Wie nutzen Gehörlose das Internet?

Für gehörlose Menschen stellt der Alltag und damit auch die Nutzung vom Internet oft weit größere Probleme da, als lediglich das Verstehen von Podcasts, Videos oder Filmen. Viele Gehörlose haben ein grundlegend anderes Verständnis von der Welt. Es ist schwer, ohne Sprachkonzept visuelle Symbole und Schrift zu erfassen – je nach Erziehung ist dieses Problem mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Das übersehen hörende Menschen häufig. Das wirkt sich allerdings auch auf die Aufnahme von Webinhalten auf.

Gehörlose leiden oft unter kognitiven Problemen

Ein Mensch gilt als gehörlos, wenn er eine gravierende Hörschädigung hat. Dadurch ist er nicht mehr in der Lage, Sprache über das Gehör wahrzunehmen. In Deutschland leben zirka 80.000 gehörlose Menschen. Innerhalb dieser Gruppe gibt es allerdings noch Abstufungen. „Es gibt nicht die Gehörlosen. Man muss da immer genau hin schauen“, sagt Joachim Welp, Vorsitzender des Zentrums für Gehörlosenkultur in Dortmund. „Das kommt immer auf die Erziehung an.“ Es sei jedenfalls nicht so, dass Gehörlose „einfach nur nichts hören“. Ohne Sprache aufzuwachsen bedeute auch, ohne symbolische Repräsentation aufzuwachsen.

Als Folge sind emotionale, kognitive und soziale Störungen bei Gehörlosen weit verbreitet. Sie sind häufig nicht in der Lage, Zusammenhänge zu verstehen. „Hörende Menschen denken in ihrer Muttersprache – das fehlt den Gehörlosen, die häufig auch negative Sozialisationserfahrungen gemacht haben“, sagt Welp. In Gehörlosenschulen werden die Betroffenen zwar speziell gefördert, trotzdem verlassen 80 Prozent die Schule mit enormen sprachlichen und kognitiven Beeinträchtigungen. Sie sind sprachlich gesehen auf dem Stand von hörenden Dritt- oder Viertklässlern. „Es gibt aber auch Gehörlose, die kaum oder wenige Probleme mit Schriftsprache haben. Entscheidend ist, wie sie als Kinder gefördert wurden“, sagt Welp.

Das Internet bietet neue Kommunikationswege

Der klassische Kommunikationsweg für gehörlose Menschen ist die Gebärdensprache, die über den gleichen inhaltlichen Wert verfügt wie die Lautsprache. Videos und Filme sollten immer mit der Gebärdensprache übersetzt werden. Das findet sich auch so in der Barrierefreiheit-Informationstechnik Verordnung (BITV 2.0) wieder. Das Hören ist die eine Sache, gehörlose Menschen haben allerdings häufig neben dem fehlenden Gehör zusätzlich Probleme, deutsche Schriftsprache in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen, da ihnen dafür das gedankliche Gerüst fehlt. Gesunde Menschen bilden das schon in ihrer frühen Kindheit aus, gehörlose Menschen haben diese Möglichkeiten nicht. Sie haben eine ganz andere Wahrnehmung von der Wirklichkeit. Die kognitiven Probleme, die eine Hörschädigung in der Regel begleiten, erschwert Betroffenen das Lesen von „normalen“ Inhalten im Netz. Daher sollen Texte in möglichst einfacher Weise – in der sogenannten „Einfachen Sprache“ verfasst werden. Das ist für einen großen Teil der Gehörlosen wichtig, um den Inhalt zu verstehen. „Lautsprache muss nicht nur verschriftlicht werden, sondern auch erläutert“, sagt Welp. Das ist nicht immer der Fall. Es gibt auch Betroffene, die gut mit der deutschen Schriftsprache klar kommen.

