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Was macht einen Digital Hero aus? – Blogparade #FitnessProgramm4punkt0

Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel. Unter dem Begriff „Digitale Transformation“ brechen auch viele traditionsreiche Unternehmen mit alten Strukturen. Höchste Zeit, denn immer mehr Start-ups sprießen empor. Junge Unternehmen mit frischen Ideen, die den Nerv der Zeit treffen und Wege gehen, die vor allem die jüngere Generation erreichen.

Doch wie rüstet man sich für die digitale Welt? Welche Fähigkeiten und welche Einstellung braucht ein „Digital Hero“ in der Industrie 4.0? Im Rahmen der Blogparade #Fitnessprogramm4punkt0 des DigiDays widmen wir uns den besonderen Herausforderungen der neuen Arbeitswelt.

Lerne selbst zu lernen

„Google es doch einfach“ wird eher damit in Verbindung gebracht, dass wir Dinge nicht mehr wissen müssen, weil wir es ja jederzeit nachschauen können. Richtig genutzt, können wir damit aber selbst unser bester Lehrer sein.

Natürlich kann man Mitarbeiter einfach schulen und darauf vertrauen, dass die daraus gewonnenen Erkenntnisse schon ausreichen werden. Doch die heutige Arbeitswelt ist einem steten Wandel unterworfen. Wer mit der Technik geht, muss auch mit den ständigen Änderungen Schritt halten. Für jede Änderung eine eigene Fortbildung zu machen, wäre auf Dauer zu teuer.

Das klingt jetzt, als wenn man völlig auf sich allein gestellt wäre. Ein Großteil der Antworten finden sich allerdings bereits im Internet und wir müssen nur lernen, sie zu finden. Dafür ist ein sicherer Umgang mit Google und ein Gefühl für vertrauenswürdige Ergebnisse unerlässlich. Eine universelle Anleitung für qualitative Suchergebnisse gibt es dabei nicht – es sind Erfahrungswerte, die dem Digital Hero schon an Quelle, Titel und Kurzbeschreibung erkennen lassen, ob sich überhaupt ein genauerer Blick lohnt.

Keine Angst vor dem Quereinstieg

Gerade weil die Industrie 4.0 neue Arbeitsweisen erfordert, kommt es nicht nur auf die harten Skills an. Neuere Berufsbilder sind zum Teil nicht einmal klar ausformuliert und viele Unternehmen wissen selbst kaum, was sie wirklich suchen. Zwar sind Community Manager, Content Manager, Social Media Manager und Online Marketing Manager unterschiedliche Berufe, doch deren Aufgabenfelder überschneiden sich trotzdem je nach Ausschreibung.

Wer sich in der digitalen Welt Zuhause fühlt, der hat zumindest schon einen halben Fuß in der Tür, selbst wenn er keine Ausbildung in seinem angestrebten Feld hat. Eine Leidenschaft fürs das Thema oder das Produkt sind für den Digital Hero umso wichtiger – auch weil Schema F nicht mehr funktioniert. Der neue Kunde will mittlerweile viel persönlicher angesprochen werden.

Ein Blick auf die Automobilindustrie verdeutlicht die Entwicklung. Viele klassische Hersteller haben noch ein großes Budget für Marketing auf den klassischen Kanälen. Tesla ging einen völlig anderen Weg und machte sich Social Media zum wichtigsten Marketinginstrument. Trotzdem gab es hunderttausende Vorbestellungen des Model 3. Mehr, als das Unternehmen zunächst abarbeiten konnte.

Dass Tesla stets Probleme mit roten Zahlen hatte und erst jetzt langsam den Berg an Vorbestellungen abarbeitet, lassen wir mal außen vor. Tesla hat es jedoch geschafft mit einem modernem Marketing und einem modernen Produkt Kunden anzusprechen, die sich mit den alten Marken nicht mehr identifizieren konnten. Mittlerweile erkennen auch die großen Hersteller die Zeichen der Zeit und versuchen in Sachen Elektromobilität aufzuschließen.

Die Anpassungsfähigkeit eines Chamäleons

Gerade weil sich die digitale Landschaft immer wieder wandelt, müsst ihr euch als Digital Hero immer wieder auf neue Situationen einstellen können. Selbst in einem vermeintlich modernen Berufsfeld wie der Software-Entwicklung, tun sich einige alte Hasen schwer, sich auf die neue Welt einzulassen.

In Programmiersprachen wie COBOL wurde ein Programm noch strikt von oben nach unten durchgeschrieben. In den neuen Programmiersprachen arbeitet man objektorientiert, zerlegt das Programm in einzelne Objekte, die miteinander kommunizieren. Nicht alle Programmierer haben diesen Umstieg in der Strukturierung geschafft. (Vor allem Banken suchen trotzdem händeringend COBOL-Entwickler).

Auch die Projektplanung in der Softwareentwicklung entsprach früher einem sehr linearen Verlauf. Beim Wasserfallmodell gab es klar abgegrenzte Phasen. Es wurden Anforderungen aufgestellt, ein Entwurf ausgearbeitet und schließlich programmiert. Getestet wurde im Anschluss.

Mittlerweile haben sogenannte Agile Entwicklungsmethoden wie Scrum das alte Modell abgelöst. Statt eines von Anfang an festgelegten Plans, gibt es Sprints von einer bis mehrerer Wochen, in denen an kleinen Teilaufgaben gearbeitet wird. Durch die kurzen Abstände und der stetigen Rücksprache mit dem Kunden kann flexibel auf neue Anforderungen oder Erkenntnisse aus dem bisherigen Programm reagiert werden. Kurze tägliche Meetings sorgen zudem dafür, dass alle auf dem aktuellen Stand sind und die Zusammenarbeit verschiedener Bereiche funktioniert.

Das Bild des stillen Nerds ist also auch in der IT längst überholt. Stattdessen wird vom Digital Hero vor allem Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Kommunikationsstärke gefordert. Junior-Entwickler haben zwar nicht immer alle Fachkompetenzen, dafür aber das notwendige Mindset bestenfalls schon in der Ausbildung verinnerlicht.

Auch Arbeitsgeber in der Pflicht

In der Industrie 4.0 wird also erwartet, dass der Digital Hero sich neuen Begebenheiten anpassen kann, selbstständiger ist, aber trotzdem auch im Team funktioniert. Diese neuen Herausforderungen machen den Arbeitsalltag meistens vielseitiger. Auf der anderen Seite sorgen die kurzen Projektphasen und die ständige Bewertung der Arbeit für Stress. Der agile Burnout droht.

Work-Life-Balance heißt das Zauberwort, das die Arbeitsbedingungen der digitalisierten Arbeitswelt angenehmer machen soll. Dieser Ausgleich von Berufs- und Privatleben kann ganz unterschiedliche Gesichter haben. Start-ups locken beispielsweise mit Kicker-Tischen, einer Spielekonsole oder einer eigenen Bar. Aber auch die großen Tech-Riesen im Silicon Valley lassen sich nicht lumpen.

Facebook hat beispielsweise Restraurants, eine Eisdiele, eine Trainingshalle, einen Friseur und noch vieles mehr direkt auf ihrem Unternehmensgelände. Die Mitarbeiter können private Dinge quasi beim Arbeitsplatz regeln, haben mehr Zeit und fühlen sich mehr mit dem Unternehmen verbunden. Die Arbeit wird zum Leben.

Andere Ansätze gehen über die Arbeitszeit. Gleitzeit oder Home Office sorgen für eine flexiblere Zeiteinteilung. Auch alternative Arbeitsmodelle wie eine 30-Stunden-Woche können den Stress deutlich reduzieren und dabei trotzdem die Produktivität verstärken. Das österreichische Unternehmen emagnetix hat die Arbeitszeit sogar bei vollem Lohnausgleich auf 30 Stunden umgestellt. Auch in Schweden hat man 30-Stunden-Modelle ausprobiert – mit größtenteils positiver Erfahrung. Die Produktivität der Arbeitnehmer ist höher, die Krankheitsanfälligkeit dafür niedriger.

Fazit: Arbeitnehmer und Arbeitgeber müssen umdenken

Die neue Arbeitswelt stellt ganz andere Herausforderungen als noch vor der Digitalisierung. Der Digital Hero muss flexibel sein, sich selbst Dinge anlernen und am besten ein Netzwerk um sich herum aufbauen. Doch auch Arbeitgeber müssen eine Unternehmenskultur schaffen, mit der sich seine Angestellten identifizieren und sich nicht in den Burnout arbeiten.

Dafür bietet der moderne Arbeitsmarkt mehr denn je Chancen, sich selbst zu verwirklichen und auch den Quereinstieg zu wagen, wenn die Softskills dafür vorhanden sind. Ein Digital Hero kann in jedem stecken – mit oder ohne Cape. 


Image by luismolinero via stock.adobe.com

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Netzpiloten @Digital Transformation Summit

Wir kennen keinen Bereich, der nicht mit den Herausforderungen der Digitalisierung befasst ist. Der Digital Transformation Summit will am 22. November in Berlin das wichtige Thema im Festival-Style auf zwei Bühnen und mit Workshop-Areas vermitteln. Wir Netzpiloten sind wieder mit dabei, wenn der Veranstalter WirtschaftsWoche bewährt hochkarätig die Unternehmerschaft weiterbildet.

Welche Speaker werden da sein?

Zur Keynote-Rede werden wir Digitalisierungs-Ministerin Dorothee Bär hören. Die Ohren spitzen werden wir außerdem bei Helge Braun, dem Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramts, wenn er darüber referiert, wie Deutschland zum KI-Spitzenreiter werden wird. Ganz besonders interessant dürfte der Vortrag von Daniel Krauss, Dirk Kügler und Andreas Sujata werden. In ihrer Präsentation wird es um die urbane Mobilität in der Zukunft gehen. Die drei bringen als Mitbegründer & CIO von Flixbus, Institutsdirektor des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt und als Director Sales & Marketing für StreetScooter auf jeden Fall eine geballte Ladung Fachwissen für ihren Vortrag mit.

Um welche Themen wird es gehen?

  • Künstliche Intelligenz und Roboter
  • Mobility
  • Financing
  • Industrie 4.0

Und sonst noch? – 15% Netzpiloten Rabatt!

Reguläre Tickets sind noch auf der Website zu bekommen. Für Young Professionals und Existenzgründer gibt es noch einmal einen satten Nachlass. Mit folgendem Code gibt es 15% Netzpiloten-Rabatt: M-DTS18-NP.  Auf geht’s!

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Netzpiloten @Blockchain Future Festival

Eines der wichtigsten und gleichzeitig kompliziertesten Themen dieser Zeit ist Blockchain. Wer jenseits von Krypto-Währung die vielfältigen weiteren Anwendungsbereiche verstehen will, muss sich umfassend weiterbilden. Unser Tipp: Das Blockchain Future Festival am 21. Februar 2019 in Stuttgart! Wir Netzpiloten sind mit dabei, wenn es einen ganzen Tag lang darum geht, wie das bahnbrechende System potenziell alle Unternehmensbereiche beinflussen wird.

Welche Speaker werden da sein?

Vertreter verschiedener Industriezweige und Unternehmensbereiche berichten von Ihren Erfahrungen mit dem Einsatz der neuartigen Technologie. Bereits bestätigte Referenten sind zum Beispiel der Informatik-Professor und Blockchain-Spezialist Rudolf Bayer. Spannend wird’s sicherlich auch mit Jochen Kaßberger, dem Mitbegründer von blockLAB Stuttgart. Wir freuen uns auch auf Simon Schwerin, dem Direktor im Bereich Business Development bei der Xain AG.

Um welche Themen geht es?

  • Blockchain und Industrie 4.0
  • Zukunft der Energie, Mobilität und Finanzen
  • Social Impact
  • Sport/Entertainment

Und sonst noch?

Im Moment sind noch die Early Bird Tickets zu haben als Student Pass, Business Pass oder VIP Pass. Auf ein angenehm Köpfe-rauchendes Festival in Stuttgart! 

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Netzpiloten @Servus KI!

Warum der Zukunft nicht einfach mal ein zünftiges „Servus!“ entgegenrufen! Wir sind dabei wenn am 28. September im schönen Nürnberg das Servus KI! Festival steigt. Alles dreht sich um das Trendthema „Künstliche Intelligenz“ – stark bezogen auf die Region. Veranstaltet von Deutschlands erste Akademie für digitale Transformation sind wir schon mal sehr gespannt, welche Impulse von diesem Herbsttag ausgehen werden. 

Was gibt es auf der Servus KI! zu entdecken?

Die Teilnehmer erwartet neben aufschlussreichen Vorträgen von Wissenschaftlern, Strategen oder Gründern auch viel Interaktives mit Paneldiskussionen, Workshops und sogar einer Erlebnisfläche mit sechs Ausstellern. Alles steht unter dem Motto „Verbinden, erleben, inspirieren“. Freut euch zum Beispiel auf den Vortrag der Gründerin von datanizing, Stephanie Fischer, den Innovationsmanager Daniel Betsche (Fiducia & GAD IT AG) und auch auf Prof. Dr. Ulf Pillkahn von der FOM University for Economy and Business.

Welche Themen erwarten euch?

  • Machine Learnig
  • Industrie 4.0
  • AI in the wild
  • KI trifft auf Altbewährtes, wie könnte die Zukunft aussehen?
  • Gesundheitsanalyse per KI
  • Risiken und Chancen von KI
  • selbstfahrende Autos
  • digitale Sprachassistenten 
  • künstliche und organische Intelligenz

Das wars noch nicht!

Wir wären ja nicht im freundlichen Frankenland, wenn es sich hier nicht bei angenehmster Atmosphäre (und Bier und Brotzeiten) bestens vernetzen ließe. Sichert euch jetzt die Tickets. Wir sehen uns in Nürnberg!

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Gigaset GS185: Kollege Roboter macht das erste Smartphone „made in Germany“ rentabel

Gigaset GS185 Smartphone-Fertigung

Technisch ist das Gigaset GS185 keine Besonderheit. Im Netzpiloten-Test überzeugt das Einsteiger-Smartphone als ein im besten Sinne unauffälliges Modell zum günstigen Preis für unter 200 Euro. Zum Smartphone-Star der Stunde machen es hingegen Art und Ort der Herstellung. Anders als praktisch alle anderen Mobiltelefone läuft es nicht in Asien vom Fließband, sondern entsteht in einem deutschen Werk. Diese Überraschung gelingt dem kleinen Hersteller, weil er zum großen Teil auf moderne, smarte Roboter und das Internet of Things setzt. Bei einem Werksbesuch in Bocholt nahe der niederländischen Grenze ermöglichte uns Gigaset Einblick in ein Musterbeispiel für die Industrie 4.0 und zeigte uns, wie das erste Smartphone „made in Germany“ entsteht.

Ein kleines Kapitel deutsche Industriegeschichte – ein sehr kleines

Ob Smartphones, Fernseher oder Kameras: Unterhaltungstechnik stammt nur noch ganz selten aus Deutschland. Bei Mobiltelefonen ist das nicht anders. Nokia und Siemens machten ihre Produktion hierzulande vor einem Jahrzehnt spektakulär dicht.

Die inzwischen unabhängige Ex-Tochter von Siemens bricht nun mit diesem Trend. In Bocholt, wo bis 2006 Siemens-Handys ohne Apps und modernes Internet das Werk verließen, baut Gigaset nun das erste Smartphone, dass das Siegel „made in Germany“ zieren darf. Zusätzlich bemerkenswert ist, dass es sich um kein Luxusprodukt handelt, bei dem sich hohe Lohnkosten rechnen, sondern eben ein günstiges Einsteiger-Gerät mit deutlich niedrigerer Marge. Egal wie dieses Pilotprojekt ausgeht, ist Gigaset daher ein Eintrag in der deutschen Wirtschaftsgeschichte sicher. Die Zuversicht ist aber so groß, dass der Hersteller uns am Rande der Werkstour bestätigte, noch im Laufe des Jahres ein zweites Smartphone in Bocholt zu produzieren.

Gigaset Smartphone Verpackungsstation
Rund 2.000 Exemplare des Gigaset GS185 verpacken die Mitarbeiter pro Woche in Bocholt. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Trotz allem hebt der kleine Hersteller den weltweiten Smartphone-Markt damit wohlgemerkt nicht aus den Angeln. Denn vorerst verlassen die Fertigungsstrecke auf einer Etage in einem Nebengebäude des Werks pro Woche nur rund 2.000 Exemplare des Gigaset GS185, also etwas über 100.000 Stück pro Jahr. Bei entsprechender Nachfrage ließe sich die Produktion kurzfristig um zwei Schichten und einem Ausstoß von bis zu 6.000 Geräten pro Woche aufstocken. Im Verhältnis zu den 1,5 Milliarden Smartphones, die alle Hersteller zusammen im Jahr 2017 weltweit verkauft haben, ist das jedoch verschwindend gering.

Warum Gigaset das deutsche Smartphone-Experiment wagt

Gigaset verdient sein Geld überwiegend noch mit Festnetztelefonen für Privatkunden. Doch davon verkauft der Hersteller weniger und weniger, weil immer mehr Menschen auch von zuhause aus mit dem Smartphone telefonieren. Stattdessen setzt Gigaset Hoffnung in Sicherheitsprodukte für das Smart Home und mehr noch in Smartphones. Zur Premiere erwies sich High-End-Smartphone Gigaset ME im Jahr 2015 zwar als Flop. Hingegen Einsteiger-Smartphones wie das GS160 oder Mittelklasse-Geräte wie das GS270 und das GS370 finden Gefallen.

