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Hausaufgaben werden digital: Schulfactory

Hausaufgaben (adapted) (Image by StockSnap [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Noch immer ist die Schule eine Papierwüste, die Digitalisierung schreitet sehr zögerlich voran. Aus verschiedensten Faktoren: Angst vor weniger Lernerfolgen durch Ablenkungen, mangelhaft geschulte Lehrer, Eltern, die lieber auf konventionelle Lernmethoden setzen wollen. Das Startup Schulfactory möchte diese Probleme angehen – mit einer Web-Anwendung, die alle Probleme adressiert und Hausaufgaben komplett digitalisiert.

Vorteile für Lehrer, Schüler und Eltern

Die Firma Schulfactory aus Köln wurde von Lena Spak und Annie Doerfle gegründet. Beide Frauen sind Mütter von zweijährigen Kindern. Die Idee zum Startup kam ihnen, als sie sich mit befreundeten Pädagogen über die schleppende Digitalisierung an Schulen unterhielten. Für die beiden war klar: Die eigenen Kinder sollen anders lernen und das Internet und Computer nicht nur in der Freizeit kennen lernen. Deswegen wurde dieses Jahr die Schulfactory gegründet, die aus den Büroräumen des Startplatzes Köln fungiert.

GründerSchulfactory
Die Gründerinnen von Schulfactory: Annie Doerfle und Lena Spak.

Die Gründerinnen bezeichnen ihr Startup mit den drei Hashtags #EdTech, #SchuleDerZukunft und #neuesLernen. Damit werden die Ziele des zweiköpfigen Teams schnell klar: Es geht um eine Neuorientierung der Lerntechniken, wie sie im deutschen Raum angewendet werden. Dafür werden Stift und Papier – dem derzeitigen Lernmedium Nummer 1 – eher in den Hintergrund treten. Ein vollständiger Ersatz des niedergeschriebenen Wortes ist mit Schulfacotry nicht geplant. Vielmehr ist die Plattform ein Weg, die digitale Kompetenz der Schüler zu verbessern.Konkret gibt es drei Zielgruppen, die Spack und Doerfle ansprechen wollen: Lehrer, Schüler und Eltern. Für jede Gruppe gibt es besondere Features, die die Schulfactory im Vergleich zu alternativer Software qualifizieren.

Lehrer beispielsweise benötigen laut den Gründerinnen keine ewig lange Schulung, um das Programm zu verstehen. Es bietet sich die Möglichkeit, auf einfach zu verstehende Templates zurückzugreifen. Davon soll es mehrere Dutzend geben. Präsentiert wurde etwa ein stilisierter menschlicher Körper, der für Lehrer als Vorlage zur Verfügung stellt. Es muss von der Lehrkraft festgelegt werden, welche Organe von Schülern erkennen sollen. Das klappt zum Start laut den Gründerinnen so gut, dass selbst ungeschulte Lehrer über Sechzig mdas System verstehen. Die Pädagogen haben des weiteren Zugriff auf sehr detaillierte Statistiken: So bekommt der Lehrer Informationen darüber, wie lange einzelne Schüler für welche Aufgaben benötigt. Dadurch können die Pädagogen nicht nur erkennen, bei welchen Punkten Nachholbedarf für den Einzelnen oder die ganze Gruppe besteht. Auch die Eins-zu-eins-Betreuung wird einfacher, da ein direktes Monitoring möglich ist.

Vielfältige Aufgabentypen machen die Lernkontrolle multimedial: Die Schüler dürfen über verschiedene Medientypen Antworten auf die gestellten Fragen finden. Geplant sind etwa normale Texte, aber auch Podcasts und Videoantworten. Dafür können sich die Schüler ihr eigenes Lerntempo auswählen: Zwar gibt es Module, die von den Schülern unter Zeitdruck zu beantworten sind. Zum Großteil ist die Nachbereitung zuhause aber mit dem eigenen Tempo machbar. Die Einbindung von multimedialen Lerninhalten in Form von Videos, Audiodateien und Quizzes ermöglicht ein besseres Lernen als ein reines Bücher-Pauken. Schüler dürfen selbstbestimmt festlegen, in welchem Medium die Frage beantwortet wird. Durch die Schulfactory soll auch persönlicheres Lernen möglich sein. Lehrer können spezielle Aufgaben für Überflieger oder eher langsamere Schüler stellen, um sie auf dem richtigen Level abzuholen und so viel Stoff zu vermitteln wie möglich.

Eltern sind in den Unterricht eingebunden

Neben der direkten Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern haben auch Eltern die Möglichkeit, sich direkt in die Geschehnisse rund um die Schule einzuklinken. Sie können – mit Einverständnis der Lehrer – Ergebnisse einzusehen und direkt Maßnahmen zu ergreifen. Sei es ein Verdonnern zu mehr Lernerei, ein kollaboratives Lernen mit dem Kind oder auch der einfache Hinweis, dass mehr für das jeweilige Fach getan werden muss. Sollten Probleme die Überhand nehmen, sind Lehrer in der Lage, direkt mit den Eltern zu kommunizieren und so Schwierigkeiten an der Wurzel auszumerzen. Schulfactory will also sozusagen den Elternsprechtag völlig ersetzen, was Lehrer zusätzlich stressen könnte. Die beiden Gründerinnen sind sich aber sicher, dass dies die bessere Lösung sei: „In unserem Umkreis fühlen sich Lehrer viel wohler damit, direktes Feedback geben zu können.

Finanzierung nicht durch Schulen

Bis die Schulfactory in seiner finalen Form live geht, wird es noch ein wenig dauern. Die beiden Gründerinnen müssen den funktionierenden Prototypen noch ein besseres Design spendieren. Dann geht es auf Kundensuche. Und die gibt es laut Spak und Doerfle zuhauf: Viele Schulen seien nicht auf dem aktuellen Stand und haben einiges an Nachholbedarf. Lehrer, Schüler und Eltern können sich dennoch jetzt schon an der Entwicklung beteiligen und in einer Umfrage angeben, welche Funktionen den Weg in die fertige Software finden sollen.

Ein solches Projekt kostet natürlich Geld. Infrastruktur muss gestellt werden und die Templates entstehen auch nicht von jetzt auf gleich. Trotzdem möchte die Schulfactory keinen Cent von den Schulen bekommen, die die Software einsetzen wollen. Tatsächlich möchte sich das Startup später durch die Eltern refinanzieren: Es gebe durchaus eine Bereitschaft, für das Monitoring des eigenen Kindes Geld zu bezahlen. Bis zu zehn Euro sollen Eltern pro Monat für eine genaue Lernübersicht und die Kommunikationsmöglichkeiten mit Lehrern zahlen – dieses Konzept kann sich jedoch in Zukunft noch ändern.

Ist digitales Lernen überhaupt sinnvoll?

Stift und Papier sind noch lange nicht aus der Schule verbannt. Das liegt nicht nur an den Lehrern, die diese Lernmethoden am besten finden und vielleicht auch gar nicht mit Computern umgehen können. Auch Studien attestieren digitalen Lernplattformen nicht nur Vorteile. Eines der größten Negativpunkte ist der Faktor Ablenkung: Nutzt ein Schüler eine Lernapp, sind YouTube, Instagram und Co. nur zwei Tastendrücke entfernt. Ein aktives Lernen ohne Prokrastination ist laut Kritikern nicht möglich. Studien belegen außerdem, dass das Schreiben mit der Hand die Erinnerung an das jeweils niedergeschriebene besser hält, als wenn die Tastatur als Eingabemethode gewählt wird. Schließlich setzt sich der Schreibende länger mit den Wörtern auseinander und kann nicht einfach falsche Wörter korrigieren, sondern denkt im Zweifelsfall auch länger über die eingesetzten Satzbausteine nach.

Auf der anderen Seite stehen die Meinungen der aktuell Lehrenden. Eine Bertelsmann-Studie befragte Lehrer und Schulleiter nach ihrer Meinung. Ergebnis: Etwa 70 Prozent befürworten digitale Medien und Lerninhalte in der Schule, allerdings bringen erst rund zehn Prozent der Befragten solche Inhalten im Schulalltag herüber. 23 Prozent der Interviewpartner sind der Meinung, dass digitales Lernen die Leistungen der Schüler verbessert.

Bis zur völligen Digitalisierung der Schulen sind sowieso noch einige Hürden zu überwinden. Die IT vieler Bildungsstätten erinnert häufig an Computermuseen, ein schnelles Internet und flächendeckendes WLAN für alle Schüler ist eher die Ausnahme. Auch Jöran Muuß-Merholz, Experte für digitale Medien im Bildungsbereich, attestiert uns im Interview Defizite: „Wenn wir Schulen jetzt ans Netz bringen, haben sie teilweise 50 Mbit pro Sekunde. Gehen alle Schüler gleichzeitig ins Netz, verursacht das aber irren Traffic. Ein Befund ist, dass Schulen ihr Internet als gar nicht so schlecht empfinden.