Das Internet bietet neben Problemen auch neue Chancen für Gehörlose. Die Kommunikation untereinander und mit hörenden Menschen ist durch verschiedene Programme erheblich leichter. So können Gehörlose beispielsweise Videokonferenzen schalten und sich so auf Distanz verständigen. Es gibt auch die Möglichkeit, während eines Gespräches mit einem hörenden Menschen in Gebärdensprache über Video zu dolmetschen. „Das Internet ist eine erhebliche Erleichterung für die gehörlosen Menschen“, sagt Welp. „Früher gab es Schreibtelefone und Faxgeräte zur Verständigung, durch das Internet hat sich das Angebot enorm erweitert. Diese ganze Entwicklung ist ein Segen für die Gehörlosen.“


Image (adapted) „Masificación de Internet“ by Ministerio TIC Colombia (CC BY 2.0)


 

Anna-Maria Landgraf

studiert Philosophie und Politikwissenschaft im Master und hat während ihres Journalistik-Bachelors Erfahrungen im Print-, Online- und TV-Bereich gesammelt. Seit Juni 2014 schreibt sie für die Netzpiloten vor allem über Medien und Gesellschaft.


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6 comments

  1. Liebe Autorin

    Ihr Artikel bietet ein wenig Abwechslung in der sonst eintönigen Medienlandschaft, bei der die deutsche Gebärdensprache und meine Gemeinschaft vermisst wird. Vielen Dank! Ich bin selbst auch taub. Ja, ich gehöre zu der von Ihnen beschriebenen Minderheit der Personengruppe, die fähig sind das komplexe Schriftliche kognitiv zu verarbeiten.

    Ich bin mit vielen Passagen in Ihrem Text, sowie der Gesamteindruck, den die hörenden Leser zu Thema Taubheit vermittelt bekommen, nicht einverstanden.

    Unsere Kultur, Gemeinschaft und natürlich unsere Probleme sind viel komplexer als das was Sie versucht haben darzustellen. Da geht es tatsächlich um Zusammenhänge, die man erst begreift, wenn man den Ausmass komplett vorm Augen hat.

    „Es ist schwer, ohne Sprachkonzept visuelle Symbole und Schrift zu erfassen – je nach Erziehung ist dieses Problem mal mehr, mal weniger ausgeprägt.“
    Ich verstehe unter Sprachkonzept auch die Gebärdensprache. Ist es nicht möglich DGS-Videos neben den visuellen Symbole und Schrift zu setzen? Das als Lösungsvorschlag zu erwähnen versäumen Sie leider.

    „Gehörlose leiden oft an kognitive Probleme“
    Das ist an sich richtig, aber das als Überschrift zu nutzen ist sehr geschmacklos. Sie tun uns damit keinen Gefallen, indem Sie uns als bemitleidenswerte, eingeschränkte Behinderte stigmatisieren. Wie wäre es mit einem Überschrift, bei der unsere positive Eigenschaften hervorgehoben werden? Wenn Sie eine negative Schlagzeile brauchen, a la BILD, dann biete ich Ihnen einen anderen an – das erkläre ich aber gleich weiter unten.

    “ “Das kommt immer auf die Erziehung an.” Es sei jedenfalls nicht so, dass Gehörlose “einfach nur nichts hören”. Ohne Sprache aufzuwachsen bedeute auch, ohne symbolische Repräsentation aufzuwachsen.“
    Hier wäre eine gute Gelegenheit gewesen, welche Erziehung damit gemeint ist, den Herr Welp erwähnt. Zur Aufklärung, es gibt die oralistische und bilinguale Erziehung. Die erstere ist eine Methode, bei der taube Kinder OHNE Gebärdensprache erzogen werden, weil versucht wird, sie zu lautsprechende Menschen zu erziehen. Bei der bilinguale Methode werden Kinder mit Gebärdensprache an die Gebärdensprache und der Schrift- sowie Lautsprache herangebracht.

