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Wenn Künstliche Intelligenz den nächsten Bestseller ausfindig macht

Wer als Autor unterwegs ist, der weiß mit Sicherheit, wie schwer es ist, einen Verlag für den eigenen Roman zu finden. Ist die letzte Zeile niedergeschrieben und alles überarbeitet, fehlt nur noch das Exposé. Im Anschluss reicht man das Manuskript entweder bei Verlagen oder aber an Literaturagenturen ein. Umso trauriger ist es, wenn die Absagen nach und nach eintrudeln und die Herzensgeschichte kein neues Zuhause findet. Bei der Vielzahl an unverlangt eingesandten Manuskripten ist es allerdings kein Wunder. Verlage bekommen täglich unzählige Exemplare auf den Schreibtisch. Aus diesem Grund wird nun einmal viel ausselektiert und teilweise ungelesen wieder zurückgeschickt.

Über dieses Problem hat sich ein Hamburger Startup ganz besonders Gedanken gemacht.

Bestseller-Potenzial: QualiFiction weiß wie es geht

QualiFiction nennt sich das Hamburger Startup, mit dessen Software Manuskripte auf Bestseller-Potenzial geprüft werden können. Bei der Vielzahl an eingesandten Manuskripten geht zu viel unter und mit diesem Analyse-Tool könnte das Problem vielleicht schon in naher Zukunft kein Thema mehr sein. Hierfür sorgt unter anderem die Option Bestseller-DNA. Sie basiert komplett auf der Grundlage von Künstlicher Intelligenz. So zeigen sich schon im Vorfeld die Erfolgsaussichten für den Roman. Zusätzlich zeigt das Tool auf, mit wie vielen Auflagen vom Manuskript nach der Veröffentlichung zu rechnen ist.

Aber wie kann ein Algorithmus eigentlich darüber entscheiden, ob ein Buch wirklich Potenzial hat oder nicht? Hier kommt Machine Learning zum Einsatz. Die Software wird mit tausenden Bestsellern ausgestattet, die bereits erschienen sind. Um nun ebendieses Potenzial in neuen Manuskripten zu entdecken, schaut die KI hier nach bestimmten Mustern, die einen Erfolg ausmachen sollen.

Mit LiSA zum neuen Bestseller?

Wenn es um die Thematik bei Manuskipten geht, kann außerdem LiSA helfen. Das Startup hat hier ein Tool entwickelt, um den Stil der Texte zu analysieren und darauf zu achten, um welches Thema es sich handelt. Steht das Thema Freundschaft oder Liebe im Fokus oder doch eher Verbrechen? Dabei klärt LiSA Fragen, die einen Ausblick darauf geben, ob es sich um einen Spannungsroman oder um eine leichte Lektüre handelt. Auch das Ende wird genau gesichtet. Das Analysetool stellt fest, um was für ein Ende es sich handelt. Erwartet den Leser ein Happy-End oder eher doch nicht?

Was vor allem verblüfft, ist die Schnelligkeit mit der das Tool arbeitet. Das Auswerten der Manuskripte dauert dabei gerade einmal 30 Sekunden.

Es bleibt abzuwarten, inwiefern sich diese Innovation in der Verlangsbranche durchsetzt. Wer weiß wann wir in Zukunft einen Bestseller in der Hand halten, der exklusiv von einer Künstlichen Intelligenz ausgesucht wurde. Wir finden das Thema ganz besonders spannend und behalten es auf jeden Fall im Blick!


Image by Richtsteiger via stock.adobe.com

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Guilty Pleasure: Wirtschaftswandel-Bücher schmökern!

Ich gehöre zur Generation der Digital-Unternehmer, die um die Jahrtausendwende angefangen haben ihre Firmen zu starten. Mein guilty pleasure ist es von jeher, dass ich Artikel, Dokumentationen und Bücher verschlinge, die den großen Wandel der Arbeitswelt zum Thema haben.

Vermutlich auch deshalb, weil ich ganz unbescheiden hoffe, dass wir als Pioniere der sogenannten New Economy viele Akzente gesetzt hatten, die heute schließlich die Transformationsprozesse großer Firmen mitbestimmen. Wir wollten uns Mitte der 90er Jahre in absolut allem absetzen von der Old Economy. Wir kamen angezogen wie coole Fahrradkuriere in unsere Büros und spazierten in genau demselben Outfit in die holzgetäfelten Notarräume zur Millionen-Unterschrift.

Nichts konnte uns lässig genug sein, alles musste unkonventionell und total unverstellt daherkommen. Hohen EU-Beamten wurden beim Bürobesuch Sitzbälle angeboten. Meetings fanden im Stehen statt, im Treppenhaus, im Cafe, auf der Parkwiese. Sehr schnell ging uns die Selbstinszenierung in Fleisch und Blut über. Die begeisterte Ungläubigkeit der Old-Economy erfüllte uns mit Genugtuung. – Ich bin ganz froh, dass diese naive Zeit vorbei ist ;)

Selbstvergewisserung für die eigene Arbeitsbiographie

Wie gesagt: Wenn mir heute ein Buch in die Hände kommt, wo vorne draufsteht „12 überraschende Lösungen für Menschen, Wirtschaft und Gesellschaft“, bin ich sofort neugierig. Als wollte ich insgeheim nachschauen, ob aus dem gefeierten Work- und Lifestyle unserer Anfangsjahre etwas Sinnvolles geblieben ist.

Stefanie Kuhnhen und Markus von der Lühe, zwei sympathische Media-Macher (sie ist Geschäftsführerin einer Hamburger Kreativagentur und er macht ein Digitalisierungsfestival in München) spielten mir ihren neuesten Meta-Trend-Reader in die Hände. Sie haben in großer Fleißarbeit „Das Ende der unvereinbaren Gegensätze“ nachgewiesen. Ich fand das Buch inhaltlich sehr anregend, als Publikation aber etwas schwerfällig und recht altmodisch ediert. Empfehlen will ich es mit ein paar O-Tönen der beiden Autoren zu ihrem Wurf:

Markus von der Lühe und Stefanie Kuhnhen; Fotografie von Engels Uli Schneider
Hallo Stefanie, hallo Markus! Vorab eine Frage zur Form eures Buches: Was genau habe hier gelesen? – Ihr hantiert mit vielen wissenschaftlichen Erklärmodellen, ihr führt akribische Quellennachweise. Liest sich streckenweise wie eine Doktorarbeit.

Gute Frage! Was wir geschrieben haben, ist ein Ratgeber mit zwölf Handlungsanweisungen. Wir haben bewusst eine Mischung aus Theorie und Praxis gewählt. Denn der Metatrend, den wir beschreiben, basiert auf harten Fakten, Sekundärstudien und bekannten Theorien. Und um in die konkrete Beweisführung zu gehen, haben wir diese bewusst mit lebendigen und persönlichen Stories aus unserer Lebenswelt kombiniert. So hoffen wir, die beiden Pole Lesespaß und Seriosität auf neue Art und Weise zusammen zu führen.

Eure Beobachtung ist, dass große Spannungsfelder sich derzeit auflösen (z.B. Arbeit – Privatleben, Mensch – Technologie). Eure Schlussfolgerung daraus ist, dass wir alle uns ganzheitlicher wahrnehmen und integrativer agieren müssen. Richtig verstanden?

Richtig verstanden. Wir glauben daran, dass die digitale Transformation nicht damit getan ist, sich einfach systematisch zu digitalisieren. Sie wird die Verflechtung von „allem mit allem“ nach sich ziehen. Das heißt, man muss auch sich selbst ganzheitlicher wahrnehmen, um der Ganzheitlichkeit überhaupt Raum geben zu können. Das Leben besteht aus Ying und Yang, aus Entspannung und Dynamik, aus Hartem und Weichem, aus Natur und Technologie. Es gilt, dem allen viel mehr, viel multioptionaler gerecht zu werden. Das geht nur über Wahrnehmung, Werte und sich immer wieder neu fragen, was jetzt Sache ist. Also, was im Moment das Wichtigste ist. Wir plädieren für eine multioptionale, integrierte Denkweise, die unserem Leben in der ganzheitlichen Welt gerechter wird.

Jetzt meine geltungssuchende Frage: Würdet ihr den Startups der Jahrtausendwende zuschreiben, dass sie die Auflösung vieler der von euch beschriebenen Gegensätze eingeleitet haben?

Wir glauben nicht, dass die Startup-Bewegung sie alleine eingeleitet hat. Startups sind vielmehr das Symptom einer komplexer werdenden Welt, bei denen die Veränderungen besonders stark und frühzeitig zum Ausdruck kommen. Das ist auch ein Phänomen der neuen Gesellschaftsordnung, die gerade entsteht: Ursache und Effekt stehen in keinem klaren Zusammenhang mehr. Wir glauben aber, dass Startups ein wichtiger Teilbereich dieser Bewegung sind, die sich durch unsere Gesellschaft wie ein roter Faden zieht.

So gerne ich eurem harmonischen Leitbild folgen würde, kann ich die Auflösung der Gegensätze auf der großen Weltbühne nicht sehen. Die Trumps und Putins und die ganze Weltmacht Chinas stehen mit genau dem gegenteiligen Verhalten in vollem Saft. Macht mir eher bange. Euch nicht?
Image by Springer Verlag

Im Gegenteil: Trump, Brexit, Erdogan, AfD, Putin und die Datenschutzdebatte sind für uns eher Symptome einer sich radikal verändernden Gesellschaft und somit Übergangsphänomene. Wir spüren alle, dass die Welt, so wie wir sie kennen, für immer der Vergangenheit angehören wird. Das ist es, was den Menschen Angst macht.

Für uns sind die aktuell negativen, nationalistischen, despotischen Symptome jedoch auch Hoffnungsboten für eine neue Zeit. Denn wir sehen sie als Zwischenschritt auf dem Weg in das neue Integrierte, mit dem wir die großen Probleme der Zeit dann auch lösen können. Ganz bestimmt ist das eine Betrachtungsweise in einem 50-Jahre-Zeitraum – so, wie es bei Metatrends der Fall ist. Wir wollen bestimmt nicht sagen, dass alles gut und harmonisch ist. Wir wollen uns alle aber dazu aufrufen, uns für diese integrierte Sicht.

Das Buch „Das Ende der unvereinbaren Gegensätze“ ist erschienen im Springer Verlag und z.B. per Amazon zu bestellen (Provisionslink)

 

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Mit Tigerbooks anders lesen

Kelly Sikkema - stock adobe com

In vielen Bereichen bringt die Digitalisierung ständig neue Innovationen mit sich. Auch auf dem Buchmarkt hat sich einiges getan. Ebooks sind immer mehr im Kommen und etablieren sich zunehmend in unseren Lesealltag. Verschiedene Apps geben dem Leser die Möglichkeit ein Buch unterwegs zulesen, obwohl man es gar nicht bei sich trägt. Aber auch für die jungen Leser gibt es nicht nur etwas auf die Augen, sondern auch auf die Ohren.

Mit den Augen lesen, mit den Ohren hören

Nachdem ich mich zum Thema Buch-Apps im Internet einmal umgesehen habe, bin ich auf eine spannende App gestoßen. Auch wenn ich aus dem Alter raus bin, habe ich etwas gefunden, was die jungen Leser begeistern könnte.

Mit Tigerbooks können Kinder von zwei bis zwölf Jahren ein ganz neues Lesevergnügen erleben. Hierbei sind sie nicht nur bloßem Text und Bildern ausgesetzt, sondern mit dieser App geht es weit über das Lesen hinaus.

Tigerbooks Screenshot by Jennifer Eilitz
Tigerbooks Hauptmenü (Screenshot by Jennifer Eilitz)

Tigerbooks bietet den Kindern hier das Lesen in einer besonderen Form an. Die Bücher sind interaktiv gestaltet und können sowohl als Hörbuch genutzt oder eben selber gelesen werden. Die Bilder sind ebenfalls interaktiv und mit verschiedensten Geräuschen und Tönen bereichert. Kinder können somit auf die unterschiedlichsten Gegenstände und Figuren klicken, um das Leseerlebnis noch einmal zu untermauern.

Mit der App können aber auch Bücher ab 12 Jahren gelesen werden. Somit wird Lesespaß für kleine und große Kinder geboten. Mit Tigerbooks stehen Lesern eine Vielfalt an Büchern, Hörbüchern und interaktiven Büchern zur Verfügung. Wer ein Abonnement mit Tigerbooks eingehen möchte, der kann dies für 9,99 Euro monatlich tun.

Tigerbooks Shop Screenshot by Jennifer Eilitz
Tigerbooks Bibliothek und Shopübersicht (Screenshot by Jennifer Eilitz)

Ich persönlich fand die App wirklich gut. Selbst die Lesemuffel haben hier einiges zu entdecken und können sich aktiv an den Geschichten beteiligen. Besonders schön finde ich, dass Eltern die Geschichten einlesen können, sodass ihre Kinder die Stimmen der Eltern immer dabeihaben.

Schaut euch die App mal an, es gibt sie kostenlos im Google App-Store und im Apple App-Store.


Kelly Sikkema / stock.adobe.com
Screenshots by Jennifer Eilitz


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Die Netzpiloten sind Partner des Self-Publishing-Day 2017

Partnergrafik_Self-Publishing-Day

Der Self-Publishing-Day kommt nach Hamburg! Am 10. Juni treffen sich Vertreter aus dem Belletristik und Sachbuch-Genre im Novotel City Alster um die Tipps und Tricks von erfahrenen Indie-Autoren zu lernen. Viele Autoren, die ihre Werke erfolgreich im Selbstverlag herausgebracht haben, bekommen mittlerweile gute Angebote von klassischen Verlagen, was für den Erfolg des Konzepts spricht. Alles was man wissen muss um sein Werk ebenfalls erfolgreich zu veröffentlichen, ist im Programm der Veranstaltung zu finden. Ein weiteres Ziel des Self-Publishing-Days ist Autorinnen und Autoren aus ganz Deutschland zusammenzubringen und die Autoren im Mittelpunkt des Events stehen.

Die Themen werden von den Teilnehmern mitbestimmt, dazu gehören unter anderem Workflow, ansprechende Klappentexte schreiben, sowie der richtige Einsatz von Social Media. Aber das wohl meistgefragte Thema unter Self-Publishern ist das Marketing.

