Schöne neue Zukunft im Journalismus?

Ist der traditionelle Journalismus tot? US-amerikanische Journalisten und Programmierer zeigen, welche neuen Wege der Journalismus gehen kann. Journalismus fusioniert immer mehr mit Technik. Das ist vor allem im Online-Journalismus sichtbar, geht aber weit darüber hinaus. Viele US-amerikanische Journalisten, Programmierer und Webdesigner glauben, dass die Zukunft der Branche in einer Kombination von Journalismus und Technik liegt. Sie zeichnen eine neue Welt der unbegrenzten technischen Möglichkeiten für den Journalismus der Zukunft.


Warum ist das wichtig? Journalismus beeinflusst, wie Menschen Informationen aufnehmen, verarbeiten und interpretieren. Neue interdisziplinäre und interaktive Wege im Journalismus könnten auch unsere Wahrnehmung von Informationen komplett verändern.

  • Eine bisher unbekannte Vielfalt an verschiedenen Disziplinen wie Forscher, Webdesigner, Programmierer, Code-Experten sowie Redakteure kommen zusammen, um gemeinsam journalistische Inhalte aufzubereiten.

  • Informationen werden nicht mehr linear, sondern können nun durch neue Technologien visuell dargestellt werden. Komplexe Sachverhalte können so im Journalismus einfacher präsentiert werden.

  • Nachrichtenleser bekommen eine aktivere Rolle – anstatt Nachrichten nur zu passiv zu konsumieren, können sie mit den neuen journalistischen Formen die Daten selbst nachvollziehen und interpretieren.


Der Nachrichtenjournalismus ist tot, es lebe der Datenjournalismus – das verkündete vor Kurzem das Laboratorium der New York Times. Daran sind drei Dinge interessant. Zum Einen: Die Voraussage, dass Journalismus in seiner klassischen Form der Nachrichtenberichterstattung ausgedient hat. Zum Zweiten: Die New York Times beschäftigt ein eigenes Laboratorium, das sich mit Fragen zur Zukunft des Journalismus befasst. Zum Dritten: Die New York Times hat ein Laboratorium! Die Zeichen im Journalismus stehen auf Forschung, Entdeckung und vor allem Umbruch. Alle Regeln, die bisher galten, werden in Frage gestellt, neu interpretiert, überworfen. Kein Wunder, dass eine der größten Tageszeitungen der Welt in der Zukunft im Journalismus auch ganz vorne mitspielen will.

Doch wie sieht diese Zukunft aus? Wenn es nach dem NYT Lab geht, sind klassische Artikel out. Lineares Lesen gehört zur 1.0 Generation. Im Kommen sind dagegen interaktive Artikel sowie Algorithmen, die selbst Links und Zusammenhänge zwischen Artikeln erkennen. Das NYT Lab träumt von einer Welt, in der Journalisten nicht mehr selbst mühsam Links suchen und einbetten und alte Zusammenhänge in jedem Artikel neu aufrollen müssen. Das könnten Computer viel besser: “Es wäre ja schließlich auch Unsinn, wenn jedes Mal, wenn etwas neues in Syrien passiert, Wikipedia einen neuen Syrien-Artikel verfassen würde.”

Eine Graphik sagt mehr als tausend Worte

Mit diesen Ideen steht die New York Times nicht alleine da. Auch die Finanzpublikation Bloomberg vertraut immer mehr auf Codes, wenn es um das Schreiben von Artikeln geht.

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Insgesamt sehen viele Journalisten die Zukunft der Branche in Codes und Algorithmen. So behauptet etwa der US-amerikanische Forscher Daniel Miller, dass Programmierer und Code-Experten die neuen Helden im Journalismus sind. Komplexe Zusammenhänge können viel einfacher in interaktiven Graphiken erklärt werden. Themen, vor denen Journalisten bisher zurückgeschreckt sind, weil sie einfach zu umständlich zu erklären waren, können jetzt mit Codes und D3 Technologie ganz einfach in verständliche Graphiken gepackt werden.

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Diese Graphiken sehen nicht nur viel schicker aus als ein klassisches Balkendiagramm, sie erlauben es den Lesern auch, eigene Rückschlüsse zu ziehen. Die Daten werden mit wenigen Worten anschaulich präsentiert und die Leser stellen ihre eigenen Fragen und finden selbst Antworten dazu. Diese neue Form der Darstellung im Journalismus nennt sich Explorable Explorations (etwa: erkundbare Erforschungen).

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Dabei beschränkt sich dieser codierte Journalismus nicht nur auf Graphiken und Darstellungsformen. Zeitungen wie die L.A. Times experimentieren etwa schon seit Jahren damit, Algorithmen ganze Artikel selbst schreiben zu lassen. Diese neue Form des Datenjournalismus ist das genaue Gegenteil vom klassischen Nachrichtenjournalismus, in dem Redakteure die Informationen für die Leser aufbereiten und interpretieren.

Hier haben die Leser die Macht. Sie haben einen direkten Zugriff auf die Daten und können die Informationen selbst analysieren und deuten. Ein eindrucksvolles Beispiel, wie ein solcher interaktiver, multimedialer Artikel der Zukunft aussehen könnte, liefert der U.S. TV-Sender Frontline. Hier werden in einem Artikel über ein verlorenes Notizbuch Bilder mit Tönen vereint, historische Dokumente können virtuell durchgeblättert werden, Leser können entscheiden, welches Kapitel sie interessiert und worüber sie mehr erfahren möchten.

Die Zukunft ist bunt

Doch das scheint erst der Anfang zu sein. Ganze Denkschulen widmen sich derzeit in den USA der Zukunft des Journalismus. So will etwa das Nieman Lab, der prestigeträchtige Journalisten Think Tank der U.S. Eliteuniversität Harvard, nicht auf die Zukunft im Journalismus warten, sondern diese selbst miterfinden.

Im Nieman Visiting Fellowship werden junge Denker aus aller Welt eingeladen, um neue Wege im Journalismus auszukundschaften. Die Teilnehmer sollen dabei bewusst nicht nur Journalisten sein, sondern aus allen Bereichen und aus allen Ländern dieser Welt kommen. Von Programmierern über Künstler bis hin zu Architekten, sind alle Interessierten eingeladen, sich über neue Konzepte und Ideen auszutauschen und so den Journalismus neu zu gestalten.

Momentan scheinen all diese Entwicklungen vorwiegend in den USA abzulaufen. In Deutschland werden mit 3D Artikeln erste zögerliche Versuche gewagt, den Journalismus mit den neuen Möglichkeiten der Technik weiter auszuloten. Vielleicht ist hier einfach mehr Experimentierfreude gefragt, denn das Internet und die Weiterentwicklung von Technologien bieten Journalisten bereits jetzt viele neue, bisher unbekannte Möglichkeiten, um mit Darstellungsformen und interdisziplinären Arbeitsweisen zu experimentieren. Denn eines ist klar, welche Form der Journalismus der Zukunft auch annimmt, er ist auf jeden Fall bunt.


Teaser & Image “tech-startup-computer-matrix” by Tumisu (CC0).


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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest.

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