All posts under coworking

COWORK 2019: Momentum der Coworking-Szene

Das Bundesarbeitsministerium werkelt an einem Gesetz für Home Office und will eigentlich, dass Menschen sich aussuchen können, wann sie von wo ihrer Arbeit nachgehen. Traditionsunternehmen wie Otto und Siemens bauen ihren Mitarbeitern Arbeitsräume, in denen sie ohne feste Sitzordnung abteilungsübergreifend miteinander arbeiten und wollen damit Kollaboration und Agilität im Unternehmen verankern. Bürocenter wie WeWork, Rent24 und Design Offices stellen Kickertische und bunte Sofas vor die gläsernen Bürokästen und nennen dies Community und Zukunft der Arbeit. Im Fazit ist alles gut gewollt, aber dann nur schlecht gekonnt.

Wer das alles gut und vor allem aus vorgelebter Überzeugung kann, sind die Menschen in den Coworking Spaces. Am vergangenen Samstag trafen sich mehr als 150 von ihnen in Mannheim zur jährlich stattfindenden COWORK, einer Konferenz mit Barcamp zu den Themen Coworking und Neue Arbeit. Im Jahr 2015 war ich das erste Mal als Gast mit dabei, seit 2016 bin ich als Mitorganisator der Veranstaltung ehrenamtlich engagiert. Die deutschsprachige Coworking-Szene ist an sich noch sehr klein und auch jung, aber bereits hervorragend vernetzt. Jedes Jahr wächst die Gästeliste der COWORK und auch die Anzahl internationaler Gäste steigt stetig.

Es geht nicht bloß um die Büros.

In diesem Jahr überraschten mich aber zwei Sachen ganz besonders. Erstens, gefühlt die Hälfte der auf dem Barcamp angebotenen Sessions handelten von Coworking im ländlichen Raum. Jedes Mal, wenn wieder jemand eine Session rund um die Themen Rural Coworking, Workation, Arbeitsplätze für Pendler*innen oder Team Offsites vorschlug, applaudierte die Menge. Selbst die Politik hat in Bemühungen um gleiche Lebensverhältnisse, das Thema schon auf dem Schirm und scheint ein Faible für die gemeinsamen Arbeitsräume zu entwickeln. Zweitens, viele Themen des Barcamps drehen sich um die Professionalisierung von Coworking Spaces und neue Geschäftsgebiete.

Veranstaltungsort der COWORK 2019 war das Kreativwirtschaftszentrum C-HUB (Bild: Daniel Lukac für Startup Mannheim)

Coworking ist in aller Munde. Das war es schon länger, aber leider viel zu oft als reines Buzzword im Marketing. Inzwischen scheint aber verstanden worden zu sein, dass es bei Coworking Spaces um mehr als nur Büros mit WLAN, Tischen und Stühlen geht. Vor allem die Werte der Bewegung – Offenheit, Gemeinschaft, Zusammenarbeit, Zugänglichkeit und Nachhaltigkeit – sind prägende Elemente, mit denen sich Coworking Spaces von den bisherigen Büroanbietern unterscheiden können. Dazu können Themen kommen, wie einen Ort für Freelancer zu schaffen, Coworking für Frauen oder eben Coworking auf dem Land. Das Warum ist relevant.

Die Coworking-Szene lebt Neue Arbeit vor.

Damit zeigt die Coworking-Szene, dass sie selbst nicht nur ein Ort für Neue Arbeit ist, sondern selber die Ideen von Frithjof Bergmann momentan am besten vorlebt. In nahezu allen Punkt der aktuellen Debatten um die neue Arbeitswelt, haben Coworking Spaces im Kleinen bereits Antworten entwickelt und geliefert. Kein Wunder, dass uns der Stand der Diskussionen um New Work, Flexibilität, Selbstorganisation, Netzwerke, Innovation, Communities und Freiheit in der deutschen Wirtschaft eher verwundert, da sie so rückständig wirken. Die Szene hat ein Momentum, in dem sie die Entwicklung der neuen Arbeitswelt nachhaltig prägen kann.

Wir haben das schon einmal getan, wie Markus Albers in seiner Keynote auf der COWORK 2019 zeigte. Coworking, vor allem dessen Prinzipien, sind Teil der neuen Arbeitswelt. Bisher wurde jedoch nur alles Haptische kopiert. Wie jedoch wir als Coworking-Szene Communities betrachten, entwickeln und pflegen, wird in Zukunft noch relevanter werden. Diese Perspektive zeigte Anja C. Wagner in der zweiten Keynote des Eröffnungstages auf. Wir sollten wieder voranschreiten und in unseren Coworking Spaces eine Realität schaffen, die in den Unternehmen wie eine Utopie erscheint. Dadurch überzeugen wir am Ende die Menschen von der Kultur des gemeinsamen Arbeitens.

Coworking ist eine Kultur des Miteinanders.

Für mich bleibt eine wichtige Erkenntnis der diesjährigen Veranstaltung, dass unser Produkt nicht der Arbeitsplatz, sondern unsere Kultur ist. Coworking ist eine Kultur und kein Profitcenter der Immobilienwirtschaft. Diese Kultur ist unglaublich facettenreich. Die Räume sind dabei ein Instrument, dass uns hilft, etwas nach unseren Werten zu gestalten. Niemand betreibt einen Coworking Space des Arbeitens wegen. Wir wollen eine Umgebung schaffen, in der Menschen nicht alleine sind, in der Nischengruppen sich entfalten oder gesellschaftliche Minderheiten sich frei bewegen können. Wir wollen mit Hilfe von Coworking die Welt verbessern.


Graphic: Max Bachmeier

Weiterlesen »

Neue Provinz: Notizen vom Berlin Coworking Festival

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Berlin, Rosenthaler Platz. Wo Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ (Provisions Link) begann und das urbane Leben der Spreemetropole ein literarisches Denkmal bekam, drehte sich an einem Montagabend im September alles um Brandenburg. Genau genommen um Coworking Spaces in Brandenburg. Diesem eintönigen Stück von der Welt, welches sich wie eine Halsmanschette um Berlin legt und das Treiben der Großstadt festhält, vielleicht sogar auch Einhalt gebietet.

Brandenburg. Wald, Felder und die A9. Hier hat sich, im Windschatten von WeWork, Mindspace und dem betahaus, eine vitale Coworking-Szene entwickelt, die anlässlich des diesjährigen Berlin Coworking Festival nach Berlin-Mitte kam, um sich dem interessierten Publikum zu zeigen und zu erklären. Wieso in Brandenburg? Sind denn wirklich schon alle alten Fabrikgebäude unserer Hauptstadt umgenutzt, dass man wirklich aufs Land muss?

Coworking Spaces in Brandenburg

Die Gründe dafür sind verschieden. Während es für den Potsdamer Gründer Matthias Noack keine wirkliche Alternative gab, als in seiner Heimatstadt etwas wie das Coworking Space MietWerk aufzubauen, verschlug es Janosch Dietrich mit seiner Familie nach Klein Glien. Im dritten Anlauf hatten sie endlich einen Ort für ihre Idee von Urlaub und Arbeiten in der Natur gefunden. „Community and concentrated work in nature“ ist ihr Motto, kurz Coconat.

Als verrückte Pioniere könnte man beide abtun. Doch der Wahnsinn hat System, ist vielleicht sogar genial. Man kann heutzutage arbeiten wo man möchte, erklärt Janosch. Sein Coworking Space ist deshalb für die Menschen in Brandenburg und für die, die einmal dort hinwollen. Noacks zwei Coworking Spaces sind für Potsdamer*innen, die nicht isoliert von Zuhause arbeiten wollen. Stadtflucht und der Drang nach Gemeinschaft, zwei starke Motivationen.

Während vereinzelt Menschen wieder auf dem Land leben wollen, durch die Digitalisierung und der neuen Arbeitswelt ihre Berufe oft mitbringen, verlassen andere weiterhin den ländlichen Raum, wie Unternehmen und Banken. Zur letztgenannten Gruppe zählt die Sparda-Bank Berlin nicht, wie Antonia Polkehn erklärt. Ihr Arbeitgeber startet Anfang Oktober in Frankfurt (Oder) ein neues Filialkonzept – und das in einem Coworking Space.

In Berlin St. Oberholz diskutieren Janosch Dietrich, Matthias Noack, Antonia Polkehn und Torsten Kohn über Coworking in Brandenburg

Das BLOK O ist eine Kooperation der Sparda-Bank Berlin eG und des St. Oberholz. Der erste Coworking Space an der Oder und ein Zeichen, dass Unternehmen sich auch bewusst für strukturschwache Regionen entscheiden können, wenn sie etwas bewirken wollen. Torsten Kohn von der Wirtschaftsfördergesellschaft des Landkreises Märkisch-Oderland hofft auf Nachahmer, die dann in sein Coworking Space in die Alte Schule nach Letschin kommen.

Leben und arbeiten im ländlichen Raum

Wie wir arbeiten, sagt viel darüber aus, wie wir leben. Die Neue Provinz, sei es in Brandenburg, der Altmark oder in der Eifel, ist mehr als nur Coworking Spaces. Dies wurde bei der letzten Session des Berlin Coworking Festival, an einem Freitagnachmittag und wieder im St. Oberholz, von den geladenen Podiumsgästen sehr deutlich gemacht. Coworking ist ein Trend-Thema, der Kommunalpolitiker*innen wuschig macht, es braucht aber mehr (dafür).

Vor allem schnelles Internet, wie Ulrich Bähr aus der Praxis zu berichten weiß. Die letzten Monate tourte er mit dem aus zwei Containern auf Rädern bestehenden CoWorkLand durch Schleswig-Holstein (die Netzpiloten berichteten). Zugang zu schnellem Internet ist für die Menschen eine Grundlage, um zu arbeiten. Und um zu leben, verdeutlichte Silvia Hennig , die Gründerin von Neuland 21, ergänzend. Landleben braucht den (digitalen) Anschluss.

Anschluss auch an die Wissensquellen, die die Stadt mit ihren Institutionen und Communities immer noch darstellt. Fehlt dieser, sei es digital oder auch analog in Form einer Zuganbindung, wird es schwer, die Menschen vom Leben und Arbeiten auf dem Land zu überzeugen, schilderte Philipp Hentschel. Der Coworking-erfahrene Gründer und Blogger stellt Kreativorte in Brandenburg vor und kennt die Nöte von Initiativen auf dem Land selbst.

Netzpiloten-Kolumnist Tobias Kremkau moderiert die Diskussion zu Coworking im ländlichen Raum.

Schlechte Internetleitungen und Ärger mit dem Nahverkehr? Gemeint ist zwar Brandenburg, klingt aber auch verdächtig nach Berlin. Vielleicht gibt es in Wirklichkeit gar keine Lücke zwischen Stadt und Land, wie Mareike Meyn von der Andreas Hermes Akademie vermutet, sondern nur unterschiedliche Begriffe für die gleichen Probleme – egal wo in Deutschland. Und für die gleichen Lösungen, denn Coworking sagt man in der Stadt wie auf dem Land. ;-)


Images by Tobias Kremkau

Weiterlesen »

Robin Hood aus Neukölln: Podliving statt teurer Mieten

Wer im Jahr 2018 in einer Großstadt lebt und jünger als 35 Jahre ist, wird folgendes Nutzungsverhalten sehr bekannt vorkommen: er oder sie streamt Musik, bewegt sich mit Carsharing von A nach B, arbeitet in einem Coworking Space statt dem eigenen Büro und trägt Mode über deren Produktionsbedingungen man sich vorab informiert hat, vermutlich bei Blogger*innen des Vertrauens. Und vermutlich zahlt sie oder er hohe Mieten.

Wir haben in den letzten Jahren gleich mehrere Paradigmenwechsel, im Vergleich zur Generation unserer Eltern, erlebt. Teilen wird dem Haben vorgezogen, es geht im Grunde um Zugang statt Besitz, wir ziehen die Nachhaltigkeit der Skalierbarkeit vor, setzen auf Vertrauen statt Kontrolle, Kreativität statt Effizienz und wollen nicht nur unserer Arbeit nachgehen, sondern uns dabei entwickeln, also was man heute unter Neue Arbeit versteht.

„Das Wohnen hat sich überhaupt nicht verändert“, erwidert Dennis Prinz das unkritische Lob des bereits geschehenen Wandels. „Es sind irgendwann zwar Wohngemeinschaften dazugekommen, aber im Wesentlichen hängt der Immobilienmarkt total der Realität der Menschen hinterher. Deshalb muss man die Realität auch mit neuen innovativen Lösungen beantworten. Das bedeutet in diesem Fall, das Leben eher in Modulen denken.“

Dennis Prinz ist in der Berliner Coworking-Szene kein Unbekannter. 2016 startete der studierte Schauspieler das Neuköllner Coworking Spaces „Enklave“, das heutzutage eine Community mit über 200 Mitgliedern hat. Nach einer Trennung und dem Verlust der gemeinsamen Wohnung erlebte Prinz den Mietenwahnsinn am eigenen Leib. In nur fünf Jahren hatten sich die Mieten in Berlin verdoppelt – ein Zustand, der ihn umdenken ließ.

Der weltweit erste Podliving Space

Nicht alle brauchen ein Esszimmer und nicht alle wollen den ganzen Tag allein in ihren Zimmern abhängen, erklärt Prinz. Mithilfe von Mitgliedern aus seinem eigenen Coworking Space hat er diese innovative Lösung erarbeitet, die den Immobilienmarkt verändern soll. „robinhood.berlin“ ist sein neues Startup, welches auf der Mission gegen steigende Mieten und die Komplexität des Wohnens ist. Wie passend für das Berlin im Jahr 2018!

Die Idee hinter robinhood.berlin ist einfach und doch scheint es so, dass es den Coworking-erfahrenen Blick von Dennis Prinz gebraucht hat, um darauf zu kommen. Im ersten Schritt werden in leerstehenden Gewerbeflächen weitläufige Gemeinschaftsflächen mit Bädern, Wellnessbereichen, Küchen und Gärten errichtet. Anschließend beginnt der Aufbau von Pods, die das Startup für perfekten Schlaf und 100 Prozent Privatsphäre selbst entwickelt hat.

Die Pods sind abschließbare Boxen, die ausreichend Raum für Privatsphäre und vor allem Platz zum Schlafen bieten. Im Gegensatz zu dem schon bekannten Konzept des US-amerikanischen Coworking-Startups PodShare, das Wohnen in der Maximaltransparenz anbietet, sind die Pods von robinhood.berlin auch ein Rückzugsraum. Podliving basiert auf einer zusammenwohnenden Community, in der man als Individuum auch für sich sein kann.

Dank der innovativen Raumnutzung möchte robinhood.berlin Wohnraum günstiger als ein WG-Zimmer anbieten und die Mieten senken. Bereits mehr als 1.000 Menschen haben sich angemeldet. „Wir werden noch in diesem Jahr den weltweit ersten Podliving Space eröffnen“, kündigt Prinz an. Im September werden die Prototypen der Pods vorgestellt und die Community kann sich dann für eines von drei Modellen entscheiden.

Wohnen ist ein Menschenrecht

Was Dennis Prinz hier von Berlin aus zu starten gedenkt, hat das Potential die Welt zu bereichern. Ähnlich wie im Sommer 2005 aus der Idee in einem Café wie dem St. Oberholz zu arbeiten, eine weltweite Coworking-Bewegung entstand, könnte robinhood.berlin das bezahlbare Wohnen weltweit umdenken. Die langfristige Vision des Neuköllner Startup ist es, eine globale Gemeinschaft mit Podliving-Standorten in aller Welt zu schaffen.

Nur noch in Stockfotos gibt es die Phantasie von bezahlbarem Wohnraum. Image by baranq via stock.adobe.com

Das Recht auf Wohnen ist ein international verbrieftes Menschenrecht und als Teil des Rechts auf einen angemessen Lebensstandard fest verankert in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Doch die in Berlin bekannten Probleme sind weltweit anzutreffen, denn die Ursachen sind global. „Die Welt ist mobiler geworden, aber die lokalen Immobilienmärkte sind es nicht“, sagt Prinz. Und hier setzt robinhood.berlin an.

„Menschen ziehen, ihrer Arbeit ortsunabhängig nachgehend, temporär an einen anderen Ort. Dies erzeugt einen Druck, der sich auf den klassischen Immobilienmarkt verteilt und zu höheren Mieten führt.“ Prinz glaubt, dass seine modulare Lösung diesen Druck auffangen kann und so ermöglichen, dass Wohnen auch langfristig bezahlbar bleibt. Wie Coworking die Arbeitswelt verändert hat, möchte er mit Podliving das Wohnen revolutionieren.

Start im September

Mit den ersten Interessierten der Warteliste hat Prinz sich schon getroffen. Diese Menschen sind meist jünger als 30 Jahre, sind mit der Sharing Economy groß geworden und suchen eine Mischung aus Flexibilität und Gemeinschaft. Der Kontakt zu der Community ist wichtig, denn ihre Bedürfnisse prägen die weitere Entwicklung des Podliving-Startups. Schon jetzt wird auch über Safe Spaces für Frauen nachgedacht, andere Themen werden diskutiert.

„Robin Hood wird von allen gemeinsam gebaut und entwickelt“, verdeutlicht Prinz die Rolle der Community. Seine Erfahrung als Gründer eines Coworking Spaces kommt ihm hier zugute. Podliving unterscheidet sich deshalb zu Coliving-Konzepten vor allem im wesentlich stärkeren Community-Ansatz. „Multinationale Coliving-Konzepte werden zu sehr aus der Perspektive eines Immobilienkonzerns gedacht“, kritisiert Dennis Prinz vollkommen zurecht.

„Es geht bei robinhood.berlin darum, dass Kosten für das Wohnen nicht mehr das Zentrum deines Lebens sind, sondern dass du Zeit und Mittel für die wirklich wichtigen Dinge im Leben hast.“ Im September geht es los, dann werden die Pods vorgestellt und bald auch der erste Standort in Berlin bekannt gegeben. Das Startup hat eine politische Mission und es wird spannend zu sehen sein, inwiefern Dennis Prinz mit Podliving die Welt verändern kann.


Image by Dennis Prinz

Weiterlesen »

Neue Provinz: Das Mysterium Landleben

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Laut dem Berliner Geburtsort-Atlas des rbb sind 1.736.514 Berliner*innen auch in Berlin geboren. Das macht 46,8 Prozent an der Gesamtbevölkerung aus. Diese Menschen sind in Berlin aufgewachsen, der größten Stadt Deutschlands und wohl einziger Inbegriff einer urbanen Metropole in diesem Staate. Eine von ihnen ist Katja Dittrich, besser bekannt als die „Torten der Wahrheit“-Grafikerin der „Die Zeit“ namens Katja Berlin, die auch wöchentlich für die Hauptstadtzeitung „Berliner Zeitung“ über ihre eigene Heimatstadt, dieses Berlin, schreibt.

Letzten Monat schrieb sie einen Appell für das Bleiben statt den obligatorischen Umzug aufs Dorf und wie man doch auch Landleben in Berlin erleben kann. Ob dies die bessere Antwort auf Charlotte Roches Großstadtflucht-Text vom Frühjahr diesen Jahres ist oder eine amüsant zu lesende Auseinandersetzung mit den durchaus ernsthaften Problemen des Alltags in Berlin, sei erst einmal dahingestellt. Trotzdem zeigt ihre Kolumne ein paar anekdotenhafte Kategorien auf, in denen das Landleben aus Sicht der Städter*innen definiert wird.

Kein Internet, Ärztemangel und nur Bargeld

Auf dem Land gibt es kein Internet, oder so schlecht wie in der Berliner U-Bahn. Aus eigenen Erfahrungen kann ich dieses Vorurteil bestätigen, muss es aber auch der Stadt zuschreiben. Das Problem ist hier eine bundesweit mangelnde Infrastruktur als Ausdruck eines Politikversagens. Da unterscheidet sich Hohenwulsch leider nicht von Friedrichshain. Scheinbar setzte Helmut Kohl aus politischen Gründen auf Kabelfernsehen statt Glasfaser, was rückblickend so höhnisch wie Marie-Antoinettes Kuchen-statt-Brot-Empfehlung wirkt.

Katja Berlins nächster Punkte ist die Schwierigkeit, einen Arzttermin zu bekommen. Dies ist in Berlin genauso schwer wie in München oder auf dem Land. Mein Eindruck mag mich täuschen, aber über die Vorteile von Telemedizin auf dem Land, dies erforschende Projekte und erste Ansätze, lese ich viel mehr als über Innovationen auf diesem Gebiet in der Stadt. Erfolge braucht es schnell, denn bundesweit findet ein gefährlicher Strukturabbau statt, bspw. in Hersbruck oder in Genthin, der die medizinische Grundversorgung gefährdet.

Der letzte Punkt stellt die sowohl auf dem Land als auch in der Stadt geltende Vorliebe der Deutschen für Bargeld statt bargeldlosen Bezahlens. Mein „Lieblingsthema“ hier in Berlin, aber auch anderswo. Als ich einmal in Magdeburg bargeldlos in ein Taxi stieg und fragte, ob ich auch mit Karte bezahlen kann, erntete ich einen ungläubigen Gesichtsausdruck und die Frage, warum man denn das machen wolle? Es ging selbstverständlich nicht, aber es gab bei diesem Taxi-Fahrer nicht einmal den Hauch des Verständnisses dafür. Ich war baff.

olly/stock.adobe.com
olly/stock.adobe.com

Heimat 2.0 ist immer irgendwie woanders

Unter diesen Gesichtspunkten hat Katja Berlin natürlich Recht, wenn sie schreibt, dass man in Berlin lebend die gleichen Erfahrungen wie auf dem Land machen kann. Es gibt noch mehr Anekdoten, auch Sie werden eine haben, die die Nachteile des Lebens im ländlichen Raum oder eben in Berlin aufzeigen. Jedoch darf man eines dabei nicht vergessen. Das Problem sind hier nicht die Bedingungen auf dem Land oder in der Stadt oder der Graben dazwischen, sondern es ist Deutschland. Anderswo wäre Katja Berlins Text nichts als Retro-Fiktion.

Dank der Initiative hinter dem Coworking Space Ludgate Hub gibt es im westirischen Skibbereen Irlands erste ländliche 1-Gig-Gesellschaft. Das ist eine 200-mal schnellere Internetverbindung als sich die deutsche Bundesregierung für dieses Jahr als Ziel für alle deutschen Haushalte vorgenommen hat und wohl auch bis 2025 nicht erreichen wird. Wie Telemedizin im ländlichen Raum geht, zeigt das Duncan Regional Hospital im dünn besiedelten Oklahoma (Bevölkerungsdichte: 25 Menschen pro Quadratkilometer).

Zu den Vor- und auch Nachteilen des bargeldlosen Bezahlens in Schweden kann man momentan viel nachlesen, von mir deshalb nur die Anekdote eines Bekannten, der an dem Limonaden-Stand zweier Kinder in einem schwedischen Dorf nur mit Smartphone für das selbstgemachte Erfrischungsgetränk bezahlen konnte. Die Kinder lehnten Bargeld ab, sie konnten sich das aufgrund der vorhandenen Infrastruktur und des gängigen Bezahlens mit Smartphone erlauben. Vielleicht wussten sie es auch nicht besser. Anders als in Deutschland.


Image by Olly / Stock.adobe.com

 

Weiterlesen »

Neue Provinz: Forschungsprojekt CoWorkLand

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Ich glaube fest daran, dass Coworking Spaces auch auf dem Land funktionieren können. Genau genommen weiß ich es sogar, denn ich habe solche Coworking Spaces schon besucht und inzwischen von noch mehr gehört und gelesen. Vor fast drei Jahren besuchte ich auf einer Reise durch Frankreich die ersten Coworking Spaces im ländlichen Raum. Schon damals berichtete ich über diese Beobachtung auf Netzpiloten, genau wie in der ersten Ausgabe dieser Kolumne über die Entwicklung des ländlichen Raumes hin zu einer Neuen Provinz.

Inzwischen sind auch in Deutschland Coworking Spaces im ländlichen Raum entstanden. Das wohl berühmteste ist vermutlich das „Coconat“ bei Bad Belzig. Doch inzwischen gibt es allein in Brandenburg mit dem „Alte Schule“ in Letschin, dem „Havelprater“ in Briest und „Dein Arbeitszimmer“ in Finsterwalde weitere besuchenswerte Beispiele. Diese Entwicklung ist bundesweit zu beobachten: vom „Alter Heuboden“ in Felde im hohen Norden bis hin zum „Denkerhaus“ am Ammersee in Bayern gibt es schon Coworking Spaces auf dem Land.

Das Geschäftsmodell eines Coworking Spaces halte ich aber, mit der Erfahrung aus dem St. Oberholz, nur für sehr schwer auf dem Land umzusetzen. Die oben genannten Beispiele sind entweder mit einem städtischen Coworking Space und damit einer Community verbunden, an ein anderes Geschäftsmodell angeschlossen, wie zum Beispiel einer Agentur, oder solidarisch als Genossenschaft organisiert, oder durch staatliche Fördergelder unterstützt. Coworking klappt auf dem Land, aber kann das auch ein Coworking Space?

HBS-Forschungsprojekt in Schleswig-Holstein: CoWorkLand

Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein
Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein

Die Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein hat dazu mit „CoWorkLand“ ein sehr spannendes Forschungsprojekt initiiert, das letzte Woche in Gettorf, einer Gemeinde mit rund 6.700 Menschen zwischen Kiel und Eckernförde, startete. Vom 18. Mai bis zum 10. Juni wird die Böll-Stiftung den mobilen CoWorkLand-Space hier aufstellen. Dieser aus detailliert umgebauten Container bestehende Space bietet im Inneren Platz für 6-8 Arbeitsplätze und noch einmal 4 Arbeitsplätze auf der Terrasse. Danach zieht der CoWorkLand-Space weiter.

Bis zum 2. November wird der CoWorkLand-Space an 8 weiteren Standorten zum Einsatz gekommen sein und das Coworking-Konzept an wechselnden Umgebungen getestet haben. Dadurch werden Menschen, nach dem Pendlerhafen Gettorf, auch am Becken des Kreishafen Rendsburg, am Strand Grönwohld, am Strand Brasilien und dem Kieler Waterkant-Festival arbeiten, sowie auch landeinwärts an abgelegeneren Orten wie Schloss Bredeneek, dem Resthof Papenwohld, dem Gut Panker und dem Resthof Großharrie.

coworkland_waterkant
Der Prototyp des CoWorkLand auf dem Waterkant 2017

Dadurch wird Coworking mit verschiedenen Thematiken wie Mobilität, Tourismus und Dritten Orten in einen Zusammenhang gebracht, der weit über die Klischees von im Berliner St. Oberholz am Rosenthaler Platz Kaffee trinkenden Startups hinausgeht. Es zeigt, dass ortsunabhängiges und selbstbestimmtes Arbeiten in Gemeinschaft ein stillbares Bedürfnis ist, das Menschen sowohl in der Stadt als auch auf dem Land teilen. Wie dies wirtschaftlich möglich ist und ob, wird uns das CoWorkLand-Projekt in den nächsten Monaten zeigen.

