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Tatort Chiang Mai – Einmal pro Woche in Deutschland

Wir sind in Chiang Mai, einem der Hotspots für digitale Nomaden weltweit. Große Coworking Spaces auf den Dächern von Einkaufszentren, Dutzende kleine und mittelgroße Cafés, die sich ausgewiesen an uns digitale Nomaden und alle anderen Hipster wenden. Überall sitzen wir mit unseren Laptops, Tablets und Handys. Das WLAN ist rasend schnell, Daten flitzen durch die schwüle Luft zwischen den LTE-Sendemasten und meiner Simkarte.

Es ist die zweitgrößte Stadt Thailands aber kein Moloch wie Bangkok. Hier leben gerade einmal 150.000 Menschen. Hinzu kommen rund 5.000 digitale Nomaden und natürlich einige Tausend Touristen. Die historische Innenstadt ist gefüllt mit Tempeln und Gassen, umgeben von einem alten Burggraben und vor allem von Stau. Oder sagen wir dichtem Verkehr. Theoretisch sind es zwei bis drei Spuren. Wie fast überall in Asien werden fünfeinhalb daraus. Zwischen Lkws drängen sich Tuk Tuks, Songthaews, Motorroller und einige Fahrradfahrer. Der Verkehr erscheint chaotisch, doch er hat seine eigene Ordnung. Eine sehr undeutsche, sehr gelassene Ordnung, in der ich mit meinem Roller dort fahre, wo man mich durchlässt. Ich liebe es.

Öffentlicher Nahverkehr während des Laternenfestes am Ufer des Mai Nam Ping. Image by Katsche Philipp Platz

Die Stadt ist berühmt – nicht nur als Hub für digitale Nomaden, sondern auch für das jährliche Lichterfest. Die Bilder von Tausenden, aufsteigenden Laternen gehen regelmäßig um die Welt. Das Fest besteht eigentlich aus zwei Festen, die fast gleichzeitig stattfinden: Loi Krathong bedeutet “schwebendes Floß” und ist süd-thailändischen, vermutlich auch indischen Ursprungs. Yi Ping hat seine Wurzeln im Lan Na-Königreich und ist der Grund, weshalb auch in der Luft Lichter schweben. Die Laternen steigen die ganze Nacht wie ein großer Strom gen Himmel. Sogar der Flughafen schließt für dieses Ritual, das den Locals ordentlich Geld in die Kasse spült.

Zur Eröffnungszeremonie tanzen Hunderte Damen auf der Straße den berühmten Tanz der Lanna. Image by Katsche Philipp Platz

Ein lokales Ritual erobert die Instagram Welt

Meine Frau und ich sind genau während dieser Zeit in der Stadt. Nach getaner Arbeit fahren wir ins Zentrum, um mittendrin zu sein. Ich kann den Blick kaum vom Himmel lassen, was meine Frau nicht begeistert, denn ich fahre den Roller. Die Lichter wirken künstlich, CGI, wie in einem Film. Fotos fangen nicht ansatzweise die Stimmung auf. Ich versuche es weiter. Am Ufer des Mai Nam Ping bekommen wir die geballte Ladung ab: Die Straßen sind voll, wie bei uns an Silvester. Doch es herrscht Ruhe. Kaum Böller, keine Betrunkenen, keine Krankenwagen sondern eine eher spirituelle Stimmung. Je weiter wir wieder vom Fluss Abstand nehmen, desto weiter wird der Blick. Inzwischen sitze ich auf unserem Balkon. Der Strom aus lautlosen Laternen reißt nicht ab. Ich füge dem Klischee noch Hermann Hesses Siddhartha als Hörbuch hinzu und ein brühwarmes Chang Bier. Feierabend der anderen Art. Ein Moment für die Ewigkeit.

Auf das Floß legt man all seine Sorgen und lässt sie los. Ein Wunder, dass meines nicht abgesoffen ist, denn das Nomaden-Leben hat auch seine schwierigen Seiten und Zeiten. Image by Katsche Philipp Platz

Jede Woche schauen Millionen zu

Drei Abende später ist alles vorbei. Heute haben wir wieder am Rechner verbracht – Arbeit eben. Eine Rollerminute über staubige Straßen ist unser Lieblingssuppenladen entfernt. Zwei Mal bitte, mit Eiernudeln, mittelscharf. Zu Hause hole ich eine frische Kokosnuss aus dem Kühlschrank. Am Tisch schlabbern wir die Suppen in uns hinein. Der Rest des Abend ist reserviert für ein anderes Ritual – heute schauen wir Tatort! So wie jeden Sonntag eigentlich. Es ist wie früher in Deutschland: Nach dem Essen ab ins Bett, Laptop auf und schon ertönt die berühmte Musik des Vorspanns. Die lustigen, laufenden Beine, die verstörende Animation aus den 70ern, die uns immer ein Grinsen auf das Gesicht zaubert. Tiefes Ausatmen. Wer findet das erste Autokennzeichen? Wer ermittelt heute? Ach die! Die mag ich ja total gerne. Zum Glück nicht diese gestresste Tante aus Ludwigshafen … Naja. Kann man es sich ja auch nicht aussuchen.

Deutschland. Vorstadt, nichts Hübsches, viel Kälte. Ein Mensch stirbt. Der Grund ist in unserer deutschen Gesellschaft zu finden. Selten bin ich so deutsch, wie wenn ich Tatort schaue. Selten bin ich so gerne deutsch, so herrlich verlässlich. Außerdem braucht der Mensch Konstanten. Auch, oder gerade wenn ich weit weg von Zuhause bin, wenn mein Alltag ein ganz anderer ist und sich mein Umfeld ständig verändert, liebe ich Konstanten.

Der Mörder ist fast gefasst. Ich blinzle nach draußen: Da fliegen doch noch zwei Laternen am Himmel. Langsam. Ganz langsam. Ob das noch erlaubt ist? Die Klimaanlage surrt. Ein Schluck Kokosnusswasser spült die Frage hinunter. Alles wirkt wie ein Film. Gute Nacht Deutschland. Bis nächste Woche.

Nicht nur am Himmel, sondern auch am Boden beeindrucken unzählige Feuerschalen und bunte Laternen. Image by Katsche Philipp Platz
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Games-Förderung: Bundeshaushalt macht 50 Millionen locker

„Ein historischer Meilenstein für die #Games Förderung in Deutschland“, twitterte Jens Zimmermann digitalpolitischer Sprecher der SPD. Grund für die Freude machte der Haushaltsausschuss des Bundestages. Dieser hat im Rahmen der Games-Förderung die 50 Millionen Euro gewährt, die im Frühjahr bei der Vorstellung des Fonds veranschlagt wurden.

Bis zuletzt stand die Games-Förderung noch auf der Kippe. Obwohl der Koalitionsvertrag eine Stärkung des Games-Standortes Deutschland vorsieht, fand sich der Posten bis zur abschließenden „Bereinigungssitzung“ des Haushaltsausschusses nicht im Etat des Verkehrsministeriums. Das Verkehrsministerium kümmert sich unter anderem auch um die digitale Infrastruktur Deutschlands.

Alle sollen profitieren

Bislang hinkte Deutschland in der Gamingförderung vielen wichtigen Industrienationen hinterher. In Nachbarländern wie Polen und Frankreich gibt es bereits Förderungen. Die französische Regierung beschloss eine Förderung bereits 2003. 2014 hatte sich Frankreich zur zweitstärksten Kraft für Videospiele entwickelt.

Nun sollen auch deutsche Entwickler gefördert werden. Dabei soll die Größe des Entwicklers keine Rolle spielen. Der Deutsche Games Fonds (DGF) schließt dabei eine wichtige Lücke des Fördersystems als dritte Säule. Die ersten beiden Säulen sind zum einen die Förderung durch den Deutschen Computerspielpreis, zum anderen eine allgemeine Gründerförderung auf Länderebene. Die neue Förderung bietet einen Topf, aus dem es so lange Zuschüsse gibt, bis er leer ist.

Die Entwicklung eines Prototyps bezuschusst die Förderung mit 50 Prozent der Entwicklungskosten bis maximal 400.000 Euro. Der Prototyp muss allerdings innerhalb eines Jahres fertiggestellt werden und Gesamtkosten von mindestens 30.000 Euro betragen.

Die Produktion wird ab Gesamtkosten von 100.000 bis zwei Millionen Euro ebenfalls mit 50 Prozent bezuschusst. Ab acht Millionen Euro beträgt der Zuschuss 25 Prozent. Dazwischen verringert sich der Anteil linear.

Kulturtest für Spiele

Ganz ohne Bedingung ist die Förderung trotzdem nicn. Der Kriterienkatalog vergibt Punkte, wenn wichtige Mitglieder des Kreativteams ihren Wohnsitz in Deutschland haben oder das Setting einen Bezug zu deutscher Kultur hat. Auch eine deutsche Sprachausgabe oder besondere Innovationen belohnt der Katalog mit Punkten. Förderfähig sind Spiele, die 17 von insgesamt 32 möglichen Punkten erreichen. Die Förderung folgt unabhängig der USK-Freigabe, solange das Spiel nicht gegen deutsches Recht verstößt.

Den kompletten Kulturtest könnt ihr im offiziellen PDF zum Modell des Deutschen Games-Fonds einsehen.


Image: game – Verband der deutschen Games-Branche

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10 Jahre App Store – von der Revolution in den Scheintod?

App Store Man holding smart phone with colorful application icons comming out

Der 10. Juli 2008 ist ein historischer Tag in der Geschichte der Smartphone-Applikationen. Denn an jenem Tag, etwa ein Jahr nachdem das erste iPhone auf den Markt gekommen ist, ging der Apple iTunes Shop an den Start, heute als Apple App Store bekannt. Auch nach zehn Jahren beschäftigen wir uns täglich mit Apps und seit Jahren wird ihnen ein baldiger Tod vorausgesagt. Aktuelle Statistiken aber behaupten das Gegenteil – was ist dran?

Ist die App doch nicht tot? Zur Perspektive des App Store

Seitdem es Apps gibt wurde aus dem Smartphone nicht nur ein mobiles Telefon mit Internetzugang, sondern ein Gerät, das dem Nutzer in fast jeder Lebenslage behilflich sein kann. Lange Zeit wurde den Apps das unausweichliche Ende vorhergesagt. Sie würden durch Ergänzungen in den Smartphone-Betriebssystemen ausgetauscht und Big Player à la Facebook und Google würden mit ihren Marken den App-Markt quasi beherrschen. Eine aktuelle Studie des Bitkom-Verbands beweist allerdings, dass sich App-Umsätze auf einem Rekordhoch befinden und die Downloads im App Store von Apple und Google brummen.

In Deutschland ergaben die Umsätze durch Apps in 2018 bisher rund 1,6 Milliarden Euro. Das ist fast eine Verdreifachung im Vergleich zu 2013, als der Umsatz bei 547 Millionen Euro lag. Auch App-Downloads erfuhren ein Hoch und stiegen 2018 bisher um 17 Prozent. Das teilt der Digitalverband Bitkom auf Basis von Daten des Marktforschungsinstituts research2guidance mit. Die Devise dabei ist: weg vom bezahlten Download, hin zu In-App-Käufen!

Die App scheint also trotz vieler Voraussagen noch lange nicht auf ihr Ende zuzusteuern, ausgenommen kostenpflichtiger Apps, die wohl aber auf Dauer immer zurückgehen werden. Tatsächlich verzeichnete der App Store 2018 bereits den größten Zuwachs in seiner zehnjährigen Geschichte.

180710-App-Markt-PG (Image by research2guidance)
Image by research2guidance

Was sind Zombie-Apps?

Sogenannte Zombie-Apps sind solche, die in der schieren Flut der täglich hochgeladenen Anwendungen scheinbar untergehen – digitale Untote. Laut Berichten des Technik-Portals TechCrunch löscht Apple monatlich rund 14.000 Apps, die nur etwa null bis einige wenige Downloads erziehlen und so auch nicht im Store-Ranking auftauchen.

Die Anzahl der neuen Apps hat sich in den letzten Jahren beinahe verdoppelt. Zum Start des App Store 2008 waren rund 500 Anwendungen online, 2018 sind es rund 6 Millionen – 3,8 im Google Play Store und 2 Millionen im Apple App Store. 

WeChat – die ultimative App?

Bei uns im Westen hat man meist eine oder zwei Messenger-Apps, Shopping-Apps, Social-Media-Plattformen und vielleicht einen E-Wallet. Dafür benötigt der Nutzer schon einmal eine Hand voll verschiedener Apps. In China gibt es eine App, die alle von diesen Funktionen beinhaltet – und mehr! WeChat, eine App aus dem Hause Tencent, hat das Land im Sturm erobert und als Bürger in China kommt mal wohl kaum drum herum – selbst auf dem Wochenmarkt wird mit dem sogenannten WeChat Wallet bezahlt.

Ob sich Giganten wie Facebook oder Google bald an den Kollegen aus China angleichen bleibt abzusehen. In China ist die Plattform ein unverzichtbarer Marketingkanal, den hierzulande immerhin das Kaufhaus Breuninger schon nutzt.

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Same but different – Weil anders einfach anders ist

Ohlala! So spielerisch schön die französische Sprache klingt, so schmeckt auch ihre einzigartige Küche. So organisiert und strukturiert die deutsche Sprache ist, so sieht auch (meist) der Terminkalender und die Arbeitsweise deutschsprachiger Personen aus. In Sprache formuliert sich Kultur. Kann man zwischen diesen unterschiedlichen Systemen einfach von einem in das andere übersetzen?

Nach zwei Jahren Dubai, das mehr als 200 Nationalitäten beherbergt, kann ich aus eigener Erfahrung sagen: kommunizieren geht, verstehen nicht immer. Wenn ich mit meinem deutschen Englisch mit einem Inder über meine arabische Bestellung spreche, prallen Welten aufeinander. Oft passt ein Begriff aus der Muttersprache perfekt, um den Moment zu umschreiben, nur leider existiert dieser in der anderen nicht (schon mal versucht, dem älteren deutschen Publikum „Skyline“ zu erklären?).

Bevor ich mich auf das Abenteuer Dubai einließ, schrieb ich meine Masterarbeit in Paris über die Unübersetzbarkeit der Sprache. Ein Phänomen, das mich bis heute tagtäglich an meine Grenzen bringt und zugleich meine Faszination für andere Kulturen ausmacht. Auf die Idee hat mich damals das Europäische Wörterbuch der unübersetzbaren Begriffe (Vocabulaire européen des philosophies – Dictionnaire des Intraduisibles) gebracht.

Das Wörterbuch der unübersetzbaren Begriffe

Das Werk von der Philosophin und Philologin Barbara Cassin fordert den reflektierten Umgang mit der Vielheit der Sprache. Es führt unübersetzbare Wörter aus 15 verschiedenen Sprachen auf – wie der Titel bereits verrät, kommen diese aus dem europäischen Raum. Damit umfasst es nur einen kleinen Teil der Weltsprachen, bringt es aber schon auf 532 Seiten. Insgesamt 150 Mitarbeiter aus dem philosophischen und sprachwissenschaftlichen Bereich arbeiteten ungefähr zwölf Jahre an dem philosophischen Wörterbuch der unübersetzbaren Wörter.

Dreh- und Angelpunkt des Werkes ist die Unterschiedlichkeit von Sprache – in ihrer Struktur und in ihren Begriffen. Dabei ist es nicht das Ziel, für die Wörter eine einzige, allgemeingültige Übersetzung zu liefern: „Vielmehr klärt es Unstimmigkeiten, konfrontiert sie miteinander und regt das Nachdenken über sie an“, erklärt Cassins in ihrer Einleitung.

Ein Blick in das Werk lohnt sich; entdeckt man doch ungeahnte Wortschätze, denen man sonst mit Gleichgültigkeit im allgemeinen Sprachgebrauch begegnet wäre. So ist das Wort „Gemüt“ in der deutschen Sprache einzigartig.

„Gemüt“ ist weder Geist, noch Seele

Der Artikel dazu wurde von Denis Thouard verfasst, der ihn zuerst in Bezug zu anderen Sprachen definiert: „Gemüt“ wird dem griechischen thumos (Lebenskraft), dem lateinischen mens/animus (Seele/Geist) und dem englischen mind/mood zugeordnet. Doch besitzt es keinen zufriedenstellenden Äquivalenten in anderen Sprachen und wird in Übersetzungen meist entweder als Seele oder Geist übersetzt, was jedoch nicht seiner Vielschichtigkeit gerecht wird. Denn das Gemüt ist weder Geist, noch Seele. Es wird als internes Prinzip des Menschen verstanden, das den Geist aber auch die Gefühlsregungen animiert und dazwischen changiert.

Der Wörterbuchartikel geht zurück bis 1260 und zeigt, dass „Gemüt“, dass später auch zu gemütlich wurde, eines der ältesten deutschen Begriffe ist. Interessant wird es, wenn Denis Thouard die französische Übersetzung von Immanuel Kant’s berühmter Schrift „Die Kritik der reinen Vernunft“ ins Französische diskutiert. Hier wird es systematisch durch „Geist“ (esprit) übersetzt und verliert damit völlig die emotionale und empfindsame Dimension – Kants Schrift rückt in ein ganz anderes Licht.

Bewusstsein für Andersartigkeit

Dieser kurze Einblick in den Diskurs der Translationswissenschaft zeigt: Nein, so einfach ist es mit der Übersetzung nicht.

Im Alltag in Dubai oder Abu Dhabi wird es wohl nicht zu solchen bedeutungsschweren Missverständnissen kommen. Doch ist das Bewusstsein für die Andersartigkeit schon ein guter Anfang, um nicht nur Verstehen, sondern auch Verständnis für den anderen zu lernen. Das 1:1-Prinzip funktioniert eben nicht in der Übersetzung, aber das macht das Miteinander noch viel spannender. Gemütlich ist eben nicht nur „cosy“ – es ist ein Gefühl, dass Emotion und Geist einschließt – und das wir mit Leib und Seele leben!

Das Wörterbuch ist in französcher Sprache und in englischer Sprache erhältlich bei Amazon (Provisions-Link)


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Uber & Co. sind keine Leitbilder für die Next Economy

Uber (adapted) (Image by freestocks-photos [CC0 Public Domain] via Pixabay

Die diesjährige Next Economy Open war geprägt durch Live-Sessions, die sich dem technokratischen Verständnis der Digitalisierung in den Weg stellen. Wir kleben das Wort „Digital“ vor Leerformeln und lassen den Rest beim Alten. So kommt man nicht weiter. All das, was wir privat im Social Web vorleben und erleben, spiegelt sich in der Wirtschaftswelt nicht wider. Wir laufen den falschen vulgärkapitalistischen Vorbildern wie Uber & Co. hinterher und deklarieren das als digitale Avantgarde. Das machte Winfried Felser in seiner Session zur Neuerfindung der ökonomischen Theorie deutlich.

In Deutschland schwankt man dabei zwischen Technologieverweigerung und einer fast naiven Herangehensweise an das Thema der Digitalisierung mit großen Kinderaugen. Statt die Essenz der neuen Logik der Netzökonomie zu erkennen, verliert man sich in einem Technologie-Fetisch und einer Überschätzung von Nischen und Einzelphänomenen wie Uber. Oder man ergeht sich in digitalen Cargo-Kulten und gibt sich mit Ersatzhandlungen wie Digital Labs, Tourismus in Zukunftszonen oder Startup-Maßnahmen zufrieden.

Triviale Formen der Digitalisierung

So etwas tut nicht weh, ist aber auch keine wirkliche Transformation“, kritisiert Felser. Ein Starren auf unpassende Metaphern führe in die Irre. Beispielsweise das Goodwin-Mem: Uber habe keine Taxis und Airbnb keine Hotels – Laber-Rhabarber. Das sei die triviale Form der Digitalisierung. Die große Transformation sieht anders aus. „Erst neue Werte werden die Kollaborationslogik im Kontext von solchen Plattformen massiv verändern. Grenzen müssen sich nicht nur durch Digitalisierung, sondern vor allem durch Aufhebung der Egos auflösen.

Nicht mehr der von Adam Smith beschriebene kontrakt-basierte Egoismus mobilisiert Potenziale, sondern der gemeinsame Sinn oder das wechselseitige soziale Interesse. „Plattformen in diesem Sinne sind mehr als Uber. Jeder kollaborative Kontext kann mehr oder weniger Plattform sein“, erläutert Felser. Hier findet sich der Dreiklang der Next Economy Open wieder: Matching – Managen – Moderieren. Menschen organisieren sich in unterschiedlichen Kontexten immer wieder neu. Entscheidend sind Fähigkeiten und nicht mechanistische Befehlsstrukturen. In Unternehmen lösen sich interne Silos wie PR, Marketing, Vertrieb, Produktion und Service auf. Sie transformieren sich eher in Richtung von Coaching-Plattformen, um die Kompetenzen von Menschen zu aktivieren.

Die Praxis wird die Mainstream-Ökonomik demontieren

Das gilt auch für die Ökonomie als Ganzes: „In der Auseinandersetzung um eine ‚Neue Wirtschaftswissenschaft‘ sollten nicht Fragen der Form, sondern des Inhalts diskutieren werden. Neue Modelle wären sogar eine Chance für die Reformatoren. Dann würde schnell klar, wie unzureichend viele klassische Modelle und Theorien sind“, sagt Felser. Aber vielleicht repräsentiert der „Theorie-Streit“ auch die falsche Schlacht. „In einer hochdynamischen, exponentiellen Netzwerk-Ökonomie läuft die Entwicklung der Praxis in vielen Fällen der theoretischen Durchdringung voraus. Insofern kann eine Etablierung neuer Logiken in der Praxis – wie sie schon längst seit Jahren geschieht – in the long run eher Theorie treiben als dies innerhalb der Theorie-Communities möglich wäre“, spekuliert Felser.

Klar im Vorteil ist die transformative Ökonomik gegenüber dem Mainstream in der Wertedebatte. Nach Ansicht von Felser zeigt sich immer klarer, dass die Botschaft der „Digitalisierung“ alleine keine Heilsbotschaft darstellt. Gerade das Silicon Valley und die Stadt San Francisco wandeln sich zunehmend zu Ikonen einer Dystopie, wo das Heil nur Wenigen zugutekommt und eine „exklusive“ Gesellschaft systematisch Außenseiter schafft. Es gibt immer mehr normativ geprägte Initiativen, um nicht in Richtung der von Anderson und anderen formulierten neo-feudalen Strukturen und einer neuen Unmenschlichkeit abzurutschen.

Qualität statt Quantität

Dazu zählt auch Conny Dethloff von der Otto Group. „Wir entmenschlichen unsere Gesellschaft und damit auch unsere Wirtschaft. Erfolg, nachgewiesen in Daten, ist das Maß aller Dinge, nicht der Mensch und die Natur. Quantität hat Vorrang vor Qualität.“ Die Lücke zwischen „Mensch“ und „Maschine“ werde kleiner. „Aber wir bewegen uns nach unten den Maschinen entgegen, nicht die Maschinen zu uns empor“, sagte Dethloff in seiner #NEO17x Session.

Er nennt das „Dataismus“ und „Methodizismus“: „Wir lagern unsere Verantwortung in ‚externe‘ Strukturen Prozesse, Methoden, Rollen, Organigramme, Standards, Best Practice und Kennzahlen aus, um unsere Unsicherheit und Ungewissheit zu absorbieren. Dies ist allerdings nur scheinbar der Fall. Wir müssen Natur und Mensch wieder mehr in den Vordergrund rücken. Natur und Mensch ist das Maß aller Dinge, nicht Technologie und daraus abgeleitet den Erfolg. Technologie darf kein Selbstzweck sein, sondern nur Mittel zum Zweck“, so das Plädoyer von Dethloff. Die Next Economy fällt also nicht vom Himmel. Sie muss von uns gestaltet werden. Das Notiz-Amt sieht eine sehr anspruchsvolle Themen-Agenda für die Next Economy Open 2018.


Image (adapted) „Uber“ by freestocks-photos [CC0 Public Domain]


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Licht und Schatten beim neuen Telemediengesetz

Wifi(adapted) (Image by rawpixel.com [CC0 Public Domain] via Unsplash

Vor Kurzem trat das Telemediengesetzes (TMG) mit neuer Fassung in Deutschland in Kraft. Dieses sorgt für bedeutende Neuerungen bei der Behandlung von Dienstanbietern. Eine klare Linie ist dabei aber nicht zu erkennen. Während die Störerhaftung endlich abgeschafft wird und somit Provider dringend notwendige Rechtssicherheit erhalten, werden Anbieter von Kommunikationsplattformen im Rahmen des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes zum Urteilen über die Kommentare ihrer Nutzerinnen und Nutzer gezwungen.

Licht: Abschaffung der Störerhaftung

Kürzlich trat die Novelle des Telemediengesetzes in Kraft und wurde im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Die Neufassung des Gesetzes regelt unter anderem den Umgang mit Diensteanbietern in mehreren wichtigen Aspekten neu.

Eine wichtige Neuerung ist die Abschaffung der sogenannten Störerhaftung. Die Störerhaftung besagte, dass die Betreiber eines Netzwerkes (betroffen waren vor allem offene WLANs) mit für kriminelle oder zivilrechtlich verfolgbare Handlungen ihrer Nutzerinnen und Nutzer hafteten.

Ziel des Gesetzes war das Eindämmen von Missbrauch öffentlicher Netzwerke. In der Praxis führte die Regelung aber dazu, dass sich nach einigen spektakulären und teuren Fällen (insbesondere im Bereich von Urheberrechtsverletzungen) kaum noch jemand traute, offenes WLAN bereitzustellen. Die ohnehin im Vergleich zu anderen westlichen Ländern schwach ausgebaute deutsche Telekommunikations-Infrastruktur wurde dadurch weiter beschränkt. Für die Nutzerinnen und Nutzer war das frustrierend und für die Innovation im angeblichen Hightech-Land Deutschland hinderlich.

Trotz dieser offensichtlichen Nachteile blieb die Störerhaftung lange bestehen. Erst im Jahr 2016 begann sie zu wackeln und wurde zunächst teilweise und nun zur Gänze abgeschafft. Mit diesem Schritt haben Diensteanbieter in Deutschland endlich dringend benötigte Rechtssicherheit. Dem IT-Standort Deutschland kann das nur gut tun.

Schatten: Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz

Ein gänzlich anderes Signal sendet jedoch die neue gesetzliche Regelung zu rechtswidrigen Äußerungen auf Kommunikationsplattformen (etwa in Foren, Sozialen Netzwerken oder Kommentarspalten). Die Betreiber solcher Plattformen sind nämlich künftig verpflichtet, rechtswidrige Inhalte innerhalb einer knapp bemessenen Frist zu löschen. Anderenfalls drohen empfindliche Geldbußen.

Ohne Zweifel sind Hasstiraden, Verhetzung und eine mitunter furchtbar schlechte Diskussionskultur, die gelegentlich in Beleidigungen, Drohungen und Nötigung gipfelt, ein reales Problem auf derartigen Plattformen. Provider wie nun im Rahmen des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes dazu zu verpflichten, unter Strafandrohung rechtswidrige Inhalte zu löschen, ist jedoch der gänzlich falsche Lösungsweg .

Gerade kleinere Provider können oftmals schon aus personellen Gründen keine fachlich fundierten Entscheidungen treffen, ob ein Posting strafbar ist oder nicht. Um Strafen zu vermeiden, könnten dann viele Betroffene sich dafür entscheiden, im Zweifel alle Postings zu löschen, die ihnen bedenklich vorkommen. So könnten auch Äußerungen, die kontrovers, aber von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, gelöscht werden. Schlimmstenfalls könnte sogar alles entfernt werden, was anderen Nutzerinnen und Nutzern ein Dorn im Auge ist und von diesen gemeldet wird.

Dadurch stellt das Netzwerkdurchsetzungsgesetz eine massive Gefahr für die Meinungsfreiheit dar. Für die Provider bedeutet es die Schaffung einer massiven Rechtsunsicherheit. Sie werden unter Druck gesetzt, in einer Art und Weise über die Inhalte ihrer Nutzerinnen und Nutzer zu urteilen, die in ihrer Rolle nicht vorgesehen ist.

Widersprüchliche Signale

Das neue Telemediengesetz sendet an Dienstanbieter extrem widersprüchliche Signale. An der einen Stelle wird ihre Position verbessert und abgesichert, an der anderen geschieht das genaue Gegenteil. Leider ist dies ein typisches Beispiel für die häufig ebenso ziel- wie ahnungslose Digitalpolitik in Deutschland.

Allerdings zeigt das Beispiel der Störerhaftung, dass mitunter, wenn auch mit langer Vorlaufzeit, auf die Argumente von Expertinnen und Experten gehört wird. Dementsprechend sollten es sich Gegnerinnen und Gegner des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes nicht nehmen lassen, gegen dieses verfehlte Werk vorzugehen – auch, wenn sie wahrscheinlich einen langen Atem brauchen werden.


Titel (adapted) „Wifi“ by rawpixels.com [CC0 Public Domain]


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Wie Plattformen Politik machen: USA und Deutschland im Vergleich

USA (adapted) (Image by Zoltan Kovacs [CC0 Public Domain] via Unsplash)

Vor allem Facebook, aber auch Google und Twitter stehen unter dem Druck der Politik: Welche Rolle haben ihre Dienste bei der Wahl von Donald Trump gespielt? Der US-Kongress untersucht derzeit die Rolle, die die Gatekeeper der Online-Öffentlichkeit im Präsidentschaftswahlkampf gespielt haben. Auch Protagonisten russischer Provenienz haben die Plattformen dazu genutzt, um durch Falschmeldungen die öffentliche Meinung zu manipulieren. Im Fokus steht dabei die direkte Adressierung von Nutzern durch Anzeigen mit politisch relevanten Inhalten. Wie und in welchem Umfang die Unternehmen diese Einflussnahme ermöglicht haben, dazu mussten Vertreter der Firmen bei parlamentarischen Anhörungen aussagen.

Citizen Zuckerberg

Facebook hatte schon vor den Hearings bestätigt, dass solche Anzeigen platziert wurden und Twitter bereits publik gemacht, dass für die russische Regierung tätige Medien wie Russia Today und Sputnik seit 2011 global Werbung für 1,9 Millionen $ geschaltet haben. Diese Summe will das Unternehmen nun für Forschung über zivilgesellschaftliches Engagement auf der Plattform einerseits und ihre manipulative Nutzung andererseits spenden.

Gründer und Facebook-Vorstandsvorsitzender Mark Zuckerberg hat sich hingegen in einer Videobotschaft zu Wort gemeldet und Schritte angekündigt, „um die Integrität des demokratischen Prozesses zu schützen.. So die Diktion des mächtigen Medienunternehmers, der eine verlegerische Verantwortung für Inhalte doch kategorisch ausschließt. Die New York Times resümiert die Aktivitäten mit Blick auf eigens angeheuerte PR-Berater und ganzseitige Zeitungsanzeigen so: Facebooks Hauptquartier sei seit Monaten im Krisen-Modus um den Image-Schaden einzudämmen.

Freilich geht es dabei nicht nur um das öffentliche Ansehen des Social Network. Vielmehr versuchen die Strategen aus dem Silicon Valley eine weitergehende staatliche Regulierung ihrer Geschäftsmodelle zu verhindern. Denn inzwischen haben drei Senatoren eine Gesetzesinitiative ergriffen und den „Honest Ads Act“ für mehr Transparenz bei der politischen Online-Werbung auf den Weg gebracht: Es soll in Zukunft nachvollziehbar sein, wer inhaltlich und finanziell für die Veröffentlichung einer Polit-Anzeige verantwortlich ist.

Dieser Forderung sind Facebook und Twitter bereits mit Ankündigungen zuvorgekommen. Sie beinhalten die Kennzeichnung und Offenlegung der Anzeigen, die von einem Akteur geschaltet werden. Die betreffenden Inhalte werden dann in einem öffentlich zugänglichen Archiv vorgehalten. Darüber hinaus sollen verausgabte Summen und erreichte Zielgruppen genannt werden. Facebook stellt sogar in Aussicht, diejenigen Inserenten politisch relevanter Inhalte, die sich nicht als solche zu erkennen geben, durch Maßnahmen des maschinellen Lernens automatisch zu identifizieren.

Dark Posts und Silicon Valley Embeds

Damit wird nicht nur auf die aktuelle Diskussion um eine auswärtige Intervention reagiert. Bereits während des US-Wahlkampfs wurde kritisiert, dass insbesondere die Trump-Kampagne bei Facebook unzählige Varianten von Anzeigen für die unterschiedlichsten Zielgruppen lanciert hat. Diese sogenannten „Dark Posts“ sind nicht auf der für alle zugänglichen Präsenz von Donald Trump bei Facebook sichtbar gewesen, sondern wurden nur im News Feed von jeweils für relevant erachteten Nutzersegmenten ausgespielt. Insofern konnten sich Beobachter keinen Überblick über die Gesamtheit der getätigten Aussagen verschaffen, um beispielsweise Inkonsistenzen oder schmutzige Varianten von Wahlwerbung zu entdecken.

Die angekündigten Maßnahmen sind zwar weitgehend, doch sie adressieren nur einen Aspekt der Problematik, die mit der durch die Plattformen konstituierten politischen Öffentlichkeit verbunden ist. Eine aktuelle Studie von Daniel Kreiss und Shannon McGregor enthüllt nämlich das immense Ausmaß, mit dem “Technology Firms Shape Political Communication”. Die Kommunikationswissenschaftler zeigen, wie eng Facebook und Twitter, aber auch Google (und Microsoft) mit den Wettbewerbern zusammengearbeitet haben.

Die Technologie-Firmen haben mit eigens dafür abgestelltem Personal den Politikern, die ihre Dienste nutzen wollten, aktiv unter die Arme gegriffen. Sie stellten ihre Instrumente vor und machten Vorschläge zu deren Einsatz. Dies gilt vor allem für die Identifizierung und Adressierung relevanter Zielgruppen durch Anzeigen, von denen die Plattformen am ehesten finanziell profitieren. Insofern wurden nicht nur die Digital-Strategien der kollaborierenden Kandidaten direkt beeinflusst.

Gerade die Kampagne von Donald Trump hat davon profitiert, insofern sie mit minimalem Personaleinsatz operierte. Dieses Defizit gegenüber der personell aufwändig aufgestellten Organisation von Hillary Clinton konnte also durch die Kompetenz aus dem Silicon Valley kompensiert werden.

Plattformen: Der Blick nach Deutschland?

In den USA stehen Facebook, Google und Twitter unter politischem Druck, weil sie Anzeigen von Akteuren aus Russland mit manipulativen Inhalten publiziert haben. Der US-Kongress untersucht derzeit die Rolle, die die Gatekeeper der Online-Öffentlichkeit im Präsidentschaftswahlkampf gespielt haben. Gibt es vergleichbare Erkenntnis für die Rolle der Technologie-Firmen beim Bundestagswahlkampf?

Die Macht der Informationsintermediäre“ ist zwar auch in der deutschen Debatte ein Thema und ein Forschungsnetzwerk des Hans-Bredow-Instituts widmet sich sogar den Algorithmed Public Spheres. Doch die politische Kommunikationsforschung in Deutschland überlässt das Thema eher dem Datenjournalismus oder einer ebenfalls quantifizierenden Political Data Science.

Demgegenüber bewegen sich die Autoren der US-Studie über den direkten Einfluss großer Digital-Unternehmen auf die datenbasierte Kampagnenführung in der Tradition der qualitativen Sozialforschung. Sie haben sich in das Feld begeben, in dem die Kontakte zwischen Technologie-Firmen sowie politischen Kandidaten und Kampagnen in den USA angebahnt werden. Dort präsentieren die Firmen ihre Dienstleistungen und Produkte auf den Parteitagen der Kontrahenten. Mit dem betreffenden Personal wurden dann Interviews geführt, die Ausmaß und Inhalt der Kollaborationen zu Tage förderten.

Digitale Doppelgänger

Anhaltspunkte für ähnlich enge Kooperationen gibt es auch in Deutschland. Ende September berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg über den Online-Wahlkampf der Alternative für Deutschland: „The German Far Right Finds Friends Through Facebook“. Die AfD habe die auch für rechtspopulistische Parteien und Kandidaten in anderen Ländern tätige US-Agentur Harris Media angeheuert. Deren Vertreter habe bei seinem Deutschland-Aufenthalt direkt Facebooks Berliner Dependance aufgesucht, um eine Arbeitsbeziehung zur Anzeigenabteilung zu etablieren.

In den Fokus sei dabei das von Facebook angebotene Marketing-Instrument der Lookalike Audiences geraten: Ausgehend von bekannten Angaben zu den Abonnenten der AfD-Präsenz bei Facebook wurde eine gleich große Gruppe mit ähnlichen Eigenschaften aus der Gesamtheit der deutschen Nutzer gebildet, die dann für Werbemaßnahmen der Partei ins Visier genommen wurde.

Abgesehen von dieser Episode haben sich die Plattformen allen Parteien als relevanter Partner für die Kommunikation mit der Wählerschaft angedient. Instrument dieser Annäherung waren vor allem Informationsangebote über die politischen Positionen von Kandidierenden und Parteien. Diese Formate wurden den Nutzern von Facebook und Google bei algorithmisch passender Gelegenheit prominent angezeigt. Die Angaben zu Personen und Positionen konnten die betreffenden Akteure dabei selbst verfassen.

Vielleicht lässt sich diese Praxis am ehesten als freiwilliges Äquivalent zur kostenfrei ausgestrahlten Wahlwerbung im Rundfunk verstehen. Eine Parallele zum TV-Duell drängt sich darüber hinaus bei einem weiteren Angebot auf: YouTube veranstaltete zunächst mit Angela Merkel und später mit Herausforderer Martin Schulz für Internet-Verhältnisse epische Einzelinterviews. Bei diesem kamen diverse YouTube-Influencer zum Einsatz, die die beiden Kandidaten im firmeneigenen Berliner YouTube-Space befragten.

Dazu gab es im Gegensatz zu dem von der Kanzlerin in ein ihr genehmes Format verhandelten TV-Duell redaktionelle Einspieler und sogar Wortmeldungen von Zuschauern der beiden Livestreams, die von Google und YouTube auf der jeweiligen Startseite beworben wurden. Auch wenn auf diesem Weg noch keine enorme Reichweite erzielt wurde, dürfte den Kommunikationsstrategen in den Parteizentralen doch klar geworden sein, welcher Kanal in Zukunft den Draht zu Erstwählern herzustellen vermag.


Image (adapted) „USA“ by Zoltan Kovacs [CC0 Public Domain]


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • AMAZON Onlinehändler-News: Bewertungen: Jede fünfte Amazon-Rezension ein Fake?: Eine Analyse des Softwareunternehmens Reviewmeta hat sich die Bewertungen auf dem Online-Marktplatz Amazon einmal genauer angesehen und ist zu dem Schluss gekommen, dass etwa jede fünfte Rezension auf Amazon gefälscht ist. Hierfür hat der Softwareanbieter rund sieben Millionen Bewertungen aus verschiedenen Ländern unter die Lupe genommen. Zudem bietet Reviewmeta ein Analyse-Tool auf seiner Webseite an, bei dem Nutzer die URL ihres gewünschten Produkts dort angeben und dies auf Fake-Rezensionen prüfen können.

  • DHL Welt: DHL und VW testen Paket-Zustellung in den Kofferraum: Beinahe jeder kennt das Warten auf den Postboten und auf das langersehnte Paket. Volkswagen hat sich jetzt etwas ganz Besonderes ausgedacht: Das Liefern von Paketen direkt in den Kofferraum. Das Pilotprojekt startet derzeit in Berlin und soll etwa ein halbes Jahr lang getestet werden. Die Art wie das Ganze ablaufen soll, ist ganz einfach. DHL bietet hierfür die Lieferoption an, dass das Paket im Kofferraum hinterlegt werden soll. Das Auto muss lediglich in einem Zeitfenster von zwei Stunden an einem angegeben Platz stehen. Der Zusteller bekommt dann einen Code gesendet, mit dem er sich einmal einen Zugang zum Kofferraum verschaffen kann. Wer als Tester zur Verfügung stehen möchte, kann sich bei VW bewerben.

  • YOUTUBE t3n: Youtube Kids: Kostenloses Angebot für Kinder ab sofort in Deutschland und Österreich nutzbar: YouTube für die Kleinen – bereits seit zwei Jahren läuft YouTube Kids schon in den USA, jetzt soll es auch für Deutschland und Österreich verfügbar sein. Hierbei handelt es sich um kindergerechte und familienfreundliche Inhalte, die von den Eltern kontrolliert und individuell angepasst werden können. YouTube Kids gibt es als App für Andorid und iOS und ist vor allem für Kinder im Vorschul- und im Grundschulalter gedacht. YouTube Kids eignet sich zudem gut dafür, auch die Eltern an die Mediennutzung der Kinder heranzuführen.

  • WINDOWS10 CHIP: Neue Zahlen zeigen: Windows 10 kommt nicht in die Gänge: Windows 10 kommt nicht gegen den Vorgänger Windows 7 an – das von Microsoft gesteckte Ziel, dass bis 2018 eine Milliarde Nutzer Windows 10 auf ihren Geräten installiert haben, hat das Unternehmen schon zurückgezogen. Die Zahlen stagnieren, das Wachstum läuft nur schleppend. Lediglich für die Gamer hat das Betriebssystem einen hohen Stellenwert und ist bei ihnen beliebter als Windows 7. Das mag daran liegen, dass Microsoft den Fokus bei dem aktuellen Betriebssystem auf den Bereich Gaming gelegt hat – was sich wenigstens hier bislang gut auszahlt.

  • APPS Focus: Kamera-Apps funken persönliche Daten nach China: Dass man mit seinen Daten vorsichtig sein soll, ist allen bekannt. Das gilt natürlich auch bei Apps für das Smartphone. Experten von Stiftung Warentest haben sich jetzt besonders Kamera-Apps genauer angesehen. Eigentlich dienen sie lediglich der Verbindung zwischen Kamera und Smartphone, doch einige Apps versenden persönliche Daten der App-Nutzer. Vor allem die App „Mirrorless“ des Herstellers Yi war besonders auffällig. Sie sendet auf Server in China unter anderem Daten wie Name und Kennwort des WLAN-Netzes.

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  • GOOGLE googlewatchblog: Aktion in den USA: Google senkt den Preis der Pixel-Smartphones und legt ein Gratis Daydream obendrauf: In etwa zwei Monaten wird Google zwei neue Pixel-Smartphones vorstellen, die die Nachfolge der populären Geräte der ersten Pixel-Generation aus dem vergangenen Jahr antreten werden. Wer derzeit mit einem Pixel-Smartphone der ersten Generation liebäugelt, sollte aber vielleicht noch einige Tage Geduld haben – denn in den USA hat Google diese nun stark reduziert und packt noch ein Geschenk oben drauf. Es ist auch für Google nicht ungewöhnlich, dass der Preis aktueller Hardware sinkt wenn diese entweder ein gewisses Alter erreicht hat oder der Nachfolger schon in den Startlöchern steht. Ausgehend von Googles Zeitplan darf man damit rechnen, dass die Pixel 2-Smartphones Mitte Oktober vorgestellt werden und dann wohl gegen Ende Oktober oder Anfang November pünktlich zum Start des Weihnachtsgeschäfts verfügbar sind.

  • E-LEARNING t3n: E-Learning-Plattformen: 38 supernützliche Websites, die dir was beibringen: Nebenbei und für wenig Geld fortbilden? E-Learning-Plattformen machen es möglich. Immer mehr Websites warten mit Online-Kursen als Sprungbrett für die berufliche Karriere auf. Ein Überblick. Lernen war noch nie so leicht. Ein Gang in die Stadtbibliothek, das Buchen einer Sprachreise oder überteuerte Business-Seminare in einem Kuhkaff irgendwo in Deutschland – das muss heute dank des wachsenden Angebots an Online-Kursen niemand mehr in Kauf nehmen, um den Wissenshorizont nebenbei zu erweitern.

  • WORKLIFE spiegel: Runterfahren, aber richtig: Sie wollen die Ferien dieses Jahr für digital detox nutzen, weil Sie das Smartphone im Alltag stresst? Oder halten Sie sich selbst für immun und wollen nur deshalb keine Smartgeräte mitnehmen, weil Ihre Kinder außer an den Daumen kaum noch Bewegung haben? Super. Ein internetfreier Urlaub kann eine positive Erfahrung sein. Nur ist es leider so, dass sie nach einer radikalen Abstinenz wahrscheinlich sofort wieder zu ihren alten Gewohnheiten zurückkehren werden, ähnlich wie beim Jo-Jo-Effekt einer Blitz-Diät. Nutzen Sie die Urlaubszeit deshalb lieber, um ein bisschen mit Ihrem Verhältnis zu Technik herumzuexperimentieren.

  • GOOGLE heise: Google Home in Deutschland: Eine ernstzunehmende Konkurrenz für Amazons Echo: Googles smarter Lautsprecher ist jetzt auch hierzulande verfügbar – und spricht Deutsch. c’t hat den Assistant, den Funktionsumfang und den Sound unter die Lupe genommen. 149 Euro kostet Googles smarter Lautsprecher. Das Gerät ist ausschließlich mit einem schicken weißen Plastikgehäuse erhältlich. Die untere Lautsprecherabdeckung aus schieferfarbenem Stoff lässt sich auswechseln. Google hat dafür noch zwei metallene Alternativen in den Farben Kupfer und Karbon im Angebot (je 42 Euro).

  • EMOBILITÄT sueddeutsche: So soll das E-Auto endlich attraktiv werden: BMW, Daimler, Audi und Porsche sind eigentlich Lieblingsfeinde. Trotzdem haben sie sich vor fast einem Jahr zusammengeschlossen. Gemeinsam mit Ford verkündeten sie eine Allianz für Stromtankstellen. Bis 2020 sollen an Europas Fernstraßen Tausende E-Tankstellen entstehen, um Stromautos zum Durchbruch zu verhelfen.

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Mit Marktschreiern und Angstmachern misslingt die Digitalisierung – Aufrufe zur Debatte

Orakel (adapted) (image by lauramba [CC0] via pixabay)

Vielen Mittelständlern in Deutschland machen die neuen IT-Technologien Angst, schreibt die Wirtschaftswoche. Aber warum ist das so? Ist das nur der fehlende Mut oder sind es nicht auch die vielen Angstmacher, die auf den Bühnen herumlaufen und den Unternehmern suggerieren, dass sie gegen die Angreifer aus dem Silicon Valley keine Chance haben?

„Wir werden mittlerweile fast täglich mit Begriffen wie Industrie 4.0, Big Data, Digitalisierung und Internet der Dinge konfrontiert – ich möchte fast schon sagen: belästigt“, moniert Frank Richter, Vorstandschef der Swiss Global Investment Group. Selbsternannte Experten würden sogar schon die exakten Potenziale und die daraus resultierenden Einsparungen kennen, die durch Digitalisierung und Vernetzung entlang der sogenannten Wertschöpfungskette erzielt werden.

„So scheinen eben diese Experten vergleichbar mit den Orakeln in der Antike und deren Weissagungen“, so Richter.

Es wimmelt von Phrasen und Floskeln

Wenn es um die vernetzte Ökonomie geht, wimmelt es von Allgemeinplätzen, Phrasen und Floskeln. Wie das für Firmen konkret laufen soll, wird nur sehr oberflächlich oder gar nicht erklärt:

„Es ist viel einfacher, möglichst generisch in der Ausdrucksweise und damit gewissermaßen unverbindlich in der Aussage an sich zu bleiben“, kritisiert Richter.

Schlecht ist generell die Kommunikationspolitik der IT-Branche, moniert Oliver Kepka. Die Produkt- und Lösungsangebote seien viel zu kompliziert in der Bedienung, in den Preismodellen und in den eher technischen Werbeaussagen. Das schreckt ab. „Die von Dir zitierten Angstmacher treiben ihr Unwesen und verunsichern zusätzlich. Sie werfen mit Buzzwords um sich, überhöhen sich mit ihrem elaborierten Sprachcode und lamentieren über abgefahrene Züge. Abgefahren ist nur ihre Art, die Ängste zu verstärken“, so die Antwort von Kepka auf Facebook.

Urinierende Firmenchefs

Man sollte sich von den Keynote-Dampfplauderern nicht ins Bockshorn jagen lassen. Wer auf Frauen uriniert, wie der Gründer und Chef von Snapchat, einen diktatorischen Kommunikationsstil pflegt und ein vulgärkapitalistisches Ego-Management an den Tag legt, wie Uber-Gründer Travis Kalanick, taugt nicht als Vorbild für die Wirtschaftswelt. Ex-DAX-Vorstand Thomas Sattelberger kann diese Evangelisten nicht mehr hören, die auf den Bühnen stehen und oberflächen-kosmetische Gebilde als Geschäftsmodelle der Zukunft propagieren, während sie in den eigenen Unternehmen führungsmäßig marode sind.

Heiße Luft im amerikanischen Marketing

Gleiches gilt für viele Phrasendrescher, die sich über Künstliche Intelligenz auslassen. In den USA gibt es Protagonisten in der Digitalszene, die gar nicht so sehr in der KI-Forschung tätig sind, aber um so stärker eine Marketing-Maschine bedienen und dabei zum Teil pseudo-wissenschaftlich agieren. Dazu zählt DFKI-Chef Wolfgang Wahlster den Dauerredner Ray Kurzweil, der verrückte Thesen ohne eine gewisse Substanz vorlegt. Das habe Folgen:
„Das größte KI-Zentrum findet man nicht mehr in den USA, sondern mit dem DFKI in Deutschland. Dass liegt daran, dass wir versuchen, als Ingenieure auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Wir definieren KI als künftige Informatik. Wir gehen an das Limit des Machbaren. Wir machen keine falschen Versprechen an die Industrie oder an den Staat. Wir bleiben auf dem Teppich. Das hat sich bewährt“, so Wahlster im Gespräch mit dem Technoloy Review-Chefredakteur Robert Thielicke.

Man sollte sich davor hüten, extrem überzogene Hoffnungen zu wecken, die dann nur Enttäuschungen hervorrufen.
„Google, Intel & Co. kommen nach Deutschland, weil es in den USA zu viele Marktschreier gibt. Die nehmen die Klappe zu voll. Die deutsche Mentalität ist zurückhaltender und pragmatischer“, resümiert Wahlster.

Das Notiz-Amt will dazu eine Debatte starten – hier bei den Netzpiloten, auf CIO-Kurator und für die September-Ausgabe des prmagazins.

Live-Interviews via Hangout on Air oder Gespräche via Skype. Meldet Euch.


„Orakel“ (adapted) by lauramba (CC0 Public Domain)


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  • WINDOWS Chip: Erstes Update seit 20 Jahren: Microsoft renoviert wichtigen Teil von Windows: Kann man Windows 10 demnächst lediglich anhand der Augen bedienen? Eye Control nennt sich dieses Feature, welches Windows in einer Insider-Version von Windows 10 erneuert hat. Diese Funktion soll vor allem Menschen, die körperlich beeinträchtigt sind, dabei helfen, einen Computer zu bedienen. Außerdem soll es weitere Neuerungen geben, wie unter anderem das Design der Kommandozeile oder Anpassungen am Browser Edge.

  • E-COMMERCE t3n: 5 Tipps: Besser werben auf Google und Amazon: Heutzutage werden in der Amazon-Suche und in den Google-Product-Listings sämtliche Produkte angeboten. E-Commerce Marketer nutzen diese Plattform immer intensiver – was auch durchaus Sinn macht. Sobald der Kunde das gewünschte Produkt in der Suche der beiden Plattformen eingibt, ist seine Kaufbereitschaft ziemlich sicher. Wie aber kann man sich diese Art zu werben zunutze machen? Hier gibt es fünf wertvolle Tipps, wie man auf Amazon und Google werben kann.

  • APPLE Heise: iPhone per iCloud von Erpressern gesperrt: Was Sie tun können: Lösegeld bezahlen, um sein eigenes iPhone, iPad oder iPod touch wieder benutzen zu können? Kriminelle haben sich die iPhone Fernsperr- und Ortungsfunktion „Mein iPhone suchen“ zunutze gemacht, um die iPhone-Besitzer zu erpressen. Erst nach Zahlung eines geforderten Lösegeldes wollen die Erpresser wieder die Geräte freigeben. Selbst die Zwei-Faktor-Authentifizierung beugt dem Ganzen nicht vor. Eine eigene PIN für das iPhone ermöglicht jedoch dem Nutzer auch trotz Fernsperre das Gerät zu benutzen und die Code-Sperre aufzuheben.

  • FAKE NEWS Süddeutsche: Facebooks Lügendetektor: Jetzt ist auch Facebook mit von der Partie, wenn es darum geht, Fake News aufzudecken. Hierzu möchte das soziale Netzwerk eine selbstlernende Software einsetzen, die die Beiträge anhand von verschiedenen Kriterien überprüft und in bestimmten Fällen auch anschlägt. Zudem will Facebook externe Journalisten einsetzen, um das Ganze zu unterstützen. Diesen Vorgang testet das Netzwerk vorerst an kleinen Nutzergruppen in vier Ländern, unter anderem auch in Deutschland.

  • AMAZON ECHO Spiegel: Experte zeigt Lauschangriff mit Amazons Echo: Amazon Echo als Abhörgerät. Wie ein Sicherheitsexperte herausgefunden hat, können Hacker mit ein paar einfachen Hackerwerkzeugen den intelligenten Lautsprecher von Amazon in eine Wanze umwandeln. Diese können dann ganz einfach von außen auf das Mikrofon zugreifen und die Nutzer abhören. Der Sicherheitsexperte Mark Barnes hat sich das Verfahren genauer angesehen und erklärt, wie leicht es für ihn gewesen ist Amazon Echo zu manipulieren. Anfällig für diese Hackerangriffe sind vor allem die Geräte aus den Baujahren 2015 und 2016.

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Die Netzpiloten sind Partner der Jugendmedientage 2017

Partnergrafik_Jugendpresse-Deutschland

In München finden vom 02. bis zum 05. November die Jugendmedientage 2017 statt. Das diesjährige Motto lautet „Behind the Scenes“. Die Teilnehmenden erwarten spannenden Diskussionen, Medientouren, Erzählcafés sowie praxisnahe Workshops und darüber hinaus intensives Netzwerken mit Medienprofis und Gleichgesinnten. Die Jugendmedientage werden seit 2002 von der Jugendpresse Deutschland, dem Bundesverband junger Medienmacher, in immer wechselnden Städten veranstaltet.

Hinter dem Motto verbirgt sich die Mission, hinter die Kulissen zu schauen und Vorhänge zu lüften. Einige Fragen, die wegweisend für den Kongress sein werden, sind: Sind wir noch Puppenspieler in der eigenen, medialen Welt oder zappeln wir bereits am Ende der Strippe herum? Wer zieht wie die Fäden? Was für Zukunftsvisionen gibt es? Und was für eine Rolle spielt Populismus im Medienbereich?

In Zeiten von alternativen Fakten

Laut Oskar Vitlif, Bundesvorstand der Jugendpresse Deutschland, sind Fake-News, alternative Fakten und stetig sinkendes Vertrauen in die Medien Entwicklungen, denen wir uns stellen müssen. Eine Möglichkeit, um das zu tun, ist Transparenz. Er freue sich daher sehr, „mit den Jugendmedientagen 2017 nach München zu kommen, um an einem der wichtigsten Medienstandorte Deutschlands gemeinsam mit den Teilnehmenden hinter die Kulissen der Medienlandschaft zu blicken.

Zu den Speakern, auf die ihr euch freuen könnt, gehören:

Die Location ist die Berufsoberschule Wirtschaft München (BOS).

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  • KI heise: „Das größte Risiko für unsere Zivilisation“: Elon Musk warnt erneut vor KI: Ohne die richtigen Gesetze sei die KI eine Bedrohung für die Zivilisation, dessen ist sich Elon Musk sicher und trägt seine Bedenken vor Gouverneuren der USA vor. Denn der Zeitpunkt, an dem die KI alles besser könne als der Mensch, werde kommen. Zurzeit seien die Bedenken zu wenig ernst genommen worden, doch Vorsorge ist besser als Nachsorge. Die Angst, dass sich bei einer Einmischung in die Wirtschaft wichtige Unternehmen aus der USA absetzen würden, wiegelt Musk ab, denn nach ihm würden die Vorgaben allen helfen, auch den Wirtschaftsriesen.

  • PAYPAL golem: Mit Paypal tanken: Die Tankstelle Shell arbeitet jetzt mit Paypal zusammen, sodass mobiles Zahlen via Smartphone für Kunden möglich wird. Die ersten Tankstellen mit diesem neuen Service sollen in Hamburg und Berlin starten, bis Ende 2017 soll dies jedoch auch deutschlandweit gehen. Bereits im Februar 2017 stellte Jaguar diesen Dienst für seine Kunden bereit, das aber nur in Großbritannien. So konnten Kunden ohne Kreditkarte einfach und schnell mit der Shell-App über den Bildschirm ihres Fahrzeuges die gewünschte Literanzahl Benzin bestellen. p>

  • APPLE wired: Warum Apple die Fitnessdaten seiner Mitarbeiter überwacht: Apple hat auf seinem Firmengelände in Cupertino ein eingenes Fitnesslabor entworfen, indem Angestellte Sport treiben dürfen. Nebenbei werden jedoch Daten über ihre Leistungen gemessen. Eine kleine Einschränkung bei dieser Vermessung gibt es derzeit noch im Bereich des Schwimmens, da es der Software nicht möglich ist die Schwimmarten wie Kraulen oder Brustschwimmen auseinanderzuhalten. Derzeit arbeitet Apple an der watchOS 4, sodass die Apple Watch direkt mit den Fitnessgeräten verbunden werden kann.

  • NETFLIX horizont: Starkes Wachstum bei Netflix: Netflix ist auf der Überholspur. Der Gewinn, der sich durch den Streamingdienst machen ließ, erhöhte sich um ein knappes Drittel und die Aktie stieg am Montag auf neun Prozent. Somit können die finanziell eher aufwendigeren Eigenproduktionen wie “The Crown” weiterhin gerechtfertigt werden. Auch global ist Netflix nach wie vor erfolgreich, über 4 Millionen neue Kunden konnte Netflix kurz zuvor noch gewinnen. Eine Leistung, mit der niemand gerechnet hätte.

  • ALEXA curved: HTC U11: Alexa erscheint in Kürze für die deutsche Version: Mit dem HTC U11 ist es jetzt erstmals in Deutschland möglich auch ohne Berührung auf Alexa zugreifen zu können, selbst im Sleep-Modus kann Alexa zukünftig Befehle ausführen. Was mit Alexa alles möglich ist? Rund 12.000 verschiedene Fähigkeiten besitzt sie, darunter das Abspielen von Musik, das Verwalten von Einkaufslisten, oder aber die Vorhersage des Wetters.

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  • WDR horizont: WDR legt im Juni beim Markenwert zu, die Telekom schwächelt: Der öffentlich-rechtliche Sender WDR legt trotz Kritik in den letzten Wochen an Markenwert zu, die Telekom muss hingegen mit einem Verlust von 28% bei der letzten Monatsauswertung rechnen. Experte Brecht verbucht diesen Erfolg aufgrund der positiven Assoziation mit der Marke, die als „modern„ und „innovativ“ beschrieben wird. Ein Ritterschlag in den kritischen Zeiten der Fake News. Zu der Telekom äußert sich Brecht, indem er feststellte, dass Telekom, um wieder wettbewerbsfähiger zu werden, mehr als nur gute Finanzen bräuchte.

  • BOSCH golem: Bosch testet selbstfahrende Taxis ab 2018: Selbstfahrende Autos scheinen immer attraktiver zu werden. So auch für das Unternehmen Bosch, welches jetzt selbstfahrende Taxis testen will. Ab 2018 soll diese Idee realisiert werden und erste kleine Robo-Taxis in deutschen Städten getestet werden. In welchen Städten genau diese Taxis dann zum Einsatz kommen werden, ist noch unklar. Fest steht jedoch, dass diese neue Technologie zum einen die Sicherheit auf den Straßen minimieren soll, zum anderen soll es die ebenfalls neue Idee des Carsharing attraktiver machen.

  • TENCENT heise: Chinesische Internetriesen liefern sich Wettkampf in Deutschland: Von China zu Deutschland, Alibaba und Tencent werden jetzt auch in Deutschland ihre Programme für mobiles Zahlen etablieren. Vorerst ist dies jedoch nur für chinesische Touristen möglich, die somit über das Chatprogramm WeChat von Tencent in Deutschland per Handy bezahlen können. Das sich diese Investition lohnt, zeigte die Auswertung des Unternehmen Wirecard, da chinesische Touristen pro Kopf ca. 3000€ während ihres Aufenthaltes ausgeben. Die Ausgaben konzentrieren sich dabei vor allem auf Luxusartikel wie Bekleidung, Schmuck und Kosmetik. Welche Marktmacht beide Unternehmen von China besitzen, ist alleine an der Anzahl der Nutzer, 938 Millionen, die WeChat-Nutzerkonten bei Tencent, sowie 400 Millionen Nutzer von Alipay, der Konkurrenzmarke von Alibab, zusehen.

  • KONKURRENTEN t3n: Apple vs. Google: Das sind die Stärken und Schwächen der beiden Tech-Riesen: Apple und Google sind die Großkonzerne. Die stärksten Konkurrenten wurden jetzt getestet und miteinander verglichen, unter anderem wurden die Aspekte Desgin und Userinterfaces miteinander verglichen, wobei Apple besser abschnitt. Doch Aussehen ist nicht alles, entschieden sich die Nutzer, bei der Software lag Google eindeutig vorne, nicht schön, aber zuverlässig sei die Google-Web-Software, zudem hatte sie noch keinerlei Skandale im Bezug auf Datensicherheit und Verlusten. Doch nicht nur bestehende Funktionen werden genauer gegenübergestellt, auch die Frage wie zukunfts tauglich beide Unternehmen mit dem Thema der künstlichen Intelligenz umgehen, wird auch dargestellt.

  • HACKERATTACKEN wired: Hackerattacken auf die Ukraine sind nur der Vorgeschmack: Die Ukraine als Testlabor für kommende Hackerangriffe? Die Ukraine ist ein beliebtes Land für viele Hackerangriffe, warum gerade dieses Land damit zu kämpfen hat, haben Experten untersucht und stellen ihren Verdacht nun vor. Ob Medien, der Finanzsektor, Transport, das Militär, oder die Energie, alle diese Sektoren waren schon einmal Opfer eines Angriffes, keiner war sicher vor dem gehackt werden, berichtete Kenneth Geers, der NATO-Botschafter mit Fokus auf die IT-Sicherheit. Nicht gänzlich unwichtig ist die Beziehung der Ukraine zu Russland, Spekulationen, dass es sich bei diesen systematischen Hackerangriffen womöglich um den russischen Geheimdienst handle, weisen Sicherheitsexperten zwar noch von sich, der Präsident Poroschenko hingegen ist sich sicher. Sicherheitsexperten betrachten diese Vorfälle geopolitischer und entwickeln die Theorie, dass es sich hierbei um ein Versuchsgebiet Russlands für einen Cyberkrieg gegen die USA handle.

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Digital Economy Compass: Was die Zahlen für Deutschland bedeuten – Teil 2

Smart Home (adapted) (Image by Pixaline [CC0 Public Domain] via pixabay


Was sind die aktuellen digitalen Trends weltweit? Wie entwickelt sich der Wettbewerb auf digitalen Plattformen? Diese Fragen versucht der „Digital Economy Compass“ von Statista in regelmäßigen Abständen zu beantworten. Wir haben in unserer Artikelreihe einen Blick auf die Trends geworfen.


Auch wenn die Digitalisierung der Wirtschaft für viele noch ein Mysterium sein mag, spielt sich für viele Unternehmen mittlerweile genau hier das Kerngeschäft ab. Die Digital Economy von E-Commerce bis E-Travel boomt. Zahlen und Prognosen zu den verschiedenen Branchen liefert der aktuelle Digital Economy Compass 2017 von Statista. In dieser Serie schauen wir genauer darauf, was diese Zahlen für Deutschland bedeuten. Diesmal im Visier: Der SmartHome-Markt.

Ein dynamischer Markt ist nicht dasselbe wie ein großer Markt

Zugegeben, SmartHome ist ein weites Feld. Statista blickt dabei auf die Bereiche Home Entertainment, Haussicherheit, Automatisierung des Hauses sowie auf das Energiemanagement und Ambient Assisted Living. Laut Statista können wir hier ein immenses Wachstum erwarten. Demnach wird sich der globale SmartHome-Markt bis zum Jahr 2021 mehr als vervierfachen.

Smart Home Markt weltweit
Screenshot: SmartHome-Markt weltweit (Quelle: Statista)

Insbesondere Deutschland scheint demnach mit einem erwarteten Wachstum von beinah 40 Prozent bis zum Jahre 2021 neben China einen der dynamischsten SmartHome-Märkte der Welt zu haben.

Smart Home Entwicklung
Screenshot: SmartHome Entwicklung (Quelle: Statista)
Thomas Köhler
Image by Thomas Köhler

Ein dynamischer Markt sei aber nicht das gleiche wie ein großer Markt, gibt Thomas Köhler, Experte für Digitalisierung und Technologietrends der Zukunft, gegenüber den Netzpiloten zu bedenken: „Deutschland hat in erster Linie Nachholbedarf. Man darf außerdem nicht vergessen, dass Wachstum von einem viel geringeren Niveau aus prozentual betrachtet immer gut aussieht. Absolut gesehen jedoch fällt der Vergleich insbesondere zwischen Deutschland und den USA wenig schmeichelhaft für Deutschland aus.“ Mit anderen Worten: Deutschlands SmartHome-Markt ist noch sehr klein und muss im globalen Vergleich kräftig aufholen.

Dabei gilt auch zu bedenken, dass die Märkte völlig unterschiedlich ticken und ein direkter Vergleich schwierig ist. Während die Statista-Zahlen zeigen, dass in den USA die größten Einnahmen im Bereich „Haussicherheitssysteme“ abfallen, ist dies in Deutschland kein großes Thema. Das könnte durchaus an den unterschiedlichen Sicherheitssituationen der beiden Länder liegen, vermutet auch Thomas Köhler. Während US-Amerikaner eher präventiv vorgehen, neigen Deutsche seiner Meinung nach eher dazu, erst dann Alarmanlagen und Sicherheitssysteme zu installieren, nachdem ein Einbruch erfolgt ist.

Viel bewegter ist in Deutschland dagegen das Segment der Energienachrüstung und Automatisierung von Häusern. „Bei Neubauten in Deutschland ist Hausautomatisierung vielfach ein Thema. Heizungs- und Lichtsteuerungen dominieren wiederum bei den Nachrüstlösungen. Die marktgängigen Angebote von Telekommunikationsunternehmen und Energieversorgern hierzulande zielen im Wesentlichen auf diese beiden Segmente ab“, sagt Köhler.

SmartHome: Ein klarer Marktführer fehlt in Deutschland

Laut Statista werden dabei – zumindest aus globaler Sicht – insbesondere Digital Assistants wie etwa Amazons Alexa in Häusern immer häufiger vorkommen.

Digital Assistants
Screenshot: Digital Assistants (Quelle: Statista)

Digitalisierungsexperte Thomas Köhler teilt diese Einschätzung. Auch in Deutschland sei Alexa die dominierende Lösung. Für die datenschutzbewussten Deutschen erstaunlich. Doch Köhler ist sich nicht sicher, ob dieser Trend in Deutschland lange anhalten wird: „Nach anfänglicher Euphorie klingt bei vielen Nutzergesprächen mittlerweile Enttäuschung heraus. Wir erleben da gerade einen ähnlichen Effekt wie bei der Einführung von Apples Siri vor einigen Jahren. Noch ist es aber zu früh für eine langfristige Einschätzung. Ich persönlich gehe davon aus, dass Sprachsteuerung mit Assistenzsystemen einen wichtigen Platz im Haushalt einnehmen und in zahlreiche Geräte integriert werden wird.“

Insgesamt scheint Deutschland im Bereich SmartHome noch am Anfang zu stehen, sodass konkrete Zukunftsprognosen noch zu gewagt erscheinen. Auch ein Blick auf die wichtigsten Unternehmen in diesem Markt bestätigt dies.

Smart Home Player
Screenshot: SmartHome Player (Quelle: Statista)

Sowohl Startups als auch etablierte Player dringen in Deutschland auf den Markt vor und besetzen dabei unterschiedliche Segmente. Während Startups sich eher auf den Nachrüstungsmarkt konzentrieren, haben große Konzerne wie Medion einfache SmartHome-Angebote im Petto. Dennoch finden Verbraucher in keinem Bereich wirklich überzeugende Lösungen, findet Thomas Köhler. „Bis jetzt sehe ich keine klare Marktführerschaft und bei den Kunden eher Verwirrung durch die Vielzahl an zumeist inkompatiblen Angeboten.“

Möglicherweise fehlt in Deutschland noch ein innovativer Player in diesem Bereich, der den SmartHome-Markt hierzulande wirklich inspirieren und antreiben könnte.

Sieht dies vielleicht in der digitalen Mobilitätsbranche besser aus? Was die Statista-Zahlen zu den Märkten „E-Travel“ und „Connected Cars“ für Deutschland bedeuten, werden wir im Detail im dritten und letzten Teil zum Digital Economy Compass 2017 erörtern.


Image (adapted) „Smart Home“ by Pixaline (CC0 Public Domain)


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(R)Evolution der Bildung – Der Unterricht braucht ein Update

School (Image by congerdesign [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Deutschland – das Land der Ingenieure. Heimat von Mercedes, Volkswagen und BMW. Ist es da nicht eigentlich verwunderlich, dass wir in Sachen Technologien und Digitalisierung ziemlich hinterherhinken? Vor allem was den Bildungsbereich angeht? Deutschland gehört immer noch zu den Schlusslichtern der OECD-Länder, was den Gebrauch digitaler Medien im Unterricht angeht. Doch könnte eine Investition nicht nur für die Zukunft gewinnbringend sein, sondern auch den heutigen Schulunterricht unterstützen. Ein Überblick über Gebrauch, Möglichkeiten und Herausforderungen der Digitalisierung im Bildungsbereich.

Eine herbe Enttäuschung ist das derzeitige Zurückrudern der Bundesregierung in Bezug auf ihr versprochenes Digitalpaket für die Bildung. Fünf Milliarden Euro sollten für die Digitalisierung der Schulen in den nächsten fünf Jahren ausgegeben werden. Und jetzt? Anstatt in die Zukunft zu investieren, wird diese mit der nun veröffentlichten Haushaltsplanung womöglich nur noch düster. Das Geld geht in die Rüstung. Wie wichtig Bildung ist, müsste der Regierung eigentlich bewusst sein. Und dass ein Nicht-Investieren in die Digitalisierung fatal ist, eigentlich auch.

Auch die Kultusministerkonferenz hatte schon mit dem Papier “Bildung in der Digitalen Welt” geantwortet. Ihre Strategie bezieht sich auf sechs große Themenbereiche: Unterrichtsentwicklung, Ausbildung der LehrerInnen, technische Infrastruktur, Bildungsmedien, E-Government und rechtliche Rahmenbedingungen. Zusammengefasst, digitale Medien sollen integraler Bestandteiler aller Unterrichtsfächer werden. Dabei müssen LehrerInnen durch Aus-, Weiter- und Fortbildung zu Medienexperten werden, um digitale Medien professionell, didaktisch sinnvoll und reflektiert im Schulalltag einzusetzen.

Digitalisierung schafft Gleichheit für alle?

Denn durch die Digitalisierung der Bildung werden die ArbeitnehmerInnen von morgen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben und die schon in der Schule digital geschulten SchülerInnen später die digitale Transformation mitgestalten. Dazu müssen digitale Kompetenzen in der Schule erlernt werden. Denn obwohl wir in Deutschland leben und sich viele ein Leben ohne ihren Laptop oder Tablet nicht vorstellen können, gibt es etliche SchülerInnen, denen zu Hause diese Möglichkeiten fehlen. Dies schafft Ungleichheiten, die eigentlich mit der Digitalisierung überwunden werden sollten.

Aber nicht nur in der Zukunft kann es enorme Vorteile mit sich bringen, sondern auch im heutigen Schulalltag. Schon jetzt benutzen einige (vor allem junge) LehrerInnen digitale Lernplattformen, sogenannte Learning Management Systeme. Diese unterstützen die Planung, Koordination und Kommunikation im Klassenverband. Auf diesen Plattformen können die LehrerInnen die Materialien, inklusive Arbeitsbögen, Videos und Fotos, hochladen. Somit haben sie alles immer abrufbar. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für die SchülerInnen, die nach einer verpassten Stunde oder wegen eines verschusselten Arbeitsbogens Aufholbedarf haben.

Sicherheit kostet

Natürlich gibt es wie bei jeden neuen technologischen Anwendungen auch Hindernisse. Vergessene Passwörter der SchülerInnen kommen selbstverständlich vor. Wenn SchülerInnen mitten im Schuljahr nach einem neuen fragen, weiß man auch, wie oft die Seite aufgerufen wurde. Auch Datensicherheit ist ein Thema. Zusätzlich müssen Schulen aber für diese Plattformen wie beispielsweise Moodle Lizenzen erwerben. Auch für die richtige Breitbandverbindung, samt WLAN, muss gesorgt sein. Beamer und Laptops müssen vorhanden sein.

Das kostet alles Geld, welches erstmal organisiert werden muss. Da die finanzielle Unterstützung über den Schulträger meist nicht ausreicht, müssen engagierte Schulen (Schulleitungen) kreativ werden. Fördervereine, externe Akteure, wie Unternehmen, oder EU-Mittel sind hier erste Anlaufstellen. Vermehrt sorgen aber auch die Länder selbst für Sonderprogramme im Bereich Medienkompetenz. Doch können innovativen Schulen seitens des Senats auch Steine in den Weg gelegt werden.

Digitalisierung zur Unterstützung im Unterricht

Die Herausforderungen sollten aber nicht vor dem Handeln abschrecken. Denn die vermehrte Notwendigkeit zur Differenzierung im Unterricht, das heißt, die individuelle Förderung von verschiedenen Leistungsstufen in einem Klassenverband, welche zusätzlich durch Inklusion und Integration unumgänglich ist, kann durch die Digitalisierung möglich gemacht werden. Gerade wenn es um das heikle Thema Rechtschreibung (und Digitalisierung) geht, ist der Unterricht mit Hilfe digitaler Medien womöglich sogar effektiver.

So kann die Webseite Orthografietrainer.net, als online Rechtschreibtrainer mit Abschlusstests, viel individualisierter mit den SchülerInnen üben, als es einer LehrerIn im Unterricht möglich ist. Dies ist nur ein Beispiel für die Vielseitigkeit von Online-Angeboten interaktiver Apps. Auch die Nutzung von Standard-Programmen wie Schreib- oder Präsentationsprogramme werden erlernt. Videos können geschnitten, Fotos bearbeitet und Texte verfeinert werden. Diese können wiederum auf Blogs veröffentlicht werden. So lernen die SchülerInnen nicht nur die Anwendung. Gleichzeitig werden digitale Medien Mittel zum Zweck, um einen abwechslungsreichen und differenzierten Unterricht zu gestalten.

VR im Klassenraum? Die Schulverlage ziehen nach

Nun reagieren auch andere Akteure im Bildungsbereich. Beispielsweise setzen Schulbuchverlage zusätzlich auf digitale Konzepte und bieten zu ihren digitalen Schulbüchern auch auf den Lehrbereich zugeschnittene digitale Plattformen an. Denn bekommen sie in dem Bereich enormen Konkurrenzdruck. Im speziellen von den zuvor erwähnten Angeboten von Lernplattformen. Auch die großen Wirtschaftsunternehmen wie Microsoft, Google und Apple mischen im Bereich der Bildung mit.

Durch die sogenannten Open Educational Resources (OER) stehen Verlage unter Druck. OER sind unter anderem Lehrmaterialien und Arbeitsbögen von LehrerInnen, die auf verschiedene Webseiten hochgeladen werden können und dann von anderen LehrerInnen weiter benutzt werden können. Riskiert man darüber hinaus einen Blick auf zahlreiche Messen für digitale Bildung, kann man sich vor Angeboten kaum retten. Der neuste Trend: Virtual Reality Brillen für den Unterricht.

Das Angebot für LehrerInnen kann erschlagend wirken und verunsichern. Das sollte LehrerInnen aber nicht davon abhalten, es nicht einfach mal auszuprobieren. Wichtig ist vor allem die Reflektion über den Einsatz der Medien. Denn hier gilt wie mit jedem anderen Medium auch, dass die Nutzung (digitaler) Medien nicht per se Erfolg bedeutet.

Universitäten haben dabei bislang wenig Unterstützung angeboten. Seminare zum Thema Digitalisierung kommen sehr selten im Vorlesungsverzeichnis für Lehramtsstudierende vor. Und wenn, dann sind sie nicht verpflichtend, sondern freiwillig.

Doch genau hier muss angesetzt werden. Wenn Digitalisierung schon in der Ausbildung und dabei in jeder Fachdidaktik eine wichtige Rolle in Anspruch nehmen würde, wenn zukünftigen LehrerInnen digitale Kompetenzen erlernen und Sicherheit bekommen, wird die Hemmschwelle, diese im Unterricht später zu benutzen deutlich geringer sein.

Genau das sollte auch mit Wankas Paket in Angriff genommen werden. Mit der Zusammenarbeit von Bund und Ländern sollte der Bund für die Finanzierung der Infrastruktur und die Länder für die Konzepte aufkommen.

Geld und Ausstattung soll es demnach nur geben, wenn ein Medienkonzept vorhanden ist. Dadurch sollte dem Rumstehen von ungenutzten Computern etc. vorgebeugt werden. Geplant war auch, vermehrt in die LehrerInnen Aus- und Fortbildung zu investieren. Schon längst stellt sich nicht mehr die Frage, ob digitale Bildung eine wichtige Rolle spielen sollte, sondern wie schnell ein fächerübergreifendes Medienkonzept realisiert werden kann. Ideen gibt es schon, nun brauchen wir das Geld, Frau Wanka.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politik Digital“ unter CC BY-ND 4.0.


Image (adapted) School by congerdesign CC0 Public Domain


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Sensible Daten gehören nicht auf US-Server

Server (adapted) (Image by NeuPaddy [CC0 Public Domain] via pixabay)

Das amerikanische Datenschutzrecht soll dahingehend verändert werden, dass Ausländer von vielen Schutzklauseln, die US-Bürgern zustehen, ausgenommen werden. Die genauen Implikationen der geplanten Veränderungen sind noch unklar. Dennoch steht eines fest: wer sensible Daten in der Cloud speichern will, sollte jetzt noch weniger als zuvor auf US-Dienste zurückgreifen. Obwohl die EU und Deutschland durchaus selbst einige „Baustellen“ im Bereich Datenschutz haben, sind schützenswerte Informationen auf deutschen Servern im Vergleich weitaus besser aufgehoben.

Trump will den Datenschutz (weiter) einschränken

US-Präsident Donald Trump ist nicht gerade als großer Verfechter der Bürgerrechte bekannt. Auch in puncto Datenschutz steht er eher für eine Politik, die die Rechte der Bevölkerung weiter einschränkt. Das hat er am 25. Januar unter Beweis gestellt. Damals erklärte Trump per Dekret seine Absicht, dass bestimmte Datenschutzrechte nur noch für US-Bürger gelten sollen. Für Ausländer sollen sie eingeschränkt oder ganz abgeschafft werden.

Noch ist unklar, wie genau sich Trumps Pläne juristisch auswirken werden und inwieweit er sie umsetzen darf. Selbst für Fachleute sind die juristischen Folgen schwer abzuschätzen. Einig sind sich jedoch viele Rechts- und Datenschutzfachleute, dass das Datenschutzabkommen „Privacy Shield“ zwischen den USA und Europa im Zuge von Trumps neuer Politik wohl abgeschafft werden wird.

Sensible Daten raus aus der US-Cloud!

Schon vor Trumps Entscheidung war die Datenschutzgesetzgebung in den USA im Vergleich zur EU weitaus schwächer. Trumps Pläne – wie auch immer ihr Endergebnis konkret aussehen wird – verstärken diesen Trend noch einmal deutlich.

Unternehmen, die ihre sensiblen Daten externen Dienstleistern anvertrauen wollen, können aus der aktuellen Situation nur einen Schluss ziehen: Sie sollten sich keinesfalls für ein US-Unternehmen als Hoster entscheiden. Das empfehlen auch die Kollegen des IT-Magazins c’t, die fordern: „Raus aus den US-Clouds!“

Daten, die von US-Unternehmen auf amerikanischen Servern gehostet werden, unterliegen der US-Gesetzgebung. Das bedeutet, dass die dort liegenden Daten nur unzureichend vor behördlichen Zugriffen geschützt sind, umso mehr, wenn die Neuregelung den Schutz für die Daten von Nicht-US-Bürgerinnen und -Bürgern weiter einschränkt. Zudem unterstützen einige US-Firmen die Kompetenzüberschreitungen der Behörden, sei es aus falsch verstandenem Patriotismus oder um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen.

Das sind schlechte Voraussetzungen für eine angemessen sichere Unterbringung sensibler Daten, seien es persönliche Informationen über Kundinnen und Kunden, Geschäfts-Interna oder Sonstiges. Derartige Daten sollten daher nach Möglichkeit immer in der EU, idealerweise in Deutschland mit seinen besonders strengen Datenschutzgesetzen, gehostet werden. Mittlerweile haben einige US-Cloud-Dienstleister, unter anderem Microsoft, eigens Server in Deutschland in ihr Portfolio aufgenommen, um europäische Nutzerinnen und Nutzer, die sich der Datenschutzproblematik zunehmend bewusst werden, nicht zu verlieren. Wer ganz sicher gehen will, sollte aber dennoch Unternehmen mit einem Firmensitz in der EU den Vorzug geben.

All dies gilt umso mehr, als die USA keineswegs nur in lauterer Absicht fremde Kommunikation bespitzeln. Unter dem Deckmantel der Verbrechensbekämpfung wird teilweise auch schlichtweg Wirtschaftsspionage bei ausländischen Konkurrenten von US-Unternehmen betrieben.

Verschlüsselung als zusätzlicher Schutz

Bekanntermaßen allerdings ist auch in der EU und in Deutschland die Datenschutzgesetzgebung nicht perfekt. Zudem umgehen Geheimdienste und Ermittlungsbehörden bei ihren Überwachungsprogrammen häufig geltendes Recht. Das gilt umso mehr für die Kooperation mit den US-Behörden.

Auch, wenn also die europäische Gesetzgebung einen weitaus besseren Schutz bietet als die US-amerikanische – gerade für EU-Bürgerinnen und -Bürger –, sollte, je nach Sensibilität der fraglichen Daten, auf zusätzliche technische Schutzmaßnahmen gesetzt werden. Eine Verschlüsselung der Daten schützt diese zuverlässig vor den Zugriffen Krimineller ebenso wie vor behördlichen Kompetenzüberschreitungen und gehört daher unabdingbar zu einem guten Sicherheitskonzept dazu.


Image (adapted) „Server“ by NeuPaddy (CC0 Public Domain)


 

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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • HACKING Süddeutsche Zeitung: Deutschland plant Cyber-Gegenschläge: Die Bundesregierung will Voraussetzungen schaffen, unter denen es möglich ist, im Falle von Cyber-Attacke zum Gegenangriff überzugehen. Das Verfahren hierfür ist die Zerstörung des feindlichen Servers. Nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR beschloss der Bundessicherheitsrat unter Vorsitz von Kanzlerin Angela Merkel, zu analysieren, welche technischen Fähigkeiten hierfür vonnöten wären. In der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“ erklärte Bundesinnenminister Thomas de Maizière die Notwenigkeit der Maßnahmen und füge erklärend hinzu, ein Polizist trage im Einsatz ja nicht nur eine Schutzweste, sondern auch eine Pistole.

  • OPEN SOURCE heise: Black Duck: Open Source ist allgegenwärtig – und gefährlich: Black Duck Software, ein Spezialist für Open-Source-Audits hat über 1. 000 kommerzielle Anwendungen untersucht. Das Ergebnis liegt nun in Form der Open-Source-Sicherheits- und Risikoanalyse 2017 vor. Demnach kommt kaum noch eine Software ohne Open-Source-Komponenten aus. Gut ein Drittel des Codes stammt durchschnittlich aus Open-Source-Projekten, die am häufigsten genutzten sind jQuery, Bootstrap, JUnit, Apache Log4j sowie Software aus dem Apache-Commons-Projekt. Die verbleibenden zwei Drittel der Anwendungen nutzen allerdings Komponenten in Versionen mit bekannten Sicherheitslücken. Ausgerechnet die Branchen Handel, E-Commerce, Internet und Software-Infrastruktur sowie Finanzdienstleister und Fintechs sollen laut der Studie betroffen sein.

  • APPLE golem: Weiter Lieferprobleme bei den Apple Airpods: Auch vier Monate nachdem die Apple Airpods auf den Markt kamen, gibt es weiter Probleme bei der Auslieferung. Sechs Wochen muss man derzeit warten, wenn man jetzt ein Paar der kabellosen Kopfhörer bestellt. Im Appel Retail Store am Ku’damm in Berlin ist es bisher sogar so, dass man mit größter Wahrscheinlichkeit keine Airpods erhalten hat, ohne sie in das Geschäft vorzubestellen. Über die Gründe für die schlechte Verfügbarkeit kann nur spekuliert werden. Möglicherweise hat Apple im Vorfeld falsch kalkuliert und die Nachfragen nach den rund 180 Euro teuren Geräten unterschätzt.

  • FACEBOOK Welt: Facebook-App soll das Gedankenlesen lernen: Es klingt wie Science-Fiction, aber Facebook arbeitet wirklich daran: Das weltgrößte Online-Netzwerk will Menschen direkt aus dem Gehirn heraus Worte in Computer schreiben lassen. Es gehe zum Beispiel um die Möglichkeit, einem Freund eine Textnachricht zu schicken, ohne dafür das Smartphone herausholen zu müssen, sagte Facebook-Managerin Regina Dugan auf der hauseigenen Entwicklerkonferenz F8 im kalifornischen San José. Das aktuelle Ziel sei, auf 100 Worte pro Minute zu kommen. Dies könne in einigen Jahren erreicht werden.

  • MICROSOFT t3n: Microsoft killt das Passwort: Das Eingeben von Passwörter ist bei fast allen Nutzern unbeliebt, egal ob man immer dasselbe Passwort verwendet oder ein sicheres und immer anderes. Microsoft hat sich dem Problem angenommen und eine neue Art der Authentifizierung entwickelt, die nun an alle Nutzer ausgerollt wird. Statt das Passwort stationär auf dem PC einzugeben, kann man stattdessen sein Smartphone mit dem Konto verknüpfen. Ist es notwendig, dass sich der Nutzer identifiziert, hat er nun die Wahl, sich einen Code auf sein Smartphone schicken zu lassen. Dort kann er den Code bestätigen und so die Eingabe des Passworts umgehen.

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Warum Bewerbung 2.0 in Deutschland noch Zukunftsmusik ist

Bewerbung (adapted) (Image by loufre [CC0 Public Domain] via pixabay)

Instagram statt Lebenslauf, Xing statt Anschreiben, YouTube statt Vorstellungsgespräch. Ganz klar: Der Bewerbungsprozess findet vermehrt über das Internet statt, auch über Social-Media-Kanäle. Doch ist die Bewerbung 2.0 wirklich das NonPlusUltra bei der Stellensuche in Deutschland?

Rekrutierung über Soziale Netzwerke hat Seltenheitswert

Ganz so einfach lässt sich das nicht beantworten. Denn während das Internet für fast alle Unternehmen die klassische Printanzeige und die Bewerbung per Post abgelöst hat, hat Social-Media-Recruiting in Deutschland noch Seltenheitswert. Eine Befragung unter deutschen Bewerbern und Personalern in Unternehmen durch den Personaldienstleisters Adecco Group zeigt, dass 2014 mehr als 20 Prozent der Unternehmen Soziale Netzwerke nutzen, allerdings nicht vorwiegend für den Bewerbungsprozess. Nur rund 42 Prozent der Unternehmen nutzt demnach Social Media, um Bewerber zu finden und weniger als ein Drittel der befragten Bewerber wurde jemals über ein soziales Netzwerk rekrutiert.

Auch ein Blick auf die genutzten Kanäle zeigt, dass die Personaler noch sehr klassisch unterwegs sind. Wenn ein soziales Netzwerk im Recruiting in Deutschland genutzt wird, ist das vorwiegend Xing. Nur 20 Prozent der Personaler nutzen Facebook und Instagram-Profile werden gar nur von etwa 2 Prozent der HR-Verantwortlichen angeschaut. Von Videobewerbungen oder Recruitinganfragen per WhatsApp sind die meisten Unternehmen hierzulande noch weit entfernt. Als Hauptgrund nennen Unternehmen in der Adecco-Studie die Tatsache, dass sie generell herkömmliche Bewerbungsprozesse bevorzugen.

Anschreiben und Lebenslauf sind in Deutschland nach wie vor der Klassiker

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Image by Robindro Ullah

Insgesamt läuft der Bewerbungsprozess in Deutschland immer noch sehr traditionell ab“ , bestätigt HR-Experte und Recruitingfachmann Robindro Ullah im Gespräch mit den Netzpiloten. „Auch wenn natürlich die Mehrheit der Unternehmen im deutschsprachigen Raum Onlineplattformen für die eigene Stellenausschreibung nutzt und Bewerber Unterlagen per E-Mails versenden, sind der Lebenslauf und das Anschreiben immer noch Standard“ , erklärt Ullah.

Offensichtlich ist das Paket aus Lebenslauf und Anschreiben noch so wichtig, dass sich mittlerweile ganze Unternehmen diesem Thema widmen. Startups wie Dein-Lebenslauf.com oder richtiggutbewerben.de haben hier einen lukrativen Markt entdeckt und bieten Bewerbern Hilfe bei der Erstellung ihrer Bewerbungsunterlagen. Das Angebot reicht dabei von einer Durchsicht und Korrektur bis hin zur kompletten Erstellung der Bewerbungsunterlagen. Preislich liegt die Optimierung der eigenen Unterlagen bei richtiggutbewerben.de aktuell bei 67 Euro, ein Komplettpaket aus Deckblatt, Anschreiben und Lebenslauf als Word- und PDF-Datei im schicken Design kostet 149 Euro.

Auch ein Aufpeppen der Social-Medial-Profile bietet das Onlineunternehmen an. Allerdings seien das Komplettpaket aus Lebenslauf und das Anschreiben nach wie vor der Renner unter den Kunden, berichtet Marketing-Manager Christian Scherer von richtiggutbewerben.de gegenüber den Netzpiloten.

Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen kümmern sich dabei um die Kunden. „Wir haben ehemalige Personaler im Team, genau so wie Mitarbeiter aus der naturwissenschaftlichen oder kulturwissenschaftlichen Branche und natürlich auch Formulierungsexperten. Wir wollen schließlich für jeden einzelnen Kunden die bestmögliche Bewerbung zusammenstellen“ , erklärt Scherer. Standardvorlagen oder formelhafte Formulierungen seien daher ein absolutes Tabu, jeder Kunde erhalte ein individuelles Angebot.

Bewerbungs-Ghostwriter machen HR-Abteilungen das Leben leichter

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Image by richtiggutbewerben.de

Über mangelnde Nachfrage kann sich das Startup nicht beschweren. Die Kundschaft ist dabei sehr gemischt. Es sind ältere Kunden dabei, die Orientlierungshilfe im veränderten Jobmarkt brauchen, genauso wie Berufseinsteiger, die sich erste Tipps holen. „Wir haben auch beispielsweise Ingenieure als Kunden, die nicht gerne schreiben oder auch Ärzte, die bei einem 14-Stunden-Arbeitstag auch einfach keine Zeit haben, um Bewerbungen zu schreiben“ , erklärt Scherer.

Moralisch bedenklich findet er das Angebot der Bewerbungs-Ghostwriter im Netz nicht. „Im Wort Bewerbung steckt ja schon Werbung. Wir erfinden natürlich auch nichts, sondern helfen unseren Kunden einfach nur dabei, ihre Informationen zu strukturieren und im besten Licht darzustellen. Wir haben auch viel positives Feedback von Personalern bekommen. Schließlich macht eine übersichtliche Bewerbung auch ihre Arbeit leichter.“

Dem stimmt auch HR-Experte Ullah zu. Er glaubt ebenfalls, dass es durchaus legitim ist, sich online Hilfe für den Bewerbungsprozess zu holen. Es sei nichts dagegen einzuwenden, wenn Bewerber sich im besten Licht darstellen wollen. „Sie werfen einem Bewerber im Vorstellungsgespräch schließlich auch nicht vor, dass er sein Hemd gebügelt oder seine Haare gekämmt hat.“

Algorithmen statt Anschreiben

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Christian Scherer. Image by richtiggutbewerben.de

Doch auch wenn Robindro Ullah die Dienstleistungen von Onlineportalen wie richtiggutbewerben.de schätzt, würde er sich wünschen, dass Unternehmen in Deutschland den Bewerbungsprozess insgesamt moderner und vor allem zeiteffizienter gestalten würden. Gerade das Anschreiben hält er für überholt. Damit würden Personaler viel Zeit verlieren, vor allem im internationalen Vergleich. „In Ländern wie Brasilien oder China zählt wirklich nur der Lebenslauf. So kann man sehr schnell feststellen, ob jemand fachlich passt oder nicht. Ob der Kandidat dann auch zur Unternehmenskultur passt, stellt man dann sowieso erst im Bewerbungsgespräch fest. Das Anschreiben könnte man sich also komplett sparen.

Ullah findet auch, dass Bots oder Algorithmen beim Auswählen von Lebensläufen eine große Hilfe sein könnten. So könnten Bewerber im automatisierten Prozess schneller, aber auch objektiver ausgesucht werden und die Personalabteilung würde viel Zeit sparen. Auch Quereinsteiger könnten zum Beispiel über eine Random-Funktion im Algorithmus eher eine Chance bekommen, meint Ullah.

Einen weiteren spannenden Zukunftstrend sieht er in Videobewerbungen: „Bewerber haben so die Möglichkeit, sich ganz individuell zu präsentieren und die HR-Abteilung kann schnell sehen, ob ein Kandidat interessant ist für das Unternehmen.Bewerbungsapps wie Selfiejobs aus Schweden nutzen genau dieses Medium, um Unternehmen mit Bewerbern schnell und unkompliziert zusammenzubringen. Bei Selfiejobs stellen sich Bewerber in kurzen Videos vor und können dann nach dem Tinder-Prinzip je nach Interesse der Unternehmen, entweder nach rechts oder nach links gewischt werden.

All das ist in Deutschland derzeit aber noch Zukunftsmusik – auch, weil eine rein visuelle Auswahl von Bewerbern rechtliche Bedenken auslöst. Fürs Erste wird es wohl noch dauern, bis sich die Bewerbung 2.0 wirklich durchsetzt. Davon ist auch Christian Scherer überzeugt: „Ich bin mir ganz sicher, dass es die klassische Bewerbung in Deutschland noch sehr lange geben wird.“


Image (adapted) „Bewerbung“ by loufre (CC0 Public Domain)


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Deutschlands Plan für Elektroautos könnte die CO2-Emissionen fördern

Elektroauto (adapted) (Image by MikeBird [CC0 Public Domain] via pixabay)

Deutschland hat nicht nur einen ambitionierten Plan für Elektroautos, sondern auch für erneuerbare Energien. Aber es können nicht beide ausgeführt werden. Nach letztem Stand der Dinge bemüht sich  Deutschland sehr, doch die Ambitionen widersprechen sich, da sie die Emissionen in Wirklichkeit um eine Menge vergleichbar mit den derzeitigen Abgaswerten von ganz Uruguay oder des US-Staates Montana vorantreiben würden.

Im Oktober 2016 hat der Bundesrat das Land Deutschland dazu aufgefordert, den stufenweisen Abbau von Benzinfahrzeugen bis zum Jahr 2030 zu unterstützen. Dieser Entschluss ist zwar keine offizielle Regierungsrichtlinie, aber schon Gespräche über solch ein Verbot senden ein starkes Signal in Richtung der gewaltigen Automobilindustrie. Was würde also geschehen, wenn Deutschland bis 2030 wirklich nur noch elektrische Autos nutzen würde?

Für Umweltaktivisten hört sich solch ein Wandel sehr verlockend an. Immerhin ist der Straßenverkehr für den größten Anteil unserer Emissionswerte verantwortlich und der Ersatz von regulären Benzinautos durch Elektroautos ist eine großartige Möglichkeit, diesen CO2-Fußabdruck zu verringern.

Aber es ist nicht so einfach. Das grundlegende Problem ist, dass Elektroautos von einer Energieversorgung abhängig sind, die durch schadstoffbelastete Kohle oder durch Gas generiert wird – und daher in Wirklichkeit mehr Emissionen hervorbringen  als Autos, die herkömmlichen Kraftstoff nutzen. Um also die Nettoemission tatsächlich zu reduzieren, müsste die Elektrizität erneuerbar sein. Sollten sich die Dinge nicht ändern, ist es unwahrscheinlich, dass Deutschland rechtzeitig genügend grüne Energie aufbringen kann.

Ein mögliches Verbote von Benzinfahrzeugen kam ins Gespräch, kurz nachdem die Kanzlerin betonte, dass die Regierung eine Ausweitung neuer Windparks nicht mehr fördern würde, da zu viele Produktionsschwankungen in der Herstellung erneuerbarer Energien das Stromnetz instabil machen würden. In der Zwischenzeit hat Deutschland sich als Reaktion auf die Vorfälle in Fukushima dafür ausgesprochen,  seine gesamte Kernreaktor-Flotte bis 2022 in den Ruhestand zu schicken.

Windraeder (adapted) (Image by Detmold [CC0 Public Domain] via pixabay)
Das Stromnetz Deutschlands hat Probleme im Umgang mit der unbeständigen Verfügbarkeit von Strom. Image (adapted) „Windräder“ by Detmold (CC0 Public Domain)

In einer Analyse, die im Nature-Magazin veröffentlicht wurde, haben mein Arbeitskollege Harry Hoster und ich uns angesehen, wie die Elektrizität und Verkehrspolitik in Deutschland miteinander verknüpft sind. Beide haben sich zur Aufgabe gemacht, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren. Würde man diese beiden Felder jedoch tatsächlich miteinander verknüpfen, könnte dies sogar zu einem Emissionsanstieg führen.

Wir haben untersucht, was nötig wäre, um das Versprechen einzuhalten und sein Verkehrswesen auf Elektrizität umstellen. Zudem haben wir untersucht, was diese Entwicklung für eine Schadstoffbelastung nach sich ziehen würde. Unsere Forschung weist darauf hin, dass man keinesfalls fossile Brennstoffe zur Energiegewinnung und im Transportwesen auf einen Schlag tilgen kann. Diesem Umstand wird Deutschland demnächst ins Auge sehen müssen.

Weniger Energie, mehr Elektrizität

Es ist eine Tatsache, dass der Austausch von Verbrennungsfahrzeugen durch elektronische den Energiebedarf verringern würde. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Elektroautos viel effizienter sind. Wenn Benzin verbrannt wird, wird nur 30 Prozent oder weniger an Energie dafür verwendet, das Auto  vorwärtszubewegen  – der Rest wird als Abgase ausgestoßen und für die Wasserpumpe oder andere unwirtschaftliche Vorgänge verwendet. Elektroautos verlieren zwar einige Energie durch das Wiederaufladen der Batterien, aber im Gesamten werden mindestens 75 Prozent davon zur tatsächlichen Fortbewegung verwendet.

Deutsche Fahrzeuge verbrauchen jedes Jahr flüssigen Brennstoff im Wert von circa 572 Terrawattstunden (TWh). Basierend auf den zuvor genannten Effizienzeinsparungen würde ein vollständig elektrifizierter Verkehrssektor ungefähr 229 TWh verbrauchen. Daher würde Deutschland insgesamt zwar weniger Energie verbrauchen (da Benzin eine Energiequelle darstellt), aber es bedürfte einer erstaunlichen Menge an erneuerbaren oder nuklearen Ressourcen.

Und es gibt noch ein weiteres Problem: Deutschland plant den stufenweisen Abbau seiner Kernkraftreaktoren, idealerweise bis 2022, jedoch spätestens bis 2030. Dadurch gehen weitere 92 TWh verloren, die ersetzt werden müssen.

Zählt man die zusätzliche erneuerbare Elektrizität zusammen, die benötigt wird, um Millionen von Fahrzeugen mit Strom zu versorgen, und die jene der Kernkraftwerke ersetzen soll, so ergibt dies eine Summe von 321 TWh bis 2030, die durch erneuerbare Energiequellen ersetzt werden muss. Dies entspricht einem ganzen Dutzend neuer Elektrizitätswerke.

Auch wenn die erneuerbare Energie sich auf Basis des von Deutschland erstellten Plans mit der höchsten erlaubten Wachstumsrate ausbreitet, wird diese dennoch nur circa 63 TWh der Gesamtmenge abdecken. Wasserkraft, Erdwärme und Bioenergie leiden nicht unter denselben periodisch bedingten Problemen wie Wind- oder Solarenergie, sondern Deutschland hat das zur Verfügung stehende Potential in allen drei Bereichen jedoch bereits nahezu ausgeschöpft.

Das bedeutet, dass der Rest der fehlenden Energie – das sind insgesamt beeindruckende 258 TWh – durch Kohle oder Erdgas aufgefüllt werden muss. Das entspricht dem derzeitigen gesamten Energieverbrauch von Spanien – oder zehn Mal dem von Irland.

Deutschland kann sich dafür entscheiden, diese Lücke mit Kohle oder Gaswerken aufzufüllen. Würde man jedoch vollkommen auf Kohle setzen, würde dies erneut zu Emissionen von 260 Millionen Tonnen CO2 im Jahr führen, während Erdgas alleine 131 Millionen Tonnen Abgase produziert.

Deutschlands Straßenverkehr stößt derzeit circa 156 Millionen Tonnen CO2 aus, bei dem der größte Teil von Fahrzeugen stammt. Aus diesem Grund, sofern das Energiedefizit nicht beinahe vollständig von Erdgaswerken ersetzt wird, könnte Deutschland komplett auf Elektroautos umsteigen, die Abgase würden trotzdem ein Nettowachstum aufweisen.

Image by Dénes Csala
Image by Dénes Csala

Die Grafik weiter oben zeigt ein realistischeres Szenario, in welchem die Hälfte der von den Elektroautos benötigten Elektrizität von neuen Gaswerken gewonnen würde und die andere Hälfte von Kohlebergwerken. Wir haben angenommen, dass sowohl Kohle als auch Erdgas ihre Effizienz um 25 Prozent  steigern würden. In diesem relativ wahrscheinlichen Szenario steigen die tatsächlichen Emissionen im Verkehr um 20 Prozent oder sogar um bis zu 32 Millionen Tonnen CO2 (vergleichbar mit dem jährlichen Emissionsausstoß von Uruguay oder Montana) an.

Wenn Deutschland den Abgasausstoß seiner Fahrzeuge wirklich erheblich reduzieren möchte, müssen die Energie- und Transportrichtlinien ausgeglichen sein. Statt die Energie durch neue Solaranlagen und Windparks abzudecken, sollte Deutschland die stufenweise Abkehr von der Kernenergie verschieben und sich vielleicht lieber auf die Berechnung des Energiebedarfes und die Lagerung von erneuerbarer Energie konzentrieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Elektroauto“ by MikeBird (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Fabian Westerheide über Künstliche Intelligenz

Neural (adapted) (Image by geralt [CC0 Public Domain] via pixabay)

Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelreihe im Vorfeld der Digitalkonferenz EXPLAINED von Microsoft Deutschland. Die Konferenz findet am 23. März 2017 in Berlin statt.


Künstliche Intelligenz (KI) und die Frage, was den Menschen und die Maschine zusammenbringt, treibt den Unternehmer, Venture Capitalist, Autor und Redner Fabian Westerheide um. Nachdem er in verschiedene Unternehmen investierte, ist er seit 2014 Geschäftsführer von Asgard – human VC for AI und leitet die KI-Konferenz Rise of AI. Außerdem ist er Koordinator für Künstliche Intelligenz beim Bundesverband Deutscher Startups. Ich habe mich mit ihm im Vorfeld zur Digitalkonferenz EXPLAINED von Microsoft Deutschland, bei der er als Speaker auftreten wird, zum Interview getroffen.

Was fasziniert Sie an Künstlicher Intelligenz?

Das war ein Prozess. Ich komme vom Land und habe schon immer an Computern herumgebastelt und mich für die Auswirkungen zwischen Mensch und Maschine interessiert. Dann bin ich Unternehmer geworden und habe in insgesamt 35 Firmen investiert, von denen die meisten aus dem Softwarebereich stammen. Irgendwann wusste ich, dass das Thema Künstliche Intelligenz, was mich durch Science-Fiction-Literatur schon seit den Achtzigern beschäftigt hat, endlich greifbar wurde. Mich fasziniert vor allem, dass es so ein komplexes Thema ist und wirtschaftliche, gesellschaftliche, militärische und politische Konsequenzen hat. Es betrifft sowohl Unternehmen als auch den einzelnen Menschen, es betrifft letztlich die ganze Menschheit. Das ist ein Thema, bei dem ich meine ganze Begeisterung für Politik und Gesellschaft einfließen lassen kann. Und ich fühle mich sehr wohl damit, weil es um mehr als Geldverdienen geht. Künstliche Intelligenz kann wirklich die Menschheit verändern – in die eine oder in die andere Richtung.

Was ist der nächste Entwicklungsschritt für die Künstliche Intelligenz?

Die Maschine muss noch besser lernen zu lernen. Das bedeutet, dass sie mit wenige Daten zurecht kommt und mit weniger Transferwissen arbeiten kann. Zum Beispiel kann man derzeit eine KI, die ein bestimmtes Auto fährt, nicht einfach in ein anderes selbstfahrendes Auto verpflanzen. Man kann sie auch nicht benutzen, um mit ihr mit Aktien zu handeln oder ein Flugzeug zu fliegen. Sie ist eigentlich ziemlich idiotisch angelegt und genau auf ihre Hardware programmiert. Innerhalb dieser Grenzen kann sie aber jederzeit weiterlernen. Wir müssen also den Schritt schaffen, dass die Software Hardware-unabhängig wird und Vorwissen aufbauen kann. Vor ein paar Wochen hat Google Deep Mind ein sehr interessantes Paper veröffentlicht, wo sie mit einer KI ein Spiel gespielt haben. Dieselbe KI wurde verwendet, um ein neues Spiel zu lernen. Die KI wurde also deutlich besser, weil sie über das Wissen verfügt, wie man so ein Spiel spielt. Sie konnte es auf ein anderes Spiel übertragen und dadurch besser werden als eine KI, die nur auf dieses eine Spiel hin programmiert wurde.

Ist das der Schritt zwischen einem gut funktionierenden Algorithmus und einem denkenden Wesen? Ich gebe zu, ich scheue mich etwas, diesen Prozess schon als Denken zu bezeichnen. Ich würde eher sagen, es ist eher ein Weiterverarbeiten. Oder fängt das Denken hier schon an?

Das ist schwierig zu sagen, hier fängt eigentlich eher die nächste Diskussion an: Denkt der Mensch wirklich, oder sind wir nicht viel eher hormon- und instinktgetrieben? Wie viel davon ist durch unser Unterbewusstsein bestimmt? Die meisten Menschen treffen Entscheidungen im Bruchteil einer Sekunde. Wir nennen das Bauchgefühl oder Instinkt. Eigentlich ist es aber eine Erfahrungskurve. Wir brechen unsere Erfahrungen herunter und denken nicht darüber nach, sondern handeln. So ist es bei der Maschine auch. Sie können noch nicht auf 20 Jahre Berufserfahrung zurückgreifen oder auf eine jahrelange Erziehung. Wir als Menschen hingegen haben ungeheuer viel Input verarbeitet und sind biologisch dafür ausgelegt, alles abzuspeichern. Seit es im Jahr 2012 den großen Durchbruch mit den neuronalen Netzen gegeben hat, haben die Maschinen auch ein Kurzzeitgedächtnis. Was noch fehlt ist ein Langzeitgedächtnis und das Abstraktionslevel. Und genau das passiert gerade: Wir bauen Schritt für Schritt ein kollektives Gedächtnis auf, eine Art Schwarmintelligenz. Wir müssen also noch nicht einmal eine menschenähnliche KI haben, um zu erreichen, dass sie denkt, sondern wir brauchen eine KI, die untereinander kommuniziert und kollektiv Wissen verarbeitet. Wenn ein Auto beispielsweise einen fatalen Fehler macht, wie es bei dem Tesla-Unfall mit dem LKW geschehen ist, dann passiert ihm das ein einziges Mal. Seit diesem Vorfall können alle hunderttausende Teslas da draußen LKWs erkennnen. Das ist eine Intelligenzleistung, die mehr schafft als ein einzelner Mensch.

Image by Fabian Westerheide
Image by Fabian Westerheide

Wir müssen die KI also nicht nur schulen, sondern auch erziehen?

Genau das. Der Hirnforscher Danko Nikolic sagt, wir brauchen einen KI-Kindergarten, eine Art DNA für künstliche Intelligenz. Ich finde diese These sehr interessant. Wir müssen es schaffen, diese Lernalgorithmen einer KI beizubringen. Sie muss lernen zu lernen, damit sie weiß, wie man selbst Wissen generiert. Das können wir Menschen besonders gut. Die KI kann das noch nicht, also wird der Durchbruch im Lernalgorithmus die nächste Stufe sein. Dann muss man sie trainieren, ausbilden und erziehen, wie man Kinder erzieht. Wenn das passiert, wird das, was wir jetzt haben, schneller und auch deutlich interessanter. Eine KI hat noch keine Eigenmotivation, ich weiß aber, dass Teams bereits daran arbeiten.

Welche Jobs sind bisher immer noch nicht vollständig durch Maschinen ersetzbar? Wo geht hier die Entwicklung hin?

Momentan sind es zwei: Menschen und Komplexität. Wir sind Menschen und wollen deshalb natürlich weiterhin menschliche Interaktion. Ich behaupte, dass ‚Made by Humans‘ irgendwann bei Produkten ein Qualitätsmerkmal sein wird, für das die Leute mehr bezahlen werden. Bei der Interaktion kann es zu einer Mischung kommen: In der Pflege werden wir Pflegeroboter haben, die uns beispielsweise dabei helfen, den schweren alten Mann zu wenden, aber die menschliche Komponente muss erhalten bleiben. Eine KI nimmt dich nicht in den Arm, sie kann aber konkrete Ergebnisse liefern. Das dauert wohl aber noch gut 10 bis 15 Jahre. Eine KI kann erkennen, wie Prozesse am besten durchzuführen sind, aber bei emotionaler Intelligenz muss sie eben passen. Wir brauchen keinen menschlichen Maler, aber einen menschlichen Innenarchitekten. Je einfacher der Job ist, desto eher können wir ihn durch die Maschinen erledigen lassen. Sie hat aber noch immer ein Problem mit der Motorik, das haben wir noch nicht gelöst. Softwaretechnisch hingegen ist sie uns natürlich haushoch überlegen, jeder Taschenrechner kann besser rechnen als du und ich.

Wir müssen der KI auch Kontext beibringen, damit sie uns wirklich helfen kann.

Bei Service-KIs funktioniert das sogar schon. Die KI kann erkennen, ob der Kunde gut oder schlecht gelaunt ist, ob er etwas umtauschen will und ob sie ihm noch mehr Angebote machen soll oder nicht. Das würde ich schon als Kontext bezeichnen. Jeder, der schon einmal Kundensupport gemacht hat, wird das kennen – man muss Zweideutigkeit erkennen und das kriegen schon wir Menschen manchmal nicht ordentlich hin. Wie wollen wir da erwarten, dass die KI es besser macht? Der erste Schritt ist also: Sie muss lernen, es zumindest schon einmal besser zu machen als der Schlechteste von uns.

Wenn man manche Artikel liest, werden die Maschinen oft sehr dystopisch als unser Untergang beschrieben, sowohl gesellschaftlich als auch arbeitstechnisch. Wie gehen Sie mit dieser Angst der Menschen um?

Ich erlebe es ab und zu, dass die Menschen bei einem gewissen Level fast schon technologiefeindlich sind und regelrecht Angst vor der KI haben. Aber ich finde, dass Probleme wie die globale Erwärmung, der Terrorismus oder auch nur zu viel Zucker im Blut viel gefährlicher für die Menschheit sind. Wir sollten wirklich versuchen, etwas unaufgeregter an das Thema KI heranzugehen. Ja, die Digitalisierung frisst eine Menge Jobs. Aber das ist doch super! Niemand muss mehr langweilige Jobs machen, wir haben viel mehr freie Zeit. Wir können die KI benutzen, um in unserer Tätigkeit noch produktiver zu sein. Wir können so sogar mehr Jobs nach Europa holen, weil es günstiger und effektiver ist, die Handgriffe an eine KI outzusourcen als an irgendwelche ausgebeuteten Clickworker in Indien. Das Ganze bringt einen enormen strukturellen Wandel mit sich, weil wir uns von der Industriegesellschaft zur Servicegesellschaft und auch zu einer Wissensgesellschaft wandeln.

Die Großkonzerne von heute haben bereits begriffen, dass sie sich entwickeln müssen, sie tun sich damit aber noch etwas schwer. Das sind reine Industrieunternehmen, die aus einer ganz anderen Hierarchie und einer anderen kulturellen Epoche kommen. Künstliche Intelligenz ist hier nur die Spitze des Eisberges, denn unsere Industrie ist nicht für digitale Umbrüche gerüstet. Wir sind an dieser Stelle in kultureller Hinsicht noch komplett falsch aufgestellt.

Wie steht es um die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz in Deutschland?

Das deutsche Problem daran ist, dass wir mal wieder den Trend verschlafen. Es gibt kaum KI-Unternehmen hierzulande – wir sind eher auf den abgeschlagenen Plätzen zu finden. Im Moment sind die US-amerikanischen KI-Unternehmen besser finanziert und es gibt viel mehr Firmen als hier, obwohl der Markt nicht so groß ist wie unserer. Es geht auch nicht darum, noch etwas zu entwickeln, dass uns unser Essen schneller liefert, sondern darum, dass uns eine strategische Entwicklung entgeht. Wir brauchen endlich mehr Forschung, mehr Kapital und mehr Unternehmen in Deutschland und Europa, um eine strategisches, wirtschaftliches und politisches Gegengewicht herstellen zu können. Nur dann können wir auf Augenhöhe miteinaner verhandeln.


Image (adpated) „Neural“ by geralt (CC0 Public Domain)


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Warum Deutschland dringend mehr Tech-Coaches braucht

cloud-computing (adapted) (Image by wynpnt [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Was ist eine Cloud? Wie speichere ich eine PDF-Datei aus dem Internet? Was ist ein Gigabyte? Für Menschen, die sich tagtäglich im Internet bewegen und mit digitalen Prozessen arbeiten, scheinen diese Fragen absolut lächerlich. Doch viele Menschen in Deutschland tun sich mit der Digitalisierung immer noch sehr schwer.

Technologie: Die große Unbekannte

Auch wenn die meisten Deutschen Computer und Smartphones nutzen, verstehen nur wenige wirklich alle Funktionsweisen und noch weniger interessieren sich dafür. Das kam unter anderem bei einer gemeinsamen Umfrage des Versicherungsunternehmens Gothaer und dem Marktforschungsinstitut forsa heraus.

Das Problem dabei: Die Entwicklung in der digitalen Welt geht rasant weiter, während immer mehr Nutzer nicht hinterherkommen. So wird die Schere zwischen technologischen Neuerungen und Verbrauchern, die diese nicht verstehen, immer größer. Christopher Krause ist wohl einer der ersten, der dieses Problem erkannt hat – und Menschen seine Hilfe anbietet.

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Christopher Krause; Image by Miesh Photography

Als Tech-Life-Coach hilft Krause im US-Bundesstaat Utah Privatpersonen sowie Unternehmen dabei, die digitale Welt zu verstehen. Der Bedarf dafür ist überraschenderweise auch in den USA riesig, erklärt Krause im Gespräch mit den Netzpiloten. „Es ist wirklich ein Irrtum, zu glauben, hierzulande seien die Menschen technikaffiner als anderswo auf der Welt. Ich bekomme täglich Hunderte von Fragen von 20-Jährigen sowie von 60-Jährigen.“

Auch seine Erfahrung ist: Die Menschen nutzen moderne Technologien, verstehen sie aber nur teilweise. „Menschen haben Smartphones, wissen aber nicht, wie sie Applikationen darauf nutzen sollen. Andere verstehen nicht, dass man einen Bluetooth-Lautsprecher nicht per Kabel anschließen muss.

Tech-Firmen haben ein Kommunikationsproblem

Aus seiner eigenen Technologie-Begeisterung hat der gelernte Fotograf so seit 2008 ein zweites berufliches Standbein aufgebaut. Auch wenn sein Service 100 Dollar pro Stunde kostet, kann er sich vor Nachfragen kaum retten. In Utah ist er mittlerweile DER Tech-Coach und hat beim Fernsehsender ABC 4 ein wöchentliches Technologie-Segment, „Tech Time Tuesday“, in dem er Zuschauerfragen beantwortet.

Seine Erläuterungen sind dabei so klar und simpel wie möglich. Das kommt besonders an, hat Krause festgestellt. „Gerade Menschen, die viel in der Tech-Welt unterwegs sind, leben in einer Bubble. Sie vergessen schnell, dass andere Menschen unsere Fachsprache gar nicht verstehen. Das ist wirklich wie eine Fremdsprache. Deswegen setze ich immer ganz unten an und gehe davon aus, dass mein Gegenüber wirklich keine Ahnung hat. So kann man sich Schritt für Schritt vorarbeiten und auch komplizierte Prozesse verständlich machen.“ Das große Unwissen um technologische Prozesse hat er dabei nicht nur im überwiegend ländlichen Utah, sondern auch in Technologie-Zentren wie Kalifornien oder New York City beobachtet.

Mittlerweile kommen sogar große Technologieunternehmen auf ihn zu und bitten um Hilfe. Denn auch sie haben erkannt, dass sie ein Kommunikationsproblem haben. Sie entwickeln ausgefeilte Produkte, die aber viele Verbraucher völlig überfordern. Sie hoffen deshalb darauf, dass Krause ihnen dabei helfen kann, diese Kommunikationslücke zu schließen. Obwohl es also, laut Krause, einen großen Markt für Technologie-Erklärbären wie ihn gibt, kennt er in den USA gerade mal eine Handvoll anderer Tech-Coaches.

Tech-Coaches in Deutschland? Fehlanzeige

Auch in Deutschland ist das Konzept bislang nahezu unbekannt. Wer sich im Netz umschaut, findet zwar Technologieexperten, diese beraten aber eher Startups oder große Konzerne bei ihrer IT-Strategie. Sie arbeiten nicht mit Privatpersonen oder kleinen Firmen, um ihnen zu erklären, wie sie Dateien von ihrem USB-Stick auf der Festplatte speichern können.

Ein solcher Technologiexperte ist Arndt Schwaiger. Er hilft Unternehmen und Startups beim Planen und Umsetzen von digitalen Geschäftskonzepten. Als Tech-Coach würde er sich selbst wahrscheinlich nur am Rande bezeichnen. Auch wenn ein Teil seiner Arbeit darin besteht, Mitarbeitern moderne Technologien zu erklären. Der mehrfache Gründer spricht über sich vielmehr als „Lead-Coach für digitale Geschäftsmodelle“. Sein Fokus liegt also darin, Unternehmen mit seinem Expertenwissen im Bereich mobile Technologien und Onlinemarketing beim Aufstellen eines Businessplans oder eines IT-Marschplans zu helfen. Doch selbst als jemand, der Menschen Technologie von der Geschäftsseite her näher bringt, hat er in Deutschland etwa ähnliches festgestellt wie Christopher Krause in den USA. 

Arndt Schwaiger
Arndt Schwaiger; Image by Frank R. Gutacker

Es herrscht ein gewisses Misstrauen gegenüber der Digitalisierung, vor allem gegenüber neuen agilen Prozessen – und das häufig aus Unwissen heraus. So hat Schwaiger bei seiner Arbeit erlebt, dass sich manche, vor allem ältere Mitarbeiter vor neuen Technologien und den damit verbundenen Änderungen in ihrer Arbeit scheuen: „Manche sperren sich dagegen, weil sie fürchten, sie seien zu alt, um die Technik zu verstehen. Andere wiederum sind skeptisch, weil sie Angst haben, dass ihr Job durch eine Software ersetzt werden könnte.“ Obwohl Schwaiger also kein reiner Tech-Coach ist, besteht ein guter Teil seiner Arbeit ebenfalls darin, Menschen technologische Grundkonzepte wie die Cloud oder ein Business-Konferenz-Tool wie Slack zu erklären.

Dennoch ist es natürlich so, dass Schwaiger seine Erklärungen auf einer viel abstrakteren Ebene ansetzt als Christopher Krause. Den Beruf Tech-Coach an sich scheint es also in Deutschland bisher – zumindest offiziell – nicht in dieser Form zu geben. Das liegt sicher nicht daran, dass es weniger Bedarf gibt als in den USA, sondern wahrscheinlich einfach daran, dass sich dieser Job in Deutschland bislang noch nicht etablieren konnte.

Angesichts von Berichten, die zeigen, dass Deutschland in vielen Bereichen der Digitalisierung europäisches Schlusslicht ist, ist das bedenklich. Es könnte sicherlich nicht schaden, auch in Deutschland mehr Tech-Coaches wie Christopher Krause zu haben. Krause selbst scheint das allerdings nicht allzu tragisch zu finden: „Das Gute an diesem Beruf ist ja, dass man ihn von überall ausüben kann, per Skype, per E-Mail oder indem man über eine Software auf den Computer einer Person zugreift. So kann ich theoretisch nicht nur Kunden hier in Utah helfen, sondern auch in New York, England – und sogar in Deutschland!“


Image (adapted) „cloud-computing“ by wynpnt (CC0 Public Domain)


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  • RECHT heise: EU-Parlamentsausschuss billigt Verbot anonymer Online-Zahlungen: Der Innenausschuss (LIBE) und der Wirtschafts- und Finanzausschuss (ECON) im Europäischen Parlament haben dem Entwurf für die 5. Anti-Geldwäsche-Richtlinie zugestimmt, laut dem unter anderem anonyme Online-Zahlungen innerhalb der Europäischen Union verboten werden sollen. Die Grenze bei Transaktionen mit anonymen Prepaid-Karten wird auf 150 Euro herabgesetzt. Überdies müssen alle Transaktionsdaten bei Finanzdienstleistern mindestens fünf Jahre gespeichert werden. In den Ausschüssen wurde ein Änderungsantrag abgelehnt, mit dem die Höchstgrenze von 250 Euro bei Prepaid-POS beibehalten werde sollte. In einem nächsten Schritt wird das Parlament abschließend im Europäischen Rat mit den Mitgliedsländern verhandeln.

  • BUZZWORD t3n: Digitale Transformation erfordert einen Paradigmenwechsel: Unter dem Begriff Digitale Transformation, der häufig auch mit Digitaler Business Transformation gleichgesetzt wird, versteht man die Wandlung eines Unternehmens und der vorherrschend noch analogen Tools und Prozesse hin zu einer weitestgehend digitalisierten Abwicklung durch Nutzung modernster Technologien, wobei dieser Shift zum Teil massive strukturelle, prozessseitige- und auch mitarbeiterrelevante Auswirkungen haben wird und demnach aus drei Hauptkomponenten besteht: IT-Infrastruktur, Prozesse und Mitarbeiter. Diese Komponenten können auf zwei Bestandteile reduziert werden, da Mitarbeiter und Prozesse sehr eng miteinander verknüpft sind.< p>

  • APP Welt: Die Zeit der App ist vorbei – außer in Deutschland: Die App-Nutzung in Deutschland hat von Januar 2014 bis Dezember 2016 um 13 Prozent zugelegt. Das geht aus einer Erhebung von Adobe Digital Insights hervor, die das Unternehmen im Rahmen des Mobile World Congress (MWC) in Barcelona vorgestellt hat. Deutschland sei damit „Weltmeister in der Mobile-App-Nutzung“, heißt es in der Mitteilung von Adobe. Damit läuft die Entwicklung in Deutschland klar gegen den internationalen Trend: Weltweit ging die Zahl der App-Neuinstallationen der Erhebung zufolge im selben Zeitraum nämlich deutlich zurück.

  • DATA zeit: Internet der Kuscheltiere: Nach Sicherheitslücken bei Hello Barbie und dem umstrittenen Verbot der Puppe Cayla gibt es erneut Aufregung um vernetztes Kinderspielzeug mit Sicherheitsproblemen. Betroffen ist ein Teddy aus der Cloudpets-Reihe, der mit Kindern diskutieren kann. Leider entschied sich der US-Hersteller Spiral Toys dazu, sämtliche Account-Daten in einer offenen MongoDB-Datenbank abzulegen, wie der Sicherheitsforscher Troy Hunt berichtet. MongoDB-Datenbanken werden immer wieder falsch konfiguriert und ermöglichen dann den unbegrenzten Zugriff auf die Daten. Mittlerweile haben Erpresser die ungesicherten Datenbanken als Geschäftsmodell erkannt. Im Falle von Cloudpets fanden sich Daten zu 800.000 Accounts. Außerdem wurden Sprachsamples der Nutzer, in den meisten Fällen also von Kindern, abgelegt. Nach Angaben von Hunt enthält die Datenbank Verweise auf fast 2,2 Millionen solcher Audiodateien.

  • GOOGLE GoogleWatchBlog: Google startet versehentlich neue Plattform für Business-Videokonferenzen: Was wären große Unternehmen ohne Videokonferenzen? Nicht wenige Menschen mit einem Büro-Job befinden sich mittlerweile zu einem großen Teil ihrer Arbeitszeit in Videokonferenzen und nutzen die Möglichkeiten dieser neuen Technologien. Bisher dominiert vor allem Microsoft mit Lync und Skype diesen Markt, aber Google hat diesen Bereich schon vor längerer Zeit für sich selbst entdeckt und greift nun mit einem neuen Angebot an. Meet by Google Hangouts ist seit gestern Online und wurden von Google offensichtlich nur versehentlich angekündigt, denn sowohl die Ankündigung als auch die dazugehörige iOS-App sind wieder verschwunden. Das Angebot selbst steht aber noch offen bzw. es kann zumindest die Webseite besucht werden. Die Webseite erinnert aber weniger an einen Messenger als viel mehr an einen Desktop, den man durchaus den ganzen Tag auf einem großen Bildschirm geöffnet haben könnte.

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Daten und Organe: Warum Spenden nach dem Tod sinnvoll ist

Ehr (adapted) (Image by mcmurryjulie [CC0 Public Domain] via pixabay)

Den meisten Menschen ist bewusst, dass sie ihre Organe spenden können, wenn sie sterben. Das zu tun, ist sehr wichtig: Jeder verstorbene Spender kann damit Leben retten, wenn er seine Organe und sein Gewebe spendet und diese für Transplantationen genutzt werden. Die Unterstützung der Organspende durch die Bevölkerung ist sehr groß – in manchen Ländern beträgt sie mehr als 80 Prozent, auch wenn viele Menschen es noch nicht geschafft haben, sich als Organspender registrieren zu lassen. Aber Organe sind nicht das Einzige, was ihr spenden könnt, wenn ihr tot seid. Wie wäre es mit einer Spende eurer medizinischen Daten?

Daten scheinen nicht auf dieselbe Art wichtig zu sein wie Organe. Menschen brauchen Organe, um am Leben zu bleiben, um nicht für mehrere Stunden am Tag an der Dialyse angeschlossen sein zu müssen. Medizinische Daten sind ebenfalls sehr wertvoll – auch wenn sie nicht unmittelbar jemandem das Leben retten. Warum? Weil medizinische Forschung nicht ohne medizinische Daten erfolgen kann. Ungünstigerweise sind die Behandlungsunterlagen der meisten Menschen nach ihrem Tod für die Forschung nicht zugänglich.

Beispielweise kann Schichtarbeit den Tagesrhythmus stören. Dies wird inzwischen als eine mögliche Ursache für Krebs angesehen. Eine große Kohortenstudie mit bis zu hunderttausenden Individuen könnte uns helfen, verschiedene Aspekte der Schichtarbeit zu betrachten, inklusive Chronobiologie, Schlafstörungen, Krebsanzeichen und vorzeitigem Altern. Die Ergebnisse einer solchen Studie könnten für die Krebsvorsorge sehr wichtig sein. Aber momentan könnte jede dieser Studien durch die Unmöglichkeit, Daten von Teilnehmern einzusehen und zu analysieren, wenn diese gestorben sind, lahmgelegt werden.

Datenrechte

Während ihrer Lebenszeit haben Menschen bestimmte Rechte, die es ihnen ermöglichen, zu kontrollieren, was mit den sie betreffenden Daten geschieht. Beispielsweise können wir kontrollieren, ob unsere Telefonnummern und Adressen öffentlich zugänglich sind. Wir können Kopien der Daten erfragen, die bei jeglichen öffentlichen Körperschaften von uns gespeichert sind und kontrollieren, was Facebook über uns anzeigt. Wenn wir tot sind, können wir dies alles natürlich nicht mehr. Die Kontrolle unserer digitalen Identität nach dem Tod ist ein kontroverses Thema. Beispielsweise können Familien oftmals nicht auf die iTunes-Käufe oder auf die Facebookseite eines verstorbenen Verwandten zugreifen, um anzuzeigen, dass er oder sie verstorben ist.

Sobald es um medizinische Aufzeichnungen geht, wird es noch komplizierter. Während sie am Leben sind, stimmen viele Menschen einer Teilnahme an medizinischer Forschung zu, sei es ein klinischer Versuch mit einem neuen Medikament oder eine Längsschnittstudie mit medizinischen Aufzeichnungen. Ohne ihre Einwilligungserklärung kann eine Studie normalerweise nicht stattfinden. Medizinische Vertraulichkeit wird allgemein als extrem wichtig angesehen und kann nur durch die Zustimmung des Patienten aufgehoben werden.

In den meisten Rechtsprechungen gilt dies auch, wenn eine Person tot ist – mit dem zusätzlichen Problem, dass von ihr zu diesem Zeitpunkt keine Zustimmung mehr eingeholt werden kann. Aber es wäre falsch, anzunehmen, dass jeder eine solche strenge Datenvertraulichkeit über den Tod hinaus wünscht. Genau wie im Leben würden manche Menschen ihre Daten der medizinischen Forschung zur Verfügung stellen, um neue Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln, die Menschenleben retten könnten.

In Anerkennung dieser Tatsache wurde Forschern in einigen Ländern gestattet, die Daten verstorbener Personen zu nutzen. In Großbritannien werden Behandlungsunterlagen nach dem Tod des Patienten für 100 Jahre als vertrauliche Verschlusssache behandelt. Man kann jedoch die Erlaubnis des Public Records Office einholen, um die Daten des Verstorbenen für die Forschung zu nutzen.

Allerdings hat das Vereinigte Königreich eines der tolerantesten Systeme weltweit, wenn es um die Datennutzung nach dem Tod geht. Im Gegensatz dazu müssen deutsche Forscher einige Hürden meistern. Erstens müssen sie nachweisen, dass das Recht des Einzelnen auf Privatsphäre weniger wichtig ist als der potentielle gesellschaftliche Nutzen durch die Studie – was schwierig zu beweisen ist, da kein Forscher vor Durchführung einer Studie weiß, was deren letztendlicher Nutzen sein wird. Zweitens müssen sie immer, wenn es machbar ist, anonymisierte Daten nutzen. Das heißt, viele wertvolle Hintergrundinformationen über Patienten könnten nicht verfügbar sein, weil alle potenziell identifizierenden Daten entfernt wurden. Drittens müssen die Forscher belegen, dass es keinen anderen Weg gibt, um die Forschungsfrage zu beantworten. Und viertens müssen sie nachweisen, dass die Person nicht um ihre Zustimmung gebeten werden konnte.

In den USA werden Forscher dazu ermutigt, Daten nach dem America COMPETES Act zu teilen. Aber dieses Gesetz bezieht sich auf Daten, die bereits von Forschern genutzt werden, statt ihnen Zugang zu den Behandlungsunterlagen Verstorbener zu geben, welche im Normalfall nach dem Tod vertraulich bleiben.

Unser Vorschlag

Die Forscher müssen sich hier mit riesigen Hürden auseinandersetzen. Auch wenn sie diese irgendwann überwinden können, wird in jedem Fall Zeit und Geld verschwendet. Wäre es nicht einfacher, wenn die Menschen sich als Datenspender melden könnten, genau wie sie sich als Organspender registrieren lassen können? Auf diese Weise läge den Forschern die Zustimmung vor, die Daten postum zu nutzen. Leider gibt es nirgendwo ein existierendes System, um das auch zu leisten.

Als Forscher für Medizin und Ethik empfinden wir die Regelungen, die den Datenaustausch in einigen Ländern abdecken, als unangemessen. Wir meinen, dass Länder nationale Datenbanken von Datenspendern einrichten sollten, die von Patienten genutzt werden könnten, um zu kontrollieren, wie ihre medizinischen Daten genutzt und geteilt werden. Die Patienten sollten mit diesen Datenbanken aber auch die Möglichkeit haben, anzuzeigen, ob sie eine weitere Verwendung ihrer Daten nach dem Tod wünschen.

Die Menschen sollten angeben können, mit welcher Art Projekten sie ihre Daten teilen wollen, welche Teile ihrer Behandlungsunterlagen sie zur Verfügung stellen, und ob sie bereit sind, Daten auch nichtanonymisiert bereitzustellen. Sie sollten ebenfalls eine „allgemeine Zustimmung“ zur zukünftigen Datennutzung erteilen können, wenn sie das möchten. Eine Datenspende nach dem Tod sollte diskutiert werden, um zu vermeiden, dass die Daten mit den Patienten sterben, was wiederum zu weiteren Todesfällen führt, denn es behindert die medizinische Forschung.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Ehr“ by mcmurryjulie (CC0 Public Domain)


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#BorninBonn – Über die Wiederbelebung des Bonner Geistes in Zeiten der 140-Zeichen-Agitation

cell-phone (adapted) (Image by Unsplash [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Hinter den Brandreden und nationalistisch durchtränkten Reden von Björn Höcke steckt eine perfide Methode. Es geht nicht nur darum, rechte Gedankenbilder in den politischen Diskurs einzuführen, ohne sich juristisch angreifbar zu machen, schreibt die Zeit in einer lesenswerten Analyse: „Das Ziel ist Überwältigung. Systematisch deuten rechtsgerichtete Politiker und Agitatoren zentrale Symbole des freiheitlichen, demokratischen Gemeinwesens Deutschlands um, und der Bürger weiß sich nicht zu wehren. Die Strategie ist es, Begriffe und Bilder des demokratischen Diskurses zu diskreditieren und Demokraten im Wortsinn sprachlos zu machen. Jemand will uns die kollektive Identität rauben, sagt Höcke? Stimmt, Höcke selbst will das.“

Höcke demontiert die bundesdeutsche Erinnerungskultur

Seine Umdeutungsabsichten zielen vor allem auf die bundesdeutsche Erinnerungskultur: „Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz der Hauptstadt gepflanzt hat“, sagte er. In diesem Satz zeige sich die ganze Perfidie der Methode. „Denn wer rechts denkt, weiß ihn zu deuten. Gleichzeitig schob Höcke für alle Empörten am Tag nach der Rede eine persönliche Erklärung nach. Er habe den Holocaust als Schande für ‚unser Volk‘ bezeichnet, dem ‚wir Deutschen‘ ein Denkmal gesetzt hätten“, schreibt Karsten Polke-Majewski.

Die Protagonisten im rechten Spektrum tanzen um einen Kessel mit brauner Suppe und sind bemu?ht, selbst keine braunen Flecken auf ihre Westen und Blusen abzubekommen. „Das gelingt ihnen meistens?—?nur ab und zu steht man?—?wie ju?ngst?—?selbst mitten in der braunen Soße“führt der bildende Künstler Edgar Piel aus.

Die nationalistischen Akteure agieren mit Untergangsformeln und inszenieren sich dabei als die Erlöser. Wer sich dem widersetzt, wird als undeutsches Element und Volksverräter denunziert.

Kampf um Wörter

Diese politische Auseinandersetzung ist ein Kampf mit Wörtern und immer stärker ein Kampf um Wörter?—?in 140 Zeichen. Donald Trump ist dafür der Wegbereiter. Sein Sieg wirkt wie ein Katalysator und beflügelt jene politischen Kräfte, die jetzt ihre Morgenbräune kommen sehen, „ihre vermeintliche Mehrheit abseits der Umfragen und ihre trumphaft unmittelbar bevorstehende Herrschaft zu spüren glauben. Politische Kräfte, die genau deshalb wie Trump in radikaler, nie gekannter Offenheit kommunizieren“so Sascha Lobo in seiner Spiegel Online-Kolumne. Er zitiert die Höcke-Rede in Dresden, die klar macht, auf was wir uns im Bundestagswahlkampf einstellen müssen: Ich weise euch einen langen und entbehrungsreichen Weg, ich weise dieser Partei einen langen und entbehrungsreichen Weg, aber es ist der einzige Weg, der zu einem vollständigen Sieg führt, und dieses Land braucht einen vollständigen Sieg der AfD.“

Wenn ein Geschichtslehrer vom „vollständigen Sieg“ spricht, dann lässt sich ahnen, woher er seine Inspiration bezieht. Das sei kein Zufall mehr, erklärt Lobo.

Angriff auf Symbole

Es ist ein Angriff auf die Symbole und Institutionen der Bundesrepublik Deutschland?—?das ist ein Angriff auf den Geist der Bonner Republik, denn in Bonn sind die Wurzeln des Grundgesetzes, hier tagte der Parlamentarische Rat im Museum König, hier sind in der Nachkriegszeit wichtige Weichen gestellt worden für politische Stabilität in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Bonn stand für das pragmatische Gebot politischer Nüchternheit, geschichtlicher Verantwortung und Weltoffenheit. Hier entwickelten die Mütter und Väter des Grundgesetzes die institutionellen Sicherungen, um Weimarer Verhältnisse zu verhindern. Repräsentative Demokratie, Verhältniswahlrecht, Fünf-Prozent-Klausel, Verhinderung negativer Mehrheiten, föderale Struktur und Interessenausgleich mit den Bundesländern im Bundesrat und das Bundesverfassungsgericht als Korrektiv der Gesetzgebung. Es sei „das beste, demokratischste Deutschland, das wir jemals hatten“, bilanzierte Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Abschiedsrede.

Faktoren für Stabilität

Das Fundament für diese Erfolgsgeschichte wurde in Bonn gelegt. Dieser Geist ist allerdings nicht in Stein gemeißelt. Er muss immer wieder vermittelt werden?—?besonders in der politischen Bildung. In Anlehnung an Thukydides, Aristoteles und Tocqueville benennt der Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis drei Faktoren für politische Stabilität:

  • die Weisheit der Gesetze bzw. die Kraft der Institutionen,
  • die Qualität des politischen Personals
  • und die Tugend der Bürgerinnen und Bürger.

All das muss eine Zivilgesellschaft im Auge haben, um nicht den völkisch gesinnten Agitatoren, die unsere Republik zerstören und umwälzen wollen, die Deutungsmacht zu überlassen. Um das zu erreichen, müssen eben auch Kompetenzen für die Kommunikation in 140 Zeichen angeeignet werden.

#smcbn meets Bundeszentrale für politische Bildung

Das ist muss sich auch in der politischen Bildungsarbeit widerspiegeln, wie die Wissenschaftlerin Sabria David bei der Abendveranstaltung des Social Media Chat Bonn in der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) ausführte: „Politisch Bildung wird immer mehr auch digitale Bildung bedeuten, weil digitale Mechanismen Deutungshoheit setzen.“

BpB-Kommunikationschef Daniel Kraft machte auf die Aktion #BorninBonn aufmerksam, die in diesem Jahr zum 65-jährigen Jubiläum seines Hauses stattfindet. Er erwähnte Professor Carl Christoph Schweitzer, der die Bildungsinstitution gegen massive Widerstände kämpfen aufbaute: „Vor allem sollte die neue Bundeszentrale dabei helfen, den Deutschen die Demokratie nahezubringen. Viele hätten immer noch nicht glauben wollen, dass das Terrorregime und der Holocaust Millionen Menschen das Leben gekostet hatten. ‚In vielen Köpfen galten die Widerständler des 20. Juli weithin als Verräter. Dieser Lüge mussten wir entschieden entgegentreten‘, betont der 92-Jährige im Rückblick.“

Demokratieauftrag aktueller denn je

Sein programmatisches Credo ist aktueller denn je. Letztlich muss mit politischer Bildung klargemacht werden, wie wichtig es ist, den Geist der Bonner Republik mit Leben zu füllen Höcke und Co. wollen ihn beschädigen: Es gehe diesen Akteuren, Gruppierungen und Bewegungen nicht um die Liberalisierung der Öffentlichkeit und folglich auch nicht der Politik, die eigentlich mit den genannten Werten einhergeht. Im Gegenteil: Es geht schlicht um die Propaganda der eigenen Ziele, also um den Versuch, die vermeintlich liberale Hegemonie durch die eigene autoritäre Ideologie zu ersetzen, führt Professor Armin Scholl in einem Beitrag für die Netzdebatte der BpB aus. 

„Ist diese erst einmal durchgesetzt – wie Entwicklungen in UngarnPolen oder der Türkei befürchten lassen – ist Schluss mit Toleranz und Meinungsvielfalt, mit der Repräsentanz von Minderheiten und gleichen Beteiligungschancen für alle politischen Richtungen. Denn diese Werte gelten nicht mehr für den politischen Gegner, sondern nur für die eigene Klientel – solange man sich in der Opposition zu einer illegitimen Regierung und als unterdrückte Mehrheit wähnt.“

Das Notiz-Amt sieht die Bundeszentrale für politische Bildung als wichtige Quelle, den Konsens über die demokratischen Werte der Bundesrepublik bei aller Unterschiedlichkeit der politischen Positionen zu fördern. Der Social Media Chat Bonn könnte in diesem Jahr dafür einige Stationen ansteuern: Museum König, Kanzler Bungalow, Beethovenhalle, Langer Eugen, Bundestag, Wasserwerk, Kanzleramt und einiges mehr.


Image „cell-phone“ Unsplash (CC0 Public Domain)


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Macht das Arbeiten in Startups krank?

Es ist zwei Uhr morgens in Colorado. Sarah Jane Coffrey schreckt hoch und checkt panisch ihre E-Mails. Sie hat Angst, dass sie eine wichtige Nachricht verpasst hat – obwohl sie mal wieder bis in die Nacht gearbeitet hat. Sie ist nicht nur müde, sie ist erschöpft, am Ende ihrer Kräfte. So hatte sie sich das glamouröse Startup-Leben nicht vorgestellt. Rückblickend erinnert sie sich an ihre schlimmsten Momente ihrer ersten Startup-Erfahrung: „Bald fing ich an, bei der Arbeit zwei oder drei Mal die Woche auf der Toilette zu weinen. Es gab zwar manchmal konkrete Gründe für die Tränen, aber meistens weinte ich aus dem starken Gefühl der Überwältigung heraus.“

Wenn der Mythos Startup zu bröckeln beginnt

Das widerspricht eigentlich komplett dem Image der Gründerszene. Denn wohin man schaut, Startups sind der letzte Hype. Gründer sind die neuen Rockstars. Sie sind kreativ, verändern die Welt und durchbrechen festgefahrene Strukturen der Arbeitswelt. Wer möchte nicht in so einem Umfeld arbeiten?

Menschen wollen, dass ihre Arbeit bedeutungsvoll ist. Sie wollen etwas beeinflussen, ihre Talente nutzen, wertgeschätzt werden. Und sie wollen natürlich auch mit ihrer harten Arbeit die Karriereleiter schneller erklimmen als sie das je in einem klassischen Unternehmen könnten.“ So erklärt zumindest Sarah Jane Coffrey im Netzpiloten-Gespräch die Faszination, die die Gründerszene auf viele ausübt. Doch was, wenn dieser Mythos anfängt, zu bröckeln?                                           

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Sarah Jane Coffrey by Sarah Jane Coffrey

Sarah Jane Coffrey ist nicht die einzige, die mit viel Enthusiasmus bei einem Startup zu arbeiten anfing und dann, nach Monaten oder sogar Jahren, in denen 60-Stunden-Wochen die Norm sind, in ein tiefes Loch fällt. Miriam Goos, Neurologin und Gründerin von Stressfighter Experts, einer Burnout-Prävention-Firma, kennt viele solcher Beispiele aus ihrer täglichen Arbeit: „Je höher wir fliegen, desto tiefer können wir fallen“, sagt Goos. Was so poetisch klingt, ist für Betroffene aber alles andere als romantisch. Denn sie leiden meist unter Burnout, Depression, sozialer Vereinsamung – oder allem zusammen. 

Gerade Gründer haben nach Meinung von Goos diese große Fallhöhe. „Anders als Angestellte in einem langweiligen Bürojob, um es mal ganz platt zu sagen, wissen Gründer sehr genau, warum sie arbeiten. Sie verwirklichen ihre eigenen Ideen und oft steckt natürlich auch noch viel Eigenkapital im Startup. Da ist die Motivation natürlich sehr hoch“, erklärt Goos gegenüber den Netzpiloten.

Hohe Ideale, große Ziele und persönliche Investitionen sind natürlich riesige Antriebe, um voll durchzupowern. Das wäre an und für sich etwas sehr Positives. Problematisch wird es aber dann, wenn diese hohen Erwartungen nicht erfüllt werden. Gerade bei Startups, wo vieles noch im Anfangsstadium ist und Gründer sich selbst unter sehr viel Zeit- und Gelddruck setzen, können diese Erwartungen schnell enttäuscht werden. Die Folge: Burnout.

Wie eine Sucht

Deshalb vergleicht Miriam Goos die Vorgänge von Burnout im Gehirn durchaus mit einem Suchtverhalten. „Wenn Gründer ihre ersten Ideen umsetzen und Erfolge haben, wird das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert und es kommt zur Dopaminausschüttung. Dieses Glücksgefühl macht süchtig und ist so stark, dass Gründer weitermachen. Wenn dann aber die Stimuli überraschend ausbleiben, weil etwa der gewünschte Umsatz oder ein bestimmtes Ziel nicht erreicht wurden, sinkt die Dopaminkonzentration stark ab. Man fällt in ein Loch. Daraus entsteht eine Unsicherheit und auch Angst vor dem ausbleibenden Erfolg, das Immunsystem leidet und auch die emotionale Stabilität und die geistige Leistungsfähigkeit sinken ab.“

Nicht selten führt das bei Gründern tatsächlich auch zu Drogenkonsum. Vor allem Drogen, die die Performance steigern, seien bei Gründern beliebt, sagt Goos. Sarah Jane Coffrey hat in der Startup-Szene in Denver vor allem exzessiven Alkoholkonsum erlebt. Der eine oder andere Drink nach der Arbeit sei sicher okay, doch die Trinkkultur, die sie erlebt hat, deute darauf hin, dass man mit Alkohol tiefere Probleme kaschiere, sagt Coffrey: „Wenn das Team sich regelmäßig betrinkt und das Dampf ablassen nennt, weil alle kontinuierlich Überstunden schieben, dann ist das kein Stressventil, dann ist das ein Zeichen dafür, dass etwas gewaltig kaputt ist.“

Tabu-Thema Burnout in der Gründerszene

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Miriam Goos by Philipp Goos

Goos ist überzeugt davon, dass die Erlebnisse von Coffrey auch auf Deutschland zutreffen, auch wenn das Thema „Drogenproblematik“ in der Startup-Szene hierzulande noch absolut Tabu ist. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass es zum Beispiel noch nicht mal eine offizielle Anlaufstelle für Gründer gibt, die über Probleme wie Stress oder Burnout sprechen möchten.

Dabei wäre es wichtig, die Burnout-Symptome früh zu erkennen. Zu Miriam Goos kommen die meisten Kunden erst, wenn sie am Ende sind. Sie leiden unter Schlaflosigkeit, hohem Blutdruck, ernähren sich mangelhaft, arbeiten ohne Unterlass und gehen dabei sehr hart mit sich selbst ins Gericht. Die meisten ihrer Klienten beschweren sich aber darüber, dass sie nicht abschalten können. „Sie haben eine ständige Autobahnfahrt ihrer Gedanken im Gehirn und müssen erstmal lernen, das Tempo wieder herauszunehmen. Ich nehme sie dann zum Beispiel mit zu einem Spaziergang und dann üben wir bewusst ganz, ganz langsames Gehen. Das allein schon fällt den meisten unglaublich schwer.“

Leider wird diese „Always-On-Mentalität“ selten als etwas Problematisches erkannt, sagt Coffrey: „Was das Ganze noch schlimmer macht ist ja gerade die Tendenz dazu, diesen sehr intensiven Lebensstil als etwas Glamouröses darzustellen. Ich zucke jedes Mal zusammen, wenn ich einen Tweet über die Arbeit um drei Uhr morgens mit dem Hashtag #startuplife sehe. Das ist doch nicht sexy, das ist  sehr traurig.“

Coffrey selbst hat ebenfalls lange gebraucht, um sich einzugestehen, dass ein solches Leben ungesund ist. Mittlerweile arbeitet sie bei Reboot, einem Unternehmen, das Startups coacht. Doch der Prozess der Selbsterkenntnis ist lang und schwierig. Daher wäre es wichtig, die Anzeichen von Burnout in Startups nicht zu verherrlichen oder zu ignorieren, sondern offen zu diskutieren.

„Manchmal reichen auch 80 Prozent“

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Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert by Jennifer Fey

In Deutschland trauen sich mittlerweile, wenn auch noch sehr vereinzelt, die ersten Gründer, offen über die Schattenseiten von Startups zu sprechen. Dazu gehört auch Nora-Vanessa Wohlert, Mitgründerin des Webmagazins Edition F. Im ersten Unternehmensjahr versuchten sie und ihre Geschäftspartnerin Susann Hoffmann ein tolles Magazin auf die Beine zu stellen, ein kleines Team zu leiten, eine Unternehmenskultur aufzubauen und Investoren zu finden – und all das natürlich auf einmal. „Die Wahrheit ist: Gründen ist herausfordernd. Immer wieder kommen Zweifel. Ängste. Harte Entscheidungen. Die Sorge um das Geld. Die Sorge um den Erfolg. Erwartungen. Zeitmangel“, schreibt Wohlert über ihre eigene Erkenntnis, dass das Startup-Leben nicht immer so glamourös ist, wie es klingt. 

Etwa ein Jahr ging das so, bis Wohlert klar wurde, dass sie so nicht mehr weitermachen wollte: „Ich hatte in dem Jahr keinen Urlaub, habe mir kein Gehalt gezahlt und mir selbst auch einfach nichts gegönnt. Ich habe mir zum Beispiel in eineinhalb Jahren wirklich gar nichts für mich selbst gekauft“, erinnert sie sich im Gespräch mit den Netzpiloten. Erst als ein Unbekannter sie bei Facebook fragt, wann sie anfangen würde zu leben statt zu arbeiten, macht es Klick bei Nora-Vanessa Wohlert.

Sie hatte die Warnungen ihres Umfelds größtenteils ignoriert, sich selbst nie eine Pause gegönnt und sich selbst auch nie die Zeit genommen, sich zu den vielen kleinen und großen Erfolgen als Gründerin zu gratulieren. „Ich habe zum Glück mittlerweile einen Weg gefunden, mir selbst das Abschalten zu erlauben. Ich habe erkannt, dass ich ersetzbar bin – und dass das eine Entlastung ist. Auch habe ich meinen Perfektionsdrang etwas gedrosselt, manchmal reichen auch 80 Prozent.“ Das scheinen bei Wohlert keine leeren Worthülsen zu sein – sie bereitet sich gerade auf ihren Urlaub nach Thailand vor.


Image „burnout“ by moritz320 (CC0 Public Domain)


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Netzpolitischer Jahresrückblick: Licht und Schatten

Privacy (adapted) (Image by g4ll4is [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Netzpolitisch war das Jahr 2016 ein Jahr mit Höhen und Tiefen. Zwar wurden wieder einmal mehrere neue Überwachungsgesetze verabschiedet. Auch zahlreiche gefährliche neue Forderungen tauchten auf. Neben einigen Rückschlägen und der weiterhin allgegenwärtigen Politik mit der Angst gab es aber auch einige durchaus erfreuliche Entwicklungen zu verzeichnen. In mehreren Bereichen konnten Aktivisten Siege einfahren oder zumindest Schlimmeres verhindern. Daran lässt sich anknüpfen.

Die Politik mit der Terror-Angst hält an

Schon seit Jahren ist es häufig die Bedrohung durch Terroristen, die zur Begründung von Überwachungsmaßnahmen und anderen Einschränkungen individueller Freiheiten, auch, aber nicht nur im Bereich der Telekommunikation, herangezogen wird. Dabei werden Überwachungsmaßnahmen häufig unter dem Eindruck eines gerade geschehenen oder knapp verhinderten Anschlags beschlossen oder ausgeweitet. Zurückgenommen werden sie dann nur in den seltensten Fällen und höchstens auf Anweisung der Gerichte. Dieser permanente Ausnahmezustand mit seinen destruktiven Auswirkungen, diese Politik mit der Angst waren auch 2016 weiter zu beobachten, sei es in Frankreich oder auch in Deutschland.

Es bleibt zu hoffen, dass nicht im Umfeld des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt diejenigen in unserer Politik, die immer drastischere Sicherheitsmaßnahmen auch auf Kosten der Freiheit fordern, weiter an Boden gewinnen. Bislang war die politische Diskussion – von den unvermeidlichen Hardlinern abgesehen – eher bemerkenswert zurückhaltend. Dafür sollten wir dankbar und darauf dürfen wir stolz sein.

Der Terrorismus ist zweifellos eine reale Bedrohung. Er ist aber für uns in Europa keineswegs so gefährlich, wie viele Menschen das aus einer emotionalen Reaktion heraus annehmen. So traurig und schockierend es für Angehörige und Freunde natürlich ist, einen geliebten Menschen bei einem Anschlag zu verlieren – statistisch gesehen ist es nach wie vor ungleich wahrscheinlicher, an Krebs, einem Herzinfarkt, einem Verkehrsunfall oder sogar an einer ganz gewöhnlichen Grippe zu sterben als bei einem Terroranschlag. Allein der Terrorismus aber macht einigen Menschen so heftige, irrationale Angst, dass sie bereit sind, auf Freiheiten, die zu den größten Errungenschaften unserer modernen Gesellschaft zählen, freiwillig zu verzichten. Das aber ist eine falsche, gefährliche Reaktion. Terrorismus ist nur effektiv, wenn wir aus Angst unser Verhalten ändern. Tun wir das also nicht. Hoffen wir, dass die Reaktionen auf Berlin ein (im wahrsten Sinne des Wortes) ermutigendes Signal für die Zukunft sind und nicht bloß die Ruhe vor dem Sturm.

IT-Sicherheit: Wachsamkeit weiterhin erforderlich

Weiterhin ein Thema bleibt natürlich auch die Online-Kriminalität. Nach wie vor achten viele Nutzer, egal ob Privatmenschen oder große Unternehmen, nicht genug auf die Umsetzung von sinnvollen Sicherheitsstandards bei der Nutzung von Computern, Mobilgeräten, dem Internet und den immer zahlreicher werdenden Smart-Devices.

So zeichneten sich auch 2016 einige neue Malware-Trends ab. In der ersten Jahreshälfte war es vor allem der Boom der tot geglaubten Ransomware, der unter Fachleuten für Aufsehen sorgte. Diese Schadsoftware verschlüsselte die Benutzerdaten und forderte für die Herausgabe des Passworts, das die Daten wieder entschlüsseln konnte, erhebliche Geldbeträge.

In den letzten Monaten dann lieferte vor allem das Botnet „Mirai“ spektakuläre Schlagzeilen. Es besteht aus gekaperten Smart-Devices, vor allem Überwachungskameras und digitalen Videorecordern. Experten sind der Ansicht, dass bei diesen Geräten schon lange zu wenig auf Sicherheit geachtet wird. Häufig werden sie mit unsicheren Werkseinstellungen ausgeliefert. Nutzer kümmern sich zu wenig um die Installation von Updates oder eine sichere Konfiguration. So wurde „Mirai“ zu einer schlagkräftigen Bedrohung.

Nach mehreren Attacken auf den US-amerikanischen Journalisten und IT-Sicherheitsforscher Brian Krebs machte Mirai im Herbst durch einen Aufsehen erregenden Angriff auf den US-DNS-Provider DynDNS, in dessen Folge zahlreiche bekannte Websites zeitweise unerreichbar waren, Schlagzeilen. Später wurde mit Hilfe des Botnets eine Reihe von Telekom-Routern attackiert. Diese waren zwar nicht das eigentliche Ziel des Angriffs, wurden aber durch die Wucht der Attacke zum Absturz gebracht. Allein Fehler der Kriminellen verhinderten schlimmere Schäden.

Die Angriffe zeigen, dass es im Bereich der IT-Sicherheit weiterhin viel zu tun gibt. Hysterie ist fehl am Platze, aber in sinnvolle Forschungsarbeit und insbesondere in die Sensibilisierung und Schulung der Nutzer muss unbedingt weiterhin investiert werden.

Verschlüsselung ist auf dem Vormarsch

Ein weiteres großes netzpolitisches und technisches Thema war die Verschlüsselung oder auch Kryptographie. Hier gab es 2016 vor allem positive Entwicklungen zu vermelden. Zwar versuchten einige politische Hardliner nach wie vor, Verschlüsselung zu kriminalisieren oder als Werkzeug von Kriminellen, insbesondere Terroristen, zu diffamieren.

Diesen durchschaubaren Angriffen zum Trotz war 2016 jedoch ein hervorragendes Jahr für Verschlüsselung als wirksamstes Mittel zur digitalen Selbstverteidigung, zum Schutz der eigenen Kommunikation vor Angreifern und Überwachern jeder Art. In den letzten zwölf Monaten führten fast alle Anbieter populärer Instant Messenger, angefangen bei WhatsApp, eine standardmäßige Verschlüsselung ein (der Facebook Messenger ist ein etwas bedauerlicher Sonderfall, der eine Verschlüsselung zwar beherrscht, aber nur nach einem etwas komplizierten Eingreifen der Nutzer zur Verfügung stellt).

Spätestens jetzt ist Kryptographie kein Werkzeug für eine Handvoll von Profis und technisch versierten Nerds mehr, sondern etwas, das alle Menschen nutzen können, vielfach sogar, ohne sich dieser Tatsache bewusst zu sein. Und das ist uneingeschränkt zu begrüßen. Nur mit Hilfe von Verschlüsselung ist in diesen Zeiten eine private Kommunikation über digitale Wege zuverlässig möglich. Eine solche private Kommunikation aber sollte jedem offen stehen, egal, ob es sich bei dieser Person um jemanden mit technischem Wissen handelt oder nicht. Deswegen bieten die Entwicklungen in diesem Bereich Grund zu Freude und Zuversicht. Hoffentlich werden andere Dienste-Anbieter, beispielsweise E-Mail-Provider, im nächsten Jahr nachziehen.

Schwere Zeiten für Whistleblower

Nach wie vor problematisch ist die Situation für diejenigen, die ihre persönliche Freiheit und Sicherheit riskiert haben, um ihre Mitmenschen über Missstände zu informieren. Insbesondere für die US-Whistleblowerin Chelsea Manning, die 2010 zahlreiche Geheimdokumente an WikiLeaks weitergab, war es ein hartes Jahr. Schikanen im Gefängnis und die Weigerung, ihrer Transsexualität Rechnung zu tragen, trieben Manning schließlich in einen Suizid-Versuch. Später trat sie in einen Hungerstreik, um eine Verbesserung ihrer Haftbedingungen durchzusetzen. Damit hatte sie zumindest teilweise Erfolg, doch braucht sie weiterhin unbedingt unsere Solidarität und Unterstützung. Die US-Regierung versucht, an Manning ein Exempel zu statuieren, um andere Whistleblower abzuschrecken. Das dürfen wir, um Mannings wie um unserer Gesellschaft willen, nicht zulassen.

Etwas besser – da er immerhin in Freiheit, wenn auch im russischen Exil, lebt – geht es dem ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden. Der Whistleblower beteiligt sich engagiert an der öffentlichen Debatte über Netzpolitik, IT-Sicherheit und Transparenz. Allerdings bleibt auch seine Situation ungewiss.

Mut für die Zukunft

Netzpolitisch war 2016 ein Jahr mit Höhen und Tiefen. Auch wenn wir einige Rückschläge einstecken mussten, gab es doch auch einige ermutigende Erfolge. Gerade der Siegeszug flächendeckender Verschlüsselung, seit Jahren überfällig und nun auf dem besten Wege, Wirklichkeit zu werden, bietet Grund zum Optimismus. Somit können wir als Netzaktivisten durchaus mit Optimismus und Tatendrang ins nächste Jahr gehen – es gibt bestimmt noch viele Kämpfe auszufechten, aber zumindest einige davon können wir gewinnen.


Image (adapted) „Privacy“ by g4ll4is (CC BY-SA 2.0)


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  • TELEKOM golem: Telekom-Schadsoftware „war schlecht programmiert“: Die Angreifer-Software gegen die Router der Kunden der Deutschen Telekom war nach Angaben des Unternehmens schlecht programmiert – sonst wäre der Schaden noch größer gewesen. Die Schadsoftware „hat nicht funktioniert und hat nicht das getan, was sie hätte tun sollen. Ansonsten wären die Folgen des Angriffs noch viel schlimmer gewesen“, sagte Telekom-Sprecher Georg von Wagner im RBB-Inforadio am 29. November 2016. „Die Zahl der akut betroffenen Router ist von 900.000 dramatisch zurückgegangen, wir gehen davon aus, dass wir heute keine Probleme mehr sehen werden.“

  • CYBER-ATTACK heise: BND-Chef warnt vor russischen Hackern und Internet-Trollen: Der neue Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Bruno Kahl, hat vor dem Wahljahr 2017 vor Daten-Hacks und Desinformations-Kampagnen gewarnt, die aus Russland gesteuert würden. Es gebe „Erkenntnisse, dass Cyber-Angriffe stattfinden, die keinen anderen Sinn haben, als politische Verunsicherung hervorzurufen“, sagte Kahl der Süddetuschen Zeitung im Hinblick ausdrücklich auf russische Internet-Aktivitäten. „Hier wird eine Art von Druck auf den öffentlichen Diskurs und auf die Demokratie ausgeübt, der nicht hinnehmbar ist.“ Die Täter hätten ein Interesse daran, „den demokratischen Prozess als solchen zu delegitimieren. Egal, wem das nachher hilft.“

  • CYBER-MONDAY onvista: Rabattschlacht „Cyber-Monday“ beschert US-Onlinehandel Rekordabsatz: Beim alljährlichen Shopping-Spektakel rund um den US-Feiertag Thanksgiving sind die digitalen Geschäfte weiter auf dem Vormarsch. Der „Cyber Monday“, bei dem mit Online-Rabatten gelockt wird, übertraf die Erwartungen in diesem Jahr deutlich. Nach vorläufigen Schätzungen der Marktforschungsfirma Adobe Digital Insights (ADI) gab die US-Kundschaft am Montag den Rekordwert von 3,39 Milliarden Dollar (3,2 Mrd Euro) im Internet aus. Das entspreche einem Plus von 10,2 Prozent verglichen mit dem Vorjahreszeitraum.

  • AMAZON t3n: Warum der Onlinehändler massiv in Sportrechte investiert: Mit der Übertragung von populären Sportarten will Amazon vor allem neue Kunden für seinen Dienst Amazon Prime anlocken. Basketball, Football und Baseball gehören in den USA zu den Top-Sportrechten. Nach Informationen des „Wall Street Journal“, das in dieser Woche über die Verhandlungen von Amazon mit den großen Ligen NBA (Basketball), NFL (Football) und MLB (Baseball) berichtet hatte, bereitet Amazon ein „exklusives“ Angebot vor. Die Spiele sollen einerseits einzeln verkauft werden, vor allem aber neue Kunden von dem Premiumdienst Prime überzeugen. Die Prime-Mitgliedschaft beinhaltet neben dem Gratisversand von Bestellungen bei dem Onlinehändler auch unbegrenzten Zugriff auf Amazon Video und den Musikdienst Amazon Music.

  • DIGITAL FREEDOM FESTIVAL startstories: Fake News als größte Bedrohung für die Internetfreiheit: Nichts Gutes schwant dem früheren estländischen Staatschef Toomas Hendrik Ilves nach den Erfahrungen mit der US-Wahl, wenn er an die 2017 anstehenden Urnengänge etwa in Deutschland, Tschechien, Frankreich oder Ungarn denkt. „Immer mehr Wahlen geraten unter den Druck autoritärer Regime“, warnte er am Montag auf dem Digital Freedom Festival (DFF) in Riga. Dieser werde spätestens seit 2014 manifest anhand von „Desinformation auf industrieller, staatlich-unterstützter Ebene“ und jüngst in Form von „Fake News“, die sich über soziale Medien rascher verbreiteten als Qualitätsjournalismus.

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Gefährden Altmedien den Digitalstandort Deutschland?

Kaum ist der von der Bundesregierung angekündigte „Digitalpakt“ Gegenstand der (veröffentlichten) öffentlichen Diskussion, schon finden sich die üblichen KulturpessimistInnen und bemühen sich um die altbekannten Gefahrennarrative der Förderung des „Häppchenwissens“ und der digitalen Überforderung der jüngeren Generationen dieses Landes.

Pensionierte Lehrer in einflussreichen Positionen meinen, immer noch auf der Höhe der Pädagogik zu sein, und verbauen mit ihrer Ignoranz gegenüber aktuellen Entwicklungen den Schülerinnen und Schülern die Chancen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt. Die Gewerkschaften möchten sowieso lieber Schul-Klos repariert wissen, obwohl nicht zuletzt die aktuelle Studie der Initiative D21 zum Stand der Digitalisierung in deutschen Schulen große Defizite identifiziert hat.

Rückwärtsgewandtheit der Entscheiderinnen ist ein Problem für Deutschland

Damit fügt sich die aktuelle Debatte in eine lange Kette von Drohszenarien, die digital nicht aktive Menschen, die in Deutschland in EntscheiderInnenpositionen sitzen, gegenüber dem Internet aufbauen. Pokémon Go trackt Jugendliche und erhöht das Risiko, im Straßenverkehr unter die Räder zu kommen. Ein altbekanntes Printmedium spricht vom „Feind in meiner Hand“ und meint das Smartphone. Lehrer können sich in diesem Medium mit der Meinung breitmachen, dass Eltern Schuld an der „Internetsucht“ der Kinder seien.

Das Morgenmagazin von ARD und ZDF stellt die Teilnehmerinnen der Gamescom als der Kindheit verhaftete Deppen dar und warnt vor der – natürlich – übermäßigen Nutzung von Videospielen. Ebenfalls im Morgenmagazin wird vor den Gefahren der VR-Brillen gewarnt („Auswirkungen auf das Gehirn“). Während IBM verkündet, dass IBM-Watson nun auch im Kampf gegen den Krebs helfen wird, warnen deutsche Altmedien vor der Nutzung von Gesundheits-Apps.

Wissen die VertreterInnen der Altmedien eigentlich, was sie mit diesem Kampf gegen das Netz und gegen das Digitale indirekt auch unseren Kindern antun? Kinder und Eltern sind in einer rückwärtsgewandten Meinungs-Bubble gefangen, die sie davon abhält, sich offensiv und frühzeitig mit den Gefahren und den Chancen des Netzes zu befassen. Unsere Kinder werden, wenn sie nicht rechtzeitig digitale Kompetenzen erwerben, von den gleichaltrigen Jugendlichen und Berufsanfängern aus den USA, Asien und Russland übertrumpft.

Wir als Eltern entlassen sie aber auch gleichzeitig ungeschützt in eine Welt, in der es natürlich Risiken und Gefahren gibt; da wir sie aber nicht darauf vorbereitet haben (außer der Strategie: schaltet den PC am besten aus), werden sie unvorbereitet auf die digitale Welt außerhalb von Deutschland treffen.

Beispiel Pokémon Go: Gefahren und Chancen der Augmented Reality

Spätestens seit der Verfilmung der Stephen King-Kurzgeschichte über den Rasenmähermann im Jahr 1992 kann eine breite Masse etwas mit der Idee der Virtual Reality anfangen. Auch wenn eine Umsetzung mittels Brille und Kopfhörer vorerst weit hinter dem angepeilten Ziel der startrekschen Holdecks zurückbleibt, sind in den vergangenen 20 Jahren alle Versuche, einen komfortablen Einstieg zu schaffen, mehr oder weniger grandios gescheitert.

Letztendlich scheint es, als habe es das Jahr 2016 gebraucht – in dem alle technischen Errungenschaften wie Prozessorminiaturisierung, Grafikleistung, Rechenpower zur Erfassung des Raums und die Vorarbeit der Konsolenhersteller mit Sonys Play und Microsofts Move sowie der Druck durch den Occulus-Rift-Kickstarter zusammentrafen – um der Virtual Reality im Konsumentenmarkt zum Durchbruch zu verhelfen. Wobei bei den abgerufenenen Preisen eine schnelle Marktdurchdringung zumindest für das kommende Weihnachtsgeschäft noch fraglich bleibt.

Umso erstaunlicher erscheint es, dass diesem zukunftsträchtigen Vorstoß zumindest in der breiten öffentlichen Wahrnehmung der Rang durch eine weitere visionäre Technik abgelaufen wurde. Der Erfolg des Smartphonespiels Pokémon Go hat der Augmented Reality den Einzug auf die Endgeräte und in die Presse beschert. Der Entwickler Niantic stellte mit dem Spiel Ingress bereits seit Ende 2013 eine Augmented Reality App zur Verfügung. Auch hierbei bewegen sich die Spieler durch den öffentlichen Raum, das Kartenmaterial basiert auf Daten von Google Maps und die Bewegungen der Spieler werden zur Auswertung an die Server des Spiels zurückgemeldet.

Schon Ingress konnte in den vergangenen Jahren eine große und äußerst aktive (vornehmlich erwachsene) Spielergemeinde gewinnen. Der wirkliche Durchbruch erfolgte aber durch die Zusammenführung der Spielprinzipien von Ingress gepaart mit der Pokémon Lizenz von Nintendo.

Seit der Veröffentlichung von Pokémon Go im Juli diesen Jahres sind insbesondere in den Ballungsräumen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene der Aufforderung der Eltern gefolgt, doch endlich mal wieder rauszugehen, und fangen die Taschenmonster mit dem Blick durch die Bildschirme und Kameras ihrer Smartphones. Hierbei werden die Pokémon vom Spiel in die Abbildung der den Spieler umgebenden Realität projiziert.

Eine äußerst erfreuliche Folge des Pokémon-Go-Hypes war die Rückeroberung des öffentlichen Raums durch spielende Menschen aller Altersklassen bis zu Kindern, welche Ihr erstes Smartphone daran ausprobierten. Schon in der Woche vor dem Deutschlandstart aber machten Meldungen aus den USA über Verkehrsunfälle und Überfälle in hiesigen Medien schnell die Runde.

Das Gefährdungspotential für junge Spieler wird bei genauer Betrachtung schnell offensichtlich: Hand in Hand mit dem Austritt der Onlinespieler in die reale Welt erfolgt, zusätzlich zu den Gefahren des Straßenverkehrs, eine Übertragung der virtuellen Risiken. Was eben noch Grooming in einem Chatroom war, kann jetzt schnell eine persönliche Kontaktaufnahme werden. Hierbei ist insbesondere die schnelle Erkennbarkeit der Spieler und das gemeinsame Thema, über welches ein Kontakt hergestellt werden kann, eine nicht zu unterschätzende Komponente.

Panikmache vor Medien hat noch nie etwas gebracht

Die logische Schlussfolgerung kann aber eben nicht mediale Panikmache und pauschalisierte Warnung vor der Nutzung des Spiels sein, sondern muss eine Aufklärung der Spieler über die mit dem Spiel verbundenen Risiken sein – auch wenn die althergebrachten Grundsätze des Jugendschutzes in Bezug auf Medien hierzulande am ehesten in einer Verbotsdebatte gipfeln. Aufbauend auf dem „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften“ von 1926 verfestigte sich die Debatte um eine moralisch-sittliche Gefährdung der Jugend in den 50er-Jahren mit der pädagogisch wie feuilletonistisch vorgetragenen Kritik an Groschenromanen und Comics.

Sie wurde in den folgenden Jahrzehnten auf Videofilme erweitert und gipfelt seit den 80ern in der Diskussion um Computerspiele. Die konsequente Aberkennung des Kunstbegriffs, welcher unabhängig vom Inhalt nur bestimmten Medien vorbehalten bleibt, sagt schon viel über den Stellenwert neuartiger Technologien aus.

In Zeiten, in denen die moralisch-sittliche Verfestigung der Kinder und Jugendlich allenthalben bestritten wird, ist wohl mit deren Bedrohung kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Folglich stürzen sich die Altmedien auf die „reale“ Gefährdung von Kindern, und die Reaktion von Eltern und Pädagogen folgt – wie auch in vorhergehenden Generationen – auf dem Fuße. Unsere Eltern haben Comics und Groschenromane genauso gelesen, wie wir Videofilme sahen und Computerspiele spielten und immer noch spielen. Heute vertreiben sich die Kinder und Jugendlichen die Zeit auf Youtube, in Chaträumen und eben mit Pokémon Go. Und morgen in der Virtual Reality der Spielekonsolen und Augmented Reality der Smartphones.

Die Gründe für den rückwärtsgewandten Blick in deutschen Altmedien sind vielfältig:

  1. Wir leben in dem Land mit der zweitältesten Bevölkerung weltweit. Da kann man keine EntscheiderInnen erwarten, die in der Mehrzahl jünger und innovativer sind.
  2. „Bildung“ ist in Deutschland eine Attitüde, die man vor sich herträgt. Das Buch noch „riechen zu wollen“ und das gefüllte Bücherregal im heimischen Wohnzimmer gelten nach wie vor als Ausdruck von Belesenheit. Wobei dies letztlich auf dem Missverständnis beruht, „digital“ und „Lesen“ würden sich gegenseitig ausschließen.
  3. Ohne vorherige Studien und konsensual abgesegnete Standards wagen wir nichts (s.a. Tesla-Debatte).
  4. Die derzeit in den Schulen befindlichen LehrerInnen gehören vor allem der technikskeptischen Baby-Boomer-Generation an, die in den 1970ern in die Laufbahnen eingetreten ist. Erinnert sich jemand noch an die damalig dominierende Debatte um die sogenannte „Technikfolgenabschätzung“? Auf Basis dieser Sozialisation kann man nicht wirklich Offenheit gegenüber den Internetfirmen des Silicon Valleys erwarten.

Pokémon Go schult die neue Generation

Sollte der Umgang mit neuen Technologien und Inhalten denn nicht besser von der Betrachtung des Potentials (unter Abwägung der Risiken) getragen werden?

Online-Spiele und digitale Tools stellen die Zukunft dar; seien es Google Docs, Keynote Live-Funktion, soziale Medien, Mikro-Blogs, Snapchat oder sonstige Plattformen, auf denen sich Menschen weltweit zusammenfinden. All diesen Plattformen sind einige Merkmale gemein, die für den zukünftigen Arbeitsmarkt von übergeordneter Bedeutung sind:

1. Der Wille zum Teilen muss vorhanden sein. Ohne Teilen kann es keine nachhaltige Interaktion geben.

2. Multilingualität ist Grundvoraussetzung für alle Menschen weltweit, um sich in mehreren Meinungs- und Inhaltesphären ausreichend austauschen zu können.

3. Kommunikationsfähigkeit auf mehreren digitalen Kanälen gleichzeitig ist eine der Grundbedingungen für die Nutzung digitaler Tools und dafür, dass man überhaupt noch auf der Höhe der Zeit in seinem Beruf tätig sein kann.

4. Ohne Teamfähigkeit geht nichts mehr. Als Teammitglied muss man sich jederzeit einordnen können. Dafür kann man aber auch gezielter seine eigenen Kompetenzen einbringen. „Aufgabenteilung“ ist dabei auf gar keinen Fall mit dem altbackenen „Zuständigkeit“ zu verwechseln!

5. Der Spruch „Für die Technik ist mein Kollege zuständig“ funktioniert nicht mehr. Um zu wissen, wie ich zu Ergebnissen gelangen kann, muss ich auch die dahinter stehende Technologie ansatzweise verstehen lernen.

6. Nicht mehr das Alter ist relevant für die eigenen Relevanz, sondern mein Beitrag für das Ganze. Das eröffnet sowohl für Jung als auch Alt, aus dem „Wahrnehmungsfängnis“ und damit seiner durch das Alter selbst zugeschriebenen Rolle auszubrechen.

All diese Kompetenzen zählen wohlgemerkt sowohl für beruflich genutzte Plattformen (wie Google Docs und andere) als auch Spieleplattformen (wie beispielsweise Lol). Wenn wir also die Kinder und Jugendlichen nicht rechtzeitig auf diese digitalisierte Arbeitswelt vorbereiten und stattdessen „Internet“ und “Digital” nur kulturpessimistisch bewerten, entziehen wir unseren Kindern die zukünftige gleichberechtigte Teilhabe am globalisierten Arbeitsmarkt. Daran können wir alle kein Interesse haben.

Die Kinder vorbereiten auf eine Zukunft der Arbeit

Stattdessen sollte man aber vielleicht mal einfach seinen Kindern beim Spielen über die Schulter schauen, um zu verstehen, in welcher Weise digitale Tools und auch Spiele dazu geeignet sind, sie auf eine Zukunft der Arbeit vorzubereiten, mit der sie sich später befassen müssen. Spiele, Apps, Services, Plattformen und der gezielte Blick auf die dahinterstehende Technik sind notwendig, um zu verstehen, in welcher Weise zukünftige Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt und die Art und Weise von Bildung eigentlich schon heute zusammenhängen, ohne dass dieser Blick von den Entscheiderinnen tatsächlich auch erkannt wird.

Kinder haben einen entscheidenden Vorteil im Umgang mit neuen Technologien: sie betrachten diese nicht als „neu“. Sie werden weder von einem Gefühl zurückgehalten, dass es „früher alles besser war“, noch vom Gedanken „Wir leben in der Zukunft“ verunsichert.

Sie stehen mit beiden Beinen in der Gegenwart und es ist unfair, ihnen den Weg in Ihre Zukunft mit den sie begleitenden Technologien zu verbauen. Statt in den Medien der Vergangenheit zu verweilen, sollten wir uns als die wissensvermittelnde Generation viel mehr damit beschäftigen, wie wir die Inhalte mit den Medien der Zukunft transportieren können.


Image “girl” by nastya_gepp (CC BY 2.0)


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Aufregende Zeiten für Edward Snowden

Die Diskussionen um NSA-Whistleblower Edward Snowden sind kürzlich neu aufgeflammt. In das politische und juristische Tauziehen um eine mögliche Aussage Snowdens vor dem deutschen NSA-Untersuchungsausschuss könnte nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs nun neue Bewegung kommen. Derweil wird in den USA über eine mögliche Begnadigung Snowdens diskutiert. US-Präsident Barack Obama lehnte diese aber in einem Interview ab. Auf die Trump-Regierung sollte der Whistleblower auch nicht hoffen: Michael Pompeo, heißer Kandidat für das Amt des CIA-Chefs, will die Todesstrafe für Snowden.

Befragung in Deutschland wird wahrscheinlicher

Einige Mitglieder des NSA-Untersuchungsausschusses, namentlich der als Netzpolitik-Experte bekannte Konstantin von Notz (Bündnis 90/Grüne) sowie Martina Renner (Die Linke) fordern, Edward Snowden eine Aussage vor dem NSA-Untersuchungsausschuss zu ermöglichen. Dieser soll aufdecken, inwieweit die NSA mit ihrer unter anderem durch Snowden aufgedeckten Telekommunikations-Überwachung gegen deutsches Recht verstoßen hat und in welchem Ausmaß die deutschen Geheimdienste sie dabei unterstützt haben. Snowden, so sind von Notz und Renner überzeugt, könnte dazu wichtige Hinweise liefern.

Eine Befragung in Russland, sei es durch eigens angereiste Vertreter des Ausschusses oder per Video-Konferenz, hat Edward Snowden bislang abgelehnt. Um allerdings in Deutschland befragt zu werden, müsste Snowden einerseits eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Der zweite, schwierigere Teil der juristischen Formalitäten beinhaltet, dass dem Whistleblower zudem freies Geleit zugesichert werden müsste: Deutschland müsste sich verpflichten, Snowden nicht an die USA auszuliefern. Damit allerdings könnte sich die Bundesregierung beim mächtigen Bündnispartner unbeliebt machen – wohl einer der Gründe, weswegen die Regierungsparteien bislang zögern, eine Befragung Snowdens voranzutreiben. Ein weiterer ist wohl, dass viele einflussreiche Politiker aus den Regierungsparteien es gar nicht ungern sähen, wenn die Verfehlungen der Geheimdienste nicht allzu gründlich aufgeklärt würden….

Im NSA-Untersuchungsausschuss, so wollen es die Regeln, dürfen auch Minderheiten Anträge stellen. Deswegen haben von Notz und Renner geklagt, als ihr Antrag auf eine Befragung Snowdens nicht bearbeitet wurde. Zu Recht, wie nun der Bundesgerichtshof entschied.  Der Ausschuss ist nun gehalten, die Bundesregierung, wie von von Notz und Renner gefordert, um Amtshilfe in dieser Sache zu ersuchen. Die Regierung muss sich dann um die nötigen Formalitäten kümmern.

All das bedeutet noch nicht, dass Snowden tatsächlich nach Deutschland reisen wird. Es bringt aber zweifellos wieder Bewegung in diese Diskussion. Und ganz sicher hat Snowden in der traditionell starken deutschen Bürgerrechtsbewegung einen erheblichen Rückhalt. Nicht umsonst bieten zahlreiche entsprechend vernetzte Lokalitäten, von Jugendtreffs über Gewerkschafts-Tagungshäuser bis hin zu Hackerspaces, demonstrativ ein Bett für Snowden an.

Obama will Snowden nicht begnadigen

Im eigenen Land allerdings, so sagt es das Sprichwort, gilt der Prophet nichts. Das trifft in gewisser Weise auch auf Edward Snowden zu. Viele US-Bürger sehen in ihm nach wie vor eher einen Verräter als einen mutigen Whistleblower.

Dennoch hat Snowden auch in seinem Heimatland einige entschlossene Unterstützer. Diese fordern von US-Präsident Barack Obama, den Whistleblower zu begnadigen. Der Zeitpunkt wäre günstig: in den letzten Monaten seiner Amtszeit könnte sich Obama, wie viele seiner Amtsvorgänger, berufen sehen, noch etwas ‚für die Geschichtsbücher‘ zu tun.

In einem Interview mit der ARD und dem Spiegel-Magazin sprach sich Obama allerdings gegen eine Begnadigung Snowdens aus. Zwar habe der Whistleblower einige berechtigte Bedenken geäußert, ob das aber für eine Begnadigung reiche, könne er nicht sagen, ohne dass Snowden sich zuvor einer Gerichtsverhandlung stelle. „Ich kann niemanden begnadigen, der nicht von einem Gericht verurteilt wurde. Ich glaube, Herr Snowden hat einige berechtigte Sorgen angesprochen. Wenn Herr Snowden beschließen sollte, sich den Gerichten zu stellen und seine Anwälte ihre Argumente vorbringen, dann werden diese Fragen eine Rolle spielen“, so Obama.

Das klingt eher positiv für den Whistleblower, doch sollte Snowden das Risiko einer Gerichtsverhandlung jetzt ebenso wenig eingehen wie zu früheren Zeitpunkten, wo dies in der Diskussion war. Aber auch wenn Obama Snowden nun zumindest ansatzweise würdigt – die Bilanz seiner Amtszeit spricht in dieser Hinsicht gegen ihn.

In vielen anderen Punkten war Obama zweifellos ein sozialer und fortschrittlicher Präsident. Seine unerbittliche Härte gegen Whistleblower gereicht ihm jedoch nicht zur Ehre. Während seiner achtjährigen Amtszeit wurden mehr Whistleblower unter dem kontroversen Espionage Act von 1917 – der unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs geschaffen wurde, Spionage, Hochverrat und eine Schwächung der US-Streitkräfte ahnden soll und in den Augen vieler Kritiker verfassungswidrig ist – verurteilt als von sämtlichen Vorgänger-Regierungen zusammen.

Alleine die Behandlung der WikiLeaks-Informantin Chelsea Manning, die zu 35 Jahren Haft verurteilt, teilweise in Einzelhaft festgehalten und in anderer Weise drangsaliert wurde und mindestens zweimal versuchte, sich im Gefängnis das Leben zu nehmen, ist eine Schande für die USA und ihre Regierung. Dieser Tatsache sollte sich Snowden bei der Planung seiner nächsten Schritte sehr bewusst sein.

Kandidat für CIA-Vorsitz fordert Todesstrafe für Snowden

In den letzten Monaten kam es zu einer merkwürdigen Querverbindung zwischen den als „Alt Right“ bezeichneten neuen Rechten und Teilen der Whistleblowing-Szene. So mutmaßten viele Kritiker, dass es kein Zufall sei, dass WikiLeaks – dessen Chefredakteur Julian Assange bekanntermaßen keinerlei Sympathien für Hillary Clinton hegt und selbst bisweilen Ansichten ähnlich denen der US-amerikanischen „Libertarians“ äußerte – zwar zahlreiche kompromittierende Dokumente über die Demokraten und Hillary Clinton veröffentlichte, aber keinen einzigen Leak zu Donald Trump.

Wer allerdings gehofft hat, dass diese Allianz in den nächsten Jahren zu einer Chance für Edward Snowden wird, der wird wahrscheinlich enttäuscht. Michael Pompeo, Trumps Parteifreund und sein Favorit für den vakanten Posten des CIA-Vorsitzenden, als Kritiker des Whistleblowers zu bezeichnen, wäre euphemistisch. In einem Interview im vergangenen Februar sagte der Politiker, Snowden sei ein „Verräter“, der sensible Informationen „gestohlen“ habe. Pompeo will Snowden aus Russland zurückholen und ihm in den USA den Prozess machen.

Der von ihm gewünschte Ausgang dieses Prozesses: „Ich denke, der korrekte Ausgang wäre, dass er zum Tode verurteilt würde dafür, dass er Freunde von mir, Freunde von Ihnen, die kürzlich beim Militär gedient haben, extrem gefährdet hat, aufgrund der Informationen, die er gestohlen und anschließend an fremde Mächte weitergegeben hat“.

Von dieser Seite ist für Snowden also wohl keine Unterstützung zu erwarten. Pompeo klingt in dieser Hinsicht ganz wie ein konservativer Hardliner alter Schule. Es bleibt zu hoffen, dass ein Land, in dem Menschen wie er in den nächsten Jahren das Sagen haben werden, Snowden nicht in die Finger bekommt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Für Edward Snowden, das ist deutlich, wird das Leben derzeit nicht ruhiger und entspannter. In den USA ist keine deutliche Veränderung der Stimmung ihm gegenüber abzusehen, und um auf ein Happy End in Deutschland zu hoffen, ist es trotz des ermutigenden Urteils des BGH noch deutlich zu früh.

Allerdings ist Snowden im russischen Exil zwar fern der Heimat, aber nicht ohne Unterstützung. Zahlreiche solidarische Anhänger sorgen sich um sein Wohlergehen. Zudem kann Snowden immerhin die öffentliche Diskussion über die von ihm aufgedeckten Skandale, sowie über Netzpolitik und Datenschutz im allgemeinen, maßgeblich mitgestalten. Vor allem aber ist er (weitgehend) sicher vor Unverbesserlichen wie Michael Pompeo. So bleibt die Hoffnung, dass Snowden und anderen Whistleblowern eines Tages doch noch statt Diffamierungen und Drohungen der Respekt zuteil wird, den sie für ihre mutigen Taten verdienen.


Image “earth” by Unsplash (CC BY 2.0)


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