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Die dunkle Vergangenheit von Social Media

Dunkelheit (adapted) (Image by KristopherK [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Im April des Jahres 2016 gab Facebook Gründer Mark Zuckerberg bekannt, dass die Social Media-Plattform seinen nahezu zwei Milliarden Benutzern die Möglichkeit des Livestreams von Inhalten zur Verfügung stellt. Dieser Schritt wurde als die natürliche Erweiterung der grundlegenden Ziele der Plattform betrachtet: Das Anbieten einer Plattform, auf der durchschnittliche Menschen ihre tagtäglichen Erfahrungen mit anderen teilen können – von Alltagserfahrungen bis hin zu bedeutsamen, einschlägigen Ereignissen.

Beinahe genauso schnell fanden die Benutzer der Plattform einen Weg, auch die schlimmsten Vorfälle live im Netz zu verbreiten, darunter das sogenannte Easter Day Slaughter, bei dem die fatale Schießerei auf einen 74-jährigen Rentner live übertragen wurde.

Als Resonanz forderten immer mehr Menschen Facebook dazu auf, das Anbieten des Livestreams zu beenden, oder wenigstens eine Möglichkeit zur besseren Überprüfung der Inhalte zu finden. Der Pastor Jesse Jackson merkte beispielsweise an, dass Facebook Live von den Menschen als Plattform genutzt wird, um ihre Wut, ihre Ängste und ihre Dummheit zu äußern.

Viele haben wegen dieser Verhaltensweisen Facebook eine Schattenseite zugeschrieben und fordern, dass das Unternehmen nach einer Lösung zur Prävention derartigen gesellschaftsfeindlichen Verhaltens sucht. Doch schon ein flüchtiger Blick auf die Geschichte der Sozialen Medien zeigt, dass die Verhaltensweisen, die aus den Schattenseiten resultieren, weder einmalig in der Geschichte von Facebook sind, noch als etwas Neues von den heutigen Benutzern betrachtet werden.

Eine dunkle Geschichte

Die Dichterin und Technologieautorin Judy Malloy beschrieb die ältesten Vorgänger der Social Media Netzwerke als Orte der Kreativität und Gemeinschaft. Programme wie beispielsweise die Berkeley’s Community Memory boten den Benutzern der 1970er einen digitalen Ort, um Inhalte zu posten und Geschichten, die von der Community gelesen wurden, zu teilen. Beliebte Inhalte waren dabei unter anderem persönliche Anzeigen und Kurzgeschichten.

Doch selbst diese friedvollen Tage hatten ihre dunklen Momente. Im Jahr 1985 schrieb die Autorin Van Gelder über ihre Erfahrungen mit dem CompurServe CB‘-Simulator einer der ersten online Chatrooms weltweit. Inmitten der beliebten Programme im CB-Simulator waren diese der Romantik und den Beziehungen gewidmet. Diese stoßen auf das besondere Interesse von LGBTQ-Menschen, denen es im Allgemeinen schwer fiel, über ihre geschlechtliche Identität und sexuellen Präferenzen im öffentlichen Raum zu sprechen. Während viele Nutzer auf der Suche nach der Liebe im Internet fündig wurden – 1991 wurde eine Hochzeit im CB-Simulator veranstaltet, bis heute gilt diese als die erste Online-Hochzeit – wurde Van Gelder getäuscht. Sie hatte eine intime, romantische Onlinebeziehung zu einem Mann, der sich als behinderte Frau ausgab.

Geschichten von sexueller Aggression bekamen im Jahr 1998 einen noch negativeren Touch, als der Technikjournalist Julian Dibbell von einer sexuellen Nötigung, die auf einer textbasierten Onlineplattform namens LambdaMoo stattfand, berichtete. Die Vorstellung einer sexuellen Nötigung im Internet mag abwegig erscheinen, wenn man bedenkt, dass die Benutzer keinen körperlichen Kontakt zueinander haben. Und doch war es einem Nutzer namens ‚Mr. Bungle‘ möglich, das Programm zu hacken und infolgedessen die komplette Kontrolle über die Handlungen der anderen Nutzer zu übernehmen, wie deren Gespräche und Beschreibungen ihrer Handlungsschritte.

Laut Dibbells Bericht benutzte ‚Mr. Bungle‘ diesen Hack, um die Nutzer zu veranlassen, obszöne Handlungen vorzunehmen und gewalttätige sexuelle Aktionen an ihren eigenen Körpern auszuführen. Die Benutzer der Plattform beschrieben auf welche Art und Weise sie sich und andere – ohne Erlaubnis – berührten. Mr. Bungle behauptete im Nachhinein, seine Aktionen seien lediglich ein Streich gewesen, trotz dem Beharren seiner Opfer darauf, dass sie durch seine Aktionen gedemütigt worden sind (oder zumindest durch die Aktionen die seine Opfer dazu gezwungen haben, sich vorzuführen). Die Geschichte ist denkwürdig angesichts der Tatsache, dass Beziehungen über das Internet genauso intim und wichtig sein können wie die Beziehungen außerhalb des Internets.

Springt man ins Jahr 2006, gerät man schnell an die Geschichte von Evan Guttmann und dem gestohlenen ‚Motorola Sidekick‘-Handy seines Freundes, das die Internetnutzer von damals faszinierte. Zunächst fing alles als schlichter Blogeintrag über einen Jugendlichen an, der es ablehnte, das Handy an seinen rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Zum Schluss mündete es in einen wachsenden Internetmob, bei dem die Leser von Evans Blog die Adresse des Jugendlichen aufspürten und dessen Familie schikanierten.

Später im gleichen Jahr erfuhren die Nutzer der Plattform MySpace von der tragischen Geschichte der Megan Meier, einem Teenagermädchen aus Missouri, das sich das Leben nahm, nachdem sie von einem Jungen, den sie online kennengelernt hatte (es handelte sich um einen MySpace-Nutzer namens „Josh“), auf der Plattform gemobbt wurde. Erst nachdem Ermittlungen erfolgten, fand Megans Familie heraus, dass es sich bei „Josh“ tatsächlich um die Mutter eines Mädchens handelte, mit der Megan zuvor in einen Streit geraten war. Dieser Vorfall führte zum ersten Gesetzesentwurf in Bezug zum Onlinemobbing in den USA.

Soziale Medien verstehen

Diese Geschichten sind Beispiele dafür, was passieren kann, wenn einzelne Nutzer die Möglichkeiten zur Benutzung von moderner Technik entdecken: Man nutzt die Anonymität von CompuServe für Betrug, modifizierte mit cleveren Programmierungsskripten das Verhalten der anderen Nutzer, es wurden Blogs instrumentalisiert, um maximale Aufmerksamkeit auf ein geringes Vergehen zu lenken. Auch nutzt man Soziale Medien, um eine falsche Identität aufzubauen. In allen Fällen hatten die betrügerischen Aktionen dramatische Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen in deren realen Leben.

Das Wichtigste ist, dass diese Geschichten als Beispiele dienen, wie besonders Facebook und auch andere soziale Medien im Allgemeinen aufzufassen und zu verstehen sind. Es ist wichtig, dass die Nutzer die Gleichwertigkeit der Moral sowohl in Bezug auf Facebook-Kommunikation als auch in Bezug auf zwischenmenschliche Kommunikation erkennen. Statt soziale Medien generell als sinnlos und ablenkend abzutun und diese Perspektive an unsere Kinder abzugeben, sollten sie eingestehen, dass die zwischenmenschliche Kommunikation online genauso bedeutsam ist wie offline.

Berichterstatter haben die Livestreaming-Option von Facebook als „wesentlich grenzenloses Verbreitungssystem“ verflucht. Derartige Kritiken ignorieren jedoch die Vorteile dieser „grenzenlosen“ Verbreitung, wie das Vernetzen von Familien und die Möglichkeit, dass auch Stimmen von Verfolgten gehört werden können. Selbst Filmmaterial mit Gewalttaten kann zur richtigen Zeit von Vorteil sein: Die Facebook Live-Übertragung von der Schießerei in Minnesota im Juli 2016 diente als einflussreiche Mahnung, um auf soziale Ungerechtigkeit und Polizeiarbeit in den Vereinigten Staaten aufmerksam zu machen.

Anti-Terror-Streitkräfte setzen auf soziale Medien, um terroristische Aktivitäten zurückzuverfolgen und besser nachvollziehen zu können. Um den Missbrauch von Livestreaming zu bekämpfen, hat Facebook kürzlich bekanntgegeben, 3.000 zusätzliche Monitore für die Kontrollierung der Livevideos einzusetzen. Jedoch liegt meiner Meinung nach die Verantwortung für den Inhalt in den sozialen Medien letztlich bei den Nutzern, die die Inhalte tagtäglich erstellen und sich auf der Plattform bewegen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Dunkelheit“ by KristopherK (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Snapchat: Vom Reiz des Augenblicks zum Untergang

Smartphone (adapted) (Image by TeroVesalainen [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Als Snapchat im Jahr 2011 auf den Markt kam, war seine Kurzlebigkeit das Alleinstellungsmerkmal. Die Idee, die Foto- und Videobotschaften direkt wieder zu löschen, war ein krasser Gegensatz zu den etablierten Social-Media-Plattformen, die die Nutzer dazu dazu bringen wollten, Profile mit haufenweise Inhalten zu erstellen. Verschwundene „Snaps“ mögen anfangs als diskrete Art des Sextings an Zugkraft gewonnen haben, aber ihre Kurzlebigkeit entpuppte sich als attraktiv.

Die Benutzer haben Snapchat als eine Möglichkeit verstanden, die unbedeutenden, albernen, alltäglichen oder einfach weniger ausgefeilten Momente des Alltagslebens zu teilen. Augenblicke, die nicht als Instagram-, Twitter- oder Facebook-würdig gelten, können als flüchtige Snaps geteilt werden. Snapchat-Mitbegründer Evan Spiegel dazu:„Bei Snapchat geht es nicht darum, den traditionellen Kodak-Moment für das Fotoalbum festzuhalten. Es geht um die Kommunikation mit der ganzen Bandbreite menschlicher Emotionen – nicht nur mit dem, was schön oder perfekt zu sein scheint.“

Für Snapchat sah es lange recht vielversprechend aus. Im Jahr 2013 stellte das Unternehmen Snapchat Stories vor, eine Montage von Snaps, die gleichzeitig über die gesamte Kontaktliste des Nutzers für einen Zeitraum von 24 Stunden ausgestrahlt wird. Im folgenden Jahr folgte die Einführung von Snapchat-Werbung, die es den Unternehmen ermöglichte, die wachsende Nutzerbasis der App zu erreichen und Snapchat mit einer wachsenden Einnahmequelle auszustatten. Snapchat war so zuversichtlich, dass es das Übernahmeangebot von Facebook in Höhe von drei Milliarden US-Dollar im Jahr 2013 ablehnte.

