Der Begriff „Netzpolitik“ findet darin keine Erwähnung. Zudem werden in den nun laufenden Koalitionsverhandlungen netzpolitische Themen im Kulturausschuss, Unterarbeitsgruppe „Digitale Agenda“, behandelt. Weiterlesen »

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Dem Algorithmus ein natürlicher Feind sein?

Algorithmus

Es kam, wie es kommen musste. Der Algorithmus. Eine Handlungsvorschrift, die sequentiell, also nacheinander abgearbeitet wird, um ein Problem zu lösen bzw. eine Aufgabe zu erfüllen, wird zum Spielball der Dichter und Denker. Als Miriam Meckel darüber geschrieben hat – und nichts anderes fand als die fade recommendation engine aus dem eCommerce – war es mir der Mühe zu gering, darauf zu antworten. Als aber nun die geschätzte Kathrin Passig in der SZ sich bemüßigt sah, auf die am Boden argumentierende Meckel auch noch einzuschlagen, da wurde der Beschützerinstinkt in mir geweckt… Weiterlesen »

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Nebenbei Englisch lernen per Blog

Sprachen lernen muss nicht schwierig sein: Der Englisch Blog vermittelt in kleinen, täglichen Häppchen Vokabeln, Sprachtipps und auch Hinweise zur korrekten Aussprache. Vor allem die sogenannten False Friends, ähnlich klingende Wörter mit grundverschiedener Bedeutung, sind Autor und Sprachtrainer Markus Brendel ein Dorn im Auge. Beispiel? Die Worte appalling und appealing sollte man besser nicht verwechseln.

derenglischblog

Ein sehr feiner Blog, der in Kooperation mit dem British Council entsteht. Wer sich auch für die kulturellen Hintergründe aktueller Schlagworte aus dem amerikanischen Bereich interessiert, dem sei das großartige USA Erklärt von Scot W. Stevenson ans Herzen gelegt.

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