Zeichen setzen mit einem Hashtag

Hashtag Aktivismus gilt als kurzlebig und wirkungslos. Tatsächlich sind aber einige Hashtag Kampagnen sehr erfolgreich und mehr als Slacktivism.

Hashtag-Aktivismus steht für einen Trend in sozialen Netzwerken wie Twitter, mit dem bestimmte gesellschaftliche Ereignisse sich über ein Schlagwort, dem Hashtag, viral verbreiten. Das soziale Engagement und der Internetaktivismus, der daraus entsteht, nennt sich Hashtag-Aktivismus. Doch Hashtag-Aktivismus wird auch häufig kritisiert, weil er weder langlebig noch effektiv sei. Das muss aber nicht immer zutreffen. Viele Hashtag-Kampagnen können klare Erfolge verzeichnen und aus einigen von ihnen wurden sogar erfolgreiche soziale Bewegungen. Die folgenden Beispiele zeigen, was erfolgreichen Hashtag-Aktivismus ausmacht.

Von #NousSommesUnis bis hin zu #BlackLivesMatter – jedes größere mediale Ereignis, jede Bewegung wird von einem Hashtag begleitet. Die Hashtags sind heutzutage das, was die politischen Slogans der vor-digitalen Ära waren. Die Logik liegt auf der Hand: Wer erfolgreich Unterstützer hinter seine Sache bringen will, braucht ein Schlagwort, mit dem die zentrale Idee der Bewegung kurz und bündig auf den Punkt gebracht wird. Hashtag-Kampagnen greifen genau diesen Gedanken auf. Über Hashtags können sich Bürger im Netz schneller und leichter organisieren und einer Debatte durch das Anheften eines Hashtags mehr Bedeutung und Reichweite geben.

Dabei werden diese Hashtag-Aktionen von vielen als zu kurzlebig kritisiert. Hier lohnt sich aber ein genauerer Blick auf den Erfolg oder Misserfolg verschiedener Hashtag-Kampagnen. Einige, wie etwa #BlackLivesMatter, haben sich zu einer aktiven Bürgerbewegung ausgeweitet, andere wiederum, wie zum Beispiel die Hashtag-Kampagne von Michelle Obama, #BringBackOurGirls, sind kurz medienwirksam, geraten, dann aber nach wenigen Wochen schon wieder in Vergessenheit oder bewirken letztendlich nichts. Was macht also eine Kampagne erfolgreicher als die andere? Wie sieht erfolgreicher Hashtag-Aktivismus aus? Die folgenden vier Beispiele zeigen, wie aus einer medienwirksamen Hashtag-Aktion erfolgreicher Hashtag-Aktivismus werden kann.

#BlackLivesMatter: Ein Hashtag wird zur Bürgerbewegung

Eins der erfolgreichsten Beispiele für Hashtag-Aktivismus ist #BlackLivesMatter aus den USA. BLM begann im Jahr 2013 als Reaktion auf den tragischen Tod des schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin in Texas. Der Mann, der ihn angeblich in Notwehr erschossen hatte, George Zimmerman, wurde freigesprochen. Aufgebraucht twitterten Afroamerikaner in den USA darüber, dass auch schwarze Leben zählten. #BlackLivesMatter hat sich mittlerweile zu einer gut durchstrukturierten Bürgerinitiative gemausert, die erfolgreich Proteste und sogenannte Die-Ins im ganzen Land organisiert und immer wieder effektiv Rassismus in den USA aufzeigt und anprangert.

BlackLivesMatter Screenshot

BLM zeigt, wie aus einer einfachen Hashtag-Kampagne eine nachhaltige Bürgerbewegung werden kann.

#NomasSoldadomicolta: Afrokolumbianer wehren sich erfolgreich gegen Rassismus in den Medien

Ein ähnliches Phänomen zeigt sich derzeit in Kolumbien mit der erfolgreichen Hashtag-Kampagne #NomasSoldadomicolta (Schluss mit dem Soldaten Micolta). Beim Soldado Micolta handelt es sich um den Comedian Roberto Lozano, der seit 2004 jeden Samstag im kolumbianischen Fernsehen in der beliebten Nachmittagssendung Sabados Felices zu sehen ist. Der Komödiant, der nach kolumbianischen Verhältnissen als “weiß” gilt, verkleidet sich dabei als afrokolumbianischer Soldat, um sich auf recht beleidigende Weise über Afrokolumbianer lustig zu machen – noch dazu mit dem rassistisch besetzten Blackface bemalt.

Dies wurde zum Auslöser für Afrokolumbianer im ganzen Land, um auf den starken Rassismus in den kolumbianischen Medien im Besonderen, aber auch in Kolumbien im Allgemeinen hinzuweisen. #NomasSoldadomicolta wurde zum Emblem einer wütenden afrokolumbianischen Bürgerbewegung, die im Oktober 2015 tagelang auf die Straße ging, um gegen den latenten Rassismus im Land zu protestieren. Auch hier musste sich der verantwortliche TV-Sender Caracol Televisión schließlich dem Druck des Hashtags beugen. Der Sender kündigte an, die Inszenierung des Soldaten Micoltas zu überdenken. Die Show soll zwar weiterhin stattfinden, aber immerhin ohne Blackface. Ein kleiner, aber wichtiger Erfolg für weniger Rassismus in Kolumbien. Doch die Bewegung hörte damit nicht auf. Politiker und Menschenrechtsorganisationen wie Chao Racismo haben diesen Hashtag eher zum Anlass genommen, um aktiv gegen Rassismus in Kolumbien vorzugehen.

