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Medium: Schöner bloggen, aber mit Stolpersteinen

Die beiden Twitter-Mitgründer Evan Williams und Biz Stone haben mit Medium eine Blog-Plattform ins Netz gestellt, die in den letzten Monaten stark Fahrt aufgenommen hat. // von Jakob Steinschaden

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Die Blogging-Plattform Medium wird auch im deutschsprachigen Raum zunehmend interessant für Netzschreiberlinge. Auf sehr einfache und bequeme Weise lassen sich Artikel in schönem Design erstellen – doch reibungslos funktioniert der Dienst noch nicht. Ein Test zeigt die Vor- und Nachteile von Medium auf.


Warum ist das wichtig? Wordpress, Blogger, Tumblr uvm. – die Auswahl an Blog-Systemen ist groß. Mit Medium ist eine weitere Plattform dazu gekommen, die für die schreibende Zunft interessant ist.

  • Kaum eine andere Blog-Plattform ist so einfach zu bedienen wie Medium und lässt die Erstellung optisch sehr ansprechender Artikel in wenigen Minuten zu.
  • Das Copyright bleibt beim Autor, jedoch räumt sich Medium Rechte ein, um den Content im Netz – etwa via Embeds – distribuieren zu können.
  • Keine Design-Änderungen, keine eigene URL, eingeschränkte Analytics und keine mobile Bearbeitungsmöglichkeit – Medium mangelt es noch an einigen Standards.

Was ist Medium?

Medium.com ist eine Blogging-Plattform, die einerseits sehr viel Wert auf die ansprechende Darstellung von Artikeln wert legt und auf der anderen Seite das Veröffentlichen selbst so problemlos wie möglich machen will. Medium hilft den Schreibern auf verschiedene Art und Weise dabei, Leser für die eigenen Inhalte zu bekommen. Medium ist derzeit kostenlos für die Nutzer und außerdem werbefrei.

Wer steckt hinter Medium?

Medium.com wurde 2012 von Evan Williams und Biz Stone aus der Taufe gehoben. Mit Bloggen und Artverwandtem kennen sich die beiden Herrschaften natürlich gut aus: Sie haben beide Twitter mitgegründet, und Williams hat mit Blogger eine Blogging-Plattform kreiert, die sich Google 2003 kaufte. Sie haben Anfang des Jahres 25 Mio. Dollar Investment von Greylock Partners, Google Ventures und Business Angels wie Chris Sacca für Medium erhalten.

Wie veröffentlicht man bei Medium?

Nach dem Login per Twitter oder Facebook kann man eigentlich schon loslegen und mit einem Klick rechts oben auf „New Story“ einen neuen Beitrag anlegen. Grundlegend besteht ein Medium-Post aus einem großen Header-Bild oben (sollte eine Auflösung von 1440 mal 680 Pixel haben, sonst wird´s unscharf) und Text darunter. Text lässt sich auch in Fett, Kursiv etc. darstellen oder mit einem Link unterlegen – dazu markiert man die gewünschte Textstelle und bekommt in einem Mini-Pop-up die entsprechenden Optionen präsentiert. Zwischen Absätzen lassen sich ebenfalls Bilder einfügen. Mit „Publish“ veröffentlicht man den fertigen Post auf Medium.com. Texte editieren kann man nur in den Browsern Chrome, Firefox und Safari, nicht auf mobilen Geräten.

Welche Inhalte kann man posten?

Prinzipiell ist Medium für längere Texte optimiert, die man mit Fotos und/oder eingebetteten Content (z.B. YouTube-Video, Instagram-Foto, siehe Frage unten) anreichern kann – für Foto-Blogger ist Medium eher nichts, die sind anderswo besser aufgehoben. Autoren können problemlos Zweitveröffentlichungen bei Medium online stellen, sie müssen nicht exklusiv für die Plattform sein. Noch ist die Webseite nur in englischer Sprache verfügbar, posten kann man aber natürlich auch auf Deutsch. Medium kontrolliert den Content vor der Veröffentlichung nicht, wer die Regeln (keine Pornos, Hassreden, Gewaltandrohungen, Spam etc.) bricht, riskiert aber klarerweise eine Löschung seines Accounts und eine Sperre seiner IP-Adresse.



Welche Persönlichkeiten nutzen Medium bereits?

Zu den prominentesten Nutzern zählen der Journalismusprofessor und Buchautor Jeff Jarvis, der bekannte deutsche Blogger Richard Gutjahr, AirBnB-Gründer Brian Chesky oder das MIT Media Lab.

Wie und welchen Content kann man einbetten?

Laut Medium arbeitet man mit dem Dienst Embed.ly zusammen, um Videos von YouTube oder Vimeo, Tweets, Facebook-Posts, Instagram-Bilder, Soundcloud-Player oder Vine-Videos in die Artikel zu integrieren. Der User muss dazu lediglich den direkten Link zum Content (Achtung, nicht den Einbett-Code) in einen neuen Artikelabschnitt kopieren und auf „Enter“ drücken. Im Test funktioniert das schnelle Einbetten nicht mit Facebook und Instagram.

Die Tutorial-Anbieter Astral Web Inc. bieten auch eines für Medium.com an:

Kann man auch Medium-Artikel einbetten?

