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Digitale Kompetenz: Eine Gesellschaft in der Pflicht

Der Vermittlungsausschuss konnte sich kürzlich auf einen Kompromiss zum Digitalpakt einigen. Fördergeldern für neue Rechner, WLAN und digitale Bildungsangebote steht kaum mehr etwas im Weg. Zweifelsohne müssen unsere Schulen der Digitalisierung Rechnung tragen. Doch mit Ausstattung allein transportiert man noch lange keine digitalen Werte. Noch wichtiger ist eine digitale Kompetenz, die von Lehrern und Eltern gleichermaßen vorgelebt wird. Doch genau hier stehen wir vor großen Problemen.

#Neuland lässt grüßen

Die Zeiten haben sich geändert. Schon früh besitzen Kinder ihr eigenes Smartphone. Sie sind ständig im Internet unterwegs und über Social Media vernetzt. Doch ein Smartphone wie selbstverständlich zu nutzen, heißt noch nicht, dass man kompetent damit umgeht. Fleißig wird Facebook, Twitter, Instagram und Snapchat genutzt. Im Alter von zwölf Jahren eifern sie schon ihren Idolen nach und laden Inhalte auf YouTube hoch – selbst wenn es der größte Müll ist.

Trotzdem sind sie sich nicht bewusst, was sie da überhaupt alles ins Netz stellen. Sie nutzen es, hinterfragen es aber nicht. Dazu kommt der soziale Druck, den die Netzwerke auf Kinder ausüben. Die meisten Follower, die meisten Views, einfach dazu gehören. Internet ist Neuland. Die von allen Seiten so belächelte Aussage Merkels ist für mich noch immer eine ihrer treffendsten, auch wenn unter anderen Gesichtspunkten. Für weite Teile der Gesellschaft ist das „Neuland“ noch immer ein Problem – nicht nur für die „Ewiggestrigen“, sondern auch für Digital Natives. 

Nicht durch ein Seminar zu erlernen

Wenn schon die Alten oftmals kein Verständnis für das eigentlich nicht mehr völlig neue Medium haben, wie sollen sie es dann der Jugend beibringen? Genau hier beginnt das eigentliche Dilemma. Seminare alleine reichen nicht aus. Zwar ist es auch für Digitalmuffel sinnvoll zu wissen, wo sich die Schüler online rumtreiben, doch um digitale Kompetenz zu vermitteln, muss man digitale Kompetenz auch leben. Es reicht nicht aus, einen Kurs besucht zu haben, man muss selbst Teil dieser neuen Kultur sein.

Und das müsste eigentlich bereits Zuhause anfangen. Kinder, denen keine digitale Kompetenz vorgelebt wird, werden sie nur schwer erlernen. Es lässt sich nicht einfach in Lehrbücher pressen. Es muss Kindern genau so vorgelebt werden, wie auch der soziale Umgang in der analogen Welt. Wobei es mittlerweile nicht einmal eine wirkliche Trennung mehr zwischen digital und analog, zwischen online und offline gibt. Heute sind wir rund um die Uhr vernetzt, Always-on. Und bringt mit all seinen Vorteilen eben auch wieder viele Probleme und Herausforderungen mit sich. 

Hinzu kommt, dass Kinder es sehr schnell merken, wenn sie selbst mehr Ahnung von Internet und Social Media haben als Eltern oder Lehrer. Und wieso sollten sie digitale Kompetenz von jemanden lernen, der offenbar selbst keine Ahnung davon hat? Der Arzt lässt sich schließlich auch nicht vom Versicherungsvertreter erklären, wie er den Blinddarm zu entfernen hat.

Ein Problem unserer Gesellschaft

Digitale Kompetenz ist für uns kein Problem technischer Limitierung, sondern eines unserer gegensätzlichen Gesellschaft. Auf der einen Seite haben wir eine junge Generation, die leider oft zu unbedarft die technologischen Errungenschaften unserer Zeit genießt. Eine Generation, die wie selbstverständlich die Möglichkeiten ausschöpft, aber oftmals zu wenig reflektiert. 

Das andere Extrem sind wieder die Verweigerer, für die Social Media und moderne Digitalkultur schon von Grund auf böse sind. Das sind natürlich jetzt die zwei Extreme, aber keine völlig unrealistischen. Die „German Angst“ ist ein international gebrauchter Begriff, der unsere Zögerlichkeit vor politischen und gesellschaftlichen Veränderungen beschreibt. Diese trifft auch auf unseren Umgang mit technologischen Fortschritt zu. Sie sorgt dafür, dass viele den Zugang zu unserer Jugend verlieren. 

Ein schmerzhafter Spagat

Ich beneide dieser Tage weder Eltern, noch Lehrer, die vor der Aufgabe stehen, digitale Kompetenz vorzuleben. Es war so einfach, als Medienkompetenz daraus bestand Folien auf den Overhead-Projektor zu legen und ein bisschen darauf rumzumalen. Da Schüler sowas nicht Zuhause hatten, waren Lehrer immer die Meister des OHP und konnten die Regeln festlegen. Das geht heute nicht mehr.

Heute gilt es den schwierigen Spagat zu meistern, Teil der digitalisierten Welt zu sein, aber dennoch Grenzen vorzuleben. Wir sind uns oft zu wenig bewusst, wie unser eigener Umgang mit Computern, Smartphones, Alexa und Co Einfluss auf Kinder hat. Digitale Kompetenz fängt bei uns an. Das bedeutet nicht nur zu entscheiden, ab wann das Kind ein Smartphone bekommt, sondern auch selbst das Smartphone mal weglegen zu können, um dem Kind die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Auch die junge Elterngeneration, für die Netflix und Instagram längst zum Alltag gehören, muss sich eine digitale Kompetenz erarbeiten. 

„Die Smartphone-Epidemie“ von Manfred Spitzer wirft einen Blick auf die Schattenseite unserer mobilen Gesellschaft (Provisionslink) 


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Hausaufgaben werden digital: Schulfactory

Hausaufgaben (adapted) (Image by StockSnap [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Noch immer ist die Schule eine Papierwüste, die Digitalisierung schreitet sehr zögerlich voran. Aus verschiedensten Faktoren: Angst vor weniger Lernerfolgen durch Ablenkungen, mangelhaft geschulte Lehrer, Eltern, die lieber auf konventionelle Lernmethoden setzen wollen. Das Startup Schulfactory möchte diese Probleme angehen – mit einer Web-Anwendung, die alle Probleme adressiert und Hausaufgaben komplett digitalisiert.

Vorteile für Lehrer, Schüler und Eltern

Die Firma Schulfactory aus Köln wurde von Lena Spak und Annie Doerfle gegründet. Beide Frauen sind Mütter von zweijährigen Kindern. Die Idee zum Startup kam ihnen, als sie sich mit befreundeten Pädagogen über die schleppende Digitalisierung an Schulen unterhielten. Für die beiden war klar: Die eigenen Kinder sollen anders lernen und das Internet und Computer nicht nur in der Freizeit kennen lernen. Deswegen wurde dieses Jahr die Schulfactory gegründet, die aus den Büroräumen des Startplatzes Köln fungiert.

GründerSchulfactory
Die Gründerinnen von Schulfactory: Annie Doerfle und Lena Spak.

Die Gründerinnen bezeichnen ihr Startup mit den drei Hashtags #EdTech, #SchuleDerZukunft und #neuesLernen. Damit werden die Ziele des zweiköpfigen Teams schnell klar: Es geht um eine Neuorientierung der Lerntechniken, wie sie im deutschen Raum angewendet werden. Dafür werden Stift und Papier – dem derzeitigen Lernmedium Nummer 1 – eher in den Hintergrund treten. Ein vollständiger Ersatz des niedergeschriebenen Wortes ist mit Schulfacotry nicht geplant. Vielmehr ist die Plattform ein Weg, die digitale Kompetenz der Schüler zu verbessern.Konkret gibt es drei Zielgruppen, die Spack und Doerfle ansprechen wollen: Lehrer, Schüler und Eltern. Für jede Gruppe gibt es besondere Features, die die Schulfactory im Vergleich zu alternativer Software qualifizieren.

Lehrer beispielsweise benötigen laut den Gründerinnen keine ewig lange Schulung, um das Programm zu verstehen. Es bietet sich die Möglichkeit, auf einfach zu verstehende Templates zurückzugreifen. Davon soll es mehrere Dutzend geben. Präsentiert wurde etwa ein stilisierter menschlicher Körper, der für Lehrer als Vorlage zur Verfügung stellt. Es muss von der Lehrkraft festgelegt werden, welche Organe von Schülern erkennen sollen. Das klappt zum Start laut den Gründerinnen so gut, dass selbst ungeschulte Lehrer über Sechzig mdas System verstehen. Die Pädagogen haben des weiteren Zugriff auf sehr detaillierte Statistiken: So bekommt der Lehrer Informationen darüber, wie lange einzelne Schüler für welche Aufgaben benötigt. Dadurch können die Pädagogen nicht nur erkennen, bei welchen Punkten Nachholbedarf für den Einzelnen oder die ganze Gruppe besteht. Auch die Eins-zu-eins-Betreuung wird einfacher, da ein direktes Monitoring möglich ist.

Vielfältige Aufgabentypen machen die Lernkontrolle multimedial: Die Schüler dürfen über verschiedene Medientypen Antworten auf die gestellten Fragen finden. Geplant sind etwa normale Texte, aber auch Podcasts und Videoantworten. Dafür können sich die Schüler ihr eigenes Lerntempo auswählen: Zwar gibt es Module, die von den Schülern unter Zeitdruck zu beantworten sind. Zum Großteil ist die Nachbereitung zuhause aber mit dem eigenen Tempo machbar. Die Einbindung von multimedialen Lerninhalten in Form von Videos, Audiodateien und Quizzes ermöglicht ein besseres Lernen als ein reines Bücher-Pauken. Schüler dürfen selbstbestimmt festlegen, in welchem Medium die Frage beantwortet wird. Durch die Schulfactory soll auch persönlicheres Lernen möglich sein. Lehrer können spezielle Aufgaben für Überflieger oder eher langsamere Schüler stellen, um sie auf dem richtigen Level abzuholen und so viel Stoff zu vermitteln wie möglich.

Eltern sind in den Unterricht eingebunden

Neben der direkten Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern haben auch Eltern die Möglichkeit, sich direkt in die Geschehnisse rund um die Schule einzuklinken. Sie können – mit Einverständnis der Lehrer – Ergebnisse einzusehen und direkt Maßnahmen zu ergreifen. Sei es ein Verdonnern zu mehr Lernerei, ein kollaboratives Lernen mit dem Kind oder auch der einfache Hinweis, dass mehr für das jeweilige Fach getan werden muss. Sollten Probleme die Überhand nehmen, sind Lehrer in der Lage, direkt mit den Eltern zu kommunizieren und so Schwierigkeiten an der Wurzel auszumerzen. Schulfactory will also sozusagen den Elternsprechtag völlig ersetzen, was Lehrer zusätzlich stressen könnte. Die beiden Gründerinnen sind sich aber sicher, dass dies die bessere Lösung sei: „In unserem Umkreis fühlen sich Lehrer viel wohler damit, direktes Feedback geben zu können.

Finanzierung nicht durch Schulen

Bis die Schulfactory in seiner finalen Form live geht, wird es noch ein wenig dauern. Die beiden Gründerinnen müssen den funktionierenden Prototypen noch ein besseres Design spendieren. Dann geht es auf Kundensuche. Und die gibt es laut Spak und Doerfle zuhauf: Viele Schulen seien nicht auf dem aktuellen Stand und haben einiges an Nachholbedarf. Lehrer, Schüler und Eltern können sich dennoch jetzt schon an der Entwicklung beteiligen und in einer Umfrage angeben, welche Funktionen den Weg in die fertige Software finden sollen.

Ein solches Projekt kostet natürlich Geld. Infrastruktur muss gestellt werden und die Templates entstehen auch nicht von jetzt auf gleich. Trotzdem möchte die Schulfactory keinen Cent von den Schulen bekommen, die die Software einsetzen wollen. Tatsächlich möchte sich das Startup später durch die Eltern refinanzieren: Es gebe durchaus eine Bereitschaft, für das Monitoring des eigenen Kindes Geld zu bezahlen. Bis zu zehn Euro sollen Eltern pro Monat für eine genaue Lernübersicht und die Kommunikationsmöglichkeiten mit Lehrern zahlen – dieses Konzept kann sich jedoch in Zukunft noch ändern.

Ist digitales Lernen überhaupt sinnvoll?

Stift und Papier sind noch lange nicht aus der Schule verbannt. Das liegt nicht nur an den Lehrern, die diese Lernmethoden am besten finden und vielleicht auch gar nicht mit Computern umgehen können. Auch Studien attestieren digitalen Lernplattformen nicht nur Vorteile. Eines der größten Negativpunkte ist der Faktor Ablenkung: Nutzt ein Schüler eine Lernapp, sind YouTube, Instagram und Co. nur zwei Tastendrücke entfernt. Ein aktives Lernen ohne Prokrastination ist laut Kritikern nicht möglich. Studien belegen außerdem, dass das Schreiben mit der Hand die Erinnerung an das jeweils niedergeschriebene besser hält, als wenn die Tastatur als Eingabemethode gewählt wird. Schließlich setzt sich der Schreibende länger mit den Wörtern auseinander und kann nicht einfach falsche Wörter korrigieren, sondern denkt im Zweifelsfall auch länger über die eingesetzten Satzbausteine nach.

Auf der anderen Seite stehen die Meinungen der aktuell Lehrenden. Eine Bertelsmann-Studie befragte Lehrer und Schulleiter nach ihrer Meinung. Ergebnis: Etwa 70 Prozent befürworten digitale Medien und Lerninhalte in der Schule, allerdings bringen erst rund zehn Prozent der Befragten solche Inhalten im Schulalltag herüber. 23 Prozent der Interviewpartner sind der Meinung, dass digitales Lernen die Leistungen der Schüler verbessert.

Bis zur völligen Digitalisierung der Schulen sind sowieso noch einige Hürden zu überwinden. Die IT vieler Bildungsstätten erinnert häufig an Computermuseen, ein schnelles Internet und flächendeckendes WLAN für alle Schüler ist eher die Ausnahme. Auch Jöran Muuß-Merholz, Experte für digitale Medien im Bildungsbereich, attestiert uns im Interview Defizite: „Wenn wir Schulen jetzt ans Netz bringen, haben sie teilweise 50 Mbit pro Sekunde. Gehen alle Schüler gleichzeitig ins Netz, verursacht das aber irren Traffic. Ein Befund ist, dass Schulen ihr Internet als gar nicht so schlecht empfinden.

Es gibt aber Hoffnung für den Nachwuchs. Es fließen Millionen an Fördergeldern, um Deutschlands Jugend nicht zum „Analognomaden“ zu erziehen. Und Lernplattformen wie die Schulfactory können in Zukunft helfen, Lehrer noch einmal zum Lernen zu bringen und einen Sinneswandel in der deutschen Bildung hervor zu rufen.


Image (adapted) „Hausaufgaben“ by StockSnap [CC0 Public Domain]


 

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Das Digitale sprengt Schulen auf: Jöran Muuss-Merholz über Digitalisierung in den Schulen

Klassenzimmer-Image-by-Dmitry-Vereshchagin-

Snapchat statt Zeitung, Youtube statt TV, Slack statt Arbeitsgruppentreffen: Für die Jugend ist das Digitale selbstverständlich. Über einen groß angekündigten „Digitalpakt“ zwischen Bund und Ländern sollen die Schulen – das tägliche Umfeld von Kindern und Jugendlichen – eigentlich besser ausgestattet werden. Die Rede ist von fünf Milliarden Euro, die in naher Zukunft fließen sollen. Nun stocken die Verhandlungen erst einmal.

Aber was heißt eigentlich ‚digitale Schule‘ bisher in Deutschland? Jöran Muuß-Merholz, Diplom-Pädagoge und Experte für digitale Medien im Bildungsbereich, zum Ist-Zustand und was er ändern würde. Dabei plädiert er dafür, sich bei der Digitalisierung in den Schulen nicht auf falsche Fährten locken zu lassen.

Netzpiloten: Wo stehen wir bei der Digitalisierung der Schule, also des Umfeldes, wo die junge Generation täglich mit am meisten Zeit verbingt?

Joeran Muuß-Merholz (CC-by-3.0) (Image by Hannah Birr) (cc-by-3-0 DE)
Jöran Muuß-Merholz. Image by Hannah Birr/J&K

Jöran Muuß-Merholz: Im Moment würde ich das als großes Durchwursteln bezeichnen. Es gibt zwar immer mehr Schulen, an denen das Internet und Digitales als hilfreich entdeckt wird. Das ist aber noch die Minderheit. Insgesamt erlebt das Thema Auftrieb, alle finden Digitalisierung plötzlich toll. Der Digitalpakt wird verhandelt. Bei den Parteien ist es im Bundestagswahlkampf ein großes Schlagwort. Das Schuljahr 2017/2018 könnte in Bezug auf die Schulen rückblickend irgendwann mal als Wendejahr wahrgenommen werden.

Das heißt, noch ist eher das Arbeitsblatt up-to-date?

Das Arbeitsblatt ist sogar Nummer Eins unter den Lehrmaterialien und einer Untersuchung der Uni Augsburg zufolge am Schulbuch vorbeigezogen.

Ideen für Digitales in der Schule scheitern an schlechter Ausstattung mit Hard- und Software, wird häufig beklagt…

Was die Ausstattung angeht, landet Deutschland im Industrieländervergleich regelmäßig hinten. Hardware ist allerdings das Zweitwichtigste. Davor kommt das Netz. Ich bin im Beirat einer Studie der Bertelsmann Stiftung, die im Herbst veröffentlicht wird. Ein Befund ist, dass Schulen ihr Internet als gar nicht so schlecht empfinden. Ich halte diese Selbsteinschätzung für falsch. Es ist nur solange nicht das Schlechteste, wie nur ein paar Geräte einbezogen sind.

Das heißt: Wenn wir Schulen jetzt ans Netz bringen, haben sie teilweise 50 Mbit pro Sekunde. Gehen alle Schüler gleichzeitig ins Netz, verursacht das aber irren Traffic. Das ist zu bedenken, wenn man auf politischer Ebene Infrastrukturmaßnahmen beschließt. Es reicht außerdem nicht, den Schulen einfach nur Netz und Technik zu geben. Jede Organisation, in der 500 Leute arbeiten, hat einen Systemadministrator. Das kann in der Schule niemand nebenbei leisten.

So denn Technik gegeben ist, wie digital ist der Schulalltag schon gestaltet?

Sehr viel wird entdeckt, was das Lehren und Lernen erleichtert. Um ein Beispiel zu nennen: Ein großer Hype ist der so genannte flipped classroom. Den Lehrstoff schauen sich die Schüler zuhause als Video an. Die Zeit in der Schule ist zum Üben und der Lehrer kann unterstützen. Die Videos machen die Lehrer selbst, das ist eine regelrechte Bewegung. Es gibt Youtuber mit Erklärvideos, die haben Millionen Klicks. Weiter werden Apps oder Quizze genutzt. Alles lauter gute Ideen. Allerdings handelt es sich bisher eher um eine Optimierung des Bestehenden.

Also noch nicht die große Revolution? Sind Apps, Videos und Quiz-Spiele nicht ein erster Schritt?

Das wäre der optimistische Blickwinkel, also dass im Fahrwasser der digitalen Medien neue Möglichkeiten in den Schulen einziehen. Ich glaube inzwischen, dass es so nicht funktioniert. So ist zum Beispiel die Ausstattung mit interaktiven Whiteboards an den Schulen sehr gut. Man kann damit bestimmt tolle Sachen machen – macht man aber nicht. Die Hauptanwendung besteht darin, dass Lehrer Youtube-Videos von einem USB-Stick abspielen. Hier, böse formuliert, optimiert es nur den Frontalunterricht.

Was wäre aus Ihrer Sicht stattdessen notwendig?

Neben einem technischen braucht es einen pädagogischen Wandel. Auch weil Computer immer mehr das übernehmen, wofür die Schule einmal Menschen ausgebildet hat. Wir müssen uns folgende Frage stellen: Was sollten Leute in der Schule lernen, damit sie mehr können als ein Computer. Die 4K-Kompetenzen, die von der OECD angeführt werden, zum Beispiel: Kreativität, Kollaboration, Kommunikation und kritisches Denken.

Wie anders sollten digitale Herangehensweisen ans Lernen aus diesem Blickwinkel aussehen?

Wie das pädagogisch aussehen kann, wissen wir schon länger als es Digitalmedien gibt. Das Lernen anhand von Projekten oder an Real-World-Zusammenhängen steht im Vordergrund. Das Digitale aber sprengt plötzlich auf, worauf Schule bisher limitiert war. Man hat nicht nur das Schulbuch als Quelle, sondern das ganze WWW. Früher war es sehr aufwändig, einen Experten in die Schule einzuladen, heute ginge das unkompliziert per Skype.

Ein tolles Beispiel kenne ich von einer Grundschullehrerin an der Nordsee. Sie hat mit ihren Schülern Partnerprojekte mit Schulen in Kanada und Neuseeland. Im Sachkunde-Unterricht stellen sie sich gegenseitig ihre Heimat vor, auf Englisch. Außerdem arbeiten sie gemeinsam an einer Blogplattform. Internet und reale Welt verbinden sich hier ganz stark.

Nun ist Bildung Ländersache. Welche Weichen müssten denn Bundesländer stellen, um ihre Schulen nach vorn zu bringen?

Infrastruktur braucht es auf jeden Fall. Ob der Netzzugriff dann über ein von Schülern mitgebrachtes oder von der Schule bereitgestelltes Gerät erfolgt, ist eine Frage der Konzepte und Kosten. Wenn man über eine Cloud arbeitet, ist es egal, von welchem Gerät aus er geschieht – Hauptsache, man hat einen Browser. Da spielt die Technik den Schulen in die Hände. Was aber ein Bundesland wirklich als erstes machen könnte, und zwar völlig kostenfrei, betrifft Open Educational Ressources: dafür nämlich eine Ermutigung auszusprechen. Die Stadt Leicester in England macht das vor. Als Schulträger sagt sie: Wir finden toll, wenn unsere Lehrer freie Materialien selbst entwickeln und unter freier Lizenz bereitstellen. In Deutschland ist für Lehrer unklar, ob sie überhaupt frei lizensieren dürfen, wenn sie etwas im Auftrag ihres Dienstherren gemacht haben.

Gibt es in Bezug auf freie Bildungsmaterialien nicht viel größere Bedenken beim Copyright?

Da gibt es eine seltsame Situation. Copyright-Unsicherheiten können ein großer Treiber für zwei verschiedene Tendenzen sein: Entweder stärkt es den Impuls zu sagen, dann machen wir die Fotos und Infovorlagen halt alle komplett selbst. Oder es wirkt bremsend. Viele lassen davon lieber die Finger – was ich nachvollziehen kann. Es ist nicht mal geklärt, wer bei Fehlern eines Lehrers haftet. Letztlich brauchen wir eine Reform des Urheberrechts.

Welche Chancen bieten Lernplattformen für die Schulen?

Lernplattformen erfüllen ganz verschiedene Zwecke: Zugang zu Tools, Videos und Dateien zu gewähren, die ganze Schulkommunikation kann darüber laufen. Möglich ist auch, Zugang zu Microsoft Office-Produkten in der Cloud zu schaffen. So etwas möchte Microsoft gern in die Schulen bringen.

