Emoticons und Symbole verderben nicht unsere Sprache

Emoticons sind nicht Ausdruck eines Verlusts von Sprache, sondern ihrer Revolution. Bei vielen Stammtischdiskussionen über Sprache und Internet hört man oft, wie jemand sagt, dass “Textsprache die klassische Sprache zerstört”, wie die Technik den Schreibfaulen in die Hände gespielt hat, sowohl in der Rechtschreibung als auch in den Formulierungen. Große Medienunternehmen wie die L.A. Times, die BBC und die Daily Mail haben die neue Art der Kommunikation durch die Technologie betrauert.

Natürlich verändert sich die Sprache, wenn man sie in Nachrichten oder dem Internet benutzt. Es gibt sogar ein komplettes, linguistisches Untersuchungsfeld über dieses Phänomen, die computergestützte Kommunikation (engl. Computer-Mediated Communication, kurz: CMC). Auch wenn im Titel besonders Computer hervorgehoben werden, bezieht sich CMC auf die Interaktion, die durch Technologien wie Computer, Smartphones oder Tablets gestützt wird.

Im Gegensatz zur Idee, dass diese Neuerungen die Sprache korrumpieren, zeigen sie vielmehr eine kreative Umwidmung der Symbole und Zeichen im neuen Technologiezeitalter. Diese Sprachentwicklungen passieren rasch und mit cleverem und kontext-spezifischem Hintergrund. Hierbei wird die Flexibilität der Sprache deutlich, mit der man nonverbale Bedeutungen in nuancierten, bedeutungsvollen Begriffen vermitteln kann.

Wandel ist nicht gleich Verfall

Seit die Menschen sprechen und schreiben, monieren sie sich darüber, dass Sprache “verdorben werde.

In einem TED-Talk hat der Linguist John McWhorter von Menschen berichtet, die sich über die Entwicklung der Sprache im Wandel der Zeiten aufregten. Beispielsweise meckerte ein Gelehrter bereits im Jahr 63 nach Christus darüber, dass seine Schüler im Lateinunterricht eine Art “künstliche Sprache” benutzten. Daraus sollte sich später das Französische entwickeln.

Ein Zitat von Charles Eliot, dem Präsidenten der Universität Harvard aus dem Jahr 1871 beschreibt einen Umstand, der uns heute ebenfalls recht bekannt vorkommt:

Schlechte Rechtschreibung, Fehlerhaftigkeit und plumpe Ausdrucksweise, die einfachsten Regeln der Zeichensetzung werden ignoriert… all das kommt nicht gerade selten vor bei den ansonsten recht gut vorbereiteten jungen Studenten.

Der junge Theodore Roosevelt, der auch in den 1870ern in Harvard studiert hatte, könnte einer dieser jungen Männer gewesen sein, die hier beschrieben werden. In ihrer Biographie über Roosevelt hat die Historikerin Kathleen Dalton beobachtet, dass der zukünftige Präsident sich eines Tages für die Überprüfung der amerikanischen Rechtschreibung einsetzte. Vieles davon ist heute noch in Benutzung, wie zum Beispiel die Endenumwandlung von -re zu -er, beispielsweise im Wort center, oder dass man -our in -or umwandelt, wie bei color.

Das Emoticon: Mehr als nur ein Gesicht

Heute kann man rasch mit Hilfe vieler Medien miteinander kommunizieren. Es gibt wohl kaum ein besseres Indiz für unsere Kommunikation, das diese Veränderung besser darstellt, als das allgegenwärtige Emoticon.

Das Smiley :) ist ein Doppelpunkt gefolgt von einer geschlossenen Klammer und eine bildliche Darstellung eines lächelnden Gesichts, das auf der Seite steht. Auch wenn ein Smiley also wie ein Lächeln, ein Stirnrunzeln oder alle möglichen anderen Arten von Gesichtsausdrücken aussieht, soll es trotzdem kein Gesicht darstellen, wie viele Internetnutzer oft fälschlicherweise annehmen. Es ist lediglich dazu da, ein Gefühl zu übermitteln. (“Ich bin fröhlich” oder “War nur ein Scherz!”).

