All posts under Digitale Agenda

FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • NETZPOLITIK netzpolitik: Schulterklopfen 4.0: Digitalminister feiern ihre Digitale Agenda: Eine Pressekonferenz mit drei Bundesministern. Kurze Fragezeit. Da bleibt nicht viel Raum für Kritisches. Sondern nur für gemachte Hausaufgaben. Und wohlklingende Schlagworte. Industrie 4.0, Arbeit 4.0, Logistik 4.0 und Plattformindustrie 4.0. Kompetenzzentren, Blockchain und intelligente Straßen. Roadmaps und Mobile Incident Response Teams. Bandbreite, die zu den Menschen gebracht wird. Mit der höchsten Dynamik in Europa. Da werden die Leuchtturm-Themen für die Startup-Szene fit gemacht. Dabei muss die Digitalisierung von Beginn an so ausgerichtet sein, dass der „böse Nachbar“ nicht die Haustüre des Smarthomes aufbricht. Denn es geht um Echtzeit-Internet und intelligente Netze und die Gigabit-Gesellschaft. Wenn man den drei Ministern glaubt, dann haben sie dafür gesorgt, dass Deutschland fit ist für die nächste Welle der Digitalisierung. Es geht um nichts weniger als die Meinungsführerschaft in der digitalen Revolution, die Deutschland wiedergewonnen hat. Was immer das auch sein soll.

  • DATENSCHUTZ taz: Gute Aussichten für Datensammler: Zum Nachteil für die Verbraucher und in Teilen europarechtswidrig – das ist die Kritik von Verbraucher- und Datenschützern an dem neuen Datenschutzgesetz, das der Bundestag abschließend beraten und verabschiedet hat. „Das ist ein Datenschutz-Verhinderungsgesetz“, kritisiert Volker Tripp vom Verein Digitale Gesellschaft. Die Reform war notwendig geworden, weil die EU im vergangenen Jahr die Datenschutz-Grundverordnung beschlossen hat. Im Frühjahr kommenden Jahres werden die neuen Regelungen wirksam. Mit ihrem Gesetz konkretisiert die Bundesregierung nun einige Punkte. Doch dabei bleibt sie, so die Kritik, hinter dem Schutzniveau der europäischen Regelung zurück – und widerspricht ihr teilweise sogar.

  • KI heise: RIE2017: Roboter unterrichten im Klassenzimmer – und im Swimming Pool: Die Bedeutung von Robotern für Ausbildung und Erziehung ist das Thema der Konferenz Robotics in Education, die sich in dieser Woche in Sofia im dortigen Sofia Tech Park trifft. Die einstige Militärbasis wurde vor fünf Jahren umgewidmet und beherbergt jetzt verschiedene Laboratorien zu Cyber Security, künstlicher Intelligenz und bietet jetzt parallel zur wissenschaftlichen Konferenz auch Raum für einen Roboterwettbewerb.

  • APPLE golem: App schaltet Touch Bar des Macbook Pro ab: Einigen Anwendern erscheint die Touch Bar auf dem neuen Macbook Pro überflüssig, andere fühlen sich von dem Display mit Touchscreen vom Geschehen auf dem Bildschirm abgelenkt. Diese Zielgruppe kann nun die kostenlose App Touchbar Disabler des Studenten Kay Yin nutzen. Die App kann nicht nur die Touch Bar des 2016er Macbook Pro abschalten, sondern kann sogar beim Touch Bar Simulator für MacOS oder der virtuellen Touch Bar von Xcode eingesetzt werden. Allerdings muss der Nutzer die System Integrity Protection (SIP) deaktivieren, damit das Programm arbeiten kann.

  • USA heise: USA: Auftakt zum Ende der Netzneutralität: Mit einer Brandrede gegen die verpflichtende Netzneutralität hat Ajit Pai, Vorsitzender der US-Telecom-Regulierungsbehörde FCC, am Mittwoch den Auftakt zur Abschaffung der Netzneutralität in den USA gesetzt. Details sollen Donnerstagnachmittag (Ortszeit) veröffentlicht werden. Pai sieht einen Rückgang der Netzinvestitionen und gibt der Netzneutralität die Schuld daran. Das Verfahren zu deren Abschaffung soll bei einer Sitzung am 18. Mai formell eröffnet werden.

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Unsere Verwaltung muss als digitale Plattform neu gedacht werden

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Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie, die sich im Vorfeld der Konferenz MSFT Explained (am 27. September in Berlin) mit Fragen der Digitalisierung unserer Gesellschaft auseinandersetzt.


Deutschland und seine Verwaltung digitalisiert sich. Amt für Amt, Behörde für Behörde und Ministerium für Ministerium. Inzwischen gibt es so viele digitale Leuchttürme, dass man, davon geblendet, gar nicht mehr die Digitalisierung erkennt. Die auf mehrere Ministerien verteilte Digitale Agenda der Bundesregierung ist Ausdruck dessen. Bisher ist in diesem Land nicht wirklich etwas passiert. Zukunft ist etwas, dass ohne uns passiert – und auch woanders.

Dabei besitzen wir alle, auch die politischen EntscheidungsträgerInnen im ganzen Land, eine Lösung für unser Digitalisierungsproblem. Seit über 10 Jahren haben wir Smartphones, die von der Rechenleistung her stärker sind als die Computer der NASA bei der Mondlandung im Jahr 1969. Aber es geht nicht darum, zu fragen, warum wir dann damit nicht mehr Glanzleistungen hinbekommen, sondern warum wir nichts wie Smartphones organisieren?

Wir brauchen eine Plattform für öffentliche Dienste!

Das Geheimnis hinter den Smartphones ist die Organisation der Dienste dafür. Nun rächt sich, dass die Bundesregierung nicht auf eine zentrale Position zur Digitalisierung der Verwaltung gesetzt hat, sondern jedes Ministerium hat machen lassen, was es wollte. Was wir bräuchten, ist eine zentrale Plattform, für die die Ministerien – und unter sehr offenen Umständen sogar wir BürgerInnen selbst (Stichwort: Open Data) – dann Dienste entwerfen könnten.

Das Prinzip kennen wir alle. Wer ein iPhone besitzt, hat sich auch schon einmal eine App von iTunes heruntergeladen, die nicht von Apple selbst ist. Genauso geht es NutzerInnen von Android oder einem Windows Phone. Airbnb und Uber zeigen uns seit Jahren, wie sie, ohne selbst die dafür nötigen Ressourcen zu nutzen, einen Service anbieten. Dienste wie Twitter und Facebook funktionieren nur durch von uns erstellten Content. Das alles sind Plattformen.

Sangeet Paul Choudary hat das in seinem Buch „Platform Scale“ unter dem Slogan „Ecosysteme sind die neuen Warenhäuser“ zusammengefasst. Andere Erfolgsfaktoren für Plattformen sind seiner Meinung nach, dass NutzerInnen die Inhalte selber produzieren, die Entwicklung durch die Vernetzung der NutzerInnen weiter angetrieben wird, Daten die neue Währung werden und Kuration eine neue Form von Qualitätsmanagement sind.

Insgesamt nennt Choudary zehn Faktoren, aber mit den fünf genannten Punkte kann man sich schon vorstellen, welchen Einfluss eine Plattform für Verwaltungsdienste haben kann. Hier finden Bürger die Dienste, die der Staat ihnen zur Verfügung stellen kann. Die dafür nötigen Dienste können direkt vom Staat designt oder von den BürgerInnen, die sie auf offenen Daten aufbauen können, stammen. Über Bundesländer hinweg würden Menschen davon profitieren.

Die zentrale Instanz, die die Plattform verwaltet, vielleicht einE StaatsministerIn bei der Bundeskanzlerin und BeauftragteR der Bundesregierung für Plattformzeugs würde kuratieren, welche Dienste auf der Plattform zugänglich gemacht werden können. Und die wären dann übrigens ohne Probleme für alle Menschen online erreichbar. Etwas weitergedacht, wäre das Konzept eines nationalen BürgerInnentums überflüssig.

Genug politisches Stückwerk – Zukunft jetzt!

Wir sind noch nicht soweit. In einigen Regionen wird zur medizinischen Versorgung in ländlichen Gegenden geforscht, in anderen nicht. Die Gründe dafür sind verschieden, genau wie die Verkehrsplanung in deutschen Städten oder der Zugang zu Informationen und Daten. Ob man demnächst Zugang zu innovativen Diensten haben wird, hängt davon ab, wo man wohnt. Der Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes nützt da auch nichts.

Man kann sich mit politischem Stückwerk zufrieden geben, mit den föderalen Unterschieden zwischen den Bundesländern und dass es das ja früher auch alles nicht gab. Vielmehr sollte man aber versuchen, die Verhältnisse zu ändern. Das ist der eigentliche Sinn von Politik. Wenn Sie also in [ihr Wohnort] wohnen und es gerne so gut wie die Menschen in [woanders] haben möchten, fordern Sie es von der Politik, ihren Abgeordneten und ihrer Verwaltung.

Viel Glück.

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Image „Bundeskanzleramt“ by LoboStudioHamburg (CC0 Public Domain)


 

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5 Lesetipps für den 21. August

In unseren Lesetipps geht es heute um die Digitale Agenda, den Wahlkampf in den USA, Paypal, Stephen Hawkings Sprachsoftware und Whatsapp für iPhone-Nutzer. Ergänzungen erwünscht.

  • DIGITALE AGENDA ZEIT ONLINE: Digitale Agenda: Deutschland verpasst den Anschluss: Die Bundesregierung hat vor einem Jahr ihre Digitale Agenda verabschiedet und sich vorgenommen, den digitalen Wandel aktiv als „offenen Prozess“ zu gestalten. Durch diese Leitlinien sollte Deutschland schnell zu einer Vorreiterrolle bei der Durchdringung und Nutzung digitaler Dienste verhelfen. Allerdings ist die Bilanz des ersten Jahres ernüchternd. Angekündigte Maßnahmen sind entweder eingeschlafen oder wurden nur unzureichend umgesetzt. Ist die Digitale Agenda damit bereits gescheitert?

  • WAHLKAMPFSTRATEGIE Politik Digital: Creative-Commons Initiator goes for president: Im Rahmen der amerikanischen Präsidentschaftskandidatur der Demokraten, sorgt der Urheberrechtsexperte und Juraprofessor an der Harvard-Universität, Lawrence Lessig, mit einer bemerkenswerten Wahlkampfstrategie für Aufsehen. Dieser möchte der “geschmierten“ Finanzierung des amerikanischen Wahlkampfsystems den Kampf ansagen und falls er zum Präsidenten der USA gewählt werden würde, nach nur einem Referendum sein Amt wieder niederlegen.

  • PAYPAL heise online: Modest: Paypal kauft sich Know-how im Mobile Commerce: Kurze Zeit nach seiner Verselbstständigung, hat Paypal nun seine erste Übernahme getätigt und übernimmt mit Modest einen Spezialisten im Bereich Mobile Commerce. Das 2012 gegründete Unternehmen kümmert sich insbesondere um Contextual Commerce, bei dem sich Käufer mit Hilfe der Paypal-Plattform Braintree über ihre Funde austauschen und diese dort auch kaufen können.

  • SPRACHSOFTWARE Golem.de: Intel: Stephen Hawkings Sprachsynthese-Software ist Open Source: Die Software mit der Stephen Hawking in der Lage ist zu sprechen, wurde nun von Intel freigegeben, um anderen zu ermöglichen, das Assistenzsystem weiterzuentwickeln. Entwickelt wurde das Assistive Context-Aware Toolkit (ACAT) vom US-Hardware-Konzern Intel eigens für Hawking. Intel hat drei Jahre lang an der Software gearbeitet, von der Anfang 2014 dann die erste stabile Version fertig war. Laut Intel wurde sie seitdem weiterentwickelt, sodass sie nun auch bei anderen Nervenerkrankungen eingesetzt werde.

  • WHATSAPP Horizont: Whatsapp: Kurznachrichtendienst im Browser jetzt auch für iPhone-Nutzer verfügbar: Whatsapp hat nun auch eine iPhone-Version seiner Web-Anwendung veröffentlicht, wodurch iPhone-Nutzer über ihren Browser auf den Kurznachrichtendienst zugreifen können. Am Mittwochabend wurde die Funktion von dem Unternehmen, für Geräte die über das Apple-Betriebssystem iOS laufen freigegeben. Die Web-Oberfläche von Whatsapp für Android-, Windows- und Blackberry-Geräte, gibt es bereits seit Anfang des Jahres.

CHIEF-EDITOR’S NOTE: Wenn Ihnen unsere Arbeit etwas wert ist, zeigen Sie es uns bitte auf Flattr oder indem Sie unsere Reichweite auf Twitter, Facebook, Google+, Soundcloud, Slideshare, YouTube und/oder Instagram erhöhen. Vielen Dank. – Tobias Schwarz

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Wieviel Wirtschaft darf’s denn sein in der digitalen Bildung?

Future Campus (C by Corell Tech)

Drei bemerkenswerte Beispiele digitaler Transformation, die den Spagat zwischen Individuum und Gesellschaft wagen – und damit zentrale Fragen aufwerfen. Drei Beispiele, die zum Nachdenken anregen, ob und inwiefern wir bei der digitalen Transformation einen Eingriff der Wirtschaft in unser Bildungssystem zulassen wollen. Zum ersten ist das der neue Campus der Cornell Tech University, welcher ein Ökosystem für technologiebegeisterte Studenten bilden soll. Zum Zweiten die Hour of Code, die schon den Kleinen Programmieren näher bringen möchte und zum Dritten die Digitale Agenda der EU.


Warum ist das wichtig? Wie weit darf die Wirtschaft in die Bildung der Gesellschaft eingreifen?

  • Eine grosse Lücke klafft zwischen staatlichem Bildungssystem und den Anforderungen am Arbeitsmarkt. Erst recht in Zeiten der digitalen Transformation. Wo wollen wir hin?

  • Bildung war schon immer mehr als die Ermächtigung des Menschen. Es reflektiert auch die Machtverhältnisse in der Gesellschaft. Wie geht man damit um?

  • Wenn man heute eine Volksbefragung abhielte, wieviel digitale Transformation gewünscht sei: Die Mehrheit würde das Rad wohl zurück drehen. Wo bleiben die konstruktiven Aktionen der Zivilgesellschaft?


1. Beispiel: Das neue Ökosystem rund um die Cornell Tech University in NYC

Die Stadt New York möchte im „War for Talents“ dem Silicon Valley etwas entgegen setzen und hatte dazu vor einigen Jahren einen Wettbewerb ausgerufen, dessen Gewinner ein grosses Areal auf der stadtnahen Roosevelt Insel zur Bebauung nutzen darf.

Es soll entstehen: Ein offener Campus als Magnet für technologiebegeisterte Studierende, die in einer Kombination aus Studium und praxisnaher Entrepreneurship-Schulung gezielt zum Aufbau neuer Startups geführt werden. An denen sich dann die Universität in einem vereinfachten Verfahren ggf. mit Anteilen beteiligen kann.

2011 fiel die Entscheidung zugunsten der Cornell University in Kooperation mit der israelischen Technion University, die Grundlage zu legen für das Silicon Island in NYC. Die Stanford University hatte lange mitgeboten, sich dann aber zurückgezogen, kurz bevor die Cornell University die ersten $350 Mio. eingeworbenen Mittel verkündete. Insgesamt soll das Projekt $2 Mrd. kosten – erste Studierende sind seit 2013 übergangsweise im New Yorker Google-Gebäude bereits aktiv.

Bemerkenswert hier: Die Finanzierung erfolgt weitestgehend über philanthropische, private Stiftungen und Alumnis der Cornell University – die Stadt New York hat nur das Gelände zur Verfügung gestellt. Auf den 74.000 Quadratmetern sollen die ersten Gebäude dann ab Sommer 2017 bezugsfertig sein. Ein Drittel wird von CornellTech bespielt, der Rest steht einem grossen Co-Working-Space, Startups und grösseren Unternehmen zur Verfügung.

Das Studium selbst setzt sich aus einem interdisziplinären Curriculum und projekt-basiertem Lernen in Studio-Atmosphäre zusammen zzgl. einer Vielzahl an Praktikas und Projekten, die mit den unterstützenden, grossen Unternehmen gemeinsam durchgeführt werden. Die Curricula werden von einem wissenschaftlichen und einem unternehmerischen Beirat abgenommen – alles weit entfernt vom hiesigen Anspruch nach Freiheit der Lehre.

Während also in Berlin mit rückwärts gewandtem Blick immer wieder Humboldt angerufen wird, sei es in der Bildung oder beim Stadtschloss-Wiederaufbau, gehen andere Initiativen in der Welt transformativ nach vorne. So war das New Yorker Engagement der Stanforder University intern eher umstritten – es gibt dort Bestrebungen, den nächsten Ableger in China aufzubauen.

Nun kann man reflexhaft argumentieren: Keine Wirtschaft in der Bildung. Dann sind wir beim hiesigen Status Quo, wo zwar jede Menge Drittmittel intransparent fliessen, und damit die Einflussnahmen eher versteckt erfolgen (siehe unseren Talk mit Arne Semsrott von Hochschulwatch.de).

Ich habe zwischenzeitlich meine Zweifel, ob wir nicht deutlich kreativer und innovativer, und das bedeutet transformativ denken lernen müssen. Alle gemeinsam. Oder wir schaffen den Kapitalismus ab – das ginge natürlich auch…

Mein Fazit zu CornellTech, auch wenn man es ambivalent betrachten muss: So sieht aktiv gestaltende Zukunft aus an der Schnittstelle von Urbanität, Bildung, Zukunftsorientierung & Entrepreneurship. Zwar alles ambivalent, aber es passiert was. Sehr sehenswert übrigens ihr Promo-Video – das ist schon sehr cool!

2. Beispiel: Code.org und das gemeinnützige Engagement von Unternehmen

Es gibt aktuell eine grosse Bewegung, jungen Menschen mit kleinsten Lern-Bausteinen den Spass am Coden zu zeigen: Programme, Szenarien, Materialien werden Computer-Lehrenden kostenlos zur Verfügung gestellt, um mit spielerischen Methoden und kindgerechten Programmier-Sprachen mehr Neugierde zu schaffen.

