All posts under Jugendliche

Wie schaffen wir es, dass uns Social Media nicht einsam macht?

Einsam (adapted) (Image by Jad Limcaco [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Montagmorgen, 8 Uhr, es regnet. Wie ein Mantra scrollst du deinen Facebook und Instagram-Feed im Bett durch: Die Bilder vom Wochenende geben deinem Ego digitale Streicheleinheiten, die es leichter machen, aufzustehen. Doch spätestens wenn du am Montag Nachmittag zum hundertsten Mal dein Handy entsperrt hast, ohne genau zu wissen, warum, wird die Suchfunktion auf Instagram genau eine Funktion haben: Dich daran zu erinnern, dass Frauen mit thigh gap und operierten Nasen eine andere Liga sind. Wie Real Madrid für Eintracht Frankfurt: sie sind einfach unerreichbar.

Den Drang zur übertriebenen Selbstdarstellung nennt man performative Ökonomie. Wie so oft im menschlichen Verhalten ist der Wunsch nach Belohnung der Antrieb. Soziale Belohnung in diesem Fall, in Form von Likes, Abonnenten, Klickraten, Pressenennungen, Interviews.

Dass so ein Verhalten nicht lange gut gehen kann, ist nichts Neues: Eine Studie der University of Pittsburgh hat herausgefunden, dass junge Erwachsene, die mindestens zwei Stunden täglich in den sozialen Medien verbringen, doppelt so anfällig für das Gefühl der sozialen Isolation sind. So können zum Beispiel das Gefühl des Ausgeschlossen-Seins, wenn man Bilder von Unternehmungen der Freunde sieht, und die Auslassungen der negativen Ereignisse in einem zu Hochglanz polierten News-Feed eine geradezu bleierne Einsamkeit auslösen.

Das Alice-im-Wunderland-Syndrom: Es macht uns krank

Die Social Media Studie #StatusOfMind geht zudem davon aus, dass jeder sechste Jugendliche momentan an Angststörungen leidet. So geben vier von fünf Heavy Usern in der Studie an, dass Social Media sie ängstlicher macht. „Fomo“ nennt sich dieses Phänomen: Fear of Missing Out. Es entsteht somit Stress, wenn man immer die glücklichen Bilder seiner Freunde aus dem Urlaub sieht.

Eine weitere schlechte Nachricht für Heavy User: Wer mehr als zwei Stunden am Tag auf Social Media verbringt, hat ein schlechteres Selbstbild. Das eigene Leben scheint nicht mehr so attraktiv zu sein, wenn man die unrealistischen Ausschnitte aus dem Leben der Anderen sieht. Vielleicht ist es das Alice-im-Wunderland-Syndrom, das in uns steckt, und uns die Scheinwelt immer als schöner erachten lässt als sie eigentlich ist.

Selbstdarstellung und Körperkult: Und der Geist verkümmert

In dem Video „Wie perfekt wollen wir sein?“ spricht der Philosoph David Richard Precht mit der Schriftstellerin Juli Zeh über den heutigen Körperkult und Fitnesswahn. Es ist nicht zu leugnen, dass wir in einer Zeit leben, in der der Geist immer mehr verkümmert. Dies hat nicht nur mit der Abkehr von Religionen zu tun, sondern auch mit unserem Drang, uns vergleichbar und messbar zu machen. Hier zeigt sich die performative Ökonomie in ihrer vollen Pracht, denn der Köper ist im Gegensatz zum Geist greifbar.

Plattformen wie Instagram und Facebook spornen diese Entwicklung weiterhin an. Zudem werden die User immer jünger. Dies sind sehr beunruhigende Umstände, wenn man die Auswirkungen von sozialen Netzwerken auf die mentale Gesundheit betrachtet. So sind Jugendliche die am meisten gefährdete Gruppe für Suchtverhalten, da ihre neurobiologischen Prozesse anders verlaufen als bei Erwachsenen.

Das Gegenteil von Einsamkeit: Verbindung

Die Frage ist also: Wie können wir soziale Medien nutzen, ohne dass sie das Gefühl der Einsamkeit fördern?

Auf der Suche nach einer Antwort, bin ich auf einen sehr sehenswerten Ted Talk von der Forschungsprofessorin Bréne Brown gestoßen. Dort beschreibt sie, wie sie durch ihre Arbeit als Sozialpädagogin bereits lange Zeit wusste, dass es die Verbindungen mit anderen Menschen sind, die unserem Leben Sinn und Bedeutung verleihen.

In ihren Forschungen kam sie zu einer bedeutenden Erkenntnis: Menschen, die sich mit anderen verbunden fühlen, haben die Fähigkeit, sich anderen gegenüber verletzlich zu zeigen. Sie glauben daran, dass Verletzlichkeit wertvoll ist – obwohl es risikoreich ist und es keine Garantie gibt. Zum Beispiel wenn man als Erster „Ich liebe dich“ sagt. Brown schlussfolgert somit, dass Verletzlichkeit nicht nur mit Schande, Angst und dem Verlangen nach Selbstwert in Verbindung zu bringen ist – sondern auch essenziell  für Glück, Kreativität, Zugehörigkeit und Liebe ist.

Lassen wir das mal kurz sacken. Es scheint keineswegs so, als würde unser Drang nach Selbstdarstellung in den sozialen Medien es erlauben, sich verletzlich zu zeigen (auch nicht überraschend: Instagram wurde zu der Plattform mit dem größten negativen Einfluss gekürt). Dabei ist die meisten Zeit unseres Lebens Alltag – doch wo findet man im World Wide Web das Plätzchen,  wo sich die fettige Haut und die Speckröllchen verstecken?

Wie werden soziale Medien wieder sozial?

Einen Alltag ganz ohne Internet zu führen, ist heutzutage kaum möglich und auch für die meisten nicht erstrebenswert. So schlussfolgerte der Internetjunkie Paul Miller nach einem Jahr Internet-Abstinenz, dass diese Erfahrung nicht nur positiv war. Sein Fazit nach der Rückkehr in die Online-Welt: „Kann sein, dass ich mit dem Internet Zeit verschwende oder mich ablenke – aber zumindest hab ich wieder Anschluss.“

Es ist somit unsere Entscheidung, was dieser Anschluss im fördert: Sei es Neid, Hass, Einsamkeit – oder Zugehörigkeit und Verständnis. Denn es lassen sich auch starke Gegenbeispiele im Netz finden. So ging zum Beispiel der Instagram-Account von Celeste Baber viral. Und das nicht, weil sie Modelmaße hatte – sondern weil sie darstellte, wie absurd die Modelposen der Stars sind und absolut gar nichts mit der Realität zu tun haben. Ein weiteres Beispiel wäre Bodyposipanda: Megan Jayne Crabbe zeigt durch ihren harten Weg aus der Magersucht heraus, dass nicht die Klamottengröße bestimmt, ob man glücklich ist.

Was schlussfolgere ich daraus? Nicht das Perfekte schafft Verbindung – sondern vor allem das Verletzliche und Authentische, in dem wir uns selbst wiedererkennen. Denn das Netz eröffnet uns diese grandiose Möglichkeit, mit anderen Menschen von überall in Kontakt zu treten und unsere Ängste und Sorgen gemeinsam von Bord zu werfen. So können soziale Medien wieder sozial werden. Zudem sind die beiden genannten Accounts Beispiele für wahrhaftig mutige und selbstbewusste Frauen – ganz ohne Photoshop und Size Zero. Und sie sind in jedem Fall einen Klick auf den Folgen-Button wert.


Image (adapted) „Einsam“ by Jad Limcaco [CC0 Public Domain]


Weiterlesen »

Die Netzpiloten sind Partner des Kindermedienkongresses 2017

Partnergrafik_Kindermedienkongress

„Wer liest was wo?“ diese Frage steht beim Kindermedienkongress 2017 der Akademie der Deutschen Medien am 8. November 2017 im Literaturhaus München im Fokus. Dazu werden die aktuellen Mediennutzungsgewohnheiten von Kindern und Jugendlichen, innovativen Technologien für die Generationen Z und Alpha sowie crossmediale Vermarktungsstrategien für Kinder- und Jugendmedien unter die Lupe genommen.

Die Art und Weise, wo und wie Kinder und Jugendliche Inhalte konsumieren, ändert sich rasant – „fly zu sein“ ist da alles andere als einfach. Manche Bücher werden in Print gelesen, andere auf dem Smartphone oder Online-Plattformen wie Wattpad. Innovative Digitalstrategien prägen die Kindermedienbranche zunehmend. Das Fernsehen könnte bald komplett von Netflix oder Amazon ersetzt werden und klassische Kinderspiele konkurrieren mit den neuen Mobile und Virtual Reality Games.

Darum geht’s

Auf dem Kindermedienkongress dieses Jahr stehen unter anderem folgende Fragen im Fokus: In welchen Themen- und Lebenswelten bewegen sich Kinder und Jugendliche heute? Welche Lesegewohnheiten und Mediennutzung zeichnen die Generation Z und Alpha aus? Und auf welchen Plattformen und Kanälen finden Kinder und Jugendliche ihre Lieblingsthemen?

Als Referenten erwarten euch unter anderem Ashleigh Gardner, Head of Partnerships von Wattpad Studios und Christoph Klara, Gründer & Geschäftsführer von WunderStudios.

Neugierig geworden? Anmeldung und weiter Infos findet ihr hier.

Weiterlesen »

Die „Ehrlichkeits-App“ Sarahah: Bestätigung um jeden Preis

Woman with Smartphone (adapted) (Image by Daria Nepriakhina) (CC0 Public Domain) via Unsplash

Seit ein paar Monaten gibt es eine englische Variante der App Sarahah (Arabisch für “Ehrlichkeit”). Mit ihr soll es anonym möglich sein, Teams am Arbeitsplatz konstruktive Kritik zu geben. Seitdem hat sie mehr als 300 Millionen Nutzer angezogen und gehört in über 30 Ländern zu den Top-Downloads im App Store. Aber Nutzer vermelden jetzt schon, dass sie belästigende und obszöne Nachrichten bekommen.

Der Entwickler von Sarahah erklärt, dass die App es Nutzern ermöglicht, „ein ehrliches Feedback von Mitarbeitern und Freunden zu bekommen“ und „die Selbstentfaltung zu fördern – alles Dank eines konstruktiven und anonymen Feedbacks“. Die Nutzer erstellen einen Account und erhalten einen Link, den sie dann auf den anderen sozialen Netzwerken teilen können. Dabei kann jeder, der Zugriff auf ihr Profil hat, anonyme Nachrichten senden. Dazu brauchen sie keinen eigenen Account.

In der arabischen Welt, in der die Redefreiheit sehr argwöhnisch beäugt wird, wurde die App schon für Liebeserklärungen, Homosexualität und alles Mögliche, was normalerweise verboten wäre, genutzt. Der 29-jährige saudische Gründer Zain al-Abidin Tawfiq war sich über den möglichen Missbrauch im Klaren und integrierte eine Blockier- und Filterfunktion, um diesen vorzubeugen. Aber mit nur drei Mitarbeitern kann das Unternehmen keine Millionen Nachrichten pro Tag kontrollieren.

Die englische Version der App ist bei Snapchat-Usern unter 25 Jahren weit verbreitet. Sie rutschte in die Download-Charts, als Snapchat ein Update rausbrachte, mit dem die Nutzer ihren Sarahah-Account verknüpfen konnten. Während einige Nutzer finden, dass Sarahah und andere ähnliche Ehrlichkeits-Apps den Nutzern Kraft geben das Selbstwertgefühl steigern, ist auch Cybermobbing ein Thema. Einige User nutzen die einseitige Anonymität aus, um gefahrlos ihren Freunden und Klassenkameraden all das zu sagen, was sie sich nicht trauen, ihnen ins Gesicht zu sagen.

In einer Bewertung der App im Google App-Store schrieb der Nutzer Jordan Adams:
Zuerst war es wirklich cool, solange es ein Scherz unter Freunden war und so. Dann hat einer meine Adresse gesendet und da bin ich richtig ausgeflippt. Daraufhin haben mir Leute einen Haufen perverses Zeug geschickt. Ich wollte meinen Account löschen, aber es war nicht möglich.

Ebenfalls auf Google Play schrieben die Eltern Paul und Olivia Parsons :
Unsere Tochter nutzte die App für einen Tag und bekam erst nette Kommentare, aber dann kamen langsam immer mehr fiese Sprüche… bevor Sie ihren Account löschte, forderte Sie jemand auf, sich umzubringen.

Nicht die Erste, auch nicht die Letzte

Für Forscher wie mich ist Sarahah wie der Murmeltiertag – aus dem Teufelskreis kommt man nicht mehr heraus. Im Jahr 2009 kam mit Formspring die erste der vielen halb-anonymen Kommentier-Apps heraus. Sie war nachweislich für Suizidfälle bei Jugendlichen in den USA und Großbritannien mitverantwortlich. Der Inhaber überarbeitete die Seite und wirkte bei Strategien zur Mobbingprävention mit. Doch das Originalkonzept wurde von einem lettischen Team für die App Ask.fm übernommen, was wieder eine Reihe von Selbstmorden nach sich zog.

Es gibt noch eine Reihe weiterer kontroverser Apps wie Yik Yak – die App wurde dieses Jahr eingestellt –, After School und Secret. Sie alle bieten ihren Nutzern das gleiche: eine manchmal schmerzhafte Möglichkeit, um herauszufinden, was die Leute “wirklich” von Ihnen denken. Außerdem erliegt der Nutzer schnell der Versuchung, sich jemandem gegenüber grausam zu verhalten, „der danach gefragt hat“.

Bei meiner Recherche auf Ask.fm und Formspring waren die jungen Mädchen vorwiegend in zwei Gruppen aufgeteilt. Es gab die Gruppe, die den Mobbern vorwarf, “Hass zu schicken”. Die andere Gruppe gab des Empfängerinnen die Schuld, weil sie sich bewusst angemeldet hatten. Einige Mädchen gaben an, die Nutzer, die sich über Mobbing auf anonymen Seiten beschweren, würden nur Aufmerksamkeit suchen. Sie sollten nicht online präsent sein, wenn sie so empfindlich sind. Vor allem sollten sie nicht “überrascht” darüber sein, dass nicht alle Kommentare positiv sind.

Genau die Art von Victim Blaming kann man auch bei Bewertungen auf Sarahah beobachten. Ein oft benutztes Beispiel, bei dem die App mit 5 Sternen bewertet wurde, lautet wie folgt:

An all die, die sich darüber beschweren, dass diese App Mobbing fördert, es stimmt überhaupt nicht. Es ist allein die Schuld des Nutzers, der sich für jeden online stellt, der anonym etwas über ihn sagen möchte. Es ist ganz einfach: Wenn du nicht gemobbt werden möchtest, solltest du die App nicht nutzen. Frag nicht nach Kommentaren und beschwere dich danach.

Gegenprüfung durch Fachkräfte

Diese Art des Victim Blaming missachtet das große Interesse der Menschen nach Bestätigung aus ihrem sozialen Umfeld. Leider sind die empfindsamen Gemüter hierfür besonders anfällig, vor allem die, die nirgendwo hineinzupassen scheinen oder bereits Erfahrung mit Mobbing haben.

Rachel Simmons von Odd Girl Out arbeitet mit jungen Mädchen und beschreibt diesen Wunsch, den gesellschaftlichen Wert zu ermitteln zu wollen als „giftiger, selbstverstärkender Kreislauf“. Diese einseitigen anonymen Apps wie Sarahah locken Ihre Nutzer mit dem Versprechen, eine Bestätigung aus ihrem sozialen Umfeld zu bekommen. Das kann man fast mit dem Verlangen nach Wasser in der Wüste vergleichen. Doch die Kommentare können vor allem deshalb kränken, weil sie von Personen kommen, die den Nutzer gut kennen. Sie kennen die geheimen Wünsche, sie wissen, was du neulich für Klamotten anhattest und was Du gesagt hast – und das alles können sie gegen Dich nutzen.

Wie geht man mit diesem Problem um? Das wiederholte Auftauchen dieser Apps und ihre hohe Popularität weisen darauf hin, dass sie einem tiefen Bedürfnis nachgehen und nicht so einfach verschwinden werden. Trotz allem bereiten sie oft Probleme, die sogar zum Selbstmord führen können. Aber es gibt so viele grundlegenden Schutzmaßnahmen, die einzuführen sind. Zunächst sollte man mehr Moderatoren einstellen, einen gut sichtbaren Meldebutton einrichten und kontrollieren. Zudem sollten sie mit Mobbingexperten zusammenarbeiten. Ask.fm hat das bereits getan.

Solche breit angelegten Maßnahmen kann allerdings nur ein bereits etabliertes Unternehmen treffen. Für ein Start-up mit klammen Mitteln könnte das komplizierter werden. Vielleicht liegt die Verantwortung am ehesten bei den App-Stores, die diese Apps beherbergen, wie beispielsweise Google und Apple. Diese personalintensiven und lukrative Unternehmen könnten sicherstellen, dass halbanonyme Nachrichtendienste bestimmte Mindeststandards erfüllen, bevor die Apps im Store erscheinen, statt einfach eine Bewertung der „Erziehungsberechtigten“ einzuführen, was die meisten Eltern sowieso nie zu sehen bekommen werden. Es gibt jede Menge Beispiele dafür, was diese Apps alles falsch machen. Es ist an der Zeit, dass sie anfangen, aus ihren Fehlern zu lernen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Woman with Smartphone“ by Daria Nepriakhina (CC0 Public Domain)


The Conversation

Weiterlesen »

Macht dich dein Smartphone schüchtern?

iphone (adapted) (Image by relexahotels [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Während der drei Jahre, die ich damit verbracht habe, über Schüchternheit zu recherchieren und zu schreiben, ist eine der am häufigsten gestellten Fragen die über die Beziehung zwischen Schüchternheit und Technologie. Lassen das Internet und das Handy unsere Sozialkompetenzen verkümmern? Dies höre ich oft von Eltern schüchterner Jugendlicher, die sich darum sorgen, dass ihre Kinder mehr Zeit mit ihren Geräten als mit Gleichaltrigen verbringen.

Diese Sorge ist nicht neu. Auf der ersten internationalen Konferenz über Schüchternheit, die in Wales im Jahr 1997 von der Britischen Psychologischen Gesellschaft organisiert wurde, übernahm Philip Zimbardo, der als Psychologieprofessor in Stanford tätig war, die Rolle als Hauptredner. Er beobachtete, dass die Zahl der Menschen, die sich selbst für schüchtern halten, von 40 Prozent auf 60 Prozent gestiegen ist, seit er in den 1970ern eine Studie über Schüchternheit begonnen hatte. Dafür machte er neue Technologien wie E-Mail, Handys und sogar Geldautomaten, die den „sozialen Klebbstoff“ des gelegentlichen Kontakts gelöst haben, verantwortlich. Er befürchtete das Eintreffen einer „neuen Eiszeit“ der Nicht-Kommunikation, bei der es leicht möglich wäre, einen ganzen Tag zu durchleben, ohne mit jemandem zu sprechen. 

Manche von Zimbardos Ängsten haben sich bewahrheitet. Schaut man sich heutzutage an einen öffentlichen Ort um, fällt auf, dass jeder in sein Tablet oder Smartphone versunken zu sein scheint. Die Zunahme von Einsamkeit und sozialer Phobie ist ein Widerhall auf die Arbeiten von Soziologen wie Robert Putnam, John Cacioppo und Sherry Turkle

Sie argumentieren, dass individualisiertes Konsumverhalten uns voneinander isoliert und uns günstige technische Lösungen verkauft, um den Schmerz zu lindern. Wir verlassen uns zunehmend auf Dinge, die Turkle „gesellige Roboter“ nennt –  so dient beispielsweise Siri, der digitale iPhone-Assistent, als Ersatz für Vertraute aus Fleisch und Blut. Sogar wenn wir Zeit mit anderen verbringen, sind wir halb woanders und abgelenkt durch Technologie – wir sind „zusammen allein“, wie Turkle es formuliert.