Die deutliche Mehrheit der Schulen hat eine Lernplattform. Das heißt aber gar nichts: Ganz viele davon sind tot, werden kaum genutzt oder nur von einzelnen Lehrern. Zu dem, was möglich ist, hatte ich an einer Berufsschule in Kassel einen Aha-Effekt. Sie nutzen zwei Plattformen, eine für die Lehrmaterialien, eine für die Lernergebnisse. Tausende spannende Sachen, die andere Schüler anschauen können. Das geht nur mit einer modernen Pädagogik, wo Abschreiben nichts bringt. Es muss deutlich gesagt werden, dass es bei einer Aufgabenstellung nicht um reine Wiedergabe des Gelernten geht. Vielmehr muss der Schüler zeigen, dass er die Inhalte wirklich verstanden hat. So schließt sich übrigens der Kreis zu den 4Ks.


Jöran Muuß-Merholz schreibt Bücher über das Digitale und Bildung, darunter „Mein Kind ist bei Facebook. Tipps für Eltern“ (2012) und „Neues Lernen mit Medien. Wie man Internet und moderne Pädagogik verbindet“ (2009). Aktuell hat er ein Buch aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, das unter dem Titel „Die vier Dimensionen der Bildung. Was Schüler im 21. Jahrhundert lernen müssen“ im September 2017 erscheint. In Hamburg betreibt er die Bildungs-Agentur „Jöran und Konsorten“.


Image „Klassenzimmer“ by Dmitry Vereshchagin/stock.adobe.com

Image by Hannah Birr / J&K (CC BY 3.0 DE)


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  • NETZWELTsüddeutsche zeitung: Fadi spielt um sein Leben: Eine Freundschaft über alle Grenzen. Kennengelernt haben die beiden Männer sich über das Spiel „Plants vs. Zombies Heroes“. Der eine aus Damaskus, der andere aus Cobur. Zwischen den Beiden beginnt sich eine Art Freundschaft zu entwickeln. Der Austausch über Musik und Hobbies weicht dem Austausch über Familie und Lebensumstände. So kommt die Idee Ayan nach DEU zu bringen…

  • ÜBERWACHUNG mashable: Teachers are using facial recognition to see if students are paying attention Eine Schule in Frankreich überrascht mit einem Programm, welches unaufmerksame Schüler entlarvt. Mithilfe von Psychologen werden nun Webcams entwickelt, die die Augenbewegung und Gesichtsausdrücke der Schüler untersuchen. Diese Errungenschaft soll selbstverständlich kein Ersatz für die Lehrer werden, sondern diene der Unterstützung von Kindern aus sozial schwächeren Verhältnissen in ihrer schulischen Laufbahn. Die Daten werden zwar nicht gesammelt, dennoch wird sich die Schule die Frage stellen müssen, wie sie mit diesen sensiblen Daten umzugehen haben werde.

  • TWITTERthe new york times: How Twitter Is Being Gamed to Feed Misinformation: Facebook stand in harter Kritik aufgrund der „Fake News“, Twitter, als weiteres soziales Netzwerk wurde hierbei jedoch bis jetzt übergangen. Denn auch Twitter beeinflusst die Medienwiedergabe, unwichtige Themen werden über wichtige gestellt und die Gefahr in der Verbreitung von Propaganda und Falsch-Informationen besteht genau sowie bei Facebook auch bei Twitter. Die Plattform kann kleine Gruppen als sehr groß darstellen, beispielsweise durch Bots. So können Falschinformationen durch große Like und Retweet Anzahlen bedeutsamer wirken. Twitter als eine neue Oase für Manipulatoren?

  • FACEBOOK gründerszene: Mit dieser Unternehmenskultur wurde Facebook groß
    Der einstige Facebook-Manager Antonio García Martínez verrät die Geheimnisse des Erfolgs von sozialen Netzwerken. Neben einem enormen Durchhaltevermögen, sei auch Mark Zuckerbergs Marketing Grund für Facebooks Berühmtheit. Zu Zuckerbergs Marketing gehörten zum Einen das Ausprobieren über „Hackathons“, Veranstaltungen bei denen neue Produkte entwickelt und ausprobiert werden, zum anderen die spätere Vermarktung des Produktes, von dessen Erfolg man schon von Anfang überzeugt war.

  • REKORDhorizont: Facebook zählt mehr als 30 Millionen Nutzer in Deutschland a> Facebook ist und bleibt eines der wichtigsten sozialen Netzwerke. Dies zeigt sich bei der aktuellen Verkündung-, mehr als 30 Millionen Deutsche nutzen Facebook, mobil sind es 27 Mio. Martin Ott, Managing Director Central Europe bei Facebook bedankt sich im Namen von Facebook für dieses Engagement unter anderem bei 30 deutschen Gruppen.

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„Wenn die Möglichkeit da ist, unterrichte ich digital!“: Einblicke in die Lehrerwelt

Read (adpted) (CC0 Public Domain) via pixabay

In Zusammenhang mit der Digitalisierung der Bildung wird auch viel über die Lehrer und Lehrerinnen geredet. Kommen sie mit dem Wandel gut klar? Wollen sie überhaupt irgendwas ändern? Um diese Mutmaßungen zu beenden, haben wir nachgefragt. Im Gespräch mit dem Schweizer Deutschlehrer Philippe Wampfler geht es um seinen eigenen digitalen Unterricht, Tipps für Neueinsteiger und das Mädchen-Jungen-Klischee.


Philippe Wampfler unterrichtet Deutsch, Philosophie und Medienkunde an der Kantonsschule Wettingen (Schweiz). Als Autor und Berater arbeitet er zu digitaler Bildung. Zudem ist er als Dozent für Fachdidaktik Deutsch an der Uni Zürich in der Lehrerausbildung tätig.


Lina Carnap: In Ihrem Buch schreiben Sie “Medienkompetenz ergibt sich aus einer Kombination von Wissensaufbau, Mediennutzung und Medienreflexion”. Können Sie dies näher erläutern?

Philippe Wampfler: Medienkompetenz erlangt man nicht nur darüber, dass jemand vor einem steht und einen Vortrag hält. Um medienkompetent zu werden, muss man die Medien benutzen. Der Umgang mit diesen muss ausprobiert und verankert werden. Gleichzeitig muss man immer wieder die Auswirkung des Einsatzes der digitalen Medien auf einen selber und seine Umgebung reflektieren.

Was bedeutet das für die Lehrkräfte?

Jeder und jede, die unterrichtet, muss auch jedes Mal wieder dazu lernen. Zu belehren ohne zu lernen, führt zu einer sehr einseitigen Angelegenheit. Gerade wenn es um Medien und Mediennutzung geht, muss man sich speziell als Lehrkraft ständig mit neuen, sich wandelnden Trends und Tools auseinandersetzten, mit denen die Schülerinnen und Schüler eventuell besser umgehen können. Passiert dies nicht, kommt es oft dazu, dass Lehrkräfte glauben, ihre Schülerinnen und Schüler vor den Gefahren schützen zu müssen, die das Internet mit sich bringt. Dabei verpassen sie aber oft die richtige Ansprache.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ein Paradebeispiel ist die Aktion von vielen Lehrkräften, die ihren Schülerinnen und Schülern etwas über Internetsicherheit beibringen wollen. Dabei rufen sie dazu bei Facebook auf, ihr Bild zu teilen, auf dem sie ein Schild hochhalten mit der Aufschrift „Bitte teilt dieses Bild, damit meine Schülerinnen und Schüler sehen können, wie schnell ein Foto bei vielen Menschen auf der ganzen Welt gesehen werden kann“.

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Philippe Wampfler – Image by politik-digital

In dem Fall hat das nicht wirklich viel mit der Realität zu tun. Man erzeugt einen Effekt, der auf die Schülerinnen und Schüler persönlich so nicht zutrifft und verfehlt dabei über Dinge zu reden, die für die Jugendlichen wirklich wichtig sind.

Kommen wir auf Ihren eigenen Unterricht zu sprechen. Ist Ihr Unterricht immer digital?

Wenn in meinem Unterricht die Möglichkeit besteht, etwas digital zu bearbeiten, dann versuche ich das auch umzusetzen. Auch die Schülerinnen und Schüler arbeiten dann an ihren Laptops. Wir nehmen jetzt einen neuen Roman im Unterricht durch. Den versuchen wird biographisch aufzuarbeiten. Dazu sollen die Schülerinnen und Schüler im Internet recherchieren, in Schreibprogrammen dokumentieren und sich dann in Gruppen austauschen.

Spielen Stift und Zettel da überhaupt noch eine Rolle?

Teilweise greifen wir noch zu Stift und Zettel. Aber das, was geht, versuchen wir am Laptop zu erledigen. Dazu muss man sagen, dass dieses Konzept nur umsetzbar ist, da die meisten ihren eigenen Laptop mitbringen. Anders würde es gar nicht gehen.

Abgesehen vom Unterschied zwischen Stift und Tastatur, was ist die Besonderheit Ihres digitalen Unterrichts?

Was ich versuche ist, dass alles, was die Schülerinnen und Schüler schreiben, in irgendeiner Form veröffentlicht wird. Auf einem Blog beispielsweise. So merken die Schülerinnen und Schüler, dass ihre Texte tatsächlich auch wichtig sind, dass es Außenstehende lesen können. Sie bekommen ein Publikum. Dies steigert natürlich auch die Motivation ungemein.

Gab es auch schon Situationen, in denen etwas gar nicht funktioniert hat?

Natürlich funktioniert mal was nicht. Das kommt immer wieder vor. Aber nur so kann man neue Sachen ausprobieren. Manchmal klappt es und manchmal eben nicht. Der Einsatz von digitalen Medien an sich ist noch lange kein Selbstläufer. Daher ist die Reflexion, wie vorhin schon angesprochen, ein sehr entscheidender Schritt.

Sie integrieren auch die Sozialen Medien in Ihren Unterricht. Sind diese unbedingt notwendig?

Für vieles, was man im Unterricht machen möchte, ist der Einsatz von Sozialen Medien nicht direkt notwendig. Dennoch gibt es zwei wesentliche Punkte, weswegen es auch sinnvoll sein kann, Soziale Medien in der Schule zu behandeln. Zum einen ist es für Jugendliche wichtig, die Nutzung von Sozialen Medien zu reflektieren. Beispielweise ist es interessant, sich mit den Schülerinnen und Schülern YouTube-Videos anzugucken, um herauszuarbeiten, welche rhetorischen Mittel benutzt werden. So lernen sie auch diese einzuschätzen und zu bewerten. Zum anderen sind Soziale Medien oft mit dem Image behaftet, dass sie sehr unprofessionell und oberflächlich sind und eigentlich nur der Unterhaltung dienen. Hier ist es mir wichtig aufzuzeigen, wie man die Medien professionell nutzen kann.

Was können Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen mitgeben, die gerade überlegen digitale Technologien und Medien im Unterricht zu benutzen? Was sind die drei wichtigsten Regeln für das Digitalisieren des Schulunterrichts?

Das erste ist, dass man es einfach mal ausprobiert. Natürlich muss man auch damit rechnen, dass es nicht gleich funktioniert, dass es auch demotivierend am Anfang sein kann. Davon sollte man sich aber nicht entmutigen lassen. Dies führt dann zur zweiten Regel: Die Interessierten sollten vorerst nicht mit dem größten Projekt anfangen. Sondern sich in kleinen Schritten herantasten. Angefangen eventuell mit der kleinstmöglichen Teststufe: ein Projekt mit einem kleinen Blog zu begleiten. Ganz wichtig ist hierbei natürlich wieder das Reflektieren seitens der Lehrkräfte.

Als drittes ist es natürlich extrem hilfreich, sich mit anderen Lehrkräften zu connecten. Der Austausch mit anderen Lehrerinnen und Lehrern, die sich in ähnlichen Situationen befinden, kann sehr hilfreich sein.

Wo findet dieser Austausch statt?

Für mich ist beispielsweise Twitter da am entschiedensten. Über verschiedene Hashtags kann man sich mit vielen Lehrkräften austauschen und neue Ideen gewinnen. Aber ich weiß auch, dass Twitter nicht bei allen gut ankommt. Muss es auch nicht, denn es gibt auch zahlreiche Gruppen auf Facebook. Dort unterstützen sich die Lehrer gegenseitig und helfen einander. Vor allem auch für Referendare kann das der anfänglichen Überforderung Abhilfe schaffen.

In dem Zusammenhang: unterstützen Sie den Ansatz von Open Educational Resources (OER), Materialien generell zugänglich zu machen?

Generell bin ich der Meinung, dass alle Materialien für alle zugänglich sein sollten. Ich selbst veröffentliche meine Materialien, außer eventuell die, die ich schnell mal in kürzester Zeit und auf den letzten Drücker konzipiert habe. Meine Schülerinnen und Schüler können dann darauf zurückgreifen. Aber so können sich auch andere Kolleginnen und Kollegen Ideen oder Anreize holen.

Ist es mehr oder weniger Arbeit, digitale Medien im Unterricht einzusetzen?

Ich würde nicht sagen, dass das eine mehr oder weniger Arbeit mit sich bringt. Die Arbeitsaufteilung ist aber eine andere. Wenn man digitale Medien im Unterricht einsetzt, ist dabei sehr entscheidend, dass man immer am Ball bleiben muss. Ein konstantes Lernen und sich mit neuen Dingen auseinanderzusetzen, ist sehr wichtig. Denn die Jugendwelt generell, aber vor allem auch in Hinblick auf die digitalen und sozialen Medien verändert sich ständig.

Wenn man jedoch weiß, wie man die Medien einsetzen kann, dann ergeben sich daraus viele Möglichkeiten, den Unterricht effektiv und abwechslungsreich zu gestalten. Dies verschafft einem dann schon eine große Erleichterung.

Sie befassen sich auch mit dem Thema Gender. Können Sie für den Einsatz digitaler Medien schon Bilanz ziehen, ob überhaupt ein Unterschied zwischen Mädchen und Jungen in der Annahme der neuen Unterrichtsmethoden besteht?

Da Mädchen und Jungen unterschiedlich sozialisiert werden, kann man in Bezug auf Technologien schon verschiedene Muster erkennen. Ganz plakativ gesagt tendieren Jungs dazu, die Möglichkeiten zum Spielen oder Video gucken zu nutzen. Bei den Mädchen kann ich feststellen, dass sie sich vor allem mit dem kommunikativen Aspekt der Medien auseinandersetzen. Dies sind grobe Tendenzen, die mir auffallen. Hier ist auch wichtig, diese zu reflektieren. Was ich immer wieder versuche, ist die Mädchen anzuregen, sich auch mal mit einem Computerspiel auseinanderzusetzen und dieses zu spielen. Andersherum gilt das natürlich genauso für die Jungs, denen ich vorschlage, sich an Foren oder Chats zu beteiligen.

Nun wird den Lehrerinnen und Lehrern oft vorgehalten, dass sie nicht digital-affin sind. Was machen Sie für Erfahrungen mit ihren Kolleginnen und Kollegen?

Natürlich lastet dieses Image auf dem Lehrerbild. Aber ich würde nicht meinen, dass man das so einfach sagen kann. Es gibt viele Lehrkräfte, die sehr motiviert sind, Neues dazu zu lernen und sich Kompetenzen in diesem Bereich aneignen wollen. Natürlich gibt es auch andere, die sehr verunsichert sind. Sie empfinden es als große Herausforderung, einen Unterricht mit digitalen Medien glaubwürdig zu gestalten. Vor allen bei jungen Lehrkräften sollten digitale Medien aber keine Hürde sein, die sie nicht überwinden können. Wichtig ist hier, Schritt für Schritt Erfahrung zu sammeln und so Verunsicherungen abzubauen.

Können dabei Weiterentwicklungen in der Lehrerausbildung helfen?

Es gab dazu jüngst einen Beitrag. Darin wurde festgestellt, dass es unbestritten ist das sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrkräfte Medienkompetenzen erwerben müssen. Auch das dies in der Ausbildung verankert sein muss, ist akzeptiert. Nicht einig ist man sich jedoch darüber, wie dies in der Ausbildung beigebracht werden sollte. Obwohl es schon Angebote zum Einsatz von digitalen Medien im Unterricht gibt, ist dieses Thema in den einzelnen Fachdidaktiken noch zu wenig präsent. Dies sollte geändert werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politik Digital“ unter CC BY-ND 4.0.


Image (adapted)„Read“ von Wokandapix (CC0 Public Domain)


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  • DATA heise: Dynamische IP-Adressen sind laut BGH personenbezogene Daten: Der Bundesgerichtshof (BGH) hält dynamische IP-Adressen von Website-Besuchern für datenschutzrechtlich geschützte personenbezogene Daten. Dies stellt das höchste deutsche Gericht in einem heute gesprochenen Urteil klar. Es folgt damit einem im Oktober 2016 ergangenen Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in derselben Sache. In dem Fall geht es um eine gerichtliche Auseinandersetzung des Piraten-Politikers Patrick Breyer gegen die Bundesrepublik Deutschland. Breyer möchte, dass die Websites des Bundes aufhören, IP-Adressen der Besucher ohne Einwilligung drei Monate lang zu speichern und damit Tracking zu ermöglichen. Letztlich geht es dem Datenschützer um ein generelles Verbot von IP-Logging ohne konkrete Einwilligung.

  • HASS golem: Facebook-Gesetz auf der Kippe : Heiko Maas (SPD) will noch in dieser Legislaturperiode das sogenannte „Facebook-Gesetz“ beschließen lassen. Allerdings ist die Frist dafür bereits verstrichen – streng genommen wäre der letztmögliche Termin Mitte Februar gewesen. Er ist dennoch zuversichtlich, dass das Gesetz noch beschlossen werden könnte. Jedoch droht schon jetzt Kritik von Seiten der CDU sowie von anderen SPD-Politikern.

  • TWITTER t3n: Twitter: Mitgründer Biz Stone kehrt zurück Im März 2006 hatte Jack Dorsey gemeinsam mit den Co-Gründern Biz Stone und Evan Williams den Microblogging-Dienst Twitter. Dorsey trat 2008 als CEO zurück, den Posten übernahm Williams, der ihn im Herbst 2010 wieder abgab. Biz Stone verließ Twitter im Jahr 2011. Jetzt, knapp zwei Jahre nach Jack Dorsey, kehrt Stone zu Twitter zurück, wie er am Dienstag in einem Blogeintrag bei Medium bekannt gab. In ein paar Wochen starte er „full time“ bei Twitter, schreibt Stone. Er werde sich künftig um die Unternehmenskultur kümmern – „that energy, that feeling“. Der genaue Jobtitel von Stone ist unklar, einem Insider zufolge, den Recode zitiert, wird der Twitter-Co-Gründer unter CMO Leslie Berland arbeiten und ihr bei der internen Kommunikation und dem Aufrechterhalten der Moral in der Firma helfen.

  • APPLE Welt: Apple kurz vor Vorstellung von drei neuen MacBooks : Apple wird wohl bei der Entwicklerkonferenz im Sommer drei neue Laptops vorstellen. Das berichtet der Nachrichtendienst Bloomberg unter Berufung auf mehrere mit den Vorgängen vertrauten Menschen. Das MacBook Pro wird einen schnelleren Kaby-Lake-Prozessor von Intel bekommen, sagten die Insider. Apple arbeitet auch an einer neuen Version des 12-Zoll-MacBooks mit schnelleren Intel-Prozessoren. Zudem werde im Unternehmen auch über eine verbesserte Version der populären 13-Zoll-Version des MacBook Air nachgedacht. Die Nachfrage nach Apples günstigstem Notebook ist überraschend stark, sagte einer der Insider. Weder Apple noch Intel wollten die Informationen zunächst kommentieren.

  • CYBERMOBBING Zeit: Ist doch nicht so schlimm, machen doch alle: Eine am Dienstag veröffentlichte, nicht repräsentative Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing kommt nach Befragung von über 3.000 deutschen Eltern, Lehrern und Schülern zum Ergebnis: Etwa 13 Prozent der Schüler sind schon online gemobbt worden. Auf einen ähnlichen Befund kam die Entwicklungspsychologin Anja Schultze-Krumbholz. Sie hatte in ihrer Dissertation verschiedene deutsche Studien verglichen.
    Laut Bündnis gegen Cybermobbing sind 14-Jährige am häufigsten betroffen, aber auch 7-Jährige machen schon Erfahrungen mit Cybermobbing. Jeder zehnte Lehrer sagt, er habe regelmäßig damit zu tun, jeder zweite Lehrer habe es schon einmal erlebt.

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(R)Evolution der Bildung – Der Unterricht braucht ein Update

School (Image by congerdesign [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Deutschland – das Land der Ingenieure. Heimat von Mercedes, Volkswagen und BMW. Ist es da nicht eigentlich verwunderlich, dass wir in Sachen Technologien und Digitalisierung ziemlich hinterherhinken? Vor allem was den Bildungsbereich angeht? Deutschland gehört immer noch zu den Schlusslichtern der OECD-Länder, was den Gebrauch digitaler Medien im Unterricht angeht. Doch könnte eine Investition nicht nur für die Zukunft gewinnbringend sein, sondern auch den heutigen Schulunterricht unterstützen. Ein Überblick über Gebrauch, Möglichkeiten und Herausforderungen der Digitalisierung im Bildungsbereich.

Eine herbe Enttäuschung ist das derzeitige Zurückrudern der Bundesregierung in Bezug auf ihr versprochenes Digitalpaket für die Bildung. Fünf Milliarden Euro sollten für die Digitalisierung der Schulen in den nächsten fünf Jahren ausgegeben werden. Und jetzt? Anstatt in die Zukunft zu investieren, wird diese mit der nun veröffentlichten Haushaltsplanung womöglich nur noch düster. Das Geld geht in die Rüstung. Wie wichtig Bildung ist, müsste der Regierung eigentlich bewusst sein. Und dass ein Nicht-Investieren in die Digitalisierung fatal ist, eigentlich auch.

Auch die Kultusministerkonferenz hatte schon mit dem Papier “Bildung in der Digitalen Welt” geantwortet. Ihre Strategie bezieht sich auf sechs große Themenbereiche: Unterrichtsentwicklung, Ausbildung der LehrerInnen, technische Infrastruktur, Bildungsmedien, E-Government und rechtliche Rahmenbedingungen. Zusammengefasst, digitale Medien sollen integraler Bestandteiler aller Unterrichtsfächer werden. Dabei müssen LehrerInnen durch Aus-, Weiter- und Fortbildung zu Medienexperten werden, um digitale Medien professionell, didaktisch sinnvoll und reflektiert im Schulalltag einzusetzen.

Digitalisierung schafft Gleichheit für alle?

Denn durch die Digitalisierung der Bildung werden die ArbeitnehmerInnen von morgen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben und die schon in der Schule digital geschulten SchülerInnen später die digitale Transformation mitgestalten. Dazu müssen digitale Kompetenzen in der Schule erlernt werden. Denn obwohl wir in Deutschland leben und sich viele ein Leben ohne ihren Laptop oder Tablet nicht vorstellen können, gibt es etliche SchülerInnen, denen zu Hause diese Möglichkeiten fehlen. Dies schafft Ungleichheiten, die eigentlich mit der Digitalisierung überwunden werden sollten.

Aber nicht nur in der Zukunft kann es enorme Vorteile mit sich bringen, sondern auch im heutigen Schulalltag. Schon jetzt benutzen einige (vor allem junge) LehrerInnen digitale Lernplattformen, sogenannte Learning Management Systeme. Diese unterstützen die Planung, Koordination und Kommunikation im Klassenverband. Auf diesen Plattformen können die LehrerInnen die Materialien, inklusive Arbeitsbögen, Videos und Fotos, hochladen. Somit haben sie alles immer abrufbar. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für die SchülerInnen, die nach einer verpassten Stunde oder wegen eines verschusselten Arbeitsbogens Aufholbedarf haben.

