Warum Zeitzonen eigentlich egal sind – und warum nicht

Dass Zeitzonen gerade für digitale Nomaden so ihre Tücken haben können, habe ich bereits an anderer Stelle beschrieben. Über potentielles Terminchaos hinaus gibt es aber auch viele Vorteile – und noch mehr Nachteile! Aber die lassen sich meist gut umschiffen.

Nachtschicht am Tag

Irgendwo auf der Welt ist am Ende des Tages immer noch zu viel Arbeit übrig. Für viele Auftraggeber kann es daher sehr attraktiv sein, einen kleinen Overnight-Turbo zu zünden. Einfach vor dem Büroverlassen noch einen Auftrag rüberschicken, um dann am nächsten Morgen einen Batzen neuer Ideen, überarbeiteter Texte oder sonst welche Arbeitsergebnisse in den Händen halten zu können? Mit dem entsprechenden Zeitunterschied und Remoteworkern ist das kein Problem.

Einfach mal Ruhe

Insbesondere für Menschen, die in Großraumbüros arbeiten müssen, kann das dauernde Klingeln des Telefons, der allgemeine Geräuschpegel, das Aufploppen des Mailsymbols und die nett gemeinten Besuche von Kollegen ein echter Killer für die eigene Produktivität. Und eigentlich muss ich das „kann für viele Menschen“ streichen, denn auf diese Art sich zu konzentrieren ist schlicht unmöglich.

Bei Nomaden steht zwar niemand im Büro, aber wenn intensiv an einem Projekt gearbeitet wird, läuft Slack schon mal heiß und die roten Zahlen an allen möglichen Apps fangen an, Phantasiezahlen anzuzeigen. Ganz anders, wenn im Land des Auftraggebers alle tief und fest schlafen. Acht Stunden ungestörtes Arbeiten? Für viele ist das ein Traum – leider und vollkommen unnötig.

Einfach niemand zu erreichen

Natürlich hängt alles von dem konkreten Job ab: Wenn Abstimmung nötig ist, Fragen geklärt werden müssen, vor allem, ganz am Anfang des Arbeitstages oder Projektes, dann kann ein schlafender Kunde schon problematisch werden. Mit ein bisschen Erfahrung und einem gut eingespielten Team lassen sich solche Momente aber meist vermeiden. Im äußersten Notfall muss ausnahmsweise die Nacht zum Tag gemacht werden – entweder auf der einen oder auf der anderen Seite der Welt.

Schatten eines Menschen der gerade frühstückt
Des einen Frühstück ist des anderen Abendessen. Image by Katsche Platz.

Etwas zu viel Stille

Das „Einsamkeitsproblem“ ist ja mitunter das Größte bei Menschen, die aus der Ferne arbeiten. Das wird bei unterschiedlichen Zeitzonen nochmal verstärkt. CoWorking Spaces, Mittagsverabredungen und viele andere Tricks können gegen die allgemeine Nomadeneinsamkeit helfen. Wenn man auf Dauer miteinander arbeitet und Zeitzonen dazwischen liegen, können aber auch diese Tricks den Kontakt zu echten Kollegen nur bedingt ersetzten. Wir wären ja keine digitalen Nomaden, wenn wir nicht ohnehin nach einer Weile weiterziehen würden. Von daher erledigt sich das Problem häufig von alleine, wenn es wirklich mal auftaucht.

Fear of Missing Out

Ich selbst muss sagen, dass ich gerade wenn „mein Team“ schläft, ich keine Angst habe, etwas zu verpassen. Auch beim Einschlafen und Feierabend machen, habe ich keine Probleme. Dass ich so gut abschalten kann hängt vielleicht mit meiner rigiden Feierabendpolitik zusammen, aber sicher auch mit dem konkreten Arbeit- oder Auftraggeber. Eine Freundin, die in Südeuropa lebt und für New York arbeitet, führt leider viele Telefonate spät in der Nacht und hat ein großes Problem Emails einfach abzuschicken, ohne die Entwicklungen des Tages „zu verpassen“. Vielleicht hilft ihr Yoga? Oder… ein etwas remote-freundlicherer Arbeitgeber. Davon gibt es ja zum Glück immer mehr!

Eine Mutter kümmert sich um ihr Kind, während ein Schild zeigt, dass die Freunde in der Kneipe abhängen
Die „Fear of missing out“, also die Angst, etwas zu verpassen, ist bei vielen digitalen Nomaden allgegenwärtig. Image by Katsche Platz

Welche Zeitzone eigentlich?

Bei einer Website, an der ich mit einem Team von knapp sechs Leuten gearbeitet habe, waren wir einmal in sieben verschiedene Zeitzonen gleichzeitig unterwegs. Die Kommunikation lief über Slack und Asana (wie so häufig) und erfolgte extrem diszipliniert und rücksichtsvoll. Ich hatte den Eindruck, dass sich durch die erhöhte Sensibilität für die unterschiedlichen Zeitzonen eine ganz besondere Umsicht gebildet hatte.

Jeder schien stets daran zu denken, wann und wie ein anderes Teammitglied einen Task erledigen kann und wie lange es wohl dauern würde, bis die erledigte Aufgabe zu einem zurück kommt, um dann damit weiterarbeiten zu können. Thematisiert wurde es nur einmal zu Anfang, dann lief es. Nach dem Job hatte ich den Eindruck, dass ich noch nie so zeitschonend und effizient mit einem Team dieser Größe gearbeitet habe. Und ich konnte sehr viel für andere Projekte daraus lernen. Gerne wieder, liebe Kollegen – auch ohne Zeitunterschied.


Image by Katsche Platz

arbeitete zuletzt in Hamburg als Kreativer bei freundlichen Werbeagenturen und trieb sich als Poet im Zwielicht herum. Da er im Herzen ein Reisender ist, wurde er zum digitalen Nomaden. Aus der Ferne textet und konzipiert er für Startups, den Mittelstand oder Konzerne wie Mercedes und Lufthansa. Katsche doziert an der Hamburg School of Ideas und spricht in seinen Vorträgen viel über Mut, Vertrauen und das Arbeiten in einer kreativen, digitalen Gesellschaft.


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