Und trotzdem kann dieses Gefühl des Alleinseins in Gesellschaft nützlich für schüchterne Menschen sein, die sich durch die Technologie in neuen Wegen ausdrücken können.

Auf eine andere Art sozial 

Schüchterne Menschen sind nicht notwendigerweise unsozial; sie sind nur anders sozial. Sie lernen, ihre Geselligkeit zu regulieren und kommunizieren auf indirekte oder eher sprunghafte Art und Weise. Mobiltelefone ermöglichen es ihnen, Kontakte zu knüpfen, ohne in persönlichen Situationen in Verlegenheit zu geraten.

Als Nokia Mitte der 1990er die SMS einführte, schien dies eine eher primitive Technologie zu sein – ein zeitaufwendiger, energieineffizienter Ersatz für Gespräche. Aber die SMS-Nachrichten kamen vor allem bei den finnischen Jungen gut an, weil es eine Möglichkeit war, mit Mädchen zu reden, ohne dass die Botschaft durch schamhaftes Erröten oder Sprachlosigkeit beeinträchtigt wurde.

Die beiden Soziologen Eija-Liisa Kasesniemi und Pirjo Rautiainen fanden heraus, dass finnische Jungen, obwohl sie Mädchen kaum erzählen würden, dass sie Gefühle für sie hegten, bis zu einer halben Stunde täglich damit verbrachten, eine romantische Textnachricht zu verfassen. Außerdem entdeckten sie, dass eher Jungen ein „Ich liebe dich“ auf Englisch als auf Finnisch schrieben, weil sie es leichter fanden, ihre starken Gefühle in einer anderen Sprache auszudrücken.

Bella Ellwood-Clayton, die sich ebenfalls wissenschaftlich mit der Handy-Kultur auseinandersetzt, hat bewiesen, dass auch auf den Philippinen die Textnachricht einem ähnlichen Zweck diente. Die philippinischen Liebesrituale sind traditionsgemäß zurückhaltend und ein wenig verworren, mit aufwändigen Bräuchen wie Neckereien (tuksuhan) unter gemeinsamen Freunden oder die Nutzung eines Vermittlers (tulay, das wörtlich übersetzt „menschliche Brücke“ bedeutet) zwischen potenziellen Partnern. Das Handy erlaubte jungen Filipinos, diese aufwendigen Routinen zu umgehen und somit kein Risiko eingehen zu müssen, sondern sich selbst mithilfe von Textnachrichten erproben zu können.

Dies ist immer der Fall, wenn Handys ins Spiel kommen: Eine Textnachricht kann diejenigen Mut zusprechen, die mit ihren Daumen geschickter sind als mit dem Mund. Das Geräusch, das eine Textnachricht ankündigt, ist zudem weniger aufdringlich als ein Telefonklingeln. Wir werden nicht völlig überrollt oder müssen sofort antworten, sondern können uns Zeit nehmen, die Nachricht zu verarbeiten und uns eine Antwort überlegen.

Das Schüchternheitsparadoxon

Was die sich abzeichnende „soziale Eiszeit“, die durch die Technologie erschaffen wurde, betrifft, stellte Zimbardo diese Behauptung bereits vor dem Aufstieg von sozialen Netzwerken und dem Smartphone auf. Diese machten es den Menschen einfach, intime Details ihres Privatlebens im Netz auf eine Art zu offenbaren, die wie das Gegenteil von Schüchternheit wirkt. Befürworter dieser Art von Online-Selbstauskunft nennen diesen Vorgang „radikale Transparenz“.  

Natürlich ist nicht jeder, der soziale Netzwerke nutzt, offen für diese Art der radikalen Transparenz. Manche bevorzugen es, sich hinter Online-Charakteren, Pseudonymen und Avataren zu verstecken. Und diese Anonymität kann außerdem zum Gegenteil von Schüchternheit animieren – schnell wird man übermütig und neigt zu Feindseligkeit und Missbrauch.

Daher ziehen die neuen mobilen und netzorientierten Technologien komplexe Auswirkungen nach sich. Sie verschlimmern unsere Schüchternheit, während sie gleichzeitig helfen, diese zu überwinden. Vielleicht erzählt uns dieses Paradoxon etwas über Schüchternheit. In seinem Buch „The Shock of the Old“ argumentiert der Historiker David Edgerton, dass unser Verständnis von historischem Fortschritt „innovationszentriert“ ist. Wir denken, dass neue Technologien alles zum Guten verändern. Laut Edgerton unterschätzen wir allerdings, wie sehr diese Innovationen gegen die Mächte von Gewohnheit und Trägheit ankämpfen müssen. Mit anderen Worten: Neue Technologien ändern nicht unser Wesen, sie passen sich ihm an.

Genauso verhält es sich mit Schüchternheit. Nach mehr als 150.000 Jahren der Menschheitsgeschichte muss Schüchternheit eine unverwüstliche Eigenschaft sein – ein „sonderbarer Gemütszustand“, wie Charles Darwin es nannte, hervorgerufen durch unsere Fähigkeit, uns selbst Aufmerksamkeit zu schenken. Und trotzdem sind wir soziale Wesen, die sich nach Unterstützung und Anerkennung des Stammes sehnen.

Unser Bedürfnis nach einem Gegenüber ist so stark, dass die Schüchternheit uns einfach dazu bringt, unsere sozialen Instinkte in andere Räume zu übertragen: Die Kunst, die Schrift, E-Mails und Textnachrichten. Und das wäre dann auch meine Antwort für besorgte Eltern schüchterner Jugendlicher. Macht das Handy sie schüchterner? Nein. Denn sie sind zwar schüchtern, aber auch kontaktfreudig, und ihr Handy hilft ihnen, neue Wege zu finden, diesem Widerspruch Ausdruck zu verleihen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „iphone“ by relexahotels (CC0 Public Domain)


The Conversation

Weiterlesen »

Gefährden Altmedien den Digitalstandort Deutschland?

Kaum ist der von der Bundesregierung angekündigte „Digitalpakt“ Gegenstand der (veröffentlichten) öffentlichen Diskussion, schon finden sich die üblichen KulturpessimistInnen und bemühen sich um die altbekannten Gefahrennarrative der Förderung des „Häppchenwissens“ und der digitalen Überforderung der jüngeren Generationen dieses Landes.

Pensionierte Lehrer in einflussreichen Positionen meinen, immer noch auf der Höhe der Pädagogik zu sein, und verbauen mit ihrer Ignoranz gegenüber aktuellen Entwicklungen den Schülerinnen und Schülern die Chancen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt. Die Gewerkschaften möchten sowieso lieber Schul-Klos repariert wissen, obwohl nicht zuletzt die aktuelle Studie der Initiative D21 zum Stand der Digitalisierung in deutschen Schulen große Defizite identifiziert hat.

Rückwärtsgewandtheit der Entscheiderinnen ist ein Problem für Deutschland

Damit fügt sich die aktuelle Debatte in eine lange Kette von Drohszenarien, die digital nicht aktive Menschen, die in Deutschland in EntscheiderInnenpositionen sitzen, gegenüber dem Internet aufbauen. Pokémon Go trackt Jugendliche und erhöht das Risiko, im Straßenverkehr unter die Räder zu kommen. Ein altbekanntes Printmedium spricht vom „Feind in meiner Hand“ und meint das Smartphone. Lehrer können sich in diesem Medium mit der Meinung breitmachen, dass Eltern Schuld an der „Internetsucht“ der Kinder seien.

Das Morgenmagazin von ARD und ZDF stellt die Teilnehmerinnen der Gamescom als der Kindheit verhaftete Deppen dar und warnt vor der – natürlich – übermäßigen Nutzung von Videospielen. Ebenfalls im Morgenmagazin wird vor den Gefahren der VR-Brillen gewarnt („Auswirkungen auf das Gehirn“). Während IBM verkündet, dass IBM-Watson nun auch im Kampf gegen den Krebs helfen wird, warnen deutsche Altmedien vor der Nutzung von Gesundheits-Apps.

Wissen die VertreterInnen der Altmedien eigentlich, was sie mit diesem Kampf gegen das Netz und gegen das Digitale indirekt auch unseren Kindern antun? Kinder und Eltern sind in einer rückwärtsgewandten Meinungs-Bubble gefangen, die sie davon abhält, sich offensiv und frühzeitig mit den Gefahren und den Chancen des Netzes zu befassen. Unsere Kinder werden, wenn sie nicht rechtzeitig digitale Kompetenzen erwerben, von den gleichaltrigen Jugendlichen und Berufsanfängern aus den USA, Asien und Russland übertrumpft.

Wir als Eltern entlassen sie aber auch gleichzeitig ungeschützt in eine Welt, in der es natürlich Risiken und Gefahren gibt; da wir sie aber nicht darauf vorbereitet haben (außer der Strategie: schaltet den PC am besten aus), werden sie unvorbereitet auf die digitale Welt außerhalb von Deutschland treffen.

Beispiel Pokémon Go: Gefahren und Chancen der Augmented Reality

Spätestens seit der Verfilmung der Stephen King-Kurzgeschichte über den Rasenmähermann im Jahr 1992 kann eine breite Masse etwas mit der Idee der Virtual Reality anfangen. Auch wenn eine Umsetzung mittels Brille und Kopfhörer vorerst weit hinter dem angepeilten Ziel der startrekschen Holdecks zurückbleibt, sind in den vergangenen 20 Jahren alle Versuche, einen komfortablen Einstieg zu schaffen, mehr oder weniger grandios gescheitert.

Letztendlich scheint es, als habe es das Jahr 2016 gebraucht – in dem alle technischen Errungenschaften wie Prozessorminiaturisierung, Grafikleistung, Rechenpower zur Erfassung des Raums und die Vorarbeit der Konsolenhersteller mit Sonys Play und Microsofts Move sowie der Druck durch den Occulus-Rift-Kickstarter zusammentrafen – um der Virtual Reality im Konsumentenmarkt zum Durchbruch zu verhelfen. Wobei bei den abgerufenenen Preisen eine schnelle Marktdurchdringung zumindest für das kommende Weihnachtsgeschäft noch fraglich bleibt.

Umso erstaunlicher erscheint es, dass diesem zukunftsträchtigen Vorstoß zumindest in der breiten öffentlichen Wahrnehmung der Rang durch eine weitere visionäre Technik abgelaufen wurde. Der Erfolg des Smartphonespiels Pokémon Go hat der Augmented Reality den Einzug auf die Endgeräte und in die Presse beschert. Der Entwickler Niantic stellte mit dem Spiel Ingress bereits seit Ende 2013 eine Augmented Reality App zur Verfügung. Auch hierbei bewegen sich die Spieler durch den öffentlichen Raum, das Kartenmaterial basiert auf Daten von Google Maps und die Bewegungen der Spieler werden zur Auswertung an die Server des Spiels zurückgemeldet.

Schon Ingress konnte in den vergangenen Jahren eine große und äußerst aktive (vornehmlich erwachsene) Spielergemeinde gewinnen. Der wirkliche Durchbruch erfolgte aber durch die Zusammenführung der Spielprinzipien von Ingress gepaart mit der Pokémon Lizenz von Nintendo.

Seit der Veröffentlichung von Pokémon Go im Juli diesen Jahres sind insbesondere in den Ballungsräumen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene der Aufforderung der Eltern gefolgt, doch endlich mal wieder rauszugehen, und fangen die Taschenmonster mit dem Blick durch die Bildschirme und Kameras ihrer Smartphones. Hierbei werden die Pokémon vom Spiel in die Abbildung der den Spieler umgebenden Realität projiziert.

Eine äußerst erfreuliche Folge des Pokémon-Go-Hypes war die Rückeroberung des öffentlichen Raums durch spielende Menschen aller Altersklassen bis zu Kindern, welche Ihr erstes Smartphone daran ausprobierten. Schon in der Woche vor dem Deutschlandstart aber machten Meldungen aus den USA über Verkehrsunfälle und Überfälle in hiesigen Medien schnell die Runde.

Das Gefährdungspotential für junge Spieler wird bei genauer Betrachtung schnell offensichtlich: Hand in Hand mit dem Austritt der Onlinespieler in die reale Welt erfolgt, zusätzlich zu den Gefahren des Straßenverkehrs, eine Übertragung der virtuellen Risiken. Was eben noch Grooming in einem Chatroom war, kann jetzt schnell eine persönliche Kontaktaufnahme werden. Hierbei ist insbesondere die schnelle Erkennbarkeit der Spieler und das gemeinsame Thema, über welches ein Kontakt hergestellt werden kann, eine nicht zu unterschätzende Komponente.

Panikmache vor Medien hat noch nie etwas gebracht

Die logische Schlussfolgerung kann aber eben nicht mediale Panikmache und pauschalisierte Warnung vor der Nutzung des Spiels sein, sondern muss eine Aufklärung der Spieler über die mit dem Spiel verbundenen Risiken sein – auch wenn die althergebrachten Grundsätze des Jugendschutzes in Bezug auf Medien hierzulande am ehesten in einer Verbotsdebatte gipfeln. Aufbauend auf dem „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften“ von 1926 verfestigte sich die Debatte um eine moralisch-sittliche Gefährdung der Jugend in den 50er-Jahren mit der pädagogisch wie feuilletonistisch vorgetragenen Kritik an Groschenromanen und Comics.

Sie wurde in den folgenden Jahrzehnten auf Videofilme erweitert und gipfelt seit den 80ern in der Diskussion um Computerspiele. Die konsequente Aberkennung des Kunstbegriffs, welcher unabhängig vom Inhalt nur bestimmten Medien vorbehalten bleibt, sagt schon viel über den Stellenwert neuartiger Technologien aus.

In Zeiten, in denen die moralisch-sittliche Verfestigung der Kinder und Jugendlich allenthalben bestritten wird, ist wohl mit deren Bedrohung kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Folglich stürzen sich die Altmedien auf die „reale“ Gefährdung von Kindern, und die Reaktion von Eltern und Pädagogen folgt – wie auch in vorhergehenden Generationen – auf dem Fuße. Unsere Eltern haben Comics und Groschenromane genauso gelesen, wie wir Videofilme sahen und Computerspiele spielten und immer noch spielen. Heute vertreiben sich die Kinder und Jugendlichen die Zeit auf Youtube, in Chaträumen und eben mit Pokémon Go. Und morgen in der Virtual Reality der Spielekonsolen und Augmented Reality der Smartphones.

Die Gründe für den rückwärtsgewandten Blick in deutschen Altmedien sind vielfältig:

  1. Wir leben in dem Land mit der zweitältesten Bevölkerung weltweit. Da kann man keine EntscheiderInnen erwarten, die in der Mehrzahl jünger und innovativer sind.
  2. „Bildung“ ist in Deutschland eine Attitüde, die man vor sich herträgt. Das Buch noch „riechen zu wollen“ und das gefüllte Bücherregal im heimischen Wohnzimmer gelten nach wie vor als Ausdruck von Belesenheit. Wobei dies letztlich auf dem Missverständnis beruht, „digital“ und „Lesen“ würden sich gegenseitig ausschließen.
  3. Ohne vorherige Studien und konsensual abgesegnete Standards wagen wir nichts (s.a. Tesla-Debatte).
  4. Die derzeit in den Schulen befindlichen LehrerInnen gehören vor allem der technikskeptischen Baby-Boomer-Generation an, die in den 1970ern in die Laufbahnen eingetreten ist. Erinnert sich jemand noch an die damalig dominierende Debatte um die sogenannte „Technikfolgenabschätzung“? Auf Basis dieser Sozialisation kann man nicht wirklich Offenheit gegenüber den Internetfirmen des Silicon Valleys erwarten.

Pokémon Go schult die neue Generation

Sollte der Umgang mit neuen Technologien und Inhalten denn nicht besser von der Betrachtung des Potentials (unter Abwägung der Risiken) getragen werden?

Online-Spiele und digitale Tools stellen die Zukunft dar; seien es Google Docs, Keynote Live-Funktion, soziale Medien, Mikro-Blogs, Snapchat oder sonstige Plattformen, auf denen sich Menschen weltweit zusammenfinden. All diesen Plattformen sind einige Merkmale gemein, die für den zukünftigen Arbeitsmarkt von übergeordneter Bedeutung sind:

1. Der Wille zum Teilen muss vorhanden sein. Ohne Teilen kann es keine nachhaltige Interaktion geben.

2. Multilingualität ist Grundvoraussetzung für alle Menschen weltweit, um sich in mehreren Meinungs- und Inhaltesphären ausreichend austauschen zu können.

3. Kommunikationsfähigkeit auf mehreren digitalen Kanälen gleichzeitig ist eine der Grundbedingungen für die Nutzung digitaler Tools und dafür, dass man überhaupt noch auf der Höhe der Zeit in seinem Beruf tätig sein kann.

4. Ohne Teamfähigkeit geht nichts mehr. Als Teammitglied muss man sich jederzeit einordnen können. Dafür kann man aber auch gezielter seine eigenen Kompetenzen einbringen. „Aufgabenteilung“ ist dabei auf gar keinen Fall mit dem altbackenen „Zuständigkeit“ zu verwechseln!

5. Der Spruch „Für die Technik ist mein Kollege zuständig“ funktioniert nicht mehr. Um zu wissen, wie ich zu Ergebnissen gelangen kann, muss ich auch die dahinter stehende Technologie ansatzweise verstehen lernen.

6. Nicht mehr das Alter ist relevant für die eigenen Relevanz, sondern mein Beitrag für das Ganze. Das eröffnet sowohl für Jung als auch Alt, aus dem „Wahrnehmungsfängnis“ und damit seiner durch das Alter selbst zugeschriebenen Rolle auszubrechen.

All diese Kompetenzen zählen wohlgemerkt sowohl für beruflich genutzte Plattformen (wie Google Docs und andere) als auch Spieleplattformen (wie beispielsweise Lol). Wenn wir also die Kinder und Jugendlichen nicht rechtzeitig auf diese digitalisierte Arbeitswelt vorbereiten und stattdessen „Internet“ und “Digital” nur kulturpessimistisch bewerten, entziehen wir unseren Kindern die zukünftige gleichberechtigte Teilhabe am globalisierten Arbeitsmarkt. Daran können wir alle kein Interesse haben.

Die Kinder vorbereiten auf eine Zukunft der Arbeit

Stattdessen sollte man aber vielleicht mal einfach seinen Kindern beim Spielen über die Schulter schauen, um zu verstehen, in welcher Weise digitale Tools und auch Spiele dazu geeignet sind, sie auf eine Zukunft der Arbeit vorzubereiten, mit der sie sich später befassen müssen. Spiele, Apps, Services, Plattformen und der gezielte Blick auf die dahinterstehende Technik sind notwendig, um zu verstehen, in welcher Weise zukünftige Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt und die Art und Weise von Bildung eigentlich schon heute zusammenhängen, ohne dass dieser Blick von den Entscheiderinnen tatsächlich auch erkannt wird.

Kinder haben einen entscheidenden Vorteil im Umgang mit neuen Technologien: sie betrachten diese nicht als „neu“. Sie werden weder von einem Gefühl zurückgehalten, dass es „früher alles besser war“, noch vom Gedanken „Wir leben in der Zukunft“ verunsichert.

Sie stehen mit beiden Beinen in der Gegenwart und es ist unfair, ihnen den Weg in Ihre Zukunft mit den sie begleitenden Technologien zu verbauen. Statt in den Medien der Vergangenheit zu verweilen, sollten wir uns als die wissensvermittelnde Generation viel mehr damit beschäftigen, wie wir die Inhalte mit den Medien der Zukunft transportieren können.


