All posts under new work

#NWX19: Neue Arbeit als Unterhaltung

Vorbemerkung: Falls mein Text als eine Kritik an der New Work Experience 2019 verstanden wird, möchte ich zu bedenken geben, dass es mehr als 30 Stunden Programm auf sieben Bühnen mit über 40 Speakern gab. Dies wäre auch nicht meine Absicht gewesen. Dieser Text legt deshalb einen Fokus auf meine Gedanken zu den beiden Keynotes der Veranstaltung, die nahezu alle Teilnehmer vor Ort besucht haben.

Ich möchte nicht despektierlich klingen, aber auf einer Veranstaltung wie der New Work Experience (NWX) von der Xing SE, die sich womöglich bald in New Work SE umbenennen wird, fühle ich mich immer etwas fremd am Platz. Die meisten der Gäste sind wesentlich älter als ich, haben oft schon beachtliche Karrieren in großen Unternehmen hinter sich, besitzen teurere Uhren und weißere Turnschuhe, aber dafür ältere Smartphones als ich. Vor allem sind sie durch solche Veranstaltungen auch viel mehr zu begeistern als ich.

Mir fällt es sehr schwer, dieses Publikum richtig einzuschätzen. Der Enthusiasmus wirkt ehrlich. Frank Schabel von Hays wird gerne mit dem Satz zitiert, dass wer vom Wandel profitieren will, ihn begrüßen muss. Ich muss sagen, dass ich diese Grundeinstellung nahezu bei jedem Gast auf der New Work Experience gespürt habe. Und doch nehme ich einen Unterschied zu mir wahr. Man begrüßt das Unbekannte, nicht aber das Vertraute. Dies akzeptiert man, nimmt es als gegeben an und sieht darin nichts Neues mehr.

Laloux: Es gibt zwei Sorten von Neue Arbeit

So ging es mir auch mit der zweiten Keynote. Der Vortrag des belgischen Organisationsforschers Frederic Laloux, einer der beiden männlichen Keynote-Speaker, bekam euphorischen Applaus. Wer sich mit dem Wandel der Arbeitswelt beschäftigt, steht auf Laloux. Obwohl er nur wieder das von ihm bekannt gemachte Beispiel des niederländischen Pflegedienstes Buurtzorg vorstellte. Lalouxs Buch „Reinventing Organizations“ (Provisionslink) aus dem Jahr 2014 schien dem Publikum vollkommen unbekannt zu sein.

Interessant war die These von Laloux, dass es zwei Sorten von Neue Arbeit gibt: Neue Arbeit als Werkzeugskiste mit lauter kleinen, tollen Formaten, die man einzeln im Unternehmen einsetzt, und Neue Arbeit als eine ganz neue Weltanschauung und damit auch einer ganz anderen Art zu Denken. Diese Trennung erscheint mir sinnvoll. Sie erklärt, wie deutsche Traditionsunternehmen sich als Verfechter von Neue Arbeit darstellen können und trotzdem ihren eigenen Mitarbeitern nahezu keine Handlungsmacht abgeben.

Frederic Laloux spricht auf der New Work Experience 2019 (Image: Tobias Kremkau)

Arbeit ist aber ein Gestaltungsakt, erklärt der Neurobiologe Gerald Hüther, der vor Laloux die erste Keynote hält. Ob und wie Menschen ihre Arbeit gestalten können, ist deshalb entscheidend. Der Aspekt der Handlungsfreiheit, statt nur eine Wahlfreiheit zu besitzen, ist der Kern der Ideen von Neue Arbeit, wie Frithjof Bergmann sie einst in seinem Buch „Neue Arbeit, neue Kultur“ (Provisionslink) beschrieb. Das bringt mich zur Frage, ob sich nach einer Veranstaltung wie der New Work Experience wirklich etwas in den Unternehmen ändert.

Es gibt durchaus auch schon Wandel in den Unternehmen, dies möchte ich gar nicht bezweifeln. Doch der Einsatz einzelner Formate, wie beispielsweise der Besuch der New Work Experience, und wirklich Neue Arbeit zu ermöglichen, sind ja sogar nach Laloux zwei verschiedene Dinge. Der Graben zwischen meiner Realität von Neue Arbeit und der in den die Veranstaltung besuchenden Unternehmen, ist riesig. Dort wird sich schon für eine Duz-Kultur gefeiert. Ein oft genannter „Beleg“ für angewendete Neue Arbeit.

Warum Neue Arbeit – oder warum nicht?

Laloux bringt in seiner Keynote eine Anekdote über die Vorstandschefs der Unternehmen, die ihn um Rat fragen, in der ein wesentlicher Aspekt für Wandel enthalten ist: der Grund. Laloux fragt seine Kunden zu Beginn, warum sie Neue Arbeit implementieren wollen. Eine Kultur kann man einem Unternehmen nicht aufzwingen, sie muss aus einem Grund heraus selbst entstehen. Ich glaube, sie muss auch von Mitarbeitern gefordert werden und nicht von oben verordnet. Die Antwort auf das Warum ist deshalb essentiell.

Hier zeigt sich ein Problem von Unternehmen mit der Idee von Neue Arbeit. Sie ist individuell wahrnehmbar und wird unterschiedlich interpretiert. Es gibt keine anzuwendende Blaupause, wie Neue Arbeit geht. Es kann das Arbeiten in offenen Bereichen sein, aber auch das Home Office oder flexible Arbeitszeit. Der Cubicle gehört genauso dazu wie die Schichtarbeit. Das Wie ergibt sich erst, wenn man das Warum verstanden hat. Das Warum ist eine ein Unternehmen erst in Bewegung setzende Kraft.

Dies sollte Unternehmen eigentlich ganz leichtfallen. Sie sind es gewöhnt, Lösungen und Produkte für die Bedürfnisse von Kunden zu entwickeln. Die Kunden sind im Falle der Unternehmenskultur die eigenen Mitarbeiter. Doch so wie der Kunde als König angesehen wird, müssen es auch die Mitarbeiter. Dies bedeutet aber, Macht abzugeben und Veränderungen zuzulassen. Statt einem Laloux oder Hüther auf der New Wow Experience zuzuhören, sollte man seinen Mitarbeitern zuhören, was sie wirklich, wirklich wollen.


Image by Tobias Kremkau

Weiterlesen »

#SMWHH: Neue Arbeit und ihre Helden

Können Sie sich noch an den Wortlaut der Märchen Ihrer Kindheit erinnern? Oder derer, die Sie vielleicht Ihren eigenen Kindern vorgelesen haben? Vermutlich nicht, jedoch können wir alle noch die Moral dieser Geschichten wiedergeben. Die Narrative hinter den Märchen haben eine langfristige Wirkung und helfen uns, eine eigene Sicht auf die Welt zu entwickeln. Deshalb vergessen wir sie, einmal verinnerlicht, zeitlebens auch nicht mehr.

Diesen Ansatz wählten die beiden Autorinnen Christiane Brandes-Visbeck und Susanne Thielecke, als sie sich dem Thema New Work zuwendeten. Anstatt erklärende Thesen und abgrenzende Definitionen aufzustellen, die dann doch ignoriert werden, haben sie für ihr Buch „Fit für New Work: Wie man in der neuen Arbeitswelt erfolgreich besteht“ (Provisionslink), die Geschichten von Menschen, die Neue Arbeit vorleben, erzählt. Unter anderem auch meine.

Deshalb war ich am Donnerstag der diesjährigen Hamburger Social Media Week auch einer von fünf geladenen Gästen, die die beiden für ihr Buch interviewten und nun auf der Bühne des Altonaer Theaters zum Gespräch baten. Neben mir saßen noch Nico Lumma, Stephan Grabmeier von Kienbaum, Ministry-Agenturchef Andreas Ollmann und WorkGenius-Gründer Daniel Barke mit auf dem Podium.

Digital Heroes (v. l. n. r.): Stephan Grabmeier, Nico Lumma, Andreas Ollmann, Tobias Kremkau, Daniel Barke, Susanne Thielecke und Christiane Brandes-Visbeck, Hamburg 2019

Warum all diese Herren, und ich, für dieses Buch interviewt wurden, wie auch die Karriereberaterin Svenja Hofert und Strategieberaterin Kerstin Hoffmann, erfahren Sie am besten durch Lektüre des oben erwähnten Buches. Darum soll es hier jetzt nicht gehen. Vielmehr möchte ich die wenigen Wissenshappen, die wir fünf redseligen Gäste in diesem 50-minütigen Gespräch wiedergeben konnten, einmal Revue passieren lassen.

Gelebte Expertise zu Neue Arbeit

Andreas Ollmann und Stephan Grabmeier betonten, aus verschiedenen Blickwinkeln, dass das Warum klar sein muss. Sowohl Mitarbeiter, wie auch das Unternehmen, müssen wissen, welchen Sinn die Arbeit hat. Da es bei Neue Arbeit darum geht, dass zu machen, was man wirklich möchte, muss man auch einen Arbeitgeber finden, der die gleichen Werte wie man selbst hat. Ansonsten fühlt sich Arbeit wie Verschwendung von Lebenszeit an.

Was man wirklich machen möchte, kann verschieden sein und ändert sich womöglich auch. Durch Neue Arbeit und der steten Sinnsuche, sollten sich Unternehmen auch viel mehr auf Quereinsteiger*innen einlassen. Daniel Barke setzt da mit seiner Plattform WorkGenius an und bringt qualifizierte Arbeitnehmer*innen mit Unternehmen zusammen. Ein Versuch, bessere Modelle für freie Arbeit zu schaffen – dabei selbstbestimmt und fair.

Dies wird Grundlage einer von Neue Arbeit geprägten Wirtschaft, ob bewusst nach der Philosophie von Frithjof Bergmann ausgerichtet oder aus einem inneren Antrieb heraus, mit einer Brise Lebenserfahrung. Nico Lumma, Managing Partner beim next media accelerator, berichtete aus dem Arbeitsalltag mit Startups. Auch junge Gründer*innen brauchen noch Tipps, beispielsweise Sonnenstunden in Hamburg zu nutzen statt nur zu arbeiten.

Neue Arbeit ist, was man selbst will

Am Ende des Podiumsgespräch kann ich für mich festhalten, dass wir nicht versucht haben, zu definieren, was Neue Arbeit ist. Ein jeder von uns hat einen anderen Blickwinkel auf dem Podium vertreten und wir alle haben aus unseren sehr persönlichen Erfahrungen heraus argumentiert. Neue Arbeit hat nichts mit Tischen aus Europaletten oder Kickertischen zu tun, sondern Menschen, die selber entscheiden dürfen, wie sie arbeiten wollen.


Image by Tobias Kremkau

Weiterlesen »

Netzpiloten @solutions.hamburg

„Digitalisierung ist Teamsport!“ – Wir finden, das ist ein super Motto unter dem in diesem Jahr die solutions.hamburg vom 12. bis zum 14. September stattfindet. Wir Netzpiloten sind gerne mit dabei wenn sich drei Tage lang in einer von Hamburgs besten Locations – der internationalen Kulturfabrik Kampnagel – alles um die große digitale Transformation dreht. Veranstaltet vom Silpion Team werden in verschiedenen Vortragsräumen und Hallen alle Digitalisierungsinteressierten jede Menge Wissenswertes, Trends, Strategien und Lösungsansätze für Unternehmen im digitalen Wandel erfahren.

Was die solutions.hamburg so spannend macht? Das ausgefeilte Programm! Die drei Kongresstage sind unterteilt in drei Themenbereiche, sodass jeder auf seine Kosten kommt. Erlebt den Mittwoch im Zeichen des Strategy Day. Lasst euch hier zeigen, wie digitale Schlüsseltechnologien auf strategischen Ebenen zu erfassen sind. Der Donnerstag widmet sich ganz dem Thema innovative Technologien und Lösungsansätze aus den Bereichen Künstliche Intelligenz oder Virtual Reality. Den Freitag verbringt ihr mit Themen rund um die Technologie. Blickt gemeinsam mit Experten in die Gegenwart und Zukunft und erlangt praktisches Wissen für eure Arbeit im Unternehmen.

Welche Speaker werden da sein?

Die solution.hamburg fährt rund 500 tolle Experten auf. Das macht sie ganz klar zu einem der größten Digitalisierungskongresse. Wir sind gespannt auf inspierende Vorträge wie etwa vom Wissenschaftsjournalisten und Autor Ranga Yogeshwar, der seine Keynote direkt am Mittwoch halten wird. Zudem wird uns Dr. Markus Durstewitz – Innovation Manager bei Airbus – etwas zum Thema Design Thinking erzählen. Spannend wird auch der Vortrag von Jenny Kornmacher, der Projektleiterin der Hamburg Kreativ Gesellschaft, die uns neue Impulse für die Industrie liefern wird. – Und wir freuen uns natürlich auf unseren Blogger-Freund Sascha Lobo!

Welche Formate und Themen erwarten dich?

