The News (Bild: Kesara Rathnayake [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Journalismus: Die neuen Nachrichtenkonkurrenten im Netz

Anderswo wird gerade der Journalismus neu erfunden – hierzulande wartet man lieber noch ein bisschen ab. Wir zeigen sechs große Trends der nächsten Jahre. // von Martin Hoffmann

The News (Bild: Kesara Rathnayake [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Erinnert sich noch jemand an Zoomer.de? Nein? Kein Wunder. Das Nachrichtenportal, bei dem die Nutzer über die Themen mitbestimmen konnten, wurde im Februar 2009 eingestellt. Seit dem gab es in Deutschland kein richtiges Experiment mehr in Sachen News-Websites. Die großen Player orientierten sich lange mehr oder weniger am Vorbild Spiegel Online, investierten viel in Suchmaschinenoptimierung und wenig in Gedanken darüber, wie eine Nachrichten-Seite im 21. Jahrhundert aussehen sollte. Die Impulse in der News-Branche kommen hierzulande meistens von außerhalb. Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick über den Tellerrand, wo gerade heftig an der Neuerfindung der Online-News gefeilt wird.


Warum ist das wichtig? Die Zukunft der Nachrichten kommt nicht aus Deutschland, sondern wird woanders erfunden.

  • Hierzulande wurde lange kaum in Innovationen im Journalismus investiert.
  • Die Zukunft des Journalismus ist mobil.
  • Der Artikel hat ausgedient – und wird gerade völlig neu erfunden.

Das Nachrichtenportal Zoomer.de der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, bei dem die Nutzer über die Themen mitbestimmen konnten, wurde im Februar 2009 eingestellt. Seit dem gab es in Deutschland kein richtiges Experiment mehr in Sachen News-Websites. Die großen Player orientierten sich über lange Jahre mehr oder weniger am Vorbild Spiegel Online, investierten viel in Suchmaschinenoptimierung und wenig in Gedanken darüber, wie eine Nachrichten-Seite im 21. Jahrhundert eigentlich aussehen sollte. Die Impulse in der News-Branche kommen hierzulande meistens von außerhalb, wie zuletzt der Launch der Huffington Post Germany bewiesen hat. Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick über den Tellerrand, wo gerade heftig an der Neuerfindung der Online-News gefeilt wird. Für einen Vortrag bei der Zukunftswerkstatt Radio-Nachrichten im MDR-Landesfunkhaus Magdeburg habe ich die aktuellsten Trends mal zusammengefasst.

I. Die News werden privater

Neben den „großen“ sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter gibt es inzwischen einen neuen Trend: Private Gruppen-Kommunikation über Messenger-Dienste wie Snapchat oder Whatsapp wird immer populärer. Ob Arbeitskollegen, ehemalige Mitschüler oder Partyfreunde – es gibt für jede Gelegenheit die richtige Gruppe. Nur Nachrichten finden hier bislang noch nicht bzw. kaum statt. Warum eigentlich, dachte sich wohl auch die BBC und preschte zur Wahl in Indien vor. Über eine kurze Mitteilung an einen Whatsapp-Account der BBC konnte man die neuesten Updates zur Wahl abonnieren. In bester Live-Ticker-Manier bekamen die Nutzer aktuelle Entwicklungen, Zwischenstände und Zahlen aufbereitet als Text, Grafik, Video und Audio auf ihr Smartphone geschickt. Ganz ähnliche Versuche gab es auf Snapchat zum Beispiel von der Washington Post zum Superbowl oder vom amerikanischen ARD-Hörfunk-Pendant NPR. Der große Vorteil daran: Über die Push-Funktion schaffen es die Nachrichten mit ziemlicher Sicherheit auf den Smartphone-Homescreen des Nutzers. Schließlich will niemand die neuesten Nachrichten in seinem favorisierten Gruppenchat verpassen. Dadurch werden die Meldungen mit hoher Wahrscheinlichkeit gelesen. Oder anders gesagt: Der Homescreen wird der neue Newsfeed. Wer seine Nachrichten noch an den Mann bringen will, muss hier auf jeden Fall auftauchen – und ganz nebenbei sind diese Kanäle auch ein super Rückkanal für User Generated Content.

