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Warum Tinder uns zu boshaften Menschen macht

online dating (adapted) (Image by Thomas8047 [CC BY 2.0] via Flickr)

60 Prozent des digitalen Medienkonsums in Amerika geschieht nur noch über Handys oder Tablets und nicht mehr über Desktop-PCs. So wie Menschen und Technik zunehmend mobiler werden, sind es auch die Bemühungen der Menschen, Liebe und Sex zu finden. Laut der Analyse-Seite AppAnnie ist die Dating-App Tinder eine der beliebtesten Methoden, um eine Romanze im modernen Gewand einzugehen. Die App war zwei Jahre in Folge die am meisten heruntergeladene App in den USA.

Als Sozialpsychologe habe ich mich darauf spezialisiert, herauszufinden, warum Tinder – so wie es einer meiner Interviewpartner so schön sagte – uns „so boshaft, aber zufrieden“ macht. Während ich meine Dissertation zum Thema ‚Sexuelle Konflikte auf Tinder‘ beendete, analysierte ich hunderte von Umfragen, Interviews und Posts von Tinder-Nutzern, die deren Erfahrungen mit der App thematisierten. Mein vorläufiges Ergebnis lautete, dass Tinder-Nutzer in der Tat andere Charaktere treffen als die Nutzer anderer Online-Dating-Webseiten oder diejenigen, die gar keine Hilfe per Dating-App in Anspruch nehmen.

Genauer gesagt verursacht Tinder eine so genannte „Rückkopplungsschleife“, in der Männer weniger strenge Kriterien zum Finden eines Partners benutzen, weil sie die Teilnehmer oft nur schnell wegwischen. Frauen dagegen nutzen als Antwort auf die vielen Matches und Anfragen anspruchsvollere Kriterien. Aber wir sollten nicht schon jetzt Alarm schlagen, da das Wischen eventuell mehr über unsere geistigen Verknüpfungen aussagt als unsere unterschiedlichen romantischen Bedürfnisse.

Wie ein Spiel

Während die meisten Online-Dating-Webseiten wie Match oder eHarmony versuchen, die Nutzer auf Grundlage eines sorgfältig entworfenen Algorithmus miteinander zu verknüpfen, bedient sich Tinder keiner dieser Vorgaben. Stattdessen nutzt die App die Standortinformationen, um möglichst viele Fotos von möglichen Partnern aus der Umgebung aufzurufen. Die Nutzer wischen nach rechts, um die Profile der Personen, die sie interessieren, sehen zu können. Sie wischen nach links, um diejenigen, die sie nicht ansprechend finden, loszuwerden. Wenn zwei Personen nach rechts gewischt haben, nachdem sie das Profil des anderen gesehen haben, werden sie informiert, dass sie ein „Match“ haben und sich nun gegenseitig Nachrichten schicken können. Laut Tinder wird täglich 1,4 Milliarden Mal gewischt. Die App ist in fast 200 Ländern verfügbar, von Frankreich bis Burundi.

Die Art und Weise, wie Tinder mit Romantik umgeht, mag eher schlicht sein, ist aber sehr effektiv. Matches werden aufgrund von dürftigen Kriterien gemacht: Aussehen, Verfügbarkeit und Standort. Weil Menschen die Attraktivität mit nur einem kurzen Blick bemessen können, hetzen Tinder-Nutzer meist mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit durch die Profile.

In Bezug auf psychologische Konditionierung ist die Oberfläche von Tinder perfekt geeignet, um die Geschwindigkeit der Suche zu unterstützen. Da die Nutzer nicht wissen, welcher Wisch ein Match ergibt, nutzt Tinder eine variable Anzahl an zufälligen Erfolgserlebnissen. Das bedeutete, dass potentielle Matches zufällig gestreut werden. Es ist dasselbe Belohnungssystem, das in Spielautomaten, Videospielen und sogar bei Experimenten mit Tieren, wie beispielsweise eines, bei dem Tauben trainiert wurden, kontinuierlich auf ein Licht an einer Wand zu picken, genutzt wird.

Bei einer Studie über die Gehirnaktivitäten von Drogensüchtigen fanden Forscher heraus, dass die Erwartung auf die Droge mehr von dem Wohlfühl-Botenstoff Dopamin freisetzt als die eigentliche Droge. Ganz ähnlich funktioniert die Erwartung auf Tinder, dass das nächste Wischen zu einem Match führen kann. Permanentes Wischen kann also schnell wie eine Sucht aussehen und sich auch so anfühlen. Es dürfte niemanden überraschen, dass Tinder seit 2015 für die Nutzer, die nicht die Premiumversion TinderPlus nutzen, die Wischbewegungen nach rechts auf 100 Mal pro Tag begrenzt hat. Manche sprechen bereits von Tinder-Entzugserscheinungen, wenn jemand seinen Tinder-Account deaktiviert hat.

Wenn es nun darum geht, einen Partner zu finden, wendet Tinder sich an unsere am einfachsten gestrickte intellektuelle Funktion: Ist jemand in der Nähe? Ist er frei? Ist er attraktiv? Wenn ja, dann wische nach rechts. Für kurze Affären ist das vielleicht genug.

Eine Geschlechterunterscheidung

Aber ist das wirklich alles, für das Tinder gut ist? Forscher haben gezeigt, dass Männer und Frauen eventuell verschiedene Motivation haben, die App zu benutzen. Während Frauen sich eher auf eine rasche Auswahlstrategie einlassen, zeigen Männern zunehmend mehr Interesse an Kurzzeitbeziehungen. Außerdem haben Studien ergeben, dass Männer eher hoffen, Partner für eine Beziehung zu finden, indem sie direkte und schnelle Anmachen benutzen. Sie wenden außerdem mehr Zeit und Energie als Frauen dafür auf, diverse Kurzzeitbeziehungen zu führen. Weil Tinder-Nutzer die App meistens benutzen, wenn sie allein sind, können sie bei potentiellen Partnern ablehnen oder Interesse zeigen, ohne sich ihrer Auswahl rechtfertigen zu müssen. Vielleicht lockt auch das schnelle Wegwischen gerade Männer besonders an.