Sicherheit kostet

Natürlich gibt es wie bei jeden neuen technologischen Anwendungen auch Hindernisse. Vergessene Passwörter der SchülerInnen kommen selbstverständlich vor. Wenn SchülerInnen mitten im Schuljahr nach einem neuen fragen, weiß man auch, wie oft die Seite aufgerufen wurde. Auch Datensicherheit ist ein Thema. Zusätzlich müssen Schulen aber für diese Plattformen wie beispielsweise Moodle Lizenzen erwerben. Auch für die richtige Breitbandverbindung, samt WLAN, muss gesorgt sein. Beamer und Laptops müssen vorhanden sein.

Das kostet alles Geld, welches erstmal organisiert werden muss. Da die finanzielle Unterstützung über den Schulträger meist nicht ausreicht, müssen engagierte Schulen (Schulleitungen) kreativ werden. Fördervereine, externe Akteure, wie Unternehmen, oder EU-Mittel sind hier erste Anlaufstellen. Vermehrt sorgen aber auch die Länder selbst für Sonderprogramme im Bereich Medienkompetenz. Doch können innovativen Schulen seitens des Senats auch Steine in den Weg gelegt werden.

Digitalisierung zur Unterstützung im Unterricht

Die Herausforderungen sollten aber nicht vor dem Handeln abschrecken. Denn die vermehrte Notwendigkeit zur Differenzierung im Unterricht, das heißt, die individuelle Förderung von verschiedenen Leistungsstufen in einem Klassenverband, welche zusätzlich durch Inklusion und Integration unumgänglich ist, kann durch die Digitalisierung möglich gemacht werden. Gerade wenn es um das heikle Thema Rechtschreibung (und Digitalisierung) geht, ist der Unterricht mit Hilfe digitaler Medien womöglich sogar effektiver.

So kann die Webseite Orthografietrainer.net, als online Rechtschreibtrainer mit Abschlusstests, viel individualisierter mit den SchülerInnen üben, als es einer LehrerIn im Unterricht möglich ist. Dies ist nur ein Beispiel für die Vielseitigkeit von Online-Angeboten interaktiver Apps. Auch die Nutzung von Standard-Programmen wie Schreib- oder Präsentationsprogramme werden erlernt. Videos können geschnitten, Fotos bearbeitet und Texte verfeinert werden. Diese können wiederum auf Blogs veröffentlicht werden. So lernen die SchülerInnen nicht nur die Anwendung. Gleichzeitig werden digitale Medien Mittel zum Zweck, um einen abwechslungsreichen und differenzierten Unterricht zu gestalten.

VR im Klassenraum? Die Schulverlage ziehen nach

Nun reagieren auch andere Akteure im Bildungsbereich. Beispielsweise setzen Schulbuchverlage zusätzlich auf digitale Konzepte und bieten zu ihren digitalen Schulbüchern auch auf den Lehrbereich zugeschnittene digitale Plattformen an. Denn bekommen sie in dem Bereich enormen Konkurrenzdruck. Im speziellen von den zuvor erwähnten Angeboten von Lernplattformen. Auch die großen Wirtschaftsunternehmen wie Microsoft, Google und Apple mischen im Bereich der Bildung mit.

Durch die sogenannten Open Educational Resources (OER) stehen Verlage unter Druck. OER sind unter anderem Lehrmaterialien und Arbeitsbögen von LehrerInnen, die auf verschiedene Webseiten hochgeladen werden können und dann von anderen LehrerInnen weiter benutzt werden können. Riskiert man darüber hinaus einen Blick auf zahlreiche Messen für digitale Bildung, kann man sich vor Angeboten kaum retten. Der neuste Trend: Virtual Reality Brillen für den Unterricht.

Das Angebot für LehrerInnen kann erschlagend wirken und verunsichern. Das sollte LehrerInnen aber nicht davon abhalten, es nicht einfach mal auszuprobieren. Wichtig ist vor allem die Reflektion über den Einsatz der Medien. Denn hier gilt wie mit jedem anderen Medium auch, dass die Nutzung (digitaler) Medien nicht per se Erfolg bedeutet.

Universitäten haben dabei bislang wenig Unterstützung angeboten. Seminare zum Thema Digitalisierung kommen sehr selten im Vorlesungsverzeichnis für Lehramtsstudierende vor. Und wenn, dann sind sie nicht verpflichtend, sondern freiwillig.

Doch genau hier muss angesetzt werden. Wenn Digitalisierung schon in der Ausbildung und dabei in jeder Fachdidaktik eine wichtige Rolle in Anspruch nehmen würde, wenn zukünftigen LehrerInnen digitale Kompetenzen erlernen und Sicherheit bekommen, wird die Hemmschwelle, diese im Unterricht später zu benutzen deutlich geringer sein.

Genau das sollte auch mit Wankas Paket in Angriff genommen werden. Mit der Zusammenarbeit von Bund und Ländern sollte der Bund für die Finanzierung der Infrastruktur und die Länder für die Konzepte aufkommen.

Geld und Ausstattung soll es demnach nur geben, wenn ein Medienkonzept vorhanden ist. Dadurch sollte dem Rumstehen von ungenutzten Computern etc. vorgebeugt werden. Geplant war auch, vermehrt in die LehrerInnen Aus- und Fortbildung zu investieren. Schon längst stellt sich nicht mehr die Frage, ob digitale Bildung eine wichtige Rolle spielen sollte, sondern wie schnell ein fächerübergreifendes Medienkonzept realisiert werden kann. Ideen gibt es schon, nun brauchen wir das Geld, Frau Wanka.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politik Digital“ unter CC BY-ND 4.0.


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • WINDOWS heise: Microsoft will mit Windows 10 S die Schulen zurückgewinnen: Mit der neuen Programmvariante Windows S will Microsoft wieder Marktführer im Segment Schulcomputer werden. Ein besonderes Highlight ist hierbei die Software „Setup my School PCs“: Der Administrator kann damit die Konfiguration des PCs vornehmen und die Einstellungen hinterher auf einem USB-Stick speichern. Dieser wird anschließend in den nächsten einzurichtenden PC gesteckt und binnen 30 Sekunden wird die gespeicherte Konfiguration auf das Gerät geladen. Danach kann das Verfahren schon mit dem nächsten Computer wiederholt werden. Auf diese Art und Weise können an nur einem Tag Hunderte Schulcomputer eingerichtet werden.

  • WERBUNG t3n: Nicht nur online: Google und Facebook kontrollieren 20 Prozent des Werbemarktes: Die Technik-Unternehmen Google und Facebook hatten 2016 knapp 20 Prozent des Werbemarktes inne. Das geht aus dem „Top 30 Global Media Owners Report“ des Analyseunternehmens Zenith hervor. Google bzw. Alphabet steht mit Einnahmen in Höhe von 79,4 Milliarden US-Dollar an der Spitze. Das ist fast dreimal so viel wie der Verdienst des Zweitplatzierten Facebook; das Unternehmen hinter dem sozialen Netzwerk konnte im vergangenen Jahr 26,9 Milliarden US-Dollar durch Werbung einnehmen. Erst an dritter Stelle des Rankings steht ein klassisches Medienunternehmen, der US-Konzern Comcast lukrierte 2016 rund 12,9 Milliarden US-Dollar.

  • APPLE golem: iPhone-Absatz fällt, die Gewinne steigen: Apple hat am Dienstag (02. Mai) nach Handelsschluss an der Börse die neusten Verkaufszahlen zum iPhone bekannt gegeben. Im März endete das zweite Finanzquartal, nachdem das Smartphone im September 2016 in siebter Generation herausgekommen war. 50,8 Millionen Geräte wurden demnach verkauft, das ist 1 Prozent weniger als im vorherigen Quartal. Dennoch konnten die Gewinne gesteigert werden, sie legten um 4,9 Prozent zu und liegen somit bei 11,03 Milliarden US-Dollar, das entspricht 2,40 US-Dollar pro Aktie.

  • TWITTER Welt: Dank Chicken Nuggets gibt es den Twitter-Weltrekord: Der 16-jährige Carter Wilkerson hat die US-amerikanische Fast-Food-Kette Wendy’s bei Twitter herausgefordert und gefragt, wie oft sein Tweet retweetet werden muss, damit er ein Jahr lang kostenlos Chicken Nuggets bekommt. Die Antwort kam prompt: 18 Millionen Mal. Für den Schüler mit zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 147 Followern eine schier aussichtslose Herausforderung. Mit Stand von heute wurde der Tweet 3,4 Millionen Mal geteilt. Das ist zwar nicht so viel, wie von Wendy’s gefordert, aber die neu gewonnene Aufmerksamkeit wissen alle Beteiligten zu nutzen. Der Mobilfunkanbieter T-Mobile hat versprochen, die Kosten für ein Jahr Chicken Nuggets zu übernehmen, sollte sich Carter dazu entscheiden, von seinem bisherigen Anbieter AT&T zu T-Mobile zu wechseln.

  • GRIMME Spiegel: Jury nominiert Facebook-Gruppe gegen Hassrede: Online-Angebote gegen Fake News und Verschwörungstheorien sind am Dienstag in Köln für den Grimme Online Award 2017 nominiert worden. Dazu gehört zum Beispiel „Datteltäter“ des jungen ARD/ZDF-Angebots „Funk“, das sich mit Vorurteilen befasst, mit denen sich Muslime konfrontiert sehen. Oder die Facebook-Gruppe #Ichbinhier, die gegen Hasskommentare und Hetze im Internet vorgeht. Spiegel Online listet die Nominierten auf.

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  • ANDROID t3n: Macht Google Android 8.0 fit für den Desktop?: Android Nougat, die aktuelle Version des mobilen Betriebssystems, befindet sich auf gerade einmal 2,8 Prozent der Geräte. Dabei hatte man sich erhofft, dass der Anteil steigen würde, indem man der Release schon relativ früh durchführte. Daher könnte es sein, dass genaue Details zur achten Version von Android erst auf der Google I/O Mitte Mai bekannt gegeben werden könnten. Eines der Features, über dir wir uns in Android 8.0 freuen könnte, ist eine in den Messenger integrierte Suche. Ihr sucht also mit Google im Internet und das Ergebnis wird direkt im Chat gepostet. Außerdem sollen bestimmte Gesten eingeführt werden. Dabei soll man mit dem Fingerknöchel Buchstaben zeichnen können, die bestimmte Apps öffnen.

  • GOOGLE golem: Übersichtliche Suchergebnisse mobil auf Deutsch: Rich Cards heißt die Darstellungsweise, die für mobile User übersichtlich aufbereitete Ergebnisse anzeigt. Bislang gab ich diese Funktion nur auf Englisch, ab jetzt ist sie auch auf Deutsch verfügbar. Durch Fotos und den Karussell-Modus sehen die Suchergebnisse zwar optisch ansprechend aus, allerdings solltet ihr vorsichtig sein, was die Bewertung der Beiträge angeht. Diese sind nämlich nicht neutral, sondern basieren teilweise auf Verträgen mit Website-Partnern. Dazu zählen z.B. chefkoch.de, RTL Interactive, Cinemaxx und Prinz. Für Schlagzeilen gibt es die Funktion auch, zu den angezeigten Medien gehören unter anderem Spiegel Online, die Süddeutsche Zeitung und die Tagesschau.

  • MICROSOFT heise: Keine Windows Updates mit neuen Prozessoren für 7 und 8: Schon vor über einem Jahr hatte Microsoft angekündigt, neuere CPUs nur auf einem aktuellen Windows zu unterstützen – sprich Windows 10. Wie ein Support-Dokument von Microsoft nahelegt, gilt aber auch der Umkehrschluss: Updates für Windows 7 und 8.1 gibt es nur auf älterer Hardware. Als Beispiele nennt Microsoft konkret Prozessoren aus Intels siebter Core-i-Generation (alias Kaby Lake) und AMDs Bristol-Ridge-Serie; für AMDs Ryzen-Prozessoren dürfte aber dasselbe gelten. Bei der angebotenen Lösung bleibt Microsoft seiner Linie treu: Wer diese CPUs nutzen wolle, solle ein Upgrade auf Windows 10 durchführen.

  • DIGITALISIERUNG NETZPOLITIK.ORG: Mehr Rüstung als Bildung: „Digitalpakt“ für Schulen kommt in Haushaltsplanungen nicht vor:Das Bundeskabinett hat die Eckwerte für den Bundeshaushalt 2018 beschlossen und vorgestellt. Unter anderem wurde ein Digitalpakt beschlossen, der die Digitalisierung in Schulen voran treiben soll. Der Umfang beläuft sich auf fünf Milliarden Euro, die in den nächsten Jahren zur Verfügung stehen sollen. In den Haushaltsplanungen taucht dieses Geld jedoch nicht auf. Damit das Projekt dennoch umgesetzt werden kann, muss sich Bildungsministerin Wanka nun engagieren. Andernfalls – so der Hamburger Bildungssenator – „stehen in zehn Jahren überall veraltete und ungenutzte Computer herum“.

  • ZENSUR taz.de: Wenn Facebook mal eben aus ist: Immer mehr Staaten verfügen über die notwendige Technik, um den Internetzugang zu blockieren. Das Ziel: sie wollen Kritiker zum Schweigen bringen. Deutlich wird das am Beispiel Ugandas: Ein Facebook-Nutzer, der sich Tom Voltaire Okwalinga nennt, verbreitet in dem sozialen Netzwerk Lügen über den Präsidenten Yoweri Museveni. Die Reaktion der Regierung: Während einer Facebook-Einschränkung nimmt die Polizei den wichtigsten Herausforderer des Präsidenten fest. Dabei liefert dieser nicht einmal Beweise für seine Behauptungen. Die Behörden sehen in ihm dennoch eine Gefahr.

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Check-up Ireland: Webwise ist Irlands Beitrag zum Safer Internet Day

student (adapted) (Image by StartupStockPhotos [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden 12 Monate werde ich nun die „Tech-Insel“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Webwise sorgt in Irland für ein sicheres Netz (nicht nur am Safer Internet Day)

Der Safer Internet Day ist für Webwise natürlich so etwas wie der beste Tag zur Außendarstellung. Zahlreiche Schulen organisieren Veranstaltungen unter dem Motto „Seid der Wandel! Vereinigt euch für ein besseres Internet!“

Webwise, hinter dem das irische Bildungsministerium und das Safer Internet Programme der EU stehen, ist aber auch über diesen besonderen Tag hinaus äußerst aktiv. Als Teil von „PDST Technology in Education“ steht das ganze Jahr über die Förderung der Integration von ICT in das Lehren & Lernen an Grundschulen und weiterführenden Schulen auf dem Programm.

Webwise – der Kern

Der Kern der Tätigkeit von Webwise liegt bei der Förderung der autonomen, effektiven und vor allem sicheren Nutzung des Internets durch junge Menschen mittels nachhaltiger Informations-Kampagnen, die sich gleichsam an Eltern, Lehrer und die jungen Menschen selbst richten. Eltern bekommen Rat, wie sie das Online-Leben ihrer Kinder begleiten können. Lehrer bekommen Werkzeuge an die Hand, die es ihnen leichter machen, Internet-Sicherheit in den Unterricht einzubauen. Und die Heranwachsenden bekommen Hilfestellung zum Umgang mit Cyber-Bullying.

Webwise – die Partnerschaften

Webwise ist Mitglied sowohl des „Insafe“-Netzwerks als auch des „SaferInternetIE“-Projekts – einem Konsortium, in dem sich Industrie, Bildungs-Sektor, Kinderwohlfahrts-Organisationen und Regierungsstellen zusammengefunden haben, um Aktivitäten im Bereich „Sicheres Internet“ zu koordinieren, sowie um Kindern und Jugendlichen Hotlines & Helplines zur Verfügung zu stellen.

Die nachhaltige Arbeit der Organisation trägt zweifelsohne Früchte. Laut einer Studie, die aus Anlass des Safer Internet Day 2015 veröffentlicht wurde, rangieren irische Schulen über dem EU-Durchschnitt was Internet-Sicherheit betrifft. Sowohl irische Eltern als auch Lehrer stehen bei der Vermittlung von Internet-Sicherheit besser dar als die durchschnittlichen Erziehenden & Erzieher. 87 Prozent irischer Eltern greifen ein (im Vergleich zu 77 Prozent im EU-Durchschnitt), während bei den Lehrern die Zahlen sogar noch ein bisschen besser aussehen: 89 Prozent in Irland im Vergleich zum 79 Prozent EU-Durchschnitt.

Niemand kann und will sich jedoch auf diesen Zahlen ausruhen. Die Zahlen zum Safer Internet Day 2016 (hier auf der ausführlichen Infografik nachzulesen) sind weiterer Ansporn für dieses Jahr.

Noch eine Bemerkung zum Schluss: In den 20 Jahren, die ich schon in Irland lebe, haben sich Regierungen wahrlich selten durch gemeinsames Denken und Handeln einzelner Ministerien hervorgetan. Oft zählt der „Parish“ – also die Gemeinde oder besser und ehrlicher gesagt der Wahlkreis – einzelner Minister mehr als das Gemeinwohl der ganzen Nation, oder wenigstens einer besonders schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppe.

Umso mehr muss aber lobend hervorgehoben werden, dass der für den Bereich Internet zuständige Minister für Kommunikation schon Wochen vor dem Safer Internet Day 2017 seinem Kollegen im Bildungsministerium tätig unter die Arme griff und einen Wachhund für Online Trolls benannte. Der „Digital Safety Commissioner“ wird unter anderem das Recht haben, Social Media Firmen wie Facebook oder Twitter anzuweisen, Cyber Bullying Postings zu löschen.

Die tägliche Praxis des Umgangs mit Unternehmen wie Facebook und Twitter, die hier Tausende beschäftigen, wird jedoch zeigen müssen, ob ich die Herren Minister eventuell zu früh gelobt habe. Es gibt schliesslich auch noch die Frau Wirtschaftsministerin, die die genannten Firmen glücklich halten muss. Und irgendwie geht es mir da wie bei den Trumps – wenn ich einerseits eine Rede von Melania im Kopf habe, die sich den Kampf gegen Cyber Bullying ganz oben auf die Liste ihrer Aktivitäten als First Lady schreiben will und andererseits so manchen Tweet des Online Trolls No. 1 Donald vor Augen habe.

Ich bin schon gespannt auf den 17. März, den Nationalfeiertag St. Patrick’s Day, wenn der US-Präsident traditionell den irischen Ministerpräsidenten (= Taoiseach) empfängt. Der Titel dieser Kolumne könnte dann „Taoiseach trifft Troll“ lauten.


Image (adapted) „student“ by StartupStockPhotos (CC0 Public Domain)


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Gefährden Altmedien den Digitalstandort Deutschland?

Kaum ist der von der Bundesregierung angekündigte „Digitalpakt“ Gegenstand der (veröffentlichten) öffentlichen Diskussion, schon finden sich die üblichen KulturpessimistInnen und bemühen sich um die altbekannten Gefahrennarrative der Förderung des „Häppchenwissens“ und der digitalen Überforderung der jüngeren Generationen dieses Landes.

Pensionierte Lehrer in einflussreichen Positionen meinen, immer noch auf der Höhe der Pädagogik zu sein, und verbauen mit ihrer Ignoranz gegenüber aktuellen Entwicklungen den Schülerinnen und Schülern die Chancen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt. Die Gewerkschaften möchten sowieso lieber Schul-Klos repariert wissen, obwohl nicht zuletzt die aktuelle Studie der Initiative D21 zum Stand der Digitalisierung in deutschen Schulen große Defizite identifiziert hat.

Rückwärtsgewandtheit der Entscheiderinnen ist ein Problem für Deutschland

Damit fügt sich die aktuelle Debatte in eine lange Kette von Drohszenarien, die digital nicht aktive Menschen, die in Deutschland in EntscheiderInnenpositionen sitzen, gegenüber dem Internet aufbauen. Pokémon Go trackt Jugendliche und erhöht das Risiko, im Straßenverkehr unter die Räder zu kommen. Ein altbekanntes Printmedium spricht vom „Feind in meiner Hand“ und meint das Smartphone. Lehrer können sich in diesem Medium mit der Meinung breitmachen, dass Eltern Schuld an der „Internetsucht“ der Kinder seien.

Das Morgenmagazin von ARD und ZDF stellt die Teilnehmerinnen der Gamescom als der Kindheit verhaftete Deppen dar und warnt vor der – natürlich – übermäßigen Nutzung von Videospielen. Ebenfalls im Morgenmagazin wird vor den Gefahren der VR-Brillen gewarnt („Auswirkungen auf das Gehirn“). Während IBM verkündet, dass IBM-Watson nun auch im Kampf gegen den Krebs helfen wird, warnen deutsche Altmedien vor der Nutzung von Gesundheits-Apps.

Wissen die VertreterInnen der Altmedien eigentlich, was sie mit diesem Kampf gegen das Netz und gegen das Digitale indirekt auch unseren Kindern antun? Kinder und Eltern sind in einer rückwärtsgewandten Meinungs-Bubble gefangen, die sie davon abhält, sich offensiv und frühzeitig mit den Gefahren und den Chancen des Netzes zu befassen. Unsere Kinder werden, wenn sie nicht rechtzeitig digitale Kompetenzen erwerben, von den gleichaltrigen Jugendlichen und Berufsanfängern aus den USA, Asien und Russland übertrumpft.

Wir als Eltern entlassen sie aber auch gleichzeitig ungeschützt in eine Welt, in der es natürlich Risiken und Gefahren gibt; da wir sie aber nicht darauf vorbereitet haben (außer der Strategie: schaltet den PC am besten aus), werden sie unvorbereitet auf die digitale Welt außerhalb von Deutschland treffen.

Beispiel Pokémon Go: Gefahren und Chancen der Augmented Reality

Spätestens seit der Verfilmung der Stephen King-Kurzgeschichte über den Rasenmähermann im Jahr 1992 kann eine breite Masse etwas mit der Idee der Virtual Reality anfangen. Auch wenn eine Umsetzung mittels Brille und Kopfhörer vorerst weit hinter dem angepeilten Ziel der startrekschen Holdecks zurückbleibt, sind in den vergangenen 20 Jahren alle Versuche, einen komfortablen Einstieg zu schaffen, mehr oder weniger grandios gescheitert.

Letztendlich scheint es, als habe es das Jahr 2016 gebraucht – in dem alle technischen Errungenschaften wie Prozessorminiaturisierung, Grafikleistung, Rechenpower zur Erfassung des Raums und die Vorarbeit der Konsolenhersteller mit Sonys Play und Microsofts Move sowie der Druck durch den Occulus-Rift-Kickstarter zusammentrafen – um der Virtual Reality im Konsumentenmarkt zum Durchbruch zu verhelfen. Wobei bei den abgerufenenen Preisen eine schnelle Marktdurchdringung zumindest für das kommende Weihnachtsgeschäft noch fraglich bleibt.

Umso erstaunlicher erscheint es, dass diesem zukunftsträchtigen Vorstoß zumindest in der breiten öffentlichen Wahrnehmung der Rang durch eine weitere visionäre Technik abgelaufen wurde. Der Erfolg des Smartphonespiels Pokémon Go hat der Augmented Reality den Einzug auf die Endgeräte und in die Presse beschert. Der Entwickler Niantic stellte mit dem Spiel Ingress bereits seit Ende 2013 eine Augmented Reality App zur Verfügung. Auch hierbei bewegen sich die Spieler durch den öffentlichen Raum, das Kartenmaterial basiert auf Daten von Google Maps und die Bewegungen der Spieler werden zur Auswertung an die Server des Spiels zurückgemeldet.

Schon Ingress konnte in den vergangenen Jahren eine große und äußerst aktive (vornehmlich erwachsene) Spielergemeinde gewinnen. Der wirkliche Durchbruch erfolgte aber durch die Zusammenführung der Spielprinzipien von Ingress gepaart mit der Pokémon Lizenz von Nintendo.