Diese Bedeutung war bereits offensichtlich, als das erste Emoticon erfunden wurde. Dieses geht auf Scott Fahlmann an der Carnegie Mellon University zurück. In einer Email aus dem Jahr 1982 schlug Fahlmann :-) als “Markierung vor, um auf Witzchen oder Sarkasmus in schriftlicher Kommunikation hinzuweisen. In seiner ersten legendären Email benutzte er auch zum ersten Mal den Smiley mit dem Stirnrunzeln :-(.

Worte, die diese Gefühle darstellen, werden von Linguisten Diskurspartikel genannt, also kleine Sprachstücke, die die dahinterliegende Information übermitteln. Der Volkskundler Lee-Ellen Marvin nannte diese “die Parasprache des Internets, mit dem Augenzwinkern, das die Verspieltheit einer Aussage gegenüber der Ernsthaftigkeit, die es behandelt, betont”.

In einer Studie über Instant-Messages hat der Wissenschaftler Shao-Kang Lo Emoticons als “quasi-nonverbale Hinweise” bezeichnet, also etwas, dass zunächst wie ein Wort aussieht, aber die Funktion eines nonverbales Hinweises einer Handbewegung oder einem Nicken erfüllt.

Und tatsächlich kann die Vielfältigkeit, mit der man die Emoticons zusammenstellt, etwas über die eigene Persönlichkeit aussagen, genau wie die Lieblingsbrause etwas darüber aussagt, woher man stammt. Beispielsweise stellte Tyler Schnoebelen, Linguist und Computerwissenschaftler, in seiner Studie aus dem Jahr 2012 fest, dass die Nutzer, die eine ‚Nase‘ in den Smiley integrieren, eher zu den älteren Nutzern gehören. Die jüngeren verzichten eher auf die Nutzung der ‚Nase‘.

Die Untersuchung der Emoticons an sich hat nun schon vielfach stattgefunden, jedoch wurden noch keine anderweitigen Symbole untersucht. Diese werden anders als Emoticons benutzt und können der Nachricht eine weitere Bedeutung verleihen.

Emoticons Puck 1881 with Text (Image Unknown typesetter-author of Puck [Public domain], via Wikimedia Commons)
Symbole als Vorläufer der modernen Emoticons wurden von Typographen des 19. Jahrhunderts genutzt. (Image „Emoticons Puck 1881 with Text“ by unknown typesetter/author of Puck [CC0 Public domain], via Wikimedia Commons)

Flüssige Konversation und klare Bedeutung

Haben Sie je gesehen, wie jemand einen Schreibfehler mit einem Sternchen oder Asterisk korrigiert hat? (*asterisk)

Der Asterisk steht für eine Art Korrektur in der Sprache. Sprachliche Korrekturen, oder wie wir uns während eines Gesprächs selbst verbessern, wird bereits seit Jahrzehnten in linguistischen Kreisen analysiert. Bei Sätzen wie “Entschuldigung, ich meinte…” oder “ähm, ich wollte sagen…” kann es seltsam sein, denn diese unterbrechen die Dynamik des Gesprächs.

Diese Art des Sprechens hat sich nun auch online fortgesetzt, hier aber wird die seltsame Wirkung auf ein einziges Symbol reduziert. Anstatt zu sagen “Huch, ich habe mich wohl in meinem Satz eben vertippt”, kann man dieses umständliche Vorgehen verhindern, indem man ein Sternchen vor das Wort stellt. (Beispielsweise: Strenchn –> *Sternchen)

Das ist aber nicht der einzige Nutzen der Sternchen. Benutzt man sie auf beiden Seiten eines Wortes, wird es dadurch betont. [Link: http://www.davidcrystal.com/?id=4420]. Heutzutage wurde diese Schreibweise von Großschreibung und Buchstabenwiederholungen eingeholt, um Intensität und Betonung zu signalisieren, wie die Linguistin Deborah Tannen und die Kommunikationswissenschaftlerin Erica Darics festgestellt haben. Tannen zeigt dies an einem Textbeispiel, dass viele Stile zugleich nutzt, um einen entschuldigenden und aufrichtigen Tonfall zu signalisieren:

JACKIE ES TUT MIR SEHR SEHR LEID! Ich dachte du bist im Taxi hinter uns uns dann habe ich gesehen, dass das gar nicht stimmt!!!! Ich fühle mich soooooo mies! Ruf dir ein neues Taxi und ich bezahle es für diiiiiiich!