  • Erfahrungsberichte, Impulsvorträge, Workshops und Netzwerkveranstaltungen
  • Zukunft Kundenkommunikation
  • KI Revolution
  • New Work & Digital Collaboration
  • Blockchain
  • AI in Brand Management
  • Mensch und Technik im Wandel

Und sonst noch?

Mit mehr als 5.000 Besuchern und mit über 400 Sessions, erwartet die Teilnehmer ein immenser Input. Haushaltet schön mit euren Kräften und wählt gut aus ;) Tickets gibt es hier! Wir seh’n uns auf Kampnagel!

Weiterlesen »

Microsoft Surface Hub 2: Bis zu vier Riesendisplays parallel nutzen

SurfaceHub2_Titel ebenfalls

Microsoft hat die zweite Generation seines Großbild-Rechners Surface Hub vorgestellt. Das Surface Hub 2 richtet sich wie sein Vorgänger vor allem an Geschäftskunden und Unternehmen, aber auch Bildungseinrichtungen, die mithilfe des großen Bildschirms ihre Arbeits- beziehungsweise Lernprozesse vereinfachen können. Dazu ist die zweite Generation des Surface Hub nicht nur schlanker und mobiler, sondern lässt sich auch besser mit anderen Surface Hub kombinieren. So lassen sich bis zu vier der 50,5 Zoll großen Riesendisplays zu einer gigantischen Bildschirmfläche zusammenschalten. Zudem können sich nun mehrere Nutzer gleichzeitig an den Windows-10-Geräten anmelden. Das Surface Hub 2 soll laut Microsoft ab dem kommenden Jahr verfügbar sein.

Surface Hub 2 Landschaft ebenfalls
Surface Hub 2 ist 4,5 Zoll kleiner als das kleine Surface Hub und bietet ein Seitenverhältnis von 3:2. Image by Microsoft

Surface Hub 2 für mehr Kreativität im Team

Das Gerät ist mit einem 50,5-Zoll großen 4K-Multi-Touch-Display sowie 4K-Kameras für die Interaktion am Bildschirm ausgestattet. Innovative Funktionen wie die “Dynamische Rotation“ der Kameras, erlauben es, Inhalte in der Portrait- oder Landschaftsansicht intuitiv zu bearbeiten. Die integrierten Lautsprecher und Fernfeld-Mikrofone eignen sich laut Microsoft außerdem besonders für Telefonkonferenzen. Demnach sollen Anwender andere Konferenzteilnehmer so gut hören können, als seien sie im selben Raum.

Microsoft hat ebenfalls das Design des Gerätes optimiert. So ist das Surface Hub 2 schlanker als sein Vorgänger und inzwischen mit Rollständern sowie drehbaren Wandhalterungen von Arbeitsplatz-Experte Steelcase ausgestattet, die das Großbild-Device noch mobiler machen. Außerdem lässt es sich in die jeweilige Arbeitsumgebung integrieren, indem man bis zu vier Devices aneinanderreiht. Das funktioniert sowohl im Hoch- als auch im Querformat. So können mehrere Nutzer gleichzeitig in verschiedenen Anwendungen arbeiten.

Ferner lassen sich mehrere Nutzer an einem Surface Hub 2 zeitgleich anmelden, so dass die Mitarbeiter  gegenseitig auf ihre Dokumente und Ideen zugreifen, diese teilen und zusammenführen können. Dazu unterstützt das Surface Hub 2 entsprechend Kollaborations-Software von Microsoft wie Microsoft Teams, Microsoft Whiteboard, Office 365 sowie die Intelligent Cloud. Schließlich arbeitet Microsoft damit auf seine Vision von einem ganzheitlichen Nutzer-Erlebnis hin, das unabhängig von einem bestimmten Device funktioniert.

Der Surface Hub ist das größte Familienmitglied aus der Surface-Reihe, das für Unternehmen geeignet ist. Daneben bietet Microsoft für kreative Wissensarbeiter mit hohen Ansprüchen an Hardware den All-in-One-Rechner Surface Studio sowie den High-End-Hybriden Surface Book 2 an.

Microsoft Surface bei Amazon (Provisions-Link)


Images by Microsoft

Weiterlesen »

Destination Check: HR Future Day 2018

Destination_Check_Next_HR-Fday

Die Human Ressource Abteilungen in Medienhäusern müssen seit Beginn der Digitalisierung verschiedene Herausforderungen bewältigen. Die Akademie der Deutschen Medien hat dieses Jahr den HR Future Day in Kooperation mit Bommersheim Consulting abgehalten und die aktuell interessantesten Themenfelder diskutiert.

New Work, Employer Branding, HR-Tech, HR-Strategien und Personalentwicklung im digitalen Medienhaus. Mit diesen Themenfeldern hat die Akademie der Deutschen Medien den HR Future Day 2018 angeteast. Und das hat geklappt. Viele Interessenten aus dem Medienbereich haben den Weg ins Literaturhaus München angetreten. Hier haben sie Lösungen für die verschiedensten Herausforderungen ihres Arbeitsalltags gefunden. Ansätze für diese Lösungen sollten die Speaker der Konferenz bringen.

Hier haben die Veranstalter einen Hochkaräter nach dem anderen aufgefahren. Haufe Group, Bertelsmann, TU München, Google Germany, Axel Springer und ProSiebenSat.1 Media. In kurzen Spotlight-Sessions wurden außerdem Gründer von Startups eingeladen, die den Teilnehmern interessante Entwicklungen im HR-Bereich näher gebracht und die Arbeit ihrer Unternehmen erklärt haben. Für WhatsBroadcast war zum Beispiel der Head of Content, Jo Lenz, auf dem HR Future Day. In seiner Session wurde klar, was für eine unglaubliche Power in Messengerdiensten steckt. Außerdem wurde besprochen wie man diese zum Recruiting junger Talente nutzen kann. Hier wurde schnell ein Gespräch zwischen mehreren Teilnehmern gestartet, die ihre Erfahrungen im Recruiting über Messenger teilten und so anderen Lösungen für Probleme mitgeben konnten.

Nah am Mitarbeiter sein

Die einzelnen Speaker haben über verschiedene Themenfelder im HR-Bereich gesprochen. Als Fazit konnte man am Ende jedes Panels allerdings heraushören, dass es immer darum geht, wirklich nahe am Mitarbeiter zu sein. Mária Heydebreck ist HR Business Partner Tech bei Google Germany und gab den letzten Vortrag vor der Mittagspause. Google setzt verstärkt auf Transparenz. Zudem will Google dem Mitarbeiter zeigen, dass im Unternehmen Information kein Machtsymbol sei. Jede Woche findet Donnerstag (TGIAF) oder Freitag (TGIF) der Google Livestream statt. Jeder Mitarbeiter kann diesen Livestream von überall verfolgen und wird über die News der vergangenen Woche informiert.

Von Bertelsmann war Dr. Nico Rose auf dem HR Future Day 2018. In seinem Vortrag setzte er die Konzentration auf positive Psychologie im Arbeitsalltag. Mitarbeiter müssen den Sinn in ihrer Arbeit erkennen und von den Führungspositionen die nötige Anerkennung bekommen. Das ist für Nico Rose der Treiber des Unternehmenserfolgs.

„One size fits all“ wird aussterben

Prof. Dr. Isabell Welpe von der TU München sieht in der richtigen Organisation von New Work den zukünftigen Erfolg der digitalen Medienhäuser. Unternehmen müssen Bewerbern die Chance geben alternative Arbeitsmöglichkeiten zu bieten. Also zum Beispiel im Homeoffice von überall arbeiten zu können. „One size fits all“ wird laut Prof. Dr. Welpe in naher Zukunft aussterben. Auch beim letzten Vortrag, der von Yvonne Riedel gehalten wurde, hört man diesen Ton heraus.

Yvonne Riedel ist Head of Employer Branding bei der ProSiebenSat.1 Mediengruppe. Für sie ist klar: Young Talents müssen sich nicht mehr bei Unternehmen bewerben, sondern Unternehmen bei den Talents. Sie gab den Teilnehmern des HR Future Days mit, dass, wenn man Geld investiert, muss das auf jeden Fall in die Karriereseite fließen! Die perfekte Präsentation ist essentiell, um Bewerber anzuziehen.

Wir waren vom diesjährigen HR Future Day begeistert und fanden die Speaker der Vorträge und Spotlight Sessions sehr interessant. Wie Veranstalter, Speaker und Teilnehmer den HR Future Day wahrgenommen haben, könnt ihr in den folgenden Statements sehen.


Teilnehmer: Dominic Bönisch, Gründer und Geschäftsführer von Joblocal GmbH


Wie ist dein Eindruck vom HR Future Day?

Gutes Spektrum an Referenten und Themen, die von wissenschaftlichen Blickwinkeln, wie Dr. Nico Rose oder Prof. Dr. Welpe bis hin zu konkreten Case Studies am Beispiel Google oder P7S1, gereicht haben. Innerhalb eines Tages konnte man so verschiedensten Input für die eigene HR-Strategie aufsammeln und spart sich das „Vor-Recherchieren“ der eventuell infrage kommenden Themen. Die Veranstaltung ist ein guter Auftakt, um die Themen zu selektieren und dann gezielt zu vertiefen. Super war auch der Austausch mit den Referenten.

Welcher Vortrag war dein Highlight und warum?

Dr. Nico Rose mit seinem „Return on Sinnvestment“ hat mir tolle Gedankenanstöße gegeben, die ich bereits eine Woche später in unserem Managementworkshop umsetzen konnte (zum Beispiel KAARMA für Führungskräfte).

Hat dir etwas gefehlt, oder hättest du über ein bestimmtes Thema gerne mehr gehört?

Working out loud. Gibt es hier Case Studies zur erfolgreichen Umsetzung?!

Würden Sie den HR Future Day weiterempfehlen?

Ja! Definitiv!


Veranstalter: Leonie Rouenhoff, Akademie der Deutschen Medien


Was ist euer Fazit von der Konferenz?

Wir sind begeistert! Der HR Future Day war ein voller Erfolg! Das Programm aus Strategievorträgen und Fallbeispielen von HR-Experten aus der Verlagsbranche, digitalen Vorreitern und Wissenschaftlern ist bei den Teilnehmern sehr gut angekommen. Und das ist natürlich unser schönster Erfolg. Die Diskussion gemeinsamer Fragestellungen rund um die Themen New Work, Employer Branding und HR-Tech und auch der Blick über den Tellerrand auf andere Branchen haben das Event ausgemacht!

Was war euer Highlight?

Die Highlights waren die innovativen Vorträge mit interaktiven Elementen. Schön, dass sowohl interessante Erfolgsbeispiele, aber auch harte Lessons Learned geteilt wurden. Ein Highlight waren natürlich auch die Teilnehmer aus der Medien-, aber auch aus anderen Branchen, die HR-Innovation in ihren Häusern vorantreiben. Es wurde rege mitdiskutiert. Das war eine tolle Atmosphäre, hier im Literaturhaus. Intensiver Austausch und Networking!

Was erwartet ihr vom nächsten HR Future Day?

Was wir erwarten? Die Verlagsbranche befindet sich im stetigen Wandel. Wir hoffen daher, dass sich der HR Future Day inhaltlich so spannend weiterentwickelt wie in den letzten Jahren. Und dass sich der Austausch zwischen den verschiedenen Branchen, zwischen Unternehmen und Startups weiter intensiviert.


Image by Akademie der Deutschen Medien; (adapted) by Nils Hansen

Weiterlesen »

BMW-Testzentrum für autonomes Fahren gibt bei High-Tech-Autos Gas

BMW-Testzentrum für autonomes Fahren

Geht es um selbstfahrende Autos, bestimmen beispielsweise Elon Musks Tesla oder die Google-Tochter Waymo die Schlagzeilen. Die deutsche Autoindustrie trommelt zwar nicht so laut wie die amerikanischen Tech-Konzerne. Dennoch schraubt und rechnet sie ebenfalls an den Autos der Zukunft. Der Autobauer aus München gibt hier besonders Gas und eröffnet heute ein BMW-Testzentrum für autonomes Fahren. Auf dem Autonomous Driving Campus in Unterschleißheim bei München haben Ingenieure und IT-Spezialisten ein klares Ziel: Bis zum Jahr 2021 wollen die 1.800 Mitarbeiter des Testzentrums ein Fahrzeug des Autonomie-Levels 3 marktreif machen. Damit wird es zumindest teilweise nicht mehr auf einen Fahrer angewiesen sein.

Daten, Daten, Daten: Und an die neuronalen Netze denken

Autos unabhängig von einem Fahrer zu machen, ist vor allem eine Rechenaufgabe. Denn die Fahrzeuge müssen in der Lage sein, das komplexe Geschehen aus ihrer Umgebung zu verarbeiten, richtig zu interpretieren und schnell genug in sinnvolle Handlungen umzusetzen. Die Technologie ist in Form von Prototypen schon da. Doch diese reif für den Alltag zu machen, ist noch eine große Herausforderung.

