Sollten wir Uber und Airbnb lieben oder gegen sie protestieren?

Proteste gegen die erfolgreichen Apps Uber und Airbnb, mit denen man Mitfahrgelegenheiten oder kurzzeitig eine Unterkunft mieten kann, weiten sich aus. Außerhalb des Flughafens von Mexico City hat ein wütender Mob ein paar Uber-Taxis mit Steinen und Schlagstöcken angegriffen. Das war der neueste Vorfall in einer Reihe von weltweiten Protesten gegen die erfolgreiche App, die Mitfahrgelegenheiten vermittelt. Über 1.000 Taxifahrer blockierten vor ein paar Tagen die Straßen Rio de Janeiros. In Ländern wie Frankreich, Deutschland, Italien und Südkorea ist der Service nur eingeschränkt nutzbar oder sogar komplett verboten. Es gab auch Proteste gegen die Plattform Airbnb, mit der man kurzzeitig eine Unterkunft mieten kann.

Keine der Plattformen zeigt Anzeichen eines Schocks

Uber ist in 57 Ländern verfügbar und generiert Einnahmen von hunderten Millionen US-Dollar. Airbnb gibt es in mehr als 190 Ländern und bietet mittlerweile über 1,5 Millionen Räumlichkeiten an.

Journalisten und Unternehmer haben schnell bestimmte Begriffe geprägt, mit denen man versucht, die sozialen und ökonomischen Veränderungen zu beschreiben, die mit solchen Plattformen einhergehen: “Sharing Economy”, “on-demand economy”, “peer-to-peer economy” und so weiter. Jeder Begriff bezeichnet einen der Aspekte des Phänomens, kann aber das vollständige Potential und dessen Widersprüche nicht erschöpfend beschreiben. Dazu gehört auch die Frage, wieso manche Leute die Services lieben, während andere sie am liebsten kurz und klein schlagen würden.

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Wie mexikanische Taxi-Fahrer auf Uber reagieren (Quelle: Screenshot)

Sozialökonomen glauben, dass der Markt immer auf einer ihm zugrunde liegenden Infrastruktur basiert, der es den Menschen ermöglicht herauszufinden, welche Güter und Services angeboten werden, dass man sich hier auf Preise und Bedingungen einigen kann und was einem hier für sein Geld geboten wird, dass der andere Part der Absprache nach, der Bezahlung Folge leistet. Das älteste Beispiel ist das eigene soziale Netzwerk: ein Händler weiß per Mundpropaganda, was angeboten wird und treibt nur Handel mit Personen, die er selber kennt.

In der Moderne können wir nun auch Geschäfte mit Fremden machen. Wir haben Institutionen entwickelt, um diese Art des Handels verlässlich zu machen, wie Privateigentum, einklagbare Verträge, standardisierte Gewichts- und Maßangaben und einen gewissen Kundenschutz. Dies ist Teil eines historischen Kontinuums, angefangen bei alten Händlerrouten über mittelalterlichen Markthandel mit bestimmten festgeschriebenen Verhaltensregeln, bis hin zur staatlichen Regelung des frühen Industriezeitalters.

Natürliche Auslese

Ökonomen und Historiker haben in den 1980ern die Theorie aufgestellt, dass man sich nur langsam in Richtung einer noch effektiveren natürlichen Auslese bewegt. Die Menschen wollen günstigere, leichtere, sichere und effizientere Institutionen, wie sie durch neue Technologien und organisatorische Innovationen ermöglicht werden. Die alten und schwerfälligen Einrichtungen werden laut Theorie nicht mehr genutzt. Im Gegenzug wird die Gesellschaft effizienter und ökonomisch erfolgreicher.

Es ist sicherlich leicht, diese Plattformen als nächsten Schritt in dieser Entwicklung zu sehen. Auch wenn sie keine staatlichen Institutionen ersetzen, können sie doch ein paar Lücken füllen. Zum Beispiel ist es vergleichsweise teuer und mühsam, einen Vertrag vor Gericht auszuhandeln. Die Plattformen bieten eine günstigere und einfachere Alternative an, denn sie bieten die Möglichkeit, sich über den Ruf eines Teilnehmers eine Meinung zu bilden, indem man sein Verhalten beobachtet und sich die letzten Bewertungen durchliest. Uber tut dies mit Hilfe von der Regierung ausgegebenen Lizenzen innerhalb der Taxi-Infrastruktur.

So wird hier beispielsweise die Qualität, die Vertrauenswürdigkeit und das Bezahlmodell angesprochen. Auch bei Airbnb gibt es ein ähnlich weitreichendes System auf dem Feld der Kurzzeitvermietung. Die Anbieter auf diesen Plattformen sind nicht nur Konsumenten, die ihre Quellen besser nutzen wollen, es gibt auch hier Firmen und Profihändler, die aus der staatlichen Infrastruktur herübergespült worden sind. Es ist, als würden die Menschen und Unternehmen ihre nationalen Einrichtungen verlassen und in Massen an einen Ort namens „Platform Nation“ einwandern.