Daraus resultiert, dass Frauen und schwule Männer mehr Matches erhalten als heterosexuelle Männer. In einer der ersten repräsentativen Untersuchungen erstellten die Forscher ein gleichermaßen attraktives männliches sowie weibliches Fake-Profil. Mit diesem wischten sie bei jedem erscheinenden Profil nach rechts. Daraufhin notierten sie die Anzahl von Matches und Nachrichten, die jedes Profil erhalten hat. Während das weibliche Profil eine Match-Quote von 10,5 Prozent hatte, hatte das männliche Profil nur 0,6 Prozent. Die meisten Matches waren hier von schwulen oder bisexuellen Männern.

Aber obwohl Frauen mehr Matches erhalten, genießen sie nicht unbedingt eine riesige Auswahl an vielversprechenden möglichen Partnern. Forscher fanden heraus, dass Frauen dreimal eher eine Nachricht nach einem Match verschicken als Männer und dass ihre Nachrichten fast zehnmal so lang waren (122 Zeichen bei Frauen verglichen mit dürftigen 12 Zeichen bei den Männern – was gerade genug ist, um „Hi, wie gehts?“ zu schreiben).

Männer schicken zwar mehr Nachrichten an potentielle Partnerinnen, geben sich aber weniger Mühe oder fühlen sich einfach weniger verbunden mit ihren Matches. Frauen fühlen sich zunächst geschmeichelt bei der Flut an Matches, sind später dann aber oft enttäuscht, wenn sie versuchen, die Kontaktanfragen weiterzuverfolgen und tiefergehende Gespräche zu führen.

Liebe an einem hoffnungslosen Ort?

Das bedeutete nicht, dass man auf Tinder nicht auch Liebe finden kann. Eine 2017 veröffentlichte repräsentative Studie untersuchte die Motivation der Tinder-Nutzer und fand heraus, dass Liebe ein größerer Motivator ist als Gelegenheitssex. Meine eigenen vorläufigen Daten (dies bedarf noch immer einer Überprüfung) spiegeln diese Ergebnisse wieder. Ich habe diese Umfrage an hunderte Tinder-Nutzer, Online-Dating-Nutzern und an andere Teilnehmer, die keines dieser Portale nutzen, geschickt und habe deren Erwartungen hinsichtlich Täuschung, Sex und romantischer Befriedigung verglichen.

Während ich keine statistischen Unterschiede zwischen Tinder-Nutzern und den anderen beiden Gruppen hinsichtlich der erwünschten Beziehungslänge und der Wahrscheinlichkeit für Sex beim ersten Date gefunden habe, haben Tinder-Nutzer jedoch berichtet, dass sie nach einem Treffen mit ihren Matches oft enttäuscht waren. Mehr noch, sie berichteten auch öfter, dass sie von ihren potentiellen Partnern, die sie mit Hilfe der App getroffen haben, getäuscht wurden, und dass sie mit ihren letzten Dates weniger zufrieden waren als die anderen beiden Gruppen. Anders gesagt unterscheidet sich die Motivation zur Nutzung von Tinder nach unseren Befragungen nicht nicht so sehr von dem, was wir vermutet haben. Der Spaß, den die Nutzer beim Wischen haben, kann nur vielleicht nicht immer auf ein Treffen in der echten Welt übertragen werden.

Obwohl Liebe und Sex meist mit dem Schlafzimmer in Verbindung gebracht wurden, bringen Untersuchungen von Matching-Systemen wie Tinder erfolgreiche Einblicke in das menschliche Paarungsverhalten. Während einige behaupten, dass Tinder den „Untergang des Datings“ hervorgerufen hat, scheint es, als würde es keine neuen menschlichen sexuellen Verhaltensmuster erzeugen, die wir nicht bereits vollziehen würden. Tatsächlich führt es nur dazu, dass sich Männer und Frauen eher geschlechtsstereotypisch verhalten – was durchaus auch als Rückschritt angesehen werden kann.

Doch wenn die Menschen immer weniger an konventionellen Beziehungen interessiert sind und sich mit bestimmten Arten von Technik in ihrem Alltag wohler fühlen, ist der Reiz des Wischens vielleicht zu befriedigend, als dass man es einfach lassen könnte.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „online dating“ by Thomas8047 (CC BY 2.0)


The Conversation

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App-Store Lazeeva: Hardcore-Porno statt Erotik für Frauen

Lazeeva-VR-Quickie (adapted) (Screenshot by Julia Froolyks)

Lazeeva heißt ein App-Marktplatz, der mit „positivem Sex“ um Nutzer von Android-Smartphones buhlt. Der alternative Store ermöglicht das Herunterladen von pornografischen Inhalten wie Games und Erlebnisse in Virtual Reality, die der Google Play Store nicht zulässt. Der Aufmachung und den Aussagen der Macher zufolge soll das Angebot frauenfreundlich sein. Ich habe mir den Marktplatz für Sex-Apps genauer angesehen und alles andere als frauenfreundliche Inhalte gefunden.

Website_Lazeeva (adapted) (Screenshot by Julia Froolyks)
Screenshot by Julia Froolyks

„Lebe ein Sexy.Sassy.Classy Lifestyle, wann immer du willst“ – mit diesen und weiteren „coolen“ Slogans wirbt die Firma Nu Emotions GmbH für den neuen alternativen App-Store Lazeeva. Eine Welt voll hochwertiger erotischer Unterhaltung soll sich mir nach der Installation offenbaren.

Tatsächlich sieht das Layout der Website auf den ersten Blick seriös und ästhetisch aus. Eine natürliche Schönheit liegt nackt mit ihrem Smartphone auf dem Sofa, der Hintergrund ist in schönen Pastellfarben gehalten. Auf der nächsten Seite zeigt sich ein Smartphone in den Händen einer Frau mit langen, gepflegten Fingernägeln. Die Zielgruppe für diese App scheint klar definiert: Frauen. Dieser Eindruck ändert sich mit der Installation von Lazeeva jedoch schlagartig.

Die APK von Lazeeva ist schnell installiert

Lazeeva lässt sich nicht über den Google Play Store herunterladen. Weil Android aber ein offenes Betriebssystem ist, funktioniert die Installation über einen Umweg dennoch. Das geht schnell und einfach. Die Installations-Datei ist auf der Webseite von Lazeeva zu finden. Vor dem Herunterladen muss ich das Installieren von Drittanbieter-Software in den Einstellungen meines Smartphones aktivieren. Danach kann ich die Store-App als APK-Datei speichern und ausführen.