Wie kann Coworking auf dem Land klappen?

Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein
Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein

Das Forschungsprojekt „CoWorkLand“ der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein kommt zu einer Zeit, in der das Thema Coworking, vor dem Kontext der Entwicklung des ländlichen Raumes, immer öfters diskutiert wird. Beinahe jeden Monat gibt es eine Konferenz oder Tagung dazu in Deutschland. Neben den bereits existierenden Coworking Spaces ist das Projekt hierzulande der erste von der Forschung begleitete Versuch, zu ergründen, wie Coworking Spaces auf dem Land funktionieren könnten. Und vor allem für wen.

Am 15. Juni wird es im Rahmen eines lokalen Startup-Festivals ein Rural Coworking Barcamp am Ammersee geben, zu dem u.a. praxiserfahrene Expert*innen wie Matthias Zeitler vom bulgarischen „Coworking Bansko“, Annika Sass vom „schreibtisch in prüm“ in der Eifel und Doris Schuppe vom „Rayaworx“ auf Mallorca zu Gast sein werden. Dies ist eine sehr gute Gelegenheit, sich dieses bisher kaum erforschte Thema im persönlichen Gespräch mit den Coworking-Pionieren in ländlichen Räumen einmal zu nähern.

Momentan ist viel in Bewegung. Die Politik fragt sich, wie können Orte im Rahmen der nationalen Entwicklungspolitik gefördert werden, Kommunen suchen neue Lösungen für leerstehende Gebäude und gegen die Landflucht der Jugend, während Unternehmen sich durch den Wandel der Arbeitswelt mit neuen Organisationsformen und Incentives für begehrte Talente auseinandersetzen. Zeitgleich passiert schon viel auf dem Land. Manchmal muss man sich nur aus der Stadt auf den Weg machen, beispielsweise in die Altmark.

Weiterlesen »

Die Netzpiloten sind Partner der COWORK 2018!

COWORK-Barcamp (Image by Mirko Lux-German Coworking Federation)

Vom 9. bis 11. März 2018 findet in Bremen die COWORK 2018 statt, die größte Konferenz zum Thema Coworking und ortsunabhängige Arbeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die von der German Coworking Federation (GCF) mitorganisierte Konferenz mit Barcamp, wird von dem Bremer Coworking Space weserwork veranstaltet. Die Konferenz und das Barcamp finden im KWADRAT Bremen statt. Tickets für das Event gibt es hier.

Cowork 2018_Poster(Image by Cowork)Den diesjährigen Auftakt am Freitagabend stellt ein Impuls Markt dar. Dieser legt den Fokus auf Themen wie Achtsamkeit in der Coworking-Gemeinschaft, dem Lernen aus (eigenen) Fehlern, die Forschung zu Coworking und die Debatte um die Coworking-Werte. Zu jedem dieser Themen sind verschiedene Impulsgeber*innen eingeladen, die den Gästen der Konferenz Impulse zur gemeinsamen Diskussion geben und durch den Abend führen.

Der Samstag ist wie immer bei einer COWORK, vor allem von dem durch die Teilnehmer*innen der Konferenz selbstgestalteten Barcamp bestimmt. Netzpiloten-Gründer Wolfgang Macht besuchte letztes Jahr das COWORK-Barcamp und war vor allem davon angetan, diese „kräftige, vielfältige Alternativkultur zum herkömmlichen Arbeiten“ kennengelernt zu haben, die „unsere Zukunft des Arbeitens gestaltet“.

Am Sonntag stellen sich dann u.a. Coworking Spaces aus ganz Deutschland auf der COWORK 2018 vor und zeigen die bereits heutzutage starke regionale Verbreitung dieser neuen Orte der Arbeit (dazu ein Lesetipp: das Blog #100CoworkingSpacesDE von Netzpiloten-Autor Tobias Kremkau stellt vom 29.11.2017 bis zum 08.03.2018 pro Tag ein Coworking Space aus Deutschland vor) und ein Panel widmet sich dem Thema einer kooperativen Wirtschaft.

tl;dr: Die COWORK 2018 findet vom 9. bis 11. März 2018 in Bremen statt.

Weiterlesen »

Urlaub machen beim Arbeiten, arbeiten im Urlaub

Lily - stock adobe com

Work… was? Wer nach „Workation” im Internet sucht, landet höchstens beim Slang-Lexikon. Denn der Begriff, zusammengezogen aus den englischen Wörtern „work” (Arbeit) und „vacation” (Urlaub), ist noch relativ neu. Gemeint ist damit eine Kombination aus Arbeit und Urlaub. Hier tauscht meist das gesamte Team den drögen Bürotisch gegen einen Laptop am Strand. Willkommen in der Arbeitswelt der Millennials!

Es ist nicht verwunderlich, dass gerade diese Generation das neue Arbeitskonzept erfunden hat. Millennials sorgen sich um ihre Work-Life-Balance wie keine andere Generation vor ihnen. Sie erwarten von ihrem Job viel mehr als nur eine finanzielle Stütze. Sie wollen sich durch ihre Arbeit selbst verwirklichen. Die Welt verändern und dabei auch noch Spaß haben. Dass das alles wirklich möglich ist, zeigt das Konzept der Workation.

Warum das Homeoffice nicht an den Strand verlegen?

Denn mit der zunehmenden Digitalisierung der Arbeitswelt, können immer mehr Aufgaben vom Computer aus online erledigt werden. Damit sind nicht nur Freelancer und digitale Nomaden gemeint, die grundsätzlich ihre Arbeit über das Internet erledigen. Auch in klassischen Unternehmen ist die ständige Anwesenheit am Arbeitsplatz kein Muss mehr. Meetings können per Videochat abgehalten, Briefings über E-Mail und Cloudtechnologien verteilt werden. Auch der Kundenservice läuft vielerorts auf Social-Media-Kanälen. Warum also nicht das Homeoffice noch einen Schritt weiter denken? Das Büro am Wohnzimmertisch oder im Nachbarscafé mit einem Coworking-Space in Thailand austauschen?

Was zunächst nach einer billigen Ausrede klingt, um vom Chef einen zweiten Jahresurlaub zu bekommen, hat in der Praxis viele Vorteile für das Team, die Kunden und das Unternehmen. Zum einen führt eine Workation das Team näher zusammen. Logisch: Wenn die Mitarbeiter nicht mehr um Punkt 17 Uhr getrennte Wege gehen, schweißt das zusammen. Vielmehr teilen sie sich beispielsweise während ihres Arbeitsurlaubs ein Zimmer oder navigieren gemeinsam durch eine fremde Stadt. Oder sie gehen nach Feierabend alle miteinander an der Strandbar chillen. Hierdurch entsteht ein ganz anderes Teamgefühl. Das Miteinander wird intensiver, man lernt sich intensiver kennen und – so die Theorie – arbeitet damit auch besser zusammen.

Studien belegen: Arbeiten in der Sonne macht Mitarbeiter produktiver

Darüber hinaus bietet ein neues Arbeitsumfeld auch völlig neue Inspiration. Das liegt eigentlich auf der Hand. Neues Land, neue Umgebung, neue Menschen, neue Kultur. All das regt die Kreativität auch im Arbeitsumfeld zwangsläufig an. Neue Ideen für den Job können da förmlich sprudeln. Unternehmen versprechen sich deshalb von einer Workation nicht nur besseren Teamgeist, sondern auch neue Impulse für das eigene Business. Nach einer Studie von Inc Magazine arbeiten Angestellte sogar produktiver, wenn das Arbeitsumfeld mehr Flexibilität zulässt.

Ein weiterer Pluspunkt ist das Networking. Denn die meisten Unternehmen wählen international beliebte Coworking-Spaces als Büros für ihre Workation. Hier hat das Team die Chance, neue Kontakte aus aller Welt zu knüpfen und so ein neues Netzwerk zu bilden, was vom heimischen Büro aus gar nicht möglich wäre.

Ach so, und da wäre auch noch der Faktor „Sonne”. Eine wissenschaftliche Untersuchung unter 444 Angestellten hat gezeigt, dass Sonne bei der Arbeit für glücklichere, entspanntere und ausgeglichenere Mitarbeiter sorgt.

Was, wenn nicht jeder zur Workation möchte?

Die Argumente klangen auch für Jenny so überzeugend, dass sie als Head of People & Culture beim Interior-Design-Startup 99chairs gemeinsam mit ihrem Kollegen Michael gleich eine Präsentation für das Unternehmen ausarbeitete. Tenor: Das Team von 99chairs sollte unbedingt während des grauen Berliner Winters seine Koffer packen und auf in die gemeinsame Workation starten. Gerade in einem Unternehmen, dass eine neue Art von Büro verkauft, bietet sich so ein Eigenexperiment schließlich an.

Einige Wochen später sitzt Jenny im Coworking-Space Greenpoint in Kapstadt. Sie kann während des WhatsApp-Gesprächs mit den Netzpiloten gar nicht aufhören, von der Sonne, dem Strand und der tollen Landschaft in Südafrika zu schwärmen. Einen Monat ist das Team schon hier, die Workation ist bis Ende Februar angesetzt. Sie glaubt, dass die Entscheidung zur Workation die richtige war. „Es gab natürlich auch viele kritische Fragen zur Workation-Idee. Zum Beispiel die Frage nach der Effizienz oder dem Kundenservice”, erzählt sie im Gespräch. „Es wollten auch nicht alle Kollegen mit. Manche wollten nicht die vollen zwei Monate aus Berlin weg.” Wenn man bedenkt, dass so manch einer möglicherweise die Familie zwei volle Monate allein zurücklassen müsste, ist das absolut nachvollziehbar.

Für all das hat das Team letztendlich Lösungen gefunden. Wer nicht mitwollte, hält derzeit im Berliner Büro die Stellung. Wem zwei Monate zu lang erschienen, konnte den Aufenthalt beliebig verkürzen. Wer lieber in einem Einzelzimmer wohnt, konnte dies tun, erklärt Jenny. „Es ist natürlich verständlich, dass am Anfang viele Fragen und auch Ängste da sind. Wir machen dies ja zum allerersten Mal. Wir fanden aber auch, dass die Workation eine tolle Chance für das Team sein könnte und haben deshalb gesagt, dass wir es lieber probieren wollen, statt aus Angst abzusagen.”

„Überrascht, wie produktiv wir arbeiten“

Insgesamt haben sich 25 von 60 Mitarbeiter dazu entschieden, nach Südafrika zu fliegen. Flug und Unterkunft mussten sie selbst bezahlen, den Coworking-Space zahlt das Unternehmen.

Bisher mit vorwiegend positiven Ergebnissen, sagt Jenny. „Wir waren sehr überrascht, wie produktiv wir arbeiten. Dadurch, dass wir hier nicht das typische Büroumfeld um uns und damit weniger Ablenkung haben, gehen wir ganz gezielt an die Arbeit und sind am Abend erstaunt, wie viel wir geschafft haben.” Sie findet ebenfalls, dass die Zusammenarbeit im Team sich stark gebessert hat.

Tafelberg; Image by 99chairs
Auf dem Tafelberg; Image by 99chairs

Die Theorie zu den Vorteilen einer Workation scheint sich bei 99chairs also in der Praxis zu bestätigen. Was ist aber mit den zurückgebliebenen Mitarbeitern? Schmollen die im nasskalten Berlin, während es sich das halbe Team in der südafrikanischen Sonne gutgehen lässt? Genau das war anfangs auch die Befürchtung von Jenny. „Wir wollten am Anfang bei unseren Videokonferenzen gar nicht so viel von Kapstadt und all unseren Erlebnissen erzählen, um den heimischen Kollegen nicht vor den Kopf zu stoßen. Dann haben die Kollegen in Deutschland aber gemerkt, dass sie sich ausgeschlossen fühlten, und zu wenig von uns und unserer Zeit hier mitbekommen und sie gerne mehr an unserer Workation teilhaben möchten.”

Also hat das Team kurzerhand eine Officekamera im Coworking-Space in Kapstadt aufgestellt und so winkt man sich während des Arbeitstages über 13.000 Kilometer Entfernung virtuell zu und bleibt stets in Kontakt. „Wir haben einfach gemerkt, dass gerade auf die Distanz hin die visuelle Kommunikation extrem wichtig ist und wirklich sein muss.” So sind sie auch auf die etwas ungewöhnliche Idee eines Tele-Wine-Wednesdays gekommen. Nach Feierabend sitzten die Mitarbeiter im Berlin mit einem Glas Wein im Büro, während die Workationer in Kapstadt das gleiche tun – und so gemütlich beim Weinchen miteinander plauschen.

Wenn der Chef plötzlich eine Badehose trägt

So toll das alles klingt, so kommen einem doch auch Zweifel auf, ob das wirklich alles so hervorragend läuft, wie alle behaupten. Was ist, wenn der Kollege-Zimmergenosse einem tierisch auf den Keks geht? Auf Abstand gehen ist auf einer Workation schließlich nicht so gut möglich. Und wie ist das eigentlich mit dem Respekt, wenn der Chef plötzlich in der Badehose vor den Mitarbeitern steht? Jenny lacht: „Wir haben unsere Gründer schon öfter in Badehosen gesehen! Wir waren ja schon vor dieser Workation auf gemeinsamen Trips in Prag, Frankreich oder Spanien. Das ist also kein Problem. Uns sind ohnehin flache Hierarchien wichtig, sodass der gegenseitige Respekt nicht verloren geht, nur weil man gemeinsam Kajak fährt.”

Workout; Image by 99chairs
Workout; Image by 99chairs

Tatsächlich kamen die Zweifel an dem Sinn und Zweck der Workation für das 99chairs-Team aus einer ganz anderen Richtung. In Südafrika angekommen, wurde ihnen erst klar, dass im Land Wasserknappheit herrschte. Nun hatten sie also erst einen nicht gerade klimafreundlichen Flug hinter sich. Angekommen stellten sie nun auch noch fest, dass sie knappe Ressourcen verbrauchten. Kurzzeitig überlegte das Team sogar deswegen, die Workation wieder abzubrechen. Doch nach einiger Recherche beschlossen sie, aus der Not eine Tugend zu machen. Die Mitarbeiter bekamen Tipps zum Wassersparen. Das Team fand ebenfalls eine Webseite, mit der jeder, der wollte, für den Klimaschutz spenden konnte. Auch wenn sie Ausflüge machen, achten sie darauf, dass sie faire oder ökologisch verantwortliche Touranbieter wählen. Sicherlich sei das aber in Zukunft ein Aspekt, auf den man stärker achten werde, sagt Jenny.

Einige Fragen sind noch zu klären

Offen ist, ob es denn zu einer weiteren Workation bei 99chairs kommen sollte. Denn so viel Spaß das Team auch hat, sobald alle wieder zurück in Deutschland sind, soll ausgewertet werden, ob die Workation wirklich so positiv gelaufen ist, wie erwartet. Wurden die Kunden nicht vernachlässigt? Ist das Arbeitspensum gleich geblieben? Sind tatsächlich neue, kreative Impulse dazugekommen? „Das alles kann man natürlich jetzt noch nicht sagen”, gibt Jenny zu. „Wir sehen dies erstmal als Pilotprojekt an und schauen dann im Anschluss, ob und wie wir das wieder machen.”

Das ist auch der Grund, weshalb sie sich auch erstmal lieber auf die nahe Zukunft konzentriert. In den nächsten Tagen hat das Workation-Team schließlich viel vor. Wandern, Museumsbesuche, Restaurants ausprobieren, ein Besuch im Open-Air-Kino und ein Angus & Julia Stone Konzert stehen auf dem Programm.

Workation entwickelt sich zum eigenen Geschäftsfeld

Doie vielfältigen Aktivitäten haben die Mitarbeiter von 99chairs übrigens komplett selbst zusammengestellt – von der Buchung der Unterkunft bis hin zum Tagesausflug. Das ist die eine Möglichkeit, eine Workation zu organisieren. Das Konzept wird derzeit aber gerade in der jungen internationalen Startup-Szene so beliebt, dass es auch immer mehr professionelle Anbieter gibt, die spezielle Workation-Pakete für Freelancer und Unternehmen anbieten.

Surf Office mit Sitz in Lissabon und auf den Kanarischen Inseln kombiniert zum Beispiel das Urlaubsfeeling am Strand mit Coworking, Workation und – wie der Name schon sagt – Surfen. Nomad House wiederum legt den Fokus auf nicht nur sonniges und entspanntes, sondern vor allem auf konzentriertes und zielstrebiges Arbeiten für Startups. Das Workation-Angebot von Refuga möchte Unternehmen mit thematischen Programmen, wie Frauen-Workations oder einem Ökofarmprogramm in Italien anlocken.

Es haben sich auch schon einige Hotspots für Workations herausgebildet, die nicht überraschend auch einige der Lieblingsaufenthaltsorte von digitalen Nomaden sind. Dazu gehören Chiang Mai in Thailand, Medellín in Kolumbien sowie Ubud auf Bali oder auch Lissabon.

Noch ist dies sicherlich ein Nischenmarkt. Aber es ist sicherlich nur eine Frage der Zeit, bis auch größere Unternehmen die Vorteile des Konzepts erkennen und auf den Workation-Wagen aufspringen.


lily / stock.adobe.com

Images by 99chairs


Weiterlesen »

Neue Provinz: Coworking in der Peripherie

Tobias Kremkau

Vor über zwei Jahren trat ich die Stelle als Coworking Manager des St. Oberholz in Berlin an. An diesem urbanen Hotspot hat man viel mit der Zukunft der Arbeit zu tun. Dies liegt wahrscheinlich zum einen in der Natur eines Coworking Space, aber unsere Nachbarn rund um den Rosenthaler Platz sind unter anderem das Jobsharing-Startup Tandemploy, das Stahlindustrie-Startup kloeckner.i und die TA Zukunftsfabrik des Dokumentenmanagement-Experten TA Triumph-Adler. Ich befinde mich also in sehr guter Gesellschaft, wenn es um Fragen der Zukunft der Arbeit geht.

Doch ein Teilaspekt der Zukunft der Arbeit ist seitdem sehr präsent in meinem Arbeitsalltag und dieser mag auf den ersten Blick so gar nicht zur Torstraße passen: der ländliche Raum. Dass das Thema in den letzten Monaten auch verstärkt in den Feuilletons dieses Landes diskutiert wurde, überraschte mich kaum. Durch das Thema Coworking merke ich bereits seit 2015, dass dieses Thema bewegt. Dieser Entwicklung, die älter und weitreichender ist, möchte ich mit dieser neuen Netzpiloten-Kolumne Rechnung tragen und mich mehr mit dem ländlichen Raum beschäftigen.

Mit der Begrifflichkeit der Neuen Provinz versuche ich die Bedeutung dieser Veränderungen, die wir im ländlichen Raum heutzutage sehen können, zu würdigen und sie in eine Reihe mit den Ideen der Neuen Arbeit und der Neuen Räume zu stellen. Provinz galt bisher als ein doch sehr abwertender Begriff für eine Gegend, die im Vergleich zur Großstadt wenig zu bieten hat. Genau dies scheint mit in der Neuen Provinz, durch Digitalisierung und einen Sinneswandel bei den lokalen Akteuren, inzwischen überwunden zu sein bzw. überwunden werden zu können.


Das Thema Coworking lenkte meinen Blick auf den ländlichen Raum, es soll deshalb auch den Auftakt für diese Kolumne darstellen. Im Sommer 2015 reiste ich mit meiner Frau für zwei Monate durch Europa, wir besuchten Coworking Spaces zwischen Barcelona und Stockholm. Die Coworking-Szenen anderer Länder sind mit der in Deutschland kaum zu vergleichen. In schwachen oder stagnierenden Wirtschaften blüht Coworking auf. In Frankreich stießen wir dann auch auf Coworking Spaces im ländlichen Raum, meist Ableger von Spaces aus der Stadt.

Das Pariser Coworking Space La Mutinerie eröffnete 2015 im beschaulichen Saint-Victor-de-Buthon, rund zwei Stunden vor Paris, einen weiteren Standort. Hier wird Coworking mit Coliving verbunden. Eine Folge war, dass sechs Coworking-Mitglieder aus Paris aufs Land zogen, wie mir Mitgründer Eric Van den Broek erklärte. Für diese Menschen war der Zugang zu einer Gruppe gleichgesinnter Menschen entscheidend. Erst als dies durch das Coworking Space gegeben war, zogen sie aufs Land, wo man preiswerter mit seiner Familie leben kann.

Das Lyoner Coworking Space La Cordée ist stets mit den Wünschen seiner Community gewachsen. Als die Member ein Space in Paris wollten, da sie dort öfters geschäftlich zu tun hatten, kamen die beiden Gründer Julie Pouliquen und Michael Schwartz diesem Wunsch nach und eröffneten einen Ableger in Nähe des Gare du Lyon. Inzwischen gibt es La Cordée Coworking Spaces in ganz Frankreich und so auch in dem französischen Alpendorf Morez. Dieses hatte sich um La Cordée bemüht, das wiederum einen Ort in den Alpen für die eigene Community suchte.

Und wie steht es um Deutschland?

Das La Mutinerie Village und das La Cordée Morez sind nur zwei Beispiele aus Frankreich, die hervorragend aufzeigen, worauf es ankommt – Anschluss an eine urbane Community – und welche Effekte ein Coworking Space auf dem Land haben kann – Zuzug von ortsunabhängig arbeitenden Menschen. In Deutschland gibt es inzwischen auch Beispiele wie die aus Frankreich, wenn auch weniger und vergleichsweise noch nicht so weit entwickelt. Und mit einem Unterschied: hierzulande ist das Mittelzentrum der bessere Standort als das Dorf selbst.

Das Coworking 0711 aus Stuttgart hat im vergangenen Jahr, rund 30 km südwestlich der Landeshauptstadt im beschaulichen Herrenberg, einen Coworking Space für pendelnde Coworker aus der Region eröffnet. Auf Initiative der lokalen Politik gibt es ähnliche Projekte unter anderem in Prüm in der Eifel und im brandenburgischen Finsterwalde. Sie alle haben die Menschen vor Ort im Fokus, die für ihre Arbeit in die nächstgelegene Großstadt pendeln (was schlecht für die Umwelt und die eigene Gesundheit ist), obwohl ihre Arbeit teilweise auch ortsunabhängig möglich wäre.

Deshalb ist ein guter Verkehrsanschluss an eine Großstadt, sowohl mit dem Zug als auch mit dem Auto, ein entscheidender Faktor. Ein Coworking Space sollte nicht auf einem Dorf sein, dort wird es sehr wahrscheinlich auch nicht funktionieren, sondern in einem Mittelzentrum liegen und von da in den ländlichen Raum wirken. Doch noch ist Coworking Space ein schwieriges Geschäftsmodell in Deutschland, weshalb es neue Akteure braucht, die Coworking in die Peripherie tragen und dort betreiben. Ein Akteur könnten beispielsweise Banken sein.

Next: Coworking in Frankfurt (Oder)

In den vergangenen Monaten habe ich in beratender Tätigkeit für die Sparda-Bank Berlin eG an einem Projekt mitgearbeitet, das zum Ziel hat, noch diesen Sommer das erste Coworking Space in Frankfurt (Oder) zu eröffnen. Unter dem Namen Blok O entsteht im ehemaligen Kinderkaufhaus auf der Magistrale ein Ort, der Coworking Space und Bankfiliale zukünftig miteinander verbinden soll (Blok O geht auf die Bezeichnung des Objekts in den historischen Bauplänen der Magistrale zurück). Dies wird die Stadt und auch diesen Teil von Brandenburg beeinflussen.

Drei Punkte sind an Blok O besonders spannend: Erstens, eine Bank gründet ein Coworking Space, in dem es zugleich ein Member wie alle anderen sein wird und nicht der Vermieter. Zweitens, eine multikulturelle Stadt wie Frankfurt (Oder) bekommt mit dem Coworking Space einen mehrsprachigen Ort des Miteinanders, den viele Einwohner*innen eher dem polnischen Słubice zugetraut hätten als der linken Oderseite. Und Drittens, in einer Pendler*innenstadt wie Frankfurt (Oder) gibt es nun einen Ort für kollaboratives und ortsunabhängiges Arbeiten.

Coworking BLOKO Ansgar Oberholz und Martin Laubisch
Coworking-Pionier Ansgar Oberholz und Sparda-Bank Berlin-Vorstand Martin Laubisch präsentieren Blok O in Frankfurt (Oder). Bild: Sparda-Bank Berlin eG

Ich bin gespannt zu sehen, wie genossenschaftliches Coworking in der Neuen Provinz, zu der damit Frankfurt (Oder) samt Umland gezählt werden kann, funktionieren und vor allem wirken kann. Das St. Oberholz wird ein Mitbetreiber des Blok O werden, ich werde also auch viel vor Ort sein können. Das Projekt könnte der konzeptionelle Beweis werden, wie und vor allem von wem Coworking betrieben werden muss, damit diese Idee der Organisation von Arbeit bisher strukturschwachen Gegenden Anschluss an die Zukunft der Arbeit geben kann.

#Landrebellen auf der Grünen Woche

Diese Woche fand auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin das Zukunftsforum Ländliche Entwicklung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft statt. Auf dem Panel „Die neuen Landrebellen: Nach der digitalen Revolution ist vor dem Kulturwandel“ diskutierte ich mit anderen Akteuren die Möglichkeiten der Digitalisierung für den ländlichen Raum. Besonders interessant waren aber die Menschen, die mir nach der Veranstaltung von ihren Plänen und Überlegungen zu Coworking im ländlichen Raum erzählten. 2018 wird ein spannendes Jahr.

Weiterlesen »

Das Atelier als New Work-Gegenkonzept

Art studio with wall graffiti (adapted) (Image by Matthieu Comoy [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Der Bildungsethiker Christoph Schmitt beschäftigt sich in seinem neuen Buch „Digitalisierung für Nachzügler: Einsichten eines digitalen Immigranten“ mit der Frage, wie wir es schaffen können, die alten Bilder von Arbeit und Beruf in unseren Köpfen zu überschreiben. „Sie preiszugeben, um offen zu werden für völlig neue Ansätze, Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse. Wir setzen uns unerwarteten Entdeckungen aus, die durch einen glücklichen Zufall möglich werden.“

Zufallsbegegnungen

Also das von Niklas Luhmann erprobte Verfahren „Serendipity“ – etwas zu finden, was man gar nicht gesucht hat. Man begegnet einem unbekannten Thema und wird davon magisch angezogen. Schmitt beschreibt seine MOOC-Erlebnisse – seine Expeditionen in Massive Open Online Course-Formaten – etwa das von Anja C. Wagner organisierte Leuchtfeuer-Projekt.

