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COWORK 2019: Momentum der Coworking-Szene

Das Bundesarbeitsministerium werkelt an einem Gesetz für Home Office und will eigentlich, dass Menschen sich aussuchen können, wann sie von wo ihrer Arbeit nachgehen. Traditionsunternehmen wie Otto und Siemens bauen ihren Mitarbeitern Arbeitsräume, in denen sie ohne feste Sitzordnung abteilungsübergreifend miteinander arbeiten und wollen damit Kollaboration und Agilität im Unternehmen verankern. Bürocenter wie WeWork, Rent24 und Design Offices stellen Kickertische und bunte Sofas vor die gläsernen Bürokästen und nennen dies Community und Zukunft der Arbeit. Im Fazit ist alles gut gewollt, aber dann nur schlecht gekonnt.

Wer das alles gut und vor allem aus vorgelebter Überzeugung kann, sind die Menschen in den Coworking Spaces. Am vergangenen Samstag trafen sich mehr als 150 von ihnen in Mannheim zur jährlich stattfindenden COWORK, einer Konferenz mit Barcamp zu den Themen Coworking und Neue Arbeit. Im Jahr 2015 war ich das erste Mal als Gast mit dabei, seit 2016 bin ich als Mitorganisator der Veranstaltung ehrenamtlich engagiert. Die deutschsprachige Coworking-Szene ist an sich noch sehr klein und auch jung, aber bereits hervorragend vernetzt. Jedes Jahr wächst die Gästeliste der COWORK und auch die Anzahl internationaler Gäste steigt stetig.

Es geht nicht bloß um die Büros.

In diesem Jahr überraschten mich aber zwei Sachen ganz besonders. Erstens, gefühlt die Hälfte der auf dem Barcamp angebotenen Sessions handelten von Coworking im ländlichen Raum. Jedes Mal, wenn wieder jemand eine Session rund um die Themen Rural Coworking, Workation, Arbeitsplätze für Pendler*innen oder Team Offsites vorschlug, applaudierte die Menge. Selbst die Politik hat in Bemühungen um gleiche Lebensverhältnisse, das Thema schon auf dem Schirm und scheint ein Faible für die gemeinsamen Arbeitsräume zu entwickeln. Zweitens, viele Themen des Barcamps drehen sich um die Professionalisierung von Coworking Spaces und neue Geschäftsgebiete.

Veranstaltungsort der COWORK 2019 war das Kreativwirtschaftszentrum C-HUB (Bild: Daniel Lukac für Startup Mannheim)

Coworking ist in aller Munde. Das war es schon länger, aber leider viel zu oft als reines Buzzword im Marketing. Inzwischen scheint aber verstanden worden zu sein, dass es bei Coworking Spaces um mehr als nur Büros mit WLAN, Tischen und Stühlen geht. Vor allem die Werte der Bewegung – Offenheit, Gemeinschaft, Zusammenarbeit, Zugänglichkeit und Nachhaltigkeit – sind prägende Elemente, mit denen sich Coworking Spaces von den bisherigen Büroanbietern unterscheiden können. Dazu können Themen kommen, wie einen Ort für Freelancer zu schaffen, Coworking für Frauen oder eben Coworking auf dem Land. Das Warum ist relevant.

Die Coworking-Szene lebt Neue Arbeit vor.

Damit zeigt die Coworking-Szene, dass sie selbst nicht nur ein Ort für Neue Arbeit ist, sondern selber die Ideen von Frithjof Bergmann momentan am besten vorlebt. In nahezu allen Punkt der aktuellen Debatten um die neue Arbeitswelt, haben Coworking Spaces im Kleinen bereits Antworten entwickelt und geliefert. Kein Wunder, dass uns der Stand der Diskussionen um New Work, Flexibilität, Selbstorganisation, Netzwerke, Innovation, Communities und Freiheit in der deutschen Wirtschaft eher verwundert, da sie so rückständig wirken. Die Szene hat ein Momentum, in dem sie die Entwicklung der neuen Arbeitswelt nachhaltig prägen kann.

Wir haben das schon einmal getan, wie Markus Albers in seiner Keynote auf der COWORK 2019 zeigte. Coworking, vor allem dessen Prinzipien, sind Teil der neuen Arbeitswelt. Bisher wurde jedoch nur alles Haptische kopiert. Wie jedoch wir als Coworking-Szene Communities betrachten, entwickeln und pflegen, wird in Zukunft noch relevanter werden. Diese Perspektive zeigte Anja C. Wagner in der zweiten Keynote des Eröffnungstages auf. Wir sollten wieder voranschreiten und in unseren Coworking Spaces eine Realität schaffen, die in den Unternehmen wie eine Utopie erscheint. Dadurch überzeugen wir am Ende die Menschen von der Kultur des gemeinsamen Arbeitens.

Coworking ist eine Kultur des Miteinanders.

Für mich bleibt eine wichtige Erkenntnis der diesjährigen Veranstaltung, dass unser Produkt nicht der Arbeitsplatz, sondern unsere Kultur ist. Coworking ist eine Kultur und kein Profitcenter der Immobilienwirtschaft. Diese Kultur ist unglaublich facettenreich. Die Räume sind dabei ein Instrument, dass uns hilft, etwas nach unseren Werten zu gestalten. Niemand betreibt einen Coworking Space des Arbeitens wegen. Wir wollen eine Umgebung schaffen, in der Menschen nicht alleine sind, in der Nischengruppen sich entfalten oder gesellschaftliche Minderheiten sich frei bewegen können. Wir wollen mit Hilfe von Coworking die Welt verbessern.


Graphic: Max Bachmeier

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‚Ich fühle mich frei!‘ – Interview mit einer der ersten Fahrlehrerinnen in Saudi Arabien

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Ich treffe die 49-jährige Mutter von drei Söhnen in einem Coffeeshop in Dubai Marina, der trotz Ramadan Kaffee ausschenkt. Die gebürtige Saudi-Arabierin bestellt sich auch einen Cappuccino, da sie aus gesundheitlichen Gründen nicht fasten darf.

Würde ich Nour (Name auf Wunsch geändert) in ihrer Heimstadt Jeddah treffen, wären ihre dunklen Haare verdeckt und ihr Mann, Sohn oder Fahrer hätte sie zu unserem Treffen gebracht. Heute zeigt sie sich mit strengem Zopf, heller Bluse und ihren Geländewagen hat sie nicht unweit vom Café geparkt. Gerade besucht sie ihren Sohn in der Metropole, in der sie neben London auch schon gelebt hat. Eine kurze Verschnaufpause für die Fahrlehrerin aus Saudi, die mit mir ihre ersten Erfahrungen teilt.

Am 26. September 2017 um 11:52 Uhr ist Nour gerade zu Hause in Jeddah, als die offizielle Saudi-Presseagentur via Twitter bekannt gibt, dass Frauen das Fahren im Königreich erlaubt wird. Mit 19.000 Retweets und viel Medienecho verbreitete sich die bahnbrechende Neuigkeit in Windeseile.

Maren Meheust: Das war bestimmt ein historischer Moment! Was war Ihre erste Reaktion, Nour?

Nour: Oh, ich war natürlich glücklich!

Haben Sie gleich Ihren Freundinnen geschrieben?

Nein, das mache ich nie. Ich habe Bedenken, etwas Falsches zu sagen, was der Regierung nicht gefällt. Nur wenn wir uns treffen, sprechen wir über solche Themen. Ich war sehr erfreut, aber auch skeptisch. Die Frauen in Saudi müssen nicht nur ausgebildet, sondern auch für den Verkehr dort fit gemacht werden. Auch brauchen wir dann Polizistinnen, da fremde Männer keine Frauen untersuchen können. Es ist einfach ein riesiges Projekt und ich glaube, dass die Regierung den Arbeitsaufwand unterschätzt hat.

Wie sah die Situation vorher in Saudi aus? Können viele Frauen, die Sie prüfen, bereits Auto fahren?

Keiner Frau war es in Saudi erlaubt, zu fahren. Und bis zum 24. Juni – dem offiziellen Datum, ab dem Frauen ans Steuer durften – wurden wir noch bestraft, wenn wir beim Fahren erwischt wurden. Viele Frauen versuchten es trotzdem – draußen in der Wüste. Natürlich ohne Führerschein oder Erlaubnis, aber so hatten sie immerhin die Erfahrung sammeln können. Sie fuhren mit ihren Ehemännern dorthin. Ich bin mit diesen Regelungen aufgewachsen und für mich war das bis jetzt normal.

Also haben Sie es nie hinterfragt?

Nein, ich habe es einfach so angenommen, wie es ist. Ich glaube, dass die Regierung dafür ihre Gründe hat. Das hat viel mit Tradition und Kultur zu tun. Auch wenn ich es komisch fand, dass überall woanders auf der Welt Frauen fahren durften.

Wie haben Sie dann selbst fahren gelernt?

Als ich 16 war, brachte meine Tante mir in Amerika das Autofahren bei. Als wir dann nach Dubai gezogen sind, habe ich meinen UAE-Führerschein gemacht. Das ist aber auch schon über 18 Jahre her! Mittlerweile habe ich auch einen abischen Führerschein. Möchten Sie ihn sehen?

Sie nimmt strahlend ihre beiden Führerscheine aus dem Portemonnaie – auf dem einen lächelt mir stolz eine junge Nour mit offenem Haar entgegen, auf dem anderen sehe ich Nour mit Kopftuch.

Wie haben damals Ihre Freundinnen in Saudiarabien reagiert, als sie hörten, dass Sie Autofahren können?

Für viele war es komisch, aber sie haben mich auch bewundert. Manche von ihnen waren auch eifersüchtig. Aber meistens haben sie nur nach dem ‚Warum‘ und nach dem ‚Wie‘ gefragt. Sie wollten wissen, ob es einfach oder schwer zu lernen ist.

Was haben Sie geantwortet?

Ich habe gesagt, dass es einfach für mich ist, weil ich daran gewöhnt bin. Es fiel mir von Anfang an leicht und es ist wichtig für mich, dass ich fahren kann. Ich fühle mich frei. Es macht mich unabhängig.

Wie kam es zu dieser bahnbrechenden Veränderung in Saudiarabien?

Ich denke, dass die Fahrerlaubnis vor allen Dingen Familien helfen soll. Viele können sich keinen eigenen Fahrer leisten. Zuvor brauchte man immer jemanden, der die Kinder und die Frau zur Schule oder Arbeit gebracht hat. Es ist so kompliziert und teuer, einen guten Fahrer zu finden. Die meisten kommen aus anderen Ländern und dann muss man nicht nur das Gehalt, sondern auch das Visum finanzieren. Die Frauen müssen ihre Freizeit untereinander koordinieren, wenn es nur einen Fahrer gibt. Es ist viel anstrengende Organisation und sehr kostspielig. Ich freue mich, dass ich mit meinem Job die Veränderung unterstützen kann.

Wie sind Sie zu der Arbeit als Fahrlehrerin und Prüferin gekommen?

Meine Cousine hat mich gefragt, ob ich interessiert wäre. Sie wusste, dass die Universität in unserer Stadt nach Fahrlehrerinnen sucht. Die Fahrschule, in der ich seit Mai arbeite, wird von der Regierung in Kooperation mit der Universität gefördert. Sie hat eine Jordanierin engagiert, die Frauen in Saudi zu Fahrlehrerinnen ausbildet. Es war schwer ein Team zusammenzustellen. Meistens weiß man nur über Kontakte, wenn eine Frau Autofahren kann.

Wie wurden Sie als Fahrlehrerin ausgebildet?

Erst wurde ich selbst geprüft, wie gut ich fahren kann. Dafür wurde ein Teil eines Parkhauses gemietet, da ich ja zu dem Zeitpunkt auf den Straßen draußen nicht fahren durfte. Ich bin dann mit dem Auto dort Runden gefahren. Die Trainerin saß mit dabei und ein Doktor der Universität hat uns von draußen beobachtet. Als Mann hat er nicht das Recht mit mir im gleichen Auto zu sitzen. Durch meine langjährige Erfahrung wurde ich dann nicht nur als Fahrlehrerin, sondern auch als Prüferin von unserer Trainerin ausgebildet.

Lernen Ihre Fahrschülerinnen auch im Parkhaus Autofahren?

Ja, ähnlich machen wir das mit den Fahrschülerinnen, die ich selbst im Mai dann unterrichtet habe. Bis Anfang Juni haben über 300 Frauen jeweils 30 theoretische und praktische Stunden absolviert. Das war sehr kräftezehrend, da wir draußen in der prallen Sonne stundenlang erst selbst ausgebildet wurden und dann andere prüfen mussten. Die Regierung wollte, dass ab dem 24. Juni die ersten Absolventinnen fahren können. Ich habe teilweise auch Nachtschichten geschoben, um das zu realisieren, weil wir bei der großen Nachfrage völlig unterbesetzt sind und auch die Zeitspanne sehr knapp war.

Wie alt sind Ihre Fahrschülerinnen?

Zu uns kommen Frauen aus allen Altersgruppen, meist zwischen 24 bis 60 Jahre. Aber auch die anderen Fahrlehrerinnen kommen aus unterschiedlichen Generationen. Ich gehöre sogar zu einer der älteren.

Wie ist die Reaktion der Frauen, wenn sie das erste Mal fahren?

Die meisten Frauen in Saudi sind sehr stolz. Sie würden nie vor uns euphorisch reagieren. Ich erinnere mich nur an eine Frau, die mir sagte, dass sie sich wahnsinnig freut endlich fahren zu dürfen. Man sieht die Begeisterung eher in der Zahl der Anmeldungen. Aber das wird nicht offiziell kommuniziert. Für die nächste Runde haben sich mehr als 600 Frauen eingeschrieben. Auf der Warteliste stehen mehr als 5.000. Und die Webseite, auf der man sich anmelden konnte, gibt mittlerweile eine Fehlermeldung, da sie überlastet ist.

Freuen Sie sich denn darauf in Saudi endlich zu fahren?

Ehrlich gesagt bin ich etwas ängstlich, da der Verkehr so gefährlich ist. Ich weiß, dass ich sehr gut fahren kann, aber ich kann die anderen Fahrer um mich herum nicht kontrollieren. Wer weiss, vielleicht wird es ein wenig friedlicher bald auf den Straßen, jetzt, wo wir Frauen auch ans Steuer können (lacht).

Als ich mein Interview zu Papier bringe, schickt mir Nour gerade per Whatsapp ein Video, wie sie das erste Mal in Saudi am Steuer sitzt. Ihr Mann kommentiert: „Meine Damen, meine Herren, was für ein Moment! Nour kann endlich in Saudi fahren!“


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Kultur beginnt beim Kochen: Küche planen in 6 Schritten

Ein Stück Kulturgeschichte der Menschheit beginnt beim Kochen, bei der Zubereitung, Konservierung und Lagerung von Lebensmitteln. Nicht zufällig ist die Küche das Zentrum des Familienlebens und der Kommunikation, in der sich noch bis vor einigen Jahrzehnten das wärmende Feuer des Hauses befand. Wer sich mit der Gestaltung seiner Küche beschäftigt, wird also schnell feststellen, dass es hier um mehr geht, als die Anordnung von Spüle, Einbauschränken und Elektrogeräten; die Küche spiegelt vielmehr einen großen Teil unserer kulturellen Identität wider.

Ob Sie eher der Typ für eine moderne amerikanische Wohnküche oder eine rustikale mediterrane Landhausküche sind, spielt bei der Planung durchaus eine Rolle, aber zu einer guten Küchenplanung gehört noch mehr. Eine funktionale Küche ist auf Ihre persönlichen Bedürfnisse und die Ihrer Familie abgestimmt, sie ist praktisch ausgestattet und lädt zum Verweilen ein. Mit unseren Tipps gelingt es Ihnen, Ihre Wunsch-Küche konkret zu planen.

1. Überblick verschaffen – Ideen kommen von selbst

Ob Sie nun vor einer alten Einbauzeile aus rustikaler Eiche oder in einem leeren Raum stehen: Sie haben alle Möglichkeiten Ihre Küche in den perfekten Ort zum Kochen, Essen und Beisammensein zu verwandeln. Lassen Sie sich inspirieren und informieren Sie sich bei Freunden, in Magazinen, Online oder im Einzelhandel, was der State of Art in Sachen Küchen ist.

Sie werden bemerken, dass Ihnen bestimmte Stile, Materialien, Farben eher zusagen als andere. Bei einem Streifzug durch den Elektrofachhandel können Sie die neusten Geräte wie Herd, Kühlschrank und Spülmaschinen entdecken und vergleichen. Außerdem finden Sie hier Inspiration in Sachen Beleuchtung und Abzug. Lassen Sie sich Zeit, sammeln Sie Ihre Eindrücke und stecken die gewonnenen Ideen in Ihre ersten Skizzen.

2. Messen und zeichnen

Größe und Schnitt der Küche bilden die Basis für Ihre Küchenplanung. Zum Ausmessen des Raumes benötigen Sie lediglich ein Messinstrument wie Zollstock oder Lasermesser. Messen Sie die Raumhöhe, -breite und -länge, aber auch Fensterhöhe, Breite der Tür und etwaige Vorsprünge oder Schrägen. Fertigen Sie aus den gewonnenen Maßen eine Skizze des Raumes an. Hier zeichnen Sie ebenfalls alle Fenster, Türen mit Richtung zum Öffnen, Heizungen sowie Strom- und Wasseranschlüsse ein. So erhalten Sie schon eine ziemlich gute Vorstellung davon, was machbar ist und was vielleicht nicht.

3. Form folgt Funktion

Wenn Sie die Skizze vor sich liegen haben, ist der Punkt gekommen, an dem Sie sich Gedanken über die Küchenform machen sollten. Prinzipiell unterscheidet man fünf Küchenformen, in der die drei wichtigsten Küchenzonen unterkommen. Je nachdem wie viel Platz Ihnen zur Verfügung steht, bieten sich einige Küchenformen besser an als andere.

Küchenzeile: Bei der einzeiligen Küche sind alle Schränke und Geräte an einer Wand untergebracht und damit schnell in Griffnähe. Die Küchenzeile eignet sich vor allem für lange, schmale Räume.

Zweizeilige Küche: In der zweizeiligen Küche befinden sich zwei gleichlange gegenüberliegende Bereiche zum Kochen und Arbeiten. Sie bietet sich für lange Räume an, an deren Ende eine Tür oder ein Fenster ist.

Kücheninsel: Für große Küchen, in denen mehrere Menschen gleichzeitig arbeiten, kommt diese Variante zum Einsatz, bei der sich im Mittelpunkt der Küche eine Insel mit Arbeitsbereich befindet. Zwischen der Insel und den restlichen Einbauten sollten mindestens 1,20 Meter liegen, damit sich Türen und Schubladen öffnen lassen.

Eckküche: Ergonomisch am sinnvollsten ist wohl die beliebte Eckküche. Hier liegen die Arbeitszonen an aneinander grenzenden Wänden, so dass Sie nur kurze Wege haben. Außerdem lässt sich hier problemlos ein Essbereich einplanen.

U-Küche: Die U-Form oder das Hufeisen bietet am meisten Arbeitsfläche und Stauraum und eignet sich daher besonders für große Haushalte, in denen mehrere Personen gleichzeitig die Küche nutzen.

4. Ergonomisch kochen dank Küchen-Dreieck

Die wichtigsten Arbeiten in der Küche drehen sich um den Herd, die Spüle und den Kühlschrank. Aus diesen drei Punkten ergibt sich je nach Lage dieser Küchenzonen ein Dreieck. Darin werden Sie sich beim Kochen vorwiegend bewegen. Achten Sie also darauf, dass die Zonen nicht zu weit auseinander liegen und ihre Wege kurz bleiben.

5. Optimale Arbeitshöhe nicht vergessen

Nicht nur die Wege zwischen den Arbeitsschritten in der Küche, sondern auch die individuelle Arbeitshöhe entscheidet über die Ergonomie der Küche. Orientieren Sie sich an der Person im Haushalt, die am meisten in der Küche arbeitet. Die optimale Höhe der Arbeitsplatte befindet sich 15 Zentimeter unter dem Ellenbogen, der Herd 20 Zentimeter und die Spüle zehn Zentimeter unter dem Ellenbogen.

6. Budget gibt Überblick

Ohne Budgetplanung könnten Sie leicht den Überblick verlieren und am Ende zu viel für Ihre Küche bezahlen. Bestimmen Sie also im Vorfeld ein realistisches Budget für Ihre Wunschküche, in das sie nicht nur Möbel und Geräte, sondern auch Dienstleistungen einkalkulieren. Eine solide Küche kostet rund 5.000 Euro. Falls Ihnen diese Summe gerade nicht komplett zur Verfügung steht, lässt sich die Küche über einen längeren Zeitraum finanzieren. Auch hier gilt es, sich zu informieren, zu vergleichen und sich gegebenenfalls Rat beim Experten zu holen.

Dieser Artikel erschien in Zusammenarbeit mit der Beko Käuferportal GmbH.


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Same but different – Weil anders einfach anders ist

Ohlala! So spielerisch schön die französische Sprache klingt, so schmeckt auch ihre einzigartige Küche. So organisiert und strukturiert die deutsche Sprache ist, so sieht auch (meist) der Terminkalender und die Arbeitsweise deutschsprachiger Personen aus. In Sprache formuliert sich Kultur. Kann man zwischen diesen unterschiedlichen Systemen einfach von einem in das andere übersetzen?

Nach zwei Jahren Dubai, das mehr als 200 Nationalitäten beherbergt, kann ich aus eigener Erfahrung sagen: kommunizieren geht, verstehen nicht immer. Wenn ich mit meinem deutschen Englisch mit einem Inder über meine arabische Bestellung spreche, prallen Welten aufeinander. Oft passt ein Begriff aus der Muttersprache perfekt, um den Moment zu umschreiben, nur leider existiert dieser in der anderen nicht (schon mal versucht, dem älteren deutschen Publikum „Skyline“ zu erklären?).

Bevor ich mich auf das Abenteuer Dubai einließ, schrieb ich meine Masterarbeit in Paris über die Unübersetzbarkeit der Sprache. Ein Phänomen, das mich bis heute tagtäglich an meine Grenzen bringt und zugleich meine Faszination für andere Kulturen ausmacht. Auf die Idee hat mich damals das Europäische Wörterbuch der unübersetzbaren Begriffe (Vocabulaire européen des philosophies – Dictionnaire des Intraduisibles) gebracht.

Das Wörterbuch der unübersetzbaren Begriffe

Das Werk von der Philosophin und Philologin Barbara Cassin fordert den reflektierten Umgang mit der Vielheit der Sprache. Es führt unübersetzbare Wörter aus 15 verschiedenen Sprachen auf – wie der Titel bereits verrät, kommen diese aus dem europäischen Raum. Damit umfasst es nur einen kleinen Teil der Weltsprachen, bringt es aber schon auf 532 Seiten. Insgesamt 150 Mitarbeiter aus dem philosophischen und sprachwissenschaftlichen Bereich arbeiteten ungefähr zwölf Jahre an dem philosophischen Wörterbuch der unübersetzbaren Wörter.

Dreh- und Angelpunkt des Werkes ist die Unterschiedlichkeit von Sprache – in ihrer Struktur und in ihren Begriffen. Dabei ist es nicht das Ziel, für die Wörter eine einzige, allgemeingültige Übersetzung zu liefern: „Vielmehr klärt es Unstimmigkeiten, konfrontiert sie miteinander und regt das Nachdenken über sie an“, erklärt Cassins in ihrer Einleitung.

Ein Blick in das Werk lohnt sich; entdeckt man doch ungeahnte Wortschätze, denen man sonst mit Gleichgültigkeit im allgemeinen Sprachgebrauch begegnet wäre. So ist das Wort „Gemüt“ in der deutschen Sprache einzigartig.

„Gemüt“ ist weder Geist, noch Seele

Der Artikel dazu wurde von Denis Thouard verfasst, der ihn zuerst in Bezug zu anderen Sprachen definiert: „Gemüt“ wird dem griechischen thumos (Lebenskraft), dem lateinischen mens/animus (Seele/Geist) und dem englischen mind/mood zugeordnet. Doch besitzt es keinen zufriedenstellenden Äquivalenten in anderen Sprachen und wird in Übersetzungen meist entweder als Seele oder Geist übersetzt, was jedoch nicht seiner Vielschichtigkeit gerecht wird. Denn das Gemüt ist weder Geist, noch Seele. Es wird als internes Prinzip des Menschen verstanden, das den Geist aber auch die Gefühlsregungen animiert und dazwischen changiert.

Der Wörterbuchartikel geht zurück bis 1260 und zeigt, dass „Gemüt“, dass später auch zu gemütlich wurde, eines der ältesten deutschen Begriffe ist. Interessant wird es, wenn Denis Thouard die französische Übersetzung von Immanuel Kant’s berühmter Schrift „Die Kritik der reinen Vernunft“ ins Französische diskutiert. Hier wird es systematisch durch „Geist“ (esprit) übersetzt und verliert damit völlig die emotionale und empfindsame Dimension – Kants Schrift rückt in ein ganz anderes Licht.

Bewusstsein für Andersartigkeit

Dieser kurze Einblick in den Diskurs der Translationswissenschaft zeigt: Nein, so einfach ist es mit der Übersetzung nicht.

Im Alltag in Dubai oder Abu Dhabi wird es wohl nicht zu solchen bedeutungsschweren Missverständnissen kommen. Doch ist das Bewusstsein für die Andersartigkeit schon ein guter Anfang, um nicht nur Verstehen, sondern auch Verständnis für den anderen zu lernen. Das 1:1-Prinzip funktioniert eben nicht in der Übersetzung, aber das macht das Miteinander noch viel spannender. Gemütlich ist eben nicht nur „cosy“ – es ist ein Gefühl, dass Emotion und Geist einschließt – und das wir mit Leib und Seele leben!

Das Wörterbuch ist in französcher Sprache und in englischer Sprache erhältlich bei Amazon (Provisions-Link)


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Neue Provinz: Hinter dem Tellerrand liegt die Welt

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Vor drei Jahren saß ich das erste Mal mit dem Bürgermeister der Einheitsgemeinde Tangerhütte, Andreas Brohm, spätabends in einer Gaststätte. Zusammen sprachen wir über die Altmark und das Potenzial im ländlichen Raum. Andreas war noch nicht lange Kommunalpolitiker, er lebte auch noch in Berlin und pendelte rund 75 Minuten zu seinem neuen Arbeitsplatz. Früher arbeitete er als Manager von Musicals und tourte durch ganz Europa. Er war ein Rückkehrer geworden, inzwischen wohnt er auch mit seiner Familie wieder in Tangerhütte, aber einer mit einem anderen Mindset. Vor allem ist er als viel bereister Mensch jemand, der ein anderes Verständnis für Raum hat.

In unserem Gespräch sprach er von den wunderschönen und leerstehenden Fabrikhallen in Tangerhütte und wie praktisch diese für Leute aus der Theater- und Musicalszene wären. Hier, etwas über eine Stunde vor Berlin, gibt es noch Raum, um sich auszuleben oder einfach nur große Bühnenbilder einzulagern. Dabei beschrieb er die Nähe mit einem interessanten Bild: Wenn er einem Musical-Manager aus New York City erzählen würde, dass er die Logistik seines in Berlin aufgeführten Musicals in Tangerhütte lagern könnte, würde dieser wahrscheinlich erst einmal auf der Landkarte nach Tangerhütte suchen müssen, um dann festzustellen, dass es ja nur einen Daumen breit links von Berlin liegt. Perfekt also.

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Das „Daumens links von Berlin“-Prinzip muss verinnerlicht werden.

 

Vor anderthalb Jahren traf ich Sten Tamkivi, einen der Gründer von Teleport, im Büro des besonders sicheren Messengers Wire in Berlin. Wie viele Esten bei Wire arbeitete auch Sten früher bei Skype. Diese Herkunft ist ein Geheimnis hinter der Ausrichtung und auch dem Erfolg von Startups wie Skype und Teleport. „Wenn du etwas in einem so kleinen Land wie Estland gründest, dann denkst du von Beginn an die ganze Welt mit. Es gibt keinen estnischen Markt für den es sich als Unternehmen lohnt, Produkte zu entwickeln“, erklärte mir Tamkivi im Gespräch auf der Dachterrasse überm Hackeschen Markt. Noch so ein Blick vom Kleinen aufs Große. Geprägt von den unendlichen Ausmaßen des virtuellen Raums.

Tamkivis acht Jahre bei Skype prägten auch seinen Blick auf Arbeit. Skype ermöglicht Menschen, von unterwegs mit anderen zusammenzuarbeiten. Die Firma selbst nutzt es auch. „Skype startete in 2003 und ich kam 2005 dazu – um 2006 rum hatten wir bereits 200 Leute an zehn verschiedenen Standorten. Jede Woche musste ich mich fragen, ob wir diese Person dort vor Ort einstellen, ob wir sie bitten sollten nach woanders umzuziehen oder ob wir dort ein Büro eröffnen sollten“, schilderte Tamkivi. Im großen Deutschland lamentieren Unternehmen über einen angeblichen Fachkräftemangel. Währenddessen richtete ein Startup aus dem kleinen Estland seine Prozesse auf eine weltweit agierende Belegschaft aus.

„Kultur isst Strategie zum Frühstück“

Beide Begegnungen zitiere ich oft in meinen Vorträgen über das Potenzial von Coworking im ländlichen Raum. Das Thema wird seit rund zwei Jahren viel diskutiert, ich werde dafür zu vielen Konferenzen eingeladen. In erster Linie um zu erklären, was Coworking ist und ob ein Coworking Space im ländlichen Raum funktionieren kann. In den meisten Fällen tut es das nicht. Nachdem ich aber das Geschäftsmodell eines Coworking Space erklärt habe und darauf hinweise, dass niemand kommen wird, um ein St. Oberholz in Hohenwulsch zu starten, erkläre ich, dass Coworking selbst aber kein Geschäftsmodell ist, sondern eine Kultur, wie man Arbeit und Räume organisieren kann. Und die gilt es vor Ort zu entwickeln.

Dazu braucht es aber andere Blickwinkel. So wie die von Andreas Brohm und Sten Tamkivi. Nur Andersdenker*innen reichen aber auch nicht aus. Kultur isst Strategie zum Frühstück, lautet ein Ausspruch von Petter Stordalen, Gründer und Geschäftsführer der skandinavischen Hotelkette Nordic Choice. Und dieser weist auf einen gängigen Irrtum hin: Nicht Menschen machen Kultur. Es ist genau andersrum. Die Kultur formt die Menschen. Regionen an sich brauchen eine Kultur, die es ihnen ermöglicht, andere Blickwinkel einzunehmen. Eine Kultur, an denen sich die Verwaltung und andere Akteure orientieren können, die inspiriert. So wie es beispielsweise die belgische Stadt Gent seit ein paar Jahren erfolgreich praktiziert.

Neuer Blickwinkel auf die Neue Provinz

Das von Tamkivi gegründete Startup Teleport sammelt über 80 Standortdaten von Orten auf der ganzen Welt. Ortsunabhängig arbeitende Menschen, eher verstörend gerne als Digitale Nomaden bezeichnet, nutzen diese und ähnliche Dienstleistungen. Damit können sie sich nach ihren Vorstellungen eine Rangliste von für sie passenden Orte suchen. Man kann beispielsweise einstellen, wie viel Prozent seines Gehalts man für Miete, Essen, Kultur oder den öffentlichen Personennahverkehr ausgeben möchte. Außerdem auch welche Leistungen es vor Ort geben soll, wie gut das Internet sein soll oder wie sicher oder unternehmerfreundlich der Ort sein soll, wenn man dort hinziehen sollte. Die Welt wird so zu einem Dorf.

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Es braucht neue Blickwinkel auf die Provinz.

Zugegeben, es ist ein Gedankenexperiment. Mehr noch nicht. Aber lassen Sie sich bitte einmal darauf ein. Wenn Arbeit heute ortsunabhängig und dezentral organisiert ist, was sie ist, und uns der Neoliberalismus neben vielen gesellschaftlichen Nachteilen zumindest preiswertes Reisen ermöglicht, ist die Frage, die wir uns stellen sollten: Von wo möchte ich arbeiten? Unsere Vorstellungen von Arbeit sagen auch viel darüber aus, wie wir unser Leben gestalten und was uns wichtig ist. Wenn nun in einer Rangliste wie der von Teleport, für Sie selbst als Ergebnis rauskommt, dass Sie eher nach Werben an der Elbe oder Bali ziehen sollten, würden Sie es tun? Nein? Nun gut, andere Menschen machen das aber schon heutzutage.

Vor allem Gründer*innen und Freelancer, die in der digitalen Kreativwirtschaft arbeiten, handeln bereits heute derartig konsequent. Zum Teil müssen sie es, da sie auf andere Standortfaktoren angewiesen sind als Festangestellte. Wenn jetzt ein altmärkisches Nest wie das durchaus malerische Werben bei Teleport eine Top-Platzierung landet, da die Kommune vielleicht Glasfaser-Internet besitzt, einen guten Verkehrsanschluss an Hamburg und Berlin, preiswerte Mieten, sowieso viel Platz und eine Willkommenskultur für Zugezogene oder eine effiziente Wirtschaftsförderung für Entrepreneure hat, dann könnten Menschen sich auf den Weg an die Elbe machen. Wenn Werben denn sichtbar für diese Menschen ist.

Erst Stendal, dann London… oder so

Kommunen müssen verstehen, dass sie im globalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit stehen. Und, dass diese Zielgruppe interessant für sie ist. Allein zu erkennen, dass das Menschen sind, die ihre Arbeit mitbringen, also Einkommen, aus dem sie dann vor Ort ihre Steuern zahlen, scheint viele Kommunen noch zu überfordern. Statt mithilfe der Coworking-Kultur Räume für ortsunabhängige Arbeit und interdisziplinären Austausch der Anwohner*innen zu entwickeln, werden große Unternehmen durch Steuererleichterungen zum kurzfristigen Ansiedeln geködert. Diese bringen oft wenig gut bezahlte Jobs mit, aber in den meisten Fällen sowieso keinerlei Perspektive für eine zukunftsfähige Arbeitswelt.

Orte in der Peripherie von Metropolen, durch schnelle Züge mit hoher Taktung und Internet gut an diese angeschlossen, selbst das Zentrum des sie umschließenden ländlichen Raums, müssen den Blickwinkel des „Daumens links von Berlin“-Prinzips verinnerlichen. Sie müssen u.a. die Struktur für eine moderne Arbeitswelt legen und sich weltweit auffindbar machen. Was wie eine Ansiedlungspolitik für Flat Whites schlürfende Expats klingt, hilft auch den Menschen vor Ort. Diese brauchen die gleichen Bedingungen, aber auch Impulse von außen. Jemand aus São Paulo oder Shenzhen, mit einer die Welt verändernden Idee, muss Stendal für sich wichtiger als London bewerten. Oder Prüm in der Eifel. Oder Finsterwalde.

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Japans neues Zeitalter: Tradition und Moderne kombiniert

Japan (adapted) (Image by Andre Benz [CC0 Public Domain] via Unsplash)

Viele Menschen sind von Japan fasziniert. Man stellt sich ein Land vor, das zwischen zwei Sphären existiert. Einerseits gibt es dort die traditionelle „alte Welt“ mit Tempeln, Teezeremonien und kalligraphischen Kirschblüten. Andererseits leuchtet hier auch eine futuristische „neue“ Welt voller Hochgeschwindigkeitszüge, KI-Hunden und trendigen Spielekonsolen.

In Form von Mangas und Animes, Spielen wie Pokemon Go!, Filmen und sogar Snacks (möchte jemand ein Maccha-KitKat?) hat die japanische Popkultur dies alles zu einem süchtigmachenden, spaßigen Potpourri für den Westen zusammengemixt.

Egal ob es futuristische Mecha-Roboter sind, die auf den alten Hängen des Mount Fuji herumstapfen oder J-Pop-Stars, die wie Plastikpuppen in Seidenkimonos glänzen – wir sind süchtig nach einem Genuss, den es nur in Japan gibt. Müsste man etwas erfinden, was dieses Gefühl fassbar macht, wäre es wohl eine Art elektronisches Sushi: etwas Traditionelles, das mit einer Innovation gepaart wird, woraus ein perfekter Snack aus dem Alten und dem Neuen entsteht. Aber was wissen wir wirklich über das heutige Japan – abgesehen von ‚Kawaii‚ (Niedlichkeit), Ninjas und dieser mysteriösen Geschmackssensation Umami?

2D- und 3D-Welten bewohnen

Ganz im typischen japanischen Stil, in dem man das Zwischenleben (alt und neu, Ost und West, salzig und süß) liebt, ist das 2,5-dimensionale Theater eine digital-technologische Kunstform, die zwischen 2D- und 3D-Welten existiert. Es begann ursprünglich als fanbasierte Idee und entwickelte sich innerhalb der letzten zehn Jahre zu einer gefestigten Industrie und Institution mit ihren eigenen Rechten. Produktionen der 2,5 Dimension machte die 2D-Welt von Manga, Anime und Videospielen auf einer 3D-Ebene lebendig und nutzen die neuesten digitalen Entwicklungen und Kommunikationsplattformen.

Die Nutzung von sozialen Netzwerken, Smartphones und anderen Technikspielereien (wie etwa Brillen, die Untertitel einblenden) bereichern die Erfahrung des Publikums, indem man sich noch mehr und intensiver beteiligen soll. Das 2,5-dimensionale Theater kommt aus einem Land mit einer langen Geschichte von künstlerischen Bühnenproduktionen – von Noh und Bunraku bis zu Kabuki – und ist damit ein perfektes Beispiel für zahlreiche japanische Kreativindustrien, alte und neue, die durch die digitale Technologie zusammenkommen, um vollkommen neue Erfahrungen zu schaffen.

Solche digitalen Phänomene zeigen, dass die Gesellschaft immer öfter auch Augmented Reality nutzen möchte. Produkte und Leistungen motivieren die Nutzer, immer wieder neue Wege zu suchen, um Realitäten durch digitale Technologien noch echter darzustellen. Es gehört zur Norm, uns zu digitalisieren (wie diejenigen, die ihre Fitnessdaten durch Fitbits generieren) und unsere Leben sind dauerhafte, personalisierte, winzige 2D-Dimensionen.

Beispielsweise handelt es sich bei der Ricoh THETA SC um eine virtuelle Kamera, die 360-Grad-Bilder aufnimmt und Nutzern hilft, ihre eigene “Zwischenrealität” zu erschaffen. Vor wenigen Wochen wurde eine limitierte Edition „Hatsune Miku“ veröffentlicht. Die Nutzer können nun neben dem beliebten virtuellen Sänger in jeder Umgebung ihrer Wahl „existieren“.

Roboter und digitale Währungen

Shinzo Abe, der japanische Premierminister, untersucht eine Anzahl von Ressourcen „um Roboter als Grundpfeiler für unsere wirtschaftliche Wachstumsstrategie zu machen“, die während der Olympiade im Jahr 2020 in Tokio zur Schau gestellt werden sollen. Gefeiert als der „vierte Pfeiler“ von Abenomics, scheint Tokio 2020 tatsächlich Anreize für die Regierung geboten zu haben, um Japans „weiche“ Macht anzukurbeln (unvergessen bleibt Abe als Super Mario während der Abschlusszeremonie in Rio 2016) und die Position des Landes als Weltmacht zu stärken. Auch hier gestaltet die digitale Technologie den Weg.

Japanische Banken haben Pläne für die Einführug digitaler Währungen angekündigt. Ihr Ziel ist es den J-Coin in Japan bis 2020 in Umlauf zu haben – auch soll Tokio wieder als finanzielles Zentrum etabliert werden.

Gleichzeitig arbeitet Toyota, einer der größten Sponsoren für Tokio 2020, an selbstständig fahrenden Autos, die in der Nähe der Veranstaltungsorte während der Olympiade genutzt werden. Die japanische Regierung plant außerdem das Straßennetzwerk des Landes, um eine digitale Infrastruktur zu bieten.

Neben all dem Hi-Tech ist es auch faszinierend, wie große digitale Plattformen wie Uber und AirBnB tatsächlich in Japan scheitern – und zwar Dank rechtlicher, sozialer und kultureller Gründe. In gewisser Hinsicht zeigt dies den Druck Japans auf, das westliche und selbstprojizierte Bild eines Landes zwischen den Welten beizubehalten. Ist es für Japan möglich, zugleich alt als auch neu zu sein und dabei in seinen eigenen gegensätzlichen Spannungen gefangen zu sein?

Japan ist wahrscheinlich an der Spitze einer digitalen Revolution. Aber wenn eine dieser Innovationen global wird, werden sie trotzdem den Stempel des japanischen, eben etwas eigenen Charakters haben, der das Land so einzigartig macht.


Image (adapted) „Japan“ by Andre Benz (CC0 Public Domain)


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Das Atelier als New Work-Gegenkonzept

Art studio with wall graffiti (adapted) (Image by Matthieu Comoy [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Der Bildungsethiker Christoph Schmitt beschäftigt sich in seinem neuen Buch „Digitalisierung für Nachzügler: Einsichten eines digitalen Immigranten“ mit der Frage, wie wir es schaffen können, die alten Bilder von Arbeit und Beruf in unseren Köpfen zu überschreiben. „Sie preiszugeben, um offen zu werden für völlig neue Ansätze, Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse. Wir setzen uns unerwarteten Entdeckungen aus, die durch einen glücklichen Zufall möglich werden.“

Zufallsbegegnungen

Also das von Niklas Luhmann erprobte Verfahren „Serendipity“ – etwas zu finden, was man gar nicht gesucht hat. Man begegnet einem unbekannten Thema und wird davon magisch angezogen. Schmitt beschreibt seine MOOC-Erlebnisse – seine Expeditionen in Massive Open Online Course-Formaten – etwa das von Anja C. Wagner organisierte Leuchtfeuer-Projekt.

Unzählige beeindruckende Videos dokumentieren, wie viele ’neue Räume‘ des Lernens und Arbeitens es quer über den Planeten schon gibt: Coworking Spaces in total unterschiedlichen Ausprägungen, Makerspaces in allen Formen; wie die entstanden sind und sich etablieren. Was ihnen wichtig ist: nach welchen Werten sie arbeiten.

Neue Räume für digitale Kultur

Es gehe um neue Räume, die im Kontext der Digitalisierung so wichtig sind. Und diese physischen Umgebungen sollte man anders gestalten, um auch die Ökonomie im Ganzen zu verändern. „Klassisch hierarchische Strukturen – also annähernd 100 Prozent der KMU und Konzerne – ersticken Coworking im Keim. In solchen Monokulturen gedeiht Coworking nicht, weil hier das Querdenken und Querarbeiten strukturell verhindert wird“, schreibt Schmitt. Das klassische Modell der Arbeitswelt wird dominiert von Belohnung und Bestrafung, von Kontrolle und Reglement – das genaue Gegenteil von Coworking und Kollaboration.

Klassische Organisationen kann man nicht revolutionieren

„Oft höre ich, dass sich doch auch in traditionellen Kulturen einzelne Schollen bilden und sich quasi unter der Oberfläche (‚unterm Schirm‘) klammheimlich vernetzen können und die Orga von unten her revolutionieren. Mit solchen Hypothesen positionieren sich im Moment vor allem klassische Consulting-Anbieter, die aus der zunehmenden Hilflosigkeit auf den Chefetagen Profit schlagen. Die Annahmen hinter diesem ‚Coworking light‘ funktionieren aber nicht“, konstatiert Schmitt. Und er hat recht. Was mit Begriffen wie Industrie 4.0 oder New Work beschrieben wird, kaschiert nur die alte industriekapitalistische Organisationsform, die fast alle Volkswirtschaften auf unserem Planeten dominieren. Der überkommene Taylorismus der Massenfertigung bekommt nur einen digitalen Anstrich. Nach wie vor sind die Lebens- und Arbeitswelten nach funktionalistischen Prinzipien auseinandergerissen.

New Work-Berater kaschieren die alte Arbeitswelt

Da können New Work-Berater herumlabern, wie sie wollen: Man muss aus diesem Käfig ausbrechen: „Menschen und ihre Ideen entwickeln sich aus solchen Organisationen hinaus und bilden neue Netzwerke. Überall – nur nicht in der Organisation selbst“, so die Erkenntnis von Schmitt. Für den Ausbruch hat Schmitt eine gute Metapher ins Spiel gebracht: Das Atelier. „Der Begriff stammt aus dem Französischen und steht für Werkstatt. Und ein Atelier ist noch mehr: Es ist der Arbeitsplatz eines Kreativen, beispielsweise die Werkstatt einer Künstlerin oder eines Fotografen, oder auch eine Produktionsstätte wie beim Filmatelier. Es ist auch ein Ort der Selbstinszenierung und der Ausstellung. Das Atelier ist ein Ort, an dem Menschen zugleich leben, arbeiten, lernen, wo sie ihre Produkte oder Dienstleistungen präsentieren und verkaufen. Ein Atelier birgt Werkstatt und Schaufenster in einem. Wohnen, leben und arbeiten wachsen hier zusammen… Hier verweilen Menschen und kommen miteinander ins Gespräch.“

Nachhause kommen

In der Vorstellung von Schmitt ist das Atelier in seiner ganzen Vielfalt die Art und Weise, wie Lernen und Arbeiten sich in Zukunft verbinden werden: Lernen als Kunst, als Lebenskunst, als eine Kunst des Entstehens von Leben. Leben und Lernen als Kunst. Die Kunst, das Leben zu entfalten als Lernvorgang.

Im Interview auf dem Watson Summit in Luzern verweist Schmitt auf die Initiative „Neustart Schweiz“ mit dem Motto „Nachhause kommen“. Diese Atelier-Ideen sind der wahre Katalysator für New Work. Und heute haben wir gegenüber den Ateliers im 18. oder 19. Jahrhundert einen entscheidenden Vorteil: Wir können lokal tätig sein und uns dennoch die ganze Welt erschließen. Das Notiz-Amt ist davon überzeugt, dass man mit der Idee des Ateliers eine neue Form der digitalen Kultur begründen kann, jenseits von aseptischen Glasfassaden-Büros und dem Optimierungswahn von Effizienz-Einpeitschern.


Image (adapted) „Art studio with wall graffiti“ by Matthieu Comoy (CC0 Public Domain)


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Die Netzpiloten sind Partner der OPEN!2017

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Seid dabei bei der Konferenz für digitale Innovation: Bei der OPEN! könnt ihr alles über Erfolgsfaktoren und innovative Ansätze der Open-Bewegungen für Unternehmen und Organisationen erfahren. Unter dem Motto „Offene Kultur in Zeiten künstlicher Intelligenz“ findet die OPEN! dieses Jahr am 6.12. 2017 im Geno-Haus in Stuttgart statt.

Dieses Jahr geht es bei der Konferenz rund um das Thema künstliche Intelligenz: Nach den Keyotes werden in drei parallelen Panels die Themen „Virtual Reality und künstliche Intelligenz – Chancen für den Kultursektor?“,„Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Arbeit – Utopie oder Dystopie?“ sowie „Kreativität als Grenze lernender Systeme?“ dikutiert. Zudem wird durch ein Showroom mit interaktiven Exponaten und Präsentationen die Möglichkeit gegeben, digitale Innovation anzufassen und auszuprobieren.

Im Fokus stehen vor allem die Vernetzung und der Austausch: Unter dem Titel „Kl@Future Work“ läd die OSB Alliance im zweiten Teil zu einem World Café ein. Hier können sich die Teilnehmer zu diesem Thema aus technischer, rechtlicher sowie gesellschaftlicher Perspektive mit Experten austauschen.

Neugierig geworden?

Dieses Jahr wird die Konferenz von der MFG Innovationsagentur Medien- und Kreativwirtschaft Baden-Wüttenberg, in Kooperation mit der Open Source Business Alliance und dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg veranstaltet.

Unter den Referenten werden unter anderem der Philosph, Publizist und Autor Prof. Dr. Richard David Precht erwatet sowie Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science am Department für Geistes-, Sozial- und Politikwissenschaften und Mitglied des Informatikdepartments der ETH Zürich.

Sichert euch noch heute Tickets! Weiter Informationen zum Programm und Keynotes findet ihr außerdem hier.

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Artnight: Das Startup, das Großstädter zum Malen bringt

Aimie_und_David_nah (adapted) (Image by Artnight)

379 Minuten. So viel Zeit verbringen Deutsche im Schnitt pro Tag vor ihren Bildschirmen. Von Fernseher bis Smartphone, von den beruflichen E-Mails bis zum privaten WhatsApp-Chat: Ein großer Teil unseres Lebens spielt sich um einen kleinen eckigen Kasten ab. Da ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass sich Menschen nach mehr Offline-Zeit sehnen, in der sie anderen im echten, physischen Leben begegnen, IRL sozusagen. Offline ist das neue Online. Pfiffige Unternehmen greifen diesen Wunsch auf – und bilden darum ein Geschäftsmodell.

Malen und trinken: Das neue Erfolgsmodell

Eins dieser Unternehmen heißt Artnight, kommt aus Berlin und wurde von Aimie-Sarah Henze und David Neisinger 2016 gegründet. Die beiden Gründer bringen Künstler und malwillige Großstädter in Bars und Restaurants zusammen. Den Abend gemeinsam ausklingen lassen, etwas Künstlerisches selbst schaffen und dabei andere Menschen kennen lernen sind die drei Grundpfeiler von Artnight. Ein Konzept, das ursprünglich aus den USA kommt und dort unter Namen wie „uptown art“, „painting party“ oder „paint & cocktails“ rasch zum Erfolgsschlager wurde. Das Trink-und-Mal-Prinzip ist zum wahren Boom-Business geworden. Das Start-up „Paint Night“ ist sogar auf dem zweiten Platz der Inc. 5000 Liste der am schnellsten wachsenden privaten Unternehmen in den USA.

Artnight ist nun der Versuch, das Modell in Europa einzuführen. Dabei stand allerdings nicht allein die Geschäftsidee im Vordergrund, sondern auch das Liebesleben von Mitgründer David Neisinger. „David ist wirklich sehr romantisch und denkt sich immer etwas Besonderes für seine Dates aus. So ist er auf die Malevents gestoßen und wir fanden die Idee dann so gut, dass wir daraus ein Unternehmen gemacht haben“, erzählt Aimie-Sarah Henze im Gespräch mit den Netzpiloten. Ganz so einfach war die Umsetzung dann aber doch nicht. Denn während die Amerikaner hauptsächlich zusammenkommen, um (viel) zu trinken und sich von einem Entertainer unterhalten zu lassen, haben deutsche Artnight-Besucher einen künstlerischen Anspruch. „Wir haben es am Anfang auch mit einem Unterhalter probiert. Doch wenn es dann hieß, ‚jetzt halten wir alle zusammen den Pinsel in die Höhe‘, fanden das die meisten das sehr merkwürdig“, erinnert sich Henze.

Events sind für Künstler Gold wert

Also wurde umgestellt: Die Events finden immer noch in Bars und Restaurants statt und getrunken wird auch, allerdings steht die Kunst im Vordergrund. Dafür hat Artnight aktuell 47 Künstler rekrutiert und stellt den Teilnehmern hochwertige Materialien zur Verfügung. Der Rest passiert dann von allein, der Spaß entsteht automatisch durch das Zusammensein und das Malen.„Es ist sehr erfüllend zu sehen, wie viel Spaß die Teilnehmer haben und welch schöne Momente durch das gemeinsame Malen entstehen“, sagt Verena Bonath, eine der Künstlerinnen, die seit den Anfängen von Artnight mit dabei ist.

Die Studentin an der Universität der Künste Berlin hatte sich gleich beworben, als sie von Artnight hörte. Denn die Künstler durchlaufen einen Bewerbungsprozess, um die Qualität der Kunstwerke für die Teilnehmer zu garantieren, aber auch, um sicherzugehen, dass sie zum Konzept passen. Genau deswegen wurden schon einige Bewerber abgelehnt: „Uns geht es natürlich auch darum, den Teilnehmern eine tolle Erfahrung zu bieten und die Künstler müssen schon sehr extrovertiert und kommunikativ sein“, sagt Aimie-Sarah Henze. So erhalten die Künstler nach jeder Artnight Feedback von den Teilnehmern. Wer besonders gut ankommt, steigt auf der Artnight-Skala auf und kann entsprechend mehr verdienen. Ein Künstler kann so 300 Euro oder sogar mehr pro Abend verdienen.

Für Studenten wie Verena Bonath ist dies natürlich ein willkommener Nebeneffekt. Anstatt einen Nebenjob in einer Bar zu haben, wie viele ihrer Kommilitonnen, arbeitet sie künstlerisch und kann viele wichtige Kontakte knüpfen. „Ich habe durch die Teilnehmer auf den Artnights einige neue Aufträge bekommen“, erzählt sie. „Für Künstler sind solche Events natürlich Gold wert, da andere Menschen uns und unsere Arbeit in Natura kennen lernen können.“ Die Netzwerke, die sie auf den Artnight-Veranstaltungen knüpfen kann, sind für Bonath viel hilfreicher als die eigenen Bilder im Internet hochzuladen, sei es auf Kunstplattformen oder Instagram.

Als Erwachsene das Malen wieder lernen

Doch nicht nur die Künstler profitieren von den Malevents, auch die Teilnehmer kehren immer wieder. Pro Woche veranstaltet das Berliner Startup etwa 15 Artnights in 25 verschiedenen deutschen Großstädten. Pro Artnight sind im Schnitt 20 Teilnehmer dabei.

Das Konzept ist offensichtlich so erfolgreich, dass Artnight demnächst nach Österreich expandieren wird. Weitere europäische Städte sollen folgen. Das Erfolgsrezept ist sicherlich nicht nur das Malen, sondern das zwanglose Zusammenkommen mit anderen Menschen. „Wenn die Teilnehmer gemeinsam malen, haben sie natürlich auch direkt ein Gesprächsthema. So können sie sich schnell kennenlernen und neue Kontakte knüpfen.“ Einige Romanzen sollen auch schon daraus entstanden sein. Die Teilnehmer sind überwiegend weiblich und die meisten sind im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, was auch sicherlich etwas mit dem Eintrittspreis von rund 35 Euro pro Person zu tun hat. Es kommen aber auch Familien mit Kindern, ältere Paare und jüngere Malbegeisterte zu den Events. Mittlerweile scheint sich die Artnight auch unter Single-Männern herumgesprochen zu haben.

Rund zwei Stunden dauert eine Artnight und am Ende nehmen die Teilnehmer ein eigenes Bild mit nach Hause. Dabei ist es wichtig, dass sich die Künstler gute Konzepte überlegen und den Teilnehmern mit einigen Tricks dabei helfen, Kunstwerke wie zum Beispiel im Stil von Frida Kahlo zu kopieren. Auch wenn viele anfangs Angst haben, etwas falsch zu machen, trauen sich die meisten dann doch an die Palette und die Leinwand heran. „Das ist schon interessant, wie wir als Kinder so viel malen und dies dann nach unserer Kindheit komplett aufgeben“, sagt Verena Bonath. Sie ermutigt ihre Teilnehmer daher immer wieder, es einfach auszuprobieren. Die meisten entdecken dabei, wie viel Spaß es ihnen macht, abseits von Bildschirmen und virtuellen Welten, auch mit ihren Händen und greifbaren Materialien zu arbeiten. Am Ende steht meist ein großes Erfolgserlebnis für die Teilnehmer. Das ist natürlich auch fürs Geschäft wichtig. Schließlich kann ein solches Event nicht langfristig erfolgreich sein, wenn die Teilnehmer sich überfordert fühlen.

ArtNight_JGA_draußen (Image by Artnight)

Kritik: Kunst wird kommerzialisiert

Neben den Künstlern und den Artnight-Besuchern profitieren auch die lokalen Restaurants und Bars von dem Konzept. Denn die Artnights werden bewusst zu Zeiten geplant, in denen die Räumlichkeiten nur mäßig gefüllt sind. So können Restaurants und Bars auch an sonst eher langsamen Abenden gute Gewinne einfahren.

Gründer, Künstler, Teilnehmer und Bars – die Malevents scheinen tatsächlich ein Win-Win-Win-Win-Modell zu sein. Doch nicht alle stehen dem Konzept positiv gegenüber. Vor allem aus der Künstlerszene kommt harsche Kritik. Unternehmen wie Artnight machen aus der Kunst ein Geschäft, Künstler verkaufen sich, die Kunst wird kommerzialisiert – solche Vorwürfe hat Verena Bonath schon oft gehört. „Bei vielen Kollegen ist die Idee, dass man sich als Künstler so nahbar macht, eher verpönt. Dahinter steckt die Idee, dass wir uns eine gewisse Mystik bewahren müssen, damit wir geschätzt werden. Ich finde das ziemlich blöd. Wieso ist meine Kunst weniger wert oder schlechter, wenn ich anderen dabei helfe, sich mehr mit Kunst zu beschäftigen?“ Auch Aimie-Sarah Henze kann die Kritik nicht nachvollziehen. „Kunst ist etwas sehr Subjektives„, sagt sie dazu, „wir möchten uns gar kein Urteil erlauben, was Kunst ist und was nicht. Uns geht es in erster Linie darum, dass Erwachsene zusammenkommen, kreativ sind und am Ende etwas Schönes erlebt haben. Ob man das jetzt nun Kunst nennen möchte oder nicht, ist uns egal.“


Teaser (adapted) & Images by Artnight


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Computerspiele: Ein Kulturgut des 21. Jahrhunderts

Computerspiel (adapted) (Image by Cello Armstrong via AdobeStock)

Auf der Spielemesse GamesCom gab es neben Spiele-Neuigkeiten und Entertainment auch netzpolitische Aussagen rund um die Gaming-Welt. Eine der interessanten Entwicklungen: Videospiele wurden erstmals vor großem Publikum durch Politiker als Kulturgut anerkannt. Es wird Zeit, dass dies endlich erkannt wird, denn viele Spiele sind weder ein stumpfer Zeitvertreib noch eine Nischen-Beschäftigung für Nerds, sondern erzählen spannende und inspirierende Geschichten.

Besucherrekord bei der GamesCom 2017

Ende August fand in Köln die Spielemesse GamesCom statt. Sie stand dieses Jahr unter dem Motto „The Heart of Gaming“. Auf der Messe kamen natürlich vor allem die Freundinnen und Freunde der aktuellen Videospiel-Titel, ebenso wie eSport-Interessierte, Cosplay-Begeisterte und andere Fans digitaler Unterhaltung auf ihre Kosten. Daneben gaben sich natürlich auch Vertreterinnen und Vertreter der Industrie und der Fachmedien ein Stelldichein, um sich über neue Produkte auszutauschen. Insgesamt besuchten über 350.000 Menschen die Veranstaltung – ein neuer Rekord.

Wahlkampf auf der GamesCom

Neben ihrer Funktion als Anlaufpunkt für die Branche zog die GamesCom natürlich auch Politikerinnen und Politiker an. Das ist bei Messen einer gewissen Größe und Relevanz nicht ungewöhnlich, zumal in einem Wahlkampf-Jahr wie diesem. Dem trug die GamesCom sogar mit einer eigens eingerichteten „Wahlkampfarena“ Rechnung. Dort fanden sich am Mittwoch, den 23.08., einige hochrangige Politikerinnen und Politiker ein, um über Spiele zu diskutieren. Die Parteien des aktuellen Bundestages schickten ihre Generalsekretäre oder Bundesgeschäftsführer. Anwesend waren Peter Tauber (CDU), Hubertus Heil (SPD), Matthias Höhn (Die Linke) und Michael Kellner (Die Grünen) sowie Nicola Beer für die FDP.

Computerspiele als Kulturgut anerkannt

Eine der interessantesten Aussagen der Podiumsdiskussion: Computerspiele sind auch in den Augen der Politik endlich Kulturgut. Dieses soll zukünftig, neben dem bereits existierenden Deutschen Computerspielpreis unter der Schirmherrschaft von Alexander Dobrindt (CSU), weitere politische Förderung erhalten.

Vor allem sieht die Politik die Computerspiele natürlich als zu fördernden Wirtschaftsfaktor. Gerade in Köln hat sich schon seit Jahren eine richtiggehende Gaming-Industrie angesiedelt. Von Spieleentwicklern über den Veranstalter einer eSport-Liga und zugehörige Clans bis hin zu Fachmedien bietet die Rhein-Metropole alles rund um Computerspiele. Das kann die Politik kaum ignorieren. Daneben dürfte natürlich auch der Versuch, in der Gunst der jüngeren Generation der Wählerinnen und Wähler zu steigen, eine Rolle bei den Aussagen der Politikerinnen und Politiker spielen. Nach eigenen Angaben spielen mittlerweile 42 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen irgendeine Form von Computerspielen. Das ist eine zu wichtige Zielgruppe, um sie zu ignorieren oder vor den Kopf zu stoßen. Die Motive der Politik dürften also zumindest teilweise opportunistisch sein. Dennoch ist die Anerkennung von Computerspielen als Kulturgut ein erfreuliches Signal.

Von der Schmuddelecke in die Öffentlichkeit

Die Anerkennung von Videospielen als Kulturgut kommt nach langen Jahren, in denen Spielerinnen und Spieler von Konservativen in die Schmuddelecke gedrängt wurden. Computerspiele würden Amokläufe fördern, hieß es da beispielsweise, auch wenn dieser Zusammenhang von keiner seriösen wissenschaftlichen Studie untermauert werden konnte. Auch andere abwertende Klischees über Gamer wurden gerne verbreitet. Zockerinnen und Zocker seien sozial isoliert, hielten nicht viel von Hygiene und seien schulisch und beruflich eher weniger erfolgreich, wurde gerne suggeriert.

Von dieser Situation haben wir uns – zum Glück – ein gutes Stück entfernt. Immer mehr Menschen spielen elektronische Spiele, sei es auf ihrem Computer oder auf ihrem Mobilgerät. Die Zeiten, in denen Spielerinnen und Spieler angesichts von durch die Politik unterbundenen eSport-Events in „Gamer-Demos“ für ihr Hobby auf die Straße gehen mussten, scheinen jedenfalls endgültig vorbei zu sein.

Es scheint, als folgten Computerspiele einem ähnlichen Muster, wie es viele neue Formen der Unterhaltung zunächst durchliefen. Auch Romane galten schließlich erst als verdummend und gefährlich – das ist zwar lange her, sagt aber viel über den konservativen Reflex aus, unbekannte Phänomene der Unterhaltungskultur erst einmal ohne große Betrachtung zu verdammen, bevor sie irgendwann als legitimer Teil des kulturellen Kanons anerkannt werden. Auch viele Musik-Genres, von Rock’n’Roll über Beat bis hin zu Heavy Metal, durchliefen eine ähnliche Entwicklung.

Computerspiele: Inspiriert und inspirierend

Die Anerkennung von Computerspielen als fördernswertes Kulturgut ist längst überfällig. Vieles, das sich in diesem Bereich entwickelt hat, ist erwachsen, professionell und anspruchsvoll. So ist der eSport längst eine etablierte Disziplin des sportlichen Wettkampfs. Wer anzweifelt, dass Computerspielen „echter Sport“ ist, sei an anerkannte Sportarten wie Schach und Bogenschießen erinnert, die ebenfalls keine körperlichen Extremleistungen, wohl aber Konzentration, Taktik und spezifische, in langer Übung erworbene Fähigkeiten fordern. Die Szene hat alles, was dazu gehört: Teams und Manager, Sponsoren, eine Fangemeinde mit entsprechenden Ritualen und eine teilweise hochprofessionelle mediale Berichterstattung.

Schon lange gibt das Genre der Computerspiele eine Vielfalt großartiger Geschichten her, egal, ob diese nun in einem epischen Rollenspiel, den Cutscenes eines Strategiespiels oder in Form eines textbasierten „Choose your own Adventure“-Titels auf dem Smartphone daher kommen.

Auch der künstlerische Anspruch vieler Spielegrafiken ist erheblich und bietet viel Raum zur Entfaltung, gerade im Fantasy- und Science-Fiction-Bereich. Was hier erdacht und in jahrelanger Arbeit digital umgesetzt wird, braucht sich oft vor keiner traditionellen Kunstform zu verstecken.

Ein ebenfalls beachtenswertes Phänomen sind sogenannte „Serious Games“. Diese greifen aktuelle, gesellschaftlich relevante Themen auf und regen so die Spielerinnen und Spieler zum Nachdenken beispielsweise über Krieg, Krankheiten oder soziale Missstände an. So tragen sie zur Bildung der Menschen, vielleicht sogar zum Entwickeln von Empathie bei.

Daneben sind Spiele, vor allem für junge Menschen, auch schlichtweg ein Thema, über das sie sich austauschen und soziale Kontakte knüpfen können. Fernab vom Klischee des einsamen Zockers zuhause im Keller wird heute vielfach in Gruppen gespielt, egal, ob mit- oder gegeneinander. Und spätestens Augmented Reality Games wie „Project Ingress“ und „Pokemon Go“ stellen den sozialen Aspekt und das Treffen mit anderen Menschen, ebenso wie den sportlichen Wettkampf zwischen verschiedenen Spielerparteien, klar in den Vordergrund.

Angesichts all dieser Phänomene sollte klar sein, dass Computerspiele eine Anerkennung als Teil unserer Kultur längst verdient haben. Es ist erfreulich, dass die Politik das endlich, wenn auch nur widerwillig und sicher nicht ohne Hintergedanken, anerkennt.


Image (adapted) „Computerspiel“ by Cello Armstrong/stock.adobe.com


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Die Netzpiloten sind Partner des ORBANISM AWARD

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Auch in diesem Jahr wird der 2011 von Leander Wattig ins Leben gerufene ORBANISM AWARD wieder verliehen. Mit dem ORBANISM AWARD werden Live-Marketing sowohl in Social Media als auch offline sowie Veranstaltungsformate und Events aller Art im Bereich Kultur und Medien ausgezeichnet. Leander Wattig sagt über den Preis: „Je mehr wir von Technik umgeben sind, desto stärker entdecken wir wieder den Menschen. Nichts ist wirkungsvoller als der direkte Kontakt: ob beim Networking, beim Verkauf, bei der Kulturvermittlung oder einfach bei der Freizeitgestaltung“.

Wir sind davon überzeugt, dass gemeinsame Erlebnisse wichtige Voraussetzungen sind – sowohl für wirtschaftlichen Erfolg als auch für gesellschaftliche Veränderungen – und dass wir Menschen brauchen, die aktiv Menschen zusammenbringen. Der ORBANISM AWARD soll all das fördern, indem er zeigt, wie es gehen kann“, so Wattig weiter. Ganz neu in diesem Jahr ist, dass der Preis erstmals in sechs Kategorie vergeben wird. Die Kategorien lauten:

  • Bestes Live-Marketing B2C
  • Bestes Live-Marketing B2B
  • Beste Publikumsveranstaltung
  • Beste Fachveranstaltung
  • Beste/r Menschenvernetzer/in
  • Beste Veranstaltungsgeschichte als Teilnehmer

Die Gewinner kürt die Expertenjury

Noch bis zum 25. September können Nominierungen eingereicht werden. Eine Übersicht über die Nominierten findet ihr hier. Im nächsten Schritt wird dann für jede Kategorie eine Shortlist erstellt. Auf der Website wird es ein Voting geben, das als Auswahlkriterium dient. Anschließend werden die Preisträger von der fachkundigen und interessierten Jury gekürt. Die Jury besteht dieses Jahr aus Nora-Eugenie Gomringer, Maren Heltsche, Nora Vanessa Wohlert, Susanne Kaspar, Holger Schellkopf, Christian Lindner und Markus Gogolin.

Den Höhepunkt bildet die Verleihung des Awards, die am Freitag, 13. Oktober im Rahmen der Frankfurter Buchmesse stattfindet. Unter dem Hashtag #orbanismaward bleibt ihr auf dem Laufenden.

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Klanglandschaften der Vergangenheit: Wie antike Kulturen eine neue Dimension bekommen

Heiligtum (adapted) (image by dimitrisvetsikas1969 [CC0]via pixabay)

Stellen wir uns eine archäologische Grabstätte vor – was geht uns durch den Kopf? Sandsteinwände in der Wüstenhitze? Stonehenge in einem grasbedeckten Feld? Wenn wir an archäologische Stätten denken, neigen wir dazu, sie uns in völliger Stille vorzustellen – leere Ruinen, verlassen von vergangenen Kulturen. Aber so haben sie die Leute, die an diesen Plätzen gelebt und sie genutzt haben, nicht erlebt. Die Bewohner hören, wie geredet und gelacht wird, Babys weinen, Menschen arbeiten, Hunde bellen und die unterschiedlichste Musik ist zu hören. Diese Klänge kommen aus der Nähe oder aus weiterer Entfernung.

Geräusche in Klanglandschaften einzuordnen, ist ein wichtiger Schritt, um zu verstehen, wie die Menschen gelebt haben, was sie schätzten, wie sie ihre Identitäten formten und wie sie die Welt und ihren Platz in ihr erlebt haben. Dieser wachsende Fachbereich heißt Akustische Archäologie oder Archäoakustik. Wenn wir den Geräuschen, die die umherstreifenden Menschen hörten, etwas Aufmerksamkeit schenken, sind wir besser in der Lage, ihre Kultur zu verstehen und uns mit ihnen als Menschen verbunden fühlen.

Kürzlich haben wir zum ersten Mal eine altertümliche Klanglandschaft erstellt. Was können uns unsere Ohren darüber sagen, wie die Anasazi, die Pueblo-Vorfahren, in New Mexicos Chaco Canyon vor mehr als tausend Jahren gelebt haben?

Altertümliche Geräusche modellieren

Der Chaco Canyon war das Zentrum der Pueblo-Vorfahren. Er ist bekannt für seine großartigen Häuser – groß, mehrstöckig, manche in der Größe eines Fußballfeldes – gebaut und bewohnt etwa von 850 bis 1150 nach Christus. Archäologen haben untersucht, wie die Pueblo-Vorfahren diese Strukturen des Chaco Canyons erbaut und in Verbindung zueinander und zur astronomischen Ausrichtung gesetzt haben.

Um unserem Verständnis dieser Zeit und dieser Plätze eine neue Dimension hinzuzufügen, haben wir untersucht, wie Geräusche an diesen Orten wahrgenommen wurden. Wir wollten wissen, wie ein Zuhörer die Klänge von einer bestimmten Entfernung – von wo auch immer sie herkamen – wahrnahm.

Um die Physik der Klänge und ihre Anwendung in der Archäologie zu erforschen, haben wir zuerst einmal eine Excel-Tabelle erstellt. Unsere Berechnungen beschrieben lineare Geräuschprofile, ähnlich einer Sichtlinienanalyse – diese berücksichtigte einen geraden Weg zwischen der Person oder des Instruments, das das Geräusch machte und der Person, die es hörte. Jedoch war diese Annäherung stark begrenzt, da die Ergebnisse nur auf einen einzigen Zuhörer an einem ganz bestimmten Ort angewendet werden konnten.

Unsere Forschung entsponn sich erst so richtig, als wir uns gefragt haben, ob wir dieselben klangphysikalischen Berechnungen an einer ganzen Landschaft gleichzeitig anwenden könnten. Wir verwenden ein Computerprogramm namens „Geographic Information System“ (GIS), das es uns ermöglichte, die Welt in drei Dimension darzustellen.

Das Software-Paket ArcGIS von ESRI, das wir verwendet haben, bietet jedem die Möglichkeit, mit Werkzeugen wie dem Soundshed Analyse-Werkzeug zu arbeiten, das wir kreiert haben, um Berechnungen anzustellen oder geographische Daten und Bilder zu erstellen. Das Soundshed Analyse-Werkzeug wurde abgeleitet von dem früheren Modellierungsskript „SpreAD-GIS“, das von der Umweltwissenschaftlerin Sarah Reed entwickelt wurde, um den Einfluss von Geräuschen auf die Umwelt, wie beispielsweise Nationalpark, zu messen. Dieses Werkzeug selbst wurde von SPreAD (System for the Prediction of Acoustic Detectability) adaptiert, einer Methode, die der U.S. Forest Service um 1980 entwickelt hat, um den Einfluss von Geräuschen auf die Erholung im Freien vorherzusagen.

Das Soundshed Analyse-Werkzeug benötigt sieben Eingangsvariablen, einen Forschungsort und Höhendaten. Die Variablen beinhalten die Höhe und Frequenz der Geräuschquelle, den Schalldruck, die gemessene Distanz von der Quelle, Lufttemperaturen, die relative Feuchtigkeit und den Umgebungsschalldruck. Wir trugen diese Informationen aus einer Auswahl an Quellen zusammen: öffentliche Höhendaten, archäologische Forschungen, paläoklimatologischen Forschungen und historischen Klimadaten. Aus einschlägiger Literatur erfassten wir außerdem die Tonhöhe von ganzen Menschenmengen, Einzelpersonen und einer speziellen Art von Trompeten, die die Pueblo-Vorfahren verwendeten.

Sobald die Eingangsvariablen eingegeben wurden, braucht das Soundshed Analyse-Werkzeug weniger als 10 Minuten, um durch diese komplexen Berechnungen zu jedem Punkt der Landschaft innerhalb von zwei Meilen von dem Ausgangsort zu gelangen. Unser Modell konstruiert dann Bilder, die zeigen, wo und wie sich der Klang in der Landschaft ausbreitet. Das ermöglicht uns, die Geräusche, die die Menschen beim Durchstreifen dieser Landschaften erlebt haben könnten, zu visualisieren.

Wer hörte was – und wo?

Wir haben uns bisher auf kulturell relevante Geräusche konzentriert und versucht, herauszufinden, wie sich diesen über die Landschaft ausgebreitet haben könnten. Diese sind zum Beispiel die Stimmen von Menschen, die Geräusche von Haustieren wie Hunden und Truthähnen, die Erstellung von Steinwerkzeugen oder der Klang von Musikinstrumenten. Im amerikanischen Südwesten gehörten zu diesen Instrumenten Flöten aus Knochen, Pfeifen, Fußtrommeln, Kupferglocken und Trompeten.

Soundshed zeigte, dass zwei Menschen, die vor zwei Nachbarhäusern wie Pueblo Alto und New Alto etwa 400 Meter voneinander entfernt standen, den anderen hören konnten, während er etwas rief oder zu einer Gruppe sprach. Das Modell unterschied sich geographisch, denn das Gelände zwischen zwei Orten unterschied sich enorm voneinander und die Gebäude blockten selbst auch Geräusche ab.

Eine dritte Karte stellt nach, dass jemand bei Sonnenuntergang bei der Sommersonnenwende nördlich von Casa Rinconada, einem großen Zeremoniegebäude, in eine Trompete bläst.

Der Klang verbreitet sich über den Canyon, wandert zu Schreinen, die heilige Stätten markierten und die oft in der Landschaft hoch oben angesiedelt waren. Vielleicht beeinflusste die Hörbarkeit die Auswahl der Position der Schreine, sodass die rituellen Ereignisse im Casa Rinconada hörbar gemacht werden konnten?

Die Erforschung der Interaktion von Klängen mit der von Menschenhand geschaffenen Umgebung verdeutlicht Details über die Wichtigkeit der Rituale. Es zeigt uns, dass Klänge von den Pueblo-Vorfahren geschätzt wurden, und besonders, dass die Schreine immer an Orten gefunden wurden, wo die Leute die Rituale, die weit entfernt durchgeführt wurden, noch hören konnten.

Die Zukunft der Archäoakustik

Unsere Forschung ist ein erster Schritt in die archäoakustischen Studien der Landschaften. Jetzt hoffen wir, dass wir unsere Forschungen ausbauen können, indem wir den Chaco Canyon besuchen, um Klangstudien durchzuführen und Messungen vorzunehmen. Wir können außerdem unser Modell auf andere Kulturen, geographische Gegenden und Zeitperioden anwenden.

Akustische Studien mit archäologischen Forschungen zu verbinden, trägt zu einem ganzheitlichen Verständnis der vergangenen Kulturen bei. Das Feld ist gewachsen, weil immer mehr Forscher ihr multidisziplinäres Streben, kombiniert mit anderen Fachbereichen, ausweiten wollen. Zum Beispiel machten der geographische, der physikalische, der psychologische und der technische Fortschritt so wie andere Fachbereiche unsere Akustikstudien erst möglich. Davor waren archäoakustische Forschungen aufgrund technischer Einschränkungen und den fehlenden Werkzeugen nicht möglich. Erst jetzt hat die Computerverarbeitungsleistung unsere Träume eingeholt.

Werkzeuge wie diese zu entwickeln, bietet außerdem den Vorteil, an jedem Ort zu jeder Zeit herauszufinden, was Menschen in einer Gegend hörten, ohne an diese Orte reisen zu müssen. Stattdessen können Forscher bereits existierende Daten, die sie durch literarische Recherchen gefunden haben, anwenden oder die Lautstärke von Geräuschen oder Musikinstrumenten messen und als beispielhafte Inputs verwenden. Das eröffnet neue Bereiche, die erkundigt und erforscht werden können.
Klangmodellierung kann Forschern dabei helfen, Fragen zu stellen, und hilft jedem dabei, zu verstehen und nachzuvollziehen, was andere Menschen in ihrer Welt erlebt haben. Ein Klangmodel öffnet eine neue Tür für unser Verständnis der Vergangenheit.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Heiligtum“ by geralt (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Die Netzpiloten sind Partner beim Year of the Rooster

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In München findet am 27. April das Festival Zukunft des Digital Business im Year of the Rooster statt. Das Motto lautet dieses Jahr „Where Robots meet Buddhas“. Eingeladen zu dem Event sind Führungskräfte, buddhistische Mönche, Bestseller-Autoren und Gründer aus der Technologie-Szene. Hier sind einige der Themen, die bei dem Festival auf der Agenda stehen werden:

  • Zukunft der Arbeit und Bildung
  • Digitale Führung und persönliche Entwicklung
  • Zukunft der Medien und des Marketing
  • Internet der Dinge
  • Digitale Technologien
  • Achtsamkeit und Wohlbefinden

Warum teilnehmen?

Der Veranstalter, die Freeformers GmbH, nennt einige Gründe, die dafür sprechen, an dem Event teilzunehmen:

  • Interaktive Workshops rund um App Prototyping, Design Thinking, Live Video, Drohnen und Blockchain
  • Verständnis der Schlüsselthemen, die die digitale Wirtschaft streifen: Internet der Dinge, VR, Robotics, Zukunft der Medien, der Mobilität und der Arbeit.
  • Speed Networking, internationale „Movers and Shakers“ großen Marken treffen, Startups und Agenturen
  • Internationale Speaker aus den USA, Australien, Deutschland, der Schweiz und Großbritannien

Seht euch hier den Trailer für die diesjährige Veranstaltung an:

Beim Year of the Rooster erwarten euch viele Experten, die ihr Wissen gerne mit euch teilen. Unter anderem vor Ort sein werden:

Die Veranstaltung findet in München im Kulturzentrum Backstage statt. Hier könnt ihr eure Tickets kaufen.

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The Sound Gaarden – Lokale Musiker mischen Dubais Musikszene auf

Gitarre (adapted) (Image by tresdetres [CC0 Public Domain] via pixabay)

Jay Abo singt lächelnd seinen letzten Song „City Lights“ an der Gitarre – um ihn herum wird es nach dem begeisterten Applaus wieder still. Seine Zuhörer sitzen auf dem Boden oder stehen an einer der vielen Imbissbuden.

Image by Maren Méheust
Image by Maren Méheust

Szenen, die an Musikfestivals in Europa erinnern, sich aber dank The Sound Gaarden nun auch in Dubai abspielen. Die Online-Plattform promotet seit November 2015 lokale Musiker in der Weltstadt.

Bei sommerlichen Temperaturen treffe ich Zain Khan zum Kaffee, der mir die Idee seiner Plattform erklärt: „The Sound Gaarden gibt lokalen Musikern die Möglichkeit, vor Publikum zu spielen, was sonst nicht so einfach ist in Dubai. Straßenmusiker gibt es hier nicht und die unzähligen Hotels, Restaurants und Veranstalter gehen ungern Risiken ein, wenn sie Musiker buchen. Sie engagieren lieber international bekannte Künstler, die Erfolg garantieren. Wir wollen aber den Talenten vor Ort Gehör verschaffen!“

The Sound Gaarden organisiert dafür eigene Events und produziert Videos der mittlerweile über 100 registrierten Künstler. Auch bieten sie Unternehmen und Privatleuten an, die Bands, Sänger und Songwriter über ihre Webseite zu buchen. Die Plattform ist die wichtige Schnittstelle zwischen den kreativen Köpfen und den Organisatoren großer und kleiner Events: „Aber wir stellen klar, dass unsere Künstler aus ihrem eigenen Repertoire die Show zusammenstellen und keine Cover-Versionen von großen Stars spielen müssen. Man bucht sie mit ihrem Talent und ihrer Kreativität – The Sound Gaarden garantiert dafür, dass es ein toller Abend wird!“

Image by Zain Khan
Image by Zain Khan

Der gelernte Investmentbanker wurde in Pakistan geboren, kam aber schon im Alter von drei Monaten nach Dubai „als hier noch Nichts war.“ Der 24-jährige vermisste eine bunte, junge und vielseitige Musikszene. Genauso wie sein Freundeskreis, zudem auch Jay Abo zählt. Khan merkte schnell, dass er von unglaublichem musikalischen Potential umgeben war, Dubai aber sich selbst im Wege steht: „Alle sagen immer, dass Dubai so zukunftsorientiert ist und eine Vorbildfunktion hat. Das stimmt nicht! Wenn man herkommt sieht man, wie gerade in der Musikszene oft nur das kopiert wird, was in Berlin, Amsterdam oder London funktioniert. Das ist ein großes Problem!“ The Sound Gaarden will nun mit der Vorstellung der Künstler via Video und eigenen Events den Veranstaltern das Vertrauen geben, was sie sonst nur in ausländische Produktion haben. Viel Arbeit für das mittlerweile dreiköpfige Team, die aber durch Erfolg belohnt wird. 119 Events sind bereits über die Bühne gegangen, weitere werden folgen.

The Sound Gaarden klärt zugleich ein wenig über die Musikszene in Dubai auf, die schwer zu beschreiben ist. Anders als in Berlin, das für seine House-Music oder Brooklyn, das für die Hip-Hop -Szene bekannt ist, gibt es für Dubai keinen gemeinsamen Nenner, erklärt Khan: „Es ist wirklich interessant hier, da eigentlich jeder ein Expat ist. In der Musik verbinden sich damit unfassbar viele Stile, die man nicht zu einer Richtung zusammenfassen kann. Das macht die Künstlerszene so vielseitig – aber man weiß nie, was einen erwartet, wenn man einen Musiker einlädt.“ Umso spannender ist es, den YouTube-Kanal von The Sound Gaarden zu durchstöbern.

Die letzte Frage, bevor der Kaffee ausgetrunken ist: Wie kam es eigentlich zu dem Namen? Lachend erklärt Khan: „Ich liebe die gleichnamige Band und habe ganz nach Dubai-Art einfach noch ein kleines A hinzugefügt und fertig war der Seitenname.“ Bis zu den Höchsttemperaturen im Sommer stehen noch viele Events auf der Agenda und Interessierte im Ausland sind eingeladen, immer wieder den Youtube-Kanal für neue Musikschätze zu besuchen.


Image (adapted) „Gitarre“ by tresdetres (CC0 Public Domain)


 

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Vom Spielzeug zum Kulturphänomen: Der Weg der Drohnen

drone (adapted) (Image by Unsplash [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Von den vielen Technologien, die unsere Fantasie in den letzten fünf Jahren angeregt hat, gab es wenige, an die so hohe Erwartungen gestellt wurden, wie an Drohnen. Diese Hightech-Flugmaschinen haben einen neuen kulturellen Zeitvertreib geschaffen, der Hobby-Enthusiasmus und die simple menschliche Neugier am Himmel vereinigt.

Im Jahr 2015 wurde die Firma DJI, der größte kommerzielle Drohnenentwicklicker, auf einen Wert von über 10 Milliarden US-Dollar geschätzt, während Medienkonzerne wie Facebook und Google im Hintergrund Drohnenhersteller aufgekauft haben, um ihre Ansprüche zu erweitern, auch die letzten Menschen zu erreichen, die noch nicht im Internet sind. Dies soll geschehen, indem sie Drohnen für extreme Höhen nutzen, um Daten mithilfe von Laserstrahlen zu senden, was auch den abgelegeneren Regionen eine Möglichkeit gibt, online zu gehen.

Wie sehen die nun aber großen fünf Anwendungsbereiche aus, die die Vermehrung von Drohnen in diesem Zeitraum erklären und die einen wichtigen Beiträge für unsere Gesellschaft darstellen?

Liefern

Das Großartige an Drohnen ist, dass sie klein, schnell und agil sind, sich selbst steuern und Dinge transportieren können. Seit dem ersten Patent auf Drohnen-Zustellungssysteme von Amazon im April 2015 sind neue Entwürfe und Anwendungen entstanden. So gab es unter anderem Bestrebungen, einen luftschiffartigen Drohnenträger zu bauen, der in der Lage sein wird, eine Flotte von Drohnen direkt vom Himmel zum Einsatz zu bringen. In der Zwischenzeit haben Firmen wie Flirtey die Erlaubnis bekommen, mit Drohnen kommerzielle Zustellungen für Lieferservices von Pizza über Wasserflaschen, Notfallessen bis hin zu Erste-Hilfe-Sets aufzubauen.

Andere Lieferideen wären beispielsweise Rettungsdrohnen, Blutversorgungsdrohnen und Defibrillator-Drohnen – bei diesen Prototypen wäre sowohl Erfolg als auch die unbedingte Nützlichkeit unumstritten.

Filmen

Im Jahr 2015 fand in New York das weltweit erste Drohnen-Filmfestival statt, kurz darauf fanden Festivals dieser Art auf der ganzen Welt statt. Im selben Jahr wurde der Drones for Good-Preis in Dubai ins Leben gerufen, der jährlich eine Million US-Dollar an Entwickler ausbezahlt, die die besten Drohnen-Anwendungen an den Start bringen. Die Finalisten erstreckten sich von Drohnen, die entwickelt wurden, um Biodiversität zu kartographieren, bis hin zu einer Rettungsdrohne, die weltweit den ersten Platz belegte.

Der preisgekrönte Filmemacher Liam Young drehte mit „In the Robot Skies“ den ersten Film, der ausschließlich aus Drohnenaufnahmen besteht. Die Künstler setzen sogar 360-Grad-Kameras auf Drohnen, um Virtual-Reality-Perspektiven zu erzeugen, wie im Fall des preisgekrönten „In the Eyes of the Animal“ des Marshmallow Laser Feast, wobei man Drohnen, LiDAR-Scans und Virtual Reality benutzte, um eine komplett neue Perspektive auf die Welt zu bieten.

Drohnen-Rennen

Die Vereinigten Arabischen Emirate gründeten das welterste „Grand Prix Krone Racing“-Event, bei dem Luke Banister, ein Teenager aus Großbritannien, im Jahr 2016 die Spiele bei der Eröffnungsveranstaltung und damit ein Preisgeld von 250.000 US-Dollar gewann. Seitdem sind weltweit eine ganze Community von Drohnen-Rennen entstanden. Das erste professionelle Rennen wird 2017 in der o2-Arena in Großbritannien stattfinden.

Erhaltung

Drohnen haben außerdem die besondere Fähigkeit, Teile unserer Umwelt zu erkunden, die man nicht ganz so einfach einsehen kann. Die Geräte wurden von Umweltforschern dazu genutzt, die Natur auf eine Weise zu verstehen, wie es zuvor nie möglich war. Der Primatenforscher Serge Wich hat zum Beispiel Affen von oben beobachtet, indem er verschiedene Drohnensysteme einsetzte. Neil Entwistle von der School of Environment and Life Sciences an der Salford University hat Überschwemmungsmuster in Großbritannien kartographiert, um herauszufinden, wie wir uns gegen Unwetterkatastrophen schützen können.

Journalismus

Auch Journalistsen haben bei der Nutzung von Drohnen recht schnell reagiert. Das Knight News Foundation-Projekt entwickelt eine Anleitung für Drohnen-Journalismus, die Reportern helfen soll, ethisch und sicher zu fliegen. In Ländern, in denen strenge Medienkontrollen herrschen, haben Drohnen einen besonderen Wert, um Orte zu erreichen, die zum Sperrgebiet erklärt wurden. So wurde beispielsweise in der Türkei angeblich die Drohne eines Aktivisten, der versuchte, Bilder von Demonstrationen in Istanbul zu machen, von der Polizei abgeschossen.

Hype?

Unter all diesen bemerkenswerten Anwendungsbereichen gibt es einen großen Hype, wenn es darum geht, wohin Drohnen uns führen können. Viele Ideen werden gerade noch entwickelt. Die Regeln ändern sich fortlaufend, die Freiheit, fliegen zu können, wird in vielen Ländern eingegrenzt, wie beispielsweise in Spanien und es bleibt weiterhin im Gespräch, wie Sicherheit und Haftungsumfang am besten geregelt werden können.

Des Weiteren ist es wichtig, ein Auge darauf zu haben, wie sich die Verbindungen von Militär- und Verbrauchersektor überschneiden – und zwar sowohl ökonomisch als auch politisch.

Es gibt bereits eine Gegenbewegung gegen eine Welt, in der wir von Drohnen umgeben sind, wie beim Projekt No Fly Zone, bei dem US-Bürger versuchen, den Luftraum um ihre Häuser vor dem Eindringen von Drohnen zu schützen. Außerdem haben wir ein enormens Design-Problem, wenn es darum geht, wie eine Autobahn im Himmel tatsächlich aussehen könnte.

Eine Sache ist jedoch klar: das Kapital, um diese Anwendungen auf lange Zeit zu fördern, ist vorhanden und es gibt kein Anzeichen dafür, dass die Anzahl der Drohnen-Anwendungen schrumpfen könnte. Also können wir in Zukunft eine große Veränderung erwarten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „drone“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Datenverantwortung: Ein neues soziales Gut für das Informationszeitalter

ruins (adapted) (Image by choukyin [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Während der Klimawandel zunimmt, wirken die zerstörerischen, rekordverdächtigen Naturkatastrophen fast wie die neue Normalität — von Hurrikan Matthew, der im vergangenen September mehr als 1.300 Opfer forderte bis zum Taifun Lionrock, der vor Kurzem in Nordkorea tobte und eine Flut verursachte, die 138 Menschen getötet und gut 100.000 Menschen obdachlos zurückgelassen hat.

Was können wir tun, um die Zerstörung durch Naturkatastrophen zu verringern? Man könnte möglicherweise die Hilfsaktionen mithilfe von Daten verbessern. Sehen wir uns einmal die Folgen des Erdbebens im nepalesischen Gorkha im April 2015 an, eine der schlimmsten Katastrophen seit mehr als 80 Jahren. Fast 9000 Menschen wurden getötet, etwa 22.000 wurden verletzt und mehrere hunderttausend sind nun obdachlos, nachdem ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Trotz der umfassenden Zerstörung muss gesagt werden: es hätte schlimmer kommen können. Ohne die Katastrophe beschönigen zu wollen, die Nepal an diesem Tag traf, möchte ich dafür plädieren, dass Daten — und hier ist insbesondere ein neuer Typ von sozialer Verantwortung gemeint — den Nepalesen dabei geholfen haben, größeres Unheil zu vermeiden. Dies könnte für spätere Notfälle hilfreich sein.

Infolge der Katastrophe in Nepal sind viele verschiedene Akteure zusammen gekommen, um diese humanitäre Krise anzusprechen: die Regierung, die Bürger und privat engagierte Helfer. Als besonders herausragend hat sich dabei Nepals größter mobiler Netzwerkbetreiber Ncell gezeigt. Kurz nach dem Erdbeben entschied sich Ncell dazu, seine gesammelten mobilen Daten in unidentifizierbarer Form mit der gemeinnützigen schwedischen Organisation Flowminder zu teilen.

Flowminder hat diese Daten genutzt, um die Menschenströme zu kartographieren. Diese Echtzeit-Karten haben es der Regierung und humanitären Organisationen ermöglicht, Hilfe und Entlastungen besser zuzuschneiden und damit ihren Einfluss optimal auszunutzen. Diese Initiative hat sich als Modell der Datenzusammenarbeit als sehr positiv herausgestellt. Flowminder hat dafür im Jahr 2016 sogar den Mobile in Emergency or Humanitarian Situations-Award bei der GSM Association’s Global Mobile in Barcelona gewonnen

Was ist Datenverantwortung?

Mich beeindruckt am meisten die Art und Weise der Datennutzung bei der Initiative von Flowminder und Ncell – besonders, wenn man bedenkt, wie die privat gesammelten Daten für öffentliche Dienste genutzt wurden. Dies war ein Akt der Datenverantwortung. Diese Datenverantwortung und das genossenschaftliche Teilen der Daten ist ein noch junges Konzept und wird gerade entwickelt. Dennoch ist schon jetzt aufgefallen, dass es eine zentrale Rolle einnimmt, wenn es darum geht, verschiedene öffentliche Dienste zu fördern, wie zum Beispiel bei der Frage, wie wir an Naturkatastrophen und andere Notfälle herangehen.

Datenverantwortung könnte auch eine größere Rolle dabei spielen, um die für die Jahre 2015 bis 2030 gesetzten Nachhaltigkeitsziele zu fördern. Dazu sagt Jeffrey Sachs: „Die Datenrevolution kann die Nachhaltigkeitsrevolution antreiben, und den Prozess der Armut zu beenden, soziale Inklusion zu fördern und die Umwelt zu schützen.“ Nach jüngsten Schätzungen werden täglich etwa 2,5 Billionen Bytes an Daten erstellt. Neun Zehntel unserer heutigen Daten wurden in den Jahren 2013 und 2014 erstellt.

Dieser massive Anstieg der Datenverfügbarkeit hat einigen Enthusiasmus hervorgerufen, da man sie für potentielle ökonomische, kulturelle und politische Vorteile nutzen kann. Der Economist schrieb dazu, man wolle „Dreck in Gold verwandeln“, indem man große Ströme an „Daten-Müll“ abbaut, der oft unbeabsichtigt von permanent vernetzten Nutzern der sozialen Medien und mobilen Geräte hinterlassen werde.

Was jedoch seltener diskutiert wird, ist die Tatsache, dass diese Daten nicht zugänglich und damit geheim sind. Sie sind das Eigentum von Firmen, Regierungen und anderen Organisationen. Das schränkt die öffentlichen Vorteile ein. Datenverantwortlichkeit kann Organisationen dabei helfen, diese privaten Grenzen zu überwinden und diese Daten für das öffentliche Gut zu teilen. Besonders im Privatbereich  stellt dies ein Beispiel an gemeinsamer sozialer Verantwortung für das 21. Jahrhundert dar.

Heutzutage ist Datenverantwortlichkeit relativ ungewöhnlich. Das nepalesische Telekommunikationsunternehmen Ncell ist eines der wenigen, das seinen Datenfundus geöffnet hat. Aber es gibt auch einige ermutigende Anzeichen. Beispielsweise hat Twitter in Jakarta einige Daten mit australischen Forschern geteilt, mit deren Hilfe sie die Webseite PetaJakarta.org erstellten. Die Seite bietet Live-Informationen zu Überschwemmungen und ermöglicht vor allem während der Monsun-Saison eine verbesserte Einschätzung der Lage.

Im Senegal stieß die Orange Group eine Aktion für Entwicklungsdaten an und teilte ihre Daten mit verschiedenen Forschungsteams, um Muster und Lösungen zu identifizieren und damit die Gesundheit, die Landwirtschaft, die Stadtplanung und der Umgebung und landesweite Statistiken zu verbessern. Das Gewinnerteam benutzte Handydaten, um den Energieverbrauch nachzustellen und so Lösungen für veränderliche Energieanforderungen zu finden.

Die drei Säulen der Datenverantwortung

Solche Beispiele zeigen uns, dass Daten Leben verbessern oder sogar retten können. Aber um das volle Potential zu nutzen, müssen drei Bedingungen erfüllt werden. Diese kommen als die drei Säulen der Datenverantwortung zusammen:

  1. Die Pflicht zu teilen

    Dabei handelt es sich wohl um die offensichtlichste Pflicht: private Daten zu teilen, falls diese dem öffentlichen Gut dienen. Eine sekundäre Nutzung ist nicht immer beliebt unter den Nutzern (oft aus guten Gründen), aber wenn man es richtig anstellt, kann das Teilen starke, soziale Vorteile beinhalten, wie oben aufgezeigt.

  2. Die Pflicht zu schützen

    Teilen geht mit Risiken einher, besonders, was die Privatsphäre, die Sicherheit und andere individuelle Rechte angeht. Deshalb ist es unerlässlich, dass Organisationen ihre Daten auf verantwortliche Weise teilen, und dabei versuchen, die Daten selber zu schützen, aber auch die Individuen, die ihre Daten aufgeben (auch wenn dies oft unabsichtlich geschieht).

    Die Konsequenzen aus dem fehlenden Schutz der Daten wurden bereits gut dokumentiert. Die offensichtlichen Probleme treten auf, wenn Daten nicht genügend anonymisiert werden, bevor man sie teilt, oder wenn nicht anonyme Daten anderweitig an die Öffentlichkeit gelangen. Scheinbar anonymisierte Daten könnten selbst für eine Entschlüsselung anfällig sein. Informationen, die für das öffentliche Gut geteilt wurden, können auch Einzelpersonen Schaden zufügen.

    Im Jahr 2013 in New York folgten die ‚Taxi and Limousine Commission‘ einem öffentlichen Ersuchen und veröffentlichten vermeintlich anonymisierte Daten zur Abholungs- und Ankunftszeiten, Standorten, Preise und Trinkgelder, die von verschiedenen Taxifirmen und Mitfahrerorganisationen gesammelt wurden. Innerhalb weniger Tage jedoch hatten private Hacker die relevanten Taxi-Lizenzen und Nummernschilder identifiziert. Die Konsequenzen waren besorgniserregend und vielleicht sogar justiziabel: Die Daten konnten beispielsweise dazu genutzt werden, das Einkommen eines Fahrers zu berechnen und die Fahrten der Kunden sowie ihre Ausgaben zu identifizieren. Unter ihnen waren auch Prominente, was die Gefahr des Stalkings noch erhöht hat.

    Aus Gründen wie diesen muss das gut gemeointe Vorhaben, die Daten zu teilen, mit einem erhöhten Verantwortungsbewusstsein einhergehen, und zwar an jedem einzelnen Informationsknotenpunkt, von der Sammlung, über die Verarbeitung und Analyse bis hin zum Teilen und der Datennutzung.

  3. Die Pflicht zu handeln

    Damit veröffentlichte Daten dem öffentlichen Gut helfen können, müssen Beamte und andere auch Strategien und Vermittlungen annehmen, die Einblicke in die Veröffentlichung geben. Ohne eine Handlungsaufforderung bleiben die Möglichkeiten nur eben diese: Möglichkeiten, kleine Fakten.

    Die Pflicht zu Handeln ist im dem Kampf gegen die Korruption besonders offensichtlich. Weltweit haben Daten, die von den Regierungen oder anderen Organisationen und Individuen veröffentlichtu wurden, eine wichtige Rolle dabei gespielt, Betrugsfälle offenzulegen und die Transparenz zu erhöhen.

Das brasilianische Transparenzportal wurde im Jahr 2004 vom Büro des Rechnungsprüfers gegründet, um die steuerliche Transparenz zu erhöhen, indem sie Regierungsdaten geteilt haben. Diese Organisation ist nun eines der wichtigsten Werkzeuge dieses Landes, um Korruptionen zu identifizieren und dokumentieren. Monatlich registrieren sie um die 900 000 Besucher. In Mexiko bietet die Onlineplattform Mejora Tu Escuela Bürgern Informationen über Schulleistungen, damit Eltern die beste Bildung für ihre Kinder wählen können und besser in deren Ausbildung eingebunden werden.

Für Schuladministratoren, politische Entscheidungsträger und Nichtregierungsorganisationen bietet diese Plattform allerdings einen Weg, Korruptionsfälle von Lehrern, die nicht oder nicht mehr existieren und dennoch auf einer Regierungsgehaltsliste stehen, und Lehrern, die zu viel Lohn erhalten, aufzudecken.

Dennoch muss man handeln, um aus den Erkenntnissen auch Resultate zu schöpfen. Das beruht oft auf eilig herbeigeführten und schwierigen Veränderungen angesichts bestimmter Interessensverbindungen  und institutioneller Hindernisse.

Die Notwendigkeit einer kulturellen Veränderung

Die Schwierigkeit, Erkenntnisse in Ergebnisse zu übersetzen, deutet auf einige größere soziale, politische und institutionelle Veränderungen hin, die man erreichen muss, um eine wirkliche Datenverantwortung zu erreichen. Für Datenverantwortung muss man eine oft unbekannte Verpflichtung zur Transparenz und Rechenschaft eingehen. Man muss von den gewohnten Pfaden des Datenschutzes zu einer Sharingkultur gelangen und von einem traditionellen Strategiedenken zu einer von Daten getriebenen Steuerung. Daraus folgt eine kulturelle Veränderung, die die Herangehensweise bestimmt, wie Firmen, Regierungen und andere Akteure ihre Daten behandeln.

Die folgenden drei Wege sollte man bedenken, um die benötigte Entwicklung in einer kurzen Zeit zur erreichen:

Als Erstes sollten öffentliche und private Dateninhaber eine öffentliche Verpflichtung (oder Zusage) zur Datenverantwortung herausgeben, sodass eine solche in Unternehmen zur Normalität wird.

Zweitens sollten in öffentlichen und privaten Unternehmen „Datenverwalter“ eingestellt werden. Sie werden die Veränderungen erkennen und leiten und bestimmen, was man wann teilt, wie man die Inhalte schützt und wie man mit verfügbaren Daten umgeht.

Und schlussendlich muss es eine Bewegung geben: es ist an der Zeit, eine Gemeinschaft für Informationsrecht zu erweitern und mehr „Datenverantwortung“ zu fordern. Damit könnte man das Leben vieler Menschen besser machen — und somit auch unser eigenes.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „ruins“ (adapted) by choukyin (CC0 Public Domain)


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CinemaConnect: Barrierefreies Kino für alle

Die kostenlose Applikation CinemaConnect von Sennheiser gibt es für Apple und Android und macht barrierefreies Kinoerlebnis für Sinnesbehinderte möglich. Mit ihr sind Audiodeskription, personalisierte Hörunterstützung sowie Untertitel über das eigene Smartphone in Echtzeit abrufbar. Ein Service, der Millionen Menschen anspricht: allein in Deutschland leben 1,2 Millionen mit Sehbehinderung oder Blindheit und etwa 15 Millionen mit Schwerhörigkeit.

Barrierefreies Kulturangebot

Auf dem Dubai Film Festival traf ich Jörn Erkau, Manager von Global Sales CinemaConnect, und sprach mit ihm über sein Engagement für mehr Inklusion in der Gesellschaft: „Uns ist es wichtig, auf das Thema der Barrierefreiheit aufmerksam zu machen und technische Lösungen bereitzustellen. Hör- oder Sehgeschädigte sollen genauso ins Kino, Theater oder auch zu einem Fussballspiel gehen können. Wir möchten Kultur einfach allen zugänglich machen.“

Mit seinem Kollegen Simon Edeler ist der 50-jährige weltweit unterwegs, um Kunden für das Streaming System CinemaConnect zu finden. Um ein Kino barrierefrei zu gestalten, muss ein sogenannter Streaming Server (ConnectStation) und ein spezifischer WLAN-Router (Acces Point) eingebaut werden, erklärt Erkau: „CinemaConnect ist ein Audio-Übertragungssystem auf WLAN-Basis. Wir greifen anhand unseres Servers, der nicht größer als ein DVD-Player ist, die Tonspuren und Untertitel vom Kinoserver ab und übertragen diese über WLAN auf das Smartphone des Kinogängers.“

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Jörn Erkau by Maren Méheust

Diese Inhalte werden seit der Digitalisierung in allen Kinos zur Verfügung gestellt. Die Schnittstelle ist also da, bis jetzt fehlte nur der Übertragungsweg zum Abnehmer. Zwar können in manchen Kinos Empfänger zur Hörunterstützung geliehen werden, doch gestaltet es sich per Smartphone viel einfacher und auch mit eigenen Kopfhörern hygienischer.  Außerdem entfallen für den Veranstalter jegliche Kosten für die Bereitstellung, den Verleih und die Wartung von Geräten. 

Mit der Plattform „culture inclusive“ informiert Sennheiser bereits, wo deutschlandweit barrierefreie Kulturangebote zu finden sind. Auf der interaktiven Deutschlandkarte kann nach Angeboten für Seh- oder Hörbehinderte geschaut werden.

Personalisierte Assistenz

Wenn ein Kino das Streaming System CinemaConnect installiert hat, muss der Nutzer nur noch die kostenlose Applikation herunterladen und sich im Kinosaal mit dem WLAN verbinden. Je nach Sinnesbehinderung stellt Sennheisers Applikation vier unterschiedliche Kanäle zur Verfügung: „Ich kann nicht nur Hörunterstützung oder Audiodeskription anfragen, sondern auch die französische oder englische Fassung des Films“, erklärt Erkau, der sich schon früh als Musiker und mit seiner Soundcom GmbH die Arbeit mit Ton zum Beruf gemacht hat.

Dabei geht die Applikation auf die persönlichen Bedürfnisse des Nutzers ein: „Wenn ich zum Beispiel eine Hörbehinderung bei den höheren Frequenzen habe, kann ich das per App nachjustieren und nur diese auf meinen Kopfhörern lauter stellen. Dafür hat Sennheiser in Unterstützung mit Fraunhofer spezielle Algorithmen entwickelt, um die Sprachverständlichkeit zu verbessern, die dann grafisch auf dem Smartphone übersetzt werden – dem sogenannten ‚personal hearing assistant‘.“ Bei Gehörlosigkeit können mit der Applikation Untertitel auf dem Smartphone mitgelesen werden. Außerdem bietet CinemaConnect auch das Abrufen mehrsprachiger Untertitel an, was zeigt, dass die App nicht nur Inklusion im Fokus hat.

Jörn Erkau stellte mir auf der Messe auch den Prototypen einer Untertitel-Brille vor, die bald das Mitlesen der Untertitel durch Projektion auf den unteren Rand der Leinwand für den Nutzer noch vereinfachen soll.

Anders gestaltet es sich bei Sehbehinderungen: „Wenn man blind ist, hört man zwar alles, sieht aber nicht, was auf der Leinwand passiert. Genau das übernimmt dann die Audiodeskription, die mit einem Ohr mitgehört werden kann. In jedem Audiodeskriptionstream arbeiten sehende und blinde Redakteure zusammen. Die Sehenden beschreiben die Geschehnisse so lange, bis sich das Bild mit dem des Blinden deckt.“

Individualisierte Inhalte sind die Zukunft

In Deutschland sind bereits 20 Kinos mit CinemaConnect ausgestattet. Ebenso in Finnland und Dänemark. In den USA laufen derzeit zwei Demo-Installationen und Korea meldete auch bereits Interesse. Ihre Welttournee führte Erkau und Edeler bis nach Dubai, wo sie großes Potential sehen: „Bei unserer Recherche sind wir auf die EXPO 2020 gestoßen, die auch mit den Themen Inklusion und Zugänglichkeit wirbt. Außerdem ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten die Technikaffinität sehr groß und es gibt über 1600 Kinosäle in der Region.“

Mit CinemaConnect reagiert Sennheiser für Simon Edeler auf eine Entwicklung der Gesellschaft: „Heutzutage werden Inhalte immer mehr individualisiert konsumiert – das sieht man schon beim Fernsehen. Kaum jemand nutzt noch das lineare Angebot, wenn man per Internet selbst bestimmen kann, wann man was sieht. Mit unserem System habe ich die Möglichkeit, ins Kino zu gehen, ein soziales Ereignis zu teilen und trotzdem individualisierte Inhalte abzurufen – sei es mit Fremdsprachen oder Hör- bzw. Sehunterstützung.“

Die nächsten Besuche in den Städten der Welt sind schon geplant, bei der die beiden weiterhin auf Messen und Festivals für ein barrierefreies Kulturangebot werben.


Image „red“ by Mezenmir (CC0 Public Domain)


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Machteliten-Hacking ist möglich – Warum Fatalismus bei Trump und Co. nicht hilft

Justitia (adapted) (Image by Markus Daams [CC BY 2.0] via Flickr)

Jahrelang haben die „liberalen“ Eliten die da unten und ihre Sorgen heimlich verachtet. „Jetzt wählen die Abgehängten die Rassisten, und der Schreck ist groß“, schreibt Elisabeth Raether in der Zeit. Nichts habe den Siegeszug von Donald Trump aufhalten können: keine Satire-Nummer, kein tadelnder Leitartikel, keine Häme über die Haare des pöbelnden Bauunternehmers. Und Michael Seemann führt aus, dass die Abgehängten und Verlierer der Globalisierung die alten Eliten zurückwünschen, die noch in derselben Welt gelebt haben wie sie.

„Deswegen schafft Trump, was Mitt Romney nicht schaffen konnte: Identifikationsfigur zu sein und positiver Entwurf einer Elite zu sein, zu dem sich die Arbeiter verbinden können. Trumps Erfolg kommt ohne Bildung und ohne Political Correctness aus, deswegen wirkt er erreichbar. Er repräsentiert eine entmachtete Elite der guten alten Zeit, die sich die Leute zurückwünschen. Eine Elite, die zwar egoistisch und brutal kapitalistisch war, die aber kulturell anschlussfähig und national bezogen blieb.“ Weil man gegen die globale Klasse nicht moralisch und argumentativ gewinnen könne, bleibt der alternativen Rechten nur noch, jede Moral und jedes Argument zu verweigern.

Fakten gegen die postfaktischen Populisten

Trump, Brexit und die Rehabilitation von „völkisch“ seien argumentative und moralische Pflastersteine in unsere Vitrinen. „Sie sind der internationale Aufstand gegen die kulturelle Hegemonie der globalen Klasse. Der Brexit macht die Richtung klar: eine andere Welt ist möglich. Aber als Drohung“, resümiert Seemann. Seit Jahren ertönt schon das Lied, wie die Globalisierung und die seit dem Untergang des sozialistischen Lagers fehlende „Angst vor einer kommunistischen Revolution“ die heutige Wirtschaftselite ökonomisch viel unabhängiger vom Lebensstandard der breiten Mittelschichten gemacht habe.

Diese globale Elite lebt perfekt vernetzt und abgesondert vom Rest der Bevölkerung. Wir werden beherrscht von einer transnationalen Klasse der Superreichen. Und genau diese Gemengelage nutzen die „postfaktischen“ Rassisten und Chauvinisten für ihre politischen Beutezüge aus. Das klingt ziemlich fatalistisch.

Vielleicht helfen Fakten weiter und da lohnt der Blick in die Forschungsarbeit des Soziologen Michael Hartmann, die im Campus Verlag unter dem Titel „Die globale Elite“ erschienen ist.  „Nur wenn die Topmanager der größten Unternehmen und die reichsten Menschen der Welt durch umfangreiche und kontinuierliche Erfahrungen außerhalb ihres Heimatlands einen eigenständigen Habitus ausbilden, der sich deutlich von dem ihrer auf nationaler Ebene verbleibenden Pendants unterscheidet, kann man von einer transnationalen Klasse oder Elite reden“, erläutert Hartmann. In seiner Analyse hat er weltweit 20.000 Konzernchefs, Aufsichtsratsvorsitzende, Chairmen, Board Members und Milliardäre unter die Lupe genommen und kommt zu einem überraschenden Ergebnis.

Globale Elite ziemlich lokal

„Im Durchschnitt stammt nur jeder zehnte CEO der weltweit größten und global aktivsten Unternehmen und ein etwas höherer Prozentsatz der Chairmen und übrigen Board-Mitglieder aus dem Ausland. Sogar nur ungefähr jeder zwanzigste CEO kann einen Studienabschluss einer renommierten ausländischen Business School oder Elitehochschule aufweisen. All das ist umso aussagekräftiger, als diese Prozentsätze sich auf die größten Unternehmen der Welt beziehen.

Weil die Inter- wie Transnationalität der Spitzenmanager umso stärker ausfällt, je größer die Konzerne sind, würden die Werte in dem Maß zurückgehen, in dem eine höhere Anzahl von Unternehmen berücksichtigt würde.“ Wenn es eine globale Wirtschaftselite oder gar eine globale Elite unter Einschluss der einflussreichsten Politiker und Mitglieder der anderen Eliten nicht gibt, dann eröffnet das nach Ansicht von Hartmann politische Handlungsspielräume.

Man braucht nicht auf die Einsicht der Superelite zu warten

Wer allerdings von einer einheitlichen weltweiten Superelite ausgeht, der kann angesichts der fehlenden Gegenkräfte auf globaler Ebene nur noch auf die Einsicht dieser Superelite oder auf das schmerzhafte Ende des neoliberalen Kapitalismus hoffen. Häufig gehe die Beschwörung globaler Eliten Hand in Hand mit der gleichzeitigen Feststellung, dass man dagegen nichts unternehmen könne. Wenn Wissenschaftler wie Wolfgang Streeck konstatieren, dass diese Eliten sich „keine Gedanken mehr über nationales Wirtschaftswachstum machen [müssen], weil ihre transnationalen Vermögen so oder so wachsen“ und sich mit ihrem Geld absetzen, dann verleitet das eher zu Endzeitszenarien als zu politischem Denken und Handeln.

Staaten können handeln

„Tatsächlich existieren für die Politik vielfältige Handlungsmöglichkeiten, diesen Entwicklungen etwas entgegenzusetzen, zumindest in den größeren Staaten dieser Erde“, so Hartmann. Besonders, wenn es um die Plünderung der öffentlichen Sphäre geht. Etwa bei der Umgehung von Steuerzahlungen oder der Privatisierung von öffentlichen Gütern. „Der Kampf gegen Steuerflucht ist jedenfalls nicht aussichtslos, wenn ein politischer Wille da ist. Das belegt auch das faktische Ende des vor wenigen Jahren noch als quasi naturgesetzlich betrachteten Schweizer Steuergeheimnisses“, betont Hartmann.

Als Beispiel führt er den Silicon Valley-Konzern Facebook an, der angekündigt hat, künftig alle Werbeeinnahmen auf dem britischen Markt auch in Großbritannien zu versteuern und nicht in Irland wie bisher. „Das dürfte ebenfalls zu einer drastischen Erhöhung der Steuerbelastung führen, denn Facebook hat bislang den wesentlich günstigeren Steuersatz in Irland genutzt und 2014 in Großbritannien gerade einmal 4327?Pfund Körperschaftssteuer gezahlt“, betont Hartmann. Das Unternehmen reagiere damit wie Google auf eine ab dem 1. April 2015 in Kraft getretene Änderung der britischen Steuergesetzgebung, die für Unternehmen, die derartige Steuervermeidungsstrategien betreiben, einen von 20 auf 25 Prozent erhöhten Steuersatz auf so ins Ausland verschobene Gewinne vorsieht.

Der gerade bei Politikern beliebte Hinweis auf die ungeheure Macht der globalen Wirtschaftselite und die eigene Ohnmacht ihr gegenüber verschleiere solche Möglichkeiten. Das Notiz-Amt sieht beste Möglichkeiten für das Machteliten-Hacking über gesetzgeberische Initiativen, um für mehr Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen. Die globale Elite ist wohl doch eher eine Schimäre. Sie ist zumindest kein scheues Reh, das beliebig Ausweichmanöver an den Tag legen kann.


Image (adapted) „Justitia“ by Markus Daams (CC BY 2.0)


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Netzpiloten sind Partner der OPEN! 2016

Bereits zum zweiten Mal findet die OPEN! 2016 statt – die Konferenz für digitale Innovation. Hier treffen Unternehmer, Denker, Verwaltungsexperten und Forscher aus ganz Deutschland aufeinander, um die Frage nach der Disruption zu klären: Wie einschlägig sind offene Systeme heute, morgen und in der Zukunft?

Für alle Interessierten gibt es ein umfangreiches Programm mit wissenswerten Themen, welches sich in vier Panels gliedert. In diesen Panels werden die Bereiche Industrie, Wissenschaft und Forschung, Kultur- und Kreativwirtschaft und die öffentliche Verwaltung angesprochen. Hierbei kann jeder an verschiedenen Vorträgen und spannenden Workshops teilnehmen von Referenten wie beispielsweise Karsten Panier oder Dr. Steffen Evers.

Die Konferenz werden Prof. Dr. Sabine Brunswicker – unter anderem Projektleiterin für Innovationsmanagement am Fraunhofer IAO Stuttgart – und Dr. Holger Schmidt, dem Chefkorrespondent mit Schwerpunkt Internet für das Magazin FOCUS, als Keynote-Speaker eröffnen und die Teilnehmer den Vormittag über begleiten, bis es dann am Nachmittag in die einzelnen Panels geht.

Aber danach ist noch nicht Schluss: Die Teilnehmer finden sich am Abend noch einmal zusammen, denn dann wird der Open Source Business Award verliehen – der Innovationspreis der OSB Alliance, bevor es dann ins Get-Together übergeht, wo sich noch einmal alle miteinander austauschen können.

+++ Das Gewinnspiel ist beendet +++

Wer diesen spannenden Tag voller Innovation nicht verpassen möchte, der kann bei uns Tickets gewinnen. Hierfür müsst ihr nur eine Mail mit dem Betreff OPEN! 2016 an gewinn@netzpiloten.de senden. Dafür habt ihr Zeit bis zum 15.11.2016 um 16 Uhr. Die Gewinner werden selbstverständlich von uns benachrichtigt. Wir wünschen viel Glück!

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Über die Supra-Planungen der Kommunistischen Partei China

Traffic. (adapted) (Image by Jakob Montrasio [CC BY 2.0] via flickr)

Politische und wirtschaftliche Entscheider des Westens sollten endlich anfangen, das Denken und die Kultur in China tiefgründig zu verstehen. „In der westlichen Welt scheint man zu meinen, Hintergrundwissen über die Volksrepublik China sei überflüssig, es genüge, von Fall zu Fall die Tagesereignisse zu verfolgen und mit westlichen Alltagswissen ad hoc zu reagieren“, so die Erfahrung von Professor Harro von Senger. Welchen Stellenwert die Parteinormen der Kommunistischen Partei China und das Gesetzesrecht der Volksrepublik China haben, stellt von Senger in seinem Buch „Supraplanung“ dar: „Wenn man nur schon die Verfassungsartikel zur Kenntnis nehmen und in ihrer vollen Tragweite begreifen würde, dann würde vieles, was in der politischen Tagespraxis geschieht, durchschaubar und leicht vorhersehbar werden. Aber leider werden offizielle Dokumente der Volksrepublik China im Westen regelrecht boykottiert und planmäßig nicht gelesen oder mit einem Lacher abgetan. Sie seien das Papier nicht wert, auf dem sie stehen.“

Parteinormen ohne Verhüllungsrhetorik

Anstatt zu glauben, China sei  ein Willkürstaat, in dem jeder Funktionär „pragmatisch“ mache, was ihm gerade einfalle, könnte man China aus der Sicht der generell-abstrakten Parteinormen, die teilweise über Jahrzehnte hinweg Geltung beanspruchen, betrachten. „Anstatt also mühsam und arbeitsaufwendig auf induktivem Weg, durch Feldforschungen, Umfragen, Interviews, Inspektionsreisen, die Sammlung und Auswertung von Einzeleindrücken allmählich gewisse Verhaltensmuster herauszukristallisieren, die Chinas Aufbau erklären, könnte man umgekehrt eine vergleichsweise arbeitssparende Methode einsetzen. Sie bestünde darin, das, was in China unter amtlicher Leitung vor sich geht, deduktiv, aus der Sicht der geltenden generell-abstrakten Partei- und Gesetzesrechtsnormen wahrzunehmen“, so von Senger. Dann verstünde man über Jahre und Jahrzehnte hinweg eine riesige Zahl von durch die Partei gelenkten Einzelvorgängen. Dazu zählt etwa das Programm Internet Plus. „Von einem Werkplatz der Welt zu einem Pionier und Taktgeber im Bereich der Digitalisierung schreitet das 1,3 Milliardenvolk scheinbar unaufhaltsam voran. Das wird im Westen kaum wahrgenommen. Doch wir müssen uns auf die Transformationen der Volksrepublik zu einer Digital-Großmacht, zu einer Konsumgesellschaft und zu einem zunehmend urbanisierten Land rechtzeitig einstellen. Smart-Phone- Gesellschaft, e- und m-Commerce, Bezahldienste, grüne Energien und zukunftsgerichtete Verkehrs- und Gebäudelösungen. China ist auf dem Weg, unser traditionelles Vorgehen der kontinuierlichen, technologiegetriebenen Weiterentwicklung in punkto Geschwindigkeit und Umsetzungskraft in den Schatten zu stellen“, erläutert von Senger im Netzpiloten-Interview. Gleiches gilt für die Strategie der Kommunistischen Partei, in der globalen Expansion nicht nur über Joint Venture-Projekte Modernisierungspotenzial aus dem Westen abzuziehen. Man setzt jetzt darauf, Unternehmen im Ausland zu kaufen, um an Technologien und an ausländische Kunden heranzukommen.

Jede westliche Führungskraft, die sich mit Geschäften in China beschäftigt, sollte die Parteidokumente und die parteiamtlichen Dokumente kennen, rät von Senger.

Zudem sollte man auch Kommentare zu amtlichen Normativtexten studieren. So etwa das 375 Seiten starke Opus ‚Die grosse Fusion und die grosse Transformation‘ (Beijing 2015). Hier findet man unverzichtbare Erläuterungen zu den «Wegleitenden  Ansichten des Staatsrates der Volksrepublik China betreffend die aktive Förderung des Programms ‚Internet plus‘ vom 4. Juli 2015. Wer das liest, erkenne sehr schnell, dass es in Peking keine Verhüllungsrethorik gibt. Wir könnten also sehr genau wissen, was die Führungsgarde der Kommunistischen Partei, die den chinesischen Staat lenkt, denkt und plant. Für ein tiefgründiges Verständnis dessen, was in der Volksrepublik China vorgeht, unverzichtbar sind auch Grundkenntnisse von dem im Westen allerallerallerunbekanntesten Aspekt der Volksrepublik China, nämlich vom Sinomarxismus. Ihn bezeichnet die Kommunistische Partei Chinas in ihrer – im Westen ignorierten – Satzung als „Richtschnur“ ihres Handelns.

Die im Westen unbekannten Polaritätsnormen und Strategeme

Dass Ausländisches in der Volksrepublik China Überhand nimmt, wird die Kommunistische Partei China niemals zulassen. Es geht um die Befolgung der von Mao Zedong 1964 festgelegten Polaritätsnorm: „Ausländisches für China nutzbar zu machen, wobei China den Ton angibt“. Im Wirtschaftsverkehr mit dem Ausland bedeutet das konkret: „Vom Import zum Export, vom Lernen zur Neuschöpfung“. Hier kommt Maos sinomarxistische Dialektik zum Einsatz: „Alles Ausländische muss so behandelt werden wie unsere Speise, die im Mund zerkaut, im Magen und Darm verarbeitet, mit Speichel und Sekreten des Verdauungsapparates durchsetzt, in verwertbare und wertlose Bestandteile zerlegt wird, worauf die Schlacken ausgeschieden und die Nährstoffe absorbiert werden, sodass unser Körper Nutzen von der Speise hat; das Ausländische darf keineswegs mit Haut und Haaren roh verschlungen, kritiklos einverleibt werden.“ Die genannte Polaritätsnorm soll verhindern, dass Ausländer in der Volksrepublik je das Strategems Nr. 30 „Die Rolle des Gastes in die des Gastgebers umkehren“ anwenden könnten. Peking wird westliche Unternehmen nur tolerieren, solange sie den Zielen der Kommunistischen Partei nutzen und sich in die Gastrolle fügen. Natürlich werden auch politische Interventionen aus dem Westen abgeblockt. Hiesige Entscheider täten gut daran, nicht nur das Strategem Nr. 30, sondern alle 36 Strategeme aus dem Reich der Mitte genau zu studieren. Wer die Denksysteme des Reichs der Mitte kennt und sich zu Nutze zu machen weiss, kann in der Volksrepublik China mit Aussicht auf langfristigen Erfolg Geschäfte machen. Zur Vertiefung empfiehlt das Notiz-Amt folgende Werke:  

  • Harro von Senger: Moulüe – Supraplanung, München 2008
  • Harro von Senger: 36 Strategeme, Frankfurt am Main 2011
  • Harro von Senger: Meister Suns Kriegskanon, Stuttgart 2011
  • Harro von Senger: Die Kunst der List, 5. Aufl., München 2016
  • Harro von Senger: 36 Strategeme für Manager, 5. Aufl., München September 2016
  • Harro von Senger, Marcel Senn (Hg.): Maoismus oder Sinomarxismus?, Wiesbaden 2016
  • Bericht zum Vortrag von Sengers am 2. September 2016

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Image (adapted) „Traffic.“ by Jakob Montrasio (CC BY 2.0)


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Wie der Boom zeitgenössischer Kunst der Bilanz schadet

Metropolitan Museum of Art (adapted) (Image by Phil Roeder [CC BY 2.0] via flickr)

Die Amerikaner lieben ihre Museen, ganz besonders in den Sommermonaten. Tatsächlich belaufen sich Museumsbesuche auf etwa 850 Millionen pro Jahr, was sogar mehr ist als die Besucherzahlen von Sportveranstaltungen der ersten Liga und Themenparks zusammen (etwa 483 Millionen im Jahr 2011). Zum Teil liegt dies daran, dass es eine sehr große Auswahl gibt. Schließt man Zoos, historische Vereine, botanische Gärten und ähnliche historische oder kulturelle Stätten mit ein, überstieg die Anzahl der Museen in den USA im Jahr 2014 mehr als 35.000 Stätten – doppelt so viel wie in den 1990ern.

Die Anzahl der Kunstmuseen, die – wie ich behaupten würde – einige der wichtigsten Beiträge zur zeitgenössischen Kultur leisten, beziffert sich auf 1.575 und sind ebenfalls sehr beliebt. Eines der berühmtesten, das New Yorker Metropolitan Museum of Art (kurz: Met), wurde 2015 von rekordverdächtigen 6,5 Millionen Menschen besucht und ist damit auf Platz drei der beliebtesten Museen der Welt.

Doch Rekord-Besucherzahlen sind nicht unbedingt gleichbedeutend mit Rekord-Einnahmen. Gerade im letzten Monat verkündete das Met die Entlassung von mehr als 100 seiner Mitarbeiter, um ein Budget-Defizit von zehn Millionen US-Dollar auszugleichen. Und das nur wenige Monate, nachdem es einen Einstellungsstopp und freiwillige Abfindungen angekündigt hatte. Währenddessen wird einer seiner Konkurrenten in der Nachbarschaft, das Museum of Modern Art (MoMA) mit Geld überschwemmt und erhielt gerade erst weitere 100 Millionen US-Dollar für eine Expansion und Renovierung. Doch nur etwa drei Millionen Leute kamen im Jahr 2015 vorbei, um sich die ausgestellte Kunst anzusehen, sodass das MoMA weltweit auf Platz 15 geführt wird.

Wie lassen sich diese unterschiedlichen Verlaufskurven erklären? Warum florieren einige Museen, während andere straucheln? Vor kurzem habe ich im Rahmen der Recherche für ein Buch, das 2017 erscheinen und „Die Ökonomie der amerikanischen Kunst: Kunst, Künstler und Marktinstitutionen“ heißen wird, die Ökonomie des Kultur- und Kunstmarkts erkundet. Meine Recherche bringt mich zu der Annahme, dass es drei Gründe gibt, warum Museen unterschiedliche Schicksale haben: Mode, Demografie und Milliardäre.

New York - Metropolitan Museum of Art (Image by Alonso Javier Torres (CC BY 2.0) via Flickr)
Image (adapted) „New York – Metropolitan Museum of Art“ by Alonso Javier Torres (CC BY 2.0)

Die Geschichte zweier Museen

Das MoMA und das Met sind zwei der berühmtesten Museen der USA, was sie zu einer exzellenten Illustration der Finanzprobleme, mit denen Museen sich heutzutage herumschlagen müssen, macht. Das Met ist, bis auf einen Mangel an moderner, zeitgenössischer Kunst, eines der umfangreichsten Museen der Welt und kommt auf ein jährliches Budget von schätzungsweise 300 Millionen US-Dollar. Nichtsdestotrotz ist das Museum zurzeit mit einem Defizit von ca. zehn Millionen US-Dollar konfrontiert, das bis auf 40 Millionen US-Dollar gestiegen wäre, wenn man nicht angefangen hätte, Mitarbeiter zu entlassen. Außerdem verzögerte man seine Erweiterung der Ausstellungsfläche für zeitgenössische Kunst.

Der Kampf um Schirmherren, die bereit sind, große Mengen an Geld herüberzuschaufeln, ist im Feld der zeitgenössischen Kunst zu einer ernsten Angelegenheit geworden. Neben dem MoMA muss das Met auch noch lokal mit dem Whitney (das gerade erst in der City einen neuen Ableger eröffnet hat) und dem Guggenheim-Museum sowie einem Dutzend anderer Museen in anderen großen Städten der USA konkurrieren, wie mit The Broad, einem neuen Museum für zeitgenössische Kunst in Los Angeles. Sie müssen außerdem um den Besitz von Meisterwerken und anderen Ausstellungsstücken, die die meisten Besucher anziehen und so zu entsprechend mehr Spenden führen, kämpfen.

Zur selben Zeit hat das MoMA mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen, die die Vor- und Nachteile seines Erfolgs illustrieren. Der 400 Millionen US-Dollar schwere Expansionsplan, unterstützt durch eine 100 Millionen US-Dollar schwere Spende des Milliardärs David Geffen, bringt mit sich, dass bestimmte Bereiche des Museums während des Projekts geschlossen werden müssen, was wiederum zu weniger Besuchern und so auch zu weniger Einnahmen führt. Das MoMA hat Mitarbeitern, die nicht gebraucht werden, freiwillige Abfindungspläne angeboten. Dennoch ist es mit einer Dotierung von fast einer Milliarde US-Dollar in ziemlich guter Verfassung.

Die aktuellen Herausforderungen dieser beiden großen Museen werden sich mit der Zeit lösen, jedoch unterstreichen die aufgekommenen grundlegenden Fragen einige entscheidende ökonomische Faktoren, mit denen viele Kunstmuseen in den USA heute umgehen müssen.

Sich verändernden Geschmäckern nachjagen

Zunächst einmal unterliegen die finanziellen Herausforderungen des Met, die oben beschrieben wurden, einem Dauerproblem, das alle Museen haben: die Akquisitionspolitik. Die Direktoren des Met haben echte Schätze angesammelt, die das Met tatsächlich zu einem Museum mit enormer internationaler Reichweite machen – mit einer bedeutenden Ausnahme: Moderne und zeitgenössische Kunst. Thomas Hoving setzte den Fokus auf das Aufkaufen von Meistern der Renaissance und alten Kunst, wie beispielsweise Velázquez’ „Portrait von Juan de Pareja” und des ägyptischen Tempels von Dendur. Er entwickelte außerdem das neue, beliebte Konzept der „Blockbuster“-Wanderausstellung, für die die Besucher extra zahlen müssen.

Sein Nachfolger, Phillipe de Montebello, hat ebenfalls nicht viel getan, um die moderne Kollektion des Museums zu erweitern. Das Argument war, so scheint es, dass Museen wie das MoMA solche Arbeiten bereits in ihren Kollektionen hatten und dass die Anschaffung von zeitgenössischer Kunst von lebenden Künstlern – viele von ihnen befinden sich noch inmitten ihrer künstlerischen Entwicklung – problematisch und riskant war. Während die Sammlung zeitgenössischer Kunst des Met in den letzten Jahren zwar ein wenig gewachsen ist, hat das Museum es dennoch verpasst, sich den sich verändernden Geschmäckern der Besucher anzupassen, die zunehmend moderne und zeitgenössische Kunst favorisieren. So ist ein Wettbewerbsnachteil entstanden.

Der wirtschaftliche Punkt hier ist, dass, wenn ein Museum wie das Met nicht mit den wandelnden Geschmäckern seiner Besucher auf der Höhe bleibt, die Einnahmen schnell sinken können. Und an dem Punkt, wo sich das Haus dessen bewusst wird, ist es oft bereits zu spät, um etwas ändern zu können, denn die Kosten für die Anschaffung der nachgefragten Kunst sind bereits ins Unermessliche gestiegen. Da Museen Werke entweder als Spende oder als Kauf anschaffen, ist in Ermangelung eines großzügigen Geschenks die einzige Alternative, eine „ausgezeichnete“ Sammlung von Werken von einer anderen Institution oder einem privaten Sammler zu erstehen.

Diese Alternative steht einigen Museen in den USA offen. Dies führt jedoch zu einem weiteren kritischen Faktor – die sich verändernde Verteilung von nordamerikanischem und weltweitem Einkommen und seine Auswirkungen auf die Finanzen und den Betrieb der Museen. Gerhard Richters ‚Abstraktes Bild’ (1986) wurde im vergangenen Jahr für 46 Millionen US-Dollar verkauft und wurde damit zum zweithöchsten Verkauf eines lebenden Künstlers.

Abstraktes Bild - Gerhard Richter (Image by Pedro Ribeiro Simões (CC BY 2.0) via Flickr)
Image (adapted) „Abstraktes Bild (Nº 635) (1987) – Gerhard Richter (1932)“ by Pedro Ribeiro Simões (CC BY 2.0)

Milliardärsblase

Wir leben in einer Boom-Zeit der zeitgenössischen Kunst, manche würden es wohl tatsächlich als eine Kunstblase beschreiben. Die Anzahl der Auktionen, Kunstmessen und Galerien ist extrem gestiegen, um den aufkeimenden Markt zu bedienen. Arbeiten des unbestrittenen Meisters der zeitgenössischen Kunst, des deutschen Künstlers Gerhard Richter, generierten in den vergangenen Jahren Umsätze von 1,2 Milliarden US-Dollar. In einer Welt mit etwa 1.800 Milliardären braucht es nur wenige, um hoch angesiedelte Preise für Kunst in astronomische Höhen zu befördern. Rezessionen, Aktienmarkt-Rückgänge und Tumulte in internationalen Angelegenheiten vermögen den Kampf dieser Sammler um das Beste vom Besten kaum zu bändigen – insbesondere nicht in der zeitgenössischen Kunst.

Neben so berühmten Namen wie Jackson Pollock, Mark Rothko und Barnett Newman räumen nun „heiße” Jungkünstler, die nach 1955 geboren sind, die Top-Preise bei den Auktionen ab. Zwischen Juli 2014 und Juni 2015 erreichten die Zuschlagspreise für einzelne Kunstwerke von Jean-Michel Basquiat, Christopher Wool und Jeff Koons jeweils 33 Millionen, 26,5 Millionen und 23 Millionen US-Dollar. Mit diesen explodierenden Preisen können die Museen ganz einfach nicht mithalten, so dass sie für gewöhnlich auf Spenden angewiesen sind, um Sammlungen der besten Werke anzuschaffen – oder sie werden aus dem Markt gedrängt. Die Milliardäre bauen sich mehr und mehr ihre eigenen, privaten Sammlungen, auf und nehmen öffentlichen Museen dadurch um so mehr die Möglichkeit, an die angesagten Werke zu gelangen.

Demografie und Rezession

Ein drittes Problem ist, dass die demografische Entwicklung die Probleme der Museumsfinanzen und des Museumsbetriebs noch verschärft hat, indem sie Druck auf die Einkommensseite der Gleichung ausübt.

Arbeitslosigkeit, frühe Verrentung und die Vergreisung der Bevölkerung in den USA haben zu mehr Besuchen von Museen aller Art geführt. Man könnte meinen, dies sei eine gute Sache – und in vielerlei Hinsicht ist es das auch. Doch mehr Besucher bedeuten auch mehr Kosten, und wenn die zusätzlichen Besucher keine höheren Einnahmen bewirken, dann sinkt die Rentabilität. Dies liegt an dem jahrelangen Trend, Museumsbesuche „kostenfrei“ anzubieten, indem Einzelpersonen, die Regierung oder „Sponsoren“ die Kosten übernehmen. Doch wenn diese Unterstützung durch Plankosten oder durch andere Gründe reduziert wird, müssen die Museen entweder dafür die Rechnung bezahlen, oder die Gefahr eingehen, ihre Schirmherren zu verlieren, indem sie plötzlich Eintrittsgelder verlangen.

Es gibt eine empirische Evidenz dafür, dass Museumsbesuche antizyklisch sind. Das bedeutet, dass sie ansteigen, wenn das ökonomische Wachstum sich verlangsamt. Das passiert aber auch dann, wenn die „Sponsoren“ allmählich verschwinden. Anders gesagt, die Rekord-Besucherzahlen des Met klingen oberflächlich toll, doch sie könnten zum Haushaltsdefizit beigetragen haben, indem sich durch sie die Ausgaben erhöhten.

Wert der Kunst

Museen werden sicherlich weiterhin existieren und Millionen von uns Einblicke unschätzbaren Werts in unsere vergangene und aktuelle Kultur gewähren – doch sie müssen unter dem Imperativ der ökonomischen Prinzipien existieren. Die Geschmäcker werden sich ändern, die Einkommensverteilung wird die Verfügbarkeit von Kunst verändern und die Demografie wird sich verschieben. Während keiner dieser Faktoren die Bedeutung von Kunstmuseen negiert, wäre es klug, wenn die Verwalter diese ökonomischen Faktoren zukünftig in ihre Kalkulationen einbezögen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Metropolitan Museum of Art“ by Phil Roeder (CC BY 2.0)


 

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Coding da Vinci Nord: Der Kultur-Hackathon kommt nach Hamburg

Coding da Vinci 2015 - Auftakt (Image by Open Knowledge Foundation Deutschland [CC by 2.0] via Flickr

Coding da Vinci ist ein Event aus Berlin, das sich seit 2014 dafür einsetzt, dass digitalisierte Informationen von Kulturinstitutionen – wie beispielsweise Museen – für alle frei zugänglich und nutzbar gemacht werden. 2016 wird es unter dem Namen „Coding da Vinci Nord“ erstmals in Hamburg stattfinden. Ziel des Projektes ist die Vernetzung von Kulturinstitutionen mit Entwickler_innen, Designer_innen, Geisteswissenschaftler_innen und Künstler_innen: Im Rahmen von Kultur-Hackathons, die vom Kick-off-Wochende bis zur Präsentation der Projekte mehrere Wochen dauern, entstehen aus diesen frei nutzbaren Kulturdaten Apps, Dienste, Spiele und Visualisierungen. Das bringt für die Teilnehmer_innen vor allem Spaß an der Entwicklung mit ungewöhnlichen, nicht-kommerziellen Daten und Erfahrungsaustausch mit anderen.

 

Das ist der Hackathon, der wirklich Spaß macht, weil mal kein Business, sondern Kultur im Vordergrund steht – einfach Klasse!“, meinte Coding da Vinci-Teilnehmer Eric schon im vergangenen Jahr.

Die Projekte, die im Rahmen der Berliner Hackathons 2014 und 2015 entstanden sind, kann man sich auf der Website von Coding da Vinci ansehen. Darunter ist beispielsweise eine App zur Bestimmung von Pflanzenarten, welche Daten des Botanischen Gartens nutzt oder eine Anwendung, welche den Nutzer anhand von Bildern aus dem Stadtmuseum Berlin auf einen historischen Streifzug schickt. Auch Hardwareprojekte wie der Cyberbeetle oder der verspielte zzZwitscherwecker sind bei Coding da Vinci entstanden.

Ab in den Norden

Am 17. und 18. September startet Coding da Vinci Nord in Hamburg mit einem Auftakt-Event, zu dem ca. 125 Teilnehmer_innen erwartet werden. Im Anschluss können die Teams, die sich vor Ort finden, sechs Wochen lang an ihren Projekten tüfteln, bevor sie in einer Abschlussveranstaltung unter Beisein der Öffentlichkeit prämiert werden. Coding da Vinci Nord wird von einem Team von neun ehrenamtlichen Mitarbeiter_innen organisiert. Das Projektmanagement in der Hansestadt übernimmt Philipp Geisler, der auch bei „Code for Hamburg“ ehrenamtlich tätig ist.

CDV-Nord_Kacheln-2016

Im Unterschied zu den Berliner Veranstaltungen werden die Institutionen und Teilnehmer dieses Jahr vorwiegend aus dem norddeutschen Raum und nicht mehr aus ganz Deutschland stammen. „Die regionale Ausrichtung des Hackathons soll für mehr Nachhaltigkeit in den Beziehungen zwischen den Kulturinstitutionen und den Entwickler_innen sorgen“, erklärt Geisler den lokaleren Fokus. „Wir können den Entwicklerteams aus der Region persönliche Treffen und Workshops vor und während der Hackathon-Phase bieten.“ Auch die Unterstützung von kleineren Institutionen bei der Aufbereitung der Datensets sei so einfacher umsetzbar: „Kulturinstitutionen sind oft noch unsicher, ob sie ihre Daten freigeben sollen“, so Geisler. „Coding da Vinci ist auch entstanden, um diese Angst abzubauen.“

Hanseatisch hacken

Der Standort Hamburg für das erste lokale Event hat sich laut Philipp Geisler daraus ergeben, dass die hier angesiedelten Museen schon recht weit sind in der Digitalisierung ihrer Daten. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe hat beispielsweise seine Sammlung, soweit sie bereits digitalisiert wurde, öffentlich ins Netz gestellt und stellt diejenigen Werke unter Public Domain, bei denen die ursprünglichen Urheberrechte ausgelaufen sind. Neben dem Museum für Kunst und Gewerbe werden auch das Archäologische Museum Hamburg, die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky und das Museum der Arbeit beim Hackathon im September dabei sein. Aktuell ist das Team um Geisler damit beschäftigt, weitere Institutionen bei der Bereitstellung von Datensets zu unterstützen sowie finanzielle Mittel für das Projekt zu sichern.

Für Hamburg selbst bietet die Veranstaltung großes Potenzial. Philipp Geisler meint:

Coding da Vinci macht die Diskussion rund um offene Daten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und und bringt durch die Vernetzung zwischen der Kultur- und Entwicklerszene sowie durch unsere Beratung etwas Schwung in die Entwicklung.

Auch werden unter den Projekten naturgemäß einige sein, die sich mit hanseatischer Historie auseinandersetzen und den Bürgern einen neuen Zugang zur Geschichte der eigenen Stadt ermöglichen.

Wer nun Lust bekommen hat, das Ganze selbst auszuprobieren, kann sich ab Ende Juni per Mail hier anmelden. Wir wünschen frohes Hacken!


Image by Kathrin Kaufmann
Beitragsbild „Coding da Vinci 2015 – Auftakt“ by Open Knowledge Foundation Deutschland [CC by 2.0]


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Goethe und die Reaktivierung des transnationalen Dialogs in Europa

Goethe (adapted) (Image by motograf [CC BY 2.0] via Flickr)

Wie froh wäre Johann Wolfgang von Goethe gewesen, das grenzenlose und echtzeitige Netz für den transnationalen Dialog einzusetzen. Der Dichterfürst nutzte den Postweg – allerdings mit einem privilegierten Status. Das Postmonopol war in privater Hand und galt als Grundpfeiler der vorindustriellen Modernisierung. Ihr “Erfinder” Franz von Taxis wurde auf eine Stufe mit Christoph Kolumbus gestellt. Der damalige Provider “Thurn und Taxis” gewährte Goethe ein Freibriefrecht. “Für Briefe von und an Goethe musste kein Porto bezahlt werden”, erwähnt der Literaturwissenschaftler Peter Goßens im Interview mit Sabria David, die in einem internationalen Projekt des Goethe-Instituts die Salonkultur des 18. und 19. Jahrhunderts wiederbelebt.

Der europäische Netzwerker

Goethe konnte so viele Briefe schreiben, wie er wollte. Mit dieser freien Kommunikationsform entwickelte er sich zum Netzwerker für den europäischen Diskurs. Es war die Triebfeder seines kosmopolitischen Humanismus, von dem sich die besorgten Bürger eine Scheibe abschneiden sollten. Heute würde Goethe dafür Facebook, Twitter, Periscope, Hangout on Air und einen Blog einsetzen. Damals setzte er vor allem seine eigene Zeitschrift “Ueber Kunst und Alterthum” ein, um mit den “Literatoren” Europas in Kontakt zu treten.

Neben seiner umfangreichen Korrespondenz, den Besuchern und Gesprächen, die zum Weimarer Alltag gehörten, war es vor allem das Projekt der Zeitschrift, die es dem alternden Goethe ermöglichte, ein virtuelles, aber durch seine gedruckte Form manifestes Kommunikationsnetz zu spannen und seine Wahrnehmung des weltliterarisch Bedeutsamen bekannt zu machen,

schreibt Goßens in seiner Habilitationsschrift “Weltliteratur”, erschienen im J.B. Metzler-Verlag.

Transnationales Kommunikationssystem im 19. Jahrhundert

Goethe schuf damit eine kleine, aber sehr einflussreiche europäische Öffentlichkeit. Er suchte und fand Verbündete für sein weltliterarisches Unterfangen zur Schaffung eines transnationalen Kommunikationssystems. Weltliteratur wird von Goethe nicht als Kanon definiert, sondern als Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung. Nicht die Lektüre literarischer Werke steht im Vordergrund, sondern die grundlegende Kenntnis der Kulturen anderer Länder. Der Dichterfürst verstand sich als Katalysator zur Herausbildung einer europäischen Leserschaft. Zu seiner Lieblingslektüre zählte dabei “Le Globe“, die sich nationalen Vorurteilen und kulturellen Hegemonie-Bestrebungen entgegenstellte. Sein Anliegen wurde von nationalistischen Bedenkenträgern als undeutsche Gesinnung ausgelegt. Mit seiner internationalen Netzwerkstärke konnte Goethe dieses Stammtisch-Gebrüll deutlich übertönen.

Neue Ideen für Europa

Ähnliches erhofft sich Günther Rüther von den Intellektuellen unserer Zeit.

Im 19. und 20. Jahrhundert waren es vor allem Kriege, die der europäischen Idee neue Kraft verliehen. Den Intellektuellen ging es dabei um die Überwindung nationalistischer Vorurteile, den Abbau von Hass oder Intoleranz und vor allem darum, verloren gegangene Freundschaften zwischen den Völkern erneut zu stiften,

schreibt Rüther in seinem neuen Buch “Die Unmächtigen – Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945”, erschienen im Wallstein Verlag. Europa brauche jetzt die Stimme der Intellektuellen. Sie müssen die Sprache der Macht und der Expertokratie dechiffrieren, um der europäischen Idee wieder Auftrieb zu geben.

Popkultur statt rückwärtsgewandter Abendländerei

Das Notiz-Amt verweist auf eine Rede von Rüdiger Altmann: Von rückwärtsgewandten “Ersatzideologien” wie der “Abendländerei”, jener in den fünfziger Jahren vor allem in weiten Teilen des deutschen Katholizismus verbreitete “Abendland”-Idee, hielt der frühere Berater von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard gar nichts. Das formulierte er bereits in den 1990er Jahren:

Im Grunde ist es die Aufgabe Europas, den Kulturkonflikt dieser sich wandelnden Welt auszuleben und mit neuen Ideen zu überwinden… Welches sind die europäischen Ideen, die Europas Existenz heute ausmachen? Das kann nicht die Idee eines sich gegen die übrige Welt abgrenzenden Europas sein, das um seine Identität, auch um seine geschichtliche Identität, ringt. Die entscheidende Frage ist: Findet Europa den Mut, neue Ideen zu formulieren und auszuleben, die die ganze Welt angehen, also in diesem Sinne nicht spezifisch europäische sind? Auf diese Weise könnte Europa wieder jene Weltgeltung erlangen, die es früher gehabt hat.

Altmann betont dabei die Kraft der Popkultur. Die mediale Kultur habe einen großen Bedarf und Verbrauch an Ideen.

“Darin unterscheidet sie sich deutlich von der Kultur der Klassengesellschaft alten Stils. In gewissem Sinne ist sie unideologisch. Zugleich entfaltet sie in der Massengesellschaft ein Kommunikationsfeld von großer Kraft…” Genau das sollte von der europäischen Zivilgesellschaft ausgehen. Vielleicht ist die Popkultur ein veritables Mittel, den Nationalisten und Rassisten in den europäischen Staaten das Wasser abzugraben – in transnationalen Dialogformaten nach dem Vorbild des Dichterfürsten Goethe.


Image (adapted) “Goethe” by motograf (CC BY 2.0)


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Zukunft Partizipation: Museen im Kontext der Digitalisierung

comment@lab-Image-Zenum-Berlin

Die fortschreitende Digitalisierung ist für tiefgreifende Modifizierungen in Wirtschaft und Gesellschaft verantwortlich. Sie ist dabei alles zu verändern, nicht zuletzt uns selbst. So geht es auch für Museen und Museumsschaffende nicht mehr um das „Ob“ sondern um das „Wie“. Wie positionieren sich Museen und Museumsschaffende als Vorreiter einer digitalen Öffentlichkeit? Wie gestaltet sich das Museum der Zukunft im progressiven Sinne mit den Menschen? Haben die Kuratoren der Zukunft eine Antwort auf die Frage der gesellschaftlichen Legitimation und den damit verbundenen Mehrwert für die digitale Öffentlichkeit? Brauchen Museen agile Organisationsstrukturen als Motor für offene Innovation und als bereicherndes Gegenstück zur klassischen Hierarchie? Und wie sehen Organisationsstrukturen aus in denen Offenheit und Transparenz zur Grundlage für einen kreativen Austausch zwischen Museumsschaffenden und Besuchern wird?

Die sich verändernden Erwartungen des Publikums

Charles Leadbeater beschreibt in seinem Essay „The Art of With”, drei sich überlappende Kategorien kultureller Aktivitäten: das Genießen (Konsumieren), die Unterhaltung ( Geselligkeit / Interaktion ) und das Tun (das Erstellen eigener Beiträge). In der Vergangenheit erwartete das Publikum von Kultureinrichtungen mehrheitlich Kulturerlebnisse in denen das Genießen im Vordergrund stand. Heute dagegen, im Zeitalter des World Wide Web, fordert das Publikum zunehmend kulturelle Erfahrungen ein, in denen die Möglichkeit zur Interaktion und Kreativität einen immer höheren Stellenwert gegenüber dem Genießen einnimmt.

So stellt auch Birgit Mandel im Rahmen des vom Goethe Instituts initiierten MOOC „Managing the Arts” fest, dass sich durch die Digitalisierung, die Erwartungen der Nutzer im Kontext kultureller Aktivitäten eklatant verändern. So argumentiert sie, dass heutige Nutzer immer mehr dialogische und partizipative Formate im Rahmen von Kunst und Kultur fordern. Folglich bedeutet dies für kulturelle Institutionen, ein Mehr an Besucherorientierung statt wie bisher Organisationsorientierung. Konkret müssen sie, neben ihren üblichen aus der bürgerlichen Mitte stammenden Besuchergruppen, neue und bisweilen auch sehr unterschiedliche Besuchergruppen beteiligen und sich gegenüber deren Bedürfnissen und Interessen öffnen.

Auch verändert das World Wide Web unsere Beziehungen zueinander und unseren Umgang mit Wissen und kulturellem Erbe. So stellt Graham Black in seinem Buch „Transforming Museums in the Twenty-first Century” fest, dass sich mit dem World Wide Web ein neuer kooperativer Ansatz zur Wissensgenerierung und dessen gemeinsamer Nutzung etabliert. Über die Anerkennung verschiedener Perspektiven und die sich daraus entwickelnde Erwartungshaltung der Nutzer, dass sie in der Lage sind Inhalte hinsichtlich ihrer eigenen Bedürfnisse zu generieren, sie anzupassen und zu verändern, wird so eine Arbeitskultur des miteinander und nicht des füreinander geschaffen. So wird die Zukunft der musealen Arbeit weniger darauf fixiert sein was Menschen für die Institution tun können als darauf was Menschen für ihre eigene Entwicklung tun können, indem sie die Ressourcen der Institutionen nützen. Die Folge daraus ist die Nachfrage nach Kulturangeboten, die mehr auf die Bedürfnisse Einzelner und einzelner Interessengruppen eingehen.

Offenheit und Dialog schaffen

Die Herausforderung für Museumsschaffende besteht nun darin, reagierend auf die Erwartungen, ansprechende Kulturerlebnisse zu entwickeln und umzusetzen. Genauer gesagt, wenn Verbindung und Kombination, Zusammenarbeit und Unterhaltung die Schlagworte der neuen Massenkultur des World Wide Web sind, dann müssen Museen kritische, phantasievolle und herausfordernde Möglichkeiten finden, offen und kooperativ neue Inhalte zu produzieren. Dennoch um die Gefahr des Relevanzverlustes zu umgehen, muss sich für jedes Museum zukünftig die zentrale Frage stellen, welche Form der Offenheit für die eigene Vision wirklich zählt?

Welchen Zielgruppen gegenüber will es offen sein, an welcher Stelle initiiert es Dialog? Nutzt das Museum das World Wide Web, um mit neuen Zielgruppen auf eine ihm neue Art und Weise zu kommunizieren; oder nutzt es dieses zur Entscheidungsfindung, über Inhalte und Themen seiner musealen Arbeit? Will das Museum Kreativität fördern, indem es verschiedene Communities bei der Entwicklung einer Ausstellung mitwirken lässt? Oder stellt es seine Archive und andere Ressourcen zur Verfügung, für diejenigen, die sie kreativ verwenden möchten? Welche Tools setzt das Museum für eine effektive Gestaltung des Dialogs ein und welche Plattformen stellt das Museum für die Zusammenarbeit bereit? Und die wichtigste Frage welchen Mehrwert schaffe ich dadurch für Organisation und Teilhabende? Warum beteiligen sich Menschen an offenen Projekten, welche Motivation haben sie, ihr Wissen und ihre Ideen offen mit anderen auszutauschen und warum sollte das Museum für sich anstreben, offen zu sein?

Gehen wir davon aus, dass die Autorität der Kuratoren im Vergleich zu dem riesigen, stetig wachsenden kollektiven Wissensspeicher und der damit verbundenen Leidenschaft, im digitalen Zeitalter immer mehr verblassen wird, stellt sich eine weitere nicht unwichtige Frage; Wie können Kuratoren ihre Rolle in der Weise neu definieren, indem sie die Macht des Publikums nutzen, ohne dabei ihre eigenen Standpunkte zu verlieren oder gar zu banalisieren?

Informationskompetenz aufbauen

Cory Doctorow appelliert im Rahmen seines Vortrages „GLAM and the free World” auf der Tagung „Museums and the Web” in Florenz 2014 an die Museumsschaffenden, dass sie doch diejenigen seien, die uns (die Gesellschaft Anm. SJ) mit persönlichen und kulturellen Praktiken der Konservierung, der Archivierung, der Verbreitung und des Zugangs ausstatten können.

Da Sie verstehen wie archivieren funktioniert, die die Bedeutung des Vergänglichen verstehen und deren Tagesgeschäft es seit Jahrhunderten ist, sich mit Informationen und Autoritäten zu beschäftigen, indem sie Prozesse systematisieren, die herausfinden sollen, welchen Quellen zu vertrauen sei und warum. So sind seines Erachtens Kuratoren notwendiger denn je, wenn es darum geht, dass wir glaubwürdige Informationen von den nicht glaubwürdigen, in dem Moment in dem wir ein Schlagwort in ein Suchfeld eingeben, unterscheiden sollen.

Netzwerke initiieren

Darüber hinaus können Kuratoren zukünftig eine führende Rolle darin einnehmen, die im World Wide Web täglich geschaffene Fülle an Informationen, zu erforschen und den Teil an Quellen auszuwählen und zugänglich zu machen, der für unsere Gesellschaft sinnstiftend ist. Indem sie für sich die polyphonen Stimmen des World Wide Web entdecken, Verbindungen zwischen Gleichgesinnten herstellen, und so Netzwerke von Interesse aufbauen. Auf diese Weise können Museen damit aufhören Inhalte für ein Massenpublikum zu generieren. Stattdessen können sie eine Vielzahl von „Gesprächen“ initiieren, die dann wiederum die Grundlage für ein wirklich partizipatives Kulturprogramm bilden können.

Auch im Kontext der Finanzierung von Museen spielen Netzwerke eine immer größere Rolle. Müssen Museen doch auf ein Publikum anziehend wirken, welches wiederum attraktiv für Sponsoren ist. Sie müssen Geldgebern zeigen, dass sie einen Mehrwert für eine beträchtliche Anzahl von Menschen schaffen können. Daher wird der zukünftige Erfolg vieler Museen davon abhängen, wie gut sie ihre Netzwerke ausbauen und inwieweit sie Unterstützer und Publikum von sich überzeugen können.

Agile Strukturen – vom Blockbuster zum Prototyp

Um im Kontext der Digitalisierung anspruchsvolle Kulturerlebnisse entwickeln zu können, brauchen Museen zur Umsetzung verschiedener Prototypen agile Strukturen. Daher sollten Museen zukünftig auf ein Portfolio aus Experimenten setzen, die es ermöglichen Optionen der Teilhabe in verschiedenen digitalen Formaten iterativ zu testen.

Bisher folgen die kleinen ergänzenden Programme (Experimente) ?den großen Projekten (Blockbuster). Senior Kuratoren und Museumsdirektoren entwickeln, die meist mit sehr hohen Kosten verbundenen Elemente des Programms; die Aufgabe der „unteren“ Ebene ist es dann, diese größeren Projekte mit kleinen Programmen zu ergänzen, um diese zu bereichern und zu unterstützen. Museen, die mehr Partizipation wollen, sollten den Fluss der Programmentwicklung umkehren. Sie sollten mit kleinen Programmen beginnen, und daraus, aufbauend auf deren Erfolg, die kostspieligen Formate entwickeln.

Der Low-Cost-Teil lenkt so den High-Cost-Teil des Programms, dabei sollte der Low-Cost-Teil des Programms offen für Ideen aus den unwahrscheinlichsten Orten außerhalb der Organisation sein. In einer solchen Struktur, haben Kuratoren die Freiheit, „Prototypen“ für außergewöhnliche Ideen, die sie realisieren wollen, umzusetzen. Jeder Prototyp wird ausgewertet und die Erfolgreichen werden weiterentwickelt und mit mehr Investitionen ausgestattet. Letztlich sind dann die Programme mit höheren Kosten die direkten Ergebnisse der vielfältigen Low-Cost-Experimente.

Es wäre naiv zu glauben, eine generelle Verschiebung musealer Praxis in Richtung Zusammenarbeit und Beteiligung sei unumgänglich. Nichtsdestotrotz verändert das World Wide Web nachhaltig, wie wir Kultur erleben und gestalten, wie wir uns und unsere Arbeit organisieren, und wie wir Entscheidungen treffen und Wissen schaffen.

Die erarbeiteten Ergebnisse des Workshops „Die Rolle des Museums in der digitalen Stadt“ im Rahmen der Tagung Zugang Gestalten im November 2015, dienten als Ausgangspunkte für diesen Blogbeitrag.


Teaser & Image „comment@lab“ (adapted) by Zenum Berlin


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Nur Deutsche dürfen über Deutschland reden

Passentzug (adapted) (Image by Metropolico.org [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Wer keinen “deutschen” Namen hat, macht sich verdächtig, wenn er bei der Einwanderungs- und Flüchtlingsfrage nicht “deutsche” Positionen und das “deutsche Vaterland” verteidigt. Das riecht nach Interessenkonflikt. Wer nicht die richtige Abstammung hat, sollte sich doch mit seinen öffentlichen Äußerungen zurückhalten. Jedenfalls meint das eine Kölner Juristin im Disput mit meiner Frau. Ein Patriot sei der, der sein Vaterland liebt. “Vaterland hingegen ist das Land, wo die eigenen Vorfahren herkommen. Also Bitte beteilige dich an einem Sinti- und/oder Roma-Diskurs. Danke”, schreibt Frau Schmidt, also waschechter germanischer Adel, der im Zuge der Völkerwanderung aus Zentralafrika irgendwann mal in nordische Regionen vorgedrungen ist. Es kommt halt immer auf die zeitliche Einordnung der Vorfahren an. Hier empfiehlt das Notiz-Amt einen Blick in Wikipedia. Was sagt denn der Blut- und Boden-Lehrmeisterin der Name “Gunnar Sohn”? Klingt doch irgendwie ok, um von Frau Schmidt nicht aus dem “Diskurs” über Einwanderung und Flüchtlinge ausgeschlossen zu werden?

Erinnerungskultur im „Vaterland“

Wenn wir schon von Vorfahren sprechen, sollte dabei die Erinnerungskultur nicht fragmentarisch ausfallen. Die Erinnerungskultur muss an die nächste Generation weiter gegeben werden. Meine Großeltern Frieda und Wilhelm Sohn zogen 1932 nach Kuschkow/Spreewald und kauften dort eine Gast- und Landwirtschaft. Hier begann 1935 die Schulzeit meines Vaters. Da mein Opa Jude war, zwang man die Familie Sohn durch Boykottaktionen zum Verkauf des Geschäftes. 1936 zogen die Sohns nach Österreich und eröffneten auf dem Danielsberg in Kärnten eine Hotelpension – den Herkuleshof. Anfang des Jahres 1939 – also kurz nach dem “Anschluss” Österreichs – wurde das Hotel meiner Familie auf dem Wege der sogenannten Arisierung weggenommen und eine Kärntnerin als Eigentümerin eingesetzt. Mein Opa kam in das KZ Dachau – später dann in die “Heil- und Pflegeanstalt der Reichsvereinigung der Juden in Bendorf-Sayn” bei Koblenz.

Krankenmorde im „Vaterland“

Der Krankenmord an jüdischen Patienten war Teil der von Hitler befohlenen “Aktion T4”, einer Mordaktion, der von Januar 1940 bis August 1941 70.000 Insassen aus Heil- und Pflegeanstalten zum Opfer fielen. Sie wurde als geheime Reichssache von einer Bürozentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin (daher die Bezeichnung “T4”) aus organisiert. Die “T4”-Zentrale selektierte anhand von “Meldebogen” vor allem die nicht arbeitsfähigen Patienten und schickte sie mit Sammeltransporten über “Zwischenanstalten” in sechs der ihr unterstehenden Tötungsanstalten. Hier wurden die Menschen meist am Tag ihrer Ankunft in einer als Duschraum getarnten Gaskammer ermordet und ihre Leichen sofort in Verbrennungsöfen eingeäschert.

Ein „vaterländischer“ Erlaß

Noch während die “T4”-Sonderaktion lief, ordnete das Reichsinnenministerium mit einem “Runderlaß” am 12. Dezember 1940 an, dass jüdische Patienten künftig nicht mehr in die staatlichen Heil- und Pflegeanstalten aufzunehmen seien, sondern nur noch in die “Heil- und Pflegeanstalt der Reichsvereinigung der Juden in Bendorf-Sayn”. Begründet wurde die Anordnung wie beim “Erlaß” vom 30. August 1940, dass “Juden mit Deutschen” nicht mehr gemeinsam untergebracht sein sollten. Der “Erlaß” vom Dezember konnte jedoch aus organisatorischen Gründen nicht im geforderten Umfang umgesetzt werden. Obwohl die Bettenzahl in Bendorf-Sayn Anfang 1940 durch Aufstellung von Baracken von 190 auf 474 erhöht worden war, blieb die Anstalt überfüllt. Allein zwischen Januar und November 1941 waren 251 Neuaufnahmen zu verzeichnen. Die Deportationen der jüdischen Bürger nach dem Osten ab Frühjahr 1942 bedeuteten das Ende von Bendorf-Sayn. Die Anstalt wurde schrittweise geräumt.

Ohne Beruf, israelitisch und mit neuem Vornamen

Waggons mit den Patienten wurden an die Züge gekoppelt, mit denen die Koblenzer Juden im März, April, Juni und Juli 1942 deportiert wurden. Mit dem 10. November 1942 hörte die jüdische Anstalt auf zu bestehen.

Mein Großvater starb unter ungeklärten Umständen kurz vor seiner Deportation nach Auschwitz am 23. Mai 1942. In der Sterbeurkunde nannte man meinen Opa übrigens Wilhelm Alfons Israel Sohn – “ohne Beruf, israelitisch”. Das war die perfide Praxis der Nazis. Ein zusätzlicher Vorname, der die Stigmatisierung schon im Ausweis kenntlich machte. Israel für Männer und Sara für Frauen. Und selbst seinen erlernten Beruf als Land- und Gastwirt hat man in der Sterbeurkunde unterschlagen.

Mein persönliches Vater- und Großvaterland

Mein Groß-Onkel konnte sich noch nach London absetzen und überlebte. Für meinen Opa reichte das Geld nicht mehr, um den Nazi-Schergen noch zu entkommen. 1939 wurden meine Oma und mein Vater aus der “Ostmark” in das “Altreich” ausgewiesen. Sie zogen nach Berlin. Mein Vater besuchte die 6. Volksschule in Berlin Mitte. Da er nach dem Rassegesetz ein Mischling I. Grades war (meine Oma war Protestantin), durfte er keine höhere Lehranstalt besuchen. Im November 1943 wurden Oma und Paps ausgebombt und zogen zu den Großeltern mütterlicherseits nach Eggersdorf. Hier wollte mein Vater eine Laufbahn als Maschinenbauer beginnen, durfte aber, da das Rassegesetz verbot, einen handwerklichen Beruf zu ergreifen, seine Lehrstelle in Müncheberg bei der Firma Paul Sellin nicht antreten.

Daraufhin wurde ihm eine Lehrstelle als Landwirtschaftslehrling beim Landwirt Kurt Ehlert in Grünberg/Neumark zugewiesen. Als im Januar 1945 dort die Russen einmarschierten, wurde mein Vater als Gefangener nach Landsberg gebracht, kam aber im Juli 1945 wieder zurück nach Berlin. Er arbeitete zunächst in einem Elektrowerk in Köpenick, bis er am 25. September 1945 einen Straßenbahn-Unfall erlitt. Die Folge davon war ein steifes Bein. Nach seiner Genesung und einem langen Aufenthalt in Schweden (daher meine “nordischen” Vornamen Gunnar Erik) bei Onkel Pelle (so nannte ich den Sohn der Gastfamilie) wurde mein Vater ab dem 22. April 1947 Fahrscheinausgeber bei der BVG. Hier gelang ihm später unter sehr großen Anstrengungen eine Karriere in der Verwaltung als Dienstzuteiler – bis zu seiner Pensionierung, die er nur ein knappes Jahr genießen konnte. Er starb nach einem Unfall im August 1990. Das ist mein “Vater- und Großvaterland”, werte Frau Schmidt.

Und ich sehe es als meine Aufgabe als Sohn und Enkel meines persönlichen “Vaterlandes” an, Blut- und Boden-Rhetorikern entgegenzutreten.

Die Ausgrenzungsideologen

Wer Individuen auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe reduziert, wer Menschen nur über die Einteilung in Kategorien beurteilt und über Namen selektiert, speist eine Ideologie der Abgrenzung und Ausgrenzung. Es geht um bequeme Denkhaltungen, um sich abzugrenzen und abzuschotten. Es geht um Sündenböcke, die man als Allzweckwaffe benutzt. Nur nichts zulassen, um das vorurteilsbeladene Weltbild zu erschüttern. Kritisches Denken ist anstrengend. Am Schluss stellt sich vielleicht heraus, dass ja doch alles ein wenig komplexer ist als man anfänglich dachte. Einzelne Bäume will Frau Schmidt vor lauter Wald gar nicht wahrnehmen. Darum geht es, wenn von der Nation, von Vaterland, Patriotismus oder der sogenannten nationalen Identität gesprochen wird. Es sind Feindbilder, die in einer bequemen Komfortzone kultiviert werden. Der französische Philosoph Michel Serres hat das sehr gut auf den Punkt gebracht. Es geht um die Verwechslung von Identität und Zugehörigkeit. Ich gehöre zur Gruppe der Volleyball-Vereinsspieler. Ich gehöre zur Gruppe, die sich mit Livestreaming beschäftigt. Organisieren. Ich gehöre zur Gruppe, die gerne Himbeer-Marmelade mag. Ich gehöre zur Gruppe, die in Berlin geboren wurde.

An dieser Aufzählung merkt man sehr schnell, wie wenig die Zugehörigkeit über meine Identität aussagt. Ich bin ich. Das ist es. Herkunft und Vaterland sind Chimären, die nichts, aber auch gar nichts über den einzelnen Menschen aussagen.


Image (adapted) „Passentzug“ by Metropolico.org (CC BY-SA 2.0)


 

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Die Opt-out-Kultur der sozialen Netzwerke

Social Media apps (adapted) (Image by Jason Howie [CC BY 2.0] via Flickr)

Wer neue Funktionen in sozialen Netzwerken nicht nutzen möchte, muss beständig auf der Hut sein und Häkchen in den Einstellungen entfernen. Wer Opfer von Identitätsdiebstahl wurde oder durch Profiling-Agorithmen verdächtigt wird, muss seine Unschuld beweisen. Eine Opt-out-Kultur ist entstanden, die der Gesellschaft schadet, so das italienische Forscherkollektiv Ippolita.

Daten von Nutzern werden nach Belieben geändert

Die Macht des Defaults liegt in der Macht der Anbieter der sozialen Netzwerke, für Millionen von Nutzern Voreinstellungen zum Beispiel beim Datenschutz festzulegen und diese nach Belieben und oft ohne Wissen der Nutzer zu ändern. In Hinblick auf die freie Wahl ergibt sich daraus eine praktische Konsequenz, die eine nähere Betrachtung lohnt: eine Opt-out-Kultur entsteht. Wenn Facebook praktisch ohne Vorankündigung die Einstellungen für Millionen von Nutzern ändert und nur undurchsichtige oder jedenfalls nachgeschobene Information dazu liefert, wird stillschweigend vorausgesetzt, dass die Nutzer eigentlich gar nicht wissen, was sie wollen, oder dass der Anbieter es zumindest besser weiß.

Die sozialen Netzwerke akkumulieren enorme Datenmengen über die Vorlieben jedes einzelnen Nutzers und können diese mithilfe ihrer Feedback-Systeme (Votes, Likes, Missbrauchsmeldungen und andere Mechanismen) immer effizienter analysieren und zusammenführen. Sie speichern praktisch die wahre Identität ihrer Nutzer und gewinnen eine umfassendere Sicht auf sie, als die Nutzer sie vielleicht selbst besitzen. Aus der Perspektive der Anbieter sozialer Netzwerke ist es logisch, dass jede Änderung für die Nutzer von Vorteil ist – die gewonnen Daten sind der beste Beweis. Später können die Nutzer immer noch ihr Einverständnis bestreiten und die Neuerung ablehnen (Opt-out).

Die Annahme, dass neue Versionen immer besser sind, wird leichthin akzeptiert, führt jedoch zu einem Diktat der Innovation um ihrer selbst willen. Die Sache ist heikel, denn technisch gesehen wird es immer schwieriger, viele Millionen Nutzer in die Lage zu versetzen, unkompliziert zu entscheiden, was sie teilen wollen und wie. Offensichtlich sind die Betreiber der sozialen Netzwerke nicht allein dafür verantwortlich, ihren Nutzern Datenschutzeinstellungen anzubieten, die schwer in den Griff zu bekommen sind. Auch für Nutzer besteht die “optimale” Strategie in der datengetriebenen Welt der radikalen Transparenz oft darin, die Einstellungen lieber den Anbietern zu überlassen. Delegation gehört zum Wesen dieser Werkzeuge. Die Nutzer erwarten möglichst einfache Anwendungen, wollen jedoch ausdrücklich selbst entscheiden, zu welchem Grad und mit welcher Sichtbarkeit sie Dinge mit anderen teilen.

Freie Entscheidung vs. einfache Anwendungen

Vom Standpunkt der Anbieter sozialer Netzwerke ist es nicht einfach, gleichzeitig nutzerfreundlich zu sein, ein Massenpublikum zu erreichen und die ausdrückliche Zustimmung der einzelnen Nutzer einzuholen. Es ist also für beide – Dienstanbieter wie Nutzer – schwieriger und umständlicher, einer Opt-in-Logik zu folgen als die Entscheidung einfach an einen Algorithmus zu übertragen. Delegieren ist einfacher als alles selbst zu verwalten. Freie Entscheidung und Autonomie sind immer schwierig und riskant; im Massenmaßstab sind sie unmöglich.

Auch können wir in der “Google-Kultur” einen Kult der Innovation, von permanenter Forschung und Entwicklung beobachten, die dazu führt, dass neue Software meist in ungetesteten Beta-Version veröffentlicht wird. Wirklich brauchbar wird die Software erst, nachdem das Feedback der Anwender eingearbeitet wurde. Eine schlechte Neuerung zu riskieren, wird für die Anbieter so zu einem überschaubaren Risiko, weil jeder Schritt korrigiert werden kann, wenn sich zu viele Nutzer beschweren.

Betrachten wir ein praktisches Beispiel: Seit Dezember 2010 stellt Facebook seinen Nutzern eine Gesichtserkennungsfunktion zur Verfügung, um hochgeladene Fotos automatisch mit Nutzernamen zu versehen. Fotos werden durchsucht und Gesichter auf Basis bereits zugeordneter Bilder aus Zuckerbergs Datenbanken identifiziert. Als die Software in den USA eingeführt wurde, löste sie wegen der Gefahren für die Privatsphäre einen Sturm der Entrüstung aus.

Facebook entgegnete, die User könnten die Funktion doch einfach abschalten. Es genüge, einmal in die Privatsphäre-Einstellungen zu gehen und per Opt-out die automatische Foto-Tagging-Funktion zu deaktivieren. Natürlich hat Facebook, als die Technologie eingeführt wurde, es vernachlässigt, seine Nutzer – ob Einzelpersonen oder Firmen – zu benachrichtigen, dass die Gesichtserkennung standardmäßig aktiviert worden war. [In Europa hat Facebook die automatischen Vorschläge zur Gesichtserkennung seit 2012 deaktiviert, Anm. d. Red.]

Die Folgen des “Release early, release often”

Facebook ist nicht allein: Auch Google, Microsoft, Apple und die US-Regierung haben neue automatische Gesichtserkennungssysteme entwickelt. Vorgeblich im Interesse der Nutzer und zu dem Zweck, die Bürger vor gefährlichen Terroristen zu schützen. Aber das Gefahrenpotenzial der Technologie ist erschreckend. Im Worst-case-Szenario kann ein autoritäres Regime halbautomatisiert Gesichter mittels öffentlicher Kameras aufzeichnen, Dissidenten markieren, ein umfassendes System der Überwachung installieren und zu einem beliebigen Zeitpunkt zuschlagen. In demokratischen Gesellschaften wird die Technologie für jeden technisch bewanderten Interessenten verfügbar sein.

Die Logik des Opt-out folgt dabei dem Motto der Software-Entwickler: Release early, release often (RERO) – also der Regel, neue Versionen einer Software so häufig und so früh wie möglich zu veröffentlichen. Mit stetigen Aktualisierungen und Nutzer-Feedback wird die Software sukzessive verbessert. Allerdings können soziale Beziehungen nicht nach Art solcher logischen Kreisläufe kodifiziert werden. Fehlbeurteilungen bei der Einführung neuer Technologien können hier zu großen Kollateralschäden führen.

Unschuldsvermutung wird zur Schuldvermutung

Paradoxerweise führt die “Webisierung” des Sozialen durch massenhaft gesammelte Profile zu antisozialen Ergebnissen, zum Beispiel, wenn allein aufgrund von Zusammenhängen in den Daten auf unsere vermeintliche Schuld an einem Vergehen geschlossen wird – oder bei ihrem Fehlen auf unsere Unschuld. Wenn Entscheidungsträger zukünftig immer mehr ihrer Macht an Algorithmen delegieren, ist mit einer wachsenden Zahl falscher Einschätzungen zu rechnen, die in der Offline-Welt oder in dezentralisierten Systemen leicht vermeidbar gewesen wären. Denselben Namen zu tragen wie ein bekannter Krimineller oder ein polizeilich gesuchter Terrorist, wird per Datenverknüpfung bereits zu einem Vergehen. Die Maschinen machen uns zu Angeklagten, wenn sie uns nicht von einer Person gleichen Namens unterscheiden können.

Ist unsere Identität gestohlen worden, hat jemand unsere Kreditkarte für illegale Aktivitäten genutzt oder werden wir Opfer eines Betrugs, sind wir im Spiegel unseres digitalen Egos zweifelsohne als schuldig zu betrachten. Nicht die Unschuldsvermutung, sondern die Schuldvermutung herrscht in dieser Ordnung. Profiling-Prozeduren, wie sie aus der Erstellung von Täterprofilen stammen, führen zu einer Kriminalisierung der Gesellschaft. Nutznießer sind am Ende diejenigen, die tatsächlich böse Absichten hegen und deshalb von vornherein auf ein Alibi achten.

Einfache Nutzer sind durch ein Profiling, das sie in potenzielle Angeklagte verwandelt, allen möglichen Arten von Missbrauch ausgesetzt. Ein Facebook- oder ein Google-Plus-Account gehört seinem Nutzer letztlich nicht. Es ist ein Raum, der gratis zur Verfügung gestellt wird, um den Nutzer in seine kommerziell interessanten Einzelteile zerlegen zu können. Der einzelne Nutzer selbst trägt dagegen keinen Wert. Muss er zeigen, dass er tatsächlich er selbst ist und auch noch unschuldig, lassen sich leicht Gründe finden, ihm den Zugang zu sperren.

Radikale Transparenz: Facebook plus Melderegister

Bei Facebook ist der häufigste Grund dafür die Nutzung eines falschen Namens. In vielen Fällen ist das leicht zu bemerken, in anderen nicht. “Superman” ist wahrscheinlich ein falscher Name, aber welcher Algorithmus kann herausfinden, ob “Ondatje Malimbi” tatsächlich ein kenianischer Nutzer mit einer schwedischen Mutter ist? Um das zu tun, braucht man Zugang zu Melderegistern, Finanzbehörden und Sozialversicherungs-Datenbanken – eine eigentlich gar nicht so unrealistische Aussicht. Wir sollten aber auch festhalten, dass autoritäre Regierungen augenscheinlich weniger Bedenken gegenüber der Schaffung radikaler Transparenz haben.

Die Manager bei den Anbietern sozialer Netzwerke spielen eine entscheidende Rolle bei der Festlegung, was zulässig ist und was nicht. Sie sind daran beteiligt, die Regeln unserer Gesellschaft zu gestalten. Noch haben sie nicht die Macht, jemanden ins Gefängnis zu schicken, aber sie arbeiten aktiv mit den Regierungen zusammen, um die rechtlichen und gesellschaftlichen Regeln des jeweiligen Landes durchzusetzen. Gerade Google hat seit seinen Anfängen mit der amerikanischen intelligence community zusammengearbeitet. Auch die Aufdeckung von PRISM bestätigt, was über Echolon, globales Tracking und Spionage bereits bekannt wurde, inklusive des Problems der direkten, automatischen Verwicklung der großen digitalen Player. Wir dürfen mit einer Reihe weiterer und ähnlicher Skandale in der Zukunft rechnen.

Dieser Artikel ist ein bearbeiteter Auszug aus Ippolitas Buch „In the Facebook Aquarium. The Resistible Rise of Anarcho Capitalism“. Die englische Ausgabe ist kürzlich in einer neuen, überarbeiteten Auflage in der Reihe „Theory on Demand“ (Institute of Network Cultures) erschienen. Der Auszug steht unter der Lizenz CC BY-SA. Der Beitrag erschien zuerst auf iRights.info in deutscher Sprache. Übersetzung: Andreas Kallfelz.


Image (adapted) “Social Media apps” by Jason Howie (CC BY 2.0)


 

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ITAF-Kurator Juha van Ingen: Teletext ist ein einzigartiges Medium

Teletext-Künstler Juha van Ingen

Im Interview erklärt der finnische Künstler Juha van Ingen, was es mit dem ITAF auf sich hat und warum der Teletext ein interessantes Medium für digitale Kunst ist.

Teletext-Künstler Juha van Ingen

Heute beginnt das International Teletext Art Festival (13.08.-13.09.2015). Netzpiloten-Leiter Tobias Schwarz hat sich im Vorfeld mit dem Kurator des diesjährigen Festivals, Juha van Ingen, über den Reiz Teletext-Kunst unterhalten, und wie sich etwas, das als Scherz begann, zu einer medienarchäologischer Arbeit mit Bedeutung wurde.

Tobias Schwarz (TS): Kennen Sie Marshall McLuhans Redewenedung “Das Medium ist die Nachricht“?

Juha van Ingen (JvI): Ich kenne die Redewendung und da wir an einem Kunstprojekt arbeiten, wollen wir natürlich, dass die Inhalte genauso wichtig sind wie das Medium selbst. Wobei in diesem Fall die Verwendung des Teletext für Kunst ein wesentlicher Teil des Inhalts ist.

TS: Warum haben Sie sich für Teletext als Medium für Kunst entschieden? Was ist die Botschaft dahinter?

JvI: Ich bin Mitglied einer kleinen Künstler-Kooperative in Helsinki namens FixC. 2011 haben wir uns mit neuen Möglichkeiten beschäftigt, wie man Animationen darstellen kann. Irgendjemand erwähnte Teletext, woraufhin wir zunächst lachen mussten, allerdings haben wir dann angefangen uns mehr damit zu beschäftigen und dachten uns, warum eigentlich nicht. Weil wir nicht viel über das Thema wussten, haben wir die finnische Rundfunk-Kooperation YLE-TV kontaktiert. Dort fand sich dann auch wirklich eine Person, die unserer Idee gegenüber sehr offen war. So hat das Ganze begonnen.

TS: Was gefällt Ihnen am besten an der Arbeit mit Teletext?

JvI: Ich denke, mir gefällt die Arbeit, da es sich um ein sehr einzigartiges Format handelt. Es ist nicht möglich Arbeiten aus anderen Formaten in den Teletext zu exportieren, man muss das schon auf die Teletext-Art machen. Es ist außerdem auch eine Reduktion, man muss wirklich in den Kern hineingehen. Technisch ist es ebenfalls schwierig, aber auf der anderen Seite, sieht alles was man im Teletext macht gut aus.

TS: Die meisten Grafik-Medien sind sehr beliebt, aufgrund ihrer konstant besser werdenden Auflösung. Was ist das Aufregende bei der Teletext-Kunst?

JvI: Wenn Sie ein verpixeltes Bild haben, können Sie es auf jede Auflösung skalieren und es bleibt dabei scharf. In gewisser Weise kann man Teletext als hochauflösender bezeichnen als HD es ist. Aber vielleicht ist es auch einfach das Retro-Gefühl, welches die Leute fasziniert. Mit dieser Art von Bildersprache, braucht man nicht wirklich darüber nachzudenken, ob es auf dem neusten Stand ist oder nicht. Die Auflösung ist nicht mehr so von Bedeutung, da die Leute heutzutage daran gewöhnt sind, Bilder auf winzig kleinen Bildschirmen anzuschauen.

TS: Das ITAF 2015 kann im Teletext der ARD gesehen werden. Wo kann man es sonst noch sehen?

JvI: Man kann es im ORF-Teletext, bei der deutschen Version von Artes Teletext und im Schweizer Teletext sehen. Und in diesem Jahr wollen wir Leute finden, um das Festival ein bisschen mehr zu einem Erlebnis zu machen. Dazu forderten wir Leute auf, Freunde einzuladen, um zusammen Teletext-Kunst zu gucken, und es somit ein bisschen mehr zu einem gesellschaftlichen Event zu machen. Bleibt abzuwarten wie es funktioniert.

TS: Der Teletext macht das Fernsehen in einer gewissen Form interaktiv, was meiner Meinung nach für ein nur sendendes System wie das Fernsehen nicht selbstredend ist. Wie reagieren die Leute bisher darauf?

JvI: Nun, in unseren Illustrationen besteht nicht viel Interaktion, allerdings hat es der Teletext geschafft zu überleben, aufgrund von Interaktion. Ohne Komplikationen können Sie schnell auf die Informationen zugreifen, die sie möchten. Selbst mit dem Internet gibt es Millionen von Leuten, die den Teletext verwenden und dafür muss es einen Grund geben.

TS: Wie geht es mit der Teletext-Kunst weiter, wenn die Ausstellung am 13. September 2015 endet?

JvI: Ich bin froh, dass Sie das fragen, denn das ist eine der Fragen, mit denen wir seit dem ersten Festival konfrontiert sind. Normalerweise behalten die Rundfunksender nicht die Dateien. Wieder gingen wir auf den finnischen Rundfunkanstalt YLE-TV zu und schlugen vor, ein Museum für Teletext-Kunst zu gründen. Es mag seltsam klingen, aber in der Praxis bedeutet das, dass es eine permanente Teletext-Seite gibt. Also solange wie sie Teletext ausstrahlen, können wir eine Seite verwenden und ein Kunstwerk von Zeit zu Zeit zeigen. Das geht jetzt seit fast zwei Jahren so.

Außerdem laden wir einige der Künstler ein, ihre Arbeiten zu spenden und nachdem wir sie ausgestrahlt haben, dokumentieren wir diese und behalten die Original-Dateien. Wir machen also eine Art von medienarchäologische Arbeit. Es gibt auch eine Menge von Künstlern, die ihre Arbeit in Form von GIF-Animationen zeigen. Das ist zwar nicht dasselbe, aber es erhält dennoch das Medium im Internet am Leben.


Teaser & Image (adapted) by Juha van Ingen


CHIEF-EDITOR’S NOTE: Wenn Ihnen unsere Arbeit etwas wert ist, zeigen Sie es uns bitte auf Flattr oder indem Sie unsere Reichweite auf Twitter, Facebook, Google+, Soundcloud, Slideshare, YouTube und/oder Instagram erhöhen. Vielen Dank. – Tobias Schwarz

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Trends des Monats – August

Screenshot New York Times

Die Medien- und Digitalbranche ist ständig in Bewegung. Fast im Tagesrhythmus gibt es neue, innovative Medienprojekte, praktische Gadgets oder neue digitale Geschäftsmodelle. Wir stellen euch dieses Mal Summer of Science, Ze.tt, Twitter Cards und EDGE vor. Außerdem zeigen wir euch, wie Stars Dating-Apps als Marketinginstrument nutzen.

Popstars bei Tinder – Wie Stars Dating-Apps als Marketinginstrument nutzen

Klassische Dating-Apps, wie man sie heutzutage kennt, sollen bei der Suche nach dem richtigen Partner helfen. Grindr, Match oder Tinder sind hierfür besonders bekannt. Seit Neuestem aber benutzen Stars wie beispielsweise Madonna diese Apps nicht zur Partnersuche, sondern um ihre Songs zu Promoten und mit ihren Fans zu interagieren. Besonders gut zu erreichen ist hier die 18- bis 34- jährige Zielgruppe. Auch der Hit „Want to Want Me“ von Jason Derulo wurde bereits bei Tinder veröffentlicht. Lediglich 3.99USD muss der Nutzer hier für ein neues Album bezahlen, statt 7.99 bei iTunes.

Summer of Science

Naturwissenschaftliche Themen können für die Leser oftmals kompliziert, trocken und unverständlich sein. Die New York Times möchte jedoch solche Inhalte mit Summer of Science modern und verständlich vermitteln. Unter modern wird verstanden, dass naturwissenschaftliche Themen nur anhand von kurzen und erklärenden Sätzen beschrieben werden, damit diese in Social Media Kanälen ebenfalls Anklang finden können. So können diese Artikel auch in verständlicher Form einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Im Fokus stehen hier allerdings große Bilder, die den naturwissenschaftlichen Hintergrund genau erklären und die jungen Nutzer dazu verleiten, diese mit anderen zu teilen.

Ze.tt – Die neue Newsplattform für junge Leser

Unter Ze.tt versteht man eine News-Plattform, welches von Die Zeit angeboten wird. Das Ziel ist hierbei, ein jüngeres Publikum zu erreichen und um das zu schaffen, wird hier von sozialen Netzwerken Gebrauch gemacht. Ebenso wird den Nutzern ein Mix aus kuratierten und eigenen Inhalten geboten. Themen wie Kultur, Gesellschaft und Wissen sowie Tagesthemen werden hier von einem eigenständigen Team verfasst. Die Leitung des Teams erfolgt unter Sebastian Horn.

Artikelvorschau – mehr Klicks für Verlage

Um Verlagen auf Twitter mehr Tweets zu ermöglichen, wurden die neuen Twitter-Cards erfunden. Sie bieten Endnutzern mit iOS- oder Androidgeräten eine erweiterte Linkvorschau. Die User haben hier die Möglichkeit einen ersten Eindruck einer Geschichte zu bekommen, in dem sie auf ein großes Teaserbild aufmerksam gemacht werden und die ersten Wörter dieser Geschichte lesen können. Das Ziel von Twitter ist es hiermit mehr Medieninhalte auf der Plattform einzubauen. Anders als früher gibt es auf Twitter nun nicht mehr nur Textinhalte, sondern seit kurzem auch automatisch abspielende Videos und GIF-Dateien. Besonders profitieren Werbetreibende und Journalisten von dieser veränderten Anzeige bei Twitter.

EDGE-Browser – Der neue Windows Standardbrowser

Um verlorene Marktanteile von Firefox und Google Chrome zurückzugewinnen, hat Microsoft zum Start des neuen Betriebssytems Windows 10 den Browser EDGE auf den Markt gebracht. Er ist der Nachfolger des Internet Explorers. Nicht nur dass die Synchronisationsfunktion vereinfacht wurde, auch Websites lassen sich optisch einfrieren, um Notizen einzubauen. Außerdem wird dem Nutzer ermöglicht, PDFs auch ohne eine Extrasoftware bearbeiten zu können.


Screenshot by New York Times


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5 Lesetipps für den 20. April

In unseren Lesetipps geht es heute um das Urheberrecht, Tim Renner im Interview, E-Books, Blogging gegen Islamismus und das Bundesverfassungsgericht. Ergänzungen erwünscht.

  • URHEBERRECHT Priceonomics: Who Owns the Copyright to „Happy Birthday“?: Ich hatte diesen Monat Geburtstag und das englische Lied „Happy Birthday“ war wiederum ein Teil dieses Tages. Namen nenne ich jetzt nicht, denn es könnte Abmahnungen von Warner Music für die zum Teil öffentlichen Aufführungen hageln. Für das über 150 Jahre late Lied wurden schon öfters die Schutzfristen verlängert, denn es bringt immer noch viel Geld ein. Besser kann man das Phänomen Copywrong nicht erklären.

  • TIM RENNER FAZ: Wie das Amt die Rebellion organisiert: Hier in Berlin scheint Tim Renner sehr zu polarisieren. Ich kann nicht genau sagen, woran das liegt, aber das ich bisher bei jedem öffentlichen Auftritt als Kulturstaatssekretär von ihm dachte, dass zumindest mal einer in der Politik den digitalen Wandel verstanden hat, kann ein Grund sein. Ich bin sicher nicht immer einer Meinung, aber seine Denkrichtung stimmt. Im Interview mit Claudius Seidl und Mark Siemons geht es mal nicht ums Internet, sondern über Claus Peymann, Chris Dercon, die Simulation und andere Probleme der Verwaltung.

  • E-BOOK t3n: Buchhandel gegen E-Book-Weiterverkauf: Der Buchhandel und seine Lobby streiten vor Gericht über den Weiterverkauf von E-Books. Statt gegen Windmühlen anzurennen, sollte der Handel lieber versuchen an der Weitergabe von E-Books zu partizipieren, meint Jochen G. Fuchs in seinem Kommentar auf t3n.

  • BLOGGING NZZ: Islamismusgefahr in Bangladesh – Bloggen für einen säkularen Staat: Es mag für unsere Demokrtaie sprechen, dass Blogger hierzulande „nur“ eine notwendige Erweiterung der Meinungsvielfalt sind und nicht ein wichtiges Korrektiv, das die letzte Linie der Meinungsfreiheit darstellt. In anderen Ländern sieht das anders aus, wie Volker Pabst Dhaka am Beispiel von Bangladesh erklärt. Dort engagieren sich Internetaktivisten für einen säkularen Staat, denn sie sehen in islamistischen Kräften die grösste Gefahr für das Land.

  • BUNDESVERFASSUNGSGERICHT Welt.de: „Karlsruhe nicht der bessere Gesetzgeber“: Es ist eine feststehende Charakteristika der Politik von CDU/CSU (manchmal auch der SPD), dass jegliche Entscheidung vor dem Bundesverfassungsgericht gekippt werden kann. Das führt schon länger zu Groll in der Politik über das Gericht, dass auf die Grundrechte achten soll. Man kann beklagen, dass „Karlsruhe“ mehr Politik macht, was so nicht vorgesehen ist, aber man kann sich auch fragen, wieso es wohl stets gegen Grundrechte gerichtete Politik gibt, die diesen Umstand erst möglich und nötig machen.

Die morgendlichen Lesetipps und weitere Linktipps am Tag können auch bequem via WhatsApp abonniert werden. Jeden Tag informiert dann Netzpiloten-Projektleiter Tobias Schwarz persönlich über die lesenswertesten Artikel des Tages. Um diesen Service zu abonnieren, schicke eine WhatsApp-Nachricht mit dem Inhalt arrival an die Nummer +4917622931261 (die Nummer bitte nicht verändern). Um die Nachrichten abzubestellen, einfach departure an die gleiche Nummer senden. Wir werden, neben dem Link zu unseren morgendlichen Lesetipps, nicht mehr als fünf weitere Lesetipps am Tag versenden.

Nutze Netzpiloten 1-Klick: Mit nur einem Klick werden dir bequem alle 40 Sekunden die hier besprochenen Seiten „vorgeblättert“ START.

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Fotos und Selfies sind gut für Museen (…aber bitte ohne Sticks!)

Curse of the Selfie Stick (adapted) (Image by Larry Miller [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Selfies in Museen werden immer beliebter, was einigen Kulturliebhabern zuwider ist. Selfies bedrohen jedoch nicht die Kultur, sondern machen sie erfahrbar. Zwei der größten Musikfestivals in den USA haben beschlossen, Selfie-Sticks in diesem Jahr zu verbieten, um herumwedelnde Konzertbesucher zu verhindern und den anderen eine gute Sicht auf die Bühne zu ermöglichen. Sie schließen sich damit der National Gallery in London und anderen Museen an, wie auch dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Versailler Schloss und noch einigen anderen.

In den Museen wurde das Verbot aus pragmatischen Gründen ausgesprochen, um die Sicherheit der Sammlungen zu gewährleisten. So weit, so gut. Stöcke an sich sind gefährlich, wenn man mit ihnen herumwedelt, besonders in der Nähe von zerbrechlichen Kunstwerken. Wieso sollte es also bei Selfie-Sticks anders sein?

Diese Kontroverse hat jedoch noch etwas anderes zu Tage gefördert. In den Debatten rund um das Verbot der neuen Sticks nimmt man an, dass das Selfie selbst eine der letzten Manifestationen der jahrzehntealten Trennung zwischen “uns und denen provoziert: Zwischen denjenigen, die die Museumssammlungen “richtig anwenden (wie beispielsweise zur Bildung oder der kulturellen Weiterentwicklung) und denen, die sie “falsch anwenden (zur Ablenkung oder Unterhaltung).

Smartphones, soziale Medien wie Twitter oder Instagram und die Aufhebungen des Fotoverbots in vielen Museen, haben in den letzten Jahren den Museumsbesuch und das Selfie verschmelzen lassen. Der Trend hat sich sogar zu einer etablierten kulturellen Aktivität gewandelt. So findet der Museum Selfie Day nun schon zum zweiten Jahr in Folge statt. Wie Mar Dixon schreibt, soll die Veranstaltung “den Spaß und die Lockerheit der Museen noch mehr hervorheben”. Hier werden die Besucher aktiv aufgefordert, sich aktiv mit den Objekten in einem Museum zu beschäftigen und ein Selfie zu twittern. So kamen Tausende von Fotos zustande (manche eher touristisch, manche originell).

Der Hashtag #MuseumSelfie ist mittlerweile ein Phänomen geworden. Zuletzt wurde es für niemand geringeren als das Krümelmonster adaptiert, während es eine Tour durch ein paar New Yorker Museen machte. Die Selfies, die man danach twittern kann, und die Fotos, die dann auf Instagram landen, bringen die Menschen in die Museen und lassen sie über die Sammlungen reden. Aber für manche sind ist das auch schon zu viel.

Einige Kritiker freuten sich über das Verbot des Selfie-Sticks und nahmen dies als Anlass, sich generell über Selfies und Fotos in Museen zu beschweren. Brian Sewell schrieb in der Times, dass sie ein echtes Museums-Erlebnis ruinieren: “Jeder, der wirklich nur dort hin kommt, um sich ein Bild anzuschauen, kann das nicht tun, denn die Leute sind viel zu beschäftigt damit, Fotos zu schießen.” Ähnlich geht es Jonathan Jones, der im Guardian schreibt, Fotos in Museen sind nur dazu da, “um die Massen zu bespaßen”. Er beklagt die Veränderungen in der Besucherkultur der Galerien und geht sogar so weit, dass er Selfies, Kameras und Smartphones eine “seelische Bedrohung” nennt, weil es in ihrer Anwesenheit nicht möglich sei, in eine „versonnene Betrachtung“ zu versinken, für die die Museen ja wohl gedacht seien.

Hier haben wir das “wir und die anderen: traditionalistische Kunstkritiker, für die ein Museum eine Art Tempel für höhere Dinge darstellt, und die Selfie-Jäger, für die Museen neue Orte zum Entspannen geworden sind. Was besonders absurd ist, ist die Idee, dass diese beiden nie aufeinander treffen dürfen. Es ist ja nicht so, dass lehrreiche Erfahrungen nicht auch Spaß machen könnten oder dass man nicht auch beim versonnenen Betrachten unterhalten werden dürfe.

Was die Museen selbst angeht, müssen sie ihre unternehmerische Notwendigkeit, ein großes Publikum anzuziehen, mit der wichtigen Bewahrungs- und Kommunikationsarbeit abgleichen. Dies ist bei Weitem kein neues Problem, aber mit der neuen Fotopolitik und der neuen Technik könnte hier ein Spielraum für neue Lösungen geschaffen werden.

Auf den Philippinen wurde neulich die Ausstellung “Kunst auf der Insel eröffnet. Dort wird das Thema in einer drastischen Abwandlung präsentiert: ein komplettes Museum, das nur gebaut worden ist, um darin Selfies zu schießen. Statt echter Kunstwerke sind die Räume mit 3D-Repliken gefüllt, die zu Interaktionen und lustigen Fotoideen einladen. Man kann in Van Goghs “Sternennacht wortwörtlich hineinklettern oder den fliegenden Schuh aus Fragonards “Schaukel“ fangen, um danach die Fotos auf die Facebook-Seite des Museums hochzuladen. Die Seite hat inzwischen mehr Likes als die National Portrait Gallery in London (was auch immer das für ein Gradmesser für Erfolg sein mag) und bekommt so jede Menge Aufmerksamkeit.

Bei “Kunst auf der Insel handelt es sich weniger um ein Museum, als viel mehr um einen Vergnügungspark mit dem Thema “Museum“. Aber seine Popularität hat sogar Kritiker wie Jones zu einer neuen Sichtweise gebracht. Währenddessen kann man mit dem Europeana-Projekt “VanGo Yourself auf völlig neue Weise in Kunstwerke „hineingehen. Das Projekt “VanGo Yourself will Nutzer und deren Freunde anregen, selbst Kunstwerke nachzustellen und selbst Umgebungen, Posen und Kompositionen zu finden, die zu dem Bild passen. Die nachgestellten Fotos werden dann in den sozialen Medien geteilt und neben das Original gestellt.

Mit solch speziellen Angeboten wie dem Selfie oder den romantischen Kompositionen, erfüllt VanGo Yourself auf kreative Weise den allgemeinen Wunsch, mit Kunst auf Fotos spielen zu können. Zugleich kommt die Kritik auf, dass die Fotos das intensive Hinsehen ersetzen. Durch Auftritte im Stil des Tableau vivant (dt.: “lebendes Bild) und anderen kunstvollen Ansätzen wird vorausgesetzt, dass man sich eingehend mit dem Objekt beschäftigt haben muss. Frank Thinnes, einer der Erfinder, merkte an, dass viele der Einsendungen nicht nur eine Nachstellung sind, sondern eine vielsagende “Neuinterpretation des Bildes und seiner Botschaft”.

Das Rijksstudio hat sich auch zur Aufgabe gemacht, inspirierende Neuinterpretationen seiner Ausstellungsstücke anzustoßen. Das Rijksmuseum entschied sich dazu, 200.000 hochaufgelöste Abbildungen aus seiner Sammlung öffentlich zugänglich zu machen. Es sorgt so dafür, dass die Besucher “zu ihren eigenen Künstlern” werden, sagt Publikationsleiter Martijn Pronk. Die Nutzer können die Bilder in alles umwandeln, was ihnen gefällt – Kleidung, Tapeten, natürlich auch als Bilder, wie ursprünglich gedacht. Ihre Kreativität wird durch den jährlich verliehenen Rijksstudio Award belohnt.

Selfies und Fotospielereien mit Ausstellungsstücken zerstören also nicht zwangsläufig das Erlebnis der Museumsbesucher oder versagen ihnen die eingehende Auseinandersetzung mit der Sammlung. Im Gegenteil: hierbei kann eine völlig neue Art ausprobiert werden, die Kluft zwischen Kunstwerk und Betrachter zu überbrücken. Aber die Selfie-Sticks können ruhig draußen bleiben.

Der Artikel ist zuerst auf theconversation.com erschienen und unter CC BY-ND 4.0 lizensiert. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Image (adapted) „Curse of the Selfie Stick“ by Larry Miller (CC BY-SA 2.0)


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