Es gibt aber Hoffnung für den Nachwuchs. Es fließen Millionen an Fördergeldern, um Deutschlands Jugend nicht zum „Analognomaden“ zu erziehen. Und Lernplattformen wie die Schulfactory können in Zukunft helfen, Lehrer noch einmal zum Lernen zu bringen und einen Sinneswandel in der deutschen Bildung hervor zu rufen.


Image (adapted) „Hausaufgaben“ by StockSnap [CC0 Public Domain]


 

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Das Digitale sprengt Schulen auf: Jöran Muuss-Merholz über Digitalisierung in den Schulen

Klassenzimmer-Image-by-Dmitry-Vereshchagin-

Snapchat statt Zeitung, Youtube statt TV, Slack statt Arbeitsgruppentreffen: Für die Jugend ist das Digitale selbstverständlich. Über einen groß angekündigten „Digitalpakt“ zwischen Bund und Ländern sollen die Schulen – das tägliche Umfeld von Kindern und Jugendlichen – eigentlich besser ausgestattet werden. Die Rede ist von fünf Milliarden Euro, die in naher Zukunft fließen sollen. Nun stocken die Verhandlungen erst einmal.

Aber was heißt eigentlich ‚digitale Schule‘ bisher in Deutschland? Jöran Muuß-Merholz, Diplom-Pädagoge und Experte für digitale Medien im Bildungsbereich, zum Ist-Zustand und was er ändern würde. Dabei plädiert er dafür, sich bei der Digitalisierung in den Schulen nicht auf falsche Fährten locken zu lassen.

Netzpiloten: Wo stehen wir bei der Digitalisierung der Schule, also des Umfeldes, wo die junge Generation täglich mit am meisten Zeit verbingt?

Joeran Muuß-Merholz (CC-by-3.0) (Image by Hannah Birr) (cc-by-3-0 DE)
Jöran Muuß-Merholz. Image by Hannah Birr/J&K

Jöran Muuß-Merholz: Im Moment würde ich das als großes Durchwursteln bezeichnen. Es gibt zwar immer mehr Schulen, an denen das Internet und Digitales als hilfreich entdeckt wird. Das ist aber noch die Minderheit. Insgesamt erlebt das Thema Auftrieb, alle finden Digitalisierung plötzlich toll. Der Digitalpakt wird verhandelt. Bei den Parteien ist es im Bundestagswahlkampf ein großes Schlagwort. Das Schuljahr 2017/2018 könnte in Bezug auf die Schulen rückblickend irgendwann mal als Wendejahr wahrgenommen werden.

Das heißt, noch ist eher das Arbeitsblatt up-to-date?

Das Arbeitsblatt ist sogar Nummer Eins unter den Lehrmaterialien und einer Untersuchung der Uni Augsburg zufolge am Schulbuch vorbeigezogen.

Ideen für Digitales in der Schule scheitern an schlechter Ausstattung mit Hard- und Software, wird häufig beklagt…

Was die Ausstattung angeht, landet Deutschland im Industrieländervergleich regelmäßig hinten. Hardware ist allerdings das Zweitwichtigste. Davor kommt das Netz. Ich bin im Beirat einer Studie der Bertelsmann Stiftung, die im Herbst veröffentlicht wird. Ein Befund ist, dass Schulen ihr Internet als gar nicht so schlecht empfinden. Ich halte diese Selbsteinschätzung für falsch. Es ist nur solange nicht das Schlechteste, wie nur ein paar Geräte einbezogen sind.

Das heißt: Wenn wir Schulen jetzt ans Netz bringen, haben sie teilweise 50 Mbit pro Sekunde. Gehen alle Schüler gleichzeitig ins Netz, verursacht das aber irren Traffic. Das ist zu bedenken, wenn man auf politischer Ebene Infrastrukturmaßnahmen beschließt. Es reicht außerdem nicht, den Schulen einfach nur Netz und Technik zu geben. Jede Organisation, in der 500 Leute arbeiten, hat einen Systemadministrator. Das kann in der Schule niemand nebenbei leisten.

So denn Technik gegeben ist, wie digital ist der Schulalltag schon gestaltet?

Sehr viel wird entdeckt, was das Lehren und Lernen erleichtert. Um ein Beispiel zu nennen: Ein großer Hype ist der so genannte flipped classroom. Den Lehrstoff schauen sich die Schüler zuhause als Video an. Die Zeit in der Schule ist zum Üben und der Lehrer kann unterstützen. Die Videos machen die Lehrer selbst, das ist eine regelrechte Bewegung. Es gibt Youtuber mit Erklärvideos, die haben Millionen Klicks. Weiter werden Apps oder Quizze genutzt. Alles lauter gute Ideen. Allerdings handelt es sich bisher eher um eine Optimierung des Bestehenden.

Also noch nicht die große Revolution? Sind Apps, Videos und Quiz-Spiele nicht ein erster Schritt?

Das wäre der optimistische Blickwinkel, also dass im Fahrwasser der digitalen Medien neue Möglichkeiten in den Schulen einziehen. Ich glaube inzwischen, dass es so nicht funktioniert. So ist zum Beispiel die Ausstattung mit interaktiven Whiteboards an den Schulen sehr gut. Man kann damit bestimmt tolle Sachen machen – macht man aber nicht. Die Hauptanwendung besteht darin, dass Lehrer Youtube-Videos von einem USB-Stick abspielen. Hier, böse formuliert, optimiert es nur den Frontalunterricht.

Was wäre aus Ihrer Sicht stattdessen notwendig?

Neben einem technischen braucht es einen pädagogischen Wandel. Auch weil Computer immer mehr das übernehmen, wofür die Schule einmal Menschen ausgebildet hat. Wir müssen uns folgende Frage stellen: Was sollten Leute in der Schule lernen, damit sie mehr können als ein Computer. Die 4K-Kompetenzen, die von der OECD angeführt werden, zum Beispiel: Kreativität, Kollaboration, Kommunikation und kritisches Denken.

Wie anders sollten digitale Herangehensweisen ans Lernen aus diesem Blickwinkel aussehen?

Wie das pädagogisch aussehen kann, wissen wir schon länger als es Digitalmedien gibt. Das Lernen anhand von Projekten oder an Real-World-Zusammenhängen steht im Vordergrund. Das Digitale aber sprengt plötzlich auf, worauf Schule bisher limitiert war. Man hat nicht nur das Schulbuch als Quelle, sondern das ganze WWW. Früher war es sehr aufwändig, einen Experten in die Schule einzuladen, heute ginge das unkompliziert per Skype.

Ein tolles Beispiel kenne ich von einer Grundschullehrerin an der Nordsee. Sie hat mit ihren Schülern Partnerprojekte mit Schulen in Kanada und Neuseeland. Im Sachkunde-Unterricht stellen sie sich gegenseitig ihre Heimat vor, auf Englisch. Außerdem arbeiten sie gemeinsam an einer Blogplattform. Internet und reale Welt verbinden sich hier ganz stark.

Nun ist Bildung Ländersache. Welche Weichen müssten denn Bundesländer stellen, um ihre Schulen nach vorn zu bringen?

Infrastruktur braucht es auf jeden Fall. Ob der Netzzugriff dann über ein von Schülern mitgebrachtes oder von der Schule bereitgestelltes Gerät erfolgt, ist eine Frage der Konzepte und Kosten. Wenn man über eine Cloud arbeitet, ist es egal, von welchem Gerät aus er geschieht – Hauptsache, man hat einen Browser. Da spielt die Technik den Schulen in die Hände. Was aber ein Bundesland wirklich als erstes machen könnte, und zwar völlig kostenfrei, betrifft Open Educational Ressources: dafür nämlich eine Ermutigung auszusprechen. Die Stadt Leicester in England macht das vor. Als Schulträger sagt sie: Wir finden toll, wenn unsere Lehrer freie Materialien selbst entwickeln und unter freier Lizenz bereitstellen. In Deutschland ist für Lehrer unklar, ob sie überhaupt frei lizensieren dürfen, wenn sie etwas im Auftrag ihres Dienstherren gemacht haben.

Gibt es in Bezug auf freie Bildungsmaterialien nicht viel größere Bedenken beim Copyright?