Code.org (Screenshot Google Maps)

Hour of Code, so nennt sich diese Bewegung, wurde 2013 von der gemeinnützigen, US-amerikanischen Code.org-Initiative ins Leben gerufen und kann sich auf sehr bekannte Sponsoren aus der Computer-Industrie (Bill Gates, Mark Zuckerberg etc.) und der Politik (Bill Clinton, Barack Obama etc.) berufen.

Im Winter 2014 sammelte Code.org über eine Indiegogo-Crowdfunding-Kampagne zusätzliche 5 Millionen Dollar ein, mit dem Versprechen, damit 100 Millionen Schüler_innen und Studierende erreichen zu wollen. Ich selbst hatte einen kleinen Betrag gespendet, weil ich das Projekt gut finde. Man bemüht sich hier, mehr Diversity einzufangen – vor allem auch weniger Privilegierte zu empowern.

Normalerweise beschäftige ich mich nicht mit Bildungspolitik in und für Schulen. Darum kümmern sich genügend andere – genau genommen fast alle anderen, da Bildung vor allem mit Kindern und Jugendlichen assoziiert wird. (Obwohl es den größten Nachholbedarf bei den Erwachsenen gäbe – nicht nur bei den Lehrenden.)

Nun geschah aber folgendes: Aufgrund meiner Netzpiloten-Artikel wurde ich vor einiger Zeit von Microsoft zu einem kurzen Presse-Ausflug zu einem von ihnen gesponserten Hour-of-Code-Event eingeladen. Ich hatte eine Weile mit mir gerungen, da ich wie gesagt a) keinen Schul-Fokus habe, ich mich b) nicht als Journalistin sehe und c) natürlich auch das Problem sehe, unentgeltlich PR für das Unternehmen zu betreiben.

Bei dem Event selbst handelte es sich um ein 3-tägiges Sommercamp im Rahmen der größeren Code your Life-Initiative – und zwar in einer Anlage außerhalb Berlins, die von der Henry-Maske-Stiftung betrieben wird.

Code your Life-Sommercamp (C by Anja C. Wagner)

Eine Turnhalle irgendwo in der Pampa, umringt von einigen Blockhütten – optimiert für einen jugendlichen Schulausflug. Wie Ihr seht: Ich bin der Einladung gefolgt und dachte mir: Unverbindlich anschauen kannst du es ja mal. Nicht nur Offenheit predigen, sondern auch leben. Ob ich berichten werde, kann ich dann noch schauen…

Ich berichte. Kurz. Immer noch unsicher ob der Ambivalenz des gesellschaftlichen Engagements von Unternehmen in der Bildungspolitik, die natürlich sich selbst damit ins rechte Licht rücken möchten. Und nebenbei über ihr Branding schon sehr frühzeitig eine positive Assoziation auf die Kinder ausüben wollen. (Auch wenn sie es abstreiten.)

Aber wie wollen wir das einordnen? Das derzeitige Bildungssystem ist gnadenlos überfordert mit den Herausforderungen der digitalen Gesellschaft. Nach dem Wasserfall-Modell der Ausbildung von qualifizierten Multiplikatoren, die idealer Weise später die Lehrenden erreichen, wird die Entwicklung viel zu langsam greifen.

Es braucht m.E. einer Vielzahl solch externer Initiativen, um den Menschen eine Idee der modernen Welt und ihren möglichen Beitrag einer konstruktiven Mitgestaltung überhaupt zu bieten. Ob sie nun öffentlich, zivilgesellschaftlich, privat oder in einem Mix finanziert sind:

Die Entscheidung der Nutzung muss den Verantwortlichen an den jeweiligen Positionen obliegen. Hier sehe ich ihren zentralen Job: Sich für die Zukunft zu engagieren – und daran gemessen zu werden, ob sie dazu einen konstruktiven Beitrag geleistet haben.

Also vor Ort – in Stichpunkten:

  • 82 Kinder

  • 8 -14 Jahre alt

  • aus 5 Modell-Schulen

  • verteilt über den Tag: 3mal 90-Minuten Praxis-Einheiten

  • an 6 Thementischen mit je 2 Betreuer_innen (in der Turnhalle)

  • einen Zeichenroboter mit neuen Zeichnungen programmieren:

Code your Life - Zeichnung (C by Anja C. Wagner)

  • animierte Schildkröten per Programmierung zum Zeichnen bringen

  • eigene Twitterwall programmieren

  • Simulation entwickeln, um Ameisenvölker gegeneinander kämpfen zu lassen

  • einen Miniroboter zum Leuchten bringen:

Code your Life - leuchtender Miniroboter (Bild: Anja C. Wanger)

  • ein Minecraft-Spiel programmieren:

Code your Life - Minecraft (Bild: Anja C. Wagner)

  • Teams rotieren über die Thementische, sammeln Punkte und befinden sich im spielerischen Wettbewerb

  • Ziel: Kinder sollen herausfinden, was ihnen liegt

  • halbes Jahr Vorbereitung in der Schule mit bereit gestellten Materialien, um die Grundlagen kennenzulernen

  • vor der Tür: Microsoft-Zukunft-Bus mit 120qm aktuellen Technik-Schnickschnack (von 3D-Printer über Hololens-Simulation bis hin zu Games) – der beliebteste Ort in den Pausen:

3D-Drucker (Bild: Anja C. Wagner)

Wie Ihr seht: Ein Programm, an dem man selbst gerne aktiv teilnähme und auch uns Erwachsenen wohl gut täte, die moderne Welt zu be-greifen. Wirklich beeindruckend, wie die Kinder sich im sozialen Verbund den Herausforderungen stellen und diese auch meistern. (Übrigens: Die Mädels natürlich am besten …)

Ein zurückhaltender Gesamtschul-Lehrer, der mit seiner Klasse an dem Modellprojekt teilnimmt, zeigte sich sehr zufrieden und meinte, auch die schwächeren Schüler_innen, die vielleicht nicht alles kognitiv verstünden, wären aber mit dem Herzen dabei und begeistert. Nach Abwägen des Gewinns für die Schüler_innen versus dem unternehmerischen Branding, was er natürlich auch sieht, denkt er, es lohne sich doch, den Kiddies diese Zukunftsoption zu bieten.

Sein größtes Problem: Wenn er in 2 Jahren in Rente geht, wird sich wohl keiner seiner jüngeren Kolleg_innen des Projekts annehmen. Nicht wegen des Brandings, sondern wegen des individuellen Aufwands, sich in die für sie ungewohnte, digitale Welt hineinzudenken.

Euer Fazit? Bitte unten in die Kommentare.

3. Beispiel: Vielfältiges Engagement für die digitale Agenda der EU

Nachdem ich oben eine urbane und eine gemeinnützige Initiative in Kooperation mit der Wirtschaft vorgestellt habe, die Digitalisierung voranzubringen, wende ich mich jetzt der 3. Handlungsebene zu. Auch in der Politik sind nämlich die digitalen Zeichen der Zeit endlich eingetroffen.

Zwar sprechen hier alle von je Unterschiedlichem. Im nationalen Rahmen kann man die Schwerpunkte und ihre jeweiligen Anhänger_innen in Deutschland grob den folgenden Ministerien zuordnen:

  • BMBF: Humboldt & die Bildung im formalen Bildungssystem

  • BMAS: Arbeiten 4.0 & die Qualifizierung der Erwerbstätigen

  • BMWi: Digitale Bildung & die Förderung kapitaler Startups

Je nachdem, in welchen Kontexten man sich bewegt, stellt man fest: Es existieren kaum Berührungspunkte zwischen diesen Denkgebäuden. Jeder Komplex wird gesondert behandelt. Was nicht nur schade, sondern auch bedenklich ist, da hier kaum Synergien entstehen.

Umso erfreuter war ich, als ich diese Infografik der Europäischen Kommission sah, die zunächst das gesamte Spektrum der notwendigen, digitalen Alphabetisierung in der gesamten Breite dokumentiert.

A Digital Europa Needs Skills (Bild: Digital Agenda For Europe)

Vom Kleinkind über die arbeitende Bevölkerung bis hin zu den Senior_innen: Es sind ALLE Menschen gefordert, den digitalen Wandel zu be-greifen, bis man mehr Chancen erkennt als Risiken.

Dazu braucht es an all diesen verschiedenen Baustellen diverse Initiativen, die mithelfen, diesen Wandel zu verstehen und aktiv mitzugestalten. Die Europäische Kommission unterstützt von daher ein breites Spektrum an Projekten und hat dazu eine grosse IKT-Koalition kollaborativer Aktivitäten ausgerufen, die in Kooperation mit der Industrie Bildungsprogramme und Unterstützungsleistungen entwickelt und aufsetzt.

Entsprechend der eher neoliberalen Ausrichtung der EU klingt dies dann im Wortlaut so:

Unsere Vision: durch die Zusammenarbeit mit Unternehmen in der gesamten Wirtschaft, Bildungsanbietern, Arbeitsverwaltungen, Sozialpartnern und vielen anderen Partnern können wir

  • den großen Herausforderungen notwendiger Skills begegnen, die dem Wachstum entgegen stehen;

  • dem digitalen Talent in Europa eine Chance zum Gedeihen bieten;

  • die Menschen für den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt empowern.

Schauen wir großzügig über das Wording und das wachstumsorientierte Denken hinweg: Will man den gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen nachhaltig begegnen, braucht es solch transformativer Ansätze. Das ist das Positive dieser Koalition. Auch NGOs sind übrigens eingeladen, sich aktiv einzubringen.

Den eingeschlagenen Weg der Kommission, hier einerseits auf nationale digitale Koalitionen zu setzen (in 12 EU-Ländern bereits umgesetzt – natürlich nicht in Deutschland und Österreich), andererseits die digitalen Initiativen von derzeit 80 großen Institutionen (von BBC bis Google) laut zu begrüßen, macht grundsätzlich einen vernünftigen Eindruck.

Geschenkt wird modernen, neuen Initiativen dabei natürlich nichts. Auch die EU-Programme im Rahmen von Horizon 2020 sind SEHR technologielastig und wachstumsorientiert angelegt. Es herrscht grundsätzlich ein ähnlicher Esprit wie in deutschen Ministerien. Social Entrepreneurship ist da kaum vorgesehen.

Das nennt man dann übrigens Educational Governance-Politik – es ist ein Austarieren der vorherrschenden Interessenverbände. Wer hier zu leise ist, wird einfach übersehen.

Entsprechend starten wir bei ununi.TV demnächst eine digitale, öffentliche Initiative, um vor allem mit KMUs gemeinsam zu denken, wie notwendige Schritte sehr konkret und transformativ ausschauen könnten: Wie kann man den digitalen Wandel für eigene Innovationen sinnvoll nutzen? Wer über Start und Verlauf informiert werden will, kann sich hier auf die Liste setzen.


Teaser & Image (adapted) by Cornell Tech, Anja C. Wagner, Digital Agenda For Europe


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Digitale Agenda gesucht

Digital DNA, City of Palo Alto, Art in Public Places, 9.01.05, California, USA (adapted) (Image by Wonderlane [CC BY 2.0] via Flickr)

Von Abfall bis Zahnbürste, alles wird digital. Wie aber bringen wir Gabriel und Co. dazu, das auch zu verstehen? Netzökonomie-Campus-Initiative ist ein höchst pragmatischer Vorschlag in die Diskussion geworfen worden, wie man internet-aversive Unternehmer, Verbandsfunktionäre und sonstige relevante Entscheider in Teutonien ins Netzzeitalter katapultieren könnte. Man ummantelt schlichtweg die analogen Organisationen, Maschinen, Produkte, Services und Verwaltungsaufgaben mit einer digitalen „Schicht“. So eine Art „Verwaltungsschale“.

Mit Vernetzungskonzepten überzeugen

Dann wird vielleicht auch dem Mittelständler im schönen Westerwald, dem Kommunalpolitiker in Buxtehude und dem Wissenschaftler am Overhead-Projektor an der Uni Koblenz klar, was passiert, wenn man sich nach außen vernetzt. Alles, was analog ist, bekommt an irgendeiner Schnittstelle den Zugang zur binären Logik. In unserem eigenen Haus habe ich das schon längst umgesetzt, da es immer noch keine umfassenden Vernetzungskonzepte für die eigenen vier Wände aus einer Hand gibt. Unsere alte Yamaha-Musikanlage – der unkapputbare Verstärker stammt noch aus meiner Uni-Zeit in den 1980er-Jahren – ist beispielsweise mit dem Airport von Apple verdrahtet und spult alles herunter, was in der digitalen Bibliothek abgerufen werden kann. Warum sollte ich also die High-End-Teile für satten Sound als Elektronikschrott entsorgen?

Legobau-Kenntnisse: Kleine Schritte in die digitale Transformation

Wer mit kleinen Digital-Experimenten operiert, bekommt schnell Appetit auf mehr. Was mit robusten Verstärkern möglich ist, kann man auch mit TV, Waschmaschine, Geschirrspüler, Beleuchtung und mit dem kompletten Haus bewerkstelligen – unabhängig vom Hersteller und vom Betriebssystem. Schnell landet man bei Open Source, offenen Schnittstellen und Protokollen – auch wenn man diese Begriffe überhaupt nicht im Vokabular führt. Legobau-Kenntnisse aus der Jugendzeit reichen aus.

So kann man mit Legostein-ähnlichen Klemmen des Anbieters Digitalstrom analoge Geräte wie Lampen, Rauchmelder, Rollos und Haushaltsgeräte mit wenigen Handgriffen digital aufrüsten. In dem Lichtschalter von Digitalstrom befindet sich nicht nur eine Kommunikationseinheit, die man über das Internet steuern kann, sondern auch ein Sensor für Licht und Geräusche, wie Hannes Schleeh in einem Blogbeitrag ausführlich erläutert: Allein dadurch könne die bisher nur ein- und ausschaltbare Leuchte gedimmt, per Licht und Geräusch gesteuert werden. Das offene und modulare Konzept bietet Herstellern und Kunden nach Ansicht von Schleeh die Möglichkeit, individuelle Konzepte mit unendlichen Variationen auf den Weg zu bringen und eine Schneise für das Internet der Dinge zu schlagen.

Lernen vom ersten Hacker des 13. Jahrhunderts

Wenn Produkte und Services mit kleinen Stellschrauben für die digitale Welt anschlussfähig gemacht werden, vollzieht sich das Wunder der Kombinatorik auf den Spuren des Geistlichen Raimundus Lullus. Er hat die Digitalisierung bereits in seinem Hauptwerk „Ars Magna“ im Jahr 1300 auf Mallorca vorgedacht. Seine logischen Entwürfe wurden von den Wissenschaftlern Werner Künzel und Peter Bexte in die Computersprachen Cobol sowie Assember auf einen Großrechner übertragen und erwiesen sich als ablauffähige Software – nachzulesen in dem viel zu wenig beachteten Opus „Allwissen und Absturz – Der Ursprung des Computers“, erschienen im Insel-Verlag und über Amazon als antiquarische Kostbarkeit zu humanen Preisen noch verfügbar. „Lullus war der erste Hacker in den himmlischen Datenbanken“, schreiben die beiden Autoren.

Wo ist die digitale Agenda, die diesen Namen verdient?

Seine Kombinatorik leistet bereits die Verknüpfung von allem mit allem. So entstehen Netzwerke, als deren ältester Programmierer der merkwürdige Mönch in dem von mir mehrfach besuchten Kloster auf dem mallorquinischen Berg Randa gilt. Wie wäre es, wenn die liebwertesten Neuland-Gichtlinge der Großen Koalition und sonstige Null-Eins-Skeptiker im Lullus-Refugium in Klausur gehen würden? Sie könnten mit der ab 1275 konzipierten Denkmaschine ein Werkzeug ausprobieren zum Finden und Erfinden von komplizierten Fragen, zum Entwerfen und Erobern neuer Räume des Denkens – eine scharfe Waffe des erkennenden Verstandes für eine digitale Agenda, die diesen Namen verdient. Ein Fernrohr für den digitalen Geist!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.


Image (adapted) „Digital DNA, City of Palo Alto, Art in Public Places, 9.01.05, California, USA“ by Wonderlane (CC BY 2.0)


 

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Humboldt, Orwell und die Digitale Bildung

Schulen und das Web: zwei fremde Welten. Kaum bringt die Digitale Agenda da etwas Schwung, schon wird grob unsachlich dazwischengegrätscht. Zu den schönen kulturellen Errungenschaften, die uns die Blogs im Web neu beschert haben, gehört der Rant: die Schimpftirade als selbstironisches Textformat. Also wie Gernot Hassknecht, nur subtiler. Immer dann, wenn alles zu positiv werden droht und alle sich zu sehr auf die Schulter klopfen, kommt jemand und rantet los, in der Regel ausdrücklich markiert mit der Formel „sorry for the rant“.

Christian Füller a.k.a. @ciffi neigte schon immer zum Ranten, aber weniger zum Sorry sagen. Ich folge ihm seit sicher fünf Jahren auf Twitter, und das gern, eben weil er immer wieder den allzu gemütlichen Konsens stört, auch mal provoziert und immer wieder grob dazwischenholzt wie ein britischer Fußball-Vorstopper. Leider fehlt ihm Selbstironie. In den schlechteren Momenten verschwimmt dann die Grenze zur wirren Suada von schwadronierenden Technikkritik-Wirrköpfen wie Manfred Spitzer, dem deutschen Erfinder der „Digitalen Demenz“.

Und jetzt ist er also mit einem rüde rumpelnden Text (erst im eigenen Blog, dann hier bei Cicero) der SPD-Bundestagsabgeordneten Saskia Esken mit Anlauf von hinten in die Hacken gesprungen. Man kann das gesunde internationale Härte nennen, die Profi-Politiker vertragen sollten. Und ich bin sicher, dass gerade Esken da ungerührt weiterspielt: Die frühere Informatikerin und Elternrätin, die jetzt SPD-Fachfrau für Digitale Bildung ist, habe ich im Netz als reflektiert, pragmatisch und lakonisch-humorvoll schätzen gelernt.