Seit der Veröffentlichung von Pokémon Go im Juli diesen Jahres sind insbesondere in den Ballungsräumen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene der Aufforderung der Eltern gefolgt, doch endlich mal wieder rauszugehen, und fangen die Taschenmonster mit dem Blick durch die Bildschirme und Kameras ihrer Smartphones. Hierbei werden die Pokémon vom Spiel in die Abbildung der den Spieler umgebenden Realität projiziert.

Eine äußerst erfreuliche Folge des Pokémon-Go-Hypes war die Rückeroberung des öffentlichen Raums durch spielende Menschen aller Altersklassen bis zu Kindern, welche Ihr erstes Smartphone daran ausprobierten. Schon in der Woche vor dem Deutschlandstart aber machten Meldungen aus den USA über Verkehrsunfälle und Überfälle in hiesigen Medien schnell die Runde.

Das Gefährdungspotential für junge Spieler wird bei genauer Betrachtung schnell offensichtlich: Hand in Hand mit dem Austritt der Onlinespieler in die reale Welt erfolgt, zusätzlich zu den Gefahren des Straßenverkehrs, eine Übertragung der virtuellen Risiken. Was eben noch Grooming in einem Chatroom war, kann jetzt schnell eine persönliche Kontaktaufnahme werden. Hierbei ist insbesondere die schnelle Erkennbarkeit der Spieler und das gemeinsame Thema, über welches ein Kontakt hergestellt werden kann, eine nicht zu unterschätzende Komponente.

Panikmache vor Medien hat noch nie etwas gebracht

Die logische Schlussfolgerung kann aber eben nicht mediale Panikmache und pauschalisierte Warnung vor der Nutzung des Spiels sein, sondern muss eine Aufklärung der Spieler über die mit dem Spiel verbundenen Risiken sein – auch wenn die althergebrachten Grundsätze des Jugendschutzes in Bezug auf Medien hierzulande am ehesten in einer Verbotsdebatte gipfeln. Aufbauend auf dem „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften“ von 1926 verfestigte sich die Debatte um eine moralisch-sittliche Gefährdung der Jugend in den 50er-Jahren mit der pädagogisch wie feuilletonistisch vorgetragenen Kritik an Groschenromanen und Comics.

Sie wurde in den folgenden Jahrzehnten auf Videofilme erweitert und gipfelt seit den 80ern in der Diskussion um Computerspiele. Die konsequente Aberkennung des Kunstbegriffs, welcher unabhängig vom Inhalt nur bestimmten Medien vorbehalten bleibt, sagt schon viel über den Stellenwert neuartiger Technologien aus.

In Zeiten, in denen die moralisch-sittliche Verfestigung der Kinder und Jugendlich allenthalben bestritten wird, ist wohl mit deren Bedrohung kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Folglich stürzen sich die Altmedien auf die „reale“ Gefährdung von Kindern, und die Reaktion von Eltern und Pädagogen folgt – wie auch in vorhergehenden Generationen – auf dem Fuße. Unsere Eltern haben Comics und Groschenromane genauso gelesen, wie wir Videofilme sahen und Computerspiele spielten und immer noch spielen. Heute vertreiben sich die Kinder und Jugendlichen die Zeit auf Youtube, in Chaträumen und eben mit Pokémon Go. Und morgen in der Virtual Reality der Spielekonsolen und Augmented Reality der Smartphones.

Die Gründe für den rückwärtsgewandten Blick in deutschen Altmedien sind vielfältig:

  1. Wir leben in dem Land mit der zweitältesten Bevölkerung weltweit. Da kann man keine EntscheiderInnen erwarten, die in der Mehrzahl jünger und innovativer sind.
  2. „Bildung“ ist in Deutschland eine Attitüde, die man vor sich herträgt. Das Buch noch „riechen zu wollen“ und das gefüllte Bücherregal im heimischen Wohnzimmer gelten nach wie vor als Ausdruck von Belesenheit. Wobei dies letztlich auf dem Missverständnis beruht, „digital“ und „Lesen“ würden sich gegenseitig ausschließen.
  3. Ohne vorherige Studien und konsensual abgesegnete Standards wagen wir nichts (s.a. Tesla-Debatte).
  4. Die derzeit in den Schulen befindlichen LehrerInnen gehören vor allem der technikskeptischen Baby-Boomer-Generation an, die in den 1970ern in die Laufbahnen eingetreten ist. Erinnert sich jemand noch an die damalig dominierende Debatte um die sogenannte „Technikfolgenabschätzung“? Auf Basis dieser Sozialisation kann man nicht wirklich Offenheit gegenüber den Internetfirmen des Silicon Valleys erwarten.

Pokémon Go schult die neue Generation

Sollte der Umgang mit neuen Technologien und Inhalten denn nicht besser von der Betrachtung des Potentials (unter Abwägung der Risiken) getragen werden?

Online-Spiele und digitale Tools stellen die Zukunft dar; seien es Google Docs, Keynote Live-Funktion, soziale Medien, Mikro-Blogs, Snapchat oder sonstige Plattformen, auf denen sich Menschen weltweit zusammenfinden. All diesen Plattformen sind einige Merkmale gemein, die für den zukünftigen Arbeitsmarkt von übergeordneter Bedeutung sind:

1. Der Wille zum Teilen muss vorhanden sein. Ohne Teilen kann es keine nachhaltige Interaktion geben.

2. Multilingualität ist Grundvoraussetzung für alle Menschen weltweit, um sich in mehreren Meinungs- und Inhaltesphären ausreichend austauschen zu können.

3. Kommunikationsfähigkeit auf mehreren digitalen Kanälen gleichzeitig ist eine der Grundbedingungen für die Nutzung digitaler Tools und dafür, dass man überhaupt noch auf der Höhe der Zeit in seinem Beruf tätig sein kann.

4. Ohne Teamfähigkeit geht nichts mehr. Als Teammitglied muss man sich jederzeit einordnen können. Dafür kann man aber auch gezielter seine eigenen Kompetenzen einbringen. „Aufgabenteilung“ ist dabei auf gar keinen Fall mit dem altbackenen „Zuständigkeit“ zu verwechseln!

5. Der Spruch „Für die Technik ist mein Kollege zuständig“ funktioniert nicht mehr. Um zu wissen, wie ich zu Ergebnissen gelangen kann, muss ich auch die dahinter stehende Technologie ansatzweise verstehen lernen.

6. Nicht mehr das Alter ist relevant für die eigenen Relevanz, sondern mein Beitrag für das Ganze. Das eröffnet sowohl für Jung als auch Alt, aus dem „Wahrnehmungsfängnis“ und damit seiner durch das Alter selbst zugeschriebenen Rolle auszubrechen.

All diese Kompetenzen zählen wohlgemerkt sowohl für beruflich genutzte Plattformen (wie Google Docs und andere) als auch Spieleplattformen (wie beispielsweise Lol). Wenn wir also die Kinder und Jugendlichen nicht rechtzeitig auf diese digitalisierte Arbeitswelt vorbereiten und stattdessen „Internet“ und “Digital” nur kulturpessimistisch bewerten, entziehen wir unseren Kindern die zukünftige gleichberechtigte Teilhabe am globalisierten Arbeitsmarkt. Daran können wir alle kein Interesse haben.

Die Kinder vorbereiten auf eine Zukunft der Arbeit

Stattdessen sollte man aber vielleicht mal einfach seinen Kindern beim Spielen über die Schulter schauen, um zu verstehen, in welcher Weise digitale Tools und auch Spiele dazu geeignet sind, sie auf eine Zukunft der Arbeit vorzubereiten, mit der sie sich später befassen müssen. Spiele, Apps, Services, Plattformen und der gezielte Blick auf die dahinterstehende Technik sind notwendig, um zu verstehen, in welcher Weise zukünftige Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt und die Art und Weise von Bildung eigentlich schon heute zusammenhängen, ohne dass dieser Blick von den Entscheiderinnen tatsächlich auch erkannt wird.

Kinder haben einen entscheidenden Vorteil im Umgang mit neuen Technologien: sie betrachten diese nicht als „neu“. Sie werden weder von einem Gefühl zurückgehalten, dass es „früher alles besser war“, noch vom Gedanken „Wir leben in der Zukunft“ verunsichert.

Sie stehen mit beiden Beinen in der Gegenwart und es ist unfair, ihnen den Weg in Ihre Zukunft mit den sie begleitenden Technologien zu verbauen. Statt in den Medien der Vergangenheit zu verweilen, sollten wir uns als die wissensvermittelnde Generation viel mehr damit beschäftigen, wie wir die Inhalte mit den Medien der Zukunft transportieren können.


Image “girl” by nastya_gepp (CC BY 2.0)


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Mädchen schneiden in der Schule besser ab – sind aber weniger zufrieden

child (image by KokomoCole [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Die übliche Diskussion über die Erfahrungen von Kindern in der Schule fokussiert sich auf akademische Leistungen, persönliche Entwicklung sowie Bewertung der Schule. Fragt man Lehrer, Eltern oder politische Entscheidungsträger, was das wichtigste Angebot einer Schule sei, wird die Antwort eindeutlig sein: Bildung. Sie möchten, dass Kinder Wissen und Fähigkeiten entwickeln, die ihnen helfen, eine Karriere aufzubauen und erfolgreiche Erwachsene zu werden.

Natürlich befassen sie sich auch mit den persönlicheren Aspekten der Schule. Niemand möchte, dass ein Kind gemobbt wird oder unter Unsicherheit leiden muss. Dennoch wird es angesichts der steigenden Bedeutung von Qualifikation, Performanz, Schulbewertung und Verantwortlichkeit von Lehrern einmal Zeit, sich anzuschauen, ob und wie die sozialen Aspekte der Schulumgebung in bildungsbezogenen Diskursen als gegeben betrachtet oder zumindest überschattet werden.

In den vergangenen drei Jahren hat unsere Forschungsgruppe der Universität von Cardiff die unterschiedliche Wahrnehmung der Schulerfahrungen von Mädchen und Jungen analysiert. Unsere Studie bezieht ca. 1500 Schüler an 29 verschiedenen Grund- und Sekundarschulen in ganz Wales ein und förderte eine Fülle an Informationen zu Tage – nicht zuletzt, dass Mädchen in der Schule einfach weniger zufrieden sind als Jungen.

Wie ist das möglich? Gewöhnlich erzielen Mädchen in der Schule besser Noten als Jungen, aber warum sind sie nicht ebenso zufrieden wie ihre männlichen Pendants? Wir haben Schüler zu einer Vielzahl von Faktoren befragt, einschließlich der Lernumgebung ihrer Schule und der Eigenschaften der Institutionen als Ort der Sozialisierung, persönlicher Leistung sowie subjektives Wohlbefinden. Insgesamt haben wir mehrere wichtige, geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich der Wahrnehmung des eigenen Schulbesuchs aufgedeckt.

Beispielsweise waren weibliche Schüler gegenüber der Schule als Institution positiver eingestellt als Jungen. Sie hatten den Eindruck, dass das Schulpersonal große Erwartungen an sie hat, gute Noten und Fortschritt belohnt und sich für ihre akademischen Leistungen interessiert. Dennoch waren ihre Aussagen zur Wahrnehmung der Schule sehr unterschiedlich.

Knapp 25 Prozent der weiblichen Schüler sagten, dass sie sich Sorgen um ihre schulischen Leistungen machen würden, im Vergleich fanden sich hier nur 16,5 Prozent bei den Jungen. Circa 24 Prozent der Mädchen hatten das Gefühl, nicht in die Schule zu gehören, verglichen mit nur 8,8 Prozent bei den Jungen. Zusätzlich konnten fast 20 Prozent der Mädchen nicht mit der Aussage übereinstimmen, dass die Schule ein Ort sei, an dem „meine Lehrer mich gut kennen“, verglichen mit 12 Prozent der teilnehmenden Jungen. Leider werden die Antworten der Teilnehmer nicht besser mit dem Fortschreiten in der Schule. Die Befragungen wurden in zusätzlichen jährlichen Durchläufen wiederholt und die negativen Antworten wurden nicht nur beibehalten, sondern haben in einigen Fällen sogar zugenommen.

Geschlecht und Schulausbildung

Frühere Untersuchen der American Psychological Association und der britischen Organisation UCAS fanden heraus, dass Mädchen insgesamt in den meisten (oder allen) Schulfächern bessere Leistungen erbringen als Jungen und dass sich dieser Trend in vielen Ländern seit dem frühen 20. Jahrhundert manifestiert hat. Die Medien verbreiten diese Erkenntnisse häufig in Verbindung mit einer Art moralischer Panikmache, in der Interessenvertreter händeringend versuchen, den Diskurs in die Richtung der wahrgenommenen Bedrohung der Entwicklung und des zukünftigen Erfolgs männlicher Schüler zu lenken.

Die Geschlechterkluft in der Bildung wird oft dem Mangel an männlichen Lehrern beigemessen. Dennoch hat eine Studie nach der anderen festgestellt, dass das Geschlecht des Lehrers keinen messbaren Einfluss auf die akademischen Leistungen von Schülern hat. Vielmehr scheinen Mädchen bessere Leistungen zu bringen, weil sie laut einer amerikanischen Studie eine positivere Auffassung von Bildung haben, mehr lesen, mehr lernen und ein besseres Verhalten aufweisen als Jungen. unsere Forschung bestätigt diese Behauptung.

Auch wenn die geringeren akademischen Leistungen der Jungen in der Schule besorgniserregend sind, muss Folgendes bedacht werden: auch wenn Mädchen in der Schule bessere Leistungen bringen als Jungen, sind diese Erfahrungen oft genug mit Zweifel, Entfremdung und Angst behaftet.

Schulen als soziale Räume

Schulen sind weit mehr als ein Ort des Lernens, sie sind ebenso komplizierte Schauplätze sozialer Aktivitäten. Dieselben gesellschaftlichen Einstellungen, Praktiken und Diskurse, die auch außerhalb der Schule präsent sind, existieren auch innerhalb dieser mikrosozialen Umgebung. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass Schüler nicht die Komplexität des Erwachsenenlebens ablegen, wenn sie die Schulräume betreten. Wenn überhaupt werden sie für einige noch intensiviert.

Die Schülerinnen, die an der Studie teilgenommen haben, sind der Auffassung, dass die gegenwärtige Situation junger Frauen in einer patriarchalisch organisierten Gesellschaft implizit und explizit auf die sozialen Praktiken im Schulwesen zurückzuführen ist. Die Wahrnehmung des Körpers und die Aktivität in sozialen Medien sind beispielsweise aktuelle Themen, die mit dem sozialen Druck in Verbindung gebracht werden, der potenziell die emotionalen Probleme von Mädchen vergrößert. Die Reaktionen darauf fokussieren sich meistens auf den Einfluss dieser Probleme auf das Leben von Mädchen, ohne jedoch mit einzubeziehen, wie das Bild des weiblichen Körpers in der Gesellschaft konstruiert und reproduziert wird. Die Schulen bilden in diesem Prozess das Instrument.

Obwohl behördliche Versuche unternommen werden, um diese Geschlechterkluft zu schließen, muss ein größerer Aufwand betrieben werden, um die gesellschaftlichen Erfahrungen und das Wohlbefinden von Schülern (und insbesondere von Mädchen) in der Schule zu verstehen und zu verbessern.

Das Einbeziehen von Konzepten wie Gender Fluidity in die Prozesse des Schulalltags sowie Unterrichtsmaterialien kann glaubwürdige Lernmöglichkeiten liefern, um sich mit Konzepten von Identität und Geschlecht auseinanderzusetzen.

Organisationen wie die Association of Teachers and Lecturers und die Gender and Education Association sind bereits an vorderster Front, um Lehrer bei der Implementierung von kritischen, transformativen Praktiken im Klassenzimmer anzuleiten. Zusätzlich zum praktischen Engagement zu den Themen Geschlecht und Identität – Faktoren, die das Leben jedes Schülers in der Schule betreffen – können die philosophischen Strömungen, die in die neuen und entstehenden Lehrpraktiken eingebettet sind, informieren und einen inklusiveren Bildungsethos für Schulen kräftigen und eine unterstützende und angenehme Umgebung für alle Schüler schaffen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Child“ by KokomoCole (CC0 Public Domain)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • NINTENDO Handelsblatt: Der große Run auf Super Mario: Nintendo ist zurück, der schon fast totgesagte Spieleentwickler feiert auf Smartphones ein beeindruckendes Comeback. Nachdem Apple-Chef Tim Cook angekündigt hat, dass Nintendos Dauerbrenner Super Mario im AppStore als „Super Mario Run“ erhältlich sein wird, haben sich die Leute auf die Nintendo-Aktien gestürzt. Der Grund dafür ist, dass laut des Videospiele-Experten Serkan Toto, Nintendo jährlich Milliarden US-Dollar Umsatz mit mobilen Spielen machen wird.
  • INTEL Spiegel: Chiphersteller Intel stößt Sicherheitssparte McAfee wieder ab: Der Chiphersteller Intel trennt sich von der Mehrheit seiner IT-Sicherheitssparte und das obwohl sie erst wenige Jahre zuvor den Virenspezialisten für fast acht Milliarden Dollar übernommen hatten. Käufer eines Anteils von 51 Prozent ist der Finanzinvestor TPG. Intel hat nun auch einen massiven Jobabbau angekündigt, bis Mitte 2017 will das Unternehmen 12.000 Stellen streichen.
  • DÄNEMARK Süddeutsche Zeitung: Dänisches Gymnasium führt Ausländerklassen ein: Das Langkaer-Gymnasium in Tilst, einem Vorort von Aarhus im Osten Jütlands, führt Ausländerklassen ein. In den vergangenen Jahren kamen immer mehr Schüler mit ausländischer Herkunft an die Schule. Der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund stieg von 2007 bis jetzt von 25 Prozent auf 80 Prozent. Damit die ethnisch dänischen Schüler in den Klassen nicht immer nur eine Minderheit bildeten, richtete der Schulleiter Yago Bundgaard drei Klassen ein mit je zur Hälfte Schüler mit und ohne Migrationshintergrund. Die restlichen Klassen bestehen nur aus Schülern mit ausländischer Herkunft. Nun macht unter anderem das dänische Institut für Menschenrechte ihm schwere Vorwürfe wegen Diskriminierung.
  • AMAZON t3n: Amazon Prime: Restaurantessen als neuer Service: Jetzt macht Amazon, Deliveroo und Just Eat Konkurrenz. Als Prime-Kunde kann man künftig in bestimmten Londoner Postleitzahlgebieten per App Gerichte aus mehr als 100 Restaurants bestellen. Amazon wirbt mit kostenloser Lieferung auf Bestellungen ab einem Wert von £ 15. Wie immer ist der neue Service Amazon Restaurants vorerst nur für Prime-Kunden zugänglich.
  • IPHONE Die Welt: Diese Kopfhörer funktionieren auch mit dem iPhone 7: Seit Apple das iPhone 7 vorgestellt hat, gibt es großen Spott über die neuen Kopfhörer ohne Kabel. Auf Netzwerken wie z.B. Twitter machen User Witze über die Airpods. Es gibt aber auch deutlich preiswertere Kopfhörer, die iPhone 7 kompatibel sind und die man nicht so schnell verliert. Teilweise sind diese sogar besser als die Airpods.
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Was Philosophie über Bildung für eine bessere Zukunft sagen kann

Questioned Proposal (adapted) (Image by Ethan Lofton [CC BY 2.0] via flickr)

Wie schafft man eine Generation, die Lösungen für ihre Probleme erdenken und den Herausforderungen einer sich schnell verändernden Welt begegnen kann? Das diesjährige Treffen in Davos befasst sich damit, wie wir die immensen Herausforderungen der sogenannten “vierten Industriellen Revolution” meistern können – einer Ära rasanter und komplexer technologischer Veränderungen, in der unsere Rolle in der Welt einem stetigen Wandel unterworfen ist.

Die nächste Generation von Arbeitskräften wird angemessen gerüstet sein müssen, um diesen enormen Herausforderungen gewachsen zu sein. Ich glaube, dass Philosophieunterricht – wenn er gut unterrichtet wird und hochwertige Materialien nutzt – Kindern in Großbritannien und auf der ganzen Welt während dieser Ära außergewöhnlichen Nutzen bringen kann.

Ich habe an einigen Podiumsdiskussionen beim Weltwirtschaftsforum 2016 in Davos teilgenommen und versucht, politische Entscheidungsträger und Lobbyisten in dem schweizerischen Skiort davon zu überzeugen, dass wir die praktische Philosophie in den Fächerkanon der Schulen aufnehmen müssen.

Durch meine Mitgliedschaften in der British Philosophical Association (einer britischen Organisation zur Förderung der Philosophie) und dem Projekt Philosophy in Education (PEP) unterstütze ich die Weiterführung des britischen Abitur (A Level) in Philosophie und die Einführung eines britischen Realschulabschlusses (GCSE) in Philosophie. Ich befürworte ebenfalls die Einführung zumindest eines Jahres – idealerweise mehrerer Jahre – unbenoteten Philosophieunterrichts für alle Kinder im Alter zwischen sieben und 14 Jahren.

Das Spektrum von Ideen und Argumenten, das im Philosophieunterricht angeboten wird, kann Kindern zeigen, dass es Wege des Denkens und des Lebens gibt, die von denjenigen abweichen, die sie vor ihrer eigenen Haustür auffinden können. Philosophie ist eines der Fächer, die hauptsächlich dazu beitragen, die Vielfalt der Vorstellungen eines Kindes über mögliche Lebensweisen zu erhöhen. Das gilt für alle Kinder aus allen sozioökonomischen Hintergründen.

Wir sind nicht nur Produkte unserer genetischen Anlagen und unserer Umwelt; Vernunft weist zumindest teilweise einen Weg aus diesen hinaus – aber nur, wenn die Vernunft angemessen geschult ist. Die Herausforderung dabei ist, Zirkelschlüsse zu vermeiden: Ist solch eine Ausbildung nur möglich, wenn man das Glück hat, eine gute Schule zu besuchen (oder, mit anderen Worten, ist die Entwicklung von Vernunft im Grunde tatsächlich komplett abhängig von der unmittelbaren Umgebung)?

Half-open door to Heaven(Image by Klearchos Kapoutsis(CC BY 2.0) via Flickr)
Image (adapted) „Half-open door to Heaven“ by Klearchos Kapoutsis (CC BY 2.0)

Das stimmt nur bis zu einem gewissen Punkt. Es gibt hervorragende Materialien, die weitreichend verfügbar sind, auch online. Aber Kinder müssen zumindest wissen, dass solche Materialien existieren, dass es Dinge zu entdecken gibt.

Fragen des Glaubens

Das Entscheidende ist, dass die Philosophie Kindern hervorragend beibringen kann, wie man Fragen stellt, Konzepte analysiert, induktive sowie deduktive Argumente analysiert und konstruiert und, ganz allgemein zu berücksichtigen, ob es irgendwelche guten Gründe gibt an das zu glauben, was sie beigebracht bekommen. Sie hilft ihnen, sich daran zu gewöhnen, selbstständig zu argumentieren und zu denken.

Das würde nahelegen, dass Philosophie Kindern eine bessere Chance geben könnte, Versuchen zu widerstehen, sie einer Gehirnwäsche zu unterziehen, sei es durch politische oder religiöse Extremisten, Werbung oder in der Tat durch Lehrer. Es ist bisher schwierig, gesicherte Erkenntnisse dazu zu finden, aber Untersuchungen des britischen Bildungsministeriums sprechen von “gemeldeten Einflüssen”.

