All posts under offline

Artnight: Das Startup, das Großstädter zum Malen bringt

Aimie_und_David_nah (adapted) (Image by Artnight)

379 Minuten. So viel Zeit verbringen Deutsche im Schnitt pro Tag vor ihren Bildschirmen. Von Fernseher bis Smartphone, von den beruflichen E-Mails bis zum privaten WhatsApp-Chat: Ein großer Teil unseres Lebens spielt sich um einen kleinen eckigen Kasten ab. Da ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass sich Menschen nach mehr Offline-Zeit sehnen, in der sie anderen im echten, physischen Leben begegnen, IRL sozusagen. Offline ist das neue Online. Pfiffige Unternehmen greifen diesen Wunsch auf – und bilden darum ein Geschäftsmodell.

Malen und trinken: Das neue Erfolgsmodell

Eins dieser Unternehmen heißt Artnight, kommt aus Berlin und wurde von Aimie-Sarah Henze und David Neisinger 2016 gegründet. Die beiden Gründer bringen Künstler und malwillige Großstädter in Bars und Restaurants zusammen. Den Abend gemeinsam ausklingen lassen, etwas Künstlerisches selbst schaffen und dabei andere Menschen kennen lernen sind die drei Grundpfeiler von Artnight. Ein Konzept, das ursprünglich aus den USA kommt und dort unter Namen wie „uptown art“, „painting party“ oder „paint & cocktails“ rasch zum Erfolgsschlager wurde. Das Trink-und-Mal-Prinzip ist zum wahren Boom-Business geworden. Das Start-up „Paint Night“ ist sogar auf dem zweiten Platz der Inc. 5000 Liste der am schnellsten wachsenden privaten Unternehmen in den USA.

Artnight ist nun der Versuch, das Modell in Europa einzuführen. Dabei stand allerdings nicht allein die Geschäftsidee im Vordergrund, sondern auch das Liebesleben von Mitgründer David Neisinger. „David ist wirklich sehr romantisch und denkt sich immer etwas Besonderes für seine Dates aus. So ist er auf die Malevents gestoßen und wir fanden die Idee dann so gut, dass wir daraus ein Unternehmen gemacht haben“, erzählt Aimie-Sarah Henze im Gespräch mit den Netzpiloten. Ganz so einfach war die Umsetzung dann aber doch nicht. Denn während die Amerikaner hauptsächlich zusammenkommen, um (viel) zu trinken und sich von einem Entertainer unterhalten zu lassen, haben deutsche Artnight-Besucher einen künstlerischen Anspruch. „Wir haben es am Anfang auch mit einem Unterhalter probiert. Doch wenn es dann hieß, ‚jetzt halten wir alle zusammen den Pinsel in die Höhe‘, fanden das die meisten das sehr merkwürdig“, erinnert sich Henze.

Events sind für Künstler Gold wert

Also wurde umgestellt: Die Events finden immer noch in Bars und Restaurants statt und getrunken wird auch, allerdings steht die Kunst im Vordergrund. Dafür hat Artnight aktuell 47 Künstler rekrutiert und stellt den Teilnehmern hochwertige Materialien zur Verfügung. Der Rest passiert dann von allein, der Spaß entsteht automatisch durch das Zusammensein und das Malen.„Es ist sehr erfüllend zu sehen, wie viel Spaß die Teilnehmer haben und welch schöne Momente durch das gemeinsame Malen entstehen“, sagt Verena Bonath, eine der Künstlerinnen, die seit den Anfängen von Artnight mit dabei ist.

Die Studentin an der Universität der Künste Berlin hatte sich gleich beworben, als sie von Artnight hörte. Denn die Künstler durchlaufen einen Bewerbungsprozess, um die Qualität der Kunstwerke für die Teilnehmer zu garantieren, aber auch, um sicherzugehen, dass sie zum Konzept passen. Genau deswegen wurden schon einige Bewerber abgelehnt: „Uns geht es natürlich auch darum, den Teilnehmern eine tolle Erfahrung zu bieten und die Künstler müssen schon sehr extrovertiert und kommunikativ sein“, sagt Aimie-Sarah Henze. So erhalten die Künstler nach jeder Artnight Feedback von den Teilnehmern. Wer besonders gut ankommt, steigt auf der Artnight-Skala auf und kann entsprechend mehr verdienen. Ein Künstler kann so 300 Euro oder sogar mehr pro Abend verdienen.

Für Studenten wie Verena Bonath ist dies natürlich ein willkommener Nebeneffekt. Anstatt einen Nebenjob in einer Bar zu haben, wie viele ihrer Kommilitonnen, arbeitet sie künstlerisch und kann viele wichtige Kontakte knüpfen. „Ich habe durch die Teilnehmer auf den Artnights einige neue Aufträge bekommen“, erzählt sie. „Für Künstler sind solche Events natürlich Gold wert, da andere Menschen uns und unsere Arbeit in Natura kennen lernen können.“ Die Netzwerke, die sie auf den Artnight-Veranstaltungen knüpfen kann, sind für Bonath viel hilfreicher als die eigenen Bilder im Internet hochzuladen, sei es auf Kunstplattformen oder Instagram.

Als Erwachsene das Malen wieder lernen

Doch nicht nur die Künstler profitieren von den Malevents, auch die Teilnehmer kehren immer wieder. Pro Woche veranstaltet das Berliner Startup etwa 15 Artnights in 25 verschiedenen deutschen Großstädten. Pro Artnight sind im Schnitt 20 Teilnehmer dabei.

Das Konzept ist offensichtlich so erfolgreich, dass Artnight demnächst nach Österreich expandieren wird. Weitere europäische Städte sollen folgen. Das Erfolgsrezept ist sicherlich nicht nur das Malen, sondern das zwanglose Zusammenkommen mit anderen Menschen. „Wenn die Teilnehmer gemeinsam malen, haben sie natürlich auch direkt ein Gesprächsthema. So können sie sich schnell kennenlernen und neue Kontakte knüpfen.“ Einige Romanzen sollen auch schon daraus entstanden sein. Die Teilnehmer sind überwiegend weiblich und die meisten sind im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, was auch sicherlich etwas mit dem Eintrittspreis von rund 35 Euro pro Person zu tun hat. Es kommen aber auch Familien mit Kindern, ältere Paare und jüngere Malbegeisterte zu den Events. Mittlerweile scheint sich die Artnight auch unter Single-Männern herumgesprochen zu haben.

Rund zwei Stunden dauert eine Artnight und am Ende nehmen die Teilnehmer ein eigenes Bild mit nach Hause. Dabei ist es wichtig, dass sich die Künstler gute Konzepte überlegen und den Teilnehmern mit einigen Tricks dabei helfen, Kunstwerke wie zum Beispiel im Stil von Frida Kahlo zu kopieren. Auch wenn viele anfangs Angst haben, etwas falsch zu machen, trauen sich die meisten dann doch an die Palette und die Leinwand heran. „Das ist schon interessant, wie wir als Kinder so viel malen und dies dann nach unserer Kindheit komplett aufgeben“, sagt Verena Bonath. Sie ermutigt ihre Teilnehmer daher immer wieder, es einfach auszuprobieren. Die meisten entdecken dabei, wie viel Spaß es ihnen macht, abseits von Bildschirmen und virtuellen Welten, auch mit ihren Händen und greifbaren Materialien zu arbeiten. Am Ende steht meist ein großes Erfolgserlebnis für die Teilnehmer. Das ist natürlich auch fürs Geschäft wichtig. Schließlich kann ein solches Event nicht langfristig erfolgreich sein, wenn die Teilnehmer sich überfordert fühlen.

ArtNight_JGA_draußen (Image by Artnight)

Kritik: Kunst wird kommerzialisiert

Neben den Künstlern und den Artnight-Besuchern profitieren auch die lokalen Restaurants und Bars von dem Konzept. Denn die Artnights werden bewusst zu Zeiten geplant, in denen die Räumlichkeiten nur mäßig gefüllt sind. So können Restaurants und Bars auch an sonst eher langsamen Abenden gute Gewinne einfahren.

Gründer, Künstler, Teilnehmer und Bars – die Malevents scheinen tatsächlich ein Win-Win-Win-Win-Modell zu sein. Doch nicht alle stehen dem Konzept positiv gegenüber. Vor allem aus der Künstlerszene kommt harsche Kritik. Unternehmen wie Artnight machen aus der Kunst ein Geschäft, Künstler verkaufen sich, die Kunst wird kommerzialisiert – solche Vorwürfe hat Verena Bonath schon oft gehört. „Bei vielen Kollegen ist die Idee, dass man sich als Künstler so nahbar macht, eher verpönt. Dahinter steckt die Idee, dass wir uns eine gewisse Mystik bewahren müssen, damit wir geschätzt werden. Ich finde das ziemlich blöd. Wieso ist meine Kunst weniger wert oder schlechter, wenn ich anderen dabei helfe, sich mehr mit Kunst zu beschäftigen?“ Auch Aimie-Sarah Henze kann die Kritik nicht nachvollziehen. „Kunst ist etwas sehr Subjektives„, sagt sie dazu, „wir möchten uns gar kein Urteil erlauben, was Kunst ist und was nicht. Uns geht es in erster Linie darum, dass Erwachsene zusammenkommen, kreativ sind und am Ende etwas Schönes erlebt haben. Ob man das jetzt nun Kunst nennen möchte oder nicht, ist uns egal.“


Teaser (adapted) & Images by Artnight


Weiterlesen »

FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

Follow me
  • SMARTPHONE sz-magazin: Sechs Regeln gegen den Smartphone-Wahnsinn: Bei vielen Menschen hat man den Eindruck, sie seien zu Sklaven ihrer Smartphones geworden. Dauernd schlagen Mitteilungen von Freunden oder Apps auf dem Bildschirm ein. Minütlich wandert der Blick auf das Smartphone, um ja keine Nachricht zu lange unkommentiert zu lassen. Man scheint komplett auf dieses Leben im Netz fixiert zu sein. Einer SZ-Autorin wird es irgendwann zu viel. Unbewusst hart wirft sie ihre Tasche samt Smartphone auf den Boden – es geht kaputt. Sie greift zu einem alten Nokia Mobiltelefon und macht sich wieder auf in die Offline-Welt. Doch können wir ohne die Vorteile des Smartphones leben.
  • INSTAGRAM wsj: Publishers Flock to New Instagram Stories: Anfang August wurde ein neues Update von Instagram bereitgestellt, das eine neue Funktion in die App bringen sollte – Instagram Stories. Was eigentlich schon lange auf der App Snapchat zu sehen ist, lässt nun den Content auf Medienaccounts bei Instagram explodieren. Diese Entwicklung hilft auch Snapchat, weil die App professioneller aufgebaut ist und mehr Möglichkeiten bietet, um seine Fotos und Videos zu bearbeiten.
  • LYFT techcrunch: GM expressed interest in buying Lyft, but Lyft declined: Der US-amerikanische Autokonzern General Motors (GM) arbeitet schon länger mit dem kalifornischen Mitfahrdienst Lyft zusammen. 500 Millionen Dollar investierte GM dieses Jahr in das Startup, das mit Uber konkurriert. Uber wird allerdings immer stärker und Lyft braucht neue Investitionen. GM wollte Lyft nun übernehmen, was die Führung des Startups allerdings ablehnte. Man wolle mit neuen Finanzierungsrunden Investoren gewinnen, um einen erneuten Angriff zu starten.
  • SPACEX digitaltrends: Elon Musk landed his sixth Falcon 9 rocket after launching a satellite into orbit: Das Projekt SpaceX macht weiter Fortschritte. Nachdem ein Satellit in den Orbit geschossen wurde, konnte sich CEO Elon Musk nun auch über die erfolgreiche Landung einer weiteren Falcon 9 Rakete freuen. Das ist die sechste Rakete, die Musk mit seinem Luftfahrtkonzern unbeschadet auf den Boden zurück bringt.
  • ELEKTROAUTOS handelsblatt: Anschluss gesucht: Die großen deutschen Autokonzerne haben strickte Pläne vorgestellt, die sich auf die Elektromobilität beziehen. Geplante Milliardeninvestitionen bei VW, eine Submarke bei Daimler und auch BMW hat die Priorität des Themas erhöht. Man will sich der Pioniersarbeit des US-Konzerns Tesla anschließen, doch in Deutschland gibt es ein großes Problem. Es mangelt an Ladestationen, deren Ausbau nur stockend vorangeht.
Weiterlesen »

Digitale Kurzatmigkeit oder analoge Kurzsichtigkeit – Eine Replik

Geschäftspartner (Image by Unsplash (CC_Public Domain) via Pixabay)

Geht es darum, Rücksicht auch auf die letzten Digitalverweigerer zu nehmen und zu versuchen, sie vom Nutzen digitaler Tools zu überzeugen oder sollten wir den Blick im eigenen Interesse nicht besser in die Zukunft richten?

Das vom Sportverein organisierte Grillwochenende samt anschließendem Frühstück hatten sich alle Teilnehmer nett vorgestellt. Der Sommer nahte und die Unterkunft war reserviert worden. Fehlte nur noch die Organisation des Essens und der Getränke. Leider kam der Kassenwart dann auf die Idee, diese Organisation mit Hilfe eines Schwarzen Bretts im Vereinsheim durchzuführen. Er schrieb mit einem offenen Verteiler an 45 Menschen und fragte, wer etwas beisteuern und dies auf dem Zettel am Brett vermerken könne. Ich versuchte noch, mit einem schnellen Hinweis auf ein ad hoc erstelltes Online-Dokument den erwarteten Mail-Sturm zu verhindern. Es misslang trotz wiederholten Angebots der Hilfe bei Verwendung des digitalen Tools. In den folgenden drei Tagen gingen jeweils Antworten von der Art “Ich bringe ein Marmeladenglas mit” in die Mailboxen dieser 45 Menschen ein. Das Chaos war ausgebrochen, der Stress machte sich breit, nur weil ein Mensch zu Beginn seinen Unwillen zum Ausdruck gebracht hatte, diese Organisation digital durchzuführen.

Diese Situation beschreibt eine gerade stattgefundene wahre Begebenheit und kann sicher von vielen Leserinnen nachvollzogen werden. Und diese Erfahrung ist es, die mich recht kritisch auf einen aktuellen Post von @derPeder reagieren lässt, in dem er vor allem (aber nicht nur) Onlinern entgegen hält, sie würden die Menschen auf dem Weg ins digitale Neuland nicht an die Hand nehmen. Leider geht er in seinem Appell nicht darauf ein, welche Mehrarbeit die digitale Totalverweigerung inzwischen bei Mitmenschen im Alltag verursachen kann. Zur besseren Differenzierung sind im Folgenden stets „dezidierte Offliner“ gemeint, d.h. Menschen, die sich bewusst gegen die Nutzung digitaler Tools entscheiden.

Diese Diskussion kommt uns bekannt vor; sie wurde bereits vor Jahren unter der teilweise auch zweckentfremdeten Begrifflichkeit des „Digitalen Maoismus“ geführt und mündet aktuell um die Debatte des Soziologen Harald Welzer, der in seinem Buch über die angebliche „Smarte Diktatur“ referiert (wie immer in solchen Kontexten frage ich mich, wie diese dezidiert offline lebenden Menschen ihre Kompetenz zur Beurteilung digitaler Logiken erlangt haben).

Digitale kämpfen nicht mehr gegen dezidierte Offliner; sie lassen sie in ihrer Irrelevanz zurück

@derPeder schreibt, den Digitalen würde die Luft ausgehen, weil sie gegen Offliner kämpfen würden, dass man sich über Menschen, die gerade mit dem Bloggen anfangen, lustig machen würde, dass sich die Digitalen in ihre Filter-Bubble zurückziehen würden und dass das Wissensmanagement in Institutionen in Folge der Digitalisierung auf der Strecke bleiben würde. Dies ist ein bunter Strauß von Kritik, der aber natürlich eine nähere Betrachtung verdient. Er endet mit dem Hinweis: “Was aber sicherlich nicht hilft, ist der derzeit häufig zu erlebende Kampf der digitalen Vordenker gegen die Offliner”.

Dem kann man nun entgegen halten,

  • dass diese Kritik von einem Debattenstand ausgeht, den wir so gar nicht mehr aktuell vorfinden. Die Zeiten, in denen Onliner gegen dezidierte Offliner „kämpfen“, sind längst vorbei. Die relevante Netzdebatte findet dort statt, wo sie hingehört: nämlich ins Netz und nicht in den Blätterwald dieser Republik. Es hat sich längst eine digitale Kultur herausgebildet, die mit den Ritualen der offline lebenden wirtschaftlichen und politischen Entscheider kaum noch etwas zu tun hat. Oder könntet ihr euch vorstellen, dass Zetsche und Merkel auf Twitter über ein neues E-Klassemodell twittern?

  • dass, wenn Menschen mit dem Bloggen beginnen und sich im ersten Text gleich sehr kritisch mit der digitalen Kultur auseinandersetzen, man sich nicht wundern muss, wenn einem Kritik aus dem Wald, in dem man gerade so hineingerufen hat, auch wieder entgegen schallt. Dies ist keine Eigenart des Digitalen, sondern soziales Grundprinzip von Gruppen gegenüber neuen unbekannten Mitgliedern dieser Gruppe.

  • dass die Diskussion um die Filter-Bubble hierzulande bereits im Jahre 2011 intensiv von @mspro angesprochen worden ist. In Offline-Runden des letzten Jahrtausends nannte man diese übrigens nicht “Filter-Bubble” sondern “Kamingespräche”. Der Unterschied zu heute: Man kann sich, wenn man offen ist, jede Filter-Bubble einmal selbst ansehen. Das war bei den Kamingesprächen nicht möglich.

  • dass der Terminus „Wissensmanagement“ ein Ansatz aus der Welt der alten Arbeit ist und die Vorstellung beinhaltet, man könnte Wissen von oben nach unten steuern und verwalten.

So unterschiedlich kann die Wahrnehmung der Debatte um das Verhältnis von Off- und Onlinern sein. Gäbe es diesen Kampf der Digitalen gegen die Offliner, so hätte es wohl nicht ein neues Cluetrain Manifest geben müssen.

Digitalisierung: Flucht nach vorn statt Warten auf die Letzten

Nun beschreibt die obige Vereinssituation sicher nicht eine existenziell bedrohliche Situation. Sollten wir die Debatte um den Widerstand so vieler Menschen in dieser Republik, sich der digitalen Welt gegenüber offen zu zeigen, auf sich beruhen lassen? Ich glaube, dass wir im Interesse der Menschen, unserer Gesellschaft und des Überlebens der hiesigen Unternehmen auf dem Weltmarkt uns ganz im Gegenteil diesem Problem offen stellen müssen.

AlphaGo hat gezeigt, dass wir in einem Stadium der Entwicklung von entscheidungsfähigen Techniken angelangt sind, in dem wir diese Entscheidungen gar nicht mehr nachvollziehen können. Wäre es deshalb nicht an der Zeit, die hinter Algorithmen stehenden Entscheidungslogiken einer kritischen Prüfung zu hinterziehen?
Wie wollen wir die technischen – jedoch politisch relevanten – Experimente der Betreiber von Facebook denn überhaupt kritisieren, wenn wir von vornherein deutlich machen, dass wir mit “diesem Facebook” nichts zu tun haben wollen. Wie wollen wir die digitale Durchdringung unseres Alltags sachlich fundiert kritisieren, wenn wir wie im Fall von Harald Welzer digital gar nicht unterwegs sind? Wie wollen wir Überwachungsmechanismen wie die des persönlichen Risk Scores überhaupt verstehen und verhindern, wenn wir immer wieder von vorn anfangen müssen zu erklären, was ein “Score” im Netz überhaupt sein kann? Wollen wir die Beurteilung juristischer Streitfälle, die existenzbedrohend sein können, durch Algorithmen dadurch verhindern, dass wir die Anwendung solcher digitaler im traditionellen Sinne grenzenloser Tools auf dem Staatsgebiet der Bundesrepublik verbieten?

Diese Verweigerungshaltung von bisher relevanten Akteuren in Wirtschaft und Politik gegenüber der digitalen Welt hat bereits volkswirtschaftlichen Schaden angerichtet (Stichwort z.B. Störerhaftung). In der politischen Sphäre hat sich Deutschland bis vor kurzem geweigert, der Open Government Partnership beizutreten. Die Verweigerungshaltung auf betrieblicher Ebene hat zu krisenhaften Zuständen in der deutschen Autoindustrie geführt, die plötzlich als altbacken im Vergleich zu Tesla und Co. erscheinen. Wenn hochbezahlte Manager und Vorstände immer noch nicht – und das trotz des Vorliegens etlicher Studien – begriffen haben, dass die Digitalisierung ein Thema für sie sein könnte, sind sie fehl am Platze

Und schließlich: Können wir es uns wirklich noch erlauben, auch auf die letzten digitalen Verweigerer zu warten, die den Geruch eines Buches immer noch höher einschätzen als die Frage, wie ihre Kinder in der digitalen Zukunft eines globalisierten und hoch technisierten Arbeitsmarktes überleben können?

Wir spüren den kalten Atem des Algorithmus im Nacken

Eine kürzlich vorgestellte Delphi-Studie (alle Inhalte CC) zur Zukunft der Arbeit hat die dramatischen Umwälzungen, denen wir uns im Bereich Arbeit und Bildung in den nächsten Jahren dringend und offensiv stellen müssen, beschrieben:

  • “Tech unemployment will accelerate when AI masters vision and how to learn

  • Everything that can be automated will be

  • We will see the rise of human tech symbiosis

  • There will be no plateau in which human labor will have a chance to catch up.

  • We are currently developing a second intelligent species which humans simply cannot compete with. Has far more capability and less cost than humans.

  • The current leaps in automation and AI will not „plateau“. That is the key dynamic we absolutely must address. Never in the history of mankind has the technology itself been so free of man to improve itself”

Halten wir uns angesichts dieser Perspektive nochmals vor Augen, was der Text von @derPeder einfordert; er fordert die menschliche “Abwärtskompatibilität” im Miteinander. Es ist nie gesagt worden, dass eine Unterstützung von Menschen, die das Digitale bei der Arbeit oder im Privatleben verstärkt nutzen wollen, denen aber anfangs die entsprechende Kompetenz fehlt, durch Onliner ausbleibt; ich habe nirgendwo mehr Hilfsbereitschaft erlebt als in nerdigen oder netzaffinen Communites! Geht einfach auf die Nerds oder die von euch als nerdig wahrgenommenen Menschen, Kollegen oder Freunde zu und fragt sie. Denn die vom Delphi aufgeworfenen Szenarien zeigen schließlich den drängenden Handlungsbedarf der Anpassung an veränderten Arbeitsweisen.

Es muss jedoch auch die Bereitschaft zur Offenheit, zum Eingestehen des eigenen Beginner-Status im digitalen Bereich und zum Anpassen an veränderte Arbeitsweisen vorhanden sein. Diese Offenheit erlebe ich aber gerade bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidern in den seltensten Fällen. Steht diesen dezidierten Offlinern vielleicht am Ende eher die eigene Eitelkeit und weniger der digitale Enthusiast im Weg? Das sollten wir herausfinden.


Image Geschäftspartner by Unsplash (CCo Public Domain)


Weiterlesen »

Wir Digitalsüchtigen: Die intimste aller Beziehungen

Tech (Image by TheHilaryClark [CC0 Public Domain), via Pixabay)

Wenn wir uns nicht gerade festhalten, sind wir uns zumindest immer nah. Wir teilen auch das Bett. Die intimsten Momente und den Alltag sowieso. Nach dem Aufwachen. Beim Zähneputzen. Auf dem Klo. In der Schule. Im Studium. Auf der Arbeit. In der Pause. Beim Essen. Unterwegs. Beim Sprechen. Beim Zuschauen. Beim Zuhören. Zuhause. Vor dem Einschlafen. Immer.

Mit unseren Smartphones führen wir längst die intimste Beziehung: Kein bester Freund, kein Partner, kein Mensch kommt uns näher. Vom Aufwachen bis zum Einschlafen begleitet uns das Smartphone. Jeden Tag. In nahezu jeder Lage, jeder Situation. Es liegt düdelnd unter dem Spiegel, während wir duschen. Oder ist maximal eine Kopfhörer-Kabel-Länge entfernt, wenn wir unterwegs sind. Es ist immer verfügbar – und wir Digitalsüchtigen sind es damit auch. Und ich nehme mich da nicht aus.

Reizüberflutet auf die offene See

Wir Digitalsüchtigen stürzen uns in die Gezeiten der Informationen, surfen vergnügt auf der Welle der Benachrichtigungen, der Mails und Messages, der Tweets und Posts. Und wenn uns bei Reiz-Ebbe das Wasser zu ruhig ist – dann warten wir nicht mehr darauf, dass die Reiz-Flut von allein zurückkommt. Sondern wir paddeln dann mit dem Daumen auf die offene See, raus in die Wellen.
Wir aktualisieren. Ständig. Reflexartig. Nicht mehr nur in den langweiligen Wartezimmern oder in der Tram, sondern auch nebenbei beim Zuhören und Zuschauen. Oft ist es sogar umgekehrt: Wir aktualisieren im Vordergrund, und beiläufig hören oder sehen wir dem zu, was da nebenbei passiert.

Es gibt kaum noch Tabus, wir haben das Smartphone nahezu ständig in der Hand. Das fällt nicht nur den Anderen oder den Älteren auf, sondern auch uns selbst. Es fällt uns nicht nur zunehmend schwerer, uns einfach treiben zu lassen. Auf die Flut zu warten und die Ebbe zu genießen. Nicht ständig digital zu rudern. Es fällt uns auch immer schwerer, einem Jemand oder einem Etwas unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken.

Wie digitales Kettenrauchen

Rein rechnerisch schauen wir alle 18 Minuten auf den Smartphone-Bildschirm. Digitales Kettenrauchen sozusagen. Der Informatiker Alexander Markowetz vergleicht unsere Smartphone-Nutzung deswegen mit einer Sucht. Wir sind ständig verfügbar, zeitgleich analog und digital. Die doppelte Dauerpräsenz, sie frisst nach Markowetz unsere Pausen, unsere Aufmerksamkeit, unser Hirn, schließlich unser Glück auf. Der „Digitale Burnout“ drohe uns – und um ihn zu verhindern, dafür braucht es eine neue digitale Etikette.

Die Thesen von Markowetz kann man steil, digitalskeptisch oder kulturpessimistisch nennen, seine digitale Etikette kann man für überflüssig halten. Aber sein grundsätzliches Anliegen halte ich als bekennender Digitalsüchtiger für richtig.

Wir müssen den Daumen bewusster einsetzen

Wir Smartphone- und Digitalsüchtigen müssen zumindest darüber nachdenken, wie wir mit den digitalen Möglichkeiten umgehen. Uns der klettenhaften Beziehung zum Smartphone bewusst(er) werden. Und uns fragen, ob wir wirklich immer beiläufig Newsfeeds mit dem Daumen schubsen und anlasslos Bildschirme entsperren müssen, während wir eigentlich ganz andere Dinge tun wollen und sollen. Wir sollten uns fragen, ob wir wirklich permanent mit dem Daumen digital rudern müssen. Dürfen. Wollen. Sollten.

Wir müssten uns viel häufiger fragen, warum wir eigentlich gerade aktualisieren. Ob wir die Feeds von Instagram, Twitter oder Facebook manchmal nicht nochmal aus Gewohnheit durchpflügen, obwohl es ja doch nichts Neues gibt. Ob wir abends auf dem Kopfkissen noch im Smartphone-Licht scrollen müssen, obwohl wir längst schlafen wollen. Ob wir wirkliche jede Push-Benachrichtung brauchen. Mir geht es nicht darum, das Smartphone und seine zeitgemäße Nutzung zu verteufeln. Dafür nutze ich es selber zu gern. Aber die doch sehr intensiven Nutzungsgewohnheiten möchte ich hinterfragen, auch meine eigenen.

Traumurlaub auf der Offline-Insel

Kurioserweise schwärmen wir Digitalsüchtigen gerne von unserem letzten Urlaub auf der Offline-Insel. Wo wir nicht ständig mit dem Daumen paddeln konnten, weil uns ein Funkloch dazu gezwungen hat. Oder weil wir in einer selbstgewählten Auszeit nicht ständig aktualisieren wollten. Wir Digitalsüchtigen schwärmen gerne mal vom so erholsamen Offline-Urlaub, fernab der alltäglich gewordenen und selbstverursachten Informationsgezeiten. Meistens braucht es einige Zeit, bevor wir uns an diesen Urlaub gewöhnen – aber dann genießen wir ihn in vollen Zügen, egal ob wir ihn selbst genommen haben oder durch Umstände dazu gezwungen werden. Sind froh, aus dem Rhythmus zu sein. Aus dem Schlagrhythmus unserer Daumen, der den digitalen Alltag an unseren Augen und unserer Wahrnehmung vorbeiscrollen lässt. „Müsste man eigentlich viel öfter machen, so eine Auszeit.” Das nehmen wir uns immer wieder vor. Und danach scrollen wir erstmal durch das Verpasste in den sozialen Netzwerken. Wir Digitalsüchtigen.


Image „Tech“ by TheHilaryClark (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

5 Lesetipps für den 21. Dezember

In unseren Lesetipps geht es heute um Blogger in Bangladesch, Trauer und Technologie, die Beatles, das WiderNet-Projekt und Internet. Ergänzungen erwünscht.

  • BLOGGER The New Yorker: The Islamist War on Secular Bloggers: Hierzulande läuft es oft alles andere als gut. Dies kann Motivation genug sein, sich über Zustände zu beschweren, Debatten über Alternativen zu führen und Missstände aufzudecken. Bloggen ist eine Möglichkeit dies zu tun, zumindest hierzulande. In Bangladesch ist dies leider nicht der Fall, wie ein Artikel von Samanth Subramanian zeigt. In Bangladesch wurden in den letzten Jahren mehrere säkulare Blogger von religiösen Extremisten getötet, auf offener Straße, oft ohne Einschreiten der staatlichen Behörden. Eine traurige Erinnerung, wie gut es uns in unserer Demokratie geht und wie sehr Menschen woanders nicht die gleichen Freiheiten geniessen, die heutzutage so selbstverständlich für uns sind.

  • TRAUER The New Yorker: The Ghosts in Our Machines: Technologien sind ebenso Teil unserer Gesellschaft wie der Tod, mit beiden Themen sollte man sich aktiv beschäftigen. Letzte Woche hat Jonathan Jong auf Netzpiloten.de fünf wissenschaftliche Erkenntnisse über den Tod vorgestellt; in New Yorker betrachtet Matthew Malady dein Einfluss von Technologien aufs Trauern. Er hatte seine verstorbene Mutter auf einem veralteten Bild in Google Streetview wiederentdeckt. Solche Erlebnisse können schön sein, zugleich natürlich auch traurig, sie sind aber Ausdruck, dass wir neue Erfahrungen des Trauerns mit neuen Technologien machen werden.

  • THE BEATLES Variety: The Beatles’ Music Will Soon Be Available to Stream: Ein mal wirklich besonderes „Weihnachtsgeschenk“ macht uns das Musiklabel der Beatles, denn endlich – endlich! – kommt die Musik der sogenannten Fab Four auf eine Streaming-Plattform. Bisher musste man diese selber hochladen, wenn man sie auch unterwegs innerhalb seiner Streaming-App hören wollte (zumindest ging das bei Google Music und Spotify). Welche Plattform das ist, steht noch nicht fest, aber die Rechteinhaber der Beatles-Musik verschlafen gerne digitale Trends um mehrere Jahre, weshalb man sich wohl schon freuen kann, dass sie endlich den Weg ins Streaming gewagt haben.

  • OFFLINE Mashable: Ironically, offline Internet could help bridge the digital divide: Althergebrachte Idee funkionieren oft auch noch heutzutage nahezu perfekt, wie das WiderNet Project beweist. Um den Zugang zu Informationen in nicht ans Internet angeschlossene Regionen zu verbessern, vor allem zur medizinischen Aufklärung, wurden die Informationen fast wie in einem Buch auf einen Chip niedergeschrieben. Dort sind sie auch veränderbar, sprich Anwender können eigene Informationen ergänzen. Die Informationen können bei Konnektivität aktualisiert werden, doch auch offline wirkt der Chip wie eine kleine Form des Internets. Ein tolles Beispiel, wie die digitale Lücke überwunden werden kann, um Menschen mit Informationen zu helfen.

  • INTERNET Scientific American: The Rich See a Different Internet Than the Poor: In einem Beitrag für Scientific American kritisiert Michael Fertik den Trend der Personalisierung von Daten als Manipulation unseres Nutzungserlebnisses im Internet, denn seiner Theorie nach entscheiden wir nicht selbstständig, was wir im Netz sehen, sondern werden von Werbung beeinflusst. Dies kann auch auf politische Gedanken ausgeweitet werden, denn Algorithmen beeinflussen den uns angezeigten Content. Wir sehen nur noch das, was ein Algorithmus denkt, dass wir sehen wollen. Vincent F. Hendricks wies vor Kurzem auf Netzpiloten.de auf die Gefahr der Social-Media-Blase hin, in der nicht die Wahrheit viral geht, sondern die Version, die der breiten Masse am besten gefällt.

CHIEF-EDITOR’S NOTE: Wenn Ihnen unsere Arbeit etwas wert ist, zeigen Sie es uns bitte auf Flattr oder indem Sie unsere Reichweite auf Twitter, Facebook, Google+, Soundcloud, Slideshare, YouTube und/oder Instagram erhöhen. Vielen Dank. – Tobias Schwarz

Nutze Netzpiloten 1-Klick: Mit nur einem Klick werden dir bequem alle 40 Sekunden die hier besprochenen Seiten „vorgeblättert“ START.

Weiterlesen »

Zurückgeblättert: Atlas der Internet-Verweigerer

GDC Online 2011_Tuesday_Show Environment (adapted) (Image by Official GDC [CC BY 2.0] via flickr)

Atlas der Internet-Verweigerer“ titelte Sven Hansen am 15. Mai 2001 auf heise online und nahm damit schon das Thema seines Artikels vorweg. Die Initiative D21 hatte in diesem Jahr erstmals in Zusammenarbeit mit eMind@emnid, einer Tochter von TNS Emnid, eine repräsentative Umfrage zum Internet-Nutzungsverhalten der Deutschen durchgeführt. Befragt wurden 19.690 Personen ab 14 Jahren. Das Ergebnis: 52,5 Prozent der Deutschen über 14 Jahren verweigerten sich dem Internet. Folglich wurde die Studie unter dem Namen “Der Verweigereratlas” veröffentlicht.

Die Vernetzung des Lebens hat lange Jahre gebraucht

Den 36,7 Millionen Online-Verweigerern standen damals lediglich 25,9 Millionen von der Studie als “Onliner” bezeichnete Internetnutzer gegenüber. Das waren nur 37 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren. In unserem digitalen Alltag wird oft vergessen, dass das Internet nicht schon immer unser allgegenwärtiger Begleiter war. Die heutige Vernetzung des Lebens ist das Ergebnis eines Prozesses, der lange gebraucht hat. Vor 15 Jahren war bloß etwas über ein Drittel der deutschen Bevölkerung im Netz unterwegs. Was hat sich in der Zwischenzeit getan? Wo stehen wir heute?

Jüngere Leser werden es sich wohl kaum vorstellen können: Flatrates waren nicht immer an der Tagesordnung, das erste Mal Musik aus dem Netz zu ziehen rief noch helle Begeisterung hervor (der Autor erinnert sich an Matthias Reims “Verdammt ich lieb dich”) und Bilder zu laden war Anfang des Jahrtausends noch ein oft mühsam langwieriger Vorgang.

Die Initiative D21 hat die Entwicklung der Internet-Nutzung auch nach 2001 konsequent verfolgt und bietet mit den Studien einen tiefen Einblick in die Transformation eines Landes der Internet-Verweigerer in eine digitalisierte Gesellschaft. Seit 2002 allerdings unter dem Titel “(N)Onliner-Atlas” mit der Unterzeile “Eine Topographie des digitalen Grabens durch Deutschland”.

Internetnutzer 2003 in der Überzahl

Zwei Jahre nach der ersten Studie waren die Verweigerer dann in der Unterzahl. 2003 war mit 50,1 Prozent der Befragten erstmals mehr als die Hälfte der Deutschen online. Ein bloßes Zuckerschlecken war der Netz-Aufenthalt für die 50,1 Prozent damals aber nicht immer. Verbraucherministerin Renate Künast kämpfte mit Gesetzen gegen Spam an und chip.de bot einen Workshop zum gleichen Thema: “Weg mit Spam – kein Bedarf an Penisverlängerungen”.

Und was hat sich bis heute auf dem Feld getan? Nicht viel. Lediglich die Art der Junk-Mail hat sich geändert. Statt der Werbung für chirurgische Eingriffe am männlichen Genital, trudeln heute meist dubiose Spendenanfragen – wahlweise von afrikanischen Prinzen, UNO-Generalsekretären oder Bill Gates – im E-Mail-Postfach ein.

Der größte Nutzerzuwachs fand zwischen 2007 und 2009 statt. Innerhalb dieser Zeit stieg der Anteil der Onliner von rund 60 Prozent auf etwa 69 Prozent. In der 2008er Studie schreiben die Verfasser: “Sinkende Preise – besonders bei den DSL- und Kombi-Flatrates –, verbesserte Arbeitsmarktsituation und eine gute Konjunkturlage sind mögliche Erklärungsansätze fu?r den starken Anstieg der Onliner in 2008.”

Im selben Jahr schaffte es Barack Obama mithilfe des Internets, amerikanischer Präsident zu werden. Für Deutschland hieß das erst einmal nicht viel. Obamas Erfolg hat aber schon vor sieben Jahren gezeigt, dass Politik heute vor allem online gemacht werden muss und wird. Über die weltweite Bedeutung des Internets ist damit viel gesagt. Der Zuwachs an deutschen Onlinern war eine direkte Folge der gestiegenen Relevanz für gesellschaftliche Vorgänge des Netzes.

Stagnation seit 2012

Über die Jahre verlangsamte sich der Onliner-Zuwachs immer weiter, bis 2012 mit rund 75 Prozent lediglich ein Prozentpunkt mehr als im Vorjahr zu den Internetnutzern gezählt wurden. Auch die Initiative D21 wusste, dass mit Meldungen über Stagnation in den kommenden Jahren nicht mehr zu begeistern gewesen wäre und änderte ab 2013 die Studie grundlegend. Der (N)Onliner-Atlas erschien ab diesem Jahr bloß noch als Anhängsel des D21-Digital-Index, der nicht mehr nur quantitative Ergebnisse bereithielt, sondern auch qualitativ, z.B. in Form von Nutzertypen, bewertete.

Auch der Untertitel der Studie trug der veränderten Ausgangslage Rechnung. Statt von einem digitalen Graben durch Deutschland zu sprechen, hieß es nun: “Auf dem Weg in ein digitales Deutschland?!” Schon 2014 zeugte ein neuer Untertitel von der Bejahung der Frage. Nun lautete die Unterzeile: “Entwicklung der digitalen Gesellschaft in Deutschland”.

Einige Aspekte haben sich über 15 Jahre hinweg als bedeutend für die Teilnahme am Online-Leben herausgestellt. Dazu gehört auch heute noch das Einkommen. Man möchte meinen, dass das Internet die inklusivsten aller Ausdrucksformen bereitstellt. Doch ob ein Mensch die Möglichkeit hat, online zu sein, hängt auch vom Finanziellen ab.

Zu Beginn der Studienreihe lag der Anteil an Onlinern bei Haushalten mit einem Nettoeinkommen bis 2.000 DM bei 17 Prozent, während bereits 66 Prozent der Haushalte mit einem Nettoeinkommen, das höher als 6.000 DM war, einen Online-Zugang hatten. Die Zahlen haben sich etwas verschoben, doch auch 2015 gilt noch: Je höher das Einkommen, desto wahrscheinlicher der Zugang zum Internet. Während rund 94 Prozent der Haushalte mit einem Einkommen über 3.000 € im Internet sind, liegt der Anteil bei Haushalten mit einem Einkommen unter 1.000 € bei nur rund 52 Prozent. Gleiches gilt auch unverändert für den Bildungsgrad: Je höher der Abschluss, desto eher ist man online.

Alter spielt eine wichtige Rolle

In allen Studienjahren durchgehend auffallend ist auch der Faktor des Alters. Schon 2001 waren knapp zwei Drittel der Bevölkerung zwischen 14 und 29 Jahren online. Zeitgleich waren bloß rund 11 Prozent der 60- bis 69-Jährigen Internetnutzer, bei der Bevölkerung über 70 Jahren waren es gar nur 3,5 Prozent. Über die Jahre sind sämtliche Werte gestiegen, ein Ausgleich zwischen den Altersgruppen aber hat bis heute nicht stattgefunden. 2010 verweigerten sich in der ältesten Gruppe noch immer rund 73 Prozent dem Internet, gleichzeitig war in der jüngsten Gruppe mit 97 Prozent Onlinern schon beinahe der Höchststand erreicht. Diesen erreichte man in der neuesten Umfrage von 2015 mit gut 98 Prozent, ebenso hoch war der Onliner-Anteil bei den 20- bis 29-Jährigen. Mehr als 30 Prozentpunkte dahinter liegen die 60- bis 69-Jährigen, von denen rund 65 Prozent das Internet nutzen. Nur rund 30 Prozent der Befragten im Alter von 70 Jahren oder älter werden 2015 zu den Onlinern gezählt.

Die Zahlen führen einem deutlich vor Augen, dass man – so sehr unser Alltag auch durchdigitalisiert ist – ältere Bevölkerungsgruppen nicht ignorieren darf. Amtstermine werden häufig online vereinbart, ein Visum für die USA zu bekommen, ist ohne Internet gar nicht möglich und Bedienungsanleitungen sind oftmals nur noch auf Webseiten zu finden statt ausgedruckt. Verlegen wir jeden Aspekt des Lebens ins Netz, verhindern wir automatisch die Teilhabe vieler älterer Bürger. Das heißt nicht, man solle analoge Technologien unnötig lange am Leben erhalten, sondern, dass Senioren, die keinen Bezug zum Internet haben, aktiv die Hand zur Hilfe gereicht werden muss, wo es nötig ist.

Wir dürfen Offliner nicht aus den Augen verlieren

Gesellschaftlicher Umgang, Berufsbilder, Arbeitsweisen, Handel, Unterhaltung und Politik sind nur einige Aspekte des Lebens, die das Internet kräftig durchgewirbelt hat. Aus einem Verweigereratlas ist der D21-Digital-Index geworden, der von der “Gesellschaft in der digitalen Transformation” spricht. Der Schwerpunkt hat sich also verschoben: Es geht nicht mehr darum, erst einmal allgemein zu schauen, wer heute online ist und wer noch immer denkt, das Internet würde sich nicht durchsetzen.

Vielmehr versucht die Initiative D21 zu erkunden, wie die Menschen online sind, was sie dort machen, wie sie ihr Leben mit den digitalen Möglichkeiten gestalten. Erstaunlich ist, dass 2015 noch immer 20 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren nicht online unterwegs sind. Von Jahr zu Jahr wird dieser Anteil sinken, mit jedem sterbenden Jahrgang, der das Internet erst in sehr fortgeschrittenem Alter kennengelernt und zum Großteil nicht genutzt hat.

Auch wenn viele von uns nicht mehr zwischen online und offline unterscheiden: Wenn wir von Öffentlichkeit reden, dann müssen wir stets daran denken, dass weiterhin ein klarer Unterschied besteht zwischen der digitalen und der allgemeinen Öffentlichkeit. Irgendwann wird beinahe jeder ein Onliner sein. Bis dahin vergeht noch Zeit. Zeit, in der wir die Offliner nicht aus den Augen verlieren dürfen.


Image (adapted) “GDC Online 2011_Tuesday_Show Environment” by Official GDC (CC BY 2.0)


 

Weiterlesen »

Netz-Diskurse ohne Imponier-Gehabe

Reading the Newspaper (adapted) (Image by Nick Page [CC BY 2.0] via Flickr)

Printmedien existieren heutzutage auch weiterhin neben dem Internet. Allerdings gibt es grundlegende Unterschiede zwischen Print und Online. Nicht zuletzt zeigt sich das in der Diskussionskultur beider Formate. Im Internet wird grundlegend anders diskutiert als im Print-Journalismus. Jetzt müssten das nur noch die Journalisten begreifen. Die Kolumnistin Renée Zucker versucht sich in einer biologistisch-evolutionstheoretischen Einordnung der Posting-Sucht:

Ein Blogger, der sich selbst als Pionier des Internets bezeichnet, beschreibt seine Hilflosigkeit angesichts des Lesens einer Wochenzeitschrift. Er hatte so lange kein bedrucktes Papier mehr in der Hand. Offenbar ein Mann mit robuster rundum-Gesundheit und selbstorganisierten Haaren, der seine Zeit weder in Arzt-Wartezimmern noch Frisörsalons vertut, schreibt die RBB-Hobby-Biologin Zucker. Gemeint ist Christoph Kappes, der in einem Blog-Beitrag seine Entwöhnung von gedruckten Medienprodukten thematisiert.

Auf der Suche nach Krankheitssymptomen im Netz

Kappes hat es schlicht verlernt, Print-Magazine zu lesen:

Und noch mehr: das Teilen (sharen) ist mir eine so selbstverständliche Handlung geworden, dass ich gar nicht weiß, warum ich Print lesen soll, kann ich doch diese wichtige Funktion damit gar nicht vornehmen. Warum soll ich lesen, was ich nicht teilen kann? Warum soll ich lesen, was ich nicht kopieren kann, was ich nicht kommentieren kann, was ich nicht als pdf auf meinem Server ablegen kann und so weiter?

Online sind die Möglichkeiten der Informationsverarbeitung und Kombinatorik mehr oder weniger unendlich im Vergleich zu linearen Printprodukten.

Für die RBB-Kolumnistin reicht das als Befund für ein neues Krankheitssymptom

„Ich kann nicht aushalten, wenn ich nicht meinen Senf dazugeben kann.“ Wobei sie Kappes als Autor weder benennt noch auf die Quelle verlinkt – könnte sonst als Schleimerei ausgelegt werden. Oder möchte die Autorin dem Blogger keine weiteren Likes und Shares verschaffen, so als kleiner Wink mit dem Zaunpfahl? Egal. Zucker geht jetzt zum biologistischen Teil ihrer prosaischen Ergüsse über und sinniert über die maximierte Fortpflanzungsstrategie von „männlichen“ (!) Säugetieren.

Mann neigt im Social Web zur Übertreibung

Mann neigt zum Überfluss und zur Übertreibung. Im Bio-Lexikon hat Frau Zucker wohl unter P wie Pfau nachgeschlagen und erfahren, dass der männliche Pfau ein herrlich buntes aber völlig nutzloses Rad schlagen kann, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Gleiches praktiziert Mann mit einer Kommentarflut im Social Web, um seine semantische DNA flächendeckend zu verstreuen.

Geht es dabei, Frau Zucker, auch um einen Impuls zur Begattung der Leserschaft? Nun sind Likes und Shares ja keine Kommentare, aber ich möchte nicht hausmeisterlich erscheinen. Generell gehen mir die Ausflüge ins Tierreich zur Deutung menschlichen Verhalten zunehmend auf den Sack. Den medientheoretischen Exkurs von Kappes hat die RBB-Kolumnistin wohl überlesen.

Es geht um Medientheorie, liebwerteste Frau Zucker

Kompetenter beobachtet Zeit-Feuilletonist Ijoma Mangold die neuen Spielwiesen des Denkens, die sich in sozialen Netzwerken ausbreiten. Printmedien erscheinen wie ein monolithisches Konstrukt der Letztverbindlichkeit: „Sie schlagen Pflöcke ein, die die Unveränderlichkeit von Grenzziehungen zwischen Richtig und Falsch suggerieren. Die gedruckte Zeitung hat etwas Abgeschlossenes – Roma locuta, causa finit“, so Mangold. Die Drucklegung hat eher den Charakter einer Grablegung.

Im Netz gibt es diese Endgültigkeit nicht. Es gibt einen Anfang, aber kein Ende. Werden Artikel auf Facebook geteilt, entwickeln sich unberechenbare neue Dramaturgien. Inhalte beginnen zu atmen. „Man fühlt sich wie auf einem Schiff, das von den Wellen mal in die eine, mal in die andere Richtung getragen wird – und man muss geschmeidig in den Knien sein, um diese Bewegungen auszubalancieren“, betont der Zeit-Redakteur.

Diskurse ohne Festungen

Der ursprüngliche Artikel hat sich auf belebende Weise mit der Welt verknüpft. Es geht dabei um Vertiefung und Ausdifferenzierung. Mangold benennt Markus Hesselmann vom Tagesspiegel, der Facebook einsetzt, um weitere Ebenen der medienkritischen Selbstbeobachtung einzubauen. Oder Michael Angele vom Freitag, der die elegante Kunst beherrscht, hin- und herzuspringen, um eine Sache von möglichst allen Seiten zu beleuchten und eine Verfestigung der eigenen Position zu vermeiden.

In den Kommentarverläufen oder „Threads“ werden die Thesen von einem bunten Kreis Interessierter nachbearbeitet und neu kontextualisiert – mehr oder weniger. „Blenderargumente und leichte Siege werden süffisant bespöttelt, unverdient übergangene Gegenpositionen ins Spiel gebracht“, führt Mangold weiter aus.

In der Printwelt unterliegt man eher der Fiktion einer stabilen Meinungsidentität. Im Netz geht es um die Unabgeschlossenheit von Diskursen. Nennen wir es lebendigen Prozess-Journalismus, der immer wieder zu Überraschungen führt. Das Teilen und Kommentieren von Beiträgen gehört dazu. Das einseitige Sender-Empfänger-Modell der liebwertesten Gichtlinge der Massenmedien wird demontiert. Der auf der RBB-Website nicht kommentierbare Zucker-Biologismus ist da wohl eher eine Randerscheinung.


Dieser Artikel erschien zuerst auf TheEuropean.de



Image (adapted) „Reading the Newspaper“ by Nick Page (CC BY 2.0)


Weiterlesen »

Mein Leben ohne Internet: Ein Selbstversuch

Unplugged - no computer, no internet, possible (adapted) (Image by photosteve101 [CC BY 2.0] via Flickr)

Wir ohne Internet? Geht zwar, will aber keiner! Warum das Internet für uns eine so wichtige Infrastruktur ist, testete Tinka am eigenen Leib. Online-Sein ist für viele von uns Normalzustand. Doch noch immer gibt es viele Orte in Deutschland ohne Breitband-Zugang. Und noch immer sind Themen, die zum Erhalt und zum Ausbau der Schlüssel-Infrastruktur Internet unverzichtbar sind, nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit angekommen  – trotz Digitaler Agenda und dem Ministerium für digitale Infrastruktur. Warum wir nicht aufhören dürfen, über Netzpolitik und das Internet zu diskutieren, wird deutlich, wenn man sich vorstellt, ein Leben ohne Internet zu führen. Egal ob Kaffeeklatsch mit der Freundin in London, wissenschaftliche Recherche oder Nachrichtenfluss –  schon für den Einzelnen ist der Nutzen riesig, von dem Potential für Staat und Gesellschaft ganz zu schweigen.

Gestrandet im Offline

Es ist Montagmorgen. Ich stehe im Schlafanzug in meinem Wohnzimmer und halte noch einmal inne, bevor ich den kleinen grünen Schalter umlege. Einige Augenblicke später verfällt mein Telefon in die erwartete Kette von Signaltönen, während E-Mails und Threema-Nachrichten einprasseln. Erleichterung durchströmt mich. Die Welt hat mich wieder!

Rückblick: Vor ziemlich genau drei Wochen stand ich nachmittags um halb sechs im Zentrum von Oxford. In den linken Hand meinen knallgrünen Koffer, auf dem Rücken den orange-leuchtenden Rucksack, in der rechten das Telefon. Nach einigen Augenblicken hätte man beobachten können, wie ich das Telefon schüttelte. (Was ja nachgewiesen immer eine gute Idee ist, wenn ein Gerät nicht funktioniert …) Mit gekräuselter Stirn schaltete ich die Datenverbindung aus und wieder an. Ich bestätigte erneut, dass ich Daten-Roaming zulassen möchte. Nichts. Ich startete das Gerät neu. Nichts.

Und nun? Ich war auf dem Weg zur Internet, Policy & Politics Conference 2014. Bis auf Oxford, Universität, Oxford Internet Institute (OII) und #ipp2014 hatte ich keine Angaben im Kopf. „Wird ja wohl ausgeschildert sein“, hatte ich mir gedacht und: „Sonst hast du ja Google Maps.“ Pustekuchen! In Oxford war ich. Einfach dem Schild zur Uni folgen ging nicht – die einzelnen Colleges und Gebäude sind in der ganzen Stadt verteilt. OII hätte mir auch nichts genützt: Das organisierte die Konferenz zwar, aber die Räume waren irgendwo anders. Und ein Hashtag hat mir in der Offline-Welt eh noch nie eine Wegbeschreibung eingebracht. Ich musste mich also an klassischen Mitteln versuchen: Auf zur Touristen-Info. Die immerhin war groß ausgeschildert – und bereits geschlossen, wie  ich kurz darauf feststellen musste. Na prima. Kurz dachte ich an den Teil meiner Freunde, die zu Ausflüge und Reisen immer mit einer Mappe voller Ausdrucke erscheinen: Adresse, Wegbeschreibung, Alternativroute, Notfallplan, SOS-Morse-Code. Vielleicht doch keine so schlechte Idee?

Ein bisschen Handy-Rebellion

Doch fast sofort kam der Trotz: Wäre doch gelacht, wenn ich mich von ein bisschen Handy-Rebellion unterkriegen lassen würde! „Entschuldigen Siebitte. Wo ist denn St. Anne’s College?“ Der Name war mir in der Zwischenzeit immerhin wieder eingefallen. „Öh, keine Ahnung, ich bin auch neu hier.“ „Kein Problem, danke.“ „Tschuldigung, wissen Sie, wo St. Anne’s ist?“ „Ist das ein College? Noch nie gehört, leider.“ Langsam wurde es dunkel. „Sorry, wissen Sie, wie ich zum St. Anne’s College komme?“ „Leider nein, aber schauen Sie doch mal da auf den Plan, da sind die Colleges eingetragen.“ Halleluja! Und tatsächlich: Ganz am unteren Rand ein Pfeil Richtung Süden, über den Rand der Karte hinaus: St. Anne’s. Gerettet! Schwungvoll marschierte ich los – und drehte nach zwei Kreuzungen wieder um, um ein Foto von der Karte zu machen. Sicher ist sicher.