„Fast wie Orwell“

Die SPD-Bundestagsfraktion hat unter Saskia Eskens maßgeblicher Mitwirkung ein Positionspapier zu „Digitaler Bildung“ verfasst (PDF). Dazu hat sie im Tagesspiegel einen Essay geschrieben, dem die Redaktion den zugegeben dämlichen Titel „Humboldt und die Algorithmen“ verpasst hat. Warum aber wird sie in Christian Füllers Verriss so grotesk falsch charakterisiert: „gütig-positiv, rosa Zuversicht, pseudo-emanzipatorisches Erlösungsvokabular, naive Jubelpose, Probleme des Netzes übersäuselnd„? Und warum unterstellt er ihr dazu noch „fast einen Orwell’schen Unterton„?

Das bedient ein beliebtes Klischee: Es ist eine Anspielung auf die ebenfalls eher unterkomplexe kalifornische Digital-Dystopie „The Circle“ von Dave Eggers, die ja nicht zufällig von deutschen Internetskeptikern begeistert aufgenommen wurde. Und auch Eggers selbst bedient ein altes Muster: 1984 kontrastierte der berühmte Apple-Werbespot die bunt-kreativen und individuellen Macintosh-Computer mit einer totalitären Big Brother-Welt, die deutlich auf IBM/Microsoft gemünzt war. Schon 2005 antwortete darauf eine richtig lustige Parodie, in der eben nun bunte Sportswear-Menschen mit iPods als verdummte Masse durch die Gänge trotten.

Ja, Digitalisierung hat zwei Seiten: Auf der einen Seite Verdatung und Zentralisierung, ein Traum für Bildungstechnokraten. Und auf der anderen Seite das dezentrale, von allen Nutzern belebte und weiterentwickelte Web, das der Wissenschaftler Tim Berners-Lee damals zum ausgesprochenen Missvergnügen von Microsoft-Gründer Bill Gates in die digitale Welt gesetzt hat. Das könnte man alles anreißen und diskutieren, aber Christian macht das nicht. Was ihn so aufbringt, ist der „Tonfall„, der „digitale Erlösungsdiskurs„, mit dem angeblich Leute wie ausgerechnet Saskia Esken jede Kritik an vorschneller und unreflektierter Digitalisierung der Bildung ersticken wollen.

Ich habe ihn auf Twitter gefragt, wer denn eigentlich im deutschsprachigen Raum diese naiv-totalitären Digitaleuphoriker sein sollen, vor denen er immer warnt. (Saskia Esken ist es ja definitiv nicht.) Ich sehe sie einfach nicht. Das sind nur Watschenmänner und Pappkameraden. In den USA mag es das geben, bei der Gates Foundation und bei einigen Silicon Valley-Bildungsunternehmen, aber da ist die Gefahr viel eher die universale Verdatung und Verpunktung von Bildung, also die zentrale Kontrolle. Leute aber, die sich wie Esken auf ein aufklärerisches Bildungsideal (Codewort: Humboldt) berufen, sind ganz sicher nicht der Feind. Doch Füller beschuldigt sie pauschal, sich zumindest als nützliche Idiotin für „das Treiben von Facebook, Google etc in Verbindung mit NSA, BND usw.“ einspannen zu lassen.

„Saskia Esken und viele Netzaktivisten“

Also wer? Die Leute auf dem Educamp in Stuttgart, wo ich Esken kurz persönlich kennengelernt habe? Da waren extrem engagierte Pädagogen wie Torsten Larbig von edchat.de und Maik Riecken, der sich selbst zum ausgefuchsten Schulnetz-Administrator ausgebildet hat. Diese Leute muss man nicht der Naivität bezichtigen, was die Netzanbindung von Schulen angeht. (Christian führt allen Ernstes einen misslungenen Videokonferenz-Stream aus der Microsoft-Zentrale als zentralen Beleg dafür an, dass die Forderung verfehlt sei, „endlich die technischen und didaktischen Voraussetzungen für digitales Lernen zu schaffen„. Ich verstehe das nicht.)

Ich könnte jetzt noch zig Namen von deutschen Netzaktivisten mit Schulbezug aufzählen, aber keine/r einzige/r ist entspricht dem Füller-Klischee. Niemand, wirklich niemand sagt da so etwas wie „Tablet, erlöse uns! Lernen war und ist so kompliziert, Internet hülf!“ (Vermutlich bin ich ja selbst schon eine der extremsten Stimmen.)

Es gibt keinen Link im ganzen Text, in dem irgendwie auf eine konstruktive Schiene gelenkt würde. Also etwa ein Link zu Philippe Wampfler, der zwei Bücher über Schulen, Jugendliche und digitale Medien geschrieben hat, und mit dem Christian gern auf Twitter diskutiert. Oder Beat Doebeli, Professor an der PH Schwyz und tatsächlich seit 15 Jahren ein Wortführer der „Digitalen Bildung“-Fraktion, der nichts anders tut, als sehr genau die technischen und didaktischen Hindernisse wie auch die begeisternden Möglichkeiten von digitalen Netz-Medien in ganz konkreten Schweizer Schul-Projekten zu dokumentieren, mit besonderer Berücksichtigung von BYOD-Szenarien (Bring Your Own Device, also das eigene Smartphone).

Es gibt überhaupt fast keine Links in Füllers Old School-Artikel. Es gibt keine Hinweise und in die Breite. Am Ende wird etwa abfällig eine Demonstration bei derselben Microsoft-Veranstaltung erwähnt, bei der 12-jährige Schüler mit einer Schildkröte programmieren lernen. Nun, das ist ganz offensichtlich die Programmiersprache Logo, die der berühmte Digitalpädagoge Seymour Papert in den 1970er Jahren erfunden hat, um Kindern zu zeigen, dass digitale Technologie keine Raketenwissenschaft von Datenkrakenkonzernen ist, sondern Individuen ermächtigen kann und soll. Entweder weiß Christian das nicht, oder – eher noch schlimmer – er sagt es nicht. Das aber bedeutet, die Leser dumm zu halten. Die Kommentare unter dem Cicero-Artikel sind auch entsprechend ahnungslos.

Ohne etwas über Papert zu wissen, ohne die Argumente von Wampfler, Doebeli u.a. ins Spiel zu bringen, kann man aber schlicht nicht vernünftig über Digitale Bildung diskutieren. Dann ist man verdammt zum unterirdischen Manfred Spitzer-Niveau: „Selbst im digital gestützten Unterricht geschehen Dinge, die mit Ermächtigung und Souveränität nicht zu beschreiben sind, aber mit Sucht, Ablenkung und digitaler Hörigkeit.

Digitaler Neusprech

Um fair zu sein: Es gibt in diesem hin- und herspringenden Rant, der sich als seriöser Diskussionsbeitrag geriert, einen wahren Kern. Das Wort „digital“ wird tatsächlich sehr leicht als ein beschwörendes Kürzel verwendet, das genaue Differenzierung ersetzt. Es gibt diese schablonenhaften Textbausteine über „Digitalisierung“, in die man in der Politik, in Sonntagsreden und in EU-Projektanträgen sehr leicht hineinrutscht. Es gibt die Kopfweh erregenden Wischiwaschi-Formulierungen, an denen man beim Lesen teflonhaft abrutscht. Das kann und soll man schon kritisieren. Aber halt nicht so.

Denn natürlich muss man trotzdem genau hinschauen. Als abschreckendes Beispiel wird etwa dieser Satz zitiert: „Wenn wir diesen [aufklärerisch-humboldtischen] Bildungsbegriff für die digitale Welt interpretieren, kommt der digitalen Bildung die Aufgabe zu, die Menschen mit der Aneignung einer digitalisierten Welt zu einer souveränen Teilhabe an ihr zu ermächtigen.

Was heißt das? Wir leben nolens volens in einer „digitalen Welt“. (Ja, klar.) Bildung muss darauf reagieren, wenn sie zum Ziel hat, den Menschen dabei zu helfen, sich diese Welt anzueignen und souveräne Subjekte zu werden. (Ja, klar.) Das Ziel ist Ermächtigung und souveräne Teilhabe. (Ja klar: das urdemokratische, aufklärerische Ideal.)

„Netzverkehrserziehung“

Wo also ist hier Füllers Problem? Man muss es sich mühsam zusammensuchen, aber das eigentliche Problem ist am Ende anscheinend gar nicht zuviel Kontrolle durch GoogleFacebookNSA, das bleibt hier bloßes technikkritisches Klischee, sondern gerade mangelnde Kontrolle: Man soll die SchülerInnen (die Menschen) nicht vorschnell zu souverän werden lassen. Nicht zu sehr teilhaben lassen, nicht ohne sorgfältige pädagogische Kontrolle ermächtigen. Überall drohen ja „Prokrastination, Mobbing und digitaler Exhibitionismus„.

Deshalb keine „vorschnelle, radikale und pauschale Einführung digitaler Lernmöglichkeiten„. (Als ob deutsche Schulen gerade überall Breitband-Internet und ständigen Netzzugang für alle SchülerInnen einführen wollten.) Deshalb nur „reflektiert und schrittweise Schulen und Schüler mit der digitalen Welt zu befreunden„. (Also ob Jugendliche erst die Schulcomputer bräuchten, um mit den unerfreulichen Seiten des Internet Bekanntschaft zu machen.)

Was SchülerInnen wirklich dringend brauchen, sind möglichst viele konstruktive und kollaborative Erfahrungen mit dem Netz als Wissens- und Arbeitsraum. So etwas lernen sie eher nicht auf eigene Faust. Das ist das, was sogar altmodische deutsche Unternehmen wie Bosch gerade an allen Arbeitsplätzen einführen, weil sie gemerkt haben, dass das alte bürokratisch-autoritäre Organisationsmodell ausgedient hat, das unseren Schulen 100 Jahre lang als Blaupause diente. Und natürlich gibt es bereits avancierte pädagogische Konzepte für den Umgang mit dem Netz. Die Londoner St. Pauls School führt z.B. seit 10 Jahren vorbildlich vor, wie das geht. Der Netz-Pionier Howard Rheingold entwickelt Netsmart-Kurse, in denen man lernt, mit dem Web als Bildungs-Ökosystem umzugehen, usw. Alles, was in diese Richtung geht, ist an deutschen Schulen dringend nötig.

Christian Füller gibt keine konkreten Hinweise, wie er selbst sich das „schrittweise Befreunden“ mit dem Netz vorstellt, aber die Metapher, die er wählt, ist schon bezeichnend: Dringend nötig sei „so etwas wie eine Netzverkehrserziehung für die Schüler„. Netzverkehrserziehung. Also nicht gleich auf diese digitalen „Datenautobahnen“, von denen man in den 1990ern sprach, sondern erst mal auf Spielstraßen. Ein Schulparkplatz mit aufgemalten bunten Bahnen, die Straßen und Kreuzungen darstellen, und dann dürfen die Kleinen mit ihren Rädern mit dem orangen Wimpel über den Parcours. Rechts vor links, und immer schön umschauen.

Wenn das das Weltbild sein soll, mit der wir dem Netz und dem Web begegnen, dann wird das nichts mit Bildung für die digitale Welt.

 

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Das Leistungsschutzrecht gefährdet unsere Zukunft!

DSC_2409 (adapted) (Image by Digitale Gesellschaft [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Das Leistungsschutzrecht für Presseverlage (LSR) wird seit seiner Verabschiedung im Jahr 2013 kritisch beäugt. Am 11. Dezember 2014 reichten die Oppositionsparteien einen gemeinsamen Gesetzesentwurf ein, welcher vorsah, dass das Gesetz wieder abgeschafft wird. Vergangenen Dienstag kommentierten geladene Sachverständige in einer öffentlichen Sitzung des Rechtsausschusses im Bundestag den Vorschlag der Opposition.

In der Marktforschung wird zur Bewertung von Sachverhalten gern eine ungerade Anzahl an Bewertungsoptionen gegeben: Eine Skala von 1 bis 5 beispielsweise. Denn nur so lässt sich eine Mehrheit feststellen und dadurch eine Tendenz ablesen. Wenn nun die Bundesregierung einen Ausschuss zusammenstellt, in dem sieben Experten einen Sachverhalt bewerten sollen, dessen Befürwortung im Interesse eben dieser Regierung liegt, sollte man annehmen, dass vier der sieben Sachverständigen sich unterstützend äußern. Dies ist in der Expertenanhörung zur Aufhebung des Leistungsschutzrecht am vergangenen Mittwoch jedoch nicht geschehen: Tatsächlich liegt die Tendenz der Sachverständigen eher bei der Ablehnung des Gesetzes und damit über Kreuz mit den Interessen der Regierung.

Es ist tatsächlich schwer, etwas Positives am Leistungsschutzrecht für Presseverlage zu finden. Ausführliche Bewertungen, Chronologien und vor allem tonnenweise gute Gegenargumente lassen sich auf Netzpolitik.org finden, unter anderem hier.

Auch Angst 2.0 ist kein guter Ratgeber

Neben allen Gründen, die hierzulande gegen das Leistungsschutzrecht sprechen, entfaltet es auch auf einer höheren Ebene Schadenspotenzial. Denn das Leistungsschutzrecht ist eines der Mosaiksteinchen im Bild des deutschen digitalen Mittelmaßes. Alle Steinchen zusammengesetzt ergibt sich eine Landkarte des Durchschnitts. Und auch beim Nachwuchs sieht es (noch) nicht glänzend aus: Laut der Studie „International Computer and Information Literacy Study“ (ICILS) 2013  liegen die deutschen Schüler in Sachen digitaler Kompetenz so gerade eben über dem europäischen Mittelwert.

Das ist keine stabile Basis für eine zukünftige Gesellschaft, die in der digitalisierten, globalisierten Welt eine führende Rolle spielen will. Hinzu kommt eine Politik, die mit Regelungen zur Störerhaftung und eben dem Leistungsschutzrecht kaum Offenheit gegenüber neuen Geschäftsmodellen zeigt. Wie der aktuelle Spiegel-Titel beweist, funktioniert die Kommunikation der Angst in der digitalen Wirtschaft ebenso wie in unserer Gesellschaft – führend sind die Deutschen immerhin in der Datenschutz-Paranoia.

Regulierung ja – aber bitte mit Augenmaß

Gegen eine gesunde Kritik und Achtsamkeit ist nichts einzuwenden: Wenn Apple, Amazon und Uber Mindeststandards bei Arbeitsbedingungen verletzen, Facebook und Google Transparenz über Nutzerdatenverwendung vermissen lassen, ist eine kritische Auseinandersetzung mehr als nötig. Wünschenswert ist dabei jedoch, das richtige Maß zu finden.

Eine Gesellschaft, die auf Angst und Ablehnung vor neuen Technologien gebaut ist, kann die Chancen des Wandels nicht erkennen. Die Schubladen sind aber auch zu bequem: Wer die Chancen begrüßt, redet schließlich die Risiken klein. Wer die Risiken betont, ist ein Aluhut. Und gleichzeitig sind wir doch fast alle schon längst viel digitaler als manche von uns eigentlich sein wollen. Die Bequemlichkeit siegt.

Diese digitale Schizophrenie erfasst in Zeiten des Wandels nicht nur den Bürger, sondern auch die Politik: Während das Leistungsschutzrecht als ein Instrument gedacht ist, Googles Marktmacht zu begrenzen, manifestiert es in Wahrheit dessen Monopol. Während 80 Millionen Euro an Startups verteilt werden sollen, bremsen das Leistungsschutzrecht, das Urheberrecht insgesamt und die Störerhaftung neue Geschäftsmodelle aus. Während eine Übermacht US-amerikanischer Konzerne in Europa verhindert werden soll, greifen die europäischen Unternehmen nach der Netzneutralität, um Meinungsmacht und ökonomische Vormachtstellungen im Internet zu etablieren. Der Kampf gegen Google als Nebelkerze, um die eigenen Machtkämpfe zu verschleiern.

Was fehlt: Differenzierte Aufklärung

Weder Jarvis, noch Döpfner oder Oettinger liegen richtig, wenn sie die Stimmung der Deutschen einfangen wollen. Zwischen den Polen der Angst liegen noch weit mehr als 50 Schatten von Grau.

Den Zeiten des Wandels ist das ungewisse Ende immanent. Daher ist eine differenzierte Auseinandersetzung, regelmäßige Neubewertung und sachliche Aufklärung von Chancen und Risiken Pflicht, um der Gesellschaft eine Meinungsbildung zu ermöglichen.

Deutschland hat mit der Industrie 4.0 eine reelle Chance, einen vorderen Platz in der digitalen Welt zu erobern. Nur wenn das Land in der Lage ist, sich den Möglichkeiten kritisch, aber konstruktiv zu öffnen, können wir den Durchschnitt überwinden. Wenn Deutschland das digitale Mittelfeld verlassen will, gehört die Aufhebung des Leistungsschutzrecht unbedingt dazu und ist neben anderen Schritten auf dem Weg zum Ziel wahrscheinlich der einfachste – und ein guter Anfang.


Image (adapted) „DSC_2409“ by Digitale Gesellschaft (CC BY-SA 2.0)


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Twitter-Chat über das EU-Urheberrecht: Wie möchtest DU es?

Handy (adapted) (Image by Unsplash [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Am 26. Februar diskutiert EU-Digitalkommissar Günther Oettinger auf Twitter über die Reform des Urheberrechts in Europa. Hast du jemals einen Film aus einem anderen Land heruntergeladen und es funktionierte nicht? Bist du jemals in ein anderes Land gereist und hattest keinen Zugang zu deiner Musik, für die du bereits bezahlt hast? Als Autor, Komponist oder Verleger – wirst du für deine Arbeit fair bezahlt? Mich interessieren eure Erlebnisse und Sichtweisen.

Wie du vielleicht weißt, möchte die Europäische Kommission das EU-Urheberrecht modernisieren und an heutige Bedürfnisse und Verhalten anpassen. Zur selben Zeit wollen wir einen richtigen europäischen Markt schaffen, der das Leben von Autoren und allen, die Filme, Musik oder Geschichten in die ganze Europäische Union verkaufen, vereinfachen.

Im Moment gibt es 28 verschiedene nationale Regeln und Regulierungen. Wenn ein Autor alle kennen möchte, muss er oder sie mit 28 Rechtsanwälten sprechen. Während das gute Nachrichten für den Berufsstand der Juristen sind, ist es nicht ideal für Europas Kreative.

Letzte Woche war ich auf der Startup Europe Summit in Berlin, wo Unternehmer und Gründer der innovativsten und erfolgreichsten digitalen Unternehmen Europas deutlich für eine EU-Regelung in diesem Bereich aufgerufen haben, um ihre Arbeit einfacher zu machen.

