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Bike Revolution: Die Vernetzung der Fahrräder

Die digitale Vernetzung ist seit Jahren schon ein großes Thema in der Fahrzeugindustrie. Autos, Busse und viele andere Fortbewegungsmittel verfügen mittlerweile über eine intelligente Kommunikationstechnologie, die zur Unterstützung des Benutzers dienen und das Fahren erleichtern bzw. sicherer machen sollen. Aber auch die Fahrradhersteller statten vermehrt ihre Vehikel mit digitaler Technik aus. Bisher wurden hauptsächlich teure E-Bikes mit IT ausgestattet. Das soll sich nun ändern. Die ungebremste Nachfrage nach Rädern bestätigt diese Entwicklung. Fahrräder werden daher immer mehr zu Super-Vehikeln umgebaut. Nachdem die Fahrrad-Industrie in den letzten Jahrzehnten kaum eine innovative Erneuerung erlebt hat, steht sie mithilfe der Digitalisierung plötzlich vor einer Revolution, mit völlig neuen Ansprüchen und Herausforderungen.

Neben den E-Bikes werden auch Räder ohne elektrischen Motor nun digital aufgerüstet und mit allen technischen Mitteln versehen. Der gute alte Drahtesel soll in naher Zukunft per App steuerbar sein. Eine fundamentale Rolle spielen dabei die Sicherheit im Strassenverkehr und der Schutz vor Diebstahl. Ein weiteres wichtiges Thema ist der Umweltschutz, was erst einmal wie eine vermessene Provokation klingt und in der Auswahl überrascht, da sich kaum ein Radfahrer als Umweltsünder sehen würde. Dennoch macht die Überlegung bei genauerer Betrachtung Sinn. Eine kluge Routenplanung kann nämlich zu einer effizienteren Fahrweise, beziehungsweise zu einer Entlastung des Verkehrs führen und somit auch helfen, Staubildungen zu verringern. 

Sicherheit

Der eine oder andere war sicherlich schon einmal Opfer eines Fahrraddiebstahls. Man geht nichtsahnend zu seinem Gefährt, der Schlüssel klirrt und poltert zwischen den Fingern, nur um Sekunden später die Gewissheit zu erlangen, dass die liebliche Vorfreude des Pedaltretens umsonst war. Dieser Verlust kann mitunter zu unkontrollierten Weinkrämpfen und im schlimmsten Fall zur völligen Verzweiflung führen. Um solche Situationen zu vermeiden, hat man sich vermehrt dem Thema Sicherheit zugewandt. Fahrraddiebstahl ist daher ein wichtiges Unterthema in Sachen Bike-Mobilität. Die alte, händische Codierung hat hingegen ausgedient. Ich erinnere mich noch daran, wie ich zum ersten Mal zur Polizei geradelt bin, um mein Mountainbike mit einer Zahlen-und Buchstabenkombination markieren zu lassen. Ich fühlte mich gleich sicherer. Es wurde trotzdem gestohlen.

Verschiedene Hersteller wie Sherlock, Spybike oder Trojabike haben sich dieser Problematik gewidmet. Da GPS-Systeme für Fahrräder bereits seit geraumer Zeit schon existieren, gibt es auch dementsprechende Gegenmittel. Fahrraddiebe kennen die genauen Schwachstellen und entfernen die Geräte mit wenigen Handgriffen.

Eine unauffälligere Variante und äußerlich nicht sichtbar, bietet nun der Hersteller Sherlock Bike an. Der GPS-Tracker besteht aus einem dehnbaren Material und kann entweder in das Gestell oder in das Lenkradsystem eingebaut werden. Mit einer zugehörigen App lässt sich dadurch der Standort des geklauten Fahrrades ermitteln. Das verhindert zwar keinen Diebstahl, sorgt aber für eine zusätzliche Sicherheit. Eine ähnliche Technik bietet der Fahrradsecure-Dienst Trojabike. Laut den Herstellern ist es praktisch unmöglich für Diebe, das ebenfalls in den Rahmen integrierte Ortungssystem abzuschalten oder zu entfernen. Ein weiterer Vorteil von Trojabike-Trackern sind die Vernetzungen mit der regionalen Polizei-Leitdienststelle. Einen anderen Diebstahlschutz verspricht der GPS-Tracker von Spybike, der bei Diebstahl, den Besitzer über die App alarmiert. Den Tracker gibt es in drei Ausführungen: als TopCap-Tracker, Seatpost-Tracker und als Spylamp. Neben dem Rahmenversteck, kann der Tracker darüber hinaus noch als Sattelstütze oder als Spylamp getarnt werden.

Schlößer mit Bluetooth

Aber auch traditionelle Sicherheitstechniken wie das klassische Fahrradschloss, werden mit digitaler Technologie aufgerüstet. Der bekannte Schloßentwickler Abus hat ein Schloss entwickelt, dass sich ganz ohne Schlüssel, dafür aber per Bluetooth öffnen lässt. Das BORDO Alarm Schloss von Abus verfügt darüber hinaus über ein auditives Warnsystem, dass bei massiver, physischer Manipulation losschreit und Warnsignale mit bis zu 100 Dezibel abgibt. Wer keine genaue Vorstellung von 100 dz hat, der sollte sich einen Presslufthammer vorstellen und bekommt dann ansatzweise eine Ahnung von der Lautstärke.

Funktechnologie statt Kabel

Kabelloses Fahren klingt ungewöhnlich, ist jedoch längst Realität. Die Verkabelung der Schaltteile mit verschiedenen Bedienelementen wird durch den Einsatz von Funktechnologie obsolet. Wir brauchen uns dann nicht mehr länger mit unnötigen Kabeln herumzuwinden. Sehr bald schon, sollen Fahrräder mit lose hängenden Kabelelementen der Vergangenheit angehören. E-Bikes hingegen fahren bereits seit längerem kabellos. Nun sollen auch Mountainbikes komplett umgerüstet und mit Funktechnologie ausgestattet werden. Das ganze lässt sich natürlich, wie soll es auch anders sein, über eine App bedienen und programmieren.

Eine dieser raffinierten Gimmicks sind elektrisch steuerbare Sattel, deren Höhe sich ganz bequem per Knopfdruck einstellen lässt. So kann der Fahrer ohne abzusteigen in sekundenschnelle seinen Sattel anpassen und seine Fahrsituation dadurch verbessern.

E-Bikes mit Hightech

Im Fokus der Fahrrad-Industrie steht aber klar das E-Bike. Elektrisch verstellbare Sitze und Sicherheitseinrichtungen spielen dabei aber eher eine untergeordnete Rolle. Sie gehören nämlich zur Standardausrüstung und stellen keine außergewöhnliche Besonderheit dar, zumindest nicht bei E-Bikes. Die Ansprüche sind definitiv höher und gehen mehr in die Hightech Schiene. So liefern beispielsweise unterschiedliche Autozulieferer wie Bosch, Contitech oder Brose hochentwickelte Bausatzteile wie Sensoren oder Motoren für E-Bikes. Andere Hersteller, wie der britische Entwickler Brompton wiederum, fokussieren sich auf den komplizierten Verbau von Motoren bei Falträdern, den sie in das Vorderrad montieren. Daneben erlaubt die digitale Vernetzung von Informationen, einen ökonomischen und nachhaltigen Umgang, indem sie beispielsweise den Widerstand in den Pedalen misst und durch eine automatisierte Schaltung, eine passende oder angemessene Schaltung vorschlägt.

Die Vernetzung geht jedenfalls ungebremst voran und wird in Zukunft zeigen, wie sehr die unterschiedlichen Zweige durch den digitalen Wandel profitieren. Die Industrie ist defintiv in Aufbruchstimmung. Seid gespannt!


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Conrad Connect: „Das Smart Home muss noch viel einfacher werden“

Conrad Connect Oberfläche auf Mac und iPad

Smarte Unterhaltungs- und Haustechnik boomt. Doch auf dem Weg zum wirklich intelligenten Heim kann der derzeitige Hype nur eine Zwischenphase sein. Denn meistens beschränkt sich der smarte Aspekt darauf, dass Verbraucher WLAN-fähige Glühbirnen oder Heizungsthermostate per Smartphone-App oder Sprachbefehl steuern. Das ist modern aber immer noch sehr manuell. Richtig intelligent wäre es, wenn das Zuhause automatisch weiß, wann es zu leuchten und heizen hat. Solche automatischen Abläufe einzurichten, geht zwar mit der aktuellen Technik viel einfacher und günstiger als früher, fällt aber selbst Enthusiasten noch nicht leicht. Das Startup Conrad Connect will das ändern.

Auf der Webseite von Conrad Connect können Verbraucher smarte Produkte verschiedener Hersteller per Drag-and-Drop verknüpfen. Dadurch können sie nicht nur ihr Heim, sondern ihren gesamten Alltag intelligent steuern lassen. Conrad Connect spricht daher auch von Smart Living statt Smart Home. Nach dem Start in 2016 und dem Ausbau der Plattform im vergangenen Jahr, will die Tochter des Elektronik-Händlers Conrad im Jahr 2018 groß durchstarten und die Hausautomation massentauglich machen. Wir sprachen mit Andreas Bös, Senior Director der Conrad Connect GmbH, über die Pläne für die Plattform und die Zukunft des Smart Living.

Netzpiloten: Andreas Bös, Smart Living soll das Leben sicherer und komfortabler machen und auch ganz handfest Geld sparen, Heizkosten zum Beispiel. Klingt toll, warum leben wir nicht längst alle in einem Smart Home?

Andreas Bös: Das Thema Smart Home hat den Durchbruch noch nicht geschafft, weil viele Hersteller die Menschen mit den neuen Funktionen überfordern. Außerdem ist die Techniklandschaft sehr heterogen, sodass vieles nicht auf Anhieb zusammenpasst. Und dann stellen sich die Konsumenten natürlich die Frage, ob das alles zukunftssicher ist und ihre jetzige Investition nicht vielleicht schon bald wieder veraltet ist.

Warum gelingt es den jeweiligen Herstellern nicht, diese Zweifel zu entkräften?

Viele Anbieter schauen aus nachvollziehbarem Interesse nicht über den Tellerrand, sondern kommunizieren nur die Vorteile ihrer eigenen Lösungen. Und das zum Teil auch noch sehr abstrakt. Wir sind überzeugt, dass Technik noch viel einfacher erklärt werden muss, und zwar bezogen auf die Lebensrealität der Anwender. Die Probleme sind aus Sicht von Technik-Experten manchmal erstaunlich trivial. Zum Beispiel möchten manche Verbraucher sich einfach nur in einer Fitness-Challenge mit ihren Freunden messen. Das scheitert dann oft schlicht daran, dass sich die Fitness-Tracker verschiedener Hersteller untereinander nicht verstehen.

Conrad Connect Smarte Fitness-Challenge
Für eine Fitness-Challenge unter Freunden lassen sich auf Conrad Connect die Apps der Computeruhren von Garmin, Fitbit, Polar und Nokia verbinden. Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt
Was will Conrad Connect daran ändern?

Als Spin-Off von Conrad Electronics sind wir bei Conrad Connect von der DNS her Händler, kein Hersteller. Daher sind wir nicht produktverliebt, sondern offen für Lösungen. Mit dieser Herangehensweise wollen wir die Hausautomation endlich für alle bedienbar machen. Das Konzept gibt es seit 20 Jahren. Und immer noch steht es am Anfang. Aber die Zeit ist jetzt reif für den Durchbruch. Mit der Plattform von Conrad Connect ermöglichen wir, intelligente Geräte, Apps und Webdienste über ein frei konfigurierbares Dashboard im Webbrowser miteinander zu vernetzen – und das auch herstellerübergreifend. Einfach durch Drag-and-Drop, so wie es Anwender vom Computer gewohnt sind. Dadurch lassen sich komplexe Abläufe sehr einfach automatisieren.

Weil viele Menschen an den gleichen Abläufen interessiert sind, ist es möglich, diese als bestehende Projekte aus einem Katalog herunterzuladen oder selbst erstellte Projekte mit einer Community zu teilen. All diese Aspekte gelten übrigens nicht nur für das Smart Home. Wir sehen uns als Plattform für Smart Living, die das Potenzial hat, jeden Lebensbereich – also auch über die eigenen vier Wände hinaus – intelligent zu vernetzen und das Leben der Nutzer so zu bereichern.

Mit Amazon Alexa, Google Home oder Apple HomeKit gibt es doch schon drei populäre Plattformen für Konsumenten, mal ganz zu schweigen von den unzähligen Smart-Home-Standards. Wie will sich Conrad Connect angesichts dessen positionieren?

Wir sehen uns nicht als direkte Konkurrenz zu Amazon und Google, sondern als Bindeglied. Amazon Alexa und Google Home sind genauso eingebunden in Conrad Connect wie herstellerspezifische Produktserien von Marken wie Philips, Fitbit, Nest, Netatmo und Nokia. Nur HomeKit ist übrigens außen vor, weil Apple auf ein geschlossenes System setzt. Wir sehen uns in einer Meta-Position und bezeichnen uns deshalb auch als „IoT-Plattform für Smart Living“. Außerdem sind die Lösungen von Amazon, Google und Apple noch sehr stark darauf fokussiert, smarte Funktionen per App oder Stimme zu steuern. Das kann nicht die Zukunft des Smart Home sein.

Conrad Connect Smart Home Portfolio
Conrad Connect ist eine Meta-Plattform, die Geräte, Apps und Webdienste diverser Marken verknüpft. Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt
Was spricht gegen die Steuerung per App oder Sprache?

Grundsätzlich nichts. Aber wenn wir im Wortsinne von einem Smart Home, also einem intelligenten Heim reden, muss das Ziel sein, eine App gerade nicht nutzen zu müssen. Heimautomatisierung ist ja dann erst wirklich smart, wenn sie nicht von Nutzerhand gesteuert wird. Daher ist es unser Anspruch, eine Lösung zu schaffen, die keines manuellen Eingriffs bedarf. Nutzer von Conrad Connect richten sich ihren Ablauf einmalig per Web-App ein – und müssen danach das Projekt im besten Fall nie wieder aufrufen.

Conrad ist mit 1 Milliarde Umsatz, 4.000 Beschäftigten sowie Filialen in mehreren Ländern Europas ganz klar im Elektronik-Handel verwurzelt. Warum der Quereinstieg in das unbekannte Terrain von Smart-Living-Dienstleistungen?

Conrad beobachtet den Markt sehr genau und probiert mit der extra dafür eingerichteten Abteilung Business Innovation auch viel aus. Aus dieser ist Conrad Connect Anfang 2016 hervorgegangen. Das war ganz klar eine strategische Entscheidung. Die Wertschöpfung im Markt für Consumer Electronics verlagert sich zunehmend von der Hardware ins Virtuelle. Bisher sind Händler von diesem „Enabler“-Geschäft abgeschnitten. Eine Plattform wie die von Conrad Connect ist eine Möglichkeit, in dieser neuen Marktkonstellation wieder eine aktive Rolle einzunehmen und als Bindeglied zwischen dem Kunden und den Webservices der Produkthersteller zu fungieren.

Wie sieht das Geschäftsmodell von Conrad Connect aus?

Unser Ziel ist, ein Freemium-Modell zu etablieren. Conrad Connect ist für den Nutzer derzeit komplett kostenlos. Die Grundfunktionen werden das auch immer bleiben. Ab 2018 werden wir einen kostenpflichtigen Pro-Account einführen, mit dem Nutzer mehr Möglichkeiten erhalten, beispielsweise viel mehr Dashboards einrichten können und Ähnliches. Zudem werden wir im kommenden Jahr einen Community-basierten Marketplace geben.

Was soll dort gehandelt werden?

Im Zentrum wird die Möglichkeit stehen, Experten zu beauftragen, die Dashboard-Daten zu analysieren. Denn die eigenen Daten transparent einsehen zu können, ist das eine. Daraus sinnvolle Schlüsse zu ziehen, das andere. Naheliegend ist die Auswertung des Energieverbrauchs mit anschließenden Spartipps. Denkbar ist aber auch, dass ein Tierarzt Bewegungsdaten des Haustiers interpretiert. Fitness-Tracker gibt es schließlich längst nicht mehr nur für Menschen. Ein weiteres Beispiel: Versicherungen könnten anhand von Verbrauchsdaten und einem Geräteinventar passgenaue Tarife für die Hausratsversicherung erstellen.

Naheliegend ist auch ein Affiliate-Modell: Werden Sie als Conrad-Tochter Nutzer zum Online-Shopping bei Conrad animieren?

Das ist nicht das primäre Ziel. Wir wollen uns unabhängig aufstellen. Aber ein Affiliate-Modell ist durchaus denkbar. Das muss jedoch nicht allein zu Conrad führen. Es ist auch eine Art Cloud-Basket denkbar. Kunden legen alles dort hinein, was sie kaufen wollen. Conrad Connect zeigt dann an, wo die Artikel am günstigsten sind. Das könnte dann auch Amazon sein. Wir sind als ausgegründete GmbH ja gerade unabhängig, damit wir schnell auf den Markt reagieren und eigenständig wachsen können.

Wie groß wollen Sie denn werden? Was ist die Vision von Conrad Connect?
Porträt Andreas Bös von Conrad Connect
Andreas Bös baut als Senior Director das Startup Conrad Connect zum Spezialisten für Smart Living auf. Image by Conrad Connect

Wir sehen uns jetzt schon als führende Plattform in unserem Bereich. Seit Jahresbeginn hat sich die Zahl der angemeldeten User auf 100.000 verzehnfacht. Sowohl in Deutschland als auch im europäischen Ausland sehen wir noch großes Wachstumspotenzial. Ein nächster großer Schritt ist die Integration in die Webangebote von Kooperationspartnern. Künftig werden Online-Händler die Projekte von Conrad Connect in ihr Frontend einbauen können. Dann ist es denkbar, dass ein Kunde mit einem Klick bei Amazon alle Produkte kaufen kann, die nötig sind, um ein bestimmtes Projekt der Conrad-Connect-Community umzusetzen.

