Wieso wir in der Schule über Sex und Pornos reden müssen

Sex und Pornos sind digital stets zugänglich, doch wie können Jugendliche im Umgang mit solchen Inhalten geschult werden? Vor Kurzem hat der Kinderschutzverein NSPCC Childline (Nationale Society for the Prevention of Cruelty to Children) eine Studie veröffentlicht, in der herausgearbeitet wurde, zu welchem Maße Kinder dargestellt, abhängig gemacht und für pornographisches Material ausgenutzt werden und diesen Zugang selbst nutzen. Die Studie zeigte, für wie viele Kinder und Jugendliche Pornographie ein Teil ihres Alltagslebens ist. Die Ergebnisse mögen schockierend sein, doch die neuen Möglichkeiten des Internets und der sozialen Medien, die zunehmende sexualisierte Umwelt, sowohl offline als auch online, zeigen auf, dass wir neue Wege finden müssen, um die Probleme anzupacken, wie wir momentan mit Sex umgehen und darüber reden.

Eine Möglichkeit, Kindern dabei zu helfen, Geschlecht und Sexualität besser zu verstehen, besteht in guter Bildung – aber während die hitzige Debatte anhält, ob Sexualkundeunterricht nun doch verpflichtend eingeführt werden solle, geht der Streit weit darüber hinaus: man sollte Pornographie und andere Themen wie Vergewaltigung in der Schule thematisieren.

Sexualkunde ist Teil des Fachbereichs “Personal and Social Health Education” und steht auf den Lehrplänen der Schulen. Sie soll “alle Themen und Fähigkeiten abdecken, die junge Menschen benötigen, um ihr Leben managen zu können, sich vor Gefahr zu schützen und als Individuen in unserer modernen Gesellschaft zu gedeihen.” Trotzdem findet der Unterricht im Fachbereich “Personal and Social Health Education” freiwillig statt. Er sollte verpflichtend eingeführt werden, und in dem Zusammenhang sollten sexuelle Abbildungen, Inhalte, Vergewaltigungsmythen und Probleme rund um Pornographie, in der Mittelstufe als Teil des Lehrplans aufgenommen werden.

Verlust der Unschuld und staatliche Kontrolle

In einem Artikel der Sunday Times hat Bildungsministerin Nicky Morgan den Fachbereich “Personal and Social Health Education” als einen Aspekt des Geschlechterkampfes und der Geschlechtergleichbehandlung gekennzeichnet. Ein Teil davon beinhaltete, die Mädchen darin zu unterrichten, “was eine gesunde Beziehung ausmachen sollte und wie man ‚Nein‘ zu sagen lernt.” Aber neben der Tatsache, dass man dies für den Schulunterricht einführen sollte, zögerte sie, über Sexualkunde zu sprechen und bezog sich dabei auf Untersuchungen von “Expertenorganisationen”, die “nicht in der Lage wären, oder deutliche Probleme damit hätten, die grundlegenden britischen Werte zu vertreten.” Stattdessen arbeiteten sie mit Experten für „Personal and Social Health Education” zusammen und hatten eine Liste zusammengestellt, die Material beinhalte, das “den Lehrern mehr Selbstvertrauen geben solle.”

Doch das Selbstvertrauen der Lehrer ist hierbei nicht der Punkt, und auch die Probleme nicht, die die Kinder eindeutig betreffen. Die Sicherheitsfilter sind eindeutig nicht sehr erfolgreich darin, die allgegenwärtige Zugänglichkeit der Pornographie zu verhindern. Und es kann behauptet werden, dass der Sexualkundeunterricht zwar eine gute Idee ist, aber wieso ist es so schwer, diese durchzusetzen?

Wir schrecken vor einem “moralischen Minenfeld” zurück

In einer kürzlich erschienenen Ausgabe der Sendung “Moral Maze” auf BBC wurde Sexualkunde als “moralisches, ethisches und emotionales Minenfeld“ bezeichnet. Die Kritiker hierzu zerfielen in zwei Lager. Die eine Seite stimmte für den Schutz der kindlichen Unschuld – die Kinder sollten so lange wie möglich von der erwachsenen Sexualität ferngehalten werden. Bringe man ihnen nun auch in der Schule etwas über Pornographie bei, könnte dies als legitim betrachtet werden. Dadurch würde der Sexualkundeunterricht das Problem der Übersexualisierung nur verstärken, gegen das er eingesetzt werden sollte.

Andere Stimmen geben der Sexualkunde selbst die Schuld. Junge Frauen wären mehr denn je sexuell selbstbewusst, und falls sie doch Scheu vor Sex hatten, würde diese Angst nicht durch Pornographie, sondern durch den Unterricht bestärkt. Der Bericht der “Personal and Social Health Education”-Vereinigung wurde kritisiert, übermäßig Besorgnis gegenüber Frauen und Gewalt zu erregen, und sei zudem scheinheilig: Die Definition der Zustimmung wäre übermäßig hoch und stelle menschliche Beziehungen als sehr kompliziert dar. Seine Vorschläge seien aufdringlich, präskriptiv und konformistisch. Würde er als verpflichtend eingeführt werden, laufe der Sexualkundeunterricht Gefahr, eine staatlich sanktionierte Sichtweise auf “gesunde” Beziehungen zu generieren und wäre im Grunde ein weiterer Schritt in Richtung sozialer Kontrolle.