Einen digitalen Binnenmarkt zu schaffen kann die Jobschaffung ankurbeln und bis zu 250 Milliarden Euro zusätzliches Wachstum generieren. Das ist auch der Grund, dass eine Reform des Urheberrechts zu den politischen Prioritäten der Kommission gehört.

Aber bevor ich Vorschläge aufzähle, möchte ich eure Sicht und eure Geschichten hören! Wir werden eure Sichtweisen und Fragen unter dem #AskOettinger Hashtag sammeln – und wir werden so viele wie möglich am 26. Februar beantworten. Die Chat wird um 15:30 Uhr anfangen und ungefähr eine Stunde dauern.

Ich freue mich auf eure Tweets. Ich bin @GOettingerEU.

© Europäische Union, 1995-2015. Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog von Günther Oettinger. Weiterverwendung mit Quellenangabe gestattet (siehe Beschluss der Kommission vom 12. Dezember 2011 über die Weiterverwendung von Kommissionsdokumenten).


Image (adapted) „Handy“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


 

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Ein Jahr #BTADA: Jens Koeppen über den Ausschuss „Digitale Agenda“

Nach einem Jahr Ausschuss „Digitale Agenda“ zieht der Ausschussvorsitzende Jens Koeppen (CDU) im Interview ein erstes Fazit. // von Jan Voß und Tobias Schwarz

Konstituierende Sitzung des Ausschusses "Digitale Agenda" (Bild: Tobias Koch/tobiaskoch.net)

Am 19. Februar jährt sich die Einsetzung des Ausschuss „Digitale Agenda“ (BTADA) zum ersten Mal. Zusammen mit unserem Medienpartner Politik-Digital.de haben wir uns mit Mitgliedern des Ausschusses über das vergangene Jahr unterhalten, wie sie den Ausschuss erlebt haben und wie die Abgeordneten in Zukunft Themen des digitalen Wandels setzen wollen. Jan Voß und Tobias Schwarz haben mit dem Ausschussvorsitzenden Jens Koeppen (CDU) über das erste Jahr des Ausschuss „Digitale Agenda“ gesprochen.

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Ein Jahr #BTADA: Der Ausschuss „Digitale Agenda“ in Zahlen

Birthday Flan (adapted) (Image by Basheer Tome [CC BY 2.0] via Flickr)

Der Bundestagsausschuss „Digitale Agenda“ feiert sein einjähriges Jubiläum. Ein guter Grund, um sich die bisherige Arbeit des #BTADA genauer anzusehen. Bereits ein Jahr ist es her, dass sich am 19. Februar 2014 in Berlin 16 Bundestagsabgeordnete zur konstituierenden Sitzung des ständigen Bundestagsausschusses Digitale Agenda (BTADA) zusammenfanden. Wir gratulieren und haben uns haben einige Zahlen rund um den Ausschuss zusammengetragen, die für sich sprechen.

Wie vor einem Jahr angekündigt, dokumentieren wir auf bundestag-digital.de die Arbeit des Ausschusses Digitale Agenda und haben im vergangenen Jahr eine Vielzahl an Dokumenten, Statements und Einordnungen zusammengetragen, um eine Plattform für Netzpolitik im Bundestag zu bieten.

Der BTADA ist im Februar 2014 mit dem Ziel angetreten, die Themen der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ aus der vorherigen Legislaturperiode aufzugreifen: Mit der Einsetzung des Ausschusses „Digitale Agenda“ wurde eine „maßgebliche Handlungsempfehlung“ der Enquete-Kommission umgesetzt. Jedoch erhielt der Ausschuss nicht die Federführung über die ausschussrelevanten Themen. Bereits auf Ministeriumsebene war das Thema Digitalisierung zuvor auf drei verschiedene Ressorts verteilt worden.

Dementsprechend teilen sich nun drei Ausschüsse die Federführung über die Digitale Agenda der Bundesregierung: Wenn es um Breitbandausbau, IT-Sicherheit, Datenschutz, Netzneutralität oder andere Netz-Themen geht, liegen diese im Innen- und Rechtsausschuss sowie im Verkehrsausschuss. Letzterer wurde analog zum entsprechenden Ministerium um den Bereich digitale Infrastruktur erweitert wurde. Auch bei wirtschaftlichen Themen, beispielsweise der Unterstützung der Start-Up-Szene, darf der Ausschuss Digitale Agenda keine Federführung übernehmen. Das tut der Wirtschaftsausschuss.

Der BTADA kommt etwa zweimal monatlich zusammen. Seine Aufgabe besteht darin, den drei anderen Ausschüssen beratend zur Seite stehen, „auf Augenhöhe mit den anderen Ausschüssen“, wie der Ausschussvorsitzende Jens Koeppen (CDU) die Rolle des BTADA begreift.

Nur sechs von 28 Sitzungen waren öffentlich

Der Ausschuss ist mit 16 Abgeordneten besetzt: sieben Abgeordnete der CDU/CSU-Fraktion, fünf SPD-Abgeordnete und je zwei Abgeordnete der Fraktionen Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen. Bürgerbeteiligung und größtmögliche Öffentlichkeit waren noch Aushängeschilder der Enquete-Kommission, fanden jedoch nur begrenzt Aufnahme im Ausschuss. Von den 28 Sitzungen waren lediglich sechs für die Öffentlichkeit zugänglich, dies waren, wie in Bundestagsausschüssen üblich, die Fachgespräche. Von diesen sechs öffentlichen Sitzungen steht bisher lediglich das Wortprotokoll der ersten Sitzung vom 7. Mai 2014 zur Verfügung.

Fraktion Mitglieder
CDU/CSU 7
SPD 5
Die Linke 2
Bündnis 90/ Die Grünen 2
Gesamt 16

Im Juli 2014 beschloss der Ausschuss die Einsetzung eines Online-Beteiligungstools, es wurde Anfang November freigeschaltet und soll als Pilotprojekt zunächst bis zur parlamentarischen Sommerpause im Jahr 2015 im Einsatz sein. Seitdem können Interessierte sich dort mit Diskussionsbeiträgen zu vorher gestellten Fragen an öffentlichen Sitzungen beteiligen. Fragen wurden dort bislang zu drei Fachgesprächen über eHealth, Open Data sowie die Urheberrechtsreform und Leistungsschutzrecht für Presseverlage gestellt. Fazit nach drei öffentlichen Fachgesprächen und fast drei Monaten Laufzeit: 35 Antworten auf 31 bestehende Fragen. Letzte Aktivität: 3. Dezember 2014.

Sitzungen davon öffentlich Tagesordnungspunkte

davon Verschiedenes/ allgemeine Bekanntgaben

Inhaltliche Tagesordnungspunkte
29 6 138 36 102

Insgesamt wurden auf allen Sitzungen des BTADA bisher 102 inhaltliche Tagesordnungspunkte behandelt (ausgenommen die Tagesordnungspunkte „Allgemeine Bekanntmachungen“ und „Verschiedenes“). Somit ergeben sich durchschnittlich drei Tagesordnungspunkte pro Sitzung.

Seit Gründung kein Gesetzentwurf unter Federführung des Ausschusses

Im Oktober 2014 erhielt der Ausschuss die Federführung über den Themenbereich Digitale Agenda. In den vorangegangenen Sitzungen mussten sich die Abgeordneten aber noch vom Bundesinnenminister die „Digitale Agenda des Bundesministeriums des Innern“ und von der Bundesregierung die „Digitale Agenda 2014 bis 2017“ vortragen lassen.

Die dem Ausschuss übertragene Federführung ist auch nicht allumfassend. Mehr als ein halbes Jahr nach seiner Einsetzung darf der Ausschuss zwar alle die Digitale Agenda der Bundesregierung betreffenden Themen ausarbeiten. Die verbleibenden Arbeitsgebiete werden jedoch weiterhin vom „Dreigestirn“ aus Innen-, Wirtschafts- und Verkehrsausschuss bearbeitet. Bislang hat der Ausschuss keinen einzigen Antrag bzw. Gesetzentwurf für die fortschreitende Digitalisierung oder für die Umsetzung der Vorschläge der Enquete-Kommission bearbeitet. Bisher gab es auch weder Beschlussempfehlungen noch Berichte zu Themen, die die Digitale Agenda der Bundesregierung betreffen.

Vorläufiges Fazit zum 1. Geburtstag

Nach einem Jahr ist die Umsetzung der Themen der Enquete-Kommission in einigen Gebieten, wie dem Breitbandausbau, planerisch vorangeschritten, in vielen anderen Themengebieten jedoch nicht. Insgesamt gab es weder eine nennenswerte öffentliche Beteiligung noch Impulse der 16 Abgeordneten des Ausschusses, um etwas an diesem Zustand zu ändern. Während die Enquete-Kommission ambitionierte Beschlüsse niederschrieb  und öffentlichkeitswirksam präsentierte, nutzte der BTADA diese Möglichkeiten bisher nicht. Trotz über 100 inhaltlichen Tagesordnungspunkten in 29 Sitzungen erfolgte keine öffentlichen Stellungnahme oder Empfehlung. Es entsteht der Eindruck, dass der Ausschuss wieder bei Null angefangen hat, anstatt an die Ergebnisse und Empfehlungen der Enquete-Kommission anzuknüpfen – schade um die bisher vertane Chance.


Weitere Interviews mit Mitgliedern des Bundestagsausschuss “Digitale Agenda”:


Dieser Beitrag erschien zuerst auf Politik-Digital.de und steht unter CC BY-SA 3.0.


Image (adapted) „Birthday Flan“ by Basheer Tome (CC BY 2.0)


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Ein Jahr #BTADA: Die härteste Kritikerin der „Digitale Agenda“

Nach einem Jahr Ausschuss „Digitale Agenda“ findet Halina Wawzyniak (Die Linke) jede Menge Kritikpunkte am Ausschuss und der staatlichen Netzpolitik. // von Tobias Schwarz

Halina Wawzyniak (Bild: Foto-AG Gymnasium Melle [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons)

Am 19. Februar jährt sich die Einsetzung des Ausschuss „Digitale Agenda“ (BTADA) zum ersten Mal. Zusammen mit unserem Medienpartner Politik-Digital.de haben wir uns mit Mitgliedern des Ausschusses über das vergangene Jahr unterhalten, wie sie den Ausschuss erlebt haben und wie die Abgeordneten in Zukunft Themen des digitalen Wandels setzen wollen. Halina Wawzyniak von der Linksfraktion plädiert für eine Modernisierung der Parlamentsarbeit und des Gesetzgebungsprozesses.

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Ein Jahr #BTADA: Eine Informatikerin im Ausschuss „Digitale Agenda“

SPD-Bundestagsabgeordnete Saskia Esken (Foto: spdfraktion.de, Susie Knoll/Florian Jänicke)

Nach einem Jahr Ausschuss „Digitale Agenda“ wünscht sich die Abgeordnete Saskia Esken (SPD) vor allem mehr Beteiligungsformate. // von Tobias Schwarz

SPD-Bundestagsabgeordnete Saskia Esken (Foto: spdfraktion.de, Susie Knoll/Florian Jänicke)

Am 19. Februar jährt sich die Einsetzung des Ausschuss „Digitale Agenda“ (BTADA) zum ersten Mal. Zusammen mit unserem Medienpartner Politik-Digital.de haben wir uns mit Mitgliedern des Ausschusses über das vergangene Jahr unterhalten, wie sie den Ausschuss erlebt haben und wie die Abgeordneten in Zukunft Themen des digitalen Wandels setzen wollen. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Saskia Esken verriet im Interview, dass sie sich mehr Beteiligunsgformate wünscht.

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Ein Jahr #BTADA: Die „Digitale Agenda“ braucht Taten statt Worte

Konstantin von Notz (Bild: Konstantin von Notz [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons).

Nach einem Jahr Ausschuss „Digitale Agenda“ fordert Konstantin von Notz (Bündnis 90/Die Grünen) Taten statt Worte – der digitale Wandel muss politisch gestaltet werden. // von Tobias Schwarz

Konstantin von Notz (Bild: Konstantin von Notz [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons).

Am 19. Februar jährt sich die Einsetzung des Ausschuss „Digitale Agenda“ (BTADA) zum ersten Mal. Zusammen mit unserem Medienpartner Politik-Digital.de haben wir uns mit Mitgliedern des Ausschusses über das vergangene Jahr unterhalten, wie sie den Ausschuss erlebt haben und wie die Abgeordneten in Zukunft Themen des digitalen Wandels setzen wollen. Der grüne Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz erwartet von der Regierung Taten, denn der digitale Wandel ist hinlängich bekannt.

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Ein Jahr #BTADA: Ein Ohr für Startups im Ausschuss „Digitale Agenda“

Nach einem Jahr Ausschuss „Digitale Agenda“ sieht Thomas Jarzombek (CDU) vorallem in der Verwaltung Fortschritte im Umgang mt dem Thema Netzpolitik. // von Tobias Schwarz

Thomas Jarzombek (Bild: Hagen Colberg [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons)

Am 19. Februar jährt sich die Einsetzung des Ausschuss „Digitale Agenda“ (BTADA) zum ersten Mal. Zusammen mit unserem Medienpartner Politik-Digital.de haben wir uns mit Mitgliedern des Ausschusses über das vergangene Jahr unterhalten, wie sie den Ausschuss erlebt haben und wie die Abgeordneten in Zukunft Themen des digitalen Wandels setzen wollen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Jarzombek sieht vor allem in der Zusammenarbeit der Verwaltung beim Thema Netzpolitik große Fortschritte.

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5 Lesetipps für den 16. Februar

In unseren Lesetipps geht es heute um den digitalen Mob, Facebook vs. Netzneutralität, Open Source, E-Commerce in Deutschland und YouTube. Ergänzungen erwünscht.

  • DIGITALER MOB NYTimes.com: How One Stupid Tweet Blew Up Justine Sacco’s Life: Auf NYTimes.com ist ein lesenswerter Artikel von Jon Ronson über Menschen erschienen, die sich mit einer unbedachten und meist sehr dummen Aussage das Leben zerstört haben. Vor allem Justine Sacco, die vor einem elfstündigen Flug einen rassistischen Tweet absetzte, der sich während des Fluges eine weltweite Spott- und Hass-Bewegung auslöste, ist ein gutes Beispiel für den digitalen Mob, der sich schnell bilden kann und genauso kritikwürdig agiert, wie meist seine Verursacher.

  • NETZNEUTRALITÄT The Verge: Facebook’s march to global domination is trampling over net neutrality: Was hierzulande vor allem die Telekommunikationsanbieter Telekom und Vodafone sind, stellt in den USA das soziale Netzwerk Facebook dar: ein gefährlicher Feind der Netzneutralität zu sein. Mit der Telefoniefunktion von Facebooks Messenger WhatsApp und der Initiative Internet.org, womit noch mehr Menschen ins Internet gebracht werden sollen, führt Facebook einen harten Kampf gegen das im Internet grundlegende Prinzip der Netzneutralität.

  • OPEN SOURCE Golem: Das Wir-Gefühl der Open-Source-Community und seine Probleme: Oft sprechen Entwickler der Open-Source-Community und Nutzer der Software vom „Wir“. Dieses Gemeinschaftsgefühl bewirkt, wenn nötig, einen starken Auftritt, doch noch öfters konkurrieren aber viele Interessen, wodurch das Wir zerrissen werden kann. Open Source ist ein wichtiger Bestandteil unserer digitalisierten Welt, aber eine zusammenhaltende Bewegung steht dahinter nicht, obwohl alle die gleichen Prinzipien vertreten (wollen).

  • E-COMMERCE etailment: Das deutsche Online-Handelsvolumina wird von US-Anbietern dominiert: In einem Gastbeitrag für etailment mahnt Gerrit Heinemann, Leiter eWeb Research Center der Hochschule Niederrhein, dass gerade eine Exportwirtschaft wie die von Deutschland keine eigenen Online-Umsätze geenriert, sondern von US-Anbietern abhängig ist. Mehr als 65 Prozent der deutschen Online-Handelsvolumniawerden von Amazon, eBay und Apple generiert, Ein Grund dafür ist die altbackene Infrastruktur und vor allem die Politik: „Die digitale Agenda ist eigentlich eher eine digitale Lüge.

  • YOUTUBE Mashable: The revolution wasn’t televised: Gestern vor zehn Jahren hat Chad Hurley die Domain YouTube.com registriert und den Grundstein für eine derheute wohl wichtigsten Online-Plattformen der Welt gelegt. Um die Bedeutung von YouTube wirklich zu verstehen, empfehle ich (und der Social Media Watchblog, wo ich den Artikel selber empfohlen bekommen habe) den Artikel von Todd Wassermann bei Mashable, in dem er die technologische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung beschreibt, die Youtube in den letzten zehn Jahren genommen hat.

Die morgendlichen Lesetipps und weitere Linktipps am Tag können auch bequem via WhatsApp abonniert werden. Jeden Tag informiert dann Netzpiloten-Projektleiter Tobias Schwarz persönlich über die lesenswertesten Artikel des Tages. Um diesen Service zu abonnieren, schicke eine WhatsApp-Nachricht mit dem Inhalt arrival an die Nummer +4917622931261 (die Nummer bitte nicht verändern). Um die Nachrichten abzubestellen, einfach departure an die gleiche Nummer senden. Wir werden, neben dem Link zu unseren morgendlichen Lesetipps, nicht mehr als fünf weitere Lesetipps am Tag versenden.

Nutze Netzpiloten 1-Klick: Mit nur einem Klick werden dir bequem alle 40 Sekunden die hier besprochenen Seiten „vorgeblättert“ START.

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Langsames Internet: Arbeitsplätze in Gefahr

Saison Box (adapted) (Image by rawpixel [CC0 Public Domain] via Pixabay)

In Deutschland stockt der Ausbau des Breitbandnetzes. Besonders außerhalb von Ballungszentren verhindert das neue Arbeitsplätze. Oder wann haben sie zuletzt von einem Start-up aus Brandenburg gehört? Wer sagt denn, dass wir für das Fernsehen noch Fernsehsender brauchen, so die provokative Frage von Richard Gutjahr beim NRW-Journalistentag in Dortmund. „Warum nicht direkt vom Produzenten kaufen? Viele preisgekrönte Filme und Serien kommen von einer Videothek namens Netflix oder von Amazon. Selbst Microsoft dreht gerade eine große Serie mit Steven Spielberg. Ich mache mir ein bisschen Sorgen um das Konzept Fernsehsender“, frotzelt der TV-Journalist und Blogger.