Spannende Vorträge

Das Vielseitige Programm beinhaltet unter anderem..

  • einen Eröffnungsvortrag durch Matthias Matting, Herausgeber der Self-Publisher-Bibel
  • „Die Identifizierung von Trends und Entwicklungen für die Zukunft des Self-Publishing“ von Thorsten Simon, Pressesprecher bei BoD (Books on Demand)
  • Keynote zum Thema „Social Media sinnvoll einsetzen, Email-Listen aufbauen und das Internet effizient nutzen“ von Björn Tantau
  • Johannes Zum Winkel über Verkaufsstrategien, welche Genres für guten Verkauf geegnet sind und der Einfluss von Titel und Pseudonymen
  • Tina Lurz, Managerin bei der Buchcommunity Lovelybooks, referiert über nachhaltige Zielgruppengenerierung und die Bedeutung von Rezensionen
  • Interviews mit bekannten Autoren auf dem Self-Publishing-Day-Sofa

Zu dem weitgefächerten Vortrags- und Workshop-Angebot bietet der Hauptsponsor BoD – Books on Demand am Vorabend eine Besichtigung des Betriebs in Norderstedt inklusive Programm und anschließendem Networking-Event für Teilnehmer des Self-Publishing-Days.

Veranstaltet wird der Self-Publishing-Day von Dr. Lutz Kreutzer, selbst Hybrid-Autor als Self-Publisher und Verlagsautor. Tickets für die Veranstaltung gibt es hier zu bestellen. 

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Schöne neue Welt: Wir leben in einer Dystopie

Drogen (adapted) (Image by katicaj [CC0 Public Domain] via pixabay)

Die orwellianische Dystopie vom Doppelsprech ist, aufgrund von Bedenken wegen Trumps „alternativen Fakten“ gerade ziemlich in Mode. Alternative Fakten, die mehr auf die weichen Gehirnwäschetechniken von Aldous Huxleys Roman Schöne Neue Welt als auf die strengen stalinistischen Unterdrückungen und propagandistischen Tricksereien von 1984 zurückzuführen sind, stellen jedoch nur die Spitze des dystopischen Eisberges dar.

Um die auf Huxley basierende Idee von aktuellen Ereignissen zu begreifen, müssen wir sie als einen Teil einer Kultur sehen, welche zunehmend von den Prinzipien der Neurowissenschaft eingenommen wurde, die ich als Neurokultur bezeichnet habe.

Die Anfänge der Neurokultur finden sich in anatomischen Zeichnungen und der darauffolgenden Neuronendoktrin des späten 19. Jahrhunderts. Dies war das erste Mal, dass das Gehirn als ein nicht kontinuierliches Netzwerk von Zellen, dessen Verbindung als synaptischer Spalt bezeichnet wird, verstanden wurde. Wissenschaftler nahmen zunächst an, dass diese Spalten mit elektrischen Ladungen verbunden werden, entdeckten jedoch später die Existenz neurochemischer Übertragungen. Gehirnforscher fanden weiterhin mehr über die Funktionalität des Gehirns heraus und haben später angefangen, in die zugrunde liegenden chemischen Prozesse einzugreifen.

Auf der einen Seite zeigen diese chemischen Eingriffe einen Weg zu möglichen Maßnahmen, um einige wesentliche Fragen, wenn es beispielsweise um psychische Gesundheit ging, zu verstehen. Auf der anderen Seite warnen sie jedoch vor dem Potential einer bevorstehenden dystopischen Zukunft – und zwar nicht, wie wir denken, durch die gewaltsame Erzwingung von Hirnuntersuchungen im geheimen Hinterzimmern, sondern durch weitaus subtilere Vermittlertätigkeiten.

Soma

Huxleys Schöne Neue Welt (erstmals erschienen im Jahr 1932) dreht sich um eine dystopische Gesellschaft, die nicht durch Furcht kontrolliert wird, sondern durch Glücks folgsam gemacht wird. Das Motto dieser Gesellschaft lautet, dass jeder jederzeit glücklich sei. Wie Alex Hern im Guardian argumentiert, präsentiert Huxley eine relevantere autoritäre Dystopie im Vergleich zu 1984, für die „das Leben für die überwiegende Mehrheit sehr angenehm ist und nur wenig Widerstand entsteht“. Die besten Dystopien sind oft als Utopien getarnt.

Huxley appelliert an emotionale Konditionierung, die mit heutigen dystopischen Neurokulturen am ehesten im Einklang ist. Er erwähnt die eindeutigen Vorteile der Vermeidung einer geistigen Auseinandersetzung, stattdessen appellierte er an emotionale Beeinflussbarkeit, um Absichten zu manipulieren und eine Nichtkonformität zu überwältigen.

Als solche kombiniert die Gesellschaft der Schönen Neuen Welt zwei zentrale Kontrollmodi. Zunächst durch den verbreiteten Konsum des Freude spendenden Pharmazeutikums Soma und zweitens durch eine hypnotische Medienpropagandamaschine, die weniger mit Logik als vielmehr mit „gefühlsbetonten“ Treffen arbeitet.

Heutige Neurokulturen korrespondieren mit diesen Technologien mittels auffälliger Methoden. Zunächst ergab sich aus der wachsenden Beliebtheit von Neuropharmazeutika wie Prozac ein Bedürfnis nach selbstverordnetem Glück innerhalb der Gesellschaft. Genauso alarmierend ist der Anstieg von Verschreibungen für ADHS-Behandlungen wie beispielsweise Ritalin, das aufmerksamkeitsregulierend wirkt und gleichzeitig sozial schwieriges Verhalten eindämmen soll. Der mentale Status eines ADHS-Betroffenen ist der einer paradox gefügigen Aufmerksamkeit.

Das Institut der emotionalen Konstruktion

Es können ebenso Vergleiche zwischen Huxleys Institut für emotionale Konstruktion und heutiger sozialer Medien hergestellt werden. In Huxleys Buch ist das Institut eine wichtige akademische Einrichtung, die sich im gleichen Gebäude befindet wie das Büro für Propaganda und einen einzigartigen Fokus auf emotionale Beeinflussbarkeit hat. In dieser Situation werden gefühlsbetonte Szenarien, emotionalen Parolen und hypnopädische Reime geschrieben. Diese Art von Propaganda ist für den Massenkonsum bestimmt, heutige emotionale Konstruktion findet in intimeren und ansteckenden Arenen sozialer Netzwerke statt.

Facebook nahm beispielsweise im Jahr 2014 an einem Experiment teil, das konzipiert wurde, um positive und negative Emotionen viral zu verbreiten. Forscher manipulierten die Nachrichtenticker von über 600.000 Benutzern, um die Weitergabe von positiven und negativen Emotionen an andere Benutzer in ihrem Netzwerk zu testen.

Die Idee, dass soziale Medien als Träger für sowohl ansteckende positive als auch negative Emotionen agieren, kann uns vielleicht helfen, zu verstehen, wie Trump es scheinbar geschafft hat, in die negativen Gefühle einiger desillusionierten Wähler der Vereinigten Staaten einzudringen. Die Vergiftung durch Fakenews ergibt eine gefährliche Mischung aus Angst und Hass. Der Großteil des populistischen Reizes, der Trump (und ebenso den Brexit) ausmacht, spielte mehr auf freudige Treffen mit prominenten Politikern an als auf solche, die mit der staubtrockenen intellektuellen Elite der konventionellen Politik vertraut sind.

Rosen oder Orchideen

Die Verbreitung der heutigen Neurokultur startete mit dem neurowissenschaftlich emotionalen Wandel der 1990er. Wissenschaftler realisierten, dass Emotionen sich nicht von purer Logik unterscheiden, sondern mit den kognitiven Netzwerken verstrickt sind. Es wird nun angenommen, dass die Art, wie wir denken und uns verhalten, zu einem nicht geringen Teil davon beeinflusst wird, wie wir uns fühlen.

Die seismische Beeinflussung dieser intensiven Verschiebung hat sich über die Wissenschaft hinaus auf ökonomische Theorien ausgebreitet, die sich mit den Neurochemikalien beschäftigen, die Käuferentscheidungen beeinflussen können. Es unterstreicht ebenso neue Modelle der Verbraucherwahl, die sich auf den „Schnäppchenjägeranteil“ in unserem Hirn fokussiert. Der Aufstieg der Neuroökonomie, und danach auch dem Neuromarketing, ergab weitere Unterkategorien wie Produktdesign und Markenbildung. Die Verbraucherentscheidung einer Marke wird nun anhand der Frequenz von Gehirnwellen gemessen, die mit bestimmten aufmerksamkeitstechnischen und emotionalen Zuständen korrelieren.

Vielleicht beinhaltet die Neurokultur nichts Neues. Werbetreibende versuchten, die Gefühlen seit dem Aufstieg der Werbung zu beeinflussen. So haben schon immer Politiker Säuglinge abgeküsst, um Nähe auszustrahlen. Vielleicht ist meine Idee der Neurokultur ein Beispiel der zynischerweise benannten Neurospekulation. In einer Zeit, die sich durch soziale Netzwerke und Medikamentenbeigabe kennzeichnet, gibt es eine dystopische Intensivierung, Verseuchung und emotionale Manipulation, die nicht ignoriert werden kann.

Nicht jeder stimmte mit Huxleys Voraussagen über eine neurowissenschaftliche Diktatur überein. Ein literarischer Kritiker verglich ihn einmal mit einem Hasen, der in seinen Bau verschwand, und daraus schloss, dass die ganze Welt schwarz sein musste.

Es war jedoch die Aufmerksamkeit, die er von Wissenschaftlern erhielt, die uns vor seiner Dystopie warnen soll. Im 20. Jahrhundert behauptete der Wissenschaftshistoriker Joseph Needham, dass wissenschaftliches Wissen nicht immun sei gegenüber politischen Interferenzen. Needham bezeichnete Huxleys Schöne Neue Welt als einen „Orchideengarten“ – was zeigt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse kein Zuckerschlecken sind. Huxley hilft uns dabei, „zu erkennen, was am Ende der verlockenden Pfade kommen mag“.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Drogen“ by katicaj (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Neuer Leitfaden für Unternehmer – Fit for Growth

Image by PwCs Strategy& Wiley

Eine häufige Zwickmühle, in die Unternehmen geraten, ist die Tatsache, dass sie zwar die Kosten senken sollen, dabei aber gleichzeitig für Wachstum sorgen und Gewinne einfahren müssen. Auch 2017 stehen Führungskräfte wieder vor dieser Herausforderung. Da man bei der Lösung dieses Umstandes viel falsch machen kann, sollte man sich Hilfe holen. Das Buch „ „Fit for Growth: A Guide to Strategic Cost Cutting, Restructuring, and Renewal““ liefert einen neuen, unterstützenden Ansatz.

In dem Buch identifizieren die Autoren und Experten Vinay Couto, John Plansky und Deniz Caglar die Probleme des bislang üblichen Kostenmanagements und erklären, wie es besser gehen kann. Eine Voraussetzung für unternehmerischen Erfolg ist, dass Kosten- und Wachstumsplanung strategisch Hand in Hand gehen, so steht es in dem neuen Wirtschaftsbuch für CEOs und Manager von Strategie&, der Strategieberatung von PwC.

Die Autoren geben darüber hinaus noch einige Grundsätze vor, die dabei helfen können Stärken und Schwächen zu analysieren:

  • Konzentration auf differenzierende Fähigkeiten
  • Ausrichten der Kostenfaktoren auf differenzierende Fähigkeiten
  • dementsprechend Neuorganisation

In dem Buch wird anhand vieler beispielhafter Fälle gezeigt, wie Ressourcen und Investments in die richtige Richtung geleitet werden können. Das Ziel, das Unternehmen dabei vor Augen haben sollten, ist die Fokussierung auf die Kernkompetenzen, die es von Wettbewerbern unterscheidet.

Image by PwCs Strategy& Wiley
Kostensenkung funktioniert nur in Kombination mit Konzentration auf die Kernkompetenzen und Neuausrichtung. Image by PwCs Strategy& Wiley

Die Autoren führen Schritt für Schritt durch die wichtigsten Bereiche, um das Kostenmanagement neu zu strukturieren. Mit vielen Tools und Frameworks zu allen Facetten der Kostensenkung – vom Outsourcing bis hin zu kulturellen Aspekten – will „Fit for Growth“ Führungskräfte des mittleren und höheren Managements bei der konkreten Umsetzung im eigenen Unternehmen unterstützen.

Die Autoren Vinay Couto, John Plansky und Deniz Caglar verfügen zusammen über mehr als 70 Jahre Erfahrung in der Strategie- und Unternehmenstransformation. Sie sind führende Experten in diesem Bereich und arbeiten bei Strategy& USA.


Image by PwCs Strategy&/Wiley


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Digitalisierung im Buchhandel: Besuch bei John Cohen in der Schanze

Buch, Bücher, Bücherei, Buchladen, Buchhandlung, Bücherregal, Geschäft, Schrank

Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie in Kooperation mit Microsoft, die sich mit der Digitalisierung in kleinen und mittleren Unternehmen auseinandersetzt:


Ich bin auf dem Weg zu John Cohen, der zusammen mit seiner Ehefrau Daniela Dobernigg in Hamburg-Sternschanze eine Buchhandlung betreibt. Es ist Dezember und auch über den sonst eher wilden und schrillen Stadtteil legt sich eine Atmosphäre der Gemütlichkeit und der Besinnlichkeit.

Der Buchladen ist eingeschossig, geräumig und modern gestaltet. An der Fensterfront stehen drei große, rote, gepolsterte Stühle, auf denen John und ich Platz nehmen.

Bücher und Digitalisierung – wie passt das zusammen? Ganz hervorragend, obwohl das Buch doch ein klassisches, analoges Medium darstellt, das ungeahnte Vorteile bietet, wie ich später erfahren soll. John erklärt mir, dass er den Laden 2002, also vor 14 Jahren eröffnet hat. Von Anfang an gab es schon einen Online-Shop, über den Kunden Bücher bestellen können. Im Laufe der Zeit wurde dieser natürlich ausgebaut, erweitert und immer wieder modernisiert.