Gigasets Smartphone-Geschäft ist jedoch noch ein smartes Pflänzchen. Es droht von den Platzhirschen des Marktes zu zertrampelt werden, wenn der Hersteller nicht eine sichere Nische findet. Daher plant Gigaset sich im Smartphone-Wettbewerb einen Vorteil zu verschaffen, indem der Hersteller großen Mobilfunkprovidern und Händlern ermöglicht, sie ohne große Vorlaufzeit „just in time“ zu beliefern. Holt die Geräte ein Lkw von einem Werk in Deutschland ab, geht das einfacher und flexibler, als wenn asiatische Fabriken erst die Produktion ankurbeln müssen.

Vorteile für Kunden

Schnell und in kleinen Chargen produzieren zu können, versetzt Gigaset zudem in die Lage, Modelle nach Kundenwünschen zu konfektionieren. Großbesteller können schon jetzt Namen auf den Rückseiten eingravieren und eigene Apps auf das Gigaset GS185 aufspielen lassen. Bis diese Form der „Mass Customization“ aber einzelnen Endverbrauchern ermöglicht, ihr Gigaset-Smartphone so individuell zu designen wie etwa einen Sportschuh, braucht Gigaset noch Zeit, das Geschäft auszubauen.

Für Verbraucher am praktischsten an der deutschen Produktion ist aber, dass die Gigaset das GS185 auch in Bocholt repariert. Eine Etage unter der Smartphone-Fertigung beseitigen Beschäftigte Displaybrüche und andere Schäden innerhalb eines Tages. Dadurch müssen Kunden nicht wochenlang auf ein Ergebnis warten. Zudem erhalten sie ihr eigenes Gerät und kein Austauschgerät zurück, sodass alle Einstellungen und installierten Apps dableiben, wo sie waren.

Gigaset Kundenservice Bocholt
Vorteil von „made in Germany“. Gigaset repariert auch Geräte in Deutschland, und zwar innerhalb eines Tages. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Der werbepsychologische Vorteil eines Smartphone „made in Germany“ ist laut Unternehmenssprecher Raphael Dörr nur ein Nebeneffekt und war nicht Vater des Gedanken. Nichtsdestotrotz macht sich das Marketing von Gigaset das Siegel gern zunutze und verwendet es auf dem Gerätekarton, Werbeanzeigen und der Webseite.

Ein 100-prozentiges Smartphone „made in Germany“ ist das Gigaset GS185 nicht

Die Bezeichnung „made in Germany“ sollten Käufer nicht auf die Goldwaage legen. Tatsächlich bezieht Gigaset fast alle Komponenten aus Asien. Die Bocholter Mitarbeiter fügen die Bauteile lediglich zusammen. Anschließend installieren sie die Android-Software, testen die Gerätequalität und packen das Smartphone in den Karton, der als einziger Produktbestandteil von deutschen Zulieferern stammt. Nur die Endmontage unterscheidet das GS185 von anderen Gigaset-Smartphones. Diese importiert Gigaset komplett aus Asien.

Die Voraussetzungen für das Siegel „made in Germany“ erfüllt das Gigaset GS185 dennoch. „Über 60 Prozent der Wertschöpfung rund um das GS185 entstehen in Deutschland. Dazu zählt zum Beispiel auch das äußere Design des Geräts und die Konzeption des Produkts, also, welche Funktionen es besitzen soll“ erklärt Jörg Wißing, Leiter Automatisierung bei Gigaset in Bocholt.

Ein vollständig in Deutschland gefertigtes Gerät ist aber utopisch. Beispielsweise bei Displays haben koreanische und japanische Herstellern die Nase uneinholbar vorn. „Ein 100-prozentiges Smartphone ‚made in Germany‘ wird es bis auf Weiteres nicht geben“, betont Jörg Wißing.

Gigaset Jörg Wißing
Gigaset-Smartphones sollen künftig mehr Komponenten aus eigenem Haus enthalten, Leiterplatten etwa. Eine 100-prozentige Fertigung ist dennoch nicht möglich, so Jörg Wißing von Gigaset.

Dennoch will Gigaset die Lücke verkleinern und den Anteil der Wertschöpfung auf 75 Prozent erhöhen. Denn Gigaset verfügt bereits über die Maschinen für die Kunststoff-Gehäuseschalen und für die grünen Leiterplatten. Noch sind diese zwar mit der Produktion für die DECT-Festnetztelefone ausgelastet, für die Smartphone-Fertigung aber bereits umgerüstet. Diese auch dort einzusetzen, wäre attraktiv. Weil die Anlagen soweit automatisiert sind, dass nur noch wenige Arbeitskräfte benötigt werden, kommt Gigaset eine Fertigung damit günstiger, als die Bauteile gegen Aufpreis bei Zulieferern einzukaufen und anliefern zu lassen.

Industrie 4.0: Roboter und Menschen arbeiten am Gigaset GS185 Hand in Hand

Einsteiger-Smartphones in Deutschland zu fertigen, rechnet sich für Gigaset, weil Roboterarme 60 Prozent der Aufgaben übernehmen. Dadurch kommt der Hersteller mit zehnmal weniger Arbeitskräften aus. „Wenn asiatische Auftragsfertiger 20 Menschen am Fließband benötigen, schaffen wir das in Bocholt mit zwei Beschäftigten“, erklärt Jörg Wißing.

Die Roboter übernehmen keinen Fertigungsschritt exklusiv, sondern arbeiten Hand in Hand mit den Beschäftigten. Es handelt sich nämlich um eine neue Generation „kollaborierender Roboter“, die kleiner, beweglicher und interaktiver sind. Sie müssen nicht in Glaskästen gesichert werden, wie ihre Vorgänger in der Festnetztelefon-Produktion.

Im Zusammenspiel erledigen Roboter stark standardisierte und sich wiederholende Tätigkeiten, die menschliche Mitarbeiter ermüden und langweilen würden. Stattdessen kümmern sich die Beschäftigten um komplexere Aufgaben. So greifen Roboterarme die Bauteile vom Vorratsstapel und halten sie in Position, damit die Beschäftigten sie montieren können. Auch die mechanische Qualitätskontrolle der Tasten und des Touch-Displays nimmt Kollege Roboter vor. Ein anderer Fall ist es, wenn die Schutzfolie vom Display zu entfernen oder Kabel in der Gehäuseschale zu montieren sind. Damit kommen menschliche Hände besser klar.

Gigaset Smartphone-Fertigung Bocholt
Diese kleine Fertigungsstrecke genügt für 2.000 Smartphones pro Woche, weil Mensch und Roboter zusammenarbeiten. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Teilweise fußt die Smartphone-Fertigung zudem auf Ansätze der Industrie 4.0. So müssen die Mitarbeiter bei einigen Teilschritten nicht eingreifen. Stattdessen kommunizieren die Roboter untereinander über das lokale Netzwerk (Internet of Things), um ihre Aufgaben auszuüben. An einer Station, in der die Bauteile mit bis zu 15 winzigen Schrauben fixiert werden, stimmen sich zwei Roboterarme autonom ab, wer welche Schraube aus dem Vorrat entnimmt. Eine Mitarbeiterin fügt das Smartphone lediglich in die Vorrichtung und entnimmt es wieder.

Trotz der Unterstützung durch Roboter behalten die Mitarbeiter die Oberhand. Sie durchlaufen mit dem Gigaset GS185 alle Fertigungsphasen und bestimmen den nächsten Schritt. Dadurch tragen sie mehr Verantwortung als bei monotoner Fließbandarbeit. 

Gigasets Smartphone-Produktion in Deutschland wird wohl kein Jobwunder

Zu Spitzenzeiten arbeiteten im Bocholter Werk 4.000 Menschen, heute sind es noch über 500. Die Smartphone-Fertigung ermöglicht, Arbeitsplätze zu erhalten, wird aber voraussichtlich keinen Jobwunder den Weg bereiten.

An der Fertigungsstrecke des Gigaset GS185 selbst sind acht Männer und Frauen tätig. Zudem verschafft die Smartphone-Produktion 30 weiteren Menschen in der Produktionstechnik, im Produktdesign, Vertrieb und Kundenservice Aufgaben. Das ist die Größenordnung für menschliche Beschäftigung, für die in einer stark automatisierten Produktion hierzulande noch Bedarf ist.

Gigaset Industrie 4.0 Roboterarme
Industrie 4.0. Diese beiden Roboterarme, die die die Smartphones verschrauben, stimmen sich autonom über das Netzwerk ab. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Dennoch stehen die Zeichen auf Wachstum. Die Fertigungsstrecke für das zweite Smartphone-Modell ist schon halb aufgebaut. Daneben bietet die Etage noch Platz für vier weitere Fertigungsstrecken. Mit der Massenproduktion aus vergangenen Jahrzehnten hat das natürlich nichts gemein.

Unser Werksbesuch bei Gigaset verdeutlich daher den neuen Charakter moderner Industrieproduktion. „Made in Germany“ ist im Bereich der Consumer Electronics wieder möglich und verschafft auch kleineren Technologie-Herstellern wie Gigaset Perspektiven im Weltmarkt. Genialer Einfallsreichtum von Erfinderunternehmen und der großflächige Einsatz von Fachkräften wie in vergangenen Zeiten sind dafür aber nicht verantwortlich. Stattdessen sind heute moderne, hochgradig digitalisierte und automatisierte Produktionsmethoden der Schlüssel zum Erfolg.

Das Gigaset-Smartphone bei Amazon (Provisions-Link)


Images by Berti Kolbow-Lehradt

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Alles gesammelt, von nichts gewusst: Warum eine Datenstrategie im Digital Marketing wichtig ist

Datenstrategie (adapted) (Image by Markus Spiske [CC0 Public Domain] via Unsplash)

Digitalisierung hurra! Cloud Computing, Automatisierung und Big Data. Alle machen mit und jeder hat schon mal davon gehört, dass Daten der wertvollste Rohstoff des Informationszeitalters seien. Doch bei der optimalen Nutzung von Daten steht der Markt noch ganz am Anfang, denn den meisten Unternehmen mangelt es nach wie vor an einer professionellen Datenstrategie. So gilt die Prämisse: „Erst einmal sammeln, dann sehen wir weiter“. Diese ziellose Datensammelei endet meist im Datendschungel aus dem nur eine ausgewogene Datenstrategie wieder heraus führt.

Auch im Marketing sind neue Strategien untrennbar mit Technologie verbunden. So überrascht es kaum, dass kürzlich beim New Marketing Tech Summit das Thema Datenhebung und Datennutzung eine maßgebliche Rolle spielte. Für rund 37 Prozent der Marketiers hat das Thema Datenstrategie zur Zeit sogar höchste Priorität. Schließlich geht es um bares Geld: So prognostizierte die IDC im Auftrag von Microsoft allein in Deutschland ein Potenzial für geschäftliche Mehrwerte auf der Basis von Datenanalysen in Höhe von 99 Milliarden US-Dollar: It’s all about Data! – aber was macht eine erfolgreiche Datenstrategie im Marketing aus und wie gelingt die Umsetzung?

UmfrageAdzineResearch
Quelle: New Marketing Conference.

Structure follows Strategy

Die Struktur eines Unternehmens soll seiner Strategie folgen – so lautet ein von Alfred J. Chandler jr. in den 1960er-Jahren aufgestellter Leitsatz der Wirtschaftswissenschaft, der in Sachen Digitalisierung heute noch gilt: Ob BMW, Tuifly, oder Tesla Motors; große Unternehmen haben längst eine klare Vorstellung davon, wie sich per Datenanalyse ihre Marketingprozesse optimieren lassen.

Auch der Mittelstand weiß um das Potential der neuen Technologie und die Verlockung ist groß, sich dem Thema Data-Management aus IT-Sicht zu nähern. Doch Experten raten ausdrücklich dazu, sich erst eine Datenstrategie zu erarbeiten, bevor die Entscheidung zum Einsatz etwa einer Data Management Plattform gefällt werden. Leider fehlt gerade kleinen und mittelständischen Unternehmen eben dieser strukturierte Fahrplan und oft sogar die Vorstellung davon, wozu eine Datenstrategie eigentlich dient.

Laut Benjamin Aunkofer, Lead Data Scientist und Hochschul-Dozent, brauchen Unternehmen eine Datenstrategie, um „sich nicht in Big-Data- beziehungsweise Data-Science-Projekte zu verrennen oder mit den falschen Projekten anzufangen. Die Strategie soll Frustration vermeiden und schon vom Ansatz her dafür sorgen, dass die nächst höhere Etage – bis hin zum Vorstand – Big Data Projekte nicht für sinnlos erklärt und die Budgets streicht.“

So liegt es auf der Hand, dass eine erfolgreiche Datenstrategie vor allem auf Synergien in den verschiedenen Abteilungen beruht. Nur wenn IT, Produktmanagement, Marketing und Vertrieb, kaufmännische Entscheider und Datenexperten eine gemeinsame Strategie für datengetriebenes Marketing erarbeiten und verfolgen, lassen sich alle relevanten Datenquellen sinnvoll verknüpfen und auswerten, so dass schließlich alle profitieren. Eine gute Datenstrategie bleibt dabei laut Aunkhofer „auf dem Boden und hat realistische Ziele, sie orientiert sich an den Gegebenheiten und nicht an zukünftigen Wunschvorstellungen einzelner Visionäre.“

Die richtige Datenstrategie zu jeder Zeit an jedem Ort

Ob im Kampagnenmanagement, in der Kommunikation oder bei der Produktplanung; vor allem Marketiers können von einer gelungenen Datenstrategie und zielgerichteten Datenanalysen profitieren. Wer die richtigen Fragen stellt, erhält wertvolle Informationen über Kunden und Märkte. Dank derer lassen sich Produkte und Services dann schneller und besser an die individuellen Gegebenheiten anpassen. Etwa durch Personalisierung in der Kundenansprache entlang der gesamten Customer Journey, beim Location-Based Targetin oder im Adspend.

DEFENSE OFFENSE
KEY OBJECTIVES Ensure data security, privacy, integrity, quality, regulatory compliance, and governanceImprove competitive position and profitability
CORE ACTIVITIES Optimize data extraction, standardization, storage, and accessOptimize data analytics, modeling, visualization, transformation, and enrichment
DATA-MANAGEMENT ORIENTATION ControlFlexibility
ENABLING ARCHITECTURE SSOT
(Single source of truth)
MVOTs
(Multiple versions of the truth)

Quelle: “WHAT’S YOUR DATA STRATEGY?” BY LEANDRO DALLEMULE AND THOMAS H. DAVENPORT, MAY–JUNE 2017© HBR.ORG

Bei der Formulierung einer Datenstrategie müssen die Beteiligten vielerlei Faktoren berücksichtigen. Die entscheidende Frage lautet: Beginnen wir von Null oder geht es darum, das datengetriebene Marketing neu auszurichten? Fahren wir eine offensive Datenstrategie und sind dabei möglichst flexibel und schnell? Oder verfolgen wir eine eher defensive Strategie, bei der es in erster Linie um Sicherheit und Vertrauen geht? Wollen wir unsere Daten selbst kontrollieren oder lagern wir sie aus? Zuerst muss klar sein, wohin der Weg gehen soll und wie der Weg aussieht. Dann kann man überlegen, wie und mit welchen Mitteln man den Weg beschreitet.

Sag mir, wie ein Projekt beginnt und ich sage Dir, wie es endet

Benjamin Aunkhofer empfielt Data Driven Thinking als probate Methode, sich einer Strategie zu nähern: „Es ist die, an das Design Thinking angelehnte, Denkweise, Daten zu nutzen, um Fragen zu beantworten und damit verbundene Probleme zu lösen.“ Hierbei durchdenken die Beteiligten in fünf Schritten ihr Vorgehen und bekommen so eine Vorstellung davon, welche Datenquellen zur Verfügung stehen, welche Art von Informationen in ihnen enthalten sind und wie sich dieses Wissen gewinnbringend in die Geschäftsprozesse integrieren lässt. Ob sich eine offensive oder defensive Datenstrategie besser eignet, lässt sich mit dem Tool von Leandro DalleMule und Thomas H. Davenport „Assess Your Strategy Position“ ermitteln.

DataThinking
© Datanomiq Aus: “DIE FÜNF SCHRITTE ZUR DATENSTRATEGIE“ VON BENJAMIN AUNKOFER, AUG. 2017

Mit Sicherheit werden wir in den kommenden Jahren eine weitere Explosion der datengetriebenen Dienstleistungen beobachten können. Marketiers werden vor noch komplexeren Aufgaben stehen als bisher, doch eine Wahl haben sie schon lange nicht mehr. Ohne professionelle Datenstrategie und starkes Datenmanagement werden Unternehmen über kurz oder lang den Anforderungen ihrer Kunden nicht mehr gerecht werden. Der Mittelstand sollte also schleunigst die Ruder in die Hand nehmen und versuchen aufzuholen, bevor es zu spät ist.


Image (adapted) „Datenstrategie“ by Markus Spiske (CC0 Public Domain)


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Die Netzpiloten sind Partner der CUBE Tech Fair

Partnergrafik_Cube

Die CUBE Tech Fair feiert vom 10. Bis zum 12. Mai 2017 Premiere in Berlin. Bei der Veranstaltung handelt es sich um eine Weltausstellung der Moderne. Prominente Gäste werden bei der Eröffnung dabei sein, darunter Apple Co-Founder Steve Wozniak, US-Schauspielerin Robin Wright und Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries. Ab 2018 wird die CUBE Tech Fair jedes Jahr in der Hauptstadt stattfinden.