Unzählige beeindruckende Videos dokumentieren, wie viele ’neue Räume‘ des Lernens und Arbeitens es quer über den Planeten schon gibt: Coworking Spaces in total unterschiedlichen Ausprägungen, Makerspaces in allen Formen; wie die entstanden sind und sich etablieren. Was ihnen wichtig ist: nach welchen Werten sie arbeiten.

Neue Räume für digitale Kultur

Es gehe um neue Räume, die im Kontext der Digitalisierung so wichtig sind. Und diese physischen Umgebungen sollte man anders gestalten, um auch die Ökonomie im Ganzen zu verändern. „Klassisch hierarchische Strukturen – also annähernd 100 Prozent der KMU und Konzerne – ersticken Coworking im Keim. In solchen Monokulturen gedeiht Coworking nicht, weil hier das Querdenken und Querarbeiten strukturell verhindert wird“, schreibt Schmitt. Das klassische Modell der Arbeitswelt wird dominiert von Belohnung und Bestrafung, von Kontrolle und Reglement – das genaue Gegenteil von Coworking und Kollaboration.

Klassische Organisationen kann man nicht revolutionieren

„Oft höre ich, dass sich doch auch in traditionellen Kulturen einzelne Schollen bilden und sich quasi unter der Oberfläche (‚unterm Schirm‘) klammheimlich vernetzen können und die Orga von unten her revolutionieren. Mit solchen Hypothesen positionieren sich im Moment vor allem klassische Consulting-Anbieter, die aus der zunehmenden Hilflosigkeit auf den Chefetagen Profit schlagen. Die Annahmen hinter diesem ‚Coworking light‘ funktionieren aber nicht“, konstatiert Schmitt. Und er hat recht. Was mit Begriffen wie Industrie 4.0 oder New Work beschrieben wird, kaschiert nur die alte industriekapitalistische Organisationsform, die fast alle Volkswirtschaften auf unserem Planeten dominieren. Der überkommene Taylorismus der Massenfertigung bekommt nur einen digitalen Anstrich. Nach wie vor sind die Lebens- und Arbeitswelten nach funktionalistischen Prinzipien auseinandergerissen.

New Work-Berater kaschieren die alte Arbeitswelt

Da können New Work-Berater herumlabern, wie sie wollen: Man muss aus diesem Käfig ausbrechen: „Menschen und ihre Ideen entwickeln sich aus solchen Organisationen hinaus und bilden neue Netzwerke. Überall – nur nicht in der Organisation selbst“, so die Erkenntnis von Schmitt. Für den Ausbruch hat Schmitt eine gute Metapher ins Spiel gebracht: Das Atelier. „Der Begriff stammt aus dem Französischen und steht für Werkstatt. Und ein Atelier ist noch mehr: Es ist der Arbeitsplatz eines Kreativen, beispielsweise die Werkstatt einer Künstlerin oder eines Fotografen, oder auch eine Produktionsstätte wie beim Filmatelier. Es ist auch ein Ort der Selbstinszenierung und der Ausstellung. Das Atelier ist ein Ort, an dem Menschen zugleich leben, arbeiten, lernen, wo sie ihre Produkte oder Dienstleistungen präsentieren und verkaufen. Ein Atelier birgt Werkstatt und Schaufenster in einem. Wohnen, leben und arbeiten wachsen hier zusammen… Hier verweilen Menschen und kommen miteinander ins Gespräch.“

Nachhause kommen

In der Vorstellung von Schmitt ist das Atelier in seiner ganzen Vielfalt die Art und Weise, wie Lernen und Arbeiten sich in Zukunft verbinden werden: Lernen als Kunst, als Lebenskunst, als eine Kunst des Entstehens von Leben. Leben und Lernen als Kunst. Die Kunst, das Leben zu entfalten als Lernvorgang.

Im Interview auf dem Watson Summit in Luzern verweist Schmitt auf die Initiative „Neustart Schweiz“ mit dem Motto „Nachhause kommen“. Diese Atelier-Ideen sind der wahre Katalysator für New Work. Und heute haben wir gegenüber den Ateliers im 18. oder 19. Jahrhundert einen entscheidenden Vorteil: Wir können lokal tätig sein und uns dennoch die ganze Welt erschließen. Das Notiz-Amt ist davon überzeugt, dass man mit der Idee des Ateliers eine neue Form der digitalen Kultur begründen kann, jenseits von aseptischen Glasfassaden-Büros und dem Optimierungswahn von Effizienz-Einpeitschern.


Image (adapted) „Art studio with wall graffiti“ by Matthieu Comoy (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Willkommen im Coworking Space der Zukunft: Zu Besuch im Epicenter Stockholm

Epicenter (Image by Epicenter)

„Willkommen im Epicenter, dem Büro der Zukunft!“ Mit einem breiten Lachen begrüßt Patrick Mesterton neue Besucher in Schwedens angesagtestem Coworking Space mitten in Stockholm. Man merkt, dass er eigentlich noch hinzufügen möchte: „Willkommen im besten Coworking Space der Welt!“ Als einer der drei Gründer des Epicenters ist Patrick Mesterton sichtlich stolz auf das, was er und seine Mitstreiter in zwei Jahren auf die Beine gestellt haben.

Transformation, Erneuerung, Zukunft

Schwedens erstes „Digital House of Innovation“ nennen sie ihren Coworking-Space. Tatsächlich verwandelten die Gründer, inspiriert vom Silicon Valley, in kürzester Zeit ein marodes Bankgebäude in einem ehemaligen Rotlichtviertel in einen modernen Hub für Startups, führende Tech-Firmen sowie Freelancer und digitale Nomaden aus aller Welt. Transformation, Erneuerung und Zukunft sind die Grundpfeiler der Epicenter-Philosophie und sollen so dazu beitragen, dass Schweden zur „Kreativhauptstadt der Welt“ wird.

Innenhof (Image by Marinela Potor)
Innenhof des Epicenters (Credit by Marinela Potor)

„Als wir das Epicenter im Januar 2015 eröffnet haben, waren wir innerhalb von zwei Wochen komplett ausgebucht“, erzählt Patrick Mesterton beim Netzpiloten-Besuch vor Ort. Und das will schon etwas heißen. Immerhin erstreckt sich das Epicenter auf rund 30.000 Quadratmeter und bietet Büroräume auf einer Fläche von 12.000 Quadratmeter. Aktuell hat das Epicenter mehr als 3.000 Mitglieder. Denn Miete zahlt hier keiner, die Räume werden über Mitgliedschaftsraten verrechnet. Es gibt von offenen Lounges bis zu 3.000 Quadratmeter großen Privatbüros viele verschiedene Arbeitsmöglichkeiten. Im Prinzip ist dabei jeder, der hier von seinem Laptop aus arbeiten möchte, willkommen.

Nun ja, fast jeder. Denn für Unternehmen ist es mittlerweile schwierig geworden, im heiß umschwärmten Epicenter noch Büroräume zu bekommen. Das liegt auch ein wenig daran, dass es für Unternehmen einfach als „cool“ gilt, hier ein Büro zu haben – und als Wettbewerbsvorteil beim heißen Kampf um die klügsten Köpfe gesehen wird. So müssen Mitglieder sich tatsächlich bewerben – und vom Epicenter angenommen werden.

„So wollen wir sicherstellen, dass wir wirklich nur den besten Mix aus Startups und etablierten Konzernen unter einem Dach haben. Denn es bringt ja nichts, wenn du nur Gründer in einem Coworking Space hast, die zwar tolle Ideen haben, aber sich finanziell nicht helfen können. Oder nur große Konzerne, denen die frischen Ideen ausgehen“, erklärt Patrick Mesterton den Bewerbungsprozess.

Das Rezept scheint aufzugehen, im Epicenter sitzen Unternehmen wie Spotify, Google und Microsoft, aber auch junge Startups wie das Smart-Lock-Unternehmen Glue oder Zoundio, eine Gitarrenapp, die auf künstlicher Intelligenz basiert, oder auch Splay, Schwedens größtes YouTube-Netzwerk.

Motto (Image by Marinela Potor)
Motto (Credit by Marinela Potor)

Innovation an jeder Ecke

Doch es sind nicht nur die Unternehmen, die für das kreative Ambiente sorgen. Es ist auch die Aufmachung des Coworking Spaces, die an jeder Ecke beinahe aufdringlich „Innovation“ schreit. Der 24-Stunden-Zugang zum Space oder die schicken Tablets, die als Türschilder dienen, sind dabei noch das Langweiligste, was man hier sieht.

So steht im großen Innenhof des Epicenters eine von Samsung entwickelte ADHS-Box, in der Coworker selbst erleben können, wie Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung die Welt erleben. „Eine Störung, die übrigens sehr viele Gründer haben“, sagt Patrick Mesterton und meint das ganz ernst. Dann gibt es auch noch Telepräsenz-Roboter, mit denen Anrufe entgegengenommen werden können und ein robotischer Automat verkauft Smoothies auf Bestellung.

Seit Kurzem können Nutzer mit unter der Haut implantierten RFID-Chips Türen öffnen und Getränkeautomaten bedienen.

Biochip (Image by Marinela Potor)
Patrick Mesterton ordert ein Getränk per Chipimplantat: Credit by Marinela Potor

Menschen, die zu Cyborgs werden? Im Epicenter liegt das, was viele als Biohacker-Spinnerei abtun, voll im Trend. So kommen viele Epicenter-Mitglieder begeistert zu den regelmäßigen „Chip n‘ Beer After Work“ Sessisons.

Gesunde Körpern und rege Geister

Es ist aber nicht nur die Technologie, die für neue Ideen bei den Coworkern sorgen soll. Das Epicenter scheint eine ausgeprägte „mens sana in corpore sano“ Mentalität zu haben. Tatsächlich sehen alle Coworker hier erstaunlich fit und gesund aus. Das mag eben auch an den vielfältigen Gesundheits-, Fitness- und Sportangeboten liegen.

Es gibt Yoga-Klassen, Massageexperten, ein Fitnessstudio und das – selbstredend gesundheitsbewusste – Restaurant im Coworking-Space wird von Jens Dolk geleitet, einem der bekanntesten kulinarischen Experten des Landes, der sich aktuell stark gegen die Verschwendung von Essen einsetzt.

Die Epicenter-Gründer sind mit jeder Erneuerung stets bemüht, dem futuristischen Ansatz ihres Coworking Spaces treu zu bleiben. So wird gerade in der „Orangerie“ ein weiteres Restaurant gebaut, zu dem auch Nicht-Mitglieder Zutritt bekommen sollen.

Dahinter steckt aber mehr als lediglich eine neue Einnahmequelle, erklärt Mesterton. „Diese Gäste können unseren Coworkern und Unternehmen sozusagen als Quelle für Konsumerforschung nutzen.“ Marketingforschung an lebenden Laborratten sozusagen. Wer sich Chipimplantate unter die Haut stechen lässt und Biohacker-Frühstücke schmeißt, findet das natürlich gar nicht seltsam.

Der Erfolg spricht fürs Epicenter. Bereits im kommenden Jahr möchten die Gründer expandieren. Im September 2018 soll das nächste Epicenter in Helsinki eröffnet werden.


Image „Epicenter“ by Epicenter


Weiterlesen »

Was mich bei der Arbeit produktiver macht? Geräusche.

St-Oberholz (adapted) (Image by Tobias-Kremkau) (CC BY 4.0)

Der Weg zu allem Großen geht durch die Stille, schrieb einst der deutschsprachige Schriftsteller Paul Keller, einer der meistgelesenen Autoren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und Inspirationsquelle für Michael Ende zu seinem Roman „Die unendliche Geschichte“. Nun gut, das mag sein, und bestimmt auch auf andere zu treffen, aber ich bin da anders. Ich brauche Geräusche, um vermeintlich Großes zu schaffen.

Vor Kurzem musste ich eine wichtige Abgabefrist für einen Artikel einhalten und plante etwas Zeit am Sonntag ein, um diesen Artikel fertig zu schreiben. Als ich an meinem neuen Schreibtisch saß, einem äußerst schicken Designerstück, passierte einfach nichts. Mir war schon länger bewusst, dass ich niemand mehr bin, der im Home Office produktiv sein kann. In diesem Moment wurde es mir wieder schmerzhaft bewusst.

Warum manche lieber im Café arbeiten

Erst nachdem ich in ein Café in meiner Friedrichshainer Nachbarschaft ging und etwas eingepfercht zwischen Szenetouristen aus Neukölln und Brooklyn saß, und mir den Steckdosenverteiler mit zwei anderen Menschen teilte, konnte ich mich voll dem Artikel widmen. Kaffee ist wichtig für Produktivität, aber ein genauso individueller Aspekt wird gerne schnell vergessen: Geräusche helfen dabei, produktiver zu sein.

Kohlenquelle_Tobias-Kremkau
Arbeiten in der Berliner Kohlenquelle. Image by Tobias Kremkau

Stille tut das unter Umständen nicht, wie ich im Frühjahr 2013 merkte. Es war der erste Tag im neuen Büro des Projekts, für das ich damals arbeitete. Als die Glocken der benachbarten Sophienkirche anfingen zu läuten, wurde mir schlagartig klar, dass ich zum ersten Mal in Berlin bewusst eine Kirchenglocke wahrgenommen hatte und wie still es bisher hier war. Ab dem Moment konnte ich mich nicht mehr konzentrieren.

Mein damaliger Kollege Sebastian Haselbeck empfahl mir daraufhin die App Coffitivity, die mich seitdem durch das Arbeitsleben begleitet. Dieser Webservice, den es auch als App für Android und iOS gibt, spielt einem Hintergrundgeräusche von Cafés aus der ganzen Welt vor. Momentan gibt es sechs Geräuschkulissen, drei davon umsonst. Das Startup selbst forscht nun bereits seit Jahren zum Thema Produktivität.

Ich nutze die App regelmäßig, wenn ich in einer Umgebung arbeite, deren Geräuschkulisse mir nicht liegt. Sogar in meinem Zuhause wende ich sie an. Neulich saß ich an einer für mich wichtigen Präsentation für einen Bankvorstand und schaltete die App ein. Ich kam dadurch so intensiv in meinem Flow, dass ich die nächsten vier Stunden nicht einmal aufblickte. Ich ging so in meiner Aufgabe auf, dass ich Raum und Zeit vergaß.

Hintergrundgeräusche helfen dabei, produktiver zu sein

Dies mag auf den ersten Blick zwar paradox erscheinen, aber ich als Coworking Manager kann am besten in Cafés arbeiten, also mit der Geräuschkulisse von Cafés im Ohr. Vor dem Hintergrund, dass Coworking Spaces aus der Kaffeehauskultur heraus entstanden sind, relativiert sich die Überraschung etwas. Dazu kommt, dass die offenen Räume in Coworking Spaces ähnliche Atmosphären wie in Cafés schaffen können.

Die Studie „Is Noise Always Bad?“ von 2012 wies nach, dass nicht zu laute Hintergrundgeräusche sich grundsätzlich positiv auf die kreative Leistung auswirken können. Das lebendige Drumherum hilft mir persönlich sehr, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Für andere ist es Musik. Bei der richtigen Musikauswahl wird das Glückshormon Dopamin freigesetzt, was wiederum gute Laune machen und die Leistungsbereitschaft anregen kann.

Was Cafés und Coworking Spaces für manche Menschen zu idealen Arbeitsorten macht, wenden Raumplaner auch in Büros an. Soundscaping nennt sich das, Soundmapping habe ich auch schon einmal gehört, und meint die bewusste Gestaltung des akustischen Umfeld oder der Klangkulisse eines Büros. So soll die Konzentrationsfähigkeit gesteigert und bei richtiger Anwendung sogar die Produktivität vervielfacht werden.

Auf der TEDGlobal 2009 erklärt Julian Treasure, wie uns Geräusche beeinflussen.

Die Arbeit in einem Coworking Space und die intensive Auseinandersetzung mit Fragen zur Zukunft der Arbeit haben mir eines sehr bewusst gemacht: wo, wann und wie Menschen am besten arbeiten können, ist eine sehr individuelle Entscheidung. Für mich persönlich klappt es am besten in lebendig klingenden, offenen Umgebungen. Eine Blaupause für andere kann das aber nicht sein. Im besten Fall aber ein überfälliger Denkanstoß, sich diese Frage einmal selbst zu beantworten.


Images by Tobias Kremkau (CC BY 4.0)


Weiterlesen »

Von der Fabrikhalle zur Denkfabrik: der Factory Campus Düsseldorf

Nordrhein-Westfalen ist so etwas wie ein Stiefkind, wenn es um Start-ups geht. Weder das Ruhrgebiet noch das Rheinland galten bisher als Innovationshub für Gründer, trotz hoher Bevölkerungsdichte, guter Wirtschaftsleistung und attraktiver Städte. Das soll sich jetzt ändern. Ein Beispiel dafür ist der Factory Campus in Düsseldorf.

Wo einst eine Fabrik für Recycling-Maschinen stand, hat im Oktober 2016 das Unternehmen seine Pforten geöffnet. Auf 34.000 Quadratmeter erstreckt sich der Coworking Space im Stadtteil Lierenfeld, der ehemals zum Industriegürtel in Düsseldorf gehörte. Der Campus ist eins der jüngsten Beispiele, das zeigt, wie Nordrhein-Westfalen im Rennen um die Start-ups mit anderen Hubs wie München oder Berlin gleichziehen möchte.

Megaprojekt: Wie aus einer Fabrikhalle ein Coworking Space wird

Coworking Manifest (Image by Marinela Potor)
Das Coworking Manifest (Image by Marinela Potor)

Hinter dem Factory Campus steckte anfangs noch Yvonne Firdaus, die in Düsseldorf schon den Coworking Space „Garage Bilk” gegründet hatte. Mittlerweile leiten Manfred Voß, Stefan Schulz und Marc Breddermann den Coworking Space. Letzterer ist auch der Investor, der den Umbau des Factory Campus von einer verlassenen Fabrikhalle zu einem modernen Arbeitsumfeld möglich gemacht hat. Breddermann ist ebenfalls Geschäftsführer der Breddermann Gruppe, einem Immobilienunternehmen mit Sitz in Hagen, das damit auch an der Umsetzung des Campus-Konzepts beteiligt ist.

Wie alles einmal aussehen soll und was schon alles gemacht wurde, erklärt Ralf Neuhäuser. Der “Factory-Campus-Botschafter” hat die Netzpiloten auf eine Campustour und einen Tag zum Coworken eingeladen. Auf seiner Tour wird deutlich: Seit der Gründung hat sich hier viel getan. So ist das Pioniergebäude fast fertig, der Innenhof lädt an diesem Sommertag mit Holzbänken zum Ausruhen ein und auch das wichtigste in einem Coworking Space läuft: Das Internet. Der Factory Campus wirbt mit 2 Gigabit Uplinks, die am Testtag auch kein einziges Mal versagen oder langsam scheinen.

Ralf Neuhaeuser (Image by Marinela Potor)
Ralf Neuhäuser (Image by Marinela Potor)

Doch bei einem so großen Gelände liegt auch noch viel Arbeit vor dem Factory Campus Team. So zeigt Neuhäuser stolz auf das wohl beeindruckendste Gebäude auf dem Areal, die große Halle. Der Umbau der Halle ist eins der nächsten großen Projekte des Coworking Spaces.

Hier soll, wenn alles nach Plan läuft, in den nächsten drei bis vier Jahren eine Mischung aus Eventräumen, Tagungsräumen und Gastronomie entstehen – alles in nachhaltiger und smarter Bauweise, wie Neuhäuser betont. Überhaupt ist Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema im Coworking Space. Der Innenhof, jetzt noch gepflastert, soll zu einem großen grünen Park werden. Eine Ladestation für E-Bikes gibt es bereits und gerade werden Parkplätze mit Ladestationen für E-Autos fertig gestellt.

Geplant ist auch, in naher Zukunft ein Parkhaus mit 500 Stellplätzen und Ladeinfrastruktur zu bauen. Mit der Sanierung der kommenden Jahre sollen aber nicht nur Büros, sondern auch Ateliers und Maker Spaces geschaffen werden. Auch ein Biergarten soll dann im Innenhof stehen. Doch auch jetzt schon versucht der Factory Campus von Foodtruck bis Regionalmarkt seinen Nutzern viel zu bieten.

Kreatives Arbeiten statt Bierpong

Der Factory Campus ist sichtbar bemüht, seinen Mietern nicht einfach nur Büroräume zur Verfügung zu stellen, sondern aus dem Factory Campus eine rege Mischung aus Ideenschmiede, Startup-Hub und angenehmem Arbeitsumfeld zu schaffen. Vieles davon ist jetzt schon erkennbar. Startups wie Kopfquadrat, wertvoll. oder auch Urbam haben genauso ihre Büroräume hier wie

Klassenzimmer (Image by Marinela Potor)
Kreatives Arbeitsumfeld im „Klassenzimmer“ (Image by Marinela Potor)

etablierte Unternehmen wie AXA, deren Startup-Center hier sitzt. Unter den Coworkern finden sich junge Entrepreneure genauso wie erfahrene Geschäfsleute, aber auch Mompreneurs kommen hier zusammen. So eignet sich der Factory Campus sowohl zum ernsthaften als auch zum entspannten Arbeiten. Insgesamt strahlt der Factory Campus eher „kreatives Arbeitsumfeld” als „wilde Bierpong-Zone” aus.

So können neben den offenen Arbeitsplätzen auch private Büroräume gemietet werden. Die Büros können entweder flexibel, für einen oder drei Monate oder in bestimmten Fällen auch für längere Zeiträume gemietet werden, es gibt aber auch Tagesarbeitsplätze (Kostenfaktor: 15 Euro) für Freelancer. Konferenz- und Tagungsräume können ab zwei Stunden gemietet werden.

Um trotz all der privaten Büros dennoch den Austausch der unterschiedlichen Unternehmen und Coworker auf dem Campus anzuregen, gibt es regelmäßige Treffen der Mieter, Veranstaltungen sowie Meetups, und auch im Gebäude selbst gibt es zahlreiche offene Chillout-Zonen, Kaffeeräume oder auch Kreativräume, in denen sich die Coworker austoben, beziehungsweise ausruhen können.

Toilettenwand (Image by Marinela Potor)
Kreative Toilettenwand (Image by Marinela Potor)

Der Factory Campus setzt auf moderne Einrichtung, helle Räume und humorvolle Design-Ideen, die die Coworker inspirieren sollen. So gibt es auf den Toiletten beispielsweise Malstifte, mit denen Benutzer die Wandtapete verschönern können.

Die Open Spaces haben gemütliche Sofas und Stühle, doch hier geht es naturgemäß auch etwas lauter zu. Wer mehr Ruhe zum Arbeiten braucht, ist wahrscheinlich besser mit einem Büro bedient. Für punktuelle Ruhezonen können aber auch die schallisolierten „Telefonboxen” genutzt werden.

Doch auch eine Ruhezone ist schon in Arbeit. Aktuell entsteht ein Ruhe- und Wellnessbereich, in dem beispielsweise Yoga- und Pilatesworkshops angeboten werden können. Auch Duschen und Handtücher können hier für drei Euro gemietet werden. Wer möchte, kann hier auch eine Schlafkabine für ein kurzes Nickerchen mieten.

Chill-Zone (Image by Marinela Potor)
Die gemütliche Chill-Area. (Image by Marinela Potor)

Factory Campus setzt auf Abomodell

Insgesamt fällt auf, dass jede noch so kleine Zusatzleistung beim Factory Campus separat gebucht werden muss. „Uns war es wichtig, dass unsere Mieter die verschiedenen Angebote modular buchen können”, erklärt Ralf Neuhäuser das Prinzip hinter den vielfältigen Mietangeboten. „Manche Unternehmen brauchen vielleicht nur ab und zu einen Konferenzraum. Startups wollen möglicherweise erstmal nur eine Postadresse und ein Postfach. Andere Freelancer wollen nur hin und wieder kommen, dafür aber an einem Fixed Desk arbeiten. All das kann man entsprechend separat buchen.” Wer wiederum Mitglied wird, bekommt vieles inklusive – das genaue Angebot variiert je nach Abo. So will der Space natürlich auch einen Anreiz für die Memberships schaffen, denn diese sollen laut Ralf Neuhäuser das Kernstück des Coworking-Modells werden.

Eingang Factory Campus (Image by Marinela Potor)

Die Auslastung scheint gut zu sein, aussagekräftige Zahlen gibt es derzeit aber nicht. Dazu sei das Kommen und Gehen im Moment noch zu dynamisch, sagt Neuhäuser.

Nach einem Tag auf dem Factory Campus lässt sich zusammenfassen: Hier findet sich ein angenehmer, inspirierender Arbeitsplatz. Es ist erstaunlich, was hier in so kurzer Zeit aus einem alten Fabrikgebäude entstanden ist – und in Zukunft noch entstehen wird. Bleibt nur zu hoffen, dass Coworking Spaces wie dieser tatsächlich mehr Startups und kreative Köpfe in die Region locken können.


Images by Marinela Potor


Weiterlesen »

Samsung DeX, Mirabook & Co.: Wie ein Desktop-Dock mobiles Arbeiten verändern könnte

Samsung-DeX-Galaxy-S8 (adapted)

Wer heutzutage unterwegs arbeiten möchte, greift auf Notebooks von Apple, Lenovo, Asus und Co zurück. Dank immer potenteren Smartphones könnte sich das in Zukunft ändern. Mit DeX hat der koreanische Elektronikhersteller Samsung ein innovatives Desktop-Dock vorgestellt, über das deren aktuelles Flaggschiff Galaxy S8 mit einem Monitor verbunden werden kann. Und mit Mirabook und Superbook existieren um vielfaches finanzierte Crowdfunding-Projekte, die das Mobiltelefon in einen Laptop transformieren. Befindet sich unser Büro schon bald in der Hosentasche?

Smartphones besitzen bereits umfangreiche Office-Features

Schon jetzt nimmt das Smartphone einen großen Bestandteil in unserem mobilen Büroalltag ein. Sind wir unterwegs werden E-Mails gecheckt und beantwortet, Dokumente gelesen und kontrolliert oder auch Meetings geplant und im Kalender eingetragen. Geistesblitze landen in Form von Notizen auf dem digitalen Helferlein. Die schnelle Internetanbindung vereinfacht die unkomplizierte Recherche in Bus und Bahn.