Diese Idee scheint einer Veröffentlichung des British Council über Bildung und Extremismus zugrunde zu liegen. Die eigene Forschung des Bildungsministeriums legte 2010 außerdem nahe, dass es eine Verbindung zwischen verfügbaren Philosophie-Lehrmaterialien der Gruppe Philosophy for Children (P4C) und dem Schutz vor Indoktrination gibt. Es gibt derzeit eine Arbeitsgruppe, die untersucht, ob P4C der Prevent-Strategie (ein britisches Programm,um gewalttätigen Extremismus zu verhindern) zugutekommt. Ich bin allerdings nicht sicher, ob genau diese Frage unbedingt die richtige ist.

Philosophieunterricht, der am richtigen Niveau ansetzt, hat den Vorteil, inklusiv zu sein, wohingegen das Präventionsprogramm dafür kritisiert wurde, nicht inklusiv zu sein. Meiner Meinung nach ist es gesund für Kinder, ermutigt zu werden Dinge zu hinterfragen und für sich selbst zu denken – und Philosophie ist eines der Fächer, das darin besonders gut ist, unabhängig von bestimmten Lehrplänen.

Präzision und Fingerspitzengefühl

Philosophie verbessert sowohl Sprech- als auch Zuhörfähigkeit – und sie fördert die Bereitschaft zu konstruktivem Dialog. Sie erlaubt Kindern zu verstehen, dass man sich mit jemandem uneinig sein kann, ohne dass es zu Handgreiflichkeiten kommt und sie ermutigt sie, intellektuelle Kritik von persönlichen Angriffen zu unterscheiden. Sie kann deshalb eine Rolle dabei spielen, Ausdauer und Charakterstärke zu fördern.

Sowohl das klare, präzise Denken als auch die Geschmeidigkeit und Flexibilität des Geistes, die Philosophie fordert und fördert, werden Schlüsselqualifikationen am Arbeitsplatz des 21. Jahrhunderts sein, der von ständiger Innovation definiert wird.

Aber – wie wichtig das auch sein mag – Philosophie tut viel mehr, als Schülerinnen und Schüler auf das Arbeitsleben vorzubereiten. Ich glaube, dass die Aktivität der Philosophie selbst einen der Bestandteile eines erfolgreichen Lebens für Kinder bilden kann, sowohl individuell als auch kollektiv. Dieser Erfolg ist nicht nur ein Ziel für ihr zukünftiges Erwachsenen-Selbst, sondern auch wichtig für sie während ihrer Ausbildung.

Might as well jump(Image by Henrik Sandklef(CC BY-SA 2.0) via Flickr
Image (adapted) „Might as well jump“ by Henrik Sandklef (CC BY-SA 2.0)

Wenn Schulkinder heranreifen, kann die Philosophie ihnen helfen, Themen wie Erfolg, Glück und Freude und ihre mögliche (oder unmögliche) Verbindung zu reflektieren. Philosophie kann somit Kindern helfen, ihre eigenen Lebensziele herauszuarbeiten.

Zweifel anregen

Diejenigen in Davos, die sich darum sorgen, wie die Zukunft der Bildung in diesem Zeitalter der Unsicherheit aussehen sollte, können hier Trost in der Philosophie finden. Sie kann Kindern helfen zu verstehen, dass ethische Entscheidungen schon immer unter unsicheren Umständen getroffen werden mussten und dass technischer Fortschritt das nicht geändert hat (obwohl sie uns vielleicht vorgegaukelt haben, dass das Leben vorhersehbarer sei als es ist).

Philosophie kann auch dazu beitragen, Konzepte des Erfolgs zu entwickeln, die in unsicheren Zeiten existieren können, und sie kann dazu beitragen, Kinder mit der geistigen Gewandtheit und Anpassungsfähigkeit auszustatten, die unsichere Zeiten erfordern. Es ist nicht das Übermaß an Zweifel, das gegenwärtig so viele Probleme auf der Welt verursacht – ganz im Gegenteil.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “Questioned Proposal” by Ethan Lofton (CC BY 2.0)


 

The Conversation

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5 Lesetipps für den 12. Januar

In unseren Lesetipps geht es heute um Streaming, David Bowie versus MTV, E-Sport an Schulen, Taylor Swifts weißer Feminismus und Pavel Durov. Ergänzungen erwünscht.

  • STREAMING The Next Web: Motörhead frontman Lemmy’s funeral was streamed live by 280,000 people on YouTube: Samstagnacht habe ich mir die Beerdigung von Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister auf YouTube angesehen. Rund 280.000 andere Musikfans machten es genauso. Es war nicht die erste Beerdigung eines Stars, die gestreamt wurde, aber dieses jüngste Eriegnis zeigt, wie wichtig Streaming geworden ist, um an globalen ereignissen teilzuhaben. Ich bin gespannt, ob die Angehörigen von David Bowie einen ähnlichen Schritt unternehmen.

  • DAVID BOWIE Fusion: David Bowie’s legacy includes challenging MTV’s color code: Selbstverständlich kann man den Tod von David Bowie betrauern, mich erfreut und erstaunt allerdings gerade mehr, was für eine beeindruckende Persönlichkeit er war. David Mattews schreibt auf Fusion.net über eine Anekdote aus Bowies Leben, die mir noch vollkommen unbekannt war. 1983 kritisierte er MTV für seine rassistische Programmgestaltung, nachdem er davon erfahren hatte und setzte sich für schwarze MusikerInnen ein. Schlimm, dass es noch in den 80er Jahren so einen vorgelebten Rassismus gab, beeindruckend aber, wie Bowie sich öffentlich gegen ein Gesellschaftsproblem stark machte.

  • E-SPORT Ars Technica: Norwegian high school puts e-sports and gaming on the timetable: In Norwegen können SchülerInnen in Bergen seit August das Wahlfach E-Sports belegen. Peter Bright berichtet auf Ars Technica von dem Unterricht, in dem u.a. Computerspiele wie Counter Strike und League Of Legends gespielt werden können. Spannend ist auch, wie gut die Schulen ausgestattet sind: es gibt Gaming-Stühle und Computer mit leistungsstarken Grafikkarten.

  • FEMINISMUS Bustle: 5 Important Reasons I Can’t Love Taylor Swift Anymore: Im vergangenen Jahr gab es viele spannende Artikel über Taylor Swift und ihren problematischen rein weißen Feminismus, die übrigens alle in diesem Artikel von Gina Florio auch verlinkt sind. Florio schafft es aber, eine weitere Perspektive auf das Problem herauszuarbeiten: die Unfähigkeit von Swift, ihren auf Privilegien beruhenden Status auch als Problem anzusehen. Swift ist sicherlich keine Rassistin, doch ihre Definition von Feminismus hat durchaus rassistische Ansätze, die Florio benennt.

  • PAVEL DUROV NYTimes.com: Once Celebrated in Russia, the Programmer Pavel Durov Chooses Exile: Danny Hakim hat für die New York Times einen lesenswerten Artikel über den russischen Unternehmen Pavel Durov verfasst, den man vor allem als Gründer des Facebook auffallend ähnlich sehenden Netzwerks VKontakte kennt, das in Russland sogar größer als sein Vorbild ist. Inzwischen hat Durov Russland verlassen, hat das Exil dem Überwachungsstaat von Putin vorgezogen, und mit dem Messenger Telegram auch ein weiteres Projekt vorzuweisen.

CHIEF-EDITOR’S NOTE: Wenn Ihnen unsere Arbeit etwas wert ist, zeigen Sie es uns bitte auf Flattr oder indem Sie unsere Reichweite auf Twitter, Facebook, Google+, Soundcloud, Slideshare, YouTube und/oder Instagram erhöhen. Vielen Dank. – Tobias Schwarz

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Digitale Bildung: Sachsen-Anhalt will mit Microsoft kooperieren

Computer (Image by dantetg [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Das Land Sachsen-Anhalt plant eine Partnerschaft mit Microsoft für den Aufbau einer zentralen Cloud-Plattform. Kritiker warnen vor den Risiken. Mit einem Konzept unter dem Titel „Lernen, Lehren, Managen 2.0 – Auf dem Weg zur Schule 2020“ möchte Sachsen-Anhalt seine Bildungslandschaft fit für die digitale Zukunft machen – parallel zu Investitionen in IT-Mindeststandards. Es soll darum gehen, ein integriertes Managementsystem zu schaffen, in dem Wissens-, Informationsbestände und eine Infrastruktur harmonisiert und modular ausgestaltet werden. Helfen soll eine umfangreiche Kooperation mit Microsoft, Vertragsabschlüsse sind greifbar nah. Seit Bekanntwerden regt sich dagegen Unmut. Jetzt gibt es eine Onlinepetition.

Sie kommt von Alexander Dahl, 33 Jahre und Mitglied im Netz39, einem Verein für Bastler, Hacker und Digitalinteressierte in Magdeburg. Dahl ist Programmierer, kein Prinzipienreiter. Dahl: “Microsoft kann eine gute Lösung für ein konkretes Problem sein.“ Schulen werden jedoch, so befürchtet er, mit einer “allumfassenden Partnerschaft“, wie angedacht, künftig keine andere Wahl gelassen, als auf die Microsoft-Produktfamilie zu setzen. Mit seinen Bedenken ist er nicht allein – neben der Grundskepsis bei allen Kritikern in puncto Datenschutz, die sich aus den NSA-Enthüllungen speist.


Was ist geplant?

  • Alle rund 220.000 Schüler und 18.000 Lehrer in Sachsen-Anhalt sollen das Paket „Office 365“ für mehrere Desktop- und Mobilgeräte zum gemeinsamen Arbeiten in einer Cloud erhalten und dafür zentral registriert werden.

  • Laut Präambel der bisher geschlossenen Absichtserklärung in einem „Letter of Intent“ ist für beide Seiten das Ziel, „eine integrierte und nahtlose Nutzererfahrung bereitzustellen, die erstklassige Kommunikations- und Kollaborationsdienste in einer tragfähigen, soliden und verwalteten Umgebung“ biete.

  • Strategische Beratung und der Aufbau einer IT-Academy für Lehrerfortbildung sind ebenfalls vorgesehen.


Lehrergewerkschaft sieht keinen Mehrwert

Die Lehrergewerkschaft GEW Sachsen-Anhalt kritisiert, engagierte Lehrer würden längst moderne Cloud-Lösungen und Lernplattformen nutzen. Software fehle nicht, sondern Personal und Technik. GEW-Landesvorsitzender Thomas Lippmann: “Bei diesem Vertrag gibt es nur einen Nutznießer – und das ist Microsoft selbst.“ Bildungsexperten, wie Prof. Michael Kerres von der Universität Duisburg-Essen, betonen unterdessen die Vorteile, denn Office-Lizenzen seien gewöhnlich ohnehin nötig. Die zentrale Vergabe könne “ein kluger Weg“ sein, weil es den Schulen die bilaterale Aushandlung erspare.

Sind bestehende Initiativen und Modelle in Gefahr?

Über ein Modell nach dem Motto“Lizenzen für alle“ gehen die Pläne indes weit hinaus. Wenn es erst einmal eine zentral geschaffene (Cloud-)Plattform von Microsoft gibt, könnten viele Schulen einfach nur froh sein, sich mit IT-Fragen nicht weiter befassen zu müssen und sich anpassen, befürchtet Jan Wagner, netzpolitischer Sprecher der Linken im Landtag, die eine Aufkündigung der Pläne fordert. Für Medienkompetenz sei aber eine Vielfalt an IT-Technologie wichtig. Oberster Datenschützer im Land, Harald von Bose, mahnt zur Vorsicht, entwickelte Ansätze nicht kaputt zu machen. Die befassten Ministerien kündigen an, die Plattform offen für andere Anwendungen zu gestalten, Open-Source-Lösungen “bedarfsweise“ zu fördern und keine Konkurrenz zu entwickelten Komponenten am landeseigenen Lehrerbildungsinstitut LISA zu schaffen.

Jöran Muuß-Merholz, Pädagoge und Digitalexperte von der “Transferstelle Open Educational Ressources“, glaubt an die gute Absicht der Politik, hält aber die Bedenken für berechtigt. Denn die Praxis könne ganz anders aussehen. Die Krux an den Plänen sei, dass Micorosoft Software, Infrastruktur, Weiterbildung und überdies Programme zu frühkindlicher Bildung in Personalunion als Hersteller liefere und federführend als Dienstleister mitaufbaue. Eine vergleichbar weitgehende Kooperation gebe es bundesweit bisher nicht.

Das ist ein relativ bedrohliches Szenario. Microsoft sitzt am Anfang und am Ende dieser Kette.“ Und zwar bei allem, was in naher Zukunft noch wichtiger werde, wenn sich Digitalisierung und Cloud-Computing erst richtig an Schulen durchsetze, so Muuß-Merholz. Gegenüber anderen Diensten im Land würde das immer einen Startvorteil bringen – auch wenn technisch gesehen alles anwendbar bliebe. Muuß-Merholz: “Das ist Teil einer größeren Strategie, die Microsoft gerade im Bildungsbereich ausrollt.“ Zu dem Pilotcharakter wollte sich Microsoft mit Verweis auf die laufenden Verhandlungen auf Nachfrage nicht äußern.

Kritik: Infrastruktur lässt sich von Bildungsinhalten nicht trennen

Unterdessen besteht auch unter Bedenkenträgern Konsens, dass es eine zentrale Infrastruktur zweifellos brauche. Kritisiert wird: Nicht so. Auch, weil das Finanzministerium die umstrittene – allerdings unverbindliche – Absichtserklärung zunächst vorbei an Kultusminister, Schulträgern und einer seit Jahren bestehenden Arbeitsgemeinschaft Medienkompetenz geschlossen hatte. Der Landesdatenschutzbeautragte wurde ebenfalls erst auf sein Drängen im Nachhinein an den Tisch geholt. Das Finanzministerium begründet das mit der Hoheit über Infrastruktur und beruft sich auf eigene Umfragen, wonach Microsoft-Nutzung an der Mehrheit der Schulen ohnehin “unübersehbare Realität“ sei, während Datenschutz und Bildungsinhalte erst im nächsten Schritt diskussionswürdig seien.

Alexander Dahl will mit einer Online-Petition eine Debatte über die künftige digitale Bildungslandschaft in Sachsen-Anhalt befördern. (Bild: M. Ganske-Zapf)
Alexander Dahl will mit einer Online-Petition eine Debatte über die künftige digitale Bildungslandschaft in Sachsen-Anhalt befördern. (Bild: M. Ganske-Zapf)

Für Netzaktivist Alexander Dahl greift das in puncto digitaler Medienkompetenz zu kurz. Bildung und Infrastruktur gehören für ihn zusammen. Ein einheitliches Konzept müsse stärker über pädagogische Ziele und mit Blick auf Folgekosten gedacht werden, unter Einbindung verschiedener Dienstleister. Das brauche politischen Willen, um es Schritt für Schritt aufzubauen. Er sagt: “Darüber will ich einen Diskurs anregen.


Teaser & Image „Computer“ by dantetg (CC0 Public Domain)

 

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Humboldt, Orwell und die Digitale Bildung

Schulen und das Web: zwei fremde Welten. Kaum bringt die Digitale Agenda da etwas Schwung, schon wird grob unsachlich dazwischengegrätscht. Zu den schönen kulturellen Errungenschaften, die uns die Blogs im Web neu beschert haben, gehört der Rant: die Schimpftirade als selbstironisches Textformat. Also wie Gernot Hassknecht, nur subtiler. Immer dann, wenn alles zu positiv werden droht und alle sich zu sehr auf die Schulter klopfen, kommt jemand und rantet los, in der Regel ausdrücklich markiert mit der Formel „sorry for the rant“.

Christian Füller a.k.a. @ciffi neigte schon immer zum Ranten, aber weniger zum Sorry sagen. Ich folge ihm seit sicher fünf Jahren auf Twitter, und das gern, eben weil er immer wieder den allzu gemütlichen Konsens stört, auch mal provoziert und immer wieder grob dazwischenholzt wie ein britischer Fußball-Vorstopper. Leider fehlt ihm Selbstironie. In den schlechteren Momenten verschwimmt dann die Grenze zur wirren Suada von schwadronierenden Technikkritik-Wirrköpfen wie Manfred Spitzer, dem deutschen Erfinder der „Digitalen Demenz“.

Und jetzt ist er also mit einem rüde rumpelnden Text (erst im eigenen Blog, dann hier bei Cicero) der SPD-Bundestagsabgeordneten Saskia Esken mit Anlauf von hinten in die Hacken gesprungen. Man kann das gesunde internationale Härte nennen, die Profi-Politiker vertragen sollten. Und ich bin sicher, dass gerade Esken da ungerührt weiterspielt: Die frühere Informatikerin und Elternrätin, die jetzt SPD-Fachfrau für Digitale Bildung ist, habe ich im Netz als reflektiert, pragmatisch und lakonisch-humorvoll schätzen gelernt.

„Fast wie Orwell“

Die SPD-Bundestagsfraktion hat unter Saskia Eskens maßgeblicher Mitwirkung ein Positionspapier zu „Digitaler Bildung“ verfasst (PDF). Dazu hat sie im Tagesspiegel einen Essay geschrieben, dem die Redaktion den zugegeben dämlichen Titel „Humboldt und die Algorithmen“ verpasst hat. Warum aber wird sie in Christian Füllers Verriss so grotesk falsch charakterisiert: „gütig-positiv, rosa Zuversicht, pseudo-emanzipatorisches Erlösungsvokabular, naive Jubelpose, Probleme des Netzes übersäuselnd„? Und warum unterstellt er ihr dazu noch „fast einen Orwell’schen Unterton„?

Das bedient ein beliebtes Klischee: Es ist eine Anspielung auf die ebenfalls eher unterkomplexe kalifornische Digital-Dystopie „The Circle“ von Dave Eggers, die ja nicht zufällig von deutschen Internetskeptikern begeistert aufgenommen wurde. Und auch Eggers selbst bedient ein altes Muster: 1984 kontrastierte der berühmte Apple-Werbespot die bunt-kreativen und individuellen Macintosh-Computer mit einer totalitären Big Brother-Welt, die deutlich auf IBM/Microsoft gemünzt war. Schon 2005 antwortete darauf eine richtig lustige Parodie, in der eben nun bunte Sportswear-Menschen mit iPods als verdummte Masse durch die Gänge trotten.

Ja, Digitalisierung hat zwei Seiten: Auf der einen Seite Verdatung und Zentralisierung, ein Traum für Bildungstechnokraten. Und auf der anderen Seite das dezentrale, von allen Nutzern belebte und weiterentwickelte Web, das der Wissenschaftler Tim Berners-Lee damals zum ausgesprochenen Missvergnügen von Microsoft-Gründer Bill Gates in die digitale Welt gesetzt hat. Das könnte man alles anreißen und diskutieren, aber Christian macht das nicht. Was ihn so aufbringt, ist der „Tonfall„, der „digitale Erlösungsdiskurs„, mit dem angeblich Leute wie ausgerechnet Saskia Esken jede Kritik an vorschneller und unreflektierter Digitalisierung der Bildung ersticken wollen.

Ich habe ihn auf Twitter gefragt, wer denn eigentlich im deutschsprachigen Raum diese naiv-totalitären Digitaleuphoriker sein sollen, vor denen er immer warnt. (Saskia Esken ist es ja definitiv nicht.) Ich sehe sie einfach nicht. Das sind nur Watschenmänner und Pappkameraden. In den USA mag es das geben, bei der Gates Foundation und bei einigen Silicon Valley-Bildungsunternehmen, aber da ist die Gefahr viel eher die universale Verdatung und Verpunktung von Bildung, also die zentrale Kontrolle. Leute aber, die sich wie Esken auf ein aufklärerisches Bildungsideal (Codewort: Humboldt) berufen, sind ganz sicher nicht der Feind. Doch Füller beschuldigt sie pauschal, sich zumindest als nützliche Idiotin für „das Treiben von Facebook, Google etc in Verbindung mit NSA, BND usw.“ einspannen zu lassen.

„Saskia Esken und viele Netzaktivisten“

Also wer? Die Leute auf dem Educamp in Stuttgart, wo ich Esken kurz persönlich kennengelernt habe? Da waren extrem engagierte Pädagogen wie Torsten Larbig von edchat.de und Maik Riecken, der sich selbst zum ausgefuchsten Schulnetz-Administrator ausgebildet hat. Diese Leute muss man nicht der Naivität bezichtigen, was die Netzanbindung von Schulen angeht. (Christian führt allen Ernstes einen misslungenen Videokonferenz-Stream aus der Microsoft-Zentrale als zentralen Beleg dafür an, dass die Forderung verfehlt sei, „endlich die technischen und didaktischen Voraussetzungen für digitales Lernen zu schaffen„. Ich verstehe das nicht.)

Ich könnte jetzt noch zig Namen von deutschen Netzaktivisten mit Schulbezug aufzählen, aber keine/r einzige/r ist entspricht dem Füller-Klischee. Niemand, wirklich niemand sagt da so etwas wie „Tablet, erlöse uns! Lernen war und ist so kompliziert, Internet hülf!“ (Vermutlich bin ich ja selbst schon eine der extremsten Stimmen.)

Es gibt keinen Link im ganzen Text, in dem irgendwie auf eine konstruktive Schiene gelenkt würde. Also etwa ein Link zu Philippe Wampfler, der zwei Bücher über Schulen, Jugendliche und digitale Medien geschrieben hat, und mit dem Christian gern auf Twitter diskutiert. Oder Beat Doebeli, Professor an der PH Schwyz und tatsächlich seit 15 Jahren ein Wortführer der „Digitalen Bildung“-Fraktion, der nichts anders tut, als sehr genau die technischen und didaktischen Hindernisse wie auch die begeisternden Möglichkeiten von digitalen Netz-Medien in ganz konkreten Schweizer Schul-Projekten zu dokumentieren, mit besonderer Berücksichtigung von BYOD-Szenarien (Bring Your Own Device, also das eigene Smartphone).

Es gibt überhaupt fast keine Links in Füllers Old School-Artikel. Es gibt keine Hinweise und in die Breite. Am Ende wird etwa abfällig eine Demonstration bei derselben Microsoft-Veranstaltung erwähnt, bei der 12-jährige Schüler mit einer Schildkröte programmieren lernen. Nun, das ist ganz offensichtlich die Programmiersprache Logo, die der berühmte Digitalpädagoge Seymour Papert in den 1970er Jahren erfunden hat, um Kindern zu zeigen, dass digitale Technologie keine Raketenwissenschaft von Datenkrakenkonzernen ist, sondern Individuen ermächtigen kann und soll. Entweder weiß Christian das nicht, oder – eher noch schlimmer – er sagt es nicht. Das aber bedeutet, die Leser dumm zu halten. Die Kommentare unter dem Cicero-Artikel sind auch entsprechend ahnungslos.

Ohne etwas über Papert zu wissen, ohne die Argumente von Wampfler, Doebeli u.a. ins Spiel zu bringen, kann man aber schlicht nicht vernünftig über Digitale Bildung diskutieren. Dann ist man verdammt zum unterirdischen Manfred Spitzer-Niveau: „Selbst im digital gestützten Unterricht geschehen Dinge, die mit Ermächtigung und Souveränität nicht zu beschreiben sind, aber mit Sucht, Ablenkung und digitaler Hörigkeit.

Digitaler Neusprech

Um fair zu sein: Es gibt in diesem hin- und herspringenden Rant, der sich als seriöser Diskussionsbeitrag geriert, einen wahren Kern. Das Wort „digital“ wird tatsächlich sehr leicht als ein beschwörendes Kürzel verwendet, das genaue Differenzierung ersetzt. Es gibt diese schablonenhaften Textbausteine über „Digitalisierung“, in die man in der Politik, in Sonntagsreden und in EU-Projektanträgen sehr leicht hineinrutscht. Es gibt die Kopfweh erregenden Wischiwaschi-Formulierungen, an denen man beim Lesen teflonhaft abrutscht. Das kann und soll man schon kritisieren. Aber halt nicht so.