Daher ist das BMW-Testzentrum für autonomes Fahren vor allem ein riesiges Software-Studio mit angeschlossener Serverfarm. Ingenieure, Datenanalysten und Programmierer werden dort die Sensordaten von zunächst 40, ab nächstem Jahr 80 Testautos auswerten und auf dieser Basis Betriebsprogramme für automatisierte Fahrzeuge entwickeln. Dabei wird die Testflotte nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, Israel und China zum Einsatz kommen.

Die Messwerte eines vollautomatisierten Entwicklungsfahrzeugs auf Level 4 (siehe Tabelle) sind so umfangreich, dass sie jeden Tag rund 40 typische Laptop-Festplatten zu je einem Terabyte füllen. Bei einem teilweise autonomen Fahrzeug (Level 3) erheben die dutzenden Sensoren im und um das Auto immer noch imposante 16 Terabyte Daten pro Tagestour.

BMW-Testzentrum für autonomes Fahren
In den Testfahrzeugen stecken dutzende Sensoren, die von Hochleistungscomputern ausgewertet werden. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Mit diesen Informationen trainieren die Spezialisten des Autonomous Driving Campus die neuronalen Netze von Computern, deren Algorithmen dereinst so flexibel und spontan wie ein menschlicher Fahrer agieren sollen. Künstliche Intelligenz, die aus Ereignissen maschinell lernt, ist für autonomes Fahren unverzichtbar. Denn mit normaler, streng regelbasierter Software allein wäre ein fahrerloses Auto im modernen Straßenverkehr hoffnungslos überfordert.

2021 soll teilautonomes Modell BMW iNext serienreif sein

Das BMW-Testzentrum für autonomes Fahren ist ein großer, aber nicht der erste Schritt des Unternehmens hin zum selbstfahrenden Gefährt. Bereits 2006 umrundete ein BMW 3er selbstständig den Hockenheimring und seit 2011 werden automatisierte Prototypen von BMW auf der A9 zwischen München und Nürnberg auf der Straße erprobt.

Im Jahr 2014 driftete erstmals ein BMW-Prototyp automatisiert über den Las Vegas Speedway und bewies, dass auch das Fahren im Grenzbereich beherrscht werden kann.

Der nächste Meilenstein soll im Jahr 2021 erfolgen. Dann will BMW zusammen mit Intel, dem Kartenhersteller Here und dem Fahrassistenz-Spezialisten Mobileye das Modell BMW iNext zur verkaufsfertigen Serienreife bringen. Es wird dem Fahrer ermöglichen, zumindest teilweise die Hände vom Steuer zu nehmen. Damit handelt es sich um ein hochautomatisiertes Fahrzeug des Levels 3.

Weg zum autonomen Fahren: So unterscheidet BMW schlaue Autos

Autonomie-GradEigenschaftenBezeichnung
Level 0Das Auto fährt ohne Assistenzfunktion. Die Verantwortung trägt zu jedem Zeitpunkt vollständig der Fahrer.
Level 1Erste Assistenzsysteme erleichtern das sichere und komfortable Fahren mit Funktionen wie etwa einer Cruise Control, die für den Fahrer eine bestimmte Geschwindigkeit auf der Straße konstant hält.
Level 2 (Gegenwart)Fahrerassistenzsysteme bilden eine Vorstufe zum automatisierten Fahren. Der Fahrer bleibt aber permanent in der Fahrverantwortung.
Level 3 (BMW-Serienmodelle ab 2021)Die Technik ermöglicht, dass sich Fahrer und Fahrzeug die Verantwortung teilen. Der Fahrer kann sich während einer hochautomatisierten Fahrt im gleichgerichteten, vom Gegenverkehr abgegrenzten Straßenverkehr über einen längeren Zeitraum mit Nebentätigkeiten auf bordeigenen Medien beschäftigen oder entspannen. Er muss aber weiterhin in der Lage sein, die Steuerung innerhalb weniger Sekunden wieder zu übernehmen, wenn ihn das System dazu auffordert.Hochautomatisiertes Fahren; Eyes off
Level 4 (BMW-Pilotprojekte ab 2021)Das Fahrzeug kann praktisch alle Aufgaben alleine ohne Eingriff eines Menschen übernehmen. Sogar ein Nickerchen des Fahrers ist möglich. Im Notfall muss der Fahrer zwar noch eingreifen können, darf sich dafür im Vergleich zu Level 3 mehr Reaktionszeit gönnen.Vollautomatisiertes Fahren; Mind off
Level 5 (BMW-Pilotprojekte ab 2021)Die Passagiere können sich ohne Fahraufgabe vom Fahrzeug chauffieren lassen. Nicht mal eine Fahrerlaubnis müssen die Fahrgäste haben. Sofern Pedalerie und Lenkrad vorhanden sind, kann der Fahrer die Steuerung übernehmen, muss es aber zu keinem Zeitpunkt.Autonomes Fahren; Driver off
BMW 7er iNext BMW Autonomous Driving Campus
Noch sind automatisierte Autos des Levels 3, 4 und 5 nur als Prototyp oder Testfahrzeug verfügbar. Ab 2021 sollen sie schrittweise serienreif werden. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Vollkommen unabhängige Autos erst 2050?

Bis zu einem komplett autonomen Fahrzeug wird es noch viel länger dauern. Zwar will BMW ebenfalls im Jahr 2021 Testfahrzeuge für Autos mit Autonomie-Levels 4 und 5 fertig haben. Bis es sie zu kaufen gibt, vergehen aber weitere Jahre. Die damit einhergehenden Sicherheitsfragen sind einfach zu komplex. EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc prognostiziert in einem Interview mit DIE WELT einen Marktstart nicht vor dem Jahr 2050.

Demgegenüber zeigen sich BMW-Mitarbeiter in Hintergrundgesprächen deutlich optimistischer. Denkbar ist demnach eine schrittweise Einführung. So könnten beispielsweise leichter von KI-Systemen beherrschbare Verkehrsbereiche wie Autobahnen früher für autonome Autos freigegeben werden, der unübersichtlichere Stadtverkehr aber erst später.

Probefahrt wie von Geisterhand

Wie eine Fahrt mit einem vollkommen automatisierten Auto des Levels 4 und 5 in Zukunft die Mobilität revolutionieren könnte, testete ich während einer Proberunde mit einem BMW 7er, der in den Jahren nach 2021 unter dem Namen BMW iNext in den Markt starten soll.

Über eine Smartphone-App rief ein Mitarbeiter das Fahrzeug, das mich in einer Leerfahrt abholte. Da ich beim Autonomie-Level 5 Fall keinen Einfluss mehr auf die Fahrt an sich nehmen muss, setzte ich mich auf die Rückbank und startete das Auto über einen Druck auf das Touch-Display des Bordentertainment-Systems. Die Zieladresse, in diesem Fall ein Stopp in 500 Metern Entfernung, hatte ein Mitarbeiter zuvor über Smartphone-App eingegeben. Der Fahrersitz blieb unbesetzt, das Lenkrad bewegte sich selbsttätig wie von Geisterhand.

BMW INext Level 4/5 Testfahrt
Probefahrt im voll automatisierten BMW-Testfahrzeug mit Autonomie-Level 4 bzw. 5. Das Fahrzeug starte ich auch von der Rückbank aus auf einem Touch-Display. Den kompletten Rest erledigt das Auto. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten. Dennoch war sie sehr aufschlussreich. Denn dieses Erlebnis war zwar ein wenig unheimlich, vor allem aber faszinierend. Schließlich finde die Vorstellung äußerst reizvoll, sich wie im Zug von A nach B chauffieren zu lassen – nur eben viel individueller – und dabei zu dösen, zu lesen oder zu arbeiten.

BMW-Testzentrum für autonomes Fahren setzt auf agiles Arbeiten für 1.800 Beschäftigte

Das neue BMW-Testzentrum für autonomes Fahren steht nicht nur für die Transformation des Konzerns vom traditionellen Autobauer zum Technologie-Unternehmen. Es reflektiert auch die veränderte Arbeitswelt. Auf 23.000 Quadratmetern Bürofläche werden bis zu 1.800 Beschäftigte schwerpunktmäßig auf agile Arbeitsmethoden setzen. Teilaufgaben in wechselnden Teams zu bewältigen, ist ein Kernaspekt dieser modernen, Scrum genannten Arbeitsweise. Ein offenes Raumkonzept, in dem Mitarbeiter und Führungskräfte auf den gleichen flexibel nutzbaren Flächen arbeiten, schafft die strukturellen Voraussetzungen dafür.

BMW Autonomous Driving Campus Unterschleißheim
Das neue Testzentrum von BMW in Unterschleißheim siet nicht so futuristisch aus wie der Apple Campus. Innen setzt der Autokonzern aber auf moderne Arbeitskonzepte. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Der Autonomous Driving Campus liegt außerdem nah beim Forschungs- und Innovationszentrum von BMW in München. Die Beschäftigten beider Einrichtungen sollen auf diese Weise auch räumlich leicht zusammenarbeiten können. Denn auf dem Weg zum vollautomatisierten Fahrzeug ist menschliches Know-how der wichtigste Treibstoff.


Images by Berti Kolbow-Lehradt

Weiterlesen »

didacta 2018: Mit Touchscreen statt Tafelbild in die Berufswelt von morgen

didacta 2018 iPad und Apps im Unterricht

In der digitalisierten Berufswelt von heute, morgen und übermorgen kommen Schulabsolventen mit statischem Faktenwissen allein nicht weiter. Bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben Berufseinsteiger, die stattdessen wissen, wie sie mithilfe digitaler Tools und kreativer Herangehensweisen immer wieder neue Herausforderungen meistern. Wie Lehrer durch den Einsatz digitaler Kreativ-Tools die Problemlösungskompetenz des Nachwuchses fördern, ist daher ein großer Schwerpunkt auf der Bildungsmesse didacta 2018, die von heute bis zum 24. Februar in Hannover stattfindet.

Das Interesse an diesem Thema ist unter Lehrern anhaltend groß. Denn obwohl Lehrpläne und Schulbudgets vielerorts noch auf die ‚analoge‘ Unterrichtsgestaltung programmiert sind, suchen 8 von 10 Lehrern trotzdem nach Wegen, mehr Kreativtechniken und digitale Tools in den Unterricht zu integrieren. Dies ergibt die Studie „Kreative Problemlösungstechniken in Schulen“ von Adobe, die auf der didacta 2018 vorgestellt wird.

Realschullehrer Eyk Franz unterrichtet an der Waldschule Hatten in Niedersachsen Erdkunde, Geschichte und Sport immer öfter auch mithilfe digitaler Tools und Unterrichtsmedien. Am Adobe-Stand auf der didacta 2018 vermittelt der 51-Jährige in Tablet-Workshops, wie Lehrer in „Mikro-Fortbildungen“ mit digitalem Storytelling und Erklärvideos ihren Unterricht bereichern können. Er ist überzeugt: Nicht nur Schüler, auch Lehrer müssen sich noch stärker für die digitalisierte Berufswelt öffnen.

Netzpiloten (NP): Herr Franz, was können Sie Ihren Schülern am Touchscreen besser vermitteln als an der Tafel?

Eyk Franz (EF): Wenn ich sehe, dass viele Schüler per Social Media sich Wissen aneignen und dieses weitergeben, dann fällt mir oft auf: Es werden dort genau die gleichen Inhalte verhandelt wie in der Schule, aber eben auf viel ansprechendere und bleibende Weise. Die Brücke zu dieser Lebensrealität müssen wir als Lehrer schlagen. Diese Art von eigenverantwortlicher, kreativer Wissensaufbereitung wird auch in vielen heutigen Berufsbildern gefordert. Wollen wir Schüler darauf vorbereiten, und das ist schließlich unser Auftrag, dann können wir als Lehrer sie nicht weiterhin nur von der Tafel abschreiben lassen. Außerdem entfesselt dieser Ansatz das Potenzial mancher Schüler auf eine Weise, wie es andere Unterrichtsmethoden nicht können.

Eyk Franz didacta 2018
Realschullehrer Eyk Franz erklärt auf der didacta 2018, wie er mit Adobe Spark und andere Tablet-Apps die Kreativität seiner Schüler fördert. Image by Berti Kolbow-Lehradt
NP: Können Sie ein Beispiel für die kreative Arbeit mit digitalen Tools im Unterricht nennen?

EF: Nehmen wir ein Beispiel aus dem Geschichtsunterricht. Aufgabe der Schüler war es, auf multimediale Weise die Lebensumstände der Menschen während der Industrialisierung darzustellen. Eine Schülerin, die im Unterricht generell sehr zurückhaltend war, ist bei dieser Aufgabe geradezu kreativ explodiert. Sie hatte sich in der Video-Messaging-App einen Avatar erstellt, sich darin auf dem Borsigplatz in Dortmund gefilmt und mit Ruhrpott-Mundart aus der Sicht eines fiktiven Zeitzeugen über die Entstehung der Eisenbahn und der Stahlindustrie berichtet.