Trittbrettfahrer

Erfolg sorgt für Nachahmer. Im Jahr 2016 veröffentlichte Instagram, das inzwischen Facebook gehört, sein eigenes Stories-Feature, das die Funktionalität von Snapchat Stories widerspiegelt. Facebook selbst kam im Jahr 2017 mit einer eigenen Stories-Funktion dazu. Die Entstehung solcher Nachahmungsmerkmale hat natürlich Fragen über die Langlebigkeit von Snapchat aufgeworfen.

Snapchats monatliche Wachstumsrate der aktiven Nutzer sank von 17,2 Prozent pro Quartal Mitte 2016 auf nur fünf Prozent zu Beginn des Jahres 2017. Der Aktienkurs ist von einem Höchststand von mehr als 27 US-Dollar gesunken und notiert jetzt unter seinem Börsenkurs von unter 15 US-Dollar. Instagram Stories hat jetzt jeden Tag 250 Millionen Benutzer – das sind deutlich mehr als die 166 Millionen bei Snapchat. Wie können Social-Media-Plattformen also ihre Nutzerbasis halten, wenn ihr Hauptverkaufsargument anderswo nachgeahmt wird?

Anbindung

Meine jüngste Arbeit, die in Zusammenarbeit mit den britischen Wissenschaftlern Mike Molesworth und Janice Denegri-Knott entstanden ist, argumentiert, dass die Langlebigkeit vieler Social-Media-Plattformen auf das zurückzuführen ist, was wir als „Consumer Ensnarement“ bezeichnen. Im Gegensatz zu Snapchat regen die meisten Social-Media-Plattformen die Nutzer dazu an, kontinuierlich Inhalte hochzuladen, die Teil eines dauerhaften Profils werden. Dabei schaffen die Nutzer gleichzeitig die Plattform und binden sich daran an.

Werfen wir nun einen Blick auf Facebook. Seit vielen Jahren wird spekuliert, dass die Nutzer, insbesondere jüngere Altersgruppen, die Plattform bald verlassen würden, was aber nicht eingetreten ist. Das Unternehmen hat sich gegen Layout- und Funktionalitätsänderungen, Datenlecks und die zunehmende Kommerzialisierung durchgesetzt und behält dennoch täglich 1,32 Milliarden aktive Benutzer. Im Juli 2017 meldete Facebook einen Quartalsumsatz von insgesamt 9,32 Milliarden US-Dollar, 45 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zukunft für Facebook scheint noch heller zu sein.

Die Langlebigkeit von Facebook ist zum Teil auf den Wert zurückzuführen, den die Nutzer den hochgeladenen Inhalten beimessen, die teils sehr aufwändig kommentiert und gestaltet werden. Der Social-Media-Riese ermuntert die Nutzer, Fotos und Videos hochzuladen und zu „taggen“, in aussagekräftigen Alben zu organisieren und aktuelle Informationen in Form von Status-Updates bereitzustellen. Dieser Inhalt ist für den Nutzer insgesamt von großem Wert.

Und tatsächlich ist es so, obwohl wir nur selten darüber nachdenken und es vielleicht nicht zugeben mögen, dass unsere Facebook-Profile zu wichtigen digitalen Besitztümern geworden sind. Ohne dass wir dies wollten, sind sie zu digitalen Sammelalben geworden. Nach all den Jahren der Updates erinnern sie an wertvolle Momente und erzählen einen Teil unserer Leben.

Dadurch entsteht eine neue Form der „Einschließung“, bei der die Nutzer nicht an Markentreue, sondern an eigene Uploads gebunden sind. Je mehr Zeit und Mühe die einzelnen Personen in ihre Profile investieren, desto schwieriger wird es für sie, die Plattform zu verlassen. Wenn eine solche Verknüpfung für den kommerziellen Erfolg und die Langlebigkeit von Social-Media-Unternehmen entscheidend ist, was bedeutet das für Snapchat?

An den Snappern festhalten?

Verschwundene Schnappschüsse lassen kein digitales Sammelalbum voller hochgeladener Inhalte entstehen. Abgesehen von den Kontakten, die auf anderen Plattformen neu erstellt werden müssten – was hinterlässt der Benutzer, wenn er Snapchat aufgibt? Wie kann Snapchat ohne die Einschnürungsmechanismen, die Verbraucher an konkurrierende Plattformen binden, verhindern, dass die Nutzer-Basis von Snapchat genauso schnell verschwinden wie die Snaps selbst?

Snapchat könnte sich darauf konzentrieren, neue, eigenständige Funktionen zu entwickeln, die einen Wettbewerbsvorteil bieten. Dennoch haben wir in den letzten Jahren mehrfach erlebt, dass Innovationen im Bereich Social Media schnell nachgeahmt werden. Die wiederholte Nachahmung von Konkurrenten durch Facebook behindere die Innovationsfähigkeit des Marktes.

In der Tat hat Facebook nicht nur die Stories-Funktion von Snapchat nachgebaut, sondern vor kurzem sogar auch die Einführung von Filtern angekündigt, die die lustigen Linsen von Snapchat nachahmen – ein weiteres Merkmal der Plattform. Ohne Mechanismen der Verankerung sind weitere Innovationen kein Garant für zukünftigen Erfolg mehr.

Eine Möglichkeit besteht in der Snapchat-Funktion „Memories“, die Mitte 2016 eingeführt wurde. Im Gegensatz zum anfänglichen Fokus der App auf flüchtige, verschwundene Snaps ermöglicht Memories den Benutzern, ihre Snaps zu behalten, Snaps in der App zu speichern oder sie auf ihr Profil herunterzuladen.

Snapchat Memories erstellt eine andere Art von digitalen Scrapbooks. Während andere Plattformen es uns ermöglichen, uns an die ausgefeilten Versionen unseres Lebens zu erinnern, die auf Facebook und Instagram präsentiert werden, kann eine Montage von Snaps die Teile unseres Lebens festhalten, die sonst herausgeschnitten würden – die dummen, alltäglichen, nicht auf Hochglanz polierten, aber dennoch wichtigen und wertvollen Momente.

Wenn man nun Snaps herunterladen kann, stellt sich die Frage, wie die Plattform die Snapper dazu ermutigen kann, diese digitalen Scrapbooks in den Apps zu erstellen und mit ihnen zu interagieren? Das wirkliche Potenzial von Snapchat Memories liegt in „intelligenten“ Funktionen, die die Interaktionen der Benutzer mit ihren Inhalten bereichern. Die Nutzer können nicht nur nach Stichworten, sondern auch nach bekannten Objekten suchen und erhalten eine Sammlung von Snaps, die an ihrem aktuellen Standort aufgenommen oder in früheren Jahren am selben Datum gepostet wurden (Facebook-Funktion „An diesem Tag“). Diese Funktionen haben eine begrenzte Aufmerksamkeit erlangt, die teilweise durch den späteren Launch von Instagram Stories überschattet wurde, jedoch bieten solche Funktionen einen Mehrwert bei der Speicherung von Inhalten innerhalb der App selbst und erleichtern die Art der Einbindung durch Wettbewerber des Konzerns.

Kurzlebigkeit mag die Ursache für den frühen Erfolg von Snapchat gewesen sein. Dass die App aber in der Lage ist, ein ehrliches, unvollständiges und dauerhaftes Bild vom Leben seiner Nutzer einzufangen, dürfte vielleicht die beste Hoffnung auf Überleben darstellen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Smartphone“ by TeroVesalainen (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Die Netzpiloten sind Partner des Marketingmanagementkongress 2017

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Innovative Marketers aufgepasst! Vom 30.11 – 1.12 läd der MMK zum dritten Mal zum intensiven Austausch im Berliner Kongresszentrum bcc ein. Rund 600 Marketers aus Deutschland, Österreich und der Schweiz werden vor Ort sein und das Thema des Kongresses „Start the Game“ in den Fokus rücken: Dieses Jahr geht es um die Handlung und damit die Umsetzung aktueller theoretischer Erkenntnisse und Trends des digitalen Marketings.

Neben der Vorstellung der neusten Plattformen und der hippsten Content-Strategien, wird der Blick über den Tellerrand gewagt und die Frage gestellt: Wo liegt eigentlich mittlerweile die Kernkompetenz des Marketers?

So werden die Erfahrungen der international renommierten Referenten in fünf Themenstränge aufgeteilt: Dazu gehören „Leadership & Organisation“, „Brand Purpose & Experience“, „Content &Channels“ bis zu „Next Level“ und „Analytics“. So schafft MMK die ganze Bandbreite des Handlunsgfeldes innovativer Marketer aufzuzeigen und abzudecken.

Auf diese zwei Keynotes dürft ihr euch besonders freuen: Polly LaBarre, Gründerin des Fast Company Magazines untersucht seit 2 Dekaden innovationsfördernde Management- und Unternehmensstrukturen und zeigt auf, wie Innovation in den Alltag integriert werden kann. David Mattin, Global Heads of Trends und Insights, gilt als der Yoda des technologischen, sozialen und kulturellen Wandels. Schon jetzt wird er euch fünf Trends verraten, die die Konsumentenerwartungen im Jahr 2018 prägen werden.

Hier findet ihr weitere Informationen und das ganze Programm. Und das Beste: Mit dem Code PARTNERMMK17 gibt es 300 Euro Rabatt bei der Anmeldung.

Worauf wartet ihr? Start the Game!

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Die Netzpiloten sind Partner der Social Media Conference

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Am 17. und 18. Oktober öffnet die Social Media Conference in Hamburg ihre Tore. Ganz getreu dem Motto „Social Media Conference meets Content Marketing“, richtet sich diese Konferenz vor allem an Verantwortliche aus dem Bereich Marketing, Business Development und an Führungskräfte aus Unternehmen, die sich und ihre Produkte auf sozialen Kanälen ausbreiten und auf dieser Ebene professioneller werden wollen.

Wer an dem Tag vor Ort ist, der darf sich auf ein vielfältiges Programm mit namhaften Speakern freuen und sich mit Themen wie beispielsweise „Strategisches Content-Marketing: zielgerichtetes Storytelling“, „Social Media Erfolgsmessung“ und „Organische Reichweite vs. Social Advertising“ auseinandersetzen:

69 Insights from 41 Kilo of (Content)Marketing books in 60 Minutes!

  • Hier zeigen euch die Speaker AJ Huisman und Bert van Loon – die Gründer von Content Marketing Fast Forward – ihre Lieblingsbücher aus dem Marketing, die für moderne Vermarkter und Kommunikationsprofis unerlässlich sind.

Influencer Marketing – Wie kennzeichne ich werbliche Beiträge, Posts und Videos in Social Media richtig?

  • Wer wissen möchte, in welchen Fällen der Online Werbung eine Kennzeichnungspflicht herrscht oder wie Werbung von PR und Product Placement unterschieden wird, der erfährt von Dr. Martin Gerecke, Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht und Tomma Rabach, Inhaberin der Kommunikationsagentur „rabach kommunikation“, die besten Beispiele aus der Praxis.

Bewegtbild für Social Media

  • Thorwald Erbslöh – Geschäftsführer der bluehouse GmbH – erklärt den Teilnehmern in diesem Vortrag, unter anderem welches Video auf welchem Kanal am besten und wirksamsten funktioniert.

Generation Z

  • Charles Bahr – gerade einmal 15 Jahre alt – gründete schon in diesen jungen Jahren seine eigene Künstleragentur. In seinem Vortrag über die Generation Z erklärt er wie Jugendliche Werbebotschaften auf sozialen Netzwerken erreichen.

Wer diese spannenden Inhalte nicht verpassen und sich mit interessierten und begeisterten Teilnehmern vernetzen und austauschen möchte, der sollte sich diese beiden Tage unbedingt merken und am besten jetzt schon Tickets bestellen, denn hier erhalten die Besucher unter anderem nach der Veranstaltung die Möglichkeit die zur Verfügung gestellten Vorträge nach der Veranstaltung zu downloaden und am anschließenden Get-together teilzunehmen.

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Können sich alte Industriekonzerne zu Plattformen wandeln?

Automobilindustrie(adapted)(Image by MikesPhotos[CC0 Domain] via Pixabay)

Das autonome Fahren sei nicht alleine beherrschbar, zitiert Spiegel Online den BMW-Chef Harald Krüger. Genauso sehe es bei neuen Mobilitätsdiensten aus, also bei der Frage, wie die Menschen sich künftig jenseits des eigenen Autos und des bekannten öffentlichen Nahverkehrs fortbewegen, etwa mit selbstfahrenden Shuttlebussen.

„Das Automobil als Wirtschaftsfaktor reicht nicht mehr. Die Branche muss sich neu erfinden. Denn künftig werden die Autokäufer von heute dank autonom fahrenden Fahrzeugen eher neue Mobilitätsdienste nutzen, um ihr Ziel zu erreichen – und diese verstärkt mit anderen Nutzern teilen“, schreibt Spiegel Online-Redakteurin Kristina Gnirke. Gerade bei der Entwicklung autonom fahrender Autos zeige sich jedoch, wie knifflig dieser Wandel für die Autohersteller wird. Bislang würde jeder Konzern lieber seinen eigenen Weg ausprobieren.

Abwehrschlachten nach alten Rezepten

Und nicht nur das. Die Lobbyisten, wie VDA-Präsident Matthias Wissmann ergehen sich in überflüssigen Abwehrschlachten zur Bewahrung alter Konzepte. Da werden dann mahnende Stimmen sogar als „Feinde des Verbrennungsmotors“ tituliert. Auf diesem Diesel-Niveau sollte man nicht weiter agieren und seine Zeit mit Software-Updates verschwenden, kritisiert D2030-Geschäftsführer Klaus Burmeister bei der Vorstellung des Memorandums ‚Der Zukunft eine Stimme geben‘ in Berlin.

‚Es geht nicht um den Diesel. Es geht darum, bis 2030 ein vernetztes Mobilitätssystem zu erfinden, welches intermodal mit allen Verkehrsträgern in der Lage ist, weltweit zu konkurrieren. Wie bekommen wir einen Wandel hin‘, fragt Burmeister.

Die Gestern-Orientierung von Auto-Lobby und Politik lässt sich auch am Bundesverkehrswegeplan ablesen.

Teer, Beton und keine Infrastruktur für autonome Mobilität

„Da werden bis 2030 fast 300 Milliarden Euro in Teer und Beton investiert. Nur 500 Millionen Euro gehen in die vernetzte Infrastruktur für autonome Mobilität. Da stimmt das Bild nicht“, so Burmeister.

Aber können die Industriekonzerne mit ihrer alten Ego-Logik überhaupt anders agieren? Das bezweifelt Professor Martin Kornberger im Netzpiloten-Interview. „Die Prinzipien des Marktes gelten unternehmensintern nicht.“ Da setze man auf Hierarchie, Fließband-Fertigung und Kommandowirtschaft. Es seien zwei Systeme, die parallel laufen. „Das Versprechen des Marktes soll durch das Gegenteil eingelöst werden. Dieser Widerspruch steckt tief in der marktwirtschaftlichen Theorie und kann nur schwer überwunden werden“, erläutert Kornberger.

Plattformen als Ausweg

Die Auseinandersetzung mit Plattformen sei ein Ausweg. „Es gibt dort Marktelemente, Freiheitsgrade und sogar starke soziale Bindungen. Es gibt Nutzer, die freiwillig mitmachen. Die Autoindustrie braucht ein Ökosystem, das insgesamt Mobilität erzeugt. Diese Herausforderung wird in Wirtschaftskreisen fast überhaupt nicht diskutiert. Das ist aber die komplementäre Seite zur Veränderung der Technologie“, betont der Organisationswissenschaftler. Man könne das nicht nur auf neue Antriebsverfahren reduzieren.

Die Verschiebung in diesem alten Machtgefüge wolle keiner angehen. Man verharrt in der überkommenden Logik. Uber sei vom Ansatz her richtig gewissen. In der Ausführung wirke das allerdings monopolisierend und sei genauso limitierend wie die etablierten Konzepte. Es wäre tausendmal spannender, wenn es dabei Pluralität geben würde. Können die alten Industriekonzerne die Transformation zu Plattformen überhaupt bewerkstelligen?

Kornberger ist skeptisch: „Die Beispiele aus der Wirtschaftsgeschichte belegen eher das Gegenteil. Die Kutscher haben nicht das Automobil erfunden. Genauso wenig waren die Eiswürfel-Lieferanten die Wegbereiter für Kühlschränke. Es steckt unendlich viel Beharrungsvermögen und Macht in den Strukturen. Da ist es einfacher, bis zur letzten Minute Schreibmaschinen herzustellen als zu versuchen, ins Computer-Business einzusteigen. Es passiert relativ selten, dass sich große Unternehmen neu erfinden.“ Das ist ein dystopisches Szenario für die Platzhirsche. Von Einzelakteuren erwartet Kornberger keine Änderungen.

Kollektives Handeln organisieren

Relevant seien einzig und allein organisatorische Stellschrauben. „Das ist etwas Kollektives und das stimmt mich optimistisch, weil man zum ersten Mal kollektives Handeln durch das Internet anders organisieren kann. Es ist viel einfacher geworden, sich zu vernetzen. Projekte wie Wikipedia sind dafür die besten Beispiele. Die Kreativität der Crowd kann schon sehr beeindruckend sein, wenn man sie richtig organisiert.“ Wie kann das traditionelle Management dort hinkommen? Unternehmen wie BMW operieren doch noch nach Methoden des 19. Jahrhunderts. Sie sollten sich diese Methoden anschauen und damit experimentieren. „Das ist nicht Rocket Science. Die Top-Manager sollten endlich ihre Kontrollverlust-Ängste ablegen“, empfiehlt Kornberger von der Lyion Business School. Ob die alte Führungsgarde die dafür nötige Imagination mitbringt, darf bezweifelt werden.

Anstellen und Einstellen – da liegt das Problem im Personalmanagement

Müssen Nachwuchskräfte mit einem anderen Denken rekrutiert werden? „Die ganze Idee mit Anstellen und dann Einstellen ist der Kern der Hierarchie. Der oder die Richtige soll für einen genau definierten Job gefunden werden. Im Netzwerk läuft das anders.“ Wann werde dort jemand mit seinem Wissen relevant? Das sei abhängig von der Resonanz, vom Kontext und nicht vom Organigramm. „Die individualisierte Personalauswahl in Unternehmen tut sich damit schwer. Auf Plattformen ist diese Frage ausgelagert. Die behandeln das sehr viel flüssiger und dynamischer“, resümiert Kornberger im Vorfeld der Kölner Fachmesse Zukunft Personal. Das Notiz-Amt wird dort am 19. und 20. September in Halle 3.1 Stand F27 zum #StudioZ verwandelt und in Interviews mit Experten des Personalmanagements weiter diskutieren.


Image(adapted)„Automobilindustrie“by MikesPhotos [CC0 Public Domain]


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Die künstliche Hilfskraft: Wie ein Roboter jedes unserer Bedürfnisse errät

Banksy NYC, Coney Island, Robot (adapted) (Image by Scott Lynch [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Sie ist da – die Welt, in der Hilfsroboter mit uns leben, uns durch den Tag bringen und sogar unsere Freunde werden. Science-Fiction wird zur wissenschaftlichen Tatsache.Wie der Science-Fiction-Autor William Gibson offenkundig bemerkt hat: „Die Zukunft ist bereits hier – sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt.“ Die Nachfrage nach Hilfs-Robotern boomt, und sowohl die akademische als auch die industrielle Welt und das Militär machen Überstunden, um den Bedarf zu decken, während eine völlig neue Industrie an Fahrt gewinnt. Die Nachfrage wird durch die Existenz dieser langweiligen, schmutzigen und gefährlichen Jobs angekurbelt, die trotzdem gemacht werden müssen. Also durch dieser schlecht bezahlten Jobs, die als unter der Würde eines Menschen angesehen werden, zumindest in der entwickelten Welt. Was gäbe es also besseres als einen lebensechten Roboter, um uns von dieser Schufterei zu befreien?