Image “girl” by nastya_gepp (CC BY 2.0)


Weiterlesen »

10 Jahre Deutsch-Norwegisches Jugendforum

Seit 2007 sensibilisiert das Deutsch-Norwegische Jugendforum mit Schüleraustauschen und Sprachcamps für die sprachliche Vielfalt in Europa. Zum 10-jährigen Jubiläum der Initiative treffen sich dieses Jahr Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren zu Workshops und einem Festakt vom 23. bis 26. September in Berlin. Sie können sich mit anderen Jugendlichen aus Norwegen und Deutschland austauschen und sich inspirieren lassen, wie man selbst zum Helden werden kann. Man kann Neues über das andere Land erfahren und Freunde fürs Leben finden. Workshops gibt es zu den Schwerpunkten Medien und Meinung, Sprache und Kreativität, und Bild und Bühne. „Jeder Workshop schaffte es auf seine Weise, das Motto umzusetzen und dabei Erstaunliches auf die Beine zu stellen.“, sagte eine Teilnehmerin am DNJF 2015.

Erstmals werden auch Projekte wie Blogs, Foren oder Zeitschriften mit deutsch-norwegischem Schwerpunkt von den Jugendlichen konzipiert und umgesetzt. Mentoren aus Wissenschaft und Praxis begleiten diese Projektcamps. Die Netzpiloten sind gerne dabei!

Weiterlesen »

Die Stadtpolitik des Parkour: Wie Traceure durch Sport die Stadt wiederentdecken

backflip (image by rory3822[CC BY 1.0] via Pixabay)

Parkour, wie wir es heute kennen, wurde von neun jungen Männern in Paris erfunden. Die als Yamakasi-Gruppe bekannten Personen trainierten zusammen eine Sportart, die sie „l’art du placement“ nannten: eine spektakuläre und kontrollierte Art der Bewegung. Doch das war zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Mittlerweile ist Parkour ein globales Phänomen und die Traceure – das sind diejenigen, die Parkour betreiben – suchen sich  laufend, springend, kletternd und rollend ihren Weg durch Städte überall auf der Welt, selbst im Gaza-Streifen.

 Auftritte in Hollywood-Filmen und TV-Dokumentationen haben das Ansehen von Parkour gesteigert, Millionen von Zuschauern sind von seinem Anmut und seiner Dynamik begeistert und ermöglichten den Aufstieg einer globalen Bewegung Gleichgesinnter, die alle lernen wollten, sich auf diese unglaubliche Art zu bewegen.

Heute ist Parkour ein angesehener Sport. Viele Einrichtungen bieten Trainingslager und regelmäßige Kurse an – einige haben sogar speziell konzipierte Parkour-„Parks“ errichtet. In lediglich einem Jahrzehnt wuchs Parkour von einer Nischenaktivität, die viele Stadtbeamte als asozial ansahen, zu einer international anerkannten (und nebenbei bemerkt sehr lukrativen) Sportart heran.

Spielerische Politik

Natürlich beinhaltete Parkour immer schon ein politisches Element. Wie auch andere „asoziale“ städtische Aktivitäten, die weltweit übernommen wurden, wie beispielsweise Skateboard fahren und Graffiti, kann auch Parkour den Läufern ein Gefühl der Rebellion gegen das „Establishment“ bieten. Tatsächlich versuchen einige Vertreter von Städten immer noch, Traceure strafrechtlich zu verfolgen, während actionreiche Blockbuster die subversive Seite des Parkour hochspielen.

In der Tat jedoch engagieren sich die Parkour-Läufer auf verspielte Weise in der städtischen Politik. Dieser Sport regt die Menschen aktiv dazu an, die Stadt als einen Spielplatz anzusehen. Traceure behaupten, das „Parkour-Auge“ zu haben, welches ihnen erlaubt, die Stadt wie ein Kind zu sehen: als Spielplatz, den es zu erkunden gilt, statt als System der Einengung.

Über Poller springen, Wände emporklettern oder über Betondächer rollen: diese spektakulären Bewegungen zeigen, wozu der menschliche Körper in der Lage ist – doch sie zeigen auch auf, wie man sich in der Stadt auf völlig unterschiedliche Arten fortbewegen kann. In frühen Filmen und Videos werden die spektakulären sportlichen Aktionen der Traceure bewusst mit Teilen der Stadt in Kontrast gesetzt, die statisch und abgegrenzt sind.

Die Freiheit der Bewegung, die Parkour ermöglicht, war, und ist immer noch ein fundamentaler Teil dessen Philosophie. Dies macht Parkour auch von Anfang an politisch. Sich durch die Stadt zu bewegen, auf Arten, für die sie nicht konzipiert wurde, ist eine befreiende Erfahrung. Parkour ist ebenso eine Reaktion auf die fortschreitende Einschränkung der Bewegungsfreiheit in modernen Städten: es erlaubt den Traceuren, ihre Städte auf völlig andere Arten wieder zu entdecken und gleichzeitig architektonische Einschränkungen wie Mauern, Zäune und Treppenhäuser zu überwinden.

Die Politik des Parkour ist vielleicht „weicher“ als die anderer Subkulturen, wie Skateboarding oder Graffiti, die eine subversivere Vergangenheit haben. In der Tat kann man viele Parallelen ziehen zwischen Parkour und den Philosophien der Kampfkünste, vor allem, wenn es um das Engagement des Praktizierenden, Körper und Geist zu trainieren, geht.Dennoch ist Parkour nicht weniger politisch aussagekräftig: es bietet einen Weg, das Kontrollsystem einer Stadt durch kreative Bewegung in einer städtischen Umgebung aufzuzeigen.

Ein soziales Netzwerk

Darüber hinaus ist Parkour von Beginn an eine soziale Aktivität. Während die meisten Videos und Bilder von Parkour sich auf Einzelpersonen  konzentrieren, trainieren Traceure tatsächlich zusammen in Gruppen. Dieser soziale Aspekt ist ein wichtiges Kontrollinstrument gegen die Verführung der Selbstdarstellung. Sie sammeln sich vielleicht in erlaubten Parks (die oftmals eine Eintrittsgebühr verlangen), öfter jedoch in „Hot Spots“: städtische Räume, die ungewollt bereits die perfekte Architektur bieten.

Einer dieser Plätze war Vauxhall Walls in London, ein Zementgarten für den nächstgelegenen Wohnblock. Obwohl die Einwohner die Traceure immer wieder darum baten, den Platz zu verlassen, wurde dieser zu einem der beliebtesten Londoner Parkour-Locations. Im Jahr 2016 jedoch wurde der Platz mit Landschaftsgärten und Wasserarrangements „verschönert“, und ist nun nicht mehr zum Trainieren von Parkour geeignet. Dieser Prozess trägt zu anderen städtischen Problemen wie Gentrifizierung bei – ebenso ein Problem, mit dem Londons Skateboarder aus der Southbank zu kämpfen hatten.

Der soziale Aspekt des Parkour geht auch weiter über das Training hinaus. Neben der Suche nach neuen Plätzen und dem Entwickeln neuer Bewegungen filmen sich Traceure oft gegenseitig. Die Filme werden dann ins Netz gestellt. Die virtuelle Community des Parkour ist immens wichtig. Es ermöglicht dem Sport, sich in neue Gebiete zu verbreiten, indem es Menschen ermöglicht, Videos von Traceuren vom anderen Ende der Welt zu sehen, mit ihnen in Verbindung zu treten oder ihre Bewegungen zu adaptieren.

Freiheit vor Unterdrückung

Parkour gibt Menschen eine Chance, ihre Bewegungsfreiheit auszudrücken, die der Infrastruktur einer Stadt wenig Achtung schenkt. Es ist eine hochgradig soziale Aktivität, welche gleichgesinnte Traceure zusammenbringt und ihnen die Chance gibt, sowohl physisch als auch politisch in ihrer Stadt aktiv zu sein. Möglicherweise ist gerade dies der Grund, warum Parkour gerade in den Teilen der Welt aufblüht, die unter extremen sozialen oder politischem Druck stehen. Beispielsweise gibt es eine wachsende Parkour-Gemeinschaft innerhalb der entrechteten Jugend in Gaza. Auch im Iran, wo die Rechte der Frau oft unterdrückt werden, gewinnt Parkour immer größere Beliebtheit unter den weiblichen Teilnehmern.

Parkour bietet einen Weg, sich aktiv in der Stadt zu engagieren, physisch, emotional und sozial. Es erfordert nicht mehr als zwei Hände, einen fitten Körper (was es natürlich für einige unzugänglich macht) und den Willen, die Stadt zu erkunden, über die Grenzen hinaus. Parkour ist also eine in sich politische Tätigkeit.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image ”backflip” by rory3822 (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Was ist eigentlich „Medienkompetenz“?

Medien (Image by MikeRenpening (CC0 Public Domain) via Pixabay)

Medien sind heutzutage zu einem festen Bestandteil unseres Alltags geworden. Egal ob privat oder im Job – oftmals müssen wir uns mit einfachen aber auch mit den kniffligen Seiten der Medien, wie beispielsweise Datenschutz oder Urheberrecht auseinandersetzen. Was darf ich im Internet veröffentlichen? Wo genau werden meine Daten überhaupt gespeichert und auf was muss ich achten? Deshalb ist es wichtig, dass das Thema Medienkompetenz einen zunehmenden Stellenwert bekommt und nicht in Vergessenheit gerät.

Was aber versteht man unter dem Begriff Medienkompetenz? Der Medienpädagoge Professor Dr. Dieter Baacke führte den Begriff in den 70er Jahren ein:

Medienkompetenz meint grundlegend nichts anderes als die Fähigkeit, in die Welt aktiv aneignender Weise auch alle Arten von Medien für das Kommunikations- und Handlungsrepertoire von Menschen einzusetzen.

Wer weiß, wie man einen Computer einschaltet und sich im Internet von Seite zu Seite klickt, ist leider noch nicht wirklich medienkompetent – dahinter steckt noch viel mehr. Hier stellt sich also die Frage: Wann genau ist man eigentlich „medienkompetent“, und wem nützt das?

Durch den Durchmarsch der Digitalisierung werden viele Berufe zunehmend am PC oder Tablet verrichtet. Darauf sollte gerade die jüngere Generation eingestellt werden. Deshalb ist es wichtig, dass wenigstens jeder ein Minimum an Medienkompetenz erlernt. Man sollte zumindest also darüber Bescheid wissen, wie die einzelnen Geräte grob funktionieren, welche Gefahren das Internet birgt, was mit den eigenen Daten passiert, was man darf und was nicht.

Dieses Wissen gilt es, möglichst früh zu vermitteln. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise gibt es das Modellprojekt Medienkompetenz-Kitas NRW der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Auch in Grundschulen ist diese spielerische Förderung denkbar. So wird zum Teil Digitalkunde bereits ab der ersten Klasse gefordert.

Medienkompetenz – auch außerhalb der Schule

Eine gezielte Medienkompetenzförderung sollte jedoch nicht ausschließlich in Schulen stattfinden, sondern auch im Elternhaus. So können Eltern nicht nur einen Überblick über die Aktivitäten des Kindes am PC, Smartphone oder Tablet erhalten, sondern sich auch aktiv mit ihren Kindern mit den neuen Medien auseinandersetzen, Fragen beantworten, mit Rat und Tat zur Seite stehen und eine aufklärende Position beziehen. Auch Regeln – vielleicht in Form eines spielerischen Vertrags – über die Nutzung der Geräte mit den eigenen Kindern, sind von Vorteil. So lernen Kinder, sich an Vorschriften zu halten und Verantwortung für ihr eigenes Handeln im Netz zu übernehmen. Durch eine gute Aufklärung können sie neue Medien kritischer und auch selbstbestimmter betrachten. Auch Eltern, die sich nicht mit den Gefahren im Internet auskennen, können sich schlau machen, denn hier kursieren einige wirklich aufklärende Videos im World Wide Web.

Nicht nur die Kinder sind angesprochen

Aber nicht nur Kinder und Jugendliche sind von dem Thema betroffen, sondern so ziemlich jeder. Wie heißt es so schön? Man lernt nie aus! Und das gilt auch im Bereich der Medien, denn Medienkompetenz kann man als lebenslanges Lernen betrachten. So gibt es beispielsweise die Initiative „SCHAU HIN! – Was Dein Kind mit Medien macht“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Sie arbeiten in einer Partnerschaft mit Vodafone, dem ARD und ZDF und dem TV-Spielfilm und bieten ein alltagstaugliches Ratgeberangebot für den richtigen Umgang mit elektronischen Medien an.

Auch der Verein für Medien und Kulturpädagogik Blickwechsel bietet nicht nur Fortbildungen für pädagogisch Tätige und Interessierte an, sondern auch Informationsveranstaltungen für Erzieher, Lehrkräfte und Eltern.

Doch auch die Senioren sollen nicht zu kurz kommen und können noch einiges lernen. Immer öfter loggt sich die ältere Generation ein und setzt sich mit neuen Medien auseinander. Allerdings sind auch Senioren nicht vor miesen Internet-Maschen sicher. Sie sollen ebenfalls lernen, welche Gefahren im Internet lauern. So bietet unter anderem Rheinland-Pfalz eine Seminarreihe „Silver Surfer – Sicher online im Alter“ an, um Senioren einen selbstbewussten und sicheren Umgang mit dem Internet zu gewähren.

Man ist nie medienkompetent genug

Es bleibt also zu sagen, dass man nie medienkompetent genug sein kann, denn es gibt immer Techniken und Herangehensweisen, die wir neu dazu lernen müssen. Ob es die Kinder sind, die sich auf die digitale Welt vorbereiten müssen, die Eltern, die nicht nur ihre Kinder sondern auch sich selber vor Gefahren im Internet schützen müssen, oder auch die Senioren, die nicht stehen bleiben, sondern mit dem Wandel gehen wollen.

Wichtig ist vor allem, dass man offen an die neuen Medien heranschreitet, denn nur so können wir sie viel besser verstehen, anwenden, kritisch beurteilen und vor allem auch an die jüngeren und älteren Generationen weitertragen. Wir alle dürfen uns nicht verschließen, den Umgang mit elektronischen Medien zu lernen.


Image „Medien“ by MikeRenpening (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Ein Tag im digitalen Leben der Teenager

Girl (Image by marcino [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Mit jeder Generation beschwört das öffentliche Bewusstsein eine neue Gefahr für unsere Jugend herauf: War es einst der Rock’n’Roll, so ist es heute die Sorge, dass das Leben der Teenager von digitalen Medien dominiert wird. Es ist die Angst, dass die digitale Überflutung Auswirkungen auf die Fähigkeit zu lernen, sich zu unterhalten, korrekt zu buchstabieren und vieles mehr haben könnte.
Haben sie keine Zeit für die gemächliche, althergebrachte Face-to-Face-Kommunikation, für gemeinsame Zeit mit der Familie oder für einen ungestörten Nachtschlaf, der nicht durch den aufleuchtenden Bildschirm des Smartphones unterbrochen wird? Ich habe ein ganzes Jahr mit einer Schulklasse voller 13-Jähriger verbracht, um genau das herauszufinden.

Die Forschung erforderte es, dass ich Zeit mit den Teenagern in der Schule, zu Hause, bei Freunden und online verbringe. Mich trieb weniger die Sorge um ihr Wohlergehen an, sondern vielmehr war ich fasziniert davon, wie sie es schaffen, den großen Einfluss digitaler Geräte und digitaler Inhalte, die ihr Leben füllen, zu organisieren.

Die Ergebnisse und Überlegungen, die ich aus meiner Feldforschung erhielt und die ich in meinem Buch The Class: Living and Learning in the Digital Age niederschrieb, zeigen eines ganz besonders: Nämlich, dass es der größte Wunsch der Teenager ist, Kontrolle darüber zu haben, wie und mit wem sie ihre Zeit verbringen – und nicht nur, um digitale Medien um ihrer selbst Willen zu benutzen. Zur Veranschaulichung folgen hier drei Momente eines Tages im Leben der digital ausgestatteten Teenager von heute.

In der Schule

Das morgendliche Ankommen in der Schule war stressig, denn die Teenager mussten zunächst umschalten zwischen der Schläfrigkeit und Gemütlichkeit von zu Hause und einem wachen, aufmerksamen Geisteszustand innerhalb der beschränkenden Regeln in der Schule. Ein Teenager, Fesse, kam üblicherweise zu spät – zum Teil, weil er bis spät in die Nacht X-Box gespielt hatte, aber auch, weil er sich darauf verließ, dass seine ältere Schwester ihn jeden Morgen aus dem Haus bugsierte. Eine andere Schülerin, Salma, erschien jeden Morgen ordentlich und ruhig, den sie hatte bereits im Vorfeld mit ihren Freundinnen gechattet, um den gemeinsamen Schulweg zeitlich aufeinander abzustimmen, sodass sie auf dem Weg zur Schule bereits quatschen konnten.

Für einen großen Teil des Tages schaute die Klasse auf das Smartboard, das vorn im Klassenraum stand, und mit dessen Hilfe die Lehrer YouTube-Clips und andere elektronische Ressourcen in ihren Unterricht integrieren. Natürlich sind die Lehrer noch dabei, die Anwendung zu optimieren und den Nutzen zu evaluieren. Wir erlebten eine Reihe von Schwierigkeiten, die Technologie zum Laufen zu bringen, und erlebten manchmal auch, dass es schwierig sein kann, die Schüler für die digitalen Inhalte im Zusammenhang mit dem Fach zu begeistern. So baute zum Beispiel die Musiktechnologie in der Schule nicht so sehr auf Fesses oder Giselles enthusiastischen Musikexperimenten aus ihrer Freizeit auf.

Erfolgreicher schneidet die Anwendung des SIMS, d.h. des Schul-Informations-Managements-Systems, ab, in dem die An- oder Abwesenheit der Schüler, gutes oder schlechtes Benehmen, Noten sowie Fortschritte jeden Tag durch die Lehrer notiert werden.

In der Zwischenzeit

Der Nachhauseweg ist ein bedeutender Moment für die Teenager – eine entspannte Zeit zwischen einer Sache und der nächsten, außer Reichweite der prüfenden Blicke der Erwachsenen. Oft ist dies die letzte Möglichkeit, mit seinen Freunden von Angesicht zu Angesicht zu reden, bevor man nach Hause zurückkehrt – wo die Teenager dann online wieder zusammenkommen werden. Sie mögen es, auf dem Weg nach Hause zu trödeln, um vom fordernden Rhythmus des täglichen Schulbesuchs abschalten zu können. Während sie ihre Telefone die ganze Zeit in der Hand hielten, um regelmäßig Nachrichten zu überprüfen und sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten, war der springende Punkt jedoch, dass sie Zeit zusammen verbringen wollten, und zwar von Angesicht zu Angesicht.

Zu Hause

Die Hausaufgaben wurden oft von Facebook begleitet, sei es, um sich abzulenken oder um Freunde um Hilfe zu bitten. Manche ließen sich bald in die Welt der PC-Spiele hineinziehen. So spielte Nick mit seinen Schulkameraden, die er bereits den Tag über gesehen hatte, und Adam mit Leuten aus einem Multi-Player-Spiel, in dem er eine Identität annehmen konnte, von der er meinte, sie entspräche ihm am meisten. Giselle hingegen spielte mit Familie und Freunden das unfassbar populäre Spiel Minecraft.

Abby wurde von ihrer spritzigen, kommunikativen Familie empfangen und in Gespräche verwickelt – und das alles mit permanenter Hintergrundbeschallung durch Musik. Megan arbeitete an ihrem Online-Auftritt auf Tumblr – so vergingen unbemerkt einige Stunden. Max, Jenna und Alice trafen sich bei Alice, um zu chatten, rumzualbern und über Harry Potter zu reden. Shane dagegen unternahm Fahrradtouren, so oft er konnte.