Im Vorfeld der Veranstaltung konnten sich 200 der weltweit innovativsten Startups qualifizieren, um ihre Ideen einem geladenen Publikum zu präsentieren. Die Firmen kommen aus dem B2B-Bereich, unter anderem aus den Branchen Digital Health & Life Sciences, Infrastructure & Interconnectivity sowie Machinery & Manufacturing. Weiterhin sind auf der CUBE Tech Fair über 200 Konzerne auf C-Level vertreten, außerdem 100 internationale Journalisten und Blogger sowie insgesamt rund 3.000 Gäste.

Innovatives Live-Programm

Auf dem Programm stehen Vorträge, Diskussionsrunden und Interviews mit internationalen Experten aus Industrie 4.0, der Digitalbranche und der Start-up-Welt. Live auf der Bühne und an den Messeständen werden konkrete Innovationen vorgestellt:

  • StoreDot & DHL zeigen ihr gemeinsames Projekt erstmalig der Öffentlichkeit
  • der gedruckte 3D Olli Bus von Local Motors wird ausgestellt
  • Team Uniti wird ihre Kuka Robots auf der Tech Fair ausstellen

Ein weiterer Programmpunkt ist das Finale der CUBE Challenge, ein Wettbewerb, bei dem das innovativste Startup eine Million Euro gewinnt, einer der höchstdotierten Preise für Startups weltweit. Der Gewinner wird von einer Expertenjury gekürt, zu der unter anderem Steve Wozniak zählt.

Der Veranstaltungsort ist der CityCube in Berlin. Hier könnt ihr euch Tickets für die Veranstaltung sichern.

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New Work-Eiertanz zur Gewissensberuhigung – 85 Prozent der Beschäftigen sind mit ihrer Arbeit unzufrieden

Asien (adapted) (Image by sasint [CC0 Public Domain] via pixabay)

In den vergangenen Jahren lieferte ich in Beiträgen viele Anregungen für die Formierung einer digitalen APO, um das Inzest-System des Top-Managements der Konzerne, von autoritär geführten mittelständischen Unternehmen und von korrumpierbaren Elite-Hochschulen zu durchbrechen. Wie kann man mit politischen Mitteln den Gehorsamskäfig in Organisationen aufbrechen? Wenn wir in der digitalen Sphäre von Partizipation, Transparenz und einer Kultur der Beteiligung reden und auch danach handeln, darf das in Wirtschaft und Politik nicht ohne Konsequenzen bleiben.

Wenn ich mir die Inflation von Beiträgen und Kongressen über Unternehmensdemokratie, New Work und diese bescheuerte 4.0-Brabbelei über das Arbeiten von morgen anschaue, müssten wir schon längst in Zeiten der Glückseligkeit leben. Es sind Schönwetter-Diskurse, die sich an der Realität vorbeimogeln.

Elitärer Scheiß

Menschen, die es eigentlich betreffen sollte, die Menschen also, deren Jobs durch die nächste Automatisierungswelle mal eben vernichtet werden, die Menschen also, die tagein tagaus 40 Wochenstunden ihrer Lebenszeit in Krankenhäusern, in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, in Kindergärten und Altenhilfeeinrichtungen verbringen, also die Menschen, die vielleicht wirklich einen Beitrag zur Entwicklung unserer Gesellschaft leisten, bekommen von dem ganzen Tamtam gar nichts mit“ , kritisiert Hendrik Epe in einem Beitrag unter dem trefflich formulierten Titel „New Work zwischen Spiritualität, elitärem Scheiß und dringender Notwendigkeit“ .

Anstatt Verbesserungen in der Zusammenarbeit, in der Wertschätzung ihrer Arbeit, in der Möglichkeit, menschenwürdige Arbeit menschenwürdig leisten zu können, erfahren diese Menschen, dass durch zunehmende Detailregelungen, Prozesssteuerung und Bürokratismus das genaue Gegenteil passiert. Sie erfahren digitale Käfighaltung mit einem scheinheiligen Anstrich von Wohlfühl-Maßnahmen.

Wirkungslose Canapé-Events

Die New Work-Bewegung betreibt in Deutschland wirkungslose Canapé-Events zur Gewissensberuhigung. Supermarkt-Verkaufspersonal, Personal von Pflegediensten, Betriebsräte, Beschäftigte im Niedriglohnsektor, schlecht bezahlte Clickworker oder Vertreter der rund 1,5 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich mit Arbeitsverträgen auf Abruf herumschlagen müssen, von fiesen Chefs am Arbeitsplatz mit Webcams überwacht und in Echtzeit dirigiert werden, sucht man bei den hochpreisigen Veranstaltungen in cool wirkendem Ambiente vergeblich. Änderungen im Gallup-Zufriedenheitsindex sind auch nicht feststellbar.

So unternehmen angeblich viele Arbeitgeber große Anstrengungen, um Mitarbeiter an sich zu binden. Dennoch stagniert der Anteil der Arbeitnehmer, die eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber aufweisen bei mageren 15 Prozent. Ebenso viele Arbeitnehmer haben innerlich bereits gekündigt. 70 Prozent der Beschäftigten sind emotional gering gebunden und machen lediglich Dienst nach Vorschrift. Rechnet man die 85 Prozent Unzufriedenen auf die erwerbstätige Bevölkerung hoch, sind das rund 30 Millionen Menschen. Und dieser Wert hat sich seit dem Start des Index vor 17 Jahren kaum verändert. Der Anteil der Zufriedenen lag damals bei 16 Prozent.

Graswurzelbewegung über Dorfcamps

Beim deutschlandweit ersten Dorfcamp ist das intensiv mit Ute Schulze, Mike Schnoor, Tim Ebner und Christian Bartels in einer Session unter dem Thema „New Work – Mehr Schein als Sein“ diskutiert worden. Resümee: Menschen müssen sich in der Dienstleistungs- und Netzökonomie besser organisieren. In der industriellen Revolution ist das durch Arbeitervereine und Gewerkschaften geschehen. Die zersplitterte und hoch moderne Arbeitswelt unserer Tage hat den Organisationsgrad der Beschäftigten dramatisch reduziert.

Mike Schnoor verwies auf die Startup-Szene und auf Agenturen. Als Indikator könnte die Zahl der Betriebsräte in solchen Unternehmen herangezogen werden. Sie wird wohl erschütternd niedrig ausfallen. Bei den sogenannten Leiharbeitern und den Beschäftigten auf Abruf werden die Ergebnisse auch nicht besser abschneiden. Wie kann man das ändern?

Wie wäre es, eine Vielzahl von Dorfcamps durchzuführen, um irgendwann in der Fläche eine Graswurzelbewegung auszulösen. Verbunden mit dem spontihaften Aufruf von Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach zum Machteliten-Hacking. Man müsse Gegen-Narrative in die Organisationen bringen. Die alten Eliten sind von einer Blase der Ja-Sager umgeben. Wie wäre es mit einer subversiven Injektion für kritisches Denken?

Wie könnte eine Graswurzelbewegung die Werkzeuge des Social Webs einsetzen, um Verkrustungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aufzubrechen? Eine Möglichkeit sehe ich in der Ideen-Infiltration, die der Jesuit Michel de Certeau in seinem Band „Kunst des Handelns“ für listenreiche Konsumenten aufgebracht hat.

Es geht um normale User, die beim Surfen durch die Warenwelt in den Nischen des Konformismus auf ungeahnte Autonomiemöglichkeiten stoßen, ohne sich der Aufgabe des aufopfernden Heldentums widmen zu müssen. Wer ist schon gerne Märtyrer? Es reichen kleine Regelverletzungen. Man könnte während der Arbeitszeit unauffällig anderen Tätigkeiten nachgehen, Meetings mit endlosen Monologen ad absurdum führen, Vorgesetzte mit falschen Excel-Tabellen in den Wahnsinn treiben und Macho-Manager bei der nächsten Weihnachtsfeier mit scharfsinnigen Witzen als eitle Trottel bloßstellen.

Zweckentfremdung von digitalen Werkzeugen

Die Zweckentfremdung von digitalen Werkzeugen bietet eine Vielzahl von dadaistischen Möglichkeiten des Anarchentums: Powerpoint-Präsentationen für den Vorstand und selbst das Intranet sind ein ergiebiges Feld für Sticheleien. Klaut der eigene Boss regelmäßig seine Führungsweisheiten aus einschlägig bekannten Ratgeberbüchern der prahlerischen Beraterzunft, empfehle ich als Fußnote schlichtweg die Quellen-Angabe. In meiner Zeit beim Telefonie-Unternehmen o.tel.o ergänzte ich die Durchhalteparolen des Kommunikationsdirektors, die er aus einem Opus von Reinhard Sprenger abkupferte, mit einer Rezension des besagten Werkes.

Hintergrundinfos über prahlerische Vorgesetzte

Die angeberischen Exkurse des Top-Managers mit dem Charme eines Autoverkäufers über seine Karriere als Bundesliga-Torwart konterte der zuständige Mitarbeiter für das Sport-Sponsoring mit einem Zitat aus dem Bundesliga-Jahrbuch: Die fußballerische Karriere des Vokuhila-Schwätzers währte nur kurz, weil der Protagonist den Anforderungen des Profivereins nicht gewachsen war. Um so mehr redete er von seinen Kitzbühl-Begegnungen mit Franz Beckenbauer und Konsorten. Alle Mitarbeiter, die unter diesem Zwergen-Regime dienen mussten, konnten mit den vermittelten „Hintergrundinfos“ die Auftritte des Direktoren-Würstchens besser ertragen.

Das Notiz-Amt plädiert für eine Vielfalt von Maßnahmen, um jenseits der New-Work-Kuschel-Wuschel-Projekt-Schwafelei Denkanstöße für eine Verbesserung der Arbeitswelt auszulösen.


Image (adapted) „Asien“ by sasint (CC0 Public Domain)


 

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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • CYBERCRIME ZDNet: Cybercrime kostet deutsche Unternehmen über 22 Milliarden Euro: Das Bundeskriminalsamt BKA hat bekannt gegeben, dass es im vergangenen Jahr 45.793 Straftaten registriert hat. Die Gründe dafür sieht die Behörde in aktuellen Technologietrends wie dem „Internet der Dinge“ oder der „Industrie 4.0“. Daher geht das BKA auch davon aus, dass Internetkriminalität in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird. Der Branchenverband Bitkom zählt zu den Straftaten auch solche, die nicht offiziell registriert wurden und kommt daher auf weit höhere Schadenssummen, allein im Bereich der Wirtschaft. Demnach belaufen sich die Schäden für die deutsche Industrie auf rund 22,4 Milliarden Euro.

  • DIGITALISIERUNG t3n: US-Grenzschutz fragt Social-Media-Profile vor Einreise ab: Wenn Personen im Rahmen des Visa-Waiver-Programms in die Vereinigten Staaten einreisen, kann der Grenzschutz sie ab dieser Woche zu ihren Social-Media-Profilen befragen. Für das Programm ist es notwendig, online einen ESTA-Antrag auszufüllen. Ein Dropdown-Menü bieten einem ab sofort die Möglichkeit, Social-Media-Accounts wie Facebook und Twitter auszuwählen und zu verlinken. Allerdings ist diese Angabe freiwillig. Jedoch fühlen sich laut Access Now, einer Non-Profit Organisation für Menschenrechte im digitalen Zeitalter, viele Menschen dazu genötigt, diese Informationen trotzdem preiszugeben, um kein Risiko einzugehen. Ziel ist es, wie einer Sprecherin gegenüber Politico äußerte, „potenzielle Gefahren zu identifizieren“.

  • GOOGLE GoogleWatchBlog: Google bringt 2017 zwei Smartwatches auf den Markt: Google hat mit Andoid Wear vor einigen Jahren ein Betriebssystem für Smartwatches auf den Markt gebracht, in der Erwartung, dass es ein Selbstläufer werden würde. Dem war jedoch nicht so, im Gegenteil: der Markt war sogar stark rückläufig. Daher greift Google jetzt zu eigener Hardware. Nach monatelangen Spekulationen steht jetzt offiziell fest: Anfang 2017 werden zwei Google Smartwatches mit Andoird Wear rauskommen, wie ein Google-Manager bestätigte. Die Namen sollen vermutlich „Angelfish“ und „Swordfish“ lauten.

  • SOLARENERGIE golem: Erste Solarstraße in Frankreich freigegeben: In der Normandie in Frankreich wurde die weltweit erste Solarstraße freigegeben. Der Abschnitt ist etwa einen Kilometer lang und bedeckt eine Fläche von 2.800 Quadratmetern. Die Solarpaneele sollen genug Strom produzieren, um die Straßenbeleuchtung im benachbarten Tourouvre-au-Perche zu betreiben. Wäre die selbe Fläche auf Hausdächern aufgestellt worden, könnte noch viel mehr Energie gewonnen werden, jedoch können die Paneele, die in ein mehrlagiges Substrat eingebettet sind, nicht schräg angestellt werden und das mindert ihre Effizienz. Hinzu kommt, dass die Photovoltaikanlagen etwa ein Fünftel des Tages im Schatten liegen, da Autos über sie hinweg rollen. Die Solarpaneele sind so fest, dass LKW darüber fahren können, ohne sie zu zerstören.

  • DEUTSCHE BANK Welt: Deutsche Bank kommt in USA mit blauem Auge davon: Die Deutsche Bank konnte eine Einigung mit den US-Behörden erzielen. Im Fall der faulen Hypothekenpapiere kam man überein, dass die Deutsche Bank eine vergleichsweise günstige Strafzahlung von 3,1 Milliarden Dollar leisten müssen wird. Hinzu kommen allerdings noch 4,1 Milliarden Dollar für Kundenhilfen in den USA. Die ursprüngliche Forderung von 14 Milliarden Dollar blieb der Deutschen Bank erspart, zum Glück für das Unternehmen, da es mitten in der Sanierung steckt und die Kapitaldecke daher dünn ist.

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UX-Day Konferenz: Gewinnt Tickets und seid dabei!

ux-day-logo

Wer sich mit spannenden Themen wie beispielsweise Industrie 4.0 oder Social Media auseinandersetzen möchte, der darf am 13. Oktober 2016 bei der bereits zehnten UX-DAY Konferenz in der Alten Feuerwache in Mannheim nicht fehlen. Beim UX-DAY handelt es sich um eine Konferenz für User Experience in E-Commerce, Marketing und Industrie.

Schon seit 2006 findet die jährliche Konferenz statt und wird auch in diesem Jahr wieder gut besucht sein. Der UX-DAY richtet sich vor allem an diejenigen, die sich für die Themen wie eCommerce, Technologie, Usability und Innovation interessieren, sich inspirieren lassen wollen – und sich vor allem mit anderen Menschen zu den Themen austauschen wollen. Gemeinsam erhaltet ihr durch verschiedene Speaker wie zum Beispiel Jean-Philippe Defiebre von Sixt Autovermietung oder Franziska Dolak von Siemens einen Blick auf die Chancen der aktuellen Entwicklungen in der digitalen Welt. Auch auf die kommenden Trends der Zukunft wird gemeinsam ein Blick geworfen.

Erlebt einen ideenreichen und vor allem kreativen Tag mit namhaften Referenten aus den Bereichen Business, Wissenschaft und Forschung wie Kira Krämer, Dr. Till Nagel oder Dirk Engel. Sie bieten euch tolle Vorträge zur Optimierung der Usability und der User-Experience.

Das Ganze wird perfekt abgerundet mit den Keynotes von Claire Rowland, die auf dem Gebiet „Internet of Things“ unverzichtbar ist.

Wem das aber noch nicht reicht, der kann sich am folgenden Tag, dem 14. Oktober auf der UX-DAY Masterclass bereichern lassen, bei der man von den Besten lernt. Neue Methoden und Werkzeuge von internationalen Experten, die direkt in den Arbeitsalltag angewendet werden können, erlernt ihr hier durch intensives Training und in kleinen Gruppen.

+++ Das Gewinnspiel ist beendet +++

Wenn Ihr Karten für die UX-Konferenz gewinnen möchtet, dann schickt uns einfach bis zum Donnerstag, den 06.10.2016 17 Uhr eine Mail an gewinn@netzpiloten.de mit dem Betreff „UX-DAY 2016“. Selbstverständlich werden die Gewinner von uns benachrichtigt!

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Netzpiloten sind Partner von Medientage München

Es wird wieder Zeit für die Medientage in München – Europas größter Medienkongress. Am 25. Oktober öffnet die Gipfelveranstaltung im ICM München seine Tore für zahlreiche Gäste und schließt diese wieder am 27. Oktober. In der Zeit erwarten euch spannende Vorträge und Events rund um das Thema Medien, denn das Motto in diesem Jahr lautet: „Mobile & Me – Wie das Ich die Medien steuert“.

Bereits seit 30 Jahren finden die Medientage statt und dieses Mal hält die Eröffnungsrede keine Geringere als die Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich. Gastgeber der Veranstaltung sind zudem der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer und Siegfried Schneider, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien. Außerdem werden die Keynotes von Professor Wolfgang Wahlster vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz gehalten und die Fernsehredakteurin Dunja Hayali wird den Medientage-Gipfel moderieren.

