Trotz Medium-Design wird Notes von Facebook kein Erfolg

Nach Jahren verpasst Facebook seinem niemals wirklich genutzten Blogging-Feature Notes ein schickes Design-Update, das nicht von ungefähr an Medium erinnert. Letztes Jahr verkündete die für Medium verantwortliche Design-Firma Teehan-Lax, dass sie sich Facebook anschließen wird. Einige Medien sehen in dem neu designten Dienst schon die vermeintliche Zukunft des Blogging, aber Blogger werden sich weiterhin hüten, direkt bei Facebook zu posten. Anders als die meisten Medien ist Unabhängigkeit für Blogger wichtiger und wirklich interessant ist Notes immer noch nicht. Es sieht jetzt nur schicker aus.

Erste Medium, jetzt Notes: Teehan-Lax

Vor vier Jahren wurde der Twitter-Mitgründer Evan Williams auf das aus Toronto stammende Design-Team Teehan-Lax aufmerksam. Sie sollten Williams sein nächstes Projekt, einen simpel gehaltenen Blogging-Dienst in dem das reine Blogging im Vordergrund steht, designen. Heute kennen wir dieses Projekt als Medium (unser Autor Jakob Steinschaden beantwortete zum Start der Plattform die wichtigsten Fragen zu Medium).

Inzwischen will Medium mehr als nur eine Plattform zum Blogging sein und schafft es, vor allem relevante Akteure außerhalb der Netzwelt als Autoren zu gewinnen, was es zu mehr als nur das schickeste Netzfeuilleton unserer Tage macht. Facebook hat dafür scheinbar sein Interesse am Blogging entdeckt und Teehan-Lax akquiriert, sein Feature Notes neu zu designen. Herausgekommen ist ein stark an Medium erinnerndes Blogging-Tool, das einen Nachteil hat: es ist ein Feature von Facebook.

John Biesnecker verfasste einen der ersten Blogpost mit Facebooks neu designtem Notes
John Biesnecker verfasste einen der ersten Blogpost mit Facebooks neu designtem Notes

Facebook baut Notes zum Blogging-Tool um

Notes sollte schon immer die Antwort von Facebook auf viele andere, wesentlich erfolreichere Publishing-Tools sein. Vor 2009 konnte man nur 160 Zeichen lange Meldungen absetzen, dann wurde das Zeichenlimit im März 2009 auf 420 Zeichen erhöht, im Juli 2011 dann auf 500 Zeichen, zwei Monate später sogar auf 5.000 Zeichen und seit November 2011 kann man sogar mehr als 60.000 Zeichen lange Beiträge veröffentlichen. Angenommen wurde der Dienst aber nicht. Persönlich habe ich Leute schon mit Twitlonger, Google+ und Evernote bloggen sehen, noch nie aber mit Notes auf Facebook.

Und das wird sich meiner Meinung so schnell auch nicht ändern, denn Notes kann wesentlich weniger als vergleichbare Dienste und die Entwicklung von Facebook lehrt uns, dass das an dieser Stelle gerne angeführte Reichweiten-Argument eine Täuschung ist. Perspektivisch werden auch Notes-Blogger sich Reichweite kaufen müssen. Und Facebook, das sich selbst verstärkt als Nachrichten-Plattform sieht, wird die viel Geld für Reichweite ausgebenden, traditionellen Medien stets bevorzugen. Facebook ist und wird kein Ort, an dem sich Blogger gerne aufhalten werden. Daran ändert auch kein Redesign von Notes.

Was Blogger wollen (und Notes nicht bietet)

Es gibt Blogger, die wollen einfach nur schreiben. Laut Brian Barretts Wired-Artikel über Notes sind das sogar wieder mehr Jugendliche, bei denen Blogging nach einer Dekade wieder beliebter wird. Sie werden Funktionen wie Embedding vermissen, denn in einem Beitrag bei Notes kann kein Video von YouTube oder Podcast von Soundcloud embedded werden. Und selbst wenn diese Feature kommen, bieten Blogging-Plattformen wie Medium, Tumblr und sogar Blogger mehr Möglichkeiten, sein Blog individueller zu gestalten. Und es sind eben nicht die Netzwerke, in denen sich jetzt schon unsere Eltern und Großeltern herumtreiben.

Andere Blogger wollen mit ihren Blogs Geld verdienen oder sich als eine Marke etablieren. Sie nutzen Blogs als Plattform für ihre digitale Identität, die mehr als nur das Profil bei Facebook ist. Sie wollen ihre Blogs um Funktionen ergänzen, die Facebook einem nicht bieten kann und mit den an Medium erinnernden Ansatz auch nicht bieten will. Meiner Meinung nach werden, ähnlich wie beim Facebook-Feature Mention, vor allem Unternehmen und Personen des öffentlichen Lebens, bzw. die ihre Profile betreibenden Agenturen, mit Notes bloggen. Notes ist nicht für uns Blogger und das ist wohl auch besser so. Es wäre sonst ein vom Start her schon peinlicher Versuch.