Jein. Am Ende jedes Artikel findet sich eine “Embed-Story”-Funktion (“<>”), die einen Embed-Code ausspuckt. Damit kann man ein kleines Kärtchen in die eigene Webseite einbetten, die das Aufmacherbild, den Titel und den Autor anzeigt. Ein Klick darauf führt zu Medium – der ganze Artikel ist also nicht einbettbar. Das Ganze sieht dann etwa so aus:

Everything Is Broken

Wie funktioniert Medium für den Leser?

Wer auf der Webseite nur lesen will, muss sich prinzipiell nicht einloggen. Allerdings stehen im dann Suchfunktion, Follow-Funktion zum Abonnieren von Autoren, Bookmarks zum Merken von besonders guten Texten oder die so genannten „Collections“ (Sammlungen von Artikeln, die warum auch immer zueinander passen) nicht zur Verfügung. Der beste Start für Leser ist wohl die Top-100-Liste der meist gelesenen Artikel des Monats.

Wie läuft die Nutzerinteraktion ab?

Per Facebook- und/oder Twitter-Verknüpfung kann man bestehende Kontakte finden und ihre Publikationen abonnieren – zentral ist hier die Follow-Funktion, um an frischen Content zu kommen. Außerdem können Nutzer am rechten Rand der Artikel Kommentare zu den einzelnen Absätzen hinterlassen, die aber vorerst nur für den Autor sichtbar sind – er kann entscheiden, ob der Kommentar öffentlich sichtbar ist. Nutzerkommentare unter dem Artikel wie bei vielen anderen Online-Medien gibt es (noch) nicht.

Welche Sharing-Funktionen sind verbaut?

Damit sich die Posts verbreiten können, dürfen die Leser am Ende des Artikels auf „Recommend“ drücken und empfehlen ihn damit an ihre Medium-Kontakte weiter. Außerdem lassen sich die Storys wie mittlerweile üblich via E-Mail, Twitter und Facebook teilen (nicht aber etwa Tumblr). Wichtig: Medium postet nicht automatisch die Leseaktivitäten seiner Nutzer in den sozialen Netzwerken, sie müssen aktiv auf die entsprechenden Buttons klicken.

Wie berechnet Medium die Lesezeit?

Medium zeigt bei jeden Artikel eine ungefähre Lesezeit an. Der Wert berechnet sich aus der durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit eines Erwachsenen (275 Wörter pro Minute) zusätzlich werden 12 Sekunden für jedes Bild im Text dazugerechnet.

Was sagen die Statistiken aus?

In der linken Menüleiste, die man mit einem Klick auf das „M“ links oben ausklappt, gibt es den Punkt „Stats“. Hier liefert Medium im Wesentlichen drei Werte: Views, Reads und Recommendations. Die Views beschreiben die Aufrufe des Artikels, als „Read“ zählt, wenn der Leser genug Zeit auf der Seite verbrachte, um den Artikel zu lesen. Daraus errechnet Medium die “Read ratio”, also wie viele der Besucher den Artikel auch gelesen haben. Ein wichtiges Instrument ist auch der Bereich „Referrers“, den man zu jedem seiner Artikel abrufen kann: Hier sieht man, über welche Quellen die Leser zum Beitrag gekommen sind.

Wie sieht Medium im Mobile-Bereich aus?

Medium bietet derzeit eine iOS-App an, an einer Android-Version wird gearbeitet. Die App ist derzeit nur zum Lesen da, nicht aber zum Schreiben von Artikeln. Im mobilen Browser werden die Artikel an die jeweilige Bildschirmgröße angepasst.

Wem gehört der Content?

Weil es früher zu Kontroversen um die Nutzungsbedingungen von Medium gekommen ist, hat die Firma vor einigen Monaten noch einmal klar gestellt, dass das Urheberrecht zu den Artikeln bei den Autoren bleiben. Medium räumt sich jedoch die Rechte ein, die Inhalte ohne Einschränkungen zu speichern, anzuzeigen, zu kopieren und zu distribuieren. Das muss Medium etwa, damit man die Inhalte auch in den Apps abrufen oder Medium-Artikel anderswo einbetten kann. Medium sagt auch, dass man den Content nie ohne Einverständnis des Nutzers an Dritte verkaufen würde – es ist also möglich, dass man das einmal mit User-Zustimmung tun will.

Was funktioniert alles noch nicht?

Professionellere Blogger monieren, dass Medium ein zu eingeschränktes System ist. So ist es etwa – anders als etwa bei WordPress – nicht möglich, das Design zu ändern, eine eigene Web-Adresse einzustellen, eigene Analyse-Dienste (z.B. Google Analytics) einzurichten oder den Content auf den eigenen Webspace zu hosten. Wer also möglchst viel Kontrolle über seinen Blog wünscht, ist bei Medium falsch.

Wohin will sich Medium hinentwickeln?

Bei Medium geht es nicht um „entweder oder“, sondern um „sowohl als auch“. Zum einen ist es natürlich eine technische Plattform, die Bloggern eine neue Heimat geben will, zum anderen aber auch selbst Publisher. So treibt man das vor etwa einem Jahr aufgekaufte Digital-Magazin Matter des ehemaligen Guardian-Journalisten, das nur mehr auf Medium publiziert, voran. Kürzlich ist außerdem Wired-Journalist Stephen Levy zu Medium gewechselt, um dort ebenfalls ein digitales Magazin als Chefredakteur zu leiten.


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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