    Genauso im nächsten Absatz:
    „Als Folge sind emotionale, kognitive und soziale Störungen bei Gehörlosen weit verbreitet. Sie sind häufig nicht in der Lage, Zusammenhänge zu verstehen. “Hörende Menschen denken in ihrer Muttersprache – das fehlt den Gehörlosen, die häufig auch negative Sozialisationserfahrungen gemacht haben”, sagt Welp. In Gehörlosenschulen werden die Betroffenen zwar speziell gefördert, trotzdem verlassen 80 Prozent die Schule mit enormen sprachlichen und kognitiven Beeinträchtigungen. Sie sind sprachlich gesehen auf dem Stand von hörenden Dritt- oder Viertklässlern. “Es gibt aber auch Gehörlose, die kaum oder wenige Probleme mit Schriftsprache haben. Entscheidend ist, wie sie als Kinder gefördert wurden”, sagt Welp.“
    wird nicht die richtige Ursache dieser sprachlichen und kognitiven Störungen erklärt. Sie erklären das ganz nach Manier der Oralisten, dass wegen der fehlenden lautsprachlichen Input keine normale kognitive Entwicklung bei Tauben Kinder stattfinden kann. Ich vermute, entweder haben Sie dem werten Herrn Welp nicht genau genug zugehört, oder haben einfach beschämend schlecht recherchiert.

    Ihr Ansatz ist schon richtig, dass Kleinkinder innerhalb der kurzen sprachlichen Fenster (im Alter von 0-6 Jahre) eine Sprache erlernen müssen, um eine reguläre kognitive Entwicklung zu erreichen, und mit diesem können sie dann ein „Denkgerüst“ haben um Zusammenhänge zu verstehen, Gedankengänge zu machen und insbesondere eine weitere Sprache zu erlernen.

    Ihr Problem ist nur, dass Sie es nicht vorstellen können, dass die Gebärdensprache diesen fehlenden Input von Lautsprache ersetzen kann. Die Gebärdensprache ist keine „Behelfssprache, bei der die deutsche Lautsprache visuell gemacht wird“, sondern eine eigenständige Sprache mit eigenen Begriffe und grammatikalische Struktur, die nicht wirklich viel mit der deutschen Laut- und Schriftsprache zu tun hat. Wenn Sie recherchiert hätten, würden Sie hier im Artikel die Mailänder Kongress im Jahre 1880 erwähnen, das Wurzel aller Übels der ganzen Misere der tauben Menschen ist. Damals haben HÖRENDE Pädagogen ohne wissenschaftliche Grundlagen die Gebärdensprache verboten, mit der Begründung „Kinder würden sprechfaul werden“ und zogen diese Haltung bis ERST vor ca 10-15 Jahren durch. Seitdem hat sich diese Haltung teilweise aufgeweicht, aber heute noch werden Kinder ohne Gebärdensprache erzogen. Selbst heute gibt es keine Belege, die zu 100% nachweisen, dass eine oralistische Erziehung das Beste seie für taube Kinder.

    Um das zu verdeutlichen, was ich damit meine: Das ist fast vergleichbar, damit, wenn Sie nach China zwangsdeportiert werden und dort gezwungen werden innerhalb von wenigen Jahren chinesisch ohne Unterstützung ihrer bekannten Sprache lernen müssen, also ohne deutsch. Bilinguale Methode bedeutet im Gegensatz also, dass Sie mit Unterstützung von Deutsch chinesisch erlernen. Das ist aber noch nicht alles. Sie müssen das Ganze mit Ohropaxe machen. Sie bekommen die chinesische Laute nur zur Hälfte mit, und versuchen so diese mit den Schriftzeichen zu verbinden. Als Erwachsene können Sie allerdings noch irgendwie mit Kombinieren durchschlagen. Als Kind nicht. Wenn das Fenster auch noch vorüber ist, dann kennen Sie das Ergebnis. Das ist allerdings noch nicht alles, es gibt noch viel mehr Informationen, Hintergründe, Folgen, Ursachen, kulturelle Entwicklungen etc, die hier keinen Platz haben.

    Nicht die Behinderung ist die Ursache, wie sie es vermittelt haben, sondern die falsche Methode. Wann werden diese Pädagogen, die damals und heute an der Pranger gestellt?

    Ich habe Ihnen nun genug Informationen vermittelt, irgendwo dort können Sie dann die Bausteine für Ihren negativen Schlagzeile zusammenbasteln. Versprochen ist versprochen :)

    Als Anregung empfehle ich Ihnen mal diesen Link zum Thema der „Top 10 der vernachlässigten Themen 2009“ zu lesen. Unter Punkt 8.
    https://www.jacobs-university.de/node/1674

    Sie haben das Wort „Taubstumm“ nicht benutzt! Herzlichen Glückwunsch, da sind Sie Ihren Kollegen voraus. Bleiben Sie dabei!

