Über Leerformeln in digitalen Erzählungen – Netzdiskursen fehlt die theoretische Fundierung

Der Kölner Soziologe Klaus Janowitz hat sich der Herkules-Aufgabe gewidmet, in der vernetzten Welt für etwas mehr Klarheit zu sorgen. Erinnert sei an seine Überlegungen zur Hashtag-Ökonomie als als Gegenentwurf zur durchorganisierten Gesellschaft. Es geht dabei um Verbindungen von Neigungen und Interessen. Es geht um vernetzten Individualismus fernab von Reports, Indikatoren, Kennzahlen und Excel-Tabellen, die nur Ausdruck der Hilflosigkeit in einer vernetzten Welt sind. Jetzt versucht sich Janowitz an der Einordnung des Begriffes der Digitalen Transformation, der seit einigen Jahren den Diskurs im Netz beherrscht und Veränderungen in Unternehmen und Organisationen beschreibt.

Die heiße Luft der Digital-Darwinisten

Dabei findet er eine Menge heiße Luft, etwa im jüngsten Buch der so genannten Digital-Darwinisten Karl-Heinz Land und Ralf Kreuzer: „Mit dem Begriff digitale Transformation wird der zielgerichtete Einsatz von digitalen Technologien bezeichnet, um die eigenen Wertscho?pfungsprozesse unter Einsatz von digitalen Technologien neu- oder umzugestalten.“ Zerpflückt man diesen Satz in seine Einzelteile, bleibt wenig Substanz übrig. Was heißt denn „zielgerichteter Einsatz“? Was sind eigene Wertschöpfungsprozesse? Als Antipoden zitiert Janowitz den Kolumnisten Alain Veuve: „Transformation impliziert einen Prozess, der einen Anfang und ein Ende hat.“ Unternehmen machen sich fit für die digitale Transformation. Veränderungen sind nicht nur von den Informationstechnologien getrieben, auch anderswo gibt es Fortschritt.

Eingaben ohne Ziel

Das Notiz-Amt sieht sich näher bei der Position von Alain Veuve und verweist auf das Schrifttum des Systemtheoretikers Niklas Luhmann. Wie kann überhaupt noch etwas zielgerichtet laufen, wenn die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt werden, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert. Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten. Die moderne Computertechnik greift die Autorität der so genannten Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen.

Die Tautologien der digitalen Avantgarde

Was bedeutet das für die Tautologien, die uns von Digitalen Darwinisten oder sonstigen Digitalen Evangelisten inflationär um die Ohren gehauen werden? Solche Internet-Erklärer, die die Konferenzbühnen beherrschen, stellen sich nicht einer kritischen Überprüfbarkeit ihrer Erzählungen. Wo bleibt die theoretische Fundierung im Diskurs über die Wirkungen der Digitalisierung für Wirtschaft, Gesellschaft und Staat? Die vorherrschenden Erzählungen in Netz-Debatten, die sich mit Digitaler Transformation, Content Marketing, Storytelling, Plattformen oder Industrie 4.0 beschäftigen, bestehen aus „ganzheitlicher“ Phrasendrescherei. Das gilt für die Beraterzunft und auch für die betriebswirtschaftlich ausgebildeten Stichwortgebern.

Selbstkonstruierter Unsinn

Der Wissenschaftstheoretiker Hans Albert würde das Keynote-Gemurmel als selbstkonstruierten Unsinn abtun. Belastbar seien nur Aussagen, die sich anhand einer Auseinandersetzung mit uns umgebenden realen Welt überprüfen lassen. Es dominieren hypothesenlose Leerformeln, die ihre empirische Gehaltlosigkeit verschleiern. Man könnte sogar von Dogmen sprechen, da uns von vielen digitalen Vordenkern absolute Gewissheiten verkauft werden, ohne auch nur in Ansätzen empirische Einsichten zu vermitteln. Man fahndet nur nach Bestätigungen der eigenen Sichtweise und schließt von Einzelphänomenen auf die Allgemeinheit. Vermeintliche Wahrheiten wurden und werden von gläubigen Anhängern ohne Überprüfung der Fehlerhaftigkeit verteidigt. Wer nicht an sie glaubt, gilt als verstockt und rückwärtsgewandt. Eine kritische Urteilsfähigkeit kann so nicht entstehen. Selbst eine noch so oft wiederholte Beobachtung der regelmäßigen Verbindungen von Dingen oder Ereignissen rechtfertigt es nicht, daraus eine logisch zwingende Schlussfolgerung auf eine Gesetzmäßigkeit zu ziehen.