Alle waren aber – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – empfänglich für das Bestreben ihrer Eltern, die Familie zum Abendessen an einen Tisch zu bekommen, um über gemeinsame Hobbys, Haustiere oder das Fernsehprogramm zu sprechen – obwohl jeder sein Smartphone oder Tablet griffbereit hatte, um anschließend wieder auseinander zu gehen.

An- und abschalten – nach eigenem Bedarf

Dieser Einblick in das Leben von 28 Teenagern offenbart, wie unterschiedlich ihre Leben und Routinen sind. Zwar besitzen fast alle ein Smartphone und benutzen Facebook, wenden diese aber unterschiedlich an, um verschiedenen Interessen nachzugehen: Sei es, um sich mit anderen zu verbinden oder um sie ab und zu auszublenden.

Dafür gibt es viele Gründe, doch je mehr wir über das Leben der Teenager lernen, desto offensichtlicher wird es, dass die jungen Leute nicht mehr daran interessiert sind, pausenlos am Netz zu sein, wie die Erwachsenen um sie herum es sind. Die teenager wollen vielmehr die Wahl haben, wann und wo sie sich von der oft regelgebundenen und konfliktgeschwängerten Welt der Erwachsenen, in der sie sich befinden, abtrennen können.

Die digitalen Geräte und die Anwendungsmöglichkeiten, die sie bieten, ermöglichen den Teenagern ihre Agenda geltend zu machen – sie sind ein Schutzschild gegenüber bestimmerischen Eltern, nervigen jüngeren Geschwistern oder scheinbar kritisch auftretenden Lehrern. Sie sind auch ein Mittel, um sich mit mitfühlenden Freunden zu verbinden oder sich mit den neuesten Gerüchten auf dem Laufenden zu halten. Tatsächlich zeigt sich die große Wichtigkeit der Möglichkeit zur Abgrenzung darin, wie die Schüler dem zunehmenden Einsatz von digitalen Mitteln in der Schule skeptisch gegenüberstehen: Auf den Einsatz von digitalen Medien durch die Lehrer im Unterricht, via E-Mail oder über das Internet, um sie zu Hause zu kontaktieren, reagieren die Schüler mit Geflüster und noch umständlicheren Nachhausewegen – als ob sie die Zeit, die sie unbeobachtet von Erwachsenen mit ihren Freunden verbringen können, ausschöpfen wollten.

Als Erwachsene und als Eltern sollten wir weniger Zeit damit verbringen, uns zu sorgen, wie die Teenager ihre Zeit gestalten. Stattdessen sollten wir darauf Wert legen, mit ihnen gemeinsam Zeit zu verbringen und darüber zu reden, welche Herausforderungen als Erwachsene vor ihnen in einer zunehmend verknüpften Welt liegen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Girl“ by marcino (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

Follow me

  • DIGITALISIERUNG faz: Die Digitalisierung muss sich an den Hörern orientieren: Die Digitalisierung macht auch vor der Radiowelt keinen Halt. Radiosender müssen sich neu orientieren, denn die alten Wege Nutzer zu erreichen werden immer schwieriger. Das Programm verlagert sich nach und nach auf das Smartphone. Allerdings darf UKW nicht einfach abgeschaltet werden, sonst würden einige Sender auf der Strecke bleiben. Ein Beitrag über die Digitalisierung des Radios und ob DAB+ wirklich die Zukunft ist.

  • STARTUP gründerszene: Mit diesen Ohrstöpseln versteht ihr bald alle Sprachen der Welt: Die „Hääs“ und „wie bitte?“ dieser Welt werden vielleicht schon bald gänzlich verschwinden. Das Startup Waverly Labs hat einen Ohrstöpsel entwickelt, der jede Sprache der Welt übersetzen kann und die Übersetzung 1zu1 in den Gehörgang leiten soll. Der Plan dabei: Irgendwann sollte man sich ohne Probleme in jedem Ort der Welt verstehen können. In einem ganz kurzen Video wird eine Live-Anwendung gezeigt.

  • GOOGLE t3n: Touch-Bedienung am Ärmel: Google und Levi‘s zeigen smarte Jacke: Was haben Google und Levi´s eigentlich gemeinsam? Im Moment sogar recht viel. Das Google Forschungsteam ATAP entwarf eine Jacke, in Zusammenarbeit mit dem Bekleidungshersteller, die eingewebte Sensoren enthalten. Damit kann man via Wisch- oder Klickbewegung das Smartphone über den Ärmel steuern, welche mittels Bluetooth verbunden sind. Gerade für Fahrradfahrer ist diese Funktion sehr nützlich. So kann man beispielsweise mit einem Wisch am linken Ärmel einen Anruf ab- oder annehmen bzw. den nächsten Track auswählen. 2017 könnten schon die ersten „Smart-Jackets“ auf den Markt kommen.

  • POLITIK futurezone: Deutschland plant „Kinder-Siegel“ für Internet-Inhalte: Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig plant eine Art Gütelsiegel für Kinder- und jugendgerechte Inhalte im Netz. Ziel sei, „dass für Eltern die Angebote im Netz, die sich an Kinder richten und dabei Standards beachten, auch schnell als solche erkennbar sind“

  • SMART CAR golem: Android Auto wird eine eigenständige App: Android Auto kommt auf das Smartphone: Die Software, die den Umgang mit Smartphones beim Autofahren vereinfacht, wird es künftig als eigenständige App geben. Die Funktionen ließen sich dann auf dem Display des Smartphones nutzen, sagte Mickey Kataria von Google der dpa. Außerdem bekommt das System eine neue Schnittstelle.


chalabala / 123RF Lizenzfreie Bilder


Weiterlesen »

Interview mit Tanja Haeusler: Netzkultur mit ganz viel “Wow!”

Mit der TINCON haben Tanja Haeusler und ihr Mann Johnny die erste Netz-Konferenz für Jugendliche ins Leben gerufen. Was das mit Langeweile, Pilzen und Whatsapp zu tun hat, erklärt sie im Interview. Nach ihrem Studium der Kunstgeschichte und ihrer Arbeit als Theater- und Filmrequisiteurin entdeckte Tanja Haeusler Ende der 1990er-Jahre ihre Begeisterung für das Internet. Ihren Fokus legt sie dabei auf bildungspolitische Themen. Tanja und Johnny Haeusler betreiben gemeinsam das Weblog Spreeblick, gehören seit 2007 zum Gründungs- und Veranstaltungsteam der Re:publica und haben gemeinsam die TINCON ins Leben gerufen.

Christoph Zeiher (CZ): Frau Haeusler, wie kamen Sie auf die Idee, eine Konferenz über Netzkultur für Jugendliche ins Leben zu rufen?

Tanja Haeusler (TH): Die Idee zur TINCON – das ist die Abkürzung für Teenage Internetwork Conference – entstand schon vor drei Jahren. Wenn man sieht, wie großartig sich die Re:publica-Konferenz entwickelt hat, indem sie verschiedene Themen und Interessen der digitalen Gesellschaft zusammenbringt und verknüpft, liegt es doch auf der Hand, etwas Ähnliches für die junge digitale Gesellschaft zu entwickeln: für eine Gesellschaft, die eigenen Regeln und Kommunikationswegen folgt, andere Helden und Heldinnen feiert, im Kern aber ganz ähnliche Interessen hat.

Mit der TINCON möchten wir der jungen Generation eine Bühne geben, ihre Interessen sichtbar machen und so für öffentliche Aufmerksamkeit sorgen.

CZ: In Politik und Unternehmen ist immerzu von Medienkompetenz die Rede, aber die meisten drücken sich um eine klare Definition. Was bedeutet denn Medienkompetenz für Jugendliche?

TH: Ich kann den Begriff auch nicht mehr hören. Vereinfacht gesagt, geht es dabei um den bewussten Umgang mit digitalen Medien. Jugendliche gehen aber meiner Meinung nach nie so analytisch an das Thema heran. Sie nutzen digitale Medien zunächst so, wie es ihnen Spaß macht oder hilft. Und das ist auch richtig. Sie erfassen und nutzen technische Entwicklungen irrsinnig schnell, und an dem Punkt hecheln Eltern, Bildungsinstitutionen und Politik oft hilflos hinterher. Es wird dann verzweifelt versucht, diese digital aufwachsende Generation in eine Petrischale zu quetschen, um herauszufinden, ob sich da eine neue Spezies entwickelt. Ich denke: nein.

Die Basics, die ein friedliches Miteinander regeln – Respekt, Empathie, Verantwortungsbewusstsein – haben ihre Geltung in der digitalen Gesellschaft nicht verloren. Schaffen wir es, sie der jungen Generation zu vermitteln, wird sie dieses Bewusstsein auch im Digitalen leben. Damit das gelingt, muss man dieser Generation aber zunächst mit Respekt begegnen. Dazu gehört, dass man aufhört, über sie zu reden, und beginnt, mit ihr zu reden.

CZ: Worin sehen Sie die größten Herausforderungen für Digital Natives?

TH: Digitale Unabhängigkeit; die Qualität von Langeweile, Einsamkeit und Nicht-Erreichbarkeit schätzen zu lernen und selbstbewusst sagen zu können: Ich finde auch ohne Netz und Smartphone zur Lüneburger Heide. Und dass ich diesen blau-grünen Pilz am Wegrand nicht essen sollte, weiß ich auch ohne das Urteil meiner Whatsapp-Gruppe.

CZ: Haben Sie das Gefühl, dass diese Fähigkeiten verloren gegangen sind?

TH: Ja, aber das finde ich mindestens ebenso stark bei Erwachsenen. Wir kleben schon alle sehr an unseren Smartphones.

CZ: Wie kann man sich die Konferenz denn konkret vorstellen, wie viele Teilnehmer erwarten Sie?

TH: Wir erwarten 1.000 Gäste für die erste Ausgabe. Für die Frage, wie man sich die TINCON vorstellen muss, hatten wir uns den erklärenden Untertitel “Festival für digitale Jugendkultur” ausgedacht, weil er ganz gut den Themenmix aus Game, Youtube, Politik, Musik, Design, Code, Fashion, Fun und Action beschreibt. Aber unser Jugendbeirat findet den blöd, da müssen wir etwas Besseres finden. Die genannten Bereiche werden zwar im Programm bleiben, aber die Jugendlichen haben sie den Oberthemen Gesellschaft, Mensch, Zukunft, Internet und Lifestyle untergeordnet. Das war für sie klarer.

Die Formate werden variieren. Manches darf in ernsthaften Talks und Diskussionen bearbeitet werden, manches in eher Action-basierten Formaten, bei denen weniger gequatscht und mehr gemacht wird. Und dann gibt es natürlich den Bedarf nach ganz viel “Wow!”, also nach spektakulären Aktionen und Installationen. Und der eine oder andere Promi darf auch dabei sein.

CZ: Sie haben zuvor einen Jugendbeirat erwähnt. Wie stark sind die Jugendlichen denn in die Organisation der Konferenz eingebunden?

TH: Der Jugendbeirat besteht derzeit aus acht Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren. Wie schon beschrieben, stimmt dieser Beirat ganz konkret über Themen und Formate ab und hilft uns bei der Frage nach brauchbaren Kommunikationswegen oder dem Design der TINCON. Das klappt aber neben dem Online-Austausch eigentlich nur in den Ferien und greift also zusätzlich Freizeit ab, weshalb wir die Teilnehmer des Herbst-Workshops für ihre Beratertätigkeit bezahlt haben.

Außerhalb der Ferien laden wir einmal monatlich zu Programm-Meetings ein und versuchen, beispielsweise Design-Präsentationen so zu legen, dass die Jugendlichen dabei sein können.

CZ: Wie finanzieren Sie Ihr Projekt? Sind auch Unternehmen mit an Bord?

TH: Bis jetzt finanzieren wir uns aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen und unserem privaten Geld; ab ganz bald hoffentlich aus der Ernte unserer Förderanträge. Die GLS-Bank hat sehr unkompliziert als erstes Unternehmen zugesagt. Einige Gespräche mit staatlichen Institutionen und Stiftungen sind schon sehr weit fortgeschritten, und wir sind begründet optimistisch.

CZ: Und was ist der Plan für die Zukunft? Wollen Sie die Konferenz auch in anderen Städten veranstalten?

TH: Wir möchten regelmäßige Workshops zu verschiedenen Themen anbieten, und natürlich ist es sinnvoll, die TINCON nicht nur in Berlin zu veranstalten. Aber jetzt reifen wir erst mal an extrem hilfreichen Fehlern bei der ersten TINCON im Mai.

Das Netz – Jahresrückblick Netzpolitik

Dieser Beitrag ist Teil der Publikation “Das Netz – Jahresrückblick Netzpolitik” und erscheint auf Netzpiloten.de mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Sämtliche Artikel der diesjährigen Ausgabe sind hier auch online zu finden.


Image (adapted) „re:publica 2013 Tag 2 – Tanja Haeusler“ by re:publica (CC BY-SA 2.0)


 

Weiterlesen »

Storytelling für die Snapchat-Generation

Logo der Literatur-App Hooked

Das Startup Telepathic aus San Francisco entwickelt die App Hooked – und will damit Literatur für Jugendliche auf dem Smartphone attraktiv machen. // von Laura Selz

Literatur-App Hooked für das iPhone

Die iOS-App Hooked ist eine Bibliothek an Kurzgeschichten, die exklusiv für das Smartphone geschrieben wurden. „5-minute-readings“ – aber nicht zum scrollen, sondern zum klicken. Damit will die Gründerin Prerna Gupta Jugendliche für Literatur begeistern. Und das spielerisch, „denn die sitzen in der U-Bahn oder auf dem Pausenhof, haben wenig Zeit und wahrscheinlich noch weniger Konzentration.” Keine sehr schmeichelhafte Zielgruppe, aber genau das findet Gupta auch so spannend.

Weiterlesen »

Weiterlesen »

5 Lesetipps für den 7. September

In unseren Lesetipps geht es heute um die neueste Version des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages, Online-Betrüger, Netzpolitik.org, Nutzerdaten-Speicherung in Russland und Software-Umrüstungen. Ergänzungen erwünscht.

  • JUGENDMEDIENSCHUTZ beck-community: Umformulieren statt novellieren – Zum nunmehr dritten Versuch eines JMStV-Entwurfs: Der Leipziger Medienrechtexperte Prof. Dr. Marc Liesching kritisiert die neueste Version des Jugendmedienschutz-Staatsvertrag im Beck-Blog mit deutlichen Worten. Fazit: Die dringlichen Fragen eines zeitgemäßen Schutzes von Kindern und Jugendlichen im Web 2.0 bleiben vollumfänglich unbeantwortet. Liesching attestiert dem Neuregelungsversuch redaktionelle Scheinregelungen statt wirkliche Neuregelungen und im Vergleich zu vorherigen Neufassungsversuchen verliert das Vertragswerk immer mehr an Substanz. Es ist offensichtlich eine Schande, wie sehr die Medienwirklichkeit missachtet wird.

  • ONLINE BETRÜGER DIE WELT: Cyber-Kriminalität: Flüchtlingskrise hilft Online-Betrügern: Konten, die mit falscher Identität eröffnet wurden, bereiten derzeit der Polizei und den Staatsanwaltschaften große Sorgen. “Bank Drops” nennt sich diese Art von Geschäften mit Konten und werden von Kriminellen vor allem für Betrügereien im Online-Handel benutzt. Plattformen wie Ebay oder auch Amazon, machen sich die Betrüger ebenfalls zunutze. Außerdem erhöht die derzeitige Flüchtlingskrise das Sicherheitsrisiko zusätzlich, denn Asylbewerber können leichter an ein neues Konto kommen, da die Finanzaufsicht BaFin, die Anforderungen an die Dokumente gelockert hat. Das bedeutet, dass Flüchtlinge, die sich am Bankschalter ausweisen müssen, nicht so stark kontrolliert werden, was verschiedene Banken allerdings mit gemischten Gefühlen sehen.

  • NETZPOLITIK.ORG tagesschau.de: Fall Netzpolitik.org: BKA durchleuchtete Journalisten: Das BKA hat sich über die finanziellen Verhältnisse der beiden Journalisten von netzpolitik.org erkundigt. Markus Beckedahl und André Meister waren zeitweise des Landesverrats verdächtigt. Das Bundeskriminalamt soll sich Informationen bei der Rentenversicherung und der Meldebehörde der beiden eingeholt haben. Außerdem erhielten sie neun Seiten mit Informationen über die Macher von netzpolitik.org, von der Finanzdienstleistungsaufsicht des Bundes, BaFin. Es gibt allerdings keine Hinweise darauf, dass die zwei Journalisten abgehört oder gar observiert wurden.

  • RUSSLAND FAZ: Kreml will russische Nutzerdaten in Russland speichern: In Russland müssen ab sofort jegliche russische Nutzerdaten gespeichert werden, denn die Regierung ist der Meinung, dass alle Daten der Bürger geschützt werden müssen. Anfang September ist dieses Gesetz in Kraft getreten. Menschenrechtler sind allerdings besorgt, denn sie vermuten dahinter ganz andere Motive. Die Frage ist, ob es tatsächlich nur um die Sicherheit der Bürger geht oder um Überwachung? Oder ist steckt dahinter vielleicht auch der Wunsch, Daten für einen potenziellen Eingriff gegen ausgesuchte Ziele zur Verfügung zu haben?

  • UMRÜSTUNG heise online: Funkregulierung als Angriff auf alternative Software: “Open-Source-Projekte gefährdet”: Eine Software-Umrüstung, von Geräten die Funksysteme enthalten, soll laut der neuen Richtlinie der US-Regierungsbehörde FCC, bald verboten werden. Durch diese Maßnahme würde etlichen Open-Source-Projekten, in denen Betriebssysteme für Geräte fremder Hersteller entwickelt werden, das Licht ausgemacht werden. Allerdings dürfte dieses Verbot sich auf die ganze Branche auswirken, da eine DRM-typische Maßnahme, gegen Umrüstungen mit fremder Software, von der FCC gefordert wird. Das bedeutet, dass Hersteller ihre Entwicklungsprozesse überprüfen und falls nötig um Schutzmaßnahmen gegen Software-Umrüstung erweitern müssen, damit ihre Geräte die Freigabe der FCC für den US-Markt erhalten.

CHIEF-EDITOR’S NOTE: Wenn Ihnen unsere Arbeit etwas wert ist, zeigen Sie es uns bitte auf Flattr oder indem Sie unsere Reichweite auf Twitter, Facebook, Google+, Soundcloud, Slideshare, YouTube und/oder Instagram erhöhen. Vielen Dank. – Tobias Schwarz

Nutze Netzpiloten 1-Klick: Mit nur einem Klick werden dir bequem alle 40 Sekunden die hier besprochenen Seiten „vorgeblättert“ START.

Weiterlesen »

Der Bluetooth-Messenger Jott ist die neue In-App bei US-Teenies

Mit Freunden schreiben, ohne aktive Internetverbindung oder Datentarif? Für viele US-amerikanische Jugendliche ist das Alltag geworden. Der Messenger Jott wird inzwischen auch an Schulen eingesetzt.

Ann-Kathrin Bertenrath über den Messenger Jott

Möglich gemacht wird das Kommunizieren über die sogenannte Airchat-Technologie. Nutzer von Apple-Geräten können so über Jott Nachrichten via Bluetooth versenden. Das Prinzip ist nicht neu: Bereits im vergangenen Jahr sorgte “Firechat” für Aufsehen. Doch was bisher fehlte, war ein Messenger, der sich speziell an die Bedürfnisse der jungen Zielgruppe richtet, so Entwickler Jared Allgood gegenüber dem Wirtschaftsmagazin forbes.com: „Die meisten Menschen erkennen nicht, dass es eine sich entwickelnde Gruppe innerhalb Amerikas gibt. Es ist der amerikanische Teenager.“

Seine Firma Juxta Labs aus San Francisco hat sich vor allem durch Spieleapps wie „Little Riddles“ und „Pic the Song“ einen Namen gemacht. Mehr als eine Million Downloads, Tendenz steigend. Darüber hinaus entwickelte das Unternehmen im Jahr 2009 die Facebookapp „Yearbook“, die es dann nach dem Erreichen von 40 Millionen Usern an das Portal classmates.com verkauft hat.

