Zurückgeblättert: Atlas der Internet-Verweigerer

Atlas der Internet-Verweigerer“ titelte Sven Hansen am 15. Mai 2001 auf heise online und nahm damit schon das Thema seines Artikels vorweg. Die Initiative D21 hatte in diesem Jahr erstmals in Zusammenarbeit mit eMind@emnid, einer Tochter von TNS Emnid, eine repräsentative Umfrage zum Internet-Nutzungsverhalten der Deutschen durchgeführt. Befragt wurden 19.690 Personen ab 14 Jahren. Das Ergebnis: 52,5 Prozent der Deutschen über 14 Jahren verweigerten sich dem Internet. Folglich wurde die Studie unter dem Namen “Der Verweigereratlas” veröffentlicht.

Die Vernetzung des Lebens hat lange Jahre gebraucht

Den 36,7 Millionen Online-Verweigerern standen damals lediglich 25,9 Millionen von der Studie als “Onliner” bezeichnete Internetnutzer gegenüber. Das waren nur 37 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren. In unserem digitalen Alltag wird oft vergessen, dass das Internet nicht schon immer unser allgegenwärtiger Begleiter war. Die heutige Vernetzung des Lebens ist das Ergebnis eines Prozesses, der lange gebraucht hat. Vor 15 Jahren war bloß etwas über ein Drittel der deutschen Bevölkerung im Netz unterwegs. Was hat sich in der Zwischenzeit getan? Wo stehen wir heute?

Jüngere Leser werden es sich wohl kaum vorstellen können: Flatrates waren nicht immer an der Tagesordnung, das erste Mal Musik aus dem Netz zu ziehen rief noch helle Begeisterung hervor (der Autor erinnert sich an Matthias Reims “Verdammt ich lieb dich”) und Bilder zu laden war Anfang des Jahrtausends noch ein oft mühsam langwieriger Vorgang.

Die Initiative D21 hat die Entwicklung der Internet-Nutzung auch nach 2001 konsequent verfolgt und bietet mit den Studien einen tiefen Einblick in die Transformation eines Landes der Internet-Verweigerer in eine digitalisierte Gesellschaft. Seit 2002 allerdings unter dem Titel “(N)Onliner-Atlas” mit der Unterzeile “Eine Topographie des digitalen Grabens durch Deutschland”.

Internetnutzer 2003 in der Überzahl

Zwei Jahre nach der ersten Studie waren die Verweigerer dann in der Unterzahl. 2003 war mit 50,1 Prozent der Befragten erstmals mehr als die Hälfte der Deutschen online. Ein bloßes Zuckerschlecken war der Netz-Aufenthalt für die 50,1 Prozent damals aber nicht immer. Verbraucherministerin Renate Künast kämpfte mit Gesetzen gegen Spam an und chip.de bot einen Workshop zum gleichen Thema: “Weg mit Spam – kein Bedarf an Penisverlängerungen”.

Und was hat sich bis heute auf dem Feld getan? Nicht viel. Lediglich die Art der Junk-Mail hat sich geändert. Statt der Werbung für chirurgische Eingriffe am männlichen Genital, trudeln heute meist dubiose Spendenanfragen – wahlweise von afrikanischen Prinzen, UNO-Generalsekretären oder Bill Gates – im E-Mail-Postfach ein.

Der größte Nutzerzuwachs fand zwischen 2007 und 2009 statt. Innerhalb dieser Zeit stieg der Anteil der Onliner von rund 60 Prozent auf etwa 69 Prozent. In der 2008er Studie schreiben die Verfasser: “Sinkende Preise – besonders bei den DSL- und Kombi-Flatrates –, verbesserte Arbeitsmarktsituation und eine gute Konjunkturlage sind mögliche Erklärungsansätze für den starken Anstieg der Onliner in 2008.”

Im selben Jahr schaffte es Barack Obama mithilfe des Internets, amerikanischer Präsident zu werden. Für Deutschland hieß das erst einmal nicht viel. Obamas Erfolg hat aber schon vor sieben Jahren gezeigt, dass Politik heute vor allem online gemacht werden muss und wird. Über die weltweite Bedeutung des Internets ist damit viel gesagt. Der Zuwachs an deutschen Onlinern war eine direkte Folge der gestiegenen Relevanz für gesellschaftliche Vorgänge des Netzes.

Stagnation seit 2012

Über die Jahre verlangsamte sich der Onliner-Zuwachs immer weiter, bis 2012 mit rund 75 Prozent lediglich ein Prozentpunkt mehr als im Vorjahr zu den Internetnutzern gezählt wurden. Auch die Initiative D21 wusste, dass mit Meldungen über Stagnation in den kommenden Jahren nicht mehr zu begeistern gewesen wäre und änderte ab 2013 die Studie grundlegend. Der (N)Onliner-Atlas erschien ab diesem Jahr bloß noch als Anhängsel des D21-Digital-Index, der nicht mehr nur quantitative Ergebnisse bereithielt, sondern auch qualitativ, z.B. in Form von Nutzertypen, bewertete.

Auch der Untertitel der Studie trug der veränderten Ausgangslage Rechnung. Statt von einem digitalen Graben durch Deutschland zu sprechen, hieß es nun: “Auf dem Weg in ein digitales Deutschland?!” Schon 2014 zeugte ein neuer Untertitel von der Bejahung der Frage. Nun lautete die Unterzeile: “Entwicklung der digitalen Gesellschaft in Deutschland”.