Der Avatar hat sie gleichzeitig geschützt und dazu ermutigt, aus sich herauszugehen. Das war für mich als Pädagoge eine beeindruckende Erfahrung. Virtuelle und reale Elemente in Erklärvideos und Webpräsentationen zu verbinden, ist für mich seitdem ein Paradigmenwechsel in der Unterrichtsgestaltung.

NP: Auf animierte Videos und Webpräsentationen gehen Sie auch in Tablet-Workshops ein, die sie auf der didacta 2018 am Adobe-Stand anbieten. Für welchen Unterrichtsstoff eignen sich diese Formate?

EF: Es gibt viele Anwendungsszenarien. Beispielsweise erstellen Schüler im Erdkundeunterricht mithilfe der Storytelling-App Adobe Spark animierte Videoclips, um sich auf kreative Weise mit dem aus geographischen Gründen für sie sehr abstrakten Thema Regenwald auseinanderzusetzen. Dabei filmen sich die Mädchen und Jungen vor einer grünen Leinwand, in die später mit einer zusätzlichen App eine Regenwaldkulisse digital hineinkopiert wird.

Mithilfe ihres eigenen Wissens zum Thema beschreiben die Schüler vor dem „Greenscreen“, was sie selbst oder der Betrachter der Filmaufnahmen in der Regenwaldkulisse sieht. Die Aufnahmen dienen als Basis für die Spark-Videoclips und werden durch Screenshots und Texteinblendungen ergänzt. Am Ende des Clips stellen die Schülerinnen und Schüler den Betrachtern Fragen zum Thema, die andere Schülergruppen beantworten. Auf diese Weise vertiefen die Schüler gegenseitig das Wissen zum Unterrichtsstoff.

Im Sportunterricht helfen Videoaufnahmen dabei, dass Schüler ihre Technik beim Hürdenlauf verbessern. Mit einer Kamera- und Videoschnitt-App wie Adobe Premiere Clip nehmen sich die Schüler gegenseitig auf und werten die Bewegungsabläufe aus. In anderen Fällen ermöglichen Apps für Bildretusche und Bildmontage wie Adobe Photoshop Fix und Adobe Photoshop Mix Schülern einen Eindruck davon, wie durch Bildmanipulation „Fake News“ entstehen können.

NP: Warum nutzen nicht alle Lehrer längst diese neuen Möglichkeiten?

EF: Es stimmt, dass viele Lehrpläne im Kern sich noch an „analoger“ Unterrichtsgestaltung orientieren. Das begünstigt die digitale Bildung natürlich nicht. Außerdem ist die Ausstattungslage in den Bundesländern sehr heterogen, je nachdem wie viel die Schulträger sich leisten können. Daher gibt es an manchen Schulen, wie die, an der ich unterrichte, mehrere „Tablet-Klassen“. Dann haben alle Schüler jederzeit ein Gerät zur Verfügung. Und dann gibt es Regionen, wo sich Schulen freuen, wenn eine Handvoll PC und LAN-Kabel installiert sind. Dabei muss der Einsatz digitaler Tools nicht teuer sein. Alle von mir im Unterricht verwendeten Apps sind kostenlos nutzbar. Ungeachtet dieser Hindernisse sehe ich aber auch, dass einige Lehrer unbegründete Vorbehalte gegenüber dem Einsatz digitaler Unterrichtsmedien haben.

NP: Welche Vorbehalte in der Lehrerschaft sehen Sie?

EF: Das ist sehr unterschiedlich. In manchen Fällen befürchten Lehrer, sie müssten künftig einen großen Teil ihrer Vorbereitungszeit auf das Produzieren von Erklärvideos verwenden. Das ist natürlich ein Missverständnis. Schließlich sollen die Schüler zu Produzenten werden, während Lehrer lediglich in der Lage sein sollten, sie dazu anzuleiten. Außerdem möchte ich Lehrer ermutigen, sich nicht davor zu scheuen, ihre digital erstellten Unterrichtsmedien zum Beispiel auf Schulservern zu teilen und dabei auch Fehler zu machen. Die Furcht vor Kritik ist unbegründet. Diese Art von Authentizität ist genau das, was Schüler wollen. Zu guter Letzt ist ein Teil der Skepsis in der Lehrerschaft auch auf die negative Signalwirkung zurückzuführen, die durch den falschen Einsatz von digitalen Medien ausgeht.

NP: Was meinen Sie mit „dem falschen Einsatz von digitalen Medien“?

EF: Damit meine ich eine Art Ersatzhandlung. Ein Beispiel ist das Instrument des Lückentextes, in dem Schüler fehlende Begriffe ergänzen müssen, um ihr Wissen zu prüfen. Statt diesen Text, wie früher, auszudrucken, schicken manche Lehrer Schülern den Lückentext als Datei zu, damit sie ihn am Tablet ausfüllen. Das ist für mich Humbug. Denn dabei entsteht kein Lerneffekt, der Problemlösungskompetenzen schult.

Kreativität setzen wir mithilfe digitaler Tools nur frei, wenn Schüler erworbenes Wissen eigenverantwortlich umsetzen. Und zwar in einer für den Empfänger angemessenen Form. Das ist ja das Szenario, dem Schüler in ihrem späteren Berufsleben begegnen.

Weitere Informationen zu den Workshops von Eyk Franz auf der didacta und sind hier zu finden.

Dieser Beitrag zur didacta 2018 entstand in Zusammenarbeit mit Adobe.


Images by Berti Kolbow-Lehradt


Weiterlesen »

Wie Skype und Microsoft Teams die Wissensarbeit digitalisieren

Microsoft Teams

Dass die Arbeitswelt sich verändert, ist längst kein Geheimnis mehr. Zahlreiche Wettbewerber aus dem Technologie-Sektor haben Software-Angebote auf dem Markt, die die Zusammenarbeit von Teams über Orts- und Zeitgrenzen hinweg verbessern sollen. Microsoft spielt hier eine immer stärkere Rolle und engagiert sich jenseits seines klassischen Office-Pakets in anderen Produktivitäts-Tools wie etwa solchen fürs Aufgabenmanagement oder für die Kommunikation. Skype hat den Vorteil, dass es aus dem privaten Alltag gelernt ist. Nicht zuletzt auch deshalb wird die berufliche Variante Skype for Business von großen und kleinen Unternehmen eingesetzt, unter ihnen Henkel oder Velux.

Microsoft hat zuletzt viel am Skype-Portfolio geändert. Zum einen hat die Consumer-Variante Messenger-Features für den privaten Gebrauch sowie einige Profi-Funktionen erhalten. Zum anderen geht Skype for Business zukünftig in dem Tool Microsoft Teams auf. Wir sprachen mit Jörg Petter von Microsoft Deutschland über diese Entwicklung. Er ist bei Microsoft Deutschland als Business-Lead für die Geschäftskunden-Produkte Office 365, Skype for Business und Microsoft Teams (Produktseite) zuständig.

Herr Petter, warum baut Microsoft seine Tools für Kommunikation und Produktivität derzeit so stark um?

Die Arbeitswelt hat sich radikal verändert und ist auch weiterhin im Umbruch. Für eine zeitgemäße Arbeitsweise benötigen moderne Wissensarbeiter die passenden Tools. Das ist der Ansatzpunkt für das große Update in unserem Portfolio, in dessen Zentrum vor allem der Einsatz moderner Cloud-Technologie steht. Moderne Wissensarbeit ist vernetzte und mobile Teamarbeit, bei der niemand sein Wissen für den eigenen Vorteil hortet, sondern im Gegenteil zum Nutzen aller mit den Kollegen teilt. Aus dem Büro wird ein digitaler, moderner Arbeitsplatz.

Jörg Petter Porträt Microsoft
Jörg Petter ist bei Microsoft Deutschland als Business-Lead für die Geschäftskunden-Produkte Office 365, Skype for Business und Microsoft Teams zuständig. Image by Microsoft Deutschland GmbH

Für Unternehmer und Manager sind deshalb drei Fragen von zentraler Bedeutung: Erstens, wie kann ich meine Mitarbeiter auf ein neues Produktivitätslevel heben, indem ich die Zusammenarbeit im Unternehmen einfacher, mobiler aber auch sicherer mache? Zweitens, wie kann ich durch Technologie die Kreativität und Innovationsfähigkeit meiner Mitarbeiter heben und mein Geschäftsmodell durch Digitalisierung für meine Kunden verbessern? Drittens, wie kann ich Technologie und insbesondere künstliche Intelligenz nutzen, um meine Mitarbeiter von Routineaufgaben zu entlasten und dadurch Freiraum für Innovationen zu schaffen?

Welche Überlegungen stecken in diesem Zusammenhang hinter der Strategie, die Messenger-Qualitäten von Skype zu stärken, nachdem in den vergangenen Jahren der Schwerpunkt auf Audio- und Video-Chat lag?

Chatbasierte Kommunikation ist insbesondere in der jüngeren Generation sehr beliebt. Deshalb ist Messaging künftig ein zentraler Bestandteil aller unserer Kommunikationstools. Aber Kommunikation findet über viele unterschiedliche Kanäle statt. Damit meine ich Sprache, Video, Chat und E-Mail. Und, Kommunikation ist nur eine Facette der Zusammenarbeit im Unternehmen, weil Produktivität immer auch an das Erstellen und Bearbeiten von Inhalten geknüpft ist.

Deswegen haben wir mit Microsoft Teams auch ein Tool von Grund auf so konzipiert, dass es als Startpunkt für eine universelle Zusammenarbeit im Unternehmen über alle Kanäle hinweg steht. Wie bei Skype ist auch bei Microsoft Teams Messaging ein wichtiger Eckpfeiler. Aber Microsoft Teams ist gleichzeitig viel mehr als „nur“ ein Messenger. Es führt unterschiedliche Kommunikationsformen, also Voice, Video und Chat mit „meinen“ Dateien und Applikationen in einer Anwendung zusammen.

Microsoft Teams
Microsoft Teams bündelt viele Kommunikationstools in einem. Image by Microsoft Deutschland GmbH

Haben Sie ein Anwendungsbeispiel von Microsoft Teams für uns?

Microsoft Teams ist beispielsweise für folgendes Szenario prädestiniert: Die Marketingabteilung möchte den Halbjahresbudgetplan im Team-Meeting diskutieren und verabschieden. In der alten Welt habe ich dafür unterschiedliche Applikationen benötigt, etwa einen E-Mail-Client, Kalender, ein Web-Meeting-Tool, eine Tabellenkalkulation, Sprachkonferenz und vieles mehr. Mit Microsoft Teams kann ich all das bequem in einem Tool erledigen, ohne die Applikation zu verlassen. Das ist eine enorme Vereinfachung, was übrigens unsere Wettbewerber so nicht können.

Stichwort Wettbewerb. Welche Vorteile sehen Sie in Bezug auf Microsoft Teams gegenüber populären Herausforderern wie etwa Slack? Auch in Kombination mit Skype for Business.

Der größte Vorteil für unsere Kunden ist die tiefe Integration aller Microsoft-Office-Programme in die Office-Suite. So sind die zentralen Funktionen für Kollaboration und Kommunikation in den täglichen Workflow mit Outlook, Word, Excel, OneNote oder PowerPoint integriert. Zum Beispiel kann ich direkt in Word in Echtzeit mit Kollegen gemeinsam am Dokument arbeiten. Ich muss für ein Online-Meeting beispielsweise Microsoft Teams nicht verlassen, sondern arbeite einfach in der mir vertrauten Umgebung weiter. Und das Beste: dieses komplette Büro mit Telefonanlage, virtuellen Meeting-Räumen und allen meinen Dateien steht mir überall dort zur Verfügung, wo ich mich aufhalte unabhängig davon, welches Endgerät ich nutze.

Chatbots sind in der Kommunikation ein immer wichtigeres Thema. Wie sind die Pläne für die Chatbot-Integration im Microsoft Teams?

Automatisierte, chatbasierte Kommunikation auch mit der Möglichkeit, gesprochenen Text, Gesichter und sogar Stimmungen zu erkennen, werden in der nahen Zukunft eine große Rolle spielen. Wir arbeiten intensiv an diesen Technologien, haben bereits mehr als 30 sogenannte Cognitive Services entwickelt, die bei der Mensch-Maschine-Kommunikation unterstützen. Wir verbinden diese Technologien mit künstlicher Intelligenz und Machine Learning, um Chatbots noch leistungsfähiger zu machen.

Das alles ist für uns eins der wichtigsten Zukunftsthemen. Und wenn wir von Zukunft sprechen, meinen wir nicht „in zehn oder 20 Jahren“, sondern „jetzt“. Diese intelligenten Services gießen wir – wo sinnvoll – in standardisierte, fertige Bots, die wir im Teams-App-Store veröffentlichen. Allerdings zeigen auch unsere Kundenprojekte, dass häufig unternehmensspezifische Implementierungen gefragt sind, da Geschäftsprozesse im Regelfall eben individuell sind.

