Hausaufgaben werden digital: Schulfactory

Noch immer ist die Schule eine Papierwüste, die Digitalisierung schreitet sehr zögerlich voran. Aus verschiedensten Faktoren: Angst vor weniger Lernerfolgen durch Ablenkungen, mangelhaft geschulte Lehrer, Eltern, die lieber auf konventionelle Lernmethoden setzen wollen. Das Startup Schulfactory möchte diese Probleme angehen – mit einer Web-Anwendung, die alle Probleme adressiert und Hausaufgaben komplett digitalisiert.

Vorteile für Lehrer, Schüler und Eltern

Die Firma Schulfactory aus Köln wurde von Lena Spak und Annie Doerfle gegründet. Beide Frauen sind Mütter von zweijährigen Kindern. Die Idee zum Startup kam ihnen, als sie sich mit befreundeten Pädagogen über die schleppende Digitalisierung an Schulen unterhielten. Für die beiden war klar: Die eigenen Kinder sollen anders lernen und das Internet und Computer nicht nur in der Freizeit kennen lernen. Deswegen wurde dieses Jahr die Schulfactory gegründet, die aus den Büroräumen des Startplatzes Köln fungiert.

GründerSchulfactory
Die Gründerinnen von Schulfactory: Annie Doerfle und Lena Spak.

Die Gründerinnen bezeichnen ihr Startup mit den drei Hashtags #EdTech, #SchuleDerZukunft und #neuesLernen. Damit werden die Ziele des zweiköpfigen Teams schnell klar: Es geht um eine Neuorientierung der Lerntechniken, wie sie im deutschen Raum angewendet werden. Dafür werden Stift und Papier – dem derzeitigen Lernmedium Nummer 1 – eher in den Hintergrund treten. Ein vollständiger Ersatz des niedergeschriebenen Wortes ist mit Schulfacotry nicht geplant. Vielmehr ist die Plattform ein Weg, die digitale Kompetenz der Schüler zu verbessern.Konkret gibt es drei Zielgruppen, die Spack und Doerfle ansprechen wollen: Lehrer, Schüler und Eltern. Für jede Gruppe gibt es besondere Features, die die Schulfactory im Vergleich zu alternativer Software qualifizieren.

Lehrer beispielsweise benötigen laut den Gründerinnen keine ewig lange Schulung, um das Programm zu verstehen. Es bietet sich die Möglichkeit, auf einfach zu verstehende Templates zurückzugreifen. Davon soll es mehrere Dutzend geben. Präsentiert wurde etwa ein stilisierter menschlicher Körper, der für Lehrer als Vorlage zur Verfügung stellt. Es muss von der Lehrkraft festgelegt werden, welche Organe von Schülern erkennen sollen. Das klappt zum Start laut den Gründerinnen so gut, dass selbst ungeschulte Lehrer über Sechzig mdas System verstehen. Die Pädagogen haben des weiteren Zugriff auf sehr detaillierte Statistiken: So bekommt der Lehrer Informationen darüber, wie lange einzelne Schüler für welche Aufgaben benötigt. Dadurch können die Pädagogen nicht nur erkennen, bei welchen Punkten Nachholbedarf für den Einzelnen oder die ganze Gruppe besteht. Auch die Eins-zu-eins-Betreuung wird einfacher, da ein direktes Monitoring möglich ist.

Vielfältige Aufgabentypen machen die Lernkontrolle multimedial: Die Schüler dürfen über verschiedene Medientypen Antworten auf die gestellten Fragen finden. Geplant sind etwa normale Texte, aber auch Podcasts und Videoantworten. Dafür können sich die Schüler ihr eigenes Lerntempo auswählen: Zwar gibt es Module, die von den Schülern unter Zeitdruck zu beantworten sind. Zum Großteil ist die Nachbereitung zuhause aber mit dem eigenen Tempo machbar. Die Einbindung von multimedialen Lerninhalten in Form von Videos, Audiodateien und Quizzes ermöglicht ein besseres Lernen als ein reines Bücher-Pauken. Schüler dürfen selbstbestimmt festlegen, in welchem Medium die Frage beantwortet wird. Durch die Schulfactory soll auch persönlicheres Lernen möglich sein. Lehrer können spezielle Aufgaben für Überflieger oder eher langsamere Schüler stellen, um sie auf dem richtigen Level abzuholen und so viel Stoff zu vermitteln wie möglich.

Eltern sind in den Unterricht eingebunden

Neben der direkten Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern haben auch Eltern die Möglichkeit, sich direkt in die Geschehnisse rund um die Schule einzuklinken. Sie können – mit Einverständnis der Lehrer – Ergebnisse einzusehen und direkt Maßnahmen zu ergreifen. Sei es ein Verdonnern zu mehr Lernerei, ein kollaboratives Lernen mit dem Kind oder auch der einfache Hinweis, dass mehr für das jeweilige Fach getan werden muss. Sollten Probleme die Überhand nehmen, sind Lehrer in der Lage, direkt mit den Eltern zu kommunizieren und so Schwierigkeiten an der Wurzel auszumerzen. Schulfactory will also sozusagen den Elternsprechtag völlig ersetzen, was Lehrer zusätzlich stressen könnte. Die beiden Gründerinnen sind sich aber sicher, dass dies die bessere Lösung sei: „In unserem Umkreis fühlen sich Lehrer viel wohler damit, direktes Feedback geben zu können.