Gemeint ist der Abschied vom linearen TV-Programm. Heute geht alles mehr oder weniger bequem über Video on demand. Man schaut sich nur dann Filme an, wenn man es möchte. TV-Programme oder gar -Zeitschriften werden obsolet. Theoretisch. Man braucht irgendwie einen Internet-Anschluss mit einer Standardqualität von drei Megabit pro Sekunde.

Die zerfressene Breitband-Deutschlandkarte

Für hochauflösende HD-Filme sind sechs bis 16 Megabit vonnöten. Eigentlich keine so große Herausforderung für die TV-Kunden, wo doch die Bundesregierung behauptet, dass wir in Deutschland eine fast 100-prozentige Grundabdeckung mit 10 Megabit pro Sekunde erreicht haben. Was die Merkel-Regierung in ihre Digitale Agenda reingeschrieben hat, ist in der Realität aber nicht vorhanden, moniert der GFT-Geschäftsführer Thomas Dehler bei einer IT-Fachveranstaltung im brandenburgischen Herzberg: „Netflix hat jüngst eine Deutschlandkarte gezeigt, wo man Video on demand reibungslos empfangen kann. Diese Karte ist zerfressen von nicht vorhandener Breitbandigkeit.“

Wenn er sich als Unternehmer das deutsche Internet anschaut, bekommt Dehler Angst. Und dabei geht es nicht um die fehlende Möglichkeit, populäre Serien wie „House of Cards“ mit dem Oscar-Gewinner Kevin Spacey zu genießen.

Keine neuen Arbeitsplätze ohne schnelles Internet

Die mittelmäßige Netzinfrastruktur außerhalb der Ballungszentren führt zu negativen Arbeitsmarkteffekten. Besonders bitter ist die digitale Rückständigkeit für strukturschwache Gebiete, die junge Talente an Städte wie Köln, Berlin, München oder Hamburg verlieren. Zwischen 2002, dem Jahr des Bevölkerungshöchststandes, und 2008 haben 202 von 413 Landkreisen und kreisfreien Städten mehr als ein Prozent ihrer Einwohner verloren. Wo die Lebensbedingungen schwierig sind, wo es an innovativen Betrieben und gut bezahlten Jobs mangelt, verschärft sich meist auch die demografische Lage.

„Wir verlieren rund 20 Prozent unserer Leistung, weil wir Bewerber für dezentrale Arbeit in unserem Pilotprojekt im Elbe-Elster-Kreis nicht einstellen können – aus technischen Gründen“, sagt Dehler bei der Präsentation einer Studie über die Notwendigkeit von neuen Arbeitskonzepten für ländliche Regionen. „In einer hoch entwickelten Volkswirtschaft wie Deutschland darf es so etwas nicht geben. Die Nichtverfügbarkeit von schnellem Internet wirkt diskriminierend“, kritisiert Dehler.

Neue Arbeitskonzepte gegen Abwanderung und Überalterung

Dabei zählt besonders in strukturschwachen Regionen wie dem Elbe-Elster-Kreis jeder neu geschaffene sozialversicherungspflichtige Arbeitsplatz, betont Marion Richter, operative Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Cottbus. Die Abwanderung und Überalterung könne nur mit neuen Arbeitskonzepten gestoppt werden. „Wenn noch mehr Menschen die Region verlassen, können wir irgendwann zuschließen. Wir wissen gar nicht mehr, wie wir unsere alten Menschen betreuen sollen. Wir würden hier praktisch aussterben.“

Teilweise gehen ganze Ortschaften auf die Barrikaden, weil es keine vernünftige technische Anbindung gibt und Arbeitsplätze abwandern. Dieser Tatbestand sei schon sehr traurig, erklärt Gabriele Knütter, eine Mitarbeiterin der ersten Stunde in dem Elbe-Elster-Modellprojekt für dezentrale Arbeit.

Statt sich jährlich beim IT-Altherren-Gipfeln gegenseitig auf die Schulter zu klopfen, sollten vor allem jene Minister, die für die Digitale Agenda der Bundesregierung verantwortlich sind, die Kommunen im Umland von Berlin besuchen. Auf solchen Reisen kann man seinen Horizont erweitern. Die liebwertesten Gichtlinge des Merkel-Kabinetts könnten das gut gebrauchen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.


Image (adapted) „Saison Box“ by rawpixel (CC0 Public Domain)

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Digital-Index 2014: Umgang mit dem digitalen Graben

mind the gap (adapted) (Image by Pawel Loj [CC BY 2.0] via Flickr)

Wie umgehen mit dem digitalen Graben? Der Digital-Index 2014 gibt darauf eine bisher kaum beachtete Antwort. In der vergangenen Woche stellte die Initiative D21 ihren jährlichen Digital-Index vor, in dem die Entwicklung des Digitalisierungsgrads der deutschen Bevölkerung – ihr Zugang, ihre Kompetenz, ihre Offenheit sowie ihre Nutzungsvielfalt bezogen auf digitale Medien und das Internet – genauer untersucht werden. Diese Studie habe ich bereits grundlegend besprochen, die zwar mit einem Anstieg von nur 0,1 Index-Punkten eine Stagnation der Entwicklung vermuten lässt, aber vor dem Hintergrund einer immer älter werdenden Bevölkerung und der allgemeinen Verunsicherung durch den politisch ohne Konsequenzen gebliebenen Überwachungsskandal auch positiv gelesen werden kann.

Digitale Kompetenzen müssen aufgebaut werden

Nichtsdestotrotz ist das im Vergleich zu den letzten Jahren nur geringe Wachstum Ausdruck eines gesellschaftlichen Problems, denn die Studie belegt auch, dass der digitale Graben wächst. Die Autoren mahnen in dem Bericht an, dass die strukturelle Benachteiligung überwunden werden muss, denn „angesichts der fortschreitenden Digitalisierung aller Lebensbereiche muss nachhaltig sichergestellt werden, dass alle Bürger und Bürgerinnen zur Teilhabe an der digitalen Gesellschaft befähigt sind“. Dies geht vor allem durch Angebote in der Schule, die aber vielseitiger als das Anschaffen von Tablets für jedes Kind und Programmierkurse in der Grundschule sein müssen. Die für Bildung zuständigen Länder sind hier gefragt, damit in der Zivilgesellschaft „digitale Kompetenzen aufgebaut werden können“.

Soweit geht die Politik noch mit, zum Teil aber ohne Konsequenzen im Handeln, doch ein Aspekt der Studie wird wissentlich übersehen: Die Kinder, denen vielleicht schon heute digitale Kompetenzen vermittelt werden, sind erst in ungefähr zwei Jahrzehnten berufstätig. Bis dahin wird die Digitalisierung aber weiter voranschreiten, der digitale Graben noch mehr wachsen und größere Teile der Gesellschaft werden abgehängt sein. Die Zahl der digital weniger erreichten Nutzergruppen sank zwar in 2014 um 3 Punkte auf 63 Prozent, doch nur 37 Prozent der Deutschen sind digital souverän. Schaut man sich genauer an, wer die digitale Gesellschaft ist, welche Nutzertypen sie definieren, fällt auf, dass neben der Bildung vor allem die Berufstätigkeit relevant ist, wenn es um digitale Kompetenzen geht.

Zwei Drittel der Bevölkerung können in „außenstehende Skeptiker“ (26 Prozent, 2013: 29 Prozent), „häusliche Gelegenheitsnutzer“ (30 Prozent, 2013: 28 Prozent) und „vorsichtige Pragmatiker“ (7 Prozent, 2013: 10 Prozent) unterteilt werden. Die Skeptiker sind im Durchschnitt 66 Jahre alt, 75 Prozent von ihnen sind nicht mehr berufstätig und nur 15 Prozent von ihnen nutzen das Internet. Sie erreicht man am besten mit Projekten, wie dem SeniorenComputerClub Berlin-Mitte, der durch dessen Koordinator Günther Voß im 13. Berliner Hinterhofgespräch von uns und Politik Digital  genauer vorstellt wird:

Digitalisierung durch die (digitalisierte) Arbeit

Der Rest der Bevölkerung, immerhin 70 Prozent, hat gemeinsam, dass er überwiegend berufstätig ist und eine bessere Bildung genossen hat. Schon die Gelegenheitsnutzer sind zur Hälfte berufstätig und weisen bereits einen mittleren Digitalisierungsgrad auf. Sie sind zwar nur oberflächlich mit den neuen Technologien vertraut, nutzen aber nahezu komplett (97 Prozent) das Internet, hauptsächlich für Internetrecherche und Online-Shopping. Ähnlich sieht es bei den Pragmatikern aus, nur dass sie im Durchschnitt noch einmal zehn Jahre jünger sind und das Internet bedächtig nutzen, weil sie vor allem die Sicherheitsrisiken wahrnehmen. Hier muss deshalb bereits die Kompetenzvermittlung ansetzen, denn diese beiden Gruppen sind immerhin noch so lange berufstätig, bis der mit den neuen Technologien aufgewachsene Nachwuchs nachgerückt ist.

Um diese „weniger internet- und technikaffinen Gruppen mit niedrigerem Index-Wert zu erreichen und zu schützen“, sind aber auch die Unternehmen gefragt, denn es ist eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Möglichkeiten der Kompetenzerlangung und Teilhabe anzubieten“, wie es die Autoren des Digital-Index formulieren. Neben den Ländern ist auch der Bund gefragt. Zum einen muss der Datenschutz modernisiert und ein funktionierender Verbraucherschutz gewährleistet werden. Bis jetzt reagiert der Datenschutz vor allem mit Verboten, wie die auf Verzicht setzenden Empfehlungen der Landesdatenschützer zeigen, anstatt den Verbraucherschutz zu stärken. Zum anderen sollten aber auch Anreize gesetzt werden, damit Unternehmen verstärkt die Vermittlung von digitalen Kompetenzen bei Arbeitnehmern durchführen.

Das hilft auch den digital Souveränen, die im Durchschnitt unter 40 Jahre alt, gut ausgebildet und überwiegend berufstätig sind sowie das Internet breit nutzend. Bei ihnen liegt die „Herausforderung darin, sie in ihrem pionierhaften Erkunden der digitalen Möglichkeiten zu ermutigen und in ihrer Entwicklung nicht einzuschränken“, wie es im Bericht zum Digital-Index steht. Auch das erfolgt vor allem im Berufsalltag. Doch bis jetzt zielen die meisten Strategien der Bundesregierung auf die Förderung der Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien bei kleineren und mittleren Unternehmen. Die größten Arbeitgeber Deutschlands fallen nicht unter den Förderschwerpunkt Mittelstand-Digital, weshalb ein großer Teil der Bevölkerung nicht beim Erlangen von digitalen Kompetenzen unterstützt wird.

Der digitale Graben wird ignoriert

Die Bundesregierung scheint die Gefahren des wachsenden digitalen Grabens zu ignorieren. Die noch nicht mit Taten untermauerten Worte der Digitalen Agenda greifen zu kurz in der Förderung der Digitalisierung der Gesellschaft, denn es wird populistisch und auch dann noch unzureichend, vor allem auf die Bildung der Jugend gesetzt, während ein großer Teil der Bevölkerung vergessen wird. Und das, obwohl gerade durch die Arbeit viele Kompetenzen vermittelt werden könnten.

Dieser Artikel ist zuerst auf Carta erschienen und steht unter CC BY 4.0.


Image (adapted) „mind the gap“ by Pawel Loj (CC BY 2.0)


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#cnight: Angela Merkel interessiert sich fürs Neuland

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der #cnight (Fotograf: Tobias Koch, www.tobiaskoch.net)

Zusammen mit Oliver Samwer diskutierte Angela Merkel den digitalen Wandel – die CDU entdeckt das Thema Netzpolitik für sich. // von Tobias Schwarz

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der #cnight (Fotograf: Tobias Koch, www.tobiaskoch.net)

Beim netzpolitischen Abend der CDU zeigte vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel neugieriges Interesse am digitalen Wandel, das sie im Gespräch mit Zalando-Gründer Oliver Samwer, bei einem seiner seltenen Auftritte, unterstrich. Ihre Minister überraschten weniger und vervollständigten das sich langsam verbessernde, netzpolitische Gesamtbild der Regierungspartei. Doch die Partei ist nicht die Regierung, wie vor allem Angela Merkel verdeutlichte.

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Netzpolitik – von Twitter direkt in die Hinterzimmer

CDU-Wahlkampfveranstaltung in Pforzheim 2009 (adapted) (Image by Claas Augner [CC BY 2.0] via Flickr)

Am gestrigen Dienstag war der neu berufene EU-Digitalkommissar Günther Oettinger in Berlin, doch selbst die politisch interessierte Öffentlichkeit nahm davon kaum Notiz, was allerdings von Oettinger und anderen Politikern der Regierungsparteien so gewollt war. Netzpolitik ist zwar in der Politik angekommen, scheinbar aber direkt im Hinterzimmer gelandet.

Von Twitter ins Hinterzimmer der Politik

Lange Zeit war Netzpolitik etwas grundlegend Öffentliches im Politikalltag. In Berlin fanden pro Woche meist drei bis vier Veranstaltungen statt, auf denen das interessierte Publikum mit den wenigen im Bundestag für die Netzpolitik zuständigen Abgeordneten diskutieren konnte oder die bekannten Gesichter der Netzgemeinde sich zum Plausch am Schnittchenbuffet begegneten. Veranstaltungsreihen wie „UdL Digital“ im BASE_camp oder der „Netzpolitische Abend“ in der c-Base schafften eine Öffentlichkeit für das Thema Netzpolitik, genauso wie das in Zusammenarbeit mit Politik Digital von uns entwickelte Hangout-Format „Berliner Hinterhofgespräche“ oder die Enquete-Kommission „Internet und Gesellschaft“ im Bundestag, in der die Themen noch ohne machtpolitisches Kalkül offen diskutiert wurden.

Der in diesem Jahr geschaffene Ausschuss „Digitale Agenda“ hätte die Krönung dieser Entwicklung sein können – wie ein Thema langsam und mit viel Expertise außerhalb des Parlaments sich entwickelte und es aus der Gesellschaft heraus in die Politik schaffte –, ist aber immer mehr Ausdruck der Probleme der gesellschaftlichen Debatte über Netzpolitik als ein Fortschritt. Denn trotz der vollkommen anderen Sozialisierung der an dem Thema interessierten Öffentlichkeit, die bisher den netzpolitischen Diskurs mit Twitter, EtherPads und Blogs betrieb – wurde dem neuen Thema die alten Regeln übergestülpt. Dies bedeutet in erster Linie den Ausschluss der Öffentlichkeit und den Verweis auf die im Plenum betriebene Debatte, die aber gerade bei netzpolitischen Themen vor nahezu leeren Rängen stattfindet. Außerdem ist dann bereits alles entschieden und zwar in den nichtöffentlich tagenden Ausschüssen. Ein nicht mehr zu akzeptierender Zustand.

Wie groß das Interesse an Politik sein kann, hat die Debatte um die zuerst verweigerten Akkreditierungen für Blogger gezeigt. Über Wochen berichteten die Medien über den Streit zwischen Bloggern wie uns Netzpiloten und der Bundestagsverwaltung. Im Grunde ging es um keine vermeintlichen Privilegien von akkreditierten Pressevertretern, sondern um die Schaffung von größtmöglicher Transparenz. Das Thema wird noch immer im Ältestenrat des Bundestags behandelt, laut Mitarbeitern der Bundestagsfraktionen ist aber ein positives Ende in Sicht und eine Anpassung der Hausordnung an die medialen Realitäten wahrscheinlich. Doch selbst dann gibt es noch ein Problem: die Ausschüsse des Bundestags tagen in der Regel nicht öffentlich. Dies zu ändern ist noch kein breit diskutiertes Thema, nötig wäre es aber, wie Günther Oettingers gestriger Besuch im Ausschuss „Digitale Agenda“ zeigte.

Günther Oettinger – kein Politiker „zum Anfassen“

Der neue EU-Digitalkommissar Günther Oettinger kam zu seinem Antrittsbesuch vor dem Ausschuss nach Berlin. Dies war Anlass genug für eine Sondersitzung, allerdings nicht für die Zulassung der Öffentlichkeit. Ein kurzfristig noch eingereichter Antrag der Oppositionsparteien wurde von der Mehrheit der Unionsparteien und der SPD abgelehnt. Günther Oettinger sprach alleine mit den Abgeordneten, die zumindest die wesentlichen Punkte seiner Rede twitterten: Im nächsten Jahr soll laut Oettinger nicht nur die von der Bundesregierung zuerst verzögerte, dann aber schnell geforderte EU-Datenschutzverordnung endlich kommen, er selber will innerhalb der nächsten sechs Monate einen Vorschlag für eine europäische Urheberrechtsreform unterbreiten und die digitale Infrastruktur in Europa voranbringen – ohne auch nur bei einem Vorhaben schon näher ins Detail gehen zu können.

Vermeintlich mehr Informationen konnte man gestern Abend noch bei einem „Kamingespräch“ der Beratungsfirma Capgemini mit Günther Oettinger in Erfahrung bringen, zu der wir zwar auch eingeladen waren, aber noch wenige Stunden vor der Veranstaltung zur „Unter Drei“-Regelung gezwungen wurden. Soviel sei aber trotzdem verraten, was auch immer Oettinger in der vertraulichen Runde näher ausführte, hätte keinen eigenen Artikel gerechtfertigt, denn es handelte sich um eine Grundsatzrede vor ungefähr 70 Wirtschaftsvertretern. Es wäre auch seltsam gewesen, wenn Oettinger in vertraulicher Runde mit Vertretern der Wirtschaft und Presse viel offener gesprochen hätte als mit dem nichtöffentlich tagenden Ausschuss. Mir ist jetzt zwar etwas klarer, wie weit Oettinger schon in der Einarbeitung in sein neues Thema ist, aber das hätte ich auch vorab woanders lesen können. Und auch wenn Details in seiner Rede fehlten und an einigen Stellen noch leichte Unkenntnis erkennbar war, war die Rede an sich in Ordnung und hätte vielleicht für positivere Presse als in den vergangenen Wochen gesorgt. Es scheint aber so, dass der deutsche EU-Kommissar ein Misstrauen gegenüber den Medien und der Öffentlichkeit hat.

Dritter Auftritt von Günther Oettinger in Berlin ist morgen beim Kongress der Zeitungsverleger, die sicher sehr interessiert an seinen bisher nur wagen Äußerungen zu einer Reform des Urheberrechts und einer möglichen Abgabe für nichteuropäische Internetunternehmen sind. Oettinger redet hier laut Programm ungefähr 25 Minuten. Auch hier wird er in der kurzen Zeit wohl nicht viel erklären können, was aber auch zu seinem noch frühen Stand der Einarbeitung in das Thema liegt. Dafür kann man Verständnis haben, es ist nur menschlich, aber auch hier scheut Oettinger die Öffentlichkeit, nicht aber den Kontakt zu einer elitären Interessensgruppe. Wer nicht Mitglied im Verband für Zeitungsverleger ist, kann zwar auch an der Veranstaltung teilnehmen, muss dann aber eine Karte für 1.150 Euro kaufen. In nur drei Tagen hat Günther Oettinger sich also bei mindestens drei Auftritten der europäischen Öffentlichkeit entzogen. Auch für einen etwas älteren Unionspolitiker eine persönliche Meisterleistung in volksferner Politik.

Die Öffentlichkeit wird vergessen

Doch nicht nur Günther Oettinger verzichtet vollkommen auf den Vollkontakt mit den interessierten Bürgern, der Ausschuss „Digitale Agenda“ ist da nicht besser. Zwar startete am Dienstag das auf ein Jahr begrenzte Pilotprojekt mit einem Onlinebeteiligungstool, doch findet damit nur eine „Suggerierung von Beteiligung“ statt, wie es die Netzpolitik-Sprecherin der Linksfraktion, Halina Wawzyniak, im Gespräch mit uns formulierte. Dies ist umso schlimmer, als dass die Enquete-Kommission schon zeigte, wie erfolgreich eine Beteiligung an der politischen Debatte zum Themenbereich Netzpolitik aussehen kann. Das wurde aber, vor allem von den Unionsparteien, schnell wieder vergessen.

Der Ausschuss ist ohne jegliche Kompetenz ausgestattet und darf nur mitberaten – zum Teil nur das, was die Enquete-Kommission über vier Jahr schon diskutierte. Ihn jetzt zu öffnen und damit vielleicht auch noch öffentlichen Druck zu ermöglichen, scheint nicht im Interesse der Regierungsparteien. Spricht man mit Abgeordneten und ihren Mitarbeitern, fällt immer wieder der Name des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder, der angeblich auf die eigenen Fraktionskollegen im Ausschuss dahingehend einwirkt, die Netzpolitik hinter verschlossenen Türen zu behandeln. Doch unabhängig davon, wer hierfür verantwortlich ist, ein gefühlter zehn Jahre zu spät gekommener Ausschuss würde durch die Abgeordneten sicher auch das motivierende Interesse der Bevölkerung mehr erreichen können, als wenn weiterhin alles nichtöffentlich stattfindet.

Das Publikum könnte die Debatte dahin tragen, wo die Politik schon lange auf nur noch wenig Interesse stößt: die breite Mitte unserer Gesellschaft, also die Menschen, die den digitalen Wandel jeden Tag leben. Sie einzubinden sollte primäres Ziel des Ausschusses sein, auch außerhalb der Bürozeiten von 8:00 bis 17:15 Uhr, und Freitag bis 14.30 Uhr. Genauso wie Günther Oettinger sich lieber in der Vertretung der Europäischen Kommission in Berlin der interessierten Öffentlichkeit hätte vorstellen können – in der Mitte der Öffentlichkeit und fernab von Lobby-Abenden. Seine menschlichen Schwächen im Umgang mit den Fachthemen könnte man ihm so vielleicht in den ersten Wochen etwas mehr nachsehen.


Image (adapted) „CDU-Wahlkampfveranstaltung in Pforzheim 2009“ by Claas Augner (CC BY 2.0)


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5 Lesetipps für den 4. November

In den Lesetipps geht es heute um die die Finanzierung und Beteiligung der Digitale Agenda, den Preis für E-Books, Yo und einen YouTube-Verein.

  • 301+ Krautreporter: Die Emanzipation der YouTuber: Die deutsche YouTube-Szene wirkt manchmal wie ein sehr bunter Haufen, in der alles Schrille gut ankommt, während gesellschaftliche Themen nur ab und zu Gehör finden. Denn vor allem geht es um die Vermarktung der Videos, mit denen schon heute viel Geld verdient werden kann. Ein paar YouTuber wollen aber mehr als das bzw. in Rahmen der Professionalisierung nicht das opfern, was für sie einmal den Reiz ausgemacht hat, mit den Videos anzufangen und haben in Berlin einen Verein gegründet, den Stefan Niggemeier für die Krautreporter vorstellt.

  • DIGITALE AGENDA I Handelsblatt: Bundesländer verlangen Finanzierungskonzept für Digitale Agenda: Donata Riedel berichtet im Handelsblatt von einem Zwölf-Punkte-Papier der Bundesländer, in dem sie von der Bundesregierung ein Finanzierungskonzept für die Digitale Agenda verlangen. Laut der kurzen Meldung geht es wohl vor allem um Technologieförderung, Anpassungen und Erforschung des digitalen Wandels im Beruf, sowie den schnellen Ausbau der Breitbandnetze gehen. Letzteres ist bisher nur durch eine Milchmädchenrechnung von Alexander Dobrindt gedeckt, die wohl so nicht aufgehen wird. Vom Länderthema Nr. 1, der Bildung, liest man in Riedels Meldung leider nichts. Das Papier an sich ist nicht verlinkt.

  • E-BOOKS Wired Germany: Warum kostet ein E-Book, was es kostet?: Auf Wired.de schreibt Kai Wels über die Entstehung des Preises für E-Books. Und wie verschieden die von der Buchbranche herausgegebenen E-Books sind, denn von „Plain Text oder Enhanced, Flowed oder Fixed Layout, ePub1, ePub2 oder ePub3, mit hartem DRM, Soft-DRM oder ganz ohne Kopierschutz“ ist alles dabei. Dazu kommt der Innovationsdruck, die neuen technologischen Entwicklungen nicht nur mitzugehen, sondern vielleicht auch selber zu entwickeln. Das größte Problem der Branche ist aber, E-Books zu akzeptieren und diese Wertschätzung auch zu zeigen, damit sie bei den Lesern auch nicht mehr als das wahrgenommen werden, was E-Books gerade nur sind: „Beiwerk zu gedruckten Büchern“.

  • YO Medium: Yo, Mid-Term Elections: Über die Rolle von Suchmaschinen bei den in den USA anstehenden Mid-Term-Wahlen haben wir schon berichtet, in den gestrigen Lesetipps auch noch über die Rolle von Facebook. Heute geht es um Yo, die auf Medium eine Partnerschaft mit der Zeitung USA Today bekannt gaben, welche über die Benachrichtigungs-App Informationen zur Wahl verschicken wollen, ähnlich wie es die BBC bereits mit WhatsApp in Indien und Kenia getestet hat. Ach ja, und „ElectYOns“ ist wohl der Wortwitz des Tages.

  • DIGITALE AGENDA II Bundestag Digital: Onlinebeteiligungstool des Ausschusses „Digitale Agenda“ startet: Gestern startete der Ausschuss „Digitale Agenda“ das erste Onlinebeteiligungstool, um die interessierte Öffentlichkeit einzubinden. Schon das morgen stattfindende Fachgespräch zu Open Data kann hier diskutiert werden. Kritiker bemängeln, dass die Beteiligung nur bei sowieso öffentlichen Terminen möglich ist und dann auch nur zu den Bürozeiten des Parlaments. Ob unter diesen Rahmenbedingungen das erst einmal nur bis Sommer 2015 geplante Projekt ein Erfolg wird, bleibt offen. Nach dem enttäuschenden Umgang mit den ebenfalls schon durch Partizipation entstandenen Ergebnissen der Enquete sind viele Engagierte vielleicht etwas enttäuscht.

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5 Lesetipps für den 29. Oktober

In unseren Lesetipps geht es um Günther Oettinger, Gmail und Inbox, ein zensiertes Magazin von Verizon, Tsu und Ello, sowie das neue Video von OK Go. Ergänzungen erwünscht.

  • GÜNTHER OETTINGER Zeit Online: Günther Oettinger hat das Thema doppelt verfehlt: Im Handelsblatt hat EU-Digitalkommissar Günther Oettinger ein viel beachtetes Interview gegeben, dass zwar im Vergleich zu seinem Hearing im Europaparlament keine wirklichen Neuigkeiten besaß, aber wieder einmal durch eine unglaubliche Naivität bei den digitalen Herausforderungen „glänzte“. Auf Zeit Online hat sich Leonard Dobusch mit den Aussagen des Interviews auseinandergesetzt, der nicht sehr überzeugt ist, dass Oettinger auch nur einen Bruchteil seiner Vorhaben schaffen wird.

  • GOOGLE Computerworld: Why Google wants to replace Gmail: Seit gestern nutze ich die von Google selber entwickelte Gmail-Alternative „Inbox“, die viele tolle Features von anderen Maildiensten kopiert hat. Mein erster Eindruck ist positiv, aber vielleicht müssen wir sowieso uns daran gewöhnen, denn es kann sein, so Mike Elgan auf Computerworld.com, dass Google mit Inbox seinen eigenen Mailing-Dienst langsam beerdigt. Es liegt wohl im Interesse des Unternehmens einen von Nutzern kontrollierten Dienst ebenfalls in die Kontrolle seiner Algorithmen zu begeben.

  • VERIZON The Daily Dot: Verizon is launching a tech news site that bans stories on U.S. spying: Verizon startet eine neues Geschäftsmodell und Patrick Howell O’Neill fragt noch im ersten Satz, was an diesem Vorhaben überhaupt schief gehen kann und das nicht ohne Grund. Der US-amerikanische Telekommunikationsanbieter startet eine Tech- und Lifestyle-Seite namens “Sugerstring” hoch und macht, auch wenn es sich um eine Form von Corporate Publishing handelt, den größten Fehler überhaupt: Zensur von bestimmten Themen. Den Redakteuren ist es verboten, über Themen wie die von Edward Snowden geleakte Überwachung zu berichten oder die Debatte um Netzneutralität.

  • SOCIAL MEDIA Medium: Wenn Tsu und Ello sich um Nutzer streiten: In einem Blogpost auf Medium untersucht Klaus Eck die neuen sozialen Netzwerken Ello und Tsu hinsichtlich das Thema Anzeigen. Der größte Unterschied ist, während Ello persönlich und menschlich sein will, zählt auf Tsu allein das Geld. Es ist spannend zu beobachten, wie sich die beiden sozialen Netzwerke entwickeln, Klaus Ecks Beobachtungen sind dabei ein lesenswertes Kommentar dieser Entwicklung.

  • REDEFREIHEIT Vox: The latest OK Go video is amazing. Would it have been legal in the United States?: Ein sehr kurzer Text von Timothy B. Lee auf Vox.com, dafür mit dem neuesten Video von OK Go, über das neueste Video der Band, denn das wieder einmal mit einer beeindruckenden Choreografie versehene Musikvideo wurde nur mit Drohnen gedreht und zwar in Japan. Dies hat etwas mit der Gesetzgebung bezüglich Drohnen in den USA zu tun. Und damit erinnert das sehenswerte Video daran, dass es bei der gesetzlichen Regulierung von Drohnen auch um eine Einschränkung der freien Meinungsäußerung geht, die gut begründet sein muss.

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5 Lesetipps für den 20. Oktober

In unseren Lesetipps geht es heute um die Digitale Agenda, Gawker, die von Medien gehypte Angst vor Monopolen, Evernote und Kritik an Evgeny Morozov. Ergänzungen erwünscht.

  • DIGITALE AGENDA Die Welt: „Die Agenda ist zu wenig visionär“: In der Politik ist Gesche Joost eine angenehme Ausnahme. Selten erlebt man bei Interviews und Gesprächen mit Politikern so klare Antworten und ehrliche Kritik am Schaffen des politischen Betriebs, wie von ihr. So auch im Interview der deutschen Internet-Botschafterin mit Welt-Wirtschaftsredakteur Thomas Heuzeroth, in dem sie die noch großen Lücken in der digitalen Strategie der Bundesregierung kritisch benennt.

  • GAWKER Digiday: This is the most important person at Gawker you’ve never heard of: Auf Digiday stellt Lucia Moses die wohl wertvollste Mitarbeiterin des Blogs Gawker vor: Erin Pettigrew. Sie steht wohl für die Zukunft von mit Journalismus im Internet wirklich Geld verdienen, aber das wird jetzt außerhalb von Axel Springer keine angenehme Lektüre. Pettigrew nutzt Gawkers Reichweite für den Einstieg in E-Commerce, allerdings mit einer Konsequenz wie sie hierzulande und auch bei den meisten Journalismus-Flaggschiffen in den USA, überrascht. Ein weiteres Beispiel dafür, dass die Zukunft des Journalismus nicht von den Leuten gemacht wird,die ihn (jetzt noch) betreiben.

  • MONOPOLE Wirtschaftswoche: „Wir müssen die Internetgiganten nicht fürchten“: Die Wirtschaftswoche lässt Gerrit Heinemann (Link findet sich im Artikel) und Justus Haucap über Monopole im Internet diskutieren, eines der Lieblingsthemen der den Ton angebenden Sozialdemokraten in der Bundesregierung. Doch für Haucap ist die Angst vor Google und Amazon ein Medien-Hype, denn gerade die Konkurrenz zwischen diesen beiden Unternehmen zeige, dass die Marktstellung keineswegs so zementiert ist, wie es scheint. Und bekanntlich wird in irgendeinen Garagen gerade an den Ideen gearbeitet, die wiederum beide Firmen in die Bedeutungslosigkeit schicken.

  • EVERNOTE Quartz: Evernote – The new anti-censorship tool in China: Es ist ungefähr anderthalb Jahre her, dass ich auf einer Veranstaltung jemanden traf, der in Evernote-Notizen über den Abend bloggte und sie dann via Twitter teilte (ich glaube, dass es Christopher Bulle war, bin mir aber nicht sicher). Eine interessante Idee, über die ich seitdem viel nachgedacht habe, denn was braucht es eigentlich heutzutage noch, um über etwas zu schreiben und zu veröffentlichen? Evernote reicht dafür aus, auch um die chinesische Zensur zu umgehen, wie sich jetzt in Hongkong zeigt. Da die Regierung bestimmte Begriffe in den sozialen Netzwerken blockiert, schreiben Journalisten, Demonstranten, etc. ganze Artikel in Evernote-Notizen, die sie dann teilen. Lily Kuo und Ning Hui schreiben auf Quartz über mein persönlichen Hack des Jahres.

  • JOURNALISMUS PandoDaily: Evgeny Morozov did not “plagiarize” in the New Yorker, but what he did was almost as bad: Auf PandoDialy denkt David Holmes darüber nach, welche Standards es im Journalismus brauchen könnte, nachdem der Liebling des deutschsprachigen Anti-Technik-Feuilletons, Evgeny Morozov, im Magazin „The New Yorker“ die Ideen anderer ohne Nennung als seine eigenen ausgegeben hat bzw. alles weg ließ, damit dieser Eindruck entstehen kann. Zurecht regen sich mehrere Wissenschaftler über Morozov auf, aber nachdem auch hierzulande Journalisten gerne auf Links zu ihren Quellen verzichten, sollten wir in Zeiten des digitalen Journalismus über etwas wesentliches des Internets nachdenken: Links. Das Internet baut auf sie, Journalismus sollte es auch tun.

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Mein Leben ohne Internet: Ein Selbstversuch

Unplugged - no computer, no internet, possible (adapted) (Image by photosteve101 [CC BY 2.0] via Flickr)

Wir ohne Internet? Geht zwar, will aber keiner! Warum das Internet für uns eine so wichtige Infrastruktur ist, testete Tinka am eigenen Leib. Online-Sein ist für viele von uns Normalzustand. Doch noch immer gibt es viele Orte in Deutschland ohne Breitband-Zugang. Und noch immer sind Themen, die zum Erhalt und zum Ausbau der Schlüssel-Infrastruktur Internet unverzichtbar sind, nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit angekommen  – trotz Digitaler Agenda und dem Ministerium für digitale Infrastruktur. Warum wir nicht aufhören dürfen, über Netzpolitik und das Internet zu diskutieren, wird deutlich, wenn man sich vorstellt, ein Leben ohne Internet zu führen. Egal ob Kaffeeklatsch mit der Freundin in London, wissenschaftliche Recherche oder Nachrichtenfluss –  schon für den Einzelnen ist der Nutzen riesig, von dem Potential für Staat und Gesellschaft ganz zu schweigen.

Gestrandet im Offline

Es ist Montagmorgen. Ich stehe im Schlafanzug in meinem Wohnzimmer und halte noch einmal inne, bevor ich den kleinen grünen Schalter umlege. Einige Augenblicke später verfällt mein Telefon in die erwartete Kette von Signaltönen, während E-Mails und Threema-Nachrichten einprasseln. Erleichterung durchströmt mich. Die Welt hat mich wieder!

Rückblick: Vor ziemlich genau drei Wochen stand ich nachmittags um halb sechs im Zentrum von Oxford. In den linken Hand meinen knallgrünen Koffer, auf dem Rücken den orange-leuchtenden Rucksack, in der rechten das Telefon. Nach einigen Augenblicken hätte man beobachten können, wie ich das Telefon schüttelte. (Was ja nachgewiesen immer eine gute Idee ist, wenn ein Gerät nicht funktioniert …) Mit gekräuselter Stirn schaltete ich die Datenverbindung aus und wieder an. Ich bestätigte erneut, dass ich Daten-Roaming zulassen möchte. Nichts. Ich startete das Gerät neu. Nichts.