Teaser (adapted) by Foundry (CC0 Public Domain)

Image by Simon (CC0 Public Domain)


CHIEF-EDITOR’S NOTE: Wenn Ihnen unsere Arbeit etwas wert ist, zeigen Sie es uns bitte auf Flattr oder indem Sie unsere Reichweite auf Twitter, Facebook, Google+, Soundcloud, Slideshare, YouTube und/oder Instagram erhöhen. Vielen Dank. – Tobias Schwarz


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8 comments

  1. Deinem Fazit stimme ich zu, der Überschrift nicht. Auf Grund der unschlagbaren Reichweite wird Notes ganz sicher ein Erfolg. Dazu ist es einfach zu bedienen, so wie Medium, und das Embedden wird auch noch funktionieren. Fraglich allerdings, ob Facebook das überhaupt will, werden doch YT-Videos schon jetzt nicht mehr optimal verbreitet.

    Für Blogger wird es tatsächlich keine neue Heimat. Dennoch schreibe auch ich gern ab und zu auf Medium, obwohl ich einen Blog hab, bei dem ich wild im CSS rumschreiben kann ;)

    Was Facebook wirklich fehlt, ist meiner Meinung nach eine sinnvolle Freunde- und Privatsspähreverwaltung. So wie bei G+. Denn ja, auf Facebook treibt sich die ganze Familie herum. Würde es allerdings Kreise oder etwas ähnliches geben, könnte Facebook wieder für viele interessant werden, die vor ihren Eltern geflüchtet sind…

    1. Das mit der Reichweite ist im besten Fall (wir werden es sehen) ein vorübergehender Vorteil. Alles, was nicht gesponsert ist, wird in der Reichweite eingeschränkt werden. Früher oder später, wenn es nicht sogar vom Start an schon so ist.

  2. Dazu müsste Facebook noch ein Bezahlsystem für Beiträge privater Profile etablieren. Nicht ausgeschlossen, aber im Moment auch kein Thema. Daher entspricht die theoretische Reichweite zunächst die Anzahl meiner Freunde. Aus dem Stand! Und das ist schon ein Argument, ähnlich wie für Mentions, das mit gleichen Bedingungen an den Start geht und sich gegen Periscope durchsetzen könnte…

  3. Hi Tobias,

    super spannend deine Eindrücke zu lesen. Ich hätte noch ne Frage wie du das Thema „Funktionen“ siehst.

    ist Medium nicht genau deshalb so ein Erfolg weil einige Features ausreichen und du nicht – wie in WP – dauernd dich selbst verlierst und unkomfortabel publishen musst?

    Genau diesen Punkt aber führst Du als „Schwachstelle“ von Facebook auf.

    Freu mich auf Austausch
    Manuel

    1. Hallo Manuel,

      das ist alles eine Frage der Sichtweise. Anfang April soll Medium.com laut dem „DMR User Stat List Full August 2015 FINAL“ rund 650.000 Nutzer gehabt haben. Wie viele davon wirklich aktiv sind, ist unbekannt. Ich würde Medium.com also nur unter bestimmten Bedingungen als einen Erfolg bezeichnen.

      Zum Vergleich (zumindest der absoluten Zahlen): Tumblr hat 420 Millionen Nutzer, bei der Plattform WordPress.com gibt es 76,5 Millionen Blogs und selbst meine liebste Bier-App Untappd hatte Ende Mai mit 1,5 Millionen Nutzern mehr als dreimal so viele Nutzer. Die Tatsache, dass ein paar lesenswerte Journalisten und Blogger ab und zu einen Beitrag auf Medium.com publizieren, macht es noch nicht zu einem Erfolg. Das ist keine Bewertung der Qualität des Contents auf Medium.com, den ich persönlich auch gut finde. Aber die Plattform ist gelinde gesagt absolut unbekannt und nur von einer kleinen, elitären Gruppe an Autoren angenommen.

      Ich verstehe den Reiz, auch einmal nur einen Artikel zu verfassen und zu veröffentlichen, ohne sich mit dem ganzen technischen Zeug, das zu einem Blog dazu gehört, zu beschäftigen. Einen Blog zu besitzen, ihn zu pflegen und zum Zentrum seines digitalen Schaffens zu machen, ist für mich aber genau das, was einen Blogger ausmacht. Und von dieser Definition ausgehend, sehe ich aus Sicht von Bloggern bei Notes nur Schwachstellen. Teilweise gibt es die auch bei Medium.com, das ich aber auch nicht als einen Erfolg und den Ort schlechthin für Blogger bezeichnet habe.

      Bis denn, dann… Tobias

  4. Ja, was soll ich zu Notes sagen? Ich halte davon nichts. Ich möchte mein eigener Herr sein. Auch wenn das bedeutet, dass ich mich um meinen Blog auch von der technischen Seite her kümmern muss. Aber am Ende heißt das doch, dass ich da tun und lassen kann, was ich will, so lang ich mich an gesetzliche Rahmenbedingungen halte.

    Sorry für die Eigenwerbung, aber ich hab dazu was bi mir im Blog geschrieben: http://www.henning-uhle.eu/informatik/facebook-als-blog-plattform-bloggen-im-geborgten-internet

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