Neben diesen starken Persönlichkeiten werden zusätzlich rund 400 Speaker die Veranstaltung abrunden und dafür sorgen, dass Fragen geklärt, Innovationen ans Tageslicht und neue Möglichkeiten aufgezeigt werden. Interessierte können sich einbringen, diskutieren und eine Menge spannender Vorträge unter anderem über die Top-Themen Künstliche Intelligenz, Industrie 4.0 und Virtual Reality erleben.

Neben aufschlussreichen Vorträgen gibt es aber auch am Tag der Eröffnung eine anschließende Jubiläumsfeier und auch Themenspecials zu Frauen in Medienberufen, Virtual Reality und Startups auf der MEDIENTAGE-Messe. Das genaue Programm könnt ihr hier noch einmal einsehen.

Also, seid dabei und besorgt euch Tickets für die wohl spannendsten Tage rund um das Thema Medien in München!

+++ Das Gewinnspiel ist beendet +++

Hat jemand Lust auf München und die Medientage? Dann schreibt uns einfach eine Mail mit dem Betreff „Medientage München“ an gewinn@netzpiloten.de und gewinnt ein Tagesticket für die Veanstaltung. Zeit habt ihr dafür bis zum 05. Oktober – 17 Uhr. Viel Glück!

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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • FIREFOX golem: Firefox 49 kann vorlesen: Mozilla hat eine neue Version von Firefox für Windows, Linux, Mac OS und Android veröffentlicht. Ein besonderes Feature des Updates ist die Vorlesefunktion. Diese lässt sich im Reader-Modus, den man über das Buch-Symbol in der Adressleiste öffnen kann, anschalten. Außerdem benutzt die Android-Version den Cache sinnvoll und zeigt zuvor aufgerufene Seiten auch an, wenn gerade keine Internet-Verbindung vorhanden ist.
  • YAHOO handelsblatt: Yahoo ließ sogar Verizon im Dunkeln tappen: Yahoo wurden mehr als 500 Millionen Datensätze geklaut. Nicht nur den Kunden hat die CEO Marissa Mayer dies verheimlicht, sondern auch dem Telekomkonzern Verizon, der das Unternehmen übernehmen möchte. Außerdem können unter den entwendeten Daten Namen, Geburtstage, E-Mail-Adressen und Telefonnummern sein. Teilweise konnten die Angreifer sogar Sicherheitsfragen und Antworten übernehmen, mit denen man Passwörter zurücksetzten kann.
  • FACEBOOK heise: CarPlay-Unterstützung: Facebook Messenger lernt Autofahren: Dank iOS 10 kann man ab sofort Anrufe von dem Facebook Messenger auch im Auto entgegennehmen. Jedoch gibt es noch keine Siri-Unterstützung, sodass man die Telefonate nicht selbst einleiten kann. Außerdem werden in CarPlay-Fahrzeugen nun auch Benachrichtigungen des Messengers empfangen. CarPlay ist eine intelligente, sichere Möglichkeit, um das iPhone im Auto nutzen zu können, die man in ausgewählten Modellen findet.
  • INDUSTRIE 4.0 t3n: Industrie 4.0: SAP und Bosch planen Kooperation für das Internet der Dinge: Bosch und SAP haben jetzt eine langfristige Kooperation angekündigt. Beide Unternehmen bieten jeweils eigene Produkte für das Internet der Dinge an und möchten nun im Cloud-Sektor zusammenarbeiten. In Zukunft wollen die beiden Konzerne auch im Rahmen des Industrial Internet Consortium und der deutschen Plattform Industrie 4.0 gemeinsame Industriestandards entwerfen. Zusammen wollen sie einheitliche Rahmenbedingungen schaffen, von denen die gesamte Industrie profitieren wird.
  • TWITTER spiegel: Die Türkei fordert Twitter besonders oft zum Löschen auf: Twitter bekommt immer mehr behördliche Anfragen zum Löschen von Inhalten. Einem aktuellen Transparenzbericht zufolge kamen fast 80 Prozent der Aufforderungen aus Russland und der Türkei. Im ersten Halbjahr 2016 bekam Twitter 4434 Anträge von Regierungs- und Polizeistellen, das sind 13 Prozent mehr als im Vorhalbjahr. Die Anfragen wurden meistens damit begründet, dass Inhalte gegen gesetztliche Bestimmungen in den betreffenden Ländern verstoßen haben.
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IoTcamp 2016

iotcamp-2016-logo-image-by-iotcamp

In unserer heutigen Zeit ist das Internet nicht mehr wegzudenken. In vielen Bereichen wird es tagtäglich wichtiger und irgendwann wird es unabdingbar sein. Bis dahin ist es sinnvoll, dass man sich in punkto Internet vorbereitet und auf dem Laufenden bleibt. Das IoTcamp bietet hierfür die ideale Möglichkeit.

IoT steht für Internet of Things. Das IoTcamp widmet sich also dem Thema Industrie 4.0 genauer und bietet hier auf produktive Art einen Austausch zwischen wichtigen Personen aus den verschiedensten Bereichen. Das Ganze wird im BarCamp Format geschehen, was bedeutet, dass zu Beginn der Veranstaltungen der Ablauf, die Themen und die Schwerpunkte von den Teilnehmern festgelegt werden. Das Oberthema wird „Internet“ sein, auf welches Techblogger Sascha Pallenberg einstimmen wird.

Es werden wichtige Personen unter anderem aus der Wirtschaft, der Politik, aus verschiedenen Startups und auch aus dem Bereich Medien am Camp teilnehmen und zu einem offenen Gespräch animieren. Das Besondere wird der offene Austausch, die Produktivität der einzelnen Teilnehmer und die Interaktion zwischen all den Interessierten sein. Unterstützt wird die Veranstaltung von Knowledge Partnern, wie beispielsweise Amazon Web Services, Fraunhofer FOKUS oder METRO GROUP unter der Moderation von Stefan Evertz.

+++ Das Gewinnspiel ist beendet +++

Wer also Lust hat am 04. Oktober in Düsseldorf an der Veranstaltung teilzunehmen, der hat hier die Chance drei Tickets für das Iotcamp in diesem Jahr zu gewinnen. Schreibt uns einfach eine Mail bis Donnerstag, den 22.09.2016 – 17 Uhr an gewinn@netzpiloten.de mit dem Betreff „IoTcamp“. Selbstverständlich werden die Gewinner von uns benachrichtigt!

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Industrie 4.0 – Gehirn-Vernebelung am Fabriktor

Indtustrie-Skyline (adapted) (Image by Nico Kaiser [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Industrie 4.0 ist nach Auffassung von Thomas Sattelberger der deutsche Kastrat für Digitalisierung. Man könnte auch von einer Gehirn-Vernebelung sprechen. „Die ganze Frage, wie es mit Smart Services aussieht, mit Dienstleistungen allgemein, mit Bildung, Pflege oder Gesundheit, wird total vernachlässigt“, monierte Sattelberger auf der Next Economy Open in Bonn. Es ist tragisch, dass die Industrie 4.0-Prediger im alten Effizienz-Denken der Massenfertigung verharren.

Fordismus verpuffte vor 60 Jahren

Dabei war die Dynamik des fordistischen Produktionsmusters bereits in den 1960er Jahre verpufft, wie der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in seinem Standardwerk „Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945 belegt“. Seit rund 50 Jahren schrumpft die Zahl der Arbeitsplätze in der Massenproduktion. Da ist keine Umkehr in Sicht.

Industrie 4.0-Denkfehler

Wenn wir unsere fabrik-fixierte Nabelschau mit dem ausschließlichen Ziel der Effizienzverbesserung nicht ablegen, schaffen wir keine Perspektiven für neue Arbeitsplätze und für neue Märkte. Am Beispiel der Speed Factory, die Adidas mit dem fränkischen Unternehmen Oechsler realisiert, kann man das eindrücklich nachvollziehen. Ziel ist es, den ‚individuellen’ Schuh in Ansbach zu produzieren. Nur 160 Mitarbeiter werden in den nächsten Jahren eine halbe Million Sneakers produzieren. Wenn wir uns dabei nur auf den Akt der Fertigung fokussieren, sieht die Beschäftigungsbilanz eher mickrig aus. „Wenn wir blindlings den Protagonisten von ‚4.0’ folgen, gibt es keine Arbeit mehr für die allermeisten in unserer Gesellschaft“, moniert Ralf Volkmer in einem Thesenpapier für den YouBusiness-Talk, der am 6. September in Bonn stattfindet. Ein Denkfehler. Auch der Autor von Lean-Knowledge-Base reduziert den Blickwinkel auf die Fabrikproduktion und sitzt damit im gleichen Boot wie die Industrie 4.0-Denker.

Vernetzung für Kunden

Die Amerikaner machen es anders und nennen dieses Thema ‚Industrial Internet‘, schreiben Andreas Syska und Philippe Lièvre in ihrem Buch „Illusion 4.0“: „Sie vernetzen intelligente Produkte, Supply Chains und Fabriken. Das ist aus unserer Sicht auch der richtige Ansatz.“ Deutsche Ingenieure denken in technischen Schnittstellen. Der Gedankenschritt reicht nur von Maschinen zu übergeordneten Steuerungssystemen. „Wir sehen hierzulande größtenteils fabrikinterne Lösungen….Der eigentliche Sinn der digitalen Vernetzung und ihre enormes Potenzial liegt vielmehr in datenbasierten Geschäftsmodellen und damit außerhalb der Fabrik. Das hat man in Deutschland noch nicht verstanden, weshalb in Deutschland auch nichts Entsprechendes zu sehen ist. Industrie 4.0 kommt hierzulande gedanklich einfach nicht aus dem kleinen Karo der Fabrik heraus“, monieren Syska und Lièvre. In den USA werden Plattformen geschaffen und mit intelligenten Produkten sowie Services vernetzt.

Schnittstellen schaffen keine neuen Märkte

Die Deutschen hingegen tüfteln an Schnittstellen, faseln von höherer Produktivität, ergötzen sich an neuen Maschinen und vertrödeln ihre Zeit mit der Frage, wie man das Ganze technisch ans Laufen bringt. Die Amerikaner fragen, welches Geschäft damit gemacht werden kann. Die Rollenverteilung ist für uns nicht lukrativ. Jenseits des Atlantiks werden die digitalen Claims abgesteckt und das Gold geschürft, Deutschland liefert als verlängerte Werkbank die Spitzhacken und Spaten. Die deutsche Industrie hat sich widerstandslos in die zweite Reihe drängen lassen – zum austauschbaren Hardware-Lieferanten.

Die eigentliche Produktion findet außerhalb der Fabriken statt. Das erkennt man aber nicht, wenn der eigene Denkhorizont am Werkstor endet, führen die Illusion 4.0-Autoren aus.

Rollrasen, Mähdrescher und grüne Beratung

Wir laufen immer noch dem industriekapitalistischen Irrtum hinterher, dass Maschinen und Fabriken das eigentliche Geschäft sind. Sie sind aber nur Mittel zum Zweck. Plattformen und Anwendungen sind der Umsatztreiber. Wir marschieren in kleinen Schritten in ein Desaster, wenn das perfekt produzierte, aber nicht digitalisierte Produkt nicht mehr nachgefragt wird. Die reine Herstellung eines iPhones bringt doch für Apple nicht die Wertschöpfung. Design, nutzerfreundliches Interface, Vertrieb, Marketing, Software-Applikationen und die höchst erfolgreiche Internetplattform iTunes waren entscheidend für den Erfolg von Steve Jobs. Beim Landmaschinenhersteller John Deere war man bis in die 1990er Jahre auf den Maschinenverkauf fokussiert. Der Landmaschinenhersteller erkannte frühzeitig die Wachstumspotenziale auf dem gesamten Green Market und kaufte mehrere Unternehmen aus dem Garten- und Landschaftssegment. Aus John Deere wurde JDL. Die frühere Mähdrescherfirma verkauft jetzt Rollrasen, Landschaftskonzepte, Beratung, vergibt Kredite für Gartenbauunternehmen und baute eine Fortbildungsakademie auf. Mit der reinen Maschinen-Zentrierung wäre das Unternehmen schon längst untergegangen.

Die größte Niederlage unserer jüngeren Wirtschaftsgeschichte

Und wer machte und macht aus dem vom Fraunhofer-Forscher Karlheinz Brandenburg erfundenen Musikstandard mp3 in Kombination mit Produkten, Software und Plattform noch mal das größte Geschäft auf diesem Planeten? Das Notiz-Amt kennt die Antwort und sieht dieses Faktum nicht als Erfolgsbilanz einer deutschen Instanz für Grundlagenforschung, sondern als eine der schlimmsten Niederlagen in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Man hört, sieht und streamt sich zu dieser Debatte am 6. September um 16 Uhr.


Image (adapted) „Industrie-Skyline“ by Nico Kaiser (CC BY-SA 2.0)


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Über Leerformeln in digitalen Erzählungen – Netzdiskursen fehlt die theoretische Fundierung

DTO-GOV-AU_Misc-8 (adapted) (Image by adrian yee [CC BY 2.0] via flickr)

Der Kölner Soziologe Klaus Janowitz hat sich der Herkules-Aufgabe gewidmet, in der vernetzten Welt für etwas mehr Klarheit zu sorgen. Erinnert sei an seine Überlegungen zur Hashtag-Ökonomie als als Gegenentwurf zur durchorganisierten Gesellschaft. Es geht dabei um Verbindungen von Neigungen und Interessen. Es geht um vernetzten Individualismus fernab von Reports, Indikatoren, Kennzahlen und Excel-Tabellen, die nur Ausdruck der Hilflosigkeit in einer vernetzten Welt sind. Jetzt versucht sich Janowitz an der Einordnung des Begriffes der Digitalen Transformation, der seit einigen Jahren den Diskurs im Netz beherrscht und Veränderungen in Unternehmen und Organisationen beschreibt.

Die heiße Luft der Digital-Darwinisten

Dabei findet er eine Menge heiße Luft, etwa im jüngsten Buch der so genannten Digital-Darwinisten Karl-Heinz Land und Ralf Kreuzer: „Mit dem Begriff digitale Transformation wird der zielgerichtete Einsatz von digitalen Technologien bezeichnet, um die eigenen Wertscho?pfungsprozesse unter Einsatz von digitalen Technologien neu- oder umzugestalten.“ Zerpflückt man diesen Satz in seine Einzelteile, bleibt wenig Substanz übrig. Was heißt denn „zielgerichteter Einsatz“? Was sind eigene Wertschöpfungsprozesse? Als Antipoden zitiert Janowitz den Kolumnisten Alain Veuve: „Transformation impliziert einen Prozess, der einen Anfang und ein Ende hat.“ Unternehmen machen sich fit für die digitale Transformation. Veränderungen sind nicht nur von den Informationstechnologien getrieben, auch anderswo gibt es Fortschritt.

Eingaben ohne Ziel

Das Notiz-Amt sieht sich näher bei der Position von Alain Veuve und verweist auf das Schrifttum des Systemtheoretikers Niklas Luhmann. Wie kann überhaupt noch etwas zielgerichtet laufen, wenn die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt werden, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert. Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten. Die moderne Computertechnik greift die Autorität der so genannten Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen.

Die Tautologien der digitalen Avantgarde

Was bedeutet das für die Tautologien, die uns von Digitalen Darwinisten oder sonstigen Digitalen Evangelisten inflationär um die Ohren gehauen werden? Solche Internet-Erklärer, die die Konferenzbühnen beherrschen, stellen sich nicht einer kritischen Überprüfbarkeit ihrer Erzählungen. Wo bleibt die theoretische Fundierung im Diskurs über die Wirkungen der Digitalisierung für Wirtschaft, Gesellschaft und Staat? Die vorherrschenden Erzählungen in Netz-Debatten, die sich mit Digitaler Transformation, Content Marketing, Storytelling, Plattformen oder Industrie 4.0 beschäftigen, bestehen aus „ganzheitlicher“ Phrasendrescherei. Das gilt für die Beraterzunft und auch für die betriebswirtschaftlich ausgebildeten Stichwortgebern.

Selbstkonstruierter Unsinn

Der Wissenschaftstheoretiker Hans Albert würde das Keynote-Gemurmel als selbstkonstruierten Unsinn abtun. Belastbar seien nur Aussagen, die sich anhand einer Auseinandersetzung mit uns umgebenden realen Welt überprüfen lassen. Es dominieren hypothesenlose Leerformeln, die ihre empirische Gehaltlosigkeit verschleiern. Man könnte sogar von Dogmen sprechen, da uns von vielen digitalen Vordenkern absolute Gewissheiten verkauft werden, ohne auch nur in Ansätzen empirische Einsichten zu vermitteln. Man fahndet nur nach Bestätigungen der eigenen Sichtweise und schließt von Einzelphänomenen auf die Allgemeinheit. Vermeintliche Wahrheiten wurden und werden von gläubigen Anhängern ohne Überprüfung der Fehlerhaftigkeit verteidigt. Wer nicht an sie glaubt, gilt als verstockt und rückwärtsgewandt. Eine kritische Urteilsfähigkeit kann so nicht entstehen. Selbst eine noch so oft wiederholte Beobachtung der regelmäßigen Verbindungen von Dingen oder Ereignissen rechtfertigt es nicht, daraus eine logisch zwingende Schlussfolgerung auf eine Gesetzmäßigkeit zu ziehen.