  2. Sehr geehrte Frau Landgraf,

    vielen Dank für Ihren Artikel über die Schwierigkeiten, die Gehörlose im Umgang mit dem Internet haben. Es gehört viel Mut dazu, sich mit einem so komplexen Thema auseinanderzusetzen. Dies ist der erste Artikel überhaupt, den ich zu diesem Thema im Internet bisher gelesen habe.

    Ich bin selbst hörend, in meiner Familie gibt es jedoch viele Gehörlose und deshalb verwenden wir vorwiegend die Gebärdensprache. Das ist auch die Sprache, die mein Sohn als Muttersprache lernt, da er selbst taub ist.

    Eine gehörlose Freundin hat mir einmal gesagt: „Gehörlose verstehen Deutsch anders!“ Über diesen Satz habe ich lange nachgedacht. Spontan wollte ich widersprechen, aber ich musste einsehen, für viele stimmt das so. Der Grund ist einfach: Deutsch ist für viele Gehörlose eine Fremdsprache, die sie mühsam erlernen müssen – mühsam vor allem dadurch, dass sie die Sprache nicht hören können.

    Die Gebärdensprache ist da eine viel passendere Alternative. In Gebärdensprache kommunizieren Hörgeschädigte barrierefrei untereinander und mit Hörenden, die diese Sprache erlernt haben. Viele wachsen mit dieser Sprache als Muttersprache auf.
    Das Problem ist nun, dass man die Gebärdensprache nicht aufschreiben kann, und viele Inhalte im Internet nur schriftlich verfügbar sind. Und das wiederum erfordert eine hohe Deutschkompetenz, um die Inhalte verstehen zu können.

    Darum finde ich es zwar gut, wenn Informationen im Internet auch in Leichter Sprache angeboten werden. Das hilft vielen Menschen – nicht nur dem Teil der Gehörlosen, die Probleme mit Deutsch haben. Ich denke aber, viel sinnvoller (und für Gehörlose verständlicher) wäre eine Übersetzung in die Gebärdensprache mit Hilfe von Videos. Das wäre dann noch barrierefreier.

    Meine Kritik an Ihrem Artikel ist nun, dass sie Gründe dafür suchen, warum es Gehörlose schwer haben. Und da greifen Sie meiner Meinung nach zu kurz.

    Sie schreiben zum Beispiel, dass 80% die Schule mit sprachlichen und kognitiven Beeinträchtigungen verlassen. Das alleine reicht aber nicht, um die Gründe für diese Beeinträchtigung zu verstehen. Denn so, wie Sie es schreiben, habe ich den Eindruck, Gehörlose könnten einfach nicht mehr lernen – weil sie keine Sprache haben.
    Dazu muss man jedoch wissen, das die meisten Gehörlosen in Lautsprache unterrichtet werden. In einer Sprache, die sie verständlicherweise nur sehr schwer verstehen können. Man zwingt sie dazu, von den Lippen abzulesen. Es ist jedoch so, dass nur ca. 30% der Laute abgelesen werden können, der Rest muss erraten werden. Außerdem kann man nur von der Person ablesen, die man anschaut – was Diskussionen erschwert.
    Die Gebärdensprache, die viel geeigneter dazu wäre, gehörlose Kinder zu unterrichten, wurde 1880 im Mailänder Kongress von hörenden Lehrern verboten. Dieses Verbot wurde erst vor wenigen Jahren aufgehoben. Trotzdem werden gehörlose Kinder noch immer vorrangig in Lautsprache unterrichtet. Mit allen bekannten Folgen.

    Ich selbst sehe das bei meinem Sohn. Ich hätte gerne, dass er in der Krippe, im Kindergarten und in der Schule in Gebärdensprache betreut wird. Was alleine schon dadurch erschwert wird, dass hier in Österreich Gehörlose nicht einfach mal so KindergartenpädagogInnen werden können – weil sie dazu eine Musikprüfung ablegen müssen.