Als Väter von Kindern im Teenageralter, wissen Allgood und sein Mitbegründer Jayson Ahlstrom von Juxta Labs über die Sorgen und Nöte der jungen Generation Bescheid. Diese ist vor allem eines: Internetaffin. Eine Umfrage des Unternehmens unter mehr als 300 Schülern zeigte: Rund 50 Prozent der US-amerikanischen Middle Schools und High Schools bieten keinen WLAN-Zugang an. Außerdem hätten viele Schüler kein Geld für eine Internetflatrate. Ein weiteres Problem: Viele Eltern würden ihren Kindern einen iPod oder ein iPad ohne Internetmöglichkeit mit in die Schule geben, so Allgood. Damit wären die Jugendlichen in der Schule von den Anderen ausgeschlossen.

„closed networks“ an Schulen

Mit Jott sollte sich das ändern. Die beiden Chefs stellten extra fünf Ingenieure ein, die bereits ein Messenger-System für Schulen entwickelten. Das Ziel: Es sollte nicht nur funktionieren, sondern vor allem sicher sein – immerhin ist die Hauptzielgruppe 13- bis 18-jährige.

Die App zerstört ähnlich wie Snapchat gesendete Nachrichten und erkennt, wenn jemand einen Screenshot von der Konversation macht. Die Möglichkeit Gesprächspartner zu blockieren gibt es ebenfalls.

In vielen Schulen existieren mittlerweile sogenannte „closed networks“. Wer da hinein will, muss sich mit seinem vollen Namen und seinem richtigen Alter registrieren. Außerdem wird mit der Anmeldung bestätigt, dass es sich wirklich um Schüler dieser Schule handelt.

Wie TechCrunch berichtet, sei es als Außenstehender geradezu unmöglich, sich länger unentdeckt in dem Netzwerk aufzuhalten. Eine Schuldirektorin sei schon nach kurzer Zeit von den Schülern als Fake entlarvt, gemeldet und schließlich gesperrt worden.

Doch warum sollten Teenager mit ihren Schulkameraden über einen Messenger schreiben, wenn diese sich doch in unmittelbarer Nähe befinden?

Mittelstufenschüler wollen neue Freundschaften schließen, aber dazu brauchen sie Telefonnummern. Oft haben sie auch keinen Datentarif, um mit ihren Mitschülern zu schreiben“, erklärte Allgood gegenüber TechCrunch. „Jott ersetzt das Zettelchen-Schreiben im digitalen Zeitalter.“


Jott-Geschäftsführer Jared Allgood erklärt auf CNN, wie der Messenger funktioniert:


Welches Potential hat die App?

Dass Jott ohne Internetverbindung und damit ohne jegliche Abhängigkeit von Mobilfunknetzen funktioniert, könnte auch außerhalb von Schulen von unschätzbarem Vorteil sein. Denn gerade in Gefahrensituationen oder während Naturkatastrophen (bei denen häufig das Mobilfunknetz zusammenbricht) ist es wichtig, dass Menschen in einem begrenzten Gebiet miteinander kommunizieren und sich so gegenseitig helfen können. Wer Angst um seine Daten hat, könnte mit Jott ebenfalls aufatmen: Bluetooth-Verbindungen können nämlich nicht ausgeschnüffelt werden.

Dennoch, betont Allgood in einem Interview gegenüber fox13now.com, sei die die App in erster Linie für Teenager entwickelt worden: “Wir konzentrieren uns auf Jugendliche, für sie haben wir diese App gemacht. Sie lieben und nutzen sie. Außerdem gibt es viele Schulnetzwerke, in denen sich Jott rasend schnell verbreitet.

Eine Einführung der App in den internationalen Markt sei erstmal nicht geplant.

Fazit

Ich habe Jott zu Testzwecken heruntergeladen. Jott ist in Deutschland natürlich aufgrund seiner offensichtlich geringen Nutzerzahlen und fehlenden Bekanntheit, bislang völlig unbrauchbar als Messenger. Mir persönlich gefällt das Design der App, die Menüführung empfinde ich jedoch als etwas gewöhnungsbedürftig. Zum Teil braucht die App auch mehrere Sekunden, bis sie einen Befehl ausführt. Das können andere Instant Messenger deutlich besser.

Dennoch würde ich mich freuen, wenn Jott auch auf dem deutschen Markt eingeführt wird. Meiner Meinung nach könnte sie hier ihr volles Potenzial entfalten, wenn man sich nicht nur auf Schulen, sondern auf sämtliche andere, mehr oder weniger geschlossene Gruppen konzentriert (Wohngebiete, Kaufhäuser u.ä.). Auch die Nutzung in Gefahr- und Notfallsituationen klingt vielversprechend. Bis dahin sollte aber zumindest die AirChat-Funktion für alle Betriebssysteme verfügbar sein.


Teaser & Image by Jott


CHIEF-EDITOR’S NOTE: Wenn Ihnen unsere Arbeit etwas wert ist, zeigen Sie es uns bitte auf Flattr oder indem Sie unsere Reichweite auf Twitter, Facebook, Google+, Soundcloud, Slideshare, YouTube und/oder Instagram erhöhen. Vielen Dank. – Tobias Schwarz

Weiterlesen »

Jugend hackt: Programmiernachwuchs in Nord, Süd, Ost und West

DSC_7200 (adapted) (Image by Open Knowledge Foundation Deutschland [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Die Veranstaltung „Jugend hackt“ möchte Jugendlichen einen Raum geben, in dem sie Programmieren lernen und so ihre Ideen gemeinsam verwirklichen können. Ich mochte Computer von klein an. Hackte MS-DOS-Befehle in den Rechner meines Vaters, suchte nach Cheats für die Games, die ich von meinen Cousins bekam und besuchte später ein Gymnasium mit Informatikschwerpunkt. Über ein paar Grundlagen in Turbo Pascal, HTML und fortgeschrittene Office-Anwendung kamen wir aber leider nicht hinaus. Ich hätte gerne mehr gelernt – aber wäre niemals auf die Idee gekommen, Informatik zu studieren. Weil: Ich wollte später nicht tagelang alleine vor einem Computer sitzend arbeiten. Ich wollte Teamarbeit und Kreativität – und hatte einfach keine Ahnung, dass das auch als Informatikerin möglich ist. Alles was ich über diesen Beruf wusste, entstammte seltsamen Kinoklischees.

Zehn Jahre später hat sich zwar in der öffentlichen Wahrnehmung einiges verändert – aber junge Talente, die sich für IT und Software-Entwicklung interessieren, werden in Deutschland immer noch zu wenig gefördert. Was sie können, bringen sie sich meistens selbst bei, und auf Gleichgesinnte treffen sie meist nur online. Welche Möglichkeiten sie mit ihren Fähigkeiten haben, das dürfen sie selbst herausfinden. Wie viele Talente der Branche so vielleicht für immer verloren gehen, lässt sich schwer abschätzen.

Teil einer Jugendbewegung

Die Open Knowledge Foundation, die sich für offenes Wissen, offene Daten, Transparenz und Beteiligung einsetzt, möchte das ändern – und hat 2013 gemeinsam mit mediale pfade die Veranstaltung Jugend hackt ins Leben gerufen: 63 programmierbegeisterte Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren kamen an einem Wochenende zusammen und setzten gemeinsam 15 Softwarte- und Hardwareprojekte um. Im Jahr 2014 stieg die Zahl der Teilnehmenden bereits auf 120. Begleitet werden die Veranstaltungen von ehrenamtlichen MentorInnen. Am wichtigsten für die Jugendlichen ist aber wohl der Austausch mit Gleichgesinnten, wie auch dieses Video mit Eindrücken von Jugend hackt Berlin zeigt:

Ein Wochenende mit Wirkung

Jugend hackt dauert zwar nur zwei Tage lang – hinterlässt aber einen bleibenden Eindruck, wie die Masterarbeit von Paula Glaser zeigt, die untersucht, ob Jugend hackt seine selbst gesteckten Ziele tatsächlich erreicht. Glaser studierte Medien in der Bildung an der PH Freiburg/FH Offenburg und ist mittlerweile Projektmanagerin bei Jugend hackt. Nach den Ergebnissen ihrer Arbeit gefragt erzählt sie:

Die Jugendlichen konnten sich nach der Veranstaltung beispielsweise signifikant besser mit ihrer Vorstellung einer typischen Programmiererin oder eines typischen Programmierers identifizieren. Außerdem hatten sie signifikant mehr Lust darauf gemeinsam mit anderen an Programmierprojekten zu arbeiten. Ich konnte somit belegen, dass Jugend hackt die Jugendlichen in ihrem Selbstverständnis als Programmierer/innen stärkt und sie zu kooperativer Arbeit anregt.

Ein tolles Ergebnis – aber Glaser sieht auch Verbesserungsbedarf: “Wir haben zwar durchschnittlich etwa 25 Prozent Mädchen bei Jugend hackt, das ist schon ziemlich gut für gemischte Technikveranstaltungen, aber natürlich gibt es da Luft nach oben. Auch beim Bildungs- und Migrationshintergrund würden wir gerne noch etwas diverser werden.

Die Ausweitung der Hackerzone

Eine erste Reaktion auf die Ergebnisse von Glasers Masterarbeit gibt es bereits. Da sich die Jugendlichen am häufigsten eine zeitliche Ausdehnung sowie häufigere regionale Treffen wünschten, findet Jugend hackt 2015 erstmals an vier Standorten statt und eine durchgängigere Vernetzung der Jugendlichen ist geplant.

Jugend hackt Ost in Dresden und Jugend hackt Süd in Ulm sind bereits erfolgreich über die Bühne gegangen, nun stehen noch Jugend hackt West und Jugend hackt Nord in den Startlöchern. Um die Ausweitung des Förderprogramms zu finanzieren sowie den Jugendlichen die Reisekosten erstatten zu können, bittet die Initiative auf betterplace.org um Unterstützung.

In Hamburg wird Jugend hackt von Theresa Grotendorst und Stephanie Weber in ihrer Freizeit organsiert. Sie planen die erste Ausgabe in der Hansestadt mit circa 50 Teilnehmern im September. Ich habe ihnen ein paar Fragen gestellt:

Wie kam es dazu, dass ihr Jugend hackt Nord organisiert?

Theresa: Ich habe selber einen IT-Background und war hier in Hamburg bereits ehrenamtlich als Coach tätig, um Jugendliche im Bereich IT zu fördern. Als ich letztes Jahr das Jugend hackt Camp in Berlin verfolgt habe, war ich sofort begeistert. Ich dachte, so etwas muss es auch in Hamburg geben!

Stephanie: Ich habe letztes Jahr an Coding da Vinci teilgenommen, einem Kulturhackathon in Berlin. Dort wurde ich von einer OKFN Mitarbeiterin überzeugt, als Mentorin bei Jugend hackt 2014 mitzumachen. Die Jugendlichen dort haben mich total geflasht, die Projekte, die diese in kürzester Zeit umgesetzt haben und die Begeisterung, mit denen sie an diesen gearbeitet haben, haben mich selber viel gelehrt und motiviert. Ungefähr ein halbes Jahr später habe ich Theresa auf einem Event kennengelernt und als sie mich fragte, ob ich mit ihr Jugend hackt dieses Jahr in Hamburg organisieren möchte, musste ich nicht lange überlegen!

Hättet ihr selbst vielleicht einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen, wenn es in eurer Jugend ähnliche Initiativen gegeben hätte?

Theresa: Definitiv! Mein Faible für IT/Tech hat sich erst im Laufe meines Studiums herauskristallisiert. Hätte mich jemand früher in diesem Bereich bestärkt, hätte ich sicher direkt Informatik studiert.

Stephanie: Auf jeden Fall. Ich war technologisch schon immer sehr affin, aber wusste als Jugendliche einfach nicht, dass man außer Computerspiele spielen noch so viel mehr machen kann. Erst in meinem Master habe ich mich an Processing und Arduino rangetraut. Wäre ich schon früher mit diesen Dingen in Berührung gekommen hätte ich mich sicher viel mehr damit beschäftigt und mein Kommunikationsdesigns-Studium mit Informatik ergänzt.

Was motiviert euch, eure Freizeit in dieses Projekt zu stecken?

Theresa: Die Ideen, die die Jugendlichen entwickeln und in die Realität umsetzen, lassen einen immer wieder Staunen, denn Innovation und Kreativität kennen hier noch keine Grenzen! Außerdem macht es natürlich großen Spaß mit einem tollen Team ein solches Event auf die Beine zu stellen!

Stephanie: Ich finde dass es viel mehr solch toller Initiativen geben müsste. Diese Jugendlichen sind unsere Zukunft und zu sehen, wie diese ein ganzes Wochenende lang hochmotiviert an tollen, teilweise sehr gesellschaftskritischen und hoch politischen, technologischen Projekten arbeiten und wie stolz sie am Ende auf diese sind, entschädigt für alles.

Wie kann man euch – außer durch Spenden auf betterplace.org – noch unterstützen?

Stephanie: Zur Zeit suchen wir noch MentorInnen, die Lust haben, die Jugendlichen vor Ort bei Ihren Projekten zu unterstützen. Außerdem natürlich Leute und Institutionen, die Hardware zur Verfügung stellen können (3D Drucker, Laser Cutter, Arduinos, Raspberry Pis etc.), sowie Kontakte zu Schulen und Bildungsträgern, Multiplikatoren und Presse.

Weiterführende Links:


Image (adapted) „DSC_7200“ by Open Knowledge Foundation Deutschland (CC BY-SA 2.0)


 

Weiterlesen »

Humboldt, Orwell und die Digitale Bildung

Schulen und das Web: zwei fremde Welten. Kaum bringt die Digitale Agenda da etwas Schwung, schon wird grob unsachlich dazwischengegrätscht. Zu den schönen kulturellen Errungenschaften, die uns die Blogs im Web neu beschert haben, gehört der Rant: die Schimpftirade als selbstironisches Textformat. Also wie Gernot Hassknecht, nur subtiler. Immer dann, wenn alles zu positiv werden droht und alle sich zu sehr auf die Schulter klopfen, kommt jemand und rantet los, in der Regel ausdrücklich markiert mit der Formel „sorry for the rant“.

Christian Füller a.k.a. @ciffi neigte schon immer zum Ranten, aber weniger zum Sorry sagen. Ich folge ihm seit sicher fünf Jahren auf Twitter, und das gern, eben weil er immer wieder den allzu gemütlichen Konsens stört, auch mal provoziert und immer wieder grob dazwischenholzt wie ein britischer Fußball-Vorstopper. Leider fehlt ihm Selbstironie. In den schlechteren Momenten verschwimmt dann die Grenze zur wirren Suada von schwadronierenden Technikkritik-Wirrköpfen wie Manfred Spitzer, dem deutschen Erfinder der „Digitalen Demenz“.

Und jetzt ist er also mit einem rüde rumpelnden Text (erst im eigenen Blog, dann hier bei Cicero) der SPD-Bundestagsabgeordneten Saskia Esken mit Anlauf von hinten in die Hacken gesprungen. Man kann das gesunde internationale Härte nennen, die Profi-Politiker vertragen sollten. Und ich bin sicher, dass gerade Esken da ungerührt weiterspielt: Die frühere Informatikerin und Elternrätin, die jetzt SPD-Fachfrau für Digitale Bildung ist, habe ich im Netz als reflektiert, pragmatisch und lakonisch-humorvoll schätzen gelernt.

„Fast wie Orwell“

Die SPD-Bundestagsfraktion hat unter Saskia Eskens maßgeblicher Mitwirkung ein Positionspapier zu „Digitaler Bildung“ verfasst (PDF). Dazu hat sie im Tagesspiegel einen Essay geschrieben, dem die Redaktion den zugegeben dämlichen Titel „Humboldt und die Algorithmen“ verpasst hat. Warum aber wird sie in Christian Füllers Verriss so grotesk falsch charakterisiert: „gütig-positiv, rosa Zuversicht, pseudo-emanzipatorisches Erlösungsvokabular, naive Jubelpose, Probleme des Netzes übersäuselnd„? Und warum unterstellt er ihr dazu noch „fast einen Orwell’schen Unterton„?

Das bedient ein beliebtes Klischee: Es ist eine Anspielung auf die ebenfalls eher unterkomplexe kalifornische Digital-Dystopie „The Circle“ von Dave Eggers, die ja nicht zufällig von deutschen Internetskeptikern begeistert aufgenommen wurde. Und auch Eggers selbst bedient ein altes Muster: 1984 kontrastierte der berühmte Apple-Werbespot die bunt-kreativen und individuellen Macintosh-Computer mit einer totalitären Big Brother-Welt, die deutlich auf IBM/Microsoft gemünzt war. Schon 2005 antwortete darauf eine richtig lustige Parodie, in der eben nun bunte Sportswear-Menschen mit iPods als verdummte Masse durch die Gänge trotten.

Ja, Digitalisierung hat zwei Seiten: Auf der einen Seite Verdatung und Zentralisierung, ein Traum für Bildungstechnokraten. Und auf der anderen Seite das dezentrale, von allen Nutzern belebte und weiterentwickelte Web, das der Wissenschaftler Tim Berners-Lee damals zum ausgesprochenen Missvergnügen von Microsoft-Gründer Bill Gates in die digitale Welt gesetzt hat. Das könnte man alles anreißen und diskutieren, aber Christian macht das nicht. Was ihn so aufbringt, ist der „Tonfall„, der „digitale Erlösungsdiskurs„, mit dem angeblich Leute wie ausgerechnet Saskia Esken jede Kritik an vorschneller und unreflektierter Digitalisierung der Bildung ersticken wollen.

Ich habe ihn auf Twitter gefragt, wer denn eigentlich im deutschsprachigen Raum diese naiv-totalitären Digitaleuphoriker sein sollen, vor denen er immer warnt. (Saskia Esken ist es ja definitiv nicht.) Ich sehe sie einfach nicht. Das sind nur Watschenmänner und Pappkameraden. In den USA mag es das geben, bei der Gates Foundation und bei einigen Silicon Valley-Bildungsunternehmen, aber da ist die Gefahr viel eher die universale Verdatung und Verpunktung von Bildung, also die zentrale Kontrolle. Leute aber, die sich wie Esken auf ein aufklärerisches Bildungsideal (Codewort: Humboldt) berufen, sind ganz sicher nicht der Feind. Doch Füller beschuldigt sie pauschal, sich zumindest als nützliche Idiotin für „das Treiben von Facebook, Google etc in Verbindung mit NSA, BND usw.“ einspannen zu lassen.

„Saskia Esken und viele Netzaktivisten“

Also wer? Die Leute auf dem Educamp in Stuttgart, wo ich Esken kurz persönlich kennengelernt habe? Da waren extrem engagierte Pädagogen wie Torsten Larbig von edchat.de und Maik Riecken, der sich selbst zum ausgefuchsten Schulnetz-Administrator ausgebildet hat. Diese Leute muss man nicht der Naivität bezichtigen, was die Netzanbindung von Schulen angeht. (Christian führt allen Ernstes einen misslungenen Videokonferenz-Stream aus der Microsoft-Zentrale als zentralen Beleg dafür an, dass die Forderung verfehlt sei, „endlich die technischen und didaktischen Voraussetzungen für digitales Lernen zu schaffen„. Ich verstehe das nicht.)

