Eine Karte über Coworking in Ostdeutschland

Vor ein paar Wochen lag ich nachts wach und habe auf Notion eine Liste aller mir bekannter Coworking Spaces in Ostdeutschland angelegt. Eine Stiftung hatte mich nach fünf ostdeutschen Coworking Spaces gefragt, die ich als Veranstaltungsort empfehlen könnte. Daraus wurde in dieser schlaflosen Nacht eine Liste mit 65 Orten. Inzwischen sind sogar 79 Coworking Spaces auf der Liste zu finden. Und sie wächst fast wöchentlich weiter.

Ich twitterte den Link zu der Notion-Datenbank und machte die Liste damit öffentlich. Die Menschen sollten sehen, dass das, was immer so nach Flat White trinkenden Hipstern in den Großstädten klingt, gerade überall im Osten passiert. In den kleinen, mittelgroßen und manchmal auch ländlichen Orten, zwischen Warnemünde und Plauen, gibt es wirklich Coworking Spaces. Es gibt Momente, wo mich das immer wieder ins Staunen versetzt.

Auf Twitter wurde der Link dann viel geteilt und gelikt. Ein paar Tage später schrieb mich der Geograph Christer Lorenz auf Twitter an: „Ich finde die Liste super und werde daraus eine Map machen. (…) Ich glaube, man muss zeigen WO die C-Spaces und. Das fehlt bisher in der Kommunikation.“ Damit hatte er Recht. Niemand weiß, wo Letschin, Damerow oder Oelsnitz liegen. Eine Karte zeigt es aber und steigert damit auch das Verständnis von Ostdeutschland.

Ostdeutsche Identität gab den Impuls

Doch warum der Fokus auf Ostdeutschland? Vor drei Jahren arbeitete ich an dem Konzept für das erste Coworking Space in Frankfurt (Oder). Ich besuchte daraufhin die Stadt, um sie besser zu verstehen, lernte die Menschen dort kennen und bemerkte, dass die Geschichten der Gleichaltrigen Frankfurts sich mit meinen, denen meiner Freunde aus Magdeburg, nahezu deckten. Uns prägten die gleichen Erfahrungen der Nachwendezeit.

In dem Moment wurde mir meine ostdeutsche Identität auf einmal ganz anders bewusst. Den aus der ganzen Welt kommenden Mitgliedern des St. Oberholz erzähle ich, wenn sie mich nach meiner Heimat fragen, dass dort das Nichts entdeckt (und die Luftpumpe erfunden) wurde – Magdeburg. Das genügt den meisten, um Interesse gezeigt zu haben. Nun aber kam es mir relevant vor, über den Osten und seine Entwicklung nachzudenken.

1657 demonstrierte der Magdeburger Bürgermeister und Physiker Otto von Guericke mithilfe der Magdeburger Halbkugeln die Kraft des Vakuums – quasi des Nichts. Dafür musste er aber vorher die Luftpumpe erfinden.
1657 demonstrierte der Magdeburger Bürgermeister und Physiker Otto von Guericke mithilfe der Magdeburger Halbkugeln die Kraft des Vakuums – quasi des Nichts. Dafür musste er aber vorher die Luftpumpe erfinden. / Bild von

Ich bin dort zwischen Plattenbauten und Fabrikruinen aufgewachsen. Uns ging es gut, aber blühende Landschaften waren das nicht. Heute lebe ich in Berlin und die Arbeitswelt hat sich verändert. Das Wo spielt kaum noch eine Rolle. Warum also nicht nach Hohenwulsch, Görlitz oder Anklam ziehen und von dort aus arbeiten? Und so den Osten nach vorne bringen. Dieser Gedanke elektrisiert mich. Könnte der Osten so von der Digitalisierung profitieren?

Ein Coworking Space verbindet Menschen

Es gibt Rückkehrer*innen, die neue Impulse in ihre alte Heimat tragen. Die Feuilletons sind voll von dem Wunsch der Großstädter*innen, raus aufs Land oder in die Peripherie zu ziehen. Doch nur wenige wagen diesen Schritt. Fragt man nach den Gründen, hört man eine Sorge nach sozialer Isolation heraus. Vor Ort gibt es vielleicht keine Gleichgesinnten. Oder Internet. Ein auf Werten aufbauender Ort wie ein Coworking Space kann da helfen.

Es ist nachgewiesen, dass Coworking Spaces für Zuzug sorgen können. Menschen erkennen auf einmal die Möglichkeit, dass sie auch von hier arbeiten können. Und das mit ähnlich denkenden und arbeitenden Menschen, so wie sie es aus der Stadt kennen. Dabei aber im Grünen leben, näher bei der Familie sein, weniger dem Stress des Pendelns und der Stadt ausgesetzt, so wie sie es nicht von der Stadt nicht kennen. Coworking schafft Möglichkeiten.

 

Christer Lorenz vor einer Wand
Christer Lorenz aus Wartenburg (Elbe) in Sachsen-Anhalt

Doch ein Coworking Space ist nicht allein für Zugezogene da. Coworking ist eine Kultur des Miteinanders und kann auch wichtige Impulse für die Menschen vor Ort geben. Sie sind Orte, an denen neuen Berufen in moderner Art und Weise nachgegangen wird. Hier können junge Menschen neue Berufsbilder, Aufgaben und Fähigkeiten kennenlernen. Einige haben dadurch endlich auch eine berufliche Perspektive vor Ort, oder gründen diese und bleiben.

Eine lebendige Karte, mit offenen Daten

Zurück zur Karte ostdeutscher Coworking Spaces. Die von Christer Lorenz entworfene Karte ist auf der Geo-Plattform ArcGIS Online veröffentlicht. Ich werde die Liste auf Notion immer wieder aktualisieren, aber auch andere Menschen können sich daran beteiligen und über ein Formular neue Orte in die Karte selber eintragen. Die Daten der Coworking Spaces hat Lorenz als Open Data veröffentlicht, damit auch andere sie nutzen können.

Im Interview auf dem Blog der German Coworking Federation (GCF) erklärt Lorenz, wie er die Karte gebaut hat und vor allem warum. Meine Liste, Lorenz‘ Karte, beinhalten ausschließlich Coworking Spaces in Ostdeutschland. Uns ging es darum, diese sichtbar zu machen. Jemand anders kann, vielleicht von dieser Idee inspiriert, seine ganze eigene Karte mit Coworking Spaces bauen und veröffentlichen. Denn Coworking gibt es an sich überall.

Tobias Kremkau

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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