II. Die Homepage ist tot

Buzzfeed, Upworthy und (hierzulande) heftig.co machen es vor: Vom Traffic, den man über soziale Netzwerke bekommt, kann man mittlerweile leben. Ziemlich gut sogar. Für manchen mag das wie eine Binsenweisheit klingen – aber schaut man sich die Internetseiten vieler Zeitungsverlage in Deutschland an, stellt man schnell fest, dass diese Botschaft noch nicht überall angekommen ist. Beim Erstellen von viralen Inhalten tun sich Medienhäuser hierzulande enorm schwer. Klar, Listicles und „Was dann passierte, wirst du nicht glauben“-Headlines können noch nicht das Maß aller Dinge sein. Aber auch diese Darstellungsformen können unter journalistischen Gesichtspunkten durchaus ihre Berechtigung haben, wie ein Blick auf zwei Beispiele von Buzzfeed oder der Berliner Morgenpost zeigt. In vielen deutschen Online-Redaktionen spielen sie trotzdem noch keine Rolle. Wird die Website einer Regionalzeitung relauncht, drehen sich die Diskussionen nach wie vor sehr stark darum, wie die Homepage am Ende aussehen soll und welches Ressort wie viel Platz bekommt. Klassisches Lagerdenken eben. Doch die einzelnen Artikelseiten sind längst mindestens genauso wichtig. Das hat nicht nur die New York Times erkannt – und ihre Strategie dementsprechend angepasst. Viele Nutzer finden heutzutage einfach nicht mehr über die Homepage auf eine Website, sondern über den Link im sozialen Netzwerk ihrer Wahl. Anders ausgedrückt: Die Homepage ist noch nicht ganz tot. Aber sie siecht langsam dahin.

III. Karten sind das neue Gold

Im April launchte Vox.com, das neue Baby von Ezra Klein. Auffällig dabei: Vox.com setzt unter anderem auf eine andere Darstellungsvariante als weite Teile der Konkurrenz. Die Macher zerlegen ihre journalistischen Geschichten in kleine Einzelteile. Einfaches Beispiel: der Artikel zum Thema Marihuana-Legalisierung. Die Erzählweise pendelt zwar irgendwo zwischen Wikipedia und New York Times – ist aber nichtsdestotrotz spannend. Denn das dahinter stehende Format der Cards hat großes Potential. Warum ich Cards so super finde? Sie sind das perfekt Nutzungsszenario für mobile Endgeräte: äußerst kompakt, beliebig kombinierbar, einfach wiederverwertbar. Das hat auch Google mittlerweile erkannt und setzt seit dem letzten, Plattform übergreifenden Redesign sehr stark auf die Karten-Anmutung, die kleine Informationshappen in mundgerechten Stücken präsentiert. Vor allem bei Google Now, dem Versuch des „Suchmaschinenriesen“ noch stärker im Alltag seiner Nutzer präsent zu sein, ist das schon jetzt das Mantra. Die Route vom Heimat- zum Arbeitsort wird ebenso auf einer einzelnen Karte präsentiert, wie die Statistiken zum Baseball-Spiel von letzter Nacht. Der Vorteil: Die Darstellung funktioniert auf jedem denkbaren Endgerät – inklusive Google Glass. Aber das alles ist erst der Anfang: Cards werden schon in ein paar Jahren allgegenwärtig im Netz sein. Und auch die Art und Weise, wie wir Nachrichten konsumieren, verändern.