Die Überprüfbarkeit von Hypothesen

Jeder sollte daher immer kritische Widerlegungsversuche von Hypothesen anstellen, statt nur nach Bestätigungen des eigenen Gedankengebäudes zu suchen. Beim jüngsten netzökonomischen Diskurs im Kölner Startplatz wurden Ideen verhandelt, wie man den dominierenden digitalen Plattformen des Silicon Valley Paroli bieten könnte. Zur Sprache kamen Open Source-Ideen, die zu einer Dezentralisierung des Netzes taugen. Kann man sich überhaupt aus der häufig zu beobachtenden Pareto-Verteilung befreien, die in den meisten Netzwerken vorherrscht? 20 Prozent derer, die Einkommen haben, zahlen 80 Prozent der Einkommenssteuer; 20 Prozent der Produkte eines Supermarktes machen 80 Prozent des Umsatzes aus; 20 Prozent der Wissenschaftler bekommen 80 Prozent der Zitate ab; 20 Prozent der Wissenschaftler schreiben 80 Prozent der wissenschaftlichen Texte. Selbst für Wikipedia gilt: 20 Prozent der Autoren liefern 80 Prozent der Beiträge. Wie kommt man aus diesen Machtstrukturen raus?

Raiffeisen für die Netzökonomie

Letztlich plädierte die netzökonomische Fachrunde für einen stärkeren Schulterschluss, den vor allem kleine und mittelständische Unternehmen leisten müssen. Etwa über die Raiffeisen-Idee, die im 19. Jahrhundert begründet wurde: Solche Genossenschaften seien Netzwerke, die helfen, wenn eine Branche im Wandel und im Wachsen ist, erläutert die Volkswirtin Theresia Theurl von der Uni Münster gegenüber der Wirtschaftswoche: „Bist Du nicht groß oder besonders stark, musst du besonders schlau sein. Man kann sich Größe auch organisieren, ohne sich abhängig zu machen.“ Um das Problem der schlechten Bonität zu lösen, setzte der Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen auf das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe„. Man könnte es auch nach dem Motto der „Vier Musketiere“ formulieren: „Einer für alle, alle für einen„.

Eine Gruppe Kreditbedürftiger schließt sich zusammen und stattet ihre Genossenschaften mit Haftungskapital aus. Für den Einzelnen ist die Einlage bezahlbar, doch unter dem Strich kommt ein ordentliches Kapitalpolster zusammen. Dadurch entsteht eine privat finanzierte Bank, die Geld an ihre Mitglieder verleihen kann, ohne bei Ausfällen einzelner Schuldner pleitezugehen.

Dies erläuterte die Wirtschaftswoche. Gleiches gilt für die Digitalisierung der Wirtschaft, etwa bei Investitionen in 3D-Drucker, beim Einkauf, bei der Vermarktung über Plattformen und beim Wissenstransfer. Bringt die Raiffeisen-Idee nun Impulse für die Netzökonomie in Deutschland? Das muss nun empirisch überprüft werden mit Rückgriffen auf die Wirtschaftsgeschichte und auf heutige Phänomene. Es steht eine Hypothese zur Disposition, die mit Daten aus dem 19. Jahrhundert und mit aktuellen Daten abgeklopft werden kann – ohne esoterische Quatschereien.


Image (adapted) „DTO-GOV-AU Misc-8“ by adrian yee (CC BY 2.0)


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Industrie 4.0: Die Informatisierung des Alltags

Activate the world (or what mobile really means) (adapted) (Image by Mike [CC BY 2.0] via flickr)

Die USA und Asien diktieren die Informatisierung des Alltags – in Deutschland redet man lieber über Industrie 4.0. Für Professor Friedemann Mattern von der ETH Zürich war schon im Jahr 2007 klar, dass wir mit der Informatisierung des Alltags einen fundamentalen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft erleben werden. Dahinter steht die Vision von intelligenten Umgebungen und smarten Alltagsgegenständen, die mit digitaler Logik, Sensorik und der Möglichkeit zur drahtlosen Vernetzung ausgestattet ein “Internet der Dinge” bilden, in dem der Computer als eigenständiges Gerät verschwindet und in den Objekten der physischen Welt aufgeht. Neue Technologien ermöglichen eine allgegenwärtige Verfügbarkeit von Informationen und Diensten, in deren Zentrum nicht mehr die Maschine mit ihren technischen Möglichkeiten und Grenzen, sondern der Mensch mit seinen individuellen Anforderungen und Wünschen steht. Der Rechner wirkt nur noch im Hintergrund als unaufdringliche, aber stets verfügbare elektronische Assistenz.


Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie, die sich im Vorfeld der Konferenz MSFT Explained mit Fragen der Digitalisierung unserer Gesellschaft auseinandersetzt.


Smarte Alltagsgegenstände

Computer waren anfangs raumfüllende Geräte, die viele Millionen kosteten. Erst vor gut 30 Jahren wurden sie so klein und billig, dass sich auch Privatleute einen “persönlichen” Computer leisten konnten. Heute geht es nicht mehr um stationäre PCs oder Laptops, sondern um allgegenwärtige Mikroprozessoren, die wertvolle Dienste in Smartphones, Maschinen und Haushaltsgeräten leisten. Das satellitenbasierte GPS war anfangs nicht für den zivilen oder gar “populären” Einsatz gedacht. Inzwischen stecken Lokalisierungsfunktionen in fast jedem Gegenstand – vom Trekking bis zur Navigation oder der Mitteilung über Reiserouten, Jogging-Strecken und Social Web-Ortsmitteilungen.

Viele Alltagsgegenstände sind ‚smart’, indem sie mit Informationstechnologie zum Sammeln, Speichern, Verarbeiten und Kommunizieren von Daten ausgestattet werden. Sie erhalten so eine gegenüber ihrem ursprünglichen Zweck erweiterte Funktion und damit eine neue, zusätzliche Qualität. Etwa Autoreifen, die den Fahrer benachrichtigen, wenn der Luftdruck abnimmt oder Medikamente, die sich rechtzeitig bemerkbar machen, bevor ihr Haltbarkeitsdatum abläuft. Idealerweise können smarte Dinge nicht nur mit Menschen und anderen smarten Gegenständen kommunizieren, sondern auch erfahren, wo sie sich befinden, welche anderen Gegenstände in der Nähe sind, was in ihrer Umgebung los ist sowie drahtlos auf externe Datenbanken zugreifen und passende Internet-basierte Services nutzen.

Rasensprinkler konsultiert Wetterprognose

Selbst banale Gegenstände erfahren eine Aufwertung. So gewinnt ein automatischer Rasensprinkler nicht nur durch eine Vernetzung mit Feuchtigkeitssensoren im Boden an Effizienz, sondern auch durch die Konsultation der Wetterprognose im Internet.

“Die Lokalisierung von Dingen wird immer einfacher, billiger und genauer machbar. Das ist ein mächtiges Paradigma”, so Mattern. Durch die bessere Beobachtung kann man Probleme früher erkennen und bei Mensch sowie Maschine vorbeugend eingreifen.

Beim “wearable computing” geht es weniger darum, medienwirksame Cyborg-Phantasien oder Jacken mit eingebautem MP3-Player zu realisieren. Viel mehr darum, durch unaufdringliche, ständig verfügbare Sensorik und Kommunikationstechnik dem einzelnen Menschen in persönlicher Weise zu dienen, ihn jederzeit an informationsverarbeitende Dienste im Hintergrund anzubinden, seine Sinne zu schärfen und ihn mit aktuellen Informationen zu versorgen; ihn also sicherer und mächtiger zu machen. “Das sind zwei bedeutende Triebkräfte, die zur Durchsetzung der neuen Technologien führen”, erklärt Mattern. Soweit die theoretischen Erörterungen. Es sind keine Hirngespinste, sondern Tendenzen, die unser Alltags- und Wirtschaftsleben verändern.

4.0-Begriffsgeklingel statt Taten

Deutschland spielt bei diesem Paradigmenwechsel auf der Anbieterseite eine Nebenrolle. Inflationäres 4.0-Begriffsgeklingel und Konferenz-Gerede können nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir kaum Unternehmen wahrnehmen, die international in der ersten Liga der Netzökonomie spielen. Deutschland braucht eine Digitalisierungsstrategie, die über die Förderung der produktionsbezogenen Industrie 4.0 hinausgeht und die öffentliche Verwaltung ebenso einschließt wie das Gesundheitswesen, die Bildung und die private Nutzung des Internets der Dinge. So das Credo des “Jahresgutachtens der Expertenkommission Forschung und Innovation”, das ihr Vorsitzender Dietmar Harhoff vom Münchener Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb der Regierungschefin Angela Merkel überreicht hat. Die starke Fokussierung der Bundesregierung auf einen relativ kleinen Bereich der Digitalisierung sei nicht zielführend. So werde mit Industrie 4.0 einseitig auf Effizienzsteigerungen bei der Produktionstechnik abgehoben. “Hier bedarf es dringend einer überzeugenden Gesamtstrategie. Die ‚Digitale Agenda‘ erfüllt diesen Anspruch nicht, auch wenn sie eine hilfreiche Sammlung von Analysen und Handlungsnotwendigkeiten liefert”, schreiben die Wissenschaftler.

Start-ups, die mit ambitionierten Geschäftsmodell-Innovationen neue Quellen der Wertschöpfung aufbauen, haben in Deutschland derzeit keinen ausreichenden Zugang zu Wagniskapital und Wachstumsfinanzierung. Die Expertenkommission erneuert ihre Empfehlung, auf die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Wagniskapital und die Einrichtung eines Börsensegments für Wachstumsunternehmen hinzuwirken. “Kompetenzen im Umgang mit digitalen Technologien und Geschäftsmodellen sind in der Breite zu fördern – in allen Ausbildungs- und Weiterbildungssegmenten.

Selbst bei Firmenübernahmen spielen Deutschland und Europa keine Rolle

Kritisch sehen die Studienautoren auch die deutsche Informatik, die in weiten Teilen zu abstrakt aufgebaut sei und sich nur mühsam der praktischen Anwendung nähere. Dringend raten die Autoren der Politik, der internetbasierten Wirtschaft sehr viel mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Deutschland habe seine Förderung bisher zu defensiv auf die Erhaltung und Weiterentwicklung seiner klassischen Industrien wie Autoproduktion und Maschinenbau konzentriert: “Die derzeitige Situation ist alarmierend. Deutschland hat nicht nur in den klassischen Informations- und Kommunikationstechnologien in den letzten Jahrzehnten an Boden verloren. Viel gravierender ist, dass deutsche Unternehmen in den neuen Bereichen der digitalen Wirtschaft, in denen Kompetenzen bei der Verwendung IT-basierter Prozesse ausschlaggebend sind, bisher keine Stärken aufbauen konnten. Es sind US-Unternehmen, die die Aktivitäten in der internationalen Internetwirtschaft dominieren.

Allein die Marktkapitalisierung von Alphabet übertrifft die aller deutschen Unternehmen in der gesamten digitalen Wirtschaft. Zu den kapitalstärksten Unternehmen der Internetwirtschaft zählen hierzulande Zalando, United Internet und etablierte Unternehmen wie Axel Springer. Selbst deren Marktkapitalisierung ist im Vergleich zur Gruppe Silicon Valley-Konzerne nur sehr langsam gewachsen. Zu den Anwendungsfeldern, die zur weiteren Expansion der digitalen Wirtschaft führen, zählen Smart Home, Internet der Dinge, neue Formen der Kommunikation wie WhatsApp, Robotik, durch Computer und Datenbrillen erweiterte Realitätswahrnehmung (augmented reality), virtuelle Realität, sowie Mobilität oder Sicherheit. Also alles Aktivitäten, die von kapitalstarken Konzernen der Internetwirtschaft in Asien und USA beherrscht werden. Und selbst bei den Übernahmen, die von diesen Unternehmen ausgehen, spielen Deutschland und Europa eine untergeordnete Rolle.

Bei der Informatisierung des Alltags über das Internet der Dinge spielen wir nur noch in der Kreisliga.


Image (adapted) „„Activate the world“ (or: what „mobile“ really means)“ by Mike (CC BY 2.0)


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Warum die Industrie 4.0-Rhetorik nervt

Server (adapted) (Image by NeuPaddy [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Das Industrie 4.0-Geblubbere suggeriert die heile Welt der guten, alten Exportnation mit Schmieröl und rauchenden Schloten. Wenn es um die vernetzte Ökonomie geht, wimmelt es von Allgemeinplätzen, Phrasen und Floskeln. Nicht nur Unternehmer sind zunehmend genervt von den liebwertesten “digital-transformatischen” Gichtlingen, die inflationär ihre Netzweisheiten hinausposaunen: “Wir werden mittlerweile fast täglich mit Begriffen wie Industrie 4.0, Big Data, Digitalisierung und Internet der Dinge konfrontiert – ich möchte fast schon sagen: belästigt”, moniert Frank Richter, Vorstandschef der Swiss Global Investment Group bei der Fachtagung “Digitale Ethik” im Kölner Startplatz. Selbsternannte Experten würden sogar schon die exakten Potentiale und die daraus resultierenden Einsparungen kennen, die durch Digitalisierung und Vernetzung entlang der so genannten Wertschöpfungskette erzielt werden.

“So scheinen eben diese Experten vergleichbar mit den Orakeln in der Antike und deren Weissagungen”, so Richter. Wenn es um die vernetzte Ökonomie geht, wimmelt es von Allgemeinplätzen, Phrasen und Floskeln. Wie das für Firmen konkret laufen soll, wird nur sehr oberflächlich oder gar nicht erklärt: “Es ist viel einfacher, möglichst generisch in der Ausdrucksweise und damit gewissermaßen unverbindlich in der Aussage an sich zu bleiben”, kritisiert Richter.

Tote Metaphern

Vieles sei übrigens alter Wein in neuen Schläuchen. “So ist Wissensmanagement vom Wesen her nichts anderes als die Sammlung, das Digitalisieren und schlussendlich die Nutzbarmachung von Daten, um unternehmerische Entscheidungen treffen zu können.” Was unter dem Stichwort Big Data nun anders werden soll, bleibt auf Beispielen wie der Stauwarnung hängen. Es erreicht die Wirtschaft nicht.

Das digitale 4.0-Wortgeklingel erinnert den Marketingspezialisten Michael Zachrau an den römischen Staatsmann Cato mit seinem Ausspruch: “Ceterum censeo Carthaginem esse delendam – im übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss”. Wer ständig die gleichen Begriff herunterleiert, bewirkt bei Entscheidern gar nichts. Alles Geschriebene und Gesagte ist sinnbedürftig. Stattdessen dominieren tote Maschinen-Metaphern, bemerkt Christine Künzel in der aktuellen brandeins-Ausgabe mit dem Schwerpunkt Maschinen. Wir schalten unser Denken aus, wenn wir die Hitparade der Powerpoint-Dauerrednern lesen. “Wow, wie originell ist das denn, die Wirtschaft als Maschine zu beschreiben”, betont Künzel. Es sind Ingenieurs-Storys, die auf dem technischen Niveau von 1900 stehen geblieben sind.

Maschinen-Rhetorik mit Rundlauf-Akten

Das Industrie 4.0-Geblubbere zählt dazu. Es suggeriert die heile Welt der guten, alten Exportnation mit Schmieröl und rauchenden Schloten. Es soll Sicherheit, Kontinuität und Leistungsstärke demonstrieren wie in den Wirtschaftswunder-Zeiten: “Ja gut, es wird ein bisschen digitalisiert, aber sonst bleibt alles beim Alten – eine Fabrik mit Fließband und Internetanschluss, festen Arbeitszeiten und einer dazugehörigen festen Lebensplanung bis zur Rente”, schreibt Wolf Lotter zur Maschinen-Thematik von brandeins. Der Name sei Programm. Er rüttelt nicht auf, sondern begleitet uns in das Gestern: “Industrie 4.0, ein Schritt nach vorn, zwei zurück.” Die vermeintlich vierte industrielle Revolution sei die erste, die auf Geheiß von Politikern und Verbänden stattfinden soll. Über den Status von Rundlauf-Akten, die zwischen den drei beteiligten Bundesministerien zirkulieren, wird das großspurig verkündete Projekt nicht hinauskommen.

Statt hausbackene Definitionen aus dem Industriezeitalter zu verwenden, wären Überraschungen vonnöten, um neues Denken zu befördern. Wenn man mit Versionsnummern hausieren geht, wäre Wissen 1.0 ein Ausrufezeichen, um zu dokumentieren, dass wir seit 1980 statistisch gesehen gar keine Industrienation mehr sind. Knapp 25 Prozent der Beschäftigten arbeiten noch in der Industrie, Mitte der Sechzigerjahre waren es 49,2 Prozent. Seitdem geht es bergab. “Gleichzeitig hat sich die Produktivität mehr als versechsfacht. Das versteht man klarer, wenn man weiß, dass die in der Statistik der Industrie zugeschlagenen Beschäftigten Wissensarbeiter sind, Ingenieure, Entwickler, Automatisierungs- und Prozessexperten”, erläutert Lotter. Was wir also brauchen, sind kreative Köpfe und keine Maschinen-Prediger. Unser ökonomisches Verständnis oder Missverständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge hängt zum großen Teil von unserer Art des Sprechens ab.

Leblose Begriffskaskaden befördern Entscheider in Politik und Wirtschaft ins tatenlose Koma. Als Avantgarde der digitalen Leerformeln bewährt sich gerade Verkehrsminister Alexander Dobrindt in einem The European-Gastbeitrag:

Die Digitalisierung revolutioniert Wirtschaft und Gesellschaft in einem disruptiven Prozess, diese historische Transformationsphase schreibt die Wirtschaftsgeschichte industrialisierter- Volkswirtschaften neu. Ob Deutschland Innovationsland bleibt oder Stagnationsland wird, hängt davon ab, ob wir unsere Innovationsführerschaft im digitalen Zeitalter behaupten. Das gelingt, wenn wir die Stärken der sozialen Marktwirtschaft einsetzen und drei Aufgaben angehen: schnelle Netze, Wettbewerb und Vernetzung.

Silicon Valley-Storymaker versus IT-Gipfel

Wer so etwas liest, braucht kein Valium gegen Schlafstörungen. Storymaker, die uns die Bits und Bytes nicht mit dem Charme von Rechenschiebern vermitteln, findet man kaum in Deutschland. Es sind die seltenen Gastauftritte von den Tech-Bombenlegern aus dem Silicon Valley, die uns den Erzählstoff für die Next Economy bieten. Dazu zählt der Periscope-Mitgründer Kayvon Beykpour, dem in Hamburg die mediale Schickeria zu Füßen lag. TV-Journalist und Blogger Richard Gutjahr überlegte gar einen Moment im Livestreaming-Interview mit Beykpour, ob er nicht auf die Seite des Startup-Unternehmens wechseln sollte, da selbst im Journalismus die Impulse nicht mehr von Häusern wie Springer oder Burda kommen, sondern von den Programmierern in Kalifornien.

Wie man das ändern kann, wollen wir – also die netzökonomischen Käsekuchen-Fans – in aller Offenheit auf der Next Economy Open #NEO15 Anfang November in Bonn diskutieren – gut eine Woche vor dem IT-Gipfel in Berlin, wo sich Männer in dunklen Anzügen mit Kanzlerin Merkel treffen und im Industrie 4.0-Technokraten-Modus über die Zukunft fabulieren. Wir benötigen einen anderen Erzählstoff für die vernetzte Wirtschaft. Wir brauchen mehr Growth Hacker.

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Warten auf Erleuchtung

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In einem Kraftakt möchte Deutschland die sogenannte “Industrie 4.0” einführen – und damit die Industrie vernetzen. Bislang ruft das Konzept aber bloß Ahnungslosigkeit hervor.

“Mit der digitalen Vernetzung der Produktion wird sich unser Verständnis von Industrie so nachhaltig verändern wie niemals zuvor”, so VDMA-Präsident Reinhold Festge zur Eröffnung der Hannover Messe. Die deutschen Hersteller seien für diese globale Veränderung bestens gerüstet, betont der oberste Maschinenbau-Lobbyist. “Für die deutsche Industrie formuliere ich dabei nicht weniger als den globalen Führungsanspruch.”

Klingt famos. Aber die Realität sieht anders aus. Bisher wird nach Ansicht von Manfred Broy (Professor für Informatik an der Technischen Universität München) und Dietmar Harhoff (Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb und Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation) der Industrie 4.0-Ansatz nur von einigen wenigen Unternehmen gelebt.

“Viele der zumeist mittelständischen deutschen Produktionsunternehmen nehmen von der Thematik bisher kaum Notiz und sind bestenfalls ratlos”, schreiben Broy und Harhoff in einem Gastbeitrag für die Montagsausgabe der FAZ.

Zauberwort Industrie 4.0

Die Autoren bemängeln eine konzeptionelle Einengung:

Digitalisierung und das Internet der Dinge werden auf einen produktionstechnischen Teilbereich reduziert. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, Teile der deutschen Industrie seien fast erleichtert, dass das ungewohnte und eher unheimliche Thema Digitalisierung durch das Zauberwort Industrie 4.0 seinen Schrecken verliert und gebannt scheint. Aber die Hoffnung der deutschen Industrie, dass mit Industrie 4.0 der Digitalisierung hinreichend Rechnung getragen ist, ist trügerisch.

Übersehen werde bei der Ausrichtung auf Industrie 4.0, dass die Digitalisierung vor allem Kunden und Märkte verändert. Kein Kundenzugang sei umfassender, enger und schneller als der über das Internet, über internetbasierte Dienste. Hinzu komme, dass die oft als technikfeindlich verpönten Deutschen in Scharen in die schöne neue Welt der Digitalisierung strömen – ob Smartphone, Google, Facebook oder Amazon – das Potential der digitalen Wunderwelt ist höchst attraktiv, gerade auch für deutsche Konsumenten.

Die schnellen Skaleneffekte, die sich international verbreiten, die Ortsungebundenheit des Netze und die beliebige Vervielfältigung von digitalen Diensten lässt sich auch durch deutsche Gerichtsurteile (der Fall Uber) nicht aufhalten, betonen die beiden Wissenschaftler.

“Die Stärken der deutschen Wirtschaft – exzellente Ingenieurleistungen und das Beherrschen technisch anspruchsvoller Produkte – drohen dadurch ein Stück weit ins Hintertreffen zu geraten.”

Die Produkte und Dienstangebote digitaler Technik seien näher am Menschen als jede andere Technik zuvor. Das alles weise darauf hin, das Industrie 4.0 allein kaum eine überzeugende Antwort auf den digitalen Wandel darstellen kann. Reichen die netzökonomischen Kompetenzen von Ingenieuren und IT-Führungskräften für diese Aufgaben aus?

Die Entmachtung der CIOs

In deutschen Unternehmen regieren zu häufig Trutzburgen der Ahnungslosen, bemängeln Broy und Harhoff. Der digitale Wandel wird nicht wahrgenommen oder verdrängt. Man sieht es schon seit langem an der Entmachtung von CIOs, die zu digitalen Hausmeistern degradiert und dem Finanzvorstand unterstellt werden. Es geht beim Einsatz von digitalen Technologien selten um strategische Geschäftsziele, sondern um reine Kostenoptimierung.

“Zu oft wird übersehen, dass ein wesentlicher Teil des Erfolges von Google, Facebook, Amazon und Co. in der höchstprofessionellen Beherrschung der Softwaretechnik und ihrer Möglichkeiten besteht, die neue vernetzte Welt zu meistern”, resümieren Broy und Harhoff.

Wirtschaftsorganisationen brauchen dringend mehr treibende Kräfte, um Software strategisch richtig einzusetzen und um neue Methoden der Zusammenarbeit über Open Source sowie Standards einzuführen, erläutert der Berater Christoph Kappes. Es gehe um Methoden, wie man Marktstellungen knackt. Google habe das mit dem Betriebssystem Android unter Beweis gestellt.

Ausblendung der menschlichen Komponente

Wir werden nach Einschätzung von Professor Tobias Kohlmann nur dann wettbewerbsfähig bleiben, wenn wir auch im Online-Wettbewerb bestehen können: “Wer nicht digital mitspielen kann oder will, wird bald gar nicht mehr mitspielen. Deswegen geht es bei uns nicht nur um mehr IT in Form von ‚Industrie 4.0‘ in Unternehmen, sondern vielmehr um das digitale Know-how für die Entwicklung, den Aufbau und den Betrieb von elektronischen Wertschöpfungen in Online- und Offline-Geschäftsmodellen für Unternehmen in Deutschland”, so der Vorsitzende des Beirats “Junge Digitale Wirtschaft” beim Bundeswirtschaftsministerium.

Das Internet der Dinge und Social Media als Vernetzung von Menschen sind die Megatreiber der Netzökonomie, erklärt der Kölner Professor Klemens Skibicki: “Beide Systeme werden vom Mobile Web ineinander gefügt – alles zusammen ist eben das Internet of Everything! Deutsche Unternehmen blenden die menschliche Komponente zu sehr aus und fokussieren sich mit dem Industrie 4.0-Begriff auf die Perspektive von Ingenieuren und Produkten.” Produkttechnisch spielen wir in der ersten Liga. Bei der Etablierung von digitalen Ökosystemen schneidet Deutschland mangelhaft ab. “An Facebook, Google und Apple kann man erkennen, wie Menschen ‚ans Internet angeschlossen werden”, sagt Skibicki vom Beratungshaus Convidera.

Wir haben uns total verirrt, kommen aber gut voran

Im Digitalen werden nicht die perfektionistischen Planer, sondern die schnellen Macher bevorteilt, skizziert Gamification-Experte Roman Rackwitz die Lage: “‚Fail fast, fail small. Just do it.‘ Was früher die Qualitätsmarke Deutschland groß machte, ist heute eher ein Manko. Die Rahmenbedingungen haben sich aber geändert. Das Problem besteht nicht im technischen Verständnis der Digitalisierung, sondern in der kulturellen Adaption.”

Die penetrante Fokussierung auf den Begriff “Industrie 4.0” zeigt nach Meinung des Social Media-Managers Frank Michna, dass man die Tragweite der aktuellen Entwicklungen noch lange nicht begriffen hat und an vielen Stellen am Thema vorbei arbeitet: “Wirtschaft 4.0 oder Gesellschaft 4.0? Fehlanzeige. Lauscht man den Kommentaren von Vorständen und Ministern, könnte man recht frei Tom DeMarco und Tim Lister zitieren: ‚Wir haben uns total verirrt, kommen aber sehr gut voran!‘

Kompetenz-Vernetzung statt IT-Penetration

Die vernetzte Kommunikation wird von Unternehmen unterschätzt oder auf den Endkunden-Markt reduziert. Dabei geht es hier eher um eine Vernetzung von Kompetenzen – das gilt auch für den Geschäftskunden-Markt. Die Ökonomie im Ganzen muss neu gedacht werden, fordert Winfried Felser von der Unternehmer-Plattform Competence Site: Nicht die IT-Penetration muss maximiert, sondern die Wertschöpfung neu gestaltet werden in Richtung einer wertvolleren und vor allem fluideren Kombinatorik von Fähigkeiten in kollaborativen Kompetenz-Netzwerken. Das Digitale ist eher der Möglichmacher für neue Wertschöpfungsmuster, was weit über technische Gadgets, Apps und Big Data hinausgeht. Vielleicht müssen liebwertesten Gichtlinge in den deutschen Unternehmen die Methoden der Silicon Valley-Konzern einfach nur besser antizipieren, um Google und Co. zu schlagen. Das jedenfalls verhandelt der nächste Netzökonomie-Campus mit Käsekuchen am 3. Mai.

Man hört, sieht und streamt sich.


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5 Lesetipps für den 1. April

In unseren Lesetipps geht es heute um Industrie 4.0, Facebook, den Spartan-Browser, WhatsApp und den Umgang des Journalismus mit Flug 4U9525. Ergänzungen erwünscht.

  • INDUSTRIE 4.0 MobileGeeks: Et voilá Industrie 4.0: eine persönliche Einschätzung: Industrie 4.0 ist aktuell ein sehr beliebtes Buzzword. Es beschreibt die intelligente Vernetzung von Produktentwicklung, Produktion, Logistik und Kunden, sowie die Optimierung von Produktionsabläufen. Ein weiteres Schlagwort, das mit Industrie 4.0 in Verbindung gesetzt wird, ist das Internet der Dinge, dabei werden Produkte und Objekte mit Informationen angereichert, die sie untereinander austauschen können. Für viele Experten handelt es sich bei beiden Buzzwords um dasselbe Phänomen. Eine Einschätzung von Markus Henkel auf MobileGeeks.

  • FACEBOOK futurezone.at: Studie: Facebook-Nutzertracking verstößt gegen EU-Gesetze: Der US-amerikanische Social-Media-Konzern Facebook nimmt das europäische Datenschutzrecht bekanntlich nicht sehr ernst. Nun zeigt eine Studie, dass Facebook das Surfverhalten von Internetnutzern auch ohne deren Einwilligung verfolgt. Das Unternehmen überwacht dabei sogar, wie sich Menschen im Internet bewegen, die selbst über keinen Facebook-Account verfügen oder sich explizit gegen Tracking ausgesprochen haben. Damit verstößt der Konzern gegen geltendes EU-Recht. Wie die Überwachung genau funktioniert, erklärt Futurezone.

  • SPARTAN heise online: Windows 10: Microsofts Spartan-Browser ausprobiert: Der Name sorgt auf jeden Fall für Aufmerksamkeit. Der Spartan Browser wird erstmals auf Windows 10 enthalten sein und dient als Ablösung für den Internet Explorer, der es nicht schaffte, aus dem Schatten der Konkurrenz herauszutreten. Der Browser soll die Nutzer durch seine Schnelligkeit überzeugen und sei für die Herausforderungen des Social Web optimiert. Der Browser soll dabei seinem Namen gerecht werden und ein spartanisches Design haben – im Fokus steht also die Internetseite und nicht der Browser selbst.

  • JOURNALISMUS der Freitag: Ein Schnitt durch das gesellschaftliche Band: Es ist mittlerweile eine Woche her seit eine Germanwingsmaschine über den französischen Alpen abgestürzt ist. Dabei sind 150 Menschen ums Lebens gekommen. Während Politik und Gesellschaft in der Öffentlichkeit geschlossen zusammen stehen und gemeinsam trauern, drohen die Angehörigen ein zweites Mal zu Opfern zu werden. Denn die Debatte um die Absturzursache ist geprägt von Mutmaßungen und Pietätlosigkeit. Vor allem die Medien geben kein gutes Bild ab: Viele Journalisten kennen auf der Suche nach der nächsten Schlagzeile kein Halten mehr.

  • WHATSAPP Spiegel Online: WhatsApp schaltet Telefonie-Funktion frei: Seit Dienstagabend kann man mit der Messenger-App WhatsApp telefonieren. Das Gespräch wird dabei über mobile Datenübertragung oder ein WLAN-Netz übertragen. Die Reaktionen der Nutzer sind bis jetzt jedoch zweigeteilt. Während sich die einen über die Möglichkeit freuen, kostenlos mit ihren WhatsApp-Kontakten zu telefonieren, kritisieren andere unter anderem das neue Hauptmenü. Bisher gibt es die neue Funktion jedoch nur für Smartphones mit dem Android-Betriebssystem. Besitzer eines iPhone oder Windows-Smartphones gehen vorerst leer aus.

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Der Mittelstand im digitalen Partisanen-Kampf

Social Media (Bild by narcisio1 [CC 0], via pixabay)

Sie sind der Motor der deutschen Industrie. Die Mittelständler oder auch „Hidden Champions“. So ehrenhaft der Status auch klingt, sie müssen ihren Weg ins Zeitalter der Digitalisierung finden. Besser heute, als morgen. Sobald es um die Heldentaten der stolzen deutschen Industrienation geht, werden Politiker und Lobbyisten nicht müde zu betonen, wie wichtig sie für uns sind – die sogenannten „Hidden Champions“, die Mittelständler, die Industrie- und Technologieunternehmen. Mit knapp 16 Millionen Beschäftigten erwirtschaften sie rund 2,1 Billionen Euro pro Jahr, heißt es im Ankündigungstext des republica-Vortrages von Marco Petracca mit dem verheißungsvollen Titel „Online? Bringt uns nichts! – Ein deprimierender Lagebericht aus den Chefbüros deutscher Industrieunternehmen“.

Die Unsichtbarkeit der heimlichen Giganten liege vielleicht daran, dass der überwiegende Teil ihrer Produkte und Leistungen keine direkte Relevanz für unser tägliches Leben habe – schließlich braucht niemand eine Rohrbiegemaschine oder eine Industriepumpe im Privathaushalt.

Und es liegt auch daran, dass diese Unternehmen meist irgendwo in der tiefen Provinz sitzen. In einer Welt, deren Horizont an der nächsten Autobahn endet und die sehr weit weg von dem ist, was wir im Netz als Arbeitswelt verstehen.

Im sauerländischen Konferenzraum verpennt man die Digitalisierung

Die geschichtsträchtigen, oft inhabergeführten und deshalb manchmal leider auch sehr konservativen Unternehmen finden in der Netzwelt genauso wenig statt wie in unserem unmittelbaren Alltag. Das ist die Hauptschwäche des Mittelstandes:

Denn wenn heute jeder mit jedem online kommuniziert, Geschäfte zunehmend nicht mehr im sauerländischen Konferenzraum, sondern weltweit im Browser getätigt werden, Arbeitsplätze nach digitaler Sexyness ausgewählt werden, das Netzwissen unseren Alltag und unsere Kultur prägt, stellt sich die Frage, wie diese Traditionsunternehmen in Zukunft bestehen sollen

,so die republica.

Petracca wagte im Mai zur Berliner Bloggerkonferenz einen Erklärungsversuch. Es liege wohl nicht an der Technik, sondern vielmehr an einem kulturell schwierigen Mix aus Ingenieurs-, Provinz- und Mittelstandsdenken. Besonders in diesen Unternehmen wird nach Ansicht von Professor Peter von Mitschke-Collande unterschätzt, dass die Digitalisierung nur zu 20 Prozent eine Frage der Technologie ist.

80 Prozent der Aufgaben liegen im Management und im Verhalten der vernetzten Privat- und Geschäftskunden. Es reicht dabei nicht aus, ein wenig mehr IT und Social Web einzusetzen, um die eigene Organisation zukunftsfähig zu machen.

Die ultimative Kollmann-Frage

Maschinenbauer, Logistiker, Robotik-Spezialisten und Zulieferer sollten sich deshalb die geniale, pointierte und existentiell wichtige Frage stellen, die Professor Tobias Kollmann beim Netzökonomie-Campus in der Cebit-Mittelstandslounge in die Diskussion warf: „Welches Startup mit einer tollen innovativen Idee aus dem Silicon Valley würde mit viel Geld Ihre Branche kaputt machen?

Dummerweise ist das Digitale vielfach nicht Teil der Erlebniswelt von Führungskräften, bestätigt Mind Business-Berater Bernhard Steimel beim netzökonomischen Diskurs in Hannover: „Dadurch schneiden sie unheimlich viel nicht mit. Sie delegieren solche Angelegenheiten lieber an irgendwelche Abteilungen.“

Asymmetrischer Krieg

Steimel spricht gar vom asymmetrischen Krieg, den die Silicon Valley-Partisanen anzetteln. Bei der Gründung von neuen Plattformen, Apps oder Anwendungen sind die jungen Himmelsstürmer „waffentechnisch“ noch unterlegen. Kompensiert wird das mit Nadelstich-Attacken und Zermürbung, um die überlegene Partei zum Rückzug zu zwingen, die ihre Kräfte schlichtweg überdehnt hat.

Wer als etablierte Kraft nur auf Google, Facebook oder Apple starrt, werde von Neulingen wie Uber und Co. überrollt, sagt der Smart Service-Experte. Der Springer-Verlag macht es schon richtig, fast die komplette Führungsriege als Hospitanten ins Silicon Valley pilgern zu lassen. Hier bekomme man nach Ansicht von Steimel die überfälligen Erweckungserlebnisse, um böse Überraschungen für das eigene Geschäftsmodell zu antizipieren. Nur über eigene Aktivitäten kann man den blinden Fleck bei der Digitalisierung korrigieren.

Wer beherrscht die Plattformen?

Passives Zuschauen oder die Delegation der digitalen Hausaufgaben sind der falsche Weg: Auch der Ruf nach dem Staat oder die Einführung von Schutzgesetzen, gerichtlichen Verboten und Reglementierungen helfen nicht weiter.„Das ist eine wirtschaftliche Aufgabe, die eine Plattform braucht“,fordert Kollmann. So genüge es für die Heizungsindustrie nicht, Daten digital auslesen zu können. Über die Verbrauchswerte lasse sich eine neue Energiehandels-Plattform zu den Heizungselementen etablieren, um zu entscheiden, über welche Energieträger das abgerechnet wird. Wer das in die Hand bekommt, dominiert den kompletten Markt.„Wir denken alle noch materiell und in alten Produktkategorien, sogar Mister Zetsche, wenn er sein altes Auto nicht durch Apple bedroht sieht, da er nicht die Experience-Ökonomie versteht, wo Produkt- und Branchen-Grenzen eingerissen werden“, erklärt Winfried Felser von der Unternehmer-Plattform Competence Site. Wenn diese Einsicht bei den liebwertesten Gichtlinge der Wirtschaft nicht von innen kommt, müssen sie ihre Kompetenzen stärker vernetzen und auf Kollaboration setzen.

Startups als Bündnispartner

So sollten sich Startups und Mittelständler als Bündnispartner positionieren. Wenn die Digitalisierungs-Expertise in der eigenen Firma nicht vorhanden ist, muss man sie sich in Netzwerken holen. Umgekehrt sollten die Technologie-Versteher die nötigen Business-Fähigkeiten bei etablierten Größen der Wirtschaft abholen. Nur in einer Kombination der unterschiedlichen Fähigkeiten können wir den Angreifern aus dem Silicon Valley Paroli bieten

,sagt Felser in der Cebit-Mittelstandslounge. Einen ersten Annäherungsversuch wagten übrigens der Bundesverband IT-Mittelstand und Bundesverband Deutsche Startups mit einem Gesprächsformat in der Cebit-Mittelstandslounge unter dem Titel „M@tch digital“.

Lehrpläne gehören geändert

Ein Problem der mangelhaften digitalen Kompetenz der Wirtschaft sieht Kollmann in Forschung und Lehre.„Wir bilden für die digitale Wirtschaft nicht aus. Das findet in den Lehrplänen einfach nicht statt.“ Hier verortet der Vorsitzende des Beirats „Junge Digitale Wirtschaft” des Bundeswirtschaftsministeriums ein großes Handicap, weil dadurch nicht nur die Fachkräfte für die digitale Transformation in Mittelstand und Konzernen fehlen, sondern auch zu wenig Gründer aus den Hochschulsystemen herauskommen. Hier müsste dringend eine Basis für die nächste Gründergeneration gebildet werden.

„Wir müssen diese Themen in die Bachelor-Studiengänge reinbekommen“,so das Plädoyer von Kollmann. Diese Strukturen für die Aus- und Weiterbildung fehlen auch in Berufsschulen und IHK-Lehrgängen. „Das muss ganz schnell auf die Agenda kommen, um eine Professionalisierung in den Unternehmen voranzutreiben“, betont Kommunikationsberater Frank Michna. Der Netzökonomie-Campus will das ändern und Wirtschaft, Startups, Wissenschaft sowie digitale Vordenker zusammenbringen. In regelmäßigen Käsekuchen-Diskursen via Hangout on Air und das NetzökonomieCamp Ende November in Paderborn.

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5 Lesetipps für den 2. März

In unseren Lesetipps geht es heute um die Industrie 4.0, was Netzneutralität ist, das Freihandelsabkommen TTIP und den Krieg in der Ukraine. Ergänzungen erwünscht.

  • INDUSTRIE 4.0 Ich sag mal: Offener Brief an die Bundeskanzlerin: Mein Beitrag von letzter Woche über die die Industrie 4.0 wieder einmal verschlafende Politik hat zwei Arten von Reaktionen hervorgerufen: Zustimmng und Ablehnung. Größter Unterschied in der Reaktion war vor allem das Verständnis von Industrie 4.0 und welche Rolle die Politik dabei spielt. Netzpiloten-Autor Gunnar Sohn hat zu dem Thema Industrie 4.0 einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin Angela Merkel verfasst, indem er die Bundesregierung ermahnt, beim Thema Industrie 4.0 nicht schon wieder die digitalen Herausforderungen zu verpassen. Seine lesenswerte Kritik geht in eine ähnliche Richtung.

  • NETZNEUTRALITÄT I The Oatmeal: Dear Senator Ted Cruz, I’m going to explain to you how Net Neutrality ACTUALLY works: In einem neuen Beitrag auf seinem Comic-Blog „The Oatmeal“ erklärt Matthew Inman das Prinzip der Netzneutralität und setzt sich mit der Debatte in den USA auf seine ganz eigene Art und Weise auseinander. Nach John Olivers Netzneutralität-Beitrag ist das jetzt mein zweitliebstes Erklärstück, welches ich meiner Frau Mutter zeigen kann, ohne sie zu langweilen.

  • NETZNEUTRALITÄT II CNET: Nokia CEO Rajeev Suri knocks Net neutrality: In der Debatte um eine gesetzlich vorgeschriebene Netzneutralität – die sowohl in den USA als auch Europa geführt wird – hat sich der CEO von Nokia, Rajeev Suri, auf die Seite der Kritiker eines solchen Vorhabens gestellt. Seiner Meinung nach müssen priorisierte Dienste möglich sein, um neuen Technologien wie selbstfahrenen Autos ausreichend Konnektivität zu garantieren. Langfristig, so Suri, werden Konsumenten also nicht von Netzneutralität profitieren.

  • FREIHANDEL The Conversation: Beyond TTIP’s false choices and tall tales of free trade: Anfang 2013 berichtete ich auf Carta.info über ein geplantes Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den USA, das damals noch mitdem Akronym TAFTA abgelkürzt wurde – heute TTIP. Seitdem wurde die Debatte auf beiden Seiten mit einer großen Emotionalität geführt. Viashaal Kishore hat den meiner Meinung nach seit langem sachlichsten Text über TTIP veröffentlicht und bricht es auf die von der Gesellschaft zu beantwortenden Frage herunter, was sie von ihrer Wirtschaftspolitik erwartet.

  • UKRAINE taz: Ukrainischer Blogger Igor Bigdan: „Uns eint das Misstrauen der Macht“: Wer schon einmal Urlaub in der Ukraine gemacht hat weiß, wie nah dieses Land ist und der wirkt der dort vorherrschende Krieg hierzulande so weit weg. Er ist es aber nicht und trotzdem wissen wir wenig darüber, was im Osten der Ukraine genau vor sich geht. Im Interview mit der taz redet Igor Bigdan, eine Größe in der ukrainischen Bloggerszene, über die Gründe dafür: Politik und Propaganda.

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Die Denkfallen der Industrie-4.0-Initiative

Industrie (adapted) (Image by Huskyherz [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Die Industrie-4.0-Initiative steckt in einer Denkfalle: Wenn der deutsche Mittelstand nicht entscheidende Entwicklungen verschlafen will, braucht es mehr Team-Spirit und weniger Normierungswahn. Viele Unternehmen haben nach einer Mind-Business-Studie noch nicht den Einstieg in den digitalen Wandel gefunden. Es fehlt die notwendige Expertise, um die Chancen digitaler Technologien für das eigene Geschäft zu erkennen, zu bewerten und zu erschließen. Fehlender Leidensdruck in den Chefetagen verhindert oder verschleppt den Wandel, der von der Organisation bereits gesehen und gewünscht werde. Es mangelt dabei nicht an der Wahrnehmung der Umbrüche. Die Führungskräfte der deutschen Wirtschaft scheinen jedoch von schwerfälligen und komplexen Business-Systemen und -Prozessen „paralysiert“ zu sein.

Es liegt vielleicht an den klassischen hierarchischen Führungsmodellen, die in einer vernetzten Ökonomie nicht mehr so richtig greifen: „Je stärker wir in das digitale Zeitalter kommen, umso stärker werden Unternehmen die Notwendigkeit spüren, Kommunikationsverantwortung und damit Macht zu dezentralisieren. Die Abneigung dem Neuen gegenüber, vor allem im Mittelbau deutscher Unternehmen, ist insofern verständlich, weil es gerade für sie ein mehr an Arbeit bedeutet. Die meisten Firmen werden den Transformationsprozess nur dann schaffen können, wenn sie Personal an wichtigen Stellen austauschen oder den Generationswechsel gestalten„, so die Empfehlung der Studienautoren.

Mehr Freiraum für Querdenker

Den Querdenkern müsse mehr Anerkennung entgegengebracht werden – sie brauchen Freiräume in der Organisation: „Wer das Nutzenversprechen für die nächste Ära seines Geschäfts entwickeln will, der darf nicht linear denken, sondern muss wie Internet-Start-ups denken lernen. Viele Unternehmen machten, als sie die Notwendigkeit zur Digitalisierung der Geschäftsmodelle erkannten, den Fehler, ,analogen Wein in digitalen Schläuchen‘ zu verkaufen„, kritisieren die Mind-Business-Analysten.

Die Gefahren einer unsicheren digitalen Zukunft könne man verringern, indem digitale Strategien von Internet-Start-ups Teil des Szenario-Prozesses werden: „Das Internet im Allgemeinen und die Digitalisierung im Besonderen führen dazu, dass ganze Branchen durch Software neu gestaltet werden. Erfahrungswerte und das Wissen über das Bewährte dürfen daher nicht als Wegweiser für die digitale Transformation herangezogen werden. Denn immer dann, wenn Produkte und Dienstleistungen zu Software werden, verlieren sie ihre physikalischen Eigenschaften und Beschränkungen.

Die Geschäftserfolge der Vergangenheit würden dabei wie Denkfallen wirken. Wer ausschließlich wie eine Hardware-Company denkt, verpasse neue Chancen, weil man ähnlich wie Best Buy versucht, die Neuentwicklung zu bremsen, indem man Störsender in den Verkaufsflächen installiert, anstatt wie in den Apple Stores neue Zahlverfahren per Handy einzuführen, um den vernetzten Kunden besser zu bedienen.

Internet der Industrie kommt nicht voran

Eine Erkenntnis bleibt in jedem Fall: Man kann technologische Entwicklung nicht stoppen, man kann sie nur zu seinen Gunsten nutzen„, resümieren die Analysten von Mind Business. Die von den Beratern dargestellte Gemengelage passt zu den Ungereimtheiten bei den diversen Industrie-4.0-Aktivitäten von Bundesregierung, Produktionsfirmen und Spitzenverbände wie die Faust aufs Auge.

In den vergangenen Tagen wurde deutlich, dass wir trotz hektischem Aktionismus von Kanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Wissenschaftsministerin Johanna Wanka auch beim „Internet der Industrie“ den Wettbewerb mit den USA verlieren könnten, kritisiert Netskill-Geschäftsführer Winfried Felser in der Sendung „Kompetenzgespräche“.

Dass zugleich deutsche Industrie-Ikonen ihre neue Liebe zum amerikanischen Wettbewerber, dem Industrial Internet Consortium, in der Breite entdecken, ist der eigentlich wichtigste Warnindikator dafür, dass der bisherige deutsche Weg 4.0 auf einem Abstellgleis enden kann„, so Felser.

Industrie 4.0 bedeutet nicht nur Roboter und RFID-Chips, sondern vor allem bessere Produkte, Services und Prozesse durch Zusammenarbeit in Produktionsnetzwerken. „Wir arbeiten uns in Gremien jahrelang an Standards und Normungen ab, klopfen uns gegenseitig auf die Schulter und verlieren dabei die Marktdynamik aus dem Auge„, weiß Felser.

Karl Tröger von der PSI AG, der in fast allen Industrie-4.0-Kreisen mitwirkt, hält die Organisationsprobleme für beschämend. „Wir bekommen es nicht hin, solche Initiativen auf die Straße zu bringen. Man braucht nicht den allumfassenden Super-Standard, sondern Beispiele und Ideen. Jeder zieht sich auf seine persönlichen ökonomischen Interessen zurück, statt etwas im Sinne der Gesamtheit zu tun„, betont Tröger im Kompetenzgespräch.

Industrie-4.0-Bürokraten

Es werden enorme Potenziale durch die Umsetzung der hinter Industrie 4.0 stehenden Ideen erwartet. Dennoch sei der Bekanntheitsgrad der entsprechenden Konzepte in Unternehmen eher gering. „Diese Diskrepanz zwischen der Beschreibung der wirtschaftlichen Potenziale und der Wahrnehmung in der Industrie muss überwunden werden. Das ‚Team Deutschland‘ braucht einen entsprechenden Team-Spirit„, fordert Tröger.

Industrie 4.0 sei vor allem eine dezentral-intelligente, vernetzte und kooperative Industrie. „Technik ist dafür nur der Enabler„, erklärt Felser. Wir machen es in Deutschland schön kompliziert, statt komplex zu denken und einfache Lösungen auf dem Markt zu etablieren. Das macht das IIC besser und das liegt vor allem an der Führungsfigur. Richard Mark Soley ist ein Antreiber, Marktkenner und exzellenter Redner im Unterschied zu den Industrie-4.0-Bürokraten in deutschen Spitzenverbänden und Ministerien, erklärt ein Branchenkenner. Soley gibt der amerikanischen Initiative ein Gesicht. Die liebwertesten 4.0-Gichtlinge in Deutschland verstecken sich lieber hinter Arbeitskreisen und Normungsgremien. Es reicht nicht aus, wenn Verbandsvertreter des Maschinenbaus, der Elektroindustrie und der Informationstechnologie, das Bundeswirtschaftsministerium sowie das
Bundesministerium für Bildung und Forschung mit dem IIC sprechen. Sie sollten international auch das nötige Sendungsbewusstsein entwickeln.

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Die Politik begreift die Herausforderungen der Industrie 4.0 nicht

Müllverbrennung (adapted) (Image by JuergenPM [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Bundeskanzlerin Angela Merkel macht sich heute ein Bild von der Industrie 4.0 in Deutschland, doch wird es unvollständig bleiben. Für die Bundesregierung hat die Digitalisierung der Industrie eine entscheidende Bedeutung für den Wohlstand in Deutschland. In Bayern will sich Bundeskanzlerin Angela Merkel deshalb heute einen Überblick darüber verschaffen, wie die Industrie 4.0 hierzulande aufgestellt ist. Doch ihr Konzept für einheitliche Standards auf europäischer Ebene ist nur auf die unambitionierten Belange der deutschen Unternehmen ausgelegt, nicht aber der globalen Realität.

Es fehlt ein Verständnis für die Industrie 4.0

Auf der Bundespresskonferenz am vergangenen Freitag, kündigte die stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung, Christiane Wirtz, den heutigen Besuch der Bundeskanzlerin beim Maschinenbauunternehmen KUKA AG und des Siemens Elektronikwerk in Amberg an. Angela Merkel möchte sich laut Wirtz einen „Überblick darüber verschaffen, wie die Industrie 4.0 in Deutschland aufgestellt ist„. Auf die naive Frage des Vloggers Tilo Jung, ob Frau Wirtz kurz den Begriff „Industrie 4.0“ definieren könne, kam die stellvertretende Regierungssprecherin etwas aus dem Konzept. „Es geht ja darum„, erklärt Wirtz, „dass es sozusagen ein bestreben der Industrie gibt, auch Roboter und Steuerungstechnologien durchaus in konventionellen oder altgewohnten Verfahrensweisen zu etablieren. Eben genau darum geht es, dass man sozusagen auch neue Technologien, die computergestützt sind, in herkömmlichen Produktionsweisen etabliert. Dafür gibt es ja verschiedene Ansätze, und das wird sich die Bundeskanzlerin eben am Montag wie erötert ansehen.