Zurück zu Skype. Beispielsweise mit einfacher zu bedienenden Gruppenchats, Story-Funktion (Moments) und Foto-Filtern, Chatbots sowie dem frischen Design hat Skype einen Relaunch mit starkem Consumer-Schwerpunkt erlebt. Nun wurde der Skype Professional Account für „professionelle Konsumenten“ angekündigt. Das wirkt widersprüchlich. Wie geht das zusammen?

Wir müssen hier trennen. Zum einen haben wir eine Anwendung für einfache, mobile Zusammenarbeit im Unternehmen – das ist Microsoft Teams. Und wir haben ein Angebot, das auf Privatkunden fokussiert ist – das ist Skype. Aber, Skype ist auch für Kleinstunternehmen oder Freelancer interessant, die eine vereinfachte, stark reduzierte Kommunikationsplattform für ihren Büroalltag suchen. Daher haben wir Skype Professional eingeführt.

Parallel zum angekündigten Skype-Professional-Account gibt es aktuell noch die Variante Skype for Business parallel zu Microsoft Teams. Das könnte auf Geschäftskunden verwirrend wirken. Welches Tool ist denn künftig nun für wen das richtige?

Wichtig ist hier noch mal die Trennung zwischen unserem Privatkundenangebot Skype und unserem Geschäftskundenangebot rund um Office 365 und Microsoft Teams. Für Privatkunden ist Skype das richtige Angebot, im begrenztem Maß auch für Kleinstunternehmen.

Skype for Business
Skype for Business ist für größere Unternehmen geeignet. Image by Microsoft Deutschland GmbH

Für Geschäftskunden empfehlen wir Office 365 inklusive Microsoft Teams. Um es für unsere Kunden einfacher zu machen, haben wir im September 2017 angekündigt, die Sprach- und Videofunktionen von Skype for Business in Microsoft Teams zu integrieren. Dadurch wird letzteres noch stärker zum zentralen Knotenpunkt für integrierte und interdisziplinäre Teamarbeit. Für unsere Cloud-Kunden wird damit auch die Welt einfacher, weil wir dadurch den bisherigen „Skype for Business Client“ ersetzen. Für Kunden, die Lösungen „on-premise“ bevorzugen, wird es weiterhin Skype for Business als Server-Version geben. In deren Weiterentwicklung investieren wir auch signifikant.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview entstand in Kooperation mit Microsoft und wurde schriftlich geführt.


Images by Microsoft Deutschland GmbH


Weiterlesen »

Microsoft-Chefdesigner Ralf Groene: „Für mich zählt die Vision“

Ralf Groene mit Surface Pro

Ralf Groene hat in der analogen Welt den Beruf des Werkzeugmachers erlernt. Jetzt entwirft er digitale Werkzeuge – als Chefdesigner von Microsoft. Hinter der erfolgreichen Reihe der Surface-Computer stecken viele kluge Köpfe. Seiner hat großen Einfluss darauf, wie das Surface Book oder das Surface Studio aussehen und wie sie sich anfühlen und bedienen lassen. Look und Feel der Surface-Reihe haben neben dem neuartigen Bedienkonzept einen großen Anteil daran, dass Microsoft-Produkte wieder „cool“ sind und beim Thema Design in der Tech-Welt zum Teil mehr Buzz erzeugen als die ikonischen Apple-Rechner iMac und MacBook.

Nachdem sich Ralf Groene mit seinen Produktdesigns für HP, Dell und anderen Tech-Herstellern einen Namen im Silicon Valley gemacht hat, ist der gebürtige Deutsche bei US-Konzern Microsoft nun so bedeutend wie Jony Ive bei Apple. Über seine Rolle im Design-Prozess bei Microsoft und über seine Vision sprach ich mit ihm in Hamburg.

Netzpiloten: Ralf Groene, Sie haben vor dem Design-Studium den Beruf des Werkzeugmachers gelernt und die Surface-Geräte sehen mit ihrem Metall-Look wie – ziemlich stylische – Werkzeuge aus. Ist der Zusammenhang zu weit hergeholt?

Ralf Groene: Nein, das ist überhaupt nicht weit hergeholt. Vieles, was ich damals über Materialeigenschaften und Metallbearbeitung gelernt habe, wende ich bei den Surface-Geräten an. Das fängt schon damit an, dass wir die unterschiedlichen Versionen der Prototypen mit klassischer Frästechnik erstellen, damit es schneller geht. Außerdem ist mein Anspruch an die Hardware, dass sie sich so wenig wie möglich aufdrängt. Das fängt immer mit dem Material an. Daher habe ich mich zum Beispiel beim Surface Book für ein Gehäuse aus Magnesium eingesetzt, weil man es so dünnwandig fertigen kann, dass das Gehäuse selbst in den Hintergrund rückt.

Surface Book 2
Digitales Werkzeug: Surface Book 2. Image by Microsoft

Wie viel Entscheidungsfreiheit haben Sie als Designer denn bei der Produktentwicklung?

Bei Microsoft stammt vom Design-Team immer die Vision für das spätere Produkt. Die legen wir ganz zu Anfang mit meinem Chef, Corporate Vice President Microsoft Devices Panos Panay, fest. Anschließend werden die Ingenieure in den Prozess geholt. Gemeinsam entwickeln wir das Design als Product Maker weiter – aber nach den Vorgaben der vorher festgelegten Vision.

Was ist ein Product Maker?

Damit ist gemeint, dass wir bei der gemeinsamen Produktentwicklung im Team nicht zwischen Designern und Ingenieuren unterscheiden.

Das ist praktisch, um die Silo-Denke aufzubrechen. Aber ich höre auch heraus, dass es dennoch einen Primat des Designs gibt. Sie und ihre Design-Spezialisten geben die Richtung vor, nicht die Ingenieure, das Marketing oder der Vertrieb. Richtig?

Ja, das stimmt grundsätzlich so. Der Vorteil bei diesem Ansatz ist, dass man so weit wie möglich vorwärts denken kann. Und dass sollte der Anspruch eines Tech-Unternehmens sein. Aber natürlich bringen wir unsere Vision gleichzeitig in Einklang mit der Gesamtstrategie von Microsoft.

Wie muss man sich die Ausbalancierung von Design-Ideen und Firmenstrategie bei Microsoft vorstellen?

Wir nutzen ein ganz bestimmtes Setting dafür. Die entscheidenden Meetings finden in einem Roadmap-Raum statt, wie wir ihn nennen. Dort stehen mehrere Produktstationen gestaffelt hintereinander. Auf der ersten stehen die aktuellen Produkte, auf der danach die Prototypen der nächsten Generation. Dann kommen experimentelle Konzeptstudien und schließlich Entwurfsskizzen. Diese Visualisierung hilft uns dabei, zu erkennen, wo wir stehen und wo wir hinwollen. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse entscheidet die Firma über die Investitionen in das Produkt.

Mit welchen Argumenten überzeugen Sie Ihre Chefs?

Indem wir ihnen eine nachhaltige Perspektive aufzeigen. Wir richten unser Augenmerk darauf, was Anwender in Zukunft von Software erwarten und wie sie in Zukunft mit digitalen Werkzeugen mehr erreichen können. Wie? Das ist die Frage, die mich antreibt. Wir sind alle noch viel zu analog.

Was meinen Sie mit „noch viel zu analog“?

Das, was Sie gerade jetzt machen, wenn Sie mit Stift und Notizbuch das Interview mitschreiben.

Sie rennen bei mir offenen Türe ein. Ich möchte das seit langem digitalisieren. Aber alle Lösungen, die ich ausprobiert habe, können die Geschwindigkeit und Genauigkeit von Papier nicht ersetzen.

Ich stimme Ihnen zu. Es ist wirklich schwer, das natürliche Schreibgefühl in eine digitale Lösung zu übersetzen. Aber es muss das Ziel sein, diese Hürde zu überwinden. Die erste Phase des kreativen Prozesses beginnt meist analog – ob mit Notizen oder mit einem Modell. Erst in einem Folgeschritt geht man an den Computer und übersetzt die Ideen nochmal neu in eine digitale Fassung. Dieser Medienbruch hält auf. Das Surface Studio ist ein Beispiel dafür, wie wir versuchen, auch diesen ersten Teil des Kreativprozesses gleich in die digitale Phase zu überführen.

Surface Studio Surface Dial Surface Pen
Kreativ-Arbeitsplatz der Zukunft: Surface Studio mit Drehregler Surface Dial und Digitalstift Surface Pen. Image by Microsoft

Apropos, Surface Studio. Das Bedienerlebnis von Studio-Modus und Surface Dial hat mir im Test gefallen. Aber aus der Perspektive des Fotografen möchte ich die Gelegenheit nutzen, mich über den SD-Kartenschacht auf der Rückseite zu beschweren. Er ist sehr schwer zu erreichen.

Ja? Verlegen Sie Ihn doch mit einem USB-Adapter nach vorne. (lacht)

Diesen ästhetisch katastrophalen Tipp können Sie als Designer doch nicht empfehlen!

USB-Dongles sind hässlich, das stimmt. Im Ernst. Produktdesign ist immer ein Kompromiss zwischen Ästhetik und Funktion. In Bezug auf die Anschlüsse wollten wir beim Surface Studio, dass der Standfuß „architektonisch leise“ aussieht. Aber vielleicht verlegen wir den Kartenschacht in einer nächsten Generation auf die Vorderseite des Standfußes oder in den Bildschirm.

Oh, diese Reaktion hätte mir jetzt nicht zu träumen gewagt.

Doch, das ist gutes Feedback. Die Herausforderung ist ja immer, dass, wenn wir ein Produkt entwickeln, wir uns natürlich ab einem gewissen Punkt einfach nur vorstellen können, was der Nutzer mit dem Produkt macht. Daher hat prinzipiell jedes Pionierprodukt Design-Fehler. Design-Entscheidungen können sich immer als verbesserungswürdig herausstellen. Das passiert und ist normal. Man darf dann nur nicht so arrogant sein, sich dies nicht einzugestehen.

An welches Manko denken Sie dabei?

Ein Beispiel ist das Surface Dial, das unerwartet viele Anwender für den Transport in ihre Hosen- oder Jackentasche stecken. Das führt dazu, dass sich das Surface Dial in der Tasche bewegt und mitunter ungewollte Befehle sendet. In der nächsten Version werden wir voraussichtlich einen kleinen Ein- und Ausschalter einbauen. Niemand hat bei der Entwicklung vorausahnen können, dass das nötig sein könnte.

Trotz solcher kleineren Aspekte hat die Surface-Reihe seit 2012 in punkto Design-Innovation ein Image erlangt, das sich mit dem von Apple-Rechnern messen kann. Gleichzeitig gelten immer noch Apple-Geräte als Referenz. Was macht Apple richtig?

Apple hat einen Vorsprung von rund 30 Jahren in hervorragendem Produktdesign. Beim ganzheitlichen Zusammenspiel von Software und Hardware hat Apple geradezu eine lehrbuchartige Leistung hingelegt, wie sie auch Produktdesigner-Ikone Dieter Rams propagiert hat. Die Arbeit von Steve Jobs und Jony Ive ist für jeden Produktdesigner eine Inspiration.

Was können Apple-Designer vom aktuellen Microsoft-Design lernen?

Es wäre unangemessen, ihnen Ratschläge zu erteilen. Ich glaube auch, dass wir uns in unterschiedliche Richtungen bewegen. Für mich zählt, wie man sich mit Software auf einem beliebigen Device am besten kreativ ausdrücken kann, und zwar nicht nur mit derzeit üblichen Desktop- oder Mobilrechnern. Ich denke da zum Beispiel an Mixed Reality wie mit der HoloLens oder die moderne Arbeitswelt, in der Menschen etwa mit dem Surface Hub an verschiedenen Orten mit ihrem Screen auf die gleiche Oberfläche zeitgleich zugreifen. Ein ganzheitliches Design-Erlebnis, das Software und Hardware kombiniert und gleichzeitig unabhängig von einem bestimmten Device funktioniert, wird die zukünftige Herausforderung für Produktdesigner im Electronics-Bereich sein.

Ralf Groene, vielen Dank für das Gespräch.

Ralf Groene Surface Pro Berti Kolbow-Lehradt
Ralf Groene, Chefdesigner Surface, Microsoft Corporation und Netzpiloten-Redakteur Berti Kolbow-Lehradt. Image by Microsoft

Über Ralf Groene: Von Wolfsburg ins Valley

Mit Computern hatte der gebürtige Wolfsburger in seiner Jugend nichts am Hut. Vielmehr schraubte er lieber an Fahrrädern und Mopeds, bevor er Mitte der 1980er bei VW in die Lehre ging und den Beruf des Werkzeugmachers erlernte. Erst während seines Produktdesign-Studiums in Kiel entdeckte Ralf Groene, welche Möglichkeiten Computer und Zeichensoftware für die digitale Kreation eröffnen. Davon komplett fasziniert, steckte er sein ganzes Lehrlingsgeld in einen Macintosh Classic und eine Lizenz des Adobe-Illustrator-Vorläufers Freehand. Ein Schlüsselerlebnis war ein Praktikum bei einer Designagentur in New York, wo Ralf Groene die damals noch rare Gelegenheit erhielt, mit CAD-Software Produktverpackungen als 3D-Modell auf schrankgroßen Bürorechnern zu entwerfen.

Nach dem Studienabschluss zog Ralf Groene 1997 in die USA und heuerte bei Design-Agenturen im Silicon Valley an. Also genau an dem Schauplatz und in der Zeit, als sich Computer von beigen Office-Werkzeugen in lifestylige Wohnzimmer-Technik mit WWW-Zugang zu entwickeln begannen. Ab diesem Zeitpunkt interessierte ihn nicht nur, was man mit Computern erschaffen kann, sondern auch, wie sie sich ästhetisch in den Alltag einfügen. Seine Designs für Computer von Dell, HP und anderen machten schließlich auch bei Microsoft Eindruck, wohin er 2006 als Produktdesigner wechselte. Seit 2015 ist der heute 49-Jährige Ralf Groene Head of Industrial Design, Microsoft Devices im Hauptquartier des Windows- und Surface-Konzerns in Redmond.

Dieses Interview entstand in Kooperation mit Microsoft.


Images by Microsoft


Weiterlesen »

Von Wunderlist zu Microsoft To-Do: Die neue Strategie hinter der Aufgaben-App

Microsoft To-Do

Ohne digitale Aufgaben-Listen können viele Wissensarbeiter von heute gar nicht mehr ihren Alltag bestreiten. Wunderlist zählt zu den beliebtesten Apps fürs Task-Management. Daher war das Bedauern groß, als Microsoft bekanntgab, die App zugunsten der Nachfolger-Anwendung Microsoft To-Do einzustellen. Noch größer wurden die Bedenken, als im April 2017 eine öffentliche Vorab-Version von To-Do erschien, die dem Vorbild noch nicht das Wasser reichen kann. Warum Microsoft dennoch diesen Schritt gegangen ist und inwiefern To-Do am Ende viel besser als Wunderlist sein soll, erklärte uns Ori Artmann im Interview. Er ist bei Microsoft Deutschland General Manager für die Task-Management-Tools Microsoft To-Do und Wunderlist. In dieser Funktion verantwortet Artman am Berliner Standort des Unternehmens alle Bereiche der Produktentwicklung: von Design über Engineering, Business Development und Marketing.

2 ori_artman
Microsoft-Manager Ori Artmann (Image by Ori Artmann)

Netzpiloten: Die Bewertungen der Preview-Version von To-Do im Play Store und im App Store waren insbesondere kurz nach dem Launch im April 2017 zum Teil vernichtend. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Ori Artmann: Die Kommunikation mit der Community gehört zum Kern der Preview und zur Philosophie von Microsoft, denn wir entwickeln unsere Anwendungen in enger Zusammenarbeit mit den Anwendern und ihren Bedürfnissen. Bei Windows 10 haben wir dadurch beispielsweise sehr wertvolles Feedback erhalten – noch heute kann die Community aktiv an der Gestaltung teilhaben. Durch einen solchen Testbetrieb erfahren wir viel mehr über ihre Anforderungen oder Bedürfnisse als wenn wir versuchen, die App im stillen Kämmerlein zu entwickeln. Ich kann die Kritik also nicht nur nachvollziehen; sie ist sehr willkommen und für die Weiterentwicklung von Microsoft To-Do essentiell.

Eine unfertige Version zu veröffentlichen, selbst wenn sie als Preview gekennzeichnet ist, ist riskant. Inwiefern hat sich das Risiko gelohnt? Was haben Sie bisher aus dem Feedback gelernt?

Man kann das natürlich als riskant bezeichnen – aber auch als Chance. Aus unserer Sicht ist es viel mehr die einzige Möglichkeit, um unser Ziel zu erreichen, Anwendungen zu entwickeln, die den Nutzern wirklich helfen und die Menschen und Organisationen dazu befähigen, mehr zu erreichen. Dafür müssen wir die Anforderungen der Anwender in den Entwicklungsprozess einbeziehen. Anfänglich kritische Stimmen begreifen wir nicht als Risiko, sie sind für uns vielmehr hilfreich. Die Bewertungen in den App Stores haben sich nach den Updates auch bereits verändert. Das Feedback zeigt uns, dass die Grundidee bei den Nutzern sehr gut ankommt. Im Entwicklungsprozess lassen wir nun die weiteren Punkte einfließen.

Viele Nutzer sind enttäuscht, dass Microsoft Wunderlist den Stecker zieht. Wie gehen Sie damit um?

Microsoft To-Do stammt aus der Feder des Wunderlist-Teams, die Idee der App lebt in To-Do also weiter. Wir finden es aber noch wichtiger, dass sich die Idee von Wunderlist in To-Do auch weiterentwickelt, wir möchten sie auf ein neues Level bringen. Die neue Aufgabenverwaltung lebt von der genialen Einfachheit von Wunderlist, wird aber intelligenter, persönlicher und intuitiver sein – und noch tiefer in Office 365 integriert. Wunderlist war ein erster Schritt zum besseren Management von Aufgaben – Microsoft To-Do ist der nächste.

3 microsoft_to_do
Microsoft To-Do

Sie haben angekündigt, To-Do enger mit Microsoft Office zu verzahnen. An welche Programme denken Sie: OneNote, Outlook, andere?

Wichtiger als die Verzahnung mit einzelnen Programmen von Office 365 ist die Verzahnung des Task-Managements mit einzelnen Funktionsbereichen. Die Integration von Microsoft To-Do wird dort stattfinden, wo es sinnvoll und notwendig ist: in der Termin- und Aufgabenverwaltung von Outlook zum Beispiel, die sich automatisch mit To-Do synchronisieren und dann überall und auf jedem Gerät synchron zur Verfügung stehen wird. Dazu kommen auch SharePoint, Microsoft Planner, Microsoft Teams oder der Microsoft Graph, der uns dabei unterstützt, die richtigen Informationen und richtigen Funktionen zur richtigen Zeit zur Verfügung zu stellen. To-Do wird sich überall dort integrieren, wo es etwas zu erledigen gibt.

Der Markt mit Aufgaben-Apps ist recht voll. Welche Philosophie steckt hinter To-Do? Was soll die App anders machen als bestehende Task-Anwendungen?

Microsoft To-Do ist integraler Teil von Office 365 – das ist der wichtigste und größte Unterschied. Durch diese Integration wird es möglich sein, nicht nur eigene To-Do-Listen zu führen, sondern solche Listen auch teamintern zu erstellen, zu verwalten und zu teilen. Es geht bei einer Task-App nicht unbedingt darum, etwas ganz anders zu machen, sondern darum, es besser zu machen als andere. Microsoft To-Do ist, wenn Sie so wollen, die organische Weiterentwicklung von Wunderlist und stellt die persönliche Produktivität in den Mittelpunkt. Wir übernehmen die Philosophie der Einfachheit und Benutzerfreundlichkeit von Wunderlist, werden aber mit der Integration in Office 365 auch neue Funktionen und intelligente Technologien aus der Cloud implementieren.

4 microsoft_to_do_2
Microsoft To-Do / My Day

Welche Cloud-Features sprechen Sie konkret an?

Microsoft To-Do ist Teil der hochsicheren Microsoft-Cloud und bietet dieselbe Sicherheit wie Microsoft Azure und Office 365. Daten werden bei Übermittlung und Speicherung verschlüsselt, die Berechtigungen einzelner Benutzer können über Azure Active Directory und Intune ebenso verbindlich und für alle Arten von Anwendungen, Daten und Geräten verwaltet werden, wie für andere Cloud-Dienste von Microsoft.

Wie sieht Ihre Roadmap bei Microsoft To-Do generell aus?

Wir werden in den kommenden Monaten sukzessiv die Integration von Wunderlist in Microsoft To-Do vorantreiben. Dazu gehören zum Beispiel die Option, Listen zu teilen, aber auch Apps für Mac, iPad und Android-Tablets sowie die Integration von To-Do in weitere Microsoft-Services. Die Weiterentwicklung von Wunderlist haben wir bereits im April 2017 eingestellt und liefern seitdem keine Bugfixes und Updates mehr aus. Seit diesem Datum empfehlen wir den Umstieg auf Microsoft To-Do.

Wird die Mac-Version genauso gut integriert werden wie die Windows-Version oder wird es – wie auch bei Office selbst – Unterschiede geben?

Unser Ziel ist es, allen Nutzern von Office 365 überall denselben Bedienkomfort zu bieten. Allerdings ist es, bedingt durch unterschiedliche Hardware und Betriebssysteme, nicht möglich, komplett identische Versionen für alle Geräte zu entwickeln. Zudem verfügen einzelne Geräte über zusätzliche Features; zum Beispiel arbeiten das Surface Book oder das Surface Studio mit dem sehr fein auflösenden Surface Pen, sodass wir dort Windows Ink natürlich auch in Office nutzen. Bei den neuen MacBooks gibt es die Touch Bar, mit der sich die Bedienung auch von Office erleichtern lässt. Gut möglich, dass wir Microsoft To-Do in diese Touch Bar integrieren.

Die Entwicklung von To-Do bleibt, wie die bisherige Arbeit an Wunderlist, in Berlin. Warum keine Verlagerung an die US-Westküste?

Berlin ist ein Hotspot mit vielen faszinierenden Menschen, großer Vielfalt und einer lebendigen Startup-Kultur. Es ist kein Zufall, dass Wunderlist genau hier entstanden ist. Für mich ist es daher ein sehr logischer Schritt, die Weiterentwicklung eines ehemaligen Startups innerhalb von Microsoft Deutschland in Berlin voranzutreiben. Wir glauben, dass die einmalige, kreative Atmosphäre der Stadt auch weiterhin das richtige Umfeld für das Team ist. Nicht nur die Idee von Wunderlist lebt in Microsoft To-Do weiter; für Kontinuität sorgen auch zahlreiche Mitarbeiter von Wunderlist, die jetzt an To-Do arbeiten.

Warum engagiert sich Microsoft in der Hauptstadt?

Unser Standort „Unter den Linden“ in Berlin hat viele Funktionen: Es ist unser Treffpunkt für Dialog und Vernetzung mit Protagonisten aus den Bereichen Politik, Bildung und Gesellschaft. Mit dem Microsoft Accelerator ist er seit vielen Jahren auch eine wichtige Anlaufstelle für Startups. Die Digital Eatery ist ein beliebter Treffpunkt und eine etablierte Veranstaltungslocation. Von diesem spannenden Mix werden auch wir profitieren. Am besten, Sie schauen einmal selbst vorbei.

Sie müssen aus einer beim Publikum beliebten App eine neue, noch bessere machen und außerdem das Erbe eines der gehyptesten deutschen Startup-Exits verwalten. Warum machen Sie diesen Höllenjob eigentlich?

Wie kommen Sie darauf, dass das ein Höllenjob ist? Tatsächlich ist es eine tolle Aufgabe, mit den Machern von Wunderlist und mit vielen anderen kreativen Menschen sowie der Community an der Weiterentwicklung von Wunderlist zu arbeiten – in einer Stadt, in der Innovation großgeschrieben wird, und für ein Unternehmen, das es ernst meint, wenn es davon spricht, Menschen zu mehr befähigen zu wollen. Ich kann mir viele Jobs vorstellen – aber zur Zeit keinen besseren.

Das in Zusammenarbeit mit Microsoft entstandene Interview wurde schriftlich geführt.


Image by Ori Artmann

Images by Microsoft


Weiterlesen »

New Work-Eiertanz zur Gewissensberuhigung – 85 Prozent der Beschäftigen sind mit ihrer Arbeit unzufrieden

Asien (adapted) (Image by sasint [CC0 Public Domain] via pixabay)

In den vergangenen Jahren lieferte ich in Beiträgen viele Anregungen für die Formierung einer digitalen APO, um das Inzest-System des Top-Managements der Konzerne, von autoritär geführten mittelständischen Unternehmen und von korrumpierbaren Elite-Hochschulen zu durchbrechen. Wie kann man mit politischen Mitteln den Gehorsamskäfig in Organisationen aufbrechen? Wenn wir in der digitalen Sphäre von Partizipation, Transparenz und einer Kultur der Beteiligung reden und auch danach handeln, darf das in Wirtschaft und Politik nicht ohne Konsequenzen bleiben.

Wenn ich mir die Inflation von Beiträgen und Kongressen über Unternehmensdemokratie, New Work und diese bescheuerte 4.0-Brabbelei über das Arbeiten von morgen anschaue, müssten wir schon längst in Zeiten der Glückseligkeit leben. Es sind Schönwetter-Diskurse, die sich an der Realität vorbeimogeln.

Elitärer Scheiß

Menschen, die es eigentlich betreffen sollte, die Menschen also, deren Jobs durch die nächste Automatisierungswelle mal eben vernichtet werden, die Menschen also, die tagein tagaus 40 Wochenstunden ihrer Lebenszeit in Krankenhäusern, in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, in Kindergärten und Altenhilfeeinrichtungen verbringen, also die Menschen, die vielleicht wirklich einen Beitrag zur Entwicklung unserer Gesellschaft leisten, bekommen von dem ganzen Tamtam gar nichts mit“ , kritisiert Hendrik Epe in einem Beitrag unter dem trefflich formulierten Titel „New Work zwischen Spiritualität, elitärem Scheiß und dringender Notwendigkeit“ .

Anstatt Verbesserungen in der Zusammenarbeit, in der Wertschätzung ihrer Arbeit, in der Möglichkeit, menschenwürdige Arbeit menschenwürdig leisten zu können, erfahren diese Menschen, dass durch zunehmende Detailregelungen, Prozesssteuerung und Bürokratismus das genaue Gegenteil passiert. Sie erfahren digitale Käfighaltung mit einem scheinheiligen Anstrich von Wohlfühl-Maßnahmen.

Wirkungslose Canapé-Events

Die New Work-Bewegung betreibt in Deutschland wirkungslose Canapé-Events zur Gewissensberuhigung. Supermarkt-Verkaufspersonal, Personal von Pflegediensten, Betriebsräte, Beschäftigte im Niedriglohnsektor, schlecht bezahlte Clickworker oder Vertreter der rund 1,5 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich mit Arbeitsverträgen auf Abruf herumschlagen müssen, von fiesen Chefs am Arbeitsplatz mit Webcams überwacht und in Echtzeit dirigiert werden, sucht man bei den hochpreisigen Veranstaltungen in cool wirkendem Ambiente vergeblich. Änderungen im Gallup-Zufriedenheitsindex sind auch nicht feststellbar.

So unternehmen angeblich viele Arbeitgeber große Anstrengungen, um Mitarbeiter an sich zu binden. Dennoch stagniert der Anteil der Arbeitnehmer, die eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber aufweisen bei mageren 15 Prozent. Ebenso viele Arbeitnehmer haben innerlich bereits gekündigt. 70 Prozent der Beschäftigten sind emotional gering gebunden und machen lediglich Dienst nach Vorschrift. Rechnet man die 85 Prozent Unzufriedenen auf die erwerbstätige Bevölkerung hoch, sind das rund 30 Millionen Menschen. Und dieser Wert hat sich seit dem Start des Index vor 17 Jahren kaum verändert. Der Anteil der Zufriedenen lag damals bei 16 Prozent.

Graswurzelbewegung über Dorfcamps

Beim deutschlandweit ersten Dorfcamp ist das intensiv mit Ute Schulze, Mike Schnoor, Tim Ebner und Christian Bartels in einer Session unter dem Thema „New Work – Mehr Schein als Sein“ diskutiert worden. Resümee: Menschen müssen sich in der Dienstleistungs- und Netzökonomie besser organisieren. In der industriellen Revolution ist das durch Arbeitervereine und Gewerkschaften geschehen. Die zersplitterte und hoch moderne Arbeitswelt unserer Tage hat den Organisationsgrad der Beschäftigten dramatisch reduziert.

Mike Schnoor verwies auf die Startup-Szene und auf Agenturen. Als Indikator könnte die Zahl der Betriebsräte in solchen Unternehmen herangezogen werden. Sie wird wohl erschütternd niedrig ausfallen. Bei den sogenannten Leiharbeitern und den Beschäftigten auf Abruf werden die Ergebnisse auch nicht besser abschneiden. Wie kann man das ändern?

Wie wäre es, eine Vielzahl von Dorfcamps durchzuführen, um irgendwann in der Fläche eine Graswurzelbewegung auszulösen. Verbunden mit dem spontihaften Aufruf von Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach zum Machteliten-Hacking. Man müsse Gegen-Narrative in die Organisationen bringen. Die alten Eliten sind von einer Blase der Ja-Sager umgeben. Wie wäre es mit einer subversiven Injektion für kritisches Denken?

Wie könnte eine Graswurzelbewegung die Werkzeuge des Social Webs einsetzen, um Verkrustungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aufzubrechen? Eine Möglichkeit sehe ich in der Ideen-Infiltration, die der Jesuit Michel de Certeau in seinem Band „Kunst des Handelns“ für listenreiche Konsumenten aufgebracht hat.

Es geht um normale User, die beim Surfen durch die Warenwelt in den Nischen des Konformismus auf ungeahnte Autonomiemöglichkeiten stoßen, ohne sich der Aufgabe des aufopfernden Heldentums widmen zu müssen. Wer ist schon gerne Märtyrer? Es reichen kleine Regelverletzungen. Man könnte während der Arbeitszeit unauffällig anderen Tätigkeiten nachgehen, Meetings mit endlosen Monologen ad absurdum führen, Vorgesetzte mit falschen Excel-Tabellen in den Wahnsinn treiben und Macho-Manager bei der nächsten Weihnachtsfeier mit scharfsinnigen Witzen als eitle Trottel bloßstellen.

Zweckentfremdung von digitalen Werkzeugen

Die Zweckentfremdung von digitalen Werkzeugen bietet eine Vielzahl von dadaistischen Möglichkeiten des Anarchentums: Powerpoint-Präsentationen für den Vorstand und selbst das Intranet sind ein ergiebiges Feld für Sticheleien. Klaut der eigene Boss regelmäßig seine Führungsweisheiten aus einschlägig bekannten Ratgeberbüchern der prahlerischen Beraterzunft, empfehle ich als Fußnote schlichtweg die Quellen-Angabe. In meiner Zeit beim Telefonie-Unternehmen o.tel.o ergänzte ich die Durchhalteparolen des Kommunikationsdirektors, die er aus einem Opus von Reinhard Sprenger abkupferte, mit einer Rezension des besagten Werkes.

Hintergrundinfos über prahlerische Vorgesetzte

Die angeberischen Exkurse des Top-Managers mit dem Charme eines Autoverkäufers über seine Karriere als Bundesliga-Torwart konterte der zuständige Mitarbeiter für das Sport-Sponsoring mit einem Zitat aus dem Bundesliga-Jahrbuch: Die fußballerische Karriere des Vokuhila-Schwätzers währte nur kurz, weil der Protagonist den Anforderungen des Profivereins nicht gewachsen war. Um so mehr redete er von seinen Kitzbühl-Begegnungen mit Franz Beckenbauer und Konsorten. Alle Mitarbeiter, die unter diesem Zwergen-Regime dienen mussten, konnten mit den vermittelten „Hintergrundinfos“ die Auftritte des Direktoren-Würstchens besser ertragen.

Das Notiz-Amt plädiert für eine Vielfalt von Maßnahmen, um jenseits der New-Work-Kuschel-Wuschel-Projekt-Schwafelei Denkanstöße für eine Verbesserung der Arbeitswelt auszulösen.


Image (adapted) „Asien“ by sasint (CC0 Public Domain)


 

Weiterlesen »

Die neuen Work-At-Home-Mütter: Innovatives Arbeitsmodell oder Stress pur?

kid-1520705_1920 (Image by LiudmilaKot [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Katja Cragle ist eine hochaktive Frau. Sie ist engagiert, leidenschaftlich und macht alles mit viel Herzblut. Sie arbeitet Vollzeit für eine belgische Werbefirma und wenn im Job mal „die Bude brennt“, wie sie es nennt, steht sie schon mit dem Feuerlöscher daneben. Doch Katja Cragle ist auch Vollzeit-Mama. Ihr dreijähriger Sohn Emil ist ihr täglicher Sonnenschein. Beides gehört zu ihrem Leben dazu und die Frage ob Kind oder Karriere hat sie sich so nie gestellt. Als Alleinverdienerin war für Cragle schon immer klar, dass sie beides miteinander verbinden musste. Ihre Lösung: arbeiten im Homeoffice als Work-At-Home-Mama.

Homeoffice für Eltern? Nicht in Deutschland

Die WAHM, wie sie in den USA genannt werden, sind in Deutschland ein neues und vor allem seltenes Phänomen. Nach einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach vom Herbst 2015 arbeiten gerade einmal 6 Prozent der Eltern in Deutschland im Homeoffice, die Mehrheit davon (59 Prozent) sind interessanterweise Männer, obwohl sich 56 Prozent der berufstätigen Mütter wünschen, von zu Hause aus zu arbeiten.

Katja Cragle (Image by Katja Cragle)
Katja Cragle (Image by Katja Cragle)

Katja Cragle kennt es fast gar nicht anders. Seit 2009 ist ihr Büro in ihrem Haus. Damals lebte sie allerdings noch in den USA, wo es ihrer Meinung nach eine offenere Einstellung zum Homeoffice gibt als hierzulande, wie sie gegenüber den Netzpiloten erklärt. „Es ist in den USA einfacher von zu Hause aus zu arbeiten, weil es dort viel normaler ist. Auch hatte ich den Eindruck, dass es dort sehr viel selbstverständlicher war, sich digital zu unterhalten. Alles wurde über Chat erledigt, selbst wenn der Kollege nur fünf Meter weiter saß.“ Auch glaubte dort niemand, dass sie zu Hause nur faul auf dem Sofa herumlag – ein Vorwurf, mit dem die meisten Heimarbeiter in Deutschland konfrontiert werden.

Bei einer Umfrage des Bundesministeriums für Arbeit unter Beschäftigten und Betrieben in Deutschland bewerteten viele Arbeitgeber das Homeoffice-Modell als negativ. Arbeit und Freizeit würden demnach zu stark miteinander vermischt. Die Sorge: Angestellte lassen sich zu sehr ablenken. Das ist tatsächlich eine Gefahr für das Arbeiten von Zuhause, gerade für Mütter, die neben Kind und Job auch noch den Haushalt schmeißen. Denn während Mütter so einerseits Familienleben und Job besser miteinander in Einklang bringen können, liegt genau darin auch eine Gefahr. Jedoch arbeiten Work-At-Home-Mütter nicht weniger, wie Arbeitgeber vermuten, sondern eher zu viel. Menschen, die von zu Hause aus arbeiten, tendieren nämlich nach Einschätzung des Bundesministeriums für Arbeit grundsätzlich dazu, mehr Überstunden zu machen als Angestellte mit einem typischen Bürojob.

„Ich war durch meine Arbeit zu Hause gespalten“

Diese Erfahrung hat auch Claudia V. gemacht. Die Münchnerin, die ihren vollen Namen nicht nennen möchte, hat rund sechs Jahre im Homeoffice gearbeitet, von der Geburt ihres Sohnes bis nach der Einschulung. Als Selbständige wollte sie dabei sowohl 150 Prozent im Job geben als auch viel Zeit mit ihrer Familie verbringen. Denn das ist ja schließlich auch die Erwartungshaltung an das Arbeitsmodell ‚Homeoffice‘. Das war aber ein Spagat, der ihr nur selten gelang. „Ich war durch meine Arbeit zu Hause ständig zwischen Haushalt, Familie und Job hin- und hergerissen, da sich alles an einem Ort abspielte. Sprich, ich rief spät noch Kunden an, schrieb Angebote, wenn mein Sohn und sogar mein Mann zu Hause waren und verhielt mich manchmal unfair ihnen gegenüber, da ich nicht ansprechbar war, wenn ich Druck hatte. Sie waren im Entspannungs-Modus und ich wollte mein Pensum durchboxen und das bestmögliche für meine Arbeit rausholen.“

Das angeblich entspannte und flexible Arbeiten von zu Hause wurde für sie so zum reinen Stressfaktor. Während ihr Sohn in der Schule war, versuchte sie so viel wie möglich im Haushalt vorzubereiten und dabei die wichtigsten Punkte auf ihrer beruflichen Agenda abzuarbeiten. Blieb etwas liegen, wenn ihr Sohn mittags nach Hause kam, wurde dies zur Belastung, da sie einerseits Zeit mit ihrem Kind verbringen wollte, andererseits aber nie völlig vom Job abschalten konnte. „Wenn die Kinder noch Babys oder kleiner sind, mag das ja mit dem Homeoffice eine Zeit lang klappen, aber sobald sie aktiver werden, wird es sehr schwierig“, sagt sie.

Eine Tagesmutter oder Haushaltshilfe hätte sie natürlich entlasten können. Doch das hätte einen guten Teil ihrer Einnahmen wieder aufgefressen. So hat sich Claudia V. vor zwei Monaten dazu entschieden, ihr Homeoffice dicht zu machen und sitzt seitdem wieder als klassische Angestellte im Büro. Rein rechnerisch verbringt sie dadurch zwar weniger Zeit mit ihrem Sohn und ihrem Mann, doch die Zeit, die sie gemeinsam mit der Familie hat, ist dann wenigstens zu 100 Prozent Freizeit.