#landesverrat: Vom einfachen Hashtag zu politischen Konsequenzen

Auch in Deutschland gibt es mehrere Beispiele für erfolgreiche Hashtag-Kampagnen. Eine der bekanntesten ist #landesverrat. Dieser Hashtag bezieht sich auf einen Bericht des Blogs netzpolitik.org vom Februar 2015. Journalisten des Blogs hatten über die Internetüberwachung von Bürgern durch den Verfassungsschutz berichtet und dafür Auszüge aus geheimen Dokumenten veröffentlicht. Prompt leitete Bundesgeneralanwalt Harald Range ein Verfahren gegen die Journalisten wegen Landesverrats ein. Erbost twitterten die Netzpolitik-Journalisten über diesen #landesverrat – und brachten damit eine Social Media Lawine ins Rollen.

Der Hashtag dominierte die sozialen Medien: Journalisten aus ganz Deutschland empörten sich über diesen Angriff auf die Pressefreiheit, Bürger waren erbost über die Überwachungstaktiken des Staates sowie über die Ermittlungen gegen die Journalisten, und etwa 2.000 Demonstranten gingen auf die Straße, um gegen die Vorgänge des Bundesgeneralanwaltes zu protestieren. Mit Erfolg. Die Proteste und der Aufschrei in den sozialen Netzwerken gingen auch an den Politikern nicht spurlos vorbei. Sie zogen die Konsequenzen und Bundesgeneralanwalt Harald Range wurde über die Affäre #landesverrat entlassen.

#Aufschrei: So wurde aus der “Frau mit dem Dirndl” eine Feminismusdebatte

“Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.” Als FDP-Politiker Rainer Brüderle diesen schicksalhaften Satz zur Stern-Journalistin Laura Himmelreich sagte, ahnte er wohl nicht, welche Geister er damit rief. Denn nach dieser sexistischen Aussage wehrte sich Laura Himmelreich, lautstark und vor allem medial. Sie schrieb nicht nur einen erbosten Artikel über den Sexismus des Politikers, unter dem #Aufschrei wurde aus dem Einzelfall ein breites Forum, das sich vor allem im Netz gegen Frauenfeindlichkeit in Deutschland aussprach.

Screenshot #Aufschrei 1

Plötzlich diskutierte ganz Deutschland in Talkshows, in der Kneipe oder auch am Abendbrottisch zu Hause über die Frage, wie frauenfeindlich Deutschland sei. Doch es blieb nicht nur bei der Diskussion on- und offline. Himmelreich gewann eine Grimmeauszeichnung für die Debatte, die sie angeregt hatte und der Hashtag wird auch heute noch für Diskussionen zum Thema “Feminismus” genutzt.

Screenshot #Aufschrei 2

Screenshot #Aufschrei 3

Hashtag Aktivismus: Das Rezept zum Erfolg

Diese Beispiele zeigen: Es ist die geschickte Verbindung der digitalen Welt mit der realen Welt, die eine Hashtag-Kampagne erfolgreich macht. Der Protest für den #landesverrat nutzte das Momentum des Hashtags und moblisierte Tausende von Demonstranten. Die physische Präsenz der protestierenden Menschen war es letztendlich, die großen Druck auf die Politik ausübte. Auch im Fall von #Aufschrei war es die stetige Präsenz von Laura Himmelreich in Talkshows und traditionellen Medien, die den Hashtag-Hype in eine relevante gesellschaftliche Debatte verwandelte.

Sichtbarkeit und mediale Präsenz – das ist auch der Weg zum Erfolg von #BlackLivesMatter oder #NomasSoldadoMicolta. Auch diese beiden Kampagnen gegen Rassismus nutzten die Gunst der Stunde, die ein Hashtag auslöste, und brachten Menschen in Protesten auf der Straße zusammen. BLM sowie #NomasSoldadoMicolta haben sich auch über den Hashtag hinaus konkrete Ziele gesetzt und organisieren sich wie ein klassische Bürgerbewegung, mit Hilfe der sozialen Medien, aber nicht nur.

Hinter BLM stehen etwa PR-Experten, Marketingkampagnen, politische Aktivisten und Bürgerrechtler. Auch die kolumbianische Organisation Chao Racismo, die die Proteste gegen Rassismus in Kolumbien angeregt hatte, arbeitet ebenfalls sehr viel offline. Chao Racismo reist durch das Land, organisiert Workshops und koordiniert Anti-Rassismus Aktionen mit lokalen Politikern. Derzeit werden auch Klagen gegen die Verletzung von Menschenrechten vor dem UN-Gericht geprüft.

Diese Kombination aus der viralen Verbreitung einer Botschaft online und der Mobilisierung von Menschen offline, scheint das wahre Erfolgsrezept für den Hashtag-Aktivismus zu sein. Ein Hashtag kann auf gesellschaftliche Missstände hinweisen und eine großflächige Diskussion entfachen. Doch wirklich erfolgreicher, nachhaltiger Hashtag-Aktivismus erfordert viel Arbeit und Durchhaltevermögen – nicht nur im Netz, sondern vor allem auch in der realen Welt.


Image “Hashtag” by irfanahmad1989 (CC0).


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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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