Doch nicht nur das. Aufgrund der raschen Entwicklung in Sachen Qualität, Funktionsumfang und Performance ist für viele das Smartphone die Digitalkamera Nummer 1. Das gilt im Job sowohl für Naturwissenschaftler und Betriebswirtschaftler, vor allem aber für Kulturschaffende. All das paaren die Hersteller mit einer flotten, zeitoptimierten User-Experience dank starker Rechenleistung. Einer Rechenleistung, die wir im Alltag kaum ausgereizen. Warum also nicht das Smartphone in einen Laptop verwandeln und so zusätzliche Geräte sparen?

Desktop-Dock Samsung DeX verspricht produktiveres Arbeiten

Mit DeX präsentierte das Unternehmen Samsung unlängst ein erstes kommerzielles System für den freien Markt. Das Desktop-Dock besteht lediglich aus einer kompakten Basisstation, in die das Smartphone eingesetzt wird. Zusätzliche Anschlüsse garantieren eine gute Konnektivität. Für den Betrieb ist ausschließlich ein herkömmlicher Monitor vonnöten, über den die Bildinformationen ausgegeben werden. Die Bedienung ist dann deutlich entspannter und vor allem produktiver.

Unser Autor Anton konnte das Feature bereits auf dem Launch-Event in London ausprobieren, sieht allerdings auch noch Verbesserungsbedarf. Der größte Wermutstropfen: Das Dock versteht sich nur mit dem teuren High-End-Smartphone Galaxy S8 (Plus). Nutzer anderer Geräte schauen in die Röhre oder vielmehr auf einen schwarzen Monitor. Bleibt das so, könnte die DeX-Lösung das gleiche Schicksal ereilen wie Continuum von Microsoft. Weil kaum jemand Smartphones mit Windows 10 Mobile nutzt, ist auch das Desktop-Dock nicht verbreitet. Aus dem gleichen Grund hat sich auch das Padfone-Konzept von Asus nicht etablieren können.

Samsung-DeX-Androidpiloten
Anton Knoblach hat Samsung DeX beim Launch des Galaxy S8 in London ausprobiert.

Superbook mit 11,6 Zoll Display und 10 Stunden Akkulaufzeit

Wer ein Gerät eines anderen Herstellers sein Eigen nennt, der ist bei den nahezu gleichzeitig gestarteten Crowdfunding-Kampagnen Superbook und Mirabook an der richtigen Adresse. Dabei besteht die Schnittstelle zwischen Smartphone und Monitor nicht etwa aus einem Desktop-Dock, sondern einem Laptop-Dock. Das Mobiltelefon wird unkompliziert per USB-Kabel an die Hardware angeschlossen.

Da das preisintensive Innenleben fehlt, können die Hersteller einen geringen Preis aufrufen. Im Falle des Superbook sind das lediglich 189 US-Dollar. Mit insgesamt knapp drei Millionen US-Dollar wurde der Zielbeitrag um das 60-fache überschritten. Neben einem 11,6 Zoll großen FullHD-Display, einer beleuchteten Tastatur und USB-Schnittstellen spendiert Produzent Andromium einen leistungsstarken Akku, der Energie für einen kompletten Arbeitstag liefern soll. Für den Betrieb reichen Download und Ausführen der entsprechenden Android-App. Die ersten Modelle sind bereits in den USA verfügbar. Ob und wann das Superbook nach Deutschland kommt, ist unklar.

Superbook-1
Das Superbook verwandelt das Android-Smartphone in einen Laptop. Image by Andromium

Mirabook für Android-Telefone und Windows-Sticks

Das Team um den direkten Mitbewerber Mirabook hat sich die ultimative Kompatibilität auf die Fahne geschrieben. Das per Indiegogo bereits erfolgreich finanzierte Produkt arbeitet sowohl mit Android-Geräten als auch mit Smartphones mit Windows-Phone- und Ubuntu-System. Ferner unterstützt das Mirabook portable PC-Sticks wie den Asus VivoStick oder selbstgebastelte Raspberry-Lösungen.

Die Akkulaufzeit soll wie auch beim Superbook über zehn Stunden betragen, mit einem Kilogramm Masse ist es zudem angenehm leicht. Das FullHD-Display des Mirabook ist mit 13,3 Zoll minimal größer. Besonders intelligent haben die Entwickler die Smartphone-Schnittstelle ausgeführt: Das USB-Kabel lässt sich in einer Nut versenken, die Demontage entfällt. Dadurch kann das Kabel nicht verloren gehen. Mit 180 US-Dollar bewegt sich das Mirabook in einer ähnlichen Preisregion wie das Superbook. Die Serienproduktion soll Ende dieses Jahres anlaufen.

Mirabook
Das Mirabook eignet sich sowohl für Büromenschen, als auch für Gamer. Image by Miraxess

Praktische Ausrüstung für Coworking-Spaces

Die praktischen Gadgets sind die ideale Erweiterung für mobile Büroarbeiter, die außer einfachen Mail-, Office- und Browserfunktionen keine ressourcenfressenden Anwendungen benötigen. Selbst Bildbearbeitung lässt sich mittlerweile ohne Probleme mit der Power eines Smartphones erledigen. Die portable Hardware erweitert dabei kinderleicht die Produktivität ohne den Einsatz eines vollwertigen Notebooks.

Gerade deshalb dürfte sich das Konzept besonders für Orte neuartiger Arbeit, den sogenannten Coworking Spaces eignen. Wären die Großraumbüros mit der entsprechenden Hardware ausgestattet, bräuchten Digitalnomaden lediglich ihr Smartphone und das Büro wäre im Handumdrehen einsatzbereit. Nicht zuletzt erlaubt das Konzept maximale Flexibilität und so ein deutlich freieres Arbeiten. In diesem Sinne dürfen wir gespannt sein, ob und wann auch andere namhafte Hersteller mit eigenen Lösungen nachziehen und so gemeinsam die Arbeitswelt nachhaltig verändern.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Androidpiloten.


Images by Samsung, Superbook, Miraxess und Anton Knoblach


Weiterlesen »

Stowe Boyd über Slack, Coworking und die Zukunft der Arbeit


Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelreihe im Vorfeld der internationalen Tech-Konferenz Viva Technology, zu der vom 15. bis 17. Juni 2017 rund 50.000 Teilnehmer und über 5.000 Startups nach Paris kommen. Die Netzpiloten werden als Medienpartner der Viva Technology mit vor Ort sein. Und hier gibt es Tickets für das Event zu gewinnen.


Der Futurist und Forscher Stowe Boyd hat schon den ein oder anderen Trend in der vermeintlichen Arbeitswelt von morgen aufgespürt, getestet und kommentiert – und manche davon dann auch wieder spurlos verschwinden sehen. Nicht alles, was die Zukunft der Arbeit sein soll, hat dann auch die Macht, wirklich etwas zu verändern. Wir haben uns mit ihm im Vorfeld der VivaTech, auf der er auch als Redner auftreten wird, über Slack, Coworking, und wie Künstliche Intellligenz die Zukunft der Arbeit verändern wird, etwas genauer unterhalten: 

Tobias Schwarz: Vor beinahe neun Jahren haben Sie ein Interview mit einem meiner Vorgänger, Peter Bihr, bei Netzpiloten durchgeführt und erklärt, warum die E-Mail nicht mehr funktioniert. Was denken Sie heute über die E-Mail?

Stowe Boyd (adapted)
Image by Stowe Boyd

Stowe Boyd: Ich wette, dass ich so etwas Ähnliches wie das Folgende gesagt habe: Wir wollen die E-Mail für ein weites Spektrum von Anwendungsfällen anwenden, es stellt sich jedoch heraus, dass es am besten für Applikationen, die Spaminhalten sehr ähnlich sind, geeignet ist, wie beispielsweise E-Mail-Newsletter. Die Stelle, an der E-Mail nur schlecht funktioniert, ist exakt dieselbe wie die, bei der die Menschen eine Art der Arbeitskommunikation anwenden wollen – wie beispielsweise Slack, Hipchat und Microsoft Teams –, speziell rund um Kommunikationen in kleinen Gruppen. Die E-Mail ist geschäftlich, während ein Chat dialogorientiert ist.

Die E-Mail ist überhaupt nicht tot, die sofortige Nachrichtenübermittlung nimmt jedoch zu. Diese Veränderung geschah sogar in Unternehmen mit Programmen wie Slack, Circuit und Microsoft Teams. Ist das lediglich ein Trend der Kommunikation – oder wird dies der neue Standard sein?

Ja, dies sind Arbeitskommunikationsprogramme. Sie sind chatraumbasiert und unterscheiden sich etwas gegenüber sofortiger Nachrichtenübermittlung, basierend auf Freundeslisten. Arbeitskommunikation ist grundsätzlich eine Ablehnung der dominanten Entwurfsmetapher der vorangegangenen Ära, der seriellen Datenübertragung auf der Arbeit, wie sie mit den Programmen Yammer, Chatter und IBM Connections gefunden werden kann.

Die Arbeitskommunikation agiert hauptsächlich auf der Basis eines kleineren Teams, also mit weniger als zehn bis zwölf Mitarbeitern, während sich die serielle Datenübertragung an die Arbeit auf einer höheren sozialen Ebene, wie mit dutzenden oder hunderten von Menschen  orientiert. Man muss dabei bedenken, dass die meiste Arbeit in kleinen Teams vollbracht wird.

Vor einigen Monaten kritisierten Sie Slack aufgrund der geringeren Effektivität der  Gruppenchats mit einer Gruppe, die größer als zehn Leute ist. Wie können sich Ihrer Meinung nach, auf die Bürokommunikation zugeschnittene Programme, verbessern?

Sie stellen den Sinn des Gesagten falsch dar. Zunächst wies ich darauf hin, dass die optimale Gruppengröße bei der Arbeitskommunikation – wie bei Slack – bei unter zwölf Personen liegt. Zweitens vermerkte ich das Phänomen der „sozialen Vermengung“, die in Organisationen passiert, die Slack-Kanäle offen lassen. Eine Menge Leute von Außerhalb fangen an, den Chaträumen beizutreten und die Arbeit des Kernteams zu unterbrechen, indem sie zu viele Fragen stellen und eine Menge Lärm machen. Drittens passieren eine Menge verborgener Sachen in Chaträumen, weil diese Räume intransparent sind. Intransparent kann jedoch, abhängig vom Kontext, sowohl gut als auch schlecht sein.

Das stimmt, aber wie wir arbeiten, ändert sich grundlegend – es wird mehr dezentralisiert und miteinander verbunden sein, wenn es nicht jetzt schon der Fall ist. Welches sind Ihrer Meinung nach die anderen Veränderungen, abgesehen von Bürokommunikation, die wir in den nächsten zehn Jahren sehen werden?

Wir haben die vollen Auswirkungen der etablierten Erfindungen des 21. Jahrhunderts – wie beispielsweise mobile, soziale und Kommunikationstechnologien, die das menschliche Leben umorganisiert haben – nicht voll integriert und der Durchbruch zu dem, was als digitale Transformation im Unternehmenssektor bezeichnet wird, ist eine direkte Konsequenz aus diesen Megatrends.

Wir werden allerdings nicht die Zeit haben, um diese Welle zu Ende zu reiten, weil wir von einer Vielzahl anderer Technologien getroffen werden, die wahrscheinlich gleichwertige oder größere Auswirkungen auf uns haben werden: Künstliche Intelligenz, erweitere Realität und das Internet der Dinge. Insbesondere die KI stellt außergewöhnliche Herausforderungen für die Zukunft der Arbeit dar. Gerade die KI kann zu einer Zukunft ohne Jobs führen, wenn sie sich in jeder Ecke und Nische ansiedelt, während die Welt immer „führerloser“ wird. Ich arbeite an einem Buch zu diesem Thema, es trägt auch den Arbeitstitel „Führerlos“.

In einem Interview, das Sie mit Jennifer Magnolfi geführt haben, sagten Sie einmal, dass Sie fasziniert sind von der Vorstellung, dass Unternehmen sich Coworking und Räume wie Nährböden anschauen – Sie nannten das den „Laufstall des Coworking“. Da ging es um Tischtennisplatten, Nerf-Waffen und so weiter. Was wurde zur modernen Antwort des Cubes und dem Arbeitsbereich des 21. Jahrhunderts, der sich durch geschlossenen Türen auszeichnet? Was denken Sie heutzutage über Coworking?

Ich denke, dass Coworking als ein Element der modernen Umwelt des Arbeitsplatzes fest etabliert ist. Die Ökonomie ist für Freiberufler, Startups, kleine Teams und sogar in größeren Unternehmen gerade sehr spannend. Zur selben Zeit ist Coworking ein Teil des Trends, weil es überall vorkommt. Die Ästhetik, die jeden Arbeitsplatz auf dieselbe, unpersönliche und entmenschlichte Weise ausschauen und funktionieren lässt. Der Umstand, dass ich für ein paar Stunden mit wenig Ausrüstung und geringen Kosten zu einem Coworking-Space kommen kann, oder einem Café oder einer öffentlichen Bibliothek, erscheint wie ein Schnäppchen.

Auf der anderen Seite: wenn ich gehe, ist es so, als ob ich nie da gewesen wäre. Ich bin nicht davon überzeugt, dass alle unserer Arbeitsplätze – und zu einem wachsenden Umfang gehört auch unser Zuhause dazu – keine Spur von uns aufweisen sollten, wenn wir einmal gehen.

Auf der jährlichen deutschen Coworking-Konferenz COWORK wurde diskutiert, dass Coworking als ein kleiner Trend zu einer kleineren Industrie kommerzialisiert wird und ersetzt, was davor war. Denken Sie, dass Coworking im Unternehmensbereich oder Lösungen des  Büro-Sharings von Immobilienunternehmen wie WeWork die Zukunft dieser Bewegung darstellen?

Kommerzielles Coworking ist eine Antwort auf die fehlende Verwurzelung und die geringen Margen, die mit der Ökonomie von Freiberuflern und Startups verbunden wird. Die Zahl der Freiberufler nimmt zu, zumindest in den vereinigten Staaten, und zwar aufgrund der Verschiebung der Arbeitsstruktur von Vollzeitangestellten zu auftragsbasierten „Arbeitnehmern“ und Unternehmen. Also wird der Trend weitergehen.

Vor einigen Wochen beriet ich eine Gruppe, die von dem Bundesministerium für Bildung und Forschung eingeladen wurden, um darüber nachzudenken, wie die Zukunft der Arbeit im Jahr 2030 aussehen wird. Sie beschrieben Dinge, die sie im Jahre 2030 haben möchten, die bereits Realität sind – von denen sie nur nichts wussten. Wie wird Arbeit im Jahr 2030 aussehen?

Alfred North Whitehead sagte einmal: „Es ist das Geschäft der Zukunft, gefährlich zu sein“. Tatsächlich zu erraten, wie die Zukunft aussehen wird, kann erschreckend sein. Die Leute werden angehalten, keine weiteren Änderungen vorzunehmen, selbst wenn sie danach gefragt werden. Sie tun lieber so, als wäre morgen genau wie gestern, obwohl sie es nicht wirklich glauben. Die Alternative wäre, ihre grundlegenden Prämissen zu hinterfragen, die unsere heutigen Gesellschaft darstellt.


Image by Stowe Boyd


Die Netzpiloten sind Partner der Viva Technology und werden vor Ort berichten. Wir verlosen Tickets für das Event, das vom 15. Bis 17. Juni 2017 in Paris stattfindet. Um an der Verlosung teilzunehmen, macht einfach mit und nutzt eure Chance auf Tickets for free für die Viva Technology! Zeit habt ihr dafür bis Dienstag, den 06. Juni. Viel Glück!

Weiterlesen »

Coworking Insights: Coworking in Cafés braucht eine neue Antwort!

St-Oberholz_by_Andreas-Louca

Coworking Spaces sind Orte der Arbeit, die sich nicht aus Bürostrukturen, sondern aus der Kaffeehauskultur entwickelt haben. Vor allem die traditionellen Kaffeehäuser in Wien haben das Prinzip bis heute geprägt und vorgelebt – auch ohne WiFi. Das von mir zusammen mit Koulla Louca 2005 in Berlin gegründete St. Oberholz ist so ein Café, dass das Konzept des Arbeitens im Café erst in Deutschland bekannt machte – mit WiFi.

Inzwischen besteht das St. Oberholz aus drei Cafés, zwei davon mit angeschlossenen Coworking Spaces. Was sie mit den Wiener Kaffeehäusern des 19. Jahrhunderts verbindet, sind die gleichen Werte: gelebte Offenheit, größtmögliche Freiwilligkeit sowie leichte Zugänglichkeit.

Der Deal war immer unausgesprochen, aber stets klar: die Gäste honorierten genau diese Werte, vor allem die Idee der Freiwilligkeit, mit fairem Verhalten durch angemessenen Konsum. Dieser Deal scheint nicht mehr aufzugehen.

Gäste zeigen verändertes Verhalten

Nach Befragungen uns bekannter ähnlicher Coworking-Cafés lässt sich feststellen, dass die Selbstverständlichkeit, dass man in einem Café auch dessen Produkte konsumiert, wenn man dort verweilt und über einen langen Zeitraum WiFi und Strom nutzt, nicht mehr ausreichend gegeben ist. Dieses Phänomen hat in den letzten Jahren ein problematisches Ausmaß angenommen und die ursprüngliche Idee der Offenheit wird damit torpediert. Es ist kein neues Phänomen, jeder Betreiber eines Cafés kennt es. Selbst in Cafés ohne WiFi tritt es auf.

Die Reaktionen auf diese Entwicklung fallen verschieden aus. Viele Cafés beschränken den Zugang zeitlich zum WiFi oder bieten es gar nicht mehr an. Die Nutzung von Laptops wird teilweise verboten. Manche Coworking Spaces haben ihre Cafés bereits für die Öffentlichkeit geschlossen. Dabei ist doch gerade das offene Café, das jeder nutzen kann – und nicht nur die Member-, eine wichtige Schnittstelle der Coworking Spaces mit der Außenwelt.

Woher rührt diese veränderte Verhaltensweise von Gästen, sobald mobiles Arbeiten und ein Laptop involviert sind? Warum würde ein Gast in einem Sushi-Restaurant niemals nach heißem Wasser für seine Fünf-Minuten-Terrine fragen (so geschehen im St. Oberholz), aber sich ins Coworking Cafés fremdes Essen und Getränke mitbringen?

Offenheit ist verdächtig

Remote-Work_im_St-Oberholz

Ein Gast isst ein Döner Kebab im Café.

Kellner: „Du darfst hier keine mitgebrachten Speisen essen.“
Gast: „Aber ihr verkauft ja kein Kebab.“
Kellner: „Bitte pack das sofort weg und bestelle etwas von unserer Karte.“
Gast: „Das Kebab wird später aber kalt sein und nicht mehr schmecken.“
Kellner: „Entweder du packst es jetzt weg und bestellst etwas oder du musst bitte gehen.“
Gast packt missmutig das Kebab ein: „Aber ich habe gestern auch schon einen Kaffee bei Euch gekauft.“

Die Verhaltensweise der Gäste deutet auf ein vermindertes Schuldempfinden und unterdrückte Schamfähigkeit hin. Denn sonst würde man sich eher für sein Verhalten entschuldigen und sich erwischt fühlen, als mit dem Gastronomen auch noch über selbstmitgebrachte Speisen diskutieren. Es scheint aber überhaupt kein Unrechtsempfinden in der Bewertung des eigenen Verhaltens vorhanden zu sein. Die Psychologie kennt verschiedene Faktoren, die Schuld und Schamempfinden mindern können. Einer der Faktoren lautet: unbewusstes Wiedergutmachungsrecht.

Die Nutzung des Internets und digitaler Dienste ist heute mit einer hohen Unsicherheit der Nutzer und Intransparenz der Nutzung ihrer Daten verbunden. Jeder, der sich auch nur ein klein wenig mit den Mechanismen des Plattformkapitalismus auskennt, weiß, dass nicht die kostenlose Plattform, sondern er selber das Produkt ist. Er weiß, dass seine Daten als Ware verkauft werden, kennt aber nicht das exakte Ausmaß. Er akzeptiert gezwungenermaßen diesen Deal, da er im Gegenzug die unverzichtbare Plattform und deren Dienste nutzen kann. An dieser Stelle wird ein grundlegendes Gefühl des Misstrauens und des Opfererfahrens erzeugt.

Hier kommt nun eine Verwechselung ins Spiel: Coworking Cafés, die von idealistischer Freiheit geprägt sind, erscheinen ebenso verdächtig wie digitale Plattformen. Wenn der Cafégast nicht konsumieren muss, sondern nur konsumieren darf, wenn er möchte, ist das Konzept verdächtig. Es wird unbewusst vermutet, dass diese Offenheit nur damit zu tun haben kann, dass der Ort auf eine andere, intransparente Art und Weise die Nutzer kommerziell ausbeutet. Vielleicht werden auch hier die Nutzerdaten an die Industrie verkauft, Ideen von Gründern gestohlen und kopiert. Meldungen über für Außenstehende schwer nachzuvollziehende milliardenschwere Bewertungen einer internationalen großen „Coworking“-Marke tun ein Übriges, den Verdacht zu erhärten.

Es scheint dem Gast also in Ordnung zu sein, sich ein Getränk am Morgen zu kaufen, davon drei Schlucke zu trinken, es auf dem Tisch stehen zu lassen, als Symbol des Hacks des freiwilligen Konsums und damit in Überzeugung moralischer Überlegenheit stundenlang den Ort zu nutzen, ohne weitere Bestellungen aufzugeben. Im unbewussten Misstrauen verhaftet, dass man heutzutage eben nichts mehr geschenkt bekommt, sondern man selber die Ware ist.

Ein zweites psychologisches Phänomen prägt das veränderte Konsumverhalten. Kurt Lewin definierte den Begriff des „Aufforderungscharakters“ von Situationen. Er beschreibt das Zusammenspiel zwischen Objekt und Person, die immer in Wechselwirkung zueinanderstehen. Ein heranrollender Ball löst in manchen Menschen das Bedürfnis aus, mit ihm zu spielen, in anderen tut er das nicht.

Einer der Meister im Ausnutzen des Phänomens ist Apple. Das Unternehmen beschäftigt nicht wenige Psychologen die dafür sorgen, dass die Apple Produkte ununterbrochen sagen: Nutz mich! Sitzt der Gast nun in einem Café vor einem Laptop, so kann man davon ausgehen, dass das Café deutlich weniger Psychologen beschäftigt als der Laptophersteller. Der natürlich gegebene Aufforderungscharakter des Cafés tritt daher deutlich in den Hintergrund gegenüber dem Aufforderungschampion auf dem Tisch und erklärt eine zweite wichtige Komponente der verminderten Konsumbereitschaft der Gäste. Der Kampf um Aufmerksamkeit geht klar an die digitalen Endgeräte, das analoge Café hat keine Chance. Die ununterbrochen vernetzten Geräte lassen uns leicht und schnell beschäftigt sein. Zu beschäftigt für Essen und Trinken.

Die Antwort ist verblüffend einfach

Doch wie können Betreiber von Cafés dieses Misstrauen auflösen und wieder als Produkte anbietende Geschäfte wahrgenommen werden, ohne dabei durch Einschränkungen und Verbote das eigentliche Coworking-Prinzip zu zerstören?

Die Antwort ist verblüffend einfach: Service. Service am Tisch, der perfekt unaufdringlich ist und die Coworker mit Ihren Bedürfnissen abholt.

Service_by_La-Citta-Vita
Service muss groß geschrieben werden (Image: La Citta Vita, CC BY-SA 2.0)

Kellner übernehmen so eine Funktion, die sie bereits seit Jahrhunderten erfüllen. Die Beziehung zwischen Stammgast und Service ist ähnlich wie die zwischen Coworker und Community Manager. Ähnlich wie durch das Community Management in einem Coworking Space entsteht somit eine Bindung zu dem Café als Ort an sich und zugleich auch wieder eine Form der Aufforderung, zu verzehren. Kellner sollten im perfekten Fall auch grundlegende Prinzipien des Community Managements beherrschen, die Nöte und Bedürfnisse erkennen und Menschen miteinander vernetzen. Sie sollten durch Ihren Service den Arbeitsalltag der Gäste erleichtern und nicht erschweren. Coworking-Cafés könnten Ladekabel, Kopfhörer, sogar Papier und Stift, anbieten, um das Nutzungserlebnis positiv zu beeinflussen. (Im St. Oberholz verkaufen wir täglich im Schnitt drei Lightning-auf-USB-Kabel.)

Coworking funktioniert in seiner vollen Blüte nur mit Elementen der Gastronomie. Im besten Fall erschreckt sich der Gast am Ende seines Arbeitstages über die Rechnung, erfreut sich aber zugleich über den produktiven Tag im Café. Wenn die Qualität des Service und der angebotenen Produkte stimmt, wird sich der Gast daran erinnern und nicht an die Höhe der Rechnung.


Image (adapted) „Service“ by La Citta Vita (CC BY-SA 2.0)

Image (adapted) „St. Oberholz“ by Andreas Louca


Weiterlesen »

Check-up Ireland: Das irische Startup-ABC (Teil 1: Von A wie “AventaMed” bis L wie “Lowflo”)

Dogpatch Labs Dublin (adapted) (Image by Heisenberg Media [CC BY 2.0] via flickr)

Das Medizintechnik-Unternehmen AventaMed beweist, dass interessante Startups nicht unbedingt in Dublin beheimatet sein müssen. Die Firma hat ihren Sitz in Cork. Das Team um CEO Olive O’Driscoll und CTO John Vaughan hat es sich zum Ziel gemacht, den Bereich der Ohr-Chirugie zu transformieren. Bisher verlangten chirugische Eingriffe, um Infektionen oder Hörverlust zu behandeln, das Einführen einer Röhre unter Vollnarkose. Weltweit müssen sich jährlich zwei Millionen Kinder dieser Prozedur unterziehen – ein fünf Milliarden Euro-Markt. “AventaMed” hat ein Handgerät entwickelt, dass das Einführen der entsprechenden Röhre innerhalb weniger Minuten möglich macht – und das ohne Vollnarkose.

Ebenfalls in Cork zuhause ist “Blink”, ein Startup im Bereich Versicherungs-Tech, das trotz der Tatsache, dass es erst ein paar Monate alt ist, bereits ein Partnerschafts-Abkommen mit der Rückversicherungsgesellschaft Munich Re. abgeschlossen hat. Gemeinsam entwickeln die beiden Unternehmen nun eine neue Technologie für die britische Versicherungs-Industrie. Im Zuge dieser Kooperation wird “Blink” auch ein Büro in London eröffnen. Im Bereich Flugversicherung wird “Blink” schon in naher Zukunft ein Produkt auf den Markt bringen, das Kunden in Real Time signalisiert, wenn ein Flug verspätet oder gar abgesagt ist. Das System bucht auch gleich um – ohne dass Kosten für den Kunden anfallen und ohne dass ein Versicherungs-Anspruch geltend gemacht wird. Das Produkt wird in Zusammenarbeit mit Reisebüros, Geschäftsreise-Agenturen, Flugbuchungs-Plattformen und Fluglinien auf den Markt gebracht.