Nachteil oder Vorteil?

Die theoretische Argumentation der natürlichen Auslese besagt, dass die Regierung die Menschen nicht davon abhalten sollte, Services wie Uber und Airbnb zu nutzen oder ihnen weniger effiziente Regeln aufzuerlegen. Man muss die Menschen mit den Füßen abstimmen lassen. Aber ist das nicht doch zu sehr vereinfacht? Wenn Kunden zu einer neuen Einrichtung wechseln, haben die Händler kaum eine Wahl, sie müssen ihnen nachfolgen. Auch wenn die Taxifahrer die neuen Regeln von Uber nicht besonders schätzen, werden sie dennoch feststellen, dass es außerhalb der Plattform noch schwieriger sein wird, seinen Geschäften nachzugehen und werden sich früher oder später ohnehin einreihen müssen.

Zu guter Letzt verändert sich der Markt eben doch. Das Ganze kann heruntergebrochen werden auf den Terminus “Macht schlägt Vielfalt”. Selbst wenn alle Teilnehmer freiwillig mitmachen, kann das Arrangement doch nachteilig für die Gesellschaft sein. Es könnte sich negativ auf Drittparteien auswirken, wie es bei Airbnb beispielsweise schon vorkam, dass sich die Nachbarn durch den Lärm der Gäste gestört gefühlt hatten, oder dass man mit dem Verkehr oder den örtlichen Regelungen nicht zurecht kam. Im schlimmsten Fall macht solch eine Plattform die Gesellschaft noch weniger effizient, indem eine “Mitfahr-Ökonomie” etabliert wird.

Sobald diese Interessenskonflikte beigelegt sind, ist es an den politischen Institutionen, den Markt zu regieren. Sozialwissenschaftler finden oft mehr über den Markt heraus, wenn sie die politischen Institutionen genauer betrachten. Ein Beispiel ist die Hotelindustrie: Die Regierung vor Ort versucht, die Interessen der Hoteliers und deren Nachbarn auszugleichen, indem Hotels nur in bestimmten Bereichen erlaubt werden. Bei Airbnb gibt es keine solche Regel, die eine dritte Partei mit einschließt. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb 74 Prozent der Airbnb-Unterkünfte sich nicht in den Gegenden befinden, wo es viele Hotels gibt, sondern eher in den normalen Wohngegenden.

Natürlich laufen die Aufsichtsbehörden hier Gefahr, von den derzeitigen Akteuren eingelullt zu werden, oder zumindest könnten Regelungen getroffen werden, die zum Nachteil späterer Marktteilnehmer ausgelegt werden könnten. Ein Beispiel wäre hier die Taxi-Lizensierung, bei der es eine strenge Einschränkung der Anzahl von Taxifahrern gibt.

Welche Qualität auch immer den Kunden versprochen wird, die potentiellen Fahrer zählen hier definitiv zu den Verlierern. Vor diesem Hintergrund wirkt die Plattformen beinahe wie radikale Erneuerer. Beispielsweise will Uber bis 2020 mehr als eine Million Jobs für Frauen schaffen. Dieses Versprechen wäre so nicht möglich, wenn man sich an die Lizenzen der Regierung halten müsste, denn die meisten Taxilizenzen besitzen wiederum Männer. Andererseits definiert Uber seine “Jobs” als sehr viel prekärer und unternehmerischer, als man es allgemein tun würde.

Ich möchte mich hier auf keine der Seiten schlagen, sondern verdeutlichen, dass die sozialen Auswirkungen sehr unterschiedlich sein können. Beide Positionen haben ihre Vor- und Nachteile, vieles davon kann bis zu den politischen Einrichtungen und deren Repräsentanten zurückverfolgt werden.

Welche neuen ökonomischen Einrichtungen werden mit den neuen Plattformen aufgebaut? Und wie unterscheiden sie sich? Welche Konsequenzen wird es geben? Wessen Interessen werden hier bedient? Dies sind die Fragen, die Regierungsbeamte, Journalisten und Sozialwissenschaftler stellen sollten. Ich hoffe, wir werden in der Lage sein, neue Wege zu finden, um das Beste aus dem alten und dem neuen System herauszufiltern, um eine neue Infrastruktur für eine Ökonomie zu erschaffen, die sowohl fair und einschließend, als auch effizient und innovativ ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf The Conversation und steht unter CC BY-ND 4.0 (die Übersetzung ist auf Nachfrage von der ND-Regelung ausgenommen). Übersetzung von Anne Jerratsch.


Image (adapted) “Taxi caps at Penn Station” by Marcin Wichary (CC BY 2.0)

Screenshot by Vili Lehdonvirta


 

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Vili Lehdonvirta

Vili Lehdonvirta

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Programmdirektor am Oxford Internet Institute. Er hat einen Doktortitel in Wirtschaftssoziologie und einen Master of Science im Fach Information Networks. Bevor er seine akademische Karriere antrat, arbeitete er als Game- Programmierer.

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