Die Industrielle Revolution lehrt uns die Zukunft der Automatisierung von Arbeit

Während sich die Automatisierungstechnik und die künstliche Intelligenz stetig verbessert, sorgen sich viele Menschen über die Zukunft der Arbeit. Was werden die Menschen tun, sorgt sich so mancher, wenn Millionen Menschen keinen Job mehr haben? Wie werden sie sich und ihre Familien versorgen und welche Veränderungen werden eintreten (oder sind nötig), damit sich die Gesellschaft anpasst?

Viele Ökonomen sagen, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. Sie weisen darauf hin, dass große historische Veränderungen der Arbeit an sich und des Arbeitsmarktes – vor allem die Industrielle Revolution zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert – nicht zu wesentlichen sozialen Umbrüchen oder weit verbreitetem Leiden geführt haben. Diese Ökonomen sagen, dass die Menschen andere Jobs finden, wenn die Technologie Jobs zerschlägt. So lautet die Aussage eines Wirtschaftswissenschaftlers:

„Seit dem Beginn des industriellen Zeitalters besteht die wiederkehrende Angst, dass der technische Wandel eine Massenarbeitslosigkeit hervorbringen wird. Neoklassische Ökonomen sagten voraus, dass dies nicht geschehen wird, weil die Menschen andere Jobs finden werden, wenn auch möglicherweise erst nach einer langen Phase der schmerzhaften Anpassung. Im Großen und Ganzen hat sich diese Voraussage als korrekt erwiesen.”

Und sie haben Recht, wenn sie von der langen Phase der schmerzhaften Anpassung reden. Die Nachwirkungen der Industriellen Revolution beinhalteten zwei große kommunistische Revolutionen, die Zahl der Todesopfer betrug hier nahezu 100 Million. Der stabilisierende Einfluss des modernen Wohlfahrtsstaats zeichnete sich erst nach dem zweiten Weltkrieg ab, fast 200 Jahre nach dem Beginn der Industriellen Revolution im 18. Jahrhundert also.

Heutzutage, wo die Globalisierung und Automatisierung die Unternehmensproduktivität dramatisch steigern, stagnieren die Löhne. Die zunehmende Leistung der Automatisierungstechnologie und künstlicher Intelligenz bedeutet, dass noch mehr Schmerz folgen könnte. Bagatellisieren diese Ökonomen die historischen Aufzeichnungen, wenn sie die Zukunft voraussagen, indem sie uns im Wesentlichen sagen, wir sollen uns keine Sorgen machen, weil sich die Dinge in ein oder zwei Jahrhunderten bessern werden?

Der Wendepunkt ist erreicht

Um von der Industriellen Revolution zu lernen, müssen wir sie in den richtigen historischen Kontext setzen. Die Industrielle Revolution war ein Wendepunkt. Über viele tausend Jahre vorher war wirtschaftlicher Wachstum praktisch vernachlässigbar, grundsätzlich folgte er dem Bevölkerungswachstum: Die Bauern bauten mehr an als vorher, die Schmiede stellten mehr Werkzeuge her, aber die Menschen der frühen Ackerbaugesellschaften Mesopotamiens, Ägyptens, Chinas und Indiens hätten ihre Welt im Europa des 17. Jahrhunderts durchaus wiedererkannt.

Als aber Dampfkraft und industrielle Maschinen im 18. Jahrhundert hinzukamen, hob die wirtschaftliche Aktivität ab. Das Wachstum, das hier in einigen wenigen Jahrhunderten stattfand, war auf einer ganz anderen Skala wiederzufinden als alles, das vorher geschehen war. Jetzt gerade könnten wir an einem ähnlichen Wendepunkt, der von manchen als „vierte Industrielle Revolution“ bezeichnet wird, stehen. Jetzt erscheint alles, was in der Vergangenheit passiert ist, unbedeutend im Vergleich zu der potenziellen Produktivität und Profitabilität der Zukunft.

Eine falsche Vorhersage

Schnell unterschätzt man die Auswirkung von Globalisierung und Automatisierung, die da kommen mag – ich habe das selbst auch getan. Im März 2000 erreichte der NASDAQ Composite Index einen Höchststand und brach dann ein, womit er acht Billionen US-Dollar an Marktbewertungen innerhalb der folgenden zwei Jahre mit sich riss. Zur selben Zeit ermöglichte die globale Ausbreitung des Internets das Offshore-Outsourcing von Softwareproduktionen, was zu der großen Angst führte, dass Jobs in der Informationstechnologiebranche im großen Stil verschwinden könnten.

Die Association for Computing Machinery machte sich Sorgen darüber, was diese Faktoren für die Computerausbildung und Beschäftigung in der Zukunft bedeuten könnten. Ihre Studiengruppe, bei der ich Mitvorsitzender war, berichtete im Jahr 2006, dass es keinen wirklichen Grund gäbe, zu glauben, dass die Jobs in der Computerindustrie aus höher entwickelten Ländern abwandern würden. Die vergangene Dekade hat diesen Schluss untermauert.

Unser Bericht gestand aber zu, dass „Handelsgewinne unterschiedlich verteilt werden könnten“, was bedeutet, dass manche Individuen und Regionen Gewinn und andere Verlust machen würden. Außerdem war es eng auf die Informationstechnologieindustrie fokussiert. Hätten wir auf die Breitenwirksamkeit von Globalisation und Automatisierung in der Wirtschaft geachtet, hätten wir die größeren Veränderungen, die damals schon um sich griffen, möglicherweise gesehen.

Ausbreitung in der Herstellung

In beiden Industriellen Revolutionen, der ersten und der heutigen, schlugen sich die ersten Effekte in der Herstellung in der entwickelten Welt nieder. Durch den Austausch von Arbeitern durch Technologie verdoppelte sich die amerikanische Fertigungsproduktivität ungefähr zwischen 1995 und 2015. Als Ergebnis daraus erreichte die Beschäftigungsrate einen Höchststand um 1980 und nahm seit 1995 steil ab, während das Produktionsvolumen heutzutage ein Rekordhoch verzeichnet.

Anders als im 19. Jahrhundert aber verbreiten sich die Auswirkungen von Globalisierung und Automatisierung in den Entwicklungsländern. Die „Elephantenkurve“ des Ökonomen Branko Milanovic zeigt, wie Menschen, die 1998 nach ihrem Einkommen geordnet wurden, ein steigendes Einkommen bis zum Jahr 2008 erleben durften. Während das Einkommen der Armen stagnierte, führten die steigenden Einkommen in Schwellenländern hundert Millionen Menschen aus der Armut. Menschen, die an der Spitze der Einkommensskala standen, profitierten ebenfalls von der Globalisierung und Automatisierung

Das Einkommen der Arbeiter- und Mittelklasse in den entwickelten Ländern stagnierte allerdings. In Amerika ist beispielsweise das Einkommen von Produktionsmitarbeitern heutzutage inflationsbereinigt genauso hoch wie um das Jahr 1970. Nun kommt die Automatisierung auch in die Entwicklungsländer. Ein aktueller Bericht der International Labor Organization fand heraus, dass mehr als zwei Drittel der 9,2 Million Jobs in der südostasiatischen Textil- und Schuhbranche durch die Automatisierung gefährdet sind.

Das Ausmaß der Probleme anerkennen

Automatisierung und künstliche Intelligenz breiten sich nicht nur über die Welt aus, sie durchdringen auch ganze Wirtschaftssysteme. Buchhalter, Anwälte, Berufskraftfahrer und sogar Bauarbeiter – deren Jobs im Großen und Ganzen von der ersten Industriellen Revolution unbeeinträchtigt blieben – werden miterleben, wie sich ihre Arbeit wesentlich verändert, wenn sie nicht ganz von Computern übernommen wird.

Bis vor kurzem erkannte die gut ausgebildete berufliche Klasse, die auf der ganzen Welt vertreten ist, nicht, was mit der Arbeiter- und Mittelklasse in entwickelten Ländern geschah. Aber jetzt wird es auch mit ihnen geschehen. Die Ergebnisse werden alarmierend sein, zerstörerisch und unter Umständen lange anhalten. Die politischen Entwicklungen des letzten Jahres machen deutlich, dass das Thema des gemeinsamen Wohlstands nicht ignoriert werden kann. Es ist inzwischen offensichtlich, dass die Brexit-Abstimmung im Vereinigten Königreich und die Wahl des Präsidenten Donald Trump in Amerika zu einem Großteil durch sozioökonomische Missstände angetrieben wurden.

Unsere aktuelle Lage in Wirtschaft und Gesellschaft wird sich in bedeutender Weise verändern, ohne dass wir die Möglichkeit einfacher Abhilfen oder Anpassungenen haben, um ihre Auswirkungen zu verringern. Wenn man aber versucht, wirtschaftliche Vorhersagen zu treffen, die auf der Vergangenheit basieren, lohnt es sich, sich die Zurückhaltung des angesehenen israelischen Ökonomen Ariel Rubenstein aus seinem Buch „Economic Fables“ (2012) in Erinnerung zu rufen und diese zu praktizieren:

„Ich bin sehr damit beschäftigt, jede Interpretation zu verleugnen, dass ökonomische Modelle Schlussfolgerungen mit echtem Wert erzeugen.“

Rubinsteins Grundbehauptung, dass ökonomische Theorie uns mehr über ökonomische Modelle als über die wirtschaftliche Wirklichkeit verrät, ist eine Warnung: Wir sollten nicht nur auf Wirtschaftswissenschaftler hören, wenn es darum geht, die Zukunft der Arbeit vorherzusagen; wir sollten auch den Historikern zuhören, die ihren Vorhersagen oftmals eine tiefere historische Perspektive geben. Die Automatisierung wird das Leben vieler Menschen erheblich verändern, und zwar auf möglicherweise schmerzhafte und langanhaltende Weise.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Kohlekraftwerk“ by 526663 (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Moshe Y. Vardi

Moshe Y. Vardi

ist Professor für Informatik an der Rice Universität und unter anderem Direktor des Ken Kennedy Institute für Informationstechnologie. Zudem gilt er als Experte für Modellprüfung, Datenbanktheorie und theoretische Informatik.

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