Denn natürlich muss man trotzdem genau hinschauen. Als abschreckendes Beispiel wird etwa dieser Satz zitiert: „Wenn wir diesen [aufklärerisch-humboldtischen] Bildungsbegriff für die digitale Welt interpretieren, kommt der digitalen Bildung die Aufgabe zu, die Menschen mit der Aneignung einer digitalisierten Welt zu einer souveränen Teilhabe an ihr zu ermächtigen.

Was heißt das? Wir leben nolens volens in einer „digitalen Welt“. (Ja, klar.) Bildung muss darauf reagieren, wenn sie zum Ziel hat, den Menschen dabei zu helfen, sich diese Welt anzueignen und souveräne Subjekte zu werden. (Ja, klar.) Das Ziel ist Ermächtigung und souveräne Teilhabe. (Ja klar: das urdemokratische, aufklärerische Ideal.)

„Netzverkehrserziehung“

Wo also ist hier Füllers Problem? Man muss es sich mühsam zusammensuchen, aber das eigentliche Problem ist am Ende anscheinend gar nicht zuviel Kontrolle durch GoogleFacebookNSA, das bleibt hier bloßes technikkritisches Klischee, sondern gerade mangelnde Kontrolle: Man soll die SchülerInnen (die Menschen) nicht vorschnell zu souverän werden lassen. Nicht zu sehr teilhaben lassen, nicht ohne sorgfältige pädagogische Kontrolle ermächtigen. Überall drohen ja „Prokrastination, Mobbing und digitaler Exhibitionismus„.

Deshalb keine „vorschnelle, radikale und pauschale Einführung digitaler Lernmöglichkeiten„. (Als ob deutsche Schulen gerade überall Breitband-Internet und ständigen Netzzugang für alle SchülerInnen einführen wollten.) Deshalb nur „reflektiert und schrittweise Schulen und Schüler mit der digitalen Welt zu befreunden„. (Also ob Jugendliche erst die Schulcomputer bräuchten, um mit den unerfreulichen Seiten des Internet Bekanntschaft zu machen.)

Was SchülerInnen wirklich dringend brauchen, sind möglichst viele konstruktive und kollaborative Erfahrungen mit dem Netz als Wissens- und Arbeitsraum. So etwas lernen sie eher nicht auf eigene Faust. Das ist das, was sogar altmodische deutsche Unternehmen wie Bosch gerade an allen Arbeitsplätzen einführen, weil sie gemerkt haben, dass das alte bürokratisch-autoritäre Organisationsmodell ausgedient hat, das unseren Schulen 100 Jahre lang als Blaupause diente. Und natürlich gibt es bereits avancierte pädagogische Konzepte für den Umgang mit dem Netz. Die Londoner St. Pauls School führt z.B. seit 10 Jahren vorbildlich vor, wie das geht. Der Netz-Pionier Howard Rheingold entwickelt Netsmart-Kurse, in denen man lernt, mit dem Web als Bildungs-Ökosystem umzugehen, usw. Alles, was in diese Richtung geht, ist an deutschen Schulen dringend nötig.

Christian Füller gibt keine konkreten Hinweise, wie er selbst sich das „schrittweise Befreunden“ mit dem Netz vorstellt, aber die Metapher, die er wählt, ist schon bezeichnend: Dringend nötig sei „so etwas wie eine Netzverkehrserziehung für die Schüler„. Netzverkehrserziehung. Also nicht gleich auf diese digitalen „Datenautobahnen“, von denen man in den 1990ern sprach, sondern erst mal auf Spielstraßen. Ein Schulparkplatz mit aufgemalten bunten Bahnen, die Straßen und Kreuzungen darstellen, und dann dürfen die Kleinen mit ihren Rädern mit dem orangen Wimpel über den Parcours. Rechts vor links, und immer schön umschauen.

Wenn das das Weltbild sein soll, mit der wir dem Netz und dem Web begegnen, dann wird das nichts mit Bildung für die digitale Welt.

 

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Kleine Nerds und große Programmierer

Compuert Camp (Bild: Computer Camp)

Das Computer Camp bietet den Nerds von heute und Programmierern von morgen ein Ferienprogramm der etwas anderen Art.

Compuert Camp (Bild: Computer Camp)

Das Technikferienlager fängt da an, wo die Schule aufhört: In Kursen lernen die Kinder, die von Gerstgrasser und seinem Team liebevoll Nerds genannt werden, alles über Webdesign, Gamedesign, Webentwicklung, Softwareentwicklung und seit diesem Jahr im „Experts Special“ alles über die Oculus Rift. Neben den IT-Angeboten gibt es allerdings auch ein vielfältiges Freizeitangebot für Draußen, denn auch die soziale Komponente soll im Camp nicht zu kurz kommen.

Wir bieten Module für Beginner, Fortgeschrittene und Experten im EDV-Bereich“, sagt Christian Gerstgrasser, leitender Geschäftsführer des Computer Camps, was nach eigenen Angaben der größte Technikferienlageranbieter im deutschsprachigen Raum ist. Angesprochen werden sollen Digital Natives, Nerds, technikbegeisterte und technikaffine Kinder zwischen 10 und 17 Jahren. „Wir versuchen hier eine Förderung anzubieten, die ihren Interessen im Fokus ganz stark entspricht“, sagt Gerstgrasser.

Am stärksten nachgefragt sind die Programmier-Workshops, bei denen von Anfänger- bis Experten-Kursen alles dabei ist. Außerdem kann man sich in Kursen wie App-Entwicklung noch mehr spezialisieren. Bei den Einsteiger Workshops müssen keine hohen Kenntnisse vorhanden sein. Spielerisch wird hier an das Thema herangeführt und anschließend zu richtiger Programmiersprache übergeleitet. Bei den Fortgeschrittenen gibt es nach Gerstgrasser aber auch Kinder, welche mit 12 Jahren schon vollständig programmieren können, die sich „hier zusätzlichen Input erhoffen“, wie er erklärt. Meist lernen diese Kinder ihre Fähigkeiten aus dem Internet und sind mit ihrem speziellen Hobby sehr allein in ihren Schulklassen. Dementsprechend können sie, so der Geschäftsführer, nicht richtig von ihren Lehrern gefördert werden. 15 bis 20 Prozent der Kinder im Camp sind in der Regel hochbegabt, „im Sinne von, die sind sehr spezifisch auf den EDV-Bereich ausgerichtet“, wie es Gerstgrasser beschreibt. In Kleingruppen wird man ihrer deutlich schnelleren Lerngeschwindigkeit und dem Wunsch nach mehr Input gerecht.

Gerstgrasser Christian (Bild: Computer Camp)

Allerdings ist das Computer Camp „kein reiner EDV-Kurs, sondern auch ein Ferienlager“, in dem die soziale Komponente großgeschrieben wird, berichtet Gerstgrasser. „Es gibt immer den Wechsel zwischen EDV- und Freizeitmodulen“. Nach Möglichkeit geht es in der Freizeit raus, draußen werden dann Spiele wie „Capture the Flag“ oder Ultimate Frisbee mit den Kindern gespielt. Viele haben bisher keine großen Erfolge im Schulsport verzeichnen können und stehen diesem auch eher kritisch gegenüber. Aber Gerstgrasser erzählt, dass sie die Nerds „im Laufe der Woche sehr gut dazu bekommen, auch tatsächlich mal einen Ball anzufassen“. Das wird erleichtert, da sich oft Gleichgesinnte finden, welche alle auf dem selben Level sind.

1992 fand das erste Computer Camp statt. Damals noch mit dem Schwerpunkt der Aufbauarbeit, auch wurde das 10-Finger-System vermittelt, erst einige Jahre später kam das Internet hinzu. Heutzutage ist das der Standard in der Schule. Die Arbeit des Camps beginnt in dem Bereich, den die Schulen nicht mehr abdecken können, wie zum Beispiel die Vertiefung in den Bereich der Programmierung. Aber auch neue technische Möglichkeiten werden ausgeschöpft, wie dieses Jahr im speziellen Kurs zur immersiven 3D-Umgebungsbrille Oculus Rift.

Im Camp kann den Kindern die Frage beantwortet werden, wohin sie sich mit den Fähigkeiten, in denen sie wirklich gut sind, noch entwickeln können. Aber auch die soziale Komponente wird betont, denn „es ist nicht nur wichtig, dass du ein guter Programmierer bist und gut programmieren kannst, es ist nämlich auch super wichtig, dass du im Team programmieren kannst, dass du dich mit anderen Menschen im wesentlichen austauschen und zusammenarbeiten kannst“, so Gerstgrasser. Die Social Skills sind für ihn ein wichtiger Bestandteil von dem, was die Kinder mit nach Hause nehmen können.


Teaser & Image (adapted) by Computer Camp


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Wieso wir in der Schule über Sex und Pornos reden müssen

Madam keeps on eating while Mister is very busy ... (adapted) (Image by Gilles San Martin [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Sex und Pornos sind digital stets zugänglich, doch wie können Jugendliche im Umgang mit solchen Inhalten geschult werden? Vor Kurzem hat der Kinderschutzverein NSPCC Childline (Nationale Society for the Prevention of Cruelty to Children) eine Studie veröffentlicht, in der herausgearbeitet wurde, zu welchem Maße Kinder dargestellt, abhängig gemacht und für pornographisches Material ausgenutzt werden und diesen Zugang selbst nutzen. Die Studie zeigte, für wie viele Kinder und Jugendliche Pornographie ein Teil ihres Alltagslebens ist. Die Ergebnisse mögen schockierend sein, doch die neuen Möglichkeiten des Internets und der sozialen Medien, die zunehmende sexualisierte Umwelt, sowohl offline als auch online, zeigen auf, dass wir neue Wege finden müssen, um die Probleme anzupacken, wie wir momentan mit Sex umgehen und darüber reden.

Eine Möglichkeit, Kindern dabei zu helfen, Geschlecht und Sexualität besser zu verstehen, besteht in guter Bildung – aber während die hitzige Debatte anhält, ob Sexualkundeunterricht nun doch verpflichtend eingeführt werden solle, geht der Streit weit darüber hinaus: man sollte Pornographie und andere Themen wie Vergewaltigung in der Schule thematisieren.

Sexualkunde ist Teil des Fachbereichs “Personal and Social Health Education” und steht auf den Lehrplänen der Schulen. Sie soll “alle Themen und Fähigkeiten abdecken, die junge Menschen benötigen, um ihr Leben managen zu können, sich vor Gefahr zu schützen und als Individuen in unserer modernen Gesellschaft zu gedeihen.” Trotzdem findet der Unterricht im Fachbereich “Personal and Social Health Education” freiwillig statt. Er sollte verpflichtend eingeführt werden, und in dem Zusammenhang sollten sexuelle Abbildungen, Inhalte, Vergewaltigungsmythen und Probleme rund um Pornographie, in der Mittelstufe als Teil des Lehrplans aufgenommen werden.

Verlust der Unschuld und staatliche Kontrolle

In einem Artikel der Sunday Times hat Bildungsministerin Nicky Morgan den Fachbereich “Personal and Social Health Education” als einen Aspekt des Geschlechterkampfes und der Geschlechtergleichbehandlung gekennzeichnet. Ein Teil davon beinhaltete, die Mädchen darin zu unterrichten, “was eine gesunde Beziehung ausmachen sollte und wie man ‚Nein‘ zu sagen lernt.” Aber neben der Tatsache, dass man dies für den Schulunterricht einführen sollte, zögerte sie, über Sexualkunde zu sprechen und bezog sich dabei auf Untersuchungen von “Expertenorganisationen”, die “nicht in der Lage wären, oder deutliche Probleme damit hätten, die grundlegenden britischen Werte zu vertreten.” Stattdessen arbeiteten sie mit Experten für „Personal and Social Health Education” zusammen und hatten eine Liste zusammengestellt, die Material beinhalte, das “den Lehrern mehr Selbstvertrauen geben solle.”

Doch das Selbstvertrauen der Lehrer ist hierbei nicht der Punkt, und auch die Probleme nicht, die die Kinder eindeutig betreffen. Die Sicherheitsfilter sind eindeutig nicht sehr erfolgreich darin, die allgegenwärtige Zugänglichkeit der Pornographie zu verhindern. Und es kann behauptet werden, dass der Sexualkundeunterricht zwar eine gute Idee ist, aber wieso ist es so schwer, diese durchzusetzen?

Wir schrecken vor einem “moralischen Minenfeld” zurück

In einer kürzlich erschienenen Ausgabe der Sendung “Moral Maze” auf BBC wurde Sexualkunde als “moralisches, ethisches und emotionales Minenfeld“ bezeichnet. Die Kritiker hierzu zerfielen in zwei Lager. Die eine Seite stimmte für den Schutz der kindlichen Unschuld – die Kinder sollten so lange wie möglich von der erwachsenen Sexualität ferngehalten werden. Bringe man ihnen nun auch in der Schule etwas über Pornographie bei, könnte dies als legitim betrachtet werden. Dadurch würde der Sexualkundeunterricht das Problem der Übersexualisierung nur verstärken, gegen das er eingesetzt werden sollte.

Andere Stimmen geben der Sexualkunde selbst die Schuld. Junge Frauen wären mehr denn je sexuell selbstbewusst, und falls sie doch Scheu vor Sex hatten, würde diese Angst nicht durch Pornographie, sondern durch den Unterricht bestärkt. Der Bericht der “Personal and Social Health Education”-Vereinigung wurde kritisiert, übermäßig Besorgnis gegenüber Frauen und Gewalt zu erregen, und sei zudem scheinheilig: Die Definition der Zustimmung wäre übermäßig hoch und stelle menschliche Beziehungen als sehr kompliziert dar. Seine Vorschläge seien aufdringlich, präskriptiv und konformistisch. Würde er als verpflichtend eingeführt werden, laufe der Sexualkundeunterricht Gefahr, eine staatlich sanktionierte Sichtweise auf “gesunde” Beziehungen zu generieren und wäre im Grunde ein weiterer Schritt in Richtung sozialer Kontrolle.

Beide Kritiken bezichtigten Pornographie und die Pornoindustrie als unaufhaltsame Tatsache, und doch blieben die Aspekte der Misogynie und geschlechterspezifischen Machtfragen wie Zustimmung, Vergewaltigung und Pornos unangesprochen.

Pornographie im Unterricht

Christian Graugaard, ein dänischer Sexualwissenschaftler, erörterte, dass Pornographie unter kontrollierten Bedingungen, 15- und 16 Jährigen Schülern im Unterricht vorgeführt werden solle (seit den 1970ern ist Sexualkunde in Dänemark verpflichtend, zudem ist Pornographie in manchen dänischen Schulen Teil des Lehrplans).

Er beharrte darauf, dass wenn wir jungen Menschen nicht in eine kritische Diskussion über die frauenfeindlichen Aspekte der Pornographie einladen würden, wir ihnen keine Maßstäbe mitgeben würden, um Sex anders als von der Industrie präsentiert zu beurteilen. Ihnen Pornographie vorzuführen, ist eine Möglichkeit, ihnen beizubringen, dass Pornos nichts mit echtem Sex zu tun haben. Da Pornographie für Teenager ohnehin leicht zugänglich ist, wollte Graugaard sichergehen, dass sie “die nötigen Fähigkeiten besitzen, die Pornos konstruktiv zu betrachten” und “verantwortungsbewusste und kritische Konsumenten” werden zu können. Graugaard meint:

Pornos können auch feministisch sein, manchmal sogar Teil einer Demokratisierung der Sexualität, und [kann auch] Diversität bewerben. Sie können aber auch ausschließen – beispielsweise Körperformen, Geschlechter und Sexualität. Wir wollen, dass unsere Kinder ein aufregendes und befriedigendes Sexleben haben, also ist ein offener, konstruktiver Dialog die beste Art, um sicherzugehen, dass sie in der Lage sind, sinnvolle Entscheidungen für sich zu treffen.

Die anschließende Debatte nahm vorhersehbare Züge an: Wenn man den Kindern von Sex erzählt, würde ihre Unschuld zerstört; sie seien sowieso versiert genug, mit Medien umzugehen, und zu behaupten, sie seien nachteilig von Pornos beeinflusst, würde nur mehr die Ängste der Erwachsenen schüren.

Sexualkunde ist zum Teil ein Kampf für Geschlechtergerechtigkeit und Gleichheit. Graugaards Vorschlag, den 15- und 16 Jährigen Pornos vorzuspielen, bietet ein Forum, in dem dieses frauenfeindliche und größtenteils eher beschränkte Medium visuell vorgeführt und von den Teenagern kritisch diskutiert werden kann. Hier impliziert Graugaards Unterscheidung in “gute und schlechte” Pornographie, dass das Genre zumindest recht vielfältg ist. Dennoch ist der Großteil der Mainstreampornos recht ähnlich gestrickt, meist werden Hardcorethemen erzählt und mit Entmenschlichung und Degradierung der Frau gearbeitet.

Wir haben auch schlechte Angewohnheiten

Es ist nicht der Sex der Jugendlichen, der uns moralisch herausfordern sollte. Teenager haben starke, erotische Gefühle, die sie noch entdecken werden auszudrücken. Als Gegenbeispiel ziehe ich einmal die Besorgnis über den Tabakkonsum der Jugendlichen im späten 20. Jahrhundert heran. Nicht nur war es scheinheilig, sondern zudem auch recht wirkungslos, den jungen Leuten immer wieder zu sagen, wie ungesund Rauchen sei. Solange die Erwachsenen es als alleiniges Recht betrachteten, blieb Rauchen der Übergangsritus ins Erwachsenenleben schlechthin.

Inmitten der Aufregung, ob wir Themen wie einvernehmlichen Sex, Vergewaltigung und Pornos in den Unterricht einfließen lassen sollten oder nicht, sollten wir uns vielleicht zuerst an die eigene Nase fassen. Wenn Pornos nicht länger als Problem von männlichem oder weiblichem sexuellen Verlangen nach weiblicher Degradierung, sondern als Vergnügen für Erwachsene anerkannt ist, können junge Leute die Last unseres Erbes tragen.

Der Artikel ist zuerst auf theconversation.com erschienen und unter CC BY-ND 4.0 lizensiert. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Image (adapted) „Madam keeps on eating while Mister is very busy …“ by Gilles San Martin (CC BY-SA 2.0)


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5 Lesetipps für den 26. März

In unseren Lesetipps geht es heute um den Germanwings-Flug 4U9525, Amazon, Microsoft, Facebook und Medienkompetenz. Ergänzungen erwünscht.

  • GERMANWINGS SPIEGEL ONLINE: Germanwings-Absturz: Sascha Lobo über die Medienreaktionen: Noch immer ist das Unglück des Germanwings-Fluges 4U9525 in aller Munde. Auch im Netz wurden Trauer, Mitleid und auch Empörung bekanntgegeben. Doch wie zeigt man im Netz seine Traurigkeit, wie wird im Netz Beileid ausgesprochen, worüber sind sind die Menschen im Netz empört. Man kann fast fragen: „Wie trauert das Internet?“

  • AMAZON Die Self-Publisher-Bibel: Fire TV Stick ab sofort bestellbar – Software-Update für Fire TV: Amazons Fire TV Stick kann man nun auch aus Deutschland bestellen. Seit gestern Morgen bietet die deutsche Amazon-Seite den TV Stick an. Ausgeliefert wird das deutsche Modell wohl erst im Juni. Der Preis beläuft sich auf 39 Euro. Für Amazon Prime Abonnenten kostet der Stick nur 19 Euro, und wer ihn sich zu einem neuen Abonnement dazubestellt, bezahlt sogar nur 9 Euro. Außerdem gibt es ein Software Update für die Fire-TV-Box.

  • MICROSOFT t3n: Microsoft zieht neue Grenze: Office für mobile Geräte bis 10,1 Zoll kostenlos: Microsoft erweitert sein kostenloses Office Angebot. Schon seit November 2014 ist die Basis-Software von Microsoft Office für mobile Geräte kostenlos. Nun wurde dieses Angebot spezifiziert. In Zukunft wird die App für Android- und iOS-Geräte mit einer Bildschirmgröße von höchstens 10,1 Zoll kostenlos sein. Um alle Funktionen nutzen zu können, muss jedoch ein Office365-Abo abgeschlossen werden.

  • FACEBOOK t3n: Blaues Wunder für Facebook: Mark Zuckerberg läutet das Ende seines Social Networks ein: Auf der Facebook-Entwicklerkonferenz f8 hat Mark Zuckerberg große Änderungen an dem sozialen Netzwerk angekündigt. Facebook soll die Nutzer stärker begleiten und mehr Funktionen bieten. So soll etwa der Facebook-Messenger um einen eigenen App Store erweitert werden. Auch soll der Messenger als Kommunikationstool zwischen Kunden und Händlern etabliert werden. Zudem soll eine Schnitstelle für das Internet of Things hinzugefügt werden.

  • MEDIENKOMPETENZ Datenschutzbeauftragter: Macht Facebook Schule? Soziale Medien im Unterricht: In unserer heutigen Gesellschaft ist es wichtig, über Medienkompetenz zu verfügen. Um diese Medienkompetenz schon im jungen Alter zu vermitteln, nutzen manche Lehrer soziale Netzwerke wie Facebook für den Unterricht. Zwar ist es wichtig, dass Kinder heutzutage lernen, mit den sozialen Medien umzugehen, aber dieses Vorgehen wird auch kritisiert. Schüler werden zur Mitgliedschaft in einem sozialen Netzwerk gezwungen, wenn sie am Unterricht teilhaben wollen. Außerdem spielt auch die Altersbeschränkung eines Netzwerkes hier eine Rolle.

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Lernen, Lehren und Managen 2.0 – auf dem Weg zur Schule 2020

Schule der Zukunft (Bild by evanst10000 [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Das Bundesland Sachsen-Anhalt möchte mit seinem Bildungskonzept „Lernen, Lehren und Managen 2.0“ die Basis für die Schaffung eines integrierten Wissens-, Informations- und IKT-Management im schulischen Bereich des Landes legen. Auf der CeBIT stellte Frank Bonse vom Finanzministerium des Landes Sachsen-Anhalt das Konzept vor und erklärte es im Interview.

Tobias Schwarz: Hier auf der Cebit stehe ich im Zentrum vom Stand des IT-Planungsrates mit Herrn Frank Bonse, Referatsleiter für E-Government, Projekte und Dienste im Finanzministerium von Sachsen-Anhalt. Zur Einleitung: Was ist der IT-Planungsrat?

Frank Bonse: Der IT-Planungsrat ist ein Gremium, das seinen Ursprung im Grundgesetz hat und dort verankert ist. Es geht darum, dass die 16 Bundesländer und der Bund versuchen bzw. aufgefordert sind, gemeinsame Lösungen zu generieren, um Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) in der Verwaltung wirksam einsetzen zu können, also sichere Infrastruktur.

Die 16 Bundesländer haben alle Stände um uns herum und Sachsen-Anhalt ist natürlich auch mit einem eigenen Stand vertreten und zwar mit dem Titel „Sachsen-Anhalt auf dem Weg zur Schule 2020„. Was für ein Projekt ist das?

Das ist ein ganz spannendes Projekt, das wir uns da ausgesucht haben, um es hier auf der CeBIT zu präsentieren. Es geht darum, dass wir Bildung modernisieren und innovativ gestalten wollen. Das Thema Medienkompetenz ist ja an so einem Ort wie der CeBIT in besonderem Maße präsent. Technologien begleiten uns in unterschiedlichster Art und Weise und unser Anspruch und unser Ansatz ist, den Bildungsbereich Schule damit zu konfrontieren und Lösungen zu schaffen.