Das klingt nach der Demokratisierung des Smart Home. Müssen sie dafür die technische Einstiegshürde nicht noch viel niedriger schrauben?

Wir sind überzeugt, dass wir die Heimautomation so stark vereinfachen können, dass sie auch für die Masse jenseits der Early Adopter attraktiv wird. Aber natürlich wird unsere Zielgruppe immer aus Kunden bestehen, die technisch interessierter sind als der Durchschnittsbürger. Aber auf eine simple Formel gebracht: Wer eine Option aus einem Dropdown-Menü auswählen kann, wird auch die Heimautomation mit Conrad Connect beherrschen können.

Andreas Bös, vielen Dank für das Gespräch.

Images by Berti Kolbow-Lehradt; Conrad Connect


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Die Netzpiloten sind Partner der Codemotion Berlin 2017

Partnergrafik_codemotion

Auch dieses Jahr wird die Kulturbrauerei in Berlin als Standort der diesjährigen Codemotion gut gefüllt sein: Mit einem internationalen Netzwerk von 30 000 Entwicklern und 350 Sprechern ist die Codemotion eine der größten Tech-Konferenzen in Europa. Die Konferenz wird dieses Jahr am 12. und 13. Oktober stattfinden und bietet internationalen Entwicklern, Ingenieuren und Kodierern die perfekte  Plattform, um sich über aktuelle Themen sowie neue Ideen und Projekte rund um das Thema Kodierung auszutauschen.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es bei der Codemotion so abläuft, kannst du dir hier die Bilder vom letzten Jahr ansehen.

Das sind die Hauptziele der Codemotion in diesem Jahr

  • mehr Interaktion mit der Community durch die Integration der einzelnen Gemeinschaftsstadien

  • eine ausgeglichene Mischung aus Tech-Reden und Seitenprogrammierung

  • relevante Hauptgedanken und ein hochkarätiges Konferenzprogramm

  • Komfortable Sozialräume für Wissensaustausch und Vernetzung

Das Programm der Codemotion beinhaltet unter anderem Themen wie „Keynote“, „Mobile“, „Cloud/Big Data“, „Security“ „Innovation“ und viele mehr. Die Speaker kommen aus bekannten Unternehmen wie Mozilla und Microsoft. Dabei sind alle Programmsprachen und –technologien willkommen. Ziel ist es, Entwickler zusammen zu bringen, die „outside the box“ denken können und die Schnittstellen zwischen Technik und Programmierung verstehen.

Die Codemotion erwartet dieses Jahr über 500 Besucher – und du kannst dabei sein!  Dich erwartet die einmalige Gelegenheit dein Wissen, deine Inspirationen und deine Begeisterung über alle Facetten der Kodierung mit anderen zu teilen und weiter zu verbreiten. Ein Ticket kannst du dir hier sichern.

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Alain Genevaux über Microsoft: „Wir sind eine Plattform-Firma“

Seit Anfang September 2016 leitet Alain Genevaux die Office Business Group bei Microsoft. Damit ist der seit 24 Jahren bei Microsoft tätige Vertriebsexperte der Nachfolger von Dr. Thorsten Hübschen, der in den letzten zehn Jahren das Office-Geschäft von Microsoft Deutschland geleitet hat. In den neuen Verantwortungsbereich von Genevaux fallen der Auf- und Weiterbau der sogenannten Produktivitätslösungen rund um Office 365. Dazu zählen Office 365, Skype for Business, SharePoint und Yammer. Darüber hinaus wird er die Einführung der „Microsoft Cloud Deutschland“ begleiten. Im Interview mit unserem Autor Tobias Schwarz reden die beiden über vernetztes Arbeiten und den Wandel bei Microsoft unter Satya Nadella.

Tobias Schwarz: Vernetztes Arbeiten und vernetztes Kommunizieren ist in kleinen Teams und Startups einfach, angenehm und fast schon üblich. Microsoft aber ist ein großes Unternehmen. Wie organisiert man unter diesen Bedingungen ein vernetztes Arbeitsumfeld?

Alain Genevaux: Dafür haben wir interne Tools, die das erlauben und unterstützen. Zum Beispiel Yammer, ein Tool, das uns dabei hilft, produktiv in Gruppen zu arbeiten. Das ist viel effizienter als per Mail. Über Yammer kann man Diskussionen nachvollziehen, Gespräche entwickeln und sich mit Kollegen auf der ganzen Welt austauschen. So werden Leute unternehmensweit vernetzt.

Menschen reagieren unterschiedlich auf neue Technologien. Wie macht Microsoft das? Nimmt man intern Mitarbeiter an die Hand und ist die Nutzung der Tools verpflichtend für die Mitarbeiter?

Die Nutzung der Tools ist nicht verpflichtend, das sind Optionen. Man kann natürlich weiterhin per E-Mail kommunizieren, wenn das für die eigene Arbeit am besten ist. Allerdings denke ich, dass wir alle so viele E-Mails bekommen, dass häufig die Konversationen nicht mehr nachzuvollziehen sind. Da sind Yammer oder das kürzlich gelaunchte Microsoft Teams weitaus effizienter. Hier wird der Themenfokus je nach Gruppe eingeschränkt und der Austausch ist fokussierter. Eine Pflicht ist das aber nicht.

Hat Microsoft sich auch in der Struktur seiner Abteilungen geändert, also an die Möglichkeiten neuer Kommunikationswege angepasst?

Wir sind in unseren Strukturen flexibler geworden. Grundsätzlich versuchen wir, statt kleinen Teams aus zwei bis drei Leuten eher Teams aus acht bis zwölf Personen zu schaffen. Früher haben wir häufig nach Seniorität Leute auf Management-Positionen befördert, sodass teilweise sehr kleine Teams entstehen konnten. Das ist so nicht mehr möglich. Wir legen großen Wert auf flache Hierarchien und agile Strukturen, die Entscheidungsfreiheit wird den Teams überlassen. Man muss nicht unbedingt über Satya Nadella gehen, um ein Ja oder Nein zu bekommen. Vertrauen wird nach unten delegiert und ein Team mit fünf, zehn oder zwanzig Leuten darf eine Entscheidung treffen und dafür die volle Verantwortung übernehmen. Es gibt die Möglichkeit, Fehler zu machen und aus den Fehlern zu lernen, um neue Ideen zu entwickeln.

Nicht jeder kann mit Verantwortung und Freiheit umgehen. Sie können aber trotzdem wertvolle Mitarbeiter sein. Wie integriert man ganz verschiedene Menschen in ein Microsoft-Team?

Ich glaube, wir entwickeln heutzutage unsere Manager eher als Coaches. Früher haben wir Mitarbeiter nach ganz genauen Zielen bewertet: Du hast etwas erreicht, also bekommst du einen Bonus. Jetzt achten wir bei Microsoft eher darauf, wie die Ziele erreicht wurden, das heißt, ob ich mit anderen Leuten zusammengearbeitet habe, ob ich Ideen aus anderen Gruppen eingebunden habe, um meine eigene Arbeit zu beschleunigen und zu verbessern. Das hat mehr Gewicht als die reine Zahl, die man erreicht hat. Damit sind die Manager eher Coaches geworden – so lassen sich alle Mitarbeiter besser integrieren, weil alle mit ihren individuellen Eigenschaften diese Ziele erreichen können.

Mit dieser Erkenntnis ist Microsoft seinen eigenen Kunden meist einen Schritt voraus. Nützt dies bei der Vermittlung, warum man Yammer oder Microsoft Teams nutzen sollte?

Sicherlich erleichtert unsere Unternehmenskultur den Umgang damit. Aber wir bieten den Mitarbeitern auch Schulungen an, in München gibt es zum Beispiel jeden Monat eine neue Liste von Trainingsangeboten. Das wird den IT- oder Marketing-Leuten angeboten, man hat also regelmäßig die Möglichkeit, etwas Neues auszuprobieren. Natürlich wird von Microsoft-Mitarbeitern eher erwartet, dass sie sich von selbst mit den Tools beschäftigen, aber es gibt auch eine Learning-Plattform, die man gut nutzen kann, um neue Produkte kennenzulernen.

Was war in Ihrem bisherigen Lebenslauf die wichtigste Erfahrung für Ihren heutigen Job?

Ich habe drei Jahre für Microsoft in Amerika verbracht und war für eine weltweite Gruppe zuständig, ungefähr 500 Leute, die über die ganze Welt verstreut waren. Mein Chef hat mir zum Thema Kommunikation gesagt: „Du musst deine E-Mails so schreiben, also ob du jemanden anschreiben würdest, der oder die gerade erst vor zwei Tagen bei Microsoft reingekommen ist, kaum Englisch spricht und das Business noch nicht versteht. Und so präzise muss deine Kommunikation sein.“ Das heißt: keine Abkürzungen, keine langen Sätze, sondern einfache Kommunikation. Das hat eine viel größere Wirkung als ein langer Text, der einfach zu kompliziert ist.

Tools wie Microsoft Teams werden zwar über IT-Abteilungen in Unternehmen integriert, nutzen müssen es aber die Mitarbeiter. Wie überzeugt man diese davon, ein neues Tool zu nutzen?

Wir merken bei Cloud-Lösungen, dass die IT-Abteilung nicht mehr sonderlich involviert ist. Die Entscheidung, solch eine Cloud-Lösung einzusetzen, kommt von den Fachbereichen. Das Marketing würde entscheiden, dass es näher am Kunden sein muss und die Lösung dafür braucht. Der Vertrieb würde sagen, dass er mehr Umsatz generieren muss – dafür braucht er beispielsweise ein CHM-Tool, das so etwas erlaubt. Da die Finanz- und Entscheidungskraft für Einkäufe von Tools heutzutage in den Fachbereichen sitzt, nicht mehr nur beim Einkauf, sammelt und konsolidiert die IT diese ganzen Produkte erst einmal, ist bei den Entscheidungen aber nicht mehr der erste Ansprechpartner.

Wie vernetzt man so unterschiedlichen Tools wie Yammer, Skype und das neue Microsoft Teams?

Wir schauen, nach welchem Bedürfnis unsere Kunden fragen, das ist erstmal wichtig. Wie kommunizieren Business-Kunden? Wie kommunizieren unsere Konsumenten? Was ist am effizientesten? So werden die neuen Entwicklungen definiert. Ob Yammer oder Teams so integriert werden, hat damit zu tun, wie unsere Kunden arbeiten – ob sie effizienter arbeiten, um erfolgreicher zu werden. Darum geht es letztendlich. Der Kunde steht immer im Mittelpunkt der Entwicklung. Das ist wichtig.

Wie viel Einfluss hat der Kunde auf die Produktentwicklung?

Die Welt ist nicht mehr einheitlich, man arbeitet nicht mehr nur mit Microsoft oder nur Google. Nochmal zum Thema: wir arbeiten mit Kunden. Der Kunde möchte eine Plattform haben, um damit Applikationen laufen lassen zu können und wir bei Microsoft wollen versuchen, dass unsere Produkte auf allen Plattformen genutzt werden und verfügbar sind. Wenn Sie sich heute ein iPhone anschauen, heißen die Top-Applikationen Word, Excel, PowerPoint, Skype, Wunderlist und so weiter. Das sind alles Microsoft-Applikationen, die genauso für iOS oder Android laufen. Und hier kommen diese Welten zusammen. Es gibt Bereiche, innerhalb derer wir in einem harten Wettbewerb sind und es gibt Bereiche, bei denen wir zusammenarbeiten, weil die Kunden so vernetzt arbeiten. Das ist die neue Cloud-Welt.

Ein paar der Microsoft-Apps, beispielsweise Microsoft Outlook für Android, sind hervorragende Android-Apps. Ich finde, dass Microsoft das schafft, ist sehr überraschend.

Wieso überraschend?

Weil Microsoft sich sehr lange Open-Source-Plattformen verweigert hat. Zuletzt merkte man aber in verschiedenen Bereichen, dass Microsoft sich zu öffnen scheint.

Das ist tatsächlich die Philosophie, die unser CEO Satya Nadella geprägt hat, seit er der Chef ist. Wir sind tatsächlich eine Productivity- und Plattform-Firma. Productivity bedeutet, Office soll zum Beispiel überall so laufen, dass alle Kunden produktiv sein können – egal, was sie nutzen. Es geht in erster Linie um Produktivität durch Office-Produkte. Excel, PowerPoint, Skype – on the road und mobil – das hat mit Produktivität zu tun. Und zur Plattform: wir sind grundsätzlich eine Plattform-Firma. Das war auch vorhin das Beispiel. Wir haben drei wesentliche Plattformen: Office, Azure und Windows, auf denen entwickelt wird. Es sollte keine Verwirrung geben. Das ist auch die Philosophie von Microsoft.


Image: Alain Geneveaux by Microsoft


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Schwarm-Mobilität statt Schmieröl-Weisheiten im Land der Autobauer

In Deutschland bekommt man schon Schnappatmung, wenn das Ende des Verbrennungsmotors für 2030 erwogen oder auch nur angedacht wird. Die KP China gibt ein anderes Tempo vor – wie bei der Digitalisierung. In gut einem Jahr müssen nach einem Bericht der SZ für acht Prozent aller in China verkauften Fahrzeuge sogenannte Kreditpunkte gesammelt werden, 2019 dann für zehn Prozent und 2020 zwölf Prozent.

„Die Faustformel, mit der die Konzerne derzeit kalkulieren, lautet: vier Punkte für ein Elektrofahrzeug, zwei Punkte für einen Plug-in-Hybriden“, schreibt die SZ. VW müsste 2018 für den chinesischen Markt rund 60.000 E-Autos herstellen. Bei Plug-in-Hybriden mit einer elektrischen Reichweite von 50 Kilometern seien sogar 120.000 Exemplare notwendig. Gelingt das nicht, müsste VW entweder die Produktion drosseln oder aber anderen Herstellern Kreditpunkte abkaufen. Und das könnte teuer werden.

Probleme für die Exportnation

Jetzt wird hoffentlich auch den Industrie-Lobbyisten blitzschnell klar, wie idiotisch es ist, das Märchen von der guten, alten Exportnation mit Schmieröl und rauchenden Schloten wie zu Wirtschaftswunder-Zeiten zu erzählen. Die Automobilwirtschaft steht vor dem größten Wandel seit der Einführung des Verbrennungsmotors. Die Grenzen der Geschäftszweige verschwimmen, branchenfremde Anbieter erobern den Markt und Newcomer wie Tesla demonstrieren, wie man Elektroautos richtig in Szene setzt. Wertschöpfungsketten werden rekonfiguriert und digitale Plattformen treiben die Vernetzung der Fahrzeuge voran. Und was passiert in Deutschland? Da dominieren Teflon-Statements der politischen und wirtschaftlichen Elite.

Die Vergreisung der Auto-Lobby

Der Ökonom Joseph Schumpeter würde das so kommentieren: Der Zwerg von gestern ist der Riese von heute und der Greis von morgen. Die deutsche Automobilindustrie und die Regierungspolitik sind auf dem Weg in die Vergreisung.

Die alten Industriedenker versäumen es, zukunftsfähige Mobilitätskonzepte zu entwickeln, moniert der Wuppertaler Unternehmer Jörg Heynkes im Utopie-Podcast #KönigvonDeutschland. „Der Umstieg der Antriebstechnologie von einem dreckigen und völlig ineffizienten Verbrennugnsmotor auf einen sauberen Elektromotor ist nur ein erster Schritt. Hier wird nur ein kleiner Teil der Mobilitätswende abgebildet, die wir in Deutschland und Europa brauchen. Ansonsten stehen die Elektrofahrzeuge im gleichen Stau wie die Verbrenner.“

Heynkes bemängelt, dass es in der Politik noch nie den Willen gegeben hat, sich nicht mehr als reines Autoland zu definieren. Etwa bei der Organisation des Schienenverkehrs – lokal, regional und überregional. In Japan gibt es ein einziges Ticketsystem für Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen und Hochgeschwindigkeitszügen. „Alles digital, alles mehrsprachig, von jedem Menschen auf der Welt zu bedienen. Alles läuft komplett über Smartphones.“

Bei uns herrsche ein Dschungel von völlig unterschiedlichen Systemen mit grottenschlechten Benutzungsoberflächen. Die Systeme in Japan seien nicht nur einheitlicher, sie funktionieren unfassbar pünktlich. Die Verspätungen aller Zugverbindungen mit dem Shinkansen summierten sich im vergangenen Jahr auf läppische 50 Sekunden. So etwas schafft noch nicht mal eine ICE-Verbindung von Siegburg nach Frankfurt Flughafen.

Politik baut auf Autokäufer

„In der deutschen Politik gibt man sich damit zufrieden, dass Menschen deutsche Autos kaufen“, so Heynkes, der sich in Wuppertal als unabhängiger Kandidat für den NRW-Landtag bewirbt. Schon jetzt sei es möglich, auf einen erheblichen Teil der täglich stattfindenden Mobilität zu verzichten und sie flexibler zu organisieren. Etwa über Schwarm-Mobilität. „Während die Politik wertvolle Zeit verplempert, die schwerfällige Autoindustrie zu nähren, verschlafen wir die wirklich große Wende in der Neugestaltung unseres Landes“, erläutert Heynkes.

Dobrindt und Co. würden einseitig die Interessen der Automobilindustrie bedienen. „Die Kompetenz dieser Industrie beruht auf einem einzigen Produkt und auf einer einzigen Technologie – dem Bau von Verbrennungsmotoren. Das ist der einzige Unterschied zum Rest der Welt. Jetzt kommt eine neue Technologie, die nennt sich Elektromobilität und die ist so simpel, dass der altbewährte Kompetenzvorsprung, den man sich seit Ende des 19. Jahrhunderts erarbeitet hat, keine Rolle mehr spielt“, sagt Heynkes.