Ursprung der Digitalisierung

Doch die Geschichte dahinter ist sogar noch älter. John erzählt, dass die Branche seit fast 30 Jahren auf die EDV setzt. 1989 kamen Systeme auf, über die Buchhändler einfach Ware bestellen konnten, bis heute teilen sich drei große Dienstleister den Markt. In der Branche war die ganze Technik dahinter also schon bekannt, hier hat die Digitalisierung viel früher angefangen als in anderen Branchen. Kunden über das Internet Zugang zu den Systemen zu ermöglichen, war demnach nur noch ein kleiner, weiterer Schritt. Was geblieben ist, ist das Buch als Medium als solches.

Der Chef der kleinen Firmen mit sechs Mitarbeiten zählt Vorteile auf, die ein Buch bietet und die ihm kein E-Book nehmen kann: Bücher sind oft das erste Medium, mit dem wir als Kind in Kontakt kommen, lange vor Smartphone oder Fernseher. Wir verbinden Bücher emotional mit Zuhause, Ruhe und Entspannung. Dieses Gefühl habe ich nicht, wenn ich einen E-Book-Reader in der Hand habe und die täuschend echt aussehenden Seiten auf dem Display umblättere. Ein weiterer, ungeahnter Vorteil ist, dass ein Buch vollkommen abgetrennt vom Internet ist. Höchstens beim Kauf, wenn ich mit einer EC-Karte bezahle oder im Internet bestelle, hinterlasse ich Spuren, die in Big Data gesammelt werden könnten. Doch das Lesen selbst passiert offline. Niemand beobachtet, was ich lese.

Image: Cohen+Dobernigg_016 by Cohen+Dobernigg BUCHHANDEL GbR

John erzählt, dass er keine Angst hat, dass ihn die Digitalisierung und E-Books eines Tages zur Geschäftsaufgabe zwingen könnten. Im Gegenteil: zwar wirbt er nicht für die zum Verkauf stehenden E-Reader und die dazugehörigen Werke, aber er bietet seinen Kunden gerne diese Möglichkeit.

Als ich im Vorfeld recherchiert habe, war ich überrascht, dass es eine gepflegte Internetpräsenz gibt und auf der Startseite direkt der Verweis auf die Social-Media-Kanäle, die ebenfalls betreut werden. John sagt, das sei meistens so: „Viele Leute sind überrascht, wenn ich Ihnen sage, dass sie das Buch auch online bestellen können. Viele möchten es sich auch nicht nach Hause liefern lassen, sondern lieber in der Filiale abholen. Wir müssen viel über diese Möglichkeiten sprechen, darauf aufmerksam machen. Auf jeder Einkaufstüte steht der Verweis auf den Online-Shop drauf. Dem Buchhandel haftet ein Offline-Stigma an. Vielleicht nicht bei den großen Ketten, aber auf jeden Fall im klassischen Familienbetrieb. Wir sind versucht, dieses Image loszuwerden“.

Digitalisierung bei Katalogen unerwünscht

Ein wichtiger Bereich für die Firma, erzählt John, ist die Neubestellung von Ware für das Sortiment. Zum Jahresende schicken die Großhändler unvorstellbar große Mengen an Katalogen, in denen potenziell interessante Ware abgedruckt ist. Es dauert eine Weile, diese Mengen an Daten zu wälzen, doch es lohnt sich, denn schon während dieses Prozesses, erhält John einen ersten Einblick. Die Aufmachung der Neuvorstellungen sei im Prinzip wie ein Buch und liefere eine Menge wichtiger Informationen.

So positiv er der Digitalisierung gegenübersteht, eine Neuerung sieht er dennoch kritisch. Die Großhändler seien dabei, auch die Kataloge zu digitalisieren. Das ist komfortabler, schont Ressourcen und schafft neue Möglichkeiten, die ein klassischer Katalog aus Papier nicht bieten kann. Doch der Unternehmer schätzt die Haptik jener Produkte und fürchtet, dass sie bald verloren gehen könnten.

Seit einigen Jahren bietet der Online-Shop eine kundenfreundliche Neuerung: die Lagerstandsanzeige. Wer online nachsieht, weiß sofort, ob und wie oft ein Buch auf Lager ist oder zu wann es gegebenenfalls bestellt werden kann. Dafür erhalte John auch positive Rückmeldungen von Kunden. Wer an die E-Mail-Adresse schreibt, muss während der Ladenzeiten in der Regel nicht länger als eine halbe Stunde auf die Antwort warten. Bei Facebook und Twitter können sich Interessierte informieren und auf dem Laufenden bleiben. Es wird angedacht, auch auf Instagram aktiv zu werden, bislang gibt es aber keine konkreten Pläne, welcher Content dort veröffentlicht werden könnte. Für das nächste Jahr ist außerdem ein Relaunch der Website geplant, der das Angebot auch optisch ansprechender und zeitgemäßer für Kunden aufbereitet.

Obwohl ich John mit meinem Besuch ein wenig überfallen habe, hat er sich viel Zeit genommen, meine Fragen zu beantworten und hat mir nebenbei auch noch vieles erzählt, dass ich gar nicht gefragt hab, aber unbedingt wissen musste. Vielen Dank an dieser Stelle!


Images by cohen+dobernigg BUCHHANDEL


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Wieso die Kultur untergeht, wenn Günther sein Käsebrot fotografiert

smartphone-image-by-monikap-cc0-public-domain-via-pixabay

Googlen macht blöd, Smartphones machen unsozial und überhaupt, das wird sich nicht durchsetzen, dieses Internet: Als Teil der sogenannten ‚Netzgeneration‘ musste sich unsereins, der immer öfter auch im Netz Arbeit findet, Freunde trifft oder wiederfindet und seinen Alltag organisiert, in den vergangenen 15 Jahren schon so einiges anhören.

Mittlerweile ist in jedem größeren Medium, sei es nun von Print- oder Onlinejournalisten verfasst, eine Replik auf die Unzulänglichkeiten der Netzgeneration zu lesen: Wir unterhalten uns nicht mehr tiefgehend, sondern werfen mit WhatsApp-Emojis um uns, niemand trifft mehr wirkliche Entscheidungen, denn man kann sowieso alles zurückschicken und auch soziale Verpflichtungen wie Dates in Zeiten von Tinder nur unverbindlich eingehen. Been there, done that.

Als die Netzpiloten eine Rezensionsanfrage zu „Günther hat sein Käsebrot fotografiert. 342 Freunden gefällt das. Über den sozialen Niedergang durch Smartphones und die Digitalkultur“ von Andreas Hock, dem ehemaligen Chefredakteur der Nürnberger Abendzeitung, erreichte, war ich durchaus bereit, mich von neuen Ansätzen überraschen zu lassen. Doch leider sollte ich mich irren, denn kein einziger der hier vorgestellten Beobachtungen ist irgendwie neu oder gar innovativ.

Dabei war ich beim Lesen durchaus bereit, im Text nach ein paar wirklich amüsanten Anekdoten von verloren gegangenen Schulfreunden, technischen Problemen und Sackgassen eine mögliche Wendung hin zu den Vorteilen oder wenigstens zu ein paar witzigen Beobachtungen, aus denen der Digital Native von morgen noch etwas lernen kann (und sei es, das Unverständnis der Älteren aus deren Perspektive zu verstehen), mitzumachen. Stattdessen bekomme ich: 170 Seiten voll Gemecker. „Günther“ ist keine humorvolle Betrachtung, sondern ein einziges Lamento darauf, dass früher ja aber nun wirklich mal alles besser war.

Früher, so Hock, hätte man sich noch wirlich verabredet. Er erwähnt mit einer dermaßenen Beharrlichkeit einen Jugendclub namens „Oase“, wo sich die Schulfreunde noch treffen konnten, dass der Leser denken muss, Hock wäre mittlerweile mindestens zum Betreiber dieser Kulturstätte aufgestiegen. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass die „Oase“ so etwa gegen Anfang der Zweitausender zu einem Internetcafé und, dem natürlichen Laufe der Dinge folgend, mittlerweile pleite gegangen ist und Hock bis heute nicht überwunden hat, diesen Treffpunkt der Schulfreund nicht mehr aufsuchen zu können. Außerdem hätten sie sich ohnehin nichts mehr zu sagen, denn, wie er mehrfach betont, machten ja schließlich ALLE Smartphones JEDE Form von Kommunikation zunichte.

Hock geht jedoch nicht nur auf Smartphonebesitzer los (vielleicht war er auch an der Wortfindung des angeblichen Jugendwortes des Jahres 2016, dem berüchtigten „Smombie“, beteiligt?), er hat auch den Grundlegenden Sinn des Internets offenbar nicht verstanden.

Für Hock scheint es nichts weiter zu sein als eine einzige Müllhalde voll Geschwätz, Störung und Werbung, in das jeder unreflektiert sein Wissen kippt. Gerade für ein Community-System wie die Wikipedia könnte das nicht falscher sein. Der dahinterliegende Gedanke der Schwarmintelligenz und der gegenseitigen Kontrolle durch Peer Groups taucht hier mit keinem Wort auf. Stattdessen lobt er, Klischee ahoi, den gedruckten Brockhaus, den zumindest ich auch in meinen Jugendjahren nicht ein einziges Mal angerührt habe – die Bände standen viel zu weit oben im Regal und als Kind durfte ich dort nicht ran. Dass man trotzdem Wissen anhäufen kann, scheint für Hock unvorstellbar. Schade eigentlich.

Auf weitere Beispiele wie Youtube und Facebook geht er ebenso verärgert ein. Natürlich sind diese Plattformen mittlerweile weitestgehend durchkommerzialisiert, das ist wirklich keine Neuigkeit. Sich darüber aufzuregen, ist natürlich absolut legitim, aus den gleichen Gründen wie Hock nutze ich Facebook schon seit geraumer Zeit nicht mehr privat.

Als er sich jedoch über Twitter-Hacktivismus und Shitstorms als „unnötige Aufregerei“ äußert, bin ich wirklich genervt. Die #aufschrei-Debatte hat (endlich!) auch in den Medien eine Debatte über Feminismus, Gleichberechtigung und soziales Verhalten losgetreten, die Hock keines weiteren Kommentares würdigt – bis auf ein symbolisches Augenrollen a la „Haben die Leute keine anderen Probleme?“, das Totschlagargument für jede sinnvolle Diskussion. Dabei wäre genau dies ein Ansatz gewesen, den er von Beginn an vermisst und dies auch deutlich macht: Dass das Internet die Leute zum Nachdenken bringt und ihr Verhalten in der „echten Welt“ zum Positiven verändert. Leider scheint er das selbst gar nicht zu sehen.

Der Autor, nur zehn Jahre älter als ich, schreibt und empört sich, als hätte er bereits vor geraumer Zeit das Rentenalter erreicht und verstünde „die Jugend von heute“ nicht mehr. Und wahrscheinlich tut er das auch nicht. Bei beinahe jedem zweiten Satz möchte ich während des Lesens zu einer Reaktion ansetzen, ausführen, erklären.

Das Werk scheint völlig aus dem Bauch heraus geschrieben zu sein, nur notdürftig werden ab und zu ein paar Studien eingeworfen. Schon richtig, Zahlen flößen Vertrauen ein – aber unsinnige Studien, bei denen teilweise jegliche Quellenangaben fehlen (es gibt keinen Appendix), bewirken eher das Gegenteil. Auch das Vorwort der Kabarettistin Monika Gruber will nicht wirklich fruchten, da auch sie keinen neuen Ansatz jenseits der Schelte auf die Netzgeneration findet – möge diese auch noch so witzig-ironisch gemeint sein.

Hocks Buch hat immerhin eine Reaktion hervorgebracht: Ich ärgere mich, dass es noch 2016 ein solch grundlegendes Unverständnis für die Materie und den Kulturwandel gibt – und eine Sturheit, die Tatsachen, wie sie sind, anzuerkennen. Doch das ist leider schon alles. Brauchte es dieses Buch? Meiner Meinung nach hätten wir problemlos darauf verzichten können. Eine E-Book-Version hätte es auf jeden Fall auch getan (spart Papier und somit Regenwald!), aber das wäre Hock wahrscheinlich auch zu digital. Möge Günther also weiterhin ein Käsebrot nach dem anderen verschnabulieren, vielleicht gibt es ihm in nächster Zeit die Energie, den Wandel zu verdauen. Wohl bekomm’s.


Image „Smartphone“ by MonikaP (CC0 Public Domain)


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Richtige Leser lieben alle Bücher

Lecteur ebook + livres papier (adapted) (Image by ActuaLitté [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Im digitalen Zeitalter lässt sich Literatur auf verschiedene Arten genießen. Sei es als eBook auf dem Reader, Smartphone oder Tablet, als Hörbuch auf CD, per App oder ganz klassisch in Form eines Buches auf bedrucktem Papier. Leider gibt es noch immer Menschen, die diese Vielfalt nicht als Fortschritt, sondern als Angriff auf die Kultur sehen. Wer Bücher nicht auf Papier liest, ist in ihren Augen kein “richtiger” Literaturfreund. Dabei können die neuen Technologien nicht nur Spaß bringen und zum Lesen motivieren, sondern auch Türen für Menschen mit Behinderungen oder Krankheiten öffnen.

eBooks und Hörbücher sorgen für Barrierefreiheit

Die Bloggerin “sj” meldet sich in einen Beitrag mit dem Titel “Lese-Rage: Euer Ableism- Richtige-Bücher-Snobismus ist höllisch ermüdend” zu Wort. Darin beschreibt sie, dass sie häufig zu hören bekommt, nur wer Bücher ganz klassisch auf Papier lese, am besten in einer hübschen (und oft auch teuren) gebundenen Ausgabe, sei ein “richtiger Leser”. Die Bloggerin leidet unter einer schweren Form von Rheuma und heftigen Allergien und kann deswegen die meiste Zeit nur eBooks lesen, weswegen sie derartige Angriffe nicht nur als unzutreffend, sondern auch als diskriminierend empfindet.