Satzzeichen wie Bindestriche und Punkte suggerieren eine Veränderung in Stimmung und Tempo. Ein Beispiel hier sind die verbreiteten Auslassungspunkte. Traditionell wurden sie verwendet, um fehlenden oder ausgelassenen Text in Zitaten zu markieren. Heute kann man daraus auch herauslesen, ob jemand zögerlich oder abgelenkt ist, wie bei diesem Beispiel aus dem berühmten Spiel World of Warcraft:Also… wir leben ja immerhin in der gleichen Stadt, wollen wir uns mal… irgendwann treffen?) Dieser Gebrauch der Auslassungspunkte fügt dem Inhalt eine neue Bedeutung hinzu. Zudem kann es innrhalb der Konversation bezeichnen, dass nun der Gegenpart am Zug ist.

Sogar in die Interfaces wurde dies mittlerwiele eingebaut. Beim Instant-Messaging und Chatprogrammen wie Skype werden die drei Punkte angezeigt, wenn jemand gerade tippt.

Ein einzelnes Symbol ergibt eine komplexe Nachricht

Ein einzelnes Symbol kann zudem eine eigene vollständige Nachricht sein. In ihrem Artikel im Sammelband “Discourse 2.0: Language and New Media beschreibt Susan Hering, wie ein einzelnes Fragezeichen eine ganze Nachricht darstellen kann, die den Nutzer beschreibt, als wäre er verwirrt oder weiß nicht, was er antworten soll.

Mit anderen Worten, das Fragezeichen übernimmt die Funktion einer Klarstellung mit einem einzigen Tastendruck. Ebenso kann ein Ausrufezeichen als Nachricht Überraschung und Aufregung darstellen. Man kann diese Symbole zudem wiederholen, um die Aufgeregtheit zu steigern. Schauen Sie sich diese Unterhaltung an, in der Sprecher B ausschließlich Symbole benutzt, um seine Reaktion auf die Aussagen von Sprecher A auszuführen:

  • A: Ich habe tolle Neuigkeiten.

  • B: ?

  • A: Ich habe heute eine Gehaltserhöhung bekommen.

  • B: !

  • A: Und dazu wurde ich auch noch befördert.

  • B: !!!

Man kann natürlich nicht nur diese beiden Symbole benutzen, um Aussagen zu tätigen. In meiner Untersuchung über World-of-Warcraft-Spieler aus dem Jahr 2012 fand ich heraus, dass innerhalb dieser Spielegemeinschaft (aber auch innerhalb anderer) das Zirkumflex (^) als Zeichen für Zustimmung benutzt wird. Ein Pfeil (< –) zeigte an, dass sich jemand für eine Aufgabe meldete, ebenso, wie man in der Schule die Hand hob.

  • A: Ich bin total urlaubsreif.

  • B: ^

  • A: Wer will mir mir nach Florida fahren?

  • B: < —

Diese Beispiele stellen alles andere als verkrüppelte Sprache dar, sondern machen deutlich, wie Menschen komplexe Gefühlszustände stromlinienförmig kommunizieren. Das passt gut zu unserer modernen, schnellebigen Welt.

Der Artikel ist zuerst auf theconversation.com erschienen und unter CC BY-ND 4.0 lizensiert. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Image (adapted) „Texting Emoji“ by Intel Free Press (CC BY-SA 2.0)


Lauren Collister

ist Soziolinguistin an der Universität von Pittsburgh, wo sie ihren Master und einen Doktor gemacht hat.


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