    Zusammengefasst: Danke für diesen Artikel und für den Mut, sich mit dem Thema auseinandergesetzt zu haben. Falls Sie jedoch nach Ursachen suchen, würde ich mich freuen, wenn sie die Hintergründe etwas mehr beleuchten könnten. Gerade bei einem so komplexen Thema nimmt man sonst leicht eine einseitige Sichtweise ein.

    Viele Grüße,
    Frank Dauer

  3. Schade, dass die Kommentare nicht mit übernommen werden. Dabei ist es sehr wichtig, damit die Leser auch einen differenzierten Meinungsbild machen können.

    Mein Kommentar war damals:

    Liebe Autorin
    Ihr Artikel bietet ein wenig Abwechslung in der sonst eintönigen Medienlandschaft, bei der die deutsche Gebärdensprache und meine Gemeinschaft vermisst wird. Vielen Dank! Ich bin selbst auch taub. Ja, ich gehöre zu der von Ihnen beschriebenen Minderheit der Personengruppe, die fähig sind das komplexe Schriftliche kognitiv zu verarbeiten.

    Ich bin mit vielen Passagen in Ihrem Text, sowie der Gesamteindruck, den die hörenden Leser zu Thema Taubheit vermittelt bekommen, nicht einverstanden.

    Unsere Kultur, Gemeinschaft und natürlich unsere Probleme sind viel komplexer als das was Sie versucht haben darzustellen. Da geht es tatsächlich um Zusammenhänge, die man erst begreift, wenn man den Ausmass komplett vorm Augen hat.
    “Es ist schwer, ohne Sprachkonzept visuelle Symbole und Schrift zu erfassen – je nach Erziehung ist dieses Problem mal mehr, mal weniger ausgeprägt.”
    Ich verstehe unter Sprachkonzept auch die Gebärdensprache. Ist es nicht möglich DGS-Videos neben den visuellen Symbole und Schrift zu setzen? Das als Lösungsvorschlag zu erwähnen versäumen Sie leider.

    “Gehörlose leiden oft an kognitive Probleme”
    Das ist an sich richtig, aber das als Überschrift zu nutzen ist sehr geschmacklos. Sie tun uns damit keinen Gefallen, indem Sie uns als bemitleidenswerte, eingeschränkte Behinderte stigmatisieren. Wie wäre es mit einem Überschrift, bei der unsere positive Eigenschaften hervorgehoben werden? Wenn Sie eine negative Schlagzeile brauchen, a la BILD, dann biete ich Ihnen einen anderen an […].

    ” “Das kommt immer auf die Erziehung an.” Es sei jedenfalls nicht so, dass Gehörlose “einfach nur nichts hören”. Ohne Sprache aufzuwachsen bedeute auch, ohne symbolische Repräsentation aufzuwachsen.”
    Hier wäre eine gute Gelegenheit gewesen, welche Erziehung damit gemeint ist, den Herr Welp erwähnt. Zur Aufklärung, es gibt die oralistische und bilinguale Erziehung. Die erstere ist eine Methode, bei der taube Kinder OHNE Gebärdensprache erzogen werden, weil versucht wird, sie zu lautsprechende Menschen zu erziehen. Bei der bilinguale Methode werden Kinder mit Gebärdensprache an die Gebärdensprache und der Schrift- sowie Lautsprache herangebracht.

    Genauso im nächsten Absatz:
    “Als Folge sind emotionale, kognitive und soziale Störungen bei Gehörlosen weit verbreitet. Sie sind häufig nicht in der Lage, Zusammenhänge zu verstehen. “Hörende Menschen denken in ihrer Muttersprache – das fehlt den Gehörlosen, die häufig auch negative Sozialisationserfahrungen gemacht haben”, sagt Welp. In Gehörlosenschulen werden die Betroffenen zwar speziell gefördert, trotzdem verlassen 80 Prozent die Schule mit enormen sprachlichen und kognitiven Beeinträchtigungen. Sie sind sprachlich gesehen auf dem Stand von hörenden Dritt- oder Viertklässlern. “Es gibt aber auch Gehörlose, die kaum oder wenige Probleme mit Schriftsprache haben. Entscheidend ist, wie sie als Kinder gefördert wurden”, sagt Welp.”
    wird nicht die richtige Ursache dieser sprachlichen und kognitiven Störungen erklärt. Sie erklären das ganz nach Manier der Oralisten, dass wegen der fehlenden lautsprachlichen Input keine normale kognitive Entwicklung bei Tauben Kinder stattfinden kann. Ich vermute, entweder haben Sie dem werten Herrn Welp nicht genau genug zugehört, oder haben einfach beschämend schlecht recherchiert.
    Ihr Ansatz ist schon richtig, dass Kleinkinder innerhalb der kurzen sprachlichen Fenster (im Alter von 0-6 Jahre) eine Sprache erlernen müssen, um eine reguläre kognitive Entwicklung zu erreichen, und mit diesem können sie dann ein “Denkgerüst” haben um Zusammenhänge zu verstehen, Gedankengänge zu machen und insbesondere eine weitere Sprache zu erlernen.

    Ihr Problem ist nur, dass Sie es nicht vorstellen können, dass die Gebärdensprache diesen fehlenden Input von Lautsprache ersetzen kann. Die Gebärdensprache ist keine “Behelfssprache, bei der die deutsche Lautsprache visuell gemacht wird”, sondern eine eigenständige Sprache mit eigenen Begriffe und grammatikalische Struktur, die nicht wirklich viel mit der deutschen Laut- und Schriftsprache zu tun hat. Wenn Sie recherchiert hätten, würden Sie hier im Artikel die Mailänder Kongress im Jahre 1880 erwähnen, das Wurzel aller Übels der ganzen Misere der tauben Menschen ist. Damals haben HÖRENDE Pädagogen ohne wissenschaftliche Grundlagen die Gebärdensprache verboten, mit der Begründung “Kinder würden sprechfaul werden” und zogen diese Haltung bis ERST vor ca 10-15 Jahren durch. Seitdem hat sich diese Haltung teilweise aufgeweicht, aber heute noch werden Kinder ohne Gebärdensprache erzogen. Selbst heute gibt es keine Belege, die zu 100% nachweisen, dass eine oralistische Erziehung das Beste seie für taube Kinder.

    Um das zu verdeutlichen, was ich damit meine: Das ist fast vergleichbar, damit, wenn Sie nach China zwangsdeportiert werden und dort gezwungen werden innerhalb von wenigen Jahren chinesisch ohne Unterstützung ihrer bekannten Sprache lernen müssen, also ohne deutsch. Bilinguale Methode bedeutet im Gegensatz also, dass Sie mit Unterstützung von Deutsch chinesisch erlernen. Das ist aber noch nicht alles. Sie müssen das Ganze mit Ohropaxe machen. Sie bekommen die chinesische Laute nur zur Hälfte mit, und versuchen so diese mit den Schriftzeichen zu verbinden. Als Erwachsene können Sie allerdings noch irgendwie mit Kombinieren durchschlagen. Als Kind nicht. Wenn das Fenster auch noch vorüber ist, dann kennen Sie das Ergebnis. Das ist allerdings noch nicht alles, es gibt noch viel mehr Informationen, Hintergründe, Folgen, Ursachen, kulturelle Entwicklungen etc, die hier keinen Platz haben.
    Nicht die Behinderung ist die Ursache, wie sie es vermittelt haben, sondern die falsche Methode. […]
    […]
    Sie haben das Wort “Taubstumm” nicht benutzt! Herzlichen Glückwunsch, da sind Sie Ihren Kollegen voraus. Bleiben Sie dabei!

    1. Hallo Lilly, die Debatte endete aber damals in den Kommentaren unter diesem Artikel wesentlicher einvernehmlicher als deine eigene Position das jetzt widerspiegelt. Unsere Autorin hat auch andere Menschen mit Behinderungen zu Wort kommen lassen und keinen unbegründeten Meinungsbeitrag verfasst. Vielleicht mögen dir persönlich nicht alle Ansichten passen, aber dafür konntest du ja ausführlich unter diesem Artikel deine Meinung präsentieren, was mich sehr freut. Das die alten Kommentare unter keinem Artikel mitgenommen wurden, hat eine technische Ursache, die nicht anders zu lösen ging. Wir mussten uns da entscheiden und vielleicht hast du Recht, dass wir nicht die glücklichste Entscheidung getroffen haben.

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