Finanzierung nicht durch Schulen

Bis die Schulfactory in seiner finalen Form live geht, wird es noch ein wenig dauern. Die beiden Gründerinnen müssen den funktionierenden Prototypen noch ein besseres Design spendieren. Dann geht es auf Kundensuche. Und die gibt es laut Spak und Doerfle zuhauf: Viele Schulen seien nicht auf dem aktuellen Stand und haben einiges an Nachholbedarf. Lehrer, Schüler und Eltern können sich dennoch jetzt schon an der Entwicklung beteiligen und in einer Umfrage angeben, welche Funktionen den Weg in die fertige Software finden sollen.

Ein solches Projekt kostet natürlich Geld. Infrastruktur muss gestellt werden und die Templates entstehen auch nicht von jetzt auf gleich. Trotzdem möchte die Schulfactory keinen Cent von den Schulen bekommen, die die Software einsetzen wollen. Tatsächlich möchte sich das Startup später durch die Eltern refinanzieren: Es gebe durchaus eine Bereitschaft, für das Monitoring des eigenen Kindes Geld zu bezahlen. Bis zu zehn Euro sollen Eltern pro Monat für eine genaue Lernübersicht und die Kommunikationsmöglichkeiten mit Lehrern zahlen – dieses Konzept kann sich jedoch in Zukunft noch ändern.

Ist digitales Lernen überhaupt sinnvoll?

Stift und Papier sind noch lange nicht aus der Schule verbannt. Das liegt nicht nur an den Lehrern, die diese Lernmethoden am besten finden und vielleicht auch gar nicht mit Computern umgehen können. Auch Studien attestieren digitalen Lernplattformen nicht nur Vorteile. Eines der größten Negativpunkte ist der Faktor Ablenkung: Nutzt ein Schüler eine Lernapp, sind YouTube, Instagram und Co. nur zwei Tastendrücke entfernt. Ein aktives Lernen ohne Prokrastination ist laut Kritikern nicht möglich. Studien belegen außerdem, dass das Schreiben mit der Hand die Erinnerung an das jeweils niedergeschriebene besser hält, als wenn die Tastatur als Eingabemethode gewählt wird. Schließlich setzt sich der Schreibende länger mit den Wörtern auseinander und kann nicht einfach falsche Wörter korrigieren, sondern denkt im Zweifelsfall auch länger über die eingesetzten Satzbausteine nach.

Auf der anderen Seite stehen die Meinungen der aktuell Lehrenden. Eine Bertelsmann-Studie befragte Lehrer und Schulleiter nach ihrer Meinung. Ergebnis: Etwa 70 Prozent befürworten digitale Medien und Lerninhalte in der Schule, allerdings bringen erst rund zehn Prozent der Befragten solche Inhalten im Schulalltag herüber. 23 Prozent der Interviewpartner sind der Meinung, dass digitales Lernen die Leistungen der Schüler verbessert.

Bis zur völligen Digitalisierung der Schulen sind sowieso noch einige Hürden zu überwinden. Die IT vieler Bildungsstätten erinnert häufig an Computermuseen, ein schnelles Internet und flächendeckendes WLAN für alle Schüler ist eher die Ausnahme. Auch Jöran Muuß-Merholz, Experte für digitale Medien im Bildungsbereich, attestiert uns im Interview Defizite: „Wenn wir Schulen jetzt ans Netz bringen, haben sie teilweise 50 Mbit pro Sekunde. Gehen alle Schüler gleichzeitig ins Netz, verursacht das aber irren Traffic. Ein Befund ist, dass Schulen ihr Internet als gar nicht so schlecht empfinden.

Es gibt aber Hoffnung für den Nachwuchs. Es fließen Millionen an Fördergeldern, um Deutschlands Jugend nicht zum „Analognomaden“ zu erziehen. Und Lernplattformen wie die Schulfactory können in Zukunft helfen, Lehrer noch einmal zum Lernen zu bringen und einen Sinneswandel in der deutschen Bildung hervor zu rufen.


Image (adapted) „Hausaufgaben“ by StockSnap [CC0 Public Domain]


 

studiert Technikjournalismus in Bonn und schreibt schon seit einiger Zeit über allerlei technischen Krimskrams: Seien es nun Smartphones, Gadgets, Drohnen, VR-Brillen oder Anwendungen aller Art. Prinzipiell macht er mit jedem Artikel sein Hobby einen Tacken mehr zum Beruf.


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