Kompetenzvorsprung aus dem 19. Jahrhundert geht verloren

Das sei ein echtes Dilemma, denn die alternativen Technologien und Szenarien lassen sich nicht mehr stoppen. Durch das Nichthandeln und verspätete Innovieren geraten wir global zunehmend ins Hintertreffen. Rund 3,6 Millionen Kilometer werden täglich Strecken mit Tesla-Autos zurückgelegt und produzieren so wertvolle Daten für die Konzeption von intelligenten Mobilitätssystemen, die in zehn bis 15 Jahren nichts mehr mit dem Status quo des Individualverkehrs zu tun haben werden. Der weltweit für Aufsehen sorgende Unfall eines Tesla-Fahrers wird nie wieder passieren, wenn alle Fahrzeuge ein Update bekommen. Bei uns wird der Fall instrumentalisiert, um die Mobilitätswende aufzuhalten. Entscheidend ist die steile Lernkurve der selbstfahrenden Systeme.

Teures Blech steht ständig am Straßenrand

Am Beispiel der Stadt Wuppertal skizziert Heynkes eindrucksvoll, warum wir die Zukunft nicht mehr durch einen Blick in den Rückspiegel gestalten sollten. Wuppertal hat 350.000 Einwohner und 200.000 PKW.

„Die Autos fahren aber nicht ständig durch die Gegend, sondern stehen im Schnitt 23,6 Stunden am Straßenrand, blockieren permanent Flächen und kosten aber 24 Stunden am Tag Geld. Das ist das absolute Gegenteil von Effizienz. Jetzt kommt ein neuer Anbieter und sagt: ‚Liebe Wuppertaler, die Mobilität, die ihr zur Zeit mit 200.000 PKW bewerkstelligt, können wir euch problemlos mit 25.000 Schwarm-Mobilen besser erledigen.'“

Solche ‚Fahrzeuge’ haben kein Gaspedal, keine Bremse, kein Lenkrad. Sie sorgen einfach nur für den Transport von A nach B. Man nimmt nur noch solche Dienste via App über eine Flatrate in Anspruch, ohne überhaupt noch eigene Autos zu besitzen. Keine KFZ-Steuer, keine Versicherung, keine Inspektion, kein Kauf von Sommer- und Winterreifen, keine nervige Parkplatzsuche, keine horrenden Gebühren im Parkhaus und keine teure Benzinbetankung in Abhängigkeit vom Ölkartell. Die Schwarm-Mobile sind lautlos, sauber, umweltfreundlich, dezentral verfügbar und sicher.

Schwarm-Mobile werden alles verändern

Der Zuwachs an Komfort und Lebensqualität durch Schwarm-Mobilität wird alles verändern. 90 Prozent weniger Unfälle, 90 Prozent weniger Werkstätten für Reparaturen, 90 Prozent weniger Taxifahrer, 90 Prozent weniger ADAC-Mitglieder. „Durch eine vernetzte Technologie zur Verbesserung unserer Mobilität ändern sich unfassbar viele Parameter – mit negativen und positiven Folgen, die die Politik jetzt durchdenken muss“, fordert Heynkes.

Was bedeutet das für die Stadtentwicklung und für die Verkehrsplanung? Stadt muss und darf komplett neu gedacht werden. In Wuppertal gibt es rund 630.000 PKW-Stellplätze, die jeweils rund 12,5 Quadratmeter beanspruchen. Fallen die weg, gewinnt man Flächen, um beispielsweise in Kombination von digitaler Technologie, Hightech-Landwirtschaft und Manufaktur Stadtfarmen mit kleinen Kraftwerken aufzubauen. Die Menschen in den Wohnquartieren bekommen gesunde Nahrungsmittel direkt aus der Nachbarschaft – gestern gewachsen, heute geerntet und morgen gegessen. Und das ohne Transportwege und Belastungen mit Emissionen. Obst und Gemüse können zu hochwertigen Produkten veredelt werden in dezentralen und gemeinwohlorientierten Organisationsformen. All das steckt in der Mobilitätswende, aber nicht in den Köpfen der Industriepolitiker und Lobbyisten. Das Notiz-Amt fordert mehr Utopien in der Politik.


Image „traffic“ by pixaoppa (CC0 Public Domain)


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IoTcamp: Das Internet of Things (IoT) wird greifbar

iotcamp-2016-logo-image-by-iotcamp

Am  4. Oktober fand das erste „IoTcamp“ zum Thema ,,Internet of Things“, der zunehmenden Vernetzung von Geräten via IP-Netz, statt. Die Organisatoren von Cassini Consulting bezeichneten die Veranstaltung als vollen Erfolg. Cassini wurde 2006 aus der Erkenntnis heraus gegründet, dass Digitalisierung und Transformation eine neue Form der Beratung erfordern. Das Portfolio beinhaltet Business-, IT-Strategie-, Technologie- und Projektberatung. Zu verdanken sei der Erfolg der Veranstaltung auch den Teilnehmern selbst gewesen. Beim Barcamp-Format bestimmen diese nämlich selbst die Detailthemen, die sie dann in workshopartigen Sessions vertiefen. Eine übergreifende Erkenntnis des IoTcamps brachte ein Teilnehmer in seinem Video-Statement auf YouTube auf den Punkt: „Alle sprechen von einer großen Welt, die wir noch nicht so kennen – die Welt ist eigentlich schon da …“.

Taipeh – die Smart City wird Wirklichkeit

Zu Beginn des IoTcamps begrüßte Sascha Pallenberg, der Tech-Blogger von mobilegeeks.de, die Teilnehmer mit einer Video-Keynote aus Taipeh. Wie weit die Entwicklung der taiwanesischen Hauptstadt in Richtung einer umfassend vernetzten Smart City gediehen ist, machte Pallenberg am Beispiel der Infrastruktur in den U-Bahnhöfen klar. Anhand des EasyCard-Ticketing-Systems erklärte er das nahtlose Zusammenspiel von öffentlichem Nahverkehr, Taxen und Leihfahrrad-Stationen. Der Wahl-Taipehaner zeigte, wie sich schon heute Pendler in der Großstadt Lebensmittel per Smartphone zum Kühlfach am Zielbahnhof liefern lassen. Neben Mobile Payment, auf dem all diese Angebote letztlich beruhen, nennt er zwei  weitere Technologien, die als zukünftige Standards das Internet of Things prägen werden: den LTE-Nachfolger 5G sowie Bluetooth 5.0 für die Nahbereichskommunikation. Aus Sicht des Bloggers seien vor allem Standards, Infrastruktur und Sicherheit maßgeblich, damit aus dem Internet of Things kein „Internet of Total Confusion“ werde.

Telekommunikations-Panel: Wir schaffen das

Bei der Panel-Diskussion unterhielten sich Vertreter bedeutender Telekommunikationsunternehmen über die IoT-Zukunft aus Sicht der Netzbetreiber und der Netztechnologie. Ein Ergebnis: Telefónica, Vodafone und der IoT-Spezialist Sigfox sehen die Netze für den Boom im IoT-Markt schon recht gut gerüstet. Die Zunahme des Datenverkehrs betrachteten die Panel-Teilnehmer als kein grundlegendes Problem. Diskutiert wurde allerdings über die verschiedenen technologischen Ansätze zur Vernetzung des Internets der Dinge: Mobilfunk versus Sigfox-Technologie. Ebenfalls Diskussionsthema war die Sicherheit der Daten in den Netzen.  

Selbstorganisierte Sessions: Von Smart Homes und Logistik-Fragen

Der Idee des Barcamp-Formats entsprechend engagierten sich alle 130 Teilnehmer in selbstorganisierten Arbeits- und Diskussions-Sessions, die zu Beginn der Veranstaltung gemeinsam definiert wurden. So kamen über 20 Sessions zustande, die sich diversen Teilthemen rund um den IoT-Komplex widmeten. Dabei ging es beispielsweise um „Data Formats for the IoT“ oder „Smart City Sensoren“, und auch bei „IoT im Alltag“ herrschte weitgehend Einigkeit: Etliche Technologien, etwa im Smart Home-Bereich, sind längst vorhanden. Die aktuelle Herausforderung besteht eher in der Integration der diversen Systeme und Funktionen. Diskutiert wurde ferner, wie schnell Paketkastensysteme sich in unserem Alltag durchsetzen könnten – prinzipiell lösen sie viele Probleme von Kunden und Logistik-Dienstleistern.  

IoT im Mittelstand: Ein Schritt nach dem anderen

Last but not least: In der Session „Wie gelingt dem deutschen Mittelstand der Einstieg in IoT?“ erörterten die Teilnehmer, was mittelgroße Unternehmen tun können, um ihr IoT-Engagement voranzutreiben. Ein Rat der Session-Teilnehmer: Ruhig mit kleineren Projekten starten, nicht sofort Millionensummen mit entsprechenden Renditeerwartungen investieren. IoT-Projekte sollten zunächst dazu genutzt werden, Transparenz über die Kundenwünsche herzustellen. Denn am Ende hat IoT viel weniger mit IT als mit Change Management zu tun. Für alle Marktteilnehmer ist die Entwicklung hin zum Internet der Dinge ein Prozess. Und wenn das IoTcamp in Düsseldorf eins gezeigt hat, dann dies: Für Unternehmen kommt es darauf an, jetzt die ersten Schritte zu tun.      

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OMR16 – 2 Tage, 136 Aussteller, 16.533 Besucher

OMR16 (image by Steve Martin)

Vergangene Woche fand das Online Marketing Rockstars-Festival in Hamburg statt. Dort traf sich die internationale Marketing- und Medien-Branche, um die neuesten Entwicklungen zu diskutieren, Produkte zu präsentieren und natürlich auch zu feiern. Mit den Messehallen als diesjährige Location war es ein ganzes Stück größer als im letzten Jahr. Dabei waren neben Big Playern wie Facebook, Google, Bild und Zalando auch zahlreiche kleinere Unternehmen vor Ort, um sich alle mit Themen in und um Online-Marketing auseinanderzusetzen.

Online Marketing Rockstars-Expo am Donnerstag

Das Festival bestand aus der Expo am Donnerstag und der großen OMR-Konferenz am Freitag. Am ersten Tag standen Panels und Vorträge auf der Expo Stage, Touren über das Messegelände und verschiedene Masterclasses auf dem Programm. Zu letzteren konnte man sich im Vorfeld individuell anmelden. Alle Angebote informierten rund um das Thema des Tages, darunter aktuelle Marketing-Strategien und der Umgang mit dem digitalen Wandel, alles mit einem Blick in die Zukunft.

In den Live Panels diskutierten mehrere Vertreter anwesender Unternehmen über unterschiedlichste Themen. So auch Norman Nielsen von Zalando, Sarah Seifermann von CosmoDirekt und Marcell Kollmar von Otto bei ihrem Panel zum Umgang mit SEO und seiner Bedeutung für heutige Unternehmen. Andere Themen der Panels waren zudem Zielgruppenidentifizierung, Quality Content und Advertising.

OMR16-SEO-Panel (Image by Steve Martin)

Die Masterclasses beleuchteten einzelne Themen genauer und durch das begrenzte Publikum in einer persönlicheren Atmosphäre. Auch hier setzten sich die Veranstalter mit dem Thema SEO und zusätzlich auch Content-Marketing, Social Commerce, Apps und Social Media auseinander.

Neben dem Programm und den Informationsständen sorgten kleinere Mitmach-Aktionen und Gewinnspiele in der Halle für ausreichend Infotainment. Zur Stärkung konnte man sich gleich hinter dem Eingang in die Hallen an Essens- und Getränkeständen verpflegen. Mit ein bisschen Glück, ergatterte man in den verschiedenen Lounges einen Platz, die zum Networken oder einem Kaffee einluden. In den Pausen konnte man außerdem den ehemaligen Skateboarding-Meister Richie Löffler und seinem Team bei ihren Skate-Stunts zusehen. Abends traten dann auf der Expo-Bühne Künstler und DJs, darunter Olli Schulz und Pohlmann, auf.

Insgesamt bot der erste Festivaltag viele Möglichkeiten zur Vernetzung und zum Austausch mit den anwesenden Unternehmern. So konnten vor allem Rat- und Orientierungssuchende Antworten finden.

Rockstars-Konferenz am Freitag

Bei der OMR-Konferenz am Freitag durften sich die Speaker dann auf der ganz großen Bühne präsentieren, welche bei vielen Besuchern für Staunen gesorgt haben dürfte. Den Anfang machte Scott Galloway, Gründer und Chef der Beratungsfirma L2. Darauf folgte die Gründerin von My Little Paris Fany Péchidat, die mit ihrem authentischen Auftritt gut beim Publikum ankam. Im Anschluss stand Christian Schmalzl von Ströer auf der Bühne und sprach über den globalen Wettbewerb um die besten Werbestrategien. Für große Begeisterung in der Halle sorgte später dann der laute Bonin Bough vom Lebensmittelhersteller Mondelez, was nicht zuletzt an einer Reihe interessanter Fakten und seiner Bühnenpräsenz lag. Anschließend stand der Chefredakteur von Bild.de Julian Reichelt auf der Bühne, der sich wohl der meisten Skepsis vom Publikum aussetzen musste.

OMR-Freitag (Image by Steve Martin)

Als Überraschungsgast begeisterte in der Pause schließlich Jan Delay das Publikum und performte auf der OMR-Bühne neben einigen Klassikern auch zusammen mit Udo Lindenberg.

 

Nach den Speakern Tim Leberecht von The Business Romantics und Stefan Ropers von Adobe, folgten vom Veranstalter, wie jedes Jahr, Vorstellungen von besonders erfolgsversprechende Startups. Aus den “3 companies to watch” wurden dieses Jahr allerdings ausnahmsweise gleich sieben. Den Abschluss auf der großen Bühne machte Skateboarder und Unternehmer Tony Hawk, der über unternehmerische Rückschläge und seine Marke Birdhouse sprach.

Hilights vom Event

Infotainment aus dem Hintergrund gab es während der gesamten Konferenz dank Live-Ticker vom 11Freunde-Team, das mit Ironie und Witz Updates und Kommentare zur Veranstaltung postete. Den krönenden Abschluss des Abends gab es dann ab 18 Uhr bei der Aftershow-Party in der Großen Freiheit 36. Auf der Bühne standen hier neben Jan Delay noch Oli Petszokat, Captain Jack, Die Boys von Deichkind, Frau Diavolo, Das Bo und Chefboss.


Teaser & Image by Steve Martin


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Podcaster als Entschärfungskommando – Rezeptur gegen Brandstifter und Maschinen

Die Autorin Nadia S. Zaboura hat eine kurze und sehr treffliche Einleitung für das neue Buch “Wie ich wurde, wer ich bin, und was wir einmal sein werden” (Lübbe-Verlag) des Dream-Teams vom Soziopod, dem sozialwissenschaftlichen Podcast von Patrick Breitenbach und Nils Köbel geschrieben: Wir könnten eine so schöne, sinnerfüllte und vernünftige Welt haben, wo sie doch vernetzter, informierter und selbstbestimmter denn je leben darf. Der Mensch sinnt laut Brecht nach freundlichen Formen des Zusammenlebens, erstrebt eine herrschaftsfreie Kommunikation, die nicht in der grauen Habermas-Theorie verharrt, sondern durchdrungen ist von Pluralität, Freiheit und Toleranz. “Doch unsere Zündschnur scheint kurz, unsere Geduld mit uns und mit anderen ein knappes Gut geworden”, so Zaboura.

Die zunehmende Komplexität und Beschleunigung sei leider ein ideales Spielfeld für Vereinfacher und Verführer. Sie hantieren mit simplen Antworten und stacheln zur Polarisierung an, um nicht komplexe Lösungen für komplexe Probleme anbieten zu müssen. Sie wollen schnelle Siege und provozieren Aufgeregtheiten, inszenieren Ad-hoc-Hysterien und betreiben verbale Brandbeschleunigung. Zaboura bezeichnet die preisgekrönten Podcast-Philosophen als Entschärfungskommando für soziale Sprengsätze.

Es gibt keine einzig wahre Wirklichkeit

Im Zwiegespräch dekonstruieren die beiden Autoren Klischees, Vorurteile und vermeintliche Wahrheiten. Sie geben Impulse für die Kunst der Argumentation und vermitteln dem Leser das Rüstzeug zur Selbstreflexion. Das ist ein schmerzlicher und anstrengender Prozess, wie der Autor der Notiz-Amt-Kolumne bestätigen kann. Die erste sehr fragmentarische Lektüre des frischen Werkes von Breitenbach und Köbel führte direkt zum Konstruktivismus. Patrick Breitenbach sieht ihn eher als eine Haltung und nicht als Weltanschauung:

Die Haltung, die ich hinter dem Konstruktivismus sehe, ist für mich eher ein permanentes Hinterfragen des Selbstverständlichen. Der Wirklichkeit oder, noch weiter, der Wahrheit. Das Hinterfragen setzt wiederum voraus, dass man erkannt, dass die Wirklichkeit nicht die einzig wahre Wirklichkeit ist, sondern jeder Mensch sich seine eigene Wirklichkeit konstruiert, also durch Sinneseindrücke, Bewertungen und Interpretationen zusammensetzt.

Hier und da gibt es einen Wirklichkeitskonsens. Dennoch nimmt jedes Subjekt die Welt anders wahr. Köbel vergleicht das mit dem Lichtkegel mehrerer Taschenlampen, die sich überschneiden und jede für sich einen eigenen Ausschnitt beleuchtet.

Rassismus ist eine Wahrnehmungsstörung

Bei aufgeladenen Themen offenbaren sich die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Interpretationen, ergänzt Breitenbach:

Für mich ist Rassismus so eine Art Wahrnehmungsstörung. Das heißt, der Rassist sieht bestimmte äußerliche Merkmale bei Menschen, und diese überstrahlen quasi das Individuum, das Subjekt, die Identität. Wenn also jemand mit rassistischen Vorurteilen einen anderen Menschen mit dunklerer Haut sieht, stellt sich ihm gar nicht mehr neutral die Frage, ob das jetzt ein Freund sein könnte. Allein aufgrund dieser äußeren Andersartigkeit macht es irgendwie Klick, und dieser Mensch ist von vornherein weniger wert als alle anderen.