Website_Lazeeva_2 (adapted) (Screenshot by Julia Froolyks)
Screenshot by Julia Froolyks

Zum Start muss ich ein Passwort und ein unauffälliges Icon (ich habe mich für „Reisen“ entschieden) auswählen. Die Diskretion gefällt mir auf jeden Fall schon mal sehr gut. Die eigentlichen Sex-Apps bekomme ich dann über den Store. Alles, was ich herunterlade, bleibt innerhalb des Lazeeva-Stores und ist dort über die Rubrik „Meine Apps“ abrufbar.

Was es in Lazeeva (angeblich) zu sehen gibt

„Gewaltverherrlichung, Sexismus und Prostitution gibt es bei uns nicht“, betont Gründer Nico Hribernik Ende Januar in einem Interview mit Gruenderszene.de. Darüber hinaus erklärt er, man frage sich bei jeder App, die in den Store aufgenommen wird, ob man sie seinen Schwestern oder Freundinnen zeigen würde. Nachdem ich den Artikel gelesen habe, habe ich genug Vertrauen geschöpft, mich wirklich in die Welt von Lazeeva zu begeben. Ich bin neugierig, welche frauenfreundlichen Inhalte Hribernik und sein Team „für mich“ ausgewählt haben.

Lazeeva-App-Startseite (adapted) (Screenshot by Julia Froolyks)
Screenshot by Julia Froolyks

Lazeeva bietet unterschiedliche Inhaltsformate an. Neben Video-Clips können hier auch animierte oder reale VR-Filme sowie erotische Spiele heruntergeladen werden. Dating-Apps sind ebenfalls mit von der Partie. Einige Inhalte sind gratis, andere kostenpflichtig. Das Zahlsystem in Lazeeva basiert auf den Kauf von App-Währung namens Pearls mit echtem Geld. Für Pearls lassen sich dann kostenpflichtige Apps herunterladen oder Inhalte innerhalb dieser Apps freischalten.

Ein Penis, wo er nicht hin gehört

Auf den ersten Blick sind die Apps hübsch aufgemacht. Leider finde ich bei längerem Stöbern jedoch nichts, was mich als Frau ansprechen würde. Stattdessen sehe ich unzählige „Lesbian“-Inhalte, und „asiatische“ Teenies in Hardcore-Sex-Positionen. Die VR-App „VR-Quickie“ (siehe Titelbild) zeigt mir eine kurze kostenlose Demo, die sich auf einem billig-animierten Campingplatz abspielt, und mir Sex mit einer monoton-stöhnenden VR-Comic-Figur suggerieren will. Als ich an mir herunterblicke, entdecke ich einen Penis – da ist wohl etwas falsch gelaufen.

Männer-Fantasien, keine hochwertige Erotik

Ich will weitersuchen, und die ansprechenden Fraueninhalte finden, die mir auf der Website versprochen wurden. Doch auch in der App „Asian Babes“ werde ich nicht fündig. Ganz im Gegenteil: Teens und noch mal Teens. Mit kleinen Brüsten, „saftigem“ Unterleib und unschuldigem Blick. Die Videotitel deuten fragwürdige Fantasien an: „Süßes, unschuldiges japanisches Schulmädchen verwöhnt ihren Lehrer bis er kommt“ oder „Süße asiatische Nutte gibt einen Blowjob“.

Lazeeva-Bubble-Spiel (adapted) (Screenshot by Julia Froolyks)
Screenshot by Julia Froolyks

Beim Stichwort „Nutte“ wechsle ich in den Internetbrowser zurück, und lese das Interview mit Nico Hribernik erneut. Ja, da steht deutlich: „Prostitution gibt es bei uns nicht.“ Gewaltverherrlichung auch nicht. Dafür sei extra eine Content-Editorin und Store-Managerin angestellt, führt Hribernik aus. In einer anderen App finde ich allerdings ein Video mit dem Titel „Mitarbeiter drängen großbrüstiges Büro-Mädchen zum F***“ – Auf dem Thumbnail des Videos wird besagte Frau von mehreren Männern festgehalten, und sieht dabei alles andere als „positiv“ aus.

Schnell wird mir bewusst, dass ich in dieser App keine „hochwertige erotische Unterhaltung“ finden werde, wie mir versprochen wurde. Lazeeva bietet neben den gewohnten Hardcore-Pornos schlecht animierte Spiele aus dem Bubble-Genre mit halbnackten Frauen im Hintergrund. Die VR-Erlebnisse sind offenbar ebenfalls nur an Männer gerichtet.

Falsch etikettierte Fleischbeschau

Was mich an Lazeeva nervt, ist nicht direkt der Inhalt der Apps. Diese Art von Pornografie gibt es ohne Ende im Internet – und das kostenfrei. Dort wird allerdings auch nicht mit gewaltfreien, frauenfreundlichen Sex-Inhalten geworben. Da wissen Nutzer recht genau, was sie erwartet. Die Macher von Lazeeva werben mit etwas, das sie innerhalb des Stores keinesfalls einhalten.

Das Traurige ist, dass es durchaus frauenfreundliche Pornos gibt. Das Genre „Heartcore-Pornos“ ist nicht neu, und bietet tatsächlich würdevolle, explizite Sexszenen für Frauen. Natürlich hat auch jede Frau einen anderen Geschmack – aber wer mit einem Store für „positiven Sex“ besonders Frauen ansprechen will, sollte zumindest eine App im Repertoire haben, die genau das erfüllen kann. Ich würde diesen App-Store meinen Freundinnen nicht empfehlen – und schon gar nicht meiner Schwester.

Dieser Text erschien zuerst auf unserer Schwesterseite Androidpiloten.


Screenshots by Julia Froolyks


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Natürliche Verhütung per App: Besser als die Pille?

Schwangere Frau Familie (adapted) (Image by KManzela ([CC0 Public Domain], via Pixabay)

Eine Firma behauptet, dass ihre App besser funktioniert als die Pille. Die Zyklusbestimmung per Themometer ist eine althergebrachte Verhütungsmethode, die von vielen Frauen angewandt wird. Diese Methode gilt jedoch als unzuverlässig, denn man kann nicht immer auf diese Beobachtungen bauen und die Sicherheit gewähren. Könnte also Apps wie Natural Cycles den Frauen einen Weg eröffnen, wie man zuverlässig und hormonfrei eine ungewollte Schwangerschaft verhindern kann?