In Dublin, aber auch an den Flughäfen der Welt, ist “Coindrum” zuhause. Das Startup hat eine Maschine entwickelt, mit der Münzen, die nach einer Reise übriggeblieben sind, in Duty Free Gutscheine umgewandelt werden. Neben Dublin und Belfast findet man “Coindrum” auch an den Flughäfen in Venedig, Mailand Malpensa, Faro, Larnaca und Schönefeld. Das Team um Gründer Lukas Decker ist noch sehr klein und hat vom ersten Tag in 2014 an seinen Sitz im Coworking Space “Dogpatch Labs”, ist aber gut aufgestellt für die weitere Expansion. Im letzten Jahr wurden zwei Millionen Euro von Privatinvestoren eingesammelt und das Team um Lukas Decker hofft, demnächst auch den ersten US-Flughafen als Kunden gewinnen zu können.

In Irland kommt Tech nicht an Kühen vorbei. Der Agrarsektor exportiert, egal ob lebend, geschlachtet oder zu Milchpulver verarbeitet, Milliardenwerte in alle Welt. In Mullingar in der Grafschaft Westmeath hat “Efficient Farm Solutions” ein Produkt entwickelt, das Bauern die Kontrolle des Prozesses des Kalbens erleichtert. Das System beobachtet die Temperatur und die Fruchtbarkeit der Kühe und schickt dem Bauern ein Signal, wenn die Geburt eines Kalbs näher kommt. Das Produkt richtet sich vor allem an Teilzeit-Farmer, von denen es aufgrund der auf dem Land weiterhin angespannten wirtschaftlichen Situation immer mehr gibt. Viele Farmer sind gezwungen, Zweit- oder gar Drittjobs anzunehmen und können nicht immer nah bei ihren Kühen sein.

Was für “Immersive VR Education” in Waterford vor zwei Jahren mit einem Crowdfunding von 36.500 Euro begann, setzte sich vor kurzem mit einer Investitionsrunde fort, die eine Million Euro einbrachte. Das Unternehmen entwickelt VR-Lern-Produkte für Schulen und Universitäten, aber auch für Unternehmen und im Bereich Gesundheitswesen. Hier entwickelt man gemeinsam mit den Partnern “Royal College of Surgeons” in Dublin und der “Oxford University” VR-basierende Trainingsmethoden für Ärzte.

Wassergebühren sind hier seit Jahren ein Dauerthema. Die viel zu alten Leitungen lecken überall und laut des neuesten Kompromisses, der gefunden wurde, um Neuwahlen rund um das Thema Wasser zu vermeiden, sollen nur diejenigen bezahlen, die ihre Lecks nicht fixen lassen. Kein Wunder also, dass “Lowflo” mehrere Standorte über das ganze Land verteilt hat. Die Technologie des Unternehmens findet Lecks im Auftrag von Privatleuten, Stadtverwaltungen und Unternehmen.

Zu den namhaften Klienten, die auf “Lowflo”-Technologie setzen, zählt interessanterweise auch “Irish Distillers”, die den weltbekannten, köstlichen Jameson-Whiskey brennen. Whiskey heisst auf irisch “Uisce Beatha”, also “Wasser des Lebens”. Lecks bei Jameson? Das käme hier einer Todsünde gleich!


Image (adapted) „Dogpatch Labs Dublin“ by Heisenberg Media (CC BY 2.0)


Weiterlesen »

Netzpiloten-Stopover bei der #COWORK2017

cowork2017 (Image by Katharina Kremkau [CC BY 4.0])

Strahlendes Wetter, schöne Locations (inklusive Terrassen) und eine klasse Organisation der drei Tage COWORK 2017 Konferenz & Barcamp in Leipzig. Mir gefällt immer wieder die zivilisiert-wissensorientierte Form der Barcamps. Die Beteiligten einigen sich aus dem Stand auf die Themen und Vortragenden. Es gab viel Insider-Learnings zu Coworking auf dem Lande oder Coworking mit Kinderbetreuung oder Coworking Spaces als Genossenschaft.

Die junge Branche ist im Aufbau, agiert sensibel, offen und ist auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Viele interessante Ideen werden vorgestellt (z.B. wie man die Kreativität und Energie eines Makers-Labs in einen Coworking Space integriert). Sorgen gibt es natürlich auch – vor allem: Wie gelingt es der neuen Branche, die breite Öffentlichkeit für die schöne neue Arbeitswelt zu begeistern? Und andererseits, wie hält man die Besuchsdelegationen der Großkonzerne aus, die derzeit neugierig durch die Coworking-Flächen tigern um zu wittern, was da auf sie zukommt.

Die rund 150 Macher, die sich hier am Wochenende versammelt haben, sind keine Start-up Flasher, wirken auf mich auch nicht wie hungrige Unternehmer. Ich spüre eine sympathische Mischung aus Selbstverwirklichung, Social Entrepreneurship und Aufgekratztheit durch die Bestätigung derer, die in ihre Spaces kommen und „hinterher keinen Stein mehr auf dem anderen lassen wollen“ – wie es Tobias Schwarz vom Berliner Coworking Space St. Oberholz formuliert. Er ist Vorstand der German Coworking Federation e.V. und seit Jahren eine der Zentralgestalten der Coworking-Szene. Er ist überzeugt davon, dass die jungen Männer und Frauen hier entscheidend unsere Zukunft des Arbeitens gestalten.

Mein persönlicher Eindruck ist das auch. Sehr wahrscheinlich entsteht hier eine kräftige, vielfältige Alternativkultur zum herkömmlichen Arbeiten. Deshalb blinzle ich an diesem strahlenden Wochenende hoch über Leipzig auch nur ganz verstohlen nach oben, ob eines der riesigen Raumschiffe den Himmel verdunkelt, mit denen WeWork und Mindspace sich derzeit anschicken den Planeten zu erobern.


Image by Katharina Kremkau, CC BY 4.0


Weiterlesen »

Coworking Insights: Die richtige Person auf dem richtigen Arbeitsplatz

Arbeitsplatz (adapted) (Image by Unsplash [CC0 Public Domain] via pixabay)

Seit November 2016 werde ich als Coworking Manager von einer Assistentin unterstützt, die mich vor allem im Bereich Öffentlichkeitsarbeit entlasten sollte. Wie alle Mitarbeiter in einem Coworking Space ist sie eine Quereinsteigerin – ausgebildete Coworking-Experten gibt es nicht. Doch schon in den ersten Wochen stellte sich heraus, dass ihre wahre Stärke woanders liegt. Ihre beste Fähigkeit war und ist ihr Lachen, der persönliche Umgang mit unseren Mitgliedern.

Ich habe wenige Mitarbeiter eines Coworking Spaces gesehen, die mit einer derartigen Wärme und Herzlichkeit mit anderen Menschen umgehen können. Mir selber ist dies nicht in die Wiege gelegt worden. Auch wenn ich ein freundliches Verhältnis zu Mitgliedern pflege, ist eine professionelle Distanz bei Themen wie offenen Rechnungen auch nützlich. Dies kann ich mir aber nur erlauben, da ich mit meiner Assistentin einen mich ergänzenden Gegenpol habe.

Wir hatten die richtige Person für die falsche Stelle eingestellt. Unser sehr lehrreicher Fehler war die fixe Fokussierung auf das Stellenprofil. Die letzten Wochen haben mir gezeigt, dass die wohl größte Herausforderung für ein jeden Coworking Space, noch vor der Schaffung einer eigenen Mitglieder-Community, die Zusammensetzung des eigenen Teams ist.

Mitarbeiter sind Menschen mit eigenen Persönlichkeiten und Erfahrungen. Je vielseitiger diese sind, desto besser kann dies für das eigene Team und die eigene Community sein. Auch die eigenen Mitarbeiter sind ein Teil des Serendipitäts-Phänomens, das man in von Offenheit geprägten Räumen beobachten kann. Sie beeinflussen mit, dass Menschen etwas entdecken können, nach dem sie gar nicht gesucht haben.

Menschenzentrierte Arbeit mit dem Team vorleben

Doch auch wenn berufliche Expertise im Hospitality-Management und der Umgang mit anderen Kulturen (wie beispielsweise im Hotel, Restaurants, Tourismus, etc.) ein Vorteil sein kann, muss sich jeder Mitarbeiter als individueller Mensch ebenfalls in einem Coworking Space zurechtfinden. Dies kann in einem von Hierarchien, Strukturen und Traditionen wenig bis gar nicht geprägten Umfeld eine persönlich sehr schwere Aufgabe sein.

Deshalb ist es wichtig zu beachten, wie man sein Team und seine Prozesse zusammensetzt, und dabei immer zu bedenken, was Menschen an ihrem Arbeitsplatz brauchen. Tracy Brower, Leiterin der Abteilung „Human Dynamics + Work“ beim US-amerikanischen Möbelhersteller Herman Miller, hat mit ihrem Team die Forschung der letzten 80 Jahre in den Bereichen Psychologie, Soziologie und Anthropologie dahingehend untersucht.

Ergebnis ihrer Recherche sind sechs Kernbedürfnisse von Menschen an einem Arbeitsplatz, unabhängig vom Geschlecht, Ethnie und sozioökonomischem Status:

  • 1. Wir streben u.a. nach Sicherheit und Handlungskompetenz.
  • 2. Wir möchten, dass sich unser Status nach unserer Leistung richtet.
  • 3. Wir streben nach Erfolg und sind stolz auf unsere Leistung.
  • 4. Wir streben nach Unabhängigkeit in unserem Handeln.
  • 5. Wir wollen mit unserem Handeln etwas Sinnvolles bewirken.
  • 6. Wir wollen sinnstiftende Verbindungen mit anderen eingehen.

Diese unterschiedlichen Bedürfnisse als Manager eines Coworking Spaces zu verstehen, hat einen massiven Einfluss darauf, wie wir ein Team führen und verwalten, welche Technologien wir unseren Mitarbeitern zur Verfügung stellen und auf die Definition der Aufgaben an sich. Coworking Spaces werden als Beispiel für menschenzentrierte Arbeitsplätze gesehen, dies muss aber auch für das eigene Team gelten.

Auf den Werten der Neuen Arbeit aufbauen

Im St. Oberholz besprechen wir regelmäßig unsere Aufgabenprofile mit den beiden Gründern Koulla Louca und Ansgar Oberholz. Eine Stelle kann so innerhalb von drei Monaten neu definiert werden, abhängig von den Entwicklungen im Coworking Space, aber auch den persönlichen Bedürfnissen der einzelnen Mitarbeiter. Ziel ist es, den Wert von Mitarbeitern zu maximieren, indem die Kosten der übertragenen Aufgaben minimiert werden.

Nahezu alle Aufgaben in unserem Team sind horizontal verteilt und nicht, wie meist, in vertikalen Silo-Strukturen. Dadurch bekommen Mitarbeiter einen Gesamteindruck vom Unternehmen und können ihren Kollegen individuell zu Hilfe kommen. Tools wie Slack, Redbooth und Trello unterstützen das, indem sie Transparenz innerhalb der Belegschaft schaffen, woran Kollegen gerade arbeiten und was sie in ihrem Bereich beschäftigt.

Diese horizontale Vernetzung der einzelnen Mitarbeiter führt zu einem besseren Verständnis des Unternehmens als lebender Organismus, der Hervorhebung individueller Leistungen zum gemeinsamen Erfolg und der Motivation des Einzelnen, sich nach besten Kräften und seinen individuellen Fähigkeiten einzubringen. Seine Individualität, die auch geprägt ist von eigenen Erfahrungen, wird so als besondere Fähigkeit erlebbar.

Unser Handeln und unsere Organisation beruht auf der Ausrichtung unserer eigenen Arbeit nach den Idealen der Neuen Arbeit, wie sie der austro-amerikanische Sozialphilosoph Frithjof Bergmann entwickelte. Ziel ist es, dass die Arbeit der Mitarbeiter des St. Oberholz nach den Werten Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an der Gemeinschaft gestaltet ist.


Image (adapted) „Arbeitsplatz“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Die Netzpiloten sind Förderer der COWORK 2017

Cowork Titelbild

tl;dr: Wir verlosen zwei Tickets für die vom 31.03. bis 02.04. in Leipzig stattfindende Coworking-Konferenz „COWORK 2017“!

Vom 31.03. bis 01.04.2017 findet die COWORK, die größte Konferenz zum Thema Coworking und New Work in Deutschland, Österreich und der Schweiz, in den beiden Leipziger Coworking Spaces Basislager und Social Impact Lab statt. Bereits zum dritten Mal in Folge unterstützen die Netzpiloten die alljährlich stattfindende Coworking-Konferenz.

Mehr als nur Coworking im Blick

Die dreitägige Veranstaltung zieht jedes Jahr ein internationales Publikum von Coworking-Enthusiasten und Neue-Arbeit-Pionieren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum an. Der Freitagabend ist traditionell für Impulsreferate und Networking reserviert, Höhepunkt ist das am Samstag stattfindende Barcamp zu den Themen Coworking und Neue Arbeit.

Den Freitagabend eröffnen GOODplace-Gründerin Monika Kraus-Wildegger mit ihrem Vortrag über Feelgood Management und Dr. Alexandra Schmied von der Bertelsmann Stiftung, die praxisnah über digitale Umbrüche in Unternehmen berichten wird. Am Samstag bestimmen dann die anwesenden Teilnehmer in dem Barcamp das Programm selbst.

Am Sonntagvormittag widmet sich die COWORK-Konferenz in einer Fishbowl-Diskussion mit Prof. Reiner Schmidt von der Hochschule Anhalt, den immer wichtiger werdenden Fragen nach der Rolle und dem Potenzial von Coworking Spaces und ähnlichen Kreativzellen für die Gesellschaft in der Stadt und auf dem Land.

Auf Augenhöhe über die Zukunft der Arbeit reden

Dies ist die Gelegenheit, für einen Zehntel der Ticketpreise vergleichbarer Konferenzen, die Menschen zu treffen, die nicht nur über den Wandel der Arbeitswelt reden, sondern ihn vorleben und mitgestalten. Auf der COWORK treffen sich die engagiertesten Akteure der hiesigen Coworking-Szene. Hier wird auf Augenhöhe über die Zukunft der Arbeit geredet.

Unter allen Neuanmeldungen für den monatlichen Newsletter der German Coworking Federation (GCF), verlosen wir bis zum 16.03.2017 zwei Freitickets für die COWORK 2017 in Leipzig!

* indicates required
 


Weiterlesen »

Jive-CEO Elisa Steele über Social Collaboration

ElisaSteele Headshot (Image by Jive)

Über Portland gibt es nicht viel zu erzählen, wenn man über die Zukunft der Arbeit nachdenkt. Wirtschaftlich interessant ist der von hier gestartete Trend der Mikrobrauereien. Die Stadt hat, bezogen auf die Einwohnerzahl, die meisten Brauereien in den USA. Dass der Softwarehersteller Jive Software hier gleich zwei Zentren für Software-Engineering unterhält, überraschte mich, als Jive-Geschäftsführerin Elisa Steele dies im Interview für die Netzpiloten erwähnte. Ende des letzten Jahres traf ich sie in Berlin zum Gespräch über ihr Unternehmen.

„Portland war eine der ersten Standorte für Jive. Die beiden Gründer kamen früh nach der Gründung des Unternehmens hierher und so wuchs der Standort über die Jahre. Unser Büro in Portland ist nun unser größter Technologie-Standort weltweit und ein Zentrum für exzellente Softwareentwicklung.“– Elisa Steele

Jive Software entwickelt Programme zum Wissensmanagement und zur Kollaboration von Teams in Unternehmen sowie zum Aufbau von Online-Communities. Volkswagen nutzt beispielsweise die auf Jive basierende Social-Collaboration-Plattform „Group Connect“.

Was die Hipsten unter den hipsten Startups weltweit mit Programmen wie Slack oder HipChat lösen, versuchen Großkonzerne mit Social-Collaboration-Plattformen wie Microsoft Teams, Unify oder eben Jive. Nur eben skalierbar und mit der nötigen Brise Corporate.

Digital Workplace für interdisziplinäre Teams

Chat-based Workspaces kommen in den Unternehmen an, wie das unabhängiges IT-Research- und Beratungsunternehmen Crisp Research schreibt:

„In diesem noch jungen Marktumfeld wird sich 2017 einiges tun. (…) Bestehende Anbieter aus verwandten Märkten, wie beispielsweise Citrix/LogMeIn, Unify oder Jive, haben schon sehr ähnliche Lösungen und hohe Synergie-Potentiale, diese auch als Chat-based Workspace-Hub aufzubauen.“– Max Hille

Dieser neuen Tools sind Ausdruck, dass sich mit der Digitalisierung eines Unternehmens auch die Zusammenarbeit ändert. In Zukunft werden wir mehr interdisziplinäre Teams im Digital Workplace sehen. Wenn die Unternehmenskultur diesen Wandel mitmacht. Jive lebt als Unternehmen die Möglichkeiten des ortsunabhängigen Arbeitens mit interdisziplinäre Teams vor, die wie die von ihnen entwickelten Produkte ermöglichen. Doch dies ist kein Selbstzweck fürs eigene Marketing, sondern fast schon eine Notwendigkeit.

Jive_CEO_Elisa Steele_Portrait (Image by Jive)
Digitales Arbeiten und Kommunikation passt gut zusammen, findet Jive-Geschäftsführerin Elisa Steele (Image by Jive)

“Ich würde nicht sagen, dass es [ortsunabhängiges Arbeit] bei uns eine Vorgabe ist, sondern mehr unserem kulturellen Umfeld entspricht. Wir stellen gerne die besten Leute für den Job ein und manchmal bedeutet das, dass die beste Person nicht im Silicon Valley oder im Zentrum von Portland sitzt.“– Elisa Steele

Wir sollten arbeiten wie wir leben – gemeinsam mit anderen

Selbstverständlich kann nicht jeder bei Jive von wo auch immer arbeiten, genauso wenig wie das bei Yahoo ging oder das Microsoft heutzutage praktiziert.

Auch Steele weiß, dass nur ganz bestimmte Positionen und Menschen im Unternehmen dafür geeignet sind. Dass Teams sich treffen, also miteinander arbeitende Menschen persönlich begegnen und miteinander von Angesicht zu Angesicht kommunizieren, ist die Grundlage dafür, dass ein Digital Workplace überhaupt funktionieren kann, dass Team miteinander arbeitet.

“Wir wollen die Leute ziemlich regelmäßig zusammenbringen, denn Arbeit ist wie das Leben. Es geht um Beziehungen, den Austausch mit anderen und sich gegenseitig zu unterstützen, um seine Arbeit zu schaffen. Deshalb ist es wichtig, dass die Leute zusammenkommen und sich persönlich kennen.“– Elisa Steele

Unternehmen müssen oft noch ihre bisherigen Arbeitsweisen den neuen Anforderungen und Möglichkeiten anpassen. Schnelligkeit, Agilität und Vernetzung sind die neuen Maßstäbe für Zusammenarbeit.

Persönliche Freiheit des Einzelnen im Miteinander

Zum Schluss reden Elisa Steele und ich über Coworking und wie dieses noch relativ junge Konzept erst ortsunabhängiges Arbeiten ermöglicht, indem es Menschen einen offenen Raum anbietet, der zugleich ein professionelles Arbeitsumfeld darstellt. Genau für solche Konzepte sind ihrer Meinung nach Social-Collaboration-Plattformen wie Jive geschaffen wurden. Es geht für Steele darum, dass Menschen miteinander vernetzt sind, egal wo auf der Welt, um miteinander Ideen auszutauschen und zusammen zu arbeiten.

“Ich mag das Konzept, dass verschiedene Leute für unterschiedliche Unternehmen im selben Raum arbeiten. Dies passt zu unserer Vorstellung von Community, die von unterschiedlichen Menschen geprägt wird, die verschiedene Herkunft, Hintergründe und Wegen zu Denken haben. Das ist ein Ort, an dem man seine beste Leistung schafft.“– Elisa Steele

Für Elisa Steele zählt dabei aber das Ergebnis des Einzelnen, nicht Kategorien wie Produktivität. Diese Form von Arbeit und neue Tools sollen dem Einzelnen helfen, etwas zu erreichen, was vorher nicht möglich gewesen wäre.


Images by Jive


Weiterlesen »

#WorkDriveBalance: Eine halbe Stunde – und die ganze Sache mit der Mobilität der Zukunft


Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie Work-Drive-Balance, in der sich unabhängige Autoren mit dem von Porsche initiierten Thema der #workdrivebalance im neuen Panamera auseinandersetzen.


270.000 Menschen pendeln zu ihrer Arbeit nach Berlin. Ich bin einer von ihnen. Und ich mag das, meistens zumindest. Denn da gibt es diese eine halbe Stunde.

Mein Arbeitsalltag gleicht dem vieler Vorstadtbewohner: Ich bringe morgens meine Tochter zur Schule, fahre dann über Landstraße, Autobahn und durch die Stadt zur U-Bahn, mit der ich den restlichen Weg zur Redaktion zurücklege. Abends wieder in die U-Bahn, ein paar Meter zu Fuß zum Auto, ich steige ein. Und dann beginnt die eingangs erwähnte halbe Stunde.

Vorweg: Ich freue mich auf meine Familie und den gemeinsamen Abend, ich habe auch das Glück, bei meiner Arbeit in einem tollen Team interessante Sachen zu machen. Aber dazwischen brauche und genieße ich die Zeit, in der ich den Tag sacken lassen und sich die Vorfreude auf den Abend entwickeln kann. In dieser halben Stunde lasse ich den Tag Revue passieren, höre nebenbei in den Nachrichten, wie sich der Tag seit dem Radiohören auf der Hinfahrt entwickelt hat, nehme mir Dinge für den Abend vor und denke über Sachen nach, die ich tagsüber beiseite geschoben hatte.

Fahren

Manchmal mache ich das Radio aus und konzentriere mich einfach aufs Fahren, denn ich fahre einfach gerne Auto – ohne einer dieser Puristen zu sein, die das Autoradio abklemmen, weil sie ohnehin nur den Motor hören wollen. Bei den mehrstündigen Fahrten in die Heimat fahre ich zwar immer einige Zeit ohne Musik oder andere Ablenkung, aber ich lade mir vor der Fahrt auch immer mehrere Podcasts runter, die ich dann mit großem Gewinn höre und reflektiere.

fn2sjqiqmli-paul-schmuck
Image by Paul Schmuck (CC0 Public Domain)

Zurück zur halben Stunde: In den sechs Jahren, in denen ich nun diesen Weg fahre – zunächst in einem Youngtimer, den ich von einem älteren Herrn übernommen und dessen in meiner Vorstellung bedächtigen Fahrstil ich mir auch zu eigen gemacht hatte, mittlerweile in einem dieser mal belächelten, mal verhassten dunklen Kombis – ist die erwähnte halbe Stunde ein Indikator für vieles geworden: für das Wetter und die Jahreszeit, wie es beispielsweise von Tag zu Tag dunkler auf dem Heimweg wird. Und dann wieder heller.

Für mein Zeitmanagement: Bin ich auf Hin- oder Rückweg spät dran? Woran liegt’s? Für die eigene Verfasstheit: Ob ich dem Geschehen im Berliner Straßenverkehr mit Heiterkeit oder – beschönigend formuliert – Unmut begegne. Und als Indikator für das, was mich wirklich beschäftigt, was mir als Erstes oder immer wieder in den Sinn kommt.

Nachdenken

Manchmal denke ich aber auch einfach nach. Frei, ohne Bezug zum zuvor Erlebten. Ich denke darüber nach, in die Stadt zu ziehen, was mich allerdings diese halbe Stunde kosten würde. Darüber, ob ich statt des Nachdenkens und Radiohörens vielleicht die Zeit effektiver nutzen sollte: um mein Englisch zu verbessern (poor). Oder mein Französisch (pire). Möglicherweise gibt es ja auch Online-Kurse, die man weitgehend im Auto absolvieren kann. Vielleicht Wirtschaft, bislang nicht so mein Ding. Oder ich lerne eine dieser Sprachen, die vom Aussterben bedroht sind, da hätten auch andere etwas davon. Und bei zwei halben Stunden pro Tag, vielleicht dazu noch die Zeit in der U-Bahn, wären das 10 Stunden pro Woche, da müssten sich einem auch die sperrigeren Sprachen erschließen.

Andere Idee: Ich könnte mich in Achtsamkeit üben, derzeit reden so viele darüber. Wenn ich das nach einer flüchtigen Betrachtung richtig verstanden habe, würde ich mich anschließend wieder einfach mehr auf den Spaß beim Autofahren konzentrieren. Win-win.

Vergangenheit und Zukunft

Oder, das bringt die Situation mit sich, über das Autofahren. Wie wird das Autofahren in fünf oder zehn Jahren aussehen? Wie werden sich meine Töchter eines Tages fortbewegen? Wie bereits erwähnt, fuhr ich früher einen Youngtimer und ertappe mich in der halben Stunde immer wieder bei dem Gedanken, wieder einen zu kaufen. Datenschutzrechtlich ja eine gute Idee. Nach heutigen Maßstäben konnte der Wagen nicht sehr viel: Er parkt nicht selbst ein und blendet bei Gegenverkehr auch nicht ab, er warnt weder vor Querverkehr noch vor dem Verlassen der Fahrbahn. Vom teil- oder vollautonomen Fahren gar nicht zu reden. Man kann mit ihm einfach nur fahren. Aber genau das mache ich ja gerne, wie gesagt: Einfach fahren.

Ich kann mir schwer vorstellen, in einem Auto zu sitzen, das die Verantwortung über mich und die anderen Insassen übernimmt. Aber: Ähnliches werden die Konservativen bei der Erfindung der Eisenbahn auch gesagt haben.

Ich kann mir ebenfalls schwer vorstellen, dass ich diese halbe Stunde dann so erlebe, wie ich es derzeit tue. Dazu gehört das Schalten, Lenken, Gas geben, Bremsen, die Interaktion mit Anderen und dergleichen mehr. Als Beifahrer oder in der Bahn komme ich nicht in diesen kontemplativen Modus, in dem ich am Steuer bin. Einige Freunde berichten, dass sie beim Joggen so drauf kommen; von der Philosophin Hannah Arendt erzählt man sich, dass sie mit geschlossenen Augen denkend auf der Couch lag. Beides nicht mein Ding. Ich möchte dabei fahren.

Die Akzeptanz des Fortschritts

Aber wenn wir über die Zukunft der Mobilität nachdenken, kann es nicht darum gehen, was mein Ding ist. Wenn ich an die Zeit denke, die wir im Stau verbringen, an übernächtigte Fahrer von Kleintransportern unter Zeitdruck, an die die oft polemisch aufgegriffenen, aber nachvollziehbaren Probleme von Gelegenheitsfahrern und letztlich an die vielen Unfälle, wird schnell klar, dass der Status quo nicht erhaltenswert ist.