Auf dem Weg formulierte ich schon die böse E-Mail, die ich meinem Mobilfunk-Anbieter schreiben wollte – und natürlich den Facebook-Status. Ich lichtete ein paar Häuserfassaden ab, um sie direkt an Freunde und Familie schicken zu können: Oxford at last! Doch die Sozial-Vernetzungs-Blase platzte, sobald ich es tatsächlich bis zum St. Anne’s geschafft hatte. „Tut mir Leid, aber Ihren W-LAN-Zugang bekommen Sie erst Morgen mit den Konferenz-Unterlagen!“ „Waaaaaaaas …!“ Ich kürze ab: Nichts zu machen. Kein Internet. Und somit auch keine abendlich gesendete E-Mail mit der Einladung zum gemütlichen Pub-Beisammensein. Keine Chance, noch schnell nachts nachzugucken, wann es Frühstück gab (8:00 bis 9:00, wie man mir um 9:15 vor verschlossener Tür mitteilte). Und auch kein Hinweis darauf, dass das Konferenz-Programm noch einmal geändert worden war und wir erst um 11 Uhr anfangen würden.

Offline-Sein

Wie verändert das Internet unsere Gesellschaft? Mit dieser Frage beschäftige ich mich täglich – und doch wird sein Einfluss besonders deutlich, wenn man plötzlich ohne dasteht. Warum also nicht das Ganze auf die nächste Ebene bringen?

Es ist Freitagmorgen. Ich stehe im Schlafanzug in meinem Wohnzimmer und halte noch einmal inne, bevor ich den kleinen grünen Schalter umlege. Stille. Ich habe die Stromversorgung für Telefonanlage und Router ausgestellt. Ich zögere kurz und schalte dann die Datenverbindung meines Telefons ab, genau wie das WLAN. Ob ich das durchhalte? Klar, im Urlaub bin ich öfter ohne Internet, aber im Alltag?  Natürlich muss ich ein wenig schummeln. Die Arbeitsmails am Freitag werden gelesen. Ansonsten aber: Internetverbot.

Risiken und Nebenwirkungen

Direkt als Erstes wird mir nach dem Abschalten klar: verdammt, kein Radio. Natürlich höre ich Radio per Internet-Stream. Die Batterien in meinem FM-Empfänger, vollgestaubt im Küchenregal, sind seit langem leer. Kurz schlechte Laune, aber das legt sich. Höre ich beim Zähneputzen eben ein paar CDs. (Ja, ich besitze CDs!) Im Büro angekommen, fällt mir ein: Mist, ich sollte doch einer Freundin meine Katzenohren mitbringen (Kostümparty …). Die habe ich natürlich zu Hause liegen lassen. Automatisch öffne ich den Browser, um ihr eine Facebook-Nachricht zu schreiben, doch halt! Darf ich nicht. Und jetzt? Ihre Telefonnummer habe ich nicht. Ok, ein Notfall: Ich schummele und schicke ihr eine E-Mail. Was soll ich auch machen? Als ich sie später sehe, schreibe ich direkt ihre Telefonnummer auf. Überhaupt stelle ich im Laufe der nächsten Tage fest: Mein Telefonnummern-Verzeichnis ist eine Katastrophe. Mindestens ein Drittel der Menschen, mit denen ich am Wochenende sprechen möchte, sind nur mit Threema- oder Skype-Kontakten vermerkt – oder überhaupt nur auf Facebook gelistet. Diejenigen, deren Nummern ich habe, wundern sich, warum ich sie auf einmal anrufe. Oder noch merkwürdiger: SMS schreibe. Aber eigentlich ganz nett, so ein kleiner Schnack zwischendurch – mein Freiminuten-Kontingent aber leidet beträchtlich. Außerdem sind es nur meine Freunde in Deutschland, die davon profitieren. Alle anderen hören dieses Wochenende nichts von mir.  Kein kurzer Kaffeeklatsch mit London. Das ist wirklich hart!

Aber weiter im Text: Nachrichten. Ich bekomme nichts mit! Gar nichts. In der Mittagspause schnappe ich mir aus lauter Verzweiflung eine kostenlos ausliegende Lokalzeitung, die aber mein Informationsbedürfnis in keinster Weise befriedigen kann. Wie zum Henker kommt man eigentlich sonst an Nachrichten? Gibt es noch Zeitungskioske? Und gibt es eine Print-Ausgabe von Aljazeera?

Am Nachmittag lesen ich ein Paper über e-Cognocracy: Das Staatsmodel von Moreno-Jiménez, Pérez-Espés und Velázquez, das direkte und repräsentative Demokratie mit Hilfe neuer IT-Tools verbinden will (2014. e-Cognocracy and the design of public policies. Government Information Quarterly, 31(1), 185–194. doi:10.1016/j.giq.2013.09.004). Ich bin nicht überzeugt und würde das gerne zur Diskussion in eine meiner E-Partizipations-Gruppen posten – aber die sind auf Facebook. ARGH! Dann muss ich daran denken, dass ich das Paper digital lese, über die Uni-Bibliothek runtergeladen und vorher mit drei, vier Mausklicks gesucht habe – wäre ohne Internet auch nicht gegangen.

Generell sind es tatsächlich eher kleine Dinge, die mich aus dem Tritt bringen: Mal eben googeln, wann noch die Zeitumstellung ist und in welche Richtung? Fehlanzeige. Schnell die Vokabel nachschlagen? Nichts da! Kurz nachsehen, wie lange ich mit dem Zug nach Linz brauche? Nein! (Zwischenfrage: Wie hat man eigentlich früher Zugverbindungen rausgefunden? Am Schalter? Musste man dafür jedes Mal zum Bahnhof fahren?!)

Samstag und Sonntag lenke ich mich gut ab, schreibe viele SMS und höre CDs. Zum Glück habe ich gerade einen frischen Bücher-Stapel rumliegen und die Shopping-Tour bei meinen Lieblings-Online-Fair-Trade-Läden verschiebe ich auf nächstes Wochenende. Ok, ich verpasse ein paar Party-Einladungen, vergesse Geburtstage, bekomme nichts mit von den Heimspielen der Uni-Sport-Mannschaften, und um zu sehen, wie das Wetter wird, muss ich die Wolken am Horizont angucken. Die nervösen Zuckungen bleiben zwar aus. Trotzdem: Wann ist endlich Montag?

Offline geht zwar, will aber keiner!

Es ist Montagmorgen. Ich stehe im Schlafanzug in meinem Wohnzimmer und halte noch einmal inne, bevor ich den kleinen grünen Schalter umlege. Erleichterung durchströmt mich. Als Erstes gucke ich mir alle Tagesschau-Sendungen der letzten Tage an. „Willkommen zurück“, schreibt ein Freund. Drei Tage (fast) ohne Internet? Klar ist das machbar. Besonders Facebook hat mir weniger gefehlt als gedacht. Vielleicht heißt das ja, dass es Hoffnung gibt für Alternativen wie Omlet! Und doch: Nicht mehr einfach so mit meinen Freunden außerhalb von Deutschland plaudern? Keine Schnappschüsse mehr an meine Familie schicken? Auf eine Tageszeitung angewiesen sein oder auf die 20-Uhr-Nachrichten warten? Nur mit anderen WissenschaftlerInnen diskutieren können, wenn man sich trifft? Oder mich durch stationäre Bibliothekskataloge wühlen? Unvorstellbar! Und das sind nur die kleinen Dinge, die das Internet für mich persönlich leistet. Von den bereits erschlossenen und noch auszuschöpfenden Potentialen für Organisationen und Staaten fange ich gar nicht erst an. Das Internet ist eindeutig eine unserer wichtigsten Infrastrukturen und deshalb dürfen Themen wie Netzzugang, Breitbandausbau, digitale Bildung, Netzneutralität, Privatsphäre und Datenschutz keine Randbemerkungen sein. Vielen Dank an die Netzpiloten, dass ich zu diesem Ziel einen Beitrag leisten durfte. Dies ist vorerst mein letzter Artikel gewesen. Die Diskussion aber geht weiter! Stay in touch und danke für den vielen Fisch.


Image (adapted) „Unplugged – no computer, no internet, possible?“ by photsteve101 (CC BY 2.0)


Weiterlesen »

Generation Analog: Stößt die Digitalisierung an ihre Grenzen?

Chips und Netz sollen einmal alles durchdringen, heißt es. Doch 2014 mehren sich die Anzeichen für einen Rückbau der Digitalisierung. Bald werden wir alle mit Smartwatches, Datenbrillen oder gar implantierten Chips herumlaufen, jede Sekunde und jeder Schritt unseres Lebens wird in den Clouds der IT-Riesen gespeichert, alles Konsumierbare, vom personalisierten Turnschuh bis zur Pizza aus dem 3D-Drucker, wird irgendwie auch digital sein. Unsere Autos werden ferngesteuert durch die Gegend düsen, Wahlen werden im Netz abgehalten, der Job im Coworking Space via Internetleitung erledigt, und den Sexpartner fürs Wochenende tindern wir uns einfach am Smartphone herbei. Doch derzeit häufen sich die Anzeichen, dass der Höhepunkt der Digitalisierung bald erreicht sein und sich die Technologisierung der Gesellschaft auf ein erträgliches Maß einpendeln könnte.

Die Zukunft scheint digital vorgezeichnet, unausweichlich wirkt die komplette Digitalisierung der Welt. Das Analoge ist zum Sterben verurteilt, während „Big Data Brother“ uns das Morgen berechnet und alles in dafür notwendige Bahnen lenkt, von der grünen Ampel bis zur Todesurkunde. Angeblich gehören Plus-30-Jährige wie ich zu den letzten Menschen, die noch analog, mit Musikkassetten und VHS-Rekorder aufgewachsen sind, alle anderen nach uns werden für immer auf den Servern von Google und Facebook verewigt. Die einen finden das praktisch und machen freiwillig mit, den anderen schwant eine Dystopie irgendwo zwischen “1984” und “Minority Report”, doch kaum jemand fragt sich: Was, wenn das alles doch nicht so kommt?

Anti-Tech-Bewegung im Herzen der Branche

Vielleicht ist ja das Jahr 2014, also das Jahr 1 nach Snowden, der Beginn der Kehrtwende, der Anfang vom Ende der ultimativen Digitalisierungsfantasie. Ausgerechnet im Herzen von Hightech-Land, San Francisco, begehrt eine Anti-Tech-Bewegung (darunter eine anarchistische Gruppe namens „The Counterforce“) gegen IT-Riesen wie Google auf, weil der Reichtum ihrer Mitarbeiter die Wohnungspreise in der Stadt weit über die Schmerzensgrenze getrieben hat. Während IT-Hipster, coole Gründer und selbst Twitter-Praktikanten sich auch noch so teure Wohnungen von ihren dicken Gehältern und Venture-Capitalist-Schecks leisten können, sehen sich jene, die nicht in der Tech-Branche arbeiten, unter die Räder des Fortschritts gekommen. Die Google-Busse, die die Mitarbeiter gratis von zu Hause in die Arbeit bringen, sind zum Hassobjekt geworden: Eine Studie zeigte, dass die Wohnungsmieten rund um die Bushaltestelle dieser Shuttles um 20 Prozent gestiegen sind.

Auf der anderen Seite des Atlantiks steht Google im Besonderen und Überwachungstechnologien im Allgemeinen 2014 unter verstärktem Beschuss. So hat der Europäische Verfassungsgerichtshof (EuGH) Anfang April die kontroverse Vorratsdatenspeicherung gekippt, weil diese nicht mit dem Grundrecht auf Privatleben vereinbar ist, und außerdem Mitte Mai ein Grundsatzurteil zum „Recht auf Vergessen werden im Internet“ getroffen. Künftig ist Google verpflichtet, Verweise auf Webseiten mit sensiblen persönlichen Daten in seinen Suchergebnissen zu streichen. Zudem gibt es immer mehr Firmen gerade im Datenschutz-bewussten Mitteleuropa, die sich weigern, ihre Firmendaten aus Angst vor Wirtschaftsspionage in die US-Cloud zu speichern. Sehen wir da gerade die Beginne eines Rückbaus, stößt die Digitalisierung da auf ihre natürlichen Grenzen?

Digitale Ermüdungserscheinungen

Parallel zu wichtigen politischen Entscheidungen zeigen sich auf gesellschaftlicher Ebene zarte digitale Ermüdungserscheinungen. Der Boom von Facebook in Österreich (3,2 Millionen Nutzer, 40 Prozent der Bevölkerung), in Deutschland (28 Millionen Nutzer, 35% der Bevölkerung) ist schon länger vorbei, die 100 Prozent scheinen mittlerweile unmöglich. Twitter war und bleibt sowieso ein Nischenphänomen, das in Österreich gerade einmal 1,5 Prozent der Bevölkerung erreicht (siehe Social Media Radar). Dazu kommt der Wunsch nach mehr digitaler Privatheit, der User von Facebook und Twitter in Richtung WhatsApp, Snapchat, Whisper oder Secret zieht, wo es nicht mehr um das Sharen mit der Weltöffentlichkeit, sondern um vertrauliche Gruppen-Chats und Anonymität geht. Vielleicht sind diese Smartphone-Apps sogar ein Zwischenschritt zurück in analoge Gefilde (Vinyl, Schreibmaschinen und alte Kameras sind längst wieder en vogue)und entwöhnen uns langsam vom „Always on“-Paradigma.

Überhaupt ist die Frage, wie es mit Apps und Smartphones weitergehen wird. Abgesehen von einigen Games wie Quizduell, 2048 oder Candy Crush gibt es kaum mehr neue Applikationen, die jeder mal ausprobiert, wie man es noch vor einigen Jahren mit Dropbox, Evernote, Spotify oder Instagram machte. In der Flut an immer neuen Diensten, die sich manchmal nur um Nuancen unterscheiden, ist es verständlich, dass sich immer mehr User abschotten und das Mobiltelefon nur mehr zum ursprünglichen Zweck verwenden: Kommunikation mit Freunden und manchmal der Arbeit. Da ist es auch wieder vorstellbar, dass es wieder cool wird, gar kein Smartphone zu haben.

Analoge Freiräume schaffen

Das heißt nun nicht, dass man komplett auf Smartphone und Internet verzichten wird, aber die Menschen können sich analoge Freiräume in Raum und Zeit schaffen. Am Wochenende kann man zur Erholung offline gehen, und man kann Räume wie Schlafzimmer oder Esstisch zur Smartphone-freien Zone machen. Freundeskreise tun das schon jetzt, wenn sie beim gemeinsamen Dinner die Mobiltelefone stapeln und denjenigen zur Strafe die komplette Rechnung zahlen lassen, der als erster dem Drang nicht widerstehen kann, zum Gerät zu greifen.

In der TV-Serie „Girls“ wird so eine neue Technologieverweigerin, die weltreisende Bohemian Jessa, porträtiert. Nein, man sie könne nicht auf Facebook kontaktieren, sagt Jessa achselzuckend zu ihrer Freundin Shoshanna, weil sie dort ja gar kein Profil habe. Was Shoshanna ziemlich cool findet und erwidert: „You´re so classy.


 


Weiterlesen »

Offline-Tage? Nein, danke!

Offline (Bild: Craig Garner [CC0], via Unsplash)

Die letzten Tage im Jahr offline verbringen? Nö! Zwischen Dauer-Surfen und Offline-Sein liegt die Lösung – aber nicht nur an Weihnachten. // von Julian Heck

Offline (Bild: Craig Garner [CC0], via Unsplash)

Mit einem Blick aufs Smartphone aufwachen und den Tag mit dem Anschließen des Smartphones an das Ladekabel beenden. So sieht bei vielen (und bei mir) die Wahrheit aus. Der mobile Computer – ob Smartphone oder Tablet – beherrscht unseren Alltag. Vor Weihnachten las man immer mal wieder Forderungen, das Netz zu ignorieren und einige Offline-Tage einzulegen. Sehe ich gar nicht ein! Mein nützlicher Helfer wich auch an Weihnachten nicht von meiner Seite – warum auch. Nützlich ist er schließlich auch an Weihnachten.

Weiterlesen »

Weiterlesen »

Jemals offline gewesen, Peter Bihr?

Die Netzpiloten feiern 15 Jahre Expeditionen in den Cyberspace und fragen prominente Wegbegleiter nach ihrem denkwürdigsten Erlebnis der digitalen Revolution. – Heute den Strategist, Consultant & Curator, Peter Bihr.

Peter_Bihr_post

Ein Freund studierte Informatik und hat mich mit in den Computerraum der Uni gekommen – das muss 1996 oder 1997 gewesen sein. Dort öffnete er einen Browser, klickte auf einige blau unterstrichene Wörter (Hyperlinks!) – und zeigte mir anhand der URLs, wie wir uns von Uni zu Uni, von Stadt zu Stadt, von Kontinent zu Kontinent bewegten. Einfach so, weltweit! Obwohl wir hauptsächlich Text und ein paar kleine animierte GIFs sahen, hat mir das damals wirklich die Augen geöffnet.

Danach ging alles ruckzuck, denn wie Hyperlinks im Netz führte so eins zum anderen: Als Schüler nebenher Geld verdient mit dem Bauen von Websites, Praktika in Onlineredaktionen und erster Job in der Onlineabteilung eines Verlags. Auch zu den Netzpiloten bin ich so gekommen, erst als Autor, später als Redaktionsleiter. Ehe ich mich versah war ich eine Art Scout, die Menschen und Unternehmen half, sich im Netz wirklich zurecht zu finden. 

Eines hat sich dabei seitdem immer und immer wieder gezeigt: Das Netz öffnet Türen und verbindet uns miteinander. Und das ist großartig!

Weiterlesen »

re:publica 08: Programm ist online

Die Bloggerkonferenz re:publica steht wieder vor der Tür. Vom 02.-04. April trifft sich die Szene in der Kalkscheune in Berlin. Motto dieses Jahr: „Die kritische Masse – Kulturelle und soziale Aspekte der vernetzten Gesellschaft„.

Das vorläufige Programm der Konferenz steht inzwischen fest und damit auch die ersten Referenten. Ab sofort gibt’s auch Tickets für die re:publica 08 zu kaufen. Fein: Wie im letzten Jahr kommen Blogger auch dieses Jahr wieder zum Vorzugspreis von 40 Euro rein. Banner aufs Blog setzen, fertig. Sehr fair, und das Geld auf jeden Fall wert.

Vielen Dank für’s Organisieren ans re:publica-Team, Spreeblick und newthinking communications!

Aktuelle Meldungen zur re:publica gibt’s im Blog und per Twitter.

Weiterlesen »