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Über den Erfolg der chinesischen Supraplanung. Europa muss Strategeme lernen!

Politische und wirtschaftliche Entscheider des Westens sollten endlich anfangen, das Denken und die Kultur in China tiefgründig zu verstehen. „In der westlichen Welt scheint man zu meinen, Hintergrundwissen über die Volksrepublik China sei überflüssig, es genüge, von Fall zu Fall die Tagesereignisse zu verfolgen und mit westlichem Alltagswissen ad hoc zu reagieren“, so die Erfahrung von Professor Harro von Senger.

Welchen Stellenwert die Parteinormen der KP China und das Gesetzesrecht der Volksrepublik China haben, stellt von Senger in seinem Buch „Supraplanung“ (Provisionslink) dar, das jetzt in einer erweiterten und aktualisierten Neuauflage bei Hanser erschienen ist: „Wenn man nur schon die Verfassungsartikel zur Kenntnis nehmen und in ihrer vollen Tragweite begreifen würde, dann würde vieles, was in der politischen Tagespraxis geschieht, durchschaubar und leicht vorhersehbar werden. Aber leider werden offizielle Dokumente der Volksrepublik China im Westen regelrecht boykottiert und planmäßig nicht gelesen oder mit einem Lacher abgetan. Sie seien das Papier nicht wert, auf dem sie stehen.“

Ist China nur geschickt?

Der wirtschaftliche Aufstieg der VR China seit 1978, mit dessen die ganze Welt überspannenden, auch außenpolitischen Auswirkungen, verblüffe hierzulande viele Beobachterinnen und Beobachter. „Geschickt“ – so kennzeichnet Frank Sieren in seinem Buch „Der China Code“ (Provisionslink) mehrfach chinesische Vorgehensweisen. „Geschickt“, so der indische Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sen, „habe China die globalen Märkte benutzt.“ „Bis heute hat die chinesische Führung alles richtig gemacht“, schreibt Professor Eberhard Sandschneider, Leiter des Arbeitsschwerpunkts Politik China und Ostasiens der Freien Universität Berlin und Vertrauensdozent der Friedrich-Ebert- Stiftung. „Die enormen Leistungen Chinas“ werden in einem Positionspapier der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag zur Asienpolitik gewürdigt. „Im Grunde genommen machen die Chinesen in ihrem Sinn alles richtig.“

Aus welchen geistigen Quellen speist sich das „geschickte“ und „richtige“ Verhalten von Politikern der VR China, fragt von Senger in seinem Opus: „Immer wieder verweist man im Westen auf den chinesischen ‚Pragmatismus‘. Noch nie habe ich indes eine Stellungnahme aus der VR China gelesen, die das auch so monokausal darstellen würde, zumal ‚Pragmatismus‘ (shiyongzhuyi) ein eher verpöntes Wort ist. Irgendwie begreift man die Hintergründe ‚des phänomenalen wirtschaftlichen Aufstiegs Chinas in den zurückliegenden Jahrzehnten‘ nicht so recht. Wer im Westen hat in diesem Zusammenhang das chinesische Konzept der Zukunftsgestaltung ‚Moulüe‘ gewürdigt?“

Hierzu schreibt der Journalist Fu Jing in China Daily, der größten und ältesten in der VR China erscheinenden englisch-sprachigen Tageszeitung: „Harro von Sengers Buch Moulüe, das in deutscher Sprache 2008 veröffentlicht wurde, ist bislang das einzige westliche Buch über diesen Gegenstand.“

Foucault und das kulturelle Gedächtnis

Wieso hat seither kein anderer westlicher China-Experte dem Konzept der Supraplanung eine eingehende Untersuchung gewidmet? In diesem Zusammenhang verweist von Senger auf Michel Foucault: Die jeweilige „Ordnung der Dinge“ beeinflusst die Sprache und die Wahrnehmungsschemata der im betreffenden Kulturraum lebenden Menschen und formt deren „kodierten Blick“. Er wird vom kulturellen Gedächtnis geprägt, „die Tradition in uns, die über Generationen, in jahrhunderte-, ja teilweise jahrtausendelanger Wiederholung gehärteten Texte, Bilder und Riten, die unser Zeit- und Geschichtsbewusstsein, unser Selbst- und Weltbild prägen“. „Es ist eine Binsenweisheit, dass in China die Uhren anders ticken. Wer sich anmaßt, durch eine westliche Brille auf das asiatische Land zu schauen, wird viele Dinge nie verstehen.“ Oder er wird von den strategemkundigen und supraplanenden Chinesen auseinandergenommen.

Die normative Kraft des Normativen

Harro von Senger beschäftigt sich ausführlich mit der normativen Kraft des Normativen und nicht mit der im Westen vorherrschenden Sichtweise von der normativen Kraft des Faktischen. Mittlerweile müsste eigentlich jedem klar sein, dass das langfristig orientierte Regime der KP China mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit seine Ziele erreichen wird. „Die Effizienz der chinesischen politischen Führung ist ziemlich unbestritten. Man betrachte die Entwicklung des chinesischen Pro-Kopf-Einkommens. Betrug es 1978 160 US-Dollar, so lag es Ende 2017 ‚bei über 8000 US-Dollar‘. Innerhalb von 35 Jahren sind zwischen 600 und 700 Millionen Menschen aus extremer Armut befreit worden. ‚Das ist beeindruckend und außergewöhnlich‘, meint Philipp Alston, UNO-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte. ‚In der Geschichte der Menschheit ist diese rasante Entwicklung einzigartig‘“, führt von Senger aus.

Die Schwächen der Spieltheorie

Spannend ist sein Hinweis, wie kritisch die chinesischen Supraplaner mit der westlichen Spieltheorie umgehen – Professor Lutz Becker bezeichnet das immer als theoretisches Sandkasten-Spielchen. Die Spieltheorie gehe von Konstellationen aus, die man mathematisch erfassen kann, erläutert der Begründer der militärischen Moulüe’-Kunde Li Bingyan. Moulüe bewegt sich hingegen außerhalb des Berechenbaren, im nicht quantifizierbaren Bereich jenseits der herkömmlichen Routinerationalität. Schöpferische Leistung lässt sich nur schwer mathematisch modellieren.

Während die Spieltheorie Probleme innerhalb des Spielgeheges nach feststehenden Regeln zu lösen trachte, verlasse der Anwender von Moulüe die Spielwiese und löse den Widerspruch außerhalb des Widerspruchs. Der Moulüe-Anwender beobachte in erster Linie das Gegenüber und versuche zu ergründen, was dieses im Schilde führe. Habe er die Agenda des Gegenübers erfasst, dann versuche der Moulüe-Anwender, die sich durch die Vorhaben des Gegenübers ergebende Konstellation auszunutzen und das Gegenüber, ohne dass es diesem bewusst werde, zu Schrittfolgen zu verleiten, die dem Moulüe-Anwender den größtmöglichen Nutzen einbringen. Die Spieltheorie gehe von blutleeren Abstraktpersonen aus, wogegen sich die Moulüe-Kunde geistig regsamen Menschen mit ihren Gefühlen und individuellen Besonderheiten zuwende.

Vorteilhafte Konstellationen herbeiführen

Bei der Spieltheorie sei, so Li Bingyan, die Konstellation vorgegeben und bekannt. Auch die Mitspieler und die Spielregeln seien fixiert. Die Spieler dürfen Handlungsoptionen nur unter den ihnen zur Verfügung gestellten Wahlmöglichkeiten aussuchen. Eine Quintessenz der Supraplanung aber sei die Konstellationskreation (zuoju, auch zaoshi genannt). „Auf eine vorteilhafte Konstellation wird also nicht unbedingt passiv gewartet, sondern sie wird oft aktiv herbeigeführt, indem man ‚Faktoren günstig macht‘. Eine vorteilhafte Konstellation entsteht nicht nach vorgegebenen Regeln und gemäß einer von den in die Konstellation ein- gebundenen Personen getroffenen Vereinbarung, sondern einseitig durch das Konstellationsdesign des Supraplaners. Je weiter die von ihm geschaffene Konstellation von den Erwartungen der anderen Konstellationsbeteiligten abweiche, umso besser. So gesehen beschäftigt sich die Supraplanungskunde mit der Erforschung irregulärer, regelloser, vorvertraglicher menschlicher Auseinandersetzungen“, sagt von Senger.

Der Papst als Gegenspieler der KP China

„Während die politische Führung in China genau weiß, was sie über lange Zeiträume hinweg will, scheint die EU in Bezug auf ihre Zukunftsvorstellungen im Dunkeln zu tappen“, kritisiert der Schweizer Sinologe. Allenfalls könnte man den katholischen Papst als Gegenspieler der VR China in Betracht ziehen. Er denkt nicht in Jahrhunderten, sondern in den zeitlosen Kategorien einer jenseitigen Welt. Für die politische Sphäre reicht das aber nicht aus. „Warum nicht dem Auge des europäischen Betrachters beispielsweise neben einem altehrwürdigen Relikt aus dem Reich der Mitte simultan die Himmelsscheibe von Nebra darbieten? Dies könnte die äonen- und kontinenteüberspannende Fantasie von Europäerinnen und Europäern beflügeln“, meint von Senger.

Sinomarxismus-Forschung in Trier

Weiterer Vorschlag: Deutschland wäre prädestiniert für die Errichtung des westlichen Forschungszentrums für Sinomarxismus. Eigentlich fiele diese Aufgabe der Universität Trier zu. „Deutsche Wissenschaftler sollten an diesem Zentrum fortlaufend dokumentieren und verfolgen, sowie das Publikum darüber informieren, wie sich der Sinomarxismus entwickelt.“ Es sollte nicht sein, dass in Europa, infolge diesbezüglicher Ignoranz, kein einziger Mensch mit Chinesen über deren Ideologie zu diskutieren vermag. Da es sich beim Sinomarxismus nach gerade um eine „Seele“ der VR China zu handeln scheint, erscheine westliche Forschung mehr als geboten. Dazu zählen auch die Strategem-Kunde und die Supraplanungen der KP China. Als Gegenrezept empfiehlt von Senger eine biblische Klugheitslehre: „Europäer sollten ihre Scheuklappen gegenüber dem Listwissen ablegen und sich intensiv damit befassen. Der Rat von Jesus Christus ‚Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben‘ ist aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken.“

Das Buch „Supraplanung“ von Harro von Senger auf Amazon kaufen (Provisionslink)

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Kommt ein Netzwerkdurchsetzungsgesetz für Europa?

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Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz ist ein typisches Beispiel dafür, dass ein wichtiges und ehrenwertes Ziel nicht automatisch ein kluges Gesetz bedeutet. Beim Versuch, Lügen und Hasspropaganda zu bekämpfen, schafft das NetzDG (Netzwerkdurchsetzungsgesetz) eine gigantische Zensurinfrastruktur und sorgt für Rechtsunsicherheiten. Umso bedenklicher ist es, dass sich andere europäische Länder diesen deutschen Irrweg nun zum Vorbild zu nehmen scheinen. Frankreich plant nicht nur ein eigenes NetzDG, sondern will sich auch für eine entsprechende Regelung auf EU-Ebene einsetzen.

Kritik am NetzDG

Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz soll helfen, gefälschte Nachrichtenmeldungen („Fake News“) und Hasskommentare einzudämmen. Zu diesem Zweck verlangt es von den Betreibern von Online-Portalen entsprechende Inhalte innerhalb von kurzer Zeit zu löschen. Offensichtlich strafbare Inhalte müssen innerhalb von 24 Stunden, kleinere Verstöße innerhalb von einer Woche entfernt werden. Wird das versäumt, drohen empfindliche Strafen.

So lobenswert das angestrebte Ziel auch ist, erntete das NetzDG  zu Recht viel Kritik. Die Regierung drängt Infrastruktur-Betreiber in die Rolle des Zensors. Das führt zu laienhaften und von Furcht um die eigene finanzielle Situation gelenkten Entscheidungen. So ist also das Risiko einer Überregulation sehr groß. Es besteht nämlich die Gefahr, dass man aus Angst vor einer Strafe jeden auch nur ansatzweise kontroversen Beitrag vorsichtshalber löschen muss. Deswegen ist das NetzDG ein denkbar ungeeignetes Mittel für ein freies Internet, in dem Wissen ausgetauscht und diskutiert werden kann.

Deutschland als Vorbild?

Umso bedenklicher ist es, dass sich andere europäische Länder diesen deutschen Gesetzgebungs-Irrweg nun zum Vorbild nehmen. Frankreich kündigte vor Kurzem an, selbst ein entsprechendes Gesetz verabschieden zu wollen. Und dies ebenfalls mit dem lobenswerten Ziel Hass im Netz, vor allem Rassismus und Antisemitismus, zu bekämpfen. Allerdings sind diesbezüglich geplanten Maßnahmen ähnlich kurzsichtig.

Frankreich will EU-Regelung

Doch der französischen Regierung um Staatspräsident Emmanuel Macron reicht es nicht, solche Gesetze nur für das eigene Land zu fordern. Sie kündigte außerdem an, sich auch auf EU-Ebene für eine entsprechende Gesetzgebung einzusetzen. So läuft die im NetzDG geforderte Vorgehensweise Gefahr, dass die EU sie auch auf europäischer Ebene gesetzlich verankert.

Wohin es führen kann, wenn problematische Sicherheitsgesetze ins EU-Recht eingehen, zeigt das Beispiel der Vorratsdatenspeicherung. Diese Maßnahme fasste man schon vor über zehn Jahren in EU-Recht. Doch trotz bewiesener Ineffektivität und einer Vielzahl von ablehnenden Richtersprüchen, ist sie nur schwer zu bekämpfen. Jahrelang beriefen sich Befürworter der Vorratsdatenspeicherung auf die zugrunde liegende EU-Richtlinie und mögliche Vertragsverletzungsverfahren. Dieses Argument ist erst hinfällig, seit die EU eindeutig entschied, dass diese Maßnahme grundrechtswidrig ist. Besiegt ist die Vorratsdatenspeicherung trotzdem noch lange nicht.

Um eine ähnliche Entwicklung im Falle des Netz-DG zu verhindern, dürfen diese Maßnahmen gar nicht erst Einzug ins EU-Recht erhalten. Fake News und Hate Speech zu bekämpfen, ist ein lobenswertes Ziel. Die Betreiber sozialer Netzwerke als Zensoren einzusetzen, ist aber zum Erreichen dieses Ziels das denkbar schlechteste Mittel. Das müssen Bürgerrechts-Aktivistinnen und -Aktivisten nun auch auf EU-Ebene klar machen.


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Destination Check dmexco 2017

Destination_Check_dmexco

Die dmexco als größte Fachmesse für digitales Marketing und Werbung in Europa stand dieses Jahr auf dem Prüfstand. Kaum hat die Messe ihre internationale Strahlkraft erhöht, vermuteten kritische Stimmen im Vorfeld eine Vernachlässigung nationaler Belange. Beäugt wurde auch, welchen Effekt die Einführung eines Ticketpreises von 99,00 Euro auf die Besucherstruktur haben würde. Mit 1.100 Ausstellern und 41.000 Besuchern in diesem Jahr haben die Veranstalter Grund, sich zufrieden zu zeigen. Wir haben mit Ausstellern, Besuchern und Speakern gesprochen, wie die Neuausrichtung der dmexco angekommen ist. 


Speakerin: Beate Rosenthal, Global Brand Director Digital & Media bei Merck Consumer Health


Beate Rosenthal (Image by Beate Rosenthal)
Image by Beate Rosenthal

Beate Rosenthal arbeitet mit ihrem internationalen Team daran, die Marken von Merck Consumer Health als „Love Brands“ aufzubauen. Da sie global agiert, wünscht sie sich von den dmexco-Machern, die stärkere internationale Ausrichtung weiter zu forcieren. 

Mit welcher Intention ist Merck auf der dmexco präsent?

Wir wollen dort dabei sein, wo die besten Marken zeigen, wie sie Menschen digital erreichen. Dazu gehört auch, unsere eigenen Erfolge zu präsentieren, um darüber mit Partnern in den Austausch zu kommen. Wir möchten an den Trends partizipieren und sie in der Markenbildung anwenden.

Was war Ihre persönliche Motivation heute hier zu sprechen?

Es ist wichtig, dass mein internationales Team und die Welt sehen, welch tolle Arbeit Merck leistet und dadurch Partnerschaften und Motivation entstehen.

Was ist Ihr Gesamteindruck der diesjährigen dmexco im Vergleich zu den Vorjahren?

Ich empfinde die dmexco ähnlich inhaltsreich und intensiv wie in den letzten Jahren. Allerdings spüre ich einen kleinen Ruck zurück zu mehr deutscher Sprache und deutschen Events. Dabei wünsche ich mir von den Machern weiterhin den Mut, das Event international zu positionieren. Die dmexco sollte die Talks in den großen Hallen vollständig englischsprachig anbieten und die Idee der Satellites weiterverfolgen. Mir hilft es, die Bedeutung der dmexco im Unternehmen zu platzieren, wenn das Event international ausgerichtet ist. 

Was war Ihr Eindruck von den Besuchern dieses Jahr?

Der Großteil kommt nach wie vor aus der Marketing-, Agentur- und Publisher-Branche. Ich hatte nicht den Eindruck, dass es sich im Vergleich zu den Vorjahren signifikant unterschieden hat. Am ersten Tag war es ähnlich voll, am zweiten Tag gab es wie immer mehr Gelegenheit für Gespräche, die in die Tiefe gehen.

Wer sollte Ihrer Meinung nach künftig die dmexco besuchen, der bislang noch nicht vertreten ist?

2017 sind wir als einziges Healthcare-Unternehmen auf der dmexco vertreten. Das verwundert mich, denn hier gibt es viele Anregungen und Ideen, Marketing relevanter für Kunden, Ärzte und Apotheker zu gestalten. Das wird für die Healthcare-Branche wichtiger, da Konsument und Patient immer stärker in den Fokus rücken.

Welche Anregung nehmen Sie mit?

Mir ist einmal mehr bewusst geworden, dass wir Marketer uns nicht mehr nur als Kreative und konzeptionelle Strategen verstehen dürfen, sondern auch lernen müssen, mit Daten in der Tiefe umzugehen. Und andersherum sollten Datenexperten noch intensiver und schneller mit Brand Building und Konzeption vertraut werden. 


Besucher: Philipp Steuer, Digital Storyteller


Philipp Steuer (Image by Gesine Märten)Philipp Steuer hilft Marken dabei, neue digitale Trends und Innovationen zu verstehen und richtig einzusetzen. Die dmexco nutzt er in erster Linie für Networking. Sein Highlight? Neben einer Vielzahl an Bratwurstständen doch noch veganes Essen gefunden zu haben.

Wie ist Dein Gesamteindruck von der dmexco?

Die dmexco ist gut besucht, die Stände sind extrem voll. Ich war vorhin am Stand eines Publishers, der mit 400 Terminen in zwei Tage für das gesamte Team mehr als zufrieden ist.

Wieso bist Du heute hier?

Die dmexco bringt einen Großteil der Digitalleute nach Köln. Termine mit Freunden und Bekannten in dieser kompakten Form machen die Messe besuchenswert.

Wie würdest Du die Besucher einordnen?

Der typische dmexco Besucher feiert die Apple Keynote, bringt aber gleichzeitig sein Messeticket ausgedruckt mit. Auf der einen Seite sind es First Mover, die viel Neues ausprobieren, auf der anderen Seite vertrauen sie immer noch einem Blatt Papier.

Würdest Du wiederkommen?

Ich würde wiederkommen, wenn entweder krasse Speaker da sind, die ich sonst nirgends sehe oder mitbekomme oder wenn ich vorher meine Termine richtig gut gelegt habe. Nur über die Stände zu laufen, bringt mir als Besucher nichts.

Wem würdest Du einen dmexco Besuch empfehlen?

Allen, die im Onlinemarketing-Bereich arbeiten. Ansonsten lohnt sich die dmexco für Unternehmen, die Werbung machen und sich weiterbilden wollen. Wer die dmexco einplant, sollte im Vorfeld konkrete Termine machen. Hier geht es um Business, Meetings und darum, neue Produkte kennenzulernen. In allen Hallen gibt es mehr oder weniger das Gleiche von unterschiedlichen Anbietern. Deswegen sollte man sich im Vorfeld überlegen, wen man treffen will. Ein krasses Erlebnis ist die Messe für Besucher im Vergleich zu anderen Events sicher nicht, dafür sind die Parties am Rande da.


dmexco Brand Ambassador: Klaus Eck, Gründer und Geschäftsführer von d.Tales


Klaus Eck (Image by Gesine Märten)Klaus Eck, bekannt geworden als PR-Blogger, berät seit 1995 Unternehmen bei der Digitalisierung ihrer Unternehmens- und Kommunikationsprozesse. 2015 hat er die Content-Marketing-Agentur d.tales gegründet. Er ist einer von sechs „Ambassadors“ der dmexco, ein Konzept, mit dem die Messe in diesem Jahr erstmals experimentiert hat, um Influencer aus dem Digitalbereich stärker einzubinden.

Wie ist Dein Gesamteindruck im Vergleich zu den letzten Jahren?

Der Eindruck ist positiv, da ich sehr gute Gespräche habe. Mit einer guten Planung findet man genügend Zeit und Raum, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Vor einigen Jahren schien es mir auf der dmexco noch schwieriger, Zeit für intensiven Austausch zu finden. Mit Themen wie künstlicher Intelligenz und Customer Experience ist das Vortragsprogramm an den Themen der Zeit.

Sind Deine Erwartungen im Hinblick auf Programm und Konzept erfüllt?

Meine Erwartungen sind übertroffen worden. Das liegt an den guten Gesprächen, aber auch daran, dass ich tolle Messestände sehe, die eine Weiterentwicklung im Vergleich zu den Vorjahren zeigen. Die Auftritte sind qualitativ hochwertiger und die Art und Weise, wie die Stände organisiert sind, holt mich als Besucher ab.

Hast Du ein persönliches Highlight gehabt?

Das sind für mich die Get-together, die abends ab vier oder fünf Uhr beginnen, denn dort trifft man die Leute, die man kennt. Für mich steht auf einer Messe das Networking im Vordergrund und nicht unbedingt, dass ich alle Vorträge oder Stände gesehen habe.

Wie würdest Du die Besucher einordnen? Hast Du eine Veränderung durch die Einführung der Ticketpreise bemerkt?

Ich kenne die Entwicklungen auch von anderen Veranstaltungen, wie zum Beispiel der CeBIT, und finde die Effekte positiv. Ich mag es lieber, wenn etwas weniger Leute da sind, vor allem weniger „Jäger und Sammler“, die selbst keinen Beitrag zur Veranstaltung leisten. Auf der dmexco geht es um Business. Wer keine 99,00 Euro zahlen will, hat auch kein Business-Interesse. Die Besucher, die jetzt gekommen sind, interessieren sich entweder für Vorträge oder die ausstellenden Unternehmen.

Wem würdest Du die dmexco im kommenden Jahr empfehlen?

Allen, die im Bereich Performance Marketing unterwegs sind und generell im Marketing und Kommunikationsbereich arbeiten. Kommunikatoren fehlen mir hier im Verhältnis, das war immer so. Es sind viele Anbieter von Software vertreten und weniger von Dienstleistungen. Es wäre mein privater Wunsch, dass das Angebot in dieser Hinsicht noch vielfältiger wird. Die dmexco ist ein Ort, an dem sich die Digitalbranche treffen und austauschen kann. Hier geht es primär um Business und Sales, und das ist ja auch legitim.


Ausstellerin: Olena Sikorska, Director Online Marketing von eviom


Olena Sikorska (Image by Gesine Märten)Eviom stellt als Unternehmensberatung für Digital Marketing seit 2014 auf der dmexco aus. Olena Sikorska empfand Besucherandrang und Neugeschäft beim „Klassentreffen der Onlinemarketer“ etwas schwächer als in den Vorjahren.

Wie ist Dein Gesamteindruck als Aussteller von der diesjährigen dmexco?

Wir sind im Großen und Ganzen zufrieden, hatten aber den Eindruck, dass die Reichweite etwas nachgelassen hat. Das Hauptziel unseres Messeauftrittes ist das Neukundengeschäft, das dem ersten Eindruck nicht ganz so ausgeprägt war wie sonst, weil weniger Besucher von Unternehmensseite vorbeigekommen sind. Dafür ist der Austausch mit Partnern wie Tool-Anbietern oder anderen Dienstleistern sehr intensiv, was für uns als Agentur auch unglaublich wichtig ist.

Wie würdest Du die Besucher einordnen?

Es kommen Menschen, die auf Unternehmensseite arbeiten und sich einen Überblick über Tools und Anbieter verschaffen wollen. Dann gibt es die Unternehmen, die feste Termine ausmachen, um ihre Agenturen und Dienstleister zu treffen. Mit dabei sind außerdem die Agenturen, die Neukundengeschäft machen wollen entweder am eigenen Stand oder als Besucher, und die Big Player wie SevenOne Media, Amazon und die größten Media-Unternehmen. Die dmexco ist ein Klassentreffen für alle, die sich mit Onlinemarketing beschäftigen.

Wem würdest Du die dmexco empfehlen?

Jedem, der sich in einer der beschriebenen Gruppen wiederfindet. Die dmexco ist nicht nur eine der größten Fachmessen für Digitalmarketing in Deutschland, sondern auch international. Wir hatten heute am Stand viele Besucher aus Europa, aber auch den USA. Besucher können sicher inhaltlich viel aus Debatten mit bekannten Marken in den großen Hallen mitnehmen. Da man viele bekannte Gesicht trifft, ist die dmexco außerdem ein guter Ort für Networking und Kontaktpflege.


Ausstellerin und Speakerin: Ines Köhler, Director of Marketing & PR bei Canto GmbH


Ines Köhler (Image by Gesine Märten)Ines Köhler ist mit Canto ebenfalls Aussteller der dmexco – genau wie eviom in Halle 8. Sie zeigt sich zufrieden mit dem Neukundengeschäft und nimmt die Messe als Ort wahr, an dem konkrete Kaufentscheidungen getroffen werden.  

Wie ist Ihr Gesamteindruck der dmexco im Vergleich zu den Vorjahren?

Das „Familiäre“ aus früheren Jahren ging etwas verloren, und die Messe wurde unübersichtlicher, aber eben auch business-orientierter. Durch den Overload an Ausstellern, Vorträgen und Nebenevents fällt es schwerer, das für sich Relevante herauszupicken.

Wurden Ihre Erwartungen an Speaker und Besucher erfüllt?

Meine Erwartungen wurden übertroffen. Für uns als Anbieter von Digital Asset Management kann ich auf jeden Fall sagen, dass sich Besucher nicht nur informiert haben, sondern konkrete Kaufentscheidungen getroffen wurden. Die dmexco hat sich von einer Fun- und Trendmesse hin zu dem Treffen für Werbetreibende entwickelt, bei dem über Budget entschieden wird.

Wie würden Sie die Besucher einordnen?

Es kommen weniger „Blogger und Freelancer“ und mehr Mittelstandsunternehmen und Vertreter von Konzernen. Die Messe ist auch sehr viel internationaler geworden. Früher hat man einen jungen Kollegen oder eine junge Kollegin hingeschickt, um Trends zu recherchieren. Jetzt geht man als Team- oder Abteilungsleiter selbst hin, um sich zu informieren und um Kaufentscheidungen zu untermauern.

Werden Sie nächstes Jahr wiederkommen? Wem würden Sie die dmexco empfehlen?

Wir werden auf jeden Fall wieder als Aussteller dabei sein. Ich empfehle die dmexco jedem, der als Werbetreibender, Agentur oder Freelancer im Bereich digitale Kommunikation und Marketing tätigt ist. Entscheider sind vor Ort, und man bekommt ein sehr gutes Gespür für Trends in der Branche.

Was war das persönliche Highlight bzw. Aha-Moment?

Der Sekt nach meinem Vortrag – und natürlich die Möglichkeit, viele Gesprächspartner, mit denen ich sonst vor allem per E-Mail und Telefon zu tun habe, persönlich zu treffen. Der Aha-Moment ist wohl, dass man das im digitalen Zeitalter in einer digitalen Branche unbedingt braucht. Um erfolgreich zu sein, muss man wissen, wem man vertrauen kann, da man nicht für jedes Thema selbst Experte sein kann. Um genau dieses persönliche Netzwerk zu pflegen und auszubauen, ist die dmexco ein idealer Ort.


Images by Gesine Märten

Teaser by Gesine Märten (adapted by Netzpiloten)


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Netzpiloten sind Partner der Privacy Conference in Berlin

Partnergrafik_Privacy-Conference

In Berlin wird ausgiebig über das Thema Datenschutz gesprochen und ihr habt die Chance dabei zu sein! Wir verlosen unter unseren Lesern zwei Tickets für die Privacy Conference. Um bei der Verlosung mitzumachen, könnt ihr hier teilnehmen. Zeit dafür habt ihr bis zum 22. August. Wir wünschen euch viel Erfolg!

Teilnahmebedingungen


Am 19. September ist es endlich soweit: die internationale Privacy Conference in Berlin öffnet ihre Tore. Hier teilen Datenschutz-Experten ihre praktischen Erfahrungen aus der digitalen Wirtschaft.

Besucher erhalten von Experten aus Wirtschaft, Behörden und Wissenschaft praxisbezogene Lösungen, wie diese die neue EU- und internationale Datenschutzregelung in ihren Unternehmen integrieren und einhalten können.

Zudem werden in zahlreichen Panels und Diskussionen Themen besprochen wie unter anderem der internationale Datenfluss oder dem Datenschutz Management. Trefft dabei auf namhafte Speaker wie Jan Philipp Albrecht – Abgeordneter des Europäischen Parlaments – oder Marit Hansen, die Landesbeauftragte für Datenschutz Schleswig-Holstein und Diplom-Informatikerin. Mehr zum Ablauf der Konferenz findet ihr hier.

Wer Teil der spannenden Privacy Conference sein möchte, der sollte sich schnell Tickets sichern und sich das Datum auf jeden Fall merken.


Image by Fotolia.de – sora_nus adapted by Netzpiloten

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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • DARKNET faz: Ermittlern glückt Schlag gegen Darknet-Handel: Ermittlern in Europa und Amerika ist der bisher größte Schlag gegen illegale Geschäfte im sogenannten Darknet, dem versteckten Teil des Internets, gelungen. Mit der Plattform Alpha Bay sei die größte bisher bekannte Darknet-Vertriebsstruktur ausgehoben worden, sagte der amerikanische Justizminister Jeff Sessions am Donnerstag in Washington. Die Administratoren seien dingfest gemacht worden.

  • MOBILITÄT horizont: Warum Vodafone Tausende E-Bikes miteinander vernetzen will: Vodafone will E-Bikes gemeinsam mit der Einkaufsgemeinschaft ZEG vernetzen und damit auch Fahrrad-Dieben das Handwerk legen. Zunächst 4000 elektrische Fahrräder der Marke Zemo habe man mit dem Internet der Dinge verbunden, teilte Vodafone am Freitag mit. Händler könnten sie ab sofort vorbestellen, in die Läden sollen sie Anfang 2018 kommen.

  • TESLA HAZ: Tesla darf Untergrund-Magnetbahn bauen: Tesla-Chef Elon Musk hat laut eigenen Angaben eine mündliche Genehmigung der US-Regierung für ein geplantes Hochgeschwindigkeits-Transportsystem an der Ostküste erhalten. Die Untergrund-Magnetbahn, die Musk vorschwebt, solle die Strecke zwischen New York City und der US-Hauptstadt Washington in 29 Minuten schaffen, twitterte der Tech-Milliardär am Donnerstag. Bislang braucht die schnellste Eisenbahnverbindung knapp drei Stunden dafür. Allerdings bleiben zahlreiche Fragen ungeklärt.

  • DATENSCHUTZ heise: Klage gegen Media Markt wegen Smartphone-Sicherheitslücken: Verbraucherschützer bereiten eine Zivilklage gegen einen Media Markt in Köln vor, da dort verkaufte Smartphones schwerwiegende Sicherheitslücken aufwiesen. Christine Steffen, Zuständige der Verbraucherzentrale für den Fall sagte der Süddeutschen Zeitung, die ganze Angelegenheit dürfte für Kunden wie Hersteller von „grundsätzlicher Bedeutung“ sein, da sie einen Präzedenzfall darstellt.

  • KI zeit: Ein Strichmännchen rennt um sein Leben: Eine humanoide Figur, die wild mit den Armen fuchtelnd über virtuelles Geröll läuft, bis sie stolpert. Die Hindernisse erst umkurvt, dann aber doch frontal gegen eine Wand läuft und filmreif zu Boden geht. So sieht es aus, wenn eine künstliche Intelligenz (KI) sich selbst das Laufen beibringt. DeepMind, die 2014 von Google gekaufte KI-Forschungseinrichtung in London, hat das stellenweise ziemlich lustige Video produziert. Es gehört zu einem Paper, in dem die Forscher erklären, wie sie verschiedene KI-Agenten, also von DeepMinds Software gesteuerte Figuren, durch einen Hindernis-Parcours nach dem nächsten schicken, bis diese gelernt haben, sich auch in einem unbekannten virtuellen Terrain zu bewegen.

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Check-up Ireland: Der Google-Effekt

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die “Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Heute werfe ich einen Blick auf die steigenden Mieten in Dublin. Was hat das mit Tech zu tun? Google hat die Antwort …

Gutbezahlte Techies sorgen für steigende Mieten in Dublin

Der ‚Google-Effekt‘ wird auch als digitale Amnesie bezeichnet. Hier in Irland hat man wiederum oft den Eindruck, dass große Teile der Bevölkerung unter Amnesie leiden, was den Immobilien-Crash anbelangt, der das Land an den Rande des Abgrunds und in einen Bailout geführt hat. Kein Wunder also, dass der ‚Google-Effekt‘ in Dublin auch viel mit rasant steigenden Mieten zu tun hat.

Google Effect
Screenshot by Rainer Kiebat

Wenn man hier dieser Tage Nachrichten zum Thema Mietpreise liest, hat man sofort einen Schlager im Kopf: “Ich glaub, es geht schon wieder los. Das darf doch wohl nicht wahr sein!” Leiden denn hier alle unter kollektiver Amnesie? Warum steigen Immobilienpreise und Mieten im Tandem so rasant? Die Antwort ist oft ganz simpel – es werden schlicht und einfach nicht genügend Häuser und Appartments gebaut. Angebot und Nachfrage. Punkt. Im Zentrum von Dublin kommt aber ein besonderer ‚Google-Effekt‘ zum Tragen.

Der ‚Google-Effekt‘ ist hier eine Medaille mit zwei Seiten. Google & Co. beschäftigen in den “Silicon Docks” Tausende, so dass hier von der Rezession nichts mehr zu spüren ist. Die Kehrseite der Medaille? Rasant steigende Mietpreise.

Und eben jene Mieten, die zunehmend ausser Kontrolle geraten, stellen so manchen Mitarbeiter in Unternehmen wie Facebook, Twitter oder Google vor eine Wahl – will ich nahe bei der Arbeit wohnen und einen großen Teil meines Gehalts quasi direkt an meinen Vermieter überweisen lassen, oder nehme ich einen längeren Weg zur Arbeit in Kauf?

Der neueste Mietpreis-Report der “Bibel” macht nur zu deutlich, was das Dubliner Dilemma ist. National betrachtet sind Mietpreise eh schon so hoch wie nie. In der Hauptstadt sind die Mieten 15,5 Prozent höher als auf dem Höchststand in 2008 und 66 Prozent höher als auf dem niedrigsten Stand inmitten der Rezession. Die Miete für ein normales Zwei-Betten-Appartment liegt im Dubliner Stadtzentrum bei 1.900 Euro – was einen an einen weiteren Schlager denken lässt: “Tränen lügen nicht”. Und schnell folgt dem ‚Google-Effekt‘ der ‚Domino-Effekt‘ – steigende Mieten sorgen für erhöhten Druck auf Arbeitgeber, was Gehälter anbetrifft; steigende Gehälter sorgen für mehr Druck auf die Preise von Konsumgütern – und schon steigen die Kosten für alle.

Zwar steht Dublin nicht allein, was dieses Mietpreis-Phänomen anbetrifft, unter dem auch Mieter in anderen Metropolen wie London oder Berlin zu leiden haben. Auch dort gibt es Cluster von Finanz- oder Tech-Firmen, die gute Gehälter zahlen und somit unfreiwillig auch für steigende Mieten innerhalb des Clusters sorgen. Investionen gerade von Tech-Unternehmen sind seit dem Crash rapide gestiegen und haben für einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung gesorgt. Gleichzeitig wird aber auch der Druck auf Mieten in diesem Cluster, das eh schon die größten Anwaltskanzleien, Unternehmensberatungen und Finanzunternehmen des Landes beherbergt, immer stärker.

Als Google 2004 sein erstes Büro in Dublin eröffnete, arbeiteten dort 70 Mitarbeiter – und ein halbes Dutzend unter einem Tarnnamen beim Dienstleister arvato outgesourced . Heute sind es rund 6.000 im Google-Docks-Komplex – plus ein paar Hundert bei arvato und ähnlichen Firmen. Facebook folgte 2008 und hat heute rund 2.000 Beschäftigte. 80 Tech-Firmen haben sich mittlerweile im Silicon Docks-Cluster angesiedelt und beschäftigen Tausende von meist gut bezahlten Leuten.

Der Großteil der Angestellten sind jedoch nicht Iren, sondern kommen aus Spanien, Italien, Polen oder Deutschland – jenen Märkten, die von den Multinationals aus ihren Dubliner Europa-Zentralen heraus bedient werden. Sie alle müssen irgendwie untergebracht werden. Sie alle haben relativ viel Geld auszugeben. Sie alle sorgen für den ‚Google-Effekt‘ – auch wenn sie für die Konkurrenz arbeiten.

Zweifelsohne haben Google & Co. einen bedeutenden Anteil am irischen Aufschwung, was in der Breite anerkannt wird und (noch) trotz Wohnungsnot sowie steigenden Immobilien- und Mietpreisen nicht zu Neid führt. Zwei Aussagen sollten aber als Warnung dienen. Die US-Irische Industrie- & Handelskammer sprach neulich von einem “Nachdenken” über Investitionen, wenn mehr und mehr Mitglieder ihre Angestellten nicht mehr unterbringen können. Viel bedenklicher war für mich aber die Forderung eines “Solidarity”-Politikers im irischen Parlament, US-Firmen zu enteignen, um Wohnungsbau zu finanzieren. Hm – mal “Populismus” bei Google eingeben …


Image (adapted) „Google Ireland“ by Stephen Bergin (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: Stuck in the Middle – Wir stecken fest

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden zwölf Monate werde ich nun die „Tech-Insel“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. 

Irlands Tech-Entscheider schauen sorgenvoll auf Trump & Brexit

In dieser Kolumne warf ich erst vor kurzem einen durchaus positiven Blick auf das vergangene Jahr. Zu Beginn des neuen Jahres gehen viele Blicke sowohl nach Westen über den Atlantik als auch nach Osten über die Irische See nach London. Noch bis vor wenigen Monaten ließ Irlands Sandwich-Position zwischen den USA und dem so wichtigen Handelspartner Großbritannien Politiker und Industrielle im Einklang endlose Jubelarien auf den Standort-Vorteil der Iren anstimmen. Die Wahl von Donald Trump und die Entscheidung der Nachbarn für das Brexit sorgten jedoch für tiefe, übelklingende Kratzer auf dieser altbewährten Platte. Nun kramt manch einer „Stuck in the Middle with you“ der Gruppe ‚Stealers Wheel‘ hervor: „Clowns to the left of me, jokers to the right, here I am stuck in the middle with you!“

Sowohl Milliarden-Investitionen von US-Firmen als auch der rege Handel mit den Briten hatten schon immer auch viel mit Steuern und Zöllen zu tun. Was wird sich links und rechts ändern und was bedeutet es für Irland? 

Trump to the left

Noch weiß niemand genau (wahrscheinlich auch er selbst nicht), welche seiner Wahlversprechen Donald Trump wirklich umsetzen wird. Ein Zentralstück seiner Wirtschaftspolitik sollen aber erhebliche Steuersenkungen werden. Unter anderem war im Wahlkampf immer wieder die Rede davon, den Körperschaftssteuersatz von 35 Prozent auf 15 Prozent zu senken – eine Zahl, die in Irland, wo der Leitsatz 12,5 Prozent beträgt, Sorgenfalten auf die Stirnen der Ansiedlungspolitiker treibt. Zu stark ist noch die Abhängigkeit der irischen Wirtschaft von Multinationals, vor allem aus den USA, die insgesamt rund 200.000 Menschen beschäftigen. Facebook, Microsoft, Google und Apple gehen dabei vorneweg. 

Jede auch noch so kleine Änderung bei der Körperschaftssteuer wird direkte Folgen in Irland nach sich ziehen. Zwar hat es in den letzten 30 Jahren auf US-Seite keine signifikanten Änderungen gegeben und jede Administration, auch wenn sie von einem Lautsprecher wie Trump geleitet wird, tut sich schwer daran, spürbar UND schnell an der Körperschaftssteuer zu drehen. Da diese rund zehn Prozent des US-Steueraufkommens ausmacht, werden Donald Trump und seine Berater vorsichtig zu Werke gehen müssen, damit der Schuss, der US-Unternehmen und ihre Steuern nach Hause locken und die Wirtschaft erstarken lassen soll, nicht nach hinten losgeht. Zu bedenken ist auch, dass schon heute ein Teil der Profite von US-Unternehmen mit irischen Tochterfirmen sowohl in Irland als auch in der Heimat besteuert werden.

Auf Twitter drohte Trump jüngst diversen Autoherstellern mit Einfuhrzöllen falls Fabriken nicht ins Homeland zurückverlagert werden sollten. Zweifelsohne spielt die Tatsache, dass es sich bei dem Land, aus dem die Produktion zurückgebracht werden soll, um dessen Lieblingsfeind Mexiko handelt, eine besondere Rolle. Toyota und Chrysler gaben auch schnell nach und kündigten Milliarden-Investionen in den USA nach. Könnten den Drohungen an Auto-Bosse via Twitter bald Drohungen an Tech-Bosse bei Facebook oder Google (nicht bei Twitter, die weder in Irland noch in den USA Profite machen) folgen? Noch ist nichts derart in Sicht. Doch zum einen ist Donald Trump unberechenbar und zum anderen benötigen Investoren – egal ob in der Auto-Industrie oder in Tech – Sicherheit. Und da die alles andere als gegeben ist, warten viele Investoren erst einmal ab.

Brexit to the right

Noch spricht die britische Regierung mehr- und vor allem unstimmig darüber, wie das mit dem Brexit genau funktionieren soll. Dies sorgt in der Wirtschaft ebenso für Unsicherheit wie die bangen Fragen, was genau Trump so vorhat. Und genau wie Trump reden auch britische Politiker davon, den Körperschaftssteuersatz zu senken. Nur greift die Unsicherheit in Bezug auf den (noch) gemeinsamen Handels- und Reiseraum mit dem Vereinigten Königreich und was wohl daraus werden möge, wenn der Brexit umgesetzt wird, schon jetzt spürbar um sich – noch bevor der Artikel 50 des EU-Vertrags überhaupt aktiviert wurde. Zwar macht man sich in Bereichen wie FinTech berechtigte Hoffnungen, dass Finanzunternehmen Investitionen von London nach Dublin verlegen werden, um weiterhin Zugang zum einheitlichen EU-Markt zu haben. Da hört es dann aber auch auf. So manch ein Unternehmen hält Investitionen, was den britischen Markt betrifft, erst einmal zurück. Andere denken gar darüber nach, den Firmensitz nach Großbritannien zu verlagern, was dann Sinn macht, wenn zwei Drittel der Kunden dort sind und es zu lange dauern würde, neue Märkte zu erschließen.

Über Jahre hinweg konnten irische Firmen sich darauf ausruhen, dass in Bezug auf den wichtigsten Handelspartner in Europa die Fähigkeiten der Mitarbeiter ideal waren. Man spricht die gleiche Sprache und der Nachwuchs ist technisch gut ausgebildet. Dem Ausruhen folgt jetzt aber mehr und mehr die Unruhe – und neue Fragen: Kennt sich bei uns eigentlich jemand mit Ausfuhrzöllen aus?


Image “ireland” by belindasoundso (CC0 Public Domain)


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Res publica statt geheimer Kabinettspolitik – CETA und TTIP schaden dem Gedanken der Republik

Cicerón (Marcus Tullius Cicero) (adapted) (Image by sn6200 [CC BY 2.0] via Flickr)

Der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts hat mehrere Anträge auf Erlass einer einstweiligen Anordnung abgelehnt, die sich gegen eine Zustimmung des deutschen Vertreters im Rat der Europäischen Union zur Unterzeichnung, zum Abschluss und zur vorläufigen Anwendung des Freihandelsabkommens zwischen der Europäischen Union und Kanada (Comprehensive Economic and Trade Agreement – kurz CETA) richteten.

Dennoch sind einige Hürden formuliert worden. Die Bundesregierung muss sicherstellen, dass ein Ratsbeschluss über die vorläufige Anwendung nur die Bereiche von CETA umfassen wird, die unstrittig in der Zuständigkeit der Europäischen Union liegen.

Verfassungsgericht sieht Demokratiedefizite

Bis zu einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts in der Hauptsache muss eine hinreichende demokratische Rückbindung der im Gemischten CETA-Ausschuss gefassten Beschlüsse gewährleistet und eine einseitige Beendigung der vorläufigen Anwendung durch Deutschland möglich sein. Verfassungsrechtliche Bedenken manifestieren sich an der Frage, ob durch das Handelsabkommen ein demokratisches Defizit entstehen könnte – vor allem im Gemischten Ausschuss, das mit Vertretern von Kanada und der EU besetzt sein soll, aber nicht unbedingt mit Vertretern der einzelnen Mitgliedsstaaten.

Das mögliche Eigenleben dieses Gremiums behagt den Verfassungsrichtern nicht. Nach dem CETA-Vertragswerk könnte der Gemeinsame Ausschuss eigenständig neue Vorschriften erlassen und sogar Änderungen im Vertragstext vornehmen. „Legitimiert“ werden diese Entscheidungen nur durch den Europäischen Rat der Regierungschefs und Minister mit einer qualifizierten Mehrheit. Deutschland und andere Mitgliedsländer könnten überstimmt werden. Von demokratischer Legitimierung kann man an dieser Stelle nicht mehr sprechen – noch weniger von einem Republikanismus im Geiste Ciceros. Neudeutsch könnten wir auch von ’social citizenship‘ sprechen – also aktive Bürgerbeteiligung als Charakteristikum der Republik.

Wo bleibt das öffentliche Wohl?

Es geht um die res publica, die öffentliche und gemeinsame Sache für das Wohl der Bürgerinnen und Bürger. „Der princeps, die politischen Repräsentanten, hatten in der Antike zwar Gesetzgebungsvollmacht, mussten diese aber stets dem öffentlichen Wohl unterstellen und Rechenschaft darüber ablegen“, schreibt Ulrike Guérot in ihrem Buch „Warum Europa eine Republik werden muss – Eine politische Utopie“.

Was in der geheimen Kabinettspolitik der EU-Technokraten mit den USA und Kanada in den Abkommen TTIP und CETA verhandelt wird, ist von reinem Ökonomismus und Nützlichkeitsdenken geprägt – aber nicht vom Ziel des Gemeinwohls. Hier folgt man der Schimäre einer marktkonformen Demokratie, die ohne soziale Kontrolle zur Demokratur mutiert.

Freihandel führt nicht automatisch zu Freiheit

Die These des ‚doux commerce‘, nämlich dass durch Handel, einem auf Eigeninteresse basierendem Austausch auf Märkten, ein Verflechtungszusammenhang und eine Entwicklungsdynamik entsteht, die quasi naturnotwendig zu Wohlstand, Freiheit und Friede in der internationalen Staatenwelt führen, war nach Ansicht von Guérot schon immer ein Märchen: „Weder das französische Ancien Régime noch das heutige Saudi Arabien waren durch Handel vor der Despotie gefeit.“

Besonders dort, wo der Waffen-Handel floriert, sei vom ewigen Frieden keine Spur. Von Tyrannei schon eher. Es sei erstaunlich, wie hartnäckig sich die Märchenerzählung vom friedensstiftenden Charakter des Handels seit dem frühneuzeitlichem Konzept des doux commerce bis zu heutigen Freihandelsabkommen im politischen Diskurs gegen jedes bessere Wissen halten konnte.

Noch erstaunlicher ist es, wie sich heutige Polit-Technokraten mental so weit vom Gedankengut der Republik entfernen konnten. Wie kann man aggressive Handelsabkommen unterzeichnen, die unserer Mitbestimmungskultur schaden und sich einer öffentlichen Kontrolle des Treibens der Wirtschaftsakteure, ihrer Konglomerate, Lobbyisten, Einflüsterer und Spin-Doktoren entziehen? „Will die EU also etwas, das zwar einigen transnational organisierten Kapitalgruppen ökonomisch viel bringt, nicht aber der Mehrheit der europäischen citoyens“, fragt sich Guérot, Leiterin des Departments für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau-Universität Krems.

Ohne soziale Organisation, Mitsprache und gemeinschaftsstiftende Elemente degradieren wir die Gesellschaft zu einem Anhängsel des so genannten Marktes, der von Machtinteressen dominiert wird. Das beschrieb Karl Paul Polanyi bereits in den 1940er Jahren in seinem Hauptwerk „The Great Transformation“.

Weise und kluge Regierungen setzen auf offene Verfahren

Große Wirtschaftsorganisationen wollen ihre Dominanz in geschlossenen Zirkeln absichern – Wettbewerb, Transparenz oder gar die öffentliche Rechtfertigung des unternehmerischen Tuns stehen dabei nicht auf der Agenda. Die Agora – also den Versammlungsplatz der griechischen Antike – meiden sie in jeder Ausprägung. Sie kungeln auf den Spuren von Klemens Wenzel von Metternich lieber in Geheimrunden als sich auf nicht kontrollierbare Disputationen mit der Zivilgesellschaft einzulassen.

Aber letzteres ist das Herz der res publica. Das öffentliche Aushandeln von Positionen. „Weise und kluge Regierungen setzen auf offene Verfahren“, sagt Internet-Governance-Experte Professor Wolfgang Kleinwächter im Netzpiloten-Interview.

Solche Prozesse seien zweitaufwändig, aber die Ergebnisse sind nachhaltiger. „90 Prozent der Themen, die in den Handelsabkommen TTIP und CETA verhandelt werden, betreffen öffentliche Interessen und sollten deswegen auch öffentlich besprochen werden“, fordert Kleinwächter.

Wer die Zivilgesellschaft zum Zaungast degradiert, fördert Ressentiments und radikale Gruppierungen. „Wenn Big Business und Big Goverment zusammengehen, dann ist das kein Multi-Stakeholder-Modell. So etwas führt nur zu einer Tyrannei der Mächtigen“, warnt Kleinwächter.

Ratschlag des Notiz-Amtes: Bevor die Karlsruher Verfassungsrichter beim CETA-Abkommen zu einer Entscheidung in der Hauptsache gelangen, sollten sie vorher nicht nur im Grundgesetz blättern, sondern prinzipiell über das Wesen der Republik nachdenken. Die Lektüre der berühmten Cicero-Reden könnte helfen.


Image (adapted) „Cicéron (Marcus Tullius Cicero)“ by sn6200 (CC BY 2.0)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

Follow me
  • AMAZON futurezone: Wer gleich das erste Angebot im Einkaufsfeld auf Amazon bestellt, zahlt in 75 Prozent der Fälle nicht den günstigsten Preis, so eine Studie. Investigative Journalisten von Pro Publica haben herausgefunden, dass in vielen Fällen Amazon als preisgünstigster Händler in den Suchergebnissen gelistet war, obwohl es andere, günstigere Händler gab. Amazon selbst gibt an, die Preise für Prime-Kunden optimiert zu haben.
  • WEB t3n: Web.de wird zum Stromanbieter: Das bekannte Internetportal Web.de will jetzt zum Stromanbieter werden. Unter dem Namen Web.de Strom bietet das Portal ab sofort drei unterschiedliche Stromtarife an. Den Strom produziert Web.de allerdings nicht selbst, sondern kauft ihn zu tagesaktuellen Preisen auf dem Strommarkt ein. Die Kunden will die United-Internet-Tochter mit Ökostrom und Bonuszugaben, wie einem iPad Air 2, überzeugen.
  • STARTUP heise online: Hamburger Start-up Protonet verschiebt Smart-Home-Projekt „Zoe“: 318.000 US-Dollar hatte das Start-up Protonet für seine Smart-Home-Zentrale Zoe gesammelt, nachdem es aber Verzögerungen gab, soll das Geld wieder an die Unterstützer zurückgehen. Vier Monate nach dem erfolgreichen Abschluss einer Crowdfunding-Kampagne für die datenschutzfreundliche Smart-Home-Zentrale „Zoe“ hat das Start-up Unternehmen Protonet das Projekt auf eine unbestimmte Zeit verschoben.
  • EUROPA SPIEGEL ONLINE: EU-Kommission schafft Roaming-Gebühren doch ab: Ab Mitte 2017 sollen Handynutzer ohne zeitliche Begrenzung kostenfreies Roaming im EU-Ausland nutzen können. Jeder Nutzer soll „wie daheim“ Roaming nutzen können. Allerdings müssen Missbrauche verhindert werden können. Anbietern werden dafür eine Reihe von Möglichkeiten an die Hand gegeben. Der endgültige Vorschlag soll nun im Dezember angenommen werden. Zuvor sind Beratungen mit der europäischen Regulierungsbehörde Berec, den EU-Staaten und weiteren Beteiligten wie Telekom-Unternehmen geplant.
  • APPLE Süddeutsche Zeitung: Apple soll Interesse an McLaren haben: Apple ist an der Übernahme des britischen Sportwagenherstellers McLaren interessiert. McLaren baut straßentaugliche Sportwagen, die bis zu einer Million Euro kosten können. In den vergangenen Jahren erlöste McLaren damit jeweils rund eine Viertelmilliarde Pfund. McLaren könnte bis zu 1,7 Milliarden Euro wert sein. Zuletzt hieß es in Medienberichten, das Interesse von Apple verlagere sich eher auf die Entwicklung von Software für Roboterwagen.
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10 Jahre Deutsch-Norwegisches Jugendforum

Seit 2007 sensibilisiert das Deutsch-Norwegische Jugendforum mit Schüleraustauschen und Sprachcamps für die sprachliche Vielfalt in Europa. Zum 10-jährigen Jubiläum der Initiative treffen sich dieses Jahr Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren zu Workshops und einem Festakt vom 23. bis 26. September in Berlin. Sie können sich mit anderen Jugendlichen aus Norwegen und Deutschland austauschen und sich inspirieren lassen, wie man selbst zum Helden werden kann. Man kann Neues über das andere Land erfahren und Freunde fürs Leben finden. Workshops gibt es zu den Schwerpunkten Medien und Meinung, Sprache und Kreativität, und Bild und Bühne. „Jeder Workshop schaffte es auf seine Weise, das Motto umzusetzen und dabei Erstaunliches auf die Beine zu stellen.“, sagte eine Teilnehmerin am DNJF 2015.

Erstmals werden auch Projekte wie Blogs, Foren oder Zeitschriften mit deutsch-norwegischem Schwerpunkt von den Jugendlichen konzipiert und umgesetzt. Mentoren aus Wissenschaft und Praxis begleiten diese Projektcamps. Die Netzpiloten sind gerne dabei!

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Endlich vorbei oder der Anfang vom Ende? Der Brexit aus der Sicht dreier britischer Wirtschaftsblogger

Brexit (adapted) (Image by freestocks.org [CC BY 2.0] via Flickr)

Aus und Vorbei. Der 24. Juni 2016 markiert das Ende einer turbulenten Liebesbeziehung zwischen Großbritannien und der Europäischen Union. Nach einer 59-jährigen Achterbahnfahrt ist es nun kurz vor der goldenen Hochzeit offiziell: Es ist Schluss. Großbritannien hat die Scheidung eingereicht. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass der Brexit zur Debatte stand. Bereits 1975 gab es ein Referendum in Großbritannien über das Verbleiben in der damalig benannten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Damals stimmten 67 Prozent der Wähler für einen Verbleib in der Gemeinschaft. In diesem Jahr sah es anders aus, eine knappe Mehrheit (51,1 Prozent) stimmte für den Austritt aus der Europäischen Union.  

Ein Brexit, viele Meinungen

Seitdem überschlagen sich die Ereignisse wie bei einem Dominospiel: Großbritanniens Premierminister David Cameron hat seinen Rücktritt angekündigt, das britische Pfund befindet sich an der Börse scheinbar im freien Fall, Donald Trump nutzt die Abstimmung der Briten als Beleg für seine xenophoben Parolen und andere Politiker nehmen den Brexit als Vorbild für ein eigenes Ausscheiden aus der EU. Was viele bei der lauten Polemik dabei aus dem Blick verlieren, ist die Tatsache, dass der Brexit auch mal vorrangig ein wirtschaftliches Thema war. Hier ging es weniger um polnische Einwanderer und mehr um ökonomische Argumente für und gegen den Austritt aus der EU. Wie sehen also die Reaktionen der Wirtschaftsexperten im Netz aus? Was sagen Großbritanniens Blogger zum Referendum? Um das herauszufinden, haben die Netzpiloten deshalb mit drei der bekanntesten britischen Wirtschaftsblogger über ihre Meinung zum Brexit gesprochen – und sie dabei ausführlich zu Wort kommen lassen.

Warum stimmen Menschen für eine schlechte wirtschaftliche Zukunft ab?

Den Anfang macht dabei Robert Elliott, Wirtschaftsprofessor an der Universität Birmingham und seit Jahren renommierter Blogger zu Themen der Wirtschaft und Globalisierung. Seine Sicht auf den Brexit malt eine dunkle Zukunft für sein Land und die EU, in der beide Seiten ein bedeutendes Gegengewicht verloren haben: „Die wirtschaftlichen Konsequenzen des Brexits für das Vereinigte Königreich und die Wirtschaft der EU könnten sehr ernst sein, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass diejenigen, die FÜR den Austritt aus der EU gestimmt haben, davon auch am härtesten getroffen werden. Wähler, die traditionell eher politisch links abgestimmt haben, haben nun eine Route gewählt, die zu einer eher rechtskonservativen Regierung führen wird. Das wird auch negative Auswirkungen auf das Arbeitsrecht sowie die Unterstützung der Ärmsten unserer Gesellschaft haben. Etwas weiter betrachtet ist es auch möglich, dass mit dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU, die EU sich politisch weiter nach links bewegt – was sich wiederum negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit der EU auswirken und was zu weiterer wirtschaftlicher Stagnation in den ärmeren Regionen Europas führen wird. Kurzfristig führt die Unsicherheit nach der Brexit-Abstimmung zu weniger ausländischen Investitionen, rückläufigem Konsum und einem damit einhergehenden Preisverfall sowie Jobverlusten. Der Verlust Tausender gut bezahlter Stellen im Finanzsektor, der sich wohl in anderen Orten der EU niederlassen wird (Dublin, Frankfurt oder Paris) mag viele im Norden Englands nicht großartig Sorgen bereiten. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass der Verlust der wichtigen Steuern, die diese [Finanz-]firmen zahlen sowie das Konsumverhalten ihrer Angestellten gravierende Auswirkungen auf die Regierungsfinanzen haben werden.

Robert Elliott (Image by Robert Elliott_University of Birmingham)
Robert Elliott (Image by Robert Elliott/ University of Birmingham)

Die Vielzahl der Menschen, die jetzt eingestellt werden müssen, um die vielen Jahre der EU-Regulierung wieder aufzulösen, ist ebenfalls eine riesige Zeit- und Ressourcenverschwendung. Wenn unsere Wirtschaft so stark schrumpft wie viele es erwarten, werden wir das Geld, das wir durch die ausbleibenden EU-Beitragszahlungen einsparen, im höhren Maße durch reduzierte Steuereinnahmen wieder verlieren. Die EU-Subventionen für die ärmsten Regionen Englands werden nur sehr schwer anderweitig ersetzt werden können, sodass dies zu noch größeren Ungleichheiten im Vereinigten Königreich führen wird. Als Ökonom ist es für mich immer wieder erstaunlich, warum Menschen für eine solch schlechte wirtschaftliche Zukunft stimmen, obwohl Wirtschaftsexperten auf der ganzen Welt (IWF, Finanzministerien, Akademiker und andere) darauf vermehrt hingewiesen haben. Ich glaube, dass sowohl Europa als auch Großbritannien in naher Zukunft große wirtschaftliche Herausforderungen bevorstehen. Entgegen den Behauptungen von Michael Gove, dass Großbritannien genug von den Experten hat, vermute ich, dass Experten nun dringender als je zuvor benötigt werden, um das wirtschaftliche und politische Durcheinander zu entwirren, in das sich das Vereinigte Königreich selbst gebracht hat.

Endlich Draußen

Tim Worstall ist ein bekannter Wirtschaftsexperte und schreibt unter anderem bei Forbes über Wirtschaft und Finanzen. Anders als Elliott begrüßt Worstall den Austritt Großbritanniens aus der EU. Er erklärt gegenüber den Netzpiloten seinen Standpunkt: „Ich bin wohl am ehesten als Wirtschaftsblogger bekannt und meine Sicht auf die EU ist dementsprechend auch wirtschaftlich geprägt. Wer will schon Mitglied eines Clubs bleiben, der sich auf einen so riesigen Blödsinn wie den Euro verständigt hat? Fast jeder Wirtschaftsexperte der Welt hat vorausgesagt, dass der Euro nicht so funktionieren würde wie vorhergesagt und viele sehen das immer noch so. Dennoch scheint die allgemeine Wegrichtung zu sein, die Idee einzuprügeln bis die Moral besser wird.

Tim Worstall (Image by Tim Worstall)
Tim Worstall (Image by Tim Worstall)

Meine eigene Sicht ist von meiner Zeit in der Politik geprägt. Das bedeutet auch, dass ich mit Brüssel zusammengearbeitet habe und mich so eines Tages im Europäischen Parlament wiederfand. Als ich mich in diesem Gebäude umschaute, kam mir bei der Sicht auf die Bewohner dieses Hauses die Erleuchtung: Ich will einfach nicht, dass mein Land von diesen Idioten angeführt wird. Wir sind endlich draußen, der Job ist erledigt – und Gott sei Dank dafür!

Die Unsicherheit ist das Schlimmste

Leigh Caldwell sieht die Zukunft seines Landes und der EU dagegen alles andere als rosig. Caldwell ist Datenwirtschaftler, Autor des Buches „The Psychology of Price“ sowie Geschäftsführer der Forschungsgesellschaft INON und Wirtschaftsexperte für die Firma Irrational Agency. Auf seinem Blog schreibt er über Wirtschaft im Allgemeinen und die Psychologie dahinter im Besonderen. So sieht er auch mit Blick auf den Brexit eine wirtschafspsychologische Komponente: „Die direkten wirtschaftlichen Folgen sind klar – wahrscheinlich erhöhte Zölle und weniger Handel, eine Rezession in Großbritannien, sowie ein Umzug von Teilen der Londoner Finanzwelt nach Paris oder Frankfurt. Doch die größte Konsequenz ist die Ungewissheit. Was wird als nächstes passieren? Wir wissen es nicht! Psychologisch gesehen ist es für unser Gehirn schwerer, mit dem Unbekannten umzugehen (was entweder gut oder schlecht ausgehen kann) als mit einem garantiert schlechten Ausgang. Wenn du sicher weißt, dass etwas Schlechtes passieren wird, kannst du aufhören dir Sorgen zu machen und dich darauf vorbereiten.

Leigh Caldwell (Image by Leigh Caldwell)
Leigh Caldwell (Image by Leigh Caldwell)

Jedoch wissen wir nicht genau, ob Großbritannien die EU wirklich verlassen wird und unter welchen Bedingungen. Deshalb legen Unternehmen und Konsumenten ihre Ausgabenpläne erstmal auf Eis. Bürger der EU warten erstmal ab, bevor sie nach Großbritannien ziehen oder von hier wegziehen, wenn sie schon vor Ort sind. So kann die Angst vor einer Rezession zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Es ist doch so, dass Unternehmen Entscheidungen genau so treffen wie der Rest von uns: nicht auf harten Fakten basiert, sondern sie gehen nach dem, was sich richtig anfühlt. Wenn sie nicht wissen, ob sie für ihre Exporte Zoll zahlen müssen oder ob ihre Angestellten nach Großbritannien ziehen können, ist es für sie unmöglich, die beste Entscheidung zu treffen. Die einfachste Entscheidung ist daher, stattdessen in ein anderes Land zu investieren. Ungewissheit zerstört die Wirtschaft in einem Land und das ist im Moment die größte Gefahr für das Vereinigte Königreich. Der Austritt aus der EU sendet ebenfalls ein Signal: Großbritannien ist nun auf sich alleine gestellt. Unabhängig von den objektiven, wirtschaftlichen Fakten kommt es so zur unbewussten Wahrnehmung, dass das Vereinigte Königreich nun in einer anderen Kategorie ist – und das macht es weniger wahrscheinlich, dass europäische Firmen hier einkaufen, verkaufen oder investieren. Auch für den Rest der EU besteht Unsicherheit, auch wenn nicht ganz so stark. Es scheint sogar möglich, dass der Brexit den Rest der EU näher zusammen bringt. Mittelfristig gesehen kann eine enger verbündete EU besser dastehen als im Moment, aber langfristig gesehen ist es für Großbritannien definitiv besser auf der gleichen Seite zu stehen wie alle anderen.


Image (adapted) „Brexit“ by freestocks.org (CC0 Public Domain)

 

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Mit einer App durch die ganze Welt: Captain Train verbindet Europa

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Im vergangenen Jahr sind meine Freundin und ich für zwei Monate durch Europa gereist. Was neben dieser unglaublichen Erfahrung hängen blieb, waren jede Menge Apps von Bahnunternehmen, Fluggesellschaften, Verkehrsanbietern und diversen Sharing-Diensten auf unseren Smartphones. Der europäische Binnenverkehr besteht aus Dutzenden nationalen Einzelunternehmen.

Europa ist selbst im Jahr 2016 noch nicht einmal die Summe seiner Teile, sondern einfach nur eine Ansammlung vieler kleiner Teilchen. Dieser Mangel an einer europäischen Identität und, so banal das klingt, vor allem im Verkehrswesen, hat vielleicht mehr mit der europäischen Krise zu tun als vielen klar ist. Ein Teil einer Lösung könnte eine einzige, alles verbindende App sein. Und zwar die des französischen Startups Captain Train.
Captain Train vergleicht bestehende Fahrkartenangebote nationaler Bahnunternehmen und kombiniert verschiedene Streckenangebote. So kriegen die Kunden des Startups immer die günstigsten Preise angeboten und können zusätzlich internationale Bahnstrecken, die so meist nicht angeboten werden, einfach und direkt als Onlineticket buchen.

Das 2009 von Jean-Daniel Guyot in Paris gegründete Startup ist inzwischen das größte Buchungsportal für Bahntickets in Europa. Im vergangenen Jahr konnte mit Daniel Beutler ein ausgewiesener Experte der Bahnindustrie als neuer Geschäftsführer gewonnen werden. Beutler war zuvor als Leiter des Vertriebs für Westeuropa im Vorstand der DB France, der Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn in Frankreich.

Vor Kurzem traf ich Daniel Beutler und Mounir Laggoune, Country Manager Deutschland von Captain Train, zum Interview im St. Oberholz. Die Beiden erklärten mir, wie es Captain Train geschafft hat, den europäischen Markt, in dem jedes Jahr Bahnfahrkarten im Wert von mehr als 70 Milliarden Euro verkauft werden, zu erobern. Die Antwort ist einfach: Es machte sonst niemand. Daniel Beutler erklärt die Motivation:

Ich glaube, dass es wichtig ist, mehr als nur nationale Produkte zu verkaufen. Wir denken alle europäisch, aber viele reden immer darüber, dass man das auch verkaufen können muss. Ich glaube einfach, die Bahnunternehmen verlieren Kunden, wenn sie es nicht schaffen, eine Strecke auch grenzüberschreitend anzubieten.

Was Beutler im Jahr 2016 als noch zu erreichendes Ziel von Bahnunternehmen anspricht, ist leider wirklich noch genau das: ein nicht erreichtes Ziel. Es ist immer noch kaum möglich, eine Zugreise von einem europäischen Land in ein anderes europäisches Land einfach und schnell zu planen.

Daniel Beutler
Daniel Beutler von Captain Train will Europa zusammenführen.

Viele Menschen nehmen deshalb einfach einen Flieger, was aber nicht sonderlich umweltfreundlich ist. Von Berlin nach Danzig ist der Flug beispielsweise sehr teuer, preiswerter kann man mit dem Zug fahren. Wenn man das Ticket allerdings bei der Deutschen Bahn kauft, bekommt man nicht zwingend die preiswerteste Verbindung angeboten. Besser ist es, mit der Regionalbahn von Berlin nach Stettin und dann mit der polnischen Eisenbahn nach Danzig weiter zu fahren. Auf die Idee muss man aber erst einmal kommen.

Captain Train hat die polnische Staatsbahn PKP noch nicht im System, die App verfügt dafür aber über Verbndungen in ganz Westeuropa. Die App findet stets die besten Verbindungen, denn diese Bahn-Tricks in den Grenzregionen kennt nicht jeder. Danier Beutler findet auch, dass man dieses Detailwissen vom Kunden nicht erwarten kann. Genau deshalb macht Captain Train für ihre Kunden genau diese Überlegung. Mounir Laggoune erläutert: „Wir sind die Einzigen, die wirklich in alle Systeme reingehen, sei es das von der Deutschen Bahn, der SNCF oder Trenitalia, und so immer die besten Preise anbieten. Selbst innerhalb Deutschlands, beispielsweise auf Teilstrecken der Verbindung von Frankfurt/Main nach Paris, wo DB- und SNCF- Züge in Kooperation fahren, aber die Vertriebssysteme in Konkurrenz sind, können wir auf beide Systeme zugreifen und dann den besten Preis anzeigen.“

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Sogar ein Reiseland wie Belgien, dem man trickreich begegnen muss, wenn man komfortabel und günstig reisen will, schreckt Captain Train nicht ab. Es kann dort oft preiswerter sein, ein Zehnerticket der belgischen Bahn SNCB zu holen, das es einem ermöglicht, eine Strecke pro Streifen abzufahren, egal wie lang die Strecke ist. Dazu kommen Rabatte für Menschen unter 26 Jahren und Journalisten. Die möglichen Kombinationen sind hier gefühlt unendlich. Beutler erläutert: „Bei Belgien sind wir gerade dran, um dir genau das anzubieten. Das ist auch unser Anspruch. Ich möchte ja nicht, dass du eine Sache findest, wo du hinterher sagst: ‚Hey! Das ist nicht drin!’, sondern eigentlich muss es genau andersherum sein. Du hast was im Kopf und wir finden noch was Besseres. Das ist unser Anspruch. Und was wir so als Feedback bekommen, klappt das schon relativ häufig.“

Das französische Startup ist damit aktiver als die Politik dabei, einen europäischen Binnenmarkt zu schaffen – zumindest wenn es um den Online-Verkauf von Bahntickets geht. Die großen, nationalen Bahngesellschaften bieten diesen Service teilweise zwar auch an, aber teurer und vor allem nicht für den Kunden bestmöglich kombiniert. Genau das macht Captain Train – und noch vieles mehr: Bei Problemen bietet das Startup einen eigenen Kundenservice an. Dieser ist zur Zeit auf Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch erreichbar, ein beeindruckendes Angebot für ein europaweit agierendes Startup.

Wesentlich größere Corporates schaffen dies noch nicht – oder wollen einfach nicht. Als Beispiel soll hier die Postbank genannt werden, die kürzlich via Twitter einen Kundendienst auf Englisch verweigerte. Beutler meint dazu: „Wir entwickeln unser Produkt immer weiter und sind stets Vorreiter, weil wir immer die neuesten Features von Apple und Android in unsere Apps integriert haben. Das ist immer noch wichtig, denn wenn auch die Bahnunternehmen mit ihren eigenen Apps näher rücken, ist unser Alleinstellungsmerkmal, dass wir viel mehr als die Bahnanbieter anbieten. Das heißt, man muss jetzt nicht in Frankreich eine App runterladen und dann wieder in Spanien und dann wieder in Deutschland, sondern man hat eine App, die immer das gleiche Nutzungserlebnis bietet. Das ist, denke ich, sehr wichtig.“

Durch Startups wie Captain Train wird Europa besser erlebbar – und somit auch verständlicher. Dieser Dienst an der Gesellschaft ist sicher nicht das Ziel des Unternehmens, aber eine positive Nebenerscheinung und ein weiteres Beispiel, welchen Beitrag die Digitalisierung für eine bessere Welt leisten kann.


Images & Screenshot by Daniel Beutler


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Im Tandem zur Arbeit: Warum Jobsharing in Deutschland beliebter wird

tandem (adapted) (Image by Jared Tarbell [CC by 2.0] via flickr)

Coca-Cola Deutschland tut es, die Telekom tut es und sogar Thyssen-Krupp tut es: Jobsharing. Gemeint ist damit das Verteilen einer Position auf zwei Personen. Anders als bei der Teilzeitarbeit bedeutet Jobsharing, dass die zwei Mitarbeiter sehr eng im Team zusammenarbeiten und die Stelle mal abwechselnd, mal gemeinsam ausüben – wie ein Tandem eben. Diese enge Art der Kooperation macht es möglich, dass auch komplexe Jobs und Führungspositionen auf einmal teilzeittauglich werden. Jana Tepe und Anna Kaiser sind dabei so etwas wie die Vorreiterinnen, wenn es um Jobsharing in Deutschland geht. Mit ihrer Jobsharing-Vermittlungsagentur Tandemploy bringen sie Tandems und Unternehmen seit 2013 zusammen. Dabei gehen die beiden selbst mit gutem Beispiel voran: Die beiden teilen sich die Leitung des Unternehmens. Die Idee dazu kam ihnen in ihrem vorigen Job (wo sie in der gleichen Abteilung arbeiteten), als zwei Bewerberinnen eine gemeinsame Bewerbungsmappe einreichten und sich als Team auf eine ausgeschriebene Stelle bewarben.

Deutschland Schlusslicht bei Jobsharing in Europa

Das Modell der geteilten Stelle stammt ursprünglich aus den USA und wird dort schon seit Ende der 1970er Jahre aktiv genutzt. Nach Europa fand das Jobsharing in den 1980er Jahren und ist hier vor allem in Skandinavien, den Niederlanden, Großbritannien und der Schweiz sehr beliebt. In der Schweiz wird Jobsharing sogar von der Regierung gefördert. In Deutschland wird das Jobsharing auch genutzt, aber im europaweiten Vergleich ist das Land Schlusslicht beim Jobsharing. Eine Umfrage von Robert Half zeigt, dass, während ein Viertel der Unternehmen in Europa ihren Mitarbeitern Jobsharing als flexibles Arbeitsmodell anbieten, es in Deutschland lediglich 15 Prozent sind.

jobsharing umfrage 1
Europaweite Umfrage von Robert Half: Welche der folgenden Arbeitsmodelle bietet Ihr Unternehmen aktuell an?

Die HR-Abteilungen in deutschen Unternehmen sehen demnach das Modell Jobsharing bisher überwiegend mit Skepsis. Sie halten das Arbeiten im Tandem für ineffizient und nicht teamfördernd und sie glauben, dass das Ausfüllen einer Führungsposition auch dauerhafte physische Präsenz erfordert.

Jobsharing Umfrage 2
Robert Half hat die HR-Manager in Deutschland, die kein Jobsharing anbieten, gefragt: Warum bietet Ihr Unternehmen kein Jobsharing an?

Dabei entgehen den Unternehmen aber auch viele Vorteile, die das Jobsharing mit sich bringt. Jana Tepe von Tandemploy glaubt, dass Unternehmen davon profitieren können, wenn sie sich auf die Lebensphasen ihrer Mitarbeiter einstellen:

Wenn sich zwei Mitarbeiter eine Stelle teilen, dann hat man in der Summe auch mehr Kompetenz, zwei Blickwinkel und damit in der Regel mehr Kreativität und mehr Inspiration. Denn wer eine ausgeglichene Balance zwischen Privatleben und Beruf hat, ist häufig motivierter und produktiver.

Viele Firmen schrecken auch vor der Mehrarbeit im Personalwesen zurück, die sie durch Jobsharing befürchten. Laut Jana Tepe existiert diese Hürde aber nur in den Köpfen, da Jobsharing die Arbeit tatsächlich erleichtert und organisatorisch nicht viel anders als Teilzeitarbeit behandelt werden muss. Sie verweist aber auch darauf, dass Jobsharing nicht zu jedem Unternehmensmodell passt: „Unternehmen, die mit Wertschätzung und auf Augenhöhe arbeiten, begrüßen zum Beispiel Jobsharing eher als solche, die kurzfristig orientiert und in erster Linie kompetitiv arbeiten.

Jobsharing im Arbeitsalltag

Wie genau kann man sich das Jobsharing also in der Praxis vorstellen? Das Schöne, aber auch das Schwierige am Jobsharing ist, dass das Modell sich ganz individuell anpassen lässt. Zum Beispiel: Ein Unternehmen fordert, dass die Marketingleitung 40 Stunden pro Woche arbeiten muss. Wie sich ein Jobsharer-Paar diese Position teilt, kann aber sehr flexibel gestaltet werden, je nach den individuellen Bedürfnissen der Mitarbeiter und nach der persönlichen Lebenssituation. So kann ein Mitarbeiter beispielsweise von Montag bis Mittwoch arbeiten, während der andere von Mittwoch bis Freitag im Büro ist. Auch eine Aufteilung der Arbeitszeit zwischen Vormittags- und Nachmittagsschicht ist denkbar. Für Mitarbeiter bedeutet dies, dass sie nicht nur eine anspruchsvolle Stelle ausüben können, sondern auch den Job an ihre Lebenssituation anpassen können. Das macht es zum Beispiel für Eltern einfacher, Arbeit und Familie miteinander zu verbinden. Auch wenn überwiegend Frauen Jobsharing nutzen, scheinen auch Männer dieses Modell attraktiver zu finden als beispielsweise Teilzeit zu arbeiten. Denn: Jobsharing wird in der Regel nicht nur besser bezahlt, sondern ist auch für die Karriere interessanter. Die größte Herausforderung beim Jobsharing ist sicherlich, dass die Tandempartner ein eingespieltes Team sein sollten. Beide müssen ein hohes Organisationstalent aufweisen und sich blind vertrauen können. Ohne genaue Planung und hoher Kommunikationsfähigkeit funktioniert es nicht. Die Jobsharing-Partner müssen zwar nicht unbedingt beste Freunde sein, sollten aber ein freundschaftliches Verhältnis pflegen, sehr gut im Team funktionieren und sich ideal ergänzen können.

Ein Modell mit Zukunft

Während Jobsharing vor allem im Fokus etablierter Unternehmen steht, können auch Startups von diesem Modell profitieren. Junge Mitarbeiter haben so zum Beispiel die Möglichkeit, in mehreren Projekten gleichzeitig mitzuwirken und so ihren Arbeitsalltag so abwechslungsreicher zu gestalten. Unternehmen wiederum können mit solchen flexiblen Arbeitsmodellen qualifizierte Mitarbeiter anziehen und auch langfristig im Unternehmen halten. Auch für die Arbeit selbst ist es von Vorteil, wenn zwei Arbeitnehmer mit unterschiedlichen Stärken die gleiche Position ausfüllen. Das Unternehmen profitiert in diesem Fall nicht nur von der doppelten Kompetenz, sondern auch von der höheren Motivation sowie dem größeren Ideenreichtum, mit dem zwei Mitarbeiter eine Stelle ausfüllen. Ein weiterer Vorteil: Durch Jobsharing entstehen praktisch nie Totalausfälle. Wenn ein Tandempartner im Urlaub oder krank ist, füllt der andere Partner die Position aus. So kann sich ein Unternehmen beispielsweise auch das Geld für eine Urlaubsvertretung sparen. Auch wenn durch eine  Tandemstelle so zunächst höhere Personalkosten entstehen, können Firmen langfristig sogar sparen. Auch Lohndumping scheint derzeit bei Jobsharing nicht vorzukommen. Die Tandempartner einigen sich im Vorfeld auf die Aufteilung des Gehalts der vollen Stelle. Vielen scheint es dabei wichtiger zu sein, eine erfüllte Arbeit mit ihrer Freizeit vereinbaren zu können als viel Geld zu verdienen. Jobsharing scheint also eine Antwort auf die Vereinbarkeit von Karriere und Freizeit zu sein und wird daher wahrscheinlich auch in Deutschland in der Zukunft immer häufiger praktiziert werden.


Image (adapted) „Tandem“ by Jared Tarbell (CC BY 2.0)


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Einen digitalen EU-Binnenmarkt gibt es nicht

Barrier (Image by HolgersFotografie [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Von EU-Kommissar Günther Oettinger hat man zwar von Anfang an nicht viel erwartet, aber doch einige Hoffnung an ihn geknüpft. Eines seiner Projekte ist es, den digitalen europäischen Binnenmarkt voranzutreiben. Die absurde Situation in Europa heute ist unter anderem, dass es einfacher ist, sich irgendeinen Gegenstand aus Hongkong zu bestellen, als ein digitales Angebot aus dem Nachbarland zu nutzen. Wir sind ein in 28 Enklaven zersplitterter Kontinent. Es herrscht eine aberwitzige Situation: In der digitalen Welt haben wir Grenzen oder errichten neue, die wir im Analogen schon seit Jahrzehnten eingerissen haben.

Mr. Ansip, tear down this wall

Der fehlende digitale Binnenmarkt in Europa ist aber nicht einfach nur ein Wunsch der netflixenden Avantgarde oder ein feuchter Traum der eGovernment-Industrie. Die existierende Zersplitterung kostet uns Milliarden Euros und verhindert wirtschaftliches Potential. Tausende Arbeitsplätze und mögliche Wertschöpfung passieren deswegen nicht.

Das ist ein ernst zu nehmendes Problem. Start-Ups haben einen immensen Nachteil in Europa, denn sie können nicht aus dem Stand einen großen Markt erreichen, wie es ein Rivale in den USA kann, der unmittelbar einen ganzen Kontinent anspricht. Auch nach Überwindung der sprachlichen Hürde bleiben immer noch 28 unterschiedliche winzige Länder zu erobern – ein Aufwand der nicht lohnt. Start-Ups versuchen lieber den Sprung ins Silicon Valley.

Auch andere Freiheiten leiden darunter: Unsere nationalen Ausweissysteme sind nicht zueinander kompatibel, Gesundheitskarten, Gewerberegister und eGovernment-Dienste sind jenseits unserer Grenzen wertlos. Es ist, als hätte der europäische Gedanke den Sprung vom Fax ins Internet nicht geschafft. Dabei wäre es ein geniales Leuchtturmprojekt, diesen Kontinent digital genauso zu vereinen wie analog.

Muss es erst noch schlimmer werden?

Widerstand gegen mehr Binnemarkt-Harmonisierung kommt aus verschiedenen Ecken. Die Verwerterlobby wehrt sich mit Händen und Füßen gegen ein Aufweichen des Territorialprinzips ihrer Lizenzsysteme und Hollywood ist zu blöd, selbst Druck auszuüben, um gleich 28 Länder in einem Rutsch bedienen zu können. Das liegt in erster Linie an der auch 2016 noch sonderbaren Existenz des Systems des linearen Fernsehens. So lange es dieses gibt, bleiben die Unterhaltungslizenzen wirtschaftlich gesehen nach wie vor im alten Konstrukt eben lukrativer.

Dem Starrsinn der Europäer ist es außerdem zu verdanken, dass wir außer ein paar Ausnahmen kaum europaweite Fernsehsender haben. Potpourri statt Wettbewerbsfähigkeit: Was für französische Winzer gilt, gilt leider auch für die europäische Filmindustrie, also wehrt man sich gegen Veränderung.

Nicht nur tut sich trotz (oder wegen) Oettinger wenig beim digitalen EU-Binnenmarkt, es passieren sogar ausgerechnet gegenläufige Entwicklungen. Wir haben zwar keinen digitalen EU-Binnenmarkt, aber die Einschnitte in die Presse- und Meinungsfreiheit, die nun “Recht auf Vergessenwerden” genannt werden, finden bald europaweit Anwendung. Diese Zensur, zusammen mit zunehmender digitaler Überwachung und Vorratsdatenspeicherung, werden sich viel schneller digital europaweit durchsetzen als irgendwelche echten Vorteile für die Bürger.

Die windelweichen Regeln zur Netzneutralität haben auch nicht viel Chancen, immerhin ist der Kontinent von Oligopolen alter Staatskonzerne geplagt (die so eng mit unseren Regierungen verstrickt sind, dass eine unbefangene Regulierung nicht stattfindet), echte Innovation beim Ausbau von Breitbandinternet ist also genauso fern wie eine in diesem Zusammenhang als vergleichbar wünschenswert anzusprechende Harmonisierung beim Zug- oder Energienetz.

Digitale Schlagbäume

Interessante Beispiele, warum im Hintergrund aber dennoch Marktzwänge zu Harmonisierung führen könnten, gibt es durchaus. Amazon hat mit Sicherheit schon ein einheitliches Dot-EU-Angebot in der Schublade. Denn was braucht so ein Handelsriese denn schon umstellen, es muss ja lediglich die Sprache der Oberfläche und die Vorauswahl an Produkten angepasst werden.

Eine Konsolidierung bei den Fernsehsendern ist ebenso wenig utopisch. Ob Bertelsmann, Sky, Mediaset, Vivendi oder Pro7Sat1, der europäische Fernsehdschungel ist längst von wenigen großen Konzernen dominiert, denen eine digitale Harmonisierung langfristig eher zu Gute kommt. Entsprechender Wählerdruck vorausgesetzt, würde dies auch zu einer Öffnung der staatlichen Rundfunksysteme führen. Es macht in den meisten Fällen keinen Sinn, dass deren Angebote online wie offline nicht jenseits der Landesgrenzen funktionieren können oder sollen, immerhin sind diese auch meist noch durch Steuern (England) oder Zwangsabgaben (Deutschland) finanziert, für die die Zahler auch im Urlaub etwas haben möchten.

Wir sind Lichtjahre davon entfernt, annähernd so etwas wie einen digitalen EU-Binnenmarkt zu haben. Einige Entwicklungen bringen diesen schleichend zwar voran, aber in der Regel nicht dort, wo es notwendig und sinnvoll wäre. Die Komplexität digitaler Politik und Wirtschaft erweisen sich als fast unüberwindlich. Der lange Kampf um die europäische Datenschutzgrundverordnung zeigt, dass es bei Internetregulierung fast genauso wenig Konsens gibt wie in der Migrationspolitik. Das Ergebnis beim Datenschutz ist sehr fragwürdig – manche nennen es eine Katastrophe. Die in Kürze startende Kampagne der Europaabgeordneten Julia Reda zur Abschaffung des Geoblocking ist ein gutes Signal, aber wird, denke ich zumindest, genauso erfolglos sein wie ihr Papier zur Urheberrechtsreform.


Image „Barrier“ by HolgersFotografie (CC0 Public Domain)


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Blendle startet sein neues Bezahlmodell in den USA

Zeitung (image by shotput [CC0 Public Domain] via Pixabay)new

Blendle, die niederländische Plattform, bei der Nutzer pro Artikel bezahlen, hat vor wenigen Tagen in den Vereinigten Staaten eine limitierte Betaversion herausgebracht. Blendle kooperiert nun mit 20 Medienhäusern – einschließlich hochkarätigen Verlagen wie der New York Times, dem Wall Street Journal, der Washington Post, The Economist und dem Time Magazine. Der Test wird darüber entscheiden, ob sich Blendles Micropayment-Modell auf einen Markt, der voll von kostenfreien Inhalten ist, überhaupt halten kann.

Blendle bringt alle Artikel seiner Verlagspartner in einer gemeinsamen App zusammen und bietet dann den Nutzern die Möglichkeit, sie einzeln zu erwerben, unabhängig davon, wo sie ursprünglich veröffentlicht wurden. Die US-Markteinführung wird zunächst auf 10.000 Nutzer beschränkt sein und der Preis wird zwischen 19 und 39 Cent für Zeitungsartikel und zwischen 9 und 49 Cent für Artikel aus Magazinen betragen. Wenn die Nutzer mit einem Artikel unzufrieden sind, können sie eine Rückerstattung fordern. Jedes Verlagshaus setzt seine eigenen Preise fest und behält 70 Prozent der Umsätze, während Blendle die übrigen 30 Prozent bekommt. Das Modell ähnelt den Einnahmen von Apples App Store – was passend ist, wenn man bedenkt, dass Blendle dem “Nachrichten-iTunes”-Modell am nächsten ist, das viele Leute über Jahre hinweg gefordert haben.

Eine Vielzahl englischsprachiger Publikationen hat Blendle in Europa genutzt, seit die Plattform 2014 in den Niederlanden und letztes Jahr in Deutschland gestartet ist. Das Verlagshaus der New York Times sowie der deutsche Axel Springer-Verlag haben im Oktober 2014 drei Millionen Euro in das Unternehmen investiert.

Blendle plant außerdem, zusätzliche Optionen einzuführen, die es den Nutzern erlauben, einzelne Publikationen zu abonnieren. Blendle-Mitbegründer Alexander Klöpping sagte, das Unternehmen würde Abonnements zunächst in Europa einführen, sie aber “schon bald in die USA bringen”.

In den Niederlanden und in Deutschland haben sich bereits 650.000 Personen für den Service registriert. Blendle bietet neuen Nutzern ein Startguthaben, damit sie den Service zunächst kostenlos ausprobieren können. Laut Klöpping verknüpfen etwa 20 Prozent der registrierten Nutzer eine Kreditkarte mit ihrem Kundenkonto. Wie viele Artikel gekauft wurden, möchte er jedoch nicht sagen.

Natürlich muss man aber noch abwarten, wie sich der Micropayment-Service auf den amerikanischen Markt übertragen wird. Esquire hat eine Zeit lang versucht, Lesern für einzelne Onlineartikel gewisse Kosten zu berechnen; GQ hat damit experimentiert, Preise für Artikel zu verlangen, wenn ein Ad-Blocker verwendet wird und im vergangenen Jahr hat The Winnipeg Free Press aus Kanada als erste nordamerikanische Zeitung ein Micropayment-System eingeführt. Bis einschließlich Februar verzeichnete The Free Press 4.000 registrierte Konten und berechnete im neuesten Einnahmebericht, dass sie dieses Jahr 100.000 Kanadische Dollar (76.365 US-Dollar) mit diesem Programm erwirtschaften würden.

Der deutsche und der niederländische Markt (mit jeweils 80 Millionen Einwohnern bzw. 17 Millionen Einwohnern) sind kleiner als der amerikanische Markt (319 Millionen Einwohner). Als Blendle in diesen Ländern auf den Markt gekommen ist, konnte es fast jede große Zeitung und jedes Magazin auf seine Plattform aufnehmen. In den USA ist dies nicht der Fall, da englischsprachige Inhalte in viel größeren Mengen kostenlos online verfügbar sind. (Ein weit größerer Anteil europäischer Publikationen verwendet im Vergleich zu US-amerikanischen Medienunternehmen unumgängliche Paywalls).

Infolgedessen preise Blendle das Produkt bei amerikanischen Nutzern als Ausweg aus dem Dickicht der Online-Inhalte an, um Artikel von hoher Qualität zu erhalten, so Klöpping. “Die Botschaft unterscheidet sich deutlich”, sagt er. “In den USA betonen wir viel stärker die Tatsache, dass wir Nutzern dabei helfen, Inhalte in Publikationen zu entdecken, die sie normalerweise nur selten lesen würden.”

Und sobald Nutzer die Blendle-App haben, sagt Klöpping, sei er zuversichtlich, dass sie bereit wären, für Artikel zu zahlen, die sie anderweitig umsonst bekommen könnten.

Wenn Publikationen einige ihrer Artikel kostenfrei auf ihre Seite stellen, hat das keine Auswirkungen darauf, wie Leute dafür bezahlen”, sagt Klöpping.

Wir sehen hier keinen Rückgang der Zugriffe. Es ist eigentlich ziemlich logisch: Wenn man in der App ist und sie einem einige Artikel liefert, die einen interessieren, werden sich viele Leute nicht die Mühe machen, eine Überschrift zu googlen, um herauszufinden, wo sie den Artikel umsonst bekommen können.

Blendle hat Redakteure in der niederländischen Geschäftsstelle, die Artikel für einen englischsprachigen Newsletter zusammenstellen, der wiederum auf Artikel der Plattform aufmerksam macht. Man plant, in den Niederlanden und in New York mehr Redaktionsmitglieder für die englische Seite einzustellen. Blendle hat zudem einen Empfehlungsalgorithmus, wodurch Nutzer Medienhäusern sowie anderen Personen auf Blendle folgen können, um Artikel zu finden.

Es gibt deutsche und niederländische Versionen des Newsletters. Künftig soll eine Artikelsammlung zu bestimmten Nachrichtenereignissen zusammengestellt werden, wie beispielsweise zu den Terroranschlägen in Brüssel.

[Übersetzung: Bist du auf Blendle? Wir haben einen Channel mit den besten Hintergrundartikeln eröffnet. Interpretation ist wichtig.]

Beth Diaz, die stellvertretende Leiterin für Leserentwicklung und Analyse der Washington Post sagt, dass die Newsletter hilfreich gewesen seien, um Leser zu Artikeln der Washington Post und zur europäischen Versionen von Blendle zu führen. Die Washington Post und Publikationen wie The Economist und The Wall Street Journal haben bereits Artikel auf den europäischen Versionen der Seite veröffentlicht.

Wie viele Post-Artikel auf Blendle gekauft wurden, dazu möchte sich Diaz nicht äußern. Aber es sei eine eher “mäßige Quelle bezüglich Traffic und Umsätzen” gewesen. In den USA berechnet die Washington Post 19 Cent pro Artikel und wird zukünftig alles, was in ihrer Printversion veröffentlicht ist, täglich an Blendle schicken.

Laut Diaz interessiere sich die Washington Post dafür, wie sich das Micropayment-System auf eine US-Leserschaft übertragen lässt. “Ich erwarte, dass wir viele großartige Informationen bekommen werden, die uns dabei helfen, herauszufinden, ob wir unsere Strategie bezüglich unserer Partnerschaft mit Blendle und vielleicht insgesamt verändern sollten”, sagte Diaz.

Auch das Wall Street Journal hat bereits in Blendles europäischen Versionen veröffentlicht. Obwohl sie keine konkreten Zahlen nennen möchte, sagte Katie Vanneck-Smith, Servicemanagerin von Dow Jones, dass aufgrund von Blendles junger Leserschaft – mehr als die Hälfte der Nutzer sind unter 35 – Technologie-Artikel gut auf der Plattform abgeschnitten haben, während die Berichterstattung über US-Politik bisher nicht so beliebt gewesen sei. Allerdings bemerke sie, dass diese “dank Trump beginnt, aufzuholen”.

The Journal hat seit jeher Gebühren für den vollen Zugang zu seiner Website erhoben. Nach Vanneck-Smith sei Blendle nur eine weiterer Möglichkeit, die Leser dazu zu bringen, für ihre Arbeit zu zahlen. Die Artikel des Journals werden jeweils 39 Cent kosten.

Ich denke, dass dies definitiv die nächste Welle der kostenpflichtigen Angebote ist, sagt sie. Ist das etwa der einzig richtige Weg? Nein. Es wird keinen einzig richtigen Weg geben. Aber alles, was es Kunden erleichtert, professionellen Journalismus zu kaufen und dafür zu bezahlen, ist eine gute Sache. Als Branche müssen wir alles unterstützen, das die Spannung aus dem bezahlten Qualitätsjournalismus nimmt.

Time Inc. sieht in dem Service zudem die Möglichkeit, neue Leser zu erreichen. Zunächst wird die Plattform nur Artikel des Time Magazine anbieten, aber es könnten eventuell noch weitere Titel dazukommen, so Scott McAllister, stellvertretender Leiter für Digitales Marketing und Einnahmen des Verlags des Time Magazine.

Es werde noch immer über die Preissetzungsstruktur entschieden, aber laut McAllister könnte man sich dazu entschliessen, mehr Geld für größere Beiträge oder Titelgeschichten zu verlangen. Alles, was Time wöchentlich als Print veröffentlicht, werde auf Blendle verfügbar sein. Viele dieser Printinhalte seien online nur für Abonnenten zugänglich oder für Nutzer, die die volle Onlineversion des Magazins erwerben. Time hoffe darauf, dass dank Blendle ein anderes, jüngeres Publikum erreicht werden kann, welches das Magazin ansonsten nicht kaufen würde, so McAllister.

Es ist ein anderes Modell, ein anderer Konsumententyp, sagt er. Viele unserer Kunden kaufen sich das Magazin, um es durchzublättern… Dieses ist ein anderes Modell, bei dem man nach sehr spezifischen Themen oder Informationen sucht. Sicherlich gibt es bei beiden Modellen Parallelen, aber unsere Idee war eigentlich, dass es keine große Überschneidung gibt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “Zeitung”(adapted) by shotput (CC0 Public Domain)


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Goethe und die Reaktivierung des transnationalen Dialogs in Europa

Goethe (adapted) (Image by motograf [CC BY 2.0] via Flickr)

Wie froh wäre Johann Wolfgang von Goethe gewesen, das grenzenlose und echtzeitige Netz für den transnationalen Dialog einzusetzen. Der Dichterfürst nutzte den Postweg – allerdings mit einem privilegierten Status. Das Postmonopol war in privater Hand und galt als Grundpfeiler der vorindustriellen Modernisierung. Ihr “Erfinder” Franz von Taxis wurde auf eine Stufe mit Christoph Kolumbus gestellt. Der damalige Provider “Thurn und Taxis” gewährte Goethe ein Freibriefrecht. “Für Briefe von und an Goethe musste kein Porto bezahlt werden”, erwähnt der Literaturwissenschaftler Peter Goßens im Interview mit Sabria David, die in einem internationalen Projekt des Goethe-Instituts die Salonkultur des 18. und 19. Jahrhunderts wiederbelebt.

Der europäische Netzwerker

Goethe konnte so viele Briefe schreiben, wie er wollte. Mit dieser freien Kommunikationsform entwickelte er sich zum Netzwerker für den europäischen Diskurs. Es war die Triebfeder seines kosmopolitischen Humanismus, von dem sich die besorgten Bürger eine Scheibe abschneiden sollten. Heute würde Goethe dafür Facebook, Twitter, Periscope, Hangout on Air und einen Blog einsetzen. Damals setzte er vor allem seine eigene Zeitschrift “Ueber Kunst und Alterthum” ein, um mit den “Literatoren” Europas in Kontakt zu treten.

Neben seiner umfangreichen Korrespondenz, den Besuchern und Gesprächen, die zum Weimarer Alltag gehörten, war es vor allem das Projekt der Zeitschrift, die es dem alternden Goethe ermöglichte, ein virtuelles, aber durch seine gedruckte Form manifestes Kommunikationsnetz zu spannen und seine Wahrnehmung des weltliterarisch Bedeutsamen bekannt zu machen,

schreibt Goßens in seiner Habilitationsschrift “Weltliteratur”, erschienen im J.B. Metzler-Verlag.

Transnationales Kommunikationssystem im 19. Jahrhundert

Goethe schuf damit eine kleine, aber sehr einflussreiche europäische Öffentlichkeit. Er suchte und fand Verbündete für sein weltliterarisches Unterfangen zur Schaffung eines transnationalen Kommunikationssystems. Weltliteratur wird von Goethe nicht als Kanon definiert, sondern als Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung. Nicht die Lektüre literarischer Werke steht im Vordergrund, sondern die grundlegende Kenntnis der Kulturen anderer Länder. Der Dichterfürst verstand sich als Katalysator zur Herausbildung einer europäischen Leserschaft. Zu seiner Lieblingslektüre zählte dabei “Le Globe“, die sich nationalen Vorurteilen und kulturellen Hegemonie-Bestrebungen entgegenstellte. Sein Anliegen wurde von nationalistischen Bedenkenträgern als undeutsche Gesinnung ausgelegt. Mit seiner internationalen Netzwerkstärke konnte Goethe dieses Stammtisch-Gebrüll deutlich übertönen.

Neue Ideen für Europa

Ähnliches erhofft sich Günther Rüther von den Intellektuellen unserer Zeit.

Im 19. und 20. Jahrhundert waren es vor allem Kriege, die der europäischen Idee neue Kraft verliehen. Den Intellektuellen ging es dabei um die Überwindung nationalistischer Vorurteile, den Abbau von Hass oder Intoleranz und vor allem darum, verloren gegangene Freundschaften zwischen den Völkern erneut zu stiften,

schreibt Rüther in seinem neuen Buch “Die Unmächtigen – Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945”, erschienen im Wallstein Verlag. Europa brauche jetzt die Stimme der Intellektuellen. Sie müssen die Sprache der Macht und der Expertokratie dechiffrieren, um der europäischen Idee wieder Auftrieb zu geben.

Popkultur statt rückwärtsgewandter Abendländerei

Das Notiz-Amt verweist auf eine Rede von Rüdiger Altmann: Von rückwärtsgewandten “Ersatzideologien” wie der “Abendländerei”, jener in den fünfziger Jahren vor allem in weiten Teilen des deutschen Katholizismus verbreitete “Abendland”-Idee, hielt der frühere Berater von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard gar nichts. Das formulierte er bereits in den 1990er Jahren:

Im Grunde ist es die Aufgabe Europas, den Kulturkonflikt dieser sich wandelnden Welt auszuleben und mit neuen Ideen zu überwinden… Welches sind die europäischen Ideen, die Europas Existenz heute ausmachen? Das kann nicht die Idee eines sich gegen die übrige Welt abgrenzenden Europas sein, das um seine Identität, auch um seine geschichtliche Identität, ringt. Die entscheidende Frage ist: Findet Europa den Mut, neue Ideen zu formulieren und auszuleben, die die ganze Welt angehen, also in diesem Sinne nicht spezifisch europäische sind? Auf diese Weise könnte Europa wieder jene Weltgeltung erlangen, die es früher gehabt hat.

Altmann betont dabei die Kraft der Popkultur. Die mediale Kultur habe einen großen Bedarf und Verbrauch an Ideen.

“Darin unterscheidet sie sich deutlich von der Kultur der Klassengesellschaft alten Stils. In gewissem Sinne ist sie unideologisch. Zugleich entfaltet sie in der Massengesellschaft ein Kommunikationsfeld von großer Kraft…” Genau das sollte von der europäischen Zivilgesellschaft ausgehen. Vielleicht ist die Popkultur ein veritables Mittel, den Nationalisten und Rassisten in den europäischen Staaten das Wasser abzugraben – in transnationalen Dialogformaten nach dem Vorbild des Dichterfürsten Goethe.


Image (adapted) “Goethe” by motograf (CC BY 2.0)


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Privacy Shield: Wie löchrig ist der neue Datenschutz?

Datenschutz (Image by TBIT(CC0 Public Domain)via Pixabay)

Gestern hat die EU-Kommission die lang erwarteten Dokumente zum Datenschutzabkommen “Privacy Shield” mit den USA veröffentlicht, das dem im Vorjahr für ungültig erklärten “Safe Harbor” nachfolgt. Damit soll gewährleistet sein, dass weiterhin Daten von EU-Bürgern auf die Server von Unternehmen in den USA zur Verarbeitung fließen können. Laut EU-Kommission garantieren diese Regeln einen hohen Datenschutzstandard für Bürger, der dem in der EU gleichkommt. Kritiker zweifeln jedoch daran. “Safe Harbor” wurde vom EuGH angesichts der NSA-Enthüllungen durch Edward Snowden im Jahr 2013 außer Kraft gesetzt.

Laut dem Büro von US-Geheimdienstchef James Clapper gibt es sechs Ausnahmen, bei denen weiterhin Massenüberwachung betrieben wird und die von Jahr zu Jahr in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission überprüft werden sollen:

  • wenn Aktivitäten fremder Mächte ausgeforscht werden sollen

  • Terrorismusbekämpfung

  • wenn die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen bekämpft werden soll

  • um die Cyber-Sicherheit zu gewährleisten

  • wenn US-Streitkräfte oder verbündete Streitkräfte bedroht werden

  • Bekämpfung transnationaler krimineller Bedrohungen.

An der bisherigen Praxis, möglichst viele Datenflüsse zu überwachen, dürfte sich damit nichts ändern, auch nicht daran, dass Daten sehr lange (für fünf Jahre oder manchmal sogar länger) gespeichert werden können.

Zuckerl für die Europäer

Um weiterhin Daten in die USA transferieren zu können, müssen sich Firmen künftig selbst zertifizieren und damit garantieren, die Regeln von “Privacy Shield” einzuhalten. Etwa 4.000 Firmen bauten bis zuletzt auf “Safe Harbor”, laut euobserver.com geht es um einen 260 Mrd. US-Dollar schweren Markt, der Unternehmen wie Facebook oder Google mit einschliesst. Auch für europäische IT-Firmen ist der Deal wichtig, da immer mehr Startups und Unternehmen Datendienste anbieten und dabei auf Infrastrukturen von US-Firmen aufbauen (v.a. Cloud-Lösungen).

EU-Bürger können sich künftig bei Datenschutzverletzungen an eine Ombudsperson (eingesetzt wurde die Catherine A. Novelli durch US-Außenminister John Kerry) in den USA wenden. Wie man Novelli genau kontaktieren kann, ist noch nicht klar, wahrscheinlich wird eine EU-weite Anlaufstelle dafür eingerichtet werden. Kommt es jedenfalls zu einer Beschwerde, hat ein Unternehmen 45 Tage Zeit, darauf zu reagieren, wenn sich EU-Bürger an eine staatliche Stelle wenden, muss diese ihnen innerhalb von 90 Tagen antworten. Weiter soll es jährlich einen Datenschutzgipfel geben, auf dem sich neben Interessensvertretern auch die Zivilgesellschaft informieren können soll.

Der Wiener Jurist Max Schrems, der maßgeblich für den Fall von “Safe Harbor” im Vorjahr verantwortlich war, hält “Privacy Shield” für nicht gut genug, um EU-Datenschutzregeln einzuhalten, sondern erkennt lediglich ein paar kosmetische Verbesserungen. Er selbst und andere würden gegen die Entscheidung vorgehen, am Dienstag morgen war der Datenschützer bereits auf dem Weg nach Brüssel.


Image “Datenschutz” by TBIT (CC0 Public Domain)


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Wie der Ausnahmezustand die Grundrechte untergräbt

Kontrolle ist gut, U?berwachung ist besser (adapted) (Image by Robert Agthe [CC BY 2.0] via flickr)

Kritik von Menschenrechtlern an der Verlängerung des Ausnahmezustands in Frankreich ist exemplarisch: Durch Angst-Rhetorik werden Grundrechte untergraben. Die französische Regierung rief aufgrund der Terroranschläge in Paris den Ausnahmezustand aus. Das gibt den Ermittlungsbehörden zahlreiche Sonderrechte. Bald läuft diese Regelung aus, soll aber nach dem Wunsch der Regierung noch einmal verlängert werden. Amnesty International kritisiert das: Die Situation greife unverhältnismäßig in die Grundrechte ein. Leider passiert dies nicht nur in Frankreich, denn schon seit Jahren wird der Ausnahmezustand zur Regel – mit schlimmen Folgen für unsere Freiheit. Das betrifft auch die Netzpolitik.

Amnesty International prangert Ausnahmezustand in Frankreich an

Frankreich befindet sich seit den am 13. November 2015 verübten Terroranschlägen in Paris im Ausnahmezustand. Damals kamen 130 Menschen ums Leben, viele weitere wurden verletzt. Die Regierung unter Francois Hollande reagierte mit massiven Notfallmaßnahmen. Durch den verhängten Ausnahmezustand, wurden die Befugnisse der Ermittlungsbehörden massiv erhöht. Unter anderem sind damit nächtliche Wohnungsdurchsuchungen ohne richterlichen Beschluss, Versammlungsverbote sowie Hausarrest für mutmaßliche Gefährder zulässig. Seit den Anschlägen wurden auf dieser Grundlage mehr als 3.200 Wohnungen durchsucht, mehr als 400 Menschen wurden unter Hausarrest gestellt.

Das, so befindet die Menschenrechts-Organisation Amnesty International, geht zu weit. Betroffene würden stigmatisiert und teilweise sogar traumatisiert, einige hätten ihre Arbeit verloren. Zudem, so Amnesty, habe es kaum positive Ergebnisse durch dieses Vorgehen der Ermittler gegeben (was in Bezug auf die Verhältnismäßigkeit dieser Maßnahmen durchaus relevant ist).

“In Ausnahmesituationen können Regierungen außergewöhnliche Maßnahmen ergreifen, sie müssen es aber mit Vorsicht tun”, erklärte der Amnesty-Direktor für Europa und Zentralasien, John Dalhuisen. “In Frankreich haben ausgeweitete Exekutivbefugnisse mit nur sehr wenig Kontrolle über ihre Ausübung zu einer ganzen Reihe von Menschenrechtsverletzungen geführt.” Die Organisation spricht sich daher entschieden gegen eine erneute Verlängerung des Ausnahmezustands in Frankreich bis Ende Mai aus.

Ein Extrem – aber kein Einzelfall

Auch, wenn diejenigen, die ungerechtfertigt zum Ziel von Polizeiaktionen oder Verdächtigungen werden, zweifellos am meisten unter der Situation zu leiden haben, betreffen Situationen wie die in Frankreich nicht nur diese Menschen, sondern die ganze Gesellschaft. Das Klima der Angst, das sich durch derart massive Eingriffe der Behörden ausbreitet, erfasst leicht die ganze Gesellschaft und führt zu Konformität, Selbstzensur und einer Einschränkung kontroverser politischer Situationen.

Es ist festzuhalten: Frankreich ist zwar ein Extremfall, steht mit seiner bedenklichen Rhetorik aber nicht alleine. Auch in Deutschland ist es schon seit 2001 üblich, mit einer “erhöhten Bedrohungslage”, der “terroristischen Bedrohung” und ähnlichen Konzepten zu argumentieren. So wird ein ständiges Klima der Angst geschaffen. Der Ausnahmezustand wird so schleichend zum Normalfall.

Das hat Folgen: Sicherheitsmaßnahmen werden, angeblich aufgrund einer Ausnahmesituation extremer Bedrohung, eingeführt. Zurückgenommen oder kritisch überprüft werden sie dann kaum. Gegner und Kritiker dieses Vorgehens bekommen mitunter gar vorgeworfen, Terroristen in die Hände zu spielen oder sich gar eine Mitschuld an ihrem Tun aufzuladen.

Die Politik mit der Angst muss aufhören

Die oben genannte Rhetorik ist ebenso perfide wie gefährlich. Sie verhindert eine sachliche Diskussion und ein Abwägen verschiedener Risiken und Werte. Sie sorgt dafür, dass wir den Wert von Freiheit, Privatsphäre und gelebter Demokratie aus den Augen verlieren.

Zunächst: Die Bedrohung durch Terroristen ist zweifellos real. Sie ist aber dennoch nur ein Risiko unter vielen. In Europa sterben weitaus mehr Menschen an Krankheiten, Verkehrsunfällen oder “gewöhnlicher” Kriminalität als durch Terroranschläge. Absolute Sicherheit kann es nicht geben – wir in Deutschland und wohl auch der durchschnittliche Franzose leben aber trotz allem ziemlich sicher, was den Terror angeht. Das wird von der Politik in keiner Weise reflektiert.

Zudem bleibt festzuhalten, dass viele der mit der Begründung, die Bevölkerung müsse vor dem Terrorismus geschützt werden, eingeführte Maßnahmen, kaum Erfolge bringen. So ergab eine Studie des Max-Planck-Instituts, dass die Vorratsdatenspeicherung die Aufklärungsquote bei schweren Verbrechen nicht nennenswert erhöht – ebenso, wie ja auch Amnesty International auf die mangelnde Effektivität der repressiven Maßnahmen in Frankreich verweist. Doch statt sich um effektivere und innovative Maßnahmen zu bemühen, wird weiter überwacht, mit allen negativen gesellschaftlichen Folgen, die das hat.

Terroristen, das legt bereits die Bezeichnung nahe, erreichen ihr Ziel durch Angst. Um so paradoxer ist es, dass konservative Hardliner – und auch angebliche Politiker der Mitte – versuchen, mit genau dieser Angst Politik zu machen und dabei eben jene Freiheiten, die uns von den Terroristen unterscheiden, schrittweise abzuschaffen versuchen.

Dem müssen wir entgegen wirken. Der Ausnahmezustand darf nicht zur unkritisch hingenommenen Normalität werden. Er darf nicht jeden Eingriff in unsere Grundrechte rechtfertigen. Besinnen wir uns stattdessen auf unsere freiheitlichen, demokratischen Werte. Lassen wir uns nicht verführen, vor lauter Angst in Misstrauen gegen unsere Mitmenschen zu leben, und nehmen wir nicht hin, dass wir gegängelt, überwacht und eingeschüchtert werden. Vielmehr ist es an der Zeit, den Regierungen und Behörden kritisch auf die Finger zu schauen und nicht trotz, sondern gerade wegen der schwierigen und gefährlichen Situation von ihnen besonnenes, verhältnismäßiges und verantwortungsbewusstes Handeln zu fordern, das unseren Grundrechten den Stellenwert einräumt, den sie verdienen.


Image (adapted) “Kontrolle ist gut, U?berwachung ist besser” by Robert Agthe (CC BY 2.0)


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Ein Jahr nach Charlie Hebdo: Frankreich sucht Antworten

Hommage et soutien de la Demeure du Chaos à Charlie Hebdo #jesuischarlie _DDC1879 (adapted) (Image by thierry ehrmann [CC BY 2.0] via flickr)

Ein Jahr sind die Anschläge auf das Satiremagazin Charlie Hebdo nun her und noch immer sucht Frankreich nach aufklärenden Antworten. Frankreich hat im vergangenen Jahr eine stürmische Zeit durchgemacht, seit die beiden Brüder das Feuer in den Büroräumen des Satiremagazins Charlie Hebdo eröffneten und elf Menschen töteten, bevor sie weitere fünf Menschen in Paris ermordeten. Nur zehn Monate später zeigten die Anschläge vom 13. November, dass die Terrorismusgefahr nicht zurückgegangen war.

Nur Wochen nach dem zweiten großen Anschlag erweckte der Vormarsch der extremen Rechten in den Regionalwahlen den Anschein, dass ein erheblicher Teil der Wählerschaft nach all dem, was sie im Jahre 2015 gesehen hatte, Flucht in der Sprache, der Angst und der Rache suchte. Diese wachsenden Ängste spiegelten sich auch auf der höchsten Ebene des politischen Systems wieder.

Die französische Führung agierte vorsichtig in ihrer Antwort auf den Anschlag auf Charlie Hebdo. Damals war in der Folge der Blick auf die Meinungsfreiheit und das lang bestehende Problem der sozialen Exklusion gerichtet. Die gleiche Vorsicht wurde bei den Novemberanschlägen nicht berücksichtigt. Präsident François Hollande setzte sofort den Notstand in Kraft, der zu willkürlichen Festnahmen und heftigen Antiterroraktivitäten führte. Er billigte sogar eine militärische Reaktion im Nahen Osten, die mehr an Amerikas Krieg gegen den Terror als an den Geist des 11. Januars erinnerte.

Im Januar 2015 rief der Premier Manuel Valls zu einem Ende von Frankreichs “sozialer Apartheid” auf. Im November fielen Bomben auf Syrien. Der Kontrast hätte nicht größer sein können.

Verblüfft

Und dennoch, trotz der heftigen Antwort auf die Novemberanschläge, war es die Unfähigkeit Lösungen zu finden, die die letzten zwölf Monate in Frankreich charakterisierten.

Seit dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo im Januar ist Nicolas Sarkozy, dem Vorsitzenden der Mitte-Rechts Partei, nichts besseres eingefallen als für eine Umbenennung seiner Partei in “Les Républicains” zu plädieren. Nichts davon hatte einen Einfluss auf die Zusammensetzung der Partei oder deren Ideen.

Währenddessen wurde die sozialistische Partei immer mehr zwischen denjenigen, die die toleranten, “republikanischen” Werte der französischen Linken vertraten und denjenigen, die eine deutlichere Antwort auf die Bedrohung durch den Terror haben wollten, hin- und hergerissen.

Nur die extreme Rechte blieb ihrer Forderung treu: Dass ein dekadentes Frankreich Ausländer ausweisen, aus dem Euro austreten und seine Grenzen selbst sichern muss.

Die verzweifelte Unfähigkeit der Parteien der Mitte, eine positive Plattform für Veränderungen zu formulieren, wurde nicht zum ersten Mal in den letzten Jahren damit offengelegt. Dabei ist es bedrückend, dass heute noch die gleichen Fragen wie vor zehn Jahren gestellt werden.

Wie kann Frankreich seine mächtige Verankerung in der Sprache der Einheit der Republik behalten und gleichzeitig die Realität des Multikulturalismus anerkennen? Wie sieht die heutige Rolle Frankreichs in der Welt aus, jetzt, wo sie ohne Kolonialreich sind und nichts weiter als eine nur noch zweitrangige Regionalmacht? Wie kann sich das politische System Frankreichs selbst reformieren, um repräsentativer und weniger korrupt zu sein?

Es wäre falsch zu sagen, dass es keinen Fortschritt bei diesen Problemen gab. Detaillierte statistische Untersuchungen haben gezeigt, dass Frankreich in den letzten zehn Jahren immer offener für Multikulturalismus wurde. Zudem ist Frankreich ein wichtiger Akteur in Europa und hat die alte Gewohnheit, stets unilateral zu agieren, aufgegeben.

Jedoch ist der Symbolismus wichtig und hierbei sind die Ergebnisse weniger erbaulich. Die soziale Exklusion und die Arbeitslosigkeit sind noch immer Teil der heimischen Probleme. Die Ideen, die zentral in der republikanischen Tradition verankert sind, wie beispielsweise “laïcité” (Säkularismus), sind von der extremen Rechten bis zur Unkenntlichkeit pervertiert worden, um Muslime zu stigmatisieren. Dabei helfen auch neokoloniale Eskapaden in Libyen, Mali oder nun Syrien nicht weiter.

Eine Tendenz nach rechts

Der Mangel an Fortschritt bei diesen Problemen befeuert eine Tendenz nach rechts, da die französische Politik nun von den Problemfeldern der Sicherheit und Migration dominiert wird. Nicht überraschend hatte dies die extreme Rechte genutzt. Die Parteivorsitzende Marine Le Pen konnte sich vielleicht bei ihrer Bewerbung um das Präsidentenamt einer französischen Region in den Regionalwahlen nicht durchsetzen, ihre Partei konnte sich aber 27,73 Prozent der Stimmen der gesamten Wählerschaft sichern und sie sich durch dieses gute Ergebnis eine entsprechende Medienberichterstattung versprechen.

Aber die Veränderung ist sichtbar, auch in anderen Bereichen. Vor kurzem floss diese Veränderung in die etwas heikle Debatte um die “déchéance de nationalité” ein – ein Vorschlag, um Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft die französische Staatsbürgerschaft zu entziehen, falls sie terroristische Akte begehen.

Dies war seit langem ein charakteristischer Grundsatz der extremen Rechten, welcher jedoch von Mitte-Links Sozialisten immer zurückgewiesen wurde, da es in deren Augen das fundamentale Recht auf Bürgerschaft durch Geburt verletzt.

Die Tatsache, dass nun ein sozialistischer Präsident “déchéance de nationalité” unterstützt, ist sowohl bittere Ironie als auch ein Zeichen wie weit sich der politische Diskurs bei Problemen, die zu den Grundthemen der extremen Rechten gehören, angenähert hat.

Wie schon im Jahr 2002, als Jean-Marie Le Pen die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen erreichte und auch wie im Jahr 2005, als Frankreich durch Krawalle aufgewühlt wurde, so erschütterte das Jahr 2015 die französische Politik in ihren Grundfesten. Wir werden wahrscheinlich eine Neuordnung der politischen Landschaft im kommenden Jahr sehen – und potentiell einen neuen Präsidenten im Jahr 2017 – aber nur wenige fundamentale Probleme der früheren Jahre werden angesprochen werden.

Die Vermittlung von echter Sorge nach den Novemberanschlägen und der riesigen Zunahme bei der Wahlbeteiligung in der zweiten Runde der Regionalwahlen, waren beide Erinnerungen, dass die Franzosen eine Krise erkennen, wenn sie vor ihnen steht. Ihnen muss nicht gesagt werden, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Aber sie brauchen dringend Führung und neue Ideen – und es gibt leider nur unglaublich wenige Hinweise, dass sie eines der beiden Dinge bekommen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “Je suis Charlie” by thierry ehrmann (CC BY 2.0)


 

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Wie sich Fundamentalisten gegenseitig beflügeln

War (adapted) (Image by Moyan Brenn [CC BY 2.0] via flickr)

Im Kampf gegen die Jihadisten, zeigen die reaktionären Rechte in Europa eine gegenteilige Wirkung.

Die militärischen und polizeilichen Interventionen gegen den Terrorismus, der von den Ideologen des Islamischen Staates ausgeht, sind wohl unvermeidbar. Aber reicht es aus, die islamistische Bewegung zu besiegen, die sich unter dem Kampfbegriff “Jihadismus” weltweit ausbreitet?

Der algerische Schriftsteller und Friedenspreisträger Boualem Sansal warnt im Interview mit der Deutsche Welle-Redakteurin Aya Bach vor einer verkürzten Sichtweise auf das internationale Phänomen des Jihadismus:

Man bekämpft Ideen nicht mit Kanonen. Ganz im Gegenteil. Dadurch verstärkt man sie. Man muss Ideen mit Ideen bekämpfen, mit einer Lebensphilosophie, mit einem neuen Demokratiegedanken, mit neuen Überlegungen zum Laizismus und indem wir den Integrationsprozess der muslimischen Gemeinschaft in die europäischen Gesellschaften gut regeln.

Auf diesem Feld hat die westliche Gesellschaft kläglich versagt, vor allem bei der Integration muslimischer Gemeinschaften. So leben Jugendliche in den französischen Vorstädten in einer abgeschotteten Gesellschaft. Sie fühlen sich unwohl, sind arbeitslos und häufig schlecht ausgebildet.

Plädoyer für die Philosophie der Aufklärung

Sie leben zwar in Europa ohne sich mit europäischen Werten zu identifizieren. “Meiner Meinung nach ist der Westen mit seiner Philosophie der Aufklärung, die ihn die letzten Jahrhunderte ausmachte, in einen Erschöpfungszustand geraten”, kritisiert Sansal. Nach den Attentaten von Paris sollten wir uns auf das freiheitliche Fundament des westlichen Lebensgefühls besinnen.

In der muslimischen Welt gibt es ein Wort, das alle Muslime jeden Tag wiederholen und das ihnen viel Kraft gibt: Ennahda. Das heißt Renaissance. Sie wünschen sich, dass das große arabische Reich aufersteht, die arabisch-muslimische Gesellschaft, der Islam und die großen kämpferischen Werte wieder erwachen. Ich glaube, der Westen sollte einen Prozess anstoßen, den man Renaissance nennen könnte, ganz wie das im 15. und 16. Jahrhundert in Europa schon einmal geschehen ist. Die Renaissance: das wäre wieder aufbauen, erneuern, die Werte der Aufklärung wieder beleben, die Künste, die Kultu, fordert Sansal.

Der Westen schläft und ruht sich auf seinen Lorbeeren aus, auf seinem vergangenen Ruhm. Er reduziert den Konflikt auf die militärische Dimension und den Anti-Terrorkampf. Er macht zu wenig, um den Ressentiments der “besorgten Bürger” entgegenzutreten, die den Untergang des Abendlandes an die Wand zu malen und weiteren Nährboden für die Radikalisierung des Islams bieten. Die reaktionären Rechtsbewegungen in Europa treiben muslimische Jugendliche in die Arme des Jihadismus. Das wissen auch die Protagonisten des Islamischen Staates. Die Terroranschläge in Paris sollen diese Pawlowschen Reflexe und Psychosen der Alltagsrassisten weiter beflügeln.

Es ist der Humus für nationalistische Kulturpessimisten in Europa, die nach dem starken Staat schreien und den Ausnahmezustand herbeisehnen. Das Notiz-Amt verweist beispielhaft auf die Werke von Oswald Sprengler und Carl Schmitt. Die Schriften der zu kurz gekommenen und kleinwüchsigen Herrenmenschen sind noch heute ein unverzichtbarer Pornographie-Ersatz für völkische und nationalistische Bedenkenträger. So sah der junge Carl Schmitt sein Dasein als eine Kette von Demütigungen. “O Gott, was soll aus mir werden? Wovon soll ich leben? Ich armer Junge, der Zielpunkt der Pfeile des Schicksals, ich vielgeschlagener Unglücksrabe.” Er fühlt sich von der ganzen Welt betrogen, sogar von seinen Zimmerwirtinnen, die angeblich falsche Rechnungen schreiben oder Sachen unterschlagen. “Die Wäsche kam, es fehlte wieder ein Hemd. Ich wurde rasend und geriet in Wut; Ernährungssorgen, Verzweiflung, kleinmütig.

Machtbedürfnisse und Schwarze Männchen

In den Monaten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gehen ihm Selbstmordgedanken durch den Kopf. Schmitt will in den “Mutterschoß zurück” und seinen “Eintritt ins Leben rückgängig machen”, winselt er. Der spätere Dezisionismus-Plauderer drückt sich allerdings vor der endgültigen Entscheidung.

Von Ehrgeiz zerfressen, überreizt und fiebrig, giert er nach Anerkennung, will berühmt werden, taxiert seine Gegner und empfindet ein “großes Machtbedürfnis”. “Ich raste herum, auf dem Bett, wahnsinnig vor unsinniger, vernichtender, vernichtungssüchtiger zweckloser Gier”, sinniert der spätere Staatsrat, der sich den Nazis andiente, von einer dicken Beamtenpension träumte und nach 1945 in permanente Weinkrämpfe ob seiner verpfuschten staatlichen Laufbahn verfiel.

Vor dem Beginn seiner staatlich alimentierten Juristenkarriere fühlt er sich “müde, gedrückt, jedem unterlegen und feige und furchtsam”. Die Welt ekelt ihn an und hat sich gegen ihn verschworen. Überall schlägt ihm Feindseligkeit entgegen, die Zeitgenossen sind “wandelnde Würste und schwänzelnde Giftpilze”. Klein Schmitti macht seine ersten Gehversuche fern von Muttis Rockzipfel und sieht nur noch Schwarze Männchen. Wie viel “Neid, Wut, Hass und Eifersucht, ja Ekel die Leute voreinander empfinden; zähle das alles zusammen, die Erde ist bedeckt davon.” Und wenn Mutti und Vati den lieben Kleinen nicht mit den materiellen Mitteln ausstatten, die einem zartbesaiteten Streber und Einser-Juristen gebühren und das kleine Dickerchen mit eigenen Händen nichts aufbauen kann, geißelt man am besten die böse Ellbogengesellschaft.

Angstpsychosen der Untergangspropheten

Eine ähnliche Persönlichkeit ist Oswald Sprengler, Autor des kulturpessimistischen Bestsellers “Untergang des Abendlandes”. Der martialische Lehrer des heroischen Realismus und des zynischen Imperialismus erscheint in seinen Nachlassaufzeichnungen

als eine weichliche, ängstliche, in sich selbst abgekapselte Persönlichkeit voller Hemmungen aller Art, die sich selbst als verkrachte Existenz wahrnimmt. Das Motiv der Angst wird hundertfach heruntergeleiert. Spengler hat weit über die Kinderjahre hinaus vor allem Angst: vor den anderen, vor jedem Erwachsenen, vor Mitschülern, vor allem ‚Weiblichen‘ (maßlose lächerliche Schüchternheit‘!), vor der Öffentlichkeit, vor Beziehungen, vor dem Eintritt in einen Laden, vor der Zukunft, vor Versetzung, vor Verspätungen, vor Begegnungen, vor Verwandten, vor dem Schlaf, vor Behörden, vor Gewittern, vor dem Krieg, sogar vor der Musik (die ihn ‚zermalmt‘), vor der Welt, vor dem Leben, vor dem Tod, Angst, Angst, Angst und schließlich Angst, seine Angst zu zeigen“, schreibt Gilbert Merlio im Nachwort des Buches “Oswald Spengler, Ich beneide jeden, der lebt – Die Aufzeichnungen ‚Eis heauton‘ aus dem Nachlass.

Staatsautoritäre Dogmen der besorgten Bürger

Seine Selbstanklage wandelt sich dann im “Untergang des Abendlandes” in eine Anklage gegen die Zeitumstände. Zeitgenössische Malerei, Architektur und Literatur verabscheut er. Er sehnt sich nach der guten alten Zeit. “Mein München von 1900 schildern. Längst tot. Kunststadt, letzter Hauch von Ludwig I. Ewige Sehnsucht danach. Café Colonnette”. Spengler sieht sich als letzten Kulturmenschen in einer Zeit, die sich ihres eigenen Verfalls nicht bewusst ist. Dabei kompensiert er nur sein klägliches Versagen, mit den Umständen der Zeit fertig zu werden. Er ist neidisch auf Tatmenschen und hat einen Widerwillen gegen politisch praktisches Tun. Immerhin gelangt er zur Erkenntnis: “Ohne praktische Arbeit großen Stils kann ich nicht leben.

Schuld sind auch bei Carl Schmitt immer die anderen: Es wimmelt in seinen Albträumen von Feinden, und das Leben “ist ein Kampf und eine Belohnung für den Kampf, der zurückliegt. Der Kampf des Fötus um die Existenz, der Spermatozonen”. Das Leben, “die anderen Menschen, die Umstände, die Zeit sind wie der Stahl, der auf der Drehbank liegt”. Der Metaphysiker des Armageddon erlernt hier das Handwerk für seine staatsautoritären Dogmen. Wir sollten uns nicht nur den freiheitsfeindlichen Dogmen des Jihadismus entgegenstellen, sondern auch mit dem erzreaktionären Fundamentalismus der “besorgten Bürger” abrechnen.


Image (adapted) “War” by Moyan Brenn (CC BY 2.0)


 

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5 Lesetipps für den 19. November

In unseren Lesetipps geht es heute um VW, kostenloses WLAN in Regionalzügen, Shnups – ein neues Startup aus Berlin, das neue Design von Google+ und ein gescheitertes Kickstarter-Projekt. Ergänzungen erwünscht.

  • VOLKSWAGEN horizont: Abgas-Affäre: Volkswagen bittet US-Kunden um Geduld: Volkswagen bittet seine US-Verbraucher um noch etwas Geduld und um Entschuldigung. Da in L.A. gerade die Auto-Messe stattfindet, nutzt der Konzern die Chance eine Kampagne zu starten und veröffentlicht in 30 bekannten US-Zeitungen das Entschuldigungsschreiben. Außerdem benutzt Volkswagen auch digitale Banner und eine Microsite, um die Kunden zu erreichen. Der Sinn hinter dieser Kampagne ist unter anderem, seine Kunden vorerst zu beruhigen.

  • WLAN DIE WELT: Erster Regionalzug erhält kostenloses WLAN: WLAN in der ersten Klasse des ICE ist inzwischen keine Neuheit mehr. Die zweite Klasse wird vermutlich im nächsten Jahr damit ausgestattet werden. Jetzt probt die Deutsche Bahn auch in Regionalzügen erstmals kostenloses WLAN. Ein Problem stellt sich der geplanten Vernetzung allerdings in den Weg: Nicht überall auf den Strecken, gibt es Netz und außerdem haben die Wagen keine Steckdosen. Und doch blickt man der großräumigen Vernetzung optimistisch entgegen, sodass vielleicht in fünf Jahren ein nennenswerter Umfang an WLAN auch in den Regionalzügen erreicht werden kann.

  • SHNUPS Gründerszene: Ein digitales Sammelalbum für die wichtigsten Hashtags: Shnups, eine Seite, bei der eine Community die spannendsten und interessantesten Tweets, Videos, Posts oder Fotos zu einem Hashtag formt. Dieser Hashtag wird kurz erklärt und anschließend kann man all diese Inhalte gebündelt auf einer Themenseite wiederfinden. Das klingt zunächst etwas verwirrend aber das Startup aus Berlin hat sich etwas ganz besonderes dabei gedacht: Durch die vielen Plattformen, die es inzwischen gibt, gehen auch viele Inhalte unter, da sie kreuz und quer im Netz verteilt sind. Aber Shnups soll das jetzt ändern.

  • GOOGLE+ cnet: Google+ erhält neues Design: Ein Design, welches Collections und Community in den Vordergrund stellt – das ist der neueste Schritt, den Google+ gerade geht. Aber nicht nur das Design der Webseite wurde überarbeitet sondern auch das für die Apps für Android und iOS. Und scheinbar kommt das bei den Nutzern sehr gut an, denn den Communities sollen sich angeblich täglich 1,2 Millionen neue Nutzer anschließen. Auch die Collections Funktion wächst schneller. Allerdings heißt es, dass das neue Design von Google+ noch nicht alle Funktionen unterstützt.

  • ZANO-DROHNE t3n: Debakel für Zano-Drohne: Europas erfolgreichstes Kickstarter-Projekt ist endgültig gescheitert: Obwohl die Crowdfunding Kampagne für die Mini-Drohne Zano den Entwicklern Millionen eingebracht hat, ist das Kickstarter-Projekt gescheitert. Zano hätte bequem per Smartphone gesteuert werden und HD-Videos und Selfies aus der Luft aufnehmen sollen. Allerdings wurden nur knapp 600 der bestellen 15.000 Mini-Drohnen verschickt. Diejenigen, die in das Projekt investierten, werden anscheinend demnächst von einem Insolvenzverwalter kontaktiert. Das Scheitern ist allerdings sehr schade, denn Zano galt bisher als erfolgreichstes europäisches Kickstarter-Projekt.

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5 Lesetipps für den 9. November

In unseren Lesetipps geht es heute um die Phonedrone, Mitarbeitermotivation im Büro, Fernbusse, Virtual Reality bei Youtube und Serien bei Google Play. Ergänzungen erwünscht.

  • PHONEDRONE Golem.de: PhoneDrone Ethos: Drohne fliegt mit eingebautem Smartphone: Smartphones lernen fliegen. Eine Kombination aus Drohne und Smartphone, das Phonedrone mit dem Namen Ethos ist ein kleiner sogenannter Quadcopter, der in seiner Mitte eine Vorrichtung für das Einsetzen eines Smartphones beinhaltet. Vom Boden aus wird das Gerät mit einem weiteren Smartphone oder Tablet gesteuert. Damit die Kamera des Smartphones auch nach vorne filmen und fotografieren kann, muss zusätzlich ein Winkelobjekt in die Drohne eingebaut werden. Eingesetzt werden können iPhone-Geräte vom Typ 4S, 5, 5C, 5S, 6, 6 Plus, 6S oder 6S Plus oder ein Samsung Galaxy S II oder ein neueres Galaxy-Gerät in ähnlichem Format. Über Kickstarter kann das Gerät für rund 235 US-Dollar bestellt werden, wobei eine Lieferung nach Deutschland weitere Gebühren mit sich bringt. Im September 2016 soll das Phonedrone dann zu haben sein.

  • MITARBEITERMOTIVATION business2community: How To Make Your Employees Happy: Glückliche Arbeitnehmer leisten bessere Arbeit. Das macht Sinn und wird durch mehrere Studien belegt. Als Arbeitsgeber ist diese Aufgabe, innerhalb eines Unternehmens auf die positive Arbeitseinstellung zu achten und sie zu gewährleisten jedoch gar nicht so einfach. AJ Agrawal hat ein paar Tipps zusammengefasst, die eine gute Stimmung im Büro schaffen sollen und zur Mitarbeitermotivation dienen. Zum Beispiel kann das richtige Essen eine Rolle spielen. Wenn das Büro gesunde Snacks zur Verfügung stellt, sogenanntes “Brain Food”, also reich an Vitaminen und Energie, zeigen sich die Mitarbeiter glücklicher und das fördert wiederum die Produktivität.

  • FERNBUSSE DIE WELT: Fernbus: Größeres Streckennetz, mehr Fahrten – Der Boom auf dem Markt hält an: Als gute und günstige Alternative zur Bahn bieten sich seit Anfang 2013 Fernbusse an, um von A nach B zu reisen. Die Angebote und das ganze Netz dehnen sich immer weiter aus, von 2014 bis 2015 steigerten sich die Fernbuslinien von 74 auf 326. Mit einem Marktanteil von 73 Prozent ist Mein Fernbus Flixbus der größte Anbieter, darauf folgt das Unternehmen Postbus. Die Deutsche Bahn zeigt sich mit BerlinLinienBus und ICBus auf dem dritten Platz. Mit der britischen Linie Megabus tritt noch mehr Konkurrenz für die Bahn auf. Mit Sparaktionen und Spottpreisen von einem Euro für eine Fahrt innerhalb Europas erlangt das Unternehmen innerhalb kurzer Zeit bereits 3 Prozent Marktanteil. Bei solchen Preisen nimmt man als Reisender natürlich ein wenig mehr Fahrtzeit gerne in Kauf und verzichtet auf die Reise mit der Bahn.

  • VIRTUAL REALITY youtube-global.blogspot: Official YouTube Blog: YouTube presses play on virtual reality: Auf Youtube Videos teilen, egal welches Thema dokumentiert wird, ist heutzutage eine geeignete Möglichkeit, um Mitmenschen an Erlebnissen und Reisen teilhaben zu lassen. Mit zwei neuen Funktionen für die Android App will Youtube die virtuelle Realität noch besser zum Erlebnis machen. Alles was benötigt wird, ist ein Smartphone und ein Google Cardboard viewer. Mit VR- (virtual reality) Video, einer der neuen Einstellungen, können Videos das Gefühl vermitteln, direkt am Ort der Aufnahme zu sein. Man kann virtuell in jede Richtung blicken, somit wird ein 360 Grad Blickwinkel geschaffen.

  • GOOGLE PLAY google-produkte.blogspot: Der offizielle Google Produkt-Blog: Bereit für den nächsten Serienabend?: Mit Google den perfekten Serienabend starten? Ab sofort kann das mit Google Play Filme & Serien möglich werden. Eine große Auswahl an Serien in HD-Qualität, Dokumentationen und sogar Serien in Originalton können bei Google gekauft werden. Das System ist geräteunabhängig, somit kann der unterwegs begonnene Film über die App ganz einfach Zuhause auf dem Laptop zu Ende geschaut werden. Chromecast bietet zusätzlich die Möglichkeit die Serien und Filme vom Laptop oder weiteren Geräten auf den Fernseher zu schalten. Auch das Offline anschauen der Serien oder Filme ist auf Android-Smartphones, -Tablets und Android möglich.

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Trends des Monats – Oktober

Samsung Gear VR (adapted) (Image by Maurizio Pesce [CC BY 2.0] via Flickr)

Gemeinsam mit der Standortinitiative der Hamburger Medien- und Digitalwirtschaft, nextMedia.Hamburg, stellen wir euch ausgewählte Trends des Monats vor. Die Medien- und Digitalbranche ist ständig in Bewegung. Fast im Tagesrhythmus gibt es neue, innovative Medienprojekte, praktische Gadgets oder neue digitale Geschäftsmodelle. Wir stellen euch dieses Mal “Borapp” – die App gegen Langeweile, eine Plattform für Virtual Reality Erlebnisse, Emojiface und Facebook Moments vor. Außerdem zeigen wir euch “News Decoder” – die Plattform, die Nachrichten für junge Leute verständlich macht.

Borapp – die App gegen Langweile

Vermutlich kennt jeder diesen einen Moment, in denen wir uns langweilen und wir uns nichts sehnlicher als eine Nachricht auf unser Smartphone herbei wünschen. Dann gibt es wiederum diese Momente, in denen wir Push-Nachrichten ganz und gar nicht gebrauchen können. Mit “Borapp” soll sich das jetzt allerdings ändern. Die App basiert auf einem Algorithmus, der merkt, wann man sich langweilt und versorgt einen dann mit Push-Nachrichten. Hierfür hat ein Wissenschaftler-Team anhand der Parameter wie beispielsweise Uhrzeit oder Akku-Stand analysiert, wann der Nutzer sich langweilt. Setzt die Langeweile beim User ein, wird dieser direkt mit einer News-Nachricht aufgeheitert.

Discovery VR läd den Zuschauer ein dabei zu sein

Schon seit vielen Jahren überzeugt der Discovery Channel mit atemberaubenden Bildern und faszinierenden Dokumentationen. Der Zuschauer wird hier an einen anderen Ort versetzt. Daher erweitert sich der Konzern in Richtung Virtual Reality. Bei einer Raubtierfütterung direkt daneben zu stehen, erscheint für viele kaum vorstellbar. Oder bei einem Tauchgang mit Haien dabei zu sein, kann ebenfalls sehr faszinierend sein. Durch die VR-Erweiterung soll das aber nun möglich sein. Um die komplette Erfahrung wahrzunehmen, benötigt der Zuschauer möglichst Google Cardboard oder die Samsung MilkVR und die DiscoveryVRApp.

Mit Emojiface wird man selbst zum Emoji

Emojis sind in unserer Welt eigentlich kaum noch weg zudenken. Mit ihnen drücken wir unsere Emotionen aus, wenn auch etwas unpersönlich. Aber wer keine Lust mehr auf Standard Emojis hat, der kann jetzt seine eigenen erstellen und das ausgerechnet mit seinem eigenen Gesicht. Mit der App “Emojiface” kann man nicht nur sein eigenes Gesicht sondern auch seinen eigenen Hund oder die eigene Katze cartoonifizieren lassen. Außerdem sind die selbsterstellten Emojis auch kompatibel mit Whatsapp und iMessage.

Facebook Moments zaubert Erinnerungen

Erinnerungs-Videos, die sich selbst erstellen – mit der neuen App “Moments” von Facebook werden jetzt automatisch Videos erstellt, die sich aus einzelnen Bildern zusammen setzen. Das Ganze wird noch dazu mit passender Musik nach Wahl ergänzt und schon hat man sein persönliches Erinnerungsstück. Im Anschluss kann man dieses selbstverständlich auf Facebook mit seinen Freunden teilen. Der Sinn dahinter ist, dass das Teilen von Fotos mit den Freunden dadurch erleichtert werden soll. Allerdings ist diese App vorerst nur in den USA erhältlich, da in Europa die damit einhergehende automatische Gesichtserkennung aus Datenschutzperspektiven kritisch gesehen wird.

News Decoder macht Nachrichten für junge Leute verständlich

Viele junge Erwachsene und Jugendliche informieren sich derzeit über die aktuellen Schlagzeilen. Allerdings ist leider das Verständnis für die Inhalte nicht immer ganz so stark ausgeprägt. Mit “News Decoder” soll das Verständnis von Nachrichten bei jungen Leuten gestärkt werden. Die Plattform bietet nicht nur Raum für Austausch und Diskussionen – sie hält auch Erklärstücke von internationalen Experten, Korrespondenten und ausgewählten Jungredakteuren bereit. Zusätzlich findet man in der Rubrik “Decodes” auch einige Erklärungen wie beispielsweise China, die US-Wahlen oder der Klimawandel.


Image (adapted) “Samsung Gear VR” by Maurizio Pesce (CC BY 2.0)


 

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Syrische Flüchtlinge dokumentieren ihre Flucht via Social Media

Syrian Refugees Crisis - HUNGARY IGNORANCE (adapted) (Image by Freedom House [CC0 Public Domain] via Flickr)

Syrische Flüchtlinge dokumentieren ihre Flucht auf Instagram und Facebook mit Smartphone-Schnappschüssen. Fotos sind für syrische Flüchtlinge oft der einzige Weg, um ihre Flucht in Erinnerung zu behalten und zu dokumentieren. Doch viele von ihnen haben die Bilder ihrer Flucht nicht nur geknipst, sondern sie danach auch auf sozialen Netzwerken wie Instagram oder Facebook veröffentlicht: als Erinnerung, als Mahnung, als Nachricht und als Botschaft. In einem Hotel in Athen hat Netzpiloten-Autorin Marinela Potor zwei syrische Flüchtlinge getroffen, die ihr ihre Geschichte erzählt haben, zusammen mit Fotos von der Flucht.

Wer in den Urlaub fährt, macht Fotos. Wer als Syrer auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung ist auch. Was zunächst merkwürdig anmutet, ist eigentlich ganz logisch. Viele Flüchtlinge posten ihre Fotos auf sozialen Netzwerken, nicht nur um die Flucht zu illustrieren und festzuhalten, sondern auch um sie zu verarbeiten. Um ihren zurückgebliebenen Verwandten und Freunden zu zeigen, dass es ihnen gut geht. Um anderen Flüchtlingen Hoffnung zu machen. Um auf der schwierigen Flucht wenigstens einige wenige schöne Momente zu schaffen – selbst wenn es nur das Lächeln für den Schnappschuss ist.

Eindrucksvolle Fluchttagebücher in Bildern

So haben auch Maziad Aloush und Kamal Kawsara ihre Flucht aus Syrien, Land um Land, Grenzzaun um Grenzzaun, in Bildern festgehalten. Maziad ist mit seinen Brüdern per Boot und über Land nach Deutschland geflüchtet. Kamal ist über Boote, Busse und ein Flugzeug nach Belgien geflohen. Ihre Flucht-Fotos haben sie mit ihren Smartphones gemacht, um sie später auf Facebook oder Instagram zu veröffentlichen.

Auch Monate nach ihrer Flucht, schauen sie noch die alten Bilder an und erinnern sich and beschwerliche, aber auch an schöne Momente ihrer Flucht. Viele der Fotos erinnern in ihrer Selfie-Pose an ganz normale Urlaubsfotos, doch wer genau hinguckt erkennt schnell: diese Fotos haben wenig mit einem entspannten Ferienausflug zu tun. Sie zeigen wie die Flüchtlinge tagelang zu Fuß über die Balkanroute wandern, wie sie ohne Essen und ohne ein Dach über dem Kopf Schritt für Schritt ihrem Zielland näher kommen.

Flüchtlingsbilder wie die von Maziad und Kamal zeigen die schwierigsten, aber auch die hoffnungsvollsten Momente ihrer Flucht. So ist ein eindrucksvolles Bild-Tagebuch ihrer Flucht entstanden.

Ankunft in Europa

 

A photo posted by Maziad Aloush (@maziad.aloush) on

Endlich Europa! Maziad hat zum ersten Mal in seinem Leben (und das auch noch Nachts im Dunkeln) ein Boot gesteuert, um aus der Türkei zur griechischen Insel Lesbos zu gelangen. Nachdem ihm ein Schlepper um all sein Erspartes betrogen hatte, konnte er es sich nur so leisten, sich und seine zwei Brüder nach Europa zu bringen. Während Kamal tagelang vergeblich darauf wartet, mit gefälschten Pass per Flugzeug nach Frankreich zu fliegen, schaut er sich die Akropolis an. “Ich musste dabei an Syrien denken und wie viele historische Bauten dort durch den Krieg zerstört wurden.”

 

A photo posted by Maziad Aloush (@maziad.aloush) on

 

A photo posted by Maziad Aloush (@maziad.aloush) on

Um nach Mazedonien zu kommen, mussten Maziad und seine Gruppe 84 Kilometer zu Fuß durch den Wald stapfen. “Wir hatten nur Datteln zu essen und sehr wenig Wasser. An einem Punkt hatten wir kein Wasser mehr, und es war sehr heiß. Genau dann sind wir an eine Bergquelle gekommen – das war das beste Wasser, was ich je getrunken habe.” Einen einfacheren Weg gibt es nicht, denn dies ist die einzige Route, mit der Maziad und die anderen die strikten Grenzkontrollen in Mazedonien umgehen.

Kamal hat es mit sieben falschen Pässen nicht geschafft, einen Flug nach Frankreich zu bekommen. Er beschließt deswegen, mit dem Boot zurück nach Rhodos zu fahren und hofft, dass er dort mit seinem allerletzen Pass durch die Passkontrolle gelassen wird.

Die neue Heimat

Kamal hatte Glück. Er konnte mit seinem letzten Pass von Rhodos nach Paris fliegen. Hier holt ihn sein Bruder ab und sie fahren gemeinsam in Kamals neue Heimatstadt: Brüssel. Seit drei Monaten ist er mittlerweile hier und lernt schon fleißig Französisch: “Ich fühle mich sehr wohl hier und hoffe, dass ich die Sprache schnell lerne und mich möglichst schnell in die Gesellschaft aktiv einbringen kann.”

Nach vielen Monaten auf der Flucht sind sie endlich am Ziel. Maziad und seine Brüder werden von ihrem Cousin in Düsseldorf am Bahnhof abgeholt. Mittlerweile sind sie in einer Flüchtlingsunterkunft in Dorsten bei Dortmund – und warten immer noch darauf, dass ihr Aufenthaltsantrag geprüft wird.

Auch er sieht seine Zukunft in Deutschland: “Ich hoffe, es dauert nicht mehr lange, bis wir die Papiere haben. Dann kann ich endlich anfangen zu arbeiten und ein Flugticket für meine Eltern kaufen. Sie sind noch in Syrien – und sie sollen nicht wie ich über Land nach Deutschland kommen müssen.”

Unvergessliche Bilder

Wie auch viele andere Flüchtlinge haben auch Maziad und Kamal ihre Flucht nicht nur für sich, sondern auch für andere in Bildern auf sozialen Netzwerken wie Instagram oder Twitter festgehalten. Sie werden ihre Flucht sicherlich niemals vergessen, doch sie wollen auch, dass die Welt sie nicht vergisst. Ihre Bitte an die Netzpiloten: “Bitte veröffentlicht unsere Fotos! Wir möchten, dass so viele Menschen wie möglich unsere Bilder und unsere Geschichte sehen!”


Image (adapted) “Syrian Refugees Crisis – HUNGARY IGNORANCE” by Freedom House (CC0 Public Domain)


 

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Karma Police: Das GCHQ überwacht jeden Website-Besuch

Yellow Watcher (adapted) (Image by Alexander Svensson [CC BY 2.0] via Flickr)

Es ist Zeit für einen globalen Protest, denn letzte Woche wurde anhand von geleakten Dokumenten aus dem Fundus Edward Snowdens bekannt, dass das GCHQ im Rahmen des Programms “Karma Police” nichts weniger als die Überwachung sämtlicher Website-Besuche anstrebt. Andere Programme der britischen Behörde überwachen die Social-Media-Kommunikation, Mobilfunk-Standortdaten und SMS. All diese Daten können noch dazu miteinander verknüpft werden. Wo bleibt der massive Protest angesichts dieser beispiellosen Überwachung?

Karma Police: “Jeder sichtbare Benutzer im Internet” wird überwacht

Vergangene Woche berichtete das investigative Newsportal “The Intercept” erstmals über das GCHQ-Programm “Karma Police” . Dieses dient der Überwachung jedes einzelnen Website-Besuchs – ganz egal, um welche Art Website es sich handelt. Pornographische Seiten werden vom GCHQ ebenso überwacht wie Informations- und Nachrichtenangebote, Suchmaschinen, Soziale Netzwerke, Blogs und Diskussionsforen. All dies geschieht unabhängig von irgendeinem verdächtigen Verhalten – das GCHQ will schlichtweg die Surfgewohnheiten “jedes sichtbaren Nutzers im Internet” dokumentieren, wie es in den internen Dokumenten selbst schreibt.

Bei den Website-Besuchen handelt es sich eher um eine Art von Metadaten – ebenfalls gefährlich, aber noch keine Dokumentation der über das Netz ausgetauschten Meinungen und Informationen. Wenig überraschend hat das GCHQ zur Ergänzung auch Programme, die beispielsweise Social-Media-Kommunikation und E-Mails (ebenso wie die altmodischeren, aber noch immer populären SMS) überwachen.

Was noch mehr Anlass zur Besorgnis gibt ist die Tatsache, dass das GCHQ, sämtliche in den diversen Programmen gesammelten Daten, anscheinend auch miteinander abgleichen und zu umfassenden Profilen zusammenfügen kann. Die Snowden-Dokumente enthalten Beschreibungen von Fällen, wo dies bereits geschehen ist.

In einer Zeit, in der die Internet-Nutzung für viele Menschen ganz selbstverständlich zum täglichen Leben gehört, braucht es nur ein Mindestmaß an Phantasie, um sich auszumalen, welch umfassende Einblicke eine derartige Überwachung und der nachfolgende Abgleich der Daten zulassen. Unsere Ängste, Träume, Wünsche, Ziele, Interessen, unsere politischen Ansichten, unsere kleinen Marotten – sie alle könnte das GCHQ schon lange kennen, und dazu müssen wir noch nicht einmal besonders unvorsichtig sein, sondern nur ganz durchschnittliche Internet-Nutzer, die nicht paranoid, sondern ab und zu vielleicht ein wenig sorglos sind.

Die weltgrößte Überwachungsmaschine

Das GCHQ plante, mit Programmen wie “Karma Police” nichts weniger als “die weltgrößte Überwachungsmaschine” zu etablieren. Es sieht ganz so aus, als sei dies gelungen. Bereits im Sommer 2013 warnte Edward Snowden in einem Interview mit der Zeitung “The Guardian”, das GCHQ sei womöglich noch schlimmer als die USA mit ihrer berüchtigten NSA. Auch später wiederholte der Whistleblower diese Ansicht bei einigen Gelegenheiten. Die nun enthüllten GCHQ-Aktivitäten geben einen Eindruck davon, wie Snowden zu dieser Einschätzung kommt.

In Großbritannien sind die Geheimdienste in der privilegierten Position, von den zuständigen Aufsichtsbehörden vergleichsweise wenig eingeschränkt zu werden. Womöglich spielt hier die massiv positive Assoziation der Briten mit den Codeknackern des Zweiten Weltkriegs eine Rolle – immerhin entwickelte sich das GCHQ aus einer Gruppe von Akademikern und Nerds, die maßgeblich zum Sieg über Nazideutschland beitrugen. Das allerdings sollte nicht über seine aktuellen Exzesse hinwegtäuschen.

Zudem gilt Großbritannien als vergleichsweise intransparent, sowohl, was die Informationsfreiheit im behördlichen Bereich, als auch, was die Pressefreiheit angeht. Das GCHQ hat seinerseits ein äußerst problematisches Verhältnis zur Pressefreiheit, setzt Journalisten unter Druck oder überwacht diese – und wird auch dabei offensichtlich nicht oder kaum kontrolliert oder gestoppt.

Nicht der kleine Bruder der NSA

Angesichts dieser umfassenden und massiven Überwachungs-Aktivitäten ist es kaum erklärbar, dass das GCHQ so wenig kritisiert oder auch nur öffentlich diskutiert wird. Selbst unter Überwachungskritikern wirkt die britische Behörde oftmals wie eine Fußnote, wie der harmlosere kleine Bruder der NSA. Womöglich passt so manchem ein derartiger Überwachungs-Apparat in einem EU-Land nicht in die politische Agenda – oder es ist einfach schwer, sich vorzustellen, dass dies in Europa möglich ist. Aber das ist es offensichtlich. Jede Snowden-Veröffentlichung über das GCHQ macht deutlicher, dass diese Behörde keineswegs unterschätzt werden sollte.

Schon ganz allgemein lässt sich sagen, dass die Snowden-Leaks zwar immer wieder für Diskussionen sorgen, aber in Anbetracht der enthüllten Grundrechtsverletzungen noch weitaus mehr Debatten, und auch mehr Proteste und politische Konsequenzen, nach sich ziehen müssen. Für die Aktivitäten des GCHQ gilt dies in doppeltem Maße. Geheimdienste leben von Schatten, Heimlichkeiten und Menschen, die weg schauen. Es wird Zeit, den Behörden, die ihre Macht missbrauchen, um unsere Rechte einzuschränken, diesen natürlichen Lebensraum zu entziehen. Edward Snowden hat die nötigen Informationen öffentlich verfügbar gemacht – nun müssten die Menschen danach handeln.

Das Potential für einen solchen Protest ist da. Das zeigt beispielsweise der massive Widerstand gegen die Vorratsdatenspeicherung in Deutschland. Was das GCHQ tut, geht weit über die in Deutschland geplante Vorratsdatenspeicherung hinaus. Zeit, dementsprechend zu reagieren. Wie allerdings kann das gelingen, wenn die Schuldigen im Ausland sitzen und die eigene Regierung keine Unterstützung ist? Die Antwort kann nur lauten: es wird Zeit für eine globale Vernetzung von Aktivisten. Über das bereits erreichte Ausmaß hinaus, müssen die Überwachungsgegner zusammen arbeiten und sich gegenseitig unterstützen. Das Internet ermöglicht es, global zu kommunizieren – und hat die aktuelle Aktivisten-Generation auch gelehrt, global zu denken. Es wird Zeit, das in die Tat umzusetzen.


Image (adapted) “Yellow Watcher” by Alexander Svensson (CC BY 2.0)


 

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Ist das Datenschutzabkommen mehr als Symbolpolitik?

Supreme Court Building (adapted) (Image by Jeff Kubina [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Am vergangenen Dienstag einigten sich die EU und die USA auf ein neues Abkommen, das Datenschutz und Datensicherheit stärken soll. Unter anderem soll es Europäern zukünftig möglich sein, vor US-Gerichten zu klagen, wenn ihre persönlichen Daten von US-Behörden unbefugt an Dritte weitergegeben werden. Voran gegangen waren dieser Einigung jahrelange Verhandlungen. Ob die neue Regelung jedoch die Rechte von EU-Bürgern tatsächlich effektiv schützen kann, oder ob die guten Absichten an der geballten Macht der NSA scheitern werden, kann nur die Zeit zeigen.

Europäer dürfen bei Verletzung ihrer Privatsphäre klagen

Am vergangenen Dienstag einigten sich die EU und die USA auf ein Abkommen in Sachen Datenschutz. Es soll Europäern erlauben, bei einer missbräuchlichen Verwendung ihrer Daten, in den USA Klage einzulegen. Wenn also Daten zu polizeilichen Zwecken – etwa aufgrund einer Einreise in die USA – an die US-Behörden weitergegeben und anschließend für andere Zwecke gespeichert oder an Dritte weitergegeben werden, sollen EU-Bürger demnächst klagen können.

EU-Kommissarin Vera Jourova, die das Abkommen ankündigte, erklärte, so solle vor allem der Weitergabe von Daten an Drittländer und ihrer Aufbewahrung über eine unangemessene lange Zeit ein Riegel vorgeschoben werden. “Sobald es in Kraft ist, wird dieses Abkommen ein hohes Maß an Schutz für alle persönlichen Daten garantieren, wenn diese zwischen Ermittlungsbehörden auf beiden Seiten des Atlantik ausgetauscht werden. Es wird vor allem garantieren, dass alle EU-Bürger das Recht haben, ihre Datenschutz-Rechte vor US-Gerichten einzufordern”, so Jourova.

Voran gegangen waren dem Abkommen jahrelange Diskussionen der beiden Parteien über Datenschutz, insbesondere angesichts der von Edward Snowden aufgedeckten massiven Überwachung der NSA auch gegen Ziele in Europa.

Jourova nannte das Abkommen “einen wichtigen Schritt” hin zur Wiederherstellung des “Vertrauens in Datenflüsse zwischen der EU und den USA”. Tatsächlich mussten im Zuge des NSA-Skandals inbesondere US-Technologieunternehmen massive Vertrauensverluste hinnehmen. Auch den US-Behörden begegnen viele Menschen, wenig überraschend, mit Misstrauen.

Das Abkommen muss noch vom US-Kongress abgesegnet werden. Doch selbst, wenn es alle Hürden nimmt und tatsächlich in Kraft tritt – wird es das Ungleichgewicht zwischen Europa und den USA ausgleichen und die Rechte von EU-Bürgern stärken können? Gelingt es durch diese Neuregelung tatsächlich, verlorenes Vertrauen wiederherzustellen – und ist das überhaupt wünschenswert?

Zwischen Symbol und Wirklichkeit

Eines vorweg: das nun getroffene Abkommen ist ohne jeden Zweifel löblich und reagiert auf ein handfestes, schon lange bestehendes Problem. In sofern ist die Einigung der beiden Seiten auf jeden Fall ein Grund zur Freude, zeigt sie doch zumindest das Problem und einen möglichen Lösungsweg auf.

Wie groß jedoch der konkrete Effekt des neuen Abkommens ist, das muss die Zeit zeigen. Immerhin gibt es einige Gründe zur Skepsis. Um zu klagen, müssen die Betroffenen zunächst einmal von der Verletzung ihrer Rechte wissen, müssen dann einen praktikablen Weg geboten bekommen, ihre Klage einzureichen – und anschließend vor US-Gerichten recht bekommen. Möglich, dass dies so sein wird – aber sicher davon ausgehen kann man zum jetztigen Zeitpunkt nicht. Das Verhalten der USA in den letzten Jahren etabliert sie nicht gerade als Vorreiter in Sachen Fairness und Rechtsstaatlichkeit, auch wenn sie sich gerne so darstellen, und die Bekenntnisse der US-Behörden zu Werten wie Datenschutz und behördlicher Transparenz, haben allzu oft die Substanz eines Herbstnebels. Die Nachrichten der letzten Jahre sind voll von Fällen, in denen sich die USA schlichtweg auf ihre Macht verließen, statt sich an die Regeln zu halten.

Zum jetztigen Zeitpunkt bleibt uns leider nur eines: abwarten. Freuen wir uns, dass die Notwendigkeit eines solchen Abkommens immerhin anerkannt wird, und applaudieren wir denen, die es möglich gemacht haben, aber verlassen wir uns nicht blind darauf, dass es tatsächlich die handfesten Probleme im Verhältnis zu den USA löst. So oder so: um tatsächlich für einen angemessenen Datenschutz zu sorgen, müssen weitere Schritte folgen. Es gibt für die nächsten Jahre noch viel zu tun.


Image (adapted) “Supreme Court Building” by Jeff Kubina (CC BY-SA 2.0)


 

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Eine europäische Startup-Liebhaberin: Roxanne Varza

Roxanne Varza

Im Interview spricht Startup-Liebhaberin Roxanne Varza über die Digitalwirtschaft in Europa und Frankreich, sowie Frauen in der Technologie-Branche.  // von Tobias Schwarz

Roxanne Varza

Anfang Juni traf ich auf der MIDEM in Cannes die französische Startup-Expertin Roxanne Varza. Sie war Jury-Mitglied des Pitchwettbewerbs MIDEM Lab, über den die Netzpiloten als deutschsprachiger Medienpartner der Konferenz berichteten. Auf meinen bisherigen Reisen anch Frankreich, wurde mir schon oft über Roxanne Varza berichtet und das ich sie unbedingt einmal treffen sollte. Also nutzte ich unsere gemeinsamen Station in Cannes für ein Interview über die Startup-Szene in Frankreich, wie es um Europa steht und womit sie sich noch so beschäftigt. Weiterlesen »

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Netzneutralität: Ein bisschen neutral?

NYC Rolling Rebellion Advocates for Net Neutrality and Takes on TPP & Fast Track (adapted) (Image by Backbone Campaign [CC BY 2.0] via Flickr)

Die am Dienstag von der EU beschlossene Regelung zur Netzneutralität ist unklar und lässt Hintertüren offen – zum Schaden des freien Internet. Die EU-Politiker bekannten sich zwar grundsätzlich zur Netzneutralität. Gleichzeitig wurden jedoch auch Ausnahmen beschlossen. Nicht näher definierte “spezielle Dienste” höherer Qualität sollen bevorzugt behandelt werden dürfen, wenn dies “notwendig” ist und sie damit die sonstige Datenübertragung nicht beeinträchtigen. Das lässt natürlich viel Spielraum für Interpretationen – und wirft die grundsätzliche Frage auf, ob ein bisschen Neutralität überhaupt möglich ist oder ob das freie Internet hier gerade stillschweigend geopfert wurde.

Netzneutralität: Freiheit und Gleichheit für Datenpakete

Unter Netzneutralität versteht man das gleichberechtigte Behandeln aller Datenpakete. Das heißt, dass alle Daten, seien es private Urlaubsfotos, kommerzielle Video-Streams oder das Programm professioneller Nachrichtenagenturen, so schnell weitergeleitet werden, wie es die technischen Möglichkeiten erlauben. Keine Übertragung hat gegenüber einer anderen Priorität.

Von Beginn des Internet an herrschte dort Netzneutralität. Die Geschwindigkeit der Datenübertragung hing von technischen Faktoren ab, nicht davon, ob ein Paket als wichtig eingestuft wurde, oder nicht. Die nun getroffene Einigung, könnte das erste großflächige Abweichen von diesem Prinzip darstellen.

In einem Internet, das nicht mehr neutral ist, drohen gleich in mehrerer Hinsicht negative Konsequenzen. Einerseits gibt natürlich die Möglichkeit, seinen Daten eine bevorzugte Behandlung zu erkaufen, großen, finanzstarken Konzernen viel Macht in die Hand. Die Leidtragenden wären Privatpersonen, kleine Startups, NGOs, und alle anderen, die sich die Überholspur auf der Datenautobahn nicht leisten können oder wollen. Einer der Vorzüge des Internets war immer, dass seine Nutzer dort gleichberechtigt kommunizieren und Informationen austauschen konnten. Eine Abkehr von der Netzneutralität untergräbt diese Vorzüge.

Andere Bedenken sind eher technischer Natur. Um zu wissen, welche Pakete eine Vorzugsbehandlung erhalten sollen, müssen die bei einem Netzwerk-Knotenpunkt ankommenden Daten zunächst einmal überprüft und gefiltert werden, etwa mit der sogenannten “Deep Packet Inspection”. Es liegt auf der Hand, dass diese Filter und die von ihnen gesammelten Daten leicht auch missbräuchlich verwendet werden könnten. In einer Zeit, in der sich die Meldungen über massive Internet- und sonstige Telekommunikationsüberwachung derart häufen, sollte das zu denken geben.

Die Netzneutralität ist also ein durchaus wichtiges Prinzip im Internet – dem Medium, ohne das heute nur noch die wenigsten Menschen ihr Arbeitsleben und ihre Freizeit gestalten. Leider ist das öffentliche Bewusstsein für dieses Thema noch immer schwach ausgeprägt. Allerdings tragen Kampagnen wie etwa die Petition von netzpolitik.org-Chefredakteur Markus Beckedahl in letzter Zeit dazu bei, diesen Zustand schrittweise zu ändern.

Neutral mit Ausnahmen

In der Nacht von Montag auf Dienstag einigten sich das EU-Parlament, die EU-Kommission und die Vertreter der EU-Mitgliedsstaaten, nicht nur auf die Abschaffung der Roaminggebühren für mobiles Internet-Surfen bis zum Jahr 2017. Außerdem wurde, von nicht-technikaffinen Menschen weniger beachtet, auch eine Regelung zur Netzneutralität beschlossen.

Dieser Regelung zufolge, soll das Internet zwar weiterhin grundsätzlich neutral sein, es gibt jedoch Ausnahmen für “spezielle Dienste”, die, wenn sie einen nicht näher bezeichneten Bedarf nachweisen können, Sonderrechte erhalten sollen.

Kritik von Experten und Aktivisten

Wenig überraschend sorgte der EU-Beschluss bei Befürwortern der Netzneutralität für Kritik. “Das ist eine Ja/Nein-Frage, entweder haben wir ein neutrales Netz oder nicht. Wir haben keines mehr”, so der Grünen-Abgeordnete Michel Reimon, der bei den nächtlichen Diskussionen dabei war. Auch der europäische Aktivisten-Dachverband “European Digital Rights” (EDRi) kritisierte die Einigung. In einer Stellungnahme spricht EDRi von einer “chaotischen, unscharfen und mehrdeutigen” Regelung, die erst durch Zusatzklauseln oder Richterurteile eine gewisse Klarheit erlangen könnte. Noch kritischer ist der deutsche Verein “Digitale Gesellschaft”. “In den Trilog-Verhandlungen wurde Europas digitale Zukunft zu Grabe getragen. Das Parlament hat nun die historische Chance, das Steuer in letzter Sekunde herumzureißen und sich der Abschaffung der Netzneutralität mit Nachdruck entgegen zu stemmen”, erklärte Geschäftsführer Alexander Sander.

Ein bisschen neutral ist sehr unfrei

Die Kritik ist berechtigt. Nicht nur ergibt es, wie von Reimon angemahnt, konzeptionell und rhetorisch keinen Sinn, einerseits Neutralität zu proklamieren, andererseits dieses Prinzip dann aber sofort wieder aufzuweichen; nicht nur ist die nun gefundene Regelung uneindeutig und chaotisch. Die Vergangenheit hat auch gezeigt, dass einmal in derartige Gesetze eingebaute Hintertüren und Ausnahmeregelungen nur allzu oft die erste Bresche sind, durch die dann der Angriff auf die Freiheitsrechte weitergeführt wird. Mit der Zeit könnte die Notwendigkeit für die digitale Überholspur immer großzügiger ausgelegt werden, ebenso wie die Definition spezieller Dienste. Der Text des Beschlusses gibt das her, und es gibt gerade in der Digitalpolitik genug Präzedenzfälle, um eine solche Entwicklung nicht nur denkbar, sondern sogar wahrscheinlich erscheinen zu lassen.

Noch gibt es die Hoffnung, dass der nun getroffene Beschluss nicht endgültig ist oder dass er zumindest durch Zusatzklauseln entschärft wird. Wem die Netzneutralität wichtig ist, der sollte sich dafür einsetzen, dass es so kommt – bevor aus “einem bisschen Neutralität” schnell sehr wenig Freiheit im digitalen Raum wird.


Image (adapted) “NYC Rolling Rebellion Advocates for Net Neutrality and Takes on TPP & Fast Track” by Backbone Campaign (CC BY 2.0)


 

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Google „investiert“ 150 Mio. Euro für Innovation im Journalismus

Google (image by Simon [CC0] via pixabay)

Heute stellt Google in London die Details der gestern bekannt gewordenen „Digital News Initiative“ vor, bei der Google zusammen mit europäischen Presseverlagen in den nächsten drei Jahren Innovationen im digitalen Journalismus in Europa fördern will.

Digital News Initiative

Tue Gutes und rede darüber. Noch besser ist aber, wenn andere darüber reden. Beispielsweise die Frankfurter Allgemeine, die Gründungsmitglied der neuen „Digital News Initiative“ ist, mit der Google in den nächsten drei Jahren bis zu 150 Millionen Euro in journalistische Innovationen stecken will, die aus Europa kommen. Medienredakteur Michael Hanfeld berichtet auf FAZ.net von den Vorteilen der Kooperation, die Journalisten Weiterbildungen ermöglichen soll und Produkte entwickeln will, von der „die gesamte Nachrichtenbranche weltweit profitieren“ kann.

Doch warum macht Google das? Der Artikel von Hanfeld gibt darüber keinen Aufschluss. Wie die Partnerschaft, die „qualitativ hochwertigen Journalismus in Europa durch Technologie und Innovation“ fördern will, in die Pläne des Unternehmens passen, bleiben von dem an der Initiative beteiligten Verlag ungeklärt. Eigentlich ungewohnt bei einem Google gegenüber stets kritisch eingestellten Medium wie der F.A.Z. und auch für Michael Hanfeld, „dem man ohnehin nicht vorwerfen kann, durch journalistische Unvoreingenommenheit getrübt zu sein„, wenn es um Google geht.

Google braucht Freunde in Europa

Der US-amerikanische Medienanalyst Ken Doctor kommt in seinem Artikel gleich im ersten Satz auf den Punkt: Google möchte mit diesem Schritt die drohende Eskalation der Kritik seitens der Europäischen Union an Googles marktbeherrschende Stellung abstumpfen. Ähnlich formuliert es Jeff Jarvis in seinen ersten beiden Sätzen zu der Meldung: „Google braucht Freunde in Europa. Es hat wahrscheinlich endlich welche gefunden.

Teure Freunde – u.a. The Financial Times, The Guardian, La Stampa, Les Echoes, Die Zeit und El Païs – aber auch wichtige Verbündete, die Google in Europa gerade jetzt braucht. Erst vor zwei Wochen wurde Google von EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager vorgeworfen, seine Dominanz als Suchmaschine in Europa illegal auszunutzen. Zuletzt geriet auch das mobile Betriebssystem Android in den Fokus der Europäischen Kommission.

Kooperationen statt Konfrontation

Kooperationen sind Googles Schlüsselstrategie im Umgang mit der Situation in Europa. Carlo D’Asaro Biondo, Googles Präsident für strategische Partnerschaften in Europa, und der ehemalige BBC-Reporter Madhav Chinappa, der für Googles internationale Partnerschaften zuständig ist, sind die Köpfe hinter der „Digital News Initiative“. Und David Gehring, der nach dreieinhalb Jahren als Verantwortlicher für Googles Verlagskontakte, im September 2014 zum Guardian wechselte und jetzt wieder durch die Initiative eng mit seinen alten Kollegen zusammenarbeitet.

Mit dieser Initiative rüstet Google sich aber nicht nur für die Auseinandersetzung mit der europäischen Politik, sondern auch mit den neuen Allianzen der Presseverleger im Werbegeschäft. Mehrere Presseverlage in den USA und Europa haben sich in verschiedene Netzwerke wie beispielsweise Pangaea organisiert, um zusammen die Preise auf dem Werbemarkt mitzugestalten. Bisher haben Facebook und Google die Preise aufgerufen, jetzt machen ihnen die Verlage direkte Konkurrenz. Google umarmt die Verlage auch deshalb.

Der Erfolg ist noch ungewiss

Was die „Digital News Initiative“ den Verlagen oder auch Google noch bringen wird, ist ungewiss. Jeff Jarvis, der die Vorbereitung dieser Kooperation beratend begleitete und jetzt begrüßt, listet in seinem Eintrag auf, welche Erfolge durch die Kooperationen möglich sind: u.a. eine bessere Zusammenarbeit zwischen den europäischen Medien und den für sie relevanten Plattformen aus den USA. Im Falle von F.A.Z.-Googlekritiker Michael Hanfeld hat das offensichtlich schon einmal geklappt.


Teaser & Image „Search Engine“ by Simon (CC0 Public Domain)


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Cavada will freien Umgang mit Links bremsen

Jean-Marie Cavada (adapted) (Image by ActuaLitté [CC BY-SA 2.0] via Flickr

“Wir haben schon genug Inhalte im Internet!”, “Lasst uns Links versteuern!” Genau das ist die Meinung von Jean-Marie Cavada, Mitlgied des EU-Parlaments.Bei OpenMedia kämpfen wir für ein freies und offenes Internet, und können dabei oft würdigen Kritikern standhalten. Dabei handelt es sich um Abgeordnete, wirtschaftliche Vertreter oder Lobbyisten. Trotzdem gibt es immer diejenigen, die sich komplett sträuben, während wir daran arbeiten, die Welt für ein vernetztes, digitales Zeitalter bereit zu machen.

Deshalb war es keine Überraschung, als wir auf einen neuen Gegner unserer Arbeit zu Save the Link gestoßen sind. Jean-Marie Cavada ist französisches Mitglied des Europäischen Parlaments (MEP) vom Bündnis der Liberalen und Demokraten Europas und außerdem der Vizevorsitzende des Rechtsausschusses im Europäischen Parlament, das bald über den Urheberrechts-Harmonisierungsbericht von MEP Julia Reda abstimmt.

‘Urheberrechts-Harmonisierung’? Was soll das sein? Redas Bericht schlägt viele notwendige Erneuerungen für die bestehende Urheberrechts-Ordnung der EU vor. Denn die bestehende Verordnung wurde für das Zeitungs- und Bibliothekszeitalter, aber nicht für eine digitalisierte Gesellschaft erstellt.

Diesen Herbst wird das europäische Urheberrecht überprüft, zuvor legt Reda den Bericht vor. Anstatt Regulierungen für die einzelnen Länder zu haben und Verwirrung bei Urhebern und Nutzern hervorzurufen, hat der Bericht das Ziel, für die gesamte Region gültig zu sein.

Und was hat Cavada nun damit zu tun?

Es gab ausreichlich Zeit für andere MEPs Änderungsvorschläge für den Bericht einzubringen. Nach der Veröffentlichung eines ersten Entwurfs, wurden mehr als 500 Änderungen vorgeschlagen. Diese Vorschläge und der aktualisierte Bericht stehen am Dienstag, 16. Juni 2015 zur Wahl. Mehr als 90 dieser Änderungen wurden von einer Person vorgeschlagen: Jean-Marie Cavada. Ein Einblick in seine Vorschläge:

AM 401 – Manchmal ist ein Link mehr als nur ein Link: Das stellt wohl den bedenklichsten Vorschlag dar, den Cavada brachte. Der Entwurf räumt explizit ein, dass “die Möglichkeit der Verlinkung von einer Quelle zu einer anderen eines der fundamentalen Bausteine des Internets ist; Hyperlinks unterliegen keinen exklusiven Rechten.” Einfacher gesagt, Verlinkungen unterliegen dem Urheberrecht. Das ist ein entscheidender Punkt und einer der zentralen Probleme, die das Save the Link – Netzwerk bekämpfen will. Ohne das Recht, frei von einer Quelle zur anderen zu verlinken, wird das Internet zu einem zersplitterten, unverbundenen Raum.

Was sagt Cavada dazu? Er argumentierte nicht, dass ein Link per se kritisch für die Struktur und Funktionalität des Internets sei. Er hat folgende Änderung vorgeschlagen: “in manchen Fällen kann der Link und seine Einbindung als Kommunikation zu einer neuen Öffentlichkeit gesehen werden, kraft dieser Tatsache fällt er unter das Urheberrecht.” Das lässt uns keine Freiheiten bei Verlinkungen.

AM 490 – Lasst uns Links versteuern: Redas Bericht lehnt “gesetzlich festgelegte Lizenzen” beim Urheberrecht, auch genannt “Leistungsschutzrecht” deutlich ab. Nachrichtenmedien könnten damit eine Gebühr erheben, wenn andere Webseiten Textbausteine, so genannte Snippets, mit dem Text des jeweiligen Nachrichtenmediums verlinken. Hier bei OpenMedia nennen wir das die “Linksteuer”.

Die Einführung des Leistungsschutzrechtes in Deutschland hat gezeigt, dass das besonders schädlich ist. Dort haben viele Verlage und Medien die Gebühr nicht erhoben, damit ihre Inhalte weiterhin an möglichst vielen Stellen veröffentlicht werden können. In Spanien hat Google News seinen Betrieb komplett eingestellt, um nicht dem Pay-per-Link Plan zu unterliegen. Doch trotz des Versagens des Leistungsschutzrechtes arbeitet Österreich daran, ein ähnliches, vielleicht sogar noch restriktiveres System einzuführen.

Der Bericht von Reda möchte das stoppen, und sieht vor, EU-Ländern solche Gesetzestypen zu verbieten. Cavadas Einwand? Den Vorschlag komplett zu löschen und die Linksteuer voranzubringen.

AM 110 – Urheberrechte beeinflussen die Menschenrechte nicht: Redas Entwurf des Berichts sagt, dass  “Entscheidungen über technische Standards einen entscheidenden Einfluss auf die Menschenrechte haben – darunter das Recht auf Meinungsfreiheit, Schutz der personenbezogenen Daten und Nutzersicherheit – und außerdem den Zugang zu Inhalten.” Jedoch stimmt Cavada dem nicht zu. Er hat zwei Änderungen vorangetrieben, die diesen Punkt des Berichts komplett löschen würden.

AM 126 – Vermittler im Internet verdrängen die Urheber: Cavada denkt, dass ‘Internet-Vermittler’ – auch bekannt als ihre Lieblings-Webseiten – Urheber verdrängen. Das stimmt, zum Beispiel bei Facebook, Google, reddit, SoundCloud, etc. Darum sein Vorschlag: “Wir müssen den Wettbewerbsvorteil und die steigende Macht einiger Internet-Vermittler berücksichtigen, sowie den negativen Einfluss dieser Situation auf das kreative Potenzial der Autoren und der Entwicklung von Dienstleistungen, die von anderen Anbieter von kreativen Arbeiten angeboten werden.”

AM 147 – Wen kümmern die Internet-Nutzer? Redas Entwurf ging eine öffentliche Befragung der EU zu Urheberrechtsfragen bei Nutzern voran. Anstatt jedoch das beispiellose Interesse für dieses Thema anzuerkennen, kehrt es Cavada unter den Teppich. Darum hat er mit anderen MEPs auch an einem Vorschlag gearbeitet, der den Wortlaut “großes Interesse der Zivilgesellschaft mit mehr als 9500 Antworten, 58.7 Prozent davon von Endnutzern” löschen und mit dem vagen Ausdruck “alle relevanten Stakeholder” ersetzen möchte.

AM 156 – Hört auf euch zu beschweren, wir haben schon genug Inhalte im Internet: Passend zu den Zielen des Berichts, nimmt der Text auch Bezug auf Schwierigkeiten beim länderübergreifenden Zugang zu Inhalten. Cavada ist das egal. Er nimmt diese Aussage, kehrt sie um und “stellt mit Interesse fest, dass eine steigende Menge an Inhalten bereits seit der Einführung der Direktive 2001/29/EC verfügbar sind.” Im Grunde sagt er: Ihr habt mehr Inhalte als jemals zuvor, also hört auf, euch zu beschweren.

Hier könnte man weitermachen, aber das machen wir nicht. Mit über 90 Vorschlägen, an denen Cavada mitgewirkt hat, würde dieser Text viel zu lange weitergehen. Aber falls sie besonders interessiert sind, können sie die komplette Liste seiner Einwände hier nachlesen.

Es ist deutlich, dass seine Vorschläge nicht im Interesse von Internetznutzern sind. Zwei davon attackieren ganz konkret unser Recht auf Hyperlinks. Das ist nicht tragbar.

Hier können sie sich einbringen: Sagen sie Cavada heute, dass sie und andere Nutzer weltweit erwarten, dass das Recht zu verlinken geschützt bleibt. Wir bleiben weiter wachsam, und schreiten im richtigen Moment ein, um genau das zu bewahren.

Update: Der Rechtsausschuss des Europäischen Parlaments stimmte mit 23 zu zwei Stimmen für einen Bericht von Julia Reda, die Gegenstimmen kamen von dem französischen Front National, für die Abgeordnete ein „perfektes Ergebnis“. Der Ausschuss kehrte dem Presse-Leistungsschutzrecht den Rücken zu und bestimmte Formen des Geoblockings. Die Forderung von Panoramafreiheit muss erneut abgestimmt werden, wofür noch bis zum 9. Juli Zeit ist. Danach wird sich das EU-Parlament mit dem Bericht befassen um dann darüber abzustimmen und zu debattieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf OpenMedia. Übersetzung von Janina Gera.


Image (adapted) „Jean-Marie Cavada“ by ActuaLitté (CC BY-SA 2.0)


 

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