Es zählen nur noch Stereotypen. “Der” Nordafrikaner, “der” Islamist, “der” Flüchtling, “der” Asylbewerber. Individualität verschwindet hinter einem Schleier von Vorurteilen. Es zählen Urteile, die nicht auf eigenen Begegnungen und eigenen Erfahrungen beruhen, sondern Erzählungen oder Narrative von anderen. Rassismus ist eine Konstruktion, die durch Bilder, Geschichten, Gerüchten, Sprache und bestimmte Begriffe entsteht. Der Mensch erschafft sich immer ein Abbild dessen, was er wahrnimmt. “Aber er kann niemals das Gesamte in aller Pracht und aus allen Perspektiven wahrnehmen, und er hat nur sehr begrenzte, wenn auch sehr vielfältige Mittel der Kommunikation, um das Wahrgenommene wieder nach außen auszudrücken”, so Breitenbach.

Erfahrungswissen aus erster Hand

Diese Zerrbilder kann man nur durch direkte Erfahrungen abbauen. Wenn sich ein rassistischer Jugendlicher bei einem langen Auslandsaufenthalt in ein einheimisches Mädchen verliebt, bricht jeder Rassismus zusammen. Die rassistische Konstruktion wird brüchig und man bekommt genügend Anregungen aus erster Hand, die bisherigen Zerrbilder zu überdenken.

Also wenn ich die Grundhaltung besitze zu sagen, ‚Die Welt ist nicht so, wie sie scheint‘, schafft das überhaupt erst die Voraussetzung, um scheinbar selbstverständliche Dinge zu hinterfragen”, betont Breitenbach. Konstruktivismus in der Kombi mit Bildung ist für ihn ein großes Werkzeug, um jede Art von Vorurteilen zu knacken. Auch die maschinengesteuerten Reduzierungen der Wirklichkeit. Wir neigen dazu, Maschinen als intelligent, unbestechlich und neutral wahrzunehmen und vergessen dabei die Maschinisten, die Konstrukteure.

Nasenlose Maschinen dekonstruieren

Beim Thema Big Data und den zugrundeliegenden Algorithmen verdrängen wir die Programmierer, die nur winzige Teilwirklichkeiten und Gewichtungen in ihre Formeln packen. Erinnert sei an die Session “Wenn Menschen und Maschinen lügen” von Patrick Breitenbach und Brightone-Analyst Stefan Holtel auf der Next Economy Open in Bonn:

Software infiltriert heute jede halbwegs komplizierte Maschine. Das Universum kommunizierender Objekte expandiert weiter. Und damit werden unehrliche Menschen und korrupte Organisationen mehr denn je versucht sein, ihre Produkte nach eigenen Wünschen zu impfen. Nennen wir das einfach mal ‘Lügen zweiter Ordnung’. Und Benutzer können das nicht mehr erkennen. Denn leider wächst den Maschinen keine Nase. So wird Wahrheit oder Lüge plötzlich ein Schlüsselfaktor in der Mensch-Maschine-Interaktion. Und es taucht schlagartig die Frage auf, ob und wie man Maschinen ethisches Verhalten beibringen könnte. Ein sehr verzwicktes Problem. Und es führt zu Verwicklungen, für die wir heute noch nicht mal Denkfiguren haben. Es wird Zeit, die zu entdecken, erklärt Holtel.

Anleitungen zum skeptischen Denken aus der Soziopod-Werkstatt von Breitenbach und Köbel könnten auch auf diesem Feld zur Anwendung kommen. Die Streifzüge durch den Garten der Philosophie in Buchform empfiehlt das Notiz-Amt zur Lektüre – besonders in Schulen.


Image „Mikrofon“ Fotocitizen [CC0] via pixabay


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Zurückgeblättert: Atlas der Internet-Verweigerer

GDC Online 2011_Tuesday_Show Environment (adapted) (Image by Official GDC [CC BY 2.0] via flickr)

Atlas der Internet-Verweigerer“ titelte Sven Hansen am 15. Mai 2001 auf heise online und nahm damit schon das Thema seines Artikels vorweg. Die Initiative D21 hatte in diesem Jahr erstmals in Zusammenarbeit mit eMind@emnid, einer Tochter von TNS Emnid, eine repräsentative Umfrage zum Internet-Nutzungsverhalten der Deutschen durchgeführt. Befragt wurden 19.690 Personen ab 14 Jahren. Das Ergebnis: 52,5 Prozent der Deutschen über 14 Jahren verweigerten sich dem Internet. Folglich wurde die Studie unter dem Namen “Der Verweigereratlas” veröffentlicht.

Die Vernetzung des Lebens hat lange Jahre gebraucht

Den 36,7 Millionen Online-Verweigerern standen damals lediglich 25,9 Millionen von der Studie als “Onliner” bezeichnete Internetnutzer gegenüber. Das waren nur 37 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren. In unserem digitalen Alltag wird oft vergessen, dass das Internet nicht schon immer unser allgegenwärtiger Begleiter war. Die heutige Vernetzung des Lebens ist das Ergebnis eines Prozesses, der lange gebraucht hat. Vor 15 Jahren war bloß etwas über ein Drittel der deutschen Bevölkerung im Netz unterwegs. Was hat sich in der Zwischenzeit getan? Wo stehen wir heute?

Jüngere Leser werden es sich wohl kaum vorstellen können: Flatrates waren nicht immer an der Tagesordnung, das erste Mal Musik aus dem Netz zu ziehen rief noch helle Begeisterung hervor (der Autor erinnert sich an Matthias Reims “Verdammt ich lieb dich”) und Bilder zu laden war Anfang des Jahrtausends noch ein oft mühsam langwieriger Vorgang.

Die Initiative D21 hat die Entwicklung der Internet-Nutzung auch nach 2001 konsequent verfolgt und bietet mit den Studien einen tiefen Einblick in die Transformation eines Landes der Internet-Verweigerer in eine digitalisierte Gesellschaft. Seit 2002 allerdings unter dem Titel “(N)Onliner-Atlas” mit der Unterzeile “Eine Topographie des digitalen Grabens durch Deutschland”.

Internetnutzer 2003 in der Überzahl

Zwei Jahre nach der ersten Studie waren die Verweigerer dann in der Unterzahl. 2003 war mit 50,1 Prozent der Befragten erstmals mehr als die Hälfte der Deutschen online. Ein bloßes Zuckerschlecken war der Netz-Aufenthalt für die 50,1 Prozent damals aber nicht immer. Verbraucherministerin Renate Künast kämpfte mit Gesetzen gegen Spam an und chip.de bot einen Workshop zum gleichen Thema: “Weg mit Spam – kein Bedarf an Penisverlängerungen”.

Und was hat sich bis heute auf dem Feld getan? Nicht viel. Lediglich die Art der Junk-Mail hat sich geändert. Statt der Werbung für chirurgische Eingriffe am männlichen Genital, trudeln heute meist dubiose Spendenanfragen – wahlweise von afrikanischen Prinzen, UNO-Generalsekretären oder Bill Gates – im E-Mail-Postfach ein.

Der größte Nutzerzuwachs fand zwischen 2007 und 2009 statt. Innerhalb dieser Zeit stieg der Anteil der Onliner von rund 60 Prozent auf etwa 69 Prozent. In der 2008er Studie schreiben die Verfasser: “Sinkende Preise – besonders bei den DSL- und Kombi-Flatrates –, verbesserte Arbeitsmarktsituation und eine gute Konjunkturlage sind mögliche Erklärungsansätze fu?r den starken Anstieg der Onliner in 2008.”

Im selben Jahr schaffte es Barack Obama mithilfe des Internets, amerikanischer Präsident zu werden. Für Deutschland hieß das erst einmal nicht viel. Obamas Erfolg hat aber schon vor sieben Jahren gezeigt, dass Politik heute vor allem online gemacht werden muss und wird. Über die weltweite Bedeutung des Internets ist damit viel gesagt. Der Zuwachs an deutschen Onlinern war eine direkte Folge der gestiegenen Relevanz für gesellschaftliche Vorgänge des Netzes.

Stagnation seit 2012

Über die Jahre verlangsamte sich der Onliner-Zuwachs immer weiter, bis 2012 mit rund 75 Prozent lediglich ein Prozentpunkt mehr als im Vorjahr zu den Internetnutzern gezählt wurden. Auch die Initiative D21 wusste, dass mit Meldungen über Stagnation in den kommenden Jahren nicht mehr zu begeistern gewesen wäre und änderte ab 2013 die Studie grundlegend. Der (N)Onliner-Atlas erschien ab diesem Jahr bloß noch als Anhängsel des D21-Digital-Index, der nicht mehr nur quantitative Ergebnisse bereithielt, sondern auch qualitativ, z.B. in Form von Nutzertypen, bewertete.

Auch der Untertitel der Studie trug der veränderten Ausgangslage Rechnung. Statt von einem digitalen Graben durch Deutschland zu sprechen, hieß es nun: “Auf dem Weg in ein digitales Deutschland?!” Schon 2014 zeugte ein neuer Untertitel von der Bejahung der Frage. Nun lautete die Unterzeile: “Entwicklung der digitalen Gesellschaft in Deutschland”.

Einige Aspekte haben sich über 15 Jahre hinweg als bedeutend für die Teilnahme am Online-Leben herausgestellt. Dazu gehört auch heute noch das Einkommen. Man möchte meinen, dass das Internet die inklusivsten aller Ausdrucksformen bereitstellt. Doch ob ein Mensch die Möglichkeit hat, online zu sein, hängt auch vom Finanziellen ab.

Zu Beginn der Studienreihe lag der Anteil an Onlinern bei Haushalten mit einem Nettoeinkommen bis 2.000 DM bei 17 Prozent, während bereits 66 Prozent der Haushalte mit einem Nettoeinkommen, das höher als 6.000 DM war, einen Online-Zugang hatten. Die Zahlen haben sich etwas verschoben, doch auch 2015 gilt noch: Je höher das Einkommen, desto wahrscheinlicher der Zugang zum Internet. Während rund 94 Prozent der Haushalte mit einem Einkommen über 3.000 € im Internet sind, liegt der Anteil bei Haushalten mit einem Einkommen unter 1.000 € bei nur rund 52 Prozent. Gleiches gilt auch unverändert für den Bildungsgrad: Je höher der Abschluss, desto eher ist man online.

Alter spielt eine wichtige Rolle

In allen Studienjahren durchgehend auffallend ist auch der Faktor des Alters. Schon 2001 waren knapp zwei Drittel der Bevölkerung zwischen 14 und 29 Jahren online. Zeitgleich waren bloß rund 11 Prozent der 60- bis 69-Jährigen Internetnutzer, bei der Bevölkerung über 70 Jahren waren es gar nur 3,5 Prozent. Über die Jahre sind sämtliche Werte gestiegen, ein Ausgleich zwischen den Altersgruppen aber hat bis heute nicht stattgefunden. 2010 verweigerten sich in der ältesten Gruppe noch immer rund 73 Prozent dem Internet, gleichzeitig war in der jüngsten Gruppe mit 97 Prozent Onlinern schon beinahe der Höchststand erreicht. Diesen erreichte man in der neuesten Umfrage von 2015 mit gut 98 Prozent, ebenso hoch war der Onliner-Anteil bei den 20- bis 29-Jährigen. Mehr als 30 Prozentpunkte dahinter liegen die 60- bis 69-Jährigen, von denen rund 65 Prozent das Internet nutzen. Nur rund 30 Prozent der Befragten im Alter von 70 Jahren oder älter werden 2015 zu den Onlinern gezählt.

Die Zahlen führen einem deutlich vor Augen, dass man – so sehr unser Alltag auch durchdigitalisiert ist – ältere Bevölkerungsgruppen nicht ignorieren darf. Amtstermine werden häufig online vereinbart, ein Visum für die USA zu bekommen, ist ohne Internet gar nicht möglich und Bedienungsanleitungen sind oftmals nur noch auf Webseiten zu finden statt ausgedruckt. Verlegen wir jeden Aspekt des Lebens ins Netz, verhindern wir automatisch die Teilhabe vieler älterer Bürger. Das heißt nicht, man solle analoge Technologien unnötig lange am Leben erhalten, sondern, dass Senioren, die keinen Bezug zum Internet haben, aktiv die Hand zur Hilfe gereicht werden muss, wo es nötig ist.

Wir dürfen Offliner nicht aus den Augen verlieren

Gesellschaftlicher Umgang, Berufsbilder, Arbeitsweisen, Handel, Unterhaltung und Politik sind nur einige Aspekte des Lebens, die das Internet kräftig durchgewirbelt hat. Aus einem Verweigereratlas ist der D21-Digital-Index geworden, der von der “Gesellschaft in der digitalen Transformation” spricht. Der Schwerpunkt hat sich also verschoben: Es geht nicht mehr darum, erst einmal allgemein zu schauen, wer heute online ist und wer noch immer denkt, das Internet würde sich nicht durchsetzen.

Vielmehr versucht die Initiative D21 zu erkunden, wie die Menschen online sind, was sie dort machen, wie sie ihr Leben mit den digitalen Möglichkeiten gestalten. Erstaunlich ist, dass 2015 noch immer 20 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren nicht online unterwegs sind. Von Jahr zu Jahr wird dieser Anteil sinken, mit jedem sterbenden Jahrgang, der das Internet erst in sehr fortgeschrittenem Alter kennengelernt und zum Großteil nicht genutzt hat.

Auch wenn viele von uns nicht mehr zwischen online und offline unterscheiden: Wenn wir von Öffentlichkeit reden, dann müssen wir stets daran denken, dass weiterhin ein klarer Unterschied besteht zwischen der digitalen und der allgemeinen Öffentlichkeit. Irgendwann wird beinahe jeder ein Onliner sein. Bis dahin vergeht noch Zeit. Zeit, in der wir die Offliner nicht aus den Augen verlieren dürfen.


Image (adapted) “GDC Online 2011_Tuesday_Show Environment” by Official GDC (CC BY 2.0)


 

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Bürgermeister schauen nach Konzepten außerhalb der Stadtgrenze

Los Angeles City Hall and sister cities signs(image by Cesarexpo(CC BY-SA 4.0))

Heutzutage sind Bürgermeister Botschafter des guten Willens, wirtschaftliche Schlichter und Vertreter des globalen Wandels. Als unser lieber Kollege und Mitbegründer des “Initiative für Städte”-Programms an der Universität von Boston, der ehemalige Bostoner Bürgermeister Tom Menino verstarb, erreichten uns viele Briefe in unseren Büros an der Universität von Boston. Ein inniges Beileid aus vielen Vierteln Bostons – Hyde Park, Roslindale, Dorchester – war erwartet worden. Aber die Briefe und liebevollen Erinnerungen von Staatsoberhäuptern, Gouverneuren, Botschaftern und zahllosen in- und ausländischen Bürgermeistern überraschten uns. Beide waren ein Testament für den Mann und den Anführer, zu dem er wurde, und eine Erinnerung, dass moderne Bürgermeister mehr als Helden ihrer Heimatstadt sind.

Meisterhafte Netzwerker im In- und Ausland

Die Bürgermeister sind heutzutage enger miteinander vernetzt, als es sich ihre Wähler vorstellen können.

Hier in den Vereinigten Staaten umfassen die nationalen Mitgliedsorganisationen für lokal gewählte Amtspersonen sowohl die United States Conference Of Mayors (USCM) als auch die National League Of Cities (NLC). Jeweils in den Jahren 1933 und 1926 gegründet, dienen beide als Lobbyisten auf Bundesebene und als Veranstalter und Abrechnungsstelle für Best-Practice-Methoden, obwohl sie sich im Aufbau ihrer Mitgliederstrukturen unterscheiden.

Die beeindruckenden Kameradschafts- und Verwandtschaftsbeziehungen, die es zwischen den Bürgermeistern gibt, werden auf diesen nationalen Konferenzen zur Schau gestellt, wobei informelle Gespräche unter vier Augen, das Netzwerken sowie die Beratung der Kollegen, gleichsam Teile des Tagesprogramms wie formale Präsentationen sind.

Die globale Zusammenarbeit zwischen Städten ist zudem nichts Neues. Es gibt hunderte von globalen Netzwerken, die Städte mit gemeinsamen Interessen und Zielen miteinander verbinden.

Das Partnerstadtprogramm wurde zum Beispiel durch den US-Präsidenten Dwight Eisenhower im Jahre 1956 gegründet und basierte auf der Vorstellung, dass die formale Bindung zwischen Städten über die Kontinente hinweg das kulturelle Verständnis fördert. Der Austausch zwischen Partnerstädten wurde über die Jahrzehnte fortgeführt. Die United Cities And Local Governments (UCLG) geht heute davon aus, dass 70 Prozent der Städte und ihrer Verbände an internationalen Partnerstadtprogrammen teilnehmen.

Die themenbezogenen Netzwerke sind eine mehr zeitgenössische Sache, die Themen von der Gegnerschaft zu Kernwaffen, zur Gegnerschaft zu Schusswaffen bis zu der Förderung von Kultur und Handel abbilden.

Am University College London zeigte Michele Acuto in seiner wissenschaftlichen Veröffentlichung “Stadtführung und Lokale Regierung” aus dem Jahr 2013 auf, dass es die Gegnerschaft zur nuklearen Aufrüstung war, die zur Gründung des weltweiten Netzwerks “Bürgermeister für den Frieden” im Jahre 1982 führte.

In den Vereinigten Staaten fanden die Bürgermeister Menino und Bloomberg, und hunderte ihrer Kollegen, ein gemeinsames Ziel um die Gewalt durch Schusswaffen zu bekämpfen und zu mindern und gründeten im Jahre 2006 “Bürgermeister gegen illegale Schusswaffen”.

Aber es war die Umwelt, die ein beständiges, katalysierendes Problem war.