So wie “sj” geht es vielen Menschen. Nicht nur Rheuma oder andere Erkrankungen, die das Halten schwerer Bücher verhindern, auch viele Formen von Sehbehinderung können das Lesen gedruckter Bücher unmöglich oder zumindest sehr anstrengend machen. Sonderausgaben in großer Schrift, die einem Teil der Betroffenen helfen würden, sind nicht von allen Büchern zu bekommen, und wenn, sind sie oftmals teurer. Auf einem eBook-Reader lassen sich Schriftart und Schriftgröße nach Bedarf variieren, was eine große Hilfe sein kann. Manche Sehbehinderte und auch einige ältere Menschen profitieren außerdem von der Hintergrundbeleuchtung des Displays.

So können Hörbücher auch den Menschen Zugang zu Literatur ermöglichen, für die dieser sonst nicht oder nur sehr schwierig möglich wäre. Nächstliegendstes Beispiel sind natürlich Menschen, die blind oder schwer sehbehindert sind. Aber auch Legastheniker haben mit Hörbüchern die Möglichkeit, Literatur zu genießen und verstehen zu lernen, ohne sich mit den technischen Hürden des Lesens auseinandersetzen zu müssen.

Portabilität und Zusatzfeatures

Aber auch für Menschen ohne körperliche Einschränkungen können eBooks und Hörbücher eine sinnvolle Alternative sein. Sie lassen sich gut mitnehmen – welche Leseratte erinnert sich nicht an die Diskussionen aus der Kindheit und Jugend, wie viele Bücher für den Sommerurlaub ins elterliche Auto passen? Ein eReader, ebenso wie ein Smartphone oder Tablet, lässt sich mit einer Hand halten und umblättern und hilft so nicht nur Menschen mit Gipsarm oder einer Körperbehinderung, sondern auch solchen, die in Öffentlichen Verkehrsmitteln nur noch einen Stehplatz bekommen haben, bequem und sicher zu lesen. Hörbücher kann man auch auf dem Spaziergang oder während der Autofahrt weiterlesen (lassen).

Daneben bieten eBooks einige Möglichkeiten zur Interaktion mit dem Text, die bei klassischen Büchern nicht möglich sind. Wer zum Beispiel ein Fremdwort – oder, beim Lesen fremdsprachiger Texte, eine neue Vokabel – nicht kennt, kann diesen Begriff sofort nachschlagen und hat so wieder etwas gelernt. Fuß- und Endnoten lassen sich sofort ohne umständliches Blättern ansehen. Auch das Markieren und Kopieren von Textstellen, beispielsweise für einen späteren Blog-Eintrag oder sogar eine wissenschaftliche Arbeit, ist bei eBooks einfacher.

All diese Features sind zwar kein absolutes Muss, sie können aber in unserer hektischen und mobilen Welt durchaus einen Unterschied in der Lese-Motivation machen. Sind Bücher einfach und schnell verfügbar und auch unterwegs benutzbar, lesen Menschen mit einem vollen Terminkalender oft mehr, als sie das anderenfalls tun würden.

Selbst die Deutschen, die vielen Neuerungen eher skeptisch gegenüber stehen, erwärmen sich mittlerweile zunehmend für die neuen Arten von Büchern. Seit einigen Jahren werden eBooks zunehmend beliebter; laut einer Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom liest mittlerweile schon ein Drittel der “lesenden Bevölkerung” (auch) digitale Bücher.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsvision

All das beantwortet natürlich nicht die Frage, ob die Nutzer von eBooks oder Hörbüchern “richtige Leser” sind. Aber diese Frage lässt sich mit einem einfachen “Warum denn um alles in der Welt nicht?” beantworten. Schließlich haben diejenigen, die ein Buch auf dem Kindle, Nook oder tolino gelesen haben, denselben Inhalt aufgenommen, genauso mit den Charakteren mitgefiebert, sich die selben Fragen gestellt und Gedanken gemacht wie diejenigen, die die gedruckte Ausgabe gelesen haben. Dasselbe gilt für diejenigen, die das Hörbuch gehört haben. Literaturliebhaber definieren sich durch ihre Freude am Geschichtenerzählen, an fiktiven (oder nur allzu realen) Welten, glaubwürdigen Charakteren und sprachlicher Schönheit. Nicht der technische Prozess des Lesens ist es, der einen bereichert und bildet, sondern der Inhalt des Buchs und die Beschäftigung damit.

Das heißt natürlich nicht, dass nicht schön gestaltete Bücher durchaus einen historischen und künstlerischen Wert haben. Den haben sie selbstverständlich und kaum ein eBook-Liebhaber wird das ernsthaft bezweifeln. So ist es natürlich vollkommen in Ordnung und respektabel, eine Präferenz für gedruckte Bücher zu haben und diese lieber oder ausschließlich zu lesen. Erst wenn versucht wird, andere Leser aufgrund ihres bevorzugten (oder sogar einzig zugänglichen) Mediums als Leser zweiter Klasse einzustufen, wird die Grenze zum ebenso unfairen wie diskriminierenden Verhalten überschritten. Ansonsten handeln die Verantwortlichen bestenfalls wie gedankenlose Snobs. Das gilt natürlich auch für die kleine Gruppe derjenigen, die die Freunde traditioneller Bücher für ihre “altmodische” Vorliebe lächerlich machen.

Literatur ist wichtig, sie bereichert unser Leben, erweitert unseren Horizont und kann uns sogar helfen, andere Menschen besser zu verstehen. Sie ist ein bedeutender Teil unserer Kultur. Deswegen sollten wir alles, was noch mehr Menschen ermöglicht, dieses Erlebnis zu teilen, begrüßen und uns darüber freuen. Ein “richtiger” Leser ist in meinen Augen derjenige, der Freude an Literatur hat und diese Freude mit seinen Mitmenschen teilen will – auf welchem technischen Weg auch immer.


Image (adapted) “Lecteur ebook + livres papier” by ActuaLitté (CC BY-SA 2.0)


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OpenBookCase: Ein Mann, ein Buch, ein Regal

Image 'Screenshot Open Bookcase' by Marinela Potor

Zum Buch-Tausch ins Netz: Mit einer einer Website, mit der Nutzer auf der ganzen Welt auf einer interaktiven Karte öffentliche Bücherregale finden können.

Christian Nielebock hat mit OpenBookCase eine Webseite gegründet, mit der Nutzer auf der ganzen Welt auf einer interaktiven Karte öffentliche Bücherregale finden können. Das funktioniert im Prinzip wie eine Tauschbörse, auf der jeder Bücher einfach abgeben, tauschen oder mitnehmen kann.

Es war an einem Septembertag im Jahr 2013. Christian Nielebock stand gerade unter der Dusche, als ihm die Idee zu seiner Webseite kam. Davor hatte er schon seit einer Weile nach einem Platz in seiner Heimatstadt Frankfurt gesucht, an dem er seine alten Xbox-Spiele loswerden konnte. Doch der öffentliche Bücherschrank in Frankfurt akzeptierte keine Computerspiele oder Videos mehr.

Christian Nielebock machte sich also auf die Suche im Internet und fand erst eine Wikipedia-Liste von Bücherschränken in Deutschland, Österreich und der Schweiz und schließlich die Seite Tauschgnom.

Keine der beiden Lösungen überzeugte ihn so wirklich. Die Wikipedia-Liste wurde zwar von vielen in Foren von Thread zu Thread kopiert, doch schien das Ganze sehr umständlich und nicht besonders übersichtlich. Wer einen Bücherschrank finden wollte, musst sich mit der Liste erstmal selbst auf die Suche nach dem eigentlichen Ort des Schranks machen. Tauschgnom wiederum war zwar besser aufgestellt, aber auch hier sah Nielebock Verbesserungspotential: “Die haben zwar auch offene Bücherregale, allerdings ist es so, dass neue Einträge nur dort auf der Karte erscheinen, wenn man dem Admin eine Mail schreibt.”

Wenn aber beispielsweise ein Bücherschrank nicht mehr existiert oder die Öffnungszeiten ändert, kann es ein sehr langfristiger Prozess sein, bis Nutzer die Änderungen auch tatsächlich auf der Seite sehen können. Nach all diesen Recherchen erlebte Nielebock sein “Eureka!” unter der Dusche: Eine eigene Webseite musste her.

Ein Bücherschrank für alle

So machte sich der Softwareentwickler und Familienvater von drei Kindern also daran, seine eigene Webseite zu gründen: OpenBookCase erblickte das Licht der Welt. Das “Open” steht dabei für Open Source und Open Data, das war Christian Nielebock ganz wichtig. Jeder darf also die Daten der Seite benutzen, verändern und hat auch Zugriff darauf:

Wenn jemand einen Bücherschrank einträgt kann ein anderer ihn verändern. Er kann ein Bild dazu hochladen, kann die Daten aktualisieren, kann ihn zur Not auch löschen. Das mag am Anfang etwas riskant klingen, aber tollerweise klappt das super und keiner treibt Schindluder.

Nielebocks Idee der Share-Economy geht also auf. Doch bis das Projekt erst einmal so weit war, dauerte es noch eine Weile.

Von der Idee zum Erfolg

Im November 2013, zwei Monate nach seiner Dusch-Idee, stellte er sein Projekt zum ersten Mal öffentlich auf dem BarCamp in Dieburg vor. Zu diesem Zeitpunkt hatte er aus allen bekannten Listen eine Übersichtskarte von insgesamt 356 Bücherschränken erstellt. Nielebock wollte, dass Nutzer direkt auf der Karte sehen konnten, wo ein Bücherschrank in ihrer Nähe war. Dazu hatte er selbst in mühseliger Kleinarbeit zu allen ihm bekannten Schränken die Koordinaten herausgesucht, Bilder hochgeladen, Öffnungszeiten herausgefunden und all dies auf seiner Webseite eingetragen. Das Publikum war begeistert. Mit diesem guten Feedback präsentierte Nielebock schließlich das OpenBookCase-Projekt auf dem Webmonitor in Frankfurt.

Doch so begeistert die Community auch war, die Seite kam nur schleppend voran – bis Nielebock die Plattform Bookcrossing entdeckte. Hier schicken Nutzer Bücher auf Reisen um die ganze Welt und können anschließend beobachten, wer gerade in welcher Ecke des Globus ihr Buch liest.

Screenshot Bookcrossing by Marinela Potor
Ein Buch geht um die Welt: mit Bookcrossing. (Image: Screenshot by Marinela Potor)

Als Christian Nielebock den Nutzern von Bookcrossing die OpenBookCase Seite vorstellte, waren diese gleich Feuer und Flamme, sagt Nielebock: “Die Mitglieder waren begeistert, sie haben dann angefangen ihre Schränke einzutragen und da war ich dann ganz froh, dass es plötzlich 400 und 500 waren.”

Besonders viel Feedback kam aus Russland und Zentralasien sowie aus den Niederlanden. So kamen dann zwei Bookcrossing-Nutzer schließlich auch auf die Idee, OpenBookCase für Nielebock auf niederländisch und russisch zu übersetzen. So wurde aus der Idee von Christian Nielebock schließlich eine weltweit engagierte Community. Während die Karte in Europa und Asien gut gefüllt ist, fehlen derzeit Daten vor allem aus Amerika und Afrika. Mittlerweile sind aber über 2.000 offene Bücherschränke weltweit auf OpenBookCase zu finden.

Screenshot Open Bookcase by Marinela Potor
Eine interaktive Karte zeigt, wo sich die Regale befinden. (Image: Screenshot by Marinela Potor)

Reale Welt trifft virtuelle Welt

Auf OpenBookCase treffen die Welt des Internets und die reale Welt aufeinander. Wer auf der Suche nach einem offenen Bücherschrank in seiner Stadt ist, entweder um Bücher abzugeben oder selbst einfach stöbern möchte, klickt sich also einfach auf OpenBookCase rein und kann über die Seite direkt einen Standort in seiner Nähe finden. Für Smartphones zeigt die Standort-Funktion den Nutzern direkt Bücherschränke in ihrer unmittelbaren Umgebung an. Nielebock möchte auch ein Navigationsprogramm einrichten, das die Nutzer dann direkt zu den Bücherschränken führen soll.

Mittlerweile hat Nielebock auch Give-Boxen und Umsonstläden in seine Karte mit eingefügt. Einige dieser offenen Tauschstände haben Paten, andere funktionieren als Selbstläufer – möglich gemacht durch das Engagement der Online-Community. Das hilft auch Christian Nielebock, der das Projekt alleine in seiner Freizeit bestreitet. An neuen Ideen für OpenBookCase fehlt es ihm dabei aber nicht.

Als nächstes möchte er eine Wunschliste einführen, ein Vorschlag seiner Frau. Nutzer sollen dabei auflisten können, wenn sie sich ein bestimmtes Buch wünschen. Andere Nutzer wiederum können diese Bücher dann in die Bücherschränke einstellen und so die Bücherwünsche erfüllen. Wer weiß, vielleicht kann Christian Nielebock diese Idee ja sogar noch passend zur Weihnachtszeit umsetzen.


Teaser & Image by Marinela Potor (Screenshots)


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Von YouTube in die Buchhandlung: YouTuber werden Autoren

Sami Slimani mit seinem Buch, das Slimani Prinzip (Bild: Sami Slimani/Screenshot)

Viele YouTuber versuchen auch über Googles Plattform Video-Plattform YouTube hinaus tätig zu werden und sich kreativ auszutoben. So haben nicht wenige Videocreator eigene Bücher geschrieben. // von Lukas Menzel

Sami Slimani mit seinem Buch, das Slimani Prinzip (Bild: Sami Slimani/Screenshot)

Von YouTube in die Buchhandlung. Von einem typischen Online- zu einem klassischen Offlinemedium. Vom Videomacher zum Buchautor. Diese Schritte haben bereits einige YouTuber gewagt – mit Erfolg. Neben ihren Videos haben bekannte YouTube-Persönlichkeiten wie Y-Titty, Sami Slimani oder die britische YouTuberin Zoe Sugg eigene Bücher geschrieben, die sogar die Bestsellerlisten erklimmen. Oft verkaufen sich die Bücher der YouTuber tausendfach und führen bei Lesungen zu vollen Buchhandlungen.

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Management by Comittee: „Art and the Internet“

internet, art, kunst, typorobot

Das Buch „Art and the Internet“ bietet einen undurchdachten und unvollständigen Überblick über die Einflüsse des Internets auf die Kunst.  // von Dr. Tilman Baumgärtel

internet, art, kunst, typorobot Die Auseinandersetzung mit dem Einfluss des Internets auf die Kunst ist in den letzten Jahren nahezu zum Erliegen gekommen. Mit „Art and the Internet“ wird versucht, etwas diesem Trend entgegen zu stellen, doch fehlt hierbei leider doch der Mut, sich mit den fruchtbaren Einflüssen des Internets auf die Kunst ehrlich auseinanderzusetzen.

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Malte Spitz: „Big Data is watching you“

Malte Spitz auf der Buchmesse (Bild: Christina zur Nedden)

„Was macht ihr mit meinen Daten?“ – Malte Spitz fragt bei Mobilfunkanbietern, Fluggesellschaften und Ämtern nach und legt die Grundlagen eines (möglichen) Überwachungsstaats offen. // von Christina zur Nedden

Malte Spitz auf der Buchmesse (Bild: Christina zur Nedden)

Spätestens seit Beginn des von Edward Snowden enthüllten Überwachungsskandals ist Datenschutz ein Thema. Doch die Diskussion bewegt sich meist auf theoretischer Ebene. Der Politiker und Bürgerrechtler Malte Spitz erkundet in seinem ersten Buch „Was macht ihr mit meinen Daten?“ was es praktisch bedeutet, wenn Daten gespeichert und ausgewertet werden. Er hakte bei alltäglich genutzten Diensten wie Mobilfunkanbietern und Krankenkassen nach und warnt vor den Gefahren für die persönliche Freiheit jedes Einzelnen durch die zunehmende Verdatung unserer Handlungen.

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Sobooks: Die Verschmelzung von Buch und Internet

Sascha Lobo im Interview auf der Frankfurter Buchmesse (Bild: Julian Heck)

Sascha Lobo und Christoph Kappes haben auf der Frankfurter Buchmesse ihre Bücher-Plattform „Sobooks“ gelauncht. Über die Hintergründe und ihre Ziele sprach Sascha Lobo mit uns im Interview. // von Julian Heck

Sascha Lobo im Interview auf der Frankfurter Buchmesse (Bild: Julian Heck)

eBooks und Selfpublishing – das waren die Trendthemen der Frankfurter Buchmesse, die in den letzten Tagen in Frankfurt stattfand. Geht es nach Sascha Lobo und Christoph Kappes, sind Social Books das Trendthema des Buchmesse 2015. Die beiden haben am Freitag ihre Plattform „Sobooks“ – die Abkürzung für Social Books – gelauncht. Dort verkaufen sie Bücher, die im Browser oder in der Sobooks-App gelesen und direkt im Buch kommentiert werden können. Wie das funktioniert, welchen Mehrwert das hat und was wir von Sobooks in der nächsten Zeit erwarten können, das hat Sascha Lobo im Gespräch mit Julian Heck verraten.

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Crowdfunding für Bücher: Wenn der Leser zum Verleger wird

Die Self-Publishing- und Crowdfunding-Plattform Pentian bezahlt nicht nur Autoren, sondern belohnt Unterstützer erfolgreicher Buchprojekte mit einem Teil der Tantiemen. Dieses System soll das Verlagswesen revolutionieren. // von Christina zur Nedden

pentian, crowdfunding

Pentian kombiniert zwei große Trends: Self-Publishing und Crowdfunding. Autoren können ihre Bücher selbst veröffentlichen und in direkten Austausch mit ihren Lesern treten, bevor Buchproduktionskosten entstehen. Unterstützer von erfolgreichen Projekten bekommen einen Teil der Tantiemen. Pentians CEO Enrique Parrilla sprach auf der CONTEC 2014 über Crowdfunding im Verlagswesen, weshalb Leser die besseren Verleger sind und den Einfluss der Digitalisierung auf die Branche.

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Durchgedreht mit… Wladimir Kaminer

In der vierten Folge von „Durchgedreht mit…“ spricht die Netzpiloten-Autorin Gina Schad mit dem Schriftsteller Wladimir Kaminer über seine Erfahrungen mit sozialen Netzwerken, sein neues Buch über das Erwachsenwerden seiner Kinder und die Berichterstattung über Russland in deutschen Medien:

Auf Startnext.de ist die Crowdfunding-Kampagne von „Durchgedreht mit…“ gestartet. Die nächsten 25 Tage kann unsere Autorin Gina Schad und damit Vielfalt im Journalismus unterstützt werden!

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Scott Berkun über seine Zeit bei Automattic

Im Jahr 2010 hatte Automattic, die Firma hinter WordPress.com, 50 Mitarbeiter, die fast ausschließlich online zusammenarbeiten, ein Büro nur zu Demonstrationszwecken bei Fototerminen und keine Hierarchien. Gründer Matt Mullenweg und der damalige CEO Toni Schneider stellten fest, dass das nicht mehr optimal war und entschieden sich, eine Hierarchieebene einzuführen.

Als Folge wurden des von Mullenweg und Schneider geplanten Umbaus, wurden Teams mit jeweils einem Teamleiter gebildet. Der Kopf von „Team Social“ war Scott Berkun, 58. Automattic-Angestellter und ehemaliger Microsoft-Mitarbeiter. Er ist kein Programmierer, sondern Autor zu Management-Themen und seine Aufgabe war herauszufinden, wie die Teams organisiert werden sollten: „Durch den Eintritt in das Unternehmen würde ich zu einem Instrument meiner eigenen Ratschläge werden. Wenn der Wechsel von der flachen Hierarchie hin zu Teams scheiterte, wäre ich in doppelter Hinsicht verantwortlich.“ Berkun schrieb darüber ein Buch. In „Mein Jahr ohne Hosen“ berichtet er fast tagebuchartig aus dem Arbeitsalltag seines Teams mit Mitarbeitern in den USA, Europa und Australien, das in in Berkuns Zeit bei Automattic unter anderem „Jetpack“, eines der erfolgreichsten WordPress-Plugins, entwickelte. Im Netzpiloten-Interview erzählt Scott Berkun von seiner Zeit bei Automattic und Möglichkeiten für andere Unternehmen.

Katharina Brunner: Als Sie bei Automattic angefangen haben, sagte ein Kollege zu ihnen: „Willkommen im Chaos“. Wie schafft es ein Unternehmen ohne festgelegte Management-Prozesse, minimaler Hierarchie und Mitarbeitern auf der ganzen Welt mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet zu werden?

Scott Berkun: Das ist eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Ich musste dort selbst arbeiten und ein ganzes Buch darüber schreiben, um es zu erklären.

In Ihrem Buch berufen Sie sich immer wieder auf die Kultur als das entscheidende Element für einen Arbeitsplatz. Was macht die Kultur bei Automattic so außergewöhnlich?

Anders als bei den meisten anderen Arbeitsplätzen herrscht großes Vertrauen zwischen den Mitarbeitern. Sie wurden angestellt, weil sie echtes Interesse am Publishing und eine positive Einstellung dazu haben, Menschen zu helfen. Es ist selten, dass ein Unternehmen erfolgreich eine solche Kultur schafft – obwohl es viele versuchen.

Matt Mullenweg hat Sie als Experten für Projektmanagement angeheuert. Wie hat sich die Organisation von Automattic durch Ihr Anraten verändert?

Ich habe gezeigt, dass es jedes Team in egal welcher Organisation bestimmte Dinge braucht, um gute Arbeit abzuliefern. Die meisten Firmen scheitern daran. Drei dieser Dinge sind: Vertrauen gewinnen, klare Ziele setzen und Risiken eingehen. Die Organisation an sich habe ich nicht verändert, das ist sehr schwierig für eine einzelne Person.

Sind Manager in Open-Source-Organisationen und Firmen wie Automattic nicht mehr notwendig?

Sie sind notwendig, aber aus anderen Gründen. Open-Source-Organisationen haben Freiwillige – Leute, die bereit sind, ihre eigene Zeit zu investieren. Wie viele Menschen würden ihre Jobs bei machen, wenn sie nicht bezahlt werden würden? Nicht viele. Das ist eine gewaltige Stärke, die das Führungspersonal und die Manager bewahren müssen. Anstatt Kommandos zu brüllen, müssen sie daran arbeiten, das Projekt und die tägliche Arbeit zu schützen, damit es den Freiwilligen weiterhin Spaß macht und es interessant genug bleibt, damit sich Leute daran beteiligen wollen.

Sie berufen sich oft auf Eric Raymonds Essay „Die Kathedrale und der Basar„, um die Unterschiede zwischen einer traditionellen, zentralen Firma und einer dezentralen Organisation wie WordPress zu veranschaulichen. Gibt es eine optimale Position zwischen diesen Extremen?

Jede Organisation ist anders, niemand ist nur das eine oder das andere. Die optimale Balance unterscheidet sich von Unternehmen zu Unternehmen. Aber ich vermute, wenn die Firmen ihre talentiertesten Angestellten fragen, dann würden die sagen: Am besten ist eine Verschiebung Richtung Dezentralisierung.

Was sind drei Schlüsselfaktoren, falls eine Firma darüber nachdenkt, komplett virtuell zu arbeiten?

  • Sie sind bereits eine virtuelle Firma: ein großer Teil der Arbeit läuft bereits über E-Mail, Webbrowser und mobile Geräte.

  • Wenn sie gute Leute einstellen, dann sollten sie die Tools, mit denen sie arbeiten, selbst wählen.

  • Beurteile Angestellte nach ihrer Leistung und ihren Resultaten und nicht nach oberflächlichen Bewertungen, etwa wie viele Stunden sie gearbeitet haben.

Sie haben erwähnt, dass die Usability von WordPress nicht so gut ist wie sie sein könnte. Gibt es in dem Punkt Verbesserungen, seitdem sie die Firma verlassen haben?

WordPress wird bereits besser. Sie arbeiten im Moment an Version 4.0 und es sieht so aus, als wäre das die bisher beste Version.

Letzte Frage: Haben sie wirklich ohne Hosen gearbeitet?

Haben Sie wirklich Hosen getragen, als Sie diese Interview-Fragen gestellt haben?

Vielen Dank.

Mein Jahr ohne Hosen“ erschien im August 2014 im Wiley-VCH Verlag.


 


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E-Books im Denknebel des Literaturbetriebs

Das E-Book wird bislang als schlechteres Buch angesehen – und trotzdem teurer verkauft. Und die neuen Schreibweisen der Netzzeit warten nicht auf den alten Literaturbetrieb. // von Gunnar Sohn.

Ebook (Bild: Vedat Demirdöven  [CC BY-SA 2.0], via fotocommunity.de)

E-Books sind in Deutschland noch nicht der absolute Renner. Und wenn ich mir die Preispolitik für digitale Bücher hierzulande anschaue, wundert mich das überhaupt nicht. In der Regel liegt der Preis im Vergleich zur gedruckten Variante viel zu hoch. Das ist eine echte Barriere. Kleines Beispiel: „Meßmers Momente” von Martin Walser. Die Gebundene Ausgabe kostet 14,95 Euro und für die Kindle Edition muss ich 12,99 Euro berappen. Weiterlesen »

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Rezension: „Journalism and Technological Change“

Newsroom von RIA Novosti in Moskau 5 (adapted) (Image by Jürg Vollmer [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

In einem Sammelband versuchen Wissenschaftler das Verhältnis zwischen Journalismus und Technologie auszuloten. Der Scherz bekommt mittlerweile einen grauen Bart und trotzdem funktioniert er noch immer: Einfach Eilmeldung vor eine nur mäßig spannende Nachricht schreiben. Der Witz zeigt das Problem, das Journalisten mit der immer schneller werdenden Geschwindigkeit im Nachrichtengeschäft haben. Denn neue technische Entwicklungen – seien es der Telegraf im 19. Jahrhundert, das Telefon im 20. oder das Internet im 21. Jahrhundert – bedeuten vor allem: steigende Geschwindigkeit im Nachrichtengeschäft.

 Doch bis zum Internet haben von dieser Beschleunigung vor allem traditionelle Medien profitiert, denn nur sie hatten die finanziellen Möglichkeiten, die teuren Technologien zu nutzen. Mit dem Internet hat sich das geändert: “Beschleunigung hat dem Aufstieg von Nachrichten (traditionellen Medien, Anm. d. Red.) bis zu einem Tipping-Point der Technologie geholfen – und dieser Punkt ist überschritten“, glaubt John Nerone. Denn Exklusivmeldungen können heute genauso gut von Amateuren kommen.

Und haben Journalisten doch einen Scoop gelandet und eine Meldung vor den Konkurrenten gebracht, dann nützt ihnen das nur mehr wenig. Hielt der zeitliche Vorsprung in analogen Zeiten noch 24 Stunden oder mehr, ist er heute in wenigen Minuten dahin. Nämlich ganz einfach dann, wenn die Konkurrenz die Nachricht als Eilmeldung bei sich selbst übernommen hat. Der Streit zwischen der Bild-Zeitung und Focus Online zeigt das schön: Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt wirft in einem Interview mit Turi2 der Online-Ausgabe des Focus vor, Inhalte „zu klauen“. Das Problem liegt da weniger in der Tatsache, dass die Medien voneinander abschreiben, sondern darin, dass die Bild versucht mit Inhalten Geld zu verdienen, die anderswo kostenlos zu kriegen sind. Mitchell Stephens vergleicht das damit, Eis verkaufen zu wollen, nachdem jeder bereits einen Kühlschrank zu Hause stehen hat.

Schritt zurück von der Nachrichtenfront

Die Daseinsberechtigung von traditionellen Medienhäusern kann also nicht mehr darin liegen, weiterhin im Rennen um die nächste Eilmeldung teilzunehmen. “Die prestigeträchtigsten Nachrichtenorganisationen werden einen Schritt zurück von der Nachrichtenfront machen“, prognostiziert Nerone.

Statt Schnelligkeit also Kontext, Erklärungen, Einordnung – kurz: diesen ominösen Qualitätsjournalismus. Doch was soll das genau sein? Stephens fordert den „wisdom journalism“: „Journalismus, der das Verständnis von der Welt stärkt.” Die technischen Entwicklungen, die den Journalismus auf so vielen Ebenen verändern, führt womöglich zu einer ganz neuen Kategorisierung: Karin Wahl-Jorgensen schlägt den Begriff des post-modernen Journalismus vor.