Wenn die Kinder zu Hause sind, kann man das Arbeiten vergessen

Dieses Dilemma kennt auch die Webentwicklerin Katrin Härtl aus Hürth bei Köln. Sie hat zwei Töchter, die gerade im Kindergarten- und Kitaalter sind. Zum Arbeiten kommt auch sie nur, wenn die beiden aus dem Haus sind, erzählt sie im Netzpiloten-Gespräch: „Wenn die beiden zu Hause sind oder Ferien haben, kann ich das Arbeiten eigentlich vergessen. Denn dann kommen meine Töchter alle zehn Minuten zu mir, damit ich den Klebestift halte oder die Legosteine auseinander baue.“ Dennoch ist das Work-At-Home-Modell für sie ideal. Sie spart sich die nervige Pendelei und kann ohne Ablenkung von Kollegen fokussiert an ihren Projekten arbeiten. Ihr Tag sieht so aus, dass sie am Morgen arbeitet und am Nachmittag und Abend Zeit für ihre Familie hat. Möglicherweise kann sie besser abschalten als Claudia V., weil sie nicht selbständig ist, sondern als Angestellte mit festen Zeiten für ein Unternehmen arbeitet.

Dennoch, zu schaffen und zu genießen ist dieses Wechselspiel zwischen Job und Familie eigentlich nur durch gute Organisation, glaubt Härtl. Auch Katja Cragle beteuert, dass es ohne einen durchstrukturierten Tag nicht gehen würde. Ihr Tag ist von der morgendlichen Fahrt zum Kindergarten über das Mittagessen um 13 Uhr am Schreibtisch bis hin zur Arbeit am Abend bis ins kleinste Detail durchgeplant.

Doch nicht nur die zeitliche Organisation, auch die räumliche Trennung von Familie und Arbeit ist dabei sehr wichtig. So ist ein Raum in Cragles Kölner Wohnung auch ganz bewusst ihr Büro. „Dort arbeite ich dann ganz normal am Schreibtisch und habe, wie auch in einem ?richtigen? Büro, meinen Laptop mit einem externen Monitor und externer Tastatur, Telefon und Drucker, um die Arbeit gut erledigen zu können. Abends, wenn Emil wieder zu Hause ist, schließe ich mich dann sogar im Büro ein, damit er nicht andauernd hereinkommt. Er versteht aber, dass das Mamas Arbeitsplatz ist.“

Brauchen wir ein Homeoffice-Gesetz?

Wenig Verständnis bei den deutschen Arbeitgebern, Überstunden und der ständige Wechsel zwischen Arbeit und Familie – ist das Work-At-Home-Modell für Mütter überhaupt erstrebenswert? „Jein“, findet Katrin Härtl, die auch für die SPD im Hürther Stadtrat sitzt, „ein gesetzlich festgeschriebenes Modell zum Homeoffice wie etwa in Holland halte ich für schwierig“, sagt sie. Denn zu sehr unterscheiden sich die individuellen Situationen von arbeitenden Müttern, um dies in einem Gesetz für festhalten zu können.

Begrüßenswert wäre es aber sicherlich, wenn mehr Mütter tatsächlich die Wahl zu so einer Arbeitsform und auch eine bessere Infrastruktur zur Kinderbetreuung hätten. Dann kann das Modell für Mütter und Karrierefrauen wie auch bei Katja Cragle voll aufgehen: „Wenn ich zwischen meiner Arbeit Emil einfach nur mal fest in den Arm nehmen kann, dann ist die Welt wieder in Ordnung.“


Image „„kid-1520705_1920““ by LuidmilaKot (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Macht das Arbeiten in Startups krank?

Es ist zwei Uhr morgens in Colorado. Sarah Jane Coffrey schreckt hoch und checkt panisch ihre E-Mails. Sie hat Angst, dass sie eine wichtige Nachricht verpasst hat – obwohl sie mal wieder bis in die Nacht gearbeitet hat. Sie ist nicht nur müde, sie ist erschöpft, am Ende ihrer Kräfte. So hatte sie sich das glamouröse Startup-Leben nicht vorgestellt. Rückblickend erinnert sie sich an ihre schlimmsten Momente ihrer ersten Startup-Erfahrung: „Bald fing ich an, bei der Arbeit zwei oder drei Mal die Woche auf der Toilette zu weinen. Es gab zwar manchmal konkrete Gründe für die Tränen, aber meistens weinte ich aus dem starken Gefühl der Überwältigung heraus.“

Wenn der Mythos Startup zu bröckeln beginnt

Das widerspricht eigentlich komplett dem Image der Gründerszene. Denn wohin man schaut, Startups sind der letzte Hype. Gründer sind die neuen Rockstars. Sie sind kreativ, verändern die Welt und durchbrechen festgefahrene Strukturen der Arbeitswelt. Wer möchte nicht in so einem Umfeld arbeiten?

Menschen wollen, dass ihre Arbeit bedeutungsvoll ist. Sie wollen etwas beeinflussen, ihre Talente nutzen, wertgeschätzt werden. Und sie wollen natürlich auch mit ihrer harten Arbeit die Karriereleiter schneller erklimmen als sie das je in einem klassischen Unternehmen könnten.“ So erklärt zumindest Sarah Jane Coffrey im Netzpiloten-Gespräch die Faszination, die die Gründerszene auf viele ausübt. Doch was, wenn dieser Mythos anfängt, zu bröckeln?                                           

sjseriousheadshot
Sarah Jane Coffrey by Sarah Jane Coffrey

Sarah Jane Coffrey ist nicht die einzige, die mit viel Enthusiasmus bei einem Startup zu arbeiten anfing und dann, nach Monaten oder sogar Jahren, in denen 60-Stunden-Wochen die Norm sind, in ein tiefes Loch fällt. Miriam Goos, Neurologin und Gründerin von Stressfighter Experts, einer Burnout-Prävention-Firma, kennt viele solcher Beispiele aus ihrer täglichen Arbeit: „Je höher wir fliegen, desto tiefer können wir fallen“, sagt Goos. Was so poetisch klingt, ist für Betroffene aber alles andere als romantisch. Denn sie leiden meist unter Burnout, Depression, sozialer Vereinsamung – oder allem zusammen. 

Gerade Gründer haben nach Meinung von Goos diese große Fallhöhe. „Anders als Angestellte in einem langweiligen Bürojob, um es mal ganz platt zu sagen, wissen Gründer sehr genau, warum sie arbeiten. Sie verwirklichen ihre eigenen Ideen und oft steckt natürlich auch noch viel Eigenkapital im Startup. Da ist die Motivation natürlich sehr hoch“, erklärt Goos gegenüber den Netzpiloten.

Hohe Ideale, große Ziele und persönliche Investitionen sind natürlich riesige Antriebe, um voll durchzupowern. Das wäre an und für sich etwas sehr Positives. Problematisch wird es aber dann, wenn diese hohen Erwartungen nicht erfüllt werden. Gerade bei Startups, wo vieles noch im Anfangsstadium ist und Gründer sich selbst unter sehr viel Zeit- und Gelddruck setzen, können diese Erwartungen schnell enttäuscht werden. Die Folge: Burnout.

Wie eine Sucht

Deshalb vergleicht Miriam Goos die Vorgänge von Burnout im Gehirn durchaus mit einem Suchtverhalten. „Wenn Gründer ihre ersten Ideen umsetzen und Erfolge haben, wird das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert und es kommt zur Dopaminausschüttung. Dieses Glücksgefühl macht süchtig und ist so stark, dass Gründer weitermachen. Wenn dann aber die Stimuli überraschend ausbleiben, weil etwa der gewünschte Umsatz oder ein bestimmtes Ziel nicht erreicht wurden, sinkt die Dopaminkonzentration stark ab. Man fällt in ein Loch. Daraus entsteht eine Unsicherheit und auch Angst vor dem ausbleibenden Erfolg, das Immunsystem leidet und auch die emotionale Stabilität und die geistige Leistungsfähigkeit sinken ab.“

Nicht selten führt das bei Gründern tatsächlich auch zu Drogenkonsum. Vor allem Drogen, die die Performance steigern, seien bei Gründern beliebt, sagt Goos. Sarah Jane Coffrey hat in der Startup-Szene in Denver vor allem exzessiven Alkoholkonsum erlebt. Der eine oder andere Drink nach der Arbeit sei sicher okay, doch die Trinkkultur, die sie erlebt hat, deute darauf hin, dass man mit Alkohol tiefere Probleme kaschiere, sagt Coffrey: „Wenn das Team sich regelmäßig betrinkt und das Dampf ablassen nennt, weil alle kontinuierlich Überstunden schieben, dann ist das kein Stressventil, dann ist das ein Zeichen dafür, dass etwas gewaltig kaputt ist.“

Tabu-Thema Burnout in der Gründerszene

miriam-goos-by-philipp-goos
Miriam Goos by Philipp Goos

Goos ist überzeugt davon, dass die Erlebnisse von Coffrey auch auf Deutschland zutreffen, auch wenn das Thema „Drogenproblematik“ in der Startup-Szene hierzulande noch absolut Tabu ist. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass es zum Beispiel noch nicht mal eine offizielle Anlaufstelle für Gründer gibt, die über Probleme wie Stress oder Burnout sprechen möchten.

Dabei wäre es wichtig, die Burnout-Symptome früh zu erkennen. Zu Miriam Goos kommen die meisten Kunden erst, wenn sie am Ende sind. Sie leiden unter Schlaflosigkeit, hohem Blutdruck, ernähren sich mangelhaft, arbeiten ohne Unterlass und gehen dabei sehr hart mit sich selbst ins Gericht. Die meisten ihrer Klienten beschweren sich aber darüber, dass sie nicht abschalten können. „Sie haben eine ständige Autobahnfahrt ihrer Gedanken im Gehirn und müssen erstmal lernen, das Tempo wieder herauszunehmen. Ich nehme sie dann zum Beispiel mit zu einem Spaziergang und dann üben wir bewusst ganz, ganz langsames Gehen. Das allein schon fällt den meisten unglaublich schwer.“

Leider wird diese „Always-On-Mentalität“ selten als etwas Problematisches erkannt, sagt Coffrey: „Was das Ganze noch schlimmer macht ist ja gerade die Tendenz dazu, diesen sehr intensiven Lebensstil als etwas Glamouröses darzustellen. Ich zucke jedes Mal zusammen, wenn ich einen Tweet über die Arbeit um drei Uhr morgens mit dem Hashtag #startuplife sehe. Das ist doch nicht sexy, das ist  sehr traurig.“

Coffrey selbst hat ebenfalls lange gebraucht, um sich einzugestehen, dass ein solches Leben ungesund ist. Mittlerweile arbeitet sie bei Reboot, einem Unternehmen, das Startups coacht. Doch der Prozess der Selbsterkenntnis ist lang und schwierig. Daher wäre es wichtig, die Anzeichen von Burnout in Startups nicht zu verherrlichen oder zu ignorieren, sondern offen zu diskutieren.

„Manchmal reichen auch 80 Prozent“

nora-wohlert-und-susann-hoffmann-2016-by-jennifer-fey
Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert by Jennifer Fey

In Deutschland trauen sich mittlerweile, wenn auch noch sehr vereinzelt, die ersten Gründer, offen über die Schattenseiten von Startups zu sprechen. Dazu gehört auch Nora-Vanessa Wohlert, Mitgründerin des Webmagazins Edition F. Im ersten Unternehmensjahr versuchten sie und ihre Geschäftspartnerin Susann Hoffmann ein tolles Magazin auf die Beine zu stellen, ein kleines Team zu leiten, eine Unternehmenskultur aufzubauen und Investoren zu finden – und all das natürlich auf einmal. „Die Wahrheit ist: Gründen ist herausfordernd. Immer wieder kommen Zweifel. Ängste. Harte Entscheidungen. Die Sorge um das Geld. Die Sorge um den Erfolg. Erwartungen. Zeitmangel“, schreibt Wohlert über ihre eigene Erkenntnis, dass das Startup-Leben nicht immer so glamourös ist, wie es klingt. 

Etwa ein Jahr ging das so, bis Wohlert klar wurde, dass sie so nicht mehr weitermachen wollte: „Ich hatte in dem Jahr keinen Urlaub, habe mir kein Gehalt gezahlt und mir selbst auch einfach nichts gegönnt. Ich habe mir zum Beispiel in eineinhalb Jahren wirklich gar nichts für mich selbst gekauft“, erinnert sie sich im Gespräch mit den Netzpiloten. Erst als ein Unbekannter sie bei Facebook fragt, wann sie anfangen würde zu leben statt zu arbeiten, macht es Klick bei Nora-Vanessa Wohlert.

Sie hatte die Warnungen ihres Umfelds größtenteils ignoriert, sich selbst nie eine Pause gegönnt und sich selbst auch nie die Zeit genommen, sich zu den vielen kleinen und großen Erfolgen als Gründerin zu gratulieren. „Ich habe zum Glück mittlerweile einen Weg gefunden, mir selbst das Abschalten zu erlauben. Ich habe erkannt, dass ich ersetzbar bin – und dass das eine Entlastung ist. Auch habe ich meinen Perfektionsdrang etwas gedrosselt, manchmal reichen auch 80 Prozent.“ Das scheinen bei Wohlert keine leeren Worthülsen zu sein – sie bereitet sich gerade auf ihren Urlaub nach Thailand vor.


Image „burnout“ by moritz320 (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »