Wie die Eltern so die Kinder: Wird die Berufswahl vererbt?

Neulich auf Facebook: Das soziale Netzwerk begibt sich auf wissenschaftliche Pfade. In einer hauseigenen „Studie“ wirft Facebook die Frage auf, ob wir die gleichen Berufe ausüben wie unsere Eltern. Dazu hat Facebook anhand der angegebenen Daten von englischsprachigen Nutzern analysiert, die sowohl ihren Beruf als auch Beziehungen zu ihren Geschwistern und Eltern angegeben hatten.

Das Ergebnis: Auch wenn die meisten Kinder nicht den gleichen Berufsweg gehen wie ihre Eltern, ist es dennoch wahrscheinlicher, dass jemand Arzt wird, wenn ein Elternteil es auch ist als wenn niemand in der Familie als Mediziner arbeitet.

Facebook Berufswahl
Bild: Cluster

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Facebook-Studie natürlich nicht repräsentativ. Schließlich kann man beispielsweise nicht überprüfen, ob die angegebenen Berufe tatsächlich stimmen oder ob es sich innerhalb der untersuchten Familienkonstellationen um biologische oder adoptierte Kinder handelt. Dennoch wirft Facebook eine Frage auf, die Wissenschaftler schon sehr lange beschäftigt: Wer oder was beeinflusst unsere Berufswahl? Ist es die Kultur, in der wir aufwachsen? Sind es unsere Eltern, die uns beeinflussen? Oder ist unsere Berufswahl etwa genetisch beeinflusst? Die Antwort auf diese Fragen ist, um es mit einem Facebook-Beziehungsstatus auszudrücken, kompliziert.

Zunächst mal ist der Weg zur Berufswahl kein einheitlicher Prozess, sondern kann, je nach Blickweise, etwas ganz anderes bedeuten. Die Berufswahl kann:

  • ein Findungsprozess zwischen individuellen Interessen und Fähigkeiten und beruflichen Anforderungen sein
  • ein Kompromiss-Prozess sein
  • als das Ergebnis von Erwartungen und Werten betrachtet werden
  • als Selbstsozialisation gesehen werden
  • als lebenslange Selbstfindung beschrieben werden
  • das Ergebnis bestimmter Charaktereigenschaften sein
  • von bestimmten Genen beeinflusst werden

Je nachdem welcher Schule man angehört, hat man also auch eine andere Sichtweise auf den Prozess rund um die Berufswahl.

Der sozialwissenschaftliche Ansatz

Eltern spielen nach Meinung vieler Sozialwissenschaftler eine wichtige Rolle bei der Berufswahl der Kinder. So haben zum Beispiel Dirk Baier und Andreas Hadjar untersucht, inwiefern Leistungsorientierung von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Ihre These ist, dass Werte wie eben Leistungsorientierung hauptsächlich über die Erziehung und das Vorleben eben dieser Werte durch die Eltern an die Kinder weitergereicht werden. Ob und wie stark diese dann aber von den Kindern übernommen werden, entscheiden die Kinder selbst. Wenn die Eltern also vorleben, wie sehr sie ihren Beruf lieben oder wie wichtig es ist, zu arbeiten, geht das an den Kindern nicht spurlos vorbei und beeinflusst so auch indirekt ihre Berufswahl.

Wie genau dieser Einfluss wirkt, das hat Markus Neuenschwander genauer erforscht. Bei seinem Forschungsprojekt hat er untersucht, wie Eltern die Berufswahl ihrer Kinder beeinflussen. Er ist der Meinung, dass eine absolut freie und unvoreingenommene Berufswahl ein Irrglaube ist. Wir können nie ALLE Berufe kennen und wählen so aus den Karrierewegen, die uns bekannt sind und die uns als eine realistische Option erscheinen.

Wie viele Optionen uns dabei offen stehen und wie wir an diese Berufswahl herangehen, wird seiner Meinung nach tatsächlich stark vom Elternhaus beeinflusst. Je nachdem, wie stark Eltern Kinder fördern und ihnen die Wichtigkeit von schulischen Leistungen erklären und dies auch selbst vorleben, wirkt sich dies auf die Berufswahl der Kinder aus. Wenn die Eltern beispielsweise ihre Kinder ermutigen, in der Schule ihr Bestes zu geben, setzen sich die Kinder viel aktiver mit ihrer eigenen beruflichen Zukunft auseinander. Darüber hinaus ist es laut Neuenschwander auch so, dass Eltern den Berufswahlprozess mit Vorschlägen aktiv beeinflussen können.

Wählen deshalb Kinder automatisch die gleichen Berufe wie die Eltern? Sicher nicht! Dennoch orientieren sich Kindern natürlich zu einem gewissen Grad bei ihrer Berufswahl auch an dem, was ihre Eltern beruflich machen und an den Ratschlägen der Eltern.

Der psychologische Ansatz

Bei den psychologischen Studien zur Berufswahl stehen weniger die Eltern im Vordergrund, sondern der Einzelne, der einen bestimmten Beruf gewählt hat. Verschiedene Studien zeigen, wie gewisse Charaktereigenschaften die Berufswahl prägen. So haben beispielsweise Claudia Harzer und Willibald Ruch in ihrer Studie „The relationships of character strengths with coping, work-related stress, and job satisfaction“ einen Zusammenhang zwischen bestimmten Charakterzügen und der Jobzufriedenheit hergestellt. Wer als Mensch Eigenschaften wie Freundlichkeit, Ehrlichkeit und Beharrlichkeit mitbringt, ist meistens zufriedener im Beruf als andere Menschen. Dabei helfen uns ganz bestimmte Charaktereigenschaften auch dabei, mit dem Stress im Job besser umzugehen. In ihrer Studie haben Harzer und Ruch herausgefunden, dass Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, besser darin sind, sich von negativen Ereignissen abzulenken und auf das Positive zu fokussieren.

Das legt natürlich nahe, dass die Berufswahl stark von unserer Persönlichkeit abhängt. Neugierige, wissbegierige, extrovertierte Menschen sind wahrscheinlich eher Journalisten als Buchhalter. Genau so sind zielstrebige und risikobereite Menschen wohl öfter Unternehmer als Lehrer.

Der genetische Ansatz

Der genetische Ansatz geht wiederum von dem Standpunkt aus, dass ALLE unsere Charaktereigenschaften vererbbar sind. Wenn wir also davon ausgehen, dass wir so sind, wie wir sind, weil unsere Eltern und Großeltern uns dies zum Teil vererbt haben, dann sind auch die Charaktereigenschaften, die uns zu einer bestimmten Berufswahl treiben, genetisch bedingt. Das zumindest behauptet ein Team um den Forscher Zhaoli Song. Sie sagen, dass vor allem zwei genetische Marker darüber entscheiden, ob wir in unseren Jobs glücklich sind oder nicht: Dopamin DRD4 und Serotonin 5-HT. Sie haben untersucht, wie diese beiden Marker sich auf unsere Zufriedenheit im Beruf auswirken. Ihr Ergebnis: Es gibt tatsächlich Hinweise darauf, dass die genetische Veranlagung dieser beiden sich stark darauf auswirkt, ob wir in unserem Beruf glücklich sind oder eben nicht.

Das Forscherteam geht sogar noch einen Schritt weiter. Sie behaupten, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass die Gene, die wir vererbt bekommen, eine entscheidende Rolle bei unserer Berufswahl spielen. Andere Studien scheinen dies zu bestätigen. So haben Forscher herausgefunden, dass die Berufswahl von biologischen Kindern viel öfter den Berufen der Eltern ähneln als bei Adoptivkindern. Es ist also durchaus etwas dran an der These, dass unsere Berufswahl teilweise vererbt wird.

Dass die Gene generell einen großen Einfluss auf unseren Berufsweg haben, scheint immer besser bewiesen zu sein. So zeigen Studien, dass attraktive Menschen im Schnitt 12% mehr verdienen als ihre nicht so attraktiven Kollegen und Menschen, die größer sind als der Durchschnitt, öfter in Führungspositionen befördert werden als kleinere Menschen.

Nature vs. Nurture – oder doch alles zusammen?

Wenn man all diese Ansätze betrachtet, scheint an jeder Theorie etwas dran zu sein. Das Aufwachsen im Elternhaus beeinflusst unsere Berufswahl genauso wie unsere Persönlichkeit oder bestimmte genetische Faktoren. Wahrscheinlich ist es aber nicht nur ein einziger Faktor, sondern eine Mischung aus all diesen Aspekten, die unsere Berufswahl letztlich beeinflussen.


Image „Builder“ by skeeze [CC0]


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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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