Die Behauptung von Natural Cycles stützt sich auf eine Studie mit 4054 Frauen im Alter von 18 bis 46 Jahren, die im European Journal of Contraception & Reproductive Health Care veröffentlicht wurde. Die Studie weist darauf hin, dass es bei den Frauen, die die App als Verhütung genutzt haben, jährlich in sieben von 100 Fällen zu einer Empfängnis kam. Dies schloss auch Schwangerschaften ein, die die Wissenschaftler auf Anwendungsfehler zurückführten – eine „typische Fehlerquote“ dieser Methode. Diese kann man mit der „typischen Fehlerquote“ der Pille vergleichen, die acht bis neun Schwangerschaften im Jahr verzeichnet und auch die Fälle mit einschließt, bei denen die Frauen hin und wieder vergessen, die Pille einzunehmen.

Bei den Frauen, die die App korrekt genutzt haben, kam es zu fünf möglichen Schwangerschaften in 1000 Fällen. Wissenschaftler fanden heraus, dass es bei zehn Fällen aus den 143 Schwangerschaften dazu kam, weil die App einen Fehler hatte, der den Paaren falsche Informationen über ihre Fruchtbarkeit gab. Dies ist als „Methodenfehler“ bekannt und zeigt, dass ungeplante Schwangerschaften selbst dann auftreten können, wenn man eine perfekte Verhütung einsetzt.

Aber auch hier sahen die Statistiken fast wie die „perfekten Umgangszahlen“ der Pille aus, bei der durchschnittliche drei aus 1000 Frauen schwanger werden. Das bedeutet, dass die Studie beweist, dass bei typischem und perfekten Benutzen der App diese als genauso effektiv wie die Pille zu betrachten ist.

Und wie funktioniert sie nun? Fast alle vergleichbaren Smartphone-Apps basieren nicht nur auf der traditionellen Methode, die Tage seit der letzten Periode zu zählen, sondern auch darauf, die Temperaturmessung mit einzuberechnen. Die App benutzt diese Informationen, um vorauszusagen, wann die Frau ihren Eisprung hat, wann sie fruchtbar ist und wann nicht.

Diese Methode funktioniert, weil die Temperaturkurve der Frau um ca. 0,3 Grad Celsius um den Tag der Ovulation herum steigt und in der Folge auch bis zum Rest des Zyklus leicht erhöht bleibt. Die Eizelle ist für ca. 24 Stunden aktiv, also kann ein Paar nach dieser Zeit problemlos Sex haben, ohne dass die Frau schwanger wird. Sex vor der Ovulation kann zu einer Schwangerschaft führen, da die Spermien bis zu sechs Tage im Uterus überleben können.

Diese Tatsache ist schon länger bekannt, auf diesen Vorgängen basiert die Temperatur- oder NFP-Methode (natürliche Familienplanung), bei der eine Frau jeden Morgen vor dem Aufstehen ihre Temperatur misst und eine Tabelle erstellt, um zu bestimmen, an welchen Tagen sie fruchtbar ist. Allerdings ist es sehr schwierig, exakt vorauszusagen, wann die Ovulation stattfindet, da die Zykluslänge einer Frau besonders bei Stress ins Schwanken geraten kann. Es ist außerdem nicht eindeutig vorhersehbar, ob die Temperatur der Frau genug gestiegen ist, um ihren Eisprung anzuzeigen.

In diesem Fall kann Technologie helfen. Gerätschaften wie Armbänder, die Körpertemperatur messen, können den Zyklus der Frau dauerhaft überwachen, sodass sie nicht jeden Morgen erneut daran denken muss, ihre Temperatur zu messen. Zudem erledigen die Algorithmen der App die Arbeit und erstellen Tabellen, um damit die fruchtbaren Tage auszurechnen.

Da bleibt nur die Frage, warum die typische Fehlschlagsrate der App bis zu 7 Prozent erreicht. Ein anderes großes Problem der Temperaturmethode ist, dass man mehre Tage im Monat keinen Sex haben darf oder dafür andere Verhütungsmethoden, wie zum Beispiel Kondome, nutzen muss. Die Studie fand heraus, dass etwa die Hälfte der Frauen, die während der Studie schwanger wurden, ungeschützten Sex während ihrer fruchtbaren Zeit hatten. Smartphone-Apps können also durchaus eine Unterstützung sein – aber sie können uns nicht davon abhalten, ungeschützten Sex haben zu wollen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) Schwangere Frau Familie by KManzela (CC0 Public Domain)


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Nicht nur Spielkram – 9 Bereiche, bei denen VR helfen kann

VR (adapted) (Image by szfphy [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Die Technik der Virtual Reality (VR) ist im Prinzip nichts Neues. Schon Mitte des 20. Jahrhunderts kamen Flugsimulatoren auf, mit deren Hilfe Piloten das Fliegen lernen. Doch in jüngster Zeit hält VR auch Einzug im Kinderzimmer. Die PlayStation VR kann seit Obtober 2016 gekauft werden. Kostenpunkt: 399 Euro, plus die PlayStation-Kamera, ohne die geht es nicht.

Es gibt jedoch auch einen Einsatz abseits der Spieletechnik. Neun Lebensbereiche könnten davon profitieren, wenn Experten weiter an der Technik feilen und sie marktreif machen. Wir stellen sie euch vor:

BILDUNG: Besonders im Bereich der Bildung sehen Experten den Einsatz von VR vor. Studenten könnten so in eine völlig neue Welt eintauchen. In der „World of Comenius“, benannt nach dem tschechischen Lehrer Johann Amos Comenius, können Studenten die Anatomie des Körpers kennenlernen und verschiedenen Körperteilen und -systemen auf den Grund gehen.

KUNST: Dreidimensionales Malen und Zeichnen mithilfe eines VR-Headsets und entsprechendem Zubehör – diesen Traum haben viele Künstler. Nun könnte er Wirklichkeit werden. Die Technik dafür liefert zum Beispiel Tilt Brush von Google.

MEDIZIN: VR könnte auch dazu beitragen, Krankheiten zu behandeln. Vielversprechend ist der Einsatz bei Depressionen. Hier soll beispielsweise virtuelles Schwimmen mit Delfinen die Genesung vorantreiben. Auch bei einer posttraumatischen Belastungsstörung und Alkoholismus könnte die Technik hilfreich sein. Der Patient setzt einfach die Kamera auf und landet dann in einer völlig anderen Umgebung.

