Industrie 4.0: Die Informatisierung des Alltags

Die USA und Asien diktieren die Informatisierung des Alltags – in Deutschland redet man lieber über Industrie 4.0. Für Professor Friedemann Mattern von der ETH Zürich war schon im Jahr 2007 klar, dass wir mit der Informatisierung des Alltags einen fundamentalen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft erleben werden. Dahinter steht die Vision von intelligenten Umgebungen und smarten Alltagsgegenständen, die mit digitaler Logik, Sensorik und der Möglichkeit zur drahtlosen Vernetzung ausgestattet ein “Internet der Dinge” bilden, in dem der Computer als eigenständiges Gerät verschwindet und in den Objekten der physischen Welt aufgeht. Neue Technologien ermöglichen eine allgegenwärtige Verfügbarkeit von Informationen und Diensten, in deren Zentrum nicht mehr die Maschine mit ihren technischen Möglichkeiten und Grenzen, sondern der Mensch mit seinen individuellen Anforderungen und Wünschen steht. Der Rechner wirkt nur noch im Hintergrund als unaufdringliche, aber stets verfügbare elektronische Assistenz.


Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie, die sich im Vorfeld der Konferenz MSFT Explained mit Fragen der Digitalisierung unserer Gesellschaft auseinandersetzt.


Smarte Alltagsgegenstände

Computer waren anfangs raumfüllende Geräte, die viele Millionen kosteten. Erst vor gut 30 Jahren wurden sie so klein und billig, dass sich auch Privatleute einen “persönlichen” Computer leisten konnten. Heute geht es nicht mehr um stationäre PCs oder Laptops, sondern um allgegenwärtige Mikroprozessoren, die wertvolle Dienste in Smartphones, Maschinen und Haushaltsgeräten leisten. Das satellitenbasierte GPS war anfangs nicht für den zivilen oder gar “populären” Einsatz gedacht. Inzwischen stecken Lokalisierungsfunktionen in fast jedem Gegenstand – vom Trekking bis zur Navigation oder der Mitteilung über Reiserouten, Jogging-Strecken und Social Web-Ortsmitteilungen.

Viele Alltagsgegenstände sind ‚smart’, indem sie mit Informationstechnologie zum Sammeln, Speichern, Verarbeiten und Kommunizieren von Daten ausgestattet werden. Sie erhalten so eine gegenüber ihrem ursprünglichen Zweck erweiterte Funktion und damit eine neue, zusätzliche Qualität. Etwa Autoreifen, die den Fahrer benachrichtigen, wenn der Luftdruck abnimmt oder Medikamente, die sich rechtzeitig bemerkbar machen, bevor ihr Haltbarkeitsdatum abläuft. Idealerweise können smarte Dinge nicht nur mit Menschen und anderen smarten Gegenständen kommunizieren, sondern auch erfahren, wo sie sich befinden, welche anderen Gegenstände in der Nähe sind, was in ihrer Umgebung los ist sowie drahtlos auf externe Datenbanken zugreifen und passende Internet-basierte Services nutzen.

Rasensprinkler konsultiert Wetterprognose

Selbst banale Gegenstände erfahren eine Aufwertung. So gewinnt ein automatischer Rasensprinkler nicht nur durch eine Vernetzung mit Feuchtigkeitssensoren im Boden an Effizienz, sondern auch durch die Konsultation der Wetterprognose im Internet.

“Die Lokalisierung von Dingen wird immer einfacher, billiger und genauer machbar. Das ist ein mächtiges Paradigma”, so Mattern. Durch die bessere Beobachtung kann man Probleme früher erkennen und bei Mensch sowie Maschine vorbeugend eingreifen.

Beim “wearable computing” geht es weniger darum, medienwirksame Cyborg-Phantasien oder Jacken mit eingebautem MP3-Player zu realisieren. Viel mehr darum, durch unaufdringliche, ständig verfügbare Sensorik und Kommunikationstechnik dem einzelnen Menschen in persönlicher Weise zu dienen, ihn jederzeit an informationsverarbeitende Dienste im Hintergrund anzubinden, seine Sinne zu schärfen und ihn mit aktuellen Informationen zu versorgen; ihn also sicherer und mächtiger zu machen. “Das sind zwei bedeutende Triebkräfte, die zur Durchsetzung der neuen Technologien führen”, erklärt Mattern. Soweit die theoretischen Erörterungen. Es sind keine Hirngespinste, sondern Tendenzen, die unser Alltags- und Wirtschaftsleben verändern.