Gute Gesellschaft

Natürlich müssen Roboter auch eine angenehme Gesellschaft sein, wenn wir sie in unser Leben lassen, unser Zuhause und unseren Arbeitsplatz mit ihnen teilen und sie Dinge für uns tun lassen sollen. Diese Anforderungen gelten für alle Roboter, nicht nur diejenigen, die laufen und sprechen, sondern auch für künstliche Intelligenz, die in größere Systeme oder das Internet integriert sind. Benutzerfreundlichkeit wird durch natürliche Sprache und affektives Berechnen erreicht, die es der KI erlaubt, Sie „kennenzulernen“, indem sie den Zyklus Ihres emotionales Zustands durch eine Ableitung Ihrer Stimmlage oder Körpersprache im Laufe der Zeit erkennt. Die Großen in der Technikwelt, wie etwa Google, Microsoft, Apple und Facebook, stecken großen Aufwand in Softwares, die Sprache verstehen können und als sogenannte Chatbots bekannt sind. Sie werden als die nächste große Sache angesehen. Der Vorstandsvorsitzende von Microsoft, Satya Nadella, sagte auf der Build-Konferenz in San Francisco im März, dass Chatbots, oder „Konversation als eine Plattform“, die nächste große Sache im Programmieren wäre, genauso wichtig wie der Wechsel zu graphischen Benutzeroberflächen, dem Webbrowser und Touchscreens. Das ist ein hoher Anspruch, nachdem viele sagen würden, dass dies wichtige Entwicklungsschritte der Interaktion zwischen Mensch und Computer sind. Chatbots bergen das Potenzial in sich, Computerressourcen für nicht-technische Benutzer leicht erreichbar zu machen. Man kann einen Chatbot nutzen, um einen Termin auszumachen, das Auto zur Inspektion anzumelden, Blumen für den ganz besonderen Jemand zu kaufen, einen Urlaub zu buchen, eine Wohnung zu finden oder besondere Interessen auszuleben. All dies wird möglich werden, wenn man einfach einen natürlich sprechenden digitalen Assistenten danach fragen kann, dies zu erledigen. Unter dem Deckmantel von Microsofts Cortana, Facebooks M, Apples Siri, Amazons Alexa und all denen, die noch kommen, werden sich diese kleinen Chatbots einschmeicheln und die Kontaktstelle zwischen Ihnen und den vielen Arbeiterrobotern sein. Sie werden wie eine Kombination aus Vorstandsassistent und Concierge sein, ein enger Vertrauter, der Ihre Bedürfnisse vorhersieht und die Aktivitäten der Vertreter auf einer niedrigeren Ebene reibungslos koordiniert, während diese ihrer Arbeit in der Cloud nachgehen.

Die Poeten von Silicon Valley

Schriftsteller finden heutzutage einträgliche Beschäftigungen in der Welt der Spitzentechnologie, wie neulich in der Washington Post berichtet wurde. Autoren, die einst Drehbücher und Gedichte geschrieben haben nutzen ihr Talent nun, um liebenswerte Charaktere für Chatbots zu erschaffen und ihnen coole Dinge einzupflanzen, die sie sagen können. Die neue Rasse intelligenter digitaler Assistenten sieht gut aus, klingt gut und werden unterstütz durch die neuste KI. Da der Trend hin zur Integration von Geräten in verschiedenen informationstechnologischen Umgebungen geht und den Menschen somit Zugang zu ihren Cloud-verbundenen Anwendungen und Daten über Plattformen hinweg gibt, ist es angemessen, zu erwarten, dass Ihr digitaler Assistent mit Ihnen geht, wenn Sie von einem Gerät zum nächsten wechseln oder von einem Ort zum anderen gehen. Wenn Sie beispielsweise Ihr Zuhause verlassen und in Ihr selbst fahrendes Auto steigen, das seine Batterien mit der Energie der Solarzellen auf Ihrem Dach selbständig geladen hat, wird derselbe digitale Assistent, mit dem Sie in Ihrem Heimarbeitsplatz interagiert haben, zur Stimme in Ihrem Auto werden, der Sie nun die Richtung ansagen. An einem bestimmten Wochentag wird das Auto Sie, wohlwissend, dass Sie zu dieser Zeit an diesem Tag normalerweise zur Arbeit fahren, in einem angemessen gesprächigen Tonfall fragen, ob dies Ihr Ziel ist, so wie es jeder gute Chauffeur tun würde. In der Folgewoche werden Sie ins Auto springen und es bitten Sie zur Arbeit zu bringen, aber der digitale Assistent wird sie an Ihren Arzttermin in Ihrem Kalender erinnern und sollten Sie nicht stattdessen dorthin fahren? Auf dem Weg zu dem Termin werden Sie einige Emails, die der Assistent verfasst hat, überprüfen und versenden. Sie haben außerdem die Zeit, die Inhalte eines Antrags zu diktieren, mit Hilfe Ihres wissenschaftlichen Mitarbeiters/Fahrers. Die Vorstellung eines intelligenten, natürlich sprechenden Assistenten wird trotzdem wahrscheinlich die vier Stadien der Ideenakzeptanz durchlaufen, wie sie durch den Britischen Genetiker John Burdon Sanderson Haldane beschrieben wurden:

  1. Das ist wertloser Unsinn
  2. Das ist eine interessante, aber abwegige Sichtweise
  3. Das ist wahr, aber ziemlich unwichtig
  4. Ich hab’s doch immer gesagt!

In etwa fünf, vielleicht auch erst in zehn Jahren, wenn wir unsere Skepsis überwunden haben und auf unsere digitalen Assistenten angewiesen sind, werden wir uns wundern, wie wir überhaupt jemals ohne sie zurecht gekommen sind. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Banksy NYC, Coney Island, Robot“ by Scott Lynch (CC BY-SA 2.0)


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Deutsche Unternehmen ohne Plattformkompetenz – Über die Silo-Politik der Hidden Champions

Roboter(image by Mixabest[CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons)

Ein Produkt ohne digitale Plattform ist völlig nutzlos, oder präziser formuliert: „Ein Produkt, das über keine Plattform verfügt, wird immer ersetzt werden durch ein äquivalentes Produkt, das mit einer Plattform ausgestattet ist“, so das Credo eines Google-Mitarbeiters, der die Netzstrategien seines Unternehmens in einem langen Kommentar zerstückelte und in einem kleinen Zeitfenster öffentlich lesbar war.

Google+ sei ein Musterbeispiel eines Unternehmens, das die Signifikanz von Plattformen absolut verkannt hat. „Das Nichterkennen dieser Bedeutung zieht sich von der höchsten Hierarchieebene der Geschäftsführung (hallo Larry, Sergey, Eric, Vic, wie geht´s Euch?) bis zur untersten Unternehmensebene der Mitarbeiter (hallo Ihr!). „Wir haben es alle nicht kapiert. Die goldene Regel der Plattformen lautet: ‚Eat your own dogfood‘. Die Google+ Plattform ist eine erbärmliche ‚Nachlese'“, bemerkt der Insider.

Die ‚Hundefutter-Regel‘ ist ganz einfach zu verstehen: Führungskräfte können ihren Entwicklern nicht einfaches Hundefutter vorsetzen, während sie sich selbst mit anderen Dingen beschäftigen. Das zu machen hieße, sich selbst des langfristigen Plattform-Wertes zu berauben, um einen kurzlebigen Erfolg zu erhaschen. Bei Plattformen ist eine langfristige Planung und Investition gefragt.

Falsches Kurzzeit-Denken bei Google

Bei Google+ handelte es sich um eine spontane Reflexreaktion, um eine Erforschung im Kurzzeit-Denken, orientiert an der falschen Vorstellung, dass der Siegeszug von Facebook darauf beruhe, ein geniales Produkt erfunden zu haben. Das sei nach Auffassung des zerknirschten Google-Mitarbeiters aber nicht der Grund, weshalb sie so erfolgreich sind. Facebook habe eine komplette Produktpalette aufgebaut, indem sie anderen Leuten gestatten, ihre Arbeit zu machen. Das mache den Zuckerberg-Konzern so einmalig. „Es gibt hundert oder sogar tausend unterschiedliche, zeitaufwändige Beschäftigungsformen mit hohem Qualitätsanspruch. Da ist für jeden etwas dabei.“

Google rekrutiert Leute

Das mittlerweile aufgelöste Google+Team habe den Anschlussmarkt für Dienstleistungen analysiert und dabei festgestellt: „‚Es wäre eine gute Idee, unser Angebotsspektrum um Computerspiele zu erweitern. Lasst uns jemanden rekrutieren, der diese Spiele für uns konzipiert‘. Verstehen Sie jetzt, wie unglaublich falsch dieser Gedankengang ist, vor allem aus heutiger Sicht? Das Problem ist, dass wir versuchen, zu prognostizieren, was die Leute wollen und es ihnen dann zur Verfügung stellen.“

Wer ist so gut wie Steve Jobs?

Dieser Ansatz sei unrealistisch und absolut nicht verlässlich. Es habe nur ein paare wenige, hochkarätige Menschen in der gesamten Welt der Computer-Geschichte gegeben, die in der Lage waren, eine zuverlässige Prognose zu erstellen. „Steve Jobs war einer von ihnen. Leider haben wir keinen Steve Jobs bei uns. Das können wir nun einmal nicht ändern.“

Larry Tesler mag Bezos überzeugt haben, dass er kein Steve Jobs sei. Bezos habe jedoch erkannt, dass es nicht zwingend eines Steve Jobs bedarf, um Konsumenten mit den richtigen Produkten zu versorgen: Wichtig sei es, Anwenderschnittstellen und Unternehmensabläufe als Workflows zu schaffen, mit denen die Benutzer gut und gerne arbeiten. Bezos musste nur externe Entwickler damit beauftragen.

Alles andere würde dann automatisch passieren. „Ich entschuldige mich bei all denjenigen dafür, die meine Ausführungen zu diesem Thema als ganz offensichtlich und auf der Hand liegend betrachten. Es ist in der Tat unglaublich evident. Und trotzdem unternehmen wir nichts dagegen. Wir schaffen weder Plattformen noch die richtigen Zugangsmöglichkeiten.“ Plattformen lösen das Problem des Zugangs und das bekommt man nur hin, wenn man selbst mit den digitalen Werkzeugen leidenschaftlich arbeitet.