Beide Kritiken bezichtigten Pornographie und die Pornoindustrie als unaufhaltsame Tatsache, und doch blieben die Aspekte der Misogynie und geschlechterspezifischen Machtfragen wie Zustimmung, Vergewaltigung und Pornos unangesprochen.

Pornographie im Unterricht

Christian Graugaard, ein dänischer Sexualwissenschaftler, erörterte, dass Pornographie unter kontrollierten Bedingungen, 15- und 16 Jährigen Schülern im Unterricht vorgeführt werden solle (seit den 1970ern ist Sexualkunde in Dänemark verpflichtend, zudem ist Pornographie in manchen dänischen Schulen Teil des Lehrplans).

Er beharrte darauf, dass wenn wir jungen Menschen nicht in eine kritische Diskussion über die frauenfeindlichen Aspekte der Pornographie einladen würden, wir ihnen keine Maßstäbe mitgeben würden, um Sex anders als von der Industrie präsentiert zu beurteilen. Ihnen Pornographie vorzuführen, ist eine Möglichkeit, ihnen beizubringen, dass Pornos nichts mit echtem Sex zu tun haben. Da Pornographie für Teenager ohnehin leicht zugänglich ist, wollte Graugaard sichergehen, dass sie “die nötigen Fähigkeiten besitzen, die Pornos konstruktiv zu betrachten” und “verantwortungsbewusste und kritische Konsumenten” werden zu können. Graugaard meint:

Pornos können auch feministisch sein, manchmal sogar Teil einer Demokratisierung der Sexualität, und [kann auch] Diversität bewerben. Sie können aber auch ausschließen – beispielsweise Körperformen, Geschlechter und Sexualität. Wir wollen, dass unsere Kinder ein aufregendes und befriedigendes Sexleben haben, also ist ein offener, konstruktiver Dialog die beste Art, um sicherzugehen, dass sie in der Lage sind, sinnvolle Entscheidungen für sich zu treffen.

Die anschließende Debatte nahm vorhersehbare Züge an: Wenn man den Kindern von Sex erzählt, würde ihre Unschuld zerstört; sie seien sowieso versiert genug, mit Medien umzugehen, und zu behaupten, sie seien nachteilig von Pornos beeinflusst, würde nur mehr die Ängste der Erwachsenen schüren.

Sexualkunde ist zum Teil ein Kampf für Geschlechtergerechtigkeit und Gleichheit. Graugaards Vorschlag, den 15- und 16 Jährigen Pornos vorzuspielen, bietet ein Forum, in dem dieses frauenfeindliche und größtenteils eher beschränkte Medium visuell vorgeführt und von den Teenagern kritisch diskutiert werden kann. Hier impliziert Graugaards Unterscheidung in “gute und schlechte” Pornographie, dass das Genre zumindest recht vielfältg ist. Dennoch ist der Großteil der Mainstreampornos recht ähnlich gestrickt, meist werden Hardcorethemen erzählt und mit Entmenschlichung und Degradierung der Frau gearbeitet.

Wir haben auch schlechte Angewohnheiten

Es ist nicht der Sex der Jugendlichen, der uns moralisch herausfordern sollte. Teenager haben starke, erotische Gefühle, die sie noch entdecken werden auszudrücken. Als Gegenbeispiel ziehe ich einmal die Besorgnis über den Tabakkonsum der Jugendlichen im späten 20. Jahrhundert heran. Nicht nur war es scheinheilig, sondern zudem auch recht wirkungslos, den jungen Leuten immer wieder zu sagen, wie ungesund Rauchen sei. Solange die Erwachsenen es als alleiniges Recht betrachteten, blieb Rauchen der Übergangsritus ins Erwachsenenleben schlechthin.

Inmitten der Aufregung, ob wir Themen wie einvernehmlichen Sex, Vergewaltigung und Pornos in den Unterricht einfließen lassen sollten oder nicht, sollten wir uns vielleicht zuerst an die eigene Nase fassen. Wenn Pornos nicht länger als Problem von männlichem oder weiblichem sexuellen Verlangen nach weiblicher Degradierung, sondern als Vergnügen für Erwachsene anerkannt ist, können junge Leute die Last unseres Erbes tragen.

Der Artikel ist zuerst auf theconversation.com erschienen und unter CC BY-ND 4.0 lizensiert. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Image (adapted) „Madam keeps on eating while Mister is very busy …“ by Gilles San Martin (CC BY-SA 2.0)


Heather Brunskell-Evans

ist Sozialtheoretikerin und Philosophin mit einem besonderen Interesse an der Arbeit von Michel Foucault und feministischer Philosophie und Politik des Körpers. Sie ist Leiterin der Forschungsgruppe "Pefekte und unvollkommene Körper" und hat an der London School of Economics und dem Goldsmiths College unterrichtet. Brunskell-Evans ist Gründungsmitglied von "Resist Porn Culture" (RPC), einer britischen Organisation gegen die Porno-Industrie und die Pornofizierung der Kultur.


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1 comment

  1. für die deutsche debatte gibt es zu diesem thema das echt gute buch „Sexuelle Verwahrlosung“ von Schetsche/Schmidt. dort sind auch die vielen studien innerhalb Deutschlands aufgegriffen und die moralische panikmache wird argumentativ gelungen aufgearbeitet und widerlegt.

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