Die akademischen Aufsätze beginnen die Betrachtung allerdings nicht erst mit dem Internet. Telegrafen, Fotografie und Telefon werden genauso analysiert, wie aktuelle empirische Arbeiten zu Leser-Partizipation und sozialen Medien. Zum Beispiel: Wie beeinflussen Selbstregulierung und Kritik aus Social-Media-Kanälen die Arbeit von Journalisten? Um die wissenschaftliche Studie auf einen Satz herunterzubrechen: Selbst-Regulierung und soziale Medien haben keinen großen Einfluss, wichtiger sind Qualitäts- oder Ethikstandards innerhalb von Redaktionen.

Sicherheitsaspekte fehlen

Die Herausgeber Martin Schreiber und Clemens Zimmermann stellen im Vorspann fest, dass die Journalismusforschung bisher in getrennten Lagern verläuft: Zum einen die technische Seite, die in den Naturwissenschaften verortet wird. Zum anderen die „Dimension der Inhalte“, die die Geisteswissenschaften bearbeiten. Diese Dichotomie müsse überwunden werden, denn wenn das Internet das alles verändernde Moment im Journalismus ist, dann ist jede Betrachtung des gegenwärtigen Journalismus auch eine der technologischen Möglichkeiten.

Zu kurz kommen im Buch die ökonomischen Implikationen: Zwar lässt es sich fast keiner der Autoren nehmen, darauf hinzuweisen, dass das Internet das analoge Geschäftsmodell in sich zusammenbrechen lässt. Den Zusammenhang zwischen technologischen Veränderungen und seinen wirtschaftlichen Folgen streifen die Autoren aber höchstens.

Die Beiträge im Buch speisen sich aus einer Konferenz im Frühjahr 2013. Der Zeitpunkt ist entscheidend. Denn in der Prä-Snowden-Ära standen Sicherheit von Kommunikation, Quellen und Daten nicht im Blickpunkt: Nur etwa eine der knapp 300 Seiten streift diese Aspekte. In einem etwaigen Nachfolgeband nehmen diese Themen sicher mehr Raum ein.

Martin Schreiber und Clemens Zimmermann (Hrsg.), „Journalism and Technological Change„, Campus Verlag


Image (adapted) „Newsroom von RIA Novosti in Moskau 5“ by Jürg Vollmer (CC BY-SA 2.0)


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Schreiben & Lesen – früher & heute

Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke! Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt.

Es war ein Krickel und Krackel. Mit Eselsohren und eingerissenen Seiten. Und es hatte am Ende nicht viel Schönes. Ehrlich gesagt. Egal, wie man es drehte und wand: Als ich die ausgedruckte Buchfahne zu „Radiergummitage“ – also, mein, ähm, „Werk“ auf 351(!) DIN A4 Seiten – zum dritten Mal durchgearbeitet hatte, sah sie aus, wie eine lange, penibel korrigierte Deutsch-Leistungskurs-Klausurarbeit. Eine sehr, sehr, SEHR lange Klausurarbeit. Und SEHR akribisch korrigiert. Durchgestrichene Passagen mit Kuli. Angemarkerte Sätze, die nicht wegfallen durften. Ideen zur späteren Ausarbeitung mit Bleistift am Rand. Farblich gekennzeichnet waren überdies durch die Gegend geschobene Absätze. Und nicht zu vergessen die 1 Millionen Post-Its mit Anmerkungen.

Ich fragte mich schon bei Abgabe dieser Korrektur sorgenvoll, ob das ein Lektor jemals a) verstehen, b) meiner Idee folgend in eine ansprechende Form und c) überhaupt in den Druck bringen konnte. Um das Finale vorweg zu nehmen: es hat alles geklappt. Holldrijo. Nun, gut. Ich hätte auch eine andere Möglichkeit gehabt. Es gab eine Alternative zur Chaosvariante. Die Erstversion des Romans nach dem gründlichen Lektorat kam digital. Mit nachvollziehbaren Änderungen und Bemerkungen. Mit Randnotizen oder auf dem Bildschirm bunt gemachten Verbesserungsvorschlägen. Ich verstand alles. Nahm alles (was an Änderungen angemerkt war) an. Digital und im Herzen. Und kapitulierte… Jede weitere Arbeit an diesem Dokument, müsste von nun an händisch von statten gehen, stellte ich für mich fest. Dieses Rumfrickeln in diesem übergroßen Word-/Pages-Dokument an dem Computer-Monitor strapazierte meine Geduld und überforderte mich maßlos. Weil sich irgendetwas in mir immer noch gegen „book auf dem macbook“ sträubte. Ich meine, ich bin nicht umsonst bislang noch nicht zur vollends begeisterten eBook-Leserin geworden. (Kann ja noch werden. Ich versuche es immer wieder.) Aber noch liebe ich zu sehr mein Taschenbuch in der Hand. Die Knicke und Falten in den Seiten. Beziehungsweise vielmehr: das Gefühl, dass das Papier angefasst, geblättert und gelesen wurde. Und nicht nur im Regal stand. Ich finde es großartig, dieses haptische Erlebnis der Abendlektüre, das mit einem auf den Bauch gedrehten Buch auf dem Nachtisch endet. Und dieser geherzten Routine folgend, brauchte ich also den Ausdruck für den ultimativen Eindruck vor Andruck. Wie gesagt: es ist nichts schief gegangen. Aber: es hat mich zum Nachdenken gebracht. So romantisch die Vorstellung vom Schriftsteller an seiner Schreibmaschine mit Blick auf provençalische Landschaften sein mag – so wenig hat das mit uns zu tun. Mit der Lebenswirklichkeit der Generation „@“. Und das ist gut so. Ich bin dankbar, nicht jede Seite neu abtippen zu müssen, nur weil ich drei Tage nach ihrer Beschriftung feststelle, dass ich über die Hälfte anders schreiben will. Ich bin glücklich, dass ich keine mehreren tausend Seiten im Copyshop kopieren muss (wie haben die das früher gemacht?), um sie an diverse Verlage zu schicken, die alle Interesse an meinem Roman haben. Ich mache drei Kreuze, dass das Netz uns derlei heute wirklich erspart. Holl-dri-jo. Sagte ich das bereits? Dass das Web die Welt verändert (hat), ja, uns verändert (hat) ist nicht neu. Dass es Bedenkenträger gab und immer wieder gibt – mal zu Recht und mal zu Unrecht – auch nicht. Ich will mich auf das konzentrieren, was meine kleine Welt beschäftigt. Und das war im Schaffensprozess des Buches das eben geschilderte. Und noch etwas mehr. Als es um die Planung und Abwicklung der Lesereise ging, trudelte eine Anfrage ein, die mir kurz Stirnrunzeln machte. Alle Beteiligten, vor allem die Profis vom Verlag, sagten „Doch, doch, das ist seriös. Und auch cool. Mach das.“ Ich stutzte dennoch. Lesung. Für mich hieß das bislang: zu einer Buchhandlung oder in ein kleines Theater fahren – auf interessierte Buch-Afficionados treffen – Kapitel oder mannigfaltige Auszüge präsentieren – danach Fragen beantworten – Bücher signieren – Gespräche haben – nach Hause gehen. Oder eher: ins Hotel. Schlafen, am nächsten Morgen Heimfahren oder zum nächsten Leseort. So. Jetzt kullerte ein neues Wort aufs Spielfeld. Es hieß „Online-Lesung“. Ein zunächst irritierendes Schlagwort, das mich innehalten ließ. Ich sollte, so der Gedanke, eine Lesung abhalten bei meinem Verlag. Nur ohne Publikum. Dafür aber mit Kamera und Ton und Assistenten und Technik und pipapo. Aha. „Und das funktioniert?“ Meine Skepsis war nicht zu überspüren. „Ja. Die Leute lieben das. Hat was exklusives.“ Was Exklusives. Soso. Dabei ist es doch kosten- und aufwandlos. Für alle (die Internet haben). Mehr oder weniger leblos aus dem Netz. Zweidimensional. Und damit nur eine schale Kopie von „echt“. Oder? Hat das wirklich Wert? Das war meine Frage. Am Tag der Lesung herrschte emsiges Treiben. Der Raum und mein spezieller Performance-Ort mit Tisch und Stuhl und Deko wurden hübsch hergerichtet, als würden Staatsmänner empfangen. Das Catering entsprach dem auch. Fast. Noch 10 Minuten bis zum Lesungsbeginn. Als ich den mir zugedachten Platz einnahm, mich allein wähnte mit dem Zimmer, der Wortlosigkeit und den zauberhaften, aber eher stillen Organisatoren dieser Lesung, zögerte ich innerlich. Ich begann ein Paar Absätze aus meinem Buch laut vorzutragen. Die Worte standen regungslos im Raum. Niemand, der sie in sich aufnahm oder reagierte. Konnte ich das so? Wollte ich das so? Noch 5 Minuten. Ich fand erstaunlich schnell eine Antwort. Und die lautete eindeutig: nein. Also stand ich auf und suchte meine Verbündeten. Die Verlagschefin, die Leiterin der Lesungen, die Chef-Assistentin, mein Lektor und so weiter und so fort. Kurzum: alle, die noch zu dieser unbürokratischen Stunde im Büro waren. Noch 1 Minute. Dann legte und las ich los. Zartes Hüsteln und Kichern an der ersten Stelle, an der geschmunzelt werden durfte. Ich fühlte mich ermutigt und erzählte meine Geschichte noch theatralischer weiter. Lautes Giggeln. Plötzlich einige große Lacher. Ich musste auch lächeln, blickte auf in die Kamera, die mich die ganze Zeit bei meiner Vorleserei beobachtete und stellte mir vor, wie die, die uns von Zuhause aus folgten, jetzt auch vor sich hin grinsten. Das fühlte sich gut an. Von diesem Augenblick an. Bis zum Schluss. Als ich am Ende des Vortrags zu Fragen aufrief, ließ sich die Netzgemeinde nicht lange bitten. Im Gegenteil. Schon während der Lesung waren bei Facebook und Twitter jede Menge Interessenten aktiv gewesen und hatten das gepostet, was sie wissen wollten. Also, diametral anders als beim analogen Event. Wo man nicht selten das Publikum gerade am Anfang mit einigen liebevollen Schubsern ermuntern muss, sich einzubringen. Nein. Hier sprudelten die Fragen und ich war dankbar, so viele unterschiedliche Dinge beantworten zu dürfen. Nach über einer Stunde wurde die Sitzung beendet. Meine Wangen glühten. Und die Stimme krächzte ein wenig. Hatte sie doch auch 70 Minuten lang mehr oder weniger ohne Punkt und Komma, in jedem Fall aber ohne Pause erklingen müssen. Dann lehnte ich mich zurück. „Zufrieden, Jungens?“ fragte ich in die Richtung der Organisatoren, die keck hinter ihren Monitoren hervor lugten. „Jawohl. Da war ja einiges los. Schön.“ „Da war einiges los. Stimmt…“ Das Signieren fehlte mir ein wenig. Und das ins-Gespräch-kommen mit Leuten, die das Werk, in dem 3 Jahre Arbeit, viel Liebe und Herzblut drinstecken, bereits konsumiert haben. Dafür, so dachte ich mir, haben das heute vielleicht Leute gesehen, die sonst gar nicht zu einer Lesung gekommen wären. Oder es rein körperlich vielleicht nicht hinbekommen hätten. Es konnte jeder, der wollte. Das kleine kulturelle Event – nur einen Klick entfernt. Für die nächste Online-Lesung beim nächsten, ähm, Bestseller, wünsche ich mir übrigens einen Ohrensessel in einem kleinen Landhaus. Vorzugsweise mit einer dekorativen Schreibmaschine neben mir. Und dem Blick frei auf eine schöne Landschaft. Die Provençe zum Beispiel.

 

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Crowdfunding-Projekt: „Die Bildung und das Netz“

Im Interview mit Netzpiloten.de spricht Martin Lindner über sein Crowdfunding-Projekt „Die Bildung und das Netz. Wie leben und lernen wir im digitalen Klimawandel?“ // von Kristin Narr

bildungundnetz

Bildung und Lernen verändern sich gerade tiefgreifend, aber wie genau? Wir wissen es noch nicht recht, aber Martin Lindner möchte mit dem Crowdfunding-Projekt „Die Bildung und das Netz“ untersuchen, welche Rolle die Digitalisierung dabei spielt und welche das Netz. Im Interview mit Kristin Narr erklärt Lindner, dass das Buch nicht für Fachleute und Insider bestimmt ist, sondern ein Sachbuch für alle werden soll, die sich Gedanken über Bildung machen.

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Digitale Aufklärung: 5 Fragen an Tim Cole

Tim Cole (Bild: Microsoft Berlin)

Gestern Abend las Tim Cole in den Räumen von Microsoft Berlin aus dem zusammen mit Ossi Urchs geschriebenen Buch „Digitale Aufklärung“ vor. // von Tobias Schwarz

Tim Cole (Bild: Microsoft Berlin)

Ende November hat Julia Solinksi das von Ossi Urchs und Tim Cole geschriebene Buch „Digitale Aufklärung“ auf Netzpiloten.de rezensiert. Die beiden von ihrem Verlag als „Internet-Guru“ und „Internet-Experte“ bezeichnete Autoren gehen in dem Buch auf die wichtigsten Themen der aktuellen Netzdebatten ein. Gestern Abend las Tim Cole auf Einladung von Microsoft in Berlin aus dem Buch und beantwortete uns im Anschluss ein paar Fragen in unserem Instagram-Interview.

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„4 in 1“ – Miriam Pielhaus neuste Kolumne

Digital DNA, City of Palo Alto, Art in Public Places, 9.01.05, California, USA (adapted) (Image by Wonderlane [CC BY 2.0], via flickr)

„Cloudcuckoohome – Geschichten aus der digitalen Wolke!“ Hier resümiert die Netzpiloten Kolumnistin Miriam Pielhau regelmäßig über ihr tagtägliches Leben in der digitalen Welt. Miriam Pielhau. Die Schauspielerin, Moderatorin und Autorin resümiert einmal im Monat mit einer eigenen Kolumne auf Netzpiloten.de über ihren digitalisierten Alltag. Unter „Cloudcuckoohome“ berichtet sie heute von ihrem Versuch, mehr Ordnung in ihren Arbeitsalltag zu bringen und gleich vier verschiedene Arbeitsaufgaben zu schaffen – mit einer unkonventionellen Lösung: mehr Arbeitsplätze!