Da gibt es eine seltsame Situation. Copyright-Unsicherheiten können ein großer Treiber für zwei verschiedene Tendenzen sein: Entweder stärkt es den Impuls zu sagen, dann machen wir die Fotos und Infovorlagen halt alle komplett selbst. Oder es wirkt bremsend. Viele lassen davon lieber die Finger – was ich nachvollziehen kann. Es ist nicht mal geklärt, wer bei Fehlern eines Lehrers haftet. Letztlich brauchen wir eine Reform des Urheberrechts.

Welche Chancen bieten Lernplattformen für die Schulen?

Lernplattformen erfüllen ganz verschiedene Zwecke: Zugang zu Tools, Videos und Dateien zu gewähren, die ganze Schulkommunikation kann darüber laufen. Möglich ist auch, Zugang zu Microsoft Office-Produkten in der Cloud zu schaffen. So etwas möchte Microsoft gern in die Schulen bringen.

Die deutliche Mehrheit der Schulen hat eine Lernplattform. Das heißt aber gar nichts: Ganz viele davon sind tot, werden kaum genutzt oder nur von einzelnen Lehrern. Zu dem, was möglich ist, hatte ich an einer Berufsschule in Kassel einen Aha-Effekt. Sie nutzen zwei Plattformen, eine für die Lehrmaterialien, eine für die Lernergebnisse. Tausende spannende Sachen, die andere Schüler anschauen können. Das geht nur mit einer modernen Pädagogik, wo Abschreiben nichts bringt. Es muss deutlich gesagt werden, dass es bei einer Aufgabenstellung nicht um reine Wiedergabe des Gelernten geht. Vielmehr muss der Schüler zeigen, dass er die Inhalte wirklich verstanden hat. So schließt sich übrigens der Kreis zu den 4Ks.


Jöran Muuß-Merholz schreibt Bücher über das Digitale und Bildung, darunter „Mein Kind ist bei Facebook. Tipps für Eltern“ (2012) und „Neues Lernen mit Medien. Wie man Internet und moderne Pädagogik verbindet“ (2009). Aktuell hat er ein Buch aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, das unter dem Titel „Die vier Dimensionen der Bildung. Was Schüler im 21. Jahrhundert lernen müssen“ im September 2017 erscheint. In Hamburg betreibt er die Bildungs-Agentur „Jöran und Konsorten“.


Image „Klassenzimmer“ by Dmitry Vereshchagin/stock.adobe.com

Image by Hannah Birr / J&K (CC BY 3.0 DE)


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„Wenn die Möglichkeit da ist, unterrichte ich digital!“: Einblicke in die Lehrerwelt

Read (adpted) (CC0 Public Domain) via pixabay

In Zusammenhang mit der Digitalisierung der Bildung wird auch viel über die Lehrer und Lehrerinnen geredet. Kommen sie mit dem Wandel gut klar? Wollen sie überhaupt irgendwas ändern? Um diese Mutmaßungen zu beenden, haben wir nachgefragt. Im Gespräch mit dem Schweizer Deutschlehrer Philippe Wampfler geht es um seinen eigenen digitalen Unterricht, Tipps für Neueinsteiger und das Mädchen-Jungen-Klischee.


Philippe Wampfler unterrichtet Deutsch, Philosophie und Medienkunde an der Kantonsschule Wettingen (Schweiz). Als Autor und Berater arbeitet er zu digitaler Bildung. Zudem ist er als Dozent für Fachdidaktik Deutsch an der Uni Zürich in der Lehrerausbildung tätig.


Lina Carnap: In Ihrem Buch schreiben Sie “Medienkompetenz ergibt sich aus einer Kombination von Wissensaufbau, Mediennutzung und Medienreflexion”. Können Sie dies näher erläutern?

Philippe Wampfler: Medienkompetenz erlangt man nicht nur darüber, dass jemand vor einem steht und einen Vortrag hält. Um medienkompetent zu werden, muss man die Medien benutzen. Der Umgang mit diesen muss ausprobiert und verankert werden. Gleichzeitig muss man immer wieder die Auswirkung des Einsatzes der digitalen Medien auf einen selber und seine Umgebung reflektieren.

Was bedeutet das für die Lehrkräfte?

Jeder und jede, die unterrichtet, muss auch jedes Mal wieder dazu lernen. Zu belehren ohne zu lernen, führt zu einer sehr einseitigen Angelegenheit. Gerade wenn es um Medien und Mediennutzung geht, muss man sich speziell als Lehrkraft ständig mit neuen, sich wandelnden Trends und Tools auseinandersetzten, mit denen die Schülerinnen und Schüler eventuell besser umgehen können. Passiert dies nicht, kommt es oft dazu, dass Lehrkräfte glauben, ihre Schülerinnen und Schüler vor den Gefahren schützen zu müssen, die das Internet mit sich bringt. Dabei verpassen sie aber oft die richtige Ansprache.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ein Paradebeispiel ist die Aktion von vielen Lehrkräften, die ihren Schülerinnen und Schülern etwas über Internetsicherheit beibringen wollen. Dabei rufen sie dazu bei Facebook auf, ihr Bild zu teilen, auf dem sie ein Schild hochhalten mit der Aufschrift „Bitte teilt dieses Bild, damit meine Schülerinnen und Schüler sehen können, wie schnell ein Foto bei vielen Menschen auf der ganzen Welt gesehen werden kann“.

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Philippe Wampfler – Image by politik-digital

In dem Fall hat das nicht wirklich viel mit der Realität zu tun. Man erzeugt einen Effekt, der auf die Schülerinnen und Schüler persönlich so nicht zutrifft und verfehlt dabei über Dinge zu reden, die für die Jugendlichen wirklich wichtig sind.

Kommen wir auf Ihren eigenen Unterricht zu sprechen. Ist Ihr Unterricht immer digital?

Wenn in meinem Unterricht die Möglichkeit besteht, etwas digital zu bearbeiten, dann versuche ich das auch umzusetzen. Auch die Schülerinnen und Schüler arbeiten dann an ihren Laptops. Wir nehmen jetzt einen neuen Roman im Unterricht durch. Den versuchen wird biographisch aufzuarbeiten. Dazu sollen die Schülerinnen und Schüler im Internet recherchieren, in Schreibprogrammen dokumentieren und sich dann in Gruppen austauschen.

Spielen Stift und Zettel da überhaupt noch eine Rolle?

Teilweise greifen wir noch zu Stift und Zettel. Aber das, was geht, versuchen wir am Laptop zu erledigen. Dazu muss man sagen, dass dieses Konzept nur umsetzbar ist, da die meisten ihren eigenen Laptop mitbringen. Anders würde es gar nicht gehen.

Abgesehen vom Unterschied zwischen Stift und Tastatur, was ist die Besonderheit Ihres digitalen Unterrichts?

Was ich versuche ist, dass alles, was die Schülerinnen und Schüler schreiben, in irgendeiner Form veröffentlicht wird. Auf einem Blog beispielsweise. So merken die Schülerinnen und Schüler, dass ihre Texte tatsächlich auch wichtig sind, dass es Außenstehende lesen können. Sie bekommen ein Publikum. Dies steigert natürlich auch die Motivation ungemein.

Gab es auch schon Situationen, in denen etwas gar nicht funktioniert hat?

Natürlich funktioniert mal was nicht. Das kommt immer wieder vor. Aber nur so kann man neue Sachen ausprobieren. Manchmal klappt es und manchmal eben nicht. Der Einsatz von digitalen Medien an sich ist noch lange kein Selbstläufer. Daher ist die Reflexion, wie vorhin schon angesprochen, ein sehr entscheidender Schritt.

Sie integrieren auch die Sozialen Medien in Ihren Unterricht. Sind diese unbedingt notwendig?

Für vieles, was man im Unterricht machen möchte, ist der Einsatz von Sozialen Medien nicht direkt notwendig. Dennoch gibt es zwei wesentliche Punkte, weswegen es auch sinnvoll sein kann, Soziale Medien in der Schule zu behandeln. Zum einen ist es für Jugendliche wichtig, die Nutzung von Sozialen Medien zu reflektieren. Beispielweise ist es interessant, sich mit den Schülerinnen und Schülern YouTube-Videos anzugucken, um herauszuarbeiten, welche rhetorischen Mittel benutzt werden. So lernen sie auch diese einzuschätzen und zu bewerten. Zum anderen sind Soziale Medien oft mit dem Image behaftet, dass sie sehr unprofessionell und oberflächlich sind und eigentlich nur der Unterhaltung dienen. Hier ist es mir wichtig aufzuzeigen, wie man die Medien professionell nutzen kann.

