Wie wir die Nachbarschaft digital verbessern können

Für viele Menschen ist es wichtig, eine gute Beziehung zu den Nachbarn zu haben. Wer auf dem Land wohnt, kennt seine Nachbarn meistens. Doch in Großstädten leben die Menschen oft sehr anonym und kennen ihre Nachbarn nur selten.

Mir geht es ähnlich. Ich wohne seit etwa einem Monat in einer Wohnung in Hamburg, wer in meiner Straße wohnt, weiß ich immer noch nicht.  Aber auch die meisten Leute in meinem Haus kenne ich nicht. Bis auf ein kurzes „Hallo“ im Flur hat man keinen Kontakt zueinander. Doch vor kurzer Zeit hatte ich plötzlich Post von meinen Nachbarn im Briefkasten – und zwar einen Flyer von der Plattform nebenan.de.

Soziale Netzwerke für Nachbarn

Plattformen wie nebenan.de, nachbarschaft.net, wirnachbarn.com und die App Roundhere setzten sich für bessere Nachbarschaften ein. Sie verbinden sich mit interessierten Nachbarn und verteilen Flyer. „Wir sind eine Gruppe von Anwohnern, die ihre Nachbarn besser kennenlernen und die Gemeinschaft untereinander stärken möchten“, stand auf meinem Flyer. Mithilfe meiner genauen Adresse und einem auf dem Flyer angegebenen Passwort konnte ich mich auf der Website anmelden. Durch das Passwort haben wirklich nur echte Nachbarn Zugang zu den Inhalten einer Nachbarschaft. 

Im Gegensatz zu sozialen Netzwerken wie Facebook geht es bei den Nachbarschafts-Portalen nicht darum, sich mit der ganzen Welt zu vernetzten, sondern nur mit den direkten Nachbarn. „Wir denken den Begriff soziales Netzwerk anders und neu. Oft fallen einem zu dem Begriff Schlagwörter wie Datenschutz, Fakeprofile und Shitstorm ein. Die Währung unseres Konzepts heißt Vertrauen. Dass man sich bei uns nur unter richtigem Namen anmelden kann, hat immense Auswirkungen auf die Art und Weise, wie die Menschen miteinander umgehen“, bemerkt Ina Brunk, Mitgründerin von nebenan.de im Interview mit dem Netzpiloten- Magazin „Hello-Familie“.

Sharing Economy funktioniert auch in der Nachbarschaft

Aber es geht nicht nur darum, seine Nachbarn kennenzulernen. Die Nutzer geben sich Empfehlungen zu Ärzten oder Handwerkern, vermitteln Dienstleister wie Babysitter und leihen sich Gegenstände aus. Auch gemeinsame Veranstaltungen wie Grill- oder Straßenfeste können dort geplant werden.

„Wir dachten, dass das pragmatischer wird: dass man sich für bestimmte Themen und Interessen zusammenschließt – zusammen joggen, eine Leiter borgen. Aber die Menschen scheinen ein großes Bedürfnis nach nachbarschaftlichen Beziehungen zu haben, die darüber hinausgehen“, so Ina Brunk. Ihr Co-Gründer Christian Vollmann kam auf die Idee für diese Plattform, weil er schon ein Jahr in seiner Wohnung lebte und trotzdem noch keinen seiner Nachbarn kannte. Er klingelte einfach mal bei seinen Nachbarn und stellte sich vor – so wie man das früher eben machte. Weil das gut funktionierte, kam ihm die Idee zu dem Online-Netzwerk für Nachbarn.

„Wir wollen die Interaktion in der realen Welt nicht ersetzen, sondern sie wieder beleben – mithilfe des Internets. Und tatsächlich: Fast alles, das auf nebenan.de stattfindet, wird im echten Leben weitergeführt oder findet dort seinen Abschluss.“, stellt Ina Brunk fest. Die Motivation zur Gründung von nebenan.de war der häufig stiefmütterliche Umgang mit den Nachbarn. Denn gerade die Nachbarschaft gibt Antworten auf die großen gesellschaftlichen Themen wie demographischer Wandel, Anonymisierung der Gesellschaft und nachhaltiger Umgang mit Ressourcen. Außerdem sind die Gründer überzeugt, dass die Nachbarschaft neben Familie, Freunden und dem Beruf die dritte wichtige soziale Säule für das menschliche Wohlbefinden ist.

„Diese Nachbarschaftsportale bezeugen ein Bedürfnis, irgendwo anzukommen in einer hektischen, rastlosen Welt, in der wir durch Studiengänge oder Jobs quer durch Europa geschleudert werden. Plötzlich ist der Wunsch nach Verankerung wieder da“, bestätigt Martin Herrndorf, Mitinitiator der Initiative Agora.

Es kommt Bewegung in die Nachbarschaften

In den USA haben sich diese Portale schon stark verbreitet. Im Vergleich dazu sind die Mitgliederzahlen in Deutschland noch relativ gering, aber vor allem in Großstädten ist die Tendenz steigend. „Mittlerweile gibt es mehr als 1000 Nachbarschaften in etwa 30 Städten in ganz Deutschland“, fasst Brunk zusammen.

In meiner Nachbarschaft kam das Netzwerk bisher sehr gut an. Es haben sich bereits viele Nachbarn angemeldet und Beiträge veröffentlicht. Außerdem freuten sich die Leute über neue Kontakte und den Austausch untereinander.

Hier geht es zur gesamten Edition rund um das Thema Nachbarschaft: Hello-Familie.de


Image „Washington“ by tpsdave (CC0 Public Domain)


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Marina Blecher

Marina Blecher

kommt aus Siegen und ist derzeit Praktikantin in der Redaktion der Netzpiloten in Hamburg. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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