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Die New York Times peilt zehn Millionen digitale Abonnenten an

New_York_Times (adapted) (Image by Samchills [CC BY 2.0] via Flickr)

„Wir haben uns das Ziel gesetzt, zehn Millionen digitale Abonnenten zu erreichen“, sagte der New York Times-Geschäftsführer Mark Thompson, während der jährlichen UBS Global Media Conference in New York, vor wenigen Tagen. Auch wenn das noch etwas hin ist — im September hatte die Times schon ca. 1,6 Millionen digitale Abonnenten, auch im Zusammenhang mit ihrem Kreuzworträtsel — wir sehen definitiv den Fortschritt imStrategie-Plan 2020, der auch von dem bereits zwei Jahre alten Innovations Bericht angekurbelt wurde.

Die Times hat seit dem 1. Oktober etwa 200.000 neue (Netz-) Abos verkauft. Dabei handelt es sich um eine erstaunliche Bilanz. Man munkelt, dass die Rate um das Zehnfache zum Vorjahresvergleich gestiegen sei. Die neuen Abos werden zunehmend online getätigt und bringen der Times eventuell bis zu 30 Millionen US-Dollar extra zu ihrem Einkommen – was auch dringend benötigt wird, nachdem die Times im dritten Quartal einen 18prozentigen Verlust bei der Printwerbung feststellen musste.

Durch die Wahl Donald Trumps kam es nach dem 8. November 2016 zu einem Anstieg der Abozahlen. Zuvor hatte die Times im dritten Quartal ihre Abonnentenzahl aber schon verdoppelt; genau das zeigt die Macht des Journalismus und die analytische Intelligenz, mit der man gelegentliche Leser als Abonnenten gewinnt. Zudem hat die Times seine Aktivitäten auf Facebook verstärkt. Vor der Kampagne haben Besucher, die auf einen Link bei Facebook geklickt haben, kostenlos lesen können, von nun an wird man nach zehn Artikeln zum Zahlen aufgefordert. Die Times hat außerdem die Teilnahme an den Instant Articles eingestellt.

Abonnenten außerhalb der USA

Abonnenten aus der ganzen Welt bilden 13 Prozent der gesamten Abos der Times ab, so Thompson. Während diese Zahl relativ stabil blieb, ist dennoch die Anzahl an internationalen Abonnenten der Digitalversion – mittlerweile dürften es rund 200.000 sein – bemerkenswert. Während der Anstieg wegen Trump bei den US-Abonnenten deutlich erkennbar ist, dürfte der internationale Prozentsatz die Times dennoch ermutigend sein: der Zuwachs an Kunden außerhalb der USA ist treibendes Element der neuen Strategie.

Gut 22 Prozent des Gesamteinkommens der Times errechnet sich aus der Printwerbung. Daraus ist erkennbar, dass man sich weniger auf die Einkommenskategorie verlässt, die Zeitungsfirmen den größten Kummer bereitete, oder, um es mit Thompsons Worten zu sagen: „Wir sehen die Entschuldung und Ausschaltung der Printwerbung.“ Die Folgen sind klar: Indem man sich zunehmend auf das Einkommen der aufstrebenden Branchen innerhalb eines Business verlässt und die Branchen vernachlässigt werden, die ohnehin aussterben, ist eine Weiterentwicklung durchaus möglich.

Das Inhaltsgeschäft ist schwächer als gedacht

Bei der erwähnten Konferenz hatte Thompson vorhergesagt, dass die Times ihr ursprüngliches Inhaltsgeschäft in 2016 „fast verdoppeln“ könnte (bei 35 Millionen US-Dollar im Jahr 2015). Als er gefragt wurde, ob die Firma noch auf diesem Weg sei, verneinte Thompson. „Sie ist nicht so gewachsen, wie ich es mir gewünscht hatte“, sagte er, aber deutete auch an, dass das Business weiterhin bedeutend wachse.

Thompson sprach die 360 Grad-Kampagnen von Samsung an und nannte über die Werbeträger-Beziehungen, die man nun in einem Spitzen-Markt erwarten könne. „Marketingchefs denken jetzt anders. Sie wollen nicht über Werbung reden. Wir verkaufen jetzt weiße Flächen… leere Flächen.“

Das Einkommen von geschützten Marken ist eine absolute Priorität für die Times und die nationalen Kollegen, während digitale Anzeigenkunden gleichzeitig Druck verspüren, die Preise zu senken und die Doppelherrschaft von Google und Facebook begutachten. Obwohl die Verkaufszahlen der digitalen Abos Mut macht, muss die Times dennoch abschätzen, wie weit die geschützten Marken in den nächsten Jahren wachsen können.

Zehn Millionen digitale Abonnenten

Diese Zahl warf Thompson vor wenigen Tagen in den Raum – meiner Erinnerung nach zum ersten Mal: „Wir haben uns das Ziel gesetzt, zehn Millionen digitale Abonnenten zu erreichen“. Natürlich nannte er dabei keinen Zeitraum. Dennoch kann uns diese Zahl einigen Aufschluss über die neuen Möglichkeiten der Times in Zeiten des Smartphones geben. Der Aktienkurs der Times, der seit Juni bereits um 20 Prozent gestiegen ist, stieg vor wenigen Tagen noch einmal um drei Prozent, nachdem Analysten und Investoren diese Wachstumspläne anscheinend positiv aufgefasst haben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Nieman Journalism Lab“ unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „New York Times“ by Samchills (CC BY 2.0)


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Jung gegen Alt: Nachrichten werden anders gelesen

french tourists (Image by Ron Porter [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Vergessen Sie die unterschiedlichen Meinungen zu Heirat, Hausbesitz und Politik: die aussagekräftigsten Unterschiede zwischen jungen und alten Menschen liegen in der Art und Weise, wie sie ihre Nachrichten bekommen.

Die neue Umfrage des Pew Research Centers über Trends der modernen Nachrichtennutzung, die mit der Knight Foundation zusammen durchgeführt wurde, zeigt, dass einen großen Unterschied zwischen jungen und alten Nutzern hinsichtlich der Nachrichtennutzung gibt. Während 54 Prozent der 18- bis 29-Jährigen sagen, dass sie ihre Nachrichten am liebsten digital abrufen, geben bloß 38 Prozent im Alter von 30 bis 49 und 15 Prozent im Alter von 50 bis 64 Jahren das gleiche an.

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Image by Pew Research Center

Die Ungleichheit in der bevorzugten Nachrichtennutzung der Jungen und der Alten ist sogar noch deutlicher, was Handys betrifft. Siebzig Prozent der 18- bis 29-Jährigen sagen, dass sie es bevorzugen, nur Nachrichten über mobile Geräte zu bekommen.

Diese Zahl sinkt auf 53 Prozent bei Menschen zwischen 30 und 49 Jahren und sogar nur 29 Prozent zwischen dem 50. und dem 64. Lebensjahr. (Die mobile Nachrichtennutzung insgesamt steigt jedoch: Ungefähr 72 Prozent der Befragten sagten, dass sie Nachrichten über mobile Geräte abrufen. 2013 lag diese Zahl noch bei 53 Prozent.)

Diese Unterschiede zwischen den Generationen könnten schlechte Nachrichten für das Fernsehgeschäft bedeuten. Pews Bericht beweist, was die meisten Fernsehnetzwerke bereits in ihren Zuschauerzahlen bemerkt haben: die Zahl der jungen Zuschauer sinkt.

Während 72 Prozent der Menschen zwischen 50 und 64 Jahren und 85 Prozent derer über 65-Jährigen sagen, dass sie ihre Nachrichten im Fernsehen anschauen, sagen nur 29 Prozent der 18- bis 29-Jährigen das gleiche.

Pew befragt nur Menschen ab 18 Jahren, was eine bedeutende Anzahl von jüngeren Nachrichtennutzer mit eigenen Bevorzugungen für die Beschaffung von Nachrichten auslässt. Es ist trotzdem wahrscheinlich, dass diese Vorlieben schlechte Nachrichten für die traditionellen Medien bedeuten.

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Image by Pew Research Center

Hier sind ein paar Highlights des Berichts:

  • Mehr schlechte Nachrichten für Verlage, die versuchen, dass die Menschen ihre Nachrichtenvideos online anschauen: Pew fand heraus, dass Menschen, die gerne Nachrichten sehen, dies zu 80 Prozent über das Fernsehen tun. Im Gegensatz dazu hat das Internet diejenigen angezogen, die die Nachrichten lieber lesen als sehen wollen.

    Vorhergehende Forschungen vom Oxford’s Reuters Institute for the Study of Journalism behandelten ebenfalls die Herausforderungen von digitalen Nachrichtenagenturen, die Menschen dazu bewegen sollen, sich die die Nachrichten-Videos online anzuschauen.

 

  • Druckerzeugnisse gehen weiterhin zurück: Nur 20 Prozent der Menschen bekommen ihre Nachrichten über analoge Zeitungen; drei Jahre zuvor waren es noch 27 Prozent. Nur 26 Prozent der Menschen, die die Nachrichten lieber lesen, tun dies mit Printerzeugnissen.

 

  • Menschen, die ihre Nachrichten online abrufen, haben öfter eine negative Meinung über die Medien. Ungefähr 67 Prozent der Menschen, die es bevorzugen, die Nachrichten online abzurufen, haben eine positive Meinung über die Medien, im Vergleich zu 81 Prozent der Menschen, die andere Plattformen bevorzugen. Besonders junge Erwachsene sind den Medien generell negativer eingestellt.

 

  • Nachrichten insgesamt scheinen ein Vertrauensproblem zu haben: Nur 20 Prozent der Amerikaner vertrauen den Informationen, die sie von Nachrichtenagenturen online und offline bekommen. Das Vertrauen in Nachrichten der sozialen Medien ist noch geringer,zeigen die Befunde eines Berichts im April vom AP-NORC Center for Public Affairs Research and the American Press Institute

Den vollständigen Bericht finden Sie hier.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „French tourists“ by RonPorter (CC0 Public Domain)


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Blendle startet sein neues Bezahlmodell in den USA

Zeitung (image by shotput [CC0 Public Domain] via Pixabay)new

Blendle, die niederländische Plattform, bei der Nutzer pro Artikel bezahlen, hat vor wenigen Tagen in den Vereinigten Staaten eine limitierte Betaversion herausgebracht. Blendle kooperiert nun mit 20 Medienhäusern – einschließlich hochkarätigen Verlagen wie der New York Times, dem Wall Street Journal, der Washington Post, The Economist und dem Time Magazine. Der Test wird darüber entscheiden, ob sich Blendles Micropayment-Modell auf einen Markt, der voll von kostenfreien Inhalten ist, überhaupt halten kann.

Blendle bringt alle Artikel seiner Verlagspartner in einer gemeinsamen App zusammen und bietet dann den Nutzern die Möglichkeit, sie einzeln zu erwerben, unabhängig davon, wo sie ursprünglich veröffentlicht wurden. Die US-Markteinführung wird zunächst auf 10.000 Nutzer beschränkt sein und der Preis wird zwischen 19 und 39 Cent für Zeitungsartikel und zwischen 9 und 49 Cent für Artikel aus Magazinen betragen. Wenn die Nutzer mit einem Artikel unzufrieden sind, können sie eine Rückerstattung fordern. Jedes Verlagshaus setzt seine eigenen Preise fest und behält 70 Prozent der Umsätze, während Blendle die übrigen 30 Prozent bekommt. Das Modell ähnelt den Einnahmen von Apples App Store – was passend ist, wenn man bedenkt, dass Blendle dem “Nachrichten-iTunes”-Modell am nächsten ist, das viele Leute über Jahre hinweg gefordert haben.

Eine Vielzahl englischsprachiger Publikationen hat Blendle in Europa genutzt, seit die Plattform 2014 in den Niederlanden und letztes Jahr in Deutschland gestartet ist. Das Verlagshaus der New York Times sowie der deutsche Axel Springer-Verlag haben im Oktober 2014 drei Millionen Euro in das Unternehmen investiert.

Blendle plant außerdem, zusätzliche Optionen einzuführen, die es den Nutzern erlauben, einzelne Publikationen zu abonnieren. Blendle-Mitbegründer Alexander Klöpping sagte, das Unternehmen würde Abonnements zunächst in Europa einführen, sie aber “schon bald in die USA bringen”.

In den Niederlanden und in Deutschland haben sich bereits 650.000 Personen für den Service registriert. Blendle bietet neuen Nutzern ein Startguthaben, damit sie den Service zunächst kostenlos ausprobieren können. Laut Klöpping verknüpfen etwa 20 Prozent der registrierten Nutzer eine Kreditkarte mit ihrem Kundenkonto. Wie viele Artikel gekauft wurden, möchte er jedoch nicht sagen.

Natürlich muss man aber noch abwarten, wie sich der Micropayment-Service auf den amerikanischen Markt übertragen wird. Esquire hat eine Zeit lang versucht, Lesern für einzelne Onlineartikel gewisse Kosten zu berechnen; GQ hat damit experimentiert, Preise für Artikel zu verlangen, wenn ein Ad-Blocker verwendet wird und im vergangenen Jahr hat The Winnipeg Free Press aus Kanada als erste nordamerikanische Zeitung ein Micropayment-System eingeführt. Bis einschließlich Februar verzeichnete The Free Press 4.000 registrierte Konten und berechnete im neuesten Einnahmebericht, dass sie dieses Jahr 100.000 Kanadische Dollar (76.365 US-Dollar) mit diesem Programm erwirtschaften würden.

Der deutsche und der niederländische Markt (mit jeweils 80 Millionen Einwohnern bzw. 17 Millionen Einwohnern) sind kleiner als der amerikanische Markt (319 Millionen Einwohner). Als Blendle in diesen Ländern auf den Markt gekommen ist, konnte es fast jede große Zeitung und jedes Magazin auf seine Plattform aufnehmen. In den USA ist dies nicht der Fall, da englischsprachige Inhalte in viel größeren Mengen kostenlos online verfügbar sind. (Ein weit größerer Anteil europäischer Publikationen verwendet im Vergleich zu US-amerikanischen Medienunternehmen unumgängliche Paywalls).

Infolgedessen preise Blendle das Produkt bei amerikanischen Nutzern als Ausweg aus dem Dickicht der Online-Inhalte an, um Artikel von hoher Qualität zu erhalten, so Klöpping. “Die Botschaft unterscheidet sich deutlich”, sagt er. “In den USA betonen wir viel stärker die Tatsache, dass wir Nutzern dabei helfen, Inhalte in Publikationen zu entdecken, die sie normalerweise nur selten lesen würden.”

Und sobald Nutzer die Blendle-App haben, sagt Klöpping, sei er zuversichtlich, dass sie bereit wären, für Artikel zu zahlen, die sie anderweitig umsonst bekommen könnten.

Wenn Publikationen einige ihrer Artikel kostenfrei auf ihre Seite stellen, hat das keine Auswirkungen darauf, wie Leute dafür bezahlen”, sagt Klöpping.

Wir sehen hier keinen Rückgang der Zugriffe. Es ist eigentlich ziemlich logisch: Wenn man in der App ist und sie einem einige Artikel liefert, die einen interessieren, werden sich viele Leute nicht die Mühe machen, eine Überschrift zu googlen, um herauszufinden, wo sie den Artikel umsonst bekommen können.

Blendle hat Redakteure in der niederländischen Geschäftsstelle, die Artikel für einen englischsprachigen Newsletter zusammenstellen, der wiederum auf Artikel der Plattform aufmerksam macht. Man plant, in den Niederlanden und in New York mehr Redaktionsmitglieder für die englische Seite einzustellen. Blendle hat zudem einen Empfehlungsalgorithmus, wodurch Nutzer Medienhäusern sowie anderen Personen auf Blendle folgen können, um Artikel zu finden.