Was können Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen mitgeben, die gerade überlegen digitale Technologien und Medien im Unterricht zu benutzen? Was sind die drei wichtigsten Regeln für das Digitalisieren des Schulunterrichts?

Das erste ist, dass man es einfach mal ausprobiert. Natürlich muss man auch damit rechnen, dass es nicht gleich funktioniert, dass es auch demotivierend am Anfang sein kann. Davon sollte man sich aber nicht entmutigen lassen. Dies führt dann zur zweiten Regel: Die Interessierten sollten vorerst nicht mit dem größten Projekt anfangen. Sondern sich in kleinen Schritten herantasten. Angefangen eventuell mit der kleinstmöglichen Teststufe: ein Projekt mit einem kleinen Blog zu begleiten. Ganz wichtig ist hierbei natürlich wieder das Reflektieren seitens der Lehrkräfte.

Als drittes ist es natürlich extrem hilfreich, sich mit anderen Lehrkräften zu connecten. Der Austausch mit anderen Lehrerinnen und Lehrern, die sich in ähnlichen Situationen befinden, kann sehr hilfreich sein.

Wo findet dieser Austausch statt?

Für mich ist beispielsweise Twitter da am entschiedensten. Über verschiedene Hashtags kann man sich mit vielen Lehrkräften austauschen und neue Ideen gewinnen. Aber ich weiß auch, dass Twitter nicht bei allen gut ankommt. Muss es auch nicht, denn es gibt auch zahlreiche Gruppen auf Facebook. Dort unterstützen sich die Lehrer gegenseitig und helfen einander. Vor allem auch für Referendare kann das der anfänglichen Überforderung Abhilfe schaffen.

In dem Zusammenhang: unterstützen Sie den Ansatz von Open Educational Resources (OER), Materialien generell zugänglich zu machen?

Generell bin ich der Meinung, dass alle Materialien für alle zugänglich sein sollten. Ich selbst veröffentliche meine Materialien, außer eventuell die, die ich schnell mal in kürzester Zeit und auf den letzten Drücker konzipiert habe. Meine Schülerinnen und Schüler können dann darauf zurückgreifen. Aber so können sich auch andere Kolleginnen und Kollegen Ideen oder Anreize holen.

Ist es mehr oder weniger Arbeit, digitale Medien im Unterricht einzusetzen?

Ich würde nicht sagen, dass das eine mehr oder weniger Arbeit mit sich bringt. Die Arbeitsaufteilung ist aber eine andere. Wenn man digitale Medien im Unterricht einsetzt, ist dabei sehr entscheidend, dass man immer am Ball bleiben muss. Ein konstantes Lernen und sich mit neuen Dingen auseinanderzusetzen, ist sehr wichtig. Denn die Jugendwelt generell, aber vor allem auch in Hinblick auf die digitalen und sozialen Medien verändert sich ständig.

Wenn man jedoch weiß, wie man die Medien einsetzen kann, dann ergeben sich daraus viele Möglichkeiten, den Unterricht effektiv und abwechslungsreich zu gestalten. Dies verschafft einem dann schon eine große Erleichterung.

Sie befassen sich auch mit dem Thema Gender. Können Sie für den Einsatz digitaler Medien schon Bilanz ziehen, ob überhaupt ein Unterschied zwischen Mädchen und Jungen in der Annahme der neuen Unterrichtsmethoden besteht?

Da Mädchen und Jungen unterschiedlich sozialisiert werden, kann man in Bezug auf Technologien schon verschiedene Muster erkennen. Ganz plakativ gesagt tendieren Jungs dazu, die Möglichkeiten zum Spielen oder Video gucken zu nutzen. Bei den Mädchen kann ich feststellen, dass sie sich vor allem mit dem kommunikativen Aspekt der Medien auseinandersetzen. Dies sind grobe Tendenzen, die mir auffallen. Hier ist auch wichtig, diese zu reflektieren. Was ich immer wieder versuche, ist die Mädchen anzuregen, sich auch mal mit einem Computerspiel auseinanderzusetzen und dieses zu spielen. Andersherum gilt das natürlich genauso für die Jungs, denen ich vorschlage, sich an Foren oder Chats zu beteiligen.

Nun wird den Lehrerinnen und Lehrern oft vorgehalten, dass sie nicht digital-affin sind. Was machen Sie für Erfahrungen mit ihren Kolleginnen und Kollegen?

Natürlich lastet dieses Image auf dem Lehrerbild. Aber ich würde nicht meinen, dass man das so einfach sagen kann. Es gibt viele Lehrkräfte, die sehr motiviert sind, Neues dazu zu lernen und sich Kompetenzen in diesem Bereich aneignen wollen. Natürlich gibt es auch andere, die sehr verunsichert sind. Sie empfinden es als große Herausforderung, einen Unterricht mit digitalen Medien glaubwürdig zu gestalten. Vor allen bei jungen Lehrkräften sollten digitale Medien aber keine Hürde sein, die sie nicht überwinden können. Wichtig ist hier, Schritt für Schritt Erfahrung zu sammeln und so Verunsicherungen abzubauen.

Können dabei Weiterentwicklungen in der Lehrerausbildung helfen?

Es gab dazu jüngst einen Beitrag. Darin wurde festgestellt, dass es unbestritten ist das sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrkräfte Medienkompetenzen erwerben müssen. Auch das dies in der Ausbildung verankert sein muss, ist akzeptiert. Nicht einig ist man sich jedoch darüber, wie dies in der Ausbildung beigebracht werden sollte. Obwohl es schon Angebote zum Einsatz von digitalen Medien im Unterricht gibt, ist dieses Thema in den einzelnen Fachdidaktiken noch zu wenig präsent. Dies sollte geändert werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politik Digital“ unter CC BY-ND 4.0.


Image (adapted)„Read“ von Wokandapix (CC0 Public Domain)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • WHATSAPP meedia: 175 Millionen Status-Nutzer: Auch WhatsApp überholt Snapchat beim Stories-Feature: Es war nur ein Nebensatz von Mark Zuckerberg auf der Telefonkonferenz mit Analysten, doch er hatte es in sich. Die zugekaufte Facebook-Tochter WhatsApp bringt es gerade mal zehn Wochen nach dem Start ihres Stories-Features, das bei der Messenger-App Status heißt, bereits auf 175 Millionen tägliche Nutzer. Stories-Pionier Snapchat wurde damit binnen weniger Wochen ein zweites Mal von einer Facebook-Tochter abgehängt. CEO Evan Spiegel kann an der Wall Street aber wenigstens mit einer Nachricht zur Werbevermarktung punkten.

  • SPACEX dw: SpaceX erstmals in militärischer Mission: Bislang hat die Firma des Milliardärs Elon Musk Aufträge für die zivile Raumfahrt erledigt. Jetzt beförderte eine Rakete von SpaceX zum ersten Mal ein militärisches Objekt ins All, vermutlich einen Spionagesatelliten. Nachdem der ursprünglich für Sonntag geplante Start wegen eines defekten Sensors verschoben wurde, hob die Falcon-9-Rakete am Montagmorgen (Ortszeit, 13.15 Uhr MESZ) in Cape Canaveral in Florida ab. An Bord war ein offiziell nicht näher beschriebenes Objekt des Nationalen Aufklärungsamtes der USA (NRO). Dabei handelt es sich um einen militärischen Nachrichtendienst, der Spionagesatelliten herstellt und betreibt. Bekannt ist mit der Bezeichnung NROL-76 lediglich der Name des Objekts,

  • DIGITALISIERUNG politik-digital: „Wenn die Möglichkeit da ist, unterrichte ich digital!“ Einblicke in die Lehrerwelt: Facebook, Twitter, Youtube und Co sind für viele Lehrkräfte eher Fluch als Segen. Die Ablenkung durch soziale Medien beeinträchtigt das Lernverhalten der Schüler. Doch ist dies wirklich der Fall? Denn im Zusammenhang mit der Digitalisierung und der Bildung wird auch viel über die Lehrer und Lehrerinnen geredet. Kommen sie mit dem Wandel gut klar? Wollen sie überhaupt irgendwas ändern? Um diese Mutmaßungen zu beenden, wurde nachgefragt. Im Gespräch mit dem Schweizer Deutschlehrer Philippe Wampfler geht es um seinen eigenen digitalen Unterricht, Tipps für Neueinsteiger und das Mädchen-Jungen-Klischee.

  • UBER sueddeutsche: Das Chaosprinzip: Irgendwie ist Uber nichts Halbes und nichts Ganzes. Zumindest in vielen europäischen Städten. Die Idee von Uber ist klasse, setzt sich in einigen Ländern nur nicht so richtig durch. Sei es durch rechtliche Verordnungen oder negative Eskalationen der Uber-Spitze. Also was hilft diesem mittlerweile 70 Milliarden teuren Dienstleistungsunternehmen? Das Prinzip Chaos hält an, obwohl mittlerweile auch schon Kai Diekmann zum Beratergremium gehört.