Und nun? Ich war auf dem Weg zur Internet, Policy & Politics Conference 2014. Bis auf Oxford, Universität, Oxford Internet Institute (OII) und #ipp2014 hatte ich keine Angaben im Kopf. „Wird ja wohl ausgeschildert sein“, hatte ich mir gedacht und: „Sonst hast du ja Google Maps.“ Pustekuchen! In Oxford war ich. Einfach dem Schild zur Uni folgen ging nicht – die einzelnen Colleges und Gebäude sind in der ganzen Stadt verteilt. OII hätte mir auch nichts genützt: Das organisierte die Konferenz zwar, aber die Räume waren irgendwo anders. Und ein Hashtag hat mir in der Offline-Welt eh noch nie eine Wegbeschreibung eingebracht. Ich musste mich also an klassischen Mitteln versuchen: Auf zur Touristen-Info. Die immerhin war groß ausgeschildert – und bereits geschlossen, wie  ich kurz darauf feststellen musste. Na prima. Kurz dachte ich an den Teil meiner Freunde, die zu Ausflüge und Reisen immer mit einer Mappe voller Ausdrucke erscheinen: Adresse, Wegbeschreibung, Alternativroute, Notfallplan, SOS-Morse-Code. Vielleicht doch keine so schlechte Idee?

Ein bisschen Handy-Rebellion

Doch fast sofort kam der Trotz: Wäre doch gelacht, wenn ich mich von ein bisschen Handy-Rebellion unterkriegen lassen würde! „Entschuldigen Siebitte. Wo ist denn St. Anne’s College?“ Der Name war mir in der Zwischenzeit immerhin wieder eingefallen. „Öh, keine Ahnung, ich bin auch neu hier.“ „Kein Problem, danke.“ „Tschuldigung, wissen Sie, wo St. Anne’s ist?“ „Ist das ein College? Noch nie gehört, leider.“ Langsam wurde es dunkel. „Sorry, wissen Sie, wie ich zum St. Anne’s College komme?“ „Leider nein, aber schauen Sie doch mal da auf den Plan, da sind die Colleges eingetragen.“ Halleluja! Und tatsächlich: Ganz am unteren Rand ein Pfeil Richtung Süden, über den Rand der Karte hinaus: St. Anne’s. Gerettet! Schwungvoll marschierte ich los – und drehte nach zwei Kreuzungen wieder um, um ein Foto von der Karte zu machen. Sicher ist sicher.

Auf dem Weg formulierte ich schon die böse E-Mail, die ich meinem Mobilfunk-Anbieter schreiben wollte – und natürlich den Facebook-Status. Ich lichtete ein paar Häuserfassaden ab, um sie direkt an Freunde und Familie schicken zu können: Oxford at last! Doch die Sozial-Vernetzungs-Blase platzte, sobald ich es tatsächlich bis zum St. Anne’s geschafft hatte. „Tut mir Leid, aber Ihren W-LAN-Zugang bekommen Sie erst Morgen mit den Konferenz-Unterlagen!“ „Waaaaaaaas …!“ Ich kürze ab: Nichts zu machen. Kein Internet. Und somit auch keine abendlich gesendete E-Mail mit der Einladung zum gemütlichen Pub-Beisammensein. Keine Chance, noch schnell nachts nachzugucken, wann es Frühstück gab (8:00 bis 9:00, wie man mir um 9:15 vor verschlossener Tür mitteilte). Und auch kein Hinweis darauf, dass das Konferenz-Programm noch einmal geändert worden war und wir erst um 11 Uhr anfangen würden.

Offline-Sein

Wie verändert das Internet unsere Gesellschaft? Mit dieser Frage beschäftige ich mich täglich – und doch wird sein Einfluss besonders deutlich, wenn man plötzlich ohne dasteht. Warum also nicht das Ganze auf die nächste Ebene bringen?

Es ist Freitagmorgen. Ich stehe im Schlafanzug in meinem Wohnzimmer und halte noch einmal inne, bevor ich den kleinen grünen Schalter umlege. Stille. Ich habe die Stromversorgung für Telefonanlage und Router ausgestellt. Ich zögere kurz und schalte dann die Datenverbindung meines Telefons ab, genau wie das WLAN. Ob ich das durchhalte? Klar, im Urlaub bin ich öfter ohne Internet, aber im Alltag?  Natürlich muss ich ein wenig schummeln. Die Arbeitsmails am Freitag werden gelesen. Ansonsten aber: Internetverbot.

Risiken und Nebenwirkungen

Direkt als Erstes wird mir nach dem Abschalten klar: verdammt, kein Radio. Natürlich höre ich Radio per Internet-Stream. Die Batterien in meinem FM-Empfänger, vollgestaubt im Küchenregal, sind seit langem leer. Kurz schlechte Laune, aber das legt sich. Höre ich beim Zähneputzen eben ein paar CDs. (Ja, ich besitze CDs!) Im Büro angekommen, fällt mir ein: Mist, ich sollte doch einer Freundin meine Katzenohren mitbringen (Kostümparty …). Die habe ich natürlich zu Hause liegen lassen. Automatisch öffne ich den Browser, um ihr eine Facebook-Nachricht zu schreiben, doch halt! Darf ich nicht. Und jetzt? Ihre Telefonnummer habe ich nicht. Ok, ein Notfall: Ich schummele und schicke ihr eine E-Mail. Was soll ich auch machen? Als ich sie später sehe, schreibe ich direkt ihre Telefonnummer auf. Überhaupt stelle ich im Laufe der nächsten Tage fest: Mein Telefonnummern-Verzeichnis ist eine Katastrophe. Mindestens ein Drittel der Menschen, mit denen ich am Wochenende sprechen möchte, sind nur mit Threema- oder Skype-Kontakten vermerkt – oder überhaupt nur auf Facebook gelistet. Diejenigen, deren Nummern ich habe, wundern sich, warum ich sie auf einmal anrufe. Oder noch merkwürdiger: SMS schreibe. Aber eigentlich ganz nett, so ein kleiner Schnack zwischendurch – mein Freiminuten-Kontingent aber leidet beträchtlich. Außerdem sind es nur meine Freunde in Deutschland, die davon profitieren. Alle anderen hören dieses Wochenende nichts von mir.  Kein kurzer Kaffeeklatsch mit London. Das ist wirklich hart!

Aber weiter im Text: Nachrichten. Ich bekomme nichts mit! Gar nichts. In der Mittagspause schnappe ich mir aus lauter Verzweiflung eine kostenlos ausliegende Lokalzeitung, die aber mein Informationsbedürfnis in keinster Weise befriedigen kann. Wie zum Henker kommt man eigentlich sonst an Nachrichten? Gibt es noch Zeitungskioske? Und gibt es eine Print-Ausgabe von Aljazeera?

Am Nachmittag lesen ich ein Paper über e-Cognocracy: Das Staatsmodel von Moreno-Jiménez, Pérez-Espés und Velázquez, das direkte und repräsentative Demokratie mit Hilfe neuer IT-Tools verbinden will (2014. e-Cognocracy and the design of public policies. Government Information Quarterly, 31(1), 185–194. doi:10.1016/j.giq.2013.09.004). Ich bin nicht überzeugt und würde das gerne zur Diskussion in eine meiner E-Partizipations-Gruppen posten – aber die sind auf Facebook. ARGH! Dann muss ich daran denken, dass ich das Paper digital lese, über die Uni-Bibliothek runtergeladen und vorher mit drei, vier Mausklicks gesucht habe – wäre ohne Internet auch nicht gegangen.

Generell sind es tatsächlich eher kleine Dinge, die mich aus dem Tritt bringen: Mal eben googeln, wann noch die Zeitumstellung ist und in welche Richtung? Fehlanzeige. Schnell die Vokabel nachschlagen? Nichts da! Kurz nachsehen, wie lange ich mit dem Zug nach Linz brauche? Nein! (Zwischenfrage: Wie hat man eigentlich früher Zugverbindungen rausgefunden? Am Schalter? Musste man dafür jedes Mal zum Bahnhof fahren?!)

Samstag und Sonntag lenke ich mich gut ab, schreibe viele SMS und höre CDs. Zum Glück habe ich gerade einen frischen Bücher-Stapel rumliegen und die Shopping-Tour bei meinen Lieblings-Online-Fair-Trade-Läden verschiebe ich auf nächstes Wochenende. Ok, ich verpasse ein paar Party-Einladungen, vergesse Geburtstage, bekomme nichts mit von den Heimspielen der Uni-Sport-Mannschaften, und um zu sehen, wie das Wetter wird, muss ich die Wolken am Horizont angucken. Die nervösen Zuckungen bleiben zwar aus. Trotzdem: Wann ist endlich Montag?

Offline geht zwar, will aber keiner!

Es ist Montagmorgen. Ich stehe im Schlafanzug in meinem Wohnzimmer und halte noch einmal inne, bevor ich den kleinen grünen Schalter umlege. Erleichterung durchströmt mich. Als Erstes gucke ich mir alle Tagesschau-Sendungen der letzten Tage an. „Willkommen zurück“, schreibt ein Freund. Drei Tage (fast) ohne Internet? Klar ist das machbar. Besonders Facebook hat mir weniger gefehlt als gedacht. Vielleicht heißt das ja, dass es Hoffnung gibt für Alternativen wie Omlet! Und doch: Nicht mehr einfach so mit meinen Freunden außerhalb von Deutschland plaudern? Keine Schnappschüsse mehr an meine Familie schicken? Auf eine Tageszeitung angewiesen sein oder auf die 20-Uhr-Nachrichten warten? Nur mit anderen WissenschaftlerInnen diskutieren können, wenn man sich trifft? Oder mich durch stationäre Bibliothekskataloge wühlen? Unvorstellbar! Und das sind nur die kleinen Dinge, die das Internet für mich persönlich leistet. Von den bereits erschlossenen und noch auszuschöpfenden Potentialen für Organisationen und Staaten fange ich gar nicht erst an. Das Internet ist eindeutig eine unserer wichtigsten Infrastrukturen und deshalb dürfen Themen wie Netzzugang, Breitbandausbau, digitale Bildung, Netzneutralität, Privatsphäre und Datenschutz keine Randbemerkungen sein. Vielen Dank an die Netzpiloten, dass ich zu diesem Ziel einen Beitrag leisten durfte. Dies ist vorerst mein letzter Artikel gewesen. Die Diskussion aber geht weiter! Stay in touch und danke für den vielen Fisch.


Image (adapted) „Unplugged – no computer, no internet, possible?“ by photsteve101 (CC BY 2.0)


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BTADA soll Digitale Agenda federführend bearbeiten

Union und SPD haben beschlossen, dass der Bundestagsausschuss „Digitale Agenda“ zukünftig die Digitale Agenda der Bundesregierung federführend bearbeitet. // von Tobias Schwarz

Ausschuss Digitale Agenda (Bild: Tobias Koch [CC BY 3.0], via Wikimedia)Das Handelsblatt meldet in seiner Donnerstagsausgabe, dass sich die Große Koalition darauf verständigt hat, den Bundestagsausschuss „Digitale Agenda“ aufzuwerten. Bisher durften die Parlamentarier nur mitreden, aber nicht entscheiden, was von Opposition, Netzaktivisten und Medien stets kritisiert wurde.

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5 Lesetipps für den 8. September

In unseren Lesetipps geht es heute um Twitter, die Digitale Agenda der Bundesregierung, den Bundesnachrichtendienst, Gründe für den Nicht-Kauf von Fire TV und Video-Werbung bei Facebook. Ergänzungen erwünscht.

  • TWITTER dradio: Frühwarnsystem Twitter: Wo auch immer auf dieser Welt wichtige Entscheidungen fallen oder ein Unglück geschieht: In vielen Fällen verbreiten soziale Netzwerke wie Twitter Meldungen, noch bevor sie in den klassischen Nachrichtenformaten erscheinen. Wie die Welt der sozialen Netzwerke die Nachrichtenwelt verändert hat, darüber haben wir mit Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay gesprochen.

  • POLITIK E-Plus Gruppe: Digitale Agenda – die Bundesregierung und der digitale Wandel: Die Bundesregierung hat im August 2014 die „Digitale Agenda für Deutschland“ verabschiedet und will mit ihr die Chancen der Digitalisierung nutzen. Die Digitale Agenda stellt alle aus Sicht der Bundesregierung relevanten Bereiche dar, die in den kommenden Jahren politischer Aufmerksamkeit bedürfen. In welchem politischen Kontext ist sie entstanden und welche konkreten Maßnahmen sind geplant?

  • NSA Zeit Online: Überwachung: BND bereitet Daten aus Krisenregionen für NSA auf: Der Bundesnachrichtendienst speichert am Horchposten im bayerischen Bad Aibling zeitweilig den gesamten Datenverkehr der von ihm angezapften Verbindungen in Afghanistan, Somalia und dem Nahen Osten. Betroffen sei „jegliche Art von Kommunikation“ und gibt sie an die NSA weiter.

  • FIRE TV Curved: Sechs Gründe, Amazons Fire TV jetzt nicht zu kaufen: Der Run auf Amazons Fire TV ist groß: Schon jetzt müssen sich Vorbesteller bis zum 1. November gedulden, bis sie ihre Set-Top-Box in den Händen halten. Das muss doch nicht sein. Sechs Gründe, Amazons Fire TV jetzt nicht zu kaufen.

  • FACEBOOK netzökonom: „Das Facebook-Story des Jahres heißt Video-Werbung“: „Facebooks großes Werbethema in den kommenden zwölf Monaten heißt Video“, sagte Carolyn Everson, die weltweite Werbe-Chefin des Netzwerkes, im Netzökonom-Interview. „Der Videokonsum steigt auf Facebook und Instagram dramatisch an“.

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Dr. Jan Kurz über die Probleme der Digitalisierung

Noch bis zum 15.9.2014 läuft der Wettbewerb „Wir versilbern das Netz“, initiiert von Dr. Jan Kurz und Dagmar Hirche, um Lösungen für Menschen zu finden, die noch nicht den Weg in die digitale Welt gewagt haben. // von Merle Miller

Jan Kurz, Dagmar Hirche, Maxi Arland

Das Internet wird immer mehr zu einem großen Bestandteil des Alltags und für jeden ist es schon fast selbstverständlich, mindestens ein Smartphone zu besitzen. Leider wird dabei aber gerne vergessen, dass zum Beispiel die Generation 65+ technisch nicht so versiert ist wie die meisten heutzutage und so aufgrund ihres fehlenden Know-Hows stärker von der Außenwelt abgeschirmt wird. Mit Dr. Jan Kurz, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins „Wege aus der Einsamkeit e.V.“ sprachen wir darüber, was dies für die Gesellschaft bedeutet und wie man insbesondere ältere Menschen bei den Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, unterstützen kann.

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Und 2018 sind wir alle online – allerdings ohne Glasfaser

Unplugged - no computer, no internet, possible? (adapted) (Image by photosteve101 [CC BY 2.0], via flickr)

Flächendeckender Internetzugang mit 50 Mbit/s bis 2018. So avisiert es die Digitale Agenda, die am vergangenen Mittwoch vom Bundeskabinett verabschiedet wurde. Wer hier ein Déjà-vu hat, erinnert sich vermutlich an die Breitbandstrategie der Bundesregierung von 2009, die damals noch federführend vom Bundeswirtschaftsministerium vorgelegt wurde. Nun mag man den Autoren aufgrund dieser Redundanz mangelnde Ambitionen vorwerfen, die fünf Jahre alten Pläne zu optimieren; allerdings beruhigt doch, dass uns angesichts der Entwicklungen digitaler Infrastrukturen keine Korrektur nach unten präsentiert wurde.

Immerhin, die Bundesregierung lebt bereits in einem gut vernetzten Deutschland:

Was noch vor kurzem Zukunftsvision war, ist heute in Deutschland alltäglich und aus dem Leben der Menschen nicht mehr wegzudenken: Jeder kann an nahezu jedem? Ort elektronisch kommunizieren, Informationen abrufen sowie Produkte und Dienstleistungen im Internet kaufen und sich online fortbilden.

Auch wenn dies mitnichten dem Alltag aller deutschen Nutzer entspricht, drängt sich dem geneigten Leser die Frage auf, wofür es dann noch einer Digitalen Agenda bedarf. Die Antwort kommt prompt: um den zunehmenden Datenströmen, die einen regelrechten „Daten-Tsunami“ entfachen, juristisch, gesellschaftlich und infrastrukturell zu begegnen.

Eine Agenda auf Zeit

Letzteres zielt insbesondere auf den Bedarf nach flächendeckenden Hochgeschwindigkeitsnetzen ab. Nun kann man sich darüber streiten, ob eine Downloadgeschwindigkeit von 50 Mbit/s tatsächlich noch als superschnelles Internet zu bezeichnen ist. Perspektivisch wohl eher nicht. Und da die über das Internet übertragene Datenmenge wohl auch nach 2018 ansteigen wird, lohnte es auch für die Politik, vorauszudenken. Technologiemix ist hier das omnipräsente aber im vorliegenden Kontext passende Stichwort.

Nicht nur Festnetz-Internet, sondern ebenso mobile Lösungen sollen helfen, eine flächendeckende Breitbandversorgung zu gewährleisten. Mit Blick auf die genannte Prognose wäre es sinnvoll, hier Technologien zu fördern, die auch weit jenseits der 50 Mbit/s einsetzbar und gegebenenfalls erweiterbar sind. Die aktuelle Vectoring-Regulierung der Bundesnetzagentur führt diesen Gedanken jedoch ad absurdum, setzt sie doch auf ein wettbewerbsrechtlich kritisches „letztes Aufbäumen der Kupfertechnologie„. Hier besteht noch Harmonisierungsbedarf zwischen politischem Anspruch und administrativer Wirklichkeit.

Leistungsstarke Glasfasertechnologien hingegen scheinen bei der Erstellung der Digitalen Agenda zwischen Sicherheit und Wirtschaftswachstum verloren gegangen zu sein, werden sie doch nicht ein einziges Mal erwähnt. Angesichts der seit Monaten kursierenden Kostenmodelle und (Un-)Wirtschaftlichkeitsberechnungen, die insgesamt zwischen 20 und 80 Milliarden Euro Investitionsbedarf attestieren, verwundern uns die Internetminister daher doch sehr. Das im Raum schwebende Veto des Finanzministers hingegen erklärt schnell die pekuniäre Zurückhaltung hinsichtlich staatlicher Investitionen in den lange beschworenen Wachstumsmotor Breitband.