Die Überprüfbarkeit von Hypothesen

Jeder sollte daher immer kritische Widerlegungsversuche von Hypothesen anstellen, statt nur nach Bestätigungen des eigenen Gedankengebäudes zu suchen. Beim jüngsten netzökonomischen Diskurs im Kölner Startplatz wurden Ideen verhandelt, wie man den dominierenden digitalen Plattformen des Silicon Valley Paroli bieten könnte. Zur Sprache kamen Open Source-Ideen, die zu einer Dezentralisierung des Netzes taugen. Kann man sich überhaupt aus der häufig zu beobachtenden Pareto-Verteilung befreien, die in den meisten Netzwerken vorherrscht? 20 Prozent derer, die Einkommen haben, zahlen 80 Prozent der Einkommenssteuer; 20 Prozent der Produkte eines Supermarktes machen 80 Prozent des Umsatzes aus; 20 Prozent der Wissenschaftler bekommen 80 Prozent der Zitate ab; 20 Prozent der Wissenschaftler schreiben 80 Prozent der wissenschaftlichen Texte. Selbst für Wikipedia gilt: 20 Prozent der Autoren liefern 80 Prozent der Beiträge. Wie kommt man aus diesen Machtstrukturen raus?

Raiffeisen für die Netzökonomie

Letztlich plädierte die netzökonomische Fachrunde für einen stärkeren Schulterschluss, den vor allem kleine und mittelständische Unternehmen leisten müssen. Etwa über die Raiffeisen-Idee, die im 19. Jahrhundert begründet wurde: Solche Genossenschaften seien Netzwerke, die helfen, wenn eine Branche im Wandel und im Wachsen ist, erläutert die Volkswirtin Theresia Theurl von der Uni Münster gegenüber der Wirtschaftswoche: „Bist Du nicht groß oder besonders stark, musst du besonders schlau sein. Man kann sich Größe auch organisieren, ohne sich abhängig zu machen.“ Um das Problem der schlechten Bonität zu lösen, setzte der Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen auf das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe„. Man könnte es auch nach dem Motto der „Vier Musketiere“ formulieren: „Einer für alle, alle für einen„.

Eine Gruppe Kreditbedürftiger schließt sich zusammen und stattet ihre Genossenschaften mit Haftungskapital aus. Für den Einzelnen ist die Einlage bezahlbar, doch unter dem Strich kommt ein ordentliches Kapitalpolster zusammen. Dadurch entsteht eine privat finanzierte Bank, die Geld an ihre Mitglieder verleihen kann, ohne bei Ausfällen einzelner Schuldner pleitezugehen.

Dies erläuterte die Wirtschaftswoche. Gleiches gilt für die Digitalisierung der Wirtschaft, etwa bei Investitionen in 3D-Drucker, beim Einkauf, bei der Vermarktung über Plattformen und beim Wissenstransfer. Bringt die Raiffeisen-Idee nun Impulse für die Netzökonomie in Deutschland? Das muss nun empirisch überprüft werden mit Rückgriffen auf die Wirtschaftsgeschichte und auf heutige Phänomene. Es steht eine Hypothese zur Disposition, die mit Daten aus dem 19. Jahrhundert und mit aktuellen Daten abgeklopft werden kann – ohne esoterische Quatschereien.


Image (adapted) „DTO-GOV-AU Misc-8“ by adrian yee (CC BY 2.0)



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Gunnar Sohn

Gunnar Sohn

ist Diplom-Volkswirt, lebt in Bonn und ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist, Moderator und Blogger. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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2 comments

  1. „Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert.“
    (Gut. Nicht die Autorität der Quelle, sondern der Sinn einer Mitteilung steht in Frage.)

    __________________________

    „Wer nicht an sie glaubt, gilt als verstockt und rückwärtsgewandt.“
    (Wenn man eine Idee gut findet oder als sinnvoll erachtet und trotzdem nicht an deren Verwirklichung glaubt, dann ist das eigentlich nichts anderes als Zynismus.)

    „Wenn die Menschen Situationen als wirklich definieren, sind sie in ihren Konsequenzen wirklich.
    If men define situations as real, they are real in their consequences“
    – W. I. Thomas und D. S. Thomas
    https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas-Theorem

    Vielleicht brauchen Ideen allgemein mehr Enthusiasmus, als „kritische Urteilsfähigkeit“, wenn sie zu soliden praktischen Lösungen für erlebte Probleme führen sollen.

    Die Verwirklichung von Ideen hat mit einer objektiven „Wirklichkeit“ ja wenig zu tun… Viel eher geht es darum Enthusiasmus und Resonanz zu provozieren, damit man hilft, Wege in eine wünschenswerte „soziale Realität“ zu bahnen.
    Das ist die „Politik“, die wir heute brauchen: Enthusiasmus und Sinnvermittlung!

    Um was anderes geht es also, als darum, dass Menschen an den Sinn von Ideen glauben?
    Wenn so ein „Gedankengebäude“ also nur genügend positives Feedback und Resonanz erfährt, dann kann es sich also zu einer sozialen Wirklichkeit manifestieren…
    Und irgendwann können in so einem „Gedankengebäude“ unter Umständen dann auch Belange von Menschen „unterkommen“.
    Egal, ob es von seinen Ausgangshypothesen her genügen „kritisch hinterfragt“ worden ist.
    Es geht schließlich darum, ob die Menschen an den Sinn der Verwirklichung einer Idee glauben.
    Wenn ja, dann spielen kritische Einwände möglicherweise zugrundeliegenden Hypothesen kaum eine Rolle.

    __________________________

    „Zur Sprache kamen Open Source-Ideen, die zu einer Dezentralisierung des Netzes taugen.“

    „Bist Du nicht groß oder besonders stark, musst du besonders schlau sein. Man kann sich Größe auch organisieren, ohne sich abhängig zu machen.“ (Das ist offensichtlich das Potential, das sich uns im technologischen Paradigma „Social Networking“ bietet.)

    „Das muss nun empirisch überprüft werden mit Rückgriffen auf die Wirtschaftsgeschichte und auf heutige Phänomene.“
    (-_-) ? Warum!?
    Es geht doch letztlich eben nur darum, ob man genügend Resonsanz oder Enthusiasmus für eine Idee erzeugen kann, damit es klappen kann… damit man plausible Lösungen für erlebte Probleme im sozialen Alltag verwirklichen kann…
    Wenn der Sinn einer Idee hinreichend vermittelbar ist, dann kann man im Prinzip darauf verzichten eine Hypothese mit irgendwelchen Daten aus dem 19. Jahrhundert abzuklopfen.
    Ich glaube (ehrlich!) dass überzeugende „esoterische Quatscherei“ (im weitesten Sine) heute viel mehr zur Lösung praktischer Probleme beitragen kann, als eine „empirische Überprüfung“ von Ideen oder Hypothesen.

    Ich kann mir das nicht einmal vorstellen, wie das funktionieren soll… Ideen „empirisch“ zu prüfen… Wie denn?
    Ideen sind doch immer letztlich Wolken, die in einer potentiellen Zukunft schweben, deren Manifestation rein am Interesse und am Glauben von Menschen/ von sozialen Wesen hängt… an was denn auch sonst?
    Empirische Daten können ermutigen oder entmutigen…
    Schade, wenn das Scheitern von guten Ideen an einer „kritischen Überprüfung“ durch (prinzipiell fragwürdige) „empirische Datenerhebungen“ scheitert. Empirische Daten sagen letztlich immer nur etwas über eine Vergangenheit aus. Wenn man die Spur wechseln muss, dann kann es selbstverständlich auch helfen in den „Rückspiegel“ zu sehen. Vielleicht ist der Spurwechsel nicht immer möglich oder zu gefährlich… Vielleicht muss man ab und zu auf einen geeigneten Moment für einen Spurwechsel warten. Aber beim Überholen (eingefahrener Traditionen und Umstände oder beim Umfahren von gesellschaftlichen Stau-Strukturen) muss man im richtigen Moment Mut fassen und schließlich fokussiert und konzentriert vorwärts schauen.
    Wenn man den Glauben nicht hat

    Wenn die Gebrüder Wright den Wissenschaftlern geglaubt hätten, die damals gemeint haben „empirisch“ nachweisen zu können, dass die Idee „heavier-than-air flight“ Unfug ist, dann gäbe es heute vielleicht immer noch keine Flugzeuge.
    (Oder jemand Anderes hätte sie verwirklicht… Jemand, der — trotz widersprüchlicher empirischer Datenlage — an die Verwirklichung der Idee geglaubt hätte.)

    // Indeed, eight years before Orville and Wilbur Wright took their home-built flyer to the sandy dunes of Kitty Hawk, cranked up the engine, and took off into the history books, Lord Kelvin, the President of the Royal Society of England made a forceful declaration. „Heavier than air flying machines are impossible,“ said this very powerful man of science….Rumor has it Lord Kelvin was slightly in error.//
    http://www.nasa.gov/audience/formedia/speeches/fg_kitty_hawk_12.17.03.html ;)

    // Zur Ermutigung:

    1. Korintherbrief
    12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich’s stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.
    13 Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

    2 Kor 4,4 „…denn der Gott dieser Weltzeit hat das Denken der Ungläubigen verblendet. So strahlt ihnen der Glanz der Heilsbotschaft nicht auf…“ ;)

  2. Es ist wohl gerade Zeichen der Zeit, dass einerseits zu vermuten steht, in einer Ära zahlreicher tiefgreifender, schneller, sich überlappender und nicht endenwollender Umwandlungen zu leben, andererseits diese Übergangsphänomene gar nicht überblicken zu können, jedenfalls kaum noch über einen längeren Zeitraum, und zwar weder in ihrer technischen Entwicklung noch in ihren weiteren Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft. Wäre natürlich hilfreich, wenn irgendeine „Theorie“ gleichsam im Vorhinein skizzieren könnte, wohin die Straße führt. Wie Marx das mal für den seinerzeitigen Manchester-Kapitalismus gemacht hat. Aber diese Theorie kann es gar nicht geben, weil die Faktoren, die man dazu im Auge haben und auf die Reihe kriegen müsste, nicht fixiert sind, sondern sich selbst wandeln wie Wolken am Himmel. Die „digitale Transformation“ sich als rein digitale Geschichte zu denken, dürfte schon verkehrt sein, weil die Zukünfte eben auch von Krieg und Frieden, Energieforschung, Klima, „Globalisierung“ und vor allem von dem politisch-gesellschaftlichen Umgang mit den sich wandelnden Bedingungen abhängt. Vielleicht sind es diese vielen Unabsehbarkeiten, die selbst brauchb are Experten immer ein wenig wie Astrologen aussehen lassen?
    Sehr gefällt mir der Hinweis auf die Tradition des genossenschaftlichen Wirtschaftens. Zwei Punkte sind dabei wichtig, die mEn durch digitale Vernetzung neue Aktualität bekommen haben: Das eine ist das Subsidaritätsprinzip – das gemeinsame Zentrum unterstützt die Genossenswhcfat, sagt ihnen aber nicht, was sie zu tun haben. Der andere Punkt ist der eines kooperativen Verständnisses von Wirtschaft. In der nicht kooperativen Welt sind Unternehmer nur auf den eigenen Erfolg bedacht und hauen Kunden im Zweifelsfall so übers Ohr, dass die Kunden pleitegehen – Kampf eines jeden gegen jeden anderen und Übervorteilung als Grundsatz der BWL. In der kooperativen Welt versteht ein Unternehmen, dass es ihm gut geht, wenn es seinen Kunden gut geht – eigenständiges Wirtschaften füreinander und Nutzensteigerung für alle „Stakeholder“ als Grundsatz der BWL. In diese zweite Richtung müsste es gehen, auch global, und das ist die genossenschaftliche Tradition, die ja auch historisch sich als sehr „sustainable“ oder „resilient“ erwiesen hat. Genossenschaften sind ja gegründet worden, damit Handwerker leben und überleben konnten.

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