4.0-Begriffsgeklingel statt Taten

Deutschland spielt bei diesem Paradigmenwechsel auf der Anbieterseite eine Nebenrolle. Inflationäres 4.0-Begriffsgeklingel und Konferenz-Gerede können nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir kaum Unternehmen wahrnehmen, die international in der ersten Liga der Netzökonomie spielen. Deutschland braucht eine Digitalisierungsstrategie, die über die Förderung der produktionsbezogenen Industrie 4.0 hinausgeht und die öffentliche Verwaltung ebenso einschließt wie das Gesundheitswesen, die Bildung und die private Nutzung des Internets der Dinge. So das Credo des “Jahresgutachtens der Expertenkommission Forschung und Innovation”, das ihr Vorsitzender Dietmar Harhoff vom Münchener Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb der Regierungschefin Angela Merkel überreicht hat. Die starke Fokussierung der Bundesregierung auf einen relativ kleinen Bereich der Digitalisierung sei nicht zielführend. So werde mit Industrie 4.0 einseitig auf Effizienzsteigerungen bei der Produktionstechnik abgehoben. “Hier bedarf es dringend einer überzeugenden Gesamtstrategie. Die ‚Digitale Agenda‘ erfüllt diesen Anspruch nicht, auch wenn sie eine hilfreiche Sammlung von Analysen und Handlungsnotwendigkeiten liefert”, schreiben die Wissenschaftler.

Start-ups, die mit ambitionierten Geschäftsmodell-Innovationen neue Quellen der Wertschöpfung aufbauen, haben in Deutschland derzeit keinen ausreichenden Zugang zu Wagniskapital und Wachstumsfinanzierung. Die Expertenkommission erneuert ihre Empfehlung, auf die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Wagniskapital und die Einrichtung eines Börsensegments für Wachstumsunternehmen hinzuwirken. “Kompetenzen im Umgang mit digitalen Technologien und Geschäftsmodellen sind in der Breite zu fördern – in allen Ausbildungs- und Weiterbildungssegmenten.

Selbst bei Firmenübernahmen spielen Deutschland und Europa keine Rolle

Kritisch sehen die Studienautoren auch die deutsche Informatik, die in weiten Teilen zu abstrakt aufgebaut sei und sich nur mühsam der praktischen Anwendung nähere. Dringend raten die Autoren der Politik, der internetbasierten Wirtschaft sehr viel mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Deutschland habe seine Förderung bisher zu defensiv auf die Erhaltung und Weiterentwicklung seiner klassischen Industrien wie Autoproduktion und Maschinenbau konzentriert: “Die derzeitige Situation ist alarmierend. Deutschland hat nicht nur in den klassischen Informations- und Kommunikationstechnologien in den letzten Jahrzehnten an Boden verloren. Viel gravierender ist, dass deutsche Unternehmen in den neuen Bereichen der digitalen Wirtschaft, in denen Kompetenzen bei der Verwendung IT-basierter Prozesse ausschlaggebend sind, bisher keine Stärken aufbauen konnten. Es sind US-Unternehmen, die die Aktivitäten in der internationalen Internetwirtschaft dominieren.

Allein die Marktkapitalisierung von Alphabet übertrifft die aller deutschen Unternehmen in der gesamten digitalen Wirtschaft. Zu den kapitalstärksten Unternehmen der Internetwirtschaft zählen hierzulande Zalando, United Internet und etablierte Unternehmen wie Axel Springer. Selbst deren Marktkapitalisierung ist im Vergleich zur Gruppe Silicon Valley-Konzerne nur sehr langsam gewachsen. Zu den Anwendungsfeldern, die zur weiteren Expansion der digitalen Wirtschaft führen, zählen Smart Home, Internet der Dinge, neue Formen der Kommunikation wie WhatsApp, Robotik, durch Computer und Datenbrillen erweiterte Realitätswahrnehmung (augmented reality), virtuelle Realität, sowie Mobilität oder Sicherheit. Also alles Aktivitäten, die von kapitalstarken Konzernen der Internetwirtschaft in Asien und USA beherrscht werden. Und selbst bei den Übernahmen, die von diesen Unternehmen ausgehen, spielen Deutschland und Europa eine untergeordnete Rolle.

Bei der Informatisierung des Alltags über das Internet der Dinge spielen wir nur noch in der Kreisliga.


Image (adapted) „„Activate the world“ (or: what „mobile“ really means)“ by Mike (CC BY 2.0)


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Gunnar Sohn

Gunnar Sohn

ist Diplom-Volkswirt, lebt in Bonn und ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist, Moderator und Blogger.

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