4 in 1

Das Herz hüpft hügelhoch, wenn sich Träume erfüllen? Pustekuchen. Aus-der-Puste-Kuchen. Ich schnappe gerade von A nach B hetzend nach Luft. Warum, erzähle ich heute.

Ein Albtraum ist das derzeit. Ein absoluter Aaaalbtraum. Und das, wo ich gerade ausschließlich mit Dingen beschäftigt bin, die ich immer unbedingt machen wollte. Aufträge, die Spaß machen. Ich kümmere mich um Themen, die ich mag. Habe Jobs, die mich in den schönsten Wahnsinn treiben und abends übermüde, aber genauso überglücklich ins Bett plumpsen lassen. Was ist also das Pielhau-esque Problem? Gute Frage. Antwortsuche. Nun: mein Plan für 2014 war und ist der Wiedereintritt in die berufliche Hemisphäre. Und zwar auf den unterschiedlichen Plateaus, auf denen ich mich seit vielen Jahren bewege. Dass diese Idee, sanft und geschmeidig „back to business“ zu gleiten jetzt schon vielmehr in einem eruptiven Auftritt auf gleich vier Bühnen parallel werden sollte, hätte ich am ersten Tag dieses noch jungen Jahres kaum vermutet. Und doch bewahrheitet sich eine alte, durch und durch inoffizielle Medienregel:

„Mit den Aufträgen verhält es sich, wie mit der Ketchup-Flasche. Erst wird lange und fest geklopft, ohne, dass etwas passiert. Plötzlich ergießt sich alles auf einmal auf den Teller.“

Mein Berufsleben: Ein Haufen Industrie-Tomatensoße also? Gestatten Sie mir, wenn ich Sie an dieser Stelle mit Details behellige.

Job Nummer 1 ist die lang ersehnte Erfüllung eines Traumes, das Wiederaufgreifen einer alten Leidenschaft. Ich kehre zurück zu den Wurzeln, die mich in der Medienbranche haben groß werden lassen: man lässt mich wieder im Radio senden. Seit Anfang des Jahres darf ich Berlin und Brandenburg bei 94,3rs2 immer Sonntags mit meiner eigenen Sendung nebst prominenten Gästen und einer Show beschallen, die nicht nur meinen Namen trägt, sondern auch durch und durch meine Handschrift. Das heißt, ich bereite alles eigenständig vor. Mache mir Gedanken über die Inhalte und die Aktionen, kümmere mich um meine berühmten Talkgäste, moderiere und produziere dementsprechend die 3-Live-Stunden auch eigenständig. Damit bin ich gut und gerne 3-5 Tage pro Woche beschäftigt. Am Computer, am Telefon und im Studio.
 
Mein 2. Großprojekt für dieses Jahr: der Debüt-Roman. Damit wird das lesende Volk zwar erst im Frühling behelligt, aber die finalen Arbeiten wollen noch im Winter vollendet werden. Der zauberhafte Chef-Lektor hat bereits das wichtigste getan: nämlich dem Gesamtwerk 20% Überlänge genommen. Jetzt ist es an mir, das abzusegnen. Himmel, was für eine schwere Aufgabe. Wie alle mehr oder minder talentierten Jungautoren hänge ich natürlich an den liebevoll entwickelten Satzkonstruktionen. An Textpassagen. An Seitenhandlungssträngen. Und doch: es hilft ja nichts. Ich will niemanden langweilen. Also muss Kürze die Würze bringen. In die Tonne mit der Schreiber-Eitelkeit. Her mit diszilpiniertem Pragmatismus. 330 Seiten erfordern meine Aufmerksamkeit. 330 Textseiten und ca. 30 Anmerkungen meines Lektors pro Seite. Puh. Buchstabensalat. Dass parallel eine Lesereise für April bis Juni in der Planung steht, wird nur der Vollständigkeit halber erwähnt.
 
Aufgabe Nummer 3. Es deutete sich schon Ende des vergangenen Jahres an, dass ich in diesem wohl zur „kleinen“ Unternehmerin werden würde. Dass sich aber ausgerechnet im ersten Quartal schon die fantastische Gelegenheit dazu ergeben würde, war so nicht vorgesehen. Aber es war und ist eine Chance, die ich beim Schopfe packen musste – und nun meine eigenen Haare raufe. Weil ich trotz guten Zeitmanagements nun langsam ins routieren gerate. Der Aufbau einer kleinen Agentur läuft bestens. Aber die Übersicht zu behalten zwischen all den Nachrichten aus dem Buchverlag und den Korrespondenzen mit meinen Radiogästen und Senderverantwortlichen, die Telefonate, Konzepte, Meetings…ach ach ach…gestaltet sich zunehmend schwieriger. Ich will nicht lamentieren. Ich habe es ja so gewollt.
Das vierte Projekt: auch wenn der Roman noch nicht einmal in den Buchläden liegt, so recherchiere ich bereits seit einem Jahr an einer neuen Sachbuch-Geschichte. Das bedeutet: Lesen. Viel Lesen von Sekundärliteratur. Aber auch einiges niederschreiben. Anekdoten. Erlebnisse. Erfahrung.
Und zuguterletzt etwas, was „nebenbei“ mitläuft: meine Kernprofession. Die der Moderatorin. Gastauftritte, Sendungskonzepte mit Senderchefs besprechen, zu Castings gehen, Events moderieren, Events besuchen, kurz: das Fernsehjahr 2014 im ersten Quartal in Sack und Tüten bringen.
 
Die Miriam Pielhau Media Company stampft im schnellen Takt. Mit all den Details zu den Aufgaben könnte ich ein gutes Dutzend Mitarbeiter in einem Großraum-Büro Vollzeit beschäftigen. Mache ich nicht und möchte ich nicht. Denn: ich liebe ja, was ich tu. Nur nicht so sehr, wie ich es tu. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund. Es funktioniert nicht, an einem Computer zu sitzen und an einem von vier Projekten konzentriert, fokussiert und zielgerichtet zu arbeiten. Es gab den Versuch zur Struktur: von 10-12Uhr Agentur, von 12-14Uhr Roman, von 14-16Uhr Radio-Gedöns und dann wieder 20-23Uhr alles, was liegen geblieben ist.
 
Ich nehme es vorweg: der Versuch ist gescheitert. Und mündete in Kuddelmuddel. Am Ende des Tages hatten zwar alle „to do‘s“ auf der Liste ein Häkchen, aber mein Kopf qualmte und an geruhsame Nachtruhe war auch nicht zu denken, wenn im Hirn immer noch die Fragen rattern, ob auch wirklich alles erledigt ist. An einem Arbeitsplatz zu sitzen und vier Arbeitsfelder zu beackern – nicht gut umsetzbar. Ständig trudeln Mails ein, die eines der anderen Themen betreffen. Natürlich klicke ich diese an. Natürlich versuche ich, so schnell wie möglich zu antworten. Zum Durchschnaufen die kleine Surf-Pause, wahlweise Ablenkung via Facebook, Twitter, Spiegel Online, BUNTE und Konsorten. Das ist nur bedingt effektiv. 4 Wochen lang habe ich mich gequält mit 4 Topthemen, die meine Jobthemen sind, auf meinen 4 Buchstaben zu sitzen und an einem Arbeitsplatz dennoch sortiert zu arbeiten. Um dann festzustellen:
Unmöglich. Albtraum. Und dann…Die Lösung kam mir im Schlaf. Ernsthaft.
 
Ich träumte, dass ich zum Einschlafen meine Sekundärliteratur gelesen hätte. Also Fachliteratur statt Lieblingsnovellen. Eigentlich ein No-Go. Also, den Job mit ins Bett zu nehmen. Aber es war ja auch nur eine geträumte Variante – aus der dann die Lösung erwuchs. Am nächsten Morgen wurde mir schlagartig klar: wenn ich schon nicht mit vier Jobs an einem Arbeitsplatz sitzen kann, muss ich für jeden Job einen eigenen Arbeitsplatz kreieren. Vier Büros unter einem Dach. Vier in eins. Das wollte ich versuchen. So habe ich mich eingerichtet. Und siehe da? Es geht.
 
In den vergangenen Tagen ließ sich recht unkompliziert ein Umfeld erschaffen, das Inspiration bietet, je nach Bedarf. Soll heißen: Radiogäste werden gemütlich beim Kaffee am Morgen akquiriert. Nach dem Frühstück. Aber am Tisch. Mit Telefon und Laptop – und einem Blick auf die Tagespresse.
 
Agenturarbeit mache ich in meinem kleinen Büro. Wie in einer Agentur eben. Home-Office, olé. Für das Lektorat meines eigenen Romans gehe ich dahin, wo ich auch sonst gerne anderleuts Bücher lese. Auf die Couch. Zwischen Kissen und Kuscheldecke fällt es nicht ganz so schwer, ganze Kapitel der „Löschtaste“ hinzugeben. Nun, und um mich durch meine Recherche-Literatur zu wühlen, habe ich mein Gästezimmer gewählt. Heimelige Möbel, aber nicht zu komfortabel um in unproduktive Freizeithaltung zu verfallen. Nein. Immer noch in Business-Bereitschaft. Mit der Möglichkeit zu analogen Notizen, die irgendwann am Rechner digitalisiert werden.
 
Abends noch eine 1-2stündige Runde täglicher Email-Wust, wo die Routine-Restposten abgearbeitet werden – so geht‘s.
 
Das macht zwar mehr Wegstrecke von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz. Aber ich muss dafür noch nicht einmal (oft) das Haus verlassen. Und ausserdem – so lässt sich das ja auch schön reden – ist das fast so etwas wie Sport. Und macht müde. Und traumschwer. Und zwar ohne „alb-“ davor.

Image (adapted) „Digital DNA, City of Palo Alto, Art in Public Places, 9.01.05, California, USA“ by Wonderlane (CC BY 2.0)

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Rezension: „Eine neue Version ist verfügbar“

Ein Buch über die Veränderung der Kultur durch die Digitalisierung ist interessant. Dass der Autor seinen Ansatz praktisch umsetzt, ist interessanter. Über von Gehlens neue verfügbare Version. // von Julian Heck

Eine neue Version

Es ist kein Buch wie jedes andere. Physisch reiht es sich zwar ein in die bisher veröffentlichten Sachbücher zahlloser Autoren. Das Konzept aber ist ein anderes, welches hinter „Eine neue Version ist verfügbar“ des Journalisten Dirk von Gehlen steckt. Finanziert hat das Buch mit der These, Kultur werde zur Software, nämlich die Crowd – 350 Unterstützer – und geschrieben hat er es gemeinsam mit ihr. Denn: „In einer kulturellen Welt, in der die Ergebnisse kopierbar sind, könnte der Blick auf das Erlebnis neue Perspektiven eröffnen„. Das Erlebnis bei Büchern: Denken und Schreiben.

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Big Data – Das neue Versprechen der Allwissenheit

Der Begriff „Big Data“ hat spätestens in diesem Jahr der Überwachung den Durchbruch geschafft – mit dem Sammelband des Suhrkamp Verlags bekommt nun jedermann den Data-Durchblick // von Julian Heck

big data image

Groß ist nicht nur die Datenmenge, die heute gesammelt und ausgewertet werden, sondern auch das Themengebiet „Big Data“ per se. Die Ausspähprogramme Prism und Tempora dürften es zuletzt gewesen sein, welche die Datensammelwut in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt haben. Aber welche positiven und negativen Folgen haben diese Unmengen an Daten, die tagtäglich gehortet werden? Experten aus Theorie und Praxis bringen ihre Erfahrungen und Meinungen im Suhrkamp-Werk kurz und präzise auf den Punkt und bieten damit einen guten Überblick über die Thematik, die gerade erst in den Startlöchern steht.

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Rezension: „Digitale Aufklärung“ nur bunter Optimismus

Die beiden Autoren Ossi Urchs und Tim Cole schreiben in ihrem Buch „Digitale Aufklärung“ über die grenzenlosen Möglichkeiten des Internets für die Gesellschaft // von Julia Solinski

Digitale-Aufklärung-Cover

Die Autoren Ossi Urchs und Tim Cole, laut Informationen des Verlags ihres Zeichens „Internet-Guru“ und „Internet-Experte“, haben sich zusammengetan, um die Fraktion der Optimisten zu unterstützen. Ihr Buch berührt die wichtigsten Brennpunkte in den aktuellen Netzdebatten: Was wird aus dem Urheberrecht und der Privatsphäre? Wie verändert die ständige Erreichbarkeit unsere Arbeitswelt? Welche Bedeutung haben Datenschutz und Anonymität noch? Oder: Führt die ständige Verfügbarkeit von Informationen zu Verdummung und Kulturverfall? Lässt die Echtzeit-Kommunikation unsere Bereitschaft für langwierige politische Aushandlungsprozesse sinken? Hat der Journalismus angesichts des Ozeans freier Informationen überhaupt noch eine Zukunft?

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„Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation“

Abseits von Kultur- und Technikpessimismus blickt Michel Serres geradezu neidisch auf die vernetze Generation und fordert sie dazu auf, sich und die Welt neu zu erfinden. Ein optimistisches Essay.