Bildung mit und an Computern findet in der Schule ja schon statt. Wir versuchen die verschiedenen Lösungen, die wir im Land haben, sei es aus der Landessicht oder aus der Sicht der kommunalen Schulträger, zusammenzuführen. Wenn sie den Titel der Broschüre anschauen – „Lernen, Lehren, Managen 2.0“ –, dann beschreibt es im Grunde genommen die unterschiedlichen Facetten, die wir hier zusammenbringen. „Lernen“ betrifft Schüler – wie können sie lernen, welche Methoden können sie lernen, wie wird ihnen Unterrichtsstoff beigebracht? „Lehren“ betrifft die Lehrer, die aufgefordert sind, Bildung in geeigneter Art und Weise zu vermitteln. Und „Verwalten“, also „Managen“, das heißt, Schule findet ja nicht im rechtsfreien Raum statt, es gibt Regularien, wie Schule stattfindet. Letztendlich gibt es Noten am Ende eines Schuljahres und die entscheiden im Zweifelsfall über Wohl und Wehe der Zukunft eines Menschen. Also auch diesen Bereich der Schulverwaltung wollen wir betrachten und zusammenführen.

Wir haben den Ansatz, eine gemeinsame Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, dass Internet als Medium unseres Landeskommunikationsnetz zu betrachten. Wir sehen, dass das Thema der unterschiedlichen Arbeitsplatzausstattung eines ist, das betrachtet werden muss – Stichwort „Bring your own Device“ (BYOD). Der PC-Arbeitsraum in der Schule, der dann einmal in der Woche für zwei Stunden aufgesucht wird, ist sicherlich nicht mehr das aktuelle, zeitgemäße Instrumentarium, sondern wie können wir das, was vorhanden ist, benutzen, damit Bildung innovativ vorangetrieben wird. Also Konzepte, ein sicherer Umgang, im Zweifelsfall mit dem Gerät, das der Schüler mitbringt, das er tagsüber in der Schule benutzt, mit dem er sich im Schulnetz anmeldet und auf Lehrinhalte zugreift. Lernarbeitsgruppen, die durch den Lehrer generiert und begleitet werden, die der Schüler nutzen kann, aber auch am Nachmittag zum Beispiel das Thema mit seinen Freunden, Mitschülern und Mitschülerinnen weiter bearbeitet. Die Lehrer und die Eltern werden eingebunden, also die Akteure, die das Thema Bildung betrifft, sollen hier zusammengeführt werden.

Das betrachten wir letztendlich als einen Infrastrukturansatz, der im Zweifelsfall bis zu den Inhalten hingeht. Das ist aber auch ein Projekt, das wir gemeinsam mit dem Kultusministerium machen, was auch den Kreis zum IT-Planungsrat schließt. Infrastruktur ist unser Ansatz aus dem Finanzministerium, das Kultusministerium hat sich schwerpunktmäßig um die Bildungsinhalte zu kümmern und wir arbeiten auch an der Stelle zusammen, um dieses Programm für Sachsen-Anhalt nach vorne zu treiben.

Wir hören aber nicht an den Grenzen des Landes Sachsen-Anhalt auf, wir schauen natürlich auch, was andere Bundesländer um uns herum an Lösungsansätzen haben und ich nutze auch bewusst hier die CeBIT, um in Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen zu treten und zu fragen, was gibt es dort, wo gibt es Ansätze, wo wir vielleicht auch lernen, oder verstehen, dass wir eigentlich mit unterschiedlichen Worten aneinander vorbei reden. Das ist ein Problem, das ich aus der Vergangenheit kenne. Dass wir also eine gemeinsame Zielstellung haben, von der wir noch gar nicht erkannt haben, dass sie existiert, und dass es Wege gibt, dort aufeinander zuzugehen und dann unsere Ressourcen gemeinsam einzusetzen und zu optimieren.

Sie haben die Broschüre angesprochen, die ich hier in der Hand habe, die nennt sich „Lernen, Lehren, Managen 2.0 – Auf dem Weg zur Schule 2020“. Das ist ein Konzept, das die Basis für die Schaffung eines zentrierten Wissens-, Informations- und IKT-Managements im schulischen Bereich aufstellen soll. Welche Signalwirkung wird dieses Konzept auf die anderen Bundesländer haben, wenn es Erfolg hätte?

Signalwirkung insofern, als dass wir zu erkennen geben, dass wir mit anderen zusammenarbeiten wollen, dass wir eine einheitliche Sicht auf das Thema Bildung für unser Land sehen, obwohl verschiedene Beteiligte, also die Kommunen, das Land usw., dort miteinander agieren müssen und dass wir natürlich auch versuchen, über diese Grenzen hinaus, künftige Lösungsansätze modular auszugestalten und zusammen Lösungen zu schaffen. Wir haben ja an der Stelle den Förderalismus. Es gilt die Lösung zu harmonisieren und zu konsulitieren und letztendlich Standards zu generieren und zu schaffen.

Sehe ich mir das Konzept sprachlich an, lese ich: Jede Schule soll über ein Medienbildungskonzept verfügen, die Schulen sollen mit digitalen Medien und moderner Informations- und Kommunikationstechnik ausgestattet werden. Sie sind vom Finanzministerium und sie arbeiten mit dem Kultusministerium zusammen. Habe ich zuletzt etwas über Bildung und Finanzen in Sachsen-Anhalt gehört, ging es eigentlich mehr darum, dass der Bildungshaushalt zusammengestrichen wurde. Wie finanziert das Land das?

Wir setzen zielorientiert, im Rahmen unseres Förderprogramms „STARK III“ Mittel ein, die dazu beitragen, eine energetische und infrastrukturelle Sanierung der Schulen zu ermöglichen, insbesondere im Bereich IKT zu modernisieren und die kommunale Ebene dafür zu unterstützen. Die Schulträger sind die Landkreise und die kreisfreien Städte, ihnen überwiegend Unterstützung zu geben, damit sie Fördermittel einsetzen können. Diese kommen teilweise von der Europäischen Union, teilweise aus dem Landeshaushalt.

Und wenn sie das Wort „soll“ betont haben, dann reflektiert das natürlich auf den Ist-Zustand. Wir haben momentan noch nicht überall bzw. an zu wenigen Stellen, diese besseren oder idealen Zustände, und unser Ansatz ist dazu beizutragen, dass es sich hier verbessert, dass wir eine innovative Bildungslandschaft haben, in der diese guten Lösungsansätze, die vorhanden sind, einer breiteren Schülerschaft oder Lehrerschaft zugänglich gemacht werden. Dass versuchen wir mit diesem Konzept zu vermitteln.

Ein wichtiger Punkt sind auch die Lehrer. Ich bin selber Landeskind und hatte das Glück 1996 auf ein nagelneues Magdeburger Gymnasium mit der neusten Technik zu gehen, aber wir haben sie kaum angewendet. Wie wird dieser Punkt jetzt angegangen? Denn einfach nur neue Computer zu kaufen oder dass die Schüler ihre eigenen Geräte mitbringen, reicht ja nicht aus.

Sie haben natürlich völlig Recht. Medienkompetenz gilt es Schülern zu vermitteln, aber die Vermittelnden, die Lehrer, müssen natürlich auch darüber verfügen. Es gibt natürlich begleitende Aktivitäten, was das Thema in der Lehrerschaft angeht. Wie kann ich eigentlich Technologie sinnvoll und als Unterstützung, nicht als Selbstzweck, für die Themen im Unterricht einsetzen. Natürlich ist es im Sportunterricht zum Beispiel schwerer, Technik einzusetzen, als vielleicht in den klassischen MINT-Fächern.

Man muss natürlich auch sehen, wie weit wir von den Ansätzen unseres Konzepts, zum Beispiel im Land Lehrer zu motivieren oder anleiten können oder dahinzubringen verstärkt diese Möglichkeiten zu nutzen, auch zu kollaborieren, zusammenzuarbeiten, Lösungen gemeinsam zu schaffen, auch über die Schulgrenzen hinweg, kommen. Da gibt es auch viele gute Ansätze, die einerseits vermittelt werden müssen, aber auch da hören wir nicht an den Landesgrenzen auf, sondern auch da muss man den Blick über den Grenzen haben und zusammenarbeiten.

Eine Verständnisfrage: Wenn sie jetzt ein neues Konzept für die schulische Ausbildung organisieren, das nächstes Jahr in der Uni gelehrt wird, erst in vier Jahren dann die ersten Lehrer von der Uni kommen und an die Schulen gehen, wie geht die Politik und die Verwaltung mit dieser enormen Zeitspanne um oder rechne ich da vollkommen falsch? Lässt sich das schon viel eher umsetzen?

Ich denke so schwarz-weiß darf man das nicht darstellen, sondern es ist ja ein permanenter Veränderungsprozess. Es finden Fortbildungen statt und im Rahmen dieser Fortbildungsaktivitäten wird selbstverständlich diese Medienkompetenz angereichert und es werden Maßnahmen ergriffen, entsprechend darauf vorzubereiten.

Vielen Dank für das Interview.


Teaser & Image by evanst10000 (CC0 Public Domain)


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Münchner #WhatsDepp-Medienwoche vom 2.3. – 7.3.2015

classroom-laptops-computers-boy.jpg (adapted) (Image by r. nial bradshaw [CC BY 2.0] via Flickr)

In der #WhatsDepp-Medienwoche dreht sich alles um Informationen und Workshops rund um neue Medien. Zum vierzehnten Mal fand vom 2. März bis 7. März die #WhatsDepp-Medienwoche in der Münchner Stadtbibliothek statt. Die Medienwoche ist ein Koorperationsevent von medienpädagogischen Facheinrichtungen, darunter dem Café Netzwerk, Jugendinformationszentrum Kreis München und der Stadtbibliothek, beziehungsweise der medienpädgogischen Zentrale der Stadtbibliothek, Update. Vormittags bekommen Schüler und Schülerinnen in Workshops alles rund um Medien vermittelt, Abends gibt es dann Vorträge für Eltern, Lehrer und Interessierte.

Einrichtungsleiter und Pädagoge Said Köse vom Café Netzwerk erzählt, wo die Probleme liegen: Jugendliche haben das Know-How, aber keine kritische Haltung, bei Eltern ist das genau umgekehrt. Laut dem Pädagogen ist neben Lesen, Rechnen und Schreiben der Umgang mit Medien die vierte wichtige Kompetenz, die jedes Kind beherrschen muss. Ohne diese Kompetenz habe meine keine gute berufliche Perspektive, denn „wer in dem Bereich vorne ist, hat einen Wettbewerbsvorteil“, so Said Köse.

Sowohl für die Jugendlichen als auch ihre Eltern ist es wichtig, nicht nur das Know How zu vermitteln, sondern den Fokus auch auf den kritischen Umgang zu legen: Wo ordne ich welche Information ein? Die meisten Probleme die im Internet auftreten, sind „Urheberrechtsgeschichten“, erzählt Said Köse, es sei ein Massenphänomen. Momentan gibt es noch keine automatischen Kontrollmöglichkeiten, aber sobald es die gibt, wird es Abmahnwellen geben.

Für die Jugendlichen gibt es zwei Arten von Workshop: Zum Einen über Social Media, in welchem es um Privatsphäre, Datenschutz und den kritischen Umgang geht, zum Anderen gibt es einen Anti-Cybermobbing Workshop. Denn das, was früher auf dem Schulhof statt fand, passiert nun 24 Stunden am Tag lang online. Said Köse betont, wie viel leichter und hemmungsloser im Internet Beleidigungen ausgesprochen werden. Lehrer sind nicht genug dafür sensibilisiert, um solche Vorfälle mitzubekommen. Kinder und junge Erwachsene haben laut dem Einrichtungsleiter auch oftmals das Problem, dass sie das, was im Handy und im Internet passiert, für real halten und sich sehr stark zu Herzen nehmen. Zum Leben offline gibt es kaum noch Unterschiede. Für Erwachsene wie ihn, so Said Köse, hat eine Face to Face Unterhaltung noch viel mehr Qualität.

Der Bedarf für diese Workshops ist da, denn Schulen haben kaum Ressourcen und Mittel, um das Thema anzugehen und sind für jedes Angebot dankbar. Die nächste Medienwoche wird erst wieder 2016 stattfinden, voraussichtlich Anfang März.


Image (adapted) „classroom-laptops-computers-boy.jpg“ by r. nial bradshaw (CC BY 2.0)


 

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Schule: Lässt sich der Fortschritt durch Verbote aufhalten?

Obwohl vielen Kindern und Jugendlichen das Mitbringen von Smartphones in die Schule verboten ist, besagt eine aktuelle Studie des Meinungsforschungsinstituts Aris das genaue Gegenteil. // von Lars Sobiraj

Netzpiloten-Autor Lars Sobiraj beim Safer Internet Day 2015

Im Auftrag des Branchenverbands BITKOM wurden bundesweit 512 Schüler weiterführender Schulen im Alter von 14 bis 19 Jahren befragt. Für sie gehören Mobiltelefone genauso in die Schultasche, wie ihr Pausenbrot, ihre Schulhefte oder Bücher. Momentan sind die Geräte an vielen Schulen verboten. 66 Prozent der Befragten geben an, dass die Nutzung während des Unterrichts untersagt ist. Manchen Leitern geht das noch nicht weit genug. In einigen Schulen dürfen Mobiltelefone grundsätzlich nicht mitgeführt werden.

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5 Lesetipps für den 3. Februar

In unseren Lesetipps geht es heute um uns Netzpiloten, den Blogger Andrew Sullivan, Journalismus, an Politik interessierte Jugendliche und Slack. Ergänzungen erwünscht.

  • NETZPILOTEN Brand Eins: Wir Netzpiloten sind Alt-98er: Uns Netzpiloten gibt es jetzt schon seit 17 Jahren. In der Januar-Ausgabe der Brand Eins durften wir zum Auftakt einer Artikelserie über die New Econmy einen Blick zurück und nach vorn werfen. Der Text von Mischa Täubner ist jetzt auch online auffindbar, weshalb wir ihn noch einmal ausdrücklich empfehlen wollen. Wer mehr über uns erfahren will, findet in dem Text viele spannende Anekdoten und Lehren, die wir als Unternehmen in den letzten Jahren gemacht haben.

  • ANDREW SULLIVAN Medium: What Andrew Sullivan taught us about paywalls and independent journalism: Für Blogger und Online-Journalisten war Andrew Sullivan eine Art Vorbild. Stefan Niggemeier widmet dem berühmten Politik-Blogger einen lesenswerten Artikel in der F.A.Z. und Simon Owens erklärt in einem Blogbeitrag auf Medium, was Andrew Sullivan uns über Paywalls und unabhängigen Journalismus lehrte, denn zu diesen beiden Punkten setzte er Maßstäbe.

  • JOUNALISMUS Fachjournalist: Urban Journalism Salon – „Von Angesicht zu Angesicht“: Am 1. August 2014 war ich bei der durchwachsenen Premiere des ersten „Urban Journalism Salon“ in Berlin. Die Idee überzeugte und das Team um den freien Journalisten Mark Heywinkel arbeitet schon an der nächsten Ausgabe und Ablegern für verschiedene Städte. Im Interview mit Felix Fischaleck erklärt Heywinkel, was es mit dieser innovativen Form des partizipativen Journalismus auf sich hat, welche Lehren aus der ersten Veranstaltung gezogen wurden und wann und wo der zweite Urban Journalism Salon stattfindet.

  • JUGENDLICHE Der Schreiberling: Nicht mal unsere Lehrer wissen, was ab geht: Im Tagesspiegel-Blog „Der Schreiberling“ kommen Berliner Jugendliche zu Wort, wie zum Beispiel Luise Böhm, die über den Umgang der Schule mit den Anschlägen von Paris schreibt. Die Schüler haben Redebedarf, doch keine der Lehrkräfte nimmt sich die Zeit, mit den teilweise sehr interessierten Schülern zu Reden. Andere Schüler interessiert es gar nicht, aber der Beitrag zeigt, dass zwar Jugendliche immer früher an politischen Tagesthemen interessiert sein können und sich über das Internet informieren, der Lehrplan diese Themen aber nur für die oberen Klassen vorsieht.

  • SLACK t3n: „Es ist fast ein Wunder, dass überhaupt jemand Slack nutzt!“: Jörgen Camrath hat sich für t3n mit Stewart Butterfield, den Gründer von Flickr, über sein neuestes Unternehmen unterhalten. Slack ist eine App, mit der vor allem Teams zusammen kommunizieren können und die nach zwei Jahren bereits mit einer Milliarde US-Dollar bewertet ist. Vollkommen zu Recht, denn auch bei uns Netzpiloten hat Slack die Kommunikation innerhalb der Redaktion wesentlich verbessert. Andere Kunden, wie Adobe, PayPal, BuzzFeed, Airbnb und die New York Times scheinen das ähnlich zu sehen.

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5 Lesetipps für den 6. Januar

In unseren Lesetipps geht es heute um was du für Blogs tun kannst, den Umgang mit Trollen, die Regulierung von Uber, Patente von Toyota und BYOD an Schulen. Ergänzungen erwünscht.

  • BLOGGING Spreeblick: Wenn du Blogs unterstützen willst…: Diesen Lesetipp könnten wir wohl das ganze Jahr über unseren Lesetipps voranstellen: Spreeblick-Blogger Johnny Haeusler listet ein paar Verhaltenstipps auf, mit denen man Blogs unterstützen kann. Aber auch, was Blogs machen könnten, um unser aller Grundlage zu fördern. Diesen Punkten können wir uns eigentlich alle nur anschließen. Lest uns bitte auf unserer Seite, kommentiert da und nicht auf Facebook & Co., teilt auch unsere Inhalte und macht mal ein bisschen Werbung für uns, wenn wir euch überzeugt haben. ;-) Im Gegenzug werden wir weiterhin respektvoll unsere Quellen und Tipps ordentlich verlinken, selber die Blogosphäre fördern, denn auch wir sind nur ein Teil davon und unser Engagement weiterhin in unser Projekt stecken – auch für euch.

  • TROLLE Daniel Bouhs‘ Blog: Warum trollen Journalisten zurück?: Gerade in der Vorweihnachtszeit, auf dem Höhepunkt der islamophoben Pegida-Proteste, belustigten immer mehr die Reaktionen namhafter Medienhäuser auf die aggressiven Trolle in ihren Kommentarfeldern und sozialen Netzwerken. Daniel Bouhs hat sich mit den beiden Social Media-Verantwortlichen von Welt.de und Spiegel Online, Martin Hoffmann und Torsten Beeck, über den Umgang mit den Trollen im Netz unterhalten und die Strategie der Journalisten, zurück zu trollen.

  • UBER Slate: Why Uber will – and should – be regulated: In einem lesenswerten Kommentar auf Slate schreibt Eric Posner, dass das Unausweichliche kommen wird: Regierungen werden Uber regulieren. Aber nicht um die neue Konkurrenz zu vernichten und die Taxibranche zu retten, sondern einfach weil Uber ein fester Bestandteil von Mobilität wird, den man nicht ignorieren kann. Uber wird daraus gestärkt herausgehen, denn nach dem rapaten Markteintritt, in dem es vor allem um Landgewinn und Aufmerksamkeit ging, wird der Dienst durch die Regulierung quasi legalisiert und akzeptiert. Woher weiß Posner das? Das gleiche passierte vor über 90 Jahren mit den damals aufkommenden Fahrten in Automobilen.

  • TOYOTA Business Insider: Like Tesla, Toyota Is Now Giving Away Its Patents: Genau wie Elon Musk im letzten Jahr einige der Tesla-Patente zur Elektromobilität der Allgemeinheit zur Verfügung stellte, macht es jetzt auch Toyota. Auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas verkündete deren Vizepräsident Bob Carter den Schritt, der ähnlich wie Musks Aktion, vor allem den Markt stützen soll, denn beide Unternehmen setzen auf die selbe Brennstoffzellen-Technologie und wollen, dass sich ihre Technologie auf dem Markt durchsetzt.

  • BYOD Politik Digital: Eigene Geräte im Unterricht für mehr Bildungsgerechtigkeit: Für Politik-Digital.de hat sich Pia Thiele mit dem Mediendidaktiker Richard Heinen über „Bring Your Own Device“ (BYOD) unterhalten, ein Konzept dessen Kernidee es ist, dass Schüler ihr eigenes Gerät am besten kennen und seine Potenziale voll ausschöpfen können. Im Interview spricht Heinen über erste Erfahrungen mit dem Konzept an Schulen, an denen zumindest in Deutschland zur Zeit elf Schüler auf einen Schulcomputer kommen – ein schlechter Schnitt für das IT-Land Deutschland im 21. Jahrhundert. Mit BYOD könnten digitale Endgeräte besser in den Unterricht integriert werden.

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Or Be Programmed

Wenn die Zukunft wirklich digital sein sollte, dann muss sich etwas ändern und dafür müssen wir schon bei den Kindern ansetzen: Program or be programmed. Informatikunterricht. Gab es schon in den 80ern an meiner Schule, hatte ich nicht, denn, ihr erinnert euch, meine Eltern führten auf meinem Rücken und mit meiner Unterstützung damals den Kulturkampf gegen Computer, obwohl wir später sogar zu den ersten gehörten, die BTX zu Hause hatten, aber das ist eine andere Geschichte.

Tablets, Smartboards. Ein Thema, das Eltern erregt und elektrisiert. Aktuell mal wieder aufgrund eines Schulmodells in Hamburg. Was haben wir im Elternrat auch um die weitere Einführung von Smartboards gerungen, wie fehlgenutzt auch immer die in der Praxis teilweise werden.

Was mich ärgert (ich kam darauf aufgrund einer Diskussion mit Hansjörg Schmidt, den ich nicht nur aber auch als Netz- und Medienpolitiker in Hamburg schätze und der nicht die Ursache des Ärgers ist), ist aber, wenn die beiden Dinge miteinander verknüpft werden. Oder gar in einem Atemzug genannt. Und das hängt mit einem Thema zusammen, zu dem Nico Lumma neulich was schrieb, das ich nicht wiederfinde, weil die Suche in seinem Blog für mich unbrauchbar ist. Der Idee, dass alle Schülerinnen eine Programmiersprache lernen sollten, dass es wie Fremdsprachen zum Basiscurriculum einer höheren Schule gehöre.

Update: Hier beispielsweise, sagt Nico, habe er das geschrieben, wie sonst auch überall immer (hier, hier und hier). Danke. Lesen.

Mit dem ersten meiner vier Kinder bin ich ja nun fast einmal durch das Schulsystem hindurch. Ok, in Hamburg. Und die anderen drei durchlaufen es. Und nun wechseln wir nach Schläfrig-Holstein in die Schulen, wenn alles klappt.

In keinem Fall meiner Kinder ist eine aus meiner Sicht auch nur rudimentär angemessene Mediennutzung Teil ihres Unterrichts gewesen. Aktueller Höhepunkt war, dass Tertius auf meine Anregung hin sein Baumtagebuch, das er im Nawi-Unterricht anfertigen muss, als Blog führt (was ihn, wie überraschend, tatsächlich motiviert, was eine handschriftliche Papiervariante nicht gekonnt hätte) – aber es keine Lösung dafür gab, wie er dieses Tagebuch dann in der Schule vorführt (außer es auszudrucken, was ja auch keine Lösung sein kann), obwohl der Lehrer die Idee mit dem Blog gut fand. Der Computer im Bioraum ist irgendwie nicht online oder so. Bereits vorher erlebte ich bei einem der beiden Großen so himmlische Dinge wie eine Lehrerin, die für die Bebilderung eines Referats empfahl, diese Bilder doch „von Google“ zu nehmen.

Kopf –> Tisch.