Kirchturm statt Plattform

Das Notiz-Amt wünscht sich auch von deutschen Unternehmern und leitenden Angestellten in den Vorstandsetagen soviel kritischen Sachverstand, um die Logik der Digitalisierung und die Matching-Prinzipien des Netzes nicht nur zu verstehen, sondern auch in Geschäftsmodelle zu gießen. Den gleichen Sachverstand sollten Autoren wie Marc Beise und Ulrich Schäfer kultivieren, wenn sie in einem Buchprojekt mit dem Titel „Deutschland digital – Unsere Antwort auf das Silicon Valley“ Beispiele präsentieren, wie wir mit digitalen Fabriken, Robotern, Sensoren und Künstlicher Intelligenz wieder in den Angriffsmodus kommen.

Sie huldigen den üblichen Verdächtigen unter den Hidden Champions, singen das Lied von der verkannten Industrienation und beschäftigen sich nur wenig mit der Frage, wie die in ihrem Opus erwähnten Protagonisten persönlich in der Lage sind, das eigene digitale Hundefutter zu konsumieren. Etwa Till Reuter, der Chef des Robotik-Herstellers Kuka. Anstatt auf den Angriff von Google und Co. zu warten, will das Augsburger Unternehmen selber zum digitalen Angreifer werden und sein Geschäftsmodell radikal verändern.

Wenn die Roboter über die Computerwolke miteinander kommunizieren, könne Kuka künftig nicht bloß einzelne Roboter liefern, sondern gleich komplette Fabriken steuern. „Reuter will dazu eine flexible Lösung schaffen, eine Plattform, die für andere Anbieter offen ist, steuerbar auch über das Smartphone; mit Apps, die man nach Bedarf zusammenstellen kann“, schreiben Beise und Schäfer.

Meine Cloud, meine Maschinen, meine Marke

Reuter möchte die Prinzipien eines App-Stores auf den Maschinenbau übertragen und damit Geld verdienen. Bisher habe das Unternehmen seine schlauen Maschinen verkauft. Die Cloud ermögliche es nun, die Anzahl der Roboterbewegungen über das Internet exakt zu messen; es wird dadurch erstmals möglich, Roboter nach Leistung zu bezahlen.

Man werde die Maschinen deshalb künftig wohl nur noch vermieten und bekomme dann für jedes gefertigte Werkstück einen bestimmten Beitrag. Kling zunächst sehr smart. Den Knackpunkt benennen die Buchautoren unfreiwillig mit einem Reuter-Zitat: „Aber die Oberfläche wollen wir liefern, das look and feel soll Kuka sein.“ Die Marke, das Branding sei für die Augsburger entscheidend. Hat Reuter das Spiel der Vernetzung wirklich verstanden? Am Kuka-Wesen solle die Plattform-Welt genesen.

Mein digitaler Vorsprung, mein Stahlhandel

Und das ist kein Einzelfall im Opus der SZ-Autoren. So bringen sie Klöckner & Co.-Chef Gisbert Rühl ins Spiel, der zum Hoffnungsträger für den digitalen Wandel aufgehübscht wird. Er war einer der Ersten, die hierzulande nicht nur über Disruption sprachen, sondern diese Philosophie auch lebten.
Er reiste ins Silicon Valley und bekam die Empfehlung, Wetterdaten bei der Nachfrage nach Stahl zu berücksichtigen. Logik und Planung könnte man auf die Weise optimieren. Fein. Also mietete sich Rühl für eine Woche im Betahaus in Berlin-Kreuzberg ein, um neue Ideen für die Digitalisierung seiner Traditionsfirma aufzusagen. Schon mal nicht schlecht. Und was springt dabei raus. Silo-Denken: „Ob er eine Art Amazon für den Stahlhandel schaffen wolle, wird Rühl immer wieder gefragt. Ja warum nicht, antwortet er dann und fügt stolz hinzu, dass Klöckner & Co. bei der Digitalisierung weiter sei als alle Konkurrenten (jeder Bäckermeister lobt seine Brötchen); und zwar so weit, dass junge Programmierer den alten Stahlhändler mittlerweile als ziemlich hip empfinden: ein gewachsenes Traditionsunternehmen, das nun, der Plattform-Strategie von Airbnb oder Uber folgend, zur zentralen Plattform im modernen Stahlhandel aufsteigen will“, führen Beise und Schäfer aus. Am Klöckner-Wesen wird also wieder die Stahlwelt genesen. Mit Onlineshop-Weisheiten soll also ein offenes Ökosystem für die Stahlbranche entstehen? Was unterscheidet Alibaba von der Kirchturmpolitik des Klöckner-Chefs?

Viel Ego und wenig Eco

Wir könnten jetzt die führenden Köpfe der Hidden Champions von Trumpf bis Viessmann durchnudeln und würden erkennen, dass niemand auch nur in eine Richtung denkt, wie der offenherzige Google-Manager. Schaut Euch den Habitus dieser Top-Manager im Netz an und beurteilt dann, ob sie in ihrem persönlichen Verhalten auch nur ansatzweise eine digitale DNA mitbringen, um die Erkenntnis des Google-Insiders zu leben: „Ein Produkt, das über keine Plattform verfügt, wird immer ersetzt werden durch ein äquivalentes Produkt, das mit einer Plattform ausgestattet ist.“

Ist eine firmenunabhängige Plattform wie Alibaba für das industrielle Umfeld in Europa oder Deutschland in Sicht. Noch nicht einmal in Ansätzen. Die Mein-Label-Meine Marke-Mein digitaler Vorsprung-Fraktion der Industrie ist noch nicht einmal bereit, via Alibaba ins OEM-Geschäft einzusteigen.

„Original Equipment Manufacturer“ sind Unternehmen, die die Produkte des Herstellers in ihre eigenen Produkte einbauen; für den Endkunden ist nicht ohne weiteres erkennbar; welche Komponenten ein OEM in seinen Produkten verwendet. Mit deutschen Unternehmen sind solche Deals im Plattformgeschäft fast unmöglich, betont Nils Öldörp von der Agentur Minted Sourcing. Made in Germany wird heilig gesprochen. Da wird man dann irgendwann in Schönheit sterben, wie im Industrie 4.0-Konsortium.


Image „Roboter“ by Mixabest (CC BY-SA 3.0)


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No Comment – NPR deaktiviert Kommentarfelder unter den Artikeln

NPR Building (adapted) (Image by Cliff [CC BY 2.0] via flickr)

Demnächst wird es unter den Artikeln auf NPR.org nicht länger einen Kommentarbereich geben. NPR verkündete die Entscheidung vor wenigen Tagen in einem Blogeintrag mit der Erklärung, dass die Kommentarbereiche größtenteils verwaist sind, obwohl das Internetpublikum insgesamt über die Jahre stetig gewachsen ist. Nur ein Prozent von monatlich 25 bis 35 Millionen Lesern und Hörern hinterlassen einmalig Kommentare, die Anzahl regelmäßiger Verfasser von Kommentaren ist ebenfalls sehr gering. Stattdessen wendet sich NPR den sozialen Netzwerken zu – sowohl offiziell als auch über die privaten Profile seiner Journalisten – um mit seinem Publikum zu interagieren. Und das bedeutet, das Publikum auf den üblichen Plattformen wie Facebook (wo NPR mehr als fünf Millionen „Gefällt mir“ hat) und Twitter (mehr als sechs Millionen Follower) anzuziehen, sowie die Präsenz auf Snapchat, Instagram und Tumblr auszubauen. In dem Post hob Scott Montgomery, Redaktionsleiter für digitale Nachrichten, die NPR Facebook-Gruppe ‚Private Finances‘ hervor, die mittlerweile mehr als 18.000 Mitglieder aufweist. Weitere Bemühungen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen, so schrieb Montgomery, haben den Kommentarbereich weniger nützlich werden lassen:

  • „Wir haben in den besonderen Bemühungen, das Interesse der Leser- und Zuhörerschaft mit dem Tiny Desk Contest und Generation Listen (Generation Hören)völlig neue Maßstäbe gesetzt. Es gab zum diesjährigen Tiny Desk Contest mehr als 6000 Einsendungen und die Welt hat Gewinnerin Gaelynn Lea kennen gelernt. In der Zwischenzeit besuchen unsere Journalisten regelmäßig Treffen von Generation Listen und stellen so in NPR-Radiostationen im ganzen Land die Verbindung zur nächsten Generation von Fans des öffentlichen Radios her.“
  •  

  • „Bei uns widmet sich ein ganzes Team den Publikumsbeziehungen, welches jeden Monat tausende E-Mails von Hörern liest und persönlich beantwortet. Dieses unentbehrliche Forum begegnet Ihrem essenziellsten Feedback und Ihren Fragen und gibt uns einen Raum für gleichermaßen bedeutende Antworten. Unsere Seite help.npr.org operiert plattformübergreifend und ist jederzeit offen für Ihre Fragen und Anliegen.“
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  • „In den kommenden Wochen werden wir zusätzlich zur Weiterentwicklung unserer Herangehensweise in Bezug auf Live Interaktion auf Facebook beginnen, ein vielversprechendes neues Hilfsmittel zur Einbindung der Zuhörerschaft zu testen, das in den sozialen Medien bereits verwurzelt ist. Hearken ist eine digitale Plattform, die es den Journalisten und dem Publikum erlaubt, bei der Entwicklung von Ideen für Artikel als Partner zu agieren, und diese Plattform ist in Dutzenden von NPR-Radiostationen bereits in Gebrauch. Wir werden Hearken in unseren Goats and Soda Blog zu weltweiter Gesundheit und Entwicklung mit dem Potenzial für zukünftige Erweiterung involvieren.“