IV. Roboter schreiben Geschichten

Vor ein paar Wochen erschien auf Quartz.com eine wunderbare Infografik dazu, welche Berufszweige in Zukunft durch Roboter ersetzt werden könnten. Dass es darin eine eigene Kategorie für Jobs im Bereich „Media, Entertainment & Sports“ gab, war alles andere als ein Zufall. Denn die ersten Algorithmen, die automatisch Nachrichten-Artikel schreiben, sind längst im Einsatz. So wurde der erste Artikel auf der Website der LA Times nach einem Erdbeben im März von einem Bot geschrieben. „Wir waren innerhalb von drei Minuten online“, sagte Ken Schwencke, Journalist und Programmierer der LA Times hinterher in einem Interview. Der komplette Artikel lautete wie folgt:

A shallow magnitude 4.7 earthquake was reported Monday morning five miles from Westwood, California, according to the U.S. Geological Survey. The temblor occurred at 6:25 a.m. Pacific time at a depth of 5.0 miles. According to the USGS, the epicenter was six miles from Beverly Hills, California, seven miles from Universal City, California, seven miles from Santa Monica, California and 348 miles from Sacramento, California. In the past ten days, there have been no earthquakes magnitude 3.0 and greater centered nearby. This information comes from the USGS Earthquake Notification Service and this post was created by an algorithm written by the author.

Schwencke hatte schon vor zwei Jahren seinen so genannten „Quakebot“ programmiert, der automatisiert zu allen Erdbeben-Meldungen eines amerikanischen Erdbeben-Institutes kurze Nachrichten in einem bestimmten Format verfasst. Was zunächst simpel klingt, zeigt auf, wohin die Reise geht. Nachrichten folgen sehr oft bestimmten Mustern und orientieren sich in ihrer Sprache an bestimmten Vorgaben. Füttert man einen Bot nun mit den richtigen Vorgaben und zapft die richtigen Datenquellen an, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis dieser Nachrichten schreibt, die von denen eines „echten“ Nachrichten-Redakteurs nicht mehr zu unterscheiden sind. Ob Verbrechen, Börsennachrichten oder Sportjournalismus: Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig. Konrad Weber hat gerade ein paar denkbare Szenarien zusammengefasst, wie Algorithmen den Journalismus verbessern könnten. Es gilt: Journalisten tun gut daran, diese technologiegetriebene Neuerung aktiv mitzugestalten. Sonst könnten einige von ihnen in ein paar Jahren tatsächlich durch Roboter ersetzt worden sein.

V. Bewegtbild rockt das Netz

Kaum ein Markt im Netz ist derzeit so umkämpft wie der Bewegtbildmarkt. Kein Wunder, verlagern sich die wichtigen Werbegelder doch zunehmend vom TV ins Internet. Davon versucht zuallererst YouTube zu profitieren. Die zweitgrößte Suchmaschine der Welt will schon länger ein Umfeld schaffen, in dem sich Kreative wohl fühlen. Mit eigenen Programmen wurden z.B. neue Formate unterstützt. Inzwischen haben sich auch die ersten Vermarktungsnetzwerke gegründet. Gewisse YouTuber sind mittlerweile nicht mehr nur innerhalb der Szene ein Begriff, sondern auch weit darüber hinaus. Bestes Beispiel dafür dürfte neben Y-Titty auch Florian Mundt, alias LeFloid, sein. Er hat inzwischen über 1,8 Millionen Abonnenten auf seinem YouTube-Kanal – und hat im letzten Jahr mit seinen „LeNews“ eine Sendung an den Start gebracht, die das tagesaktuelle Geschehen kommentiert. Nicht umsonst ist LeFloid in diesem Jahr für den Grimme-Online-Award nominiert. Die schnell geschnittenen Clips strotzen nur so vor Witz – und Meinung – und erreichen trotzdem beachtliche Abrufzahlen. Beinahe klassisch versucht dagegen das amerikanische Startup NowThis News den Markt zu erobern. In kurzen Bewegtbildclips setzt die Seite voll auf virale Effekte – und versucht mit Videos vor allem auf die Smartphones der Leute zu kommen. Unter anderem wurde dafür das Format der 5W-Videos entwickelt. In einem kurzen Videoclip werden darin die klassischen journalistischen 5 W-Fragen beantwortet. Ideal für eine Zielgruppe, die ihre Inhalte zunehmend unterwegs und über das Smartphone konsumiert. Auch die BBC experimentiert schon länger mit Bewegtbild bei Instagram. Unter dem Label „BBC Instafax“ werden über den BBC-News-Kanal mehrmals am Tag kurze Nachrichtenvideos veröffentlicht, die – dank Text im Bild – auch dann funktionieren, wenn man die Kopfhörer mal vergessen hat.

VI. Der Artikel zerfällt

Eine der am meisten unterschätzten Präsentationen auf der diesjährigen Republica beschäftigte sich mit dem Thema „Structured Journalism“ (auch dazu der Artikel von Bernd Oswald). Florian Steglich, Thom Nagy (beide von NZZ Labs) und Sebastian Horn vom Journalismus-Software-Dienstleister Sourcefabric veranstalteten in ihrem Panel eine Art Kick-Off für eines der interessantesten journalistischen Themengebiete der nächsten Jahre. Alle drei treibt die Antwort auf die Frage um, was im Netz nach dem Artikel kommt – der ja eigentlich noch aus den Zeiten stammt, als der Platz in der gedruckten Tageszeitung rar war und die einzelnen Texte nicht kontextualisiert werden konnten. Ihre Lösung: Sie haben (noch) keine. Aber dass das Artikel-Prinzip weiterentwickelt werden musst, steht außer Frage. Der Ansatz des „Sturctured Journalism“ versucht, journalistische Informationen zu isolieren und in die kleinsten möglichen Informationseinheiten zu zerlegen (siehe auch das Beispiel Cards weiter oben). Diese sollen dann in neuen journalistischen Angeboten zusammengesetzt und dadurch kontinuierlich wertvoller werden. Die Geschichte vom Tod Nelson Mandelas ist also nur der Endpunkt seiner Lebensgeschichte – und (grob gesagt) der Beginn der Geschichte zu seiner Beerdigung. Im Idealfall wird eine Geschichte so also eine Ansammlung von Datenpunkten (egal ob Text, Zitate, Zahlen, Fotos, Grafiken oder Karten), die dann wieder neu arrangiert werden können. Ob Live-Blogs, über Meta-Tags generierte Themenseiten oder Story-Streams – die ersten Versuche in diese Richtung werden wir in ein paar Jahren wahrscheinlich allesamt belächeln. Denn das Potential, das in dieser Art von strukturiertem und mit den richtigen Meta-Daten versehenem Journalismus steckt, ist viel, viel größer. Wer sich näher für das Thema interessiert, dem sei diese Leseliste ans Herz gelegt.

Anmerkung: Der Artikel entstand aus einem Vortrag, den ich bei der „Zukunftswerkstatt Radio-Nachrichten“ im MDR-Landesfunkhaus Magdeburg gehalten habe. Mehr Informationen zu der Konferenz und ihren Ergebnissen gibt es unter anderem hier


Teaser & Image by Kesara Rathnayake (CC BY-SA 2.0)


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Martin Hoffmann

Martin Hoffmann

hat Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt studiert. Nach seinem trimedialen Volontariat beim MDR wechselte er in die Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Dort ist er für die Weiterentwicklung der Social-Media-Accounts sowie trimediale Projekte zuständig und arbeitet als Nachrichtenkoordinator. Außerdem berät er Medienunternehmen in Sachen Social Media und gibt Seminare u.a. zum Thema Mobile Reporting und Video-Journalismus im Internet. Er beschäftigt sich intensiv mit neuen Darstellungsformen im Netz und den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Medienbranche.

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