  • SOCIAL MEDIA techtag: Wie beliebt ist Social Media bei Jugendlichen?: Der Jugend-Internet-Monitor in Österreich zeigt auf, welche sozialen Netzwerke von den Jugendlichen dort favorisiert werden. Grund genug, einen kleinen Vergleich zu Deutschland zu ziehen. Eines vorweg: WhatsApp, YouTube, Instagram und Snapchat sind die Netzwerke schlechthin – egal im welchem Land wir uns befinden.

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Gefährden Altmedien den Digitalstandort Deutschland?

Kaum ist der von der Bundesregierung angekündigte „Digitalpakt“ Gegenstand der (veröffentlichten) öffentlichen Diskussion, schon finden sich die üblichen KulturpessimistInnen und bemühen sich um die altbekannten Gefahrennarrative der Förderung des „Häppchenwissens“ und der digitalen Überforderung der jüngeren Generationen dieses Landes.

Pensionierte Lehrer in einflussreichen Positionen meinen, immer noch auf der Höhe der Pädagogik zu sein, und verbauen mit ihrer Ignoranz gegenüber aktuellen Entwicklungen den Schülerinnen und Schülern die Chancen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt. Die Gewerkschaften möchten sowieso lieber Schul-Klos repariert wissen, obwohl nicht zuletzt die aktuelle Studie der Initiative D21 zum Stand der Digitalisierung in deutschen Schulen große Defizite identifiziert hat.

Rückwärtsgewandtheit der Entscheiderinnen ist ein Problem für Deutschland

Damit fügt sich die aktuelle Debatte in eine lange Kette von Drohszenarien, die digital nicht aktive Menschen, die in Deutschland in EntscheiderInnenpositionen sitzen, gegenüber dem Internet aufbauen. Pokémon Go trackt Jugendliche und erhöht das Risiko, im Straßenverkehr unter die Räder zu kommen. Ein altbekanntes Printmedium spricht vom „Feind in meiner Hand“ und meint das Smartphone. Lehrer können sich in diesem Medium mit der Meinung breitmachen, dass Eltern Schuld an der „Internetsucht“ der Kinder seien.

Das Morgenmagazin von ARD und ZDF stellt die Teilnehmerinnen der Gamescom als der Kindheit verhaftete Deppen dar und warnt vor der – natürlich – übermäßigen Nutzung von Videospielen. Ebenfalls im Morgenmagazin wird vor den Gefahren der VR-Brillen gewarnt („Auswirkungen auf das Gehirn“). Während IBM verkündet, dass IBM-Watson nun auch im Kampf gegen den Krebs helfen wird, warnen deutsche Altmedien vor der Nutzung von Gesundheits-Apps.

Wissen die VertreterInnen der Altmedien eigentlich, was sie mit diesem Kampf gegen das Netz und gegen das Digitale indirekt auch unseren Kindern antun? Kinder und Eltern sind in einer rückwärtsgewandten Meinungs-Bubble gefangen, die sie davon abhält, sich offensiv und frühzeitig mit den Gefahren und den Chancen des Netzes zu befassen. Unsere Kinder werden, wenn sie nicht rechtzeitig digitale Kompetenzen erwerben, von den gleichaltrigen Jugendlichen und Berufsanfängern aus den USA, Asien und Russland übertrumpft.

Wir als Eltern entlassen sie aber auch gleichzeitig ungeschützt in eine Welt, in der es natürlich Risiken und Gefahren gibt; da wir sie aber nicht darauf vorbereitet haben (außer der Strategie: schaltet den PC am besten aus), werden sie unvorbereitet auf die digitale Welt außerhalb von Deutschland treffen.

Beispiel Pokémon Go: Gefahren und Chancen der Augmented Reality

Spätestens seit der Verfilmung der Stephen King-Kurzgeschichte über den Rasenmähermann im Jahr 1992 kann eine breite Masse etwas mit der Idee der Virtual Reality anfangen. Auch wenn eine Umsetzung mittels Brille und Kopfhörer vorerst weit hinter dem angepeilten Ziel der startrekschen Holdecks zurückbleibt, sind in den vergangenen 20 Jahren alle Versuche, einen komfortablen Einstieg zu schaffen, mehr oder weniger grandios gescheitert.

Letztendlich scheint es, als habe es das Jahr 2016 gebraucht – in dem alle technischen Errungenschaften wie Prozessorminiaturisierung, Grafikleistung, Rechenpower zur Erfassung des Raums und die Vorarbeit der Konsolenhersteller mit Sonys Play und Microsofts Move sowie der Druck durch den Occulus-Rift-Kickstarter zusammentrafen – um der Virtual Reality im Konsumentenmarkt zum Durchbruch zu verhelfen. Wobei bei den abgerufenenen Preisen eine schnelle Marktdurchdringung zumindest für das kommende Weihnachtsgeschäft noch fraglich bleibt.

Umso erstaunlicher erscheint es, dass diesem zukunftsträchtigen Vorstoß zumindest in der breiten öffentlichen Wahrnehmung der Rang durch eine weitere visionäre Technik abgelaufen wurde. Der Erfolg des Smartphonespiels Pokémon Go hat der Augmented Reality den Einzug auf die Endgeräte und in die Presse beschert. Der Entwickler Niantic stellte mit dem Spiel Ingress bereits seit Ende 2013 eine Augmented Reality App zur Verfügung. Auch hierbei bewegen sich die Spieler durch den öffentlichen Raum, das Kartenmaterial basiert auf Daten von Google Maps und die Bewegungen der Spieler werden zur Auswertung an die Server des Spiels zurückgemeldet.

Schon Ingress konnte in den vergangenen Jahren eine große und äußerst aktive (vornehmlich erwachsene) Spielergemeinde gewinnen. Der wirkliche Durchbruch erfolgte aber durch die Zusammenführung der Spielprinzipien von Ingress gepaart mit der Pokémon Lizenz von Nintendo.

Seit der Veröffentlichung von Pokémon Go im Juli diesen Jahres sind insbesondere in den Ballungsräumen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene der Aufforderung der Eltern gefolgt, doch endlich mal wieder rauszugehen, und fangen die Taschenmonster mit dem Blick durch die Bildschirme und Kameras ihrer Smartphones. Hierbei werden die Pokémon vom Spiel in die Abbildung der den Spieler umgebenden Realität projiziert.

Eine äußerst erfreuliche Folge des Pokémon-Go-Hypes war die Rückeroberung des öffentlichen Raums durch spielende Menschen aller Altersklassen bis zu Kindern, welche Ihr erstes Smartphone daran ausprobierten. Schon in der Woche vor dem Deutschlandstart aber machten Meldungen aus den USA über Verkehrsunfälle und Überfälle in hiesigen Medien schnell die Runde.

Das Gefährdungspotential für junge Spieler wird bei genauer Betrachtung schnell offensichtlich: Hand in Hand mit dem Austritt der Onlinespieler in die reale Welt erfolgt, zusätzlich zu den Gefahren des Straßenverkehrs, eine Übertragung der virtuellen Risiken. Was eben noch Grooming in einem Chatroom war, kann jetzt schnell eine persönliche Kontaktaufnahme werden. Hierbei ist insbesondere die schnelle Erkennbarkeit der Spieler und das gemeinsame Thema, über welches ein Kontakt hergestellt werden kann, eine nicht zu unterschätzende Komponente.

Panikmache vor Medien hat noch nie etwas gebracht

Die logische Schlussfolgerung kann aber eben nicht mediale Panikmache und pauschalisierte Warnung vor der Nutzung des Spiels sein, sondern muss eine Aufklärung der Spieler über die mit dem Spiel verbundenen Risiken sein – auch wenn die althergebrachten Grundsätze des Jugendschutzes in Bezug auf Medien hierzulande am ehesten in einer Verbotsdebatte gipfeln. Aufbauend auf dem „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften“ von 1926 verfestigte sich die Debatte um eine moralisch-sittliche Gefährdung der Jugend in den 50er-Jahren mit der pädagogisch wie feuilletonistisch vorgetragenen Kritik an Groschenromanen und Comics.

Sie wurde in den folgenden Jahrzehnten auf Videofilme erweitert und gipfelt seit den 80ern in der Diskussion um Computerspiele. Die konsequente Aberkennung des Kunstbegriffs, welcher unabhängig vom Inhalt nur bestimmten Medien vorbehalten bleibt, sagt schon viel über den Stellenwert neuartiger Technologien aus.