Zudem hat NPR in Elizabeth Jensen seine eigene Bürgerbeauftragte in Vollzeit, die dabei hilft, von Hörern angeschnittene Themen aufzugreifen. Selbstverständlich hat Jensen die Eliminierung der Kommentare abgewägt, in Erwartung einigen Widerstandes gegen die Tatsache, dass eine öffentliche Medienorganisation einen Kanal für öffentliche Beiträge entfernt. NPR benutzte die externe Plattform Disqus, ein System, das – so schrieb Jensen – „teurer wurde, je mehr Kommentare hinterlassen wurden, und innerhalb einiger Monate hat dies NPR zweimal mehr gekostet als im Budget veranschlagt„. In anderen Worten hat NPR die Kosten für eine kleine Gruppe von Menschen getragen, die nicht zwingend repräsentativ für das Gesamtpublikum waren: Nur 4300 Nutzer posteten je etwa 145 Kommentare, das sind etwa 67 Prozent aller auf NPR.org verfassten Kommentare innerhalb eines Zeitraumes von zwei Monaten. Mehr als die Hälfte aller Kommentare von Mai, Juni und Juli zusammen stammten von lediglich 2600 Nutzern. Es ist nicht möglich, Aussagen darüber zu treffen, wer die Verfasser dieser Kommentare sind; manche Nutzer kommentieren anonym. Aber es gibt einige Anzeichen, die darauf hindeuten, dass die Kommentierenden nicht völlig repräsentativ für das Gesamtpublikum des NPR sind: Sie kommentieren mit großer Mehrheit über den Desktop (jüngere Nutzer neigen dazu, NPR.org per Handy aufzurufen) und eine Schätzung von Google legte Montgomery zufolge nahe, dass die Verfasser zu 83 Prozent männlich sind, während unter der Gesamtheit der Nutzer von NPR.org nur 52 Prozent männlich sind. Joel Sucherman, NPR Abteilungsdirektor für digitale Produkte, teilte Jensen zudem mit, dass die Leser von NPR.org mit großer Wahrscheinlichkeit „innerhalb der nächsten sechs bis neun Monate neue Optionen sehen werden„. Auf Twitter wurde die Mitteilung überwiegend positiv begrüßt, obwohl manche Besorgnis über den wachsenden Einfluss sozialer Netzwerke äußerten. Die Kommentare unter Jensens und Montgomerys Posts sprechen jedoch so ziemlich für sich. Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „NPR Building“ by Cliff (CC BY 2.0)


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Wie man „digitale Lauffeuer“ in sozialen Medien überwacht

Smartphone (adapted) (Image by Christian Hornick [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Am 29. Oktober 2012 wurde New York vom Hurrikan Sandy getroffen. Es war eine Zeit großer Sorge und viele Leute wandten sich an Social Media-Plattformen wie Twitter und Facebook, um Neuigkeiten über Überschwemmungen, Stromausfällen, Schäden und mehr zu teilen und zu sammeln. Während dieser Zeit postete ein Twitter-Nutzer namens @ComfortablySmug eine Reihe von Kurzmeldungen über die Auswirkungen des Hurrikans. Diese beinhalteten Berichte, dass die Börse überflutet war, Manhattan einen kompletten Stromausfall erleben würde, und dass das U-Bahn-System für eine Woche geschlossen sei. Diese Meldungen waren sicherlich erschreckend – aber sie waren schlichtweg falsch.

Trotz fehlender Beweise zu den Behauptungen von ComfortablySmug wurden die Posts bald als Retweets weiterverbreitet und manche wurden als Fakten im Fernsehen aufgezählt. Es dauerte einige Zeit, bis die Behauptungen von den Organisationen widerlegt wurden. Die Verbreitung dieses Inhalts führte zweifellos zu mehr Angst während des Hurrikans.

 

In einem Bericht aus dem Jahr 2013 beschrieb das World Economic Forum die Posts von ComfortablySmug während des Hurrikans als bedrohliches „digitales Lauffeuer“. Diese brechen aus, wenn sich Inhalt, der entweder beabsichtigt oder unbeabsichtigt irreführt oder provokativ ist, schnell ausbreitet und ernste Konsequenzen nach sich zieht. Laut dem WEF-Bericht entsteht das Potenzial digitaler Lauffeuer häufig durch die gegenwärtige Beliebtheit sozialer Medien und durch die Art, wie die Plattformen die Verbreitung und das Teilen von Inhalten ermöglichen. Sie breiten sich besonders in Zeiten von Spannungen rasch aus – zum Beispiel gab es zahlreiche Fälle von nicht verifizierten aufrührerischen Inhalten, die sich nach den jüngsten Terrorereignissen rasch verbreiteten. Ein manipuliertes Bild des Journalisten Veerender Jubbal, ein Kanadier indischer Abstammung, brachte ihn fälschlicherweise mit verschiedenen Terrorakten in Verbindung – sein Bild schwappte nach den Anschlägen in Paris im November 2015 und nach dem Amoklauf in Nizza im Juli 2016 durch das Netz. Die Verbreitung weiterer falscher Gerüchte in Folge des Anschlags in Nizza – zum Beispiel, dass der Eiffelturm brannte, und dass einige Stadtbewohner als Geiseln genommen wurden – veranlasste die französische Regierung dazu, an Nutzer sozialer Medien zu appellieren, dass diese nur Informationen von offiziellen Quellen teilen sollten.  

Es ist offensichtlich, dass digitale Lauffeuer verheerende Konsequenzen für den Ruf von Einzelpersonen, Gruppen, Gemeinschaften und sogar ganzen Bevölkerungen nach sich ziehen können. Inzwischen macht das Tempo, mit dem sich Inhalte verbreiten, es für offizielle Agenturen sehr schwierig, auf diese rechtzeitig zu reagieren: Zu dem Zeitpunkt, an dem die Verbreitung der Inhalte sich verlangsamt oder endet, ist möglicherweise bereits großer Schaden entstanden. Aber was kann getan werden, um die Verbreitung von Fehlinformationen zu begrenzen oder zu verhindern?

Wenn wir akzeptieren, dass digitale Lauffeuer durch die schnelle Verbreitung von irreführenden oder provokativen Inhalte in sozialen Medien massive Schäden anrichten können, können wir ebenso fragen, wie sie verwaltet und gesteuert werden können. Die Auswirkungen dieser „globalen Risikofaktoren“, wie das WEF sie beschreibt, können theoretisch begrenzt werden – die Frage ist nur, wie das geschehen soll.

Eine Antwort darauf ist für einige Gruppen von Belang: Politische Entscheidungsträger, Social Media-Plattformen, Strafvollzugssorganisationen, Erzieher, ganz normale Bürger, Organisationen, die sich gegen sexuelle Belästigung einsetzen und die Nutzer sozialer Medien selbst. Es ist auf alle Fälle ein enorm komplexes Thema.

Zunächst kann es schwierig sein, praktische Lösungen zu identifizieren. Zum Beispiel könnten wir legale Mechanismen in Betracht ziehen, um Individuen für unangemessene Posts zu bestrafen. Jedoch erschwert die weltweite Nutzung des Internets die Rechtsprechung und in jedem Fall würden die legalen Strafen rückwirkend angewandt, was nicht sonderlich dazu beiträgt, die digitalen Lauffeuer in Echtzeit zu bewältigen.

Zudem müssen wir uns mit ethischen Fragen zur Redefreiheit auseinandersetzen. Jeder Versuch, Einzelpersonen davon abzuhalten, Inhalte zu posten oder zu teilen oder ganz extreme Formen zu verbieten, würde wahrscheinlich von vielen Gruppen, auch von der Mehrheit der Social Media Plattformen, als eine nicht akzeptable Begrenzung der freien Meinungsäußerung angesehen werden.

In unserem Forschungsprojekt versuchen wir, Möglichkeiten für verantwortliche Regierungsmechanismen zu identifizieren, die die Schäden aufgrund irreführender oder provokativer Inhalte bewältigen können und zugleich die Redefreiheit schützen.

Seit Beginn der Untersuchungen im Jahr 2014 konzentrierten wir uns auf Selbststeuerung als ein potenziell verantwortliches und effektives Mittel zur Regulierung von Inhalten. Nutzer sozialer Medien würden ihr eigenes und das Onlineverhalten anderer verwalten – zum Beispiel durch Postings, um falsche Informationen zu korrigieren, die Verbreitung von Gerüchten zu verhindern, Hassreden entgegenzustehen und vieles mehr. All das könnte durch weitere technische Mechanismen unterstützt werden. Obwohl es unwahrscheinlich ist, dass Selbststeuerung jemals alleine vollständig effektiv sein wird, und auch ein Risiko des Anprangerns und digitaler Selbstjustiz in sich birgt, kann es in Echtzeit wirken und Massenverbreitung von Posts verhindern, die zu digitalen Lauffeuern führen könnten.

Im Laufe unseres Projektes unternehmen wir rechnerbasierte Modellierungsarbeit, um die Auswirkung selbstregulierender Praktiken auf die Verbreitung von Inhalten zu untersuchen. Wir beschäftigen uns auch mit relevanten Akteuren, um weitere Maßnahmen wie Bildungsprogramme zu beurteilen. Eine Gemeinschaftsbildung im Netz könnte die Selbststeuerung in sozialen Medien fördern, festigen und verbessern, um Bedrohungen durch digitale Lauffeuer zu begrenzen.

Dieser Artikel wurde von Marina Jirotka verfasst, die dabei von ihren Kollegen des Digital Wildfire Projekt Teams unterstützt wurde: Helena Webb, William Housley, Rob Procter, Adam Edwards, Bernd Stahl, Pete Burnap, Omer Rana und Matthew Williams. Obwohl Twitter eine öffentliche Plattform ist, gibt es unter Forscher die Debatte, ob es ethisch vertretbar sei, Tweets in Veröffentlichungen zu benutzen und für ein größeres Publikum bereitzustellen. Die Tweets dieses Artikels wurden nach folgenden Bedingungen ausgesucht: Sie kommen entweder von institutionellen Accouncts, oder sind von Usern, die schon länger als Personen des öffentlichen Lebens zu definieren sind.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Smartphone“ by Christian Hornick (CC BY-SA 2.0)


The Conversation

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Wie Blockchain Musikern helfen könnte, von ihrer Musik zu leben

135365 (adapted) (Image by Ninac26 [CC BY 2.0] via Flickr)

In den 15 Jahren nach Napster wurde es für Musiker schwerer, von ihrer Musik leben zu können – zumindest von Musikaufnahmen. Sinkende CD-Umsätze, illegale Downloads, die niedrige Bezahlung von legalen Streaming-Plattformen und eine Verlagerung zum Kauf von Singles anstelle ganzer Alben sind mit dafür verantwortlich. In letzter Zeit wenden sich zahllose Musikindustrieprojekte bestimmten Technologien zu, die eine mögliche Lösung dieses Problems bilden. Darunter sind Mycelia, gestartet von der Sängerin, Songwriterin und Produzentin Imogen Heap und Dot Blockchain Music, gestartet von PledgeMusic-Gründer Benji Rogers. Dann gibt es noch Ujo Music, Blokur, Aurovine, Resonate, PeertracksStem and Bittunes, welches bereits Nutzer in 70 Ländern angibt. Diese Projekte verbindet, dass sie alle auf dem Prinzip Blockchain basieren. Blockchain ist eine Software, die Bitcoin und andere Kryptowährungen unterstützt. Sie besteht aus Datenblöcken, die in chronologischer Reihenfolge kryptografisch verkettet sind und hat zwei Schlüsselfunktionen. Sie ist unveränderlich: Daten können nicht abgeändert werden. Und sie ist verbreitet, statt zentralisiert zu sein: Viele exakte Kopien werden unabhängig voneinander erhalten. Die Blockchain-Technologie wurde als die Antwort auf die Probleme diverser Industrien, wie zum Beispiel des Bankwesens, dem Diamanthandel, dem Online-Glücksspiel und der Mode, sogar auf die Frage hin, wie wir die moderne Gesellschaft regieren, angepriesen. Wie kann es also den Musikern helfen?