Meine Befürchtung ist – und die ist sicher nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn ich beteilige mich ja nun schon seit mehr als zehn Jahren an der Elternmitarbeit in Schulen und mache noch länger mit bei Schulpolitik -, dass es zwar total wichtig ist, schon diese rudimentären Dinge glattzuziehen im Unterricht, aber der Fokus auf Smartboards und Tablets dazu führt, das weit wichtigere und dringendere Thema Informatik, Programmieren, Verständnis für Programme und Sprachen vollständig zu verdrängen. Dass die Frage der technischen Ausstattung der Schule sozusagen Symbolpädagogik für alles ist, was mit „dem Computer“ (und das heißt für die Generation der aktuellen Eltern und Lehrerinnen allzu oft auch noch „dem Internet“) zu tun hat. Smartboards da – alles ist gut.

Nix ist gut. An den Schulen meiner Kinder gibt es recht viele Smartboards. Aber keinen qualifizierten oder qualifizierenden Informatikunterricht. Geparkt im Wahlpflichtbereich in der Mittelstufe (Klasse 9 und 10) finden einige wenige uninspirierte und nicht inspirierende Einheiten statt, in denen einfache Spiele programmiert werden. Eine privatempirische Stichprobe in einer zehnten Klasse eines Gymnasiums ergab, dass keiner der Schüler (Mädchen wählten das Fach nicht) sich erinnern konnte, welche Sprache sie benutzt hatten oder warum. Oder für sich hätte behaupten wollen, er hätte was gelernt. Mag Pech sein, das glaube ich aber nicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass dann die naturwissenschaftlichen Profile in den Oberstufen es so schwer haben, genug Schülerinnen zusammenzubekommen. Naja.

Ohne bisher Erfahrungen damit gemacht zu haben, finde ich den Weg, den die beiden Oberstufen in Eutin gehen, ganz interessant. In dieser kleinen „Stadt“ in Ostholstein werden meine Kinder ab dem Sommer wohl zur Schule gehen. Dort gibt es jeweils naturwissenschaftliche Profile in der Oberstufe, die als eines der beiden profilgebenden Fächer Informatik haben. Ob Informatik eine Naturwissenschaft sei, will ich hier mal nicht diskutieren – aber die Profile werden sehr gut angewählt. Informatik wird hier in der so genannten Eingangsstufe (früher: Klasse 11, heute: Klasse 10) neu aufgenommen, gleich auf einem Niveau, das für Jugendliche interessant ist, gleich mit fünf Wochenstunden, gleich so, dass es auch in die Abiturprüfung läuft. Einer meiner Jungs wird das wählen, dann werde ich es beobachten können. Primus hätte auch Lust dazu, aber da ihm das erste Jahr fehlt, kann er das nicht mehr aufholen, weil sein Informatikunterricht in der Mittelstufe im Vergleich dazu nur Killefitz war.

Fazit, vorläufig: Meine Kinder brauchen keine Computerräume in der Schule und kein iPad oder so einen Kram. Meine Kinder brauchen Lehrerinnen, die selbst wissen, was mit internetbasierten Medien im Unterricht möglich ist. Und meine Kinder brauchen das Angebot eines qualifizierten Informatikunterrichts, der keine Medienerziehung ist sondern eher Fremdsprachenunterricht. Mit den gleichen Abstufungen und Zielen wie anderer Fremdsprachenunterricht – denn nicht alle meine Kinder werden fließend eine andere Sprache sprechen oder gar Bücher schreiben in dieser Sprache. Aber alle sollen Code lesen können und wissen, wie sie rausfinden, wie man da was rausfindet.

Update: Ich habe den Gedanken noch einmal weitergeführt und in die Bildungsdebatte eingeordnet. Hier entlang, wenn ich bitten darf.

tl;dr

Program or be programmed (Rushkoff)


Dieser Beitrag erschien zuerst auf Haltungsturnen.de.


 


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5 Lesetipps für den 7. Mai und 5 Lesetipps für den zweiten rp14-Tag

In unseren Lesetipps geht es um Google in der Schule, den Erfolg von Musik auf Vinyl, DuckDuckGo vs. Google, die neue Silk Road, die Zukunft des sozialen E-Commerce und die re:publica 2014. Ergänzungen erwünscht.

  • GOOGLE CNET: Google unveils Classroom, a tool designed to help teachers: Google hat einen interessanten Use Case vorgestellt, wie die Produkte des Suchmaschinenriesens intelligent in der Schule eingesetzt werden können. Mal abgesehen von der Eigenwerbung des Unternehmens für seine Produkte zeigt dieser Fall Möglichkeiten des vernetzten Lernens und der Organisation des Bildungswesen durch digitale Mittel. Und wie viel in diesem Bereich noch nicht getan wurde.
  • MUSIK Ars Technica: Largest vinyl record pressing plant in the US is expanding: Seit Jahren schon steigen die Verkaufszahlen für Vinyl-Schallplatten, wenn auch nur im niedrigen einstelligen Bereich. Doch trotz iTunes, Spotify und AmazonMP3 scheint sich das Geschäft mit den durch digitale Bearbeitung wirklich sehr guten Tonträgern wieder zu lohnen. Die in den USA größte Schallplattenpresse baut aus, denn sie erwarten, dass der Trend noch weiter geht. Interessanterweise hat der Erfolg der Schallplatte etwas mit dem Erfolg digitaler Musik zu tun.
  • SUCHMASCHINE TIME: DuckDuckGo Is About to Become a Far More Powerful Google Alternative: Die vor allem durch ihre sehr nutzerfreundlichen Privatsphäre-Einstellungen bekannte Suchmaschine DuckDuckGo plant die nächste Version der Suchmaschine, mit mehr Funktionen und einem neuen Design. Die meisten dieser Neuerungen verringern den Abstand zum von Google gesetzten Standard erheblich, so dass hier vielleicht die meist nur Datenschutz-Aktivisten bekannte Alternative langsam in den Mainstream vorrücken könnte.
  • SILK ROAD Techdirt: Silk Road 2.0 Now Larger Than Silk Road Ever Was: Wie beim Kampf gegen Napster, als nach der Zerschlagung der Musiktauschbörse lauter neue Dienste entstanden, die den vermeintlichen Pionier ersetzten, ist auch der von den US-Bundesbehörden zerschlagene Online-Marktplatz Silk Road, berühmt für die einen Teil davon ausmachenden Schwarzmarkt-Geschäfte und das hier mit Bitcoins bezahlt werden konnte, inzwischen durch neue Anbieter ersetzt wurden, die noch größer und erfolgreicher sind, als ihr Vorgänger.
  • E-COMMERCE CNET: Why Amazon wants you to use Twitter hashtags to shop: Gestern haben wir in den Lesetipps über die Kooperation von Amazon und Twitter berichtet, die ermöglicht, dass in Tweets gesendete Links zu Produkten auf Amazon direkt in den eigenen Warenkorb wandern können, ohne Twitter zu verlassen. Donna Tam hat sich für CNET dieses neue Feature genauer angesehen und erklärt dir Vorteile für beide Unternehmen und wie wir in Zukunft online einkaufen könnten.

  • RP14 I Zeit Online: Unterwandern gegen Überwachen: Ein paar Online-Petitionen unterzeichnen ist zu wenig: Auf der re:publica rufen Aktivisten zu Unterwanderung der Politik und zur technischen Aufrüstung der Massen auf, wie Eike Kühl auf Zeit Online schreibt. Zusammen mit Sascha Lobos Aufforderung, das System von innen heraus zu verändern, scheint nach den Jahren des Hypes um die Piratenpartei wieder mehr Realitätssinn in die sich politisierende Netzgemeinde zu kommen.
  • RP14 II Heise Online: Asyl for Snowden!: Bei allem Wachstum und der damit einhergehenden Kommerzialisierung der re:publica ist das Wesen der Blogger-Konferenz immer noch erkennbar. Zwei der wichtigsten Themen war die Forderung nach Asyl für Edward Snowden und Solidarität mit in Asien inhaftierten Bloggern, wie Stefan Krempl auf Heise.de schreibt.
  • RP14 III Tagesschau.de: Politik ohne Politiker: Auf Tagesschau.de wundert sich WDR-Reporter Christian Feld, dass es in Zeiten des Europawahlkampfs und politischer Skandale wie der Überwachung so wenig Politiker auf der re:publica gibt. Dabei übersieht er aber, dass die sich hier treffende Zivilgesellschaft politischer wird, ein klarer Fortschritt zu den letzten Jahren.
  • RP14 IV BR.de: #Auftanken, bitte!: Eine Zapfsäule mit USB-Schnittstelle lädt auf der re:publica zum Auftanken ein. Wikimedia kämpft damit für die Verbreitung von öffentlichen Daten. Im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk erklärt Mathias Schindler die auf Twitter trendende #Datentankstelle.
  • RP14 V Zeit Online: Hauptsache Hasselhoff: Don’t believe the hype: David Hasselhoff soll auf der re:publica über digitale Freiheit sprechen. Er redet vor allem über sich selbst und die Mauer. Und am Ende singt er doch. Steffi Dobmeier zeigt in ihrem Artikel, dass wirklich niemand etwas verpasst hat, der nicht auf der re:publica war oder da war, aber nicht zum Vortrag von David Hasselhoff ging. Inhaltlich kam da nämlich überhaupt nichts bei raus.

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Pflichtfach Informatik? Warum Schulen Superkräfte unterrichten sollten

Blue Glow (adapted) (Image by [CC BY 2.0] via Flickr)

Katharina Große, Tinka genannt, schreibt in ihrer Kolumne über den digitalen Wandel in unserer Gesellschaft. Diesmal geht es um die Notwendigkeit von Informatikunterricht an Schulen. Sollte Informatikunterricht als Standardfach in Schulen unterrichtet werden? Vor einigen Tagen wurde ich Zeuge einer sehr erhitzten Diskussion zu dem Thema, die sich im Grunde in drei Argumentationsstränge zusammenfassen lässt.

Nummer 1: Informatik ist Programmieren und nur für einige Leute später einmal relevant. Das gehört auf keinen allgemeinbildenden Ausbildungsplan. Nummer 2: Informatik ist Programmieren, und nur für einige Leute später einmal relevant. Genau wie Mathe, Physik, Chemie, Bio und die meisten anderen Fächer. Es gehört zu einer allgemeinen Ausbildung, jedem eine möglichst breite Basis für die Zukunft zu geben. Ob man Informatik weiter verfolgt, ist jedem selbst überlassen, aber die Chance dazu sollte jeder erhalten. Nummer 3: Bei Informatik geht es nicht um Programmieren. Es geht um ein grundlegendes Verständnis darum, in Prozessen denken zu können. Es geht darum, Medienkompetenz zu erlangen. Das ist essentiell für jeden Schüler und muss daher Pflicht sein auf jedem Lehrplan. Die Wahrheit, denke ich, liegt irgendwo zwischen 2 und 3. Was sich zeigt, wenn man folgende Fragen beantwortet: 1. Was sind Informatik und Medienkompetenz und wofür brauchen wir das? 2. Wie viel Programmieren muss in Informatik stecken? Was ist das und was sollen wir damit? Wenden wir uns der ersten Frage zu. Zuerst muss einmal geklärt werden was Informatik und Medienkompetenz überhaupt sind. Wikipedia zitiert den Duden und sagt: Informatik ist die „Wissenschaft von der systematischen Verarbeitung von Informationen, besonders der automatischen Verarbeitung mit Hilfe von Digitalrechnern“. Medienkompetenz beschreibt die Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ (EIdG) wie folgt (Quelle, S. 5): „Medienkompetenz wird in der wissenschaftlichen Diskussion keineswegs reduziert auf technisch-manuelle Fertigkeiten verstanden, sondern bezeichnet eine Spannbreite von kognitiven, affektiven und konativen (also das Denken, Fühlen und Handeln betreffende) Fähigkeiten, die ein medienkompetentes Individuum aufweisen sollte.“ Medienkompetenz zu vermitteln hat laut EIdG unter anderem folgende Ziele (S. 32):

  • Technische Grundkenntnisse über Infrastruktur und Programmieren. Primär geht es um das Verstehen von Zusammenhängen, das zu einem weiterführenden Selbststudium befähigt.
  • Fähigkeit zum Bewerten und Filtern von Informationen. Wo finde ich was und wie viel? Wie vermeide ich Einseitigkeit? Was ist glaubhaft?
  • Schulung des Risikobewusstseins. Was passiert mit meinen Daten? Wo sind mögliche Kostenfallen? Wem kann ich trauen?
  • Kreativität und Fähigkeit zur Weiterverwertung und zum Erstellen von Inhalten. Wie blogge ich? Wie drehe ich Videos und stelle sie online?

Medienkompetenz scheint also Informatik mit einzuschließen: Was sind Informationen, wie können sie verarbeitet werden und wie sollten sie verarbeitet werden? Warum nun, gehört ein Fach auf den Lehrplan, dass diese Fragen beantwortet? „Zum einen mag dies daran liegen, dass Medienkompetenz die einzig verbliebene Antwort auf viele komplexe Fragestellungen ist“ schreibt die EIdG (S.4). Medienkompetenz sei eine „Schlüsselqualifikation“ in der modernen Gesellschaft (S. 5). Damit diese reichlich abstrakten Behauptungen ein wenig mehr Form annehmen, schauen wir uns das Ganze am besten aus der Nähe an. Seite 1: Das Monster aus dem InternetCyberbullying, sexuelle Anmache, Abzocke, Identitätsklau…“ die EIdG (S.4) listet die offensichtlichen Gefahren. Hier ist wohl jedem klar, dass es Schutz braucht vor solchen Vergehen. Wenn es nur darum ginge, dann müsste man auch Selbstverteidigung auf den Lehrplan setzen. Erwähnenswerter sind meiner Meinung nach die subtileren Herausforderungen des Digitalen. Es geht nur darum, wie man einen Räuber abwehrt (oder auch nicht). Es ist vielmehr wichtig zu verstehen, wo sich Räuber eventuell aufhalten, wie man ihre Lügen erkennt, welche gesellschaftlichen Strukturen Kriminalität begünstigen und was die Polizei dagegen unternehmen sollte – und was nicht. „Sind wir vielleicht naiv zu glauben, unsere Daten würden nicht weitergegeben oder zumindest verkauft?“ fragte ZDF Log-In auf Facebook und trifft es damit ziemlich auf den Punkt. Laut Prof. Dr. Sabine Trepte haben die Kids von heute eine andere Einstellung zu Privatsphäre. (Oder eher: Einige Kids, die viel preisgeben wollen, haben ganz andere Möglichkeiten dazu). Kein Problem. Kritisch wird es erst, wenn sie sich ihrer eigene Öffentlichkeit nicht bewusst sind (Quelle), das heißt, wenn sie sich nicht bewusst sind, wer ihre Facebook-Posts mitliest. Dank Facebooks Privatsphäre-Einstellungen-Verschleierungsstrategie ist das ja zugegebenermaßen auch nicht so einfach. Und wer hat eigentlich vor Obama Is Checking Your Email wirklich darüber nachgedacht, ob ein Geheimdienst unsere Tweets auswertet, ob nun die NSA oder der BND? Und wer befasst sich von alleine damit, ob es nun ein Problem ist, dass der eigene Staat alles über mich weiß. Immerhin habe ich ja nichts zu verstecken? Wer hat eigentlich mitbekommen, dass international mal wieder über ein Handelsabkommen diskutiert wird, dass sich auch um intellektuelle Güter dreht? Und wer freut sich, dass die EU zumindest überlegt, ob das so eine gute Idee ist? Wissen die Kids eigentlich, dass einige Regierungen das Internet, das für die fast so wichtig ist wie gute Freunde und Familie (Quelle, S. 9), filtern und sperren wollen? Medienkompetenz in der Schule ist also nicht nur Selbstverteidigung, sondern das Kennenlernen und Diskutieren über den eigenen Lebensraum. Es gehört daher genauso auf den Stundenplan wie Geschichte, Sozialkunde, Gemeinschaftskunde, Politik und wie diese Fächer sonst noch heißen mögen. Wäre es nicht wichtig, dass Schüler darüber diskutieren, wie Google Glass unsere Welt verändert oder was uns was nicht sie über (Google?) Waze von sich übermitteln wollen? Stoßen wir diese Gedanken nicht in der Schule an, bleibt uns nichts anderes über, als mehr oder weniger erfolgreich auf die technische Entwicklung zu reagieren, die von großen und kleinen Unternehmen vorangetrieben wird. Und wir müssen hoffen, dass genug Kompetenz von alleine heranwächst, die die Aufmerksamkeitserregung und Weiterbildung für uns übernimmt. Können wir das Risiko eingehen? Seite 2: Wir brauchen diese Leute „Doch Medienkompetenz bedeutet nicht nur das Abwenden von Risiken, sondern auch die Wahrnehmung von Chancen – vor allem der zahlreichen Bildungschancen“, (Quelle, S. 4). Medienkompetenz ist wichtig für die Teilhabe an Staat und Wirtschaft befindet die EIdG (S. 10) und begründet damit sehr gut, warum Medienkompetenz nicht nur dem Schutz dient, sondern auch der Weiterentwicklung der Gesellschaft. Was funktioniert noch ohne Informationstechnologie? Unternehmen präsentieren sich auf Websites und gewinnen Kunden und Mitarbeiter online. Dort verkaufen sie auch ihre Produkte. Und wenn nicht, dann wird die Logistik eines Offline-Verkaufs mit der Hilfe von Computern gesteuert. Es ist also essentiell, dass Nachwuchskräfte zumindest die Prozesse verstehen und Systeme steuern können. Genauso scheint es hilfreich, wenn ich als Bürger online eine Frage an einen Abgeordneten stellen kann, oder elektronisch meine Steuererklärung einreiche. Es hilft mir auch, wenn ich Beteiligungstools bedienen kann und E-Petitionen erstellen. Das scheint für einige von uns selbstverständlich, aber ist es das wirklich? Und viel wichtiger: Selbst wenn ich es könnte, würde ich es auch machen, wenn ich an diese Prozesse herangeführt werde? Dass auch der Staat auf derartige Qualifikationen nicht verzichten kann zeigt sich bei den Diskussionen über einen sogenannten Internetminister, der ein ITler sein soll, und kein Jurist. Verwaltungen müssen sich damit auseinandersetzen, wie sie Soziale Medien nutzen und wie sie neue Technologien zur Zusammenarbeit einsetzen können. Es braucht also Mitarbeiter, die genügen Hintergrundwissen haben. Und wer entwickelt die ganzen Verwaltungsapps, die wir uns alle so sehr wünschen? Code for America bring Informatiker für ein Jahr in amerikanische Verwaltungen, um dort viele tolle Ideen endlich auch umzusetzen. Der Verwaltung selbst fehlt oft die nötige Kompetenz – auch in Deutschland scheint es Bedarf für so eine Initiative zu geben. Wie viel Code brauchen wir wirklich? Das bringt uns zur nächsten Frage: Wie viel Programmieren muss in Medienkompetenz stecken? Eigentlich muss ich die Frage nicht beantworten. Das macht code.org für mich: Zumindest ein wenig und zwar für jeden! Natürlich kann man Schülern nicht fließend C++ beibringen, genauso wenig, wie die meisten nicht fließend Französisch lernen. Aber es werden die Grundlagen gelegt, die Barriere zur Sprache abgebaut (zumindest, wenn der Unterricht vernünftig ist!). Genauso sollten wir Programmieren behandeln, wie eine zweite Fremdsprache. Natürlich wird nicht jeder weitermachen und zum Software-Entwickler werden. Es studiert auch nicht jeder Französisch an der Uni. Aber zumindest in Paris den Metro-Plan lesen und nach dem Weg fragen können, das können sie. Und woher kommt der Zaubermeister? Wir haben also festgestellt, dass Informatik zum Standardrepertoire jeder Schule gehören sollte. Natürlich ist das in einigen Schulen schon der Fall, aber eben nicht in allen – und genau das müssen wir anstreben. Nun stellt uns diese Forderung natürlich vor ein riesiges Problem: Wer soll unseren Schülern denn diese ganzen neuen Fähigkeiten beibringen? Wenn es nicht einmal genug Kompetenz gibt, um alle offenen Stellen zu besetzen, wer soll dann unterrichten? Hinzu kommt noch, dass sich Umgebungen und Instrumente so schnell weiterentwickeln, dass selbst die Generation knapp oben drüber offenbar keine Ahnung mehr hat, wo sich die Kids so rumtreiben. Da hilft nur „das bisherige Bild des Lehrers aufzugeben“, wie Jürgen Ertelt (Quelle, S. 32) so schön formuliert. Wir müssen hin zu einer Form des Lernens, die Gemeinsamkeit in den Vordergrund rückt. Es geht hier nicht um Wissensvermittlung – nicht nur. Es geht darum, Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen zu lenken und Diskussionen anzustoßen. Für den Einstieg ins Programmieren kann man ja vielleicht einen digitalen FSJler engagieren, wie ihn die SPD vorschlägt. Außerdem muss es möglich sein, dass Quereinsteiger zur Hilfe kommen. Ob das nun Software-Entwickler sind, Prozessmanager oder Oberstufen-Schüler, die sich selbst beigebracht haben zu programmieren. Was sonst noch wichtig ist Und jetzt? Was heißt das alles? Ganz klar: Ja, Medienkompetenz und Informatik müssen einen festen Platz in jedem Lehrplan haben. Wichtig dabei ist auch der Einstieg in das Verständnis von technischen Zusammenhängen und Programmierung – und zwar nicht als Nerd-AG, sondern als ganz normales Unterrichtsfach – und zwar für beide Geschlechter. (Muss ich das überhaupt betonen?) Natürlich geht das nicht ohne Geld. Irgendwo muss die Infrastruktur herkommen. Ob das nun über PC-Räume in Schulen gelöst wird oder über die individuelle Ausstattung der Schüler (Quelle, S. 4), beides geht nicht ohne Investitionen. Doch das sollte es uns wert sein. Immerhin ist Programmieren die Superkraft unserer Zeit!


 

Image (adapted) „Blue Glow“ by Jim Sneddon (CC BY 2.0)


Die Kolumne von Katharina Große ist Ergebnis der Medienkooperation zwischen dem Lehrstuhl für Verwaltungs- und Wirtschaftsinformatik an der Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen und Netzpiloten.de.

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Or Be Programmed

Der österreichische Schriftsteller Oskar Kokoschka sagte, dass ihm aus der Schulzeit nur seine Bildungslücken in Erinnerung geblieben sind. Ähnlich wird es wohl einmal den Kindern von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach gehen, die in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft leben werden, ohne die notwendige Ausbildung bekommen zu haben.

Informatikunterricht. Gab es schon in den 80ern an meiner Schule, hatte ich nicht, denn, ihr erinnert euch, meine Eltern führten auf meinem Rücken und mit meiner Unterstützung damals den Kulturkampf gegen Computer, obwohl wir später sogar zu den ersten gehörten, die BTX zu Hause hatten, aber das ist eine andere Geschichte. Tablets, Smartboards. Ein Thema, das Eltern erregt und elektrisiert. Aktuell mal wieder aufgrund eines Schulmodells in Hamburg. Was haben wir im Elternrat auch um die weitere Einführung von Smartboards gerungen, wie fehlgenutzt auch immer die in der Praxis teilweise werden.

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Bildungsangebote im Web brauchen Breitband

In seiner Kolumne beschäftigt sich Nico Lumma mit dem Medienwandel und Kompetenzen die damit einhergehen. Nicht nur im Beruf, sondern auch in der Schule und Familie.

drosselkom

Der große Aufreger der vergangenen Woche war die Ankündigung der Telekom, nicht nur ihre Flatrates künftig mit einer Volumenbeschränkung zu versehen, sondern auch noch ihre eigenen Dienste gegenüber Diensten der Konkurrenz zu bevorzugen. Argumentativ wollte die Telekom die Aufregung dadurch begrenzen, dass sie a) darauf verwies, dass derzeit nur 3% der Telekom-Kunden die Schwelle von 75 Gigabyte erreichen würden, die zur Drosselung führen würde, und dass b) die Regelung erst ab 2016 eingeführt werden würde.

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