Ich könnte jetzt noch zig Namen von deutschen Netzaktivisten mit Schulbezug aufzählen, aber keine/r einzige/r ist entspricht dem Füller-Klischee. Niemand, wirklich niemand sagt da so etwas wie „Tablet, erlöse uns! Lernen war und ist so kompliziert, Internet hülf!“ (Vermutlich bin ich ja selbst schon eine der extremsten Stimmen.)

Es gibt keinen Link im ganzen Text, in dem irgendwie auf eine konstruktive Schiene gelenkt würde. Also etwa ein Link zu Philippe Wampfler, der zwei Bücher über Schulen, Jugendliche und digitale Medien geschrieben hat, und mit dem Christian gern auf Twitter diskutiert. Oder Beat Doebeli, Professor an der PH Schwyz und tatsächlich seit 15 Jahren ein Wortführer der „Digitalen Bildung“-Fraktion, der nichts anders tut, als sehr genau die technischen und didaktischen Hindernisse wie auch die begeisternden Möglichkeiten von digitalen Netz-Medien in ganz konkreten Schweizer Schul-Projekten zu dokumentieren, mit besonderer Berücksichtigung von BYOD-Szenarien (Bring Your Own Device, also das eigene Smartphone).

Es gibt überhaupt fast keine Links in Füllers Old School-Artikel. Es gibt keine Hinweise und in die Breite. Am Ende wird etwa abfällig eine Demonstration bei derselben Microsoft-Veranstaltung erwähnt, bei der 12-jährige Schüler mit einer Schildkröte programmieren lernen. Nun, das ist ganz offensichtlich die Programmiersprache Logo, die der berühmte Digitalpädagoge Seymour Papert in den 1970er Jahren erfunden hat, um Kindern zu zeigen, dass digitale Technologie keine Raketenwissenschaft von Datenkrakenkonzernen ist, sondern Individuen ermächtigen kann und soll. Entweder weiß Christian das nicht, oder – eher noch schlimmer – er sagt es nicht. Das aber bedeutet, die Leser dumm zu halten. Die Kommentare unter dem Cicero-Artikel sind auch entsprechend ahnungslos.

Ohne etwas über Papert zu wissen, ohne die Argumente von Wampfler, Doebeli u.a. ins Spiel zu bringen, kann man aber schlicht nicht vernünftig über Digitale Bildung diskutieren. Dann ist man verdammt zum unterirdischen Manfred Spitzer-Niveau: „Selbst im digital gestützten Unterricht geschehen Dinge, die mit Ermächtigung und Souveränität nicht zu beschreiben sind, aber mit Sucht, Ablenkung und digitaler Hörigkeit.

Digitaler Neusprech

Um fair zu sein: Es gibt in diesem hin- und herspringenden Rant, der sich als seriöser Diskussionsbeitrag geriert, einen wahren Kern. Das Wort „digital“ wird tatsächlich sehr leicht als ein beschwörendes Kürzel verwendet, das genaue Differenzierung ersetzt. Es gibt diese schablonenhaften Textbausteine über „Digitalisierung“, in die man in der Politik, in Sonntagsreden und in EU-Projektanträgen sehr leicht hineinrutscht. Es gibt die Kopfweh erregenden Wischiwaschi-Formulierungen, an denen man beim Lesen teflonhaft abrutscht. Das kann und soll man schon kritisieren. Aber halt nicht so.

Denn natürlich muss man trotzdem genau hinschauen. Als abschreckendes Beispiel wird etwa dieser Satz zitiert: „Wenn wir diesen [aufklärerisch-humboldtischen] Bildungsbegriff für die digitale Welt interpretieren, kommt der digitalen Bildung die Aufgabe zu, die Menschen mit der Aneignung einer digitalisierten Welt zu einer souveränen Teilhabe an ihr zu ermächtigen.

Was heißt das? Wir leben nolens volens in einer „digitalen Welt“. (Ja, klar.) Bildung muss darauf reagieren, wenn sie zum Ziel hat, den Menschen dabei zu helfen, sich diese Welt anzueignen und souveräne Subjekte zu werden. (Ja, klar.) Das Ziel ist Ermächtigung und souveräne Teilhabe. (Ja klar: das urdemokratische, aufklärerische Ideal.)

„Netzverkehrserziehung“

Wo also ist hier Füllers Problem? Man muss es sich mühsam zusammensuchen, aber das eigentliche Problem ist am Ende anscheinend gar nicht zuviel Kontrolle durch GoogleFacebookNSA, das bleibt hier bloßes technikkritisches Klischee, sondern gerade mangelnde Kontrolle: Man soll die SchülerInnen (die Menschen) nicht vorschnell zu souverän werden lassen. Nicht zu sehr teilhaben lassen, nicht ohne sorgfältige pädagogische Kontrolle ermächtigen. Überall drohen ja „Prokrastination, Mobbing und digitaler Exhibitionismus„.

Deshalb keine „vorschnelle, radikale und pauschale Einführung digitaler Lernmöglichkeiten„. (Als ob deutsche Schulen gerade überall Breitband-Internet und ständigen Netzzugang für alle SchülerInnen einführen wollten.) Deshalb nur „reflektiert und schrittweise Schulen und Schüler mit der digitalen Welt zu befreunden„. (Also ob Jugendliche erst die Schulcomputer bräuchten, um mit den unerfreulichen Seiten des Internet Bekanntschaft zu machen.)

Was SchülerInnen wirklich dringend brauchen, sind möglichst viele konstruktive und kollaborative Erfahrungen mit dem Netz als Wissens- und Arbeitsraum. So etwas lernen sie eher nicht auf eigene Faust. Das ist das, was sogar altmodische deutsche Unternehmen wie Bosch gerade an allen Arbeitsplätzen einführen, weil sie gemerkt haben, dass das alte bürokratisch-autoritäre Organisationsmodell ausgedient hat, das unseren Schulen 100 Jahre lang als Blaupause diente. Und natürlich gibt es bereits avancierte pädagogische Konzepte für den Umgang mit dem Netz. Die Londoner St. Pauls School führt z.B. seit 10 Jahren vorbildlich vor, wie das geht. Der Netz-Pionier Howard Rheingold entwickelt Netsmart-Kurse, in denen man lernt, mit dem Web als Bildungs-Ökosystem umzugehen, usw. Alles, was in diese Richtung geht, ist an deutschen Schulen dringend nötig.

Christian Füller gibt keine konkreten Hinweise, wie er selbst sich das „schrittweise Befreunden“ mit dem Netz vorstellt, aber die Metapher, die er wählt, ist schon bezeichnend: Dringend nötig sei „so etwas wie eine Netzverkehrserziehung für die Schüler„. Netzverkehrserziehung. Also nicht gleich auf diese digitalen „Datenautobahnen“, von denen man in den 1990ern sprach, sondern erst mal auf Spielstraßen. Ein Schulparkplatz mit aufgemalten bunten Bahnen, die Straßen und Kreuzungen darstellen, und dann dürfen die Kleinen mit ihren Rädern mit dem orangen Wimpel über den Parcours. Rechts vor links, und immer schön umschauen.

Wenn das das Weltbild sein soll, mit der wir dem Netz und dem Web begegnen, dann wird das nichts mit Bildung für die digitale Welt.

 

Weiterlesen »

Teilen, vernetzen, liken: Aufwachsen mit konvergenten Medien

A teen girl texting while driving (Image by CDC/Amanda Mills [CC0 Public Domain], via Freestockphotos.biz)

Jugendliche wie Erwachsene stehen vor der ständigen Herausforderung, mit Kontrolle und Transparenz in ihrem Medien-Alltag umzugehen. Die Tätigkeiten Teilen, Vernetzen und Liken charakterisieren die Handlungsweisen vieler Jugendlicher, junger und inzwischen auch älterer Erwachsener mit konvergenten Medien: Favorisierte Inhalte an andere weiterzugeben, der Online-Austausch im engeren und weiteren Bekanntenkreis und auch das Feedback mit einem Klick haben sich binnen kurzer Zeit in den Medienhandlungsrepertoires etabliert. Unter dieser oberflächlichen Betrachtung von Medienhandlungsweisen verbergen sich vielfältige Interessen der Nutzenden, die erst mit einem differenzierten Blick auf ihre Sozialräume und auf ihre soziokulturellen Hintergründe verständlich werden.

Mit Jugendlichen gesellschaftliche Bedingungen reflektieren

Kein Wunder also, dass (Medien-)Unternehmen ein großes Interesse daran haben, über die Gewohnheiten ihrer „Kundinnen und Kunden“ mehr zu erfahren. Für viele Jugendliche (und auch Erwachsene) bleiben diese Mechanismen der Datenerfassung diffus und abstrakt. Auch wenn viele persönliche Informationen aus verschiedenen Motivlagen, wie z.B. dem Wunsch nach sozialer Einbettung und Zugehörigkeit im Freundes- und Bekanntenkreis, doch preisgegeben werden, heißt das nicht, dass sich Jugendliche keine Gedanken um gesellschaftliche Zusammenhänge und aktuelle Entwicklungen machen.

Beispiele dafür, wie Jugendliche mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammen, über aktuelle Gesellschaftsthemen diskutieren und ihre eigene Meinung dazu formulieren, zeigt das Projekt „Jugend erforscht die digitale Gesellschaft„: Jugendliche bringen hier auf den Punkt, über was sie nachdenken und was sie in ihrem Alltag beschäftigt. Dabei geht z.B. um Themen wie Überwachung im Alltag, die Hintergründe zu Apps oder die Frage Was heißt eigentlich kostenlos im Netz) (z.B. die Mechanismen von Free2play zu hinterfragen).

Sehr deutlich wird in dieser Arbeit mit Jugendlichen, dass sie auf Augenhöhe diskutieren wollen: Es ist ihre Welt, um die es hier geht und in die sie sich einbringen wollen. Oberflächliche Ratschläge, wie möglichst wenig Datenspuren im Netz zu hinterlassen, helfen ihnen wenig weiter. Vielmehr wollen sie die Auseinandersetzung über und konkrete Alternativen für ihr Alltagshandeln erfahren.

Aufwachsen zwischen Kontrolle und Transparenz

Aufwachsen heute heißt mit den Bedingungen von Kontrolle und Transparenz umgehen zu lernen. Medienhandeln ist aus der Perspektive der Subjekte zunächst vor allem ein soziales Handeln, bei dem folgende Aspekte im Mittelpunkt stehen:

  • Unterhaltung und Information

  • Austausch und Vernetzung

  • Kooperation und Kollaboration

  • Identitätsarbeit

  • Partizipation

Es ist aber eben auch geprägt durch die für die Einzelnen nur schwer durchschaubaren Strategien von Akteuren, deren Interessen kommerziell und/oder politisch geprägt sind, wie die Studie von Cracked Labs sehr anschaulich zeigt. Um gesellschaftlich handlungsfähig zu bleiben, wird es für die Subjekte zur zentralen Anforderung, mit den Ambivalenzen zwischen den eigenen Motivlagen und den Interessen Dritter im mediatisierten Alltag umzugehen und sich Orientierungspunkte zu suchen. Dafür braucht es die Zusammenarbeit der Pädagogik mit gesellschaftlichen Akteuren, deren gemeinsames Anliegen es ist, transparente Bedingungen für die Subjekte zu schaffen und alternative Wege aufzuzeigen, die nur über Vernetzung und Diskurs möglich sind.


Teaser & Image „A teen girl texting while driving“ (adapted) by CDC/Amanda Mills (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Wieso wir in der Schule über Sex und Pornos reden müssen

Madam keeps on eating while Mister is very busy ... (adapted) (Image by Gilles San Martin [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Sex und Pornos sind digital stets zugänglich, doch wie können Jugendliche im Umgang mit solchen Inhalten geschult werden? Vor Kurzem hat der Kinderschutzverein NSPCC Childline (Nationale Society for the Prevention of Cruelty to Children) eine Studie veröffentlicht, in der herausgearbeitet wurde, zu welchem Maße Kinder dargestellt, abhängig gemacht und für pornographisches Material ausgenutzt werden und diesen Zugang selbst nutzen. Die Studie zeigte, für wie viele Kinder und Jugendliche Pornographie ein Teil ihres Alltagslebens ist. Die Ergebnisse mögen schockierend sein, doch die neuen Möglichkeiten des Internets und der sozialen Medien, die zunehmende sexualisierte Umwelt, sowohl offline als auch online, zeigen auf, dass wir neue Wege finden müssen, um die Probleme anzupacken, wie wir momentan mit Sex umgehen und darüber reden.

Eine Möglichkeit, Kindern dabei zu helfen, Geschlecht und Sexualität besser zu verstehen, besteht in guter Bildung – aber während die hitzige Debatte anhält, ob Sexualkundeunterricht nun doch verpflichtend eingeführt werden solle, geht der Streit weit darüber hinaus: man sollte Pornographie und andere Themen wie Vergewaltigung in der Schule thematisieren.

Sexualkunde ist Teil des Fachbereichs “Personal and Social Health Education” und steht auf den Lehrplänen der Schulen. Sie soll “alle Themen und Fähigkeiten abdecken, die junge Menschen benötigen, um ihr Leben managen zu können, sich vor Gefahr zu schützen und als Individuen in unserer modernen Gesellschaft zu gedeihen.” Trotzdem findet der Unterricht im Fachbereich “Personal and Social Health Education” freiwillig statt. Er sollte verpflichtend eingeführt werden, und in dem Zusammenhang sollten sexuelle Abbildungen, Inhalte, Vergewaltigungsmythen und Probleme rund um Pornographie, in der Mittelstufe als Teil des Lehrplans aufgenommen werden.

Verlust der Unschuld und staatliche Kontrolle

In einem Artikel der Sunday Times hat Bildungsministerin Nicky Morgan den Fachbereich “Personal and Social Health Education” als einen Aspekt des Geschlechterkampfes und der Geschlechtergleichbehandlung gekennzeichnet. Ein Teil davon beinhaltete, die Mädchen darin zu unterrichten, “was eine gesunde Beziehung ausmachen sollte und wie man ‚Nein‘ zu sagen lernt.” Aber neben der Tatsache, dass man dies für den Schulunterricht einführen sollte, zögerte sie, über Sexualkunde zu sprechen und bezog sich dabei auf Untersuchungen von “Expertenorganisationen”, die “nicht in der Lage wären, oder deutliche Probleme damit hätten, die grundlegenden britischen Werte zu vertreten.” Stattdessen arbeiteten sie mit Experten für „Personal and Social Health Education” zusammen und hatten eine Liste zusammengestellt, die Material beinhalte, das “den Lehrern mehr Selbstvertrauen geben solle.”

Doch das Selbstvertrauen der Lehrer ist hierbei nicht der Punkt, und auch die Probleme nicht, die die Kinder eindeutig betreffen. Die Sicherheitsfilter sind eindeutig nicht sehr erfolgreich darin, die allgegenwärtige Zugänglichkeit der Pornographie zu verhindern. Und es kann behauptet werden, dass der Sexualkundeunterricht zwar eine gute Idee ist, aber wieso ist es so schwer, diese durchzusetzen?

Wir schrecken vor einem “moralischen Minenfeld” zurück

In einer kürzlich erschienenen Ausgabe der Sendung “Moral Maze” auf BBC wurde Sexualkunde als “moralisches, ethisches und emotionales Minenfeld“ bezeichnet. Die Kritiker hierzu zerfielen in zwei Lager. Die eine Seite stimmte für den Schutz der kindlichen Unschuld – die Kinder sollten so lange wie möglich von der erwachsenen Sexualität ferngehalten werden. Bringe man ihnen nun auch in der Schule etwas über Pornographie bei, könnte dies als legitim betrachtet werden. Dadurch würde der Sexualkundeunterricht das Problem der Übersexualisierung nur verstärken, gegen das er eingesetzt werden sollte.

Andere Stimmen geben der Sexualkunde selbst die Schuld. Junge Frauen wären mehr denn je sexuell selbstbewusst, und falls sie doch Scheu vor Sex hatten, würde diese Angst nicht durch Pornographie, sondern durch den Unterricht bestärkt. Der Bericht der “Personal and Social Health Education”-Vereinigung wurde kritisiert, übermäßig Besorgnis gegenüber Frauen und Gewalt zu erregen, und sei zudem scheinheilig: Die Definition der Zustimmung wäre übermäßig hoch und stelle menschliche Beziehungen als sehr kompliziert dar. Seine Vorschläge seien aufdringlich, präskriptiv und konformistisch. Würde er als verpflichtend eingeführt werden, laufe der Sexualkundeunterricht Gefahr, eine staatlich sanktionierte Sichtweise auf “gesunde” Beziehungen zu generieren und wäre im Grunde ein weiterer Schritt in Richtung sozialer Kontrolle.

Beide Kritiken bezichtigten Pornographie und die Pornoindustrie als unaufhaltsame Tatsache, und doch blieben die Aspekte der Misogynie und geschlechterspezifischen Machtfragen wie Zustimmung, Vergewaltigung und Pornos unangesprochen.

Pornographie im Unterricht

Christian Graugaard, ein dänischer Sexualwissenschaftler, erörterte, dass Pornographie unter kontrollierten Bedingungen, 15- und 16 Jährigen Schülern im Unterricht vorgeführt werden solle (seit den 1970ern ist Sexualkunde in Dänemark verpflichtend, zudem ist Pornographie in manchen dänischen Schulen Teil des Lehrplans).

Er beharrte darauf, dass wenn wir jungen Menschen nicht in eine kritische Diskussion über die frauenfeindlichen Aspekte der Pornographie einladen würden, wir ihnen keine Maßstäbe mitgeben würden, um Sex anders als von der Industrie präsentiert zu beurteilen. Ihnen Pornographie vorzuführen, ist eine Möglichkeit, ihnen beizubringen, dass Pornos nichts mit echtem Sex zu tun haben. Da Pornographie für Teenager ohnehin leicht zugänglich ist, wollte Graugaard sichergehen, dass sie “die nötigen Fähigkeiten besitzen, die Pornos konstruktiv zu betrachten” und “verantwortungsbewusste und kritische Konsumenten” werden zu können. Graugaard meint:

Pornos können auch feministisch sein, manchmal sogar Teil einer Demokratisierung der Sexualität, und [kann auch] Diversität bewerben. Sie können aber auch ausschließen – beispielsweise Körperformen, Geschlechter und Sexualität. Wir wollen, dass unsere Kinder ein aufregendes und befriedigendes Sexleben haben, also ist ein offener, konstruktiver Dialog die beste Art, um sicherzugehen, dass sie in der Lage sind, sinnvolle Entscheidungen für sich zu treffen.

Die anschließende Debatte nahm vorhersehbare Züge an: Wenn man den Kindern von Sex erzählt, würde ihre Unschuld zerstört; sie seien sowieso versiert genug, mit Medien umzugehen, und zu behaupten, sie seien nachteilig von Pornos beeinflusst, würde nur mehr die Ängste der Erwachsenen schüren.

Sexualkunde ist zum Teil ein Kampf für Geschlechtergerechtigkeit und Gleichheit. Graugaards Vorschlag, den 15- und 16 Jährigen Pornos vorzuspielen, bietet ein Forum, in dem dieses frauenfeindliche und größtenteils eher beschränkte Medium visuell vorgeführt und von den Teenagern kritisch diskutiert werden kann. Hier impliziert Graugaards Unterscheidung in “gute und schlechte” Pornographie, dass das Genre zumindest recht vielfältg ist. Dennoch ist der Großteil der Mainstreampornos recht ähnlich gestrickt, meist werden Hardcorethemen erzählt und mit Entmenschlichung und Degradierung der Frau gearbeitet.