Einige Aspekte haben sich über 15 Jahre hinweg als bedeutend für die Teilnahme am Online-Leben herausgestellt. Dazu gehört auch heute noch das Einkommen. Man möchte meinen, dass das Internet die inklusivsten aller Ausdrucksformen bereitstellt. Doch ob ein Mensch die Möglichkeit hat, online zu sein, hängt auch vom Finanziellen ab.

Zu Beginn der Studienreihe lag der Anteil an Onlinern bei Haushalten mit einem Nettoeinkommen bis 2.000 DM bei 17 Prozent, während bereits 66 Prozent der Haushalte mit einem Nettoeinkommen, das höher als 6.000 DM war, einen Online-Zugang hatten. Die Zahlen haben sich etwas verschoben, doch auch 2015 gilt noch: Je höher das Einkommen, desto wahrscheinlicher der Zugang zum Internet. Während rund 94 Prozent der Haushalte mit einem Einkommen über 3.000 € im Internet sind, liegt der Anteil bei Haushalten mit einem Einkommen unter 1.000 € bei nur rund 52 Prozent. Gleiches gilt auch unverändert für den Bildungsgrad: Je höher der Abschluss, desto eher ist man online.

Alter spielt eine wichtige Rolle

In allen Studienjahren durchgehend auffallend ist auch der Faktor des Alters. Schon 2001 waren knapp zwei Drittel der Bevölkerung zwischen 14 und 29 Jahren online. Zeitgleich waren bloß rund 11 Prozent der 60- bis 69-Jährigen Internetnutzer, bei der Bevölkerung über 70 Jahren waren es gar nur 3,5 Prozent. Über die Jahre sind sämtliche Werte gestiegen, ein Ausgleich zwischen den Altersgruppen aber hat bis heute nicht stattgefunden. 2010 verweigerten sich in der ältesten Gruppe noch immer rund 73 Prozent dem Internet, gleichzeitig war in der jüngsten Gruppe mit 97 Prozent Onlinern schon beinahe der Höchststand erreicht. Diesen erreichte man in der neuesten Umfrage von 2015 mit gut 98 Prozent, ebenso hoch war der Onliner-Anteil bei den 20- bis 29-Jährigen. Mehr als 30 Prozentpunkte dahinter liegen die 60- bis 69-Jährigen, von denen rund 65 Prozent das Internet nutzen. Nur rund 30 Prozent der Befragten im Alter von 70 Jahren oder älter werden 2015 zu den Onlinern gezählt.

Die Zahlen führen einem deutlich vor Augen, dass man – so sehr unser Alltag auch durchdigitalisiert ist – ältere Bevölkerungsgruppen nicht ignorieren darf. Amtstermine werden häufig online vereinbart, ein Visum für die USA zu bekommen, ist ohne Internet gar nicht möglich und Bedienungsanleitungen sind oftmals nur noch auf Webseiten zu finden statt ausgedruckt. Verlegen wir jeden Aspekt des Lebens ins Netz, verhindern wir automatisch die Teilhabe vieler älterer Bürger. Das heißt nicht, man solle analoge Technologien unnötig lange am Leben erhalten, sondern, dass Senioren, die keinen Bezug zum Internet haben, aktiv die Hand zur Hilfe gereicht werden muss, wo es nötig ist.

Wir dürfen Offliner nicht aus den Augen verlieren

Gesellschaftlicher Umgang, Berufsbilder, Arbeitsweisen, Handel, Unterhaltung und Politik sind nur einige Aspekte des Lebens, die das Internet kräftig durchgewirbelt hat. Aus einem Verweigereratlas ist der D21-Digital-Index geworden, der von der “Gesellschaft in der digitalen Transformation” spricht. Der Schwerpunkt hat sich also verschoben: Es geht nicht mehr darum, erst einmal allgemein zu schauen, wer heute online ist und wer noch immer denkt, das Internet würde sich nicht durchsetzen.

Vielmehr versucht die Initiative D21 zu erkunden, wie die Menschen online sind, was sie dort machen, wie sie ihr Leben mit den digitalen Möglichkeiten gestalten. Erstaunlich ist, dass 2015 noch immer 20 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren nicht online unterwegs sind. Von Jahr zu Jahr wird dieser Anteil sinken, mit jedem sterbenden Jahrgang, der das Internet erst in sehr fortgeschrittenem Alter kennengelernt und zum Großteil nicht genutzt hat.

Auch wenn viele von uns nicht mehr zwischen online und offline unterscheiden: Wenn wir von Öffentlichkeit reden, dann müssen wir stets daran denken, dass weiterhin ein klarer Unterschied besteht zwischen der digitalen und der allgemeinen Öffentlichkeit. Irgendwann wird beinahe jeder ein Onliner sein. Bis dahin vergeht noch Zeit. Zeit, in der wir die Offliner nicht aus den Augen verlieren dürfen.


Teaser & Image “GDC Online 2011” by Official GDC (CC BY 2.0).


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Hendrik Geisler

Hendrik Geisler

hat Anglistik, Amerikanistik und Geographie studiert. Er volontiert beim Kölner Stadt-Anzeiger und schreibt für die Netzpiloten die Kolumne "Zurückgeblättert" und Texte über die Entwicklung der Medien.

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