Worum geht es in der Zukunft der Arbeit und der Bildung?

In unserem Podcast Tech und Trara habe ich mich kürzlich mit Dr. Anja C. Wagner unterhalten. Sie ist Expertin im Bereich “Zukunft der Arbeit und Zukunft der Bildung”. Als Geschäftsführende Gesellschafterin der digitalen Bildungsagentur FrolleinFlow arbeitet sie an Bildungsangeboten, Medienkonzepten und zeitgemäßen Arbeitsprozessen. Das bedeutet, sie beschäftigt sich viel mit unserer Bildungs- und Arbeitswelt und damit, wie diese in der Zukunft aussehen könnte und sollte. In dem Gespräch mit ihr habe ich über die Zukunft der Arbeit und der Bildung eine Menge neues Wissen und Erkenntnisse gewonnen. Diese Erkenntnisse fasse ich für euch in diesem Artikel einmal zusammen.

Strukturen aus einem anderen Zeitalter

Denken wir an die Themen Arbeit und Bildung, denken viele von uns wahrscheinlich sofort an Dinge wie die 40 Stundenwoche, Jahresurlaube, den lang ersehnten Feierabend und ein Schulsystem, das sich in Haupt- und Realschule sowie das Gymnasium gliedert. Tatsächlich hat sich an der Art, wie wir arbeiten und ausgebildet werden in den letzten 200 Jahren gar nicht sonderlich viel getan. In seinen Grundstrukturen ist das System mehr oder weniger gleich geblieben. Um zu verstehen, wieso das überhaupt ein Problem ist, müssen wir aber erst einmal verstehen, woraus diese Systeme überhaupt entstanden sind.

Der Ursprung der 40-Stunden-Woche

Nehmen wir mal die klassische 40-Stunden-Woche. Die ist tatsächlich ein Gewinn und ein immenser Fortschritt gewesen, den wir der harten Arbeit der Gewerkschaften im 20. Jahrhundert zu verdanken haben. Im 19. Jahrhundert nahm die industrielle Revolution fahrt auf und veränderte die Art, in der die Menschen arbeiteten, massiv. Auf einmal gab es Maschinen und Fabriken – entstanden durch den technischen Fortschritt und die Entwicklung der Dampfmaschine. Diese Fabriken und Maschinen konnten Tag und Nacht arbeiten und ihren Besitzern Geld einbringen. Damit das geschehen konnte, mussten die Maschinen bedient werden und Menschen permanent die Arbeitsschritte übernehmen, die Maschinen noch nicht machen konnten. Man könnte das als klassische Fließbandarbeit bezeichnen. Aber auch die Arbeit Unter-Tage zählte dazu. Irgendjemand musste schließlich die Kohle beschaffen, durch deren Verbrennung die Maschinen am Laufen gehalten werden konnten.

Zu dieser Zeit war an eine 40-Stunden Woche gar nicht zu denken. Die Menschen arbeiteten hier teilweise sieben Tage die Woche á 12 Stunden. Alle – Männer, Frauen und Kinder – mussten arbeiten. Irgendwann gründeten sich dann Gewerkschaften, die kontinuierlich dafür kämpften, die Wochenarbeitszeit drastisch zu reduzieren. Das gelang ihnen dann im großen Stil in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und die 40-Stunden-Woche war geboren.

Hier könnt ihr euch den Podcast mit Anja C. Wagner übrigens auch selbst anhören:

8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Schlaf und 8 Stunden Freizeit

Die Idee des damit verbundenen acht Stunden Tages wurde erstmals 1810 von dem Unternehmer und Sozialreformer Robert Owen formuliert. Die Idee bestand darin, den Tag in drei Teile aufzuteilen. Die Menschen sollten jeweils acht Stunden am Tag haben für Arbeit, Schlaf und Freizeit.

Wir sehen also, die 40-Stunden-Woche ist ein Produkt des industriellen Zeitalters und war hier ein echter sozialer Fortschritt. Statt 12 Stunden oder mehr mussten Menschen hier nur noch acht Stunden am Stück arbeiten. Diese Arbeit am Stück allerdings brauchte es, da es Menschen brauchte, die kontinuierlich arbeiteten, um industrielle Abläufe am Laufen zu halten.

Ich kann euch zu speziell diesem Thema aber auch zu anderen Wirtschaftsthemen den Podcast “Wohlstand für alle” von Wolfgang M. Schmitt und Ole Nymoen sehr ans Herz legen. In dieser Folge geht es beispielsweise nochmal detaillierter um die 40-Stunden-Woche und deren Sinnhaftigkeit in unserer heutigen Zeit.

Die Verteilung unseres Bildungssystems

Dr. Anja C. Wagner erklärte mir im Podcast auch, was es mit unserem Bildungssystem auf sich hat. Das heutige System – mit der Laufbahn durch Grundschule, Oberschule, Universität – stammt ebenso aus der Zeit des 19. Jahrhunderts. Vor dessen Vereinheitlichung zur sogenannten “Bildungskette” war die Bildung in Deutschland nämlich eher ein Gemisch von verschiedenen Schulen und Universitäten ohne wirkliche Zusammenhänge.

Der Grund für diese Vereinheitlichung liegt in den neuen Ansprüchen einer industriellen Gesellschaft an die arbeitende Bevölkerung. In so einer Gesellschaft braucht es lediglich einen bestimmten Anteil verschiedener Arbeitskräfte und Kompetenzen. Nicht alle können oder sollen Vordenker und Innovatoren sein. Genauso wenig können alle Firmenchef*innen, Handwerker*innen, Fließbandarbeiter*innen oder Ärzt*innen sein. Es braucht aus jeder Gruppe, die mit unterschiedlichen Kompetenzen arbeitet, einen bestimmten Anteil in der Bevölkerung. Unser Bildungssystem hatte hier also nicht bloß die Aufgabe, die Menschen mit verschiedenen Talenten dahingehend auszubilden, es sollte auch dafür sorgen, dass die entsprechenden Gruppen in den jeweiligen Anteilen daraus hervorgehen.

Um also für die Industrialisierung die passende Arbeitskraft auszubilden, änderte sich das Bildungssystem zu einem einheitlichen System, in dem bestimmte Abschlüsse Voraussetzung für weitere Möglichkeiten waren. Das kennen wir auch heute noch – z.B. das Abitur als Voraussetzung für ein Studium. Wie mir Anja C. Wagner erklärte, sind Abschlüsse und Zertifikate nicht bloß Bescheinigungen einer Qualifikation. Sie sind auch immer ein Weg, bestimmten Gruppen den Zugang zu weiterer Bildung oder bestimmter Arbeit zu verwehren. Was nicht unbedingt bedeutet, dass sie für eine Aufgabe nicht geeignet wären. So sorgte das Bildungssystem also dafür, dass eben die richtigen Gruppen in der gewünschten Menge aus dem Bildungssystem hervorkamen.

Alte Systeme in einem neuen Zeitalter

Kommen wir nun also zum Problem mit den oben beschriebenen Zuständen. Wenn wir von der Zukunft der Arbeit sprechen, sprechen wir nämlich nicht bloß von so tollen Schlagworten wie Remote Work, Home Office und Work-Life-Integration, wir sprechen auch davon, wie Arbeit und Bildung in einem postindustriellen Zeitalter aussehen können.

Das ist hier nämlich der springende Punkt. Wir leben immer weniger in einer industriellen Gesellschaft, sondern immer mehr in einer Informationsgesellschaft. Den automatisierten Teil unserer “Arbeit”, wiederkehrende Prozesse und einfache Aufgaben übernehmen größtenteils Maschinen. Dieser Trend wird sich dank technologischer Fortschritte vermutlich fortsetzen. Das bedeutet im Klartext, dass Jobs wegfallen werden. Und zwar eine ganze Menge. Fortschritte im autonomen Fahren könnten z.B. Bus- und Bahnfahrer*innen ihre Jobs kosten. Monteur*innen, Buchhalter*innen usw. könnten irgendwann durch technische Lösungen ersetzt werden, die viel effizienter, schneller und genauer sind. Dafür wird es immer mehr Wissensarbeit geben, die eine höhere Qualifikation benötigt. Menschen, die diese technischen Lösungen erstellen zum Beispiel.

IT-Job heißt nicht gleich “sicher”

Allerdings ist zu glauben, dass hier alle IT-Berufe erhalten bleiben, auch ein Trugschluss. Denn sämtliche repetitiven und automatisierbaren Tätigkeiten sind grundsätzlich anfällig dafür, durch Maschinen besser erledigt zu werden. Und davon gibt es in der IT eine ganze Menge. Berufe jedoch, die auf Empathie und Emotion setzen, können schlecht ersetzt werden. Einzigartiges Handwerk und Kunst gehören beispielsweise dazu. Aber auch Soziale Berufe wie  , Dienstleister*innen, Therapeut*innen oder Pflegekräfte lassen sich nur schwer maschinell ersetzen. Und zu guter Letzt auch Berufe, die vom Zwischenmenschlichen leben, ohne direkt aus dem Sozialen zu stammen. Dienstleister wie Friseur*innen,   oder Kellner*innen leben zu großen Teilen von der Mensch zu Mensch-Interaktion.

Wenn das aber so kommen sollte – und hört man auf Expert*innen wie Anja C. Wagner – dann sieht das auch ganz danach aus, brauchen wir aber ein Bildungssystem, dass sich daran anpasst. Es sollte z.B. nicht mehr darauf ausgelegt sein, Berufsgruppen und die entsprechenden Kompetenzen aus dem Industriezeitalter hervorzubringen. Was aber sollte ein Bildungssystem denn dann leisten?

Wie definieren wir Arbeit?

Um über die Zukunft der Arbeit zu sprechen, müssen wir die Arbeit als solche erst einmal definieren. Wie Anja C. Wagner mir nämlich erklärt hat, gibt es zwei Arten von Arbeit. Die Erwerbs- und die Sinnarbeit. Erstere ist die Arbeit, für die wir bezahlt werden. Zweitere ist die, der wir gerne nachgehen oder der wir im privaten Bereich nachgehen müssen. Arbeit, die für uns einen Sinn hat. Es gibt Menschen, die beides in einem Job vereinen und es gibt Menschen, die das trennen. Jedes Hobby, aber auch der Haushalt, Gartenarbeit, Kindererziehung, Computerspielen, Betreuung von Angehörigen – all das ist auch Arbeit. Nur eben keine, für die wir bezahlt werden.

Eine Herausforderung unserer heutigen Arbeitswelt liegt zum Beispiel darin, Sinn- und Erwerbsarbeit in einem Job zu vereinen. Das Bedürfnis ist nämlich bei vielen Menschen vorhanden. Immerhin nimmt die Erwerbsarbeit immer noch ein Drittel unseres Tages ein. Seinen Sinn da komplett auf die Freizeit zu legen, in der wir ja auch noch andere Verpflichtungen zu erfüllen haben, ist zeitlich schwierig.

Was hat das jetzt mit dem Informationszeitalter zu tun?

Wenn wir also in einer Zeit leben, in der Jobs wegfallen und vielen Menschen ihre Erwerbsarbeit genommen wird, müssen wir irgendwie dafür sorgen, dass diese Menschen nicht abhanden kommen. Wenn die Erwerbsarbeit – vielleicht auch durch Ideen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen – weniger wichtig wird, rückt die Sinn-Arbeit in den Fokus. Und hier setzt dann das Bildungssystem an. Denn bis jetzt war es ja darauf ausgelegt, bestimmte “Gruppen von Arbeitenden” zu schaffen.

Da das aber so bald nicht mehr aufgeht, ist es nun wichtiger, Menschen dazu auszubilden, einen Sinn zu finden. Was macht mir Spaß? Wie will ich meine Zeit gestalten? Und wie kann ich meinen Lebensunterhalt finanzieren? Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich habe nicht das Gefühl, dass das aktuell der größte Fokus in der Schule ist. Zumindest im deutschsprachigen Raum nicht. Es gibt zwar andere Bildungssysteme und auch die Waldorf- und Montessouri-Schulen setzen eher auf Kompetenzentwicklung. Weit verbreitet ist aber nach wie vor unser “klassisches” Bildungssystem.

Im OMR Podcast hat sich der Philosoph Richard David Precht mit Online Marketing-Experte Philipp Westermeyer zu diversen Zukunftsthemen unterhalten. Auch über die Zukunft der Arbeit in Zusammenhang mit der Digitalisierung. Ich kann euch – sollte euch dieses Thema interessieren – die Folge sehr ans Herz legen! Darin äußert Precht einige Gedanken zu dem, was ein Bildungssystem seiner Meinung nach leisten sollte. Das deckt sich größtenteils mit dem, was mir Anja C. Wagner erzählt hat.

So sollte das Bildungssystem Menschen in der Zukunft darauf vorbereiten, ihr Leben zu gestalten. Ihnen Kompetenzen an die Hand geben. Was die Menschen, die daraus hervorgehen dann tun, ist erstmal “egal”. Die Schule sollte Schülern demnach zeigen, was ihnen liegt, worin sie gut sind und was sie mal machen wollen. Ob sie Tischler*innen, Mathematiker*innen, Künstler*innen oder Mechatroniker*innen werden, ist nicht so wichtig. Es wäre aber eben eine individuelle Entwicklung und keine vordefinierte Laufbahn in Abhängigkeit der besuchten Schulform. Das Leben ist im fortwährenden Fluss – und es will gestaltet werden. Dazu sollte Schule befähigen,

Worum geht es jetzt also in der Zukunft der Arbeit?

Fassen wir das alles also noch einmal zusammen: Wir leben nicht mehr in einer Industriegesellschaft, sondern in einer Informationsgesellschaft. Das bedeutet eine Verschiebung von Arbeit. Sinn-Arbeit wird wichtiger. Viele repetitive Jobs, die bestimmte Arten von Kompetenz benötigen, fallen weg. Eine Aufteilung nach den Bedürfnissen der Industriegesellschaft wird hinfällig.

Das wirft Fragen auf: Wie können wir Menschen aus diesen Jobs und mit den entsprechenden Qualifikationen integrieren und ihnen einen Sinn geben? Wie sichern wir sie finanziell ab? Und wie wollen wir Menschen ausbilden? Was können und müssen wir ihnen mitgeben? Wie bringen wir Menschen bei, einen Sinn und eine Aufgabe zu finden? Welche Rolle kann dabei ein bedingungsloses Grundeinkommen spielen? Hilft es, Menschen die Suche nach einer Sinn-Arbeit zu erleichtern? Kann das funktionieren? Hört man auf Expert*innen und Denker*innen, kann es das. Ich weiß es nicht, aber ich bin gespannt, was andere zu meinen Gedanken hier zu sagen haben.

 

Zu dem Thema gibt es natürlich auch ein paar spannende Bücher: 

Moritz Stoll

kann vieles, aber nichts so richtig. Beschäftigt sich gerne und viel mit Tech und Trara, ist fester Bestandteil der Netzpiloten-Redaktion und moderiert den Netzpiloten-Podcast Tech und Trara. Die (digitale) Welt ist für ihn ein Ort voller Möglichkeiten und spannender Technologien, die man ausprobieren, bearbeiten und hinterfragen kann.


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