Die hinreichend bekannten Fälle, in denen der Autopilot eine Kollision herbeiführte, sollten nicht den Blick darauf verstellen, wie viele Unfälle durch Alkohol, Unerfahrenheit, Ablenkung, Hektik, Poser-Gehabe und andere dem Fahrer zuzuschreibenden Umstände verursacht werden. So sehr ich das selbstständige Fahren mag und mich schon Gurtwarner oder Kaffeepausen-Vorschläge nerven: Langfristig hat der technologische Fortschritt im Straßenverkehr Menschenleben gerettet und wird es in noch stärkerem Maße tun. Dem sollte man auch nichts in den Weg stellen.

Man kann mit guten Gründen aus rechtlicher Perspektive dagegen sein, utilitaristisch betrachtet dafür und mit Kant wieder dagegen. Ich verkürze es mal: Sobald die Einführung eines technologischen Fortschritts wie die Fußgängererkennung oder der Autopilot mehr Menschenleben retten als kosten, bin ich derzeit dafür. Ich möchte nicht verantworten, dass jemand deshalb verletzt wurde, weil auch ich gegen die Einführung einer lebensbewahrenden Technologie gestimmt habe. Nur weil mir meine halbe Stunde traditionellen Fahrens wichtiger war.

Was nun? Vielleicht lege ich mir einen Hund zu und habe meine halbe Stunde während des Spaziergangs. Vielleicht ist die halbe Stunde im Auto sogar viel besser, wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, dass das Auto selbst fährt? Okay, seien wir ehrlich: Das ist jetzt reiner Zweckoptimismus von mir. Ähnlich plausibel wie die Überlegung, dass der Brexit vielleicht auch etwas Gutes hat, über die ich in der halben Stunde auch schon sinniert habe. Oder Trump. Vielleicht hat ja auch die Wahl Trumps – ach, lassen wir das.

Genug nachgedacht: Blinker setzen, ich bin zuhause.


Image „Oberbraumbrücke“ by Paul Schmuck (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

#WorkDriveBalance: Über das Unterwegs-Büro und Geschwindigkeit


Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie Work-Drive-Balance, in der sich unabhängige Autoren mit dem von Porsche initiierten Thema der #workdrivebalance im neuen Panamera auseinandersetzen.


Bisher bedeutete die Autofahrt zum Termin eine halbe Stunde Ich und die Straße – und unzählige Autofahrer, die meine Fahrtzeit unnötig verlängern. Oder: Wer hat da an der Ampel gepennt und die Kreuzung verstopft? Das kostet mich vier Minuten länger.

Alles wird in Zeit gemessen. Wie lange oder kurz etwas dauert, ist ein Maßstab der Qualität. Die Geschwindigkeit unseres Lebens nimmt rasant zu. Moderne Entwicklungen machen es möglich. Bekam man früher nur einmal am Tag Post, kann man heute rund um die Uhr E-Mails erhalten und verschicken. Damit steigen die Erwartungen – von uns, aber auch an uns. Unproduktive Zeit regt uns auf. Die Tugend der Geduld haben wir verlernt. Wie können wir aber auch geduldig sein, wenn wir an mehreren Orten gleichzeitig sein sollen?

Wir sind einem regelrechten Geschwindigkeitsrausch verfallen. Dabei geht es nicht mehr allein um schnelle Autos – das Internet muss es auch sein, damit wir noch kurz die Kalkulation unseres Kollegen nachschauen können oder den liegengebliebenen Bericht fertig machen, bevor wir zum nächsten Termin hechten. Denn wir sind stets auf dem Sprung. Was wir an einem Ort nicht schaffen, nehmen wir mit. In Ermangelung einer Alternative setzen wir uns ins Café, wo wir eigentlich eine Auszeit von der Hektik nehmen könnten. Das würde uns besser tun. Wir vermischen das Angenehme mit dem Anstrengenden.

Dabei gibt es Orte, an denen wir fokussierter arbeiten könnten – auch fern des Büros. Mit rückenfreundlichen Arbeitsplätzen, blitzschnellem WLAN, konzentrationsfördernder Ruhe und inspirierender Atmosphäre. Coworking Spaces finden sich in allen mittel- bis großen Städten und das Nächstgelegene finde ich auf meiner eigenen Plattform Meshville.

Hier habe ich mein Unterwegs-Büro gefunden. Den Ort, an dem ich mich ausbreiten kann und ohne Umstände meine Aufgaben erledigen. Da die meisten anderen im Coworking Space ebenso vertieft sind, schaffe ich das hier schneller als im Café. Aber einen Kaffee trinke ich trotzdem.

Nun muss ich auch alsbald weiter. Wieder steige ich ins Auto, wieder kommt die Arbeit mit. Auch hier bin ich im Optimierungsmodus. An der Ampel noch schnell eine Nachricht tippen – vom Gesetzgeber nicht gern gesehen, aber Realität. Besser die Freisprechanlage nutzen. Damit lassen sich Meetings während der Fahrt abhalten, um dem Gefühl Einhalt zu gebieten, unproduktiv zu sein. Diese Art von Fahrzeit fühlt sich nämlich gar nicht gut an.

Zukunftsversprechen machen selbstfahrende Autos. Tesla und Google sind die prominentesten Vorreiter in Tests um ebendiese. Nicht ohne Rückschläge. Sie mussten bereits diverse Unfälle melden, die jedoch immer noch geringer sind als die Unfallquote menschlicher Fahrer.

Im August versprach Personenbeförderungsdienstleister Uber dem selbstfahrenden LKW Startup „Otto“, von Anthony Levandowski, dem Gründer des Google-Autoprojekts, Anteile im Wert von 680 Millionen US-Dollar. Jetzt berichtet auch Apple, was bislang nur spekuliert wurde: sie arbeiten ebenfalls an selbstfahrenden Technologien.

Schauen die traditionellen Automobilhersteller nur zu? Ganz und gar nicht. Die sind ja nicht von gestern. Die Fortschritte der letzten Jahre bei der Sensorik lassen erahnen, was möglich ist. Bei ihnen ginge das Zusammenbauen jedenfalls schnell, das dürfte ihr Vorteil gegenüber den Techies aus dem Silicon Valley sein. Eine komplexe Maschine wie solch ein Auto zu erstellen, ist nicht einfach. Komplementär bringt Nissan ein voll ausgestattetes Büro auf die Räder.

Es ist ein Rennen um die Zeit. Wer wird der Weltöffentlichkeit als Erster sein zugelassenes, marktfähiges Modell präsentieren? Die zu erwartenden Gewinne sind unsagbar. Mich würde es freuen. Ich würde mehrere Stunden des Tages besser auskosten und entspannter von Termin zu Termin kommen. Das nächste Mal gehe ich dann wirklich nur zum Verweilen ins Café.

Auch aktiv Auto fahren will ich weiterhin. Am Wochenende mit einem sportlichen Wagen auf freien Straßen abseits der Verkehrsadern. Die Lust am Fahren bewahren. Diese Zeit habe ich mir unter der Woche durch effizientes Arbeiten während und zwischen Terminen verdient. Zeit vergeht wie im Flug, hört man des Öfteren. Bald wird man eher den Vergleich zur Fahrt suchen.


Image: Porsche Newsroom


Weiterlesen »

betatestr.de: Karma-Punkte für Early Adopter

betatestr Release Party

Wer als Käufer eines unfertigen Produkts unfreiwillig als Beta-Tester fungiert, ärgert sich. Und das zu recht. Wer hingegen schon während der Entwicklung des Prototyps ganz eng mitwirken darf, wird später vielleicht ein umso glücklicherer Kunde. Auf diese Mechanik setzt die Crowdsourcing-Plattform betatestr.de. Die Webseite ging jetzt in überarbeiteter Form live. Die Webseite vernetzt Erfinderunternehmer, sogenannte Maker, mit potenziellen Nutzern ihrer Produkte. Und dies sowohl online als auch offline.

betatestr Release Party
Betatestr setzt auf den Crowdsourcing-Gedanken. Auf der Release-Party erklärt Geschäftsführerin Anna Gubanova die Plattform. Image by Kevin Münkel

Unter betatestr.de können Maker ihre Projekte vorstellen und von Seitenbesuchern mit schriftlichem Feedback bewerten lassen. Zugelassen wird praktisch jede Idee, die bereits als Prototyp existiert und in die Rubriken Fashion, Produktdesign, Gadget oder Social passt.

betatestr.de Webseite
Stellt der Maker seinen Prototyp an einer Teststation aus, können Nutzer ihn dort ausprobieren und ihr Feedback auf der Webseite von betatestr mitteilen. Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt

Eine Beurteilung hinterlassen kann jeder Seitenbesucher, der die Angabenfelder für dem Namen, E-Mail-Adresse und Feedback in der Webmaske ausfüllt. Hauptsache, es ist eine echte E-Mail-Adresse, andernfalls lässt sich der Bestätigungslink nicht aktivieren. Selbst, wer also nur die Projektbeschreibung liest, kann seine Meinung dazu kundtun.

Bei betatestr gibt es Karma-Punkte als Belohnung

Für das aus ihrer Sicht hilfreichste Feedback losen die Maker eine Belohnung aus, zum Beispiel ein persönliches Exemplar des Prototyps. Als Trostpflaster liefert eine E-Mail ein gutes Gewissen frei Haus. Für mein Feedback zahlt mir betatestr „100 Punkte auf dein Karma-Konto“ ein. Für andere Nutzer vielleicht wichtiger: Trendsetter können bei dieser Form des Crowdsourcings schon früh die Zukunft eines etwaigen Kultprodukts mitgestalten. Somit ist betatestr eine Art Spielwiese für Early Adopter.

betatestr E-Mail
Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt

Nicht kaufen, nur anfassen

Am wertvollsten für die Entwickler sind natürlich Eindrücke aus erster Hand. Daher können sie Testexemplare an „Prototype Spots“ ausstellen und Besucher diese leibhaftig ausprobieren lassen. Ihr Feedback geben die Nutzer in jedem Fall online ab. Wo die Vorab-Exemplare stehen, listet die Projektbeschreibung im Web auf.

Kaufen können die Probanden die Produkte in der Regel nicht, da es sich ja um noch nicht serienreife Modelle handelt. Eine Ausnahme ist beispielsweise Papa Türk, ein Molkenmischgetränk, das Mundgeruch nach ausgiebigem Konsum von Döner und anderen olfaktorisch intensiven Speisen neutralisieren soll. Während der Release-Party von betatestr im Coworking-Space K14 konnte ich neben Papa Türk zudem die originelle Aufbewahrungsschale Snug.Bowl in die Hand nehmen.

betatestr.de Webseite
Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt
betatestr Release Party
Nichts geht über Feedback aus erster Hand. Auf der Release-Party von betatestr konnten Gäste eine app-gesteuerte Cocktailmaschine, ein Anti-Mundgeruch-Getränk und eine Design-Schale aus Pappe testen. Image by Kevin Münkel

Mein Feedback habe ich bereits eingetippt. Aber ich verrate es nicht. Generell veröffentlicht betatestr keine Rückmeldung, sondern macht sie nur den Entwicklern zugänglich. Das soll die Offenheit fördern.

Maker bezahlen für das Feedback zunächst einmal nichts. Im Blog von betatestr erhalten sie sogar kostenlose Tipps von Experten. Die Plattform-Betreiber setzen schließlich auf ein Freemium-Geschäftsmodell. Mittelfristig wollen sie anhand der Informationen, die sämtliche Tester hinterlassen, den Makern beispielsweise kostenpflichtige Markt- und Trendanalysen anbieten. Vorerst deckt das Start-up die Kosten durch Vermittlungsgebühren. Sie fallen an, wenn sich ein Maker entscheidet, seine Entwicklung an einer lokalen Teststation auszustellen.

Von Hannover in die weite Welt

Zunächst gibt es elf Prototype Spots bei Cafés, Einzelhändlern und auch Coworking-Spaces in Hannover. Auf sie fiel die Wahl, weil sie die Heimatstadt des betatestr-Teams ist. „Die Maker-Szene ist in Hannover sehr lebendig“, beantwortet betatestr-Sprecher Ubbo Störmer die unvermeidliche Frage, warum die Wahl für den Gründungsort nicht auf das hippe Berlin fiel. Weitere Prototype Spots plant das sechsköpfige Gründerteam um Geschäftsführerin Anna Gubanova außerdem in Osnabrück, Kiel, Hamburg und im niedersächsischen Oldenburg zu eröffnen.

Perspektivisch will betatestr aber international expandieren und nach Russland und China aufbrechen. Dort seien Maker noch viel eher als in Deutschland bereit, schon in der Produktentwicklung Einblick zu geben und von Interessierten wertvolles Feedback zu erhalten.


Images by Kevin Münkel

Screenshots by Berti Kolbow-Lehradt


Weiterlesen »

FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

Follow me

  • DIGITALISIERUNG medium: Warum die Tempel der Digitalisierung oft scheitern: Die Digitalisierung dominiert derzeit alle Agenden und stellt vor allem klassisch organisierte Unternehmen vor Herausforderungen. Gerade in Deutschland, wo es den meisten Unternehmen grundsätzlich gut geht, löst die Digitalisierung aber eher ein abstraktes Bedrohungsgefühl aus. Spürbar ist die Sorge, den Anschluss zu verlieren, echter Handlungsdruck ist nicht erkennbar. Als Reaktion auf diese Sorge investieren Unternehmen viel Zeit, Geld und Mitarbeiterengagement in digitales Wettrüsten. Die Konsequenz: viel Aktionismus?—?aber wenig spürbare Veränderung.

  • COWORKING letstalkaboutstartups: Wie Startups von Coworking Spaces profitieren können: Coworking Spaces profitieren von Startups, aber auch Startups profitieren von einem Coworking Space. Zum einen bieten die meisten Coworking Spaces noch bezahlbare Raummieten an, so dass Startups den Weg aus den eigenen vier Wänden oder einem Café in ein professionelles Umfeld auch bezahlen können. Zum anderen sind Coworking Spaces auch Sammelbecken an talentierten Menschen, die man hier auf Augenhöhe besser kennenlernen kann.

  • MARKETING horizont: „Die Branche wird ein Problem bekommen“: In der Influencer-Szene wird zunehmend über Schleichwerbung diskutiert – auch beim HORIZONT-Kongress „Content Marketing 2016“, der gestern in Frankfurt stattfand. „Die Branche wird ein Problem bekommen, weil man das Thema zu lax angeht“, erklärte Matthias Bannert, CEO und Gründer der Influencer-Agentur bOOst.me. „Viele Influencer agieren in der Arbeit für Marken zu naiv“, so Bannert, „sie kennen teilweise den Unterschied zwischen Redaktion und Werbung nicht.“

  • MARKT gruenderszene: Die FDP hat Angst vor der Zukunft der Mobilität: Die Meinung von Christian Lindner ist eindeutig: Das von einigen Parteien geforderte Verkaufsverbot von Verbrennungsmotoren ab 2030 sei Schwachsinn, schreibt der FDP-Chef in der Welt. Damit würde man knapp 800.000 Arbeitsplätze gefährden und überhaupt sei die neue Technologie gar nicht ausgereift. Lindner hat Angst um den Golf GTI. Das Kulturgut verschwindet aber nicht, es wird sich nur verändern. Seine Alternative: einfach weitermachen. Doch mit so einer Politik zieht man dem Technologiestandort Deutschland und der Autoindustrie den Boden unter den Füßen weg.:

  • BOTS handelsblatt: Keine „Social Bots“ bei Bundestagswahl: Nach der CDU haben sich auch SPD und Grüne gegen den Einsatz von computergenerierten Nachrichten im Bundestagswahlkampf 2017 ausgesprochen. „Die SPD hat bislang keine Social Bots benutzt und wird dies auch in Zukunft nicht tun“, sagte SPD-Generalsekretärin Katarina Barley der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch. Der persönliche Eindruck sei viel wichtiger als solche von Computern erzeugte Kommentare. „Manipulation durch Social Bots lehnen wir ab“, sagte auch der Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner, zu Reuters. Zuvor hatte sich bereits CDU-Generalsekretär Peter Tauber gegen einen Einsatz ausgesprochen.

Weiterlesen »

Die Bibliothek erfindet sich als Ort der Arbeit neu

(image by Tobias Schwarz[CC BY 4.0]

Das Analoge und das Digitale sind keine sich gegenseitig ausschließenden Sachverhalte, viel mehr beeinflussen sie sich gegenseitig, da sie sich entweder miteinander verbinden oder zumindest deckungsgleich zueinander verhalten. Am Beispiel der Bibliothek kann man erkennen und nachweisen, wie sich digitale Innovationen auf die analogen Entwicklungen auswirken. Bibliotheken haben auch fast 20 Jahre nach der Gründung von Google (1998) und der Wikipedia (2001) nichts von ihrer Bedeutung bei der Informationsbeschaffung verloren.

Das Aufgabenspektrum der Bibliotheken hat sich in den letzten 20 Jahren massiv gewandelt. Die Bibliothek ist schon lange nicht mehr nur das Haus des gedruckten Buches, neben die analogen Angebote treten zunehmend auch digitale Angebote. Hier liegen künftig große Aufgaben bei der Erfassung und Vermittlung der Angebote und Leistungen der Bibliotheken.

– Dr. Frank Simon-Ritz, Vorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbands

Die Bibliothek wandelt sich – sowohl digital als auch analog

Die digitale Nutzung von Bibliotheken ist der digitale Aspekt des Wandels dieses einzigartigen, nichtkommerziellen, kommunalen Raums. Die Gestaltung des Raumes selbst ist das analoge Pendant des gleichen Wandels. „Die Aneignung von Wissen, auch das Wissen selbst, haben sich generell sehr stark verändert“, erklärte Corinna Haas, Bibliotheksleiterin am Institute for Cultural Inquiry, im Interview auf Netzpiloten.de, und mit ihr auch die „Lern- und Arbeitsformen, Raumangebote, digital verfügbare Materialien und Lernplattformen.

Dass das Digitale oft nur als ein Katalysator für das Analoge fungiert, zeigt hierzulande die Stadtbibliothek Köln, die im Jahr 2015 als ‚Bibliothek des Jahres‘ ausgezeichnet wurde. Wissensvermittlung beschränkt sich hier nicht auf (digitalisierbare) Medien, sondern wird auch in Form von Kursen und neuen Räumen praktiziert. Die Kölner Stadtbibliothek hat sich um einige von Coworking Spaces inspirierte Arbeitsflächen und einen den Wandel fassbar machenden Makerspace zum Erlernen von digitalen Fähigkeiten strategisch erweitert.

Diese Entwicklung beeindruckt, denn das Digitale wird hier weder zur Überhöhung seiner Bedeutung vom Analogen getrennt, noch zur Abwertung vom Analogen isoliert. Das Digitale kann nur ein Abbild des Analogen sein, dies muss sich dafür durch das Digitale auch verändern lassen, denn es ist nicht mehr oder weniger real als es das Digitale an sich ist. Die Veränderung der Bibliothek, seiner Räume, Funktionen und Angebote, ist deshalb nur logisch und konsequent. Dieser Wandel ist übrigens stetig und niemals zu Ende.

Die Bibliothek der Zukunft muss es deshalb verstehen, diese mächtigen Verbindungen des Digitalen mit dem Analogen zu erkennen und gestalten zu können. Auf einer Pressereise des Deutschen Bibliotheksverbands durch Bibliotheken in den Niederlanden und Belgien Mitte September konnte ich interessante Beispiele für die Nutzung dieser wirkungsvollen Verschränkungen kennenlernen: die Bibliothek der Technischen Universität Delft und die öffentliche Bibliothek DOK Delft, sowie das interne Lernzentrum der Universität Leuven.

Die Bibliothek als Coworking Space neu gedacht: TU Delft

Liesbeth Mantel, Head of Open Space an der Universitätsbibliothek der TU Delft, betrachtet ihren Arbeitsplatz als riesiges Coworking Space „mit verschiedenen Abteilungen wie Ruheräumen, Arbeitsplätzen zum Zusammenarbeiten und Basteltischen.“ Für wahrscheinlich jede Person und jede Aktivität gibt es einen Raum in der Bibliothek. Den Wandel hat sie eingeleitet, nachdem sie seit 2009 vor allem in den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter immer mehr über neue Methoden des Arbeitens in Unternehmen las.

Die Bibliothek besteht aus einem großen Raum, in dem vor allem gearbeitet wird. Hier sitzen auch die Mitarbeiter der Bibliothek, die keine eigenen Büros mehr haben. „Wir wollten neue Wege des Arbeitens einschlagen, um fröhlichere Mitarbeiter zu haben (…) und für mich war ein eigenes Büro nie praktisch“, erklärt sie. Darum sind Computer- und Projekträume verteilt, die sowohl für die Bibliotheksnutzer als auch für die Mitarbeiter gedacht sind. Die riesige Bücherwand am Ende des Raums hat fast nur noch dekorative Zwecke.

(image by Tobias Schwarz[CC BY 4.0]
„Ort der Arbeit statt Lesesaal: die Universitätsbibliothek der TU Delft“ (Bild: Tobias Schwarz, CC BY 4.0)
Bereits 2010 verzichtete die Bibliotheksdirektorin auf ein eigenes Büro und mit ihr das gesamte Management der Bibliothek. Seitdem wurde jährlich eine weitere Büroebene der Verwaltung in Projekträume umgewandelt: „Wir gestalten unsere geschlossenen Büroräume mit einer neuen Einrichtung neu und wandeln sie in hybride Büroflächen um, die tagsüber von unseren Mitarbeitern und abends sowie am Wochenende von den Studierenden genutzt werden können.“ Mantels Kollegen nahmen die neuen Arbeitsplätze im Offenen sehr gut an.

Die Bibliothek wird vor allem von Studierenden genutzt, für die der Zugang zur Bibliothek kostenlos ist. Grundsätzlich steht sie aber jedem offen. Das Angebot wird angenommen, da die Bibliothek sieben Tage die Woche geöffnet ist, auch an Feiertagen. Dazu kommt das ebenfalls an Coworking Spaces erinnernde Community- und Event-Management. „Wir wollen Treffen wieder einen Sinn geben“, erklärt Liesbeth Mantel ihr Bestreben, sowohl Kurse als auch Lesungen und Ausstellungen zu organisieren und den Menschen Freiraum zu geben.

Wo Menschen sich begegnen und kennenlernen: DOK Delft

Ähnlich würde es wohl Marijke Timmerhuis von der öffentlichen Stadtbibliothek Delft beschreiben. Deshalb gilt hier eine für eine Bibliothek sehr ungewöhnliche Regel: den Bibliotheksnutzern ist es erlaubt, zu reden und zu essen. „Dies gestatteten wir, da wir davon ausgehen, dass es bei einer Bibliothek vor allem darum geht, andere Menschen kennenzulernen und nicht um Ruhe und ums Studieren. Dafür haben wir in Delft die Bibliothek der Technischen Universität sowie andere Orte zum Studieren.“, sagt Timmerhuis.

(image by Tobias Schwarz[CC BY 4.0]
„Die Stadtbibliothek Delft möchte ein Ort für Menschen und nicht der Bücher allein sein“ (Bild: Tobias Schwarz, CC BY 4.0)
Mit diesem Konzept, das das Miteinander auf einer von Arbeit unabhängigen Ebene in den Vordergrund stellt, möchte sich die Bibliothek von ähnlichen Institutionen unterscheiden: „Wenn man Menschen sich wohlfühlen lassen möchte, dann müssen sie sich frei und in dem, was sie machen, uneingeschränkt fühlen. Ich glaube, dass Essen und Reden, wann man möchte, dazugehört.“ Und die Menschen nehmen das Angebot an. Wie auch die Bibliothek der TU Delft, verzeichnet das DOK Delft ein Mitgliederwachstum.

Die freiere Nutzung der Räume macht, wieder ähnlich wie bei der Universitätsbibliothek der TU Delft, auch nicht vor den eigenen Mitarbeitern halt: „Die Büroebene ist mehr ein Versammlungsraum für die Mitarbeiter, als ein Ort, um still zu arbeiten. Es ist sehr wichtig, seine Kollegen zu treffen, sich miteinander zu beschäftigen und zusammenzuarbeiten.“, schildert Timmerhuis den Arbeitsalltag unter den Angestellten. „Jetzt ist alles ungezwungener und dadurch schneller, als wenn man stets formelle Treffen ansetzt.

Die Bibliothek hat sich von der Fläche her verkleinert und mit einer Musikschule einen Untermieter gefunden, der in das Konzept passt, Kinder heute auf die Zukunft vorzubereiten. Das Leitmotiv der DOK Delft ist es, „die Lebens- und Lernumgebung der Kinder zu beeinflussen und sie spielerisch dazu anzuregen, ihre Phantasie und Kreativität zu entdecken.“ Denn sie werden einmal in einer Gesellschaft arbeiten, die sich von der heutigen darin unterscheidet, „dass es weniger um Wissen und mehr um Kreativität gehen wird.

Bibliotheken übernehmen neue Funktionen in der Gemeinde

Die belgischen Bibliotheken, die wir auf der Pressereise kennenlernten, wirkten viel mehr wie Gemeindezentren ihrer Kommunen, deren wichtigste Aufgabe die vom Staat seit Jahrzehnten versäumte Integration von hier Zuflucht suchenden Menschen so gut es ging nachzuholen. Dies fiel vor allem in der Antwerpener Bibliothek Permeke auf, in einem Viertel mit der weltweit höchsten Verdichtung an unterschiedlichen Nationalitäten und Sprachen, sowie an der Bibliothek des Brüsseler Stadtteils Molenbeek.

(image by Tobias Schwarz[CC BY 4.0]
„Die Bibliothek Permeke bedient eine unvergleichbar multikulturelle Gemeinde“ (Bild: Tobias Schwarz, CC BY 4.0)
Die Universitätsbibliothek Leuven wirkte im Vergleich sehr klassisch, zeichnete sich in erster Linie weder durch neue gesellschaftliche Funktionen oder innovative Raumkonzepte aus – mit Ausnahme des neu geschaffenen Lernzentrums Agora, das laut dessen Leiter Peter Verbist vor allem Studierende dabei unterstützen soll, besser zu lernen. Hier wurden verschiedene Räume mit unterschiedlichen Nutzungskonzepten entwickelt, um Studierenden einen individuell für sie passenden Ort zum Studieren anbieten zu können.

Und die Serviceangebote des Lernzentrums für Studierende wurden um Hackathons, Wirtschaftsplanspiele und ähnliche Veranstaltungen erweitert. „Diese Veranstaltungen finden alle als nicht formale Kurs statt. Studierende können sich hier selbst organisieren und gemeinsam Wissen schaffen. Wir betrachten sie als junge Professionelle, die sich im Agora zu besseren Studierenden und jungen Erwachsenen weiterentwickeln können“, schildert Verbist die Mission des Lernzentrums. Das Studium, als Freiraum zur Selbstermächtigung gedacht.

Ob aber nun Ort für die Integration oder als Coworking Space der Arbeit –  diese Bibliotheken in den Niederlanden und Belgien reagieren auf den Einfluss des digitalen Wandels auf das Konzept Wissensvermittlung mit neuen Strategien für den analogen Raum. Neben digitalisierten Wissensbeständen und dem Zugang zu digitalen Medien wird vor allem versucht, den Menschen und seine Aktivitäten in einer Bibliothek neu zu definieren. Die jede Veränderung antreibende Frage ist, wie Bibliotheken (noch) genutzt werden können.


Images: Tobias Schwarz/Netzpiloten, CC BY 4.0


Die Pressereise erfolgte auf Einladung des Deutschen Bibliotheksverbands und wurde von diesem vollständig mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert.

Weiterlesen »

„Coworking ist ein Evolutionsschritt“ – Ansgar Oberholz im Gespräch über Neue Arbeit

St. Oberholz in Berlin (Image: Tobias Schwarz)

Im Sommer 2015 unternahm ich als Projektleiter der Netzpiloten eine zweimonatige Reise durch Europa. Dies war kein Urlaub, ich leitete die Redaktion von unterwegs und suchte dafür jeden Tag ein anderes Coworking Space auf, um meinen täglichen Aufgaben nachzugehen. Auf diese Art besuchte ich zusammen mit meiner Freundin Katharina-Franziska Kremkau, die so ihrer Arbeit als Freelancerin nachging, mehr als 29 Coworking Spaces in 18 europäischen Städten in 10 verschiedenen Ländern.

Das Thema Coworking faszinierte uns. Ich glaube, darin einen Teil der Zukunft entdeckt zu haben. Schon im März 2015 gehörten Katharina und ich zu den Gründungsmitgliedern der German Coworking Federation, deren Vorstand ich heutzutage zusammen mit Christian Cordes und Silke Roggermann bilde. Seit Januar 2016 arbeite ich als Coworking Manager im Berliner St. Oberholz und bin Mitgründer des Instituts für Neue Arbeit. Im Gespräch mit Ansgar Oberholz möchte ich den Wandel ergründen, den Coworking auslöst.

Vor über sieben Jahren kam das Thema Coworking endgültig in Deutschland an. Doch die Ursprünge sind wesentlich älter und liegen in Berlin-Mitte. Die erste C-Base am Hackeschen Markt bot bereits ein an Coworking erinnerndes Konzept der Kollaboration und des Zugangs zu WLAN und Strom in den 1990er Jahren an. 2005 eröffnete mit dem St. Oberholz ein Kaffeehaus am Rosenthaler Platz, das den Gedanken des Coworkings, noch vor der Eröffnung des offiziell ersten Coworking Spaces in San Francisco, Realität werden ließ.

Gründer des Instituts für Neue Arbeit: Tobias Schwarz und Ansgar Oberholz (Foto: Carolin Saage)
Gründer des Instituts für Neue Arbeit: Tobias Schwarz und Ansgar Oberholz (Foto: Carolin Saage)

Tobias Schwarz (TS): Wann hast du eigentlich das erste Mal den Begriff Coworking gehört?

Ansgar Oberholz (AO): Als wir Ende 2004 das Konzept für das ehemalige Burger King am Rosenthaler Platz erarbeiteten, gab es den Begriff Coworking noch nicht. Ich kann nicht ganz genau sagen, wann und wo ich den Begriff Coworking zum ersten Mal gehört habe, aber ich meine, er fiel in einem Gespräch mit Christoph Fahle, dem Gründer vom Betahaus, als er mir 2007 das Konzept erklärte und wir darüber diskutierten. Bis vor kurzem noch musste ich den Begriff fast jedesmal, wenn ich ihn verwand, kurz erklären, das ändert sich seit ungefähr zwei Jahren stetig und mündete jüngst darin, dass das Wort Coworking es als Buzzword in die Marketingmaschine geschafft hat.

TS: Wieso war das Thema Arbeiten ein wesentlicher Teil des Café-Konzeptes?

AO: Meine Frau Koulla Louca und ich wollten an diesem historischen Ort ein ganz neues, urbanes Café-Konzept aufbauen. Etwas, das es so noch nie gab und das dem Erfinder- und Innovationsgeist der Aschinger-Brüder, die das Haus am Rosenthaler Platz 1898 erbauten und hier ihre neunte Bierquelle betrieben hatten, gerecht wurde. Daher war für uns das Arbeiten im Café und damit Stromversorgung und Wifi wichtig, aber auch viele verschiedene Sitzmöglichkeiten, für Meetings, für inspirierende Blicke über den Platz. Für uns war es von Anfang an auch ein Experiment, wie das Konzept angenommen würde und was die Gäste damit anstellen würden.

TS: Wie reagierten die Gäste zum Anfang darauf, dass andere da auch arbeiteten?

AO: Innerhalb kurzer Zeit gab es kaum noch Gäste, die nicht zum Arbeiten kamen, und die damit also keinen Laptop auf dem Tisch stehen hatten. Obwohl es damals wie heute auch Gäste gab, die analog bei uns arbeiten. Der Anblick der arbeitenden Menschen polarisierte in den ersten Jahren ungemein. Es gab regelrechte Anfeindungen und wütende Reaktionen, die meiner Meinung nach vor allem auf Neid basierten. Unsere Gäste wirkten bei ihrer Arbeit offensichtlich fröhlicher und hatten auch noch einen besseren Kaffee als man selber im Büro. Als ich merkte, dass wir mit dem Konzept und dass unsere Gäste polarisieren, freute ich mich, da ich wusste, die Idee geht auf!

Im Frühjahr 2009 eröffnete mit dem Berliner Betahaus das erste Coworking Space in Deutschland. Der damalige Netzpiloten-Leiter Peter Bihr interviewte bereits einen Monat später mit Chris Messina, Axel Hillman und Tony Bacigalupo internationale Pioniere der Coworking-Szene und die Journalistin Anja Krieger ahnte bereits Ende 2009 in einem Artikel auf Netzpiloten.de, „wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, gehört das gute, alte Büro vielleicht bald schon zur Vergangenheit.“ Coworking veränderte bereits die Arbeitswelt.

TS: Wann und warum wurde aus dem St. Oberholz auch noch ein Coworking Space?

AO: 2009 eröffneten wir als Vorstufe Apartments im gleichen Haus, sie sollten neben ganz normalen Übernachtungen auch Events oder Workshops beherbergen. 2011 nutzte Soundcloud die Apartments als Büro für ihr Community Team, denn die Eröffnung der Factory Berlin verzögerte sich und das Team platzte aus allen Nähten. Als dann im gleichen Jahr die letzte Etage im Haus frei wurde, war es ein logischer Schritt, den Bedürfnissen der Community zu folgen und direkt über dem Café einen Coworking Space mit Flexdesks und Besprechungsraum anzubieten.

TS: Gibt es eine kausale Verbindung zwischen Kaffee und Coworking?

AO: Unbedingt! Und zwar eine viel wichtigere als zwischen Bürokultur und Coworking. Eines der größten Missverständnisse in der Rezeption und Verständnisses von Coworking ist, dass es eben nicht aus der Bürokultur, sondern aus der Kaffeehauskultur geboren wurde. Schon immer zog es eher kreativ arbeitende andersdenkende Menschen in Kaffeehäuser, um dort zu arbeiten und Gleichgesinnte zu treffen, das ist kein neues Phänomen. Coworking ist ein Evolutionsschritt in dieser Tradition und vereint Elemente aus Cafés und Büros und dem privaten Lebensraum in einer perfekten halböffentlichen Symbiose.

TS: Welche Veränderungen hast du beim Arbeiten im Café beobachten können?

AO: Die eindringlichste und anschaulichste Veränderung spiegelt sich im Telefonverhalten unserer Gäste. Ging man vor einigen Jahren noch zum Telefonieren hinaus aus dem Café, um durch die Hintergrundgeräusche nicht den Eindruck erwecken zu wollen, gar nicht wirklich zu arbeiten, sondern in einem Café herumzusitzen, ist das heute gar kein Problem mehr. Im Gegenteil, man hat den Eindruck, dass die Gäste sich möglichst nah an der Kaffeemaschine aufhalten, damit die passenden Zisch- und Mahlgeräusche klarstellen, wo man ist und vermitteln, dass man selber unkonventionell und innovativ ist.

Im St. Oberholz sind MacBooks und Flat Whites beliebte Nachbarn (Foto: Melanie Samat)
Im St. Oberholz sind MacBooks und Flat Whites beliebte Nachbarn (Foto: Melanie Samat)

Doch was ist eigentlich Coworking? Für den ehemaligen Netzpiloten-Praktikant Lukas Menzel war es „eine Faszination für sich“, wie er nach einem Gespräch mit Alex Ahom erstaunt zusammenfasste. Ahom gründete mit Shhared bereits den zehnten Coworking Space in Hamburg. Peter Bihr beschrieb es in seinem Interview mit Chris Messina als „miteinander arbeiten, gemeinsam arbeiten, zusammenarbeiten“ und als „eine neue Philosophie des Arbeitens“. Coworking ist kein Hype, sondern Ausdruck von einer Entwicklung namens Neue Arbeit.

TS: Was macht für dich eigentlich den Reiz an Coworking aus?

AO: Coworking ist die Petrischale der Neuen Arbeit. In Coworking Spaces geht es um viel mehr als nur eine Modeerscheinung. Hier werden Grenzen der Zukunft der Arbeitswelt ausgelotet. Kollaboration, Serendipität und Selbstbestimmtheit füllen die Köpfe und Räume. Das macht für mich den Reiz aus! Orte zu erschaffen, an denen ich selber gerne arbeite. Orte, bei denen man nicht weiss, wohin die Entwicklung gehen wird. Das fasziniert mich und lässt mich meine Arbeit lieben.

TS: Inwiefern ist Coworking Ausdruck von Neue Arbeit und nicht nur ein Trend?

AO: Das Digitale und Coworking Spaces haben in den letzten Jahren der Idee der Neuen Arbeit Flügel verliehen. Nie war es so einfach und mit so wenig Investition verbunden, frei und selbstbestimmt zu arbeiten und Unternehmen zu gründen. Gerade die in Berlin bestehende Coworking-Landschaft ist der Beweis, dass es sich längst nicht mehr nur um einen Trend handelt. Anzahl, Größe und Vielfalt der Coworking Spaces hier sprechen für sich.

TS: Welche Prinzipien sind deiner Meinung nach im Coworking maßgebend?

AO: Leichte Zugänglichkeit, Authentizität und Community. Das fängt bei bezahlbaren Mitgliedschaften an und hört bei wertvollen Netzwerkeffekten auf. Gerade in letzter Zeit wird der Community-Aspekt immer wichtiger und auch mehr von Membern eingefordert. Denn Kollaboration und das damit einhergehende Vertrauen untereinander wird immer bedeutsamer und unabdingbarer in einer sich schneller verändernden Welt.

Auf meiner Reise durch die europäische Coworking-Landschaft stellte ich einen interessanten Unterschied fest: In von Wirtschaftskrisen betroffenen Ländern war Coworking ein finanziell lukratives Geschäft und seitens der Politik als Form der Wirtschaftsförderung verstanden worden. In wirtschaftlich starken Ländern war Coworking kaum ein Thema, es gab weniger Spaces und das Geschäftsmodell nur schwer zu betreiben. Die Politik nahm eher von Startups allgemein Kenntnis als von Coworking Spaces.

TS: Wie haben Coworking Spaces und Startups eine Stadt wie Berlin beeinflusst?

AO: Ich sehe Berlin selber als ein Startup an. Es gibt kaum einen anderen Ort, an dem „realease early, release often“ und „trial and error“ so exzessiv praktiziert wurde. Die heutige Gründerwelle und das damit verbundene Erblühen der Coworking-Szene ist das Ergebnis einer lange überfälligen Lösung für die Stadt, die seit dem Zweiten Weltkrieg kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr hatte. Allerdings sollte Berlin aufpassen, dass es nicht im Lauf dieser Entwicklung und in dieser Euphorie die Wurzeln verrät, weshalb die Gründer und Entrepreneure überhaupt an diesen Ort kommen.

TS: Welche Rolle spielt Coworking außerhalb von Berlin im Rest von Deutschland?

AO: In Europa gibt es zwei Coworking-Hochburgen, Barcelona und Berlin. In Deutschland ist aber keine andere Stadt vergleichbar mit der Coworking-Szene in Berlin, das unterstreicht die bereits erwähnten besonders günstigen Rahmenbedingungen in der Hauptstadt.

TS: Wie bewertest du Coworking als ein eigenständiges Geschäftsmodell?

AO: Coworking alleine in Reinform ist als Geschäftsmodell schwierig. Es müssen die Komponenten Gastronomie, Event und Community Management professionell abgedeckt sein und auch als Einnahmequellen dienen, sonst bleibt der wirtschaftliche Erfolg aus. Und genau das sind auch die Herausforderungen für die Betreiber von Coworking Spaces.

Das Coworking Space im neuen St. Oberholz in der Zehdenicker Straße 1 (Foto: St. Oberholz)
Das Coworking Space im neuen St. Oberholz in der Zehdenicker Straße 1 (Foto: St. Oberholz)

Der Blogger Ben Capper schrieb im März 2016 auf Netzpiloten.de, dass Coworking die wohl zeitgemäßeste Form des Arbeitens ist und wunderte sich, dass es immer noch Anbieter von „gewarteten Büroräumen“ gab, die sich in einem Mix aus „grauen Teppichen und Sesseln aus schwarzem Leder“ präsentierten. Er vermutet, dass nicht nur Café-Ketten, Banken, und Büroraumvermieter in Zukunft eigene Coworking-Modelle entwickeln werden, sondern auch größere Unternehmen könnten sich diesem Ort der Arbeit öffnen.

TS: Welche Rolle spielt deiner Meinung nach das Design in einem Coworking Space?

AO: Design matters! Jeder, der schon mal an hässlichen dunklen Orten versucht hat, kreativ zu sein, weiß das. Leider sind immer viele der konventionellen Arbeitsstätten genau so. Wie ein Space designt ist, ist egal, aber es muss designt sein. Das kann sehr unaufwändig oder mit viel Investition verbunden sein. Aber es muss durchdacht und mit dem Herzen gestaltet sein. Dann springt der Funke über.

TS: Wie sollte ein Coworking Space heutzutage strukturiert sein?

AO: Für mich ist ein Coworking Space perfekt, wenn er mühelos und spielerisch gastronomische Elemente mit Büroelementen verbindet. Wenn es den Nutzern möglich ist, durch die verschiedenen Nutzungsarten zu gleiten und trotzdem Rückzugsorte geboten und Privatheit vermittelt werden.

TS: Wie unterscheidet sich Coworking vom Vermieten von Büroflächen?

AO: Ganz grundsätzlich dadurch, dass man im Coworking eine Mitgliedschaft erwirbt, ein Zugangs- oder besser Nutzungsrecht des gesamten Spaces und seiner Infrastruktur und nicht einen einzelnen Raum anmietet. Am ehesten ist das vielleicht vergleichbar mit der Nutzung von Spotify – mit dem Zugang zu sehr viel Musik versus eine CD kaufen. Zudem ist die Membership sehr flexibel kündbar, da kommt kein noch so kurz gestrickter Mietvertrag mit.

Inzwischen sind es nicht nur die Freelancer, die in Coworking Spaces arbeiten. Immer mehr Unternehmen wechseln zu flexibleren Bürolösungen, die vom Coworking inspiriert sind, um so Raum für Innovationen zu schaffen und noch mehr den modernen Ansprüchen ihrer Angestellten an einen Arbeitsplatz zu entsprechen. Firmen wie die KPMG und Microsoft, aber auch Pepsi und Heineken, sind die bekanntesten Corporates, die Teams in Coworking Spaces auf der ganzen Welt geschickt haben.

Microsofts neues Büro in München wurde vom Arbeiten in Coworking Spaces inspiriert (Foto: Microsoft)
Microsofts neues Büro in München wurde vom Arbeiten in Coworking Spaces inspiriert (Foto: Microsoft)

TS: Warum zieht es immer mehr Unternehmen in Coworking Spaces?

AO: Angst vor Disruption. Und die Frage: Wo findet eigentlich Innovation statt, wenn nicht mehr in den uns bekannten Strukturen? Und auch: Wo sitzen all die jungen Talente, die wir mit Geld nicht mehr zu uns locken können?

TS: Welche Erfahrungen hast du bisher mit Corporates im St. Oberholz gemacht?

AO: Alle großen Konzerne bauen eigene Innovation-Hubs auf, die meisten in Berlin. Eine andere Möglichkeit ist, sich mit einem Team in einem Coworking Space einzumieten, das machen immer mehr Unternehmen. Beispielsweise die BVG, um nur eines zu nennen, das mit ihrem Innovationsteam bei uns am Rosenthaler Platz sitzt und jüngst von dort eine App für Fahrradfahrer rausgebracht hat. Vermutlich wäre im eigenen Büro ein ganz anderes Produkt zustande gekommen.

TS: Was können Corporates in Coworking Spaces lernen?

AO: Für die meisten Corporates steht schon nur nach einer einfachen Führung durch das St. Oberholz fest, dass sie keinen Stein mehr auf dem anderen lassen wollen. Häufig sind sie wie durch ein Fieber gepackt und wollen vieles ändern in ihrem Unternehmen. Fragen und Fragezeichen entstehen.

Dann den nächsten Schritt zu tun und wirklich in diese Welt einzutauchen, die eigene Komfortzone zu verlassen, wird dann zum elementaren Erleben, das hoffentlich soweit in die Konzerne strahlt, dass sich auch dort die Arbeitsbedingungen verändern. Was zu einem immer größeren Effekt wird, auch wenn nicht immer die korrekten Rückschlüsse gezogen werden. Zudem können Corporates ganz praktisch in Coworking Spaces mit Startups in Kontakt treten und kollaborieren.

Coworking stellt die Zukunft der Arbeit dar, dies drückt sich aber in verschiedenen Formen aus. In Ländern mit Wirtschaftskrisen, wie beispielsweise Frankreich und Spanien, stellen Coworking Spaces schon heute den Nährboden für neue Innovationen dar. In starken Volkswirtschaften, wie zurzeit in Deutschland, wirken Elemente und Idee aus dem Coworking in die Corporates rein, die sich den neuen Entwicklungen langsam anpassen. Der kollaborative Gedanken des Coworkings wird ein zentraler Bestandteil von Arbeit.

TS: Welche aktuellen Entwicklungen werden die Zukunft der Arbeit beeinflussen?

AO: Es gibt einen neuen Turbolader für die Neue Arbeit. Das sind die Blockchain-Technologien und damit verbundene Smart Contracts. Die Blockchain hat das Zeug, das Internet zu reparieren und den gleichen aufregenden Geist wieder aufleben zu lassen, der mit dem Aufkommen des Internets selber in den 90er Jahren vorherrschte, aber in der Aktienblase erstickt wurde. Mit dieser autonomen und dezentralen Technologie können sich Teams und Arbeitsgruppen auf völlig neue Weise vernetzen.

Ich denke, wir werden über kurz oder lang starre Strukturen verlassen. Agile Teams, die sich immer wieder neu zusammsetzen und verflüchtigen, werden ein Motor sein. Denkt man dann noch an die rapide Senkung der Grenzkosten und das damit verbundene Stichwort 3D-Druck, dürften spannende und schmerzhafte Jahre auf uns zukommen, die auch politisch eine Herausforderung sein werden. Und ich sage vorher, dass die Festanstellung, wie wir sie heute kennen, in absehbarer Zeit verschwinden wird.

TS: Was ist deine Prognose für die Entwicklung von Coworking in den nächsten Jahren?

AO: Trifft die oben genannte Entwicklung ein, werden Coworking Spaces – oder Strukturen, die dem Prinzip entsprechen, also Co-Strukturen – weiter aufblühen und immens wichtig sein. Konzepte wie Co-Living, Co-Kindergarten und Co-Krankenhaus könnten entstehen. Nutzungsrecht wird Besitz ablösen und Communities die Idee der geschlossenen Büros.

TS: Wie wird sich das St. Oberholz durch diese Entwicklungen verändern?

AO: Wie in all den Jahren davor werden wir versuchen, unsere Konzepte entlang den Bedürfnissen der Community und der Neuen Arbeit auszurichten und immer einen Schritt voraus zu sein, ohne zu überfordern. Vermutlich stehen wir noch ganz am Anfang von tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt und ich wünsche mir, dass das St. Oberholz im Auge des Sturms agieren wird.


Image „St. Oberholz am Rosenthaler Platz in Berlin“ by Tobias Schwarz


Weiterlesen »

Collaborative Economy: Vertrauen in die Gesellschaft

Life is Sharing (adapted) (Image by Alan Levine [CC by 2.0] via flickr)

„Gemeinsam sind wir stark!“ – ist eine allgemein bekannte Floskel, die bereits begann in Vergessenheit zu geraten. In unserer konsumgetriebenen Gesellschaft drehte sich alles darum, noch mehr haben zu wollen, unabhängig davon, ob dringend notwendig oder absolut überflüssig. Ein Wertgegenstand oder Vermögen wurde, wenn überhaupt, meist nur an einen kleinen Personenkreis verliehen oder ihm zum Gebrauch überlassen, bis der Gedanke des Teilens immer weiter in den Mittelpunkt rückte. „Wir lernen zu teilen, noch bevor wir zu kaufen lernen“, so auch die Autorin der Studie Sharity: Die Zukunft des Teilens Karin Frick. Collaborative Economy nennt sich der Überbegriff, der immer stärker aufstrebenden Bewegung, bei der es darum geht, Häuser, Autos, Arbeitsräume und andere Wertgegenstände mit seinen Mitmenschen zu teilen. Hinter dem Oberbegriff verstecken sich verschiedene Geschäftskonzepte mit schön klingenden Namen, wie Crowdfunding, Crowdsourcing, Slacktivism oder Coworking. Ihnen allen zu Grunde liegt der Gedanke der gemeinsamen, zeitlich begrenzten Nutzung von Ressourcen, die nicht dauerhaft benötigt werden. Sich unter Verwandten, Freunden oder im Nachbarschaftskreis zu helfen, war und ist gang und gäbe. Aber auch das Teilen mit Fremden über Sharing-Dienste bietet sich besonders bei kostspieligen Wertgegenständen als tolle Alternative zum Kauf an, bei dem das Internet als positiver Garant mitwirkt. „Das Internet ermöglicht eine neue Kultur und Wirtschaft des Teilens, auch unter Fremden„, so Rohleder der Hauptgeschäftsführer des Digitalverbands Bitkom, welcher eine repräsentative Befragung zum Thema Sharing Economy in Auftrag gab. Der Erhebung zufolge haben 16 Prozent der Internetnutzer schon Gegenstände über einen Sharing-Dienst genutzt, wobei Werkzeuge sowie Sport- und Freizeitgeräte am gefragtesten waren. Von den Personen, die eine Alternative des Teilens bisher nicht genutzt haben, können sich fast 46 Prozent vorstellen, dies zukünftig zu tun.

Kein Hype sondern eine moderne Lebensphilosophie

Bei der modernen Lebensphilosophie geht es vor allem darum, verantwortungsbewusst mit eigenen und fremden Ressourcen unserer Umwelt und Mitmenschen umzugehen. Vor allem soziale Netzwerke leisten ihren Beitrag und tragen zur Förderung dieses Trends bei. Sie ermöglichen es virtuelle Gemeinschaften zu bilden und unabhängig von Raum und Zeit, Personen mit gleichen Interessen auf eine simple Art und Weise zusammenführen. Hinter dem Begriff Collaborative Economy, oft auch als Sharing Economy bezeichnet, steckt nicht ein, wie zu Beginn von so manchen vermuteter Hype, sondern eine immer stärker werdende Bewegung. Mehr und mehr Startup-Unternehmen sprießen aus dem Boden und entfalten ihre Ideen, die sich an einer nicht vom Konsum geleiteten Gesellschaft orientieren. Auch die EU-Kommission hat inzwischen erkannt, dass es keinen Sinn macht der Sharing Economy, gegen die sich zahlreiche Unternehmungen und ganze Staaten wehren, einen Riegel vorzuschieben und unterstützten die kollaborative Wirtschaft. „Die kollaborative Wirtschaft wächst schnell und ist bei den Verbrauchern beliebt, weil sie dort oft bessere und billigere Dienstleistungen finden„, sagte EU-Binnenmarktkommissarin Elzbieta Bienkowska. „Und sie wird nicht wieder verschwinden, egal, ob uns das gefällt oder nicht.“ Während es hierzulande nach wie vor Bestrebungen gibt, die gegen die Sharing-Economy-Entwicklung arbeiten, nennt sich die südkoreanische Hauptstadt Seoul offiziell „Sharing City„. Der Bürgermeister Park Won-soon leitete das Projekt „The Sharing City, Seoul“ bereits im Jahr 2012 ein, um wirtschaftliche, soziale und Umweltprobleme der Stadt den Kampf anzusagen und gegen Ressourcenverschwendungen vorzugehen.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

Not macht bekanntlich erfinderisch. Ebenso wie Geldmangel oder übertrieben hohe Preise für Dienstleistungen. So auch bei dem dänische Startup TrunkBird. Eine Plattform, die Menschen, die ihr Hab und Gut von A nach B transportiert haben wollen, mit Fahrern zusammenbringt, die den Weg ohnehin antreten. Aus einem eigenen Bedürfnis an einem solchen Service sowie der „Faszination an der Sharing Economy und dessen Geschäftsmodells heraus, bei dem sich Personen gegenseitig helfen und gleichzeitig ihre Kosten senken“ entstand das Startup. Vergleichbar ist das Konzept mit der Onlineplattform BlaBlaCar für Mitfahrgelegenheiten, nur das bei TrunkBird ein Warentransport erfolgt und nicht Personen mitfahren. Nach einem holprigen Start entwickelte sich die Geschäftsidee und zog Investoren an Land. Und erneut fügte sich ein Puzzleteil in das Bild der Sharing Economy, wie bereits zuvor bei Unternehmen wie dem Zimmervermittler Airbnb, Autovermieter und Transporterverleiher Drivy oder der Flugzentrale Wingly.

Der neue Zeitgeist: Bringt er Gefahren mit sich?

Der Wandel in der Gesellschaft kann zukünftig dazu führen, dass wenige Eigentümer, durch das miteinander teilen, vielen Besitzern gegenüber stehen. Kommt es dazu, werden vor allem Produktionsunternehmen ihre bisherigen Strategien überdenken müssen. Dieser neue Zeitgeist der Sharing Economy soll zwar kurzfristig einen positiven Effekt erzielen, jedoch wird langfristig gesehen befürchtet, dass diese Unausgewogenheit von Eigentum und Besitz zu einer zentralisierten Besitzgesellschaft führt. Dabei stellt sich die Frage, ob es in der hochmodernen, schnelllebigen und zum Teil von Egoismus getriebenen Gesellschaft es wirklich verkehrt ist, näher aneinander zu rücken und Werte miteinander zu teilen. Außer Frage steht jedoch, dass sich ein deutliches Spannungsfeld zwischen den neuen und traditionellen Geschäftsfeldern aufgebaut hat.


Image (adapted) „Life is Sharing“ by Alan Levine (CC BY 2.0)


Weiterlesen »

There’s no working like Coworking

The Hub Islington (adapted) (Image by Impact Hub [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Den Coffee-Shop-Ketten entsprungen, erobern Coworking-Spaces die Großstädte der Welt. Wer nicht rechtzeitig mitzieht, bleibt schnell auf der Strecke. In den vergangenen Wochen bin ich im Rahmen meiner mobilen Arbeit viel unterwegs gewesen. Ein geliehener Schreibtisch in Zürich, ein Café in Charmonix, ein Hotel in Stockholm, wo ich eine Messe zum Thema Möbel und Licht besucht habe, und dieser Blogpost kommt aus einem alten knarrenden, hölzernen Hotel nahe St. Moritz zu euch. ‚Ben, du hast dich verändert‘, höre ich euch sagen. Vielleicht. Ich habe nun eine kostspielige Croissant- und Koffein-Sucht entwickelt, aber so bin ich nun mal. Ähem.

Ich finde es leicht, unterwegs von praktisch überall aus zu arbeiten, allerdings erkenne ich ebenso den Wert von speziell dafür vorgesehenen Coworking-Arbeitsplätzen für diejenigen ohne festes Büro. Coworking ist ohne Zweifel das Modewort 2015/16 und ist gleichzeitig zum Grundnahrungsmittel für Telearbeiter und Startups geworden.

Aber es ist kein neues Phänomen, es hat sich nur jüngst einen Namen gemacht. Seit Jahren sind Starbucks und Costa-Filialen von Leuten übersät, die in ihre MacBooks vertieft sind. Andere Leute haben sich Büroräume geteilt, Geschäftsräume in Startup-Gründerzentren gepachtet oder Schreibtische von lokalen Unternehmen angemietet. Neu beim Coworking ist, dass der coole, lockere Startup-Style nun auf den Hauptstraßen angekommen ist. Versucht mal, das fünfmal in Folge zu sagen.

Hinzu kommen ausgefallene, nützliche Möbel, schnelles und zuverlässiges Wi-Fi, flexible Mitgliedschaften und unterschiedliche Locations. Verglichen mit den Cafés auf der Hauptstraße lässt sich festhalten, dass die Möhrentorte essenden Großmütter, sowie die schreienden Kleinkinder, heimlich einfach ausgeschlossen wurden. Nicht böse gemeint, aber diese Plätze sind zum Arbeiten da. Zum Coworking.

Urban_Station_Coworking (Image by Jennifer Morrow [CC BY 2.0] via Flickr
Image: (adapted) „Urban Station Coworking Space“ by Jennifer Morrow (CC BY 2.0)

Die Coworking-Welt dreht sich weiter

So verbreitet sich der Trend in unseren Städten. Wir sind nun Zeugen des Wettbewerbs um Marktanteile, während die Großen ihre Asse aus dem Ärmel ziehen, ähnlich wie beim Kampf um Premium-Cafés in den Nullerjahren. Vermieter reißen Zimmerdecken heraus, enthüllen Mauerwerk, bauen Café-Ladentische aus Sperrholz und heuern tätowierte Baristas schneller an, als du fragen kannst: “Ey, wo sind denn hier die Fahrradständer?”. Coworking hat jetzt sogar eine eigene Wikipedia-Definition – es ist ein Name, so bekannt wie Simon Cowell oder Gok Wan. Und schon bald könnte das Wort selbst so irreführend sein wie die beiden letztgenannten.

Voisins Coworking (Image by Manuel Schmalstieg [CC BY 2.0] via Flickr
Image: (adapted) „Voisins Coworking | Cafe — 2014-12-03“ by Manuel Schmalstieg (CC BY 2.0)

Die Leute wollen das produktive, Google-ähnliche Arbeitsumfeld mit trendy Kollegen. Der hochwertige Kaffee, Internetzugang und Adresse sind allesamt potentielle Dealbreaker. Coworker mögen die Routine, “ins Büro zu gehen”. Einzelarbeiter, die es gewohnt sind, von Zuhause aus zu arbeiten, profitieren von einer Umgebung, die einen fokussierten und positiven Ort schafft, an dem inmitten des städtischen Trubels Dinge erledigt werden, mit der zusätzlichen Option, ähnlich-denkende “CEO- und Gründer”-Persönlichkeiten zu treffen.

Betahaus (Image by Harald [ha75] [CC BY 2.0] via Flickr
Image: (adapted) „Betahaus“ by Harald [ha75] (CC BY 2.0)

Viele Coworking-Arbeitsplätze bieten zusätzliche Räumlichkeiten, Mitglieder-Datenbanken, Helpdesks, IT-Fehlerbehebung und Hausmeister-Services an. Manche sogar spezielle Veranstaltungen und Seminare. Gemeinschaften und Netzwerke werden gebildet. Neue Firmen ebenso. Diese Arbeitsplätze geben einer neuen Generation von Koffein-befeuerten Jungunternehmen einen Kontext. Größere Unternehmen schenken dem Trend ebenfalls Beachtung mit Banken, die Geschäftszweige in Coworking-Räumen eröffnen, um neue Startups zu unterstützen (und an sich zu reißen). Der neue Filialleiter wird jetzt “Dee” genannt, trägt kurze Hosen und hat immer einen Knopf seiner Kopfhörer im Ohr. Er ist jetzt cool.

Aber es hört hier nicht auf. Einige Großbanken bieten nun kostenlose Coworking-Plätze an, um mögliche zukünftige Inhaber in Next-Generation-Einrichtungen abzuchecken.

“Werden wir bald eine eigene Coworking-Marke von Starbucks sehen?”

 

Der alternde Coffeeshop muss jetzt liefern, richtig? Sie müssen kämpfen, um Colin, den hungrigen Bereichsleiter mit dem grauen Anzug und dem Dell-Laptop, in den eigenen Reihen zu halten. Ich habe gelesen, dass einige Coworking-Arbeitsplätze lokal mit Kaffee-Ketten zusammenarbeiten, aber werden wir bald Plätze von einer Starbucks-eigenen Coworking-Marke sehen? Oder so etwas wie “Costa Co-work”? Mit Sicherheit werden sie, wenn der Trend ins Rollen kommt, mit einem wesentlich größeren Schluck aus ihren Kaffeebehältern antworten.

Hub Zürich woring_space (Image by visualpun.ch [CC BY 2.0] via Flickr)
Image: (adapted) „Hub Zu?rich work space“ by visualpun.ch (CC BY-SA 2.0)

Andererseits setzen immer noch viele Eigentümer auf das altbekannte Modell “gewartete Büroräume”, ergänzt durch buchbare Meeting-Räume, graue Teppiche und Sessel aus schwarzem Leder. Ernsthaft jetzt?

Serviced Office (Image by Ted Eytan [CC BY 2.0] via Flickr
Image: (adapted) „18f.gsa.gov 42466“ by Ted Eytan (CC BY-SA 2.0)

“…aber das ist der Preis, wenn man erstmal abwartet: Man verpasst den Moment.”

Vor zwei oder drei Jahren habe ich einem großen gewerblichen Eigentümer ein Coworking-Modell vorgestellt. Ich schlug vor, dass die Trennwände entfernt werden sollten, dass das Erdgeschoss entfernt werden sollte, um die Deckenhöhe zu vergrößern, und dass die Räumlichkeiten gleichzeitig von der Straße besser zu sehen sein müssten. Entfernt die buchbaren (also: leeren) Meetingräume mit den 16 Stühlen zu Gunsten offener Räume, die flexibel für mehrere Zwecke ausgelegt und IT-unterstützt sind. Baut eine Kaffee-Bar mit Hockern, weichen Sitzgelegenheiten und Kaffeetischen. Macht das Licht weicher. Fügt Orte für das Selbststudium und einen offenen Meetingbereich hinzu. Der Projektmanager mochte diese Ideen, aber der Direktor würgte ab. Sie vertagten die Entscheidung und letztendlich gab es keinerlei Fortschritt zu verzeichnen. Jetzt versuchen sie mit der Coworking-Invasion Schritt zu halten. Aber das ist der Preis, wenn man erstmal abwartet: Man verpasst den Moment.

Ich warte mit gespannter Erwartung und frage mich, wer den ersten Schritt (weltweiten Ausmaßes) wagt. Wird ein großes Kaffeehaus eine Coworking-Firma aufkaufen oder einen Mitbeteiligungs-Deal erzielen? Ist das vielleicht sogar schon passiert und ich habe nichts davon mitbekommen? Was ist mit anderen Lebensmittel- und Getränkeketten wie Pret a Manger in Großbritannien oder (aktuell unter Druck) McDonalds – werden sie reagieren? Wird sich ein großer Büroraumvermieter seines verstaubten Images entledigen und ein innovatives Coworking-Modell enthüllen? Wie dem auch sei, ein paar Unternehmen sollten aufwachen und am Co-Kaffee schnuppern.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Furniture Strategist”. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors.


Image (adapted) “The Hub Islington” by Impact Hub (CC BY-SA 2.0)


Weiterlesen »

Die Bibliothek wird als Ort der Arbeit neu gedacht

Medienregal (image - Tobias Schwarz-Netzpiloten, CC BY 4.0)

In Deutschland, dem Land von Goethe und Schiller, hatten Bibliotheken schon immer eine besondere Stellung. Doch diese Wissensinstitute wandeln sich, den Kern dieser Transformation begreifen jedoch die wenigsten Kommentatoren dieses Wandels. Die Verschiebung – von lokal gesammeltem Wissen zu Informationen erlebbar machenden Orten der Arbeit – vermögen sowohl negative als auch positive Superlative kaum angemessen zu beschreiben. Die Bibliothek wird zu einem der wichtigsten Orte in einer sich digitalisierenden Gesellschaft.

Hagner und Ball – zwei Pole am gleiche Ende des Irrtums

Mitte Februar löste der an der ETH Zürich tätige Wissenschaftsforscher Prof. Dr. Michael Hagner durch einen Gastbeitrag in der Neuen Zürcher Zeitung eine Debatte über die Zukunft von Bibliotheken in einer sich zunehmend digitalisierenden Gesellschaft aus. Hagner meint, nur in Bibliotheken mit Büchern einen Ausdruck von Zivilisation zu erkennen. Doch dies sind Bibliotheken auch ohne Bücher – und noch so vieles mehr.

Hagner want vor einer möglichen Alternative zu Bibliotheken durch „einen einzigen nationalen Server (…) auf dem sich jeder bedienen kann, und alle Bücher des Landes, da sie ja ohnehin niemanden mehr interessieren, in einem gigantischen Alpenbunker“ gelagert sind. Er lehnt diesen Gedanken ab, ohne aber ein Argument dagegen formuliert zu haben. Dass er an nationale Server denkt, zeigt schon eine gewisse Rückständigkeit in seinem Denken. Wer das Internet mit Grenzen denkt, hat das Wesen eines globalen Netzwerks nicht verstanden.

Ähnlich sieht es aus bei Rafael Ball, dem Chef der ETH-Bibliothek. Er sieht Bibliotheken als reine Wissensspeicher an und erklärt sie für unnütz. Ball macht den vermeintlich häufigsten Fehler progressiver Entwicklungen: er vergisst den historisch gewachsenen Sinn einer Bibliothek. Beide verkennen, dass Bibliotheken mehr sind als Speicher gedruckten Wissens und andere Qualitäten gegenüber dem Internet entwickelt haben, die in einer digitalisierten Gesellschaft eine noch nicht geahnte Bedeutung erlangen werden.

Orte, die Wissen schaffen: Bibliotheken als Makerspaces

Ende letzten Jahres besuchte ich die Kölner Stadtbibliothek und lernte den Ort Bibliothek als etwas vollkommen Neues kennen. Die Bibliothek als Makerspace, wo ich Zugang zu Wissen erhalte, in dem ich es miterschaffe und nutze, statt nur in Büchern herum zu blättern oder das Internet danach zu durchsuchen. Hier könnten Hagner und Ball ihren Irrtum gut erkennen. Der Kerngedanke einer Bibliothek ist noch genauso erkennbar, wie die neuen Möglichkeiten als Makerspace. Das Bücherregal steht hier neben dem 3D-Drucker.

Die Kölner Stadtbibliothek bietet auf einer Ebene eine Mischung aus digitaler Werkstatt und Makerspace an. In Kursen für jedes Alter, besonders natürlich für Kinder, wird in Workshops Wissen über Social Media gelehrt, man kann erfahren, wie man online Informationen recherchieren kann, bekommt Fotobearbeitung und vieles mehr erklärt. Wissen wird hier auch außerhalb von zwei Buchdeckeln vermittelt. Deshalb hat mich das Makerspace persönlich am meisten beeindruckt. Kinder können hier lernen, wie man kleine Roboter programmiert und ihnen Bewegung beibringt. Musikinstrumente wie beispielsweise ein Piano oder verschiedenen Gitarren sind zugänglich, aber auch zwei 3D-Drucker und Virtual-Reality-Brillen.

Wissen wird hier zu etwas, dass einen Prozess auslöst und so zu neuen Erkenntnissen führt. In dieser Bibliothek wirkt Wissen nicht statisch. Es waren viele Menschen vor Ort, testeten die verschiedenen Geräte aus, schufen Neues und lernten, mit den neuen Informationen und Möglichkeiten umzugehen. Dies ist ein offener Raum für neue Ideen, Potenziale und Do-It-Yourself-Projekte. Und einer der wenigen Orte in Deutschland, an dem ich einmal nicht darüber nachdenken musste, wie sehr dieses Land eine weitere wichtige Entwicklung, Bibliotheken als Orte des Wissens zum anfassen in einer digitalisierten Gesellschaft, verpasst.

Bibliotheken adaptieren Coworking-Elemente

„Mit einer Bücherei aus den Neunzigerjahren hat das kaum noch etwas zu tun“, wird die Leiterin Hannelore Vogt von der Wirtschaftswoche zitiert. Köln ist hier Vorreiter, die Stadtbibliothek im vergangenen Jahr, als „Bibliothek des Jahres“ ausgezeichnet. Doch eine bestimmte Entwicklung lässt sich in vielen Bibliotheken des Landes beobachten: die Bibliothek wird zu einem Ort der Arbeit. Das kann bewusst passieren und gezielt gefördert werden, wie in Köln, oder zufällig und ohne Kenntnis des Hauses, wie in der Bezirksbibliothek Friedrichshain, meinem Wohnort. Hier treffen sich beispielsweise regelmäßig die Mitglieder eine Meetup-Gruppe zum Coworking.

Konrad Fischer von der Wirtschaftswoche nennt Bibliotheken deshalb gleich kostenlose Coworking Spaces. Soweit würde ich nicht gehen, ein Coworking Space ist mehr als ein frei zugänglicher Tisch in einem Raum mit WLAN, aber es sind durchaus Elemente des Coworking in modernen Bibliotheken zu finden. Im Lesesaal werden nicht nur Zeitungen auf Papier gelesen, auch Laptops finden ihren Platz auf dem Tisch. In Köln treffen sich Lerngruppen voll von SchülerInnen, aber auch geflüchteten Menschen, die hier neben Zugang zu Wissen auch eine Möglichkeit finden, digital zu kommunizieren.

Das mehr als 150 Jahre alte Ideal der Bibliothek als Ort der sozialen Chancengerechtigkeit, an dem alle Menschen den gleichen Arbeitsplatz und die gleichen Möglichkeiten haben, wird so neu entdeckt. Und in Zeiten der zunehmenden Kommerzialisierung und Privatisierung des öffentlichen Lebens, ist die Bibliothek „der nicht kommerzielle und für jedermann zugängliche Treffpunkt in der Stadt“, sagt Vogt. Und sie kann noch mehr sein, ein Ort an dem Innovationen geschaffen werden, an dem die Gesellschaft neue Wege austestet, und Wissen als etwas sowohl von Nationen als auch Medien befreites Gut begreifen und erfahren lernen können.


Image „Medienregal“ by Tobias Schwarz/Netzpiloten (CC BY 4.0)


Weiterlesen »

Das Coworking-Ranking von twago ist Unsinn. Grober Unsinn!

Coworking (Image by geralt [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Welches ist das beste Coworking Space Deutschlands? Ein Ranking des Freelancer-Marktplatzes twago will darüber Auskunft geben, doch die Erhebung ist genauso nicht repräsentativ wie irreführend.

Ein vergleichendes Ranking von Coworking Spaces ist nicht per se falsch, denn das gesellschaftspolitische Gestaltungsprinzip der Gegenwart ist nun einmal der Wettbewerb; Coworking Spaces könnten aus solchen Vergleichen lernen. Das Ranking von twago ist aber keine verlässliche Entscheidungshilfe, denn wesentliche Faktoren, die die Qualität eines Coworking Spaces ausdrücken, wurden nicht abgefragt. Von erheblichen methodischen Schwäche zu reden, auch aufgrund der ungeklärten Selektivität der Befragten, wäre schon eine Übertreibung.


tl;dr: Das Coworking-Ranking von twago ist irreführender Unsinn. twago missbraucht den Begriff Coworking für billige PR, um seinen Freelancer-Report zu bewerben.


twago missbraucht den Begriff Coworking

Auf dem Online-Marktplatz twago können Freelancer ihre Dienste anbieten, der diese wiederum an Auftraggeber vermittelt. Nach eigenen Angaben haben Kunden von twago somit Zugriff auf fast 255.000 Experten aus über 190 Ländern, unter anderem Deutschland. Viele Freelancer arbeiten in Coworking Spaces, ist dieser sogenannte vierte Raum der Arbeit doch meistens die beste Verbindung der Vorteile des ersten Raums der Arbeit, dem Zuhause, mit denen des dritten Raums der Arbeit, dem Café (mit WLAN und Steckdose). Zur Vervollständigung sei gesagt, dass in diesem Bild von Arbeitsplätzen der Industriearbeitsplatz in einer Fabrik oder einem Büro den zweiten Raum der Arbeit darstellt.

Es ist anzunehmen, dass viele Freelancer, die ihre Dienste bei twago anbieten, auch in einem Coworking Space arbeiten, also eine Meinung zu diesem Raum der Arbeit haben. Sie nach den besten Coworking Spaces Deutschlands zu fragen, scheint naheliegend. Dass das Thema Coworking für twago relevant ist, arbeiten doch wahrscheinlich hier die meisten der Nutzer, ist auch nachvollziehbar. Thomas Jajeh, Gründer und Geschäftsführer von twago, lässt sich in der Pressemitteilung zum Start der Umfrage auch mit einer Aussage zitieren, die ein Verständnis für Coworking andeutet:

Coworking Spaces werden in Zukunft in unseren Großstädten noch wesentlich stärker zu Innovationskraft und Wirtschaftswachstum beitragen. Sie bieten kreativen Raum, Austausch, Zugang zu Netzwerken und eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Nicht umsonst suchen sowohl stark wachsende Startups als auch Großkonzerne die Nähe zu Coworking Spaces.

Trotzdem ist meiner Meinung nach alles an dieser Umfrage, dem Ranking und der Berichterstattung darüber Unsinn. Und das ist in einer entscheidenden Phase für der Coworking-Bewegung eher schädigend als nützlich. Schon jetzt wird der Begriff als Buzzword vom Marketing missbräuchlich genutzt. Nicht alles, was sich in Anzeigen oder an Klingelschildern Coworking nennt, ist auch wirklich Coworking. Oft handelt es sich nur um Arbeitsplätze vermietende Anbieter von Bürofläche. Mit Coworking, der Zusammenarbeit und Vernetzung innerhalb einer Community, hat das nichts zu tun.

Genauso wenig wie twagos Umfrage und Ranking, denn eigentlich geht es dem Unternehmen nur um die Erwähnung des eigenen Freelancer-Reports, der, vollkommen losgelöst vom Thema, ebenfalls in der Pressemitteilung erwähnt wurde, und der mit twagos eigentlichem Geschäftsmodell Outsourcing wesentlich mehr zu tun hat als Coworking:

twago veröffentlicht neben den besten Coworking Spaces Deutschlands quartalsweise den twago Freelancer-Report. Bei der Untersuchung werden regelmäßig die in den Ausschreibungen geforderten IT- und Web-Fähigkeiten analysiert, ebenso wie die mit bestimmten Content-Management- und Shop-Systemen verbundenen Programmier-Skills. Ein weiterer Fokus liegt auf der Untersuchung der deutschen und europäischen Städte, in denen Freelancer ansässig sind.

Erhebliche methodische Schwächen

Von einer Suche kann man auch nicht wirklich sprechen, denn die Umfrage ist methodisch unhaltbar. In den Artikeln von Jürgen Stüber auf Morgenpost.de oder Lea Weitekamp auf t3n.de liest man leider keine kritische Bewertung dazu. Weitekamp erwähnt die Art der Erhebung nur in einem Nebensatz, Stüber übernimmt die Formulierung beinahe unverändert aus der Pressemitteilung:

Die Abstimmung lief von Mitte November bis Mitte Dezember auf twago.de. Tausende Befragte gaben gültige Stimmen ab. Jeder Coworking Space konnte mit 0 bis 5 Punkten bewertet werden, wobei die Befragten alle Coworking Spaces bewerten konnten, die sie kennen.

Laut Angaben der twago betreuenden PR-Agentur bedeutet “tausende Befragte” ein mittlerer vierstelliger Bereich an gültigen Stimmen, aber genaue Angaben konnte man auf telefonische Nachfrage unserer Redaktion auch nicht machen. Von der Quantität der Stimmen scheint das in Ordnung zu sein, aber die Qualität der Aussagen ist an sich überhaupt nicht vorhanden. Wenn die Person, die sich diese Umfrage ausgedacht hat, oder die darüber schreibenden Journalisten auch nur mal einen Tag in einem Coworking Space verbracht hätten, wäre das allen klar gewesen. Es wurden einige Spaces angeschrieben, aber längst nicht alle, und twago verbreitete die Befragung auch nur über eigene Kanäle, die in der Quantität zumindest überschaubar sind.

Man kann ein Coworking Space nicht mit 0 bis 5 Punkten bewerten. Dass alle in der Pressemitteilung gelisteten Coworking Spaces zwischen 3,65 und 4,3 Punkten liegen, zeigt, wie schwer es ist, einen Unterschied mit dieser Art der Bewertung zu schaffen. Ich bin diesen Sommer mit meiner Freundin zwei Monate durch Coworking Spaces in ganz Europa gereist. In unseren Auswertungen fanden wir kein Coworking Space schlecht, auch wenn keines wie das andere war. Eine verlässliche Bewertung ist deshalb nicht möglich, besonders nicht zwischen 0 und 5 Punkten.

Man kann fragen, ob der Kaffee in einem Coworking Space gut oder sogar umsonst ist, wie die Lautstärke im Space ist, welche Tätigkeiten die anderen Coworker ausüben, ob es gemeinsame Abende gibt oder nach welchen Regeln die Community zusammengesetzt wird, vielleicht auch ob es Kindergärten, Supermärkte und Banken im Umfeld gibt. All das und noch mehr macht ein Coworking Space aus. Am Ende ist es eine persönliche Entscheidung, in welchem Space man sich wohl fühlt. Mit einer Zahl kann man diese komplexe Entscheidung nicht ausdrücken. Viele Coworking Spaces bieten deshalb Probetage an, damit man sich einen persönlichen Eindruck machen kann.

Irreführendes Ranking

Deshalb sagt das Ranking auch überhaupt nichts über die Qualität eines Coworking Space aus. Die meisten der aufgelisteten Coworking Spaces kenne ich persönlich und sie sind wirklich toll. Trotzdem wäre nicht jedes ein für mich geeigneter Arbeitsplatz. Das Ranking ist aufgrund unbekannter Rücklaufquoten, der nicht bekannten Fallzahlen und der fehlenden Repräsentativität eher Ausdruck unkontrollierter Willkürlichkeit zum Zwecke der PR, als eine verlässliche Entscheidungshilfe.

Wenn man wirklich Interesse an einem Coworking Space hat, sollte man sich auf die Suche machen und dabei Sorgfalt walten lassen. Für die meisten Menschen sollte der Weg zur Arbeit nicht länger als 20 Minuten sein. Das macht die Suche nach einem Coworking Space in Deutschland schon kompliziert, denn mit Ausnahme von Berlin ist die Dichte an Coworking Spaces noch nicht sehr hoch. Auch gibt es noch keine verlässliche Datenbank an Coworking Spaces. Die von twago aufgelisteten Coworking Spaces für meinen Wohnbezirk Friedrichshain kenne ich beispielsweise alle nicht. Dafür ist kein einziges Coworking Space aufgelistet, das ich kenne. Während man in München, Leipzig, Köln oder Hamburg noch einen Überblick über die Coworking-Szene haben kann, ist dies in Berlin nahezu unmöglich.

Winston Churchill wird fälschlicherweise die Aussage zugeschrieben, “Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.”, auch wenn dies aller Wahrscheinlichkeit nach eine Erfindung von Joseph Goebbels oder aus seinem Propagandaministerium war, um Churchill als Lügner hinzustellen. Trotzdem ist darin ein Funken Wahrheit enthalten, den man sich bei der Suche nach einem Coworking Space zu Herzen nehmen sollte. Trauen Sie keinen Rankings, Statistiken, Datenbanken etc., sondern machen Sie sich selber vor Ort einen Eindruck. Ein Coworking Space kann ein Arbeitsplatz sein, an dem man sich genauso wohlfühlt wie in seinem eigenen Zuhause oder einem schicken Café. Und da niemand von uns willkürlich Lokale oder seine Wohnung aussucht, bedarf es bei der Suche nach einem Coworking Space der gleichen Gründlichkeit.

Tobias Schwarz ist nicht nur Leiter von Netzpiloten.de, sondern arbeitet seit Jahren von verschiedenen Berliner Coworking Spaces aus. Er ist Mitgründer der German Coworking Federation, deren Gründungsvorstand er angehört, und besucht seit anderthalb Jahren Coworking Spaces in ganz Europa.


Image “Coworking” by geralt (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »