Nicht nur Netzfeuilleton: Medium.com

Warum Medium.com mehr ist als nur Netzfeuilleton

Die Blog-Plattform “Medium” existiert bereits seit 2012, doch in den letzten Monaten hat sich ihre Nutzung durch relevante Akteure intensiviert. // von Erik Meyer

Nicht nur Netzfeuilleton: Medium.com

Angetrieben von Verbesserungen der Editionsmöglichkeiten publizieren nicht nur interessante Autoren individuell bei Medium, sondern es haben sich einige journalistische Formate etabliert. Darüber hinaus kommunizieren inzwischen auch Startups und Institutionen wie Universitäten auf der Plattform. Bislang bleibt diese Expansion allerdings auf den englischsprachigen Raum beschränkt.

Der systematische Einstieg in das Text-Universum von Medium ist für den Leser nicht ganz trivial, wenn die Orientierung nicht über die Startseite oder die Popularität der von den Nutzern empfohlenen “Top Stories” erfolgen soll: Wer dort nicht selbst ein Profil unterhält, ist darauf angewiesen, sich auf Artikel aufmerksam machen zu lassen. Dies erfolgt wohl primär über Twitter: Entweder über das eigene Profil von Medium oder von Akteuren, die dort publizieren. Die Artikel können dort dann einer Sammlung von Texten zugeordnet sein, die Beiträge unter unterschiedlichen Gesichtspunkten zusammenfassen. Sie sind das zentrale Instrument zur Strukturierung der Inhalte und fungieren häufig als Magazine mit einem thematischen Profil. Sowohl Autoren als auch Sammlungen lassen sich abonnieren, das heißt, Interessenten werden per Newsletter über neue Einträge informiert.


Evan Williams (Bild: Joi Ito [CC BY 2.0], via Flickr)

Erst Blogger, dann Twitter, jetzt Medium – Evan Williams verändert das Blogging (Bild: Joi Ito (CC BY 2.0)


Medium is the Message

Unabhängig von spezifischen Interessen ist es vorteilhaft, die Verlautbarungen von Medium selbst zu verfolgen. Verwirrenderweise finden sich diese wiederum in mindestens zwei Text-Sammlungen: Da ist einmal die About-Sektion unter dem Motto “What is this thing and how does it work?” und zum anderen der hauseigene Blog “The Story”, in dem vor allem neue Features vorgestellt werden.

Netzfeuilleton mit prominenten Protagonisten

Inhaltlich geht es in vielen Beiträgen natürlich um das Netz, sowohl in sozio-kultureller Perspektive, als auch im Sinne der Berichterstattung über technologische Innovationen?irgendwo zwischen Telepolis und Wired. Beispielhaft für diesen Bereich sind die Sammlungen “The Message” und “Backchannel”. Bei “The Message” sind bloggende Netztheoretikerinnen wie Danah Boyd und Zeynep Tufekci ebenso am Start wie die Journalistin Quinn Norton, die prominent über Anonymous und die Occupy-Bewegung berichtet hat. Der “Rückkanal” versteht sich als “tech hub” und wird von Steven Levy betreut, der diverse Bücher über Aspekte der Digitalwirtschaft geschrieben hat. Neben den Autoren stehen also die Herausgeber von Sammlungen im Fokus, so wie der Co-Gründer des HipHop-Magazins “The Source”, Jonathan Shecter, nun Artikel zu Phänomenen der Pop-Musik unter dem der DJ-Kultur entlehnten Titel “cuepoint” kompiliert.


Medium-Gründer Evan Williams im Interview über die Blogging-Plattform:


Lange Form und gesponsorter Inhalt

Während viele Beiträge eine Lesedauer von sechs bis acht Minuten verheißen, wird zunehmend auch die “Longform” kultiviert. Zum Beispiel die exklusiv bebilderte Reportage über nigerianische Schulmädchen, die der Entführung durch Boko Haram entkamen. Für solche Stücke hat Medium das Online-Magazin “Matter” akquiriert, das nun exklusiv auf der Plattform publiziert. Dort wird allerdings weder ein (funktionierendes) Bezahlmodell, noch klassische Werbung praktiziert. Bei einem aktuellen Experiment können Inhalte durch Sponsoren finanziert werden, nämlich die von BMW präsentierte Sammlung “re.form – A field guide to the designed world”.

Neben journalistischen und literarischen Formaten fungiert Medium unterdessen auch als Plattform für andere Anwendungen. Einige Lehrende stellen hier Kurse inklusive Ablaufplan und Materialien für einzelne Sitzungen vor, wie Medium stolz vermeldet. Die Standford University begleitet sogar eine Lehrveranstaltung zur Lage der Nation, deren Inhalte auch via iTunes U verfügbar sind, mittels Medium. Startups aus dem Sillicon Valley stellen verstärkt Dienstleistungen und Produkte vor. Und schließlich hat auch das Weiße Haus eine Dependance eröffnet. Vergleichbare Profile von Institutionen aus Deutschland sind nicht bekannt. Im deutschsprachigen Raum wird Medium wohl überwiegend zur Lektüre und nur individuell zur Publikation von Beiträgen genutzt. Dabei ist gerade die Möglichkeit zur Kommentierung einzelner Absätze ein Feature, das für Nutzer von Interesse sein könnte. Insofern bleibt abzuwarten, ob die Plattform auch dort ihr Potenzial entfalten kann, wo sie nicht selbst verlegerisch das inhaltliche Angebot entwickelt.


Teaser & Image by Medium.com


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Erik Meyer

Erik Meyer

ist Politikwissenschaftler und zu seinen Schwerpunkten zählen Erinnerungskultur 2.0, Netzpolitik und politische Online-Kommunikation. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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