Es gibt deutsche und niederländische Versionen des Newsletters. Künftig soll eine Artikelsammlung zu bestimmten Nachrichtenereignissen zusammengestellt werden, wie beispielsweise zu den Terroranschlägen in Brüssel.

[Übersetzung: Bist du auf Blendle? Wir haben einen Channel mit den besten Hintergrundartikeln eröffnet. Interpretation ist wichtig.]

Beth Diaz, die stellvertretende Leiterin für Leserentwicklung und Analyse der Washington Post sagt, dass die Newsletter hilfreich gewesen seien, um Leser zu Artikeln der Washington Post und zur europäischen Versionen von Blendle zu führen. Die Washington Post und Publikationen wie The Economist und The Wall Street Journal haben bereits Artikel auf den europäischen Versionen der Seite veröffentlicht.

Wie viele Post-Artikel auf Blendle gekauft wurden, dazu möchte sich Diaz nicht äußern. Aber es sei eine eher “mäßige Quelle bezüglich Traffic und Umsätzen” gewesen. In den USA berechnet die Washington Post 19 Cent pro Artikel und wird zukünftig alles, was in ihrer Printversion veröffentlicht ist, täglich an Blendle schicken.

Laut Diaz interessiere sich die Washington Post dafür, wie sich das Micropayment-System auf eine US-Leserschaft übertragen lässt. “Ich erwarte, dass wir viele großartige Informationen bekommen werden, die uns dabei helfen, herauszufinden, ob wir unsere Strategie bezüglich unserer Partnerschaft mit Blendle und vielleicht insgesamt verändern sollten”, sagte Diaz.

Auch das Wall Street Journal hat bereits in Blendles europäischen Versionen veröffentlicht. Obwohl sie keine konkreten Zahlen nennen möchte, sagte Katie Vanneck-Smith, Servicemanagerin von Dow Jones, dass aufgrund von Blendles junger Leserschaft – mehr als die Hälfte der Nutzer sind unter 35 – Technologie-Artikel gut auf der Plattform abgeschnitten haben, während die Berichterstattung über US-Politik bisher nicht so beliebt gewesen sei. Allerdings bemerke sie, dass diese “dank Trump beginnt, aufzuholen”.

The Journal hat seit jeher Gebühren für den vollen Zugang zu seiner Website erhoben. Nach Vanneck-Smith sei Blendle nur eine weiterer Möglichkeit, die Leser dazu zu bringen, für ihre Arbeit zu zahlen. Die Artikel des Journals werden jeweils 39 Cent kosten.

Ich denke, dass dies definitiv die nächste Welle der kostenpflichtigen Angebote ist, sagt sie. Ist das etwa der einzig richtige Weg? Nein. Es wird keinen einzig richtigen Weg geben. Aber alles, was es Kunden erleichtert, professionellen Journalismus zu kaufen und dafür zu bezahlen, ist eine gute Sache. Als Branche müssen wir alles unterstützen, das die Spannung aus dem bezahlten Qualitätsjournalismus nimmt.

Time Inc. sieht in dem Service zudem die Möglichkeit, neue Leser zu erreichen. Zunächst wird die Plattform nur Artikel des Time Magazine anbieten, aber es könnten eventuell noch weitere Titel dazukommen, so Scott McAllister, stellvertretender Leiter für Digitales Marketing und Einnahmen des Verlags des Time Magazine.

Es werde noch immer über die Preissetzungsstruktur entschieden, aber laut McAllister könnte man sich dazu entschliessen, mehr Geld für größere Beiträge oder Titelgeschichten zu verlangen. Alles, was Time wöchentlich als Print veröffentlicht, werde auf Blendle verfügbar sein. Viele dieser Printinhalte seien online nur für Abonnenten zugänglich oder für Nutzer, die die volle Onlineversion des Magazins erwerben. Time hoffe darauf, dass dank Blendle ein anderes, jüngeres Publikum erreicht werden kann, welches das Magazin ansonsten nicht kaufen würde, so McAllister.

Es ist ein anderes Modell, ein anderer Konsumententyp, sagt er. Viele unserer Kunden kaufen sich das Magazin, um es durchzublättern… Dieses ist ein anderes Modell, bei dem man nach sehr spezifischen Themen oder Informationen sucht. Sicherlich gibt es bei beiden Modellen Parallelen, aber unsere Idee war eigentlich, dass es keine große Überschneidung gibt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “Zeitung”(adapted) by shotput (CC0 Public Domain)


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Die New York Times erfindet die Titelseite neu

New York Times Building, NYC (adapted) (Image by Torrenegra [CC BY 2.0] via Flickr)

Oh, die Kunst der großformatigen Titelseite – mit ihrem mystischen Handschlag-Code, sowohl über als auch unter der Faltung, ihrem Foto, das eine große Story aussendet, ihrer Schriften liefernden Nuancierung und ihrer Kursivschrift,die ihr eigenes süßliches Sirenenlied des Verständnis mitbringt. Unsere Vermutung, die wir nie neu überdacht haben, war bisher: So sollten Zeitungen aussehen. Und das taten sie auch, in jeder Stadt, in jedem Land. Wir haben das kaum für ein bestimmtes Design gehalten, sondern es war ganz einfach so.

Vor 20 Jahren haben dann viele von uns angefangen, mit Onlinenachrichten zu arbeiten. Ich erinnere mich, dass mir in meinen frühen Tagen bei Knight Ridder New Media verschiedene Anbieter die frühesten E-Editionen – “digitale Kopien” der gedruckten Zeitung – anpriesen. Bis heute bieten viele Blätter die einfach produzierten Kopien an (und Kopie-Produkte, die noch darüber hinausgehen), welche sich einer überraschenden Beliebtheit bei der älteren Bevölkerung erfreuten. Trotzdem wussten wir, dass sich die digitale Version von der Druckversion unterscheiden musste. Wir nahmen an, wir würden recht schnell herausfinden, was diese neue Version beinhalten könnte. Doch das taten wir nicht.

Wir wissen alle, dass die digitale Revolution den zeitungsbasierte Unternehmen nicht gut getan hat, mit ihren endlosen Verlusten, die immer noch die Presse definieren. Worüber nicht so viel geredet wurde, ist, wie unser Versagen beim Erstellen eines neuen Bildes vom Lesen intuitiver, digitaler Nachrichten mit zu diesem Chaos geführt hat. Über 20 Jahre lang hat das Desktop-Problem angehalten: Die Zeitungen hatten keine Möglichkeit, ihren digitalen Leser die volle Breite und Tiefe ihrer täglichen Produktion zu verdeutlichen.

Nachrichten dominierten vielleicht zu häufig Features und “Lifestyle”. Unsere Schlagzeile, die meist mit dem LIFO- Prinzip (“last in, first out”) hereinkamen – jede in der selben Schriftart, der selben Schriftgröße – hat niemals die inhaltliche Bandbreite und den Strom an Nachrichten übermittelt, den jede gute Nachrichtenorganisation ihren Lesern anbietet. Die digitale Präsentation triefte vor Einfältigkeit. Zeitungen haben zu oft einfach Google News nachgeahmt, die ihre schnipselartigen “Nachrichten” in einer stumpfen Liste wiedergegeben und somit Bedeutung und Wert durch seine Algorithmen beschmutzt hat – Neuheit kam vor Relevanz.

Während nur halbbeliebte Titelseiten – so eingeschränkt sie auch waren – eine ordentliche, logische Berichterstattung lieferten, berichteten Nachrichten im Internet in digitaler Trunkenheit und Unordnung.

Heute aber möchte ich einen Durchbruch feiern. Die Smartphone-Produkte der New York Times haben jetzt die Titelseite für die digitale Ära neu definiert. Endlich haben wir ein Vorbild. Mobile kann jetzt dazu genutzt werden, die tagesaktuellen Nachrichten zu verbreiten und funktioniert viel besser darin, uns zu informieren, als Printzeitungen es jemals könnten.

Zum ersten Mal sehe ich hier ein zeitungsähnliches Produkt, dass sich mit dem digitalen Medium arrangiert hat. Es ist leger und doch seriös. Mit den wichtigsten Nachrichten des Tages schlängelt es sich durch bis zu bestechenden Features. Kommentare werden an sinnvollen Stellen eingefügt und vielfältige Visualisierungen, wie Karten, Grafiken, Fotos und Illustrationen, werden in einer für einen kleinen Bildschirm angepassten Größe integriert. Es gibt eine gewisse Informationsdichte, ist aber nicht zu überladen. Durch das Scannen oder Scrollen der aktuellen Nachrichten können Leser ein tieferes Gefühl dafür erlangen, was tatsächlich passiert. Außerdem spüren wir etwas, was wir nur selten bei digitalen Nachrichten fühlen: Verspieltheit.

“Ganz offensichtlich ist es anders,”, sagte Steve Dueness, der leitende Redakteur für Grafik der Times. (Siehe mein Interview von vor ein paar Tagen.)

Ich meine, die [Print-] Titelseite ist [die wichtige Nachricht des] Tages, aber das ist irgendwie… die Titelseite von heute. Hat man beispielsweise die Berichterstattung der Attentate in Paris verfolgt, konnte man beobachten, wie das Ausmaß der Geschichte wuchs. Man konnte beobachten, wie sich die verschiedenen Stränge der Geschichte, die behandelt wurden, und deren Präsentation sich in eine Logik dafür, wie wir diese Geschichte kommunizieren wollen, zurechtgerückt haben.

Die Titelseite ist eine krasse Metapher, aber Dueness, ein Times-Veteran seit nunmehr 17 Jahren, machte die Verbindung greifbar. Zur Berichterstattung der Attentate meinte er:

Für die Smartphoneversion waren wir in der Lage, eine typografische Hierarchie einzuführen, und dann Teile der Geschichten mit dem Team zusammenzustellen. Ich glaube, jemand in der Nachrichtenabteilung hat einen Vergleich mit einer Titelseite gebracht.

Jetzt toppt die “Your Morning Briefing” oder die “Your Evening Briefing” die Times-Seite, indem sie in etwa zehn Punkten etwas tut, was eine Titelseite niemals könnte. All das kann man nur dank der Typographie, dem oft vergessenen Stiefkind unseres digitalen Zeitalters, zusammenstellen. Auf dem Smartphone ist die Times-Typographie elegant und wird benutzt, um verschiedene Arten von Inhalten zu anzuzeigen. Zum Beispiel verrät eine kühne serifenlose Groteskschrift sofort, dass ein Artikel aus dem Sonntagsmagazin in der Mitte der Woche veröffentlicht wird.

Die Times-App ist ein Vorläufer davon, wie das digitale Zeitalter Leser, Journalisten und das Geschäft des Journalismus belohnen kann. Über die letzten Jahre haben wir auch andere zeitungsbasierte Design-Innovationen gesehen. Zwei der besseren davon haben mit zu diesem Zeitalter beigetragen. Ich finde die mobile Displayversion von “The Washington Post” bestechend, aber es ist ein Magazin-Scroll, welchem die Proportion und die redaktionelle Beurteilung fehlt. Die Times hingegen hat herausgefunden, wie man diese Angaben täglich neu einführt und aufrechterhält. Der Guardian hat herausgefunden, wie man eine Menge tolle Arbeit auf die Seite bekommt, aber ihnen fehlt die Nuancierung und die Leichtigkeit der Times. Buzzfeed, Vox und Slate liefern neben anderen alle die Seele und die Vielfalt, aber sehen immer noch kastenförmig und/oder listenartig aus.

Die Erfahrung der Times mag eine gute sein, aber bringt sie das Geschäft voran? Während die meisten Nachrichten nun mobil gelesen werden, zu 55 Prozent oder sogar noch mehr, haben Verleger das Fehlen eines damit verbundenen Umsatzes bemängelt. Die Times glaubt, mit Betonung auf Lesereinnahmen, dass sie hier einen Code knacken können: Sie stellt das mobile Publikum zufrieden, was sich auf die Abonnements auswirkt. Die Firma lieferte einige Kerndaten:

  • “Basierend auf unserem neuen iPhone-Homescreen-Design, welches im Frühling [2015] herauskam, erlebten wir einen Anstieg der Besucherfrequenz sowie mehr Artikelviews und längere durchschnittliche Verweilzeiten  pro Benutzer;

  • dem anfänglichen iPhone Homescreen-Design folgend, verbesserte sich unsere neue Nutzerbindung um 20 Prozent im ersten Monat, nach sechs Monaten hat sich die Nutzerbindung um 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verbessert;

  • zusätzlich zu den Abonnements, die die Apps generieren, rufen die Abonnenten (für das Printabo sowie digitale Abonnenten) die Seite immer öfter mobil auf. Zusätzlich dazu, dass sie mehr Inhalt sehen, werden Abonnenten, die mobilen Zugang haben, mit einer höheren Rate beibehalten. Im Durchschnitt haben digitale Abonnenten, die ein mobiles Gerät benutzen, einen zwölfprozentigen Anstieg in dem Jahr gegenüber denen, die nur die Startseite benutzen (basierend auf der Speicherung 2015 vom Beginn des Jahres 2014).”

Kinsey Wilson, der ausführende Vizepräsident für Produkt und Technologie der Times, fasst es so zusammen: “Ein Grund, wieso Menschen abonnieren, ist die Breite der Berichterstattung, nicht nur die Tiefe und die Verbindlichkeit unserer Berichte. Diese Breite bereitzustellen, ist wirklich wichtig.” Dies ist die Moral unserer kleinen Geschichte: Es gibt eine klare Grenze zwischen besseren Produkten und wachsendem Einkommen.

Das meiste Geld kommt von wenigen Lesern

Man bedenke das Engagement und die mobile Innovation. Während Verleger immer noch einzelne Besucher ansprechen, haben sie nun endlich verstanden, dass viel von dem Geld des digitalen Geschäfts immer noch durch 15 Prozent der digitalen Leserschaft generiert werden kann. Die Times hat herausgefunden, dass ungefähr ein Achtel der digitalen Leserschaft ihr Geschäft antreibt. Es ist keine Überraschung, dass die einzigen Leute, die zahlen wollen, diejenigen sind, die das Produkt auch nutzen.

Also treibt das Engagement – hier geht es um mehr Minuten, speziell im mobilen Bereich – die Abonnement-Verkäufe sowie deren Bindung und die Möglichkeit, die Preise über die Zeit steigen zu lassen, an. Die Times hat nun diese Daten und die fesselnde Natur ihrer Smartphone-Produkte passt sich gut an die Leser-Umsatz-Strategie an.

Kann die Times das Ziel von CEO Mark Thompson erreichen, die digitalen Einnahmen zu 800 Millionen Dollar bis zum Jahr 2020 zu verdoppeln? Ja, wenn man den Zahlen, die ich auseinanderklamüsert habe, folgt – aber nur, wenn das Engagement der wichtigen zehn Prozent des digitalen Publikums über die Zeit wichtiger und tiefergehender wird.

Das ist eine altmodische Geschäfts-Philosophie: Gib dem Kunden mehr, wenn du willst, dass er mehr bezahlt. Erstaunlicherweise befürworten zu wenige Verleger diesen alten Grundsatz. Der hervorragende, hochqualitative Inhalt der Times ist den Preis des Abonnements wert, aber es ist die Erfahrung des Produktes selbst, das den Wert den Inhaltes beweist.

In Wahrheit hat die digitale Darstellung der Nachrichtenorganisationen lange das Wohlhaben der Produktion verdeckt. Als Kinsey Wilson zum ersten Mal auftauchte und dann plötzlich aufstieg, habe ich ihn gefragt, was er aus seiner neuen Erfahrung machen würde. Er sagte, er hätte die Bandbreite dessen, was die Times jeden Tag produziert, anfangs nicht erkannt. Die Times produziert 150 Artikel am Tag, sonntags sind es 250 Artikel. Trotzdem werden die meisten Menschen nur einen Bruchteil all dieser Artikel lesen.

Wenn die Times es schafft, dass ihre Leser tiefergehen und sich etwas vom Thema wegbewegen, wird sie sie mit allen möglichen Inhalten überraschen, bei denen die Leser niemals wussten, dass sie im digitalen Äther versteckt waren. Tatsächlich besagt eine andere Berechnung der Times, die ich noch nie zuvor von anderen Verlegern gehört habe, dass ein Leser, der über zwei Themenbereiche etwas liest, wahrscheinlicher ein Abonnent wird, und dies auch bleibt, als ein Leser, der nur zu einem Themenbereich liest – auch wenn die Anzahl der Seitenviews beider Leser konstant ist. Vielfalt mag nicht die einzige Würze im Leben sein, sie ist es jedoch durchaus in Sachen Abonnements. Wie Mark Thompson es mir gegenüber ausgedrückt hat: “Wir arbeiten an der Engagement-Kurve.”

In der App “haben wir uns schrittweise von dem traditionellen Top-Story-Layout entfernt. Wir bewegen uns hin zu einem Layout, das dazu gedacht ist, eine Aussage darüber zu treffen, um was es bei der Times geht und den Menschen einen Vorgeschmack für den Reichtum zu geben, der hier zu finden ist” hat mir Wilson letztens erzählt. “Die Folge ist, dass der Front-Screen die Bandbreite und Tiefe der New York Times präsentiert, sowie die wichtigsten Artikel des Tages.”

Mit anderen Worten, die Zeitung ist nicht digital geworden. Es ist etwas anderes.

Wir schauen uns die Art und Weise an, in der Schlagzeilen und Fotos so gehändelt werden, dass ein ausführliches Feature oder ein lockeres Stück eine andere Behandlung bekommt als ein schwerwiegender Nachrichten-Artikel, sagt Wilson. Man muss auch so viel Bekanntheit und Vorhersagbarkeit wie möglich in sein Layout stecken, auch wenn Nachrichten grundsätzlich unvorhersehbar sind und sich zu jeder Zeit ändern, damit der Leser weiß, was er zu erwarten hat, wenn er tiefer eintaucht.

Es führt alles wieder zurück zu der Engagement-Frage, und wie schwierig es ist, die Aufmerksamkeit der Leser zu erreichen – und zu behalten.

Es gibt soviel, was dafür sorgt, dass jemand sich durch eine Geschichte klickt, sagt Wilson. Erst einmal muss du so viel wie möglich darüber übersenden, um was es in der Geschichte geht, dass der Leser dies nicht verpassen will. Eine Möglichkeit, dies zu tun, ist, das essentiellste Element der Geschichte, egal ob es die Schlagzeile, ein Photo oder ein aussagekräftiges Zitat ist, auf die vorderste Karte zu setzen. Wir sind noch nicht ganz da, aber das ist es, wie wir uns dem nähern.

Wie die Times hierher gelangte

Es war ein qualvoller Weg, der die Überarbeitung des Inhaltsmanagement-System-Tools, des Arbeitsablaufes der Nachrichtenabteilung und der Produktleistungsfähigkeit der Firma mit einschloss.

“Unsere Überarbeitung im Jahr 2015 hat unsere Codebasis auf verschiedene Art und Weise beschleunigt, aber sie hat uns geholfen, neue technische und Herangehensweisen an das Design zu entwickeln, die wir nun über die Plattform ecosystem verbreiten,” hat mir Kate Harris, die die Times-Mobile-Produktentwicklung für vier Jahre geleitet hat, erzählt. Hinter den Kulissen sind es die Produktentwicklungswerkzeuge, die den Unterschied machen.

Über die Zeit haben wir mehr und mehr Werkzeuge entwickelt, um Redakteuren die Möglichkeit zu geben, eine Geschichte in einem Kartenformat auszudrücken.” Es ist keine eigenständige Toolbox, mit der man hereinkommenden Nachricht auseinanderpflücken kann, sondern eher eine neue, geteilte Art, Dinge zu tun – eine neue Nachrichtenabteilung oder technische Kultur, die sich noch entwickelt.

Ein Dank muss an das allzu oft kritisierte Team von New York Times Now (“The newsonomics of NYT Now”) gehen. Dieses Produkt, welches 2014 mit dem Fokus auf die Millenials eingeführt wurde, hat es nicht geschafft, einen wesentlichen neuen Markt zu finden, aber seine einweisungsbasierende, teilungsorientierte Art, Nachrichten zu präsentieren, hat der Times einen neuen Horizont eröffnet.

NYT Now-Mitbegründer und Redakteur Cliff Levy, der einige dieser Innovationen bei einem vorherigen Experiment (New York Today) wiederholt hat, verdient hier einen Tribut. Wilson rechnet NYT Now mehrere Innovationen an, die nun in die große Ausgabe der New York Times integriert werden:

  • einen größeren Querschnitt davon präsentieren, was die Times veröffentlicht, von Kultur über Meinungen bis zum Sport;

  • das reichhaltigere Angebots an Typographie, Thumbnails und Visualisierungen nutzen, um noch besser die Reichweite der angebotenen Geschichten auszudrücken;

  • eine begrenzten Auswahl an Geschichten präsentieren, damit die Leser ein Gespür für Vollständigkeit bekommen;

  • eine ausgewählte Liste von außenstehenden Geschichten mit Times-Inhalt zusammenstellen

Dies sollte die Checkliste für jeden Nachrichtenverleger sein. Die Times ist die Times, die Prinzipien bleiben bestehen.

Das aktuelle Smartphone-Produkt der Times ist noch nicht bei seiner Vollendung angelangt, es gibt noch viel zu tun. Während die Times es schaffte, viel von dem Schwung der NYT-App (für iOS und Android) in ihren Browserprodukten aufrechtzuerhalten, leidet ihre Kindle-App im Vergleich.

Für den Moment aber liefert uns die Times nicht nur eine neue Titelseite, sondern bietet das erste zugängliche Modell für die nächste Generation von Nachrichten, die über Smartphone zugestellt werden. Desweiteren bedient sie nicht nur die Lücke, den wir durch den Niedergang der Printpresse verspürt haben, sondern sie zeigt schließlich den Weg auf, wie die digitale Zustellung von Nachrichten klüger, weitreichender, tiefer und schließlich lukrativer sein kann als das, was es zuvor gab.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “New York Times Building, NYC” by Torrenegra (CC BY 2.0)


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Zurückgeblättert – Internet-Nachrichten und Zeitungen

Hia Tweetup (adapted) (Image by Hani Arif [CC BY 2.0] via Flickr)

Das Internet wird die Nachrichtenwelt verändern, das wusste man schon vor 16 Jahren. Dem Ausmaß der Veränderungen waren sich die Experten in einem Artikel in der Zeit aber nicht bewusst. // von Hendrik Geisler

Wer tickert am besten?” fragte Hardy Prothmann, heute Betreiber des Rheinneckarblogs, am 4. Mai 2000 in der Zeit. Welchen Einfluss Online auf Print haben würde, ließ der Journalist von Experten erläutern. Jene, die bei Prothmann zu Wort kommen, trafen mitunter Aussagen, die sich heute widerlegen lassen. Was dachten der Autor und die Medienmacher über die Zukunft des Journalismus?

Der ‚Gatekeeper‘ Zeitungsredakteur spielt im Netz kaum noch eine Rolle”, schreibt Prothmann als es um das Einbinden von Agenturmeldungen in Online-Angebote geht – und liegt damit vollkommen daneben. Was passiert, wenn Meldungen aufgegriffen werden, ohne vorher einer Einordnung oder Überprüfung unterzogen worden zu sein, ist heute an vielen Stellen zu beobachten. Besonders in sozialen Netzwerken werden Überschriften, ohne diese zu hinterfragen, häufig als Wahrheiten wahrgenommen. Oder Satiremeldungen werden nicht als solche erkannt – wütende Reaktionen folgen, manch einer sieht rot.

Im Jahr 2016 braucht es den Redakteur mehr denn je, im Netz nicht weniger als in der analogen Welt. Um zu erklären, aufzuklären, hinzuweisen, einzuordnen, zu hinterfragen, zu falsifizieren und verifizieren und Diskussionen in Bahnen zu lenken, in denen weder Menschen beleidigt werden, noch falsche Informationen durch LAUTSTARKES TEILEN!!!!! mehr Aufmerksamkeit erlangen als die Tatsachen. Prothmann schreibt über Michel Cremer von Agence France Press: “An eine Automatisierung von Gruppen, die alle unterschiedlich informiert sind, glaubt er nicht: ‚Gerade das Prinzip der Community ist ein zentraler Netzbegriff.‘” Auweia. Konnte man ja nicht ahnen, dass die Selbstregulierung der Community in großen Teilen ausgeblieben ist und die Cliquenbildung zu einer der elementarsten Entwicklungen des Internets wurde. Heute ist jeder unterschiedlich informiert- wenn die Nachrichten nicht gefallen, suche ich mir andere Quellen, da lügen sie auch nicht!

“Wir gewichten natürlich die Nachrichten nach Bedeutung und Themen und schreiben sie für den Verbraucher um”, erklärt Cremer im Artikel. Wie das aussehen soll, wird auch gleich hinterher geschoben. Bei T-Online gebe es vor allem Technikinformationen, die Nutzer der Süddeutschen bekämen vermehrt Politik, eine Prise Wirtschaft, “aber auf alle Fälle Technik” zu lesen, “immerhin ist man ja Surfer”. Ob Prothmann vor 16 Jahren diesen schmunzelnden Satz ernst meinte oder schon augenzwinkernd den Quatsch dahinter kommentierte, entzieht sich meines Wissens. Wer aber heute eine Seite ansteuert, möchte am liebsten das ganze Paket bekommen, im Idealfall aus zig fachen Quellen.

Überfluss an Content durch neue Medien

Aggregatoren sind das Stichwort: Facebook sammelt alles, was der Nutzer lesen möchte, Upday bringt die Top News und einen persönlichen News Feed auf das Smartphone, Eilmeldungen lassen sich zunehmend personalisieren, und und und. Natürlich gibt es auch noch Blogs, die sich mit einzelnen Themen befassen und große Nachrichtenhäuser haben heute keinen Schwerpunkt mehr, Online-Medien zeigen nicht vermehrt Nachrichten über das Internet, weil ihre Nutzer Surfer sind. Das ist heute jeder. Würde ich allerdings einen Jugendlichen fragen, ob er Surfer sei, bekäme ich nur schiefe Blicke. Keiner geht mehr bewusst ins Internet, man ist einfach da, immer.

“Lieferten die Agenturen früher den Rohstoff Information, sollen heute Produkte in allen Veredelungsformen angeboten werden. Text, Infografik, Ton, Bewegtbild oder Flashanimation – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.” Stimmt, und doch reicht die Liste für anderthalb Jahrzehnte später nicht mehr aus, um die “Veredelungsformen” aufzuzählen. GIFs, Vines, Snaps, Listicles, Quiz, Podcasts, etc. – es bedarf heute mehr in einem eigenen Artikel, um die Möglichkeiten aufzuzählen. Einfacher hat diese Entwicklung die Aufnahme der Informationen nicht gemacht, auf alle Fälle aber interessanter und abwechslungsreicher. Das ist sicherlich einer der Gründe dafür, dass heutzutage mehr Nachrichten konsumiert werden als jemals zuvor.

Den Vogel schießt Walter Richtberg ab, damals Geschäftsführer der dpa. “Alle Agenturen sind sich einig, dass die Internet-Nachrichten die Zeitungen verändern werden. ‚Die Zeitung wird keine Auflage verlieren, aber ihre Inhalte anpassen müssen‘, prophezeit Walter Richtberg.” Ein mieser Prophet, möchte man sagen. Die Auflagen sind nicht nur gesunken, sie sind eingebrochen. Das hätte auch keine noch so clevere Strategie verhindern können, kein Clickbait, keine Exklusiv-Geschichten, kein überaus intelligenter Hintergrundbericht. Wer damals schon leise geahnt hat, welche Verbreitung das Internet finden würde, hätte auch wissen müssen, dass die Entwicklung der Netz-News nicht stehenbleibt. Rückwirkend betrachtet war ein Auflagenverlust unmöglich zu verhindern. Die Medienhäuser hätten mit einem clever vorausschauenden Auge allerdings besser darauf reagieren können.

Zum Schluss eine Aussage vom Anfang des besprochenen Textes: “Die ersten Meldungen sendete das Radio, dann läuft die Geschichte vielleicht in der Tagesschau, und am nächsten Morgen kann man es in der Zeitung nachlesen.” Schon im Mai des Jahres 2000 war dieser fast schon natürlich erscheinende Gang von Nachrichtenmeldungen Vergangenheit, Prothmann schreibt: “So funktionierte jedenfalls früher die journalistische Nahrungskette.” Dass Nachrichten oft nicht mehr wirklich Neuigkeiten für Betrachter und Hörer der traditionellen News-Kanäle sind, ist auch schon vor 16 Jahren der Fall. Das Internet ist schneller, die Adressaten werden unmittelbar mit den wichtigsten Meldungen erreicht. Heute gilt das natürlich mehr denn je, Schnelligkeit ist ein wichtiger Faktor, bei dem Zeitungen, TV-Sendungen und Radioprogramme immer weniger mit dem Netz mithalten können, besser: chancenlos hinterherhinken.

Der Anker der Ruhe und Reflexion

Für die traditionellen Medien ist das Grund genug, in ihren Print- und Rundfunkprodukten vermehrt auf Qualität als auf den ersten Platz im Sprint um die schnellste Nachrichtenverbreitung zu setzen. Vor allem Zeitungen haben den großen Vorteil, Anfang und Ende klar setzen zu müssen. Ja, der Redaktionsschluss ist nicht immer ein lästiges Anhängsel der alten Zeit. Er kann helfen, die Gedanken zu sortieren. Schafft der Schreiber es, komplexe Zusammenhänge in einem begrenzten Rahmen klar zu vermitteln, hat das mitunter einen gewaltigen Mehrwert. Leser wissen: Das war der Wissensstand zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die gedruckte Zeitung ist noch immer ein Anker, der auch im tosenden Sturm der Medien hält, bringt Ruhe und Reflexion in das Tagesgeschehen. Sie kann jedoch nicht mehr als Konkurrenz zum Internet funktionieren, das Rennen ist chancenlos verloren gegangen. Genauso wenig ist das Internet aber zum Ersatz des gedruckten Wortes aufgestiegen. Beides hat seine Vorteile, Schnelligkeit gegen Ruhe des Erklärens, ausschweifende Reportagen mit Fotogalerien, Videos, endlosen Möglichkeiten der Zusatzinformation gegen punktuell wertvolle Betrachtungen zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Internet-Nachrichten haben die Zeitungen verändert, sind ihnen auf den Leib gerückt, haben sie bedroht. Setzen Zeitungen aber auf ihre eigenen Stärken werden sie noch lange leben. Wer aber nur an Einsparungen interessiert ist, die Qualität abwandern lässt und das Internet als Vorbild für das Printprodukt sieht, hat heute schon verloren und sollte besser früher als später einpacken. Prothmanns Artikel zeigt dazu auch: Wer davon ausgeht, dass Entwicklungen in der Medienwelt linear vonstatten gehen, wird es nicht schaffen, die Zukunft vorauszudenken und korrekte Prognosen zu treffen. Wer jetzt gefragt ist, sind genau diejenigen, die diese Fähigkeiten besitzen. Jene, die das Unvorhersehbare erahnen können. Vortreten bitte!