Wie Acuto hervorhob, sind die Vereinten Nationen ein entscheidender Befürworter der Betrachtung der Umweltproblematik auf urbaner und lokaler Ebene. Heute gibt es eine Fülle von kommunalen Netzwerkern, die sich dem Klimawandel und der Nachhaltigkeit widmen: von dem weltweit aktiven International Council For Local Environmental Initiative (ICLEI) bis zu dem EU-zentrierten Konvent der Bürgermeister.

Ein in der Öffentlichkeit stehendes Beispiel ist C40, ein weltweites Netzwerk von Städten, das von Londons Bürgermeister im Jahre 2005 ins Leben gerufen wurde und sich gezielt für die Reduzierung von Treibhausgasen verpflichtete. Ursprünglich war C40 eine Zusammenkunft von sogenannten Megastädten – Städte mit einer Bevölkerung von über 10 Millionen Einwohnern – inzwischen ist die Mitgliedschaft auf 80 Städte angewachsen, inklusive 12 Städte aus den USA.

Das wohl neueste Bürgermeisternetzwerk ist das globale Parlament der Bürgermeister und das geistige Produkt von Ben Barber, einem Politiktheoretiker der City University von New York. Eine globale, selbstregierende Organisation, die vergleichbar mit der Konferenz der Bürgermeister ist (und tatsächlich damit verbunden) und sich agnostisch bei Problemen verhält und alle Bürgermeister ohne Bezug auf deren Prioritäten in der Politik begrüßt.

Aber eine kritische und wenig erforschte Frage bleibt: Wann sind diese Maßnahmen erfolgreich und warum? Unsere Forschung blickt auf eine eng verwandte Frage: Wie sehen die Beziehungen zwischen den Bürgermeistern selbst aus?

Eine Gemeinschaft der gegenseitigen Bewunderung

In einer Studie über die Bürgermeister in den Vereinigten Staaten, die wir im letzten Jahr an der Universität von Boston mit meinen Kollegen Katherine Levine Einstein und David Glick durchführten, fragten wir Bürgermeister nach ihrer Hauptquelle bei der Informationsbeschaffung für ihre Politik, nach Städten, bei denen sie nach Konzepten suchten, nach bestimmten Konzepten, die sie übernahmen und nach ihren Arbeitsbeziehungen.

Wenn Nachahmung die ehrlichste Form der Schmeichelei ist, dann strahlen Bürgermeister in gegenseitiger Bewunderung. Anders als Geschäftsführer sind Bürgermeister begeisterte Nachahmer und ahmen eher Verbündeten denn heftigen Konkurrenten nach.

Nur von in ihrem eigenen Stab übertroffen, verlassen sich Bürgermeister auf andere Bürgermeister bei der Informationsbeschaffung für die Politik. Gleichzeitig liegen ihre stärksten Arbeitsbeziehungen in denen mit den umliegenden Städten. Diese werden nur von den Arbeitsbeziehungen zur Geschäftswelt übertroffen.

Wenn sie konkret nach den Namen von Städten gefragt werden, wo sie ihre Konzepte und zudem die Art der Maßnahmen, die sie von anderen Städten übernahmen, gefunden haben, schrieb jeder Bürgermeister mit Leichtigkeit eine Liste. Die Bereitschaft der Bürgermeister Bindungen jenseits der Stadtgrenze und oft weiter als die unmittelbaren Sorgen der Wählerschaft zu schaffen, ist bezeichnend.

Was ist ihre Motivation für das regionale, nationale und weltweite Netzwerken? Wir würden behaupten, dass der Kontakt mit guten Konzepten, die in der Heimat nachhallen könnten, die bürgermeisterlichen Kooperationen weiter anregen.

Nach bestem Wissen ist unsere Studie mit US-amerikanischen Bürgermeistern, die wir kürzlich als Menino-Bürgermeisterstudie Bürgermeister Menino widmeten, die einzige mit dem systematischen Ansatz, eine repräsentative Stichprobe von Bürgermeistern und den Quellen ihrer Inspiration und den spezifischen Konzepten, die sie von ihren Kollegen übernahmen, zu erheben.

Tatsächlich waren die Bürgermeister, mit denen wir sprachen, äußert begierig die Ergebnisse dieser Studie kennenzulernen, da diese die einzigen Fragen beinhaltete, die wir in den Menino-Studien von 2014 und 2015 wiederholten. (Die Ergebnisse der Studie von 2015 werden am Treffen der “Konferenz der Bürgermeister der Vereinigten Staaten” im Januar 2016 herausgegeben)

Welche Konzepte überschreiten die Grenze?

Die geliehenen Konzepte rangieren dabei von großformatigen Investitionen wie in Nahverkehrsprojekt wie den Bus-Rapid-Transit (bei dem Busse ausschließlich auf speziellen Busstrassen fahren) und erhöhten Parks bis zu bescheideneren Anstrengungen, wie den Treffen von Bürgermeistern aus der Region oder Sommerarbeitsprogramme für Jugendliche.

Vielleicht war es jedoch wichtiger, dass wir herausfanden, dass jene Städte bei denen US-amerikanische Bürgermeister nach Konzepten suchen, sich enorm in der Größe der Stadt, in der Parteizugehörigkeit des Bürgermeisters und im Reichtum der Stadt, unterscheiden und sowohl inländische als auch ausländische Städte von Boston zu Dublin bis Hyderabad mit einschließen.

Unsere Studie zeigte interessanterweise, dass es keine einzige Stadt gibt, die überproportional die Politikkonzepte der Bürgermeister beeinflusst.

Eine weitere Frage bleibt: Können Städte und Bürgermeister erreichen, was die Nationalstaaten nicht können?

Die Zusicherung der Städte den Klimawandel zu bekämpfen – so auch der recht neue Bürgermeisterpakt – beinhaltet enorme Versprechen, die der Rolle, die die Städte bei den Emissionen spielen, entsprechen. Jedoch könnte es schwierig sein, die Wirkung dieser Versprechen ohne bessere Werkzeuge zur Feststellung der Reduktion von Emissionen, zu messen.

Wie bereits eine weitere Kollegin der Universität von Boston, Lucy Hutyra, mit ihren Kollegen in einem kürzlich erschienenen Kommentar im Nature-Magazin herausstellte, ist die Setzung von Emissionszielen nur ein erster Schritt. Sie und ihre Mitautoren argumentieren, dass Städte umfangreiche und vergleichbare lokale Emissionsdaten und Werkzeuge brauchen, die das Kartieren von Emissionen auf genauere Maßstäbe von Raum und Zeit ermöglichen und die die menschliche Dimension bei Karbonemissionen wiederspiegeln. Denken Sie an Straßen, Parks oder einzelne Gebäude.

Nur dann können Städte die Wirkung einzelner Methoden abschätzen, gezielte Einflussnahmen fördern und Fortschritte überwachen. Nur dann werden sie wissen, ob die Konzepte, die sie austauschten und die Anstrengen, die sie unternahmen, wirklich bedeutsam waren. Bürgermeister können große Ziele haben und Teil der globalen Agenda sein. Aber sie werden danach beurteilt, was sie zu Hause erreichen.

Bürgermeister Menino hatte den berühmten Spitznamen: der “Städtische Mechaniker”. Er beurteilte sich selbst nach den Wegen, inwiefern er das Leben der Leute verbesserte, wie sauber die Straßen und Wasserstraßen blieben, und wie die Qualität der Schulen war. Er wusste, wie viele seiner Kollegen, dass es die menschliche Dimension war, die am wichtigsten war.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Teaser & Image “Los Angeles City Hall and sister cities signs”(adapted) by Cesarexpo (CC BY-SA 4.0).


The Conversation

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Digitale Innovationen brauchen Freiheit in Unternehmen

Innovation (adapted) (Image by Boegh [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Das wirtschaftliche Machtsystem ist schädlich für die Netzökonomie. Der frühere Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger will es noch mal wissen. Politisch in der FDP, publizistisch im Social Web und mit Büchern, Interviews sowie Reden. Der Niedergang des VW-Konzerns ist für ihn ein Menetekel für die Verkommenheit der Manager-Zunft. Seiner Wut macht Sattelberger vor allem auf Twitter Luft. Das Notiz-Amt präsentiert ein paar Tweet-Perlen @th_sattelberger.

Betrieblicher Gehorsamskäfig

Sattelberger belässt es nicht bei harschen Kommentaren über das Inzest-System des Top-Managements der DAX 30-Konzerne, von autoritär sowie selbstherrlich geführten mittelständischen Unternehmen und korrumpierbaren Elite-Hochschulen. Er will mit politischen Mitteln den Gehorsamskäfig in Betrieben aufbrechen. Wenn wir in der digitalen Sphäre von Partizipation, Transparenz und einer Kultur der Beteiligung reden und auch danach handeln, dürfe das in der Wirtschaft nicht ohne Konsequenzen bleiben.

Alter Taylorismus in digitalem Gewand

Wir dürfen jetzt nicht den alten Taylorismus, der das Arbeitsleben nach Befehl und Gehorsam taktet, in digitalem Gewand reproduzieren. “Die Gefahr eines digitalen Taylorismus ist das eigentliche Problem. Es geht in der digitalen Ökonomie um Humanisierung. Richtig ist, dass die Rechtsnormen für diese digitale Ökonomie stark hinterherhinken. Das sieht man an der Diskussion um Uber ganz trefflich. Trotzdem kann ich der Diskussion um Uber auch viel Positives abgewinnen. Innovation – auch eine soziale Innovation wie Crowdworking – beginnt nicht mit keuschen Idealen. Innovation beginnt häufig grau, schmutzig und ohne Ethik. Ich glaube, man muss eine soziale Innovation ein Stück weit laufen lassen, um dann zu sehen, wo normiert werden muss. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass es verschiedene Formen der Normierung gibt: Es gibt Gesetze, tarifvertragliche oder betriebliche Regelungen und kulturelle Normen. Wir müssen nicht immer gleich die Keule des Gesetzes rausholen”, so Sattelberger in dem von ihm mitherausgegebenen Opus “Das demokratische Unternehmen” – frisch gekürt als Wirtschaftsbuch des Jahres.

Netzökonomie braucht individuelle Mitbestimmung

Die Netzökonomie sollte schon mit intelligenteren Methoden gesteuert werden. “Meine Vision ist, dass die Welt der Arbeit um einen zukunftsfähigen Akteur reicher wird. Dieser Akteur ist das Individuum. Bisher gibt es nur die Unternehmer oder das Management mit Kontrollrechten und die Gewerkschaften oder Betriebsräte mit Schutzrechten. Das Individuum als Subjekt spielt in der Arbeitswelt noch kaum eine Rolle. Der einzelne Mitarbeiter wird entweder geschützt oder kontrolliert – als Objekt. Das ist Entmündigung. Gleichzeitig gibt es neue Impulse für die Mitbestimmung des Individuums. Die ersten Wissenschaftler diskutieren die Verankerung von individuellen Freiheitsrechten des Arbeitnehmers im Grundgesetz, zum Beispiel auf Meinungsfreiheit im Unternehmen. Damit diese Entwicklung eine Dynamik entfaltet, muss der gesetzliche Rahmen angepasst werden, der immer noch sehr betriebszentriert ist. In der Realität wird es den klassischen Betrieb immer seltener geben”, erläutert der Personalexperte. Unternehmen werden über die zunehmende Vernetzung räumlich und zeitlich entgrenzt – das gilt für Produktion und Dienstleistungen.

Die Wertschöpfung endet nicht mehr an den Grenzen des Betriebes, sondern verbindet eine Vielzahl von Unternehmen. “In Prozess-, Projekt-oder Community-Organisationen hecheln die Betriebsräte hinterher, weil sie ihren Platz in diesen Strukturen nicht mehr finden. Wandelt sich der Betriebsrat möglicherweise in der digitalen Ära zum Shop Stewart nach dem angelsächsischen Modell, also zu einem Berater und Coach von souveränen Individuen? Manager wie Betriebsräte verlieren an Macht. Wie will man das Home Office kontrollieren? Hier wird die Eigenverantwortung des Einzelnen gestärkt”, betont Sattelberger. Es verwundert mich nicht, warum sich Gewerkschaften, Betriebsräte und Arbeitgeberverbände in ihrem Widerstand gegen dezentrale Arbeit so einig sind.

Betriebsgenossenschaften und die Ergonomie meines Klos

Das kann man an der Debatte über Arbeitsschutz in den eigenen vier Wänden ablesen. Soll es etwa Betriebsbegehungen durch Arbeitsschützer der monopolistischen Betriebsgenossenschaften in meiner Wohnung geben, die sich anschauen, ob unser Feuerlöscher ordentlich an der Wand verdübelt ist und die Ergonomie unseres Klos den Standards für gesunde Stuhlgänge entsprechen?

Der Mitarbeiter ist kein unmündiges, zu schützendes und zu kontrollierendes Wesen mehr, sondern ein souveräner, eigenverantwortlicher Akteur. “Das Ich betritt wieder den Platz. Unternehmen und Gewerkschaften verlieren an Macht, der Co-Unternehmer gewinnt neue Freiheiten. Dafür braucht man Anpassungen in der Gesetzgebung: im Sozialversicherungsrecht, im Arbeitsrecht, im Arbeitsschutz und im Betriebsverfassungsrecht”, fordert Sattelberger.

Gewerkschaften und Arbeitgeber führen nach seiner Ansicht klassische Duopol-Diskussionen und verteidigen ihre Pfründe. Das Ziel sei es jedoch, Individuen zu stärken. Die Sozialpartnerschaft werde nicht abgeschafft, sondern es wird eine neue Konfiguration geben. Trio statt Duo – Arbeitgeber, Gewerkschaften und das Individuum.

Deutschland fördert die falschen Innovationen

Die Freiheit des Einzelnen ist ein entscheidender Katalysator der Netzökonomie. Amerikanische Technologie-Konzerne werden an der Spitze zwar feudal geführt. Darunter aber relativ demokratisch, weil die Innovatoren an der Basis Freiheit zum Denken und zum Experimentieren brauchen. “Der Zusammenhang zwischen Innovation und Freiheit ist ein Schlüsselthema. Deutschland ist nicht innovationsarm, aber Deutschland ist in der Art der Innovation arm. Wir schaffen hauptsächlich Effizienz-und Rationalisierungsinnovationen in den klassischen Branchen Maschinen- und Anlagenbau sowie Autobau. Die Basisinnovationen finden im Silicon Valley in Kalifornien, im Silicon Wadi rund um Tel Aviv, in Singapur oder in Boston mit Harvard und dem MIT als Denkfabriken statt. Dort werden ganz andere Geschäftsmodelle generiert. Von dieser Entwicklung ist Deutschland abgekoppelt. Wir sind das Maschinenhaus der Welt und verteidigen uns gegen die Attacken von China, während die USA als das Digital House davon eilen”, resümiert Sattelberger.

Wenn die deutschen Unternehmen den Weg der Demokratisierung und des Kulturwandels gehen, könnten sie wieder innovationsfähiger werden, jenseits von Effizienz-und Rationalisierungsinnovationen. Ein demokratisches Unternehmen gewinnt an technologischer und sozialer Innovationskraft. Also sollten wir uns von den Basta-Managern verabschieden. Wie und ob das gelingt, diskutieren wir vor und auf der Next Economy Open mit Thomas Sattelberger, Matthias Wendorf, Dr. Andreas Zeuch (Autor des Buches ­“Alle Macht für Niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten”) und Bastian Wilkat. Den Anfang macht ein Streitgespräch via Live-Hangout.

Es folgt die Sattelberger-Keynote auf der #NEO15 am 9. November in Bonn über Unternehmensbürger, digitale APO und Offline-Rebellen http://nexteconomy.me/programm/.


Image (adapted) “Innovation” by Boegh (CC BY-SA 2.0)


 

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Internet und Flüchtlinge: (Auch) ein Werkzeug zum Guten

Refugees (image by Haeferl [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia)

Angesichts der sich immer mehr zuspitzenden Flüchtlingskrise wollen viele Menschen helfen. Dabei kann das Internet eine unterstützende Rolle übernehmen und hat dies auch bereits getan. Es dient der Vernetzung und Koordination von Freiwilligen ebenso wie der Schaffung von Aufmerksamkeit für das Schicksal der Geflüchteten. Das zeigt, was das Internet im besten Fall sein kann: ein Werkzeug, das Menschlichkeit und “altmodisches” zivilgesellschaftliches Engagement nicht verdrängt oder ersetzt, kein Ort von Zynismus und billigem Amüsement, sondern von der Art Wissen, die Mitgefühl schafft.

Die Flüchtlingskrise verlangt nach freiwilligen Helfern

Mit dem aktuellen Ansturm geflüchteter Menschen (vor allem aus Syrien, aber auch aus anderen von Konflikten oder extremer Armut heimgesuchten Ländern) zeigt sich die Politik überfordert. Europa arbeitet nicht zusammen, sondern versinkt in Abschottung, Chaos und einer bedrohlichen Sankt-Florians-Mentalität. Auch die nationalen Regierungen wissen teils nicht so recht, was sie tun sollen. Sie warten ab oder aber reagieren inkonsistent und aufgeregt.

Um so wichtiger ist es, dass die Bevölkerung sich in dieser Frage engagiert. Einerseits gilt es, politischen Druck aufzubauen, von den Mächtigen ein vernünftiges ebenso wie menschliches Handeln zu fordern. Andererseits kann auch ganz konkret geholfen werden, können “Normalos” Flüchtlinge mit dem Nötigsten versorgen, ihnen die Orientierung erleichtern und ihnen hoffentlich zumindest ansatzweise das Gefühl geben, sicher und willkommen zu sein.

Diese Krise kann auch eine große Chance sein. Eine Chance, in den letzten Jahren eher vernachlässigte Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Eigeninitiative und Teamgeist wieder zu entdecken. Deutschland könnte ein wenig engagierter, ein wenig menschlicher werden – und ist, wie man mit Freude feststellen kann, derzeit auf dem besten Weg dahin. Daran können auch die “besorgten Bürger”, die geistigen Brandstifter und Facebook-Hassprediger, wenig ändern.