Daher müssen erneut die Mitverlegung von Telekommunikationslinien sowie stärkere Anreize für private Investitionen herhalten. Das ist nicht neu, sieht doch das Telekommunikationsgesetz (TKG, §77c) die bauliche Mitnutzung bei Straßen des Bundes bereits vor. Länder und Kommunen werden hier noch nicht berücksichtigt, weswegen abzuwarten bleibt, wie der Bund an dieser Stelle nachsteuern will, haben doch gerade sehr ländliche Räume – wie wir erstaunt lesen – Interesse an einem schnellen und unkomplizierten Netzausbau. Hinzu kommt, dass eine klare Idee von „Fibre To The Home oder Fibre all the way To The Home“ (FTTH) sowie konkrete Ausbauprojekte für Glasfasernetze angesichts der zahlreichen Internet of Things-Fantasien der Bundesregierung eine logische Konsequenz gewesen wären. Aber auch das bleibt uns das Papier schuldig.

Doch nicht nur dort, wo bereits breitbandiger Internetzugang vorhanden ist, lohnt es über einen Mix von Zugangsmöglichkeiten nachzudenken. Eduroam zum Beispiel ist ein Vorzeigeobjekt der digitalisierten Wissenschaftslandschaft. Hieran lässt sich anknüpfen, indem Potenziale auch im nichtakademischen Bereich geschaffen werden. So findet sich in der Digitalen Agenda eine Regelungsabsicht im Hinblick auf die Störerhaftung, die ihren Platz ebenso im Themenfeld Internetzugang beansprucht – und zwar unter dem Stichwort Zugangsmix. Denn darum wird es in Zukunft gehen: vielfältige Zugänge zu schaffen, um die Angebote des Internets adäquat und flächendeckend zu nutzen. Einen Gesetzesentwurf zu öffentliche WLANs dürfen wir daher „in Kürze“ erwarten.

Das naheliegende Thema Netzneutralität jedoch könnte in seiner Konkretheit nicht peripherer erwähnt sein. Über Monate hinweg konnten wir öffentliche Expertenbefragungen im Ausschuss Digitale Agenda sowie Diskussionsveranstaltungen im Wirtschaftsministerium zum Für und Wider von Netzneutralität und Spezialdiensten verfolgen. Einziges Desiderat daraus ist die Absicht zur gesetzlichen Verankerung und eine Fortsetzung der Diskussionen. Bis zur konkreten Umsetzung, von der nicht klar ist, wann sie auch nur entworfen werden soll, dürften uns also noch zahllose solcher Veranstaltungen im Ungewissen lassen.

2017 – Und dann?

Beim Ausbau der wichtigen Zugangsinfrastruktur wird es in Zukunft nicht reichen, positive Anreize zu setzen, um die demografische und regionale digitale Spaltung zu bremsen. Vielmehr steht der Bund – und mit ihm ein prinzipiell zuständiger Minister – in der Verantwortung, die Versorgungsfähigkeit lokaler und bürgerinitiativer Breitbandprojekte, die oftmals direkt auf Glasfaser setzen, durch nachhaltige Rahmenbedingungen und den Zugang zu günstigen Fördermitteln zu gewährleisten. Insgesamt kommt es neben dem Technologie- und dem Zugangsmix also auch auf einen Mix an Akteuren an, um Deutschland bedarfsgerecht und effizient in die flächendeckend vernetzte Zukunft zu steuern.

Konkrete Fahrpläne, wie sie zum Beispiel die europäische Digitale Agenda bereithält, bleiben insgesamt jedoch vage. Hier wird es bei den kommenden Gesetzgebungen auf die konkrete Umsetzung sowie die Einbindung der Endnutzer-Perspektive ankommen. Bis dahin bleibt die Agenda zunächst, was sie ist: ein Aufgabenheft im Konjunktiv. Wer allerdings die Lösung aller Baustellen der digitalen Welt in einem Dokument und noch dazu aus der Feder unterschiedlicher Ressorts erwartet hat, darf nicht enttäuscht sein, dass diese Fantasie sich nicht erfüllt hat. Vielmehr sind nun unsere Netzpolitiker – auch im Ausschuss Digitale Agenda – gefragt, den gesetzlichen Rahmen für den Netzausbau kongruent und nachhaltig zu gestalten.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Politik-Digital.de und steht unter CC BY-SA 3.0.


Image (adapted) “Unplugged – no computer, no internet, possible?“ by photosteve101 (CC BY 2.0)


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14. Berliner Hinterhofgespräch: Digitale Agenda

Im 14. Berliner Hinterhofgespräch besprechen wir heute mit unseren Gästen die Digitale Agenda der Bundesregierung. // von Tobias Schwarz

Tango

Am Donnerstag präsentierten die drei Bundesminister Sigmar Gabriel, Thomas de Maizière und Alexander Dobrindt die erst am Morgen vom Kabinett abgesegnete Digitale Agenda. Mit dem netzpolitischen Regierungsprogramm will die Große Koalition bis zum Ende der Legislaturperiode die Weichen für die digitale Zukunft Deutschlands legen. Zusammen mit unseren Gästen wollen wir die Digitale Agenda besprechen.

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5 Lesetipps für den 22. August

In unseren Lesetipps geht es heute um die Digitale Agenda, die Deutsche Welle kündigt einer Bloggerin, BuzzFeed, Bürgerpflicht gegen Trolle und die Top 25 mobiler Apps. Ergänzungen erwünscht.

  • DIGITALE AGENDA EAID: Was bringt die Digitale Agenda für den Datenschutz und die Informationsfreiheit?: Über das Digitalprogramm der Bundesregierung namens „Digitale Agenda“ gibt es leider kaum was Gutes zu sagen, denn im Jahr 2014 hätte die Politik weiter sein sollen und sich Ziele setzen, die nicht schon das Erreichte anderer Länder unterbieten und sogar teilweise einen Rückschritt zum Koalitionsvertrag darstellen. Der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar hat sich mit dem Bereich Datenschutz und Informationsfreiheit beschäftigt und trotz des durchwachsenen Ergebnisses positive Anknüpfungspunkte entdeckt.

  • DEUTSCHE WELLE NYTimes.com: German Broadcaster Fires Chinese Blogger: In China entwickelt sich für die Deutsche Welle eine kleine Staatsaffäre, die es in sich hat. Hauptakteure sind die Bloggerin Su Yutong, der mir aus langen Nächten des Politikstudiums bekannte Autor Frank Sieren und das Tiananmen-Massaker von 1989. Ytong wurde wegen kritischer Tweets gekündigt, in dem sie sich darüber beschwerte, dass weniger kritischen Artikeln, vornehmlich von Frank Sieren, mehr Platz eingeräumt wurde und dieser auch noch die Geschehnisse des Sommers 1989 relativierte. Eine heikle Entscheidung der Deutsche Welle, denn auch wenn Yutongs Art und Weise der Kritik gegenüber einem Kollegen unangebracht war, scheint ihre Kritik nicht unberechtigt zu sein.

  • BUZZFEED Badoink: Things Are Looking Good for BuzzFeed: Neuigkeiten stehen in Ivor Irwins Artikel über BuzzFeed nicht drin, aber er führt einem mit wenigen Worten nochmals vor Augen, wie extrem anders BuzzFeed funktioniert, wieso sie damit Erfolg haben und warum Algorithmen in Zukunft der wichtigste Aspekt für Medienunternehmen sein werden. Das die das einem nicht glauben, ist klar. Aber hier stand es dann, lange bevor es passierte. Zeitungen haben nur noch als Nischenprodukt eine Zukunft.

  • TROLLE Zeit Online: Lasst die Trolle verhungern: Einen x-ten „Füttere die Trolle nicht!“-Artikel würde ich hier kaum empfehlen, auch wenn er von Zeit Online-Chefredakteur Jochen Wegner kommt, aber es sind seine hier tiefer gehenden Gedanken, die den Artikel lesenswert machen. Er sorgt sich zwar darum, dass die nicht existierende Utopie „einer digitalen Agora, in der Gleiche mit Gleichen frei kommunizieren, ungefiltert und unverfälscht“ in Gefahr ist, trifft aber einen Punkt, wenn er als neue Bürgerpflicht ansieht, auch bei der Kommunikation im Internet eine Form von Courage zu zeigen, denn Gesetze wie ein „Vermummungsverbot im Internet“ würde mehr Freiheiten kosten als uns lieb wäre. Es liegt wohl an uns allen Trollen entgegen zu treten, wenn wir sie sehen, auch wenn das im Widerspruch zur Überschrift steht.

  • MOBILE FIRST Quartz: These are the 25 most popular mobile apps in America: Dan Frommer listet auf Quartz die 25 meistgenutzten Mobile-Apps in den USA auf und zu meiner Überraschung ist der von Facebook gekaufte Messenger WhatsApp nicht dabei, aber der Kik Messenger auf Platz 25. Ansonsten bleibst festzuhalten, dass Facebook die Liste mit Abstand anführt, Google aber die meisten Apps auf der Liste platzieren konnte und Yahoo sich ganz ordentlich anstellt. Microsoft sollte mal (wieder) alles grundlegend überdenken.

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Digitale Agenda: Deutschland verliert die IT-Expertise

CeBit Delegation 01 022 (adapted) (Image by Sterling Communications [CC BY 2.0], via flickr)

Schon vor vier Jahren wollte Bundeskanzlerin Angela Merkel Deutschland mit einem schnellen Internet von mindestens 50 Megabit pro Sekunde erfreuen und sprach auf IT-Gipfeln bereits von Visionen einer Gigabit-Gesellschaft. Über durchschnittlich 7 Megabit sind wir bislang nicht hinaus gekommen. Mit der „neuen“ Digitalen Agenda, auf die man sich heute im Kabinett geeinigt hat, soll der Sprung bis 2018 erreicht werden – ein Jahr nach der nächsten Bundestagswahl.

Es solle „darauf hingewirkt werden, die europäischen wie nationalen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sich Investitionen auch im ländlichen Raum lohnen„. Der Bund wolle sich beim EU-Kommissar für eine Rahmenregelung einsetzen, die den Breitbandausbau „in unbürokratischer, technologieneutraler und wettbewerbsfreundlicher Weise ermöglicht„. Alles wieder leere Absichtserklärungen, die im ministerialbürokratischen Moloch zu Tode verwaltet werden, auch wenn sich Innenminister Thomas de Maizière, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Verkehrsminister Alexander Dobrindt auf einen Minimalkonsens geeinigt haben.

Keinen einzigen Cent macht der Bund locker, um Deutschland eine zukunftsfähige Daten-Infrastruktur zu spendieren. Entsprechend groß ist das Erstaunen und Erschrecken bei den Experten von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.

Rahmenbedingungen vergraben keine Kabel

Wenn Politiker von Rahmenbedingungen plaudern, sei das ein politischer Code für „kein Geld, nur Gesetze„, so Sascha Lobo. Rahmenbedingungen vergraben eben keine Kabel. Verwundern könne das nicht. „Ein Megabit reiche doch„, das habe Lobo noch beim IT-Gipfel 2011 von Mitarbeitern des federführenden Wirtschaftsministeriums gehört. In Südkorea bastelten sie da schon am Sprung zu 100-Megabit-Leitungen, um den Wandel zur Netzökonomie voranzutreiben.

Den Hauptgrund, warum wir uns die digitale Rückständigkeit nicht leisten können, hat Lobo simpel zusammengefasst: „Es gibt zwei Arten von Unternehmen: diejenigen, deren Geschäft sich durch die Datenökonomie verändert. Und diejenigen, die noch nicht wissen, dass ihr Geschäft sich durch die Datenökonomie verändert.“ Und das liegt nicht an den Marketing-Ausgaben für irgendwelche Facebook-Präsenzen oder Investitionen für die Suchmaschinen-Optimierung. Vielmehr greife die digitale Vernetzung tiefer, als man zunächst vermuten würde, in die Geschäftsmodelle fast aller Branchen ein.

Betriebssysteme auf klingonisch

Habe man vor rund zehn Jahren Jugendliche gefragt, welches Handy sie haben, war ihre Antwort vermutlich: „Ein Nokia.“ Heute sagen sie: „Ein Android.“ „Der Unterschied? Beim ersten war das entscheidende Kriterium die Hardware, beim zweiten ist es die Software. Und zwar die vernetzte Software. Genau dafür braucht man überall schnelles Netz. Vernetzte Software dringe via Schlagworte wie „Cloud“, „Big Data“ und „Business Intelligence“ in alle möglichen Bereiche der Wirtschaft ein, von Medien bis Medizin, von Mobilität bis Maschinenbau, von Marketing bis Finanzwirtschaft„, schreibt Lobo. Die Verschiebung von der Hardware zur Software zur vernetzten Software sei die entscheidende Entwicklung der nächsten Jahre. Und wie viele Internetkonzerne sind im DAX noch mal gelistet, um auf diesem Feld Akzente zu setzen? Null, nischta, nix. Was ist die Folge?

VW, BMW, Mercedes schließen Verträge mit – Überraschung! – Apple und Google. Es lässt sich der Zeitpunkt absehen, wo diese Allianzen umschlagen können wie einst die Allianz zwischen IBM und Microsoft„, bemerkt Lobo. 15 Jahre später verabschiedete sich IBM aus dem Geschäft mit Personal-Computern und Microsoft war der größte Tech-Konzern der Welt. Jetzt zählen Apple und Google zu den wichtigsten Digitalkonzernen und werden sich sicherlich nicht von den vollmundigen Industrie-4.0-Gesängen der Wirtschaftslobbyisten in Deutschland beeindrucken lassen. Die Software unserer Autohersteller, die im PKW immer relevanter wird, sei niemanden zuzumuten, meint Sascha Lobo.

Warum habe VW vermutlich die besten Sowieso-Einspritzer der Welt, aber die Spracherkennung wirkt wie auf klingonisch programmiert? Und die Bedienkonzepte der Touchscreens deutscher Autos fühlten sich an wie Geldautomaten der 90er-Jahre. Was wir vom Smartphone gewöhnt sind, verlangen wir auch bei allen anderen Produkten.

De Maizière macht den Morozov

Wer das anprangert, wird vom prosafreudigen Innenminister in die Kategorie naiver Techno-Optimist eingetütet. Eine Typologisierung, die sich der liebwerteste Sicherheits-Gichtling für einen „FAZ“-Gastbeitrag bei der Dauersirene Evgeny Morozov ausgeliehen hat. Morozov verortet drei Personengruppen bei der Bewertung des digitalen Wandels: die Techno-Pessimisten, die Techno-Optimisten sowie die Techno-Agnostiker. Intellektuelle Sandkastenspielchen ohne empirische Unterfütterung. Einfach mal so hingeschrieben, um irgendwie die Naivlinge des Silicon Valley anzupinkeln.

Maizière schwingt die Morozov-Keule gleich in Richtung der gesamten „Netzgemeinde“, um die niederschmetternde Kritik an der Netzpolitik seiner Regierung mit Teflonpfannen-Rhetorik abzuwehren. Dennoch wolle er das schnellste und sicherste Netz in Deutschland schaffen. Wie im Koalitionsvertrag der GroKo schreibt der Innenminister viel über Sicherheit und wenig über die Modernisierung der digitalen Infrastruktur. Irgendwann habe ich aufgehört, im „FAZ“-Beitrag die Häufigkeit des Wortes „Schutz“ zu zählen.

Je gravierender die Risiken, desto höher müssten die Anforderungen an Schutzvorkehrungen sein. Auf freiwilliger Basis bestehende Angebote und Initiativen in Anspruch zu nehmen reicht hier nicht mehr aus! Der Staat müsse deshalb „Sicherheitsgurte für die IT der kritischen Infrastrukturen“ einführen. Wird dann ein Melderegister eingeführt? Schafft man eine Cyber-Polizei, um Verstöße gegen die Meldepflicht aufzuspüren? Und bestimmt ist schon ein umfassender Bußgeld-Katalog in Arbeit, um den Ungehorsam bei der Meldepflicht zu ahnden. Das klingt nicht nach digitalen Visionen, sondern nach der Notwendigkeit eines Sondereinsatz-Kommandos, um das Überleben im Cyber-Krieg zu sichern. So wird das nichts mit der digitalen Kompetenz, Herr Minister. Bitte sagen Sie das Ihren Redeschreibern.

Größtmöglichster Unfug

Was soll man mit solchen Formulierungen anfangen? „Wir wissen, dass wir beim Thema ‚IT-Sicherheit‘ verstärkt global denken müssen. Die Basis hierfür ist ein entschlossenes nationales Handeln Deutschlands. Die IT-Systeme und digitalen Infrastrukturen Deutschlands sollen die sichersten weltweit werden. Mit dem IT-Sicherheitsgesetz wollen wir international Vorreiter und Vorbild für die Entwicklung in anderen Ländern sein und so nicht zuletzt auch die deutschen IT-Sicherheitsunternehmen stärken und ihnen verbesserte Exportchancen eröffnen“, heißt es seitens der Bundesregierung. Aber was soll man mit solchen Formulierungen anfangen?

Das sei der größtmögliche Unfug, moniert Innovationsberater Jürgen Stäudtner: „Das Beispiel der De.Mail oder der elektronischen Patientenkarte zeigt, dass nur bürokratische, industriefreundliche Ungeheuer entstehen, die sich eben nicht durchsetzen„, so der Cridon-Geschäftsführer. Ist das nun ein Ausfluss von naivem Techno-Optimismus, den da ein Praktiker der Wirtschaft artikuliert? Oder das kritische Urteil von Personalmanager Thomas Sattelberger über die IT-Expertise in Deutschland: „Die USA sind das Digital House der Welt geworden und China das Maschinenhaus der Welt. Damit ist Deutschland im Sandwich zwischen digitaler Innovation und effizienter Produktion aus Asien. Zugleich entwickeln sich neue Felder wie IT, Biotech und Big-Data-Management in dramatischer Geschwindigkeit. Hier spielt Deutschland kaum eine Rolle.“ Auch nur naive Techno-Optimisten oder Techno-Agnostiker?

Die digitalen Naivlinge sitzen wohl eher am Kabinettstisch von Neuland-Kanzlerin Merkel. Diese Bemerkung sei mir gestattet, wo doch der Innenminister so gerne klassifiziert. Hinweis an Facebook: Dieser Beitrag ist keine S A T I R E!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.


Image (adapted) “DeBit Delegation 01 022“ by Sterling Communications (CC BY 2.0)


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