Image (adapted) „Hia Tweetup“ by Hani Arif (CC BY 2.0)


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Können wir das Überleben des Journalismus sichern?

hourglass (adapted) (Image by nile [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Im letzten Teil unserer Serie über Geschäftsmodelle für die Nachrichtenmedien schauen sich Caroline Cheetham und Paul Broster das Modell der exklusiven Mitgliedschaften an. Mit ehrlicher Traurigkeit wurde die schockierende Ankündigung gemacht, dass im nächsten Monat die letzte Printausgabe der Independent erscheinen wird. Seit ihrer Gründung im Jahre 1986 ist diese Zeitung jederzeit journalistisch innovativ gewesen, obwohl sie mit der zunehmenden Herausforderung konfrontiert war, ein Printmedium in der digitalen Welt vermarkten zu müssen. Andreas Whittam Smith, der Mitbegründer der Independent, gab an, dass es ein “schmerzvoller Tag” war, aber wie berichtet wurde, sagte er, dass sich die Print-Zeitung einfach nicht mehr rentiert hat: “Der Journalismus der Independent wurde niemals mehr geliebt und respektiert als heute, aber die Kosten können nicht mehr getragen werden.”

Und natürlich hat er Recht. Unsere Journalismus- und Medienwissenschaftsstudenten kommen niemals mit einem Stapel Zeitungen unter dem Arm in die Universität. Und die Zeitungen, die wir im Nachrichtenraum unseres hochentwickelten MediaCityUK-Campus bereitstellen, bleiben praktisch unberührt. Aber unsere Studenten – und die jungen Leute generell – konsumieren mehr Nachrichten und Inhalte als jemals zuvor. Es kommt ihnen nur einfach nicht in den Sinn, dass sie möglicherweise etwas dafür bezahlen müssten. Und genau darin liegt das Problem für diejenigen unter uns, die die Nachrichten schreiben und produzieren. Wenn diese Industrie kein tragfähiges Geschäftsmodell findet, werden die Jobs, die unsere aufstrebenden, talentierten und kreativen Studenten anstreben, gar nicht mehr existieren.

Viele Zeitungen, darunter auch die Times, haben auf Paywalls zurückgegriffen (die Kollegen von der Sun haben ihre eigene Paywall aufgebaut, aber die zurückkehrende News-UK-Chefin Rebekah Brooks hat die Idee nach kaum mehr als zwei Jahren verworfen und sagte, dass die Priorität darin läge, die Leserschaft der Zeitung zu vergrößern). Andere Zeitungen wie die Mail und die Trinity Mirror sind bei dem werbefinanzierten Modell geblieben, mit der Begründung, dass umso mehr zahlende Werbekunden angelockt werden, je mehr Leser sie haben. Obwohl die Mail Online den Umsatz mit ihrer Website dramatisch steigern konnte, kann dies nicht die Verluste vom Rückgang der Print-Werbung ausgleichen, da die Auflagen der Print-Zeitung immer weiter zurückgehen.

Der Guardian war hierbei die vorrausschauendste der britischen Zeitungsunternehmen, wenn es um Experimente mit alternativen Zukunftsmodellen geht. Unter dem langjährigen Redakteur Alan Rusbridger war die Zeitung ein standhafter Verweigerer von Paywalls und zog es vor, die Idee des “freien Journalismus” zu verfechten. Und zumindest in redaktioneller Hinsicht war das wegweisend: Die Zeitung war ein Pionier des “Digital First”-Ansatzes, indem sie ihre Artikel zuerst auf ihrer Website brachte und erst am nächsten Morgen in gedruckter Form. In Bezug auf die Leserschaft hat sich dies ausgezahlt – der Guardian hat den am zweitmeisten besuchten Onlineauftritt britischer Zeitungen – direkt nachdem der Mail – und zählt zu den fünf meistgelesenen Online-Zeitungen weltweit.

Dennoch ist das Geschäftsmodell des Guardian im Begriff zu scheitern. Anfang diesen Jahres hat die Guardian angekündigt, sie würde Kürzungen von 20 Prozent vornehmen – etwa 50 Millionen britische Pfund – in dem Bemühen, innerhalb von drei Jahren die KOsten decken zu können. Die Führungskräfte räumten ein, dass die jährlichen Betriebskosten 268 Millionen britische Pfund erreicht hatten, eine Steigerung von 23 Prozent innerhalb eines Zeitraumes von fünf Jahren, verglichen mit 10 Prozent Wachstum der Einnahmen. Es ist wahrscheinlich, dass etwa 100 Arbeitsplätze im Zuge dieser Rationalisierungswelle eingespart werden müssen. Diese würden den mehr als 70 redaktionellen Jobs folgen, welche 2012 eingespart worden waren, um einen vorsteuerlichen Verlust von 75,6 Millionen britische Pfund zu kompensieren.

Freunde mit Vorteilen

Wie also löst die Zeitung das Dilemma, innovative Inhalte kostenlos zur Verfügung zu stellen und gleichzeitig als Unternehmen zu überleben? Die Leser davon zu überzeugen, Mitglieder des Guardian zu werden, könnte die Antwort sein. Der Guardian besteht darauf, dass sein System nicht einfach nur eine Paywall mit einem anderen Namen ist. Die täglichen Inhalte bleiben online kostenlos, aber Mitglieder, die zwischen 15 und 60 britische Pfund pro Monat zahlen, werden eine Menge mehr geboten bekommen – von speziellen Korrespondenten-Artikeln, bis hin zum Zutritt zu Hunderten von Guardian Live-Veranstaltungen, die Kurse sowie Diskussionsrunden mit Korrespondenten und Redakteuren umfassen.

Es wird ebenso erwartet, dass dieses Mitgliedschaftsprinzip schließlich globale Möglichkeiten für das Unternehmen eröffnen wird, mit Veranstaltungen in den USA und Australien. Es stützt sich auf die Leserschaft des Guardian, die bis zu einem gewissen Grad zum Miteigner der Zeitung wird und sich buchstäblich in die Kultur der Zeitung einkauft. Und manche argumentieren, dass der Guardian, vielleicht mehr als jedes andere Nachrichten-Unternehmen, bereits über die nötige Kunden-Loyalität verfügt, die für ein solches Vorhaben nötig ist. Jasper Jackson, Medienanalyst für The Media Briefing, sagte: “Es ist ein Appell an die Gefühle derjenigen, die sich mit der Marke Guardian identifizieren.”

Der Guardian verfolgt nicht als Erster diesen Ansatz. Slate, einer der Pioniere im Bereich der ausschließlich digitalen Nachrichtenmedien, hat ein ähnliches Programm im April 2014 gestartet. Deren Mitgliedschaft bot den loyalen Slate-Lesern die Gelegenheit, einen aktiven Beitrag in der Nachrichtenredaktion von Slate zu leisten, indem ihnen speziell Zugang zu den Autoren und Redakteuren angeboten wurde.

TPM, ein weiteres amerikanisches, ausschließlich online operierendes Beispiel, kam Ende 2012 mit einer ähnlichen Idee an die Öffentlichkeit, ebenfalls fokussiert auf das Interesse der Leser am journalistischen Arbeitsprozess und allen Lesern versichernd, dass diese neue Herangehensweise kein “Paywall” wäre und auch niemals sein würde.

Backstage-Pässe

Die neue Chefredakteurin des Guardian, Katharine Viner, ließ kürzlich vermelden:

Die neuen technischen Möglichkeiten bedeuten, dass Leser ihre Erfahrungen teilen und uns dabei unterstützen können, Themen zu finden und Entscheidungen zu treffen. Wir bieten großen Gemeinschaften die Möglichkeit, Konversationen zu führen, ob unter den Artikeln, mit unseren professionellen Lesern wie etwa Lehrern, oder zwischen Mitgliedern des Guardian bei Live-Veranstaltungen – wir sollten auf diese Beziehungen aufbauen und die Leser frühzeitig einladen, an unserem Journalismus teilzuhaben.

Letztlich repräsentiert das neue Mitgliedschaftsprinzip des Guardian ein Geschäftsmodell für Medienunternehmen, die eine loyale und interessierte Gemeinschaft um ihre Inhalte herum aufgebaut haben. Ob es sich dabei aber um das Modell handelt, das das digitale Problem für Nachrichtenproduzenten schließlich lösen könnte, muss sich erst noch zeigen.

Während also das Ende der gedruckten Independent eine traurige Sache ist, werden viele Stimmen auch verlauten lassen, dass es unvermeidlich war – und es ist nur eine Frage der Zeit, bevor andere Printmedien das gleiche Schicksal ereilt. Oder wie Evgeny Lebedev, der Eigentümer der Independent, in einem Brief an seine Mitarbeiter bekennt:

“Die Zeitungsindustrie verändert sich und diese Veränderung wird durch die Leser vorangetrieben. Sie zeigen uns, dass die Zukunft digital ist.”

Wir müssen warten und hoffen, dass die digitale Zukunft tragfähig für uns ist – die Alternativen sind zu grässlich, um sie sich auch nur auszumalen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “hourglass-620397_960_720” by nile (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Kann Crowdfunding den Journalismus retten?

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Der Journalismus steckt in einer existenziellen Krise: Die Erträge der Nachrichteneinrichtungen sind innerhalb der vergangenen zwei Jahrzehnte ins Bodenlose gefallen, und noch immer ist kein wirkliches Geschäftsmodell in Sicht, um Nachrichten auch im digitalen Zeitalter aufrechtzuerhalten.

Im letzten Teil unserer Serie über Geschäftsmodelle für die Nachrichtenmedien betrachtet die Journalistin und Akademikerin Angela Phillips die Möglichkeit des Crowdfundings und wie es zukünftige Nachrichtenprojekte finanziell unterstützen könnte.

In Schottland gibt es Pläne für eine neue Sportzeitung. Die angekündigte Zeitschrift soll wöchentlich erscheinen und Kolumnen von Prominenten wie der Tennistrainerin Judy Murray und dem Footballexperten Pat Nevin beinhalten. Um die erste Ausgabe im Mai zu veröffentlichen, sind lediglich 50.000 britische Pfund nötig, die aus Crowdfunding-Beiträgen bis zum 25. Februar zusammenkommen sollten. Von einer Gruppe schottischer Journalisten entwickelt und auf der Nachrichtenseite AllMediaScotland präsentiert, garantiert das Projekt ein Exemplar der ersten Ausgabe für jeden Unterstützer als Belohnung für ihren Beitrag.

Die Verwirklichung des Projekts scheint unwahrscheinlich. Zwar sehen viele im Crowdfunding das Potential, Journalismus für die Zukunft denkbar zu machen; allerdings hat die Scottish Sports Weekly bis zum Stichtag nur 211 Unterstützer gefunden, die insgesamt knapp 10.000 £ beitragen hätten, seit das Vorhaben Ende Januar angekündigt wurde. Der zugehörige Twitter-Account (der mittlerweile gelöscht ist, Anm. Netzpiloten-Redaktion) zählte gerade mal 1.200 Follower.

Crowdfunding erfordert eine große Anzahl an Menschen, die bereit sind, in eine Idee zu investieren. Die erfolgreichsten Projekte beinhalten meist ein Produkt, sodass man schlicht im Voraus zahlt, bevor es tatsächlich entwickelt und geliefert wird. Zugegeben, das war wohl auch der Plan hinter dem Vorschlag aus Schottland. Allerdings hätten sie wohl bestenfalls erwarten können, dass sich durch die Beiträge der Unterstützer eine Datenbank aufbaut, die den Grundstein für einen Abonnentenstamm legen könnte. Ohne die Unterstützung der schottischen Zeitungen, die das Projekt eher als Konkurrenz ansehen dürften, lag es beim Entwicklerteam, möglichst hohe Wellen zu schlagen.

Lichtblicke

Es gibt vereinzelte Beispiele von erfolgreichen journalistischen Projekten, die als Start-Ups durch Crowdfunding finanziert wurden. So wurde die niederländische Newsseite Der Correspondent mit einem durch Crowdfunding gesammelten Betrag von 1,7 Millionen US-Dollar (umgerechnet ca. 1,2 Mio. britische Pfund oder 1,55 Mio. Euro) gestartet, was es der Firma ermöglichte, renommierte Journalisten einzustellen. Aus den 19.000 Unterstützern wurden schnell 28.000 Abonnenten und binnen eines Jahres wurde die Webseite zu einem praktikablen Modell, welches sich über Abonnements und Paywalls finanzieren konnte. Mittlerweile ist die Newsseite ein etablierter Bestandteil der niederländischen Medienszene.

Nichtsdestotrotz bestätigt diese berühmte Ausnahme hier wieder einmal die Regel. Der Correspondent traf auf ein Medienfeld, das reif für etwas Neues war. Zudem bekam die Zeitschrift von Anfang an Unterstützung und das Crowdfunding sollte von Beginn an nur die Gründung der Zeitschrift unterstützen – was das spätere eher klassische Finanzierungsmodell erklärt.

Eine weitere Crowdfunding-Initiativen in diesem Bereich ist die von The Bristol Cable, einer englischen Lokalzeitung und Website, die von 600 Anteilhabern mit je 2,50 Pfund pro Monat “finanziert” wurde. Seit der Gründung  im Jahr 2014 ist die Zeitung eine beliebte, unabhängige Stimme in der lokalen Nachrichtenwelt, welche meist von großen Ketten dominiert wird, die ihren journalistischen Ehrgeiz aus Kostengründen zurückfahren.

Dennoch reicht das Crowdfunding nicht aus, um die Lohnzahlungen zu decken. Die Bristol-Journalisten arbeiten allesamt ehrenamtlich, gemäß der Tradition der radikalen Lokalzeitungen der 70er Jahre, die in lokalem Enthusiasmus aufblühte, um kurz darauf wieder zu vergehen. Langfristig ist die einzige zukunftsfähige Finanzierungsmöglichkeit für The Bristol Cable wohl das Abdrucken von Werbeanzeigen im Magazin. Wie Christopher Thomson, der Geschäftsführer des Verlags DC Thomson, dem Mehrheitsausschuss im britischen Oberhaus im Jahr 2013 mitteilte, macht digitale Werbung nur fünf bis zehn Prozent der Einnahmen seiner Lokalzeitungen aus. Lokalnachrichten sind typischerweise noch immer auf die Printausgaben angewiesen.

Das wahrscheinlich größte Experiment im britischen Crowdfunding bisher stellt das Mitgliedschaftssystem von The Guardian dar. Die Zeitung, die sich hauptsächlich aus Werbeeinnahmen und Treuhandfonds finanzierte, startete sein Mitgliedschaftssystem bereits 2014, um damit die jährlichen Verluste zu minimieren und die Nachrichtenorganisation zurück auf den richtigen Kurs zu holen. Laut Business Insider haben sich in den ersten sechs Monaten 35.000 Menschen registriert (Guardian.com erreicht täglich ca. 8 Millionen Menschen). Die Guardian Media Group hat kürzlich ihren Verlust von £100 Millionen innerhalb des letzten Jahres offengelegt, was einer Einsparung im Personalbereich von ca. 20% entspricht. Offensichtlich ist ein nachhaltigerer Einkommensfluss nötig, als die Spenden von besorgten Mitgliedern der Öffentlichkeit erzeugen.

Finanzierungsgeschichten

Wenn es um das Finanzieren individueller journalistischer Projekte ging, zeigte sich Crowdfunding allerdings ein wenig ergiebiger. Eine Reihe von Crowdfunding-Plattformen, wie beispielsweise Kickstarter, haben hierfür eigene Bereiche, während sich Seiten wie Byline voll und ganz dem einen Zweck widmen. Eine Analyse von journalistischen Kickstarter-Projekten der amerikanischen Forschungseinrichtung PEW bezifferte den Betrag an finanzieller Unterstützung auf 1,7 Millionen Dollar im letzten Jahr. Der Großteil davon ging für eine spezifische Recherche an einzelne Journalisten. 22% erhielten etablierte Organisationen, wie die durch Fonds finanzierte Einrichtung ProPublica, um spezielle Projekte zu ermöglichen.