In Zeiten, in denen die moralisch-sittliche Verfestigung der Kinder und Jugendlich allenthalben bestritten wird, ist wohl mit deren Bedrohung kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Folglich stürzen sich die Altmedien auf die „reale“ Gefährdung von Kindern, und die Reaktion von Eltern und Pädagogen folgt – wie auch in vorhergehenden Generationen – auf dem Fuße. Unsere Eltern haben Comics und Groschenromane genauso gelesen, wie wir Videofilme sahen und Computerspiele spielten und immer noch spielen. Heute vertreiben sich die Kinder und Jugendlichen die Zeit auf Youtube, in Chaträumen und eben mit Pokémon Go. Und morgen in der Virtual Reality der Spielekonsolen und Augmented Reality der Smartphones.

Die Gründe für den rückwärtsgewandten Blick in deutschen Altmedien sind vielfältig:

  1. Wir leben in dem Land mit der zweitältesten Bevölkerung weltweit. Da kann man keine EntscheiderInnen erwarten, die in der Mehrzahl jünger und innovativer sind.
  2. „Bildung“ ist in Deutschland eine Attitüde, die man vor sich herträgt. Das Buch noch „riechen zu wollen“ und das gefüllte Bücherregal im heimischen Wohnzimmer gelten nach wie vor als Ausdruck von Belesenheit. Wobei dies letztlich auf dem Missverständnis beruht, „digital“ und „Lesen“ würden sich gegenseitig ausschließen.
  3. Ohne vorherige Studien und konsensual abgesegnete Standards wagen wir nichts (s.a. Tesla-Debatte).
  4. Die derzeit in den Schulen befindlichen LehrerInnen gehören vor allem der technikskeptischen Baby-Boomer-Generation an, die in den 1970ern in die Laufbahnen eingetreten ist. Erinnert sich jemand noch an die damalig dominierende Debatte um die sogenannte „Technikfolgenabschätzung“? Auf Basis dieser Sozialisation kann man nicht wirklich Offenheit gegenüber den Internetfirmen des Silicon Valleys erwarten.

Pokémon Go schult die neue Generation

Sollte der Umgang mit neuen Technologien und Inhalten denn nicht besser von der Betrachtung des Potentials (unter Abwägung der Risiken) getragen werden?

Online-Spiele und digitale Tools stellen die Zukunft dar; seien es Google Docs, Keynote Live-Funktion, soziale Medien, Mikro-Blogs, Snapchat oder sonstige Plattformen, auf denen sich Menschen weltweit zusammenfinden. All diesen Plattformen sind einige Merkmale gemein, die für den zukünftigen Arbeitsmarkt von übergeordneter Bedeutung sind:

1. Der Wille zum Teilen muss vorhanden sein. Ohne Teilen kann es keine nachhaltige Interaktion geben.

2. Multilingualität ist Grundvoraussetzung für alle Menschen weltweit, um sich in mehreren Meinungs- und Inhaltesphären ausreichend austauschen zu können.

3. Kommunikationsfähigkeit auf mehreren digitalen Kanälen gleichzeitig ist eine der Grundbedingungen für die Nutzung digitaler Tools und dafür, dass man überhaupt noch auf der Höhe der Zeit in seinem Beruf tätig sein kann.

4. Ohne Teamfähigkeit geht nichts mehr. Als Teammitglied muss man sich jederzeit einordnen können. Dafür kann man aber auch gezielter seine eigenen Kompetenzen einbringen. „Aufgabenteilung“ ist dabei auf gar keinen Fall mit dem altbackenen „Zuständigkeit“ zu verwechseln!

5. Der Spruch „Für die Technik ist mein Kollege zuständig“ funktioniert nicht mehr. Um zu wissen, wie ich zu Ergebnissen gelangen kann, muss ich auch die dahinter stehende Technologie ansatzweise verstehen lernen.

6. Nicht mehr das Alter ist relevant für die eigenen Relevanz, sondern mein Beitrag für das Ganze. Das eröffnet sowohl für Jung als auch Alt, aus dem „Wahrnehmungsfängnis“ und damit seiner durch das Alter selbst zugeschriebenen Rolle auszubrechen.

All diese Kompetenzen zählen wohlgemerkt sowohl für beruflich genutzte Plattformen (wie Google Docs und andere) als auch Spieleplattformen (wie beispielsweise Lol). Wenn wir also die Kinder und Jugendlichen nicht rechtzeitig auf diese digitalisierte Arbeitswelt vorbereiten und stattdessen „Internet“ und “Digital” nur kulturpessimistisch bewerten, entziehen wir unseren Kindern die zukünftige gleichberechtigte Teilhabe am globalisierten Arbeitsmarkt. Daran können wir alle kein Interesse haben.

Die Kinder vorbereiten auf eine Zukunft der Arbeit

Stattdessen sollte man aber vielleicht mal einfach seinen Kindern beim Spielen über die Schulter schauen, um zu verstehen, in welcher Weise digitale Tools und auch Spiele dazu geeignet sind, sie auf eine Zukunft der Arbeit vorzubereiten, mit der sie sich später befassen müssen. Spiele, Apps, Services, Plattformen und der gezielte Blick auf die dahinterstehende Technik sind notwendig, um zu verstehen, in welcher Weise zukünftige Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt und die Art und Weise von Bildung eigentlich schon heute zusammenhängen, ohne dass dieser Blick von den Entscheiderinnen tatsächlich auch erkannt wird.

Kinder haben einen entscheidenden Vorteil im Umgang mit neuen Technologien: sie betrachten diese nicht als „neu“. Sie werden weder von einem Gefühl zurückgehalten, dass es „früher alles besser war“, noch vom Gedanken „Wir leben in der Zukunft“ verunsichert.

Sie stehen mit beiden Beinen in der Gegenwart und es ist unfair, ihnen den Weg in Ihre Zukunft mit den sie begleitenden Technologien zu verbauen. Statt in den Medien der Vergangenheit zu verweilen, sollten wir uns als die wissensvermittelnde Generation viel mehr damit beschäftigen, wie wir die Inhalte mit den Medien der Zukunft transportieren können.


Image “girl” by nastya_gepp (CC BY 2.0)


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Mädchen schneiden in der Schule besser ab – sind aber weniger zufrieden

child (image by KokomoCole [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Die übliche Diskussion über die Erfahrungen von Kindern in der Schule fokussiert sich auf akademische Leistungen, persönliche Entwicklung sowie Bewertung der Schule. Fragt man Lehrer, Eltern oder politische Entscheidungsträger, was das wichtigste Angebot einer Schule sei, wird die Antwort eindeutlig sein: Bildung. Sie möchten, dass Kinder Wissen und Fähigkeiten entwickeln, die ihnen helfen, eine Karriere aufzubauen und erfolgreiche Erwachsene zu werden.

Natürlich befassen sie sich auch mit den persönlicheren Aspekten der Schule. Niemand möchte, dass ein Kind gemobbt wird oder unter Unsicherheit leiden muss. Dennoch wird es angesichts der steigenden Bedeutung von Qualifikation, Performanz, Schulbewertung und Verantwortlichkeit von Lehrern einmal Zeit, sich anzuschauen, ob und wie die sozialen Aspekte der Schulumgebung in bildungsbezogenen Diskursen als gegeben betrachtet oder zumindest überschattet werden.

In den vergangenen drei Jahren hat unsere Forschungsgruppe der Universität von Cardiff die unterschiedliche Wahrnehmung der Schulerfahrungen von Mädchen und Jungen analysiert. Unsere Studie bezieht ca. 1500 Schüler an 29 verschiedenen Grund- und Sekundarschulen in ganz Wales ein und förderte eine Fülle an Informationen zu Tage – nicht zuletzt, dass Mädchen in der Schule einfach weniger zufrieden sind als Jungen.

Wie ist das möglich? Gewöhnlich erzielen Mädchen in der Schule besser Noten als Jungen, aber warum sind sie nicht ebenso zufrieden wie ihre männlichen Pendants? Wir haben Schüler zu einer Vielzahl von Faktoren befragt, einschließlich der Lernumgebung ihrer Schule und der Eigenschaften der Institutionen als Ort der Sozialisierung, persönlicher Leistung sowie subjektives Wohlbefinden. Insgesamt haben wir mehrere wichtige, geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich der Wahrnehmung des eigenen Schulbesuchs aufgedeckt.