Aus dieser einseitigen Antwort strömt geradezu die sehr deutsche Denkweise über den Begriff „Industrie 4.0“. Es geht um Produktionsmittel, um Infrastruktur und die physische Kontrolle über Prozesse. Die Smarter-Service-Initiative kritisiert das seit Jahren und benennt mit einem nachvollziehbaren Beispiel den Fehler im deutschen Denken: „Wer sich beispielsweise das Geschäftsmodell von iTunes anschaut, wird verstehen, dass bei Apple der angeschlossene Service-Umsatz bis zum achtfachen den Produktumsatz je iPhone-Kunde übersteigt.“ Dies wird vor allem beim „Internet der Dinge“ offensichtlich: „Während in Deutschland intensiv an komplexen Netzwerkplänen gebastelt wird, betrachten viele amerikanische Unternehmen den vernetzten Kunden als Ausgangspunkt für die Entwicklung von smarten Services. Sie nehmen sich einen Markt nach dem anderen vor, anstatt alles mit allem vernetzen zu wollen. Statt komplizierter Steuerung wird die einfache, elegante und spielerische Bedienung per App zum Dreh- und Angelpunkt jedes Service Designs.

Das Betriebssystem für die Industrie 4.0 entwickeln andere

Netzpiloten-Autor Gunnar Sohn kommentiert dieses spürbare Unverständnis für die tiefgreifende Digitalisierung der Wirtschaft folgendermaßen: „Die innere Uhr der politischen Entscheider ist immer noch auf die industrielle Produktion gepolt. Man merkt es an der wenig ambitionierten Digitalen Agenda der Bundesregierung, man erkennt es an den lausigen Akzenten, die in der Bildungspolitik gesetzt werden, und man hört es bei den Sonntagsreden der Politiker, wenn es um Firmenansiedlungen geht. Es gibt keine Konzeption für eine vernetzte Ökonomie jenseits der industriellen Massenfertigung aus den Zeiten des Fordismus.

Auch die Bundeskanzlerin hat keinen besseren Weitblick als ihre stellvertretende Regierungssprecherin oder die deutsche Industrie. In ihrem Videopodcast lässt sich Angela Merkel von Dipl.-Ing. Eckhard Hohwieler, Abteilungsleiter für Produktionsmaschinen und Anlagenmanagement im Berliner Fraunhofer-Indstitut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK), interviewen und erklärt, dass es in Deutschland um die „Digitalisierung der Produktion“ gehen muss und „Standards zu entwickeln“ sind, damit „Unternehmen eine einheitliche Plattform“ nutzen können. Gemeinsame Standards sind wichtig, aber die Bundeskanzlerin, und mit ihr die deutsche Industrie, verkennt dabei die Rolle von Software. Das Betriebssystem für die Infrastruktur wird nämlich in den USA und China entwickelt.

Die von Wirtz angesprochenen „Roboter und Steuerungstechnologien„, aber auch Autos, Kaffeemaschinen, Waschmaschinen und Geschirrspüler, zum Beispiel das Google-Betriebssystem Android installiert, um die Vernetzung voranzutreiben. „Man wartet, bis Google über die Unterhaltungselektronik ausliest, welche Fehler ein Auto hat – da ist in Deutschland keiner dran„, warnt der ehemalige IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck. Merkel verweist nur darauf, dass zwar „in der klassischen Produktion sehr vielmehr Softwarefähigkeiten brauchen“ wird, ihre Antwort darauf sind aber erst in frühestens einem Jahrzehnt greifende Bildungskonzepte, die aber gleichzeitig in der Digitalen Agenda noch viel zu kurz kommen.

Die Politik ignoriert den digitalen Wandel – wieder einmal

Das die Bundeskanzlerin in einem nicht-journalistischen Video-Podcast des Bundespresseamt viele eigene und gut formulierte Ansichten unterbringt, die auch sehr industriefreundlich sind, ist kein Grund zur Verwunderung. Standards und Plattformen für die deutsche Industrie zu entwickeln, klingt ambitioniert und schaffbar – einem vermeintlichen Erfolg steht also kaum noch etwas im Wege. Doch die Dampfmaschinen der Zukunft zu entwickeln, ihnen stählerne Räder zu verpassen und sie auf hier produzierte Gleise zu setzen, wird nicht ausreichen, um auch die nächste industrielle Revolution zu meistern. Der Grund ist einfach, denn wenn – um im Bilde von der Eisenbahn zu bleiben – der alles antreibende Dampf in Südkorea, China oder dem Silicon Valley entwickelt wird, kann hier schnell alles zum Stillstand kommen.

In seiner Hangout-Sonntagsmatinee diskutierte Gunnar Sohn gestern Vormittag mit Winfried Felser von Competence Site und Karl Tröger von der PSI AG über die Titel gebende Frage, wie Regierung und Wirtschaft den „Industrie 4.0“ Vorsprung versemmeln. Die Arbeitswelt von morgen braucht nicht nur vernetzte Maschinen und Produkte in einer Smart Factory, erklärt Tröger und verweist, dass es noch immer an Innovation auslösenden Richtlinien und Anwendungsbeispielen fehlt. Um diese zu erreichen, plädiert er dafür, dass heute vorhandene Technologien und marktführende Systeme, neu kombiniert und weiterentwickelt werden müssen, um durch die Nutzung schrittweise ein Basissystem 4.0 entstehen lassen, denn „wir müssen Beispiele finden, um eine Idee zu zeigen, wie man so etwas hinbekommen kann.“ Ein funktionierendes Beispiel würde eine Vision von der Zukunft wahrscheinlich wirklich am besten erklären.


Image (adapted) „Müllverbrennung“ by JuergenPM (CC0 Public Domain)


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Vernetzte Ökonomie, Wirtschaft und Staat

Google Food (adapted) (Image by brionv [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Google und Co. werden auch die deutsche Netzwirtschaft aufmischen. Aber anstatt sich mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen, rufen die deutschen Unternehmen nach Vater Staat. Telekom-Chef Tim Höttges weint sich wieder mal in einem Zeitungsinterview die Augen aus, weil der böse Internetkonzern Google so mächtig ist: „Kein anderes Unternehmen in der Welt sammelt so viele Daten. Und kein anderes Unternehmen der Welt verwertet sie so gewinnbringend“, moniert der Netzbetreiber-Boss gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. Das sorge für „erhebliche Wettbewerbsverzerrungen“. Höttges rügt insbesondere den Umgang mit Daten durch Google.

Für Google würden andere Regeln als für die Telekom gelten, die sich an deutsche Datenschutzgesetze halte. Entsprechend müssen jetzt wohl EU, Bundesregierung, NATO, UNO, Polizei oder Feuerwehr aktiv werden, um den Mountain-View-Laden endlich zu regulieren oder gar zu zerschlagen. Um Datenschutz geht es den Telekomikern aber gar nicht.

Die liebwertesten Gichtlinge der alten Wirtschaftswelt fürchten sich vor dem digitalen Tsunami, der selbst vor Handwerkern der Gas-Wasser-Scheiße-Branche nicht haltmacht. Google und Co. drängen in altehrwürdige Industrien ein mit einer Netzlogik, die von den Wirtschaftskapitänen der Deutschland AG als Bedrohung empfunden wird. Und ihre Abwehrreaktionen folgen dem Lehrbuch des Ökonomen Joseph Schumpeter.

Die Klagen des Routineunternehmers

Das Eindringen von Neulingen in bestehende Branchen würde stets Kämpfe mit der alten Sphäre nach sich ziehen, schrieb der. Die Altvorderen seien bestrebt, den Vorteil, den eine neue Firma durch eine Innovation erlangt, zu verbieten, zu diskreditieren oder auf andere Weise zu beschränken. Was immer dabei auch im Einzelfall geschehe, so Schumpeter, sei der hohe Gewinn jedes Unternehmers stets vergänglich, denn Konkurrenten würden Neuerungen kopieren und damit ein Sinken des Marktpreises bewirken.

Der Routine-Unternehmer agiert machtpolitisch und schreit am Ende nach Vater Staat, um seine Pfründe in Sicherheit zu bringen. In Wahrheit ist der Telekom-Boss doch nur sauer auf Google, weil der Suchmaschinen-Gigant seine Dienste kostenlos anbietet, über Werbung gegenfinanziert und damit satte Gewinne einfährt. Etwa Videotelefonie, Livestreaming via Hangout on Air oder Services für Kurznachrichten. Machtvoll ist Google wegen seiner Größe bei der Skalierung seiner Angebote. Selbst vor dem Bau von Glasfaser-Leitungen schreckt der amerikanische Konzern nicht zurück, um Länder so schnell wie möglich auf eine neue Stufe der Digitalisierung zu heben.

Klagemauer-Reden helfen nicht

Höttges gehört noch der industriellen Glaubenskongregation an, die davon ausgeht, dass die Silicon-Valley-Angreifer bei Hardware scheitern werden. „Wir können Netz besser“, lautet die Parole des Bonner Netzbetreibers. Höttges erwartet nicht, dass Google in Europa Netze bauen werde. Das könnte auch so ein Satz werden, der in die Annalen der technologischen Fehleinschätzungen eingeht. Wenn Deutschland nicht in der Lage zu Infrastruktur-Investitionen für schnelles Internet ist, kommt eben eine Lösung von Übersee. Vielleicht nicht via Glasfaser, sondern mobil via Stratosphäre. Die einen buddeln weiterhin Kabelschächte und die anderen verdienen noch mehr Geld.

Da helfen Schutzgesetze und Klagemauer-Reden nicht weiter. Was viele liebwerteste Gichtlinge in Politik und Wirtschaft immer noch nicht begriffen haben, sind die volkswirtschaftlichen Effekte der vernetzten Ökonomie, die sich nicht auf das Teilen von Katzenbildern im Social Web reduzieren lassen.

Beim ersten Bonner Netzökonomie-Campus, der in meiner Bibliothek stattfand und über den mephistophelischen Umsonst-Dienst Hangout on Air übertragen wurde, kritisierten die Experten unisono die alten Rezepturen, die selbst hoch qualifizierte Politikberater wie DIW-Chef Marcel Fratzscher dem politischen Führungspersonal in Berlin vorbeten.

Star-Ökonomen ohne digitale Expertise

Im neuen Fratzscher-Opus „Die Deutschland-Illusion – Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen“ taucht eine Vielzahl von klugen Analysen über den brüchigen Status quo der deutschen Wettbewerbsfähigkeit auf. Schaut man im Register unter D wie Digitalisierung oder I wie Internet oder Informationstechnologie nach, findet man jedoch nur gähnende Leere.

Der DIW-Chef empfiehlt stattdessen in alter keynesianischer Machart mehr staatliche Investitionen, um etwa dem Verfall von Straßen entgegenzuwirken. Das ist recht erbärmlich für einen „Star-Ökonomen“, der sich zum wichtigsten Stichwortgeber von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hochgearbeitet hat. Deshalb brachte ich bei der Vorstellungsrunde unserer netzökonomischen Käsekuchen-Diskussion auch als Hashtag „Schumpeter-statt-Keynes“ ins Spiel. Schumpeter warf bekanntlich Keynes und seinen Aposteln vor, das wirtschaftliche Geschehen nur in Aggregaten zu denken und die Rolle von Innovationen sowie unternehmerischen Einzelentscheidungen auszublenden. Makroökonomen seien blind für die Auswirkungen von neuen Technologien und Geschäftsmodellen.

Entsprechend profan fallen die Empfehlungen der volkswirtschaftlich ausgebildeten Politikflüsterer aus. Was Fratzscher und Co. vortragen, ist alter Keynesianismus in neuen Schläuchen. Mehr Staatsausgaben, geldpolitische Globalsteuerung, Industrieförderung, ein wenig mehr bauen und schon läuft die Konjunktur: „Man kann nicht mit altem Denken in neuen Welten erfolgreich sein. Da ich mich als Wirtschaftshistoriker mit dem Strukturwandel in den vergangenen drei Jahrhunderten beschäftigt habe, weiß ich, dass wir andere Methoden und Kompetenzen brauchen“, fordert Wirtschaftsprofessor Klemens Skibicki beim Netzökonomie-Campus. Das Internet bewirke die größte Senkung der Transaktionskosten, die wir je erlebt oder historisch erforscht haben. Die wirtschaftspolitischen Empfehlungen, die in Berlin und anderswo verlautet werden, seien verpuffender Keynesianismus.

Im Vergleich mit der Merkel-Regierung ist Elmar Weiler, Rektor der Ruhr-Universität in Bochum, in seinen Erkenntnissen schon viel weiter. Er treibt die notwendige Neuerfindung seiner Stadt unter dem Stichwort Bochum 4.0 voran.

„Bochum 1.0 dokumentiert die Zeit, als man Kohle aus der Erde holte, bis keine mehr da war. Allen sei klar gewesen, dass sich die Lagerstätten erschöpfen würden. Dann hat man angefangen, einen Hightech-Werkstoff zu entwickeln – nämlich Stahl. Da brauchte man nicht nur Eisenerz, sondern auch sehr viel Wissenschaft, um etwa rostfreien Stahl herzustellen. Das war Bochum 2.0. Von der Kohle über den Stahl geht die Erfolgsgeschichte weiter zu Fabriken, in denen Hochleistungsmaschinen gefertigt wurden wie Autos und Handys. Diese Zeit geht jetzt auch zu Ende. Also Bochum 3.0“, sagt Weiler.

Jetzt folgt die Phase 4.0: „Es bricht eine neue Zeit an, die weniger geprägt sein wird von großen Industriewerken“, meint Weiler – auch wenn das viele Industrielobbyisten immer noch nicht ganz wahrhaben wollen. Der Uni-Rektor ist fest davon überzeugt, dass das der Vergangenheit angehört.

Relevanter werden Mittelstand und innovative Unternehmen, die sich besser vernetzen müssen, bei der Erzeugung von lokalen Wertschöpfungsketten. Es gehe dabei um die Vernetzung von allem. Also Kultur, Sport, Wissenschaft, Wirtschaft und das Engagement der Bürgerschaft. Was Professor Weiler in wenigen Worten skizziert hat, sollte sich die Große Koalition in Berlin hinter die Ohren schreiben.

Wie überzeugt man Zukunftsverweigerer?

Was mit Bochum 4.0 umschrieben und angestoßen wird, ist für den theologisch fundierten Informatiker Winfried Felser ein richtiger Schritt, um die Zukunftsverweigerer der überkommenen Ökonomie abzuholen. Das erreiche man nicht mit Begriffen wie „digitale Wirtschaft“ oder mit Konferenzen wie der re:publica in Berlin. Letzteres würden die Altvorderen als spleeniges Internet-Getöse von esoterischen Nerds abtun. Es müsse Maßnahmen geben, die auch IHK-Mitglieder, inhabergeführte Unternehmen und Konzernchefs erreichen, empfiehlt Netskill-Geschäftsführer Felser beim netzökonomischen Diskurs in der rheinischen Beethoven-Metropole. Jeder Handwerker, jeder Heizungsbauer und jeder Hersteller sollte sich die Frage stellen, ob er morgen noch mit seinem Geschäftsmodell erfolgreich sein kann. Etwa bei der Wartung von vernetzten Heizungen, die digital überwacht und gewartet werden. Da ist ein Systemingenieur gefragt und nicht mehr der klassisch ausgebildete Installateur – vom Schornsteinfeger mal ganz zu schweigen.

Das Wort „Netzökonomie“ unterstreicht, dass die Digitalisierung und Vernetzung den Querschnitt aller Wirtschaftstätigkeiten betrifft. Mit Furcht, die sich durch Medien, Politik, Wirtschaft und Universitäten zieht, sei die digitale Transformation nicht zu bewerkstelligen, ergänzt Skibicki.

„Was sich im Ruhrgebiet beim Niedergang von Stahl, Kohle und industrieller Massenfertigung abspielt, gilt für ganz Deutschland. Leider beteiligen sich Politik und Verwaltung an diesem Prozess nicht. In anderen Ländern ist man da schon sehr viel weiter“, weiß Kommunikationsberater Frank Michna.

Kein Thema für außerirdische Aliens

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche hängt eng mit der steigenden Leistungsfähigkeit der Mikroprozessoren zusammen: „Das bekommen dann irgendwann auch Busfahrer und sogar Piloten zu spüren, die von intelligenter Steuerungstechnologie ersetzt werden“, sagt Innovationsexperte Jürgen Stäudtner vom Beratungshaus Cridon. International werde nur die industrielle Expertise gesehen. Wir sollten schleunigst damit beginnen, dieses Wissen mit digitaler Kompetenz aufzuladen.

Der Dreiklang mobiles Internet, Social Web und Industrie 4.0 betrifft alle. Netzökonomie sei daher kein Thema für außerirdische Aliens, sondern gehöre auf die Tagesordnung von BDI und Co., so das Credo des Kommunikationswissenschaftlers Jonas Sachtleber, der für die studentische Unternehmensberatung Oscar tätig ist.

Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik liefern in Deutschland für die digitale Transformation bislang weder Modelle, Methoden noch Metaphern. Mit dem Netzökonomie-Campus möchte ich das über Tagungen, Studien, E-Books, Workshops, Barcamps und virtuelle Expertenrunden via Hangout on Air ändern.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.


Image (adapted) „Google Food“ by brionv (CC BY-SA 2.0)


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