Eine akademische Erhebung der amerikanischen journalistischen Crowdfunding-Website Spot.us suchte nach den Projekten, die am bereitwilligsten unterstützt werden. Dabei kam man zu dem Ergebnis, dass Spenden vor allem an “ausgewählte Themen” gehen, die “für die Unterstützer in ihrem Alltag von unmittelbarem Nutzen” waren. Besonders, wenn sich diese mit dem Gesundheitswesen oder der städtischen Infrastruktur auseinandersetzten. Leider musste Spot.us dennoch vor einem Jahr aussteigen.

Wenn Crowdfunding also nur eine relativ begrenzte Möglichkeit bietet, eine Art “Wachhund-Journalismus” zu unterstützen, der ein kritisches Auge auf die Mächtigen des Landes und der Welt wirft, ist eine Finanzierung auf anderem Wege erforderlich. Wir leben in einer Zeit, in der die klassische Finanzierung durch sinkende Zeitungsverkäufe und Werbeeinnahmen immer schwieriger wird. Paywalls und gebührenpflichtige Inhalte stellen bei größeren Onlinepublikationen eine vielversprechende Finanzierungsform für den Weg in die Zukunft dar. In Amerika beinhalten mittlerweile mehr als ein Drittel aller Nachrichtenseiten Paywalls.

Ein neues Experiment ist die Aufteilung der Abonnements in Kleinstbeträge (Micropayments). Sie könnten für Nachrichten die Bedeutung bekommen, die Spotify inzwischen für Musik hat. Beispiele sind die niederländische Seite Blendle, die von der New York Times und Axel Springer finanziert wird, oder Piano Media, welche in Osteuropa aktiv sind. Ob dem umstrittenen Scottish Sports Weekly irgendetwas davon helfen hätte können, muss an anderer Stelle behandelt werden. Aber eines ist im heutigen digitalen Zeitalter so sicher wie in der grauen Vorzeit der Druckerpresse: Guter Journalismus ist nicht umsonst.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “Newspaper” by bykst (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Spot on Snapchat: Wall Street Journal jetzt bei Snapchat dabei

Snapchat (adapted) (Image by AdamPrzezdziek [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Das Wall Street Journal gibt es jetzt auch bei Snapchat. Liegt die Zukunft der Zeitungen in den Apps der nächsten Generation? Das Journal ist neben der Tatsache, dass es jetzt als erste US-Zeitung bei Snapchat gelistet ist, auch noch die erste businessorientierte Veröffentlichung, die ein sehr junges Publikum anspricht. Für eine Tageszeitung mit einer 126-jährigen Tradition ist das durchaus bemerkenswert. Das Journal ist somit der neunzehnte Herausgeber, der einen Kanal beim “Snapchat U.S. Discover Wednesday” bekommen hat. Es ist die erste US-amerikanische Zeitung, noch dazu eine Wirtschaftszeitung, die auf der Plattform erhältlich ist (und sogar erst die zweite Zeitung überhaupt – die britische Daily Mail ist dort ebenfalls zu finden).

Das Snapchat-Team des Wall Street Journals besteht aus fünf Leuten, die an jedem Wochentag acht Artikel posten, teilt Recode mit. Bisher sieht der Snapchat-Inhalt des Journals so aus, dass es auf ein Publikum ausgelegt ist, welches älter und ernsthafter ist als das Publikum der anderen Herausgeber. Unter den Angeboten von vor ein paar Tagen findet sich eine Geschichte darüber, was man von der CES 2016 erwarten kann, eine Geschichte über die steigende Durchschnittsmiete für US-Apartments und eine Kategorie mit Angeberwissen, welche besagt, dass das Gehalt der letzten Absolventengeneration gestiegen ist.

Laut comScore waren im März 2015 45 Prozent der Snapchat-Besucher zwischen 18 und 24 Jahre alt – Benutzer unter 18 Jahren werden gar nicht erst erfasst, also lassen diese Zahlen die vielen Benutzer aus, welche sich in oder kurz vor dem Teenageralter befinden. Um es anders zu sagen, viele Menschen die sich diesen Inhalt ansehen sind nicht mal ansatzweise in der Lage, einen Universitätsabschluss zu erlangen (oder sogar einen Abschluss der weiterführenden Schule), oder sich eine eigene Wohnung mieten zu können.

Snapchat denkt wohl, dass das etwas Gutes ist. “Ein 19-jähriger Teenager weiß vielleicht nicht, was der US-Iran-Deal sein soll, aber wenn er oder sie diese Fakten durch Snapchat mitbekommt, wo er sich ohnehin den ganzen Tag aufhält, so empfinde ich das als eine soziale und gute Sache”, sagt der Snapchat-News-Chef Peter Hamby im vergangenen Herbst. (In diesem Fall bezog er sich auf Snapchats Live-Stories-Funktion. Man kann durch einen Wisch nach links auf dem Kamera-Screen der App zu den Live Stories und den Entdeckungen kommen.)

Dabei handelt es sich um eine Langzeit-Wette, meint Carla Zanoni, Leitende Medienredakteurin des Journals. Die über 100 Millionen Benutzer von Snapchat sollen “die Grundwerte unserer aktuellen Leser teilen… wir hoffen, dass wir eine lange Beziehung mit ihnen führen werden, schrieb Zanoni mir in einer Email.

Zanoni sagte, dass die Pläne des Journals für Snapchat folgendes beinhalten: “Ein Mix aus Kernberichterstattung, wie Märkte, Business und Weltnachrichten, zudem Themen wie Luxus und Lifestyle. Wir glauben, dass das den perfekten Inhalt für die Plattform darstellen wird.” Sie fügte hinzu: “Als wir verstanden haben, dass wir hier unsere legendären getupften Bilder hier weiter nutzen können, wussten wir, dass dieses Format gut zu uns passt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “Snapchat” by Adam Przezdziek (CC BY-SA 2.0)


 

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Schöne neue Zukunft im Journalismus?

tech-startup-computer-matrix (Image by Tumisu (CC0) via Pixabay)

Ist der traditionelle Journalismus tot? US-amerikanische Journalisten und Programmierer zeigen, welche neuen Wege der Journalismus gehen kann. Journalismus fusioniert immer mehr mit Technik. Das ist vor allem im Online-Journalismus sichtbar, geht aber weit darüber hinaus. Viele US-amerikanische Journalisten, Programmierer und Webdesigner glauben, dass die Zukunft der Branche in einer Kombination von Journalismus und Technik liegt. Sie zeichnen eine neue Welt der unbegrenzten technischen Möglichkeiten für den Journalismus der Zukunft.


Warum ist das wichtig? Journalismus beeinflusst, wie Menschen Informationen aufnehmen, verarbeiten und interpretieren. Neue interdisziplinäre und interaktive Wege im Journalismus könnten auch unsere Wahrnehmung von Informationen komplett verändern.

  • Eine bisher unbekannte Vielfalt an verschiedenen Disziplinen wie Forscher, Webdesigner, Programmierer, Code-Experten sowie Redakteure kommen zusammen, um gemeinsam journalistische Inhalte aufzubereiten.

  • Informationen werden nicht mehr linear, sondern können nun durch neue Technologien visuell dargestellt werden. Komplexe Sachverhalte können so im Journalismus einfacher präsentiert werden.

  • Nachrichtenleser bekommen eine aktivere Rolle – anstatt Nachrichten nur zu passiv zu konsumieren, können sie mit den neuen journalistischen Formen die Daten selbst nachvollziehen und interpretieren.


Der Nachrichtenjournalismus ist tot, es lebe der Datenjournalismus – das verkündete vor Kurzem das Laboratorium der New York Times. Daran sind drei Dinge interessant. Zum Einen: Die Voraussage, dass Journalismus in seiner klassischen Form der Nachrichtenberichterstattung ausgedient hat. Zum Zweiten: Die New York Times beschäftigt ein eigenes Laboratorium, das sich mit Fragen zur Zukunft des Journalismus befasst. Zum Dritten: Die New York Times hat ein Laboratorium! Die Zeichen im Journalismus stehen auf Forschung, Entdeckung und vor allem Umbruch. Alle Regeln, die bisher galten, werden in Frage gestellt, neu interpretiert, überworfen. Kein Wunder, dass eine der größten Tageszeitungen der Welt in der Zukunft im Journalismus auch ganz vorne mitspielen will.

Doch wie sieht diese Zukunft aus? Wenn es nach dem NYT Lab geht, sind klassische Artikel out. Lineares Lesen gehört zur 1.0 Generation. Im Kommen sind dagegen interaktive Artikel sowie Algorithmen, die selbst Links und Zusammenhänge zwischen Artikeln erkennen. Das NYT Lab träumt von einer Welt, in der Journalisten nicht mehr selbst mühsam Links suchen und einbetten und alte Zusammenhänge in jedem Artikel neu aufrollen müssen. Das könnten Computer viel besser: “Es wäre ja schließlich auch Unsinn, wenn jedes Mal, wenn etwas neues in Syrien passiert, Wikipedia einen neuen Syrien-Artikel verfassen würde.”

Eine Graphik sagt mehr als tausend Worte

Mit diesen Ideen steht die New York Times nicht alleine da. Auch die Finanzpublikation Bloomberg vertraut immer mehr auf Codes, wenn es um das Schreiben von Artikeln geht.

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Insgesamt sehen viele Journalisten die Zukunft der Branche in Codes und Algorithmen. So behauptet etwa der US-amerikanische Forscher Daniel Miller, dass Programmierer und Code-Experten die neuen Helden im Journalismus sind. Komplexe Zusammenhänge können viel einfacher in interaktiven Graphiken erklärt werden. Themen, vor denen Journalisten bisher zurückgeschreckt sind, weil sie einfach zu umständlich zu erklären waren, können jetzt mit Codes und D3 Technologie ganz einfach in verständliche Graphiken gepackt werden.

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Diese Graphiken sehen nicht nur viel schicker aus als ein klassisches Balkendiagramm, sie erlauben es den Lesern auch, eigene Rückschlüsse zu ziehen. Die Daten werden mit wenigen Worten anschaulich präsentiert und die Leser stellen ihre eigenen Fragen und finden selbst Antworten dazu. Diese neue Form der Darstellung im Journalismus nennt sich Explorable Explorations (etwa: erkundbare Erforschungen).

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Dabei beschränkt sich dieser codierte Journalismus nicht nur auf Graphiken und Darstellungsformen. Zeitungen wie die L.A. Times experimentieren etwa schon seit Jahren damit, Algorithmen ganze Artikel selbst schreiben zu lassen. Diese neue Form des Datenjournalismus ist das genaue Gegenteil vom klassischen Nachrichtenjournalismus, in dem Redakteure die Informationen für die Leser aufbereiten und interpretieren.

Hier haben die Leser die Macht. Sie haben einen direkten Zugriff auf die Daten und können die Informationen selbst analysieren und deuten. Ein eindrucksvolles Beispiel, wie ein solcher interaktiver, multimedialer Artikel der Zukunft aussehen könnte, liefert der U.S. TV-Sender Frontline. Hier werden in einem Artikel über ein verlorenes Notizbuch Bilder mit Tönen vereint, historische Dokumente können virtuell durchgeblättert werden, Leser können entscheiden, welches Kapitel sie interessiert und worüber sie mehr erfahren möchten.

Die Zukunft ist bunt

Doch das scheint erst der Anfang zu sein. Ganze Denkschulen widmen sich derzeit in den USA der Zukunft des Journalismus. So will etwa das Nieman Lab, der prestigeträchtige Journalisten Think Tank der U.S. Eliteuniversität Harvard, nicht auf die Zukunft im Journalismus warten, sondern diese selbst miterfinden.

Im Nieman Visiting Fellowship werden junge Denker aus aller Welt eingeladen, um neue Wege im Journalismus auszukundschaften. Die Teilnehmer sollen dabei bewusst nicht nur Journalisten sein, sondern aus allen Bereichen und aus allen Ländern dieser Welt kommen. Von Programmierern über Künstler bis hin zu Architekten, sind alle Interessierten eingeladen, sich über neue Konzepte und Ideen auszutauschen und so den Journalismus neu zu gestalten.

Momentan scheinen all diese Entwicklungen vorwiegend in den USA abzulaufen. In Deutschland werden mit 3D Artikeln erste zögerliche Versuche gewagt, den Journalismus mit den neuen Möglichkeiten der Technik weiter auszuloten. Vielleicht ist hier einfach mehr Experimentierfreude gefragt, denn das Internet und die Weiterentwicklung von Technologien bieten Journalisten bereits jetzt viele neue, bisher unbekannte Möglichkeiten, um mit Darstellungsformen und interdisziplinären Arbeitsweisen zu experimentieren. Denn eines ist klar, welche Form der Journalismus der Zukunft auch annimmt, er ist auf jeden Fall bunt.


Teaser & Image “tech-startup-computer-matrix” by Tumisu (CC0).


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Trends des Monats – September

starbucks spill (adapted) (Image by Eric [CC BY 2.0] via Flickr)

Die Medien- und Digitalbranche ist ständig in Bewegung. Fast im Tagesrhythmus gibt es neue, innovative Medienprojekte, praktische Gadgets oder neue digitale Geschäftsmodelle. Wir stellen euch dieses Mal einen Innovationshub für digitale Inhalte, die Kooperation zwischen der New York Times und Starbucks, einen 24-stündigen Hackathon und den weltweit ersten Android PC vor. Außerdem zeigen wir euch die neue App WhipClip .

Blogfabrik – Was das Coworking Space so besonders macht

Die Blogfabrik in Berlin zeichnet sich dadurch aus, dass die Atmosphäre mehr als gemütlich ist. Neben einem Konferenzraum, 30 Arbeitsplätzen, einem Fotostudio und vielem anderen, findet man hier auch eine Lounge und eine Küche. Zusammenarbeit und Kommunikation werden hier großgeschrieben. Das besondere Konzept von diesem innovativen Coworking Space ist, dass ansässige Blogger, Instagramer und weitere, hier ihre Miete für ihren Arbeitsplatz mit Content zahlen der im Daily Brad Mag, einem Onlinemagazin der Blogfabrik, veröffentlicht wird.

Zeitung lesen und Kaffee trinken – Die New York Times kooperiert mit Starbucks

Die New York Times und Starbucks haben eine Zusammenarbeit angekündigt. Dass Kaffee trinken und Zeitung lesen wunderbar zusammen passen, haben auch diese beiden Unternehmen mitbekommen. So können einige Zeitungsartikel der NYT kostenlos auf der Smartphone-App von Starbucks gelesen werden. Das Ziel dahinter ist folgendes und ganz simpel: Es sollen neue Leser erreicht werden.

Hackday – Die Zukunft des Fernsehens

Der Blogger Bertram Gugel und die Medienanstalt Berlin Brandenburg starten Ende September erneut den Hackday in Berlin. Hierbei handelt es sich um einen 24-stündigen Hackathon zur Zukuft des Fernsehens. Verschiedene Leute wie beispielsweise Designer, Entwickler oder aber auch TV-Sender werden gemeinsam daran arbeiten neue Apps, Formate, Remixe vorhandener Werke und Hardware zu erstellen. Für die Fertigstellung ihrer Projekte haben die Teams 24 Stunden Zeit.

Remix Mini – Der weltweit erste Android PC

Der weltweit erste Android PC – Remix Mini – soll auf den Markt kommen. Drei ehemalige Ingeneure von Google wollen diesen herstellen. Der PC soll für lediglich 40 US-Dollar angeboten werden. Mit einem Arbeitsspeicher von gerade mal einem 1GB und einem internen Speicher von 8GB, sowie Ethernet, W-Lan, Bluetooth und USB-Anschluss, bringt der kleine PC eine ganze Menge mit sich. Für Begeisterung sorgt dieser kleine Computer jetzt schon auf Kickstarter. Bereits über eine Million US-Dollar wurden dort schon zur Finanzierung eingesammelt.

WhipClip – Die Serien-App

Viele kennen wahrscheinlich das Gefühl, dass man eine lieblings Sendung sieht und einen Clip daraus am liebsten mit freunden teilen möchte. In den USA ist das bereits möglich. Mit der App „Whip Clip“ kann man ganz legal Ausschnitte mit anderen teilen. Dadurch, dass zahlreiche Partnerschaften zwischen WhipClip und Unternehmen wie FOX, ABC oder CBS bestehen, ist für entsprechend viel Material aus den aktuellen Programmen gesorgt. Das alles funktioniert ganz einfach. Man sucht sich einfach seine Sendung aus dem Archiv raus und erstellt einen zweiminütigen Clip. Da fügt man dann noch ein Kommentar hinzu und teilt es mit seinen Freunden. In dem Portfolio befinden sich außerdem Musikvideos.


Image (adapted) „starbucks spill“ by Eric (CC BY 2.0)


 

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LSR in Österreich: Ein Stolperstein für Medien-Start-ups

Masificación de Internet (adapted) (Image by Ministerio TIC Colombia [CC BY 2.0] via Flickr)

Ein geplantes Leistungsschutzrecht soll ab Oktober ermöglichen, dass Verlage Geld von Suchmaschinen und News-Aggregatoren verlangen können. In die Urheberrechtsnovelle, die das von Wolfgang Brandstetter (ÖVP) geführte Justizministerium im österreichischen Nationalrat eingebracht hat, hat auch ein Leistungsschutzrecht für Verlage seinen Einzug gehalten. Noch vor der Sommerpause soll es beschlossen werden und bereits im Oktober in Kraft treten.

Das geplante Leistungsschutzrecht (LSR) sieht vor, dass Suchmaschinen und andere Content-Aggregatoren (Blogger sind explizit ausgenommen) künftig für Inhalte zahlen sollen, auch für kurze Textanreißer (so genannte Snippets).

Wenn für Presseerzeugnisse kein Leistungsschutzrecht eingeführt wird, können diese weiterhin nicht lizenziert werden, was zu einem weiteren Rückgang der Werbeeinnahmen der Presseverleger führen könnte. Dieser Einnahmenrückgang würde zu einer Schwächung des Pressestandorts Österreichs und zu einer Reduktion der Meinungsvielfalt führen, heißt es aus dem Justizministerium über das zu lösende Problem und den Zielzustand. Durch Lizenzverträge werden die Einkünfte von Presseverlagen und die Investition in journalistische Tätigkeit steigen.

Warum der Leistungsschutz sich in die Urheberrechtsnovelle hineindrängen konnte, ist in den Erläuterungen des Justizministeriums zu lesen: „Auch österreichische Zeitungen haben sich diesem Anliegen angeschlossen und die Gleichbehandlung mit anderen Werkmittlern und den Schutz von Zeitungs- und Magazinverlagen im Internet-Zeitalter durch ein neues Leistungsschutzrecht eingefordert.“ Dementsprechend positiv wurde der Gesetzesentwurf beim Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ; Mitglieder sind u.a. Der Standard, Styria-Titel, Verlagsgruppe News, Kronenzeitung, Kurier uvm.) aufgenommen, auch wenn man noch gerne nachschärfen würde. Google, gegen das sich das Gesetz hauptsächlich richtet, hält den Gesetzesentwurf für „verfehlt“ und würde lieber intensiver mit Verlagen kooperieren aus neue Gesetze aufzustellen.

Wie erfolgreich kann ein Leistungsschutzrecht (LSR) in Österreich sein? Die bisherigen Versuche in Europa müssten den Gesetzgeber eigentlich abschrecken. In Deutschland hat das LSR lediglich dazu geführt, dass Online-Medien (sogar jene von Axel Springer) das ausdrückliche Recht zugesprochen haben, weiter ihre Inhalte in Google News und den Suchergebnissen anzuzeigen, weil sonst die Zugriffe auf ihre Webseiten einbrechen würden. In Spanien, wo es eine schärfere Version des LSR gibt, war die Konsequenz, dass Google News vom US-Internetkonzern eingestellt wurde – schade auch für Journalisten, für die der News-Aggregator ein wichtiges Recherche-Tool ist.

Dass Google an die Verlage bzw. deren Verwertungsgesellschaft zahlen wird, davon ist eher nicht auszugehen. Einerseits lässt Google gerne seine Muskeln spielen, andererseits hat der Internetkonzern erst vor wenigen Wochen 150 Millionen Euro für europäische Medien lockergemacht, die mit dem Geld in der Digital News Initiative (DNI) neue Technologien und Innovationen entwickeln können sollen. Die Kronenzeitung etwa, Österreichs reichweitenstärkste Zeitung, versucht sich als VÖZ-Mitglied und DNI-Partner nun in einem interessanten Spagat zwischen Kooperation und Kritik.

Welche Auswirkungen das LSR auch auf Österreichs eigene Innovationskraft im Digitalmedien-Bereich hat, ist ebenfalls zu hinterfragen. Angenommen, ein junges Start-up würde eine neuartige Suchmaschine als Google-Alternative anbieten wollen, es müsste viel Geld an die Verlage zahlen – für ein Jungunternehmen kaum schaffbar. Betroffen vom LSR sind auch kleine News-Aggregatoren wie Storyclash aus Linz, die Facebook hinsichtlich der meist geteilten News-Artikel analysiert und diese Artikel mit automatisch gesammelten Snippets auf seiner Webseite präsentiert.


Image (adapted) „Masificación de Internet“ by Ministerio TIC Colombia (CC BY 2.0)


 

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Wieso senken Tageszeitungen nicht die Drucktage?

Newspapers (Bild: Juanedc [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons)

Hilft es Tageszeitungen einfach seltener zu erscheinen und mehr digital zu machen? Eine Untersuchung am Beispiel des US-Zeitungsmarktes. // von Martin Langeveld

Newspapers (Bild: Juanedc [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons)

Der Beginn eines neuen Jahres scheint ein guter Zeitpunkt für die alte Frage zu sein, was wäre, wenn die Zeitungen ihre gedruckten Ausgaben vollends aufgeben und nur noch digital erscheinen würden? Würden sie überleben? Wie schon viele vor ihm, wagte sich auch Frédéric Filloux (Leiter der digitalen Abteilung der Groupe Les Échos und Miteigentümer der vielbeachteten Monday Note) in einer Kolumne an die Frage, wie man Geld mit digitalen Nachrichten verdienen kann.

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Opendatacity: Verfallsprognose für Printmedien

Swiss newspaper NZZ frontpage printed in binary code, human readable text on iPad (adapted) (Image by visualpun.ch [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Opendatacity veröffentlicht Grafiken zum Verfall von Printmedien und zeigt, dass es bei vielen noch Hoffnung gibt. Dem Mythos vom Zeitungssterben zum Trotz. Das bedruckte Papier, ein sterbendes Medium? Nicht unbedingt, zeigen die Verfallsprognosen von opendatacity.de. Einige Blätter erreichen sogar ein wachsendes Millionenpublikum – das sind vor allem Wochen- und Sonntagszeitungen. Ein düsteres Pauschalurteil über die Printbranche lässt sich also noch nicht fällen.

Wichtig ist es, zu differenzieren: nicht jedes Printprodukt ist gleichermaßen gefährdet

Die Bravo hat noch acht Jahre, die BILD-„Zeitung“ 16 Jahre, die Süddeutschen Zeitung 75 Jahre, der Donaukurier dagegen mehr als 800 Jahre, die ADAC Motorwelt sogar 1.967 Jahre. Die Datenjournalisten von Opendatacity haben auf Basis der Auflagenentwicklung der vergangenen Jahren projiziert, wie lange es dauert, bis deutsche Zeitungen und Zeitschriften die Hälfte ihrer Auflage verlieren. Und das Ergebnis überrascht gleich zweifach: zum einen dauert es bei vielen Medien noch ziemlich lange, zum anderen gibt es auch viele Printprodukte, die wachsen – also gar keine Halbwertzeit haben, etwa die Wochenzeitung Die Zeit.

Seit vielen Jahren wird das Ende der gedruckten Information vorausgesagt. Und dafür gibt es gute Gründe. „Information ist immer auch Ware„, sagt Patrick Rössler, Professor für Kommunikationswissenschaft der Universität Erfurt. „Die Herstellung erzeugt Aufwand, die Distribution erzeugt Aufwand. Da entstehen Kosten, die erst einmal gerechtfertigt werden müssen.

Die logische Frage, die in dieser Abwägung aufkommt: Warum soll ich Papier bedrucken lassen und ausliefern, wenn ich meine Zielgruppe auch anders, viel einfacher, erreichen kann?

Online ist billiger und schneller. Für aktuelle Nachrichten also besser. „Im Internet gibt es Nachrichten zum schnellen Verbrauch. Weshalb ein Angebot nicht digital sein soll, ist oft schwer zu erklären„, sagt Rössler.

Mit der App kann eine Progonose für die SZ erstellt werden, aber auch für andere Medien.

Das ist vor allem für die Tageszeitungen ein Problem. „Tageszeitungen sind eher eine verderbliche Ware„, sagt Rössler. Die aktuelle Berichterstattung der Tageszeitungen wandert ab ins Internet. In der Prognose von Opendatacity stehen sie sehr unterschiedlich da – es gibt welche, deren Auflagen halbwegs stabil sind, andere haben massive Einbrüche verzeichnet.

Noch schlechter schneiden Programm- und Jugendzeitschriften in der Verfallsprognose ab.

Wochen- und Sonntagszeitungen halten sich dagegen gut. „Wochenzeitungen sind auf die Freizeitgewohnheiten von Menschen ausgerichtet, die nicht immer vor dem Bildschirm sitzen wollen – vor allem, wenn sie das schon den ganzen Tag über auf der Arbeit tun„, sagt Rössler, „dafür ist ein Medienangebot nötig.“ Ein Medienangebot, das in Ruhe gelesen wird: Der Spiegel, der am Kiosk gekauft werden kann, werde anders gelesen als die App, sagt Rössler. Wochen- und Sonntagszeitungen sind Medien für die Freizeit, für Menschen, die sich in Ruhe und ausführlich informieren wollen. Die SPON-App ist schnell überflogen, aber das Dossier der ZEIT liest der Verbraucher lieber gemütlich beim Sonntagsfrühstück.

Zeitungen sind nach wie vor fester Bestandteil des Alltags

Auch die ästhetische Komponente sei nicht zu vernachlässigen, sagt Rössler, „für Menschen, die mit Zeitungen aufgewachsen sind, ist Print attraktiver. Das kann sich allerdings durch Sozialisation ändern – was ein langwieriger Prozess ist.“ Wie wichtig Ästhetik und Design ist, zeigt sich für ihn etwa der Design-Zeitschrift Novum. „Sie selbst ist das, was sie kommuniziert: Design, was man sehen muss, fühlen. Doppelseiten aufklappen„, sagt Rössler. Trotzdem gibt es Novum auch online, als Ergänzung sozusagen. Die Wirkung ist aber eine ganz andere. „Diese Art von Zeitschriften wird es immer in gedruckter Form geben.“

Insgesamt ist die Debatte um Papier oder Online ohnehin wenig produktiv. Am Ende geht es um guten Journalismus. Deswegen rät Rössler, sollten auch Berufseinsteiger nicht vor Zeitungen zurückschrecken: „Für den Einstieg sind Tageszeitungen kein Nachteil. Es ist und bleibt Journalismus, das Medium ist dabei sekundär.“ Schließlich seien Journalisten keine Drucker, sondern für den Content verantwortlich – und das ist bei Online wie bei Print so.


Image (adapted) „Swiss newspaper NZZ frontpage printed in binary code, human readable text on iPad“ by visualpun.ch (CC BY-SA 2.0)


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Der Wert von Papier im digitalen News-Zeitalter

Cafe Griensteidl, 1896 (Bild: Reinhold Völkel [Public domain], via Wikimedia Commons)

Warum es sich im Jahr 2014 nach wie vor lohnt, zu Print zu greifen, lässt sich von den Stärken des Papier her erklären. // von Jakob Steinschaden

Cafe Griensteidl, 1896 (Bild: Reinhold Völkel [Public domain], via Wikimedia Commons)

Wann, liebe/r LeserIn, haben Sie das letzte Mal gezielt zu Papier gegriffen? Für viele junge Menschen im deutschsprachigen Raum erscheint der Kauf einer Tages- oder Wochenzeitung mittlerweile völlig unverständlich. News und Storys gibt es im Internet ohnehin in Hülle und Fülle, und das zumeist gratis. Was dabei vergessen wird: Papier hat zwei Stärken, die es von der Online-Welt abheben können – Fokus und Serendipität.

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Fünf weitere Dinge, die ich an Lokalzeitungen nie verstehen werde

Reading the newspaper (adapted) (Image by James Cridland [CC BY 2.0] via flickr)

Der Lokaljournalismus in Deutschland scheint seine eigenen Gesetze zu haben, doch nicht alle sind verständlich. Es gibt gute Nachrichten: ich bin diesen Sommer schon wieder quer durch Deutschland gefahren und nicht etwa mit leeren Händen zurück nach Berlin gekehrt, sondern mit fünf weitere Dingen im Gepäck, die ich an Lokalzeitungen nie verstehen werden.

1. Die Begeisterung für Stadtfeste

Ja, dies ist kein gutes Beispiel. Weil es sich hier nicht um einen Artikel, sondern um eine “entgeltliche Einschaltung gem §26 MG” handelt – so scheint man es in Österreich kennzeichnen zu müssen, wenn man sich bezahltes Material ins Blatt holt (Sie sehen ein Beispiel aus den Salzburger Nachrichten). Aber so konnte ich sowohl die lustige Umschreibung für “Anzeige” unterbringen als auch andeuten, dass ich die ausführliche Beschreibung von Schwenkgrills im Arbeitseinsatz nur so mittelspannend finde. Wer ein Bullshit-Bingo anlegen mag: “kulinarisch”, “traditionell”, “Bieranstich”, “abwechslungsreich” und “krönender Abschluss” sollten dabei sein.


2. Die Themen

Ganz recht, man macht es sich ziemlich einfach, wenn man als Berliner nach Eisenach fährt und sich dort darüber aufregt, dass die wichtigste Nachricht des Tages an einem Kreisverkehr zu verorten sein soll. Zumal, wenn wir gerade Mitte Juli schreiben und das Sommerloch die Größe des Berliner Haushaltsdefizits erreicht hat. Dennoch komme ich nicht umhin, mich zu wundern – natürlich ausschließlich darüber, woher die Eisenacher Kollegen wissen, wie groß genau ein lebender Zwerg ist.


3. Wir machen jetzt auch was mit Internet (1)

Im schönen Thüringen hat man verstanden: Dieses Internet, das ist wichtig. Sogar so wichtig, dass man ihm einen Platz in der kostbaren Printausgabe einräumt. Schließlich sollen deren Leser zumindest den Eindruck bekommen, sie bekämen mit, was die Menschen mit Zugang zu diesem weltweiten Netz umtreibt. Nämlich: Mord und Totschlag. So suggeriert es zumindest die hier gewählte Form des täglichen Abdrucks der wohl traurigsten Statistik, die jede Nachrichtenseite zu bieten hat: die der meistgelesenen Artikel. Auf der niemals die fundierte Analyse der kommunalen Finanzlage ganz oben rangiert, sondern immer nur verunglückte Porschefahrer. Eine schönere Bestätigung kann man Print-Freunden und Internet-Feinden wohl nicht liefern. (Oh, wait! Sollte das etwa der Plan…?!) 


4. Wir machen jetzt auch was mit Internet (2)

Derjenige, der in seiner Freizeit gerne Facebook-Kommentar-Stränge aufgrund ihrer fundierten Argumente, spannenden Themen und ausgewogenen Debattenkultur liest, hebe nun bitte kurz die Hand. Ähm, ja: für Sie da ganz hinten druckt die Thüringer Allgemeine die spannendsten Kommentare von ihrer Facebookseite täglich ins Blatt. Eine durchweg lohnenswerte Angelegenheit, wie man sieht, bei dem Regen! 


5. Die Lokalspitze

An dieser Lokalspitze fehlt das eigentlich Wichtigste, nämlich der Kopf. Aber ich wollte den Lokal-Kollegen, der diese interessante Abhandlung über das Schmelzverhalten von Süßwaren in geschlossenen Autos im Monat Juli verfasst hat, nicht so explizit in die Pfanne hauen. Schließlich kann er auch nichts dafür, dass die Lokalzeitungen besessen davon sind, ihre Mitarbeiter Präsenz zeigen zu lassen – und zwar jeden Tag, auf jeder Seite des Lokalteils, mit einer lustigen Begebenheit, die einem nur ärgerlicherweise als Mitarbeiter eines Lokalteils nicht jeden Tag über den Weg läuft. So werden täglich deutschlandweit viele tausend Zeilen mit Berichten über die Krankheiten von Haustieren, Probleme mein Bügeln sowie die Parkplatzsuche gefüllt.

Wer noch nicht wusste, dass man bei Regen besser die Fenster schließt, interessiert sich vielleicht auch für geschmolzene Gummibärchen: Das hat der Lokaljournalismus wirklich nicht verdient. 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog von Juliane Wiedemeier.


 Image (adapted) „Reading the newspaper“ by James Cridland (CC BY 2.0)


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Mit Social Media aus dem (Anzeigen-)Blätterdickicht

paper boy (adapted) (Image by olle svensson [CC BY 2.0] via Flickr)

Totgesagte leben bekanntlich länger. Wie Social Media-Kanäle den kränkelnden Print-Markt wiederbeleben können. Die Printmedien haben die letzten Jahre stark an Einfluss und Vitalität verloren. Die riesige Konkurrenz aus dem Netz und eine veränderte Einstellung der Leserschaft zur Informationsbeschaffung ließen viele bekannte Titel aus den Zeitungsregalen verschwinden. Während die großen Verlage durch ihre Produktvielfalt, Zusammenlegung von Redaktionen und finanziellen Rücklagen leichter auf veränderte Marktbedingungen reagieren können, bedeutet die neue Situation für kleine Gratiszeitungen und Anzeigenblätter oft ein Kampf ums Überleben. Die Flink&Partner Social Media Observation Group (SMOG) und Socialbreakers haben in einer Studie den Einfluss dominanter Social Media-Kanäle auf die Reichweite ausgewählter Anzeigenblätter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz untersucht.

Print und Social Media – Eine Vernunftehe

Als Basis für die Untersuchung dienten von Socialbreaker erhobene Daten aus der Betrachtungszeit Januar bis Juni 2014. Facebook und Twitter stellen wie erwartet die relevantesten Social Media-Plattformen dar. Bis Ende Juni konnten 624.794 Nutzer gezählt werden, was 14,13 Prozent der Druckauflage der betrachten Blätter ausmacht. Davon entfallen 9,76 Prozent auf Facebook und 4,37 Prozent auf den Twitter-Dienst.

Wenn man jetzt noch bedenkt, dass die Social Media-Nutzerzahlen bereits im Januar 2014 um über 100 Prozent gewachsen sind, wird schnell klar, dass insbesondere die kleineren Gratiszeitungen und Anzeigenblätter von einem geschickten Einsatz der Social Media-Kanäle profitieren können.

Ganz spannend wir es, wenn man auch noch die aktiven Interaktionen (z.B. Facebook Likes, Kommentare, Shares und Tweets) zusammen zählt: eine stolze Summe von 1,5 Millionen steht dann 10.000 redaktionellen Posts gegenüber. Dieses Potenzial sollte man nicht ungenutzt lassen.

Tausche Content gegen Reichweite

Besonderes Augenmerk sollten die zukünftigen Social Media-Redaktionen auf die Lesegewohnheiten ihrer Community legen – und ebenso wichtig – einen stetigen Austausch mit ihnen betreiben. Sicherlich ist der Social Media-Bereich hochdynamisch, was man vor allem an der unausgewogenen Verteilung von Facebook- und Twitter-Nutzer bei einigen Blättern beobachten kann. Wachstumsspitzen und erhöhte Posts geben jedoch Aufschluss über bevorzugte Inhalte oder zeitliche, bzw. blattspezifische Ereignisse, was wiederum Möglichkeiten zur kurzfristigen redaktionellen Ausrichtung von Print-, wie auch Online-Inhalten gibt. Im Rückkehrschluss eröffnen die Social Media-Kanäle den Lesern auch eine unmittelbare Teilnahme am Redaktionsgeschehen. Dadurch wird eine aktive Leserbindung gefördert. Mit Facebook, Twitter & Co. haben die Verlage und Redaktionen ein ungeahnt mächtiges Tool zur Trendanalyse an der Hand, welches auch für das kleinste Anzeigenblatt kostengünstig zur Verfügung steht. Es ist verwunderlich, dass dieser offensichtliche Vorteil von der breiten Masse von Verlagen noch nicht erkannt wurde.

Viele Redaktionen behandeln Ihre Social Media-Accounts noch sehr stiefmütterlich. Eine sehr kurzsichtige Einstellung. In der Tat bedeutet eine professionelle Betreuung des Social Media-Accounts einen enormen Mehraufwand, sowohl zeitlich als auch finanziell. Und nicht nur das: Es müssen auch neue Kommunikationsstrategien innerhalb des Verlages gefunden werden, schließlich müssen Print-, Online- und die neue Social Media-Redaktion ihre Inhalte abstimmen und zudem noch in der Lage sein, auf die eben erwähnten Trends der Leserschaft zu reagieren. Ein Aufwand, der sich aber mittelfristig lohnen kann. Die Studie zeigt auf, sobald die Fan-Base etabliert ist, folgen erhöhte Reichweite, Wachstum und aller Wahrscheinlichkeit nach auch Blatt-Treue.

Kann aus Vernunft am Ende sogar Liebe werden?

Wer dachte, Happy Ends gibt es nur in Filmen, könnte durch Verbindung von Print und Social-Media noch überrascht werden. Sollte es den den Verlagen wie auch den Anzeigenblättern gelingen, ihre Social Media-Nutzer professionell, intensiv und zeitnah mit aktuellen Content zu versorgen und die Print- mit den Online-Inhalten effektiv abzustimmen, könnte sich dies als gute Investition in den klassischen Printsektor erweisen. Es ist anzunehmen, dass sich aus einem treuen Online-Nutzer auch ein regelmäßiger Offline-Leser generieren lässt, der sich mit seiner Community identifiziert und am Ende für die Verbreitung des Printprodukts sorgt. Zudem könnten sich die Anzeigenblätter den typischen Lokalpatriotismus mit ihrem Social Media-Auftritt verstärkt zu Nutze machen. Daraus folgen Anzeigenkunden, Kapital für redaktionelle Qualität und sichere Arbeitsplätze. Der Print-Journalismus kann also durchaus optimistisch in die Zukunft sehen. Wir wünschen es ihm sehr.

Wer noch tiefer in Studie einsteigen möchte, kann sich das Whitepaper „Social-Media-Nutzung bei Gratiszeitungen und Anzeigenblätternhier kostenlos downloaden.


Image (adapted) „paper boy“ by olle svensson (CC BY 2.0)


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Content Marketing – Bedrohung oder Chance traditioneller Medien?

content-marketing-word-cloud (adapted) (Image by DigitalRalph [CC BY 2.0] via Flickr)

Immer mehr Marken entdecken das Publizieren für sich und werden Konkurrenten traditioneller Medien, denn Content Marketing wird immer wichtiger, um die eigene Kundschaft zu unterhalten. Content Marketing ist eine Marketing-Technik, mit der Markenunternehmen ihre eigene Kundschaft gezielt und informativ ansprechen können, um von der eigenen Marke zu überzeugen, aber auch neue Kunden zu gewinnen. Dies verändert nicht nur den Charakter von Werbung, sondern stellt die traditionellen Medien vor gleich zwei Probleme: die Einnahmen aus der Werbung werden weniger und die Werbenden sind direkte Konkurrenten um Aufmerksamkeit.

Content Marketing – That’s Entertainment

Die Modemarke Wren hat gestern einen viralen Hit gelandet und das weltweit. Auch in Deutschland wurde das Video von zwanzig vermeintlich fremden Menschen, die sich zum ersten Mal treffen und küssen, begeistert aufgenommen. Die Zuschauer erfreuten sich an den zaghaften Annährungsversuchen, dem spürbaren Kribbeln vorm Kuss und die Hingabe einiger Darsteller. Das Video war einfach schön anzusehen und dabei war es Werbung. Der Hinweis „Wren presents“ steht zwar am Anfang des Videos, aber wer kennt schon diese Modemarke, die in Deutschland nicht vertrieben wird? Und interessiert hat es auch niemanden, denn die Leute fühlten sich gut unterhalten.

Der Journalist Martin Giesler äußerte früh den Verdacht, dass es sich nicht „nur“ um ein schickes Video handelte, sondern um gut versteckte Werbung, die mehrere deutsche Online-Medien ungeprüft auf ihren Seiten veröffentlichten. Da Wren dafür nicht bezahlte, handelt es sich zwar nicht um Schleichwerbung, aber interessant ist, das Wren dafür nicht bezahlte, die Medien aber das Video, dass laut Martin Giesler nach einer zweiminütigen Recherche als Werbung enttarnt werden konnte, verwendeten und den eigenen Lesern präsentierten. Früher hätte Wren die Medien dafür bezahlen müssen, dass sie das Video als Anzeige oder Spondored Post veröffentlichen. Hier taten sie es freiwillig, denn es viral und genau das was die Leute sehen wollten. Wer das Video auf seiner Seite hatte (wie übrigens auch die Blogrebellen) konnte gestern mit steigenden Zugriffszahlen rechnen. Das Video wurde in weniger als 48 Stunden mehr als 22.555.235 Mal aufgerufen.

Zwar kritisiert Martin Giesler korrekt, dass dass Video ungeprüft von den Medienhäusern als Netzphänomen übernommen wurde, sie also nichts aus dem „Harlem Shake“-Video gelernt haben, aber sein hartes Fazit – „Wir teilen Werbung – und lieben es. Die Industrie hat gewonnen.“ – möchte ich dann doch nicht so unterschreiben. Es stimmt, dass es einen Wettbewerb zwischen Marken und Medien gibt und dieser ist im Grunde nicht fair (unterschiedliche Ressourcenverteilung), aber offen und vollkommen legitim, denn die Kunden/Nutzer/Leser entscheiden über den Sieger. Dies ist aber kein Kampf, auf den man sich in der Betrachtung konzentrieren sollte, sondern eine Entwicklung, die spannend vor dem Hintergrund des Medienwandels zu beobachten ist. Das schon lange angekündigte Versprechen „Marken sind die neuen Verleger!“ erfüllt sich immer mehr, wenn auch noch vor allem nur in den USA. Durch die globale Vernetzung haben wir aber auch in Europa einen Platz in der ersten Reihe und können die Entwicklung gut beobachten, von der auch traditionelle Medien lehrreiche Lektionen ziehen können.

Non-Medien vs. Medien – ein ungleicher Wettbewerb

In den USA gibt es mit dem American Express Open Forum, GE Stories von General Electric oder dem thinkMoney-Magazin von TD Ameritrade verschiedene Publishing-Plattformen von Markenunternehmen, die keine Medien sind. Sie alle beweisen, dass Marken einen sehr gutes Gespür dafür haben, was ihre Kunden lesen oder sehen wollen. Und auch wenn traditionelle Medien in einem anderen Bereich des gesellschaftlichen Lebens tätig sind und eher über Politik als Konsum informieren müssen, sind auch sie auf diese Eigenschaft angewiesen. Sie haben dieses Gespür aber nicht mehr (falls sie es jemals hatten), denn im Gegensatz zu den Markenunternehmen interessieren sie sich weniger für das, was die Leute wollen und was ihnen journalistisch anspruchsvoll geliefert werden sollte, sondern vor allem für die eigene Agenda. Tritt aber jetzt ein ebenfalls publizierender Konkurrent auf, wird genau das zum Nachteil der Medien.

Ein weiterer Nachteil ist die unterschiedliche Finanzierung von Non-Medien und Medien. Während Markenunternehmen mit der Produktion und Distribution von Content die Verkaufszahlen der eigenen Produkte oder Dienstleitungen hochtrieben und Geld verdienen, tun dies Medien durch Bezahlschranken oder Anzeigen nur direkt mit dem Inhalt. Mit geringem Erfolg, während die meisten Markenunternehmen geradezu in Geld schwimmen, vor allem die großen IT-Unternehmen. Apple zum Beispiel hat 158 Milliarden US-Dollar für Investitionen übrig, die New York Times ein Börsenwert von vergleichsweise nur 2 Milliarden US-Dollar. „Apple könnte die New York Times fünfzigmal kaufen und hätte immer noch genügend Geld übrig, um die Welt zu erobern„, wie es Joe Pulizzi, Gründer des Content Marketing Institute im LinkedIn-Blog schrieb.

Unternehmen können es sich leisten, in Personal und Forschung zu investieren. Das Forschungs- und Entwicklungsunternehmen für Mobilfunkkommunikation Qualcomm hat für seine Spark-Initiative Journalisten der US-Tageszeitung USA Today eingestellt. Dazu kommt, dass Markenunternehmen fokussiert auf ein einzige Zielgruppe sind: Kunden, während Medien neben der Leserschaft auch die Werbung schaltenden Unternehmen beachten müssen. In der Idealvorstellung ist eine Zeitung erfolgreich, wenn die Leserschaft glücklich ist, was das Medium wiederum für Marketing-Abteilungen interessant macht. In Wahrheit finanziert aber die Werbung die meisten Medien und nicht die Leserschaft, ein Trend der im Digitalen stark zugenommen hat.

Am Anfang einer Entwicklung

Diese Entwicklung steht noch am Anfang und man kann sie mögen oder nicht, aber vielleicht ist sie auch der Existenz bedrohende Druck, den die meisten Medien nötig haben, um sich dem Medienwandel im digitalen Zeitalter anzunehmen. Denn von den Marken zu lernen, könnte sich für viele Medien als äußerst sinnvoll erweisen. Und das ohne Aufgabe eines besonders in Deutschland hochgehaltenen (und meist nie erreichten) journalistischen Ethos. Angefangen beim lutherschen „den Leuten aufs Maul schauen“ bis zur Öffnung des eigenen Mediums für eine breitere Leserschaft und der Umorientierung von einer Informations- zu einer Serviceplattform, sind Marken vielleicht gute Vorbilder für die Medien von morgen. Die BILD-„Zeitung“ mal ausgenommen, müssen Medien sich neue Leserschaften erschliessen, mit neuen Themen in der Berichterstattung und mehr Angeboten. Die eine Leserschaft gibt es nicht mehr, die Grenzen in der Gesellschaft laufen heute nicht mehr zwischen politisch definierten Klassen, sondern zwischen Reich und Arm sowie Interessiert und Desinteressiert. Medien müssen aufhören Meldungen zu verbreiten, denn das können die Leser inzwischen selber und anfangen, die eigenen Journalisten gute Geschichte entdecken und erzählen lassen. Im Gegensatz zum Content Marketing sind dem Journalismus hier keine Grenzen gesetzt. Ohne eine interessierte Leserschaft können Medien nichts verkaufen – vor allem nicht sich selbst. Das Video der sich küssenden Fremden ist ein guter Beweis dafür und vielleicht der Warnschuss, den auch die deutschen Medien bitter nötig hatten.


Image (adapted) „content-marketing-word-cloud“ by DigitalRalph (CC BY 2.0)


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Aus der Zeitung Libération soll ein soziales Netzwerk werden

Die französische Zeitung Libération soll sich in ein soziales Netzwerk umwandeln, dass Inhalte produziert – der Medienwandel will es so. // von Tobias Schwarz

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Am Wochenende haben die Eigentümer der linksliberalen Tageszeitung Libération verkündet, dass die französische Zeitung in ein soziales Netzwerk umgewandelt werden soll, dass „monetarisierbare Inhalte für eine breite Auswahl an Multimedia-Plattform“ produziert. Die Bekanntgabe der Pläne erfolgte einen Tag nach einem Streit der Redaktionen, die einen Rettungsplan für die finanziell angeschlagene Zeitung aufgrund von geplanten Lohnabkürzungen ablehnen.

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Hinter den Kulissen des New York Times Redesign

Im Interview mit Opennews.org reden drei Mitarbeiter der New York Times über das Redeisgn der Website und die Strategien dahinter. // von Janina Gera

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Die New York Times gibt erste Einblicke in ihr neues Online-Design: neue Artikelseiten, sowie Optimierungen und reizvolle Bedienelemente sind auf der gesamten Website zu finden. Opennews.org hat mit den beiden Designern Allen Tan und Renda Morton, sowie dem Entwickler Eitan Konigsburg, die an dem Projekt mitgewirkt haben, über technische Entscheidungen, Designideen und der grundlegenden Strategie hinter dem neuen Auftritt gesprochen. Janina Gera hat das Interview für Netzpiloten.de übersetzt.

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Die New York Times entwickelt neues Design und neue Werbung

The New York Times (adapted) (Image by Joe Shablotnik [CC BY 2.0], via flickr)

Gestern gab die New York Times bekannt, dass es morgen nach über fünf Jahren ein neues Design der Website geben wird. Der im Frühjahr 2013 angekündigte Umgestaltungsprozess ist damit beendet. Neben vielen neuen Designelemente und Änderungen im Format, wird die wohl bekannteste Zeitung der Welt auch ihre Werbestrategie auf der Website neu ausrichten. Für ein derartiges von seiner Tradition lebendes Unternehmen beweist die New York Times, besonders im vergleich mit deutschen Medien, ein unglaubliches Innovationspotenzial und Mut zur Veränderung. Doch die Vermischung bezahlter und journalistischer Inhalte zeigt eine kritisch zu beobachtende Entwicklung des Journalismus auf.

Die definitive Geschichte

Erst morgen wird das neue Design der Website der New York Times (NYT) veröffentlicht, aber auf einer Unterseite kann jetzt schon ein erster Blick auf das neue Aussehen der Website geworfen werden. Neben der Optimierung des Lesens und Findens neuer Artikel, fällt vor allem auf, dass die New York Times sämtliche Artikel auf einer Seite darstellt und nicht mehr auf verschiedene Seiten verteilt. Mit den Worten “Our journalists strive bring you the definitive stories and now you can read them in a single scroll from top to bottom, without having to click to continue“, wird diese Neuerung als Service für die eigene Leserschaft angepriesen.

Die Artikel nehmen nun auch mehr Platz ein, denn Menüs, Links und Funktionen sind platzsparend in die Seite integriert, so dass wie nie zuvor der Artikel im Vordergrund steht. Von minimalistischen Blogs kennt man diese Gestaltungsweise des Inhalts schon, aber immerhin handelt es sich hier um Inhalte der New York Times. Zu diesen Inhalten gehören meist auch hervorragende Bilder und mit dem neuen Design wird dem Fotojournalismus im Jahr 2014 vielleicht eine letzte große Ehre erwiesen: auch die Bilder werden größer dargestellt, können noch einmal extra geöffnet werden und wirken hervorragend in die Artikel integriert und nicht nur wie lästiges Beiwerk der Berichterstattung.

Die bessere Integration von Fotos und Videos soll Leser begeistern und so ermuntern, die Artikel zu kommentieren und zu teilen, wie Jill Abramson in einem Beitrag auf NYtimes.com erklärt. Kommentare können deshalb jetzt auch genauso gut wie Artikel gelesen werden. Denise Warren, zuständig für Digital Products bei der New York Times, betont, dass eine positive Nutzererfahrung das Hauptziel des Redesigns war und das für Desktop und mobile Geräte. Dies wird auch durch das Fehlen von Bannerwerbung erreicht. Doch die New York Times verzichtet nur auf die Banner, nicht auf die Werbegelder.

Die wahre Revolution ist die neue Werbestrategie

Mit dem Redesign der Website entsteht auch eine Plattform für bezahlte Inhalte, also „Native Advertising“ – ähnlich den „Sponsored Post“ auf Netzpiloten.de – mit der die New York Times eine zwar nicht neue Form der Finanzierung von Journalismus versucht, aber das wohl erste traditionelle Medienunternehmen ist, dass dieses Schritt zu gehen bereit ist. Nachdem wie zu erwarten erste Bedenken über diesen Schritt geäußert wurden, stellte NYT-Verleger Arthur Sulzberger Jr. in einem Brief an die Belegschaft klar, dass diese Beiträge immer eindeutig als bezahlte Inhalte gekennzeichnet werden und das, irgendwie wenig überraschend, sie auch nicht von Journalisten der New York Times erstellt werden.

Durch bezahlte Inhalte können Medienunternehmen auf bisherige Werbeformen an den Rändern der Websites verzichten und trotzdem Journalismus, und eben auch journalistische Produkte wie Netzpiloten, finanziert werden. Meredith Levien, für die Werbung auf NYtimes.com verantwortlich, kommentiert diese neue Form des Werbens wie folgt: „We are going for organic to the experience of the site versus disruptive„. Doch was wie ein vermeintlicher Gewinn für die Leserschaft aussieht, die auf ungewollte Werbung verzichten muss, während die New York Times trotzdem Geld verdient, hat auch eine kritische Seite, der bisher zu wenig Beachtung geschenkt wurde. 

Journalistische Werbung statt werbefinanzierter Journalismus?

Problematisch wird die noch engere Verknüpfung von bezahlter Werbung mit journalistischen Inhalten, wenn neue journalistische Formate für die Darstellung beider Inhaltsformen genutzt werden. Zum Beispiel, wenn das von der NYT entwickelte Multimediaformat „Snowfall„, bei dem verschiedene Inhaltsformen auf einer Seite gebündelt werden und wie fallende Schneeflocken sich einem die Geschichte durch das nach unten weiterlesen und schauen erschließt, für Werbezwecke benutzt wird. Laut Brian Morrissey ist aber genau dies geplant, dass diese zur Zeit bei Medienschaffenden sehr populäre Erzählform auch für die bezahlten Inhalte verwendet werden soll. Damit wird es, trotz klarer Kennzeichnung, für die Leser und Leserinnen noch schwieriger, journalistische von bezahlten Inhalten zu unterscheiden.

Verlässt man die moralische und emotionale Diskussion über die Finanzierung von Journalismus, wird einem schnell klar, dass es neue Formen der bezahlten Werbung geben muss und wird. Die sozialen Netzwerke treiben diese Entwicklung mir gesponserten Tweets und Facebook-Posts voran, Medien verlieren mit der Zeit an Bedeutung als Ort für Werbung. Native Advertising ist eine Form, die sich zumindest für ein journalistisches Projekt wie Netzpiloten.de als praktisch und erfolgreich erwiesen hat. Die NYT treibt diese Entwicklung aber weiter voran und damit wird es dann auch kompliziert. Wie auf Netzpiloten.de, werden bezahlte Inhalte auch als solche gekennzeichnet. Mit der Vermischung neuer journalistischer Darstellungsweisen wird aber die klare Trennung stückweise untergraben. Levien kündigte außerdem ein „Content Studio“ an, in dem Mitarbeiter der New York Times (keine Journalisten aus der Redaktion) zusammen mit Werbern an den bezahlten Beiträgen arbeiten um langfristig angelegte Werbeformen zu entwickeln anstatt kurzfristige und zeitlich begrenzte Kampagnenformate. Dadurch würde Werbung journalistische Praktiken lernen, wie zum Beispiel eine Erzählung in einer Artikelserie über Wochen aufzuteilen. Die Trennung von Werbung und Journalismus wäre damit passé.

Verfolgt man in den sozialen Netzwerken die Reaktionen auf die New York Times, erkennt man viel Begeisterung für die neuen Formate, Strategien und Produkte. Auch das Redesign löste jetzt schon Begeisterungsstürme unter deutschen Journalisten aus. Die neue Form der Werbung wurde offensichtlich noch nicht erkannt. Sie wird es aber sein, die die oft der Entwicklung hinterherhinkenden deutschen Medienunternehmen zwingen wird, sich mit der Finanzierung von Journalismus noch mehr zu befassen. Native Advertsising funktioniert für die Netzpiloten, aber wie würden die Reaktionen in Deutschland ausfallen, wenn die Süddeutsche Zeitung dieses Format ausprobiert? In diesem Jahr werden wir wieder einmal viel über Geld und Journalismus reden.

 


 

Vielleicht aber diesmal am Ende der Debatte mit konkreten Ideen für die Zukunft.


Image (adapted) “The New York Times“ by Joe Shlabotnik (CC BY 2.0)


 

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Shortcut Reader: Echter Mehrwert für die Print-Leser

Unser Autor Tobias Gillen hat das Osterwochenende für einen Test der App Shortcut Reader genutzt. Sein erstes Fazit fällt durchaus positiv aus, auch wenn deutsche Medien mal wieder ein Trauerspiel abgeben.

shortcut-reader

Die Medien-App Shortcut Reader stellt eine der innovativsten Antworten auf den Medienwandel in der Zeitungsbranche dar. Wenn Nutzer ein Foto eines Artikels knipsen, stellt die App eines Schweizer Startups eine Verbindung zum digitalen Gegenstück des Artikels her. Print und Online verschmelzen dadurch ein Stück mehr und hinterlassen zufriedene Zeitungsleser. Leider noch kaum in Deutschland, wie unser Autor in seinem Test schreibt.

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TV-Tipp: 60 Jahre „BILD“ – die Macht einer Zeitung

60 Jahre ttt – titel, thesen, temperamente hat gestern Abend einen interessanten Beitrag zur BILD-Zeitung gebracht. Er ist insofern interessant, da mir gar nicht klar war, dass die BILD mal tatsächlich auch bei der breiten Masse unbeliebt war.

Ein „Gossenblatt“. Das zumindest sagt man in diesem Videobeitrag.


    Deutschlands größte Zeitung wird 60 – und steht trotz einer seit Jahren sinkenden Auflage besser da denn je: Spätestens seitder Wulff-Affäre erkennen auch Gegner an, dass Bild tatsächlich zum Meinungsführer geworden ist. Bleibt die Frage: Wiehaben die das gemacht, bei Bild? Wie mächtig ist das Blatt? „ttt“ spricht mit Ex-Chefredakteur Udo Röbel, dem Bild-KritikerKlaus Staeck und lässt auch den Schauspieler Ottfried Fischer zu Wort kommen – einer der wenigen Prominenten, der eswagte, gegen Bild vor Gericht zu ziehen.

Den Videobeitrag findet Ihr hier. Eine ausführlichere Doku wird heute um 22.45 im Ersten ausgestrahlt – Bild.Macht.Politik.

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HuffPost almost takes the lead

Beim businessinsider gibt es diesmal eine Besonderheit beim chart of the day, die einige Verlage in Deutschland beruhigen wird. Denn hier haben wir (noch) keine Huffington Post. Falls doch, könnte die bequeme Position der Zeitungsverlage, einfach auf das Millionenheer der Billigschreiber in diesem Lande zuzugreifen und dann noch über die geringen Einnahmen im Web zu jammern, ein jähes Ende haben.

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Mindcasting: twitter ist die neue Zeitung

Während in Deutschland noch gestritten wird, ob die Nutzer, die Tweets und das Medium ein und dasselbe sind (wer war Schuld am twitter-Desaster rund um Wittenden), sind uns die Early Adopters dies- und jenseits des Atlantiks schon ein Stück weiter.

jay-rosenJay Rosen von der New York University unterrichtet Journalismus und nutzt das Tool als Filter für all die guten, wertvollen Inhalte, die es Wert sind, gelesen zu werden. Er folgt einfach den Leuten mit guten tweets und liest deren Empfehlungen.

“Mindcasting kam mir in den Sinn, als ich versuchte eine sehr hohe SNR (signal to noise rate) zu erzielen [also das Gute aus dem Vielen herauszufiltern],” erklärt Rosen. Das bedeutet, dass er täglich 15 bis 20 tweets über die besten Artikel mit Kommentar verschickt. Damit hat er eine neue Art von Presse erfunden und ist Herausgeber der besten Artikel von Blogs und Zeitungen.

Er kann auf diese Weise Webinhalte so bearbeiten, dass seine eigene Zeitung entsteht. Dieses Mindcasting ersetzt dann Lifecasting, also das Herausposaunen von Informationen über Einkäufe, die neueste Benzinpreise oder Statusmeldungen zum aktuellen ICE, in dem man sitzt.

Dieses Destillat aus Hunderten von Quellen und seinen über 12.000 Followern könnte ein gutes Modell werden für die Zeitung der Zukunft Gegenwart (siehe Datum unten).

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Niiu – individuelle Zeitung auf Wunsch?

Digitale und gedruckte Information – inhaltlich ein zwingender Widerspruch des Mediums? Ich würde gerne mal wieder morgens nicht am Computer, sondern bei einem Kaffee mit einer Zeitung sitzen. Allerdings finde ich in der momentanen Zeitungslandschaft kein Produkt, das meinen Ansprüchen und Gewohnheiten entgegenkommen könnte. Meine Informationsstrategie hat sich in den letzten Jahren durch die Entwicklungen im Internet entscheidend geändert.

Eines Abends beim Diskutieren vor dem newthinking store streifte mein unruhiges Auge ein Plakat: Niiu – stell Dir Deine individuelle Zeitung zusammen (oder so ähnlich). Das war nach 5 Minuten wieder vergessen. Was ich nicht in meiner Twitter-Timeline anklicken kann, nehme ich nicht nachhaltig war. Dort tauchte vor einigen Monaten die Twittertimes auf: eine individuelle Echtzeit-Zeitung, die auf meinem Twitter-Netzwerk basiert. Auf der Titelseite erscheinen die Inhalte von Links, die in meinem Netzwerk prominent zirkulieren. Was ich für einen echten Mehrwert halte, erspart mir die Twittertimes einerseits, meine Timeline selbst zu durchforsten und andererseits meinem Netzwerk, daß ich einen ohnehin schon weit verbreiteten Link redundant einspeise. Allerdings wird die Twittertimes nicht gedruckt ausgeliefert, allenfalls könnte ich mir das PDF ausdrucken.

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Update bei Google News mit Scans von Original-Zeitungsartikeln

Der Internetgigant Google hat heute in seinem Blog bestätigt, dass es ein interessantes Update des Google-News-Services gibt. Demnach werden nun nicht nur die Newsbeiträge selbst, sondern sogar Scans der Zeitungsseiten angeboten. Nutzer können sich so einen Überblick über den Kontext schaffen, in dem ein Beitrag veröffentlicht wurde.

Screenshot aus dem Google News Angebot

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist die Suche noch stark eingeschränkt, da der größte Teil von Zeitungen noch nicht verfügbar ist. Dennoch kann mit der Zusammenarbeit von Google und dem Quebec Chronicle Telegraph bereits ein spektakulärer Erfolg vermeldet werden: das Blatt ist mit seiner Gründung von 1764 die älteste Zeitung in Nordamerika. Es bleibt noch abzuwarten, wie schnell Google seine Archive mit Zeitungsartikeln auffüllen kann, doch dürfte das Angebot schnell Verbreitung finden und zu einem wichtigen Bestandteil der Suche nach Nachrichten werden. Wie immer dürfte das Angebot jedoch in näherer Zukunft auf amerikanische Zeitungen beschränkt bleiben.[via Readwriteweb]

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