LUFTFAHRT: Piloten kennen VR schon aus dem Simulator, mit dem sie das Fliegen üben. Doch auch die Reisenden werden in Zukunft die virtuelle Realität kennenlernen. Die Zeit der wenig unterhaltsamen Langstreckenflüge könnte somit schon bald Geschichte sein. Während man eigentlich noch auf dem Weg dorthin ist, könnte man virtuell schon einmal den Zielort genauer erkunden – ganz in 3D.

SPORT: Für Sportler könnte sich das Training bald zumindest teilweise von draußen nach drinnen verlagern. Für American Football-Spieler beispielsweise könnte der Quaterback zuhause auf der Couch sitzen und virtuell seine Reaktion testen. Was er auf diese Weise lernt, kann er später beim Training auf dem Feld verfestigen.

SEX: Hier geht es nicht nur um offensichtliche Ideen wie einen virtuellen Stripclub. Für Menschen, die unter sexuellen Schwierigkeiten wie Impotenz oder anderen körperlichen oder medizinischen Störungen leiden, könnte VR eine neue Möglichkeit der Sexualtherapie darstellen.

BESICHTIGUNGEN: Eine Idee, die besonders Architekten und Designern gelegen kommen wird. Ein virtueller Gang durch ein Gebäude könnte durch VR möglich gemacht werden. Auf diese Weise könnte man Probleme bei der Konstruktion erkennen, bevor das Gebäude überhaupt existiert. Auch Änderungen im Design wären so ganz einfach durchzuführen.

FILM: Einen Film auf dem Fernseher oder dem Laptop anzusehen, ist eine tolle Sache. Was aber wäre, wenn man direkt in die Filmwelt eintauchen könnte, quasi eine Art interaktive Geschichte? Die Experten gehen davon aus, dass man sich viel intensiver in die Figuren hineinversetzen kann, wenn man sie dreidimensional vor sich sieht und mit ihnen interagieren kann. Folgendes Video zeigt am Beispiel des Igels „Henry“, wie Forscher sich das vorstellen:

NEWS: Um Nachrichten spannender und greifbarer zu machen, könnte man zu Erklärungszwecken dreidimensionale Animationen hinzuziehen. Auch Beiträge könnten davon profitieren, dass Menschen besser begreifen können, was man versucht ihnen zu vermitteln.


Image (adapted) „VR“ by szfphy (CC0 Public Domain)

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Ohlala: Bezahlte Dates statt Sex-App?

Paar (image by Unsplash [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Seit der Gründung von Peppr Anfang 2014 ist Pia Poppenreiter nicht mehr aus der Berliner Startup-Szene wegzudenken. Nun folgt mit Ohlala der zweite und hoffentlich letzte Anlauf. Peppr, die Webapp für die Bestellung von bezahltem Sex, hat auf internationaler Ebene für Aufmerksamkeit gesorgt. Doch bei viel aufgewirbeltem Staub ist es vorerst geblieben. Die Betreiber von Peppr gingen schon vor einiger Zeit getrennte Wege. Wir haben jetzt Pia Poppenreiter kurz nach Eröffnung von Ohlala gefragt, was denn der entscheidende Vorteil ihres neuen Angebots sein soll.

Auch die Deutschen kennen jetzt Tinder. Diese App wird mittlerweile immer häufiger zur Anbahnung von One Night Stands statt von Partnerschaften benutzt. Wird einem eine neue Person im Umkreis angezeigt, wischt man in die eine Richtung, bei Wohlgefallen und in die andere, um die Person in den virtuellen Mülleimer zu befördern. Das Nutzungserlebnis von Ohlala wird von seinen Gründern irgendwo zwischen Tinder und Peppr verortet. Unkompliziert, ohne Schmuddel und vor allem fix soll es dort zugehen. Umso länger es nach der ersten Kontaktaufnahme bis zum Date dauert, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieses wieder abgesagt wird. Wer spontan Lust hat, will sofort aktiv werden und keinen Terminkalender zücken. Die selbsterklärende Vermittlung nach dem Vorbild von Tinder soll dabei helfen, Zeit und Frust zu sparen.

Ohlala – Was ist das Alleinstellungsmerkmal?

Gegenüber Netzpiloten sagt Poppenreiter, die beiden Gründer seien sich bei Peppr irgendwann nicht mehr einig gewesen, was die gemeinsame Strategie und Ausrichtung betraf. Mit „einem neuen Team und frischem Spirit“ will Poppenreiter mit Ohlala einen neuen Anlauf wagen. Mitgründerin Poppenreiter weiter:

Peppr ist eine App zum Buchen von sexuellen Dienstleistungen. Der Kunde sucht sich eine Dame aus und muss auf Rückmeldung warten; das kann dauern. Ohlala ist dagegen eine App zum Finden eines bezahlten Dates, und das möglichst schnell. Was bei dieser Verabredung genau passiert, ob die beiden schick essen gehen, einen romantischen Abend verbringen oder auch im Bett landen, geht uns nichts an.

Wahrscheinlich wird es in den meisten Fällen um nichts anderes als Sex gehen. Im Zentrum der Entwicklung des Vermittlungsportals stand von Anfang an der „On-Demand-Aspekt“. Der Kontakt sei ähnlich schnell hergestellt, wie mit WhatsApp oder einem anderen Chat-Dienst, erklärt uns die Wahl-Berlinerin. Im Gegensatz zu anderen Vermittlungsportalen soll dies aber eben keine virtuelle Bildergalerie von Escort-Damen sein.

Bei uns entscheiden die Frauen, wem sie sich mit ihrem Profil vorstellen. Damit gewährleisten wir auch eine größtmögliche Anonymität. Bei uns kann ein Mann nicht einfach in den Profilen aller Frauen stöbern, sondern nur in denen, die ?unsere? Damen für ihn freigeschaltet haben, die also, die wirklich an ihm interessiert sind.

Im Zuge der Einführung gibt die gebürtige Österreicherin nun bekannt, Sex sei „nie ein schlechtes Thema, erst recht nicht für Startups. Eine gute Idee findet Geld.“ Doch noch im Sommer 2014 erklärte sie gegenüber der Netzpiloten-Redaktion auf dem Tech Open Air, wie schwierig sich bei Peppr die Zusammenarbeit mit möglichen Investoren gestaltet hat. Mit der Vermittlung von Prostitution, so erfolgversprechend diese auch sein mag, möchte eben nicht jeder Investor in Verbindung gebracht werden. Bei manchen Geldgebern dürfte das anfängliche Interesse schnell abgekühlt sein.