Beispielsweise waren weibliche Schüler gegenüber der Schule als Institution positiver eingestellt als Jungen. Sie hatten den Eindruck, dass das Schulpersonal große Erwartungen an sie hat, gute Noten und Fortschritt belohnt und sich für ihre akademischen Leistungen interessiert. Dennoch waren ihre Aussagen zur Wahrnehmung der Schule sehr unterschiedlich.

Knapp 25 Prozent der weiblichen Schüler sagten, dass sie sich Sorgen um ihre schulischen Leistungen machen würden, im Vergleich fanden sich hier nur 16,5 Prozent bei den Jungen. Circa 24 Prozent der Mädchen hatten das Gefühl, nicht in die Schule zu gehören, verglichen mit nur 8,8 Prozent bei den Jungen. Zusätzlich konnten fast 20 Prozent der Mädchen nicht mit der Aussage übereinstimmen, dass die Schule ein Ort sei, an dem „meine Lehrer mich gut kennen“, verglichen mit 12 Prozent der teilnehmenden Jungen. Leider werden die Antworten der Teilnehmer nicht besser mit dem Fortschreiten in der Schule. Die Befragungen wurden in zusätzlichen jährlichen Durchläufen wiederholt und die negativen Antworten wurden nicht nur beibehalten, sondern haben in einigen Fällen sogar zugenommen.

Geschlecht und Schulausbildung

Frühere Untersuchen der American Psychological Association und der britischen Organisation UCAS fanden heraus, dass Mädchen insgesamt in den meisten (oder allen) Schulfächern bessere Leistungen erbringen als Jungen und dass sich dieser Trend in vielen Ländern seit dem frühen 20. Jahrhundert manifestiert hat. Die Medien verbreiten diese Erkenntnisse häufig in Verbindung mit einer Art moralischer Panikmache, in der Interessenvertreter händeringend versuchen, den Diskurs in die Richtung der wahrgenommenen Bedrohung der Entwicklung und des zukünftigen Erfolgs männlicher Schüler zu lenken.

Die Geschlechterkluft in der Bildung wird oft dem Mangel an männlichen Lehrern beigemessen. Dennoch hat eine Studie nach der anderen festgestellt, dass das Geschlecht des Lehrers keinen messbaren Einfluss auf die akademischen Leistungen von Schülern hat. Vielmehr scheinen Mädchen bessere Leistungen zu bringen, weil sie laut einer amerikanischen Studie eine positivere Auffassung von Bildung haben, mehr lesen, mehr lernen und ein besseres Verhalten aufweisen als Jungen. unsere Forschung bestätigt diese Behauptung.

Auch wenn die geringeren akademischen Leistungen der Jungen in der Schule besorgniserregend sind, muss Folgendes bedacht werden: auch wenn Mädchen in der Schule bessere Leistungen bringen als Jungen, sind diese Erfahrungen oft genug mit Zweifel, Entfremdung und Angst behaftet.

Schulen als soziale Räume

Schulen sind weit mehr als ein Ort des Lernens, sie sind ebenso komplizierte Schauplätze sozialer Aktivitäten. Dieselben gesellschaftlichen Einstellungen, Praktiken und Diskurse, die auch außerhalb der Schule präsent sind, existieren auch innerhalb dieser mikrosozialen Umgebung. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass Schüler nicht die Komplexität des Erwachsenenlebens ablegen, wenn sie die Schulräume betreten. Wenn überhaupt werden sie für einige noch intensiviert.

Die Schülerinnen, die an der Studie teilgenommen haben, sind der Auffassung, dass die gegenwärtige Situation junger Frauen in einer patriarchalisch organisierten Gesellschaft implizit und explizit auf die sozialen Praktiken im Schulwesen zurückzuführen ist. Die Wahrnehmung des Körpers und die Aktivität in sozialen Medien sind beispielsweise aktuelle Themen, die mit dem sozialen Druck in Verbindung gebracht werden, der potenziell die emotionalen Probleme von Mädchen vergrößert. Die Reaktionen darauf fokussieren sich meistens auf den Einfluss dieser Probleme auf das Leben von Mädchen, ohne jedoch mit einzubeziehen, wie das Bild des weiblichen Körpers in der Gesellschaft konstruiert und reproduziert wird. Die Schulen bilden in diesem Prozess das Instrument.

Obwohl behördliche Versuche unternommen werden, um diese Geschlechterkluft zu schließen, muss ein größerer Aufwand betrieben werden, um die gesellschaftlichen Erfahrungen und das Wohlbefinden von Schülern (und insbesondere von Mädchen) in der Schule zu verstehen und zu verbessern.

Das Einbeziehen von Konzepten wie Gender Fluidity in die Prozesse des Schulalltags sowie Unterrichtsmaterialien kann glaubwürdige Lernmöglichkeiten liefern, um sich mit Konzepten von Identität und Geschlecht auseinanderzusetzen.

Organisationen wie die Association of Teachers and Lecturers und die Gender and Education Association sind bereits an vorderster Front, um Lehrer bei der Implementierung von kritischen, transformativen Praktiken im Klassenzimmer anzuleiten. Zusätzlich zum praktischen Engagement zu den Themen Geschlecht und Identität – Faktoren, die das Leben jedes Schülers in der Schule betreffen – können die philosophischen Strömungen, die in die neuen und entstehenden Lehrpraktiken eingebettet sind, informieren und einen inklusiveren Bildungsethos für Schulen kräftigen und eine unterstützende und angenehme Umgebung für alle Schüler schaffen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Child“ by KokomoCole (CC0 Public Domain)


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Lernen, Lehren und Managen 2.0 – auf dem Weg zur Schule 2020

Schule der Zukunft (Bild by evanst10000 [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Das Bundesland Sachsen-Anhalt möchte mit seinem Bildungskonzept „Lernen, Lehren und Managen 2.0“ die Basis für die Schaffung eines integrierten Wissens-, Informations- und IKT-Management im schulischen Bereich des Landes legen. Auf der CeBIT stellte Frank Bonse vom Finanzministerium des Landes Sachsen-Anhalt das Konzept vor und erklärte es im Interview.

Tobias Schwarz: Hier auf der Cebit stehe ich im Zentrum vom Stand des IT-Planungsrates mit Herrn Frank Bonse, Referatsleiter für E-Government, Projekte und Dienste im Finanzministerium von Sachsen-Anhalt. Zur Einleitung: Was ist der IT-Planungsrat?

Frank Bonse: Der IT-Planungsrat ist ein Gremium, das seinen Ursprung im Grundgesetz hat und dort verankert ist. Es geht darum, dass die 16 Bundesländer und der Bund versuchen bzw. aufgefordert sind, gemeinsame Lösungen zu generieren, um Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) in der Verwaltung wirksam einsetzen zu können, also sichere Infrastruktur.

Die 16 Bundesländer haben alle Stände um uns herum und Sachsen-Anhalt ist natürlich auch mit einem eigenen Stand vertreten und zwar mit dem Titel „Sachsen-Anhalt auf dem Weg zur Schule 2020„. Was für ein Projekt ist das?

Das ist ein ganz spannendes Projekt, das wir uns da ausgesucht haben, um es hier auf der CeBIT zu präsentieren. Es geht darum, dass wir Bildung modernisieren und innovativ gestalten wollen. Das Thema Medienkompetenz ist ja an so einem Ort wie der CeBIT in besonderem Maße präsent. Technologien begleiten uns in unterschiedlichster Art und Weise und unser Anspruch und unser Ansatz ist, den Bildungsbereich Schule damit zu konfrontieren und Lösungen zu schaffen.

Bildung mit und an Computern findet in der Schule ja schon statt. Wir versuchen die verschiedenen Lösungen, die wir im Land haben, sei es aus der Landessicht oder aus der Sicht der kommunalen Schulträger, zusammenzuführen. Wenn sie den Titel der Broschüre anschauen – „Lernen, Lehren, Managen 2.0“ –, dann beschreibt es im Grunde genommen die unterschiedlichen Facetten, die wir hier zusammenbringen. „Lernen“ betrifft Schüler – wie können sie lernen, welche Methoden können sie lernen, wie wird ihnen Unterrichtsstoff beigebracht? „Lehren“ betrifft die Lehrer, die aufgefordert sind, Bildung in geeigneter Art und Weise zu vermitteln. Und „Verwalten“, also „Managen“, das heißt, Schule findet ja nicht im rechtsfreien Raum statt, es gibt Regularien, wie Schule stattfindet. Letztendlich gibt es Noten am Ende eines Schuljahres und die entscheiden im Zweifelsfall über Wohl und Wehe der Zukunft eines Menschen. Also auch diesen Bereich der Schulverwaltung wollen wir betrachten und zusammenführen.