Das Internet kann ein Bewusstsein schaffen

Schon lange gibt es Medien, die uns darüber informieren, was in der Welt passiert, und uns, im besten Fall auch emotional ansprechen (natürlich sind Gefühle kein Ersatz für solide Fakten – aber Menschen, die von einem Vorgang auch emotional berührt werden, sind deutlich eher bereit, sich auch zu engagieren). Das Internet aber kann beides ungleich schneller bewerkstelligen und so eine zeitnahe Reaktion auf Krisen erlauben. Reine Informationen bewirken noch keinen gesellschaftlichen Wandel – aber fühlen sich die Menschen zudem emotional angesprochen, beginnen sie, mitzufühlen, dann ist der erste Schritt hin zum Handeln getan. Das zeigt das Bild des ertrunkenen syrischen Jungen Aylan Kurdi, das in Windeseile um die Welt ging, zum Symbol der Flüchtlingskrise wurde und für eine ganze Reihe von Menschen der Auslöser für ein Umdenken und auch für ein aktives Helfen wurde.

Zudem fallen im Internet auch Machtstrukturen bei der Berichterstattung weitgehend weg. Das macht es leichter, auch von den Mächtigen ungeliebte Inhalte zu verbreiten und so den oben angesprochenen politischen Druck aufzubauen. Wer wüsste das besser als Angela Merkel, die sich gegenüber dem geflüchteten, pakistanischen Mädchen Reem so ungeschickt verhielt, dass es zum eigenen Meme wurde und die Kanzlerin unter dem Hashtag #merkelstreichelt reichlich Hohn und Spott von der Netzgemeinde einstecken musste. Man möchte zumindest glauben, dass dies einen gewissen Einfluss darauf hatte, dass sich Merkel später durchaus lobenswerter verhielt. Immerhin ist Politikerinnen und Politikern die Meinung der Bevölkerung in aller Regel nicht gänzlich unwichtig – die nächste Wahl kommt bestimmt.

Werkzeug zur Vernetzung und Kooperation

Viele Menschen, die helfen wollen, wissen nicht so recht, wo sie anfangen sollen. Glücklicherweise kann vielen schon eine schnelle Google-Suche weiterhelfen – dafür sorgen eigens eingerichtete Websites wie “Wie kann ich helfen?”, das sogar mit einer praktischen Übersichtskarte von Hilfsprojekten in ganz Deutschland aufwartet. Natürlich können Menschen auch ohne Internet geeignete Hilfsprojekte finden. Geht es aber so schnell und einfach wie hier, fallen Hemmschwelle und Reibungsverluste weitgehend weg – ein begrüßenswerter Zustand, der dazu beiträgt, dass möglichst viele noch etwas unentschlossene Interessierte tatsächlich zu Helferinnen und Helfern werden.

Ähnlich ist es bei der Koordination der zahlreichen Freiwilligen. Viele Hilfsprojekte für Flüchtlinge wurden in den letzten Wochen von Unterstützungsangeboten und Spenden geradezu überrollt und stehen vor der herausfordernden Aufgabe, diese möglichst effektiv einzusetzen. Computer und das Internet sind gute Werkzeuge für die Koordination und Organisation aller Arten von Veranstaltungen und Projekten. Sie können auch hier helfen. Die meisten Helfenden – vom Chaos Computer Club bis zu lokalen Bürgerinitiativen – haben das bereits erkannt und entsprechende Systeme eingerichtet. Zu guter Letzt lassen sich im Internet auch ausgezeichnet Geldspenden sammeln – das zeigt derzeit unter anderem das prominente Beispiel von Google.

Auch zur Weiterbildung von Helfenden ist das Internet gut geeignet. Dazu zählen nicht nur die zahlreichen Artikel darüber, welche Besonderheiten im Umgang mit Flüchtlingen zu beachten sind (und in denen diese natürlich idealer Weise auch selbst zu Wort kommen), auch Übersetzungs-Hilfen im Netz, insbesondere für Arabisch, sind hilfreich.

Ein Werkzeug zum Guten

All diese Beispiele zeigen, was das Internet im besten Fall sein kann: ein Werkzeug, das das gesellschaftliche Zusammenleben, die gegenseitige Hilfe und das zivilgesellschaftliche Engagement nicht lähmt oder ersetzt, sondern sinnvoll ergänzt und vereinfacht. Ein Ort, an dem man nicht sinnlos seine Zeit vertrödelt und sich übereinander lustig macht, sondern an einem besseren Zusammenleben arbeitet. Eine Domäne nicht der Hassprediger, sondern derjenigen, die sich mehr Völkerverständigung wünschen und bereit sind, ihren Teil dafür zu tun.

Es liegt an uns, dass dieser Teil der (Netz-)Wirklichkeit derjenige ist, der zählt und an den man sich später erinnern wird.


Teaser & Image “Refugees” by Haeferl (CC BY-SA 3.0)


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Wie IBM das Internet Of Things voranbringen will

IBM 200x200 by Jonas Haller

IBM 650x338 by Jonas Haller

Doch wie smart ist es eigentlich, per Smartphone einen Taster zu ersetzen? Sollte es nicht intelligentere Lösungen mit innovativeren Funktionen geben? “Ja”, sagt Thorsten Schröer, Director Electronics Industry Leader bei IBM Europe, mit dem Netzpiloten-Autor Jonas Haller am Rand der Messe über aktuelle Entwicklungen und Visionen des Plattform-Partners sprechen konnte.

In Zeiten von schnellen Datennetzen ist smarte Heimelektronik das große Thema der Stunde. Viele Hersteller versuchen ihre Produkte intelligent zu gestalten und an das Internet Of Things (IoT) anzukoppeln. Doch die einfache Heimvernetzung ist nur der erste Schritt. IBM hat sich deshalb bereits 2007 zur Aufgabe gemacht, eine Plattform für Unternehmen in der Cloud bereitzustellen. Dazu haben sich die IT-Experten zuletzt den Chip-Hersteller ARM ins Boot geholt, um insgesamt noch effizienter arbeiten zu können. Elektronikhersteller können so auf die IBM-eigene Entwicklerumgebung IBM BlueMix zugreifen und darauf ihre eigenen Systeme programmieren.

Der Clou dabei ist, dass durch die Standardisierung eine Kompatibilität der Geräte untereinander gegeben ist und so das Prinzip der herstellereigenen Ökosysteme ausgedient hat – IBM selbst spricht von Device Democracy. Die Hersteller müssen also keine Entwicklungskosten in die eigentliche (Vernetzungs-)Technik stecken, sondern können in differenzierende Features und Funktionen investieren, die Kunden anschließend einen größeren Mehrwert bieten – und sie im Endeffekt überzeugen, in neue Geräte zu investieren.

Remote-Wartung: Besserer Service durch die “Economy of Things”

Als Beispiel für clevere IoT-Lösungen sind einfache Remote-Fehlerbehebungen bei Küchenelektronik oder sogenannter “Weißer Ware” zu nennen. Sensoren überwachen in Echtzeit den Zustand des Gerätes und können bei einer Abweichung vom Regelbetrieb schnell die Initiative ergreifen – gegebenenfalls Probleme gar selbst beheben. Helfen die online hinterlegten Daten nicht weiter, können Servicemitarbeiter des Herstellers schnell und unkompliziert eine Fernwartung per App durchführen. Eine neue Form der kostensparenden und sicheren Kundeninteraktion ist so möglich, um gemeinsam mit der Produktivität die Lebensdauer der Geräte zu erhöhen.

IBM selbst spricht dabei von der “Economy of Things”, die neue Märkte erschließen lässt. In einer entsprechenden Studie einiger Wissenschaftler des IBM Research Institute sowie der Oxford Economics New York und London wird deutlich, dass diese neue Form von Dienstleistungen einen Teil der digitalen Transformation darstellen, die die Gesellschaft erwartet. Unternehmen können den Lebenszyklus ihrer Produkte in Zukunft zwar besser nachvollziehen und bei Problemen schnell reagieren, müssen mit diesen Informationen jedoch auch neue Werte schaffen – Stichwort Monetarisierung. Ebenso ist die Frage noch nicht geklärt, wie die Software der Geräte aktualisiert wird und welche Konsequenzen das haben wird. Hier befinden sich ganze Wirtschaftszweige noch am Beginn eines langen Weges.

Sicherheit ist oberste Priorität

Besonders hohen Wert legt IBM dabei auch auf die Sicherheit der Verbindung. Laut Schröer sind die genutzten Server in Deutschland stationiert und unterliegen so komplett der deutschen Gesetzgebung. Der Konzern sieht dabei nicht nur die Netzwerk-Sicherheit als eines seiner Schwerpunktthemen, für das umfassende Security-Konzepte sowie Lösungen entwickelt und angeboten werden. Bei der Lösung von IBM verbleiben die verwendeten Daten zu jedem Zeitpunkt strikt Eigentum des Kunden.

Doch IBM agiert nicht nur als Techniklieferant: Das Unternehmen wagt sich auch selbst in die Gefilde des Smart Home und stellte unlängst seinen persönlichen Assistenten Watson als intelligenten Koch vor. Bei einer Demo mit dem Hersteller Miele wurde eindrücklich veranschaulicht, wie sich unser alltägliches Leben schon bald verändern könnte. Das Zauberwort lautet dabei “Cognitive Computing”: Aus einer amerikanischen Web-Bibliothek werden dem System 10.000 Rezepte angelernt. Daraus erkennt Watson, welche Zutaten und damit Geschmacksrichtungen am besten zueinander passen. Anschließend reicht es die Anwendung mit ein paar Zutaten “zu füttern” und Watson kreiert ein eigenes Rezept. In Verbindung mit neuen smarten Öfen, welche die Daten direkt per Web-Anbindung aufgespielt bekommen, wird Kochen so zum Kinderspiel.

Bald alle elektrischen Geräte miteinander vernetzt?

Und wie sieht IBM das Leben mit dem Internet Of Things in zehn Jahren? Die Zukunftsvision des Konzerns ist ein offenes Netzwerk, in dem alle Geräte dezentral miteinander verbunden sind, die Cloud also nur einen kleinen Teil davon darstellt. Intelligente Produkte können mittels peer-to-peer direkt in Verbindung treten und sich bei Problemen gegenseitig helfen und beispielsweise Firmware-Updates austauschen. Bis dahin sol es auch in Sachen Verschlüsselung, Sicherheits-Protokollen und der Skalierbarkeit des Netzwerkes einiges zu tun geben. Die Entwicklung des Internet Of Things kann auch IBM nur erraten, die Richtung scheint aber immer klarer zu werden: Unser Wohnraum wie wir ihn heute kennen, wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten drastischer verändern, als wir es uns heute vorstellen können.


Teaser & Image by Jonas Haller


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Smart Home: Braucht der „Einbrecher der Zukunft“ noch eine Brechstange?

Smart-Home Technologien im Playmobil-Haus des Braunschweiger Informations- und Technologiezentrums (adapted) (Image by wissenschaftsjahr [CC BY 2.0] via Flickr)

Das „Internet der Dinge“ wird unser vernetztes Zuhause künftig erobern. Doch was bedeutet das für den „Einbrecher von Morgen“? Das „Internet der Dinge“ ist der Wachstumsmarkt der Technologie-Branche. Alles wird vernetzt, getrackt, analysiert und ausgewertet. Bei allen Vorteilen bringt und dieser Trend aber schnell auch wieder zu altbekannten Fragen nach Sicherheit, Verschlüsselung und Sensibilität.

Smart Home: Unaufhaltsamer Wachstumsmarkt

Ein Kühlschrank, der automatisch den Verbrauch der Lebensmittel bestimmen kann und am Tag des Einkaufs eine Einkaufsliste generiert und aufs Smartphone schickt? Ein Ventilator, der genau nach den Wünschen und Bedürfnissen des Bewohners automatisch anspringt? Licht- und Soundsysteme, die per App steuerbar sind oder intelligente Klingeln, mit denen von überall auf der Welt empfangen werden kann, wer gerade vor der Tür steht? Das ist, kurz gesagt, die Idee vom Smart Home: Die technische Unterstützung in den eigenen vier Wänden.

Darein spielt auch die Idee der miteinander vernetzten Geräte. Irgendwann mal, wenn sich die Konzerne auf einen einheitlichen Standard geeinigt haben, sollen alle möglichen Sensoren, Geräte oder Netzwerke im Smart Home miteinader vernetzt sein, den Energieverbrauch intelligent nach unten schrauben und den Komfort für den Hausbesitzer erhöhen. Das „Internet der Dinge“, so nennt sich dieser Trend, ist in der breiten Masse der Bevölkerung noch längst nicht angekommen. Aber immerhin wird er auf jeglichen Tech-Messen schon ausführlich diskutiert und gehypt.

Qualitätsnachweise vom „Einbrecher der Zukunft“?

Doch was passiert eigentlich, wenn das Zuhause zur technischen Hochburg wird? Wenn die Tür per App geöffnet, die Alarmanlagen am Tablet deaktiviert und der Herd auch vom Garten aus auf Temperatur gebracht werden kann? Oder anders: Was für Gefahren stehen uns durch diese Entwicklung bevor?

Welche Qualitäten braucht möglicherweise der „Einbrecher der Zukunft“? Muss er noch eine Brechstange oder die berühmte Haarnadel der Komplizin bedienen können, das Zielobjekt mühsam über Tage oder Wochen beobachten oder die richtige Tageszeit abwarten, um zuzuschlagen? Oder braucht er einfach nur gute Kenntnisse im Aushebeln der hauseigenen Firewall? Wird ein findiger Hacker in 20 Jahren leichteres Spiel haben als der engagierteste Einbrecher?

Sicherheitsbedenken? Unbedingt!

Zumindest eine Überlegung ist das wert. Immerhin, und das dürfte wohl kaum mehr einer bestreiten, wird das Smart Home in Zukunft boomen, diverse Analysen und Prognosen bestätigen das – und, fernab der Zahlen, auch die subjektive Wahrnehmung, wenn man die morgendlichen Pressemitteilungen und Tech-Nachrichten checkt. Selbiges gilt für das „Internet der Dinge“.

Bevor wir uns allerdings darüber Gedanken machen, was der „Einbrecher von Morgen“ für Qualitätsnachweise erbringen muss, sollten wir schon einen Blick auf heutige Zeiten werfen. Es geht um eine Studie, die HP jüngst veröffentlicht hat. Zugegeben: Wirklich repräsentativ ist sie nicht, da nur die 10 populärsten Geräte aus der Kategorie „Internet der Dinge“ getestet wurden, aber sie deckt sich mit vielen Einzelmeldungen der letzten Wochen. HP hat nämlich festgestellt, dass die technische Sicherheit der Geräte bislang mehr als fraglich ist.

Bei jedem der 10 Geräte wurden durchschnittlich 25 Schwachstellen gefunden. Die bewegten sich irgendwo zwischen elementaren Dingen wie mangelnder Verschlüsselung, überflüssiger privater Daten wie Kreditkarteninformationen und fehlerhafte Schnittstellen. In 90 Prozent der Fälle mussten überflüssige Daten eingegeben werden, in 80 Prozent wurden vom Gerät zu simple Passwörter akzeptiert, in 70 Prozent wurde nichtmal eine Verschlüsselung eingesetzt – soll ich weiter machen?


Schon etwas älter, aber das Konzept des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) ist immer noch interessant anzuschauen:


Druck ausüben, Sensibilität schulen

Kurzum: Das „Internet der Dinge“ ist schön und gut. Aber es scheint auch hier, dass die Nutzer eine gesteigerte Sensibilität für die Themen IT-Sicherheit, Verschlüsselung und Co. entwickeln müssen. Ohne diese nämlich wird der „Einbrecher der Zukunft“ unser Arbeits-, Schlaf- und Essverhalten von der Couch aus verfolgen können, möglicherweise schaut er uns sogar über Kameras und Webcams dabei zu. Anschließend knackt er die Türverriegelung von der anderen Straßenseite, schaltet die Alarmanlage für 15 Minuten aus und macht seine Beute. Gut, etwas überspitzt vielleicht – aber der Gedanke sollte fortgeführt werden.

Noch haben wir die Chance, den neuen Wachstumsmarkt mitzubestimmen. Mit Druck auf die Unternehmen, mit Wertlegung auf hohe Verschlüsselung und sichere Schnittstellen. Sollten wir die Chance nicht nutzen, könnten wir in 20 Jahren da stehen, wo wir nun mit E-Mail-Versand, Geheimdiensten und Facebook-Passwörtern stehen – naiv und unwissend, mitten in einem Teufelskreis.


Image (adapted) „Smart-Home Technologien im Playmobil-Haus des Braunschweiger Informations- und Technologiezentrums“ by wissenschaftsjahr (CC BY 2.0)


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Warten auf Erleuchtung

{Explore} (adapted) (Image by Marius Brede [CC BY-SA 2.0) via Flickr

In einem Kraftakt möchte Deutschland die sogenannte “Industrie 4.0” einführen – und damit die Industrie vernetzen. Bislang ruft das Konzept aber bloß Ahnungslosigkeit hervor.

“Mit der digitalen Vernetzung der Produktion wird sich unser Verständnis von Industrie so nachhaltig verändern wie niemals zuvor”, so VDMA-Präsident Reinhold Festge zur Eröffnung der Hannover Messe. Die deutschen Hersteller seien für diese globale Veränderung bestens gerüstet, betont der oberste Maschinenbau-Lobbyist. “Für die deutsche Industrie formuliere ich dabei nicht weniger als den globalen Führungsanspruch.”

Klingt famos. Aber die Realität sieht anders aus. Bisher wird nach Ansicht von Manfred Broy (Professor für Informatik an der Technischen Universität München) und Dietmar Harhoff (Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb und Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation) der Industrie 4.0-Ansatz nur von einigen wenigen Unternehmen gelebt.

“Viele der zumeist mittelständischen deutschen Produktionsunternehmen nehmen von der Thematik bisher kaum Notiz und sind bestenfalls ratlos”, schreiben Broy und Harhoff in einem Gastbeitrag für die Montagsausgabe der FAZ.

Zauberwort Industrie 4.0

Die Autoren bemängeln eine konzeptionelle Einengung:

Digitalisierung und das Internet der Dinge werden auf einen produktionstechnischen Teilbereich reduziert. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, Teile der deutschen Industrie seien fast erleichtert, dass das ungewohnte und eher unheimliche Thema Digitalisierung durch das Zauberwort Industrie 4.0 seinen Schrecken verliert und gebannt scheint. Aber die Hoffnung der deutschen Industrie, dass mit Industrie 4.0 der Digitalisierung hinreichend Rechnung getragen ist, ist trügerisch.

Übersehen werde bei der Ausrichtung auf Industrie 4.0, dass die Digitalisierung vor allem Kunden und Märkte verändert. Kein Kundenzugang sei umfassender, enger und schneller als der über das Internet, über internetbasierte Dienste. Hinzu komme, dass die oft als technikfeindlich verpönten Deutschen in Scharen in die schöne neue Welt der Digitalisierung strömen – ob Smartphone, Google, Facebook oder Amazon – das Potential der digitalen Wunderwelt ist höchst attraktiv, gerade auch für deutsche Konsumenten.

Die schnellen Skaleneffekte, die sich international verbreiten, die Ortsungebundenheit des Netze und die beliebige Vervielfältigung von digitalen Diensten lässt sich auch durch deutsche Gerichtsurteile (der Fall Uber) nicht aufhalten, betonen die beiden Wissenschaftler.

“Die Stärken der deutschen Wirtschaft – exzellente Ingenieurleistungen und das Beherrschen technisch anspruchsvoller Produkte – drohen dadurch ein Stück weit ins Hintertreffen zu geraten.”

Die Produkte und Dienstangebote digitaler Technik seien näher am Menschen als jede andere Technik zuvor. Das alles weise darauf hin, das Industrie 4.0 allein kaum eine überzeugende Antwort auf den digitalen Wandel darstellen kann. Reichen die netzökonomischen Kompetenzen von Ingenieuren und IT-Führungskräften für diese Aufgaben aus?

Die Entmachtung der CIOs

In deutschen Unternehmen regieren zu häufig Trutzburgen der Ahnungslosen, bemängeln Broy und Harhoff. Der digitale Wandel wird nicht wahrgenommen oder verdrängt. Man sieht es schon seit langem an der Entmachtung von CIOs, die zu digitalen Hausmeistern degradiert und dem Finanzvorstand unterstellt werden. Es geht beim Einsatz von digitalen Technologien selten um strategische Geschäftsziele, sondern um reine Kostenoptimierung.

“Zu oft wird übersehen, dass ein wesentlicher Teil des Erfolges von Google, Facebook, Amazon und Co. in der höchstprofessionellen Beherrschung der Softwaretechnik und ihrer Möglichkeiten besteht, die neue vernetzte Welt zu meistern”, resümieren Broy und Harhoff.

Wirtschaftsorganisationen brauchen dringend mehr treibende Kräfte, um Software strategisch richtig einzusetzen und um neue Methoden der Zusammenarbeit über Open Source sowie Standards einzuführen, erläutert der Berater Christoph Kappes. Es gehe um Methoden, wie man Marktstellungen knackt. Google habe das mit dem Betriebssystem Android unter Beweis gestellt.

Ausblendung der menschlichen Komponente

Wir werden nach Einschätzung von Professor Tobias Kohlmann nur dann wettbewerbsfähig bleiben, wenn wir auch im Online-Wettbewerb bestehen können: “Wer nicht digital mitspielen kann oder will, wird bald gar nicht mehr mitspielen. Deswegen geht es bei uns nicht nur um mehr IT in Form von ‚Industrie 4.0‘ in Unternehmen, sondern vielmehr um das digitale Know-how für die Entwicklung, den Aufbau und den Betrieb von elektronischen Wertschöpfungen in Online- und Offline-Geschäftsmodellen für Unternehmen in Deutschland”, so der Vorsitzende des Beirats “Junge Digitale Wirtschaft” beim Bundeswirtschaftsministerium.

Das Internet der Dinge und Social Media als Vernetzung von Menschen sind die Megatreiber der Netzökonomie, erklärt der Kölner Professor Klemens Skibicki: “Beide Systeme werden vom Mobile Web ineinander gefügt – alles zusammen ist eben das Internet of Everything! Deutsche Unternehmen blenden die menschliche Komponente zu sehr aus und fokussieren sich mit dem Industrie 4.0-Begriff auf die Perspektive von Ingenieuren und Produkten.” Produkttechnisch spielen wir in der ersten Liga. Bei der Etablierung von digitalen Ökosystemen schneidet Deutschland mangelhaft ab. “An Facebook, Google und Apple kann man erkennen, wie Menschen ‚ans Internet angeschlossen werden”, sagt Skibicki vom Beratungshaus Convidera.

Wir haben uns total verirrt, kommen aber gut voran

Im Digitalen werden nicht die perfektionistischen Planer, sondern die schnellen Macher bevorteilt, skizziert Gamification-Experte Roman Rackwitz die Lage: “‚Fail fast, fail small. Just do it.‘ Was früher die Qualitätsmarke Deutschland groß machte, ist heute eher ein Manko. Die Rahmenbedingungen haben sich aber geändert. Das Problem besteht nicht im technischen Verständnis der Digitalisierung, sondern in der kulturellen Adaption.”

Die penetrante Fokussierung auf den Begriff “Industrie 4.0” zeigt nach Meinung des Social Media-Managers Frank Michna, dass man die Tragweite der aktuellen Entwicklungen noch lange nicht begriffen hat und an vielen Stellen am Thema vorbei arbeitet: “Wirtschaft 4.0 oder Gesellschaft 4.0? Fehlanzeige. Lauscht man den Kommentaren von Vorständen und Ministern, könnte man recht frei Tom DeMarco und Tim Lister zitieren: ‚Wir haben uns total verirrt, kommen aber sehr gut voran!‘

Kompetenz-Vernetzung statt IT-Penetration

Die vernetzte Kommunikation wird von Unternehmen unterschätzt oder auf den Endkunden-Markt reduziert. Dabei geht es hier eher um eine Vernetzung von Kompetenzen – das gilt auch für den Geschäftskunden-Markt. Die Ökonomie im Ganzen muss neu gedacht werden, fordert Winfried Felser von der Unternehmer-Plattform Competence Site: Nicht die IT-Penetration muss maximiert, sondern die Wertschöpfung neu gestaltet werden in Richtung einer wertvolleren und vor allem fluideren Kombinatorik von Fähigkeiten in kollaborativen Kompetenz-Netzwerken. Das Digitale ist eher der Möglichmacher für neue Wertschöpfungsmuster, was weit über technische Gadgets, Apps und Big Data hinausgeht. Vielleicht müssen liebwertesten Gichtlinge in den deutschen Unternehmen die Methoden der Silicon Valley-Konzern einfach nur besser antizipieren, um Google und Co. zu schlagen. Das jedenfalls verhandelt der nächste Netzökonomie-Campus mit Käsekuchen am 3. Mai.

Man hört, sieht und streamt sich.


Dieser Artikel erschien zuerst auf TheEuropean.de


Image (adapted) „{Explore}“ by Marius Brede (CC BY-SA 2.0)


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5 Lesetipps für den 12. Februar

In unseren Lesetipps geht es heute um vernetzte Autos, Bloggen als Business, den Social Media Hashtag, ein Interview mit Obama und den 1. Geburtstag des BTADA. Ergänzungen erwünscht.

  • DATENSCHUTZ DIE WELT: Warum mich mein Auto künftig verpetzen kann: Es steht außer Frage: Jeder von uns ist mit immer mehr Geräten immer mehr vernetzt. Dieser Trend erreicht auch unser Auto: Verkehrsmeldungen, Diagnosen, automatische Notrufsysteme und natürlich mit dem Smartphone verbunden – auf den erste Blick ist das alles praktisch. Doch wer kommt an die Daten heran und was geben sie alles Preis? Ist man überhaupt Herr dieser Daten? Und was passiert bei einem Hackerangriff?

  • BLOGGING Süddeutsche.de: Bloggen als Business: Sich selbst verwirklichen, über Dinge schreiben, die einen wirklich interessieren und andere begeistern – das ist wohl der Traum eines jeden Bloggers. Aber wenn man Bloggen längerfristig und mehr als nur hobbymäßig betreiben möchte, stellt sich auch die Frage nach den Verdienstmöglichkeiten. Von Sponsored Posts und Kooperationen bis hin zu Werbebannern. Vier Blogger erzählen aus ihrem Alltag und beantworten die Frage, ob und wie sie Geld damit verdienen.

  • SOCIAL MEDIA TEAMKBX: Social Media Hashtag by bastiankbx (Infografik): Der Dozent und Marketingberater Bastian Koch ist der Meinung, dass es nicht einfach ist, einen fundierten Einstieg in die Welt von Social Media zu schaffen. Die zahlreichen Netzwerke und Tools verursachen bei den Nutzern oft Verwirrung und Unsicherheit hinsichtlich ihrer Funktionen und Vorteile. Aus diesem Grund stellt er auf seinem Blog den Social Media Hashtag vor, ein Orientierungssystem, das als Landkarte für das Soziale Netz dienen soll.

  • BARACK OBAMA BuzzFeed: Obama verteidigt sein politisches Erbe: Am Dienstag gab US-Präsident Barack Obama dem Medienportal BuzzFeed ein sehr interessantes Interview, das Teil einer Reihe von Gesprächen ist, die der Staatschef mit neueren Medienkanälen führte. Ziel scheint es zu sein, vor allem über die neuen Medien, jüngere Wählergruppen anzusprechen. Barack Obama, der am Ende seiner zweiten und letzten Amtszeit steht, wirft einen Blick zurück und spricht unter anderem über den Politikstil in den USA, urbane Armut, sein politisches Erbe und seinen russischen Kollegen Wladimir Putin.

  • BTADA Politik Digital: Ein Jahr BTADA: Der Bundestagsausschuss Digitale Agenda in Zahlen: In einer Woche feiert der Bundestagsausschusses Digitale Agenda sein einjähriges Jubiläum. Das Gremium, das die Arbeit der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ fortführen soll, beschäftigt sich unter anderen mit den Themen Breitbandausbau, Datensicherheit und Startup-Unternehmen. Politik-Digital nimmt das zum Anlass sich einige Zahlen und Fakten rund um die Arbeit des BTADA anzusehen. Dabei ist eine durchaus kritische Würdigung der Arbeit der 16 Bundestagsabgeordneten herausgekommen.

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Studie zu Social Media: Was Katar von Facebook hält

Smartphone (adapted) (Image by geralt [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Eine Studie zeigt, dass Katar das Land mit der am besten vernetzten Bevölkerung ist. Es gibt jedoch starke Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen. Eine zwischen September und Oktober 2014 durchgeführte Untersuchung legt dar, wie die Katarer soziale Medien nutzen und nach welchen Kriterien sie soziale Netzwerke favorisieren. Im Rahmen der Forschungsarbeit wurden 500 Katarer und 500 Einwanderer zu ihren Gewohnheiten in sozialen Netzwerken befragt. Es zeigt sich, dass die beiden Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich im Internet agieren und die Bevölkerung des Wüstenstaates über eine erstaunliche digitale Mobilität verfügt.

Wenn man an das Land denkt, in dem die am besten vernetzten Menschen leben, so stellt man sich wahrscheinlich Japan oder Südkorea vor. Vielleicht auch die Vereinigten Staaten oder ein Land in Europa. Aber seid ehrlich: Hättet ihr auf den Wüstenstaat Katar getippt?

Wenn man von dem Emirat auf der arabischen Halbinsel spricht, ist meist die Rede von der umstrittenen Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 und der mutmaßlichen Unterstützung islamistischer Terroristen. Zudem sorgen die dort herrschende absolutistische Monarchie und die auf der Scharia beruhende Rechtssprechung bei vielen Menschen in der westlichen Welt nicht gerade für Sympathie. Dass der weltweit bekannte arabische Fernsehsender Al Jazeera seinen Sitz in Katar hat, geht meist unter. Nun zeigt eine aktuelle Studie zudem, dass die Bewohner Katars untereinander erstaunlich gut vernetzt und digital sehr mobil sind.

Die Studie wurde vom katarischen Ministerium für Information und Kommunikation in Auftrag gegeben. Die Verantwortlichen wollen dadurch Medienakteuren und Organisationen die zahlreichen Möglichkeiten im Bereich Social Media aufzeigen. Die Untersuchung soll keine Bestandsanalyse der Sozialen Kanäle darstellen, sondern einen gezielten Blick auf die Ansichten und das Verhalten der User werfen. Die Studie unterscheidet hierbei zwischen gebürtigen Katarern und Zuwanderern – Katar hat durch die vielen Gastarbeiter einen Ausländeranteil von 85 Prozent. Eine Trennung wäre sinnvoll, da die digitale Gesellschaft des Wüstenstaates sehr heterogen sei. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen würden dieselben Netzwerke auf sehr unterschiedliche Weise nutzen – was auch durch die Studie bestätigt wird.

Fast jeder nutzt WhatsApp

Insgesamt wurden acht Social Media-Dienste untersucht. Führender Anbieter ist der Kurznachrichtendienst WhatsApp, der von sage und schreibe 97 Prozent der katarischen Bevölkerung genutzt wird. Auch bei den Gastarbeitern ist die App sehr beliebt. Während die Einwanderer sonst aber vor allem traditionelle Netzwerke wie Facebook bevorzugen, nutzen die Katarer tendenziell jüngere Netzwerke wie Snapchat und Instagram. Facebook hingegen rangiert bei der gebürtigen Bevölkerung lediglich auf Platz fünf.

Einer der Gründe für die Ablehnung von Facebook, so die Autoren der Studie, könnte die Sorge vieler Katarer um ihre Privatsphäre sein. Das Zuckerberg-Netzwerk hat dabei bekanntlich nicht den besten Ruf. Diese Vermutung wird dadurch bestärkt, dass Katarer sehr selten Fotos auf Facebook posten und stattdessen auf Instagram ausweichen. Lediglich neun Prozent der Katarer würden Facebook auf diese Weise benutzen – während mit 47 Prozent fast die Hälfte der Einwanderer weniger Skrupel zu haben scheinen. Für die Katarer wäre es außerdem sehr wichtig, dass ein soziales Netzwerk auch mobil nutzbar ist und sie zudem nicht langweilt. 20 Prozent der Befragten würden ein Netzwerk verlassen, wenn sie von unterwegs keinen Zugriff darauf hätten.

Eine interessante Erkenntnis der Studie ist die Tatsache, dass viele Katarer zwar die sozialen Netzwerke umfangreich nutzen, diesen gleichzeitig jedoch kritisch gegenüberstehen. Immerhin 33 Prozent der katarischen Bevölkerung nutzen WhatsApp als Quelle für aktuelle Nachrichten – eine Rolle, die in anderen Ländern von Facebook und Twitter übernommen wird. Auf der anderen Seite gaben 85 Prozent der untersuchten Bevölkerung an, dass soziale Netzwerke dazu beitragen würden, Gerüchte und Falschmeldungen zu verbreiten. Dieser Punkt lässt jedoch Platz für Spekulation, denn es wäre interessant zu wissen, ob nun die Meldungen geringer Qualität sind oder den staatlichen Quellen widersprechen und dadurch in den Augen vieler Katarer unglaubwürdig erscheinen.

Ein weiterer Punkt, dessen Klärung sehr erhellend wäre, ist der Zusammenhang zwischen Wohlstand und digitaler Mobilität. Katar ist der Staat mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt (kaufkraftbereiningt) pro Kopf. Zwar lässt sich auf den ersten Blick erkennen, dass auch die Bevölkerung des ebenfalls wohlhabenden Norwegens sehr gut vernetzt ist, da 92 Prozent der Haushalte über einen Internetanschluss verfügen und bereits im Jahr 2004 90 Prozent der Bevölkerung ein Mobiltelefon besaßen. Trotzdem braucht es einen umfangreicheren internationalen Vergleich, um weitreichendere Schlüsse zu ziehen.


Image (adapted) „Smartphone“ by geralt (CC0 Public Domain)


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Management by Internet ist keine Utopie

Schwarz-Weiß-Denken hilft bei der digitalen Transformation nicht weiter. Das beweist ein kleiner US-amerikanischer Autohersteller. // von Gunnar Sohn

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Vernetzung statt Hierarchie, Agilität statt lange Planung – Digitalisierung, Internet und soziale Netzwerke erfordern neue Führungsprinzipien, so die zentrale These des neuen Buchs „Management by Internet“ von Willms Buhse.

Die Technik stehe dabei gar nicht im Vordergrund. Viel wichtiger seien Änderungen jener Mentalitäten und Organisationsformen, die den Arbeitsalltag der meisten Menschen in Deutschland prägen. „Zentral gelenkte, hierarchische Organisationen sind in ihrer starren Verfasstheit kaum in der Lage, angemessen auf Veränderungen zu reagieren. Es geht darum, Unternehmen agiler zu machen, ihnen Freiraum für selbst organisiertes Arbeiten zu schaffen“, erläutert der Enterprise-2.0-Experte.

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Brightup – Der hellste Weg zum einem Smart Home

Das Hamburger Startup brightup hat eine Idee für das smarte Zuhause der Zukunft – auf Indiegogo suchen sie nun nach einer Finanzierung. // von Tobias Schwarz

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Im September 2013 gründeten Ana Cristina Agüero, Kiran Paul Joseph, Sebastian Rösch und Maximilian Schmiedel das Hamburger Startup brightup gegründet. Durch die Finanzierung von der Thomas J. C. Matzen GmbH erhielt brightup Möglichkeit, die Hardwareentwicklung zu vollenden und einen Prototypen ihres Systems zu entwickeln, mit dem die Steuerung der Lichtelektronik in den eigenen vier Wände automatisiert werden kann. Das System wird durch eine App gesteuert und misst auch noch den Energieverbrauch.

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Internet der Dinge: Die Black Box in unserem Zuhause

Unser vernetzter Alltag basiert auf Technologie, die wir nicht durchschauen und der wir nicht vertrauen (können) – besonders beim Internet der Dinge. Vor ein paar Tagen kamen meine Kollegin und ich gut gelaunt zurück aus der Mittagspause, als unsere Unterhaltung durch ein entsetztes „oh nein“ ihrerseits unterbrochen wurde. Sie hatte in gewohnter Nach-Pausen-Routine den Laptop aufgeweckt und auf das Handy geschaut. Dieses hatte unbemerkt ein Update installiert. Resultat: Eine Handvoll neuer Apps – natürlich ohne dass vorher gefragt worden wäre. Abgesehen davon, dass hier Unternehmen ihre zumeist nervigen Eigenentwicklungen pushen, ist die Geschichte zwar ärgerlich, aber nicht richtig tragisch. Immerhin kann man die ungewollte Software wieder löschen.

Mein Telefon fragt mich einfach nicht

Der Fall zeigt aber: Unsere Endgeräte werden immer mehr zu Black Boxes. Wenn Adobe den Ask-Toolbar mitinstallieren will, dann ist zwar auch der Haken direkt bei „Ja“ gesetzt, ich muss aber zumindest noch auf „OK“ klicken. Mein Telefon fragt mich gar nicht erst.

Gerne wird das mit der erhöhten Nutzerfreundlichkeit erklärt: Man müsse das iPad nur anschalten und es funktioniere. Gerade Menschen, die wenig Technik-Expertise mitbrächten, würden so davon verschont, sich mit Installationen und Einstellungen auseinandersetzten zu müssen.

Natürlich verstehe ich den Reiz dieser Einfachheit und es scheint sogar ein natürlicher Prozess zu sein: Je weiter sich eine Technologie entwickelt, desto mehr Menschen nutzen sie, aber desto kleiner wird die Zahl derer, die die nötige Expertise mitbringen, um die Technologie wirklich zu durchschauen. In diesem grandiosen Blogbeitrag wird das am Beispiel des Autos illsutriert: Fast jeder kann es fahren, aber kaum jemand weiß noch wirklich, wie Motor & Co. funktionieren und repariert werden können.

Fehlplatziertes Vertrauen

Leider heißt das aber auch: Wir müssen Herstellern und Reparateuren vertrauen. Wenn ich nicht verstehe, warum mein A4 wie funktioniert, bin ich darauf angewiesen, dass Audi das Auto so gebaut hat, dass es vernünftig fährt. Ich kann nur hoffen, dass die Mechaniker in der Werkstatt eventuelle Fehler beheben. Leider hat sich gezeigt: Wenn es um IT geht, wird unser Vertrauen gnadenlos ausgenutzt. Hersteller bauen Hintertüren in Software. Sie sammeln unsere Daten und geben sie weiter. Es ist völlig absurd, welche Berechtigungen Facebook oder Whatsapp vom Nutzer haben wollen: SMS lesen? Ohne Nachzufragen Tonaufzeichnungen anfertigen?

Und wieso hat eigentlich mein mobiler Browser nicht die Einstellungen, auf die ich am Laptop so viel Wert lege? Cookies und Chronik nach jeder Sitzung löschen? Fehlanzeige! Per Design bin ich ständig überall eingeloggt und mein Surfverhalten ist ein offenes Buch. Wie kann es sein, dass sich ein Großteil unserer Online-Zeit vom Laptop auf das Telefon verschiebt und wir trotzdem alle Sicherheit und Privatheit in den Wind schießen. Verschlüsselte Verbindungen, Virenscanner? Eher selten. Dafür aber vollautomatisierte Daten-Uploads und Konten-Synchronisierung.

Zu bequem für Kontrolle?

Jedes Mal regt mich das auf – und trotzdem bin ich ständig über mein Telefon im Internet. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass nicht nur das Design ein Problem ist. Zwar wird es zunehmend schwerer, in die Innereien von Windows, Android oder iOS vorzudringen – das zeigt sich auch schon daran, dass mich mein Telefon bestimmte integrierte Apps einfach nicht entfernen lässt. Genauso tragisch aber ist: Wir wollen oft auch gar nicht.

Wir klicken so schnell auf „akzeptieren“, wenn Whatsapp mal wieder neue Berechtigungen braucht nach einem Update, dass zur Reflexion keine Zeit bleibt. Aus irgendeinem Grund haben wir uns mit dem Kontrollverlust wunderbar arrangiert. Das gilt auch für Hardware. Selbst aufschrauben? Nicht vorgesehen! Und wenn mal was nicht funktioniert wie es soll, ist es eh meist an der Zeit, sich ein neues Endgerät zuzulegen. (Sarcasm? Yes! Die Alternative: z.B. Phoneblocs)

Der Kontrollverlust betrifft aber längst nicht mehr nur unsere Telefone und Laptops. Im hochtechnologisierten Wohnzimmer von heute lässt sich die Anlage übers WLAN vom Smartphone aus steuern, über Apple TV wird über Watchever Big Bang Theory geguckt und das SODOKU kann man direkt auf den großen Bildschirm streamen.

Datenkrake Kühlschrank

Natürlich ist das genial. Wenn aber mein Fernseher meine Serien-Gewohnheiten direkt an den Hersteller weitergibt, schwindet meine Begeisterung. Natürlich kann man das in vielen Fällen abstellen. Aber selbst wenn wir das können, wer von uns kommt überhaupt auf die Idee dass das notwendig ist? Wer weiß überhaupt, was der neue Fernseher da im Hintergrund treibt? Und wie glücklich bin ich, wenn mein Kühlschrank meine Essgewohnheiten aufzeichnet und diese dann zufällig bei meiner Krankenkasse landen, die mir wegen überhöhtem Schokoladenkonsum einen Beitragszuschlag verpasst? Und will ich wirklich, dass Google bei meiner nächsten Suche nach warmen Pullis automatisch meine Raumtemperatur erhöht? Was wir dagegen machen können? Gar nichts, denn wir haben keine Ahnung, was da in unseren Technologie-Black-Boxes passiert.

Die Black Box muss transparent werden

Nicht falsch verstehen, ich möchte unbedingt ein voll vernetztes Wohnzimmer, einen intelligenten Kühlschrank und smarte Stromversorgung. Ich möchte aber wissen, wer wann welche Daten sammelt und weitergibt – und ich möchte nein sagen können. Ich möchte gefragt werden, bevor Software auf meinen Endgeräten installiert wird und ich will all das runterschmeißen, was mir nicht in den Kram passt. Und am liebsten – am liebsten möchte ich Internet-Unternehmen, die das genauso sehen.


 


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Der Widerstand gegen das Home Office

Home office (adapted) (Image by David Martyn Hunt [CC BY 2.0] via Flickr)

Das Konzept des Home Office verspricht Arbeitsplatzautonomie und ein bessere Work-Life-Balance, aber das Konzept ist in Deutschland umstritten. Der schöne Traum macht einer bitteren Realität Platz. Selbst wenn die Angestellten bloß in der Nase bohren, Hauptsache, sie sitzen dabei am Platz. Hochautonome Arbeitsplätze, an denen Mitarbeiter eigenständig und ohne hierarchische Zwänge entscheiden, was zu tun ist, also praktische Selbstständigkeit, schreitet auf allen Ebenen voran. Diese Vision verkündete das Wirtschaftsmagazin „brandeins“ vor einigen Jahren. Schon wär’s.

Wenn es um Arbeitszeiten und flexible Arbeitsorte geht, weht in den Fluren der Angestellten-Paläste ein ganz anderer Geist: „Ich will Sie in Ihrem Büro sitzen sehen, wenn ich die Tür aufmache. Nicht mehr und nicht weniger„, lautete die Reaktion eines Chefs, den ein Leser des ichsagmal-Blogs öffentlich machte. Traumhaft, wenn das Arbeitsverhältnis auf so einer Vertrauensbasis aufbaut. Leider kein Einzelfall. Arbeiten in der Cloud, Netzwerkstrukturen, flexible Arbeitszeiten, weniger Stau im elenden Berufsverkehr und Abkehr vom Anwesenheitswahn, den die neue Arbeitsministerin Andrea Nahles fordert, sind wohl nur in kleinen Schritten umsetzbar.

Semantische Stinkbomben

In deutschen Unternehmen, die noch nach der Industrielogik des Fordismus ticken, sieht die Realität anders aus. Da reagiert man eher mit Pawlow’schen Reflexen auf die Initiative der SPD-Politikerin, wie etwa Wirtschaftswoche-Chefredakteur Roland Tichy:

Ohne diejenigen, die sich am Morgen mehr oder weniger begeistert auf den Weg ins Büro, zur Fabrik oder in den Außendienst machen, ohne diese Menschen im Wahn könnte Frau Nahles ihre großzügigen Wahlgeschenke wie die Mütterrenten und die fantastische Rente mit 63 nicht einen Tag lang finanzieren.

Auf welchem Planeten lebt der WiWo-Chefredakteur?

Eine semantische Stinkbombe, die noch den Generaldirektoren-Geist der 1950er-Jahre verströmt. Anwesenheit mit Arbeit gleichsetzen? Auf welchem Planeten lebt Tichy eigentlich?

Er könnte ja mal den Roman in Tagebuchform von Zoé Shepard studieren: „Wer sich zuerst bewegt hat verloren“ – oder die Kunst, in Büros Arbeit vorzutäuschen. Wie man aus jeder Geschäftsreise eine Weiterbildungs-Exkursion macht, aus jeder Notiz einen Bericht zur Projektprüfung, aus jedem Telefonat eine Telefonkonferenz und aus jedem niedergelegten Gedanken ein Strategiepapier.

Formierte Angestellte in formierten Büros

Wir leiden unter einem Anwesenheitswahn, in der Tat. Und der drückt sich auch in Zahlen aus: Einer Zeitreihe zufolge, die das Statistische Bundesamt für die Die Welt erstellt hat, lag der Anteil der abhängig Erwerbstätigen, die „manchmal“ oder „hauptsächlich“ im Homeoffice arbeiten, 2012 bei nur noch 7,7 Prozent. 1996, als die Werte erstmals ermittelt wurden, waren es 8,8 Prozent.

Über die Gründe könne nur spekuliert werden. Vielleicht seien ja die Beharrungstendenzen in der Wirtschaft größer als gedacht. Die Industriegesellschaft habe die Präsenzkultur mit sich gebracht und die könne man nicht so einfach ändern. Das Motto „Ich sitze im Bürohaus, also arbeite ich“ scheint noch in den Köpfen vieler Arbeitgeber herumzuschwirren. Die formierten Angestellten sollen in greifbarer Nähe verharren, um sie unter Kontrolle zu halten – ob sie dabei in der Nase bohren oder irgendwelche Scheintätigkeiten verrichten, spielt keine Rolle.

Dazu passt, dass in einer repräsentativen Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom aus dem vergangenen Jahr immerhin jeder vierte Arbeitnehmer fürchtet, es werde sein berufliches Vorankommen bremsen, wenn er seine Erwerbstätigkeit nicht unter den Augen seines Chefs verrichtet„, berichtet die Die Welt.

Auf der Suche nach dem Büro-Loser

In Anlehnung an den Shepard-Roman gibt es in manchen Organisationen einen recht merkwürdigen und bizarren Wettbewerb, der selbst in Bundesbehörden vorherrscht:

Wer zuerst den Firmen-Parkplatz mit seinem Auto verlässt, hat verloren.“ Da wartet man lieber noch ein Stündchen mit einem Tässchen Kaffee in der Hand und schaut aus dem Bürofensterchen, bis sich der erste Angestellte erbarmt und das Bürogebäude verlässt: „Da ist er, der Loser.

Souveränität in der Arbeitswelt sieht anders aus. Der Wandel vom Konzern-Kapitalismus zur Netzwerk-Ökonomie, wie ihn Christian Papsdorf in seinem Opus „Wie Surfen zu Arbeit wird“ vor einigen Jahren skizziert hat, steht zumindest in Deutschland bei Arbeitgebern und Gewerkschaften nicht auf der Agenda. Die Arbeitskultur verbessert sich durch diese starre Haltung mitnichten. Etwa in der Service-Branche, wie Thomas Dehler, Geschäftsführer von Value5 in Berlin bestätigt:

Es fällt zunehmend schwerer, die besten Talente an nur einem Ort zu gewinnen. Bei der Rekrutierung von Mitarbeitern hält man sich häufig mit Verlegenheitslösungen über Wasser„.

Konkurrenzdruck in aseptischen Lichtsuppen-Büros

Hinzu kommt, dass Mitarbeiter in Großraum-Büros unter einem enormen Leistungsdruck stehen und häufig mit Ellbogen-Mentalität gegenüber ihren Kollegen reagieren. Teamarbeit und Wissensaustausch bleiben auf der Strecke – auch wenn in der Öffentlichkeit das Gegenteil behauptet wird. Selbst die viel beschworene Trennung von Beruf und Privatleben bleibt mit Smartphone und Co. eine schöne Illusion. Außerhalb der aseptischen Lichtsuppen-Büros bewegen sich die liebwertesten Angestellten-Gichtlinge in der Erreichbarkeitsfalle. Abschalten unerwünscht. Viele Dienstleister reagieren dennoch achselzuckend. Ein Achselzucken, das dem Verbraucher nicht verborgen bleibt.

Entweder hört er es als Warteschleife, wenn während der Anrufspitzen nicht genügend Berater zur Verfügung stehen. Oder er hört das Achselzucken im Servicegespräch, wenn dürftig motivierte und unzureichend qualifizierte Berater nur unbefriedigende Antworten geben. Und an dieser Stelle bricht sich das Zufriedenheitsversprechen nicht selten das Genick„, betont Dehler.

Sein Unternehmen setzt auf Wort@Home – sozusagen Arbeiten in der Teamwolke. Vernetzung, Cloud Computing und Virtualisierung sind seit 2004 die technologischen Grundlagen für Value5, um elastische und atmende Service-Einheiten zu schaffen.

Qualität ist keine Frage des Standorts – sondern der Talente. Durch den Abschied vom Standort-Denken gewinnt man die besten Talente dort, wo sie wohnen und leben„, so die Erfahrung von Dehler. Flexibles Arbeiten hat nichts mehr mit der Wirtschaftswunder-Zeit von Ludwig Erhard zu tun. Wäre es nicht viel schöner, Herr Tichy, wenn wir uns um sieben Uhr morgens und fünf Uhr abends über leere Autobahnen und den Abwesenheitswahn beklagen könnten?

Wie es weitergehen könnte in der Arbeitswelt diskutieren wir am 22. Januar bei Bloggercamp.tv in der 11-Uhr-Sendung: „Wenn Unternehmen in der Cloud verschwinden – über Trends der Netzwerk-Ökonomie“.


Dieser Artikel erschien zuerst auf The European.


Image (adapted) „Home office“ by David Martyn Hunt (CC BY 2.0)


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Buffer App: Leichteres Teilen auf Social-Media-Plattformen

Der Online-Dienst Buffer hat sich zur zentrale Schaltstelle für Facebook, Twitter und Google+ entwickelt.

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Blogger, Online-Journalisten, Social-Media-Manager, Agenturleute und alle anderen, die gerne und häufig ihre Social-Media-Profile mit Content befüllen, wissen: Es ist mühsame Arbeit, Bilder, Links und Texte auf Facebook, Twitter und Co. zu verteilen. Abhilfe versprechen dafür verschiedenste Online-Tools, mit denen von zentraler Stelle aus die Social-Media-Kommunikation gemacht werden kann. Ein besonders interessanter Dienst dafür ist Buffer App, mit dem man neuerdings sogar Google+-Seiten bespielen kann.

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Wisdom… Lebensweisheit, Lebenserfahrung – unsere Ressourcen!

Gastbeitrag von von Jana Hochberg und Alexander Rausch aus dem Neuron-Netzwerk.

Alte Menschen gelten von jeher als Weise. Ihre Lebenserfahrung wird immer dann gezielt „aufgesucht“, wenn neue, noch nicht bekannte Handlungsmöglichkeiten erfragt werden. In Form von Ratschlägen teilen sie mit uns ihr Wissen. Sie haben viel Erfahrung und können den jungen Menschen weise (Lebens) Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Manchmal kann uns der Rat eines älteren Menschen jedoch nicht erreichen, weil ihnen der Bezug zu neuen Entwicklungen fehlt und den damit einhergehenden neuen Anforderungen an das Leben, oder aus anderen Gründen. Selbst die Auswahl an älteren Menschen im eigenen Handlungsumfeld ist beschränkt. Seit den Zeiten des Internets und den damit einhergehenden Social Networks erhält das Begriff Wisdom eine ganz neue Bedeutung bzw. kann aus anderer Perspektive gesehen werden: Mit dem Web 2.0 haben „wir“ ein Werkzeug geschaffen, dass den Zugriff auf soviel Lebensweisheit und -erfahrung offen legt, dass wir uns nicht mehr mit einer sehr eingeschränkten Auswahl begnügen müssen!

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re:publica 08: Programm ist online

Die Bloggerkonferenz re:publica steht wieder vor der Tür. Vom 02.-04. April trifft sich die Szene in der Kalkscheune in Berlin. Motto dieses Jahr: „Die kritische Masse – Kulturelle und soziale Aspekte der vernetzten Gesellschaft„.

Das vorläufige Programm der Konferenz steht inzwischen fest und damit auch die ersten Referenten. Ab sofort gibt’s auch Tickets für die re:publica 08 zu kaufen. Fein: Wie im letzten Jahr kommen Blogger auch dieses Jahr wieder zum Vorzugspreis von 40 Euro rein. Banner aufs Blog setzen, fertig. Sehr fair, und das Geld auf jeden Fall wert.

Vielen Dank für’s Organisieren ans re:publica-Team, Spreeblick und newthinking communications!

Aktuelle Meldungen zur re:publica gibt’s im Blog und per Twitter.

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