Nicht mit gezinkten Karten spielen!

Nicht erst seit dem Hack von Ashley Madison ist klar, dass bei Seitenspung-Portalen einige Anbieter mit gezinkten Karten spielen. Die Auswertung des von Hackern veröffentlichten Datensatzes zeigt, dass bei diesem Dienst rund 30 Millionen Männer auf maximal 12.000 Frauen gekommen sind. Die Anzahl der aktiven Frauen, die wirklich ihre Post abgerufen haben, lag wohl nur bei etwa 1.500. Die Chance der zahlenden Männer auf einen Seitensprung war demnach astronomisch gering. Statt mit den Frauen tauschten die Herren Nachrichten mit den Fembots des Unternehmens aus, die sich als interessierte Damen ausgegeben haben.

Zu Abzocke kann es bei Ohlala naturgemäß nicht kommen. Die Vermittlung ist für die Besteller der Dates kostenlos. Auch durch die Anmeldung entstehen keine Gebühren. Wer sich trifft, bezahlt direkt nach Ankunft. „Bei uns kommen die Damen und die Herren direkt auf den Punkt“, ergänzt Pia Poppenreiter. Diesen Monat soll es in Frankfurt und München losgehen. Wie bei Peppr war das Angebot anfangs auf die Bundeshauptstadt ausgerichtet. Von Berlin aus soll sich das Sex-Projekt im Laufe der Zeit in ganz Deutschland ausbreiten. Man wolle zunächst die kritische Masse an Anbietern und Nutzern erreichen und sich erst ab Frühjahr 2016 um die Monetarisierung kümmern. Man wird sehen, wie gut dies gelingen wird.


Teaser & Image „Paar“ (adapted) by Unsplash (CC0 Public Domain)


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5 Lesetipps für den 29. Mai

In unseren Lesetipps geht es heute um Überwachung, Startups, Netzpolitik, Datenschutz und Netzkultur. Ergänzungen erwünscht.

  • NETZKULTUR Kleinerdrei: Es kann ein wenig lauter werden: Über das Diskutieren im Netz: Intoleranz im Netz ist bei vielen ein präsentes Thema, wenn es um die Kommunikation im Internet geht. Hasserfüllte Kommentare, Beleidigungen und harte Diskussionen gehören leider nicht mehr der Seltenheit an. Aber gehört es auch manchmal dazu, dass der Ton in einer Diskussion etwas umschlägt? Ist es überhaupt möglich, in jedem Gespräch freundlich und fokussiert zu bleiben?

  • ÜBERWACHUNG Frankfurter Allgemeine: TV-Kritik: Supernerds: Was passiert mit uns bei der Digitalisierung?: In einer TV Kritik des Feuilleton der Frankfurter Allgemeine wird der „Supernerd-Überwachungsabend“ des WRDs genauer unter die Lupe genommen. In dieser Sendung ging es um ein Multimediales Experiment, bei dem den Zuschauern vermittelt werden sollte, wie präsent die Überwachung und das Sammeln von Daten in der Zeit der Digitalisierung geworden sind. Hierfür sollten die Zuschauer vor Ort digital „ausgezogen“ werden.

  • STARTUP Gründerszene: Fruit Salad Tonight: Wie zwei Weltenbummler dazu kamen, eine Sexspiel-App zu entwickeln: Bei einer App mit dem Namen „Fruit Salad Tonight“ würde man wohl kaum an eine App für Erwachsene denken. Doch bei der App, welche die beiden Backpacker Ting Wong und Dominic Bräunlein zusammen entwickelten, handelt es sich um eine App, welchen Paaren Sex-Spiele näherbringen soll. So wollen sie verhindern, dass Sex in einer Beziehung zu etwas alltäglichem wird und spannend und aufregend bleibt.

  • NETZPOLITIK Politik Digital: VDS: Späte Kritik von Datenschützerin Voßhoff: Am Dienstag, dem 26.05.2015, hielt Andrea Voßhoff, die Bundesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit, einen Gastvortrag an der Humboldt-Universität zu Berlin. Dort forderte sie die Aufwertung ihrer Behörde. Um ihre Aufgaben effektiv zu erfüllen benötige sie mehr Geld, mehr Personal und mehr Kompetenzen. Auf den aktuellen Entwurf zur Vorratsdatenspeicherung ging sie nicht ein. Auf Nachfrage verwies sie auf eine später veröffentlichte Stellungnahme.

  • DATENSCHUTZ Datenschutzbeauftragter: E-Health-Gesetz: Digitales Gesundheitswesen in der Kritik: Am 27.05.2015 hat das deutsche Bundeskabinett das E-Health-Gesetz beschlossen. Dieses Gesetz soll dafür sorgen, dass eine umfassende digitale Infrastruktur im Gesundheitswesen geschaffen wird. Maßnahmen hierfür sind unter Anderem ein eigenes Datennetz für Patientendaten sowie die Einführung einer elektronischen Krankenakte. Bisher können Patienten laut dem Entwurf nicht entscheiden, ob ihre Daten gespeichert werden sollen. Dieser Umstand sorgt für starke Kritik.

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Nutze Netzpiloten 1-Klick: Mit nur einem Klick werden dir bequem alle 40 Sekunden die hier besprochenen Seiten „vorgeblättert“ START.

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Wieso wir in der Schule über Sex und Pornos reden müssen

Madam keeps on eating while Mister is very busy ... (adapted) (Image by Gilles San Martin [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Sex und Pornos sind digital stets zugänglich, doch wie können Jugendliche im Umgang mit solchen Inhalten geschult werden? Vor Kurzem hat der Kinderschutzverein NSPCC Childline (Nationale Society for the Prevention of Cruelty to Children) eine Studie veröffentlicht, in der herausgearbeitet wurde, zu welchem Maße Kinder dargestellt, abhängig gemacht und für pornographisches Material ausgenutzt werden und diesen Zugang selbst nutzen. Die Studie zeigte, für wie viele Kinder und Jugendliche Pornographie ein Teil ihres Alltagslebens ist. Die Ergebnisse mögen schockierend sein, doch die neuen Möglichkeiten des Internets und der sozialen Medien, die zunehmende sexualisierte Umwelt, sowohl offline als auch online, zeigen auf, dass wir neue Wege finden müssen, um die Probleme anzupacken, wie wir momentan mit Sex umgehen und darüber reden.

Eine Möglichkeit, Kindern dabei zu helfen, Geschlecht und Sexualität besser zu verstehen, besteht in guter Bildung – aber während die hitzige Debatte anhält, ob Sexualkundeunterricht nun doch verpflichtend eingeführt werden solle, geht der Streit weit darüber hinaus: man sollte Pornographie und andere Themen wie Vergewaltigung in der Schule thematisieren.

Sexualkunde ist Teil des Fachbereichs “Personal and Social Health Education” und steht auf den Lehrplänen der Schulen. Sie soll “alle Themen und Fähigkeiten abdecken, die junge Menschen benötigen, um ihr Leben managen zu können, sich vor Gefahr zu schützen und als Individuen in unserer modernen Gesellschaft zu gedeihen.” Trotzdem findet der Unterricht im Fachbereich “Personal and Social Health Education” freiwillig statt. Er sollte verpflichtend eingeführt werden, und in dem Zusammenhang sollten sexuelle Abbildungen, Inhalte, Vergewaltigungsmythen und Probleme rund um Pornographie, in der Mittelstufe als Teil des Lehrplans aufgenommen werden.

Verlust der Unschuld und staatliche Kontrolle

In einem Artikel der Sunday Times hat Bildungsministerin Nicky Morgan den Fachbereich “Personal and Social Health Education” als einen Aspekt des Geschlechterkampfes und der Geschlechtergleichbehandlung gekennzeichnet. Ein Teil davon beinhaltete, die Mädchen darin zu unterrichten, “was eine gesunde Beziehung ausmachen sollte und wie man ‚Nein‘ zu sagen lernt.” Aber neben der Tatsache, dass man dies für den Schulunterricht einführen sollte, zögerte sie, über Sexualkunde zu sprechen und bezog sich dabei auf Untersuchungen von “Expertenorganisationen”, die “nicht in der Lage wären, oder deutliche Probleme damit hätten, die grundlegenden britischen Werte zu vertreten.” Stattdessen arbeiteten sie mit Experten für „Personal and Social Health Education” zusammen und hatten eine Liste zusammengestellt, die Material beinhalte, das “den Lehrern mehr Selbstvertrauen geben solle.”

Doch das Selbstvertrauen der Lehrer ist hierbei nicht der Punkt, und auch die Probleme nicht, die die Kinder eindeutig betreffen. Die Sicherheitsfilter sind eindeutig nicht sehr erfolgreich darin, die allgegenwärtige Zugänglichkeit der Pornographie zu verhindern. Und es kann behauptet werden, dass der Sexualkundeunterricht zwar eine gute Idee ist, aber wieso ist es so schwer, diese durchzusetzen?

Wir schrecken vor einem “moralischen Minenfeld” zurück

In einer kürzlich erschienenen Ausgabe der Sendung “Moral Maze” auf BBC wurde Sexualkunde als “moralisches, ethisches und emotionales Minenfeld“ bezeichnet. Die Kritiker hierzu zerfielen in zwei Lager. Die eine Seite stimmte für den Schutz der kindlichen Unschuld – die Kinder sollten so lange wie möglich von der erwachsenen Sexualität ferngehalten werden. Bringe man ihnen nun auch in der Schule etwas über Pornographie bei, könnte dies als legitim betrachtet werden. Dadurch würde der Sexualkundeunterricht das Problem der Übersexualisierung nur verstärken, gegen das er eingesetzt werden sollte.

Andere Stimmen geben der Sexualkunde selbst die Schuld. Junge Frauen wären mehr denn je sexuell selbstbewusst, und falls sie doch Scheu vor Sex hatten, würde diese Angst nicht durch Pornographie, sondern durch den Unterricht bestärkt. Der Bericht der “Personal and Social Health Education”-Vereinigung wurde kritisiert, übermäßig Besorgnis gegenüber Frauen und Gewalt zu erregen, und sei zudem scheinheilig: Die Definition der Zustimmung wäre übermäßig hoch und stelle menschliche Beziehungen als sehr kompliziert dar. Seine Vorschläge seien aufdringlich, präskriptiv und konformistisch. Würde er als verpflichtend eingeführt werden, laufe der Sexualkundeunterricht Gefahr, eine staatlich sanktionierte Sichtweise auf “gesunde” Beziehungen zu generieren und wäre im Grunde ein weiterer Schritt in Richtung sozialer Kontrolle.

Beide Kritiken bezichtigten Pornographie und die Pornoindustrie als unaufhaltsame Tatsache, und doch blieben die Aspekte der Misogynie und geschlechterspezifischen Machtfragen wie Zustimmung, Vergewaltigung und Pornos unangesprochen.

Pornographie im Unterricht

Christian Graugaard, ein dänischer Sexualwissenschaftler, erörterte, dass Pornographie unter kontrollierten Bedingungen, 15- und 16 Jährigen Schülern im Unterricht vorgeführt werden solle (seit den 1970ern ist Sexualkunde in Dänemark verpflichtend, zudem ist Pornographie in manchen dänischen Schulen Teil des Lehrplans).

Er beharrte darauf, dass wenn wir jungen Menschen nicht in eine kritische Diskussion über die frauenfeindlichen Aspekte der Pornographie einladen würden, wir ihnen keine Maßstäbe mitgeben würden, um Sex anders als von der Industrie präsentiert zu beurteilen. Ihnen Pornographie vorzuführen, ist eine Möglichkeit, ihnen beizubringen, dass Pornos nichts mit echtem Sex zu tun haben. Da Pornographie für Teenager ohnehin leicht zugänglich ist, wollte Graugaard sichergehen, dass sie “die nötigen Fähigkeiten besitzen, die Pornos konstruktiv zu betrachten” und “verantwortungsbewusste und kritische Konsumenten” werden zu können. Graugaard meint:

Pornos können auch feministisch sein, manchmal sogar Teil einer Demokratisierung der Sexualität, und [kann auch] Diversität bewerben. Sie können aber auch ausschließen – beispielsweise Körperformen, Geschlechter und Sexualität. Wir wollen, dass unsere Kinder ein aufregendes und befriedigendes Sexleben haben, also ist ein offener, konstruktiver Dialog die beste Art, um sicherzugehen, dass sie in der Lage sind, sinnvolle Entscheidungen für sich zu treffen.