Wir haben auch schlechte Angewohnheiten

Es ist nicht der Sex der Jugendlichen, der uns moralisch herausfordern sollte. Teenager haben starke, erotische Gefühle, die sie noch entdecken werden auszudrücken. Als Gegenbeispiel ziehe ich einmal die Besorgnis über den Tabakkonsum der Jugendlichen im späten 20. Jahrhundert heran. Nicht nur war es scheinheilig, sondern zudem auch recht wirkungslos, den jungen Leuten immer wieder zu sagen, wie ungesund Rauchen sei. Solange die Erwachsenen es als alleiniges Recht betrachteten, blieb Rauchen der Übergangsritus ins Erwachsenenleben schlechthin.

Inmitten der Aufregung, ob wir Themen wie einvernehmlichen Sex, Vergewaltigung und Pornos in den Unterricht einfließen lassen sollten oder nicht, sollten wir uns vielleicht zuerst an die eigene Nase fassen. Wenn Pornos nicht länger als Problem von männlichem oder weiblichem sexuellen Verlangen nach weiblicher Degradierung, sondern als Vergnügen für Erwachsene anerkannt ist, können junge Leute die Last unseres Erbes tragen.

Der Artikel ist zuerst auf theconversation.com erschienen und unter CC BY-ND 4.0 lizensiert. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Image (adapted) „Madam keeps on eating while Mister is very busy …“ by Gilles San Martin (CC BY-SA 2.0)


Weiterlesen »

Burnbook – Wenn Cyber-Mobbing eine Plattform findet

into the blue (adapted) (Image by Arindam Bhattacharya [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Die App Burnbook versetzt derzeit amerikanische Eltern und Schulen in Aufruhr, denn sie bietet eine Plattform auf der anonym Cyber-Mobbing betrieben werden kann. Wozu gibt es eine App wie Burnbook eigentlich? Diese Frage stellen sich in den USA derzeit viele Eltern und Schulmitarbeiter. Die App bietet eine anonyme Plattform, um sich in bestimmten Communities (sprich, Schulen) über einander auszutauschen. Dass diese Anonymität natürlich gerade unter Teenagern einer Einladung für Gemeinheiten aller Art gegen die Mitschüler gleich kommt, dürfte kaum überraschen. Inzwischen gab es auch schon Schließungen von Schulen aufgrund von Bombendrohungen – aber die moralische Verantwortung scheint niemand übernehmen zu wollen.

50 Shades of Mean

Die App Burnbook hält derzeit die amerikanischen Eltern und Schulen auf Trab. Benannt wurde die für iOS und Android erhältliche Anwendung nach einem Buch in der Teenie-Komödie Mean Girls von 2004 (deutscher Titel übrigens: Girls Club – Vorsicht bissig!), in das drei junge Mädchen allerlei Gerüchte und Gemeinheiten über ihre Mitschüler geschrieben haben. Und auch in der App finden sich überwiegend genau solche Inhalte, die kommentiert und hoch- oder runter-gevoted werden können. Neu ist die Idee zwar nicht – verschiedene Facebook-Gruppen und ähnliche Apps wie Whisper, Secret und Yik Yak wurden bereits für derartige Zwecke genutzt, doch keine von diesen hatte es bisher so effektiv auf lokale Communities, wie Schulen, abgesehen.

In den USA hat die App in den vergangenen Wochen mehrfach Schlagzeilen gemacht, nachdem verschiedene High-Schools schließen mussten, da über Burnbook Bombendrohungen ausgesprochen wurden. Nachdem ein Schüler in San Diego über die App eine Drohung verbreitet hat, dass er eine Waffe mit zur Schule bringen würde, wurde die Schule ebenfalls geschlossen. Über diesen Vorfall hatte sich der CEO von Burnbook, Jonathan Lucas, betroffen geäußert und Veränderungen angekündigt, mit denen es einfacher werden soll, unerwünschte Inhalte zu löschen. Außerdem sagte er, gegenüber KUSI: “Anonymität ist ein Privileg, kein Recht. Wenn das Privileg ausgenutzt wird, gibt es Konsequenzen”. Diese sehen so aus, dass die App nicht so anonym ist, wie sie sich gibt und im Falle von illegalen Inhalten die IP-Adresse des betreffenden Nutzers an die Gesetzeshüter weitergegeben wird. Nichts ist also wirklich anonym, was ja auch durchaus eine wichtige Lektion für die Schüler ist.

Niemand will sich die Finger verbrennen

Doch all diese Änderungen betreffen nur die großen Drohungen – gegen das niederschwellige Mobbing, das täglich auf der Plattform vor sich geht, können sie leider nichts ausrichten. Und genau aus dem Grund sind Eltern und Schulleiter in den USA immer noch zu Recht besorgt über die App. Eine Bombendrohung betrifft unmittelbar viele Menschen und erhält daher viel Aufmerksamkeit – diese erhalten Einzelopfer von Mobbing-Attacken allerdings nicht und so bleibt ihr Leid oft unbemerkt. Und so stellen sich die Fragen, warum existiert so eine App überhaupt, was kann man dagegen unternehmen und vor allem wer ist in der moralischen Verantwortung? Der Entwickler und CEO von Burnbook betont immer wieder, dass die App nicht als Mobbing-Plattform gedacht ist und dass man zur Nutzung mindestens 18 Jahre alt sein muss (oder 17 mit Erlaubnis der Eltern). Allerdings wird hier deutlich, dass der 23 Jahre junge Lucas doch recht naiv an die ganze Sache herangeht, denn eine Alterskontrolle innerhalb der App gibt es nicht und auch die Alterskontrolle der App Stores von Apple und Google sind nicht gerade eine große Hürde.

Lucas behauptet außerdem, Burnbook sei für den “Austausch von Witzen, Fehlschlägen, Siegen, Sichtungen, Verkündungen, Enthüllungen und Geständnissen” gedacht – doch ändert dies natürlich nichts daran, wofür die App tatsächlich genutzt wird. Aber reicht die Unschuldsabsichtserklärung vom Entwickler aus, um die tatsächliche Nutzung und daraus eventuell resultierende Schäden zu legitimieren, oder stiehlt er sich damit aus der Verantwortung? In den App-Stores häufen sich die negativen Bewertungen mit eindeutigen Kommentaren, doch die App erfreut sich ungebremster Beliebtheit. Aber wann ist der Punkt erreicht, an dem die App-Store-Betreiber Verantwortung übernehmen und die App aus den Stores entfernen? Und was für Mittel bleiben den besorgten Eltern, außer negativen Bewertungen? In Texas haben einige Eltern begonnen positive Nachrichten über die App zu verbreiten – auf dem Blog der Sicherheitsfirma McAffee finden sich zusätzliche Tipps, wie Eltern ihren Kindern den Umgang mit der App beibringen können – doch machen wir uns nichts vor, einen Mobbing-Troll im Schutz der Anonymität wird das wohl kaum beeindrucken.


Image (adapted) „into the blue“ by Arindam Bhattacharya (CC BY-SA 2.0)


Weiterlesen »

Münchner #WhatsDepp-Medienwoche vom 2.3. – 7.3.2015

classroom-laptops-computers-boy.jpg (adapted) (Image by r. nial bradshaw [CC BY 2.0] via Flickr)

In der #WhatsDepp-Medienwoche dreht sich alles um Informationen und Workshops rund um neue Medien. Zum vierzehnten Mal fand vom 2. März bis 7. März die #WhatsDepp-Medienwoche in der Münchner Stadtbibliothek statt. Die Medienwoche ist ein Koorperationsevent von medienpädagogischen Facheinrichtungen, darunter dem Café Netzwerk, Jugendinformationszentrum Kreis München und der Stadtbibliothek, beziehungsweise der medienpädgogischen Zentrale der Stadtbibliothek, Update. Vormittags bekommen Schüler und Schülerinnen in Workshops alles rund um Medien vermittelt, Abends gibt es dann Vorträge für Eltern, Lehrer und Interessierte.

Einrichtungsleiter und Pädagoge Said Köse vom Café Netzwerk erzählt, wo die Probleme liegen: Jugendliche haben das Know-How, aber keine kritische Haltung, bei Eltern ist das genau umgekehrt. Laut dem Pädagogen ist neben Lesen, Rechnen und Schreiben der Umgang mit Medien die vierte wichtige Kompetenz, die jedes Kind beherrschen muss. Ohne diese Kompetenz habe meine keine gute berufliche Perspektive, denn „wer in dem Bereich vorne ist, hat einen Wettbewerbsvorteil“, so Said Köse.

Sowohl für die Jugendlichen als auch ihre Eltern ist es wichtig, nicht nur das Know How zu vermitteln, sondern den Fokus auch auf den kritischen Umgang zu legen: Wo ordne ich welche Information ein? Die meisten Probleme die im Internet auftreten, sind „Urheberrechtsgeschichten“, erzählt Said Köse, es sei ein Massenphänomen. Momentan gibt es noch keine automatischen Kontrollmöglichkeiten, aber sobald es die gibt, wird es Abmahnwellen geben.

Für die Jugendlichen gibt es zwei Arten von Workshop: Zum Einen über Social Media, in welchem es um Privatsphäre, Datenschutz und den kritischen Umgang geht, zum Anderen gibt es einen Anti-Cybermobbing Workshop. Denn das, was früher auf dem Schulhof statt fand, passiert nun 24 Stunden am Tag lang online. Said Köse betont, wie viel leichter und hemmungsloser im Internet Beleidigungen ausgesprochen werden. Lehrer sind nicht genug dafür sensibilisiert, um solche Vorfälle mitzubekommen. Kinder und junge Erwachsene haben laut dem Einrichtungsleiter auch oftmals das Problem, dass sie das, was im Handy und im Internet passiert, für real halten und sich sehr stark zu Herzen nehmen. Zum Leben offline gibt es kaum noch Unterschiede. Für Erwachsene wie ihn, so Said Köse, hat eine Face to Face Unterhaltung noch viel mehr Qualität.

Der Bedarf für diese Workshops ist da, denn Schulen haben kaum Ressourcen und Mittel, um das Thema anzugehen und sind für jedes Angebot dankbar. Die nächste Medienwoche wird erst wieder 2016 stattfinden, voraussichtlich Anfang März.


Image (adapted) „classroom-laptops-computers-boy.jpg“ by r. nial bradshaw (CC BY 2.0)


 

Weiterlesen »

5 Lesetipps für den 3. Februar

In unseren Lesetipps geht es heute um uns Netzpiloten, den Blogger Andrew Sullivan, Journalismus, an Politik interessierte Jugendliche und Slack. Ergänzungen erwünscht.

  • NETZPILOTEN Brand Eins: Wir Netzpiloten sind Alt-98er: Uns Netzpiloten gibt es jetzt schon seit 17 Jahren. In der Januar-Ausgabe der Brand Eins durften wir zum Auftakt einer Artikelserie über die New Econmy einen Blick zurück und nach vorn werfen. Der Text von Mischa Täubner ist jetzt auch online auffindbar, weshalb wir ihn noch einmal ausdrücklich empfehlen wollen. Wer mehr über uns erfahren will, findet in dem Text viele spannende Anekdoten und Lehren, die wir als Unternehmen in den letzten Jahren gemacht haben.

  • ANDREW SULLIVAN Medium: What Andrew Sullivan taught us about paywalls and independent journalism: Für Blogger und Online-Journalisten war Andrew Sullivan eine Art Vorbild. Stefan Niggemeier widmet dem berühmten Politik-Blogger einen lesenswerten Artikel in der F.A.Z. und Simon Owens erklärt in einem Blogbeitrag auf Medium, was Andrew Sullivan uns über Paywalls und unabhängigen Journalismus lehrte, denn zu diesen beiden Punkten setzte er Maßstäbe.

  • JOUNALISMUS Fachjournalist: Urban Journalism Salon – „Von Angesicht zu Angesicht“: Am 1. August 2014 war ich bei der durchwachsenen Premiere des ersten „Urban Journalism Salon“ in Berlin. Die Idee überzeugte und das Team um den freien Journalisten Mark Heywinkel arbeitet schon an der nächsten Ausgabe und Ablegern für verschiedene Städte. Im Interview mit Felix Fischaleck erklärt Heywinkel, was es mit dieser innovativen Form des partizipativen Journalismus auf sich hat, welche Lehren aus der ersten Veranstaltung gezogen wurden und wann und wo der zweite Urban Journalism Salon stattfindet.

  • JUGENDLICHE Der Schreiberling: Nicht mal unsere Lehrer wissen, was ab geht: Im Tagesspiegel-Blog „Der Schreiberling“ kommen Berliner Jugendliche zu Wort, wie zum Beispiel Luise Böhm, die über den Umgang der Schule mit den Anschlägen von Paris schreibt. Die Schüler haben Redebedarf, doch keine der Lehrkräfte nimmt sich die Zeit, mit den teilweise sehr interessierten Schülern zu Reden. Andere Schüler interessiert es gar nicht, aber der Beitrag zeigt, dass zwar Jugendliche immer früher an politischen Tagesthemen interessiert sein können und sich über das Internet informieren, der Lehrplan diese Themen aber nur für die oberen Klassen vorsieht.

  • SLACK t3n: „Es ist fast ein Wunder, dass überhaupt jemand Slack nutzt!“: Jörgen Camrath hat sich für t3n mit Stewart Butterfield, den Gründer von Flickr, über sein neuestes Unternehmen unterhalten. Slack ist eine App, mit der vor allem Teams zusammen kommunizieren können und die nach zwei Jahren bereits mit einer Milliarde US-Dollar bewertet ist. Vollkommen zu Recht, denn auch bei uns Netzpiloten hat Slack die Kommunikation innerhalb der Redaktion wesentlich verbessert. Andere Kunden, wie Adobe, PayPal, BuzzFeed, Airbnb und die New York Times scheinen das ähnlich zu sehen.

Die morgendlichen Lesetipps und weitere Linktipps am Tag können auch bequem via WhatsApp abonniert werden. Jeden Tag informiert dann Netzpiloten-Projektleiter Tobias Schwarz persönlich über die lesenswertesten Artikel des Tages. Um diesen Service zu abonnieren, schicke eine WhatsApp-Nachricht mit dem Inhalt arrival an die Nummer +4917622931261 (die Nummer bitte nicht verändern). Um die Nachrichten abzubestellen, einfach departure an die gleiche Nummer senden. Wir werden, neben dem Link zu unseren morgendlichen Lesetipps, nicht mehr als fünf weitere Lesetipps am Tag versenden.

Nutze Netzpiloten 1-Klick: Mit nur einem Klick werden dir bequem alle 40 Sekunden die hier besprochenen Seiten „vorgeblättert“ START.

Weiterlesen »

Die Social Media-Nutzung von Teenagern – Teil 2

Andrew Watts hat einen zweiten Teil über  sein Social Media-Nutzungsverhalten geschrieben, in dem er seine Meinung über weitere Dienste kundtut. Wie auch schon der erste Teil eine interessante Perspektive. // von Lukas Menzel

social media, apps, smartphone

Letzte Woche erregte auf Medium der Blogpost von Andrew Watts über seine Social Media-Nutzung große Aufmerksamkeit. In diesem zeigte er, welche Social Media-Dienste er nutzt und was er an diesen gut oder schlecht findet. So sind für ihn Instagram und Snapchat die meist genutzten Social Media-Dienste, Facebook und Twitter hingegen lassen ihn kalt. Nun hat der 19-Jährige zu weiteren Social Media-Diensten, wie YouTube, Google+ und Reddit, einen zweiten Blogpost veröffentlicht.

Weiterlesen »

Weiterlesen »

„Fakt ist…!“ über die Generation Y und modernes Arbeiten

Interrail 07 - D10B - WiFi (adapted) (Image by Mr. Theklan [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Politiksendungen werden leider immer nur auf die meist schlechten Formate in der ARD oder im ZDF begrenzt, die diese Aufmerksamkeit nur selten durch Qualität rechtfertigen. Ganz anders als manche Sendung in den Dritten, wie zum Beispiel die Sendung „Fakt ist…!“ des Mitteldeutschen Rundfunk (MDR), die sich gestern mit dem Thema „Generation Y“ beschäftigte.

„Fakt ist…!“-Moderatorin Anja Heyde hatte für die interessante Sendung mit dem etwas unglücklich gewählten Titel „Frech, faul, fordernd – die Generation Y“ neben Prof. Dr. med. Christian Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Rostock, und dem Personalmanager Thomas Eggert, auch die Bloggerin Steffi Burkhart zu Gast.

 

Besonders interessant war der doch meist in der allgemeinen Debatte vernachlässigte Fakt, dass die Generation Y weniger mit dem Alter als vielmehr mit der persönlichen Einstellung zur Arbeit und auch dem Zugang zum Internet zu tun hat. Eggert wies daraufhin, dass die Einstellung zur verantwortungsvolleren Gestaltung der Arbeit nicht nur bei Jugendlichen existiert, sondern auch bei vergleichsweise älteren Angestellten: „Das ist nicht nur ein Thema der älteren Generation, warum soll nicht auch ich am Strand übers Internet meinen Job machen?“ Die Generation Y ist Begriff für eine bestimmte Denkweise, nicht für ein alterstechnische Gruppenzugehörigkeit.

Die in der Sendung angesprochenen Klischees – vom Strand aus arbeiten – oder die als positives Beispiel vorgestellten Firmen – Spreadshirt aus Leipzig und Elbdudler aus Hamburg – zeigten, dass es bei der Generation Y, neben der Denkweise, auch um den Zugang zum Internet geht. Die durch die globale Vernetzung entstehenden Möglichkeiten des grenzenlosen Arbeitens, die viele Jugendliche schon im Privatleben kennenlernen, werden auch am Arbeitsplatz eingefordert. Wird zum Beispiel schnell und unkompliziert mit Freunden kommuniziert, werden Restriktionen auf Arbeit nur schwer akzeptiert. Der Einsatz von Messengern für die interne Kommunikation und ortsunabhängiges Arbeiten sind nur zwei Beispiele für den Wandel.

Ein weiterer Gast der Sendung war der Tischlermeister Frank Bögelsack, der etwas uncharmant an die analogen Berufe erinnerte, vor allem im Handwerk, in denen sich die Vorstellungen der sogenannten Generation Y angeblich nicht umsetzen lassen. Zum Teil stimmt das sicher, denn während sich viele Medienkompetenzen privat schon vor dem Berufsleben angeeignet werden können, ist dies bei einem Handwerk natürlich nur teilweise und vor allem nur mit Disziplin möglich. Doch auch in einer Tischlerei oder einer Bäckerei gibt es Spielräume, wie die Bloggerin Steffi Burkhart anmerkte: „Es gibt immer verschiedene Stellschrauben, an denen ich als Unternehmen schrauben kann, um sich eben intern als auch nach außen attraktiv zu machen.“ Mobiles und zeitunabhängiges Arbeiten gehören sicher nicht dazu, durchaus aber auch individuelle Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Lehrjahre müssen deshalb noch keine Herrenjahre sein, aber es könnten auch Jahre der freien Entwicklung sein.

Nicht alle Mitglieder der Generation Y sind, egal ob analog (die Arbeit wird pünktlich erledigt, egal wann ich das mache) oder digital (die Arbeit wird pünktlich erledigt, egal von wo ich das mache), sind natürlich Musterbeispiele für die neuen Angestellten, doch die schwarzen Schafe, wie es in der Sendung hieß, sind kein Grund die Veränderungen per se abzutun. Burkhart merkte passenderweise an, dass sie sich bei der oft pauschalen Kritik an vermeintlich faulen und frechen Jugendlichen oft fragt, „warum sind denn junge Leute so, woher kommt das, welche Vorbilder haben den junge Menschen und nehmen wir jungen Menschen nicht die Perspektive und den Mut auch wirklich in die Zukunft zu gucken?“ In einen ehrlichen Antwort darauf steckt wohl das eigentliche Problem. Vielleicht kann eine mehr Freiheiten gebende Arbeitswelt auch ganz neue Motivationen bei Jugendlichen wecken.


Image (adapted) „Interrail 07 – D10B – WiFi“ by Mr. Theklan (CC BY-SA 2.0)


Weiterlesen »

Filesharing: Gerichte schützen zunehmend abgemahnte Eltern

Upload - Download (adapted) (Image by John Trainor [CC BY 2.0] via Flickr)

Eltern deren Kinder illegale Up- oder Downloads getätigt haben, wurden in der Vergangenheit für das Verhalten ihrer Zöglinge im vollem Umfang haftbar gemacht. Momentan dreht sich der Wind. Neben vielen anderen Gerichten hat auch das Landgericht Bielefeld kürzlich zugunsten einer Erziehungsberechtigten entschieden, über deren Internetanschluss illegales Filesharing betrieben wurde. Allerdings sollte man die Urteile nicht als Freifahrtschein ansehen. Die Auslegung des Urheberrechts ist vom jeweiligen Richter abhängig. Der Trend kann sich jederzeit um 180 Grad drehen.

Auch das kürzlich veröffentlichte Urteil vom Landgericht Bielefeld vom 7.10.2014 (Az.: 20 S 76/14) verlief zum Vorteil der Eltern. So reicht es zur Entkräftung des Filesharing-Vorwurfs aus, wenn der Anschlussinhaber darlegt, dass und gegebenenfalls welche anderen Personen einen uneingeschränkten Zugang zum eigenen Internetanschluss haben. Alle Nutzer kommen somit als Täter der Rechtverletzung infrage. Nach Ansicht der Richter hat der Beklagte seine Pflichten erfüllt, sobald er diese Angaben gemacht hat. Laut Urteil ist es dann Sache der Rechteinhaber zu klären und zu beweisen, wer aus dem Haushalt die Urheberrechtsverletzung begangen hat. Das ist natürlich ohne ein Geständnis des Täters nicht möglich.

Im vorliegenden Fall erhielt eine Mutter die Abmahnung wegen der illegalen Verbreitung eines Kinofilms im Internet. Vor Gericht verwies die Frau darauf, dass sie, ihr Mann als auch ihr damals 26-jähriger Sohn zur Tatzeit Zugang zum Internet hatten. Sie selber kenne sich mit dem Computer kaum aus und habe mit dem streitgegenständlichen Verstoß nichts zu tun. Gleichwohl vertrat sie die Ansicht, auch ihre Familienangehörigen hätten kein Filesharing betrieben. Laut Urteil steht der gegnerischen Partei nicht zu, die Abmahnung oder weitere Ansprüche einzuklagen. Laut der BearShare-Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom 08.01.2014 (Az. I ZR 169/12) fällt die Täterschaftsvermutung der Anschlussinhaberin komplett weg.

Urteil kein Freifahrtschein für illegales Filesharing!

Fest steht, die aktuelle Tendenz in der Rechtsprechung ist zum Vorteil der Verbraucher. So wurde auch vom AG Düsseldorf, AG Hamburg und anderen Gerichten in ähnlicher Form entschieden. Lediglich das Landgericht München I entschied entgegen des BGH-Urteils vom 09.07.2014 (Az.: 21 S 26548/13) zugunsten eines Klägers aus der Musikindustrie. Auch wenn alle anderen Entscheidungen vor Gericht zugunsten der Verbraucher geurteilt wurden, so zeigt das Urteil aus München, dass man sich aus dem Trend keinen Freifahrtschein stricken darf. Es wäre fahrlässig anzunehmen, es könne einem nichts passieren.

Deswegen gelten die gleichen Regeln wie eh und je. Wer einen Vertrag mit einem Internet-Anbieter abgeschlossen hat, muss sein WLAN wie üblich verschlüsseln. Auch sollten alle Mitglieder des Haushalts über die Konsequenzen einer rechtswidrigen Teilnahme an Internet-Tauschbörsen aufgeklärt werden.

Das gilt insbesondere für die Filesharing-Clients Popcorn Time, Cuevana.tv oder Popcorn 4 Ever, die sich als harmlose Streaming-Programme tarnen. Für deren Anwendung werden keine technischen Grundkenntnisse benötigt. Für Anfänger und Minderjährige sind diese Film-Dienste geradezu ideal. Die Anschlussinhaber spielen bei Popcorn Time & Co. hingegen Russisch Roulette.


Image (adapted) „Upload / Download“ by John Trainor (CC BY 2.0)


Weiterlesen »

Jugend hackt! – Jugendliche programmieren die Gesellschaft

Willkommen bei Jugend Hackt 2014 (adapted) (Image by Open Knowledge Foundation Deutschland [CC BY 2.0] via Flickr)

Am Wochenende fand in Berlin das 3-tägige Camp „Jugend hackt“ statt, bei dem sich 120 Jugendliche aus Europa zum Hacken trafen. Nach den Enthüllungen von Edward Snowden ist die digitale Überwachung überall in unseren Köpfen präsent. So fand sich das Thema auch bei der Veranstaltung „Jugend hackt“ in Berlin wieder. Das ganze Wochenende gehörte die Bühne den Jugendlichen, am Sonntag wurden deren Projekte erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Das Camp ist ein Gemeinschaftsprojekt von Young Rewired State und der Open Knowledge Foundation Deutschland. Nach der Präsentation der Projekte wurde deutlich: Wir brauchen mehr solcher Veranstaltungen – und nicht nur in Berlin!

„Jugend hackt“ – so lautete der Titel des 3-tägigen Camps, zu dem die Open Knowledge Foundation Deutschland im Jugendhaus Königstadt in Berlin-Mitte eingeladen hatte. Getroffen haben sich dort 120 TeilnehmerInnen zwischen 12 und 18 Jahren, die aus ganz Deutschland, Österreich und den Niederlanden angereist sind, um mit Gleichgesinnten eigene Projekte zu realisieren. Am Sonntag war die Veranstaltung auch zwischen 11:30 Uhr und 14:00 Uhr der Presse zugänglich – und so hatte ich die Möglichkeit, an der Präsentation der Jugendlichen teilzunehmen.

Das Schöne an der Veranstaltung war, dass die jugendlichen Nachwuchsprogrammierer die Möglichkeit hatten, eigene Projektideen einzubringen. Es ist wirklich bewundernswert, welche Tiefgründigkeit teilweise hinter den Ideen der Jugendlichen steckte. Eine Gruppe wollte beispielsweise den Versuch starten, der Zivilgesellschaft aufzuzeigen, wie sie ihre Daten sichern könne: ein Erinnerungsarmband vibriert, wenn man an etwas erinnert werden möchte – aufgezeigt am Beispiel der Überwachung. Dabei wurde extra eine Android-App für das Armband programmiert, das u.a. erkennen soll, wann man sich einer Überwachungskamera nähert. Es ging der Gruppe dabei nicht nur darum, dass die NSA am Gucken gehindert werden kann, sondern auch Kriminelle. Dazu bemerkte der Präsentierende: „Wobei, der Unterschied zwischen NSA und Kriminellen ist nicht besonders groß.“ Dieses Armband könnte jedoch auch anzeigen, wo sich der nächste Sparkassenautomat befindet. Bei einem anderen Projekt ging es darum, Verschlüsselung von E-Mails möglichst einfach zu machen.

Ob die Jugendlichen sozial isoliert sind, nur weil sie sich gerne mit Technik beschäftigen? Wer bei der Veranstaltung nerdige Jugendliche erwartet, liegt falsch. Offene, mutige und kreative junge Menschen haben offensichtlich einfach Spaß daran, gemeinsam etwas zu entwickeln und sich austauchen zu können. Beeindruckend war, wie viele Jugendliche sich für die digitale Technik auf dem Hintergrund von gesellschaftlichen, politischen und sozialen Prozessen interessieren.

Nach der Präsentation der 26 Projekte stand die Jury vor der schweren Herausforderung, die besten Projekte auszuwählen. Die Jury, die am Ende des Camps die besten Projektideen prämiert hat, bestand aus Petra Sorge (Cicero), Sabine Geithner (Rail Girls Berlin), Sebastian Seitz (Technologiestiftung Berlin), Daniel Dietrich (Open Knowledge Foundation Deutschland e.V.) und Michael Kreil (Open Data City). Die Jury zeigte sich tief beeindruckt von der Vielfältigkeit der gesellschaftlichen Bereiche, die von den Jugendlichen abgedeckt worden seien. Einer der Juroren meinte, man könne sogar regelrecht Angst vor ihnen haben. Und damit hatte die Jury nicht übertrieben: Die Projekte hatten ein solch hohes Niveau, dass man dachte, man habe sich bei einem Studentenwettbewerb verirrt.

Die Jugendlichen wurden am Ende dazu ermutigt, sich bei weiteren Veranstaltungen und Ausschreibungen zu bewerben und über „Jugend hackt“ zu reden, denn nur wenn die Anmeldebögen platzten, würden die Veranstalter Argumente und weitere Finanzmittel haben, dass „Jugend hackt“ im nächsten Jahr größer werden kann. Da ist den Veranstaltern nur zuzustimmen.


Image (adapted) „Willkommen bei Jugend Hackt 2014“ by Open Knowledge Foundation Deutschland (CC BY 2.0)


Weiterlesen »

„Jugend hackt“ – Camp für programmierbegeisterte Jugendliche

Jugend hackt26 (adapted) (Image by Open Knowledge Foundation Deutschland [CC BY 2.0] via Flickr)

Für ambitionierte Menschen zwischen 12 und 18 Jahren, für die Programmiersprachen schon ein wichtiger Teil der Freizeit sind, findet dieses Wochenende ein dreitägiges Event in Berlin-Mitte statt. Bei „Jugend hackt“ handelt es sich um ein sogenanntes Hackathon, eine Veranstaltung für junge Programmierer und Designer, bei der sie – meistens in einem Team – innerhalb eines begrenzten Zeitraums Ideen für Softwareprojekte entwickeln und umsetzen. Die Jugendlichen können hierbei entweder selbst Projektideen mitbringen oder sich aus einem Pool von offenen Daten inspirieren lassen. Diese werden dieses Jahr aus den Bereichen Gesundheit, Verkehr oder Migration und Asyl bereitgestellt. Ziel der Veranstaltung ist, mithilfe offener Daten gemeinsam Apps, Visualisierungen und Anderes aus den Bereichen Schule und Bildung sowie Freizeit und Umwelt zu erschaffen. Am Ende des Hackathons werden schließlich die Projekte vorgestellt und die spannendsten Ideen prämiert.

„Jugend hackt“ entstand als Kooperation zwischen der britischen Organisation Young Rewired State, welche Nachwuchsprogrammierer mithilfe von Events wie diesem fördern möchte, und der gemeinnützigen, staatsunabhängigen Open Knowledge Foundation Deutschland e.V., die ein aktiver Teil der deutschen sowie europäischen Zivilgesellschaft ist und sich für Bürgerrechte einsetzt.

Die Teilnahme an „Jugend hackt“ ist kostenlos

Mitmachen kann am Hackathon jeder junge Mensch zwischen zwölf und achtzehn Jahren aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden, der schon einmal Programmiercode geschrieben hat, zum Beispiel in HTML, CSS oder Python. Besonders willkommen sind hier programmierbegeisterte Mädchen. Die Teilhabe am Projekt ist für jeden kostenlos, lediglich eine geringe Gebühr für die Hotel-Übernachtung muss gezahlt werden. Selbst Essen und Getränke können dank Förderer kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Im Gegensatz zum letzten Jahr hat sich die Anzahl der verfügbaren Plätze verdoppelt: Waren es 2013 noch dreiundsechzig Teilnehmer, können dieses Jahr hundertzwanzig Jugendliche mitmachen. Und wer sich die Reisekosten nicht leisten kann, kann sogar eine Unterstützung in Höhe von maximal 130 Euro pro Person beantragen.

Auch sind Spenden für „Jugend hackt“ jederzeit willkommen, um in Zukunft unter anderem Zuschüsse für Reisekosten weiterhin zu ermöglichen oder das Event allgemein zu fördern.

Die dreitägige Veranstaltung startet am Freitag, den 12. September um 17:00 Uhr mit Vorträgen sowie der Gruppenfindung und dem Brainstorming von Projektideen. Das eigentliche Coden beginnt erst am Samstag ab 09:30 Uhr und erfährt sein Ende gegen Sonntag, wenn die Projekte ab 11:30 Uhr präsentiert werden.


Wichtige Fakten:

  • Zeitraum: 12. September 17.00 Uhr – 14. September 14:00 Uhr
  • Ort: Jugendhaus Königstadt, Saarbrücker Str. 24, 10405 Berlin-Mitte
  • Für die Presse ist die Veranstaltung erst am Sonntag zugänglich

Image (adapted) „Jugend hackt26“ by Open Knowledge Foundation Deutschland (CC BY 2.0)


Weiterlesen »

5 Lesetipps für den 27. Juni

In den Lesetipps geht es um die Digitalisierung der Gesellschaft, neue Erzählformen im Journalismus, Streaming, Überwachung und soziale Netzwerke. Ergänzungen erwünscht.

  • DIGITALE GESELLSCHAFT Frau Dingens: Die falsche Debatte: In ihrem Blog schreibt Yasmina Banaszczuk über das emanzipatorische Potential des Internets und ordnet die sehr deutsche Anti-Google-Debatte in einen interessanten Kontext ein: das Bildungsbürgertum fürchtet durch die Digitalisierung der Gesellschaft seinen Status zu verlieren, denn das Internet gleicht viele Nachteile anderer Milieus aus. Mir fallen gerade die Scheuklappen von den Augen.
  • JOURNALISMUS Tagesspiegel.de: „Emilio Tasso“ vereint Fiktion und Reportage: Alexander Bühler und Zaza Uta Röttgers vereinen Fiktion und Reportage zu einer Räuberpistole über Atompläne im Kongo. Dagmar Dehmer findet das im Tagesspiegel zwar sprachlich manchmal etwas ungelenk, trotzdem lotet das Buch ihrer Meinung nach neue journalistische Erzählweisen aus.
  • STREAMING CNET: US loses to Germany but World Cup streaming scores big: Unabhängig davon, wie gestern die Teams bei der Männerfußball-Weltmeisterschaft gespielt haben, der US-Fernsehsender ESPN konnte sich am Ende freuen, denn mit 1,7 Millionen Zuschauern im Stream, erzielte der Sender einen neuen internen Rekord.
  • ÜBERWACHUNG Zeit Online: Verfassungsschutz baut Auswertung sozialer Netzwerke aus: Wenn der Bundesnachrichtendienst die Internetspionage ausbaut, will auch der Bundesverfassungsschutz nicht nachstehen: Der Inlandsgeheimdienst baut eine Gruppe neuer Referate auf, um im Kampf gegen Terroristen Onlinedienste wie Facebook, Twitter oder YouTube wirkungsvoller auswerten zu können. Die „Erweiterte Fachunterstützung Internet“ (EFI) soll helfen, Radikale aufzuspüren, ihre Verbindungen zu ermitteln und verschlüsselte Kommunikation mitzulesen.
  • SOZIALE NETZWERKE Golem.de: Soziale Netze sind für Jugendliche wichtigster Verbreitungsweg für Nachrichten: Im Internet sind soziale Netzwerke die wichtigste Nachrichtenquelle für Jugendliche. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag des IT-Branchenverbands Bitkom informieren sich fast zwei Drittel (63 Prozent) der 16- bis 18-Jährigen über soziale Netzwerke wie Facebook, Google+ oder Twitter. „Soziale Netzwerke sind heute die wichtigste Plattform für den Austausch von aktuellen Informationen unter den Jugendlichen, indem sie Links zu Artikeln, Videos oder Fotos untereinander teilen“, sagte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder.

Nutze Netzpiloten 1-Klick: Mit nur einem Klick werden dir bequem alle 40 Sekunden die hier besprochenen Seiten „vorgeblättert“ START.

Weiterlesen »

5 Lesetipps für den 16. Juni

In den Lesetipps geht es um den BTADA, Mobile First im Medienwandel, Jugendliche im Digitalen, Arbeit dank Algorithmus und Wundercar bleibt stur. Ergänzungen erwünscht.

  • BTADA Carta: Ausschuss „Digitale Agenda“ – auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit?: Auf Carta zieht die Bundestagsabgeordnete Halina Wawzyniak von der Linkspartei ein Fazit nach drei Monaten Arbeit im sogenannten Internetausschuss des Bundestags. Doch bei aller Kritik, die sie anführt, sieht die Abgeordnete auch Lichtblicke, denn wenn auch die Mehrheit von CDU/CSU und SPD im Ausschuss keine federführenden Kompetenzen wahrnehmen möchte, zeigt der Ausschuss doch Gespür für aktuelle Themen.
  • MEDIENWANDEL Nieman Journalism Lab: Engaging people on smartphones is the next big challenge to the news: Im Blog des Nieman Lab für Journalismus schreibt Joshua Benton über die größte Herausforderung der Medien – die Menschen im mobilen Internet zu erreichen. Doch diese Aufgabe versuchen traditionelle Medien nicht alleine zu beantworten und fallen jetzt schon gegen die neue Nachrichten-Konkurrenz im Digitalen zurück.
  • JUGENDLICHE Boing Boing: Teens live in commercial online spaces because that’s their only option: Auf Boing Boing schreibt Cory Doctorow über die Forschung der Medienwissenschaftlerin und Sozialforscherin Danah Boyd, die über den Schnittpunkt von Technologie, Politik und Gesellschaft forscht. Ihre neueste Forschung hat erkundet, warum Jugendliche sich im Digitalen vor allem in den kommerziellen Netzwerken aufhalten. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Jugendliche im Analogen kaum noch Raum für sich finden und sich deshalb online in kommerzielle Netzwerke zurückziehen.
  • ARBEIT 2.0 Hyperland: Wenn der Computer den Job vermittelt: Algorithmen dringen immer tiefer in unser Leben ein. Anfangs schlugen sie uns vor, welche Produkte uns aufgrund unserer Konsumgewohnheiten in einem Online-Shop interessieren könnten. Mittlerweile trennen sie bei Facebook wichtige von unwichtigen Nachrichten und wählen bei Partnerbörsen den idealen Partner für uns aus. Der neueste Streich ist ein Algorithmus zur Vermittlung von Bewerbern in Echtzeit, den unser Autor Lars Sobiraj im Hyperland-Blog des ZDF vorstellt.
  • WUNDERCAR Heise Online: Verbot lässt Taxi-Rivalen Wundercar kalt: Die internationalen Proteste gegen Uber letzte Woche galten zumindest in Hamburg und Berlin auch dem Startup Wundercar, das Privat-Fahrer gegen ein Trinkgeld vermittelt. Die Hamburger Wirtschaftsbehörde hat das Konzept im Interesse der Taxi-Unternehmen in der Hansestadt bereits untersagt, doch Wundercar zeigt sich unbeeindruckt und macht einfach weiter.

Nutze Netzpiloten 1-Klick: Mit nur einem Klick werden dir bequem alle 40 Sekunden die hier besprochenen Seiten „vorgeblättert“ START.

Weiterlesen »

Hot Facebook Links no 7-9

Hier kommen Link 7-9 aus unserer Serie wissenswerter Facebook-Links. Dieses Mal drei Facebook Hilfe-Seiten:

  • http://www.facebook.com/help/?safety:
    Safety First. Umsichtig: Für jeden besorgten Fragesteller was dabei: Pädagogen, Eltern, Jugendliche…
  • http://www.facebook.com/security:
    Sich vor Übergriffen schützen. Praktisch: Tipps zum sicheren Umgang mit dem eigenen Account.
  • http://www.facebook.com/fbprivacy:
    Hier noch die US-Seite zum Thema „Privacy Settings & more“
  • Hier die Links 1-6

    Weiterlesen »

    Weiterlesen »