Der neue Schüler und die junge Studentin haben im Leben keine Kuh gesehen, kein Kalb, kein Schwein, kein Vogelnest„, schreibt der 1930 geborene Autor in seinem Buch „Erfindet euch neu – eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation„. Die Welt habe sich gewandelt. Nichts sei mehr, wie es früher war. Der Franzose aber sieht darin eine große Chance für die Kleinen Däumlinge – so nennt er die Generation Smartphone -, die moderne Gesellschaft zu gestalten. Kommunikation, Arbeit, Bildung – das und mehr könne man nicht mit der Generation des Universitätsprofessors Michel Serres vergleichen. Die Digitalisierung mache diese Generation zu völlig anderen Menschen. „Sie haben nicht mehr den gleichen Kopf. […] Sie wohnen nicht mehr im selben Raum. […] Sie sprechen nicht mehr dieselbe Sprache. […] Die Kleinen Däumlinge plagen sich nicht mehr mit den gleichen Arbeiten.“ Serres sieht diesen Wandel keineswegs kritisch, sondern geradezu blauäugig optimistisch. „Angesichts dieser Umbrüche gilt es zweifellos, auf Neuerungen zu sinnen (…)„, schreibt er im Abschnitt mit dem Titel „Zuneigung“. In diesen Zeiten des Umbruchs bestehe Handlungsbedarf, um den Herausforderungen gerecht zu werden. Er schwärmt von der gegenwärtigen Situation und würde gerne selbst anpacken: „Ich wäre gern achtzehn, so alt wie die Kleinen Däumlinge, jetzt, da alles zu erneuern, ja erst noch zu erfinden ist„. Das Bildungswesen scheint für ihn besonders von der digitalen Gesellschaft betroffen zu sein. Lehrer müssten nicht mehr vorne stehen und den Kleinen Däumlingen Wissen einmassieren. Das Wissen sei schließlich überall verfügbar. „Ende des Zeitalter des Wissens„, resümiert Serres und fügt an: „Ende des Expertenzeitalters?“ Serres spricht von der „Kompetenzvermutung„. Fraglich ist, ob die Informationen, die überall und jederzeit im Internet auffindbar sind, mit Wissen, wovon Serres spricht, wirklich gleichzusetzen ist. Ist der Autor auch hier wieder blauäugig und zieht voreilige Schlüsse? Michel Serres ist sich der Situation, in der wir leben, durchaus bewusst. Er analysiert auf den rund 70 Seiten seines Werkes in teilweise erzählerischer Form, was die Digitalisierung bewirkt, womit seine Generation zu kämpfen hat und welche Herausforderungen angenommen werden müssen („Die neuen Technologien zwingen uns dazu, das vom Buch und der Seite implizierte Raumformat zu verlassen„). Er erkennt den Wandel im Bildungs- und Arbeitsleben, sieht in Daten und Codes großes Potential, blendet aber gleichzeitig Risiken aus. Leser seines Essays dürfen keine kritische Auseinandersetzung mit dem digitalen Wandel erwarten. Serres scheint blind vor Liebe zu sein. Das darf er bei seiner Liebeserklärung aber auch. Michel Serres (2013): Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation. Berlin: Suhrkamp Verlag. [8,00 Euro] – auch als E-Book erhältlich.

 


 

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Vom Buch zum Byte – die Geschichte der E-Books

Es war ein weiter Weg vom Buch zum Byte, doch die heutigen E-Books sind noch nicht das Ende. Die dritte Phase der E-Book-Evolution beginnt bereits. // von Ansgar Warner

Kindle (Bild: mobilyazilar [CC BY 2.0], via Flickr)

Am heutigen Mittwoch lädt das Internet & Gesellschaft Co:llaboratory und die Staatsbibliothek zu Berlin zu einem Autorengespräch mit Ansgar Warner über die Zukunft des elektronischen Lesens ein. Ansgar Warner ist promovierter Literatur- und Kulturwissenschaftler und arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). In seinem Werk “Vom Buch zum Byte”, aus dem er lesen wird, erzählt er die spannende Geschichte der elektronischen Bücher – von den Anfängen bis in die Gegenwart. Für Netzpiloten.de gibt Ansgar Warner schon einen kleinen Einblick in die Geschichte der E-Books.

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Wikileaks-Buchvorstellung: „Was tut ihr, um Quellen zu schützen?“

wikileaks truck capitol hill (adapted) (Image by Wikileaks Mobile Information Collection Unit [CC BY 2.0] via Flickr)

Zwei Guardian-Journalisten stellen in Berlin ihr Buch über Wikileaks vor und geraten dabei in die Kritik. Aus der letzten Reihe greift sie der Hacker Jacob Appelbaum an. Über seine Erfahrungen mit dem britischen Geheimdienst erzählt David Leigh erst später beim Bier. „Wenn Luke auf seinem Laptop tippt, dann bewegt sich der Mauszeiger manchmal ganz von allein. Dann ist klar, der GCHQ liest mit“. David Leigh zwinkert in Richtung Luke Harding. Die beiden wissen, was es heißt, einen kontrollwütigen Geheimdienst wie das Government Communications Headquarter herauszufordern.

Leigh und Harding sind Enthüllungsjournalisten beim Guardian, haben WikiLeaks-Gründer Julian Assange zur Berühmtheit verholfen, seine Visionen und Erfolge miterlebt, ebenso seine Entgleisungen und seine Paranoia. Darüber haben sie ein Buch geschrieben, das im Oktober unter dem Titel „WikiLeaks – Julian Assanges Krieg gegen Geheimhaltung“ in Deutschland erscheint und zu den Vorlagen des Hollywoodfilms „The Fifth Estate“ zählt.

Es ist eine ungewöhnliche Buchvorstellung – vielleicht eine unvergessliche. Da sitzen zwei britische Journalisten mit ihren feinen Anzügen in dem kleinen Kellergewölbe einer Bücherei und bringen mit ihren Anekdoten über Assange die Welt der „Game Changer“ direkt nach Berlin. Eine Welt mit geänderten Spielregeln, die von Assange entworfen und von Chelsea Manning und Edward Snowden weitergespielt wurde.
Und doch geht es an diesem Abend weniger um Assange oder WikiLeaks, als um die Rolle der Journalisten bei den Enthüllungen, ihren Pflichten gegenüber Whistleblowern und der Frage, wo die Selbstzensur der Medien beginnt.

Das liegt vor allem an einem Zuhörer mit schwarzer Hornbrille, von dem man sofort das Gefühl hat, ihn zu kennen: Jacob Appelbaum, Hacker, Programmierer und Wikileaks-Unterstützer. Er kreuzt verspätet auf und verstrickt die beiden Journalisten in ein Streitgespräch über die mangelhafte Verschlüsselung beim Guardian, die fehlende Unterstützung der Zeitung für ihren von Geheimdiensten drangsalierten Journalisten Glenn Greenwald, sowie die Untätigkeit des Guardian beim Schutz ihrer NSA-Quelle Edward Snowden. Und vor allem wirft Appelbaum ihnen vor, vor dem britischen Geheimdienst zu kuschen.

Buchautoren in der Defensive

Beim Guardian werden Geschichten unterdrückt. Sie haben die Liste aller britischen Geheimdienstmitarbeiter, die im großen Stile Menschenrechte verletzen. Warum veröffentlichen Sie die Namen nicht?“ – „Dafür gibt es Gründe, die wohl verständlich sind. Tausende britische Staatsbürger sind beim GCHQ angestellt, gehen jeden Tag in die Arbeit, haben Familie.“ … „Warum geben Sie nicht zu, dass der Guardian von britischen Behörden zensiert wird?“ – „Sie sind kein Fan des Guardian, was?“ – „Was hat denn der Guardian getan, um seine Quellen zu schützen? Hat er Snowden in Hongkong ein Flugticket besorgt? Und wie hat er Assange geholfen?

Der Schlagabtausch bringt die Buchautoren in die Defensive. Vielleicht hätte Appelbaum einfach geschwiegen und wäre nach der Buchvorstellung nach Hause gegangen, hätte nicht David Leigh, bis April 2013 zuständig für Investigativ-Journalismus beim Guardian, nicht die Anekdote mit dem Passwort erzählt. Aus seiner Sicht nicht mehr als ein unverhältnismäßiger Wutausbruch Assanges, der die „bizarre“ Facette des Aktivisten offen legt. Für Assange ist es hingegen Verrat: Leigh soll Wikileaks-Dokumente weitergegeben haben.

Assange hatte dem Journalisten ein Passwort gegeben, mit dem die Diplomaten-Depeschen, der größte Leak der Enthüllungsplattform, entschlüsselt werden konnten. Dabei habe Assange versichert, das Passwort sei nur für kurze Zeit gültig. Leigh hielt es für eine griffige Überschrift für ein Buchkapitel – und veröffentlichte den gesamten Schlüsssel. Das war im Februar 2011, als die Assange-Biographie in englischer Sprache erschien. Sechs Monate später kursierte das Gerücht, mit dem Passwort könne nach wie vor auf Wikileaks-Dokumente zugegriffen werden. Assange zürnte. „Er hat mich angelogen“, verteidigt Leigh seine Sorglosigkeit heute.

Die Herausgabe des Schlüssels ist unendlich dumm.“ fährt es da plötzlich aus der letzten Reihe. Es ist Appelbaum. Denn wer das Passwort habe, könne auf die Verschlüsselung bei Wikileaks schließen. Eine Herausgabe des Schlüssels ist demnach gleichzusetzen mit der Herausgabe der geleakten Dokumente. Und so beginnt Appelbaum, der sich in Deutschland vor dem Zugriff der US-Behörden in Sicherheit gebracht hat, mit seinen Anschuldigungen.

Der Guardian unter Druck

Anschuldigungen, die Leigh und Harding als überzogen, ja ungerecht empfinden. „Ungeduldig“ ist er im Laufe der Diskussion geworden, sagt Leigh später. Vor allem, als Appelbaum behauptete, der Guardian würde aus Angst von der Regierung ihren NSA-Reporter Glenn Greenwald fallen lassen. Greenwald hatte die NSA-Dokumente von Whistleblower Edward Snowden beim Guardian veröffentlicht. Seither versucht der britische Geheimdienst, ihn zum Schweigen zu bringen.

Nimmt der Guardian ihn nicht genügend in Schutz? „Verrückt“, wettert Leigh. Schließlich wurde selbst Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger von der britischen Regierung massiv unter Druck gesetzt. Das Traditionsblatt soll die Snowden-Unterlagen zerstören oder herausgeben. Jede neue Enthüllung reizt die Behörden weiter. „Es ist ein Drahtseilakt“.

Als David Leigh im Jahr 2007 zum ersten Mal auf Assange trifft, war weder die Bedeutung der Whistleblower noch das Ausmaß der staatlichen Überwachung abzusehen. Dennoch spürt er damals: Hier passiert etwas Großes. Auf einer Konferenz in Norwegen bedrängt ihn Assange, auf sein Zimmer zu folgen. Dort spielt er dem Journalisten das Video aus dem Irak-Krieg vor, das WikiLeaks später unter dem Titel „collateral murder“ veröffentlichen sollte. Das Video zeigt, wie amerikanische GIs irakische Zivilisten vom Hubschrauber aus töten.

Das Schrecklichste, was ich je in meinem Leben gesehen habe“, erinnert sich Leigh. Sein erster Reflex: Das müssen wir veröffentlichen. Nur – die New York Times ist damals schneller. Mit dieser ersten Episode beginnt der Aufstieg des Julien Assange, der 2010 mit den geleakten Diplomaten-Depeschen seinen Höhepunkt erreicht. Luke Harding, zu der Zeit noch Russland-Korrespondent, ließ sofort alles stehen und liegen, als Leigh anrief und ihn bat, in New York bei der Sichtung der 250.000 Depeschen zu helfen. Sein Eifer holte Harding ein Jahr später ein: Weil der Russland-Korrespondent seine Artikel über den korrupten Putinismus noch mit geleakten Diplomatendepeschen würzte, verweigerte ihm der Kreml die erneute Einreise.

Guten Willen gezeigt

Heute lebt Assange in der Botschaft Ecuadors in London und gibt von Zeit zu Zeit „eine dieser Eva Perón-Reden“. So bezeichnet Harding in Anspielung an die in Argentinien vergötterte Frau des Präsidenten Juan Perón – eine Art Lady Di der 1940er – Assanges Ansprachen vom Balkon des Botschaftsgebäudes. Auf dem „WikiLeaks“-Buchcover ist einer dieser Assange-Reden verewigt.

Assange im goldenen Käfig, Manning zu 35 Jahren Haft verurteilt, Snowden in Russland abgetaucht – auch wenn Whistleblower mit drakonischen Strafen von furiosen Geheimdiensten zu rechnen haben, die Macht des Enthüllungsjournalismus ist so groß wie nie. Darin sind sich Appelbaum und die Guardian-Journalisten einig. Bei den Pflichten, die den Medien dabei zukommt, jedoch nicht: „Vielleicht haben wir Snowden nicht genug geholfen“, räumt Harding ein, „aber wir haben unseren guten Willen gezeigt.“

Indem der Guardian Dokumente veröffentlichte, die sich in Großbritannien sonst keiner trauen würde, zu verbreiten; indem der Guardian weiter NSA-Dokumente veröffentlichen werde. Nur vorsichtig. Das ist die eine Sichtweise. Die andere: Wer sich schon als Held aufspielt, der muss auch verraten, was er nicht erzählt. Und das ist, sagt Appelbaum anschließend vor der Tür, dass der Guardian bestimmte Dokumente nicht preisgibt. Das wisse er.

Aber ist es so einfach? Hier Mainstream-Medien, die sich selbst zensieren und dort Aktivisten wie Appelbaum, die alles richtig machen? Ich bin ja nicht hierher gekommen, um die beiden anzupissen, sagt Appelbaum, und hält das „WikiLeaks“-Buch hoch. Ich bin hier, weil ich das auch auf Deutsch haben wollte.


Der Artikel erschien zuerst auf taz.de und wurde hier mit freundlicher Genehmigung zweitveröffentlicht.


Image (adapted) „wikileaks truck capitol hill“ by Wikileaks Mobile Information Collection Unit (CC BY 2.0)


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Unternehmenskommunikation: Laberrhabarber und Buchstabensuppe

Je komplizierter, desto besser – das scheint das Motto vieler Unternehmen zu sein, wenn diese mit ihren Kunden kommunizieren. Ansätze, wie man es besser machen könnte, bietet das neue Buch von Mercedes Bunz.

In der guten alten Zeit vor dem Internet glichen Unternehmen und Medienhäuser den mittelalterlichen Trutzburgen: Wann die Zugbrücke heruntergelassen und welche Informationen über den Wassergraben ins Land hinaus durften, entschieden wenige Meinungsführer. Von Zeit zu Zeit zeigte sich der Vorstandsvorsitzende am Burgfenster und die Medienöffentlichkeit sah ihm aus der Ferne zu, wie er – meist während der Bilanzpressekonferenz – vorgefertigte Worthülsen vortrug. Weiterlesen »

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