Die anschließende Debatte nahm vorhersehbare Züge an: Wenn man den Kindern von Sex erzählt, würde ihre Unschuld zerstört; sie seien sowieso versiert genug, mit Medien umzugehen, und zu behaupten, sie seien nachteilig von Pornos beeinflusst, würde nur mehr die Ängste der Erwachsenen schüren.

Sexualkunde ist zum Teil ein Kampf für Geschlechtergerechtigkeit und Gleichheit. Graugaards Vorschlag, den 15- und 16 Jährigen Pornos vorzuspielen, bietet ein Forum, in dem dieses frauenfeindliche und größtenteils eher beschränkte Medium visuell vorgeführt und von den Teenagern kritisch diskutiert werden kann. Hier impliziert Graugaards Unterscheidung in “gute und schlechte” Pornographie, dass das Genre zumindest recht vielfältg ist. Dennoch ist der Großteil der Mainstreampornos recht ähnlich gestrickt, meist werden Hardcorethemen erzählt und mit Entmenschlichung und Degradierung der Frau gearbeitet.

Wir haben auch schlechte Angewohnheiten

Es ist nicht der Sex der Jugendlichen, der uns moralisch herausfordern sollte. Teenager haben starke, erotische Gefühle, die sie noch entdecken werden auszudrücken. Als Gegenbeispiel ziehe ich einmal die Besorgnis über den Tabakkonsum der Jugendlichen im späten 20. Jahrhundert heran. Nicht nur war es scheinheilig, sondern zudem auch recht wirkungslos, den jungen Leuten immer wieder zu sagen, wie ungesund Rauchen sei. Solange die Erwachsenen es als alleiniges Recht betrachteten, blieb Rauchen der Übergangsritus ins Erwachsenenleben schlechthin.

Inmitten der Aufregung, ob wir Themen wie einvernehmlichen Sex, Vergewaltigung und Pornos in den Unterricht einfließen lassen sollten oder nicht, sollten wir uns vielleicht zuerst an die eigene Nase fassen. Wenn Pornos nicht länger als Problem von männlichem oder weiblichem sexuellen Verlangen nach weiblicher Degradierung, sondern als Vergnügen für Erwachsene anerkannt ist, können junge Leute die Last unseres Erbes tragen.

Der Artikel ist zuerst auf theconversation.com erschienen und unter CC BY-ND 4.0 lizensiert. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Image (adapted) „Madam keeps on eating while Mister is very busy …“ by Gilles San Martin (CC BY-SA 2.0)


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5 Lesetipps für den 20. März

In unseren Lesetipps geht es heute um Social Porn, Minimalismus im Konsum, Windows XP im Bundestag, Paid Content im Journalismus und das Home Office. Ergänzungen erwünscht.

  • SEXUALITÄT The Guardian: Social porn – why people are sharing their sex lives online: Die Regel 34 des Internets besagt: Wenn es existiert, gibt es Online-Pornos darüber. YouTube – PornTube, Pinstagram – Pinsex, Instagram – Pornostagram, etc. Websites über Sex folgten meist den Entwicklungen von sozialen Netzwerken, denn Sex – also wer mit wem – ist ebenfalls ein sozialer Aspekt unseres Lebens. Frances Perraudin setzt sich im Guardian lesenswert mit Social Porn auseinander.
  • MINIMALISMUS Becoming Minimalist: 10 Reasons to Escape Excessive Consumerism: Unser Konsum ist Grundlage von ökonomischen Innovationen, aber auch gesellschaftlichen Problemen. Deshalb ist in den letzten Jahren eine Minimalismus-Bewegung entstanden, die sich bewusster mit ihrem Konsumverhalten auseinandersetzt und sich in Effizienz und Verzicht übt. Joshua Becker ist einer von ihnen und zählt in seinem Blog 10 Gründe auf, wieso sich ein minimalistischer Konsum persönlich lohnen kann.
  • SOFTWARE Handelsblatt: Wie Windows XP den Bundestag gefährdet: Das Problem ist symptomatisch für die deutsche Verwaltung und nicht auf den Bundestsag beschränkt, aber dem PArlament droht ein gewaltiges Sicherheitsproblem, wie Christof Kerkmann im Handelsblatt schreibt. Der Grund sind Computer, die immer noch mit dem Betriebssystem Windows XP laufen. Dafür bietet Microsoft bald keine Sicherheits-Updates mehr an, auf ein modernes oder sogar offenes Betriebssystem wurde aber noch nicht umgestellt.
  • PAID CONTENT G! gutjahrs blog: Ein neues Bezahlmodell für Journalismus: Lange haben Presseverlage die sogenannte Gratismentalität im Netz beklagt. Suchmaschinenbetreiber, Blogger und Leser wurden gar als Schnorrer verunglimpft. Zeit für einen Neustart, findet Richard Gutjahr und tritt zusammen mit dem Münchner Startup LaterPay den Beweis an, dass man mit Journalismus im Netz sehr wohl Geld verdienen kann, wenn man seine Leser ernst nimmt.
  • HOME OFFICE Netzwertig.com: Warum die Möglichkeiten des Home Office immer noch unterschätzt werden: Heimarbeit ist in Deutschland auf dem absteigenden Ast. Dabei ist die Möglichkeit gerade bei Webworkern eine gute Alternative, die auch immer größeren Verkehrsproblemen entgegen wirken kann. Jürgen Vielmeier findet auf Netzwertig.com, dass es wird Zeit, mit einigen Vorurteilen gegen das Home Office aufzuräumen.

Nutze Netzpiloten 1-Klick: Mit nur einem Klick werden dir bequem alle 40 Sekunden die hier besprochenen Seiten „vorgeblättert“ START.

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Mediathekenumschau vom 10. November

Bildempfangsstörung (Bild Paulae [CC-BY-3.0], via Wikimedia Commons)

In der Mediathekenumschau heute: Antisemitismus in Deutschland und das ZDF und der MDR fassen die ganz heißen Themen an.  // von Hannes Richter

Es ist so eine Sache mit den Mediatheken: Für viele Digital Natives sind sie schon Fernsehersatz – alles ist überall abrufbar. Doch nur auf Zeit: Gerade die öffentlich-rechtlichen Programme sind oft nach einer Woche wieder offline. Verlängertes Fernsehen statt digitales Archiv. Bevor sie verschwinden, fischen wir die besten Perlen aus der TV-Flut.

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