Digitale Kompetenz: Eine Gesellschaft in der Pflicht

Der Vermittlungsausschuss konnte sich kürzlich auf einen Kompromiss zum Digitalpakt einigen. Fördergeldern für neue Rechner, WLAN und digitale Bildungsangebote steht kaum mehr etwas im Weg. Zweifelsohne müssen unsere Schulen der Digitalisierung Rechnung tragen. Doch mit Ausstattung allein transportiert man noch lange keine digitalen Werte. Noch wichtiger ist eine digitale Kompetenz, die von Lehrern und Eltern gleichermaßen vorgelebt wird. Doch genau hier stehen wir vor großen Problemen.

#Neuland lässt grüßen

Die Zeiten haben sich geändert. Schon früh besitzen Kinder ihr eigenes Smartphone. Sie sind ständig im Internet unterwegs und über Social Media vernetzt. Doch ein Smartphone wie selbstverständlich zu nutzen, heißt noch nicht, dass man kompetent damit umgeht. Fleißig wird Facebook, Twitter, Instagram und Snapchat genutzt. Im Alter von zwölf Jahren eifern sie schon ihren Idolen nach und laden Inhalte auf YouTube hoch – selbst wenn es der größte Müll ist.

Trotzdem sind sie sich nicht bewusst, was sie da überhaupt alles ins Netz stellen. Sie nutzen es, hinterfragen es aber nicht. Dazu kommt der soziale Druck, den die Netzwerke auf Kinder ausüben. Die meisten Follower, die meisten Views, einfach dazu gehören. Internet ist Neuland. Die von allen Seiten so belächelte Aussage Merkels ist für mich noch immer eine ihrer treffendsten, auch wenn unter anderen Gesichtspunkten. Für weite Teile der Gesellschaft ist das „Neuland“ noch immer ein Problem – nicht nur für die „Ewiggestrigen“, sondern auch für Digital Natives. 

Nicht durch ein Seminar zu erlernen

Wenn schon die Alten oftmals kein Verständnis für das eigentlich nicht mehr völlig neue Medium haben, wie sollen sie es dann der Jugend beibringen? Genau hier beginnt das eigentliche Dilemma. Seminare alleine reichen nicht aus. Zwar ist es auch für Digitalmuffel sinnvoll zu wissen, wo sich die Schüler online rumtreiben, doch um digitale Kompetenz zu vermitteln, muss man digitale Kompetenz auch leben. Es reicht nicht aus, einen Kurs besucht zu haben, man muss selbst Teil dieser neuen Kultur sein.

Und das müsste eigentlich bereits Zuhause anfangen. Kinder, denen keine digitale Kompetenz vorgelebt wird, werden sie nur schwer erlernen. Es lässt sich nicht einfach in Lehrbücher pressen. Es muss Kindern genau so vorgelebt werden, wie auch der soziale Umgang in der analogen Welt. Wobei es mittlerweile nicht einmal eine wirkliche Trennung mehr zwischen digital und analog, zwischen online und offline gibt. Heute sind wir rund um die Uhr vernetzt, Always-on. Und bringt mit all seinen Vorteilen eben auch wieder viele Probleme und Herausforderungen mit sich. 

Hinzu kommt, dass Kinder es sehr schnell merken, wenn sie selbst mehr Ahnung von Internet und Social Media haben als Eltern oder Lehrer. Und wieso sollten sie digitale Kompetenz von jemanden lernen, der offenbar selbst keine Ahnung davon hat? Der Arzt lässt sich schließlich auch nicht vom Versicherungsvertreter erklären, wie er den Blinddarm zu entfernen hat.

Ein Problem unserer Gesellschaft

Digitale Kompetenz ist für uns kein Problem technischer Limitierung, sondern eines unserer gegensätzlichen Gesellschaft. Auf der einen Seite haben wir eine junge Generation, die leider oft zu unbedarft die technologischen Errungenschaften unserer Zeit genießt. Eine Generation, die wie selbstverständlich die Möglichkeiten ausschöpft, aber oftmals zu wenig reflektiert. 

Das andere Extrem sind wieder die Verweigerer, für die Social Media und moderne Digitalkultur schon von Grund auf böse sind. Das sind natürlich jetzt die zwei Extreme, aber keine völlig unrealistischen. Die „German Angst“ ist ein international gebrauchter Begriff, der unsere Zögerlichkeit vor politischen und gesellschaftlichen Veränderungen beschreibt. Diese trifft auch auf unseren Umgang mit technologischen Fortschritt zu. Sie sorgt dafür, dass viele den Zugang zu unserer Jugend verlieren. 

Ein schmerzhafter Spagat

Ich beneide dieser Tage weder Eltern, noch Lehrer, die vor der Aufgabe stehen, digitale Kompetenz vorzuleben. Es war so einfach, als Medienkompetenz daraus bestand Folien auf den Overhead-Projektor zu legen und ein bisschen darauf rumzumalen. Da Schüler sowas nicht Zuhause hatten, waren Lehrer immer die Meister des OHP und konnten die Regeln festlegen. Das geht heute nicht mehr.

Heute gilt es den schwierigen Spagat zu meistern, Teil der digitalisierten Welt zu sein, aber dennoch Grenzen vorzuleben. Wir sind uns oft zu wenig bewusst, wie unser eigener Umgang mit Computern, Smartphones, Alexa und Co Einfluss auf Kinder hat. Digitale Kompetenz fängt bei uns an. Das bedeutet nicht nur zu entscheiden, ab wann das Kind ein Smartphone bekommt, sondern auch selbst das Smartphone mal weglegen zu können, um dem Kind die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Auch die junge Elterngeneration, für die Netflix und Instagram längst zum Alltag gehören, muss sich eine digitale Kompetenz erarbeiten. 

„Die Smartphone-Epidemie“ von Manfred Spitzer wirft einen Blick auf die Schattenseite unserer mobilen Gesellschaft (Provisionslink) 


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Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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