Wir haben den Ansatz, eine gemeinsame Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, dass Internet als Medium unseres Landeskommunikationsnetz zu betrachten. Wir sehen, dass das Thema der unterschiedlichen Arbeitsplatzausstattung eines ist, das betrachtet werden muss – Stichwort „Bring your own Device“ (BYOD). Der PC-Arbeitsraum in der Schule, der dann einmal in der Woche für zwei Stunden aufgesucht wird, ist sicherlich nicht mehr das aktuelle, zeitgemäße Instrumentarium, sondern wie können wir das, was vorhanden ist, benutzen, damit Bildung innovativ vorangetrieben wird. Also Konzepte, ein sicherer Umgang, im Zweifelsfall mit dem Gerät, das der Schüler mitbringt, das er tagsüber in der Schule benutzt, mit dem er sich im Schulnetz anmeldet und auf Lehrinhalte zugreift. Lernarbeitsgruppen, die durch den Lehrer generiert und begleitet werden, die der Schüler nutzen kann, aber auch am Nachmittag zum Beispiel das Thema mit seinen Freunden, Mitschülern und Mitschülerinnen weiter bearbeitet. Die Lehrer und die Eltern werden eingebunden, also die Akteure, die das Thema Bildung betrifft, sollen hier zusammengeführt werden.

Das betrachten wir letztendlich als einen Infrastrukturansatz, der im Zweifelsfall bis zu den Inhalten hingeht. Das ist aber auch ein Projekt, das wir gemeinsam mit dem Kultusministerium machen, was auch den Kreis zum IT-Planungsrat schließt. Infrastruktur ist unser Ansatz aus dem Finanzministerium, das Kultusministerium hat sich schwerpunktmäßig um die Bildungsinhalte zu kümmern und wir arbeiten auch an der Stelle zusammen, um dieses Programm für Sachsen-Anhalt nach vorne zu treiben.

Wir hören aber nicht an den Grenzen des Landes Sachsen-Anhalt auf, wir schauen natürlich auch, was andere Bundesländer um uns herum an Lösungsansätzen haben und ich nutze auch bewusst hier die CeBIT, um in Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen zu treten und zu fragen, was gibt es dort, wo gibt es Ansätze, wo wir vielleicht auch lernen, oder verstehen, dass wir eigentlich mit unterschiedlichen Worten aneinander vorbei reden. Das ist ein Problem, das ich aus der Vergangenheit kenne. Dass wir also eine gemeinsame Zielstellung haben, von der wir noch gar nicht erkannt haben, dass sie existiert, und dass es Wege gibt, dort aufeinander zuzugehen und dann unsere Ressourcen gemeinsam einzusetzen und zu optimieren.

Sie haben die Broschüre angesprochen, die ich hier in der Hand habe, die nennt sich „Lernen, Lehren, Managen 2.0 – Auf dem Weg zur Schule 2020“. Das ist ein Konzept, das die Basis für die Schaffung eines zentrierten Wissens-, Informations- und IKT-Managements im schulischen Bereich aufstellen soll. Welche Signalwirkung wird dieses Konzept auf die anderen Bundesländer haben, wenn es Erfolg hätte?

Signalwirkung insofern, als dass wir zu erkennen geben, dass wir mit anderen zusammenarbeiten wollen, dass wir eine einheitliche Sicht auf das Thema Bildung für unser Land sehen, obwohl verschiedene Beteiligte, also die Kommunen, das Land usw., dort miteinander agieren müssen und dass wir natürlich auch versuchen, über diese Grenzen hinaus, künftige Lösungsansätze modular auszugestalten und zusammen Lösungen zu schaffen. Wir haben ja an der Stelle den Förderalismus. Es gilt die Lösung zu harmonisieren und zu konsulitieren und letztendlich Standards zu generieren und zu schaffen.

Sehe ich mir das Konzept sprachlich an, lese ich: Jede Schule soll über ein Medienbildungskonzept verfügen, die Schulen sollen mit digitalen Medien und moderner Informations- und Kommunikationstechnik ausgestattet werden. Sie sind vom Finanzministerium und sie arbeiten mit dem Kultusministerium zusammen. Habe ich zuletzt etwas über Bildung und Finanzen in Sachsen-Anhalt gehört, ging es eigentlich mehr darum, dass der Bildungshaushalt zusammengestrichen wurde. Wie finanziert das Land das?

Wir setzen zielorientiert, im Rahmen unseres Förderprogramms „STARK III“ Mittel ein, die dazu beitragen, eine energetische und infrastrukturelle Sanierung der Schulen zu ermöglichen, insbesondere im Bereich IKT zu modernisieren und die kommunale Ebene dafür zu unterstützen. Die Schulträger sind die Landkreise und die kreisfreien Städte, ihnen überwiegend Unterstützung zu geben, damit sie Fördermittel einsetzen können. Diese kommen teilweise von der Europäischen Union, teilweise aus dem Landeshaushalt.

Und wenn sie das Wort „soll“ betont haben, dann reflektiert das natürlich auf den Ist-Zustand. Wir haben momentan noch nicht überall bzw. an zu wenigen Stellen, diese besseren oder idealen Zustände, und unser Ansatz ist dazu beizutragen, dass es sich hier verbessert, dass wir eine innovative Bildungslandschaft haben, in der diese guten Lösungsansätze, die vorhanden sind, einer breiteren Schülerschaft oder Lehrerschaft zugänglich gemacht werden. Dass versuchen wir mit diesem Konzept zu vermitteln.

Ein wichtiger Punkt sind auch die Lehrer. Ich bin selber Landeskind und hatte das Glück 1996 auf ein nagelneues Magdeburger Gymnasium mit der neusten Technik zu gehen, aber wir haben sie kaum angewendet. Wie wird dieser Punkt jetzt angegangen? Denn einfach nur neue Computer zu kaufen oder dass die Schüler ihre eigenen Geräte mitbringen, reicht ja nicht aus.

Sie haben natürlich völlig Recht. Medienkompetenz gilt es Schülern zu vermitteln, aber die Vermittelnden, die Lehrer, müssen natürlich auch darüber verfügen. Es gibt natürlich begleitende Aktivitäten, was das Thema in der Lehrerschaft angeht. Wie kann ich eigentlich Technologie sinnvoll und als Unterstützung, nicht als Selbstzweck, für die Themen im Unterricht einsetzen. Natürlich ist es im Sportunterricht zum Beispiel schwerer, Technik einzusetzen, als vielleicht in den klassischen MINT-Fächern.

Man muss natürlich auch sehen, wie weit wir von den Ansätzen unseres Konzepts, zum Beispiel im Land Lehrer zu motivieren oder anleiten können oder dahinzubringen verstärkt diese Möglichkeiten zu nutzen, auch zu kollaborieren, zusammenzuarbeiten, Lösungen gemeinsam zu schaffen, auch über die Schulgrenzen hinweg, kommen. Da gibt es auch viele gute Ansätze, die einerseits vermittelt werden müssen, aber auch da hören wir nicht an den Landesgrenzen auf, sondern auch da muss man den Blick über den Grenzen haben und zusammenarbeiten.

Eine Verständnisfrage: Wenn sie jetzt ein neues Konzept für die schulische Ausbildung organisieren, das nächstes Jahr in der Uni gelehrt wird, erst in vier Jahren dann die ersten Lehrer von der Uni kommen und an die Schulen gehen, wie geht die Politik und die Verwaltung mit dieser enormen Zeitspanne um oder rechne ich da vollkommen falsch? Lässt sich das schon viel eher umsetzen?

Ich denke so schwarz-weiß darf man das nicht darstellen, sondern es ist ja ein permanenter Veränderungsprozess. Es finden Fortbildungen statt und im Rahmen dieser Fortbildungsaktivitäten wird selbstverständlich diese Medienkompetenz angereichert und es werden Maßnahmen ergriffen, entsprechend darauf vorzubereiten.

Vielen Dank für das Interview.


Teaser & Image by evanst10000 (CC0 Public Domain)


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„Ich habe meinen Traumberuf gefunden!“ – Web 2.0-Navigator in der Grundschule!

In unserem aktuellen Themenschwerpunkt zu „Zukunft des Lernenes“ berichtet heute Gastautor Martin Riemer von seinen Erfahrungen mit Blogs an einer Berliner Grundschule:

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Mein Name ist Martin Riemer, von Hause aus mache ich den Zettelkasten Riemer-O-Rama, home of my personal „Bloggum ergo sum“. Ich markiere mich selbst als einen Gewinner der Blogosphäre, da fand ich es mindestens notwendig, mein dort erhaltenes Wissen in einem konzertierten „Sharing und Erkläring“ weiterzugeben. So geschah es…

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