Man muss es besitzen

Das erste Problem, das Musiker haben, lässt sich auf den Fakt herunterbrechen, dass keine verständliche Datenbank von Urheberrecht und Eigentum von Musik existiert. Es gibt mehrere Datenbanken, doch keine enthält jedes existierende Lied – wenn ein Song in mehr als einer Datenbank auftaucht, sind die Daten oft widersprüchlich. Blockchain, wie Vinay Gupta es vor kurzem ausdrückte, ist sowohl eine Datenbank als auch ein Netzwerk. Wenn Urheberrechtsinformationen durch einen kryptografischen Fingerabdruck (wie ein Barcode) in Blockchain gespeichert werden würden, wären aktuelle Informationen für alle Nutzer erreichbar, statt in der Hand von bestimmten Torwächtern zu sein.

Bezahlt werden

Das zweite Problem ist die Bezahlung. Hörer können mit einem Klick direkt auf die Songs zugreifen, doch gemäß eines Berichts von Rethink Music kann es Jahre dauern, bis die Tantiemen diejenigen erreichen, die für das Erschaffen des Songs verantwortlich sind. „Smart contracts“, die in der blockchain durch die Software durchgesetzt werden, könnten die Tantiemen in vereinbarte Portionen aufteilen, sobald der Song heruntergeladen oder gestreamt wird. Solche Mikrobezahlungen mögen sich in jetzigen Systemen nicht lohnen, doch Systeme, die mithilfe von Kryptowährungen wie Bitcoin gebaut wurden, können Bezahlungen in Bruchteilen von Cents ermöglichen.

Licht auf dunkle Stellen werfen

Drittens ist der Mechanismus, mit dem Tantiemen errechnet und bezahlt werden, oft undurchsichtig. Ein Teil des Umsatzes endet manchmal in einer Art „schwarzen Kasse“, außerhalb der Greifweite des Künstlers und Songwriters, dem er rechtlich gehört. In einer Diskretions- und Vertraulichkeitsvereinbarungskultur können Künstler (oder ihre Manager) ihre Bezahlungen nicht richtig überprüfen, wenn Sie sich nicht sicher sind, wie viel ihnen zusteht.

Die Zukunft fördern

Das letzte Problem ist das Geld, das vorab notwendig ist, um Musikern zu helfen, neue Musik zu komponieren. Es wird oft gesagt, dass Künstler keine Plattenfirmen mehr brauchen, doch Geld wird durchaus gebraucht, um kommerziell konkurrieren zu können – und das bedeutet, man braucht normalerweise immer noch die Unterstützung eines substantiellen Labels – ganz besonders von einem der drei verbleibenden „Riesen“: Sony, Universal und Warner. Die Transparenz, die von der Blockchain-Technologie geboten wird, könnte helfen, neue Investoren anzuziehen, genau wie Investoren, die momentan davon abgeschreckt sind, wie schwierig es ist, einen klaren Weg zum Profit für Musiker zu erkennen. Es könnte auch zur Entstehung von „artist accelerators“ führen, ähnlich denen, die für Technologie-Start-Ups bereits verfügbar sind, bei denen frühe Unterstützung mit einem Anspruch auf zukünftiges Einkommen belohnt wird, überwacht und automatisch durch „inteligente Verträge“ bezahlt. Die gleiche Transparenz und Nachvollziehbarkeit könnte Crowdfunding ermutigen, bei denen Künstler Anteile vergeben, die bei zukünftigem Einkommen in Geld umgetauscht werden können.

Mögliche Risiken und Belohnungen

Dies ist eine neue Technologie und neues Terrain. Außerhalb der Musikindustrie hat ein weiteres Blockchain-verwandtes Projekt, The DAO („decentralised autonomous organisation“ = dezentralisierte autonome Organisation), Millionen von Dollar an Spenden erhalten, nur um dann gehackt zu werden. Das Geld wurde schließlich gestohlen. Bitcoin überlebte eine ähnliche Krise, als Millionen während des Skandals um die Plattform Mt Gox gestohlen wurden. Auch wenn das nicht das Ende für die Blockchain-Technologie bedeutet, dient dies doch als eine Erinnerung an die Risiken, wie auch für das Potenzial. Blockchain hat die Unterstützung von Banken und sogar einigen Regierungen. Es gab bereits signifikante Investitionen in mehreren Industrien, einschließlich der Musikindustrie: Stem, eine Firma, die Einkommen von Streaming-Plattformen verfolgt und organisiert, hat in diesem Jahr nach Expertenangaben 4,5 Millionen US-Dollar beschafft. Einige der Behauptungen von Blockchain wurden bereits abgeschwächt, doch Blockchain hat definitiv das Potenzial, die Musikindustrie zu verändern. Wir müssen allerdings überlegen, ob dies die beste Möglichkeit ist, das Problem zu beleuchten. Zum einen gibt es nicht die eine Musikindustrie – die gern auch mal fälschlicherweise als Plattenindustrie bezeichnet wird – sondern es existieren verschiedene Industriezweige rund um die Musik. Die Blockchain-Technologie würde sie nicht unbedingt alle in derselben Weise beeinflussen. In jedem Fall ist garantiert, dass sich in dieser Hinsicht etwas ändern könnte – nicht aber, dass dies passieren wird. Es müssen erhebliche Hindernisse überwunden werden, angefangen mit Problemen mit Kryptowährungen selbst bis zu Sorgen über die Integrität der Daten sowie Widerstand aus der Industrie selbst, die diese neue Technologie als Bedrohung wahrnimmt. Vielleicht sollten wir nicht fragen, ob die Blockchain-Technologie die Möglichkeit hat, die Musikindustrie (hier in der Einzahl gemeint) zu verändern. Stattdessen sollten wir fragen, ob der Wille zur Veränderung da ist und – wenn das der Fall ist – wo und wie die beträchtlichen Hindernisse zur Anpassung überwunden werden können. Außerdem müssen wir uns fragen, wie die Auswirkungen – sowohl die negativen als auch die positiven – auf die verschieden Musikindustrien aussehen könnten. Dies sind die Fragen, die ich und meine Forschungskollegen der Middlesex- Universität in einem Bericht und einer Podiumsdiskussion in London stellen werden. Doch dies ist erst der Anfang. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „135/365“ by Ninac26 (CC BY 2.0)


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This.cm: Limitierte Linkschleuder statt Instant-Inhalte

Social Media apps (adapted) (Image by Jason Howie [CC BY 2.0] via Flickr)

Während die großen Plattformen immer hermetischer werden, setzt der neue Dienst This.cm darauf, dass Nutzer Links auf andere Online-Angebote verbreiten. Egal ob Facebook oder andere soziale Netzwerke: am liebsten möchten die Macher, dass wir ihre Plattformen nie verlassen, um Inhalte anderswo im Netz zu rezipieren. Mit immer neuen Programmen und technischen Vorkehrungen steigern sie unsere Verweildauer, um Daten auszuwerten und Werbung zu präsentieren. Dieser Strukturwandel der Netzöffentlichkeit wird von Pionieren der Online-Kommunikation und den medialen Verlierern im Kampf um Aufmerksamkeit beklagt. This.cm rückt nun den Link in den Mittelpunkt seines Angebots.

Zuletzt war es die Facebook-Initiative für Instant Articles, die das Publikum in helle Aufregung versetzte: Der Gigant gestattet kooperierenden Medienunternehmen Artikel nicht nur als Links mit Vorschau-Text zu publizieren, sondern in Gänze einzuspeisen. Die Kooperation beinhaltet darüber hinaus Absprachen bezüglich der Anzeigen im Umfeld dieser Artikel, sowie über den Austausch von Daten über die Leser betreffender Beiträge. Dieser Deal kann im Detail als unfair kritisiert oder aus medienethischen Erwägungen problematisiert werden. Zeit Online warnte gar vor der “Privatisierung der Meinungsfreiheit”. Nun scheint aber die Umsetzung des Vorhabens insgesamt nicht ganz so geschmeidig zu funktionieren, wie die Integration der externen Inhalte in den Newsfeed der Nutzer.

Vom Bücher- zum Fernsehinternet

Unabhängig davon trifft die deprimierende Diagnose zu, die Hossein Derakhshan stellt, nachdem er nach mehreren Jahren Haft mit der aktuellen Anmutung des Netzes konfrontiert wurde. Der Vater der iranischen Blogger-Bewegung schreibt:

Der Stream, mobile Apps und Bewegtbild, all das zeigt, dass wir uns von einem Bücherinternet hin zu einem Fernsehinternet bewegen. Wir scheinen uns von einer nicht-linearen Art der Kommunikation – Knoten, Netzwerke und Links – hin zu einer linearen mit Zentralisierung und Hierarchien bewegt zu haben.

Publiziert wurde der Beitrag zuerst bei “matter”, einer Publikation bei Medium.com. Matter Ventures ist wiederum ein Akzelerator für Medien-Startups. Dieser hat gerade mit anderen Akteuren die Finanzierung für die nächste Version eines vielversprechenden Projekts übernommen.

Weniger ist mehr

Bei This.cm handelt es sich um eine Ausgründung aus dem Verlag Atlantic Media, der nicht nur das US-Magazin “The Atlantic”, sondern unter anderem auch das innovative Online-Angebot Quartz herausgibt. Im Mittelpunkt von This.cm. steht, dass Nutzer jeweils einen Link teilen. Im Gegensatz zu den großen Plattformen und zu magazinartigen Anwendungen wie Flipboard oder Zite, geht es jedoch nicht darum, diesen dann möglichst nahtlos in das eigene Angebot zu integrieren. Darüber hinaus soll Qualität vor Quantität gehen. In einer Pressemitteilung wird der Anspruch so formuliert:This. is a curation platform for people passionate about journalism, art and entertainment. It allows users to find and share the best of the web by limiting each to sharing just one link a day.” Oder wie Gründer und CEO Andrew Golis im Firmen-Blog proklamiert: “This. is a great place to be a link.” Bedarf es gegenwärtig noch der Einladung, soll die Anwendung dann ab Herbst allen offen stehen. Um bis dahin einen ersten Eindruck zu erhalten, bekommen Interessierte, die auf der Warteliste für die Registrierung stehen, einen Newsletter mit täglich fünf “Editor’s Picks”. Wie sich in seinem This.-Profil nachlesen lässt, hat Golis dort übrigens einen Link auf “The Web we have to save” von Hossein Derakhshan geteilt.


Image (adapted) “Social Media apps”by Jason Howie (CC BY 2.0)


 

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Sollten wir Uber und Airbnb lieben oder gegen sie protestieren?

Taxi cabs at Penn Station (adapted) (Image by Marcin Wichary [CC BY 2.0] via Flickr)

Proteste gegen die erfolgreichen Apps Uber und Airbnb, mit denen man Mitfahrgelegenheiten oder kurzzeitig eine Unterkunft mieten kann, weiten sich aus. Außerhalb des Flughafens von Mexico City hat ein wütender Mob ein paar Uber-Taxis mit Steinen und Schlagstöcken angegriffen. Das war der neueste Vorfall in einer Reihe von weltweiten Protesten gegen die erfolgreiche App, die Mitfahrgelegenheiten vermittelt. Über 1.000 Taxifahrer blockierten vor ein paar Tagen die Straßen Rio de Janeiros. In Ländern wie Frankreich, Deutschland, Italien und Südkorea ist der Service nur eingeschränkt nutzbar oder sogar komplett verboten. Es gab auch Proteste gegen die Plattform Airbnb, mit der man kurzzeitig eine Unterkunft mieten kann.

Keine der Plattformen zeigt Anzeichen eines Schocks

Uber ist in 57 Ländern verfügbar und generiert Einnahmen von hunderten Millionen US-Dollar. Airbnb gibt es in mehr als 190 Ländern und bietet mittlerweile über 1,5 Millionen Räumlichkeiten an.

Journalisten und Unternehmer haben schnell bestimmte Begriffe geprägt, mit denen man versucht, die sozialen und ökonomischen Veränderungen zu beschreiben, die mit solchen Plattformen einhergehen: “Sharing Economy”, “on-demand economy”, “peer-to-peer economy” und so weiter. Jeder Begriff bezeichnet einen der Aspekte des Phänomens, kann aber das vollständige Potential und dessen Widersprüche nicht erschöpfend beschreiben. Dazu gehört auch die Frage, wieso manche Leute die Services lieben, während andere sie am liebsten kurz und klein schlagen würden.

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Wie mexikanische Taxi-Fahrer auf Uber reagieren (Quelle: Screenshot)

Sozialökonomen glauben, dass der Markt immer auf einer ihm zugrunde liegenden Infrastruktur basiert, der es den Menschen ermöglicht herauszufinden, welche Güter und Services angeboten werden, dass man sich hier auf Preise und Bedingungen einigen kann und was einem hier für sein Geld geboten wird, dass der andere Part der Absprache nach, der Bezahlung Folge leistet. Das älteste Beispiel ist das eigene soziale Netzwerk: ein Händler weiß per Mundpropaganda, was angeboten wird und treibt nur Handel mit Personen, die er selber kennt.

In der Moderne können wir nun auch Geschäfte mit Fremden machen. Wir haben Institutionen entwickelt, um diese Art des Handels verlässlich zu machen, wie Privateigentum, einklagbare Verträge, standardisierte Gewichts- und Maßangaben und einen gewissen Kundenschutz. Dies ist Teil eines historischen Kontinuums, angefangen bei alten Händlerrouten über mittelalterlichen Markthandel mit bestimmten festgeschriebenen Verhaltensregeln, bis hin zur staatlichen Regelung des frühen Industriezeitalters.

Natürliche Auslese

Ökonomen und Historiker haben in den 1980ern die Theorie aufgestellt, dass man sich nur langsam in Richtung einer noch effektiveren natürlichen Auslese bewegt. Die Menschen wollen günstigere, leichtere, sichere und effizientere Institutionen, wie sie durch neue Technologien und organisatorische Innovationen ermöglicht werden. Die alten und schwerfälligen Einrichtungen werden laut Theorie nicht mehr genutzt. Im Gegenzug wird die Gesellschaft effizienter und ökonomisch erfolgreicher.

Es ist sicherlich leicht, diese Plattformen als nächsten Schritt in dieser Entwicklung zu sehen. Auch wenn sie keine staatlichen Institutionen ersetzen, können sie doch ein paar Lücken füllen. Zum Beispiel ist es vergleichsweise teuer und mühsam, einen Vertrag vor Gericht auszuhandeln. Die Plattformen bieten eine günstigere und einfachere Alternative an, denn sie bieten die Möglichkeit, sich über den Ruf eines Teilnehmers eine Meinung zu bilden, indem man sein Verhalten beobachtet und sich die letzten Bewertungen durchliest. Uber tut dies mit Hilfe von der Regierung ausgegebenen Lizenzen innerhalb der Taxi-Infrastruktur.

So wird hier beispielsweise die Qualität, die Vertrauenswürdigkeit und das Bezahlmodell angesprochen. Auch bei Airbnb gibt es ein ähnlich weitreichendes System auf dem Feld der Kurzzeitvermietung. Die Anbieter auf diesen Plattformen sind nicht nur Konsumenten, die ihre Quellen besser nutzen wollen, es gibt auch hier Firmen und Profihändler, die aus der staatlichen Infrastruktur herübergespült worden sind. Es ist, als würden die Menschen und Unternehmen ihre nationalen Einrichtungen verlassen und in Massen an einen Ort namens „Platform Nation“ einwandern.

Nachteil oder Vorteil?

Die theoretische Argumentation der natürlichen Auslese besagt, dass die Regierung die Menschen nicht davon abhalten sollte, Services wie Uber und Airbnb zu nutzen oder ihnen weniger effiziente Regeln aufzuerlegen. Man muss die Menschen mit den Füßen abstimmen lassen. Aber ist das nicht doch zu sehr vereinfacht? Wenn Kunden zu einer neuen Einrichtung wechseln, haben die Händler kaum eine Wahl, sie müssen ihnen nachfolgen. Auch wenn die Taxifahrer die neuen Regeln von Uber nicht besonders schätzen, werden sie dennoch feststellen, dass es außerhalb der Plattform noch schwieriger sein wird, seinen Geschäften nachzugehen und werden sich früher oder später ohnehin einreihen müssen.

Zu guter Letzt verändert sich der Markt eben doch. Das Ganze kann heruntergebrochen werden auf den Terminus “Macht schlägt Vielfalt”. Selbst wenn alle Teilnehmer freiwillig mitmachen, kann das Arrangement doch nachteilig für die Gesellschaft sein. Es könnte sich negativ auf Drittparteien auswirken, wie es bei Airbnb beispielsweise schon vorkam, dass sich die Nachbarn durch den Lärm der Gäste gestört gefühlt hatten, oder dass man mit dem Verkehr oder den örtlichen Regelungen nicht zurecht kam. Im schlimmsten Fall macht solch eine Plattform die Gesellschaft noch weniger effizient, indem eine “Mitfahr-Ökonomie” etabliert wird.

Sobald diese Interessenskonflikte beigelegt sind, ist es an den politischen Institutionen, den Markt zu regieren. Sozialwissenschaftler finden oft mehr über den Markt heraus, wenn sie die politischen Institutionen genauer betrachten. Ein Beispiel ist die Hotelindustrie: Die Regierung vor Ort versucht, die Interessen der Hoteliers und deren Nachbarn auszugleichen, indem Hotels nur in bestimmten Bereichen erlaubt werden. Bei Airbnb gibt es keine solche Regel, die eine dritte Partei mit einschließt. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb 74 Prozent der Airbnb-Unterkünfte sich nicht in den Gegenden befinden, wo es viele Hotels gibt, sondern eher in den normalen Wohngegenden.

Natürlich laufen die Aufsichtsbehörden hier Gefahr, von den derzeitigen Akteuren eingelullt zu werden, oder zumindest könnten Regelungen getroffen werden, die zum Nachteil späterer Marktteilnehmer ausgelegt werden könnten. Ein Beispiel wäre hier die Taxi-Lizensierung, bei der es eine strenge Einschränkung der Anzahl von Taxifahrern gibt.

Welche Qualität auch immer den Kunden versprochen wird, die potentiellen Fahrer zählen hier definitiv zu den Verlierern. Vor diesem Hintergrund wirkt die Plattformen beinahe wie radikale Erneuerer. Beispielsweise will Uber bis 2020 mehr als eine Million Jobs für Frauen schaffen. Dieses Versprechen wäre so nicht möglich, wenn man sich an die Lizenzen der Regierung halten müsste, denn die meisten Taxilizenzen besitzen wiederum Männer. Andererseits definiert Uber seine “Jobs” als sehr viel prekärer und unternehmerischer, als man es allgemein tun würde.

Ich möchte mich hier auf keine der Seiten schlagen, sondern verdeutlichen, dass die sozialen Auswirkungen sehr unterschiedlich sein können. Beide Positionen haben ihre Vor- und Nachteile, vieles davon kann bis zu den politischen Einrichtungen und deren Repräsentanten zurückverfolgt werden.

Welche neuen ökonomischen Einrichtungen werden mit den neuen Plattformen aufgebaut? Und wie unterscheiden sie sich? Welche Konsequenzen wird es geben? Wessen Interessen werden hier bedient? Dies sind die Fragen, die Regierungsbeamte, Journalisten und Sozialwissenschaftler stellen sollten. Ich hoffe, wir werden in der Lage sein, neue Wege zu finden, um das Beste aus dem alten und dem neuen System herauszufiltern, um eine neue Infrastruktur für eine Ökonomie zu erschaffen, die sowohl fair und einschließend, als auch effizient und innovativ ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf The Conversation und steht unter CC BY-ND 4.0 (die Übersetzung ist auf Nachfrage von der ND-Regelung ausgenommen). Übersetzung von Anne Jerratsch.


Image (adapted) “Taxi caps at Penn Station” by Marcin Wichary (CC BY